Sören Kierkegaard
Drei Beichtreden
Sören Kierkegaard

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I.

Wohin sollen wir gehen, wenn nicht zu Dir, Herr Jesus Christus! Wo sollte der Leidende Mitleid finden, wenn nicht bei Dir, und wo der Reuige, ach, wenn nicht bei Dir, Herr Jesus Christus!

Ebr. 4,15. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleid haben mit unserer Schwachheit, sondern der versucht ist allenthalben gleich wie wir, doch ohne Sünde.

Mein Zuhörer, ob Du selbst gelitten hast, oder ob Du Leidende kennen lerntest, vielleicht in der schönen Absicht, zu trösten: Du hast sie wol oft vernommen diese allgemeine Klage der Leidenden »Du verstehst mich nicht, ach, Du verstehst mich nicht; Du setzest Dich nicht in meine Lage, wärst Du in meiner Lage, oder könntest Du Dich ganz in meine Lage versetzen und also mich ganz verstehen, da würdest Du anders sprechen.« Da würdest Du anders sprechen – damit will der Leidende sagen, auch Du würdest dann einsehen und verstehen, daß kein Trost ist.

Also dies ist die Klage; der Leidende klagt fast immer darüber, daß der Tröstende sich nicht in seine Lage versetze. Allerdings hat er auch immer etwas Recht; denn kein Mensch erlebt ganz dasselbe wie der andere, und selbst wenn dies wäre, es bleibt doch die Grenze, daß bei dem besten Willen Keiner ganz empfinden, fühlen und denken kann wie ein andrer Mensch, sich also auch nicht ganz in des Andern Stelle versetzen kann. Aber in anderm Sinne behält der Leidende Unrecht, wenn er daraus folgern will, daß es also keinen Trost für Leidende gebe; denn es kann ja auch gefolgert werden, daß Jeder den Trost in sich selbst, das ist bei Gott suchen und finden soll. Es war wol gar nicht Gottes Wille, daß der eine Mensch vollständigen Trost bei dem andern finden sollte; es ist im Gegenteil Gottes wohlgefälliger Wille, daß jeder Mensch Trost bei ihm suchen soll, daß wenn die Trostgründe, welche Andere bieten, ihm geschmacklos werden, daß er dann zu Gott sich wendet, gehorsam dem Wort der Schrift: Habt Salz in euch selbst, und haltet Frieden mit einander. O, Du Leidender, und Du, der Du vielleicht aufrichtig und wohlmeinend zu trösten wünschest: streitet doch nicht den unnützen Streit mit einander! es giebt ja doch Einen, der sich ganz in Deine und jedes Leidenden Stelle versetzen kann: der Herr Jesus Christus.

Davon reden die verlesenen heiligen Worte: »Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleid haben mit unserer Schwachheit«, das ist: wir haben einen, der kann Mitleid haben mit unserer Schwachheit; und weiter »wir haben einen, der ist versucht allenthalben, gleichwie wir.« Dieses ist nämlich die Bedingung um wahres Mitleid haben zu können – denn das Mitleid des Unerfahrenen und Unversuchten ist Mißverständnis, ein für den Leidenden meist beschwerliches und verwundendes Mißverständnis. – Wir haben einen solchen Hohenpriester, der kann Mitleid haben. Und daß Er Mitleid haben muß, das siehst Du ja daraus, daß er aus Mitleid sich versuchen ließ allenthalben gleichwie wir; denn es geschah ja aus Mitleid, daß er zur Erde kam, und es war wieder aus Mitleid und um wahres Mitleid haben zu können, daß er versucht wurde allenthalben gleichwie wir, Er der sich nun ganz in Deine, in meine, in unsre Lage versetzen kann und es thut.

Davon wollen wir in dem vorgeschriebenen kurzen Augenblick reden.

Christus setzt sich ganz in Deine Stelle. Er war Gott und wurde Mensch – so setzte er sich in Deine Stelle. Dies will ja das wahre Mitleid so gern, es will sich so gern in die Lage des Leidenden versetzen, um recht trösten zu können. Aber dies vermag das menschliche Mitleid nicht; nur das göttliche Mitleid vermag es – und Gott wurde Mensch. Er wurde Mensch, und Er wurde der Mensch, der von Allen unbedingt am meisten gelitten hat; niemals ward ein Mensch geboren, und es wird und kann niemals einer geboren werden, der leiden sollte wie Er. O, welche Bürgschaft für Sein Mitleid, o welches Mitleid, das solche Bürgschaft giebt! Mitleidig öffnet er seine Arme für alle Leidende; kommet her, sagt Er, Alle, die ihr mühselig und beladen seid; kommet her zu mir, sagt Er, und er steht ein für sein Wort, denn er litt unbedingt am meisten. Aus Mitleid, um Trost zu sichern, leidet er unendlich mehr als der Leidende, welches Mitleid! Du Leidender, was forderst Du? Du forderst, daß der Mitleidende sich soll ganz in Deine Lage setzen, und Er, das Mitleid selbst, setzt sich nicht blos in Deine Lage, er leidet unendlich mehr als Du! O, für einen Leidenden sieht es wol zuweilen so treulos aus, daß sich das Mitleid etwas zurück hält: aber hier, hier wagt sich das Mitleid voraus in das unendlich größere Leiden.

Er setzte sich und er kann sich ganz versetzen in Deine Lage, Du Leidender, wer Du auch bist. – Ist es zeitliche und irdische Bekümmerung, Armut, Sorge um das Auskommen und was dazu gehört: auch Er hat Hunger und Durst gelitten und grade in den schwierigsten Augenblicken seines Lebens, wo er zugleich geistig kämpfte, in der Wüste und am Kreuz; und zum täglichen Gebrauch besaß er nicht mehr als die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel – so viel besitzt doch auch der Aermste! Und Er, der im Stall geboren und in eine Krippe gelegt wurde, Er hatte sein Leben hindurch nicht, wohin er sein Haupt lege – so viel Obdach hat doch auch der Obdachlose! Sollte Er sich nicht ganz in Deine Stelle setzen können und Dich verstehen!

Oder ist es Herzenssorge: auch Er hatte einmal Freunde, oder richtiger, er meinte einmal sie zu haben; aber als dann die Entscheidung kam, da verließen sie Ihn Alle, doch nein, nicht Alle, es blieben zwei zurück, der eine verriet ihn, der andere verleugnete ihn! Auch er hatte einmal Freunde, oder richtiger, er meinte einmal welche zu haben; sie schlossen sich so eng an ihn, sie stritten sogar darum, wer den Platz zu seiner Rechten einnehmen sollte und wer den Platz zu seiner Linken, bis die Entscheidung kam und er, statt auf den Thron erhoben zu werden, am Kreuz erhöht wurde; da wurden zwei Räuber wider ihren Willen gezwungen, den leeren Platz zu seiner Rechten und den leeren Platz zu seiner Linken einzunehmen! Meinst Du nicht, daß Er sich ganz in Deine Lage versetzen kann!

Oder ist es Sorge über die Schlechtigkeit der Welt, über den Widerstand, den Du und das Gute leiden mußt? Wenn es nur ganz gewiß ist, daß Du in Wahrheit das Gute und Wahre willst – o, dann wirst Du doch wol nicht wagen, Dich mit Ihm zu vergleichen, Du, ein Sünder, mit Ihm, dem Heiligen, der zuerst diese Leiden erlebte, so daß Du höchstens in Aehnlichkeit mit ihm leiden kannst, und der ewig diese Leiden heiligte, also auch Deine, wenn Du anders in Aehnlichkeit mit ihm leidest. Er wurde verachtet, verfolgt, verhöhnt, verspottet, bespeit, gegeißelt, mißhandelt, gekreuzigt, verlassen von Gott unter allgemeinem Jubel gekreuzigt: was Du auch gelitten hast und wer Du auch bist, meinst Du nicht, daß er sich ganz in Deine Lage setzen kann!

Oder ist es die Sorge über die Sünde der Welt und ihre Ungöttlichkeit, die Sorge darüber, daß die Welt im Argen liegt, die Sorge darüber, wie tief die Menschen gefallen sind, die Sorge darüber, daß Gold für Tugend gilt, daß Macht Recht ist, daß die Menge die Wahrheit ist, daß nur die Lüge Anklang findet, daß nur das Böse siegt, daß nur die Selbstliebe geliebt wird, daß nur die Mittelmäßigkeit gelobt, nur die Klugheit geachtet, nur die Halbheit gepriesen wird und nur die Niederträchtigkeit vorwärts kommt: o in dieser Hinsicht würdest Du doch wol nicht wagen Deine Sorge zu vergleichen mit der Sorge, welche der Erlöser der Welt trug; wie sollte er sich nicht ganz in Deine Stelle setzen können! – Und so bei jedem Leiden.

Und deshalb Du Leidender, wer Du auch bist, schließ Dich nicht verzweifelt mit Deinen Leiden ein, als könnte Keiner, auch Er nicht, Dich verstehen; rufe auch nicht ungeduldig Deine Leiden aus, als wären sie so fürchterlich, daß auch Er sich nicht ganz in Deine Lage versetzen könnte; sei nicht vermessen, sondern bedenke, daß er unbedingt und ohne allen Vergleich von Allen am meisten gelitten hat. Denn willst Du wissen, wer am meisten leidet, nun, so laß es mich Dir sagen. Nicht der unterdrückte Schrei stummer Verzweiflung, auch nicht der gellende Aufschrei, der Andre schreckt, giebt den Ausschlag, nein grade das Gegenteil. Der leidet unbedingt am meisten, von dem in Wahrheit gilt, daß er gar keinen anderen Trost hat als den: Andere zu trösten; denn das ist doch und zwar allein der wahre Ausdruck dafür, daß sich in Wahrheit Keiner in seine Lage versetzen kann. Und so ist es bei ihm, dem Herrn Jesus Christus; er war nicht ein Leidender, der bei Andern Trost suchte, noch weniger fand er ihn bei Andern, noch weniger klagte er darüber, daß er ihn bei Andern nicht finde, nein er war der Leidende, dessen einziger, unbedingt einziger Trost war, Andern ein Trost sein. Sieh hier bist Du zur höchsten Höhe des Leidens gekommen, aber auch zur Grenze des Leidens, wo Alles sich umkehrt; denn Er, grade Er ist »der Tröster«. Er ist der Einzige, von dem in Wahrheit galt, daß Keiner sich in seine Stelle versetzen konnte – wie wahr, wenn er so geklagt hätte! – aber Er kann sich ganz in Deine und jedes Leidenden Stelle versetzen. Klagst Du, daß gar Keiner sich in Deine Lage setzen könne, nun wol, so beweise es; dann ist für Dich nur Eins übrig, werde selbst der, welcher Andere tröstet. Dies ist der einzige Beweis, durch den Du zeigen kannst daß sich in Wahrheit Keiner in Deine Lage setzen kann. So lange Du darüber klagst, so lange bist Du mit Dir selbst darin nicht einig, sonst würdest Du wenigstens schweigen. Aber wenn Du auch schwiegest, so lange Du nicht auf Dich nimmst Andre zu trösten, so lange bist Du mit Dir selbst nicht ganz einig darin, daß keiner sich in Deine Lage setzen könne. Du sitzest dann doch nur in stummer Verzweiflung, wieder und wieder mit dem Gedanken beschäftigt, daß Keiner sich in Deine Lage setzen könne, das heißt, Du mußt jeden Augenblick diesen Gedanken fest machen, er ist also nicht fest, und er ist nicht ganz Wahrheit in Dir. Doch wahr kann es ja auch nicht bei einem Menschen sein, daß Keiner sich in seine Lage setzen könne; denn grade Er, Jesus Christus, in dessen Stelle sich Keiner, weder ganz noch teilweise, versetzen kann, grade Er kann sich ganz in Deine Stelle setzen.

Er setzte sich ganz in Deine Stelle, wer Du auch bist, der Du in Versuchung und Anfechtung versucht wirst. Er kann sich ganz in Deine Stelle setzen »versucht allenthalben gleich wie wir«.

Wie bei dem Leidenden so bei dem Versuchten und Angefochtenen, auch er klagt gern, daß ihn nicht verstehe, wer ihn trösten oder beraten oder warnen will, daß er sich nicht in seine Lage versetzen könne. »Wärst Du in meiner Lage« sagt er »oder könntest Du Dich in meine Lage versetzen, könntest Du verstehen, mit welch schrecklicher Macht die Versuchung mich umspannt, könntest Du verstehen, wie fürchterlich die Anfechtung jeder meiner Anstrengungen spottet: so würdest Du anders urteilen. Du kannst leicht ruhig davon reden, leicht Dich selbst besser fühlen, weil Du in der Versuchung nicht fielst, nicht erlagst unter der Anfechtung – Du bist weder in der einen noch in der andern versucht. Wärst Du an meiner Stelle!«

O, mein Freund, streite nicht einen unnützen Streit, der nur Dir selbst und Andern das Leben verbittert: es giebt doch Einen, der sich ganz in Deine Lage setzen kann, den Herrn Jesus Christus, der »weil er gelitten hat und versucht ist, kann helfen denen, die versucht werden« (Ebr. 2, 18); es giebt Einen, der sich ganz an Deine Stelle setzen kann, Jesus Christus, welcher jede Versuchung in Wahrheit kennen lernte, dadurch daß er in jeder Versuchung bestand. – Ist es Nahrungssorge und ganz buchstäblich im strengsten Sinn Sorge um Nahrung, so daß der Hungertod droht: auch Er wurde so versucht; versucht Dich das dummdreiste Wagen: auch Er wurde so versucht; wirst Du versucht von Gott abzufallen: auch Er wurde so versucht; ganz kann Er sich in Deine Lage versetzen, wer Du auch bist. Wirst Du in der Einsamkeit versucht, auch Er, den der böse Geist ja hinaus in die Einsamkeit führte, um ihn zu versuchen. Wirst Du in der Verwirrung der Welt versucht, auch Er, dessen guter Geist ihn abhielt, daß er sich nicht von der Welt zurück zog, bis er das Werk der Liebe vollendet hatte. Wirst Du versucht in dem großen Augenblick der Entscheidung, wenn es gilt Allem zu entsagen: auch Er; oder wirst Du im nächsten Augenblick versucht zu bereuen, daß Du Alles opfertest: auch Er. Wirst Du in der ermattenden Spannung versucht, das Schreckliche bald herbeizuwünschen, oder wirst Du versucht, Dir verschmachtend den Tod zu wünschen: auch Er. Ist die Versuchung die, daß Du von Menschen verlassen bist: auch Er wurde so versucht; ist es die – doch nein, die Anfechtung hat doch wol kein Mensch erlebt, die Anfechtung von Gott verlassen zu sein; aber Er wurde so versucht. Und so in jeder Weise.

Und deshalb, wer Du auch bist, verstumme nicht in Verzweiflung, als wäre die Versuchung übermenschlich und für Niemand verständlich, male auch nicht ungeduldig die Größe Deiner Versuchung aus, als könnte auch Er sich nicht ganz in Deine Stelle setzen. Denn willst Du wissen, was dazu gehört, um in Wahrheit beurteilen zu können, wie groß eine Versuchung ist, nun so laß es mich Dir sagen. Es gehört dazu, daß Du in der Versuchung bestanden hast. Erst dann erfährst Du in Wahrheit, wie groß die Versuchung war. So lange Du nicht bestanden hast, weißt Du nur, was die Versuchung Dir einbildet, grade um Dich zu versuchen; also die Unwahrheit. Von der Versuchung Wahrheit zu fordern, das ist zu viel verlangt; die Versuchung ist ein Betrüger und Lügner, sie hütet sich die Wahrheit zu sagen, denn ihre Macht ist grade die Unwahrheit. Willst Du die Wahrheit wissen, so mußt Du sehen der Stärkere zu werden, also sie zu bestehen. Und deshalb giebt es nur Einen, welcher ganz genau die Größe jeder Versuchung kennt, und sich ganz in die Lage jedes Versuchten setzen kann: Er, der versucht wurde allenthalben gleichwie wir, aber auch in jeder Versuchung bestand. Nimm Dich in Acht leidenschaftlich die Versuchung zu schildern und über ihre Größe zu klagen; mit jedem Schritt weiter auf diesem Wege, klagst Du Dich selbst nur immer mehr an. Du kannst auch Dein Unterliegen nicht damit entschuldigen, daß Du immer übertriebener die Größe der Versuchung schilderst; denn Alles, was Du sagst, ist ja Unwahrheit, da Du die Wahrheit erst erfährst, wenn Du die Versuchung bestehst. Vielleicht könnte Dir ein andrer Mensch helfen, der auf gleiche Weise versucht wurde, aber bestand, denn er weiß die Wahrheit. Aber selbst wenn Dir kein Mensch so helfen könnte: es giebt doch Einen, der sich ganz in Deine Lage setzen kann, Er der versucht wurde allenthalben gleichwie wir, aber die Versuchung bestand. Von ihm kannst Du die Wahrheit erfahren, doch nur dann wenn Er sieht, daß es Dein redlicher Wille ist, in der Versuchung zu bestehen. Oder meinst Du vielleicht, es könnte Dich nur Einer verstehen, der in derselben Versuchung erlag, so daß ihr Beide euch verstündet – in Unwahrheit! Heißt das einander »verstehen«? Nein, hier ist die Grenze, wo Alles sich umwendet: es giebt nur Einen, der in Wahrheit sich ganz in die Lage jedes Versuchten setzen kann – und Er kann es grade, weil er allein in jeder Versuchung bestand. Aber zugleich, o, vergiß es nicht. Er kann sich ganz in Deine Lage versetzen.

Er setzte sich ganz in Deine Lage, er wurde versucht allenthalben gleichwie wir – doch ohne Sünde. Also in dieser Hinsicht versetzte er sich nicht in Deine Stelle, kann er sich nicht ganz in Deine Stelle setzen, Er, der Heilige, wie sollte es möglich sein! Unendlich groß ist der Unterschied zwischen Gott, der im Himmel ist, und Dir, der Du auf Erden bist: unendlich größer ist der Unterschied zwischen dem Heiligen und Dir dem Sünder.

O, und doch, auch in dieser Hinsicht, wenn auch in ganz andrer Weise setzte Er sich ganz in Deine Stelle. Denn wenn das Leiden und Sterben des Erlösers die Sühne für Deine Sünde und Schuld ist – wenn es die Genugthuung, die Sühne ist, so tritt sie ja für Dich ein, oder Er, der Sühner tritt in Deine Stelle, an Deiner Stelle leidend die Strafe der Sünde, damit Du gerettet würdest, an Deiner Stelle den Tod für Dich leidend, damit Du leben möchtest: setzt er sich da nicht ganz in Deine Stelle? Hier gilt es ja noch buchstäblicher als in dem Vorigen, wo es nur bezeichnete, daß er Dich ganz verstehen kann, während Du doch an Deiner Stelle bleibst und Er an der seinen. Aber die Genugthuung der Versöhnung bedeutet ja, daß Du zur Seite trittst, und Er Deine Stelle einnimmt: setzt er sich da nicht ganz in Deine Stelle?

Was ist nämlich »der Versöhner« Anderes, als ein Stellvertreter, welcher ganz an Deine und meine Stelle tritt, und was ist der Trost der Versöhnung Anderes als dies, daß der Stellvertreter genugthuend an Deine und meine Stelle tritt! Wenn die strafende Gerechtigkeit hier in der Welt oder jenseits im Gericht die Stelle sucht, wo ich Sünder mit meinen vielen Sünden stehe, – da trifft sie nicht mich; ich stehe nicht mehr an der Stelle; ich habe sie verlassen; es steht ein Anderer an meiner Stelle, ein anderer der sich ganz in meine Stelle setzt; ich stehe gerettet an der Seite dieses Andern, an der Seite meines Versöhners, der sich ganz in meine Stelle setzte! Hab Dank dafür, Herr Jesus Christus!

Mein Zuhörer, einen solchen Hohenpriester haben wir: wer Du auch bist und wie Du auch leidest, er kann sich ganz in Deine Stelle setzen; wer Du auch bist und wie Du auch versucht wirst, er kann sich ganz in Deine Stelle setzen; wer Du auch bist, o Sünder, wie wir es Alle sind, er setzt sich ganz in Deine Stelle. Du gehst nun hinauf zu dem Altare, wieder wird Dir das Brod gereicht und der Wein, sein heiliger Leib und sein heiliges Blut, wieder zum ewigen Pfand dafür, daß Er durch sein Leiden und Sterben sich auch in Deine Stelle setzte, auf daß Du durch ihn gerettet, an dem Gericht vorüber darfst eingehen zum Leben, wo wieder Er Dir die Stätte bereitet hat.


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