Rudyard Kipling
Lange Latte & Genossen
Rudyard Kipling

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IX.

Die Sklaven der Lampe. II.

Infant, derselbe, der dem Schriftsteller Eustachius Cleaver die Geschichte von der Gefangennahme Boh Na Ghees erzählte,Kipling, Many Inventions. erbte eine stattliche Baronie mit unermeßlichen Einkünften, quittierte den Dienst und wurde Landmann, während seine Mutter bei ihm Wache hielt, daß er auch das richtige Mädchen zur Frau nähme. Seiner neuen Stellung fremd, stellte er den Freiwilligen des Bezirks einen richtigen großen Schießplatz für ihre Magazinflinten zur Verfügung, und die umwohnenden Familien, die in weltfremder Abgeschiedenheit mitten von Wäldern voll Fasanen hausten, sahen ihn für verrückt an. Der Lärm vom Schießen erschreckte ihr Federvieh, und der Infant galt als ausgestoßen aus der vornehmen und anständigen Gesellschaft, für so lange, bis eine Tochter des Landes ihn wieder auf richtige Gedanken gebracht hätte. Er nahm seine Rache, indem er sein Haus mit auserlesenen Scharen alter Schulkameraden füllte, die auf Urlaub in der Heimat waren – Wölfe im Schafspelz, die sich die radfahrenden Töchter der umwohnenden Familien nur von weitem ansehen durften. Aus Infants Einladungen konnte ich ersehen, wenn ein Truppenschiff eingelaufen war. Manchmal führte er alte Freunde gleicher Anciennität andern vor, jungen, errötenden Riesen, die ich als kleine Füchse ganz unten in Unterquinta verlassen hatte; und diesen erklärten Infant und die andern alle Pflichten eines Mannes in der Armee.

»Ich habe den Dienst schießen lassen,« sagte der Infant, »aber das ist kein Grund, warum meine unermeßlichen Vorräte an Erfahrung der Nachwelt verloren gehen sollten.« Er war gerade dreißig Jahre, und im selben Jahre rief mich ein gebieterisches Telegramm auf sein Baronschloß: »Famose Gesellschaft bekommen. Komm' her!«

Es war wirklich eine ungewöhnlich famose Gesellschaft, ganz besonders für mich ausgesucht. Da war ein bartloser, zusammengebrochener Kapitän der Eingeboreneninfanterie, der hinter einer unbezähmbar roten Nase vor Fieber zitterte – und Kapitän Dickson genannt wurde. Da war ein zweiter Kapitän, ebenfalls von der Eingeboreneninfanterie, der einen schönen Schnurrbart hatte; sein Gesicht war weiß wie Glas, und seine Hände zart, aber er antwortete vergnügt, wenn man ihn »Tertius« anrief. Da war ein enorm dicker und wohlkonservierter Mann, der augenscheinlich seit Jahren nicht im Felde gelegen hatte, glatt rasiert, mit sanfter Stimme und schmiegsam wie eine Katze, aber immer noch Abanazar, trotzdem er eine Zierde des Verwaltungsdienstes Indiens geworden war. Und da war auch noch ein magerer Irländer, dem die Sonne des Telegraphendepartements das Gesicht blauschwarz gegerbt hatte. Glücklicherweise schlossen die friesverschlagenen Türen im Junggesellenflügel dicht, denn wir zogen uns gemeinschaftlich auf dem Korridor oder in eines andern Zimmer an, schwatzend, rufend, schreiend und zuweilen paarweise zu Dick Viers eigen erfundenen Gesängen walzend.

Wir hatten sechzehn Jahre mannigfacher Arbeit voreinander auszukramen, und da wir einander in dem raschen Szenenwechsel Indiens von Zeit zu Zeit getroffen hatten – bei einem Diner oder im Lager hier oder beim Wettrennen dort, auf einer Post- oder Eisenbahnstation irgendwo im Lande – hatten wir nie ganz die Fühlung verloren. Der Infant saß auf dem Sims und trank hungrig und neidisch alles in sich hinein. Er erfreute sich an seinem Besitztum, aber sein Herz bangte nach den alten Tagen.

Es war ein vergnügtes Babel, in dem persönliche und Provinz- und Reichsangelegenheiten, allerlei von alten Aufruflisten und neuen Plänen behandelt wurde, bis der Lärm eines Birma-Gongs alles das kurz abschnitt. Dann gingen wir nicht weniger als eine Viertelmeile Treppen hinunter zu Infants Mutter, die uns alle in unserer Schulzeit gekannt hatte und uns begrüßte, als ob diese erst seit einer Woche vorüber wäre. Aber es war doch schon fünfzehn Jahre her, seit sie mir einmal mit Tränen des Lachens eine graue Prinzeßschürze für Liebhaberzwecke geborgt hatte.

Ein Diner aus Tausendundeiner Nacht wurde in einer achtzig Fuß langen Halle aufgetragen, voll von Ahnenbildern und Töpfen mit blühenden Rosen, und, was am meisten Eindruck machte, mit Dampfheizung versehen. Wenn es zu Ende und die kleine Mutter fortgegangen war (»Ihr Jungen wollt plaudern, und deshalb will ich euch jetzt Gutenacht sagen«), versammelten wir uns um ein Feuer von Apfelbaumholz, das unter einem zehn Fuß hohen Sims in einem gewaltigen Kamin mit poliertem Stahlrost brannte. Der Infant traktierte uns dann mit merkwürdigen Likören und jener Sorte Zigaretten, die es am geeignetsten erscheinen läßt, die eigene Pfeife hervorzuholen.

»O Gott!« grunzte Dick Vier von einem Sofa, wo man ihn in eine Decke gewickelt hingepackt hatte. »Das erstemal, daß mir warm ist, seit ich zu Hause bin.«

Wir waren alle dicht ans Feuer gerückt, bis auf den Infanten, der lange genug zu Hause gewesen war, sich Bewegung zu machen, wenn ihn fror. Das ist eine scheußliche Sache, aber sehr beliebt bei den Engländern auf der heimatlichen Insel.

»Wenn du ein Wort von kalten Wannen oder erfrischenden Spaziergängen sprichst,« brachte M'Turk schleppend hervor, »schlage ich dich tot, Infant. Ich hab' auch noch eine kranke Leber, wißt ihr noch, wie wir es für einen Hochgenuß hielten, Sonntag morgens im Sommer, wenn das Thermometer 57 GradFahrenheit. zeigte, aus den Betten zu steigen und bei den Klippen zu baden? Hu!«

»Was ich nicht verstehen kann,« meinte Tertius, »ist, wie wir Jungen es fertigbrachten, in die Baderäume hinunterzugehn, uns ganz rot zu kochen und dann, alle Poren offen, in einen frischen Schneesturm oder bittern Frost hinauszukommen. Und doch ist, soviel ich mich erinnere, keiner von uns gestorben.«

»Da wir gerade von Bädern sprechen,« sagte M'Turk mit einem kurzen Lachen, »besinnst du dich noch auf unser Bad in Nummer fünf, Käfer, den Abend, als Karnickelei nach King mit Steinen warf? Was würd' ich nicht drum geben, wenn ich jetzt unsern alten Latte sehen könnte! Er ist der einzige aus den beiden Arbeitszimmern, der nicht hier ist.«

»Latte ist der große Mann seines Jahrhunderts«, sagte Dick Vier.

»Woher weißt du das?« fragte ich.

»Woher ich das weiß?« entgegnete Dick Vier höhnisch, »wenn du einmal mit Latte zusammen in 'ner Klemme gewesen bist, würdest du nicht fragen.«

»Ich habe ihn seit dem Lager bei Pindi im Jahre 87 nicht mehr geseh'n«, sagte ich. »Er fing damals an, stark zu werden – gegen sieben Fuß groß und vier Fuß breit.«

»Der findet sich überall durch. Höllisch schlau!« bemerkte Tertius, drehte seinen Schnurrbart und starrte ins Feuer.

»War verflucht nahe daran, vor ein Kriegsgericht gestellt und verabschiedet zu werden – 84 in Aegypten«, warf der Infant aus freien Stücken ein. »Ich ging mit ihm in demselben Truppenschiff fort – ebenso unerfahren wie er. Bloß ich zeigte es, und Latte nicht.«

»Was gab es denn?« fragte M'Turk und bog sich abwesend vor, um meine Binde zurechtzuschieben.

»Oh, nichts. Sein Oberst hatte ihn damit beauftragt, mit zwanzig TommysTommy (Atkins) ist der Spitzname der englischen Soldaten. Kamele zu baden oder irgend so etwas, außen vor Suakin, und Latte bekam fünf Meilen weiter im Innern mit Krausköpfen zu tun. Er brachte einen meisterhaften Rückzug zustande und streckte noch acht von den Kerls in den Sand. Er wußte recht wohl, daß er nicht so weit hinausgehen durfte; deshalb ergriff er die Initiative und beklagte sich in einem Brief an seinen Obersten, der vor Wut schäumte, über die geringe Unterstützung, die ihm für seine Operationen zuteil wurde. Gott, ein fetter Brigadier schimpfte auf den andern. Dann kam er zum Generalstab.«

»Das ist – ganz und gar – Latte«, bemerkte Abanazar von seinem Armstuhl.

»Du hast auch mit ihm zu tun gehabt?« fragte ich.

»O ja«, antwortete er in seinen sanftesten Tönen. »Ich kam auch zum Schluß drin vor in dem – in dem Epos. Wißt ihr nichts davon?«

Wir wußten nichts davon – der Infant, M'Turk und ich, und wir baten sehr höflich um nähere Angaben.

»'s war nichts Besonderes«, sagte Tertius. »vor ein paar Jahren gerieten wir oben in den Khy-Kheen-Bergen in eine schlimme Geschichte, und Latte brachte uns durch. Das ist alles.«

M'Turk schaute auf Tertius mit all der Verachtung eines Irländers für den mundfaulen Sachsen.

»Himmel!« sagte er. »Und du und solche Leute wie du regieren Irland. Tertius, schämst du dich nicht?«

»Na, ich kann kein Garn spinnen. Ich kann nur einfallen, wenn ein anderer mit der Geschichte anfängt. Frag' ihn!« Er deutete auf Dick Vier, dessen Nase höhnisch über der Decke glühte.

»Ich wußte ja, du würdest nicht erzählen«, meinte Dick Vier. »Gebt mir einen Whisky mit Soda. Ich habe Zitronenlimonade und Chinin mit Salmiak getrunken, während ihr Kunden euch in Champagner badetet, und mein Kopf brummt wie ein Brummkreisel.«

Er strich sich seinen zerfaserten Schnurrbart zurück, trank und begann dann, während ihm die Zähne im Schädel klappten:

»Ihr wißt von der Expedition gegen die Khye-Kheens und die Malôts, als wir ihnen die Seele aus dem Leibe jagten mit einer Truppenmacht, gegen die sie überhaupt nicht zu kämpfen wagten. Na, beide Stämme – es bestand ein Bündnis gegen uns – gaben nach, ohne einen Schuß abzugeben, und eine Bande haariger Schurken, die nicht mehr Gewalt über ihre Leute hatten als ich, versprachen und gelobten alles Mögliche. Auf diese ganz schwache Unterlage hin, lieber Pussy –«

»Ich war in Simla«, warf Abanazar hastig ein.

»Ganz egal, Du wirst mit derselben Bürste gestriegelt. Kraft dieser Groschen- und Pfennigverträge erklärt ihr Esel von Politikern das Land für pazifiziert, und die Regierung, dämlich wie gewöhnlich, fing an, Wege zu bauen – wobei sie sich auf Unterstützung von den Anwohnern verließ. Besinnst du dich noch darauf, Pussy? Ein Teil von uns, die während des Feldzugs keinen rechten Einblick gehabt hatten, waren begierig, wieder nach Indien zurückzukommen. Ich selbst sorgte – summo ingenio – dafür, daß ich das Kommando einer Wegbau-Patrouille bekam. Ich brauchte nicht beim Schaufeln dabei zu sein, sondern marschierte bloß fein mit einer Wache auf und ab. Soweit es ging, hatte man alle Truppen zurückgezogen; aber ich suchte mir vierzig Pathans (Afghanen) aus meinem Regiment aus, meistens Rekruten, und hielt mich dicht am Quartier auf, während die Bauabteilungen an die Arbeit gingen, wie die Pläne der Regierung sie ihnen vorschrieben.«

»Es gab damals so allerlei liederlichen Singsang im Lager«, sagte Tertius.

»Mein Adjutant« – das berichtete Dick Vier seinen Untergebenen – »war ein frommes kleines Biest. Er konnte den Singsang nicht leiden und ging fort mit Lungenentzündung. Ich durchwühlte das ganze Lager und fand schließlich Tertius, der als D.A.Q.M.G.Deputy-Assistent-Quarter-Master-General. herumschwatzte, wozu er, weiß Gott, doch wirklich nicht gemacht ist. Es waren sechs oder acht vom alten Institut im Quartier (wir waren immer in ziemlicher Stärke für den Fall von Grenzzwistigkeiten), aber ich hatte von Tertius als einem tüchtigen, brauchbaren Kerl gehört, und so sagte ich ihm, er sollte seine D.A.Q.M.G.-Hosen ausziehen und mir behilflich sein. Tertius war gleich bereit, wir brachten es mit den maßgebenden Stellen in Ordnung, und dann zogen wir aus – vierzig Pathans, Tertius und ich – und bewachten die Bauabteilungen Macnamaras – besinnt ihr euch noch auf den alten Mac, den Mineningenieur, der in Umballa so verteufelt die Fiedel spielte? – Macs Trupp war der letzte bis auf einen. Der letzte war Lattes. Er war ganz oben auf dem Wege mit ein paar von seinen geliebten Sikhs. Mac sagte, er glaube, es wäre bei ihm alles in Ordnung.«

»Latte ist ein Sikh«, warf Tertius ein. »Er nimmt seine Leute nach Amritzar zum Gebet zum Durbar Sahib, regelmäßig wie ein Uhrwerk, wenn es irgend geht.«

»Unterbrich mich nicht, Tertius. Ich war schon über vierzig Meilen von Mac fort, ehe ich ihn fand, und meine Leute erklärten höflich, aber bestimmt, daß sich ein Aufstand in der Gegend vorbereite, was für eine Sorte von Gegend, Käfer? Na, ich kann nicht mit Worten malen, Gott sei Dank, aber du würdest sie eine höllische Gegend nennen. Wenn wir nicht bis zum Halse im Schnee steckten, rutschten wir die Abhänge herab. Die gutgesinnten Anwohner, die uns beim Wegebau unterstützen sollten (vergiß das nicht, lieber Pussy), saßen hinter Felsblöcken und feuerten aus ihrem Hinterhalt auf uns. Alte, alte Geschichte! Wir liefen herum und suchten Latte. Ich hatte eine Ahnung, daß er irgendwo in guter Deckung sitzen würde, und gegen Abend fanden wir ihn und seine Abteilung, so behaglich wie Wanzen in einer Bettdecke, in einem alten steinernen Fort der Malôts, mit einem Wachtturm an einer Ecke. Es lag über dem Wege, den sie fünfzig Fuß tiefer aus dem Gestein ausgesprengt hatten, und jenseits des Weges ging es ganz steil hinunter, etwa fünf- oder sechshundert Fuß, in eine Schlucht, die gegen eine halbe Meile breit und zwei bis drei Meilen lang war. Auf der andern Seite der Schlucht befand sich Gesindel und suchte höchstwahrscheinlich unsere Schußweite zu ermitteln. Ich hämmerte an das Tor, schlüpfte hinein und stolperte beinahe über Latte, der in einem grauen, blutigen, alten Mantel mit seinen Leuten auf dem Boden hockte und aß. Ich hatte ihn drei Monate vorher auf eine halbe Minute gesehen, aber er tat, als hätten wir uns erst gestern getroffen. Er winkte ganz vergnügt mit der Hand.

»Hallo, Aladdin! Hallo, Kaiser!« sagte er. »Ihr kommt gerade zu rechter Zeit für den Spaß.«

Ich sah, daß seine Sikhs etwas mitgenommen aussahen.

»Wo ist dein Kommando? Wo ist dein Adjutant?« fragte ich.

»Hier – dies ist alles, was davon übrig ist«, sagte Latte, »wenn du was vom jungen Everett haben willst – der ist tot, und sein Leichnam liegt im Wachtturm. Sie überfielen unsere Wegbauabteilung vorige Woche und haben ihn und sieben Mann erschossen. Seit fünf Tagen werden wir hier belagert. Scheint mir, du bist in eine erstklassige Falle hineinspaziert.« Er grinste, aber weder Tertius noch ich konnten einsehen, wo da, zum Teufel, der Spaß war. Wir hatten gar keine Lebensmittel für unsere Leute, und Latte hatte nur für vier Tage Rationen für die seinigen. Das kam davon, sich auf euch Eselsköpfe von Politikern zu verlassen, lieber Pussy, die uns erzählt hatten, die Bewohner wären freundlich gesinnt.

Um es uns vollkommen behaglich zu machen, führte Latte uns nach dem Wachtturm hinauf und zeigte uns des armen Everett Körper. Er lag auf einer zusammengeschaufelten Lage Schnee und sah wie ein Mädchen von fünfzehn Jahren aus – nicht ein Haar war auf des kleinen Burschen Gesicht. Er war durch die Schläfe geschossen worden, aber die Malôts hatten ihr Zeichen an ihm hinterlassen. Latte knöpfte den Rock auf und zeigte es uns – ein merkwürdiger, sichelförmiger Schnitt auf der Brust. Weißt du noch, wie der Schnee ganz weiß auf seinen Augenbrauen lag, Tertius? Weißt du noch, wie Latte die Lampe hob und es aussah, als ob er lebte?«

»Ja«, sagte Tertius zusammenschauernd. »Besinnst du dich auch noch auf Lattes gräßliche Miene mit den aufgeblasenen Nüstern, wie er schon früher aussah, wenn er einen Fuchs anschnauzte? Das war ein reizender Abend!«

»Wir hielten einen Kriegsrat ab, dort oben bei Everetts Leiche. Latte sagte, die Malôts und die Khye-Kheens hätten sich zusammen erhoben; sie hätten ihre alten Blutfehden begraben, um sich gegen uns zu wenden. Die Runden, die wir auf der andern Seite der Schlucht gesehen hatten, waren Khye-Kheens. Es lag zwischen uns und ihnen etwa eine halbe Meile Luftlinie, und sie hatten sich unter dem Bergabhang eine Reihe von Schlupfwinkeln gemacht, um darin zu schlafen und uns auszuhungern. Die Malôts, sagte er, lagerten alle zusammen vor unserer Front, hinter dem Fort hatten sie keine gute Deckung, sonst wären sie auch dort gewesen. Latte scherte sich um die Malôts nicht halb so viel wie um die Khye-Kheens. Er sagte, die Malôts wären verräterische Schurken. Was ich nicht verstehen konnte, war, warum in aller Welt die beiden Trupps sich nicht vereinigten und einen Sturm auf uns unternahmen. Es müssen wenigstens fünfhundert von ihnen gewesen sein. Latte sagte, daß die einen den andern nicht recht trauten, denn zu Hause waren sie Erbfeinde. Und das einzige Mal, daß sie einen Sturm versucht hatten, hatte er ein paar Sprengladungen unter sie geworfen, und das hatte ihnen ein bißchen die Luft benommen.

Es war dunkel, als wir fertig waren, und Latte, immer gelassen, sagte: »Jetzt hast du das Kommando. Ich setze voraus, du kümmerst dich nicht um meine Maßregeln, die ich für notwendig halte, um das Fort neu zu verproviantieren.« Ich sagte: »Selbstverständlich nicht!« und blies dann die Lampe aus. Dann kletterten Tertius und ich wieder die Stufen vom Turm herunter (wir hatten keine Lust, bei Everett zu bleiben) und gingen zu unsern Leuten zurück. Latte war verschwunden – um die Vorräte zu zählen, glaubte ich. Auf alle Fälle blieben Tertius und ich für den Fall eines Angriffs auf (sie schossen ganz hübsch auf uns, wißt ihr!) und lösten einander bis zum Morgen ab.

Der Morgen kam, aber kein Latte. Kein einziges Zeichen von ihm. Ich hielt mit dem ältesten eingeborenen Offizier Rat – einem großen, alten Burschen mit weißem Backenbart, Rutton Singh, aus Dschullundhar. Er grinste bloß und sagte, es wäre alles in Ordnung. Wie er sagte, war Latte schon zweimal vorher außerhalb des Forts gewesen, da oder dort, irgendwo. Er sagte, Latte würde unzerhauen wieder zurückkommen, und gab mir zu verstehen, daß Latte so eine Art von unverwundlichem »guru« (geistlicher Lehrer) wäre. Trotzdem setzte ich die ganze Mannschaft auf halbe Rationen und ließ sie Schießscharten ausbrechen.

Gegen Mittag wütete ein ungeheurer Schneesturm, und der Feind hörte mit Feuern auf. Wir erwiderten nur behutsam, denn wir waren schrecklich knapp an Munition. Ich glaube, wir haben kaum fünf Schüsse in der Stunde abgegeben, aber meistens trafen wir unsern Mann. Na, als ich gerade mit Rutton Singh sprach, sah ich Latte vom Wachtturm herunterkommen, ziemlich geschwollen um die Augen, sein Mantel mit blutfarbigem Eis bedeckt.

»Man kann sich auf solchen Schneesturm nicht verlassen«, sagte er. »Drückt euch schnell 'raus und klaubt zusammen, was ihr kriegen könnt. Es ist gerade jetzt eine ziemliche Reibung zwischen den Khye-Kheens und den Malôts.«

Ich schickte Tertius mit zwanzig Pathans hinaus, und sie suchten eine Weile draußen im Schnee herum, bis sie nach ungefähr achthundert Yards Wegs an eine Art von Lager kamen, mit einem einzigen Mann als Posten und einem halben Dutzend Schafe am Feuer. Sie taten den Mann ab, holten sich die Schafe und so viel Korn, als sie tragen konnten, und kamen zurück. Kein einziger Schuß wurde auf sie abgegeben. Es schien überhaupt niemand in der Nähe zu sein, aber der Schnee fiel recht hübsch dick hernieder.

»Das ist genug«, sagte Latte, als wir unser Essen fertig hatten und er an einem Stück Hammelfleisch kaute, das auf einem Putzstab geröstet war. »Es hat gar keinen Zweck, Mannschaften aufs Spiel zu setzen. Oben am Ende der Schlucht halten die Khye-Kheens und die Malôts jetzt eine Art Palaver ab. Ich finde nicht, daß diese sogenannten Koalitionen viel Gutes haben.«

Wißt ihr, was der verrückte Kerl getan hatte? Tertius und ich holten es bruchstückweise aus ihm heraus. Unter dem Wachtturm befand sich ein Kellerraum für Getreide, und als er den Weg aussprengte, hatte Latte ein Loch durch dessen Mauer gebrochen. Da er nun eben Latte war, hatte er dies Loch für seine eigenen Zwecke offen gehalten und des armen Everett Leichnam genau über den Eingang zu der Treppe gelegt, die vom Wachtturm hinunterführte. Er hatte den Körper jedesmal, wenn er den Durchgang benutzte, von der Stelle schieben und wieder zurücklegen müssen. Die Sikhs waren natürlich dem Platz überhaupt nicht nahe gekommen. Na, er war durch dieses Loch herausgeraten und auf den Weg gelangt. Dann, in der Nacht und dem heulenden Schneesturm, war er über den Abhang und dann bis auf den Boden der Schlucht geklettert, hatte den Bach, der halb gefroren war, durchwatet, war auf der andern Seite auf einem Pfade, den er entdeckt hatte, emporgeklommen und an der rechten Flanke der Khye-Kheens herausgekommen. Er war dann – paßt nur auf! – über eine Hügelkette geklettert, an der sie lagerten, war eine halbe Meile hinter derselben hingegangen und an der linken Seite ihrer Linie herausgekommen, wo die Schlucht schmäler wurde und sich ein regelrechter Weg zwischen dem Lager der Khye-Kheens und dem der Malôts befand. Das war ungefähr um zwei Uhr morgens, und da passierte es, daß ihn jemand bemerkte – ein Khye-Kheen. Latte tat ihn ab und ließ ihn liegen – mit dem Zeichen der Malôts auf der Brust, wie es Everett hatte.

»Ich war so ökonomisch, wie ich irgend sein konnte«, sagte Latte zu uns. »Wenn ich gerufen hätte, wäre ich totgeschlagen worden. Ich hab' so etwas erst einmal tun müssen, und das war das erstemal, daß ich jenen Weg versuchte. Er ist für Infanterie vollkommen passierbar, wißt ihr.«

»Was ist das mit dem ersten Mann?« fragte ich.

»Oh, das war in der Nacht, nachdem Everett getötet war, und ich war herausgegangen, um einen Rückzug für meine Leute zu suchen. Ein Mann entdeckte mich. Ich tat ihn ab – privatim – erwürgte ihn. Aber als ich's mir überlegte, kam mir der Gedanke, wenn ich den Körper wiederfände (ich hatte ihn hinter ein paar Felsblöcken verborgen), könnte ich ihn mit dem Zeichen der Malôts dekorieren und für die Khye-Kheens liegen lassen, damit sie ihre Schlüsse zögen. Ich ging also in der nächsten Nacht wieder hinaus und machte es. Die Khye-Kheens sind empört über die Malôts, daß sie diese beiden Gewalttätigkeiten so feige verübt haben, nachdem sie geschworen, alle Blutfehden ruhen zu lassen. Ich lag heute früh hinter ihrem Lager und beobachtete sie. Sie gingen alle nach dem Ende der Schlucht, um die Sache zu besprechen. Sie sind ganz schrecklich aufgeregt. Kein Wunder.« – Ihr wißt, wie Latte die Worte herausfallen läßt, eins nach dem andern.«

»Mein Gott!« stieß der Infant explosiv hervor, als ihm die ganze Tiefe der Strategie dämmerte.

»Lieber Mensch!« sagte M'Turk mit entzücktem Schnurren.

»Latte war eben auf Schleichwegen«, bemerkte Tertius. »Das ist die ganze Geschichte.«

»Nein, das war's nicht«, sagte Dick Vier. »Besinnst du dich noch darauf, wie er dabei blieb, er hätte bloß sein Glück versucht? Besinnst du dich noch darauf, wie Rutton Singh sich seine Stiefel langte und in den Schnee kroch, und wie unsere Leute schrien?«

»Keiner von unsern Pathans glaubte, daß es Glück war«, sagte Tertius. »Sie schworen, Latte hätte als Pathan geboren sein müssen, und – weißt du noch, wie es beinahe Spektakel im Fort gab, als Rutton Singh sagte, Latte wäre ein Sikh? Gott, wie wütend der alte Bursche auf meinen Pathan Jemadar (eingeborener Leutnant) war. Aber Latte hob bloß den Finger, und sie hielten den Mund.

Der alte Rutton Singh hatte sein Schwert halb herausgezogen und schwor, er würde jeden Khye-Kheen und Malôt verbrennen, den er totschlüge. Das machte den Jemadar ganz wild; er machte sich nichts daraus, gegen Glaubensgenossen zu kämpfen, aber er wollte doch keinem muselmännischen Genossen seine Chancen auf das Paradies verderben. Dann quatschte Latte abwechselnd Pushtu- und Pandschab-Dialekt. Wo, zum Teufel, hat er sein Pushtu aufgeschnappt, Käfer?«

»Laß' seine Sprachkenntnisse sein«, entgegnete ich. »Erzähle uns die Hauptsachen.«

»Ich schmeichle mir, daß ich, wenn's not tut, einen verschlagenen Pathan anreden kann, aber, zum Henker, ich kann keine Wortspiele in Pushtu machen oder meine Argumente mit einer pikanten Geschichte schließen, wie er's machte. Er konnte auf diesen beiden alten Kriegshunden wie auf einer Ziehharmonika spielen. Latte behauptete – und die beiden andern gaben ihm in seiner Beurteilung des orientalischen Charakters recht – daß die Khye-Kheens und die Malôts in der Nacht einen gemeinsamen Angriff auf uns unternehmen würden, um ihre Treue zu erproben. Sie würden aber nicht alle Kräfte dabei einsetzen, denn keiner würde dem andern trauen, wegen jener kleinen Zwischenfälle, wie Rutton Singh es nannte. Lattes Idee war, bei Dunkelwerden mit seinen Sikhs hinauszuschleichen, sie auf jenem gottlosen Ziegenpfad, den er entdeckt hatte, hinter die Position der Khye-Kheens zu führen, und dann mit ein paar ordentlichen Schüssen auf die Malôts zu feuern, wenn der Angriff in vollem Gange wäre. »Das wird ihnen die Köpfe verwirren und sie noch mehr aufregen«, meinte er. »Dann kommt ihr Burschen heraus und fegt die Stücke zusammen, und am Ende der Schlucht geben wir uns ein Rendezvous. Und dann, denk' ich, machen wir, daß wir nach Macs Lager zurückkommen und etwas zu essen kriegen.«

»Hattest du nicht das Kommando?« meinte der Infant.

»Ich war etwa drei Monate älter als Latte, und Tertius zwei Monate«, erwiderte Dick Vier. »Aber wir waren ja alle von demselben alten Institut. Ich möchte sagen, unsere Angelegenheiten waren so ziemlich die einzigen, wo nicht einer auf den andern eifersüchtig war.«

»Wir waren's nicht,« fiel Tertius ein, »aber zwischen Gul Sher Khan und Rutton Singh gab es Streit. Unser Jamadar sagte – er hatte ganz recht – daß kein Sikh in der Welt schleichen könnte, den Teufel auch, und daß Koran Sahib besser täte, die Pathans mitzunehmen, die diese Art von Gebirgskletterei verständen. Rutton Singh dagegen sagte, Koran Sahib wüßte ganz gut, daß jeder Pathan ein geborener Deserteur wäre, und jeder Sikh wäre ein Gentleman, selbst wenn er auch nicht auf dem Bauche kriechen könnte. Latte fiel mit irgendeinem Weibersprichwort oder so etwas ein, das beide Männer mit einem Grinsen zusammenklappen ließ. Er sagte, die Sikhs und die Pathans könnten sich mit ihren Ansprüchen auf die Khye-Rheens und die Malôts später auseinandersetzen, aber er wollte seine Sikhs auf diese spaßhafte Kletterpartie mitnehmen, denn die Sikhs verstünden zu schießen. Das können sie auch. Gebt jedem von ihnen eine Ladung Munition, und sie sind vollkommen glücklich.«

»Und dann machte er, daß er hinauskam«, sagte Dick Vier. »Sobald es dunkel wurde und er sich ein wenig aufs Ohr gelegt hatte, gingen er und dreißig Sikhs die Treppe in den Turm hinunter, und jeder Sohn seiner Mutter salutierte vor des kleinen Everett Leiche, die aufrecht gegen die Wand gelehnt war: »Kubbadar! tumbleinga!« (gebt acht, daß ihr nicht fallt), und sie tumbleingaten über irgend etwas. Genau um 9 Uhr abends begann der vereinte Angriff, Khye-Kheens jenseits des Tales und Malôts vor unserer Front; sie schossen auf weite Entfernung und schrien einander zu, näher zu gehen und uns unsere ungläubigen Kehlen durchzuschneiden. Dann drängten sie an das Tor heran und begannen das alte Spiel, die Pathans Renegaten zu schimpfen und sie aufzufordern, auch den heiligen Krieg mitzumachen. Einer von unsern Leuten, ein junger Bursche von Dera Ismail, sprang auf die Mauer, um zurück zu schimpfen, und fiel wieder herunter, heulend wie ein Kind. Er war gerade in die Mitte der Hand getroffen worden. Hab' bis jetzt noch nie einen Mann geseh'n, der eine Wunde mitten in der Hand aushalten konnte, ohne bitterlich zu weinen. Es stachelt alle Nerven auf. So nahm Tertius seine Flinte und schlug den andern gegen die Köpfe, damit sie sich an ihren Schießlöchern ruhig verhielten. Die lieben Kinder wollten durchaus das Tor aufmachen und gründlich auf sie losgehn, aber das paßte uns nicht in unsern Kram.

Schließlich, kurz vor Mitternacht, hörte ich das wop, wop, wop von Lattes Martinis auf der andern Seite des Tales und ziemliches Fluchen unter den Malôts, deren Haupttrupp vor uns durch eine Senkung in der Hügelkette verborgen war, Latte bräunte sie recht heftig, und natürlich schwenkten sie halb rechts und fingen an auf ihre treulosen Verbündeten, die Khye-Kheens, zu feuern – richtiges Rottenfeuer. In weniger als zehn Minuten, nachdem Latte die Spaltung eingeleitet hatte, gab es schon den gewaltigsten Lärm auf beiden Seiten des Tales. Als wir schließlich sehen konnten, ging es im Tal drunter und drüber. Die Khye-Kheens waren aus ihren Schlupfwinkeln jenseits der Schlucht hervorgeströmt, um Rache an den Malôts zu nehmen, und Latte – ich beobachtete ihn durch mein Glas – hatte sich hinter ihnen hergemacht, sehr gut. Die Khye-Kheens mußten die Hügelkette entlanglaufen, bis dorthin, wo der Bach in der Schlucht seicht war und sie zu den Malôts hinüber konnten, die sich schrecklich freuten, die Khye-Kheens in ihrer Nachhut angegriffen zu sehen.

Dann kam mir der Gedanke, den Khye-Kheens ein wenig Trost zu bringen. So nahm ich die ganze Truppe hinaus, und wir rückten vor, à la part de charge und verprügelten das, was wir – der Deutlichkeit halber – den linken Flügel der Malôts nennen wollen, selbst dann noch hätten sie uns, wenn sie ihre Streitigkeiten hätten ruhen lassen, lebendig auffressen können, aber sie hatten die halbe Nacht aufeinander gefeuert, und sie schossen weiter. Die tollste Sache, die ihr euer Lebtag geseh'n habt, sobald unsere Leute die Malôts vornahmen, feuerten diese noch eifriger als je auf die Khye-Kheens, um zu zeigen, daß sie auf unserer Seite wären, rannten ein paar hundert Schritte das Tal hinauf und machten halt, um weiter zu feuern. Sobald Latte unser Spiel erkannte, verdoppelte er es auf seiner Seite der Schlucht, und, wahrhaftig, die Khye-Kheens machten es genau ebenso.«

»Ja, aber du hast vergessen,« fügte Tertius hinzu, »zu erzählen, wie er auf dem Horn spielte: ›Hurra, Patsy, sorg' für's Baby‹, um uns anzufeuern.«

»Tat er das?« brüllte M'Turk. Es gab eine Unterbrechung, denn wir alle fingen an, es zu singen.

»Ein wenig«, antwortete Tertius, als wir ruhig waren. Kein einziger von der Aladdintruppe konnte die Melodie vergessen. »Ja, er spielte ›Patsy‹. Weiter, Dick.«

»Schließlich,« erzählte Dick Vier, »trieben wir beide Haufen einen dem andern in die Arme, auf einer kurzen, ebenen Strecke oben am Eingang des Tals, und sahen die ganze Gesellschaft abwickeln, kämpfend, stechend und fluchend in einem undurchdringlichen Schneesturm. Es war eine gehörige, haarige Bande, und wir folgten ihnen nicht.

Latte hatte einen Gefangenen gemacht – einen alten, pensionierten Sepoy, der fünfundzwanzig Jahre Dienst hinter sich hatte und seine Abdankung hervorholte – einen schrecklich amüsanten Kerl. Er hatte versucht, seine Leute früh am Tage zum Angriff auf uns zu bewegen. Er war mürrisch – wütend auf die Feigheit seiner Genossen. Rutton Singh hatte Lust, ihn aufzuspießen – Sikhs können es nicht verstehen, wie jemand gegen die Regierung kämpfen kann, nachdem er ihr ehrenvoll gedient hat – aber Latte beschützte ihn und war ganz versessen auf ihn – zu spätern Zwecken, glaube ich. Als wir zum Fort zurückkamen, begruben wir den jungen Everett – Latte wollte nichts davon hören, den Platz in die Luft zu sprengen – und machten, daß wir fortkamen, wir verloren bloß zehn Mann im ganzen.«

»Bloß zehn von siebzig! Wie habt ihr die verloren?« fragte ich.

»Oh, früh in der Nacht gab es einen Sturm auf das Fort, und ein paar Malôts kamen über das Tor. Ein oder zwei Minuten lang sah die Sache ziemlich schlimm aus, aber die Rekruten bewältigten es wundervoll. Zum guten Glück hatten wir keinen schwerverwundeten Mann zu tragen, denn wir hatten vierzig Meilen bis zu Macnamaras Lager. Wahrhaftig, wie sind wir gerannt! Auf halbem Wege klappte der alte Rutton Singh zusammen; wir legten ihn auf Lattes Mantel, der an vier Flinten gebunden wurde, und Latte, sein Gefangener und ein paar Sikhs trugen ihn. Dann schlief ich ein. Ihr wißt, das kann man beim Marschieren, wenn die Beine richtig erstarrt sind. Mac schwört, wir sind alle schnarchend in sein Lager einmarschiert und fielen hin, wo wir Halt machten. Seine Leute schleppten uns wie Erbsensäcke in die Zelte. Ich erinnere mich, wie ich aufwachte und Latte schlafend sah, seinen Kopf auf des alten Rutton Singh Brust. Er schlief vierundzwanzig Stunden. Ich schlief bloß siebzehn Stunden, aber dann befiel mich die Dysenterie.«

»Befiel dich! Quatsch! Du hattest sie schon, ehe wir zu Latte im Fort stießen«, sagte Tertius.

»Na, du brauchst auch nicht zu reden! Du übergabst Macnamara deinen Degen und verlangtest ein Kriegsgericht, so oft du ihn sahst. Das einzige, was dich beruhigte, war, dir jede halbe Stunde Arrest zu diktieren. Du warst drei Tage lang ohne Verstand.«

»Kann mich kein bißchen mehr besinnen«, entgegnete Tertius sanft. »Ich erinnere mich aber, daß meine Ordonnanz mir Milch gab.«

»Wie lief's mit Latte ab?« fragte M'Turk, heftig an seiner Pfeife ziehend.

»Latte? War wie ein vergnügtes Zebu. Der arme alte Mac war am Ende seines Pionierwitzes und wußte nicht, was er tun sollte. Ihr wißt, ich lag mit Dysenterie nieder, Tertius raste, die Hälfte der Leute hatte Frostbeulen, und Macnamaras Befehle lauteten, das Lager abzubrechen und vor dem Winter wieder im Quartier zu sein. So nahm Latte, dem kein Haar gekrümmt war, die Hälfte seiner Vorräte, um ihm die Mühe zu sparen, sie wieder nach der Ebene zurückzunehmen, und alle Munition, die er kriegen konnte, und wanderte, consilio et auxilio Rutton Singh, wieder nach seinem Fort zurück, mit all seinen Sikhs, seinem kostbaren Gefangenen und einer liederlichen Gesellschaft von Anhängseln, die er und der Gefangene verführt hatten, Dienste zu nehmen. Er hatte sechzig ausgesuchte Leute mit – und seine eherne Unverschämtheit. Mac weinte beinahe vor Freude, als er abzog, versteht ihr, es war kein ausdrücklicher Befehl da, daß Latte wieder im Quartier sein sollte, bevor die Pässe versperrt waren. Mac ist groß in Ausführung von Befehlen, und Latte ist auch groß darin – wenn sie ihm in seinen Kram passen.«

»Er erzählte mir, er ginge nach dem Engadin«, sagte Tertius. »Saß auf meiner Pritsche, rauchte eine Zigarette und brachte mich zum Lachen, bis ich schrie. Am nächsten Tage packte Macnamara uns alle zusammen und brachte uns nach der Ebene hinunter. Wir waren ein wanderndes Hospital.«

»Latte erzählte mir, daß Macnamara ihm rein vom Himmel gesandt war«, sagte Dick Vier. »Ich pflegte ihn in Macs Zelt zu besuchen, wenn er zuhörte, wie Mac die Fiedel spielte, und zwischen den Stücken Mac Hacken und Schaufeln und Dynamitpatronen abschwatzte. Na, das war das letzte, was wir von Latte sahen. Eine Woche oder etwas später waren die Pässe im Schnee begraben, und ich glaube nicht, daß Latte gerade dann Lust hatte, gefunden zu werden.«

»Er wurde es auch nicht«, sagte der glatte und fette Abanazar. »Er wurde es auch nicht. Ho, ho!«

Dick Vier hob seine dünne, dürre Hand, auf deren Rücken die blauen Adern schimmerten. »Warte eine Minute, Pussy; ich werde dich schon zur richtigen Zeit 'rankommen lassen. Ich ging hinunter zu meinem Regiment, und im Frühling, fünf Monate später, wurde ich mit ein paar Kompagnien abkommandiert: offiziell, um auf einige unserer Freunde jenseits der Grenze aufzupassen, tatsächlich natürlich, um zu werben. Es war ein bißchen Unglück dabei, denn ein Esel von einem jungen Naick hatte eine frivole Blutfehde, die er von seiner Tante geerbt hatte, in jene Gegend verpflanzt, und der dortige Landadel wollte nicht in mein Korps eintreten. Natürlich hatte der Naick kurzen Urlaub genommen, um die Sache in Ordnung zu bringen; das war ja ganz in Ordnung, aber er schlich nur dem Onkel meiner guten Ordonnanz nach. Es war eine verdammt schandvolle Geschichte, denn ich wußte, Harris von den Ghuznees würde diese Gegend drei Monate später heimsuchen, und dann würde er alle die Burschen wegschnappen, auf die ich mein Auge geworfen. Alle waren wütend auf den Naick, denn sie fühlten, er hätte so anständig sein müssen, seine – seine üblen Liebesgeschichten ruhen zu lassen, bis unsere Kompagnien voll waren.

Aber das Biest hatte doch noch etwas Standesgefühl übrig behalten. In der Nacht schickte er mir jemand vom Stamm seiner Tante und ließ mir sagen, wenn ich unter sicherer Bedeckung kommen wollte, würde er mir einen Schub wunderbarer Kerle zeigen. Ich natürlich gleich über die Grenze, und etwa zehn Meilen auf der andern Seite, bei einem Flußarm, zeigte mir mein Landstreicher auf Amtsreisen etwa siebzig Leute, verschieden bewaffnet, aber stramm wie eine Kompagnie der Königin. Dann trat einer von ihnen vor und holte ein altes Horn hervor, gerade so – wie heißt er doch gleich? – Bancroft, nicht wahr? – Der Mann, der in einer Posse nach seiner Brille sucht – und spielte: »Hurra, Patsy, sorg' für's Baby. Hurra, Patsy, sag' –« so weit konnte er nur kommen.«

Dick Vier konnte aber auch nur so weit kommen, denn wir mußten das alte Lied zweimal durchsingen, einmal und dann noch einmal, um es zu wiederholen.

»Er erklärte, wenn ich den Rest des Liedes wüßte, hätte er eine Botschaft an mich von dem Manne, dem das Lied gehörte. Darauf, meine Kinder, blies ich das alte Lied auf demselben Horn zu Ende, und dann bekam ich dies. Ich wußte, ihr würdet's euch gern anseh'n wollen. Laßt die Finger davon weg.« Wir kämpften alle um einen Blick auf die wohlbekannte unförmliche Handschrift. »Ich werd's laut vorlesen:

›Fort Everett, 19. Februar.

Lieber Dick oder Tertius: Der Inhaber dieses hat siebenundfünfzig Rekruten mit sich, alles pukka Teufel, aber begierig, ein neues Leben zu beginnen. Sie sind etwas obenhin poliert, und wenn sie tüchtig vorgenommen worden sind, werden sie sich gut machen. Ich möchte, daß du dreißig davon meinem Adjutanten gibst, der, obgleich ein Esel von Gottes Gnaden, in diesem Frühjahr Leute brauchen wird. Den Rest kannst du kriegen. Es wird dich interessieren, daß ich meinen Weg bis zum Ende des Landes der Malôts fertig habe. Alle Häuptlinge und Priester, die bei der Affäre im vergangenen September beteiligt waren, haben jeder einen Monat mitgearbeitet und von ihren eigenen Häusern Material zum Wegbau hergegeben. Everetts Grab ist von einem vierzig Fuß hohen Hügel bedeckt, der als Basis für künftige Triangulationen dienen könnte. Rutton Singh sendet seine besten Salaams. Ich bin dabei, mehrere Verträge abzuschließen, und habe meinem Gefangenen, der ebenfalls seine Salaams sendet – den Rang eines lokalen Khan Bahadur (eine pers. mongol. ehrende Bezeichnung, etwa tapferer Held) verliehen.

A. L. Corkran.‹

So, das war alles«, sagte Dick vier, als das Brüllen, das Schreien, das Gelächter und, ich glaube, die Tränen nachgelassen hatten. »So schnell ich konnte, geleitete ich die Truppe über die Grenze hinüber. Sie hatten ziemliches Heimweh, aber sie wurden wieder vergnügt, als sie ein paar von meinen Burschen erkannten, die bei dem Khye-Rheen-Spektakel mitgewesen waren, und sie machten sich zu einer ganz tüchtigen Gesellschaft heraus. Es sind noch mehr als dreihundert Meilen von Fort Everett bis zu dem Platz, wo ich sie aufsammelte. Jetzt, Pussy, erzähle ihnen die Geschichte von Latte zu Ende, wie du sie erlebt hast.«

Abanazar stieß ein nervöses, erzwungenes, offizielles Lachen hervor.

»Oh, es war nichts Besonderes. Ich war im Frühjahr in Simla, als unser Latte aus seinem Schnee heraus direkt mit der Regierung zu korrespondieren begann.«

»Wie ein König«, warf Dick Vier ein.

»Jetzt bin ich dran, Dick. Er hatte eine Menge Sachen gemacht, die er nicht machen sollte, und die Regierung natürlich zu allem möglichen verpflichtet. Aber der erschwerende Umstand dabei war, daß alles so verdammt passend war, so wohl überlegt, versteht ihr? Machte alles so richtig, als ob ihm alle möglichen Informationen zugänglich wären – was natürlich nicht der Fall sein konnte.«

»Puh!« meinte Tertius. »Ich verteidige Latte jeden Tag dem Auswärtigen Amt gegenüber.«

»Er hatte so ziemlich alles gemacht, woran er überhaupt denken konnte, bloß daß er nicht Münzen mit seinem Bild und Überschrift prägte, alles unter dem Deckmantel, diesen höllischen Weg zu bauen und durch den Schnee abgesperrt zu sein. Sein Bericht war einfach wunderbar. Von Lennaert raufte sich erst die Haare, und dann keifte er: ›Wer, zum Henker, ist dieser unbekannte Warren Hastings (Warren Hastings, Generalgouverneur von Indien, 1732-1818). Er muß totgeschlagen werden. Der Vizekönig wird das niemals gelten lassen. Es ist unerhört. Er muß von Seiner Exzellenz persönlich totgeschlagen werden. Befehlen Sie ihm herzukommen, und setzen Sie einen ordentlichen Rüffel hinzu.‹ Na, ich schickte ihm einen gehörigen offiziellen Rüffel und setzte ein nichtoffizielles Telegramm zu gleicher Zeit hinzu.«

»Du!« Dieser Ausruf des Erstaunens kam vom Infanten, denn Abanazar ähnelte nichts so sehr als einer flaumig-weichen persischen Katze.

»Ja – ich«, sagte Abanazar. »Es war nichts Besonderes, aber nach dem, was du gesagt hast, Dicky, war es beinah' ein Zusammentreffen, denn ich telegraphierte:

Aladdin hat nun sein Weib erstritten,
Euer Kaiser ist versöhnt mit allen;
Leb' wieder auf, du hast genug gelitten,
wir hoffen, euch hat's gut gefallen.

Komisch, wie das alte Lied mir ins Gedächtnis kam. Das war ziemlich wenig verpflichtend und ermutigend. Es war nur schade, daß sein Kaiser ganz und gar nicht versöhnt war. Latte wickelte sich aus seiner Bergfestung heraus und kam mit Muße nach Simla geschlendert, um auf dem Altar geopfert zu werden.«

»Aber,« begann ich, »der Oberstkommandierende ist doch sicher der geeignete –«

»Seine Exzellenz bildete sich ein, wenn er einen einzelnen jungen Offizier anbrüllte – ebenso wie King uns anzuschnauzen pflegte – hielte er die Zügel der Regierung in den Händen, und natürlich, solange er die Einbildung hatte, unterstützte ihn von Lennaert darin. Ich weiß nicht, ob von Lennaert ihm nicht überhaupt die Idee beigebracht hat.«

»Dann haben sich die Leute seit meiner Zeit geändert«, sagte ich.

»Vielleicht. Latte wurde hinaufgeschickt, um wie ein kleiner Junge seine Schelte zu bekommen. Ich glaube sicher, daß Seiner Exzellenz das Haar zu Berge stand. Er donnerte eine Stunde lang auf Latte los. Der stand aufmerksam in der Mitte des Zimmers, und (so behauptete er) von Lennaert im Hintergrund führte eine Pantomime auf, als ob er die Haarbüschel Seiner Exzellenz niederstreichele. Latte wagte nicht aufzusehen, sonst hätte er lachen müssen.«

»Nun, und weshalb wurde Latte nicht verabschiedet?« fragte der Infant mit leuchtendem Gesicht.

»Ah, warum nicht?« meinte Abanazar. »Um ihm die Möglichkeit zu geben, sich in seiner vernichteten Karriere wieder hinaufzuarbeiten, und um seinem Vater nicht das Herz zu brechen. Latte hatte keinen Vater mehr, aber das schadete nichts. Er benahm sich wie ein Waisenknabe, und Seine Exzellenz schonte ihn gnädig. Dann kam er auf mein Bureau und saß mir zehn Minuten gegenüber, die Nüstern blähend, schließlich sagte er: ›Pussy, wenn ich glaubte, daß dieser Korbaufhänger – – –‹«

»Ha! Daran hat er sich erinnert«, rief M'Turk.

»– – ›daß dieser zwei-Annas-Korbaufhänger Indien regierte, ich schwöre, dann würde ich noch morgen ein naturalisierter Moskowiter werden. Ich bin eine femme incomprise. Diese Geschichte hat mir das Herz gebrochen. Ich will sechs Monate Jagdurlaub für Indien nehmen, um es zu verwinden. Meinst du, ich kann ihn bekommen, Pussy?‹

Er bekam ihn in etwa drei und einer halben Minute, und siebzehn Tage später war er in Rutton Singhs Arme zurückgekehrt – höchst in Ungnade, mit dem Befehl, sein Kommando usw. Cathcart Mac Monnie zu übergeben.«

»Paßt auf!« sagte Dick Vier. »Ein Oberst vom politischen Departement mit seinem Kommando von dreißig Sikhs auf einer Bergspitze. Paßt auf, meine Kinder!«

»Natürlich ließ Cathcart, da er, wenn auch Politiker, doch kein Narr war, Latte während der nächsten sechs Monate innerhalb fünfzehn Meilen von Fort Everett jagen, und ich hörte stets, sie beide und Rutton Singh und der Gefangene wären so dicke Freunde wie eine Diebsgesellschaft. Dann, glaube ich, schlenderte Latte wieder zu seinem Regiment zurück. Ich hab' ihn seitdem nicht wiedergesehen.«

»Ich aber«, sagte M'Turk, von Stolz geschwellt.

Wir alle wandten uns um wie ein Mann.

»Es war zu Anfang der heißen Jahreszeit. Ich war im Lager im Dschullundhar-Delta und stieß eines Tages in einem Sikhdorf auf Latte. Er saß auf dem einzigen Staatsstuhl und die halbe Bevölkerung kroch um ihn herum. Eine Blumengirlande hing ihm um den Hals, ein Dutzend Sikhbabys hatte er auf den Knien, und ein altes Weib klopfte ihm auf die Schulter. Er erzählte mir, er würbe Rekruten an. Wir aßen am Abend zusammen, aber er hat mir kein einziges Wort von der Geschichte mit dem Fort erzählt. Hat mir aber gesagt, wenn ich irgendwas von den Eingeborenen brauchte, täte ich gut, zu sagen, ich wäre Koran Sahibs Bhai. Das tat ich, und, die Sikhs wollten mein Geld nicht nehmen.«

»Ah, das muß eins von Rutton Singhs Dörfern gewesen sein«, sagte Dick vier. Eine Zeitlang rauchten wir schweigend.

»Hört mal«, sagte M'Turk, alle die Jahre zurückgehend, »hat euch Latte jemals erzählt, wie Karnickelei an jenem Abend dazu kam, nach King mit Steinen zu werfen?«

»Nein«, sagte Dick Vier.

Darauf erzählte M'Turk die Geschichte.

»Ich verstehe«, meinte Dick Vier und nickte. »Er hat den Trick zum zweiten Male angewandt. Es kommt doch niemand Latte gleich.«

»Da seid ihr eben im Irrtum«, sagte ich. »Indien ist voll von Lattes – Burschen von Cheltenham und Haleybury und Marlborough – von denen wir nichts wissen, wenn wirklich ein großer Spektakel losgeht, werden die Ueberraschungen kommen.«

»Wer wird überrascht sein?« fragte Dick Vier.

»Der andere Teil. Die Gentlemen, die erster Klasse zur Front reisen. Denkt euch nur, wenn Latte mit genügend Sikhs und vernünftigen Aussichten auf Leute auf die andere Seite Europas losgelassen würde. Ueberlegt es euch einmal in Ruhe.«

»Da ist was dran, aber du bist doch zu sehr Optimist, Käfer«, meinte der Infant.

»Nun, ich habe auch das Recht, es zu sein. Bin ich nicht für die ganze Geschichte verantwortlich? Ihr braucht nicht zu lachen, wer hat ›Aladdin hat nun sein Weib erstritten‹ geschrieben, he?«

»Was hat das damit zu tun?« fragte Tertius.

»Alles«, antwortete ich.

»Beweise es«, sagte der Infant.

Und das habe ich getan.

 

Ende!

 


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