Jean Paul
Über die deutschen Doppelwörter
Jean Paul

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Neunter Brief

Die Zweisylben mit e im Plural

 
Baireuth den 23. Sept. 1817

Noch immer, hohe Freundin, dauern Siege über das s fort, wenn gleich nicht immer mit gleichem Glanz. Die Jambus-Wörter beiderlei Geschlechts fügen sich gut: Gesang, Gewürz, Gestirn, Gebet, Gehirn, Gesetz, Geschütz, Gelenk, Gespräch, Gefäß, Gewicht, Gewinn, Geduld, Gewehr, Gehör – diese geben Gesangbuch, Gewürzinseln, Gehörnerven etc. Mit welchem Rechte zischen uns dann noch Geschäftsträger und Befehlshaber, Gesichts-, Geruchs-, Geschmacks- und Geschlechts- und Gerichts-schranken entgegen? Sogar die Ausländer, wie Metall, Fabrik, Kultur, Papier, Salat, Tabak, Quartier, Konzert, bekleiben an den Grundwörtern ohne s-Leim, und nur Distriktsräumung nach Edikts-Bekanntmachung steht erbärmlich allein da.

– Einige Jamben, die zwar im Plural en haben, deren aber viel zu wenige sind, als daß ich sie einer besonderen Fachklasse in Briefen an Sie, hohe Freundin, hatte wert halten wollen, führ' ich nur wegen ihrer guten Ehen zur Beschämung mancher andern Jamben an: Gewalthaber, Gefahrlos, Gestaltreiz, vorzüglich um zu fragen, ob denn der klägliche Geburts- oder Geburzstuhl und Geburztag nicht in den sanften Geburtstuhl und noch sanftern Geburttag zu verwandeln ist. – In diesem neunten Briefe vom Herbstanfange erscheinen, Teuerste, noch einige Wörter, welche, ohne Jamben zu sein, doch richtig genug heiraten, wie: Abend, Honig, Pfennig, Käfig; nur König ausgenommen, welches Wort (wieder in Königreich ausgenommen) sich immer mit dem Genitiv-s behängt. Derselbe Beugefall klebt der Sylbe ling in Frühling, Jüngling, Liebling, Zögling, Zwilling, Drilling an. In einem meiner nächsten Briefe werd' ich mehr von dieser gewöhnlichen Regellosigkeit des Zeugefalls sprechen, aber nicht zu dessen Vorteil.

Ich bin, Freundin, etc.


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