Rudyard Kipling
Lange Latte & Genossen
Rudyard Kipling

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IV.

Die Impressionisten.

Alle vier Hausmeister hatten sich im Arbeitszimmer des Kaplans zusammengefunden, um den Sonnabendabend zusammenzusitzen und zu rauchen. Die drei Pfeifen und die eine Zigarre, die da freundschaftlich ihren Rauch gemeinsam empordampften, waren ein Beweis für die vorzügliche Taktik Ehrwürden John Gilletts. Seit der Entdeckung der Katze war King allzu bereit gewesen, eine Beleidigung zu sehen, wo gar keine gemeint war, und Ehrwürden John, Beichtvater und allgemeiner Vertrauter, hatte sich eine Woche lang abgemüht, wieder ein gutes Einvernehmen herzustellen. Er war fett, glattrasiert bis auf einen großen Schnurrbart, von unerschütterlich guter Laune und, wie diejenigen, die ihn am wenigsten liebten, behaupteten, ein heuchlerischer Jesuit. Er lächelte wohlwollend auf sein Werk herab – vier schwergeprüfte Männer, die sich ohne viel Malice unterhielten.

»Nun denken Sie mal nach«, sagte er, als die Unterhaltung diese Wendung nahm. »Ich will nichts andeuten. Aber jedesmal, wenn irgend jemand direkt gegen Zimmer Nummer fünf eingeschritten ist, war der Erfolg mehr oder weniger demütigend für ihn.«

»Das kann ich nicht zugeben. Ich mahle den trefflichen Käfer täglich zum Heil seiner Seele zu Pulver, und die andern mit ihm«, erklärte King.

»Na, nehmen Sie mal Ihren eigenen Fall, King, und gehen Sie ein paar Jahre zurück. Entsinnen Sie sich noch, wie Prout und Sie ihnen auf der Spur waren – wegen Hüttenbauen und Grenzenüberschreiten, nicht wahr? Haben Sie Oberst Dabney vergessen?«

Die andern lachten. King liebte es nicht, an seine Karriere als Wilddieb erinnert zu werden.

»Das war ein Beispiel. Dann, als Sie Ihre Zimmer unter ihnen hatten – ich sagte immer, das hieße, sich in die Höhle des Löwen begeben – quartierten Sie sie aus.«

»Weil sie entsetzlichen Lärm vollführt hatten. Sie werden doch nicht, Gillett, entschuldigen wollen?«

»Ich sage nur, Sie quartierten sie aus. Am selben Abend wurde aus Ihrem Arbeitszimmer ein Trümmerfeld gemacht.«

»Durch Karnickelei – der ganz verflucht betrunken war – vom Wege aus«, sagte King. »Was hat das – –?«

Ehrwürden John fuhr fort:

»Kürzlich merken sie, daß Verleumdungen über ihre persönliche Reinlichkeit ausgesprengt werden – ein höchst delikater Punkt bei allen Jungen. Sehr schön. Beachten Sie, wie in jedem Fall die Strafe dem Verbrechen entspricht. Eine Woche, King, nachdem Ihr Haus sie »Stinker« geschimpft hat, wird Ihr Haus, gelinde gesagt, durch eine tote Katze ausgestunken, der es beliebt, gerade an dem Fleck zu krepieren, wo sie Sie am meisten plagen kann. Wieder der weitreichende Arm des Zusammentreffens! Summa: Sie klagen sie der Grenzüberschreitung an. Durch irgendwelchen absurden Zusammenhang verschiedener Umstände – sie mögen nun dahinterstecken oder nicht – kommt es dahin, daß Sie und Prout als die erscheinen, die fremdes Gebiet betreten haben. Sie exmittieren sie. Für eine Weile wird Ihr Arbeitszimmer unbewohnbar gemacht. Im letzten Fall habe ich die Parallele schon gezogen. Nun?«

»Sie lag mitten unter Whites Schlafzimmer«, sagte King. »Die Dielen liegen dort doppelt, um jedes Geräusch zu ersticken. Kein Junge, selbst aus meinem eigenen Hause nicht, könnte möglicherweise die Dielen aufgehoben haben, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen – und Karnickelei war jenen Abend phänomenal betrunken.«

»Sie sind wunderbar vom Glück begünstigt. Das hab' ich schon immer gesagt. Ich persönlich hab' sie ungeheuer gern und besitze auch, glaube ich, ein wenig ihr Vertrauen. Ich gestehe, ich liebe es, »Padre« genannt zu werden. Zwischen mir und ihnen ist Frieden; deshalb werde ich auch nicht mit erheuchelten Beichten von Diebereien geplagt.«

»Sie meinen Masons Fall?« fragte Prout heftig. »Das hat mich immer als besonders skandalös getroffen. Ich meine, der Direktor hätte die Sache gründlicher verfolgen sollen. Mason mag irregeführt worden sein, aber er ist wenigstens durch und durch aufrichtig und meint es gut.«

»Ich muß gestehen, ich kann Ihnen nicht beistimmen, Prout«, sagte Ehrwürden John. »Er fiel auf irgendein dummes Gewäsch herein, daß sie gestohlen hätten, hielt sich – soviel ich weiß, ohne jede Untersuchung – an die Aussage eines andern Jungen, und – offen gesagt – ich meine, er verdiente, was er abbekam.«

»Sie haben mit Ueberlegung Masons beste Gefühle beleidigt«, erklärte Prout. »Ein Wort von ihnen zu mir hätte die ganze Sache erspart. Sie zogen es aber vor, ihn in die Falle zu locken, mit seiner Unkenntnis ihrer Charaktere ihr Spiel zu treiben.«

»Mag sein,« meinte King, »aber ich kann Mason nicht leiden. Ich kann ihn aus demselben Grunde nicht leiden, den Prout zu seinen Gunsten anführt. Er meint's gut.«

»In unserer Kriminalgeschichte ist Diebstahl noch nicht vorgekommen – wenigstens in meinem Hause«, sagte der kleine Hartopp.

»Na, ist das nicht ein bißchen viel gesagt für den Leiter eines Hauses, das den unschuldigen Hungerleidern von Northam sieben Stück Vieh wegtrieb?« meinte Macrea.

»Stimmt schon«, sagte Hartopp gleichmütig. »Aber das und über die Zeit ausbleiben und ein bißchen wilddieben und Dohlen auf den Klippen jagen, das ist unsere Rettung.«

»Es macht uns viel mehr Aerger als ein Schul – –« begann Prout.

»Als es irgendein vertuschter Skandal tun könnte? Ganz richtig. Unser Ruf bei den Landleuten ist sehr schlecht. Aber ich würde viel lieber mit 'ner Menge ingeniöser Streiche von der Art zu tun haben, als mit – gewissen andern Angriffen.«

»Das mag alles ganz richtig sein, aber sie sind nicht wie andere Knaben, anormal und, meiner Meinung nach, verdorben«, beharrte Prout. »Die moralische Wirkung ihrer Taten muß den Weg für größeren Aerger bahnen. Ich weiß nicht recht, was ich mit ihnen anfangen soll. Ich möchte sie trennen.«

»Natürlich möchten sie das wohl; aber sie haben sechs Jahre lang zusammen die Schule besucht. Ich würde keine Lust haben, es zu tun«, sagte Macrea.

»Sie brauchen das redaktionelle ›wir‹, fing King auf einmal an. »Es ärgert mich, ›wo ist deine Prosaarbeit, Corkran?‹ – »Ja, Sir, wir sind noch nicht ganz damit fertig, wir werden sie in einer Minute bringen‹, und so weiter. Und mit den andern ist's ebenso.«

»In diesem ›wir‹ steckt doch sehr viel drin«, meinte der kleine Hartopp. »Sie wissen, sie haben bei mir Trigonometrie. M'Turk mag etwas davon begriffen haben, aber Käfer ist gerade wie die Wilden, die an sinus und cosinus zugrunde gehen. Er schreibt ganz vergnügt von Latte ab, der wirklich Freude an Mathematik hat.«

»Warum machen Sie dann nicht ein Ende?« fragte Prout.

»Es gleicht sich bei den Prüfungsarbeiten aus. Dann weist Käfer leere Blätter auf und vertraut auf sein ›Englisch‹, das ihn vor einem Durchfall retten soll. Ich denke, er verbringt seine meiste Zeit damit, Verse zu schreiben.«

»Ich bitte den Himmel, er möchte ein wenig von seiner Energie in dieser Richtung auf Elegien verwenden.« King richtete sich in die Höhe. »Er ist, mit alleiniger Ausnahme Lattes, der allerschlechteste Verfertiger ›barbarischer Hexameter‹, der mir je vorgekommen ist.«

»In dem Arbeitszimmer wird die Arbeit verteilt«, meinte der Kaplan. »Latte macht die Mathematik, M'Turk das Latein und Käfer hilft ihnen beim Englischen und Französischen, wenigstens, als er vorigen Monat im Krankenzimmer war – –«

»Und simulierte«, warf Prout ein.

»Sehr möglich – da bemerkte ich ein sehr deutliches Nachlassen in ihren ›Roman d'un jeune homme pauvre‹-Übersetzungen.«

»Es ist geradezu unmoralisch, meine ich«, erklärte Prout. »Ich bin immer gegen das Arbeitszimmer-System gewesen.«

»Es würde schwer fallen, ein Arbeitszimmer zu finden, wo die Jungen sich untereinander nicht helfen; aber in Nummer fünf ist die Sache wahrhaftig in ein System gebracht worden«, sagte der kleine Hartopp. »Sie haben ein System in den meisten Dingen.«

»Es scheint wenigstens so«, sagte Ehrwürden John. »Ich habe einmal gesehen, wie M'Turk die Treppe hinaufgejagt wurde, um die ›Elegie auf einen Friedhof‹ zu verfassen, während Käfer und Latte Fußball spielen gingen.«

»Es läuft auf systematisches Abschreiben hinaus«, erklärte Prout, und seine Stimme wurde tiefer und tiefer.

»So schlimm ist das nicht«, versetzte der kleine Hartopp. »Sie können einer Kuh nicht das Violinspielen beibringen.«

»Es ist ganz zielbewußtes Abschreiben.«

»Wir haben aber doch unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses gesprochen, nicht wahr?« fragte Ehrwürden John.

»Sie sagen, Sie haben gehört, wie sie ihre Arbeit in dieser Weise verteilten, Gillett«, beharrte Prout.

»Gütiger Himmel! Machen Sie mich nicht zum Kronzeugen, bester Kollege. Hartopp ist gleichfalls mitschuldig, wenn sie je herausbekämen, daß ich geschwatzt habe, würden unsere Beziehungen darunter leiden – und ich schätze sie.«

»Ich meine, Sie nehmen in dieser Angelegenheit eine schwache Haltung ein«, sagte Prout und sah sich nach Hilfe um. »Es würde vielleicht besser sein, das Arbeitszimmer aufzulösen – eine Zeitlang, nicht wahr?«

»Oh, lösen Sie es auf alle Fälle auf«, meinte Macrea. »Dann werden wir sehen, ob Gilletts Theorie richtig ist.«

»Seien Sie vernünftig, Prout. Lassen Sie sie in Ruhe, oder Unheil wird über Sie kommen; und was noch wichtiger ist, sie werden auf mich ärgerlich sein. Ich bin zu fett – leider! – um von schlimmen Jungen geplagt zu werden, wohin wollen Sie?«

»Unsinn! Sie werden es nicht wagen – aber ich will mir die Sache überlegen«, sagte Prout. »Man muß drüber nachdenken. Sie haben ganz zielbewußt abgeschrieben, und ich muß an meine Pflicht denken.«

»Er ist wahrhaftig imstande, den Jungen ihr Ehrenwort abzunehmen. Ich bin's, der ein Narr ist.« Ehrwürden schaute voll Bedauern im Kreise umher. »Niemals wieder will ich vergessen, daß ein Lehrer kein Mann ist. Merken sie sich meine Worte«, sagte Ehrwürden John. »Es wird Spektakel geben.«

* * *

Am gelben Tiber aber
Herrscht schrecken rings und Lärm.

Aus blauem Himmel (sie freuten sich noch über den Katzenkrieg) war Mr. Prout in ihr Zimmer hereingestürmt, hatte ihnen eine Vorlesung über die Verwerflichkeit des Abschreibens gehalten und sie ersucht, am Montag wieder in den gemeinschaftlichen Arbeitssaal zurückzukehren. Sie hatten den ganzen friedlichen Sabbat über gewütet, solo und im Chorus, denn ihr Vergehen fiel mehr oder weniger alltäglich in allen Arbeitszimmern vor.

»Was hat's für 'nen Zweck, zu fluchen?« meinte Latte schließlich. »Wir sitzen alle in demselben Boot. Wir müssen zurückgehen und uns wieder mit dem Haus zusammentun. Ein Fach im Arbeitssaal und 'nen Platz in der Arbeitsstunde in Nummer zwölf.« Voll Bedauern schaute er sich in dem gemütlichen Arbeitszimmer um, das M'Turk, der unter ihnen in Kunstsachen zu entscheiden hatte, mit einem Fußgesims, einem Paneel und Cretonnegardinen ausgestattet hatte.

»Ja! Huftier lauert im Arbeitssaal wie 'n brummiger alter Jagdhund und paßt auf, ob wir auch nicht was vorhaben. Ihr wißt er läßt in diesen Tagen sein Haus nie allein«, sagte M'Turk. »Oh, es wird 'ne tolle Sache sein.«

»Warum seid ihr nicht unten und spielt Zirkel? Ich habe kräftige, gesunde Jungen gern. Ihr müßt nicht im Arbeitssaal hocken, warum habt ihr kein Interesse für euer Haus? Hah!« zitierte Käfer.

»I, warum denn nicht! Los! Wir wollen Interesse am Hause nehmen, wir wollen gar nicht aufhören mit Interesse. Ein Jahr lang hat er uns nicht im Arbeitssaal gehabt, wir haben 'n schönes Stück seitdem gelernt. Oh, wir werden ein herrliches Haus daraus machen, eh' wir abgehen, wißt ihr noch, jener Bursche in »Eric« oder ›St. Winifreds‹ – so 'ne Art Belial? Ich will Belial sein«, sagte Latte mit verführerischem Grinsen.

»Famos!« meinte Käfer, »und ich Mammon sein. Ich will Geld mit Wucher ausleihen – das sollen sie ja in allen Schulen tun – einen Penny die Woche für einen Schilling; das wird Huftiers schwächlichen Verstand beunruhigen. Du kannst Luzifer sein, Turkey.«

»Was muß ich dabei tun?« M'Turk grinste ebenfalls.

»Hochverrat – und Kabalen – und Boykott. Fang' solche heimlichen Intrigen an, von denen Huftier immer redet. Los!«

Das Haus empfing sie bei ihrem Fall mit jenem Gemisch von Spottlust und Sympathie, das allen Jungen entgegengebracht wird, die aus ihrem Arbeitszimmer herausgesetzt sind. Ihr zurückgezogenes Leben machte die drei noch interessanter.

»Ganz wie in alter Zeit, nicht wahr?« Latte suchte sich ein Fach aus und warf seine Bücher hinein, »Wir sind gekommen, um mit euch 'ne Weile zu spaßen, meine jungen Freunde, denn unser geliebter Hausmeister hat uns aus unseren Löchern 'rausgeworfen.«

»Ist euch ganz recht,« sagte Orrin, »ihr Abklauer!«

»Das darf nicht sein«, rief Latte, »wir können unsern wackligen Ruf nicht aufrecht erhalten, Orrin, mein Lie–ber, wenn du solche Bemerkungen machst.«

Sie stürzten sich zärtlich über den Jungen, stießen ihn nach dem offenen Fenster und zogen das Schiebefenster dicht bis auf seinen Nacken herunter. Mit derselben Geschwindigkeit banden sie ihm mit einem Stück Bindfaden die Daumen hinter dem Rücken zusammen und zogen ihm dann, da er wild mit den Füßen stieß, noch die Schuhe aus.

So fand ihn Mr. Prout durch Zufall ein paar Minuten später, guillotiniert und in hilfloser Lage, umringt von einer krampfhaft lachenden Menge, die ihm nicht beistehen wollte.

Latte hatte unterdessen in einem oberen Arbeitssaal Verbündete zu einem Rachezug gesammelt. Orrin kam plötzlich an der Spitze einer Truppe heraufgerast, und der Arbeitssaal wurde eine Wolke von Staub, in der Jungen rangen, trampelten, schrien und kreischten. Ein Tisch wurde in den Tumult hineingefahren, ein Haufe von Kriegern rannte gegen eine Türfüllung, daß sie zersplitterte, ein Fenster wurde zerbrochen und eine Gasflamme erlosch. Durch den Wirrwarr gedeckt, entschlüpften die drei auf den Korridor, von wo sie Vorübergehende heranriefen und in den Kampf schickten.

»Zu Hilfe, Kings! Kings! Im Arbeitssaal Nummer zwölf! Zu Hilfe, Prouts – Prouts! Zu Hilfe, Macreas! Zu Hilfe, Hartopps!«

Die jüngeren Schüler schwärmten heraus wie ein Bienenschwarm, taten keine Fragen, kletterten die Treppe herauf und stürzten sich in das Getümmel.

»Nicht schlecht für die Arbeit am ersten Abend«, sagte Latte und rückte seinen Kragen zurecht. »Ich glaub', Prout wird 'n bißchen ärgerlich sein. 's wird besser sein, wenn wir für ein Alibi sorgten.« So saßen sie bis zur Arbeitsstunde an Mr. Kings Fenstergitter.

»Seht ihr,« sprach Latte, als sie mit der gemeinen Herde zusammen zur Arbeitsstunde hinaufschlenderten, »wenn die Häuser schön durcheinander gebracht werden und sich 'rumprügeln, kann man drauf wetten, daß irgendein Esel 'nen wirklichen Spektakel draus macht. Hallo, Orrin, du siehst so verwirrt aus.«

»Ist alles deine Schuld, du Biest. Du hast es angefangen. Wir haben jeder zweihundert Zeilen gekriegt, und Huftier sucht euch. Seht mal, was das Schwein, Malpas, mir am Auge gemacht hat!«

»Gefällt mir, daß du sagst, wir haben es angefangen. Wer hat uns Abklauer geschimpft? Kann dein kindischer Verstand noch immer nicht Ursache und Wirkung unterscheiden? Eines Tages wirst du 'rausfinden, daß es sich nicht lohnt, sich über Nummer fünf lustig zu machen.«

»Wo ist der Schilling, den du mir schuldig bist?« fragte Käfer plötzlich.

Latte konnte nicht sehen, daß Prout hinter ihm war, aber er händigte das Geldstück ohne Zaudern aus.

»Ich war dir bloß neun Pence schuldig, du alter Wucherer.«

»Du hast die Zinsen vergessen,« sagte M'Turk, »'n halben Pence die Woche auf den Schilling ist Käfers Satz. Du mußt verflucht reich sein, Käfer.«

»Na – also Käfer pumpte mir sechs Pence –« Latte schwieg plötzlich und tat, als ob er an den Fingern nachrechnete. »Sechs Pence am neunzehnten, nicht wahr?«

»Ja, aber du hast vergessen, du hast mir keine Zinsen für den andern Schilling gegeben, den ich dir vorher gepumpt hab'.«

»Du hast aber meine Uhr als Pfand genommen.« Das Spiel entwickelte sich beinah' automatisch.

»Ganz egal, bezahl' mir meine Zinsen, oder ich rechne dir Zinseszinsen an. Denk' dran, ich hab' 'nen Schuldschein von dir!« schrie Käfer.

»Du bist 'n kaltblütiger Jude«, brummte Latte.

»Husch!« sagte M'Turk, und zwar recht laut, und verschwand, als Prout auf sie zukam.

»Ich habe euch jetzt eben bei jener unangenehmen Sache im Arbeitssaal nicht geseh'n«, begann er.

»Wie, Sir? Wir sind eben von Mister Kings Zimmer hergekommen«, sagte Latte. »Entschuldigen Sie, Sir, woran soll ich arbeiten? Der Tisch, an dem ich sitzen sollte, ist zerbrochen, und die Bank schwimmt voll Tinte.«

»Such' dir einen andern Platz – such' dir einen andern Platz. Denkst du etwa, ich soll dein Kindermädchen sein? Ich möchte wissen, ob du deinen Kameraden Geld zu borgen pflegst?«

»Nein, Sir; nicht regelmäßig, Sir.«

»Es ist eine höchst tadelnswerte Gewohnheit. Ich glaubte, daß wenigstens mein Haus frei davon wäre. Selbst bei meiner schlechten Meinung von dir hätte ich kaum gedacht, daß dies einer deiner Fehler wäre.«

»Es ist doch nichts schlimmes dabei, Geld zu verborgen, Sir, nicht wahr?«

»Ich werde mich mit dir nicht in ein Gespräch über Moralbegriffe einlassen. Wieviel hast du Corkran geborgt?«

»Ich – ich weiß nicht ganz genau«, antwortete Käfer. Es ist schwer, in aller Eile etwas zu erfinden, wenn eine Sache schon im Gange ist.

»Du schienst es noch eben gut genug zu wissen.«

»Ich glaube, es sind zwei Schilling und vier Pence«, sagte M'Turk mit einem Blick kalter Verachtung auf Käfer.

In den hoffnungslos verwickelten Finanzen ihres Arbeitszimmers war das gerade die Summe, auf die M'Turk und Käfer Anspruch machten als ihren Anteil beim Versatz von Lattes zweitbesten Sonntagshosen. Latte jedoch hatte zwei Semester hindurch darauf beharrt, daß das Geld seine Gebühr für Besorgung des Versatzgeschäftes wäre, und hatte es natürlich in einem Schmaus für die Zimmergesellschaft angelegt.

»Paß nun einmal auf! Du wirst deine Operationen als Geldverleiher nicht fortsetzen. Zwei Schilling und vier Pence sagtest du, Corkran?«

Latte hatte nichts gesagt und fuhr darin fort. »Dein Einfluß zum Ueblen ist schon ohnehin stark genug, ohne daß du dir noch ein Uebergewicht über deine Kameraden erkaufst.« Er fühlte in seinen Taschen nach und (o Freude) förderte zwei Schilling und vier Pence zutage. »Bring' mir, was du Corkrans Schuldschein nennst, und danke mir, daß ich die Sache nicht weiter verfolge. Das Geld wird dir von deinem Taschengeld abgezogen, Corkran. Die Quittung sofort auf mein Arbeitszimmer.«

Das kümmerte sie wenig! Zwei Schilling und vier Pence auf einmal an irgendeinem hungrigen Tage der Woche sind sechs wöchentliche Sixpence wert.

»Was, zum Deiwel, ist aber 'n Schuldschein?« fragte Käfer. »Ich hab's bloß in 'nem Buch gelesen.«

»Nun mußt du gefälligst einen machen«, sagte Latte.

»Ja, aber unsere Tinte wird erst 'nen Tag später schwarz. Ich mein' er wird das merken.«

»Der nicht. Er ist viel zu ärgerlich«, meinte M'Turk. »Schreib' deinen Namen auf 'n Stück Papier von Strafarbeiten, Latte, und schreib': »Ich schulde dir zwei Schilling und vier Pence.« – Bist du mir nicht dankbar, Käfer, daß ich das aus Prout 'rausgequetscht habe? Latte hätte nie bezahlt. – Was, du Esel?«

Mechanisch hatte Käfer das Geld Latte ausgehändigt, als dem Schatzmeister ihres Zimmers. Jahrelange Gewohnheit läßt sich nicht so leicht überwinden.

Nach Aushändigung des Dokuments setzte Prout Käfer die Verwerflichkeit des Geldverleihens auseinander, das, wie alles andere, mit Ausnahme zwangsweisen Kricketspielens, Häuser verderbe und das gute Einvernehmen zwischen Knaben zerstöre, die Jugend kalt und berechnend mache und allem Uebel die Tür öffne. Schließlich wüßte Käfer vielleicht etwas von anderen Fällen? Wenn das der Fall wäre, wäre es seine Pflicht, es als einen Beweis seiner Reue seinem Hausmeister wissen zu lassen. Namen brauchten nicht genannt zu werden.

Käfer wußte nichts – wenigstens, er war nicht ganz sicher, Sir. Wie konnte er gegen seine Freunde aussagen! Das Haus könnte ja natürlich – hier heuchelte er schmerzvolle Delikatesse – voll von solchen Dingen sein. Er war nicht in der Lage, etwas darüber zu sagen. Irgendwelche offene Konkurrenz in seinem Geschäft wäre ihm nicht vorgekommen; wenn aber Mr. Prout der Ansicht wäre, die Sache berühre die Ehre des Hauses (Mr. Prout war ganz und gar dieser Meinung), dann würden vielleicht die Hausordner besser – – –

Er spann die Unterhaltung die halbe Arbeitsstunde hindurch aus.

»Und,« sagte der Amateur-Shylock, als er in den Arbeitssaal zurückkehrte und sich neben Latte niederließ, »wenn er jetzt nicht glaubt, das Haus ist davon angesteckt, dann bin ich 'n richtiger Holländer – so steht die Sache . . . Ich bin bei Mr. Prout in seinem Arbeitszimmer gewesen, Sir.« – Dies galt dem Lehrer, der die Aufsicht in der Arbeitsstunde führte. »Er hat gesagt, ich könnte mich hinsetzen, wo ich wollte, Sir . . . Oh, er trieft ganz und gar vor Aufregung . . . Ja, Sir, ich frag' nur Corkran, ob ich in sein Tintenfaß eintauchen darf.«

Nach dem Gebet wurden sie auf dem Wege zu den Schlafzimmern von Harrison und Craye angefallen, zwei Hausordnern, die in ihrem Amte sehr eifrig waren. Die beiden waren sehr ärgerlich.

»Was hast du jetzt mit Hufbiest angefangen, Käfer? Er hat den ganzen Abend auf uns geschimpft.«

»Weshalb hat seine Ehrwürdige Durchleuchting euch denn vorgehabt?« fragte M'Turk.

»Weil Käfer Latte Geld gepumpt hat,« fing Harrison an; »und dann kam Käfer und hat ihm erzählt, daß ziemlich viel Geldverborgen im Haus vorkäme.«

»Nein, das stimmt nicht«, sagte Käfer, der auf einem Stiefelkasten saß. »Das g'rad' hab' ich ihm nich' erzählt. Ich hab' einfach die Wahrheit gesagt. Er hat mich gefragt, ob so was viel im Haus vorkäm', und ich hab' gesagt, ich wüßt' nichts davon.«

»Er denkt, ihr seid 'ne Bande von gemeinen Shylocks«, meinte M'Turk. »'s ist noch ganz gut für euch, daß er nich' glaubt, ihr seid Einbrecher. Ihr wißt, wenn er mal in seinem gewissenhaften alten Kopf 'ne Idee hat, geht sie ihm auch nich' wieder 'raus.«

»'n Mensch, der's gut meint. Hat alles zum Besten getan.« Latte bog sich graziös um das Treppengeländer. »Dolle Sache! Schlecht für die Ehre des Hauses – sehr schlimm!«

»Halt's Maul«, sagte Harrison. »Ihr Burschen tut immer so zu uns, als ob ihr uns ausschimpft, wenn wir euch ausschimpfen wollen.«

»Ihr seid 'n bißchen zu unverschämt«, setzte Craye hinzu.

»Ich weiß nicht, wo da Frechheit ist, außer auf eurer Seite, wenn ihr euch in 'ne Privatangelegenheit zwischen mir und Käfer einmischt, die schon von Prout in Ordnung gebracht ist.« Latte blinzelte den andern vergnügt zu.

»Das ist das schlimmste bei der ganzen Geschichte«, sagte M'Turk und zündete das Gas an. »Sie werden zu Aufsehern gemacht, bevor sie überhaupt schon Takt haben, und dann ärgern sie Leute, die ihnen wirklich helfen könnten, auf die Ehre des Hauses aufzupassen.«

»Wir wollen euch nicht bemühen, das zu tun«, sagte Craye hitzig.

»Weshalb setzt ihr uns denn so zu?« fragte Käfer. »'s ist eure eigne Schuld; ihr habt so verflucht nachlässig auf's Haus aufgepaßt, daß Prout glaubt, 's ist 'n Nest von Geldverleihern. Ich hab' ihm erzählt, daß ich Latte Geld gepumpt hab', und kein andrer. Ich weiß nicht, ob er mir glaubt, aber ich hab' meine Schuldigkeit getan. Das übrige ist eure Sache.«

»Jetzt finden wir 'raus,« erhob Latte seine Stimme, »daß augenscheinlich 'ne ganz organisierte Verschwörung im ganzen Haus ist. Soweit wir wissen, pumpen und verpumpen die Füchse vielleicht weit über ihre Mittel. Wir sind dafür nicht verantwortlich. Wir sind bloß Unteroffiziere und Gemeine.«

»Seid ihr nun überrascht, wenn wir nicht mit dem Haus zusammen sein wollen?« fragte M'Turk voll Würde. »Wir haben uns in unserm Zimmer zu uns gehalten, bis wir 'rausgesetzt wurden, und nu' finden wir uns – in solche Sachen 'reingemischt. 's einfach scheußlich.«

»Und dann droht ihr uns und schnauzt uns auf den Treppen an, wegen Sachen, die ganz und gar euch allein angehn. Ihr wißt, wir sind nicht »Aufseher.«

»Und dann habt ihr uns jetzt noch gedroht, daß wir von den Aufsehern Prügel kriegen«, sagte Käfer, der dreist zu erfinden begann, als er die Verwirrung auf den Mienen des Feindes sah.

»Und wenn ihr euch einbildet, es wird euch was nützen, wenn ihr so auf uns loskommt, dann habt ihr euch hübsch geirrt. So ist die Sache, gute Nacht.«

Sie kletterten die Treppe empor, jeder Zoll ihres Rückens beleidigte Unschuld.

»Aber – aber was, zum Deiwel, haben wir denn getan?« sagte Harrison bestürzt zu Craye.

»Weiß nicht. Bloß – es kommt immer so, wenn einer was mit ihnen zu tun hat. Sie tun immer so verflucht plausibel.«

Und Mister Prout rief die guten Jungen von neuem in sein Arbeitszimmer und war sehr erfolgreich darin, sein und ihr unschuldiges Gemüt noch zehn Faden tiefer in augenblendende Wirrnis zu stürzen. Er sprach von Schritten und Maßregeln, von Takt und loyalem Benehmen im Hause und gegen das Haus, und ersuchte sie dringend, die Sache taktvoll anzufassen.

Sie erkundigten sich also bei Käfer, ob er irgendwelche Beziehungen zu einem andern Geschäft hätte. Käfer begab sich stracks zu seinem Hausmeister und wünschte zu wissen, mit welchem Recht Harrison und Craye eine Sache wieder aufgegriffen hätten, die schon zwischen ihm und seinem Hausmeister in Ordnung gebracht worden wäre. In der Rolle der beleidigten Unschuld wurde Käfer von keinem andern Jungen erreicht.

Prout kam darauf der Gedanke, er hätte wohl nicht recht gegen den Verbrecher gehandelt, der sein Vergehen durchaus nicht abzuleugnen oder zu bemänteln versucht hatte. Er ließ Harrison und Craye holen und tadelte sie recht sanft des Tones wegen, den sie gegen einen reuigen Sünder angenommen hätten. Als sie dann wieder nach ihrem Zimmer zurückkehrten, ergingen sie sich in Verzweiflungsreden. Hals über Kopf nahmen sie dann im ganzen Hause ein Verhör vor, brachten die Füchse fast bis zu Krämpfen und förderten schließlich mit erschrecklichem Pomp und viel Parade das natürliche und unvermeidliche System kleiner Leihgeschäfte zutage, das unter kleinen Jungen gang und gäbe ist.

»Ja, Harrison, Thornton II hat mir am vorigen Sonnabend 'nen Penny geborgt, weil ich das Fenster zerschlagen hatte und es bezahlen mußte, und ich hab' ihn in Keytes Laden ausgegeben. Ich hab' nicht gewußt, daß da was Schlimmes dabei war. Und Wray I hat sich zwei Pence von mir geborgt, als mein Onkel mir 'ne Postanweisung auf fünf Schilling geschickt hatte; ich hab' sie bei Keyte einkassiert. Aber er will sie mir vor den Ferien wieder abgeben. Wir haben nicht gewußt, daß da was Unrechtes dabei war.«

Stundenlang quälten sie sich in dieser Weise ab, ohne irgendwelche Wuchergeschäfte herauszubekommen, noch etwas, das Käfers alles übersteigend hohem Zinsfuß nur annähernd gleichkam. Die größeren Schüler – denn Respekt gegen die Aufseher gehörte, ausgenommen bei obligatorischen Spielen, nicht zu den Traditionen der Schule – erklärten ihnen kurz angebunden, sie möchten die Nase nicht in ihre Angelegenheiten stecken. Sie wollten weder Zeugnis ablegen noch irgendwelche Aussagen machen. Harrison wäre ein Idiot, und Craye wäre auch einer; der größte von allen aber wäre, meinten sie, ihr Hausmeister.

Wenn ein Haus ganz und gar in Unruhe ist, so rein sein Gewissen auch sein mag, zersplittert es sich in Trupps und Gesellschaften – kleine Versammlungen in der Dämmerstunde, Zusammenkünfte im Schrankzimmer und Gruppen auf dem Korridor. Und wenn sich von Gruppe zu Gruppe mit unendlicher Geheimnistuerei drei verruchte Jungen stehlen und »Cave« schreien, wenn gar kein Anlaß zur Vorsicht vorliegt, und eben erfundenes belangloses Zeug im strengsten Vertrauen mitteilen und dann flüstern: »Erzähl's nicht weiter!« – dann kann solch ein Haus mit einer sehr schönen Wolke von Komplott und Intrigen umgeben werden.

Nach ein paar Tagen dämmerte es Prout, daß er sich in einer Atmosphäre fortwährenden Hinterhalts bewegte. Geheimnisse umschlossen ihn auf allen Seiten, Warnrufe liefen seinen schweren Füßen voraus, und Losungsworte wurden hinter seinem aufmerksamen Rücken gemurmelt. M'Turk und Latte erfanden allerlei verdrehte und müßige Sätze – Stichworte, die durch das Haus fegten wie Feuer durch Stroh. Es war ein seltener Spaß. Ein einziges praktisches Ergebnis hatte die Wucherkommission doch erzielt, denn wenn ein Junge einen andern mit scheuem Ernst fragte: »Meinst du, daß viel von solchen Sachen im Haus vorgehen?« erhielt er die Antwort: »Na, weißt du, man kann nicht vorsichtig genug sein.« – Die Wirkung solcher Dinge auf einen Hausmeister von menschlichem Gewissen und guten Absichten kann man sich vorstellen. Und ferner ist es auch für einen Mann, der die Achtung der ihm Anvertrauten aufrichtig zu gewinnen bemüht ist, nicht angenehm, sich – wenn auch nur aus gewisser Entfernung – von einem düstern, mürrischen Kelten mit geläufiger Zunge als »Popularitätsprout« bezeichnet zu hören. Ein Gerücht, daß allerlei Geschichten – ungewöhnliche Geschichten – in der Dämmerstunde im Arbeitsraum erzählt werden, von einem Jungen, der durchaus nicht sein Vertrauen besitzt, bringt einen solchen Mann in Aufregung; und selbst sorgfältig überlegte und zarte Höflichkeit – denn Latte umwickelte Prout mit jener Art von Höflichkeit, mit der weise, alte Menschen einem verwirrten Kinde begegnen – stellt seine Gemütsruhe nicht wieder her.

»Der Ton des Hauses scheint sich verändert zu haben – zum Nachteil verändert zu haben«, sagte Prout zu Harrison und Craye. »Habt ihr es bemerkt? Ich argwöhne zwar keinen Augenblick.« –

Er argwöhnte niemals etwas, tat aber andererseits auch niemals etwas anderes. Mit den besten Absichten der Welt hatte er schließlich die beiden Hausaufseher in einen Zustand hineingebracht, der so nahe an nervöse Erschöpfung grenzte, wie das bei gesunden Jungen nur möglich sein kann. Und das schlimmste von allem war, daß sie jetzt manchmal darüber nachzudenken begannen, ob Latte und Kompagnie nicht vielleicht doch etwas die Wahrheit trafen mit ihren oft wiederholten Versicherungen, Prout wäre ein trauriger Esel.

»Wie ihr wißt, gehöre ich nicht zu den Leuten, die sich durch jede Kleinigkeit, die ihnen zu Ohren kommt, aus der Fassung bringen lassen. Ich bin dafür, das Haus selbst seine Angelegenheiten ins reine bringen zu lassen, natürlich mit einer leichten, führenden Hand an den Zügeln. Nun macht sich aber ein gewisser Mangel an Respekt bemerklich – weniger Interesse für Angelegenheiten, die die Ehre des Hauses berühren, eine Art von Abgebrühtheit.« – –

»Oh, Prout, das ist ein feiner Mann, ein feiner Mann!
Unser Huftier ist ein feiner Mann.
Er müht sich ab voll Pein,
Denn seine Popularität,
O Pop–u, Pop–u–larität,
Die lange schon gewackelt hat,
Würd' leiden, ließ er's sein.«

Die Tür des Zimmers stand halb offen, und der Gesang, von zwanzig klaren Stimmen vorgetragen, kam schwach von einem Arbeitssaal her. Ganz besonderes Gefallen fanden die Füchse an dem Lied; der Text stammte von Käfer.

»Solche Sachen beachtet ein vernünftiger Mensch nicht,« erklärte Prout mit einem müden Lächeln, »aber, wie ihr wißt, zeigt der Halm, woher der Wind weht. Könnt ihr es auf direkten Einfluß von irgendeiner Seite zurückführen? Ich spreche jetzt zu euch als zu den Aufsehern des Hauses.«

»Da ist nicht der geringste Zweifel daran«, entgegnete Harrison ärgerlich. »Ich weiß, was Sie meinen, Sir. Es fing alles an, als ›Nummer fünf‹ in die Arbeitssäle kam. 's hat gar keinen Grund, das nicht zuzugeben, Craye, du weißt's auch ganz gut.«

»Sie machen's uns manchmal recht schwer«, sagte Craye. »'s ist mehr ihr Betragen, als irgend was anderes, was Harrison meint.«

»Hindern sie euch denn an der Ausübung eurer Pflichten?«

»O nein, Sir, sie gucken bloß und grinsen und rümpfen meistens die Nase.«

»Ah!« sagte Prout voll Sympathie.

»Ich meine, Sir,« sagte Craye und ging der Sache dreist auf den Grund, »'s wird 'n ganz Teil besser sein, wenn sie wieder in ihr Zimmer zurückgeschickt würden. Sie sind viel zu alt, um sich noch im Arbeitssaal 'rumzutreiben.«

»Sie sind jünger als Orrin oder Flirt und ein Dutzend andere, die mir gerade einfallen.«

»Ja, Sir, das ist aber doch 'n kleiner Unterschied. Sie haben ziemlich viel Einfluß. Sie haben so 'ne Manier, in 'ner ruhigen Weise Spektakel anzustiften, daß man ihnen nicht beikommen kann. Wenigstens, wenn man – – –«

»Und ihr meint, 's wär' besser, wenn sie wieder in ihrem Studierzimmer wären?«

Emphatisch bekannten sich Harrison und Craye zu dieser Meinung, und Harrison sagte nachher zu Craye: »Sie haben unsere Autorität erschüttert. Sie sind zu groß, daß man sie verprügeln könnte; sie haben uns mit ihrer Wuchergeschichte zum Gespött gemacht, und die ganze Schule lacht uns aus. Nächstes Semester will ich eintreten (auf Sandhurst selbstverständlich). Sie haben's fertig gekriegt, mich schon halb aus meiner Arbeit 'rauszukriegen mit – mit ihren Verrücktheiten. Wenn sie wieder in ihr Studierzimmer zurückgehen, haben wir vielleicht 'n bißchen Frieden.«

»Hallo, Harrison!« M'Turk kam gemächlich um die Ecke geschlendert, sein Auge über alle möglichen Horizonte schweifen lassend. »Geht's besser, Alter? Das ist recht. Setz' dich darüber hinweg! Setz dich drüber hinweg!«

»Was meinst du?«

»Du siehst 'n bißchen nachdenklich aus«, meinte M'Turk. »Aufreibendes Geschäft, über die Ehre des Hauses zu wachen, nicht wahr? Uebrigens, wie steht's mit euren prächtigen Entdeckungen?«

»Paß' auf«, sagte Harrison und hoffte auf augenblickliche Belohnung. »Wir haben Prout empfohlen, euch wieder in euer Studierzimmer zurückzulassen.«

»Den Deiwel habt ihr! Wer seid ihr in aller Welt denn, daß ihr euch zwischen uns und unsern Hausmeister einmengt? Wahrhaftig, ihr zwei geht höchst übel mit uns um – wahrhaftig, in der Tat. Natürlich können wir nicht wissen, wie weit ihr eure Stellung mißbraucht, um uns bei Mister Prout anzuschwärzen; aber wenn ihr mich mit Absicht anhaltet, um mir zu erzählen, daß ihr hinter unserm Rücken Abmachungen getroffen habt – im Geheimen – mit Prout – dann weiß ich wirklich nicht, was wir tun sollen.«

»Das ist 'ne verfluchte Gemeinheit«, schrie Craye.

»Ist es auch.« M'Turk hatte eine geisterhafte Feierlichkeit angenommen, die seinem langen, mageren Gesicht recht gut stand. »Verdammt noch mal! Ein Aufseher ist eins, und ein Hilfslehrer ist was anderes, aber ihr scheint beides zu verbinden. Ihr empfehlt dies – ihr empfehlt das! Ihr sagt, wie und wann wir auf unser Studierzimmer zurückgehn.«

»Aber – aber wir haben gedacht, es wär' euch angenehm, Turkey. Wirklich, wir dachten's. Ihr werdet's doch viel bequemer haben, wißt ihr.« Harrisons Stimme klang beinahe nach Tränen.

M'Turk verschwand, als ob er seine Erregung verbergen wollte.

»Sie sind untergekriegt!« Er spürte Latte und Käfer in einer Rumpelkammer auf. »Sie sind schachmatt! Sie haben Huftier drum gebettelt, daß er uns auf ›Nummer fünf‹ zurückläßt. Arme Teufel! Arme kleine Teufel!«

»Das ist der Oelzweig«, erläuterte Latte. »Es ist die wehende weiße Flagge, wahrhaftig! Wir wollen mal drüber nachdenken, wir haben sie schön verwirrt.«

Am selben Tage, gleich nach dem Tee, ließ Mr. Prout sie holen, um ihnen zu sagen, wenn sie es vorzögen, ihre Zukunft durch Vernachlässigung ihrer Arbeiten zu ruinieren, so wäre das ganz und gar ihre eigene Sache. Er möchte ihnen aber zu verstehen geben, daß ihre Anwesenheit im Arbeitssaal auch nicht eine Stunde länger geduldet werden könnte. Was ihn persönlich anbeträfe, so käme es ihm nicht auf die Zeit an, die er darauf verwenden müßte, die Spuren ihres üblen Einflusses zu tilgen. Wie weit Käfer seine jugendliche Einbildungskraft nach der schlechten Seite hin gemißbraucht hätte, dessen würde er sich später vergewissern; und Käfer könnte sicher sein, daß, wenn Mister Prout hinter irgendwelchen seelenverderbenden Einfluß käme – – –

»Was für einen Einfluß, Sir?« fragte Käfer, diesmal wirklich bestürzt, und M'Turk versetzte ihm in Ruhe einen Fußtritt gegen die Knöchel, weil er sich von Prout hatte kriegen lassen.

Käfer, fuhr der Hausmeister fort, wüßte sehr gut, was er meinte. Schlimm und kurz sei ihre Karriere unter seinen Augen gewesen; und da er in loco parentis bei ihren noch unbefleckten Kameraden stände, sei er verpflichtet, seine Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Mit der Rückgabe des Schlüssels zum Studierzimmer schloß er seinen Sermon.

»Was bedeutet aber die Geschichte mit der Einbildungskraft nach der schlechten Seite?« fragte Käfer auf der Treppe.

»Ich hab' noch nie so 'nen Esel gekannt wie dich, denn du legst dich ja selbst 'rein«, sagte M'Turk. »Ich hoffe, ich hab' dir den Knöchel recht schön abgeledert. Weshalb läßt du dich von jedem 'reinlegen?«

»Reinlegen – verdammt! Ich muß ihn irgendwie böse gemacht haben, wovon ich nichts weiß. Wenn ich davon vorher 'ne Idee gehabt hätt', hätt' ich's ihm natürlich noch besser geben können. Jetzt ist's zu spät. Wie schade! ›Nach der schlechten Seite?‹ Was hat er damit gemeint?«

»Ganz egal«, erklärte Latte. »Ich hab's gewußt, wir würden daraus ein glückliches kleines Haus machen können. Denkt dran, ich hab's gesagt – aber ich schwöre, ich hab' nicht geglaubt, wir würden's so schnell machen können.«

* * *

»Nein«, sagte Prout mit Festigkeit im Eßzimmer. »Ich behaupte, daß Gillett unrecht hat. Wirklich, ich habe sie auf ihr Studierzimmer zurückgeschickt.«

»Trotz Ihrer bekannten Ansichten über Abschreiben?« brummte der kleine Hartopp. »Welch ein unmoralischer Kompromiß!«

»Einen Augenblick«, sagte Ehrwürden John. »Ich – wir alle haben seit den letzten zehn Tagen absolute, herzbrechende Verschwiegenheit beobachtet. Jetzt wollen wir wissen. Gestehen Sie – haben Sie seitdem eine einzige zufriedene Minute gehabt?«

»Was mein Haus anbelangt, – nein«, erklärte Prout. »Aber mit Ihrer Ansicht über die Jungen haben sie ganz und gar unrecht. – Um der andern willen, zum Zweck der Selbstverteidigung – – –«

»Ha! Ich hab' gesagt, es würde dahin kommen«, murmelte Ehrwürden John.

»– war ich gezwungen, sie zurückzuschicken. Ihr moralischer Einfluß war unsagbar – einfach unsagbar.«

Und Stück für Stück erzählte er seine Geschichte, indem er mit Käfers Wucherei begann und mit dem Appell der Hausaufseher schloß.

»Käfer in der Rolle eines Shylock – das ist mir neu«, sagte King mit gekniffenen Lippen. »Mir sind Gerüchte davon zu Ohren gekommen – – –«

»Vorher?« fragte Prout.

»Nein, nachdem sie mit ihnen zu tun gehabt hatten; aber ich war vorsichtig und fragte nicht weiter nach. Ich mische mich niemals in – – –«

»Ich selbst«, erklärte Hartopp, »würde ihm mit Vergnügen fünf Schilling geben, wenn er eine einfache Zinsesrechnung ohne drei grobe Fehler zustande brächte.«

»O–o–oh!« Mason, der Mathematiklehrer stotterte, und eine gewaltige Freude lag auf seinem Gesicht: »Sie sind zum Narren gehalten worden – genau so wie ich.«

»Und Sie haben also eine Untersuchung vorgenommen?« Die Stimme des kleinen Hartopp ertränkte Masons Worte, ehe Prout ihren Sinn erfassen konnte.

»Der Junge selbst deutete an, daß ein gut Teil von solchen Sachen im Hause vorkäme«, erklärte Prout.

»Auf dem Gebiet ist er unübertroffener Meister«, sagte der Kaplan. »Doch, was die Ehre des Hauses anbetrifft –«

»Sie haben sie in einer Woche heruntergebracht. Und ich habe danach gestrebt, sie für Jahre zu befestigen. Meine eigenen Hausaufseher – und ein Junge beklagt sich nicht gern über einen andern – ersuchten mich, sie von ihnen zu befreien. Sie behaupten, Sie besitzen ihr Vertrauen, Gillett: sie können Ihnen ja die Geschichte anders erzählen. Was mich anbetrifft, können sie auf ihre eigene Manier zum Teufel gehn. Ich bin müde und ihrer überdrüssig«, sagte Prout voll Bitterkeit.

Aber es war Ehrwürden John, der sich mit lächelnder Miene zum Teufel begab, gerade nachdem »Nummer fünf« die Ueberreste eines sehr angenehmen kleinen Schmauses abgeräumt hatte (er kostete sie zwei Schilling und vier Pence) und sich zur Arbeit hinsetzte.

»Kommen Sie herein, Padre, kommen Sie herein«, rief Latte und schob den besten Stuhl herbei, »Wir sind in den letzten zehn Tagen nur so ganz offiziell mit Ihnen zusammengekommen.«

»Ihr waret verurteilt«, entgegnete Ehrwürden John. »Mit Uebeltätern gebe ich mich nicht ab.«

»Ah, jetzt sind wir aber wieder rehabilitiert«, sagte M'Turk. »Mister Prout hat sich erweichen lassen.«

»Ohne einen Flecken auf unserm Charakter«, setzte Käfer hinzu. »Es war eine schmerzliche Episode, Padre, höchst schmerzlich.«

»Nun überlegt mal 'ne Weile und denkt nach, mes enfants. Ich habe heut abend über euren Charakter gesprochen. Was zum Henker, um im Schuljargon zu sprechen, habt ihr in Mr. Prouts Haus angestellt? Es ist nichts dabei zu lachen. Er sagt, ihr habt den Ton im Hause so heruntergebracht, daß er euch wieder in euer Studierzimmer zurückschicken mußte. Ist das wahr?«

»Jedes Wort davon, Padre.«

»Sei nicht leichtfertig, Turkey, hört auf mich. Ich hab' euch oft genug gesagt, daß kein Junge in der Schule mehr Einfluß zum Guten oder Bösen hat als ihr. Ihr wißt, ich rede nicht von Ethik und Moralgesetzen, weil ich nicht glaube, daß ein junges Menschentier versteht, was das für zukünftige Jahre bedeutet. Ebenso kann ich auch nicht glauben, daß ihr die Kleineren verdorben habt. Unterbrich mich nicht, Käfer. Hör' zu! Mister Prout hat die Idee, daß du deine Kameraden auf die eine oder die andre Art verdorben hast.«

»Mister Prout hat gar viele Ideen, Padre«, meinte Käfer gelangweilt. »Was für eine denn?«

»Nun, er erzählt mir, er hätte gehört, wie du in der Dämmerstunde im Arbeitssaal eine Geschichte im Flüsterton erzählt hättest. Und gerade, als er die Tür aufmachte, sagte Orrin: ›Halt's Maul, Käfer; das ist zu gräßlich.‹ Nun, was sagst du dazu?«

»Besinnen Sie sich noch auf ›die belagerte Stadt‹ von Mrs. Oliphant, die Sie mir voriges Semester borgten?« fragte Käfer.

Der Padre nickte.

»Daraus hab' ich die Idee. Nur an Stelle 'ner Stadt macht' ich das Institut draus, im Nebel, belagert von Geistern toter Jungen, die die Jungen aus ihren Betten im Schlafzimmer rausschleppten. Die Namen sind alle wirklich. Man muß es ganz leise erzählen – mit den Namen. Orrin gefiel es nicht ein bißchen. Keiner von allen hat's mich zu Ende vorlesen lassen. G'rade zum Schluß wird's erst recht grausig.«

»Aber um alles in der Welt, warum hast du das nicht Mister Prout erklärt, anstatt ihn in der Einbildung zu lassen – – –?«

»Padre Sahib,« meinte M'Turk, »es hat gar keinen Zweck, Mr. Prout was zu erklären, wenn er nicht die eine Einbildung hat, muß er die andre haben.«

»Er tut's in der besten Absicht. Er ist in loco parentis«, brummte Latte.

»Ihr jungen Dämonen!« erwiderte Ehrwürden John. »Soll ich darunter verstehen, daß die Sache mit der Wucherei eine andere Einbildung eures Hausmeisters war?«

»Na, wir haben 'n bißchen dabei geholfen«, sagte Latte. »Ich war Käfer zwei Schilling und vier Pence schuldig – wenigstens behauptete Käfer, es wär' so – aber ich hatte nie die Absicht, sie ihm zu bezahlen. Dann fingen wir auf der Treppe 'n bißchen davon zu reden an, und – und Mr. Prout fiel augenblicklich drauf 'rein. So war die Sache, padre. Er zahlte 's sofort bar aus (zog's mir sogleich von meinem Taschengeld ab), und Käfer gab ihm ganz nach der Ordnung meinen Schuldschein. Was nachher passiert ist, weiß ich nicht.«

»Ich war zu ehrlich«, meinte Käfer. »Ich bin immer so. Sehen Sie, Padre, er hatte eine Einbildung, und ich glaube, ich hätte sie ihm ausreden sollen; aber natürlich konnte ich nicht ganz genau wissen, daß sein Haus sich nicht mit Geldverleihen abgab. Nicht wahr? Ich dachte, die Aufseher würden mehr davon wissen als ich. Sie sollten es. Sie sind wacklige Paladine öffentlicher Schulen.«

»Sie wußten ja auch was davon – aber da war die Sache schon vorbei«, meinte M'Turk. »Das ist ein Paar von so gewissenhaften, gutmütigen, rechtschaffenen, unschuldigen Jungen, wie Sie sie je treffen möchten, Padre. Sie haben das Haus von oben nach unten gekehrt – Harrison und Craye – mit den besten Absichten von der Welt.«

»Sie behaupteten es.«

»Sie gaben es laut und deutlich vor.«

»Sie kamen und schrien es uns ins Ohr«, sagte Latte.

»Meine eigene private Einbildung ist, daß ihr alle drei unfehlbar gehängt werdet«, meinte Ehrwürden John.

»Warum? Wir haben nichts getan«, erwiderte M'Turk. »Es war alles Mister Prout. Haben Sie schon mal ein Buch über japanische Ringkämpfer gelesen? Mein Onkel – er ist in der Marine – schenkte mir mal ein schönes.«

»Versuch' nicht, das Thema zu wechseln, Turkey.«

»Will ich gar nicht, Sir. Ich will nur 'ne Illustration geben – 's ist ebenso gut wie 'ne Rede. Diese Kerle von Ringkämpfern haben so 'ne Art von Trick. Da hat dann der andre Bursche die ganze Arbeit. Und zuletzt geben sie ihm 'nen kleinen Schubs, und er wirft sich selbst um. Das heißt shibbuwichee oder tokonoma oder irgendso. Mister Prout ist ein shibbuwicher. Es ist nicht unsere Schuld.«

»Haben Sie geglaubt, wir gingen 'rum und verdürben den Füchsen ihren Charakter?« fragte Käfer. »Sie haben gar keinen, den man vornehmen könnte, und wenn sie einen hätten, wär' er schon längst verdorben. Ich bin ein Fuchs gewesen, Padre.«

»Na, ich wußte ja, ich kannte das normale Gebiet eurer Sünden; wenn ihr euch aber auch so viel Mühe gebt, zufällige Beweise gegen euch aufzuhäufen, könnt ihr gar keinen verantwortlich machen, wenn –«

»Wir machen auch gar keinen verantwortlich, Padre. Wir haben kein einziges Wort gegen Mister Prout gesagt, nicht wahr?« Latte sah die andern an. »Wir lieben ihn. Er hat gar keine Idee, wie wir ihn lieben.«

»Hm! Ihr versteht eure Liebe recht gut zu verstecken. Habt ihr je darüber nachgedacht, wer euch in erster Linie aus eurem Studierzimmer herausgebracht hat?«

»Mister Prout war's, der uns ausquartiert hat«, erklärte Latte mit Nachdruck.

»Nun, ich bin's gewesen. Ich hab's nicht beabsichtigt, aber ein paar Worte meinerseits, fürchte ich, brachten Mister Prout die Einbildung bei –«

»Nummer fünf« lachte laut.

»Sehen sie, Padre, mit Ihnen ist es dieselbe Sache«, sagte M'Turk. »Er ist schnell dabei, 'ne Einbildung zu haben, nicht wahr? Aber Sie müssen nicht denken, wir lieben ihn nicht, weil wir so sind. Es ist auch keine Unze Schlechtes an ihm.«

Es klopfte zweimal an die Tür.

»›Nummer fünf‹ soll sofort zum Herrn Direktor auf sein Zimmer kommen«, ertönte die Stimme Foxys, des Schulsergeanten.

»Huh!« sagte Ehrwürden John. »Es scheint mir, als ob es bei gewissen Leuten etwas Gehöriges setzen wird.«

»Mein Wort! Mister Prout ist hingegangen und hat es dem Direktor erzählt«, sagte Latte. »Er trägt den Mantel nach beiden Seiten. 's ist nicht anständig, den Direktor in 'nen Hausskandal 'reinzuziehen.«

»Ich möchte euch ein Diarium empfehlen – auf einen, hm, sicheren, bestimmten Teil«, schlug Ehrwürden John uneigennützig vor.

»Huh! Er haut über die Schultern, und 's würd' drauf klopfen wie auf ein riesiges Scheunentor«, meinte Käfer. »Gute Nacht, Padre. Wir sind bloß deshalb gerufen.«

Wieder einmal standen sie vor dem Direktor – Balial, Mammon und Luzifer. Aber sie hatten es mit einem Mann zu tun, der schlauer als sie alle war. Mister Prout hatte eine halbe Stunde lang mit ihm gesprochen, bedrückt und niedergeschlagen, und der Direktor hatte alles das durchschaut, was dem Hausmeister verborgen geblieben war.

»Ihr habt Mister Prout geärgert«, sagte er nachdenklich. »Hausmeister sind nicht dazu da, um von Jungen mehr als nötig geärgert zu werden. Ich mag nicht durch solche Dinge geärgert werden. Ihr ärgert mich. Das ist ein sehr ernstes Vergehen. Seht ihr das ein?«

»Ja, Sir!«

»Schön. Nun habe ich die Absicht, euch zu ärgern, aus persönlichen und privaten Gründen, weil ihr mir meine Zeit nehmt. Ihr seid viel zu groß, um Prügel zu bekommen; deshalb meine ich, ich werde euch mein Mißfallen auf irgendeine andere Weise zeigen müssen. Was meint ihr, jeder tausend Zeilen, eine Woche Arrest oder irgend so was Aehnliches? Seid viel zu groß, geschlagen zu werden, nicht?«

»O nein, Sir«, sagte Latte vergnügt, denn eine Woche Arrest im Sommerhalbjahr ist eine schlimme Sache.

»Sehr schön. Dann wollen wir also tun, was wir können. Ich wünsche, daß ihr mich nicht ärgern sollt.«

Es waren schöne, langgezogene, gleichmäßige Schläge, denen ein leichtes prüfendes Tasten voranging. Was sie aber am meisten fühlten, war seine unangenehme Angewohnheit, bei den einzelnen Schlägen mit dem Sprechen innezuhalten. So ging es:

»In den – unteren Klassen würde man mir nachsagen, ich schlüge – einfach drauf los. Ihr solltet für eure Privilegien dankbarer sein, als ihr seid. Es gibt eine Grenze – man lernt sie durch Erfahrung kennen, Käfer – über die hinaus es niemals geraten ist, eine persönliche Vendetta zu verfolgen, denn – rühr' dich nicht – früher oder später kommt man – in Kollision mit der – höheren Autorität, die ihre Leute kennt. Et ego – bitte, M'Turk – in Arcadia vixi. 's ist doch 'ne himmelschreiende Ungerechtigkeit, die euch – eigentlich 'n bißchen nahegehen sollte. So, das ist alles! Ihr werdet jetzt euerm Hausmeister sagen, daß ihr von mir offiziell Schläge bekommen habt.«

»Mein Wort drauf,« sagte M'Turk und rieb sich den ganzen Korridor hinunter die Schulterblätter, »das war 'ne Sache! Der alte Bates hat ein verdammt sicheres Auge.«

»War's nicht schlau von mir,« fragte Latte, »um die Prügel zu bitten, statt der Strafarbeiten?«

»Quatsch! Wir waren von Anfang an deshalb 'reingerufen. Ich sah schon, wie er mit seinen alten klugen Augen blinzelte«, erklärte Käfer. »Ich hätt' um 'n Haar geheult.«

»Na, ich hab' auch g'rade nicht gelächelt«, bekannte Latte.

»Wir wollen ins Waschzimmer 'runtergehn und uns den Schaden beseh'n. Einer von uns kann den Spiegel halten, und die andern seh'n sich's an.«

Das dauerte beinahe zehn Minuten. Die Striemen waren sehr rot und sehr gerade. Auch nicht um einen Pfennig wichen sie untereinander ab in Gründlichkeit, Wirksamkeit und einer gewissen Reinheit der Linienführung, die das Werk des Künstlers kennzeichnet.

»Was macht ihr hier unten?« Mister Prout stand oben auf der Treppe; das Geräusch des Plätscherns hatte ihn herbeigelockt.

»Wir sind bloß vom Direktor geschlagen worden, Sir, und waschen uns das Blut ab. Wir werden uns in einer Minute melden, Sir. (Sotta voce.) Das kann sich Huftier gutschreiben!«

»Na, er verdient's auch, armer Teufel der«, meinte M'Turk und zog sein Hemd an. »Wir haben ihn um zehn Pfund leichter gemacht, seit wir angefangen haben.«

»Ja, aber warum sind wir nicht auf den Direktor wütend? Er sagte, 's wäre 'ne himmelschreiende Ungerechtigkeit. Das ist's auch!« sagte Käfer.

»Ein lieber Mann«, erklärte M'Turk in einem Ton, der jede weitere Antwort ausschloß.

Latte aber lachte, bis er sich an einer Wanne halten mußte.

»Du bist 'n komischer Esel! Was soll das heißen?« fragte Käfer.

»Ich – ich denke nur an die himmelschreiende Ungerechtigkeit!«

 


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