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Erster Theil.

I.
Elsbeth und ihre Familie

Manchem gefällt ein Weg
wohl, aber sein Letztes reicht
zum Tode.

Sprüche 16, 25.

»Elsbeth, decke den Tisch und bereite das Abendessen! Es ist gleich acht Uhr, und Du weißt, wenn der Vater kommt und findet das Essen nicht fertig, so wird er sehr unwillig.«

»Gleich, Mutter, gleich! Diese Stelle ist aber gerade so sehr anziehend, die muß ich erst zu Ende lesen. Der Vater wird auch wohl so präcise nicht kommen. Ich gehe aber gleich.«

Die Frau, welche also ihr Töchterlein angeredet, mochte vierzig Jahre zählen. Sie saß vor ihrem Nähtische am Fenster, eine Näharbeit ruhte auf ihrem Schoße, in ihrer Hand aber hielt sie ein Buch, das sich durch sein abgegriffenes und beschmutztes Aeußere als eines jener viel begehrten und viel gelesenen, aber nichts weniger als segensreich wirkenden Leihbibliothekenbücher kennzeichnete.

Ihr gegenüber, in der andern Fensternische saß Elsbeth, ihr dreizehnjähriges Töchterchen, und hatte sich in die Lectüre einer Romanzeitung vertieft.

Die angedeutete »anziehende Stelle« war noch nicht zu Ende gelesen, als sich auf der Treppe feste Männerschritte vernehmen ließen. Elsbeth sprang auf und begann in großer Hast den Tisch zu decken. Sie war damit auch beinahe fertig, als sich die Stubenthür öffnete und der Vater hereintrat.

»Guten Abend! können wir essen?«

»Gleich, lieber Vater, ich koche nur noch die Eier.«

Elsbeth verließ das Zimmer.

Der Vater, eine hohe, kräftige Männergestalt, schritt unruhig im kleinen Zimmer auf und ab.

Die Mutter, welche beim Eintritt ihres Mannes das Buch schnell zur Seite gelegt, nähte jetzt eifrig an einer Knabenjacke.

»Wo sind denn die Kleinen?« fragte Herr Walter nach einer Weile.

»Die spielen noch draußen, aber sie werden wol gleich kommen.«

»Gleich kommen! Ja, aber wie oft habe ich Dir gesagt, daß ich nicht wünsche, daß die Kinder so spät noch auf der Straße sind. Eine große Stadt ist wirklich nicht dazu geeignet, um kleine Kinder ohne Schutz und Aufsicht umher laufen zu lassen.«

»Aber, lieber Alfred, ich kann doch unmöglich die beiden wilden Jungen den ganzen Tag hier oben, drei Treppen hoch, in der Stube haben, ich würde den Lärm geradezu nicht ertragen können. Und außerdem müssen die Kinder doch auch Bewegung in der frischen Luft haben. Paul ist jetzt neun Jahr alt; er ist ein sehr verständiger und vorsichtiger Knabe und wacht mit einer wahrhaft mütterlichen Sorgfalt über seinen kleineren Bruder. Ich glaube, wir können in dieser Beziehung ganz ruhig sein.«

Statt einer Antwort sah Herr Walter nach seiner Uhr und warf sich mit der Geberde des Unmuths und der Ungeduld in die Sofaecke.

»Und wo ist Georg?« fragte er nach einigen Augenblicken.

»Der hat schon zu Abend gegessen, er ist mit einem Freunde in's Theater gegangen.«

»Schon wieder in's Theater? Liebe Auguste, ich finde es wirklich sehr überflüssig, daß der Junge so oft in's Theater geht. Ich quäle mich von Morgens acht Uhr bis Abends acht Uhr als Buchhalter im Geschäfte, um die nöthigen Mittel zur Erhaltung meiner Familie herbeizuschaffen, und mein Herr Sohn, der Tertianer, besucht das Theater, um sich von seinen paar Schulstunden zu erholen.«

»Lieber Alfred, wie Du jetzt sprichst! Du willst doch selbst, daß unsere Kinder eine möglichst feine Erziehung erhalten, und was kann bildender für die heranwachsende Jugend sein, als das Theater? Und was Dich betrifft, lieber Mann, so bist Du ja allerdings an die Geschäftsstunden gebunden, aber Du weißt Dir nach vollbrachter Tagesarbeit doch immer noch ein Erholungsstündchen im Club und am Spieltische zu verschaffen, während ich doch eigentlich alles entbehre, das ...«

»Ich bitte Dich, liebe Frau, fange nicht wieder dieses Capitel an. Ihr Frauen wißt Euch das Leben schon angenehm und bequem genug zu machen.«

Bei den letzten Worten war Herr Walter aufgesprungen und begann wieder in großer Erregung das Zimmer zu durchschreiten. Zum Glück trug Elsbeth jetzt endlich das sehnlich erwartete Abendbrot auf, sonst möchte die Unterredung zwischen den Eltern eine noch peinlichere Wendung genommen haben.

Nach wenigen Augenblicken saßen die Drei am wohlbesetzten Tisch und ließen sich, nach dem stillen Eifer, mit welchem sie dem Geschäfte des Essens oblagen, zu urtheilen, die Gottesgabe sehr gut schmecken.

Herr Walter hatte sein Mahl zuerst beendigt; er schob seinen Stuhl zurück, griff nach seinem Hut und war mit einem kurzen »Gute Nacht« zur Thür hinaus.

Mutter und Tochter blieben noch eine Weile schweigend am Tische sitzen; da ließ sich auf der untersten Treppe ein Geräusch vernehmen, das sich mit jedem Augenblicke verstärkte und sich bald als das Getrappel von vier muntern Knabenbeinen erwies. Die Thür wurde mit Ungestüm aufgerissen und herein stürmten die vorhin vom Papa als »die Kleinen« bezeichneten Knaben Paul und Heinrich.

»Mutter, wir sind sehr hungrig! Elsbeth, gieb uns zu essen!« rief Paul mit glühendem, schweißtriefenden Gesicht.

»Erst benehmt Euch mal wie wohlerzogene Knaben!« mahnte die Mutter mit strengem Ton.

»Guten Abend denn!« rief Paul, riß seine Mütze, deren Schirm nur noch an einer Ecke mit ihr zusammenhing, vom Kopfe und warf sie auf einen Stuhl.

Beide Knaben setzten sich nun mit ungewaschenen Händen und wirrem Haar an den Tisch, um ihr Abendbrot in großer Hast zu verschlingen.

»Paul«, begann die Mutter in demselben strengen Ton, »wo seid Ihr wieder so lange gewesen? Du weißt doch, daß der Vater jedesmal sehr zürnt, wenn er Euch um acht Uhr nicht zu Hause findet.«

»Mutter«, rief der kleine Heinrich begeistert, »es war wunderschön draußen.«

»Ja«, bestätigte Paul, »es war ganz herrlich, wir trafen einen Bärenführer, der hatte zwei Bären, ein großes Kameel mit zwei Höckern und eine Menge Affen bei sich. An jeder Straßenecke hielt er still und die Thiere mußten ihre Kunststücke machen. Alle Jungen liefen hinterher und wir auch.«

»Denke Dir, Mutter, einer der Bären hätte mich beinahe einmal geleckt«, rief Heinrich noch ganz stolz in der Erinnerung an das bestandene Abenteuer.

»Und ein Affe hat mich bei den Haaren gezaust und mir die Mütze zerrissen«, ergänzte Paul.

»So, jetzt ist's aber genug für heute«, bestimmte die Mutter, »nun rasch in's Bett.«

Die Anstrengungen des Nachmittags, sowie die reichlich und rasch genossene Mahlzeit mochte den beiden Kleinen selbst ein längeres Ausbleiben nicht als wünschenswerth erscheinen lassen, sie verabschiedeten sich ohne Widerrede.

Nun hätte es im kleinen Stübchen recht traulich und gemüthlich werden können; der Tisch war abgeräumt, die Arbeit des Tages vollbracht, die Lampe verbreitete einen behaglichen Schein, und rings umher war alles so still und friedlich. Was hätten nun Mutter und Tochter einander sein können! Aber es kam zwischen ihnen dennoch zu keinem erfreulichen Beisammensein, denn es fehlte ihnen das zu einem genußreichen und gesegneten Beisammensein unumgänglich Nothwendige: Frieden mit Gott und das rechte Verhältniß zu einander.

Die Mutter nahm ein Strickzeug, das vorhin eilig bei Seite gelegte Leihbibliothekenbuch und setzte sich in's Sofa.

Elsbeth nahm ihr gegenüber auf einem Stuhle Platz, unschlüssig, wie es schien, über die jetzt vorzunehmende Beschäftigung.

Die Mutter bemerkte es und sagte:

»Elsbeth, Du hast doch gewiß auch noch auf morgen für die Schule zu arbeiten; ich habe Dich überhaupt heute noch nicht lernen sehen. Wir lassen Dich«, fuhr sie mit Wärme fort, »die höhere Töchterschule besuchen, um Dir eine feine, vielseitige Ausbildung zu geben, damit Du Dich später ohne Scheu in jeder höhern Gesellschaft sehen lassen kannst. Du weißt, wie schwer es dem Vater wird, das hohe Schulgeld zu erschwingen, benutze daher die Dir gebotene Gelegenheit nach besten Kräften, um Dir Kenntnisse, und vor allem Sprachkenntnisse zu erwerben, denn die letzteren gehören nun einmal zu einer vollendeten Bildung.«

»Ich habe noch eine französische Uebersetzung zu machen«, sagte Elsbeth, holte ihre Bücher und begann eifrig in ihrem Dictionnaire zu blättern.

Die Mutter schlug ihr Buch auf und vertiefte sich, im Vollgefühle des Bewußtseins ihrer soeben glänzend erfüllten Mutterpflichten, mit doppelt gutem Gewissen in die Lectüre eines Buches, dessen eigenthümlicher Geruch – wie er die beliebtesten und gelesensten Leihbibliothekenbücher als solche zu kennzeichnen pflegt und der mir stets als das kürzeste Resümé ihres Inhalts erschienen – ihre sonst so empfindlichen Geruchsnerven auf das Höchste beleidigt und empört haben würde, hätte nicht der Inhalt des Buches ihre ganze Seele dergestalt gefangen genommen, daß sie bald alles um sich her vergaß.

Auf diesen Augenblick hatte Elsbeth, welche trotz ihres geschäftigen Hin- und Herblätterns im Wörterbuche ihre Mutter scharf beobachtete, gewartet, um mit einer geschickten Handbewegung die bis dahin auf ihrem Schoße verborgen gehaltene Romanzeitung auf den Tisch zu befördern.

Von nun an lebten Mutter und Tochter nicht in der Welt, in welche Gott, der Herr, sie gestellt, um die ihnen befohlene Arbeit zu thun, sondern in derjenigen, welche die ausschweifende Phantasie irgend eines gewissenlosen Schriftstellers mit glühenden, aber etwas sudeligen Farben um sie schuf.

Es herrschte eine lautlose Stille im Zimmer, nur von Zeit zu Zeit durch das leise Knistern unterbrochen, welches das Umwenden der Blätter verursachte. Da plötzlich erhob die Wanduhr ihre Stimme und verkündete in langgezogenen, schnarrenden Tönen die elfte Abendstunde. Die Mutter fuhr empor.

»Was, Elsbeth, Du liesest schon wieder in der Romanzeitung? Bist Du denn mit den Schularbeiten fertig? Es ist spät, geh zu Bett.«

Elsbeth gehorchte diesmal ungewöhnlich schnell. Sie klappte eilig ihre sämmtlichen Bücher zu, wünschte der Mutter eine gute Nacht und verließ das Zimmer.

Hätte die Mutter bessere Augen gehabt, oder wäre sie nicht noch ganz in ihrer Phantasiewelt befangen gewesen, so würde sie gesehen haben, wie die Romanzeitung, zwischen die Schulbücher gesteckt, unter Elsbeth's Arme das Zimmer verließ.

Die Mutter war jetzt allein, müde und abgespannt lehnte sie mit geschlossenen Augen im Sofa.

»Wo nur der Georg bleiben mag? das Theater ist doch längst aus, gewiß sitzt er wieder mit einigen Freunden in irgend einem Bierlocale. Ach«, seufzte sie, »kleine Kinder, kleine Sorgen; große Kinder, große Sorgen! Ja, das ist so der Lauf der Welt; ich kann's nicht ändern und will mich deshalb auch nicht unnöthig quälen. Junge Leute sind nun einmal junge Leute und wollen ihr Vergnügen haben, wir sind ja auch einmal jung gewesen .... Doch, ich will zu Bett gehen, es ist spät.«

Sie nahm die Lampe und ging in das angrenzende Schlafcabinet, wo die beiden »Kleinen« nach besten Kräften schnarchten und jedenfalls in der Fortsetzung des Bären- und Affen-Vergnügens begriffen waren, was an ihren strampelnden Beinen und um sich schlagenden Armen deutlich zu sehen war.

 

Der Wächter hatte bereits die zweite Morgenstunde verkündet, da schritt eine dunkle Männergestalt die Straße entlang und kam auf das Haus zu. Der Hausschlüssel wurde leise in's Schloß gesteckt, die Thür vorsichtig geöffnet und ebenso leise und vorsichtig geschlossen.

Herr Walter stieg leise und langsam die Treppe hinauf. Auf dem Vorplatze angekommen, murmelte er, während seine Hand nach dem Stubenschlüssel in seiner Tasche suchte:

»Das war einmal wieder ein Unglücksabend! nicht ein einziges Spiel gewonnen, und ich hätte es doch gerade jetzt so gut gebrauchen können!«

II.
Maria und ihre Mutter

Ich hebe meine Augen auf
zu den Bergen von welchen
mir Hülfe kommt.

Ps. 121, 1.

In dem Hintergebäude des Hauses, in welchem die Familie Walter einen Theil des dritten Stockwerks inne hatte, wohnte Frau Reimar mit ihrem ebenfalls dreizehnjährigen Töchterchen Maria.

Frau Reimar war die Witwe eines Arztes, der bald nach Maria's Geburt an einem Nervenfieber, das er sich in der Ausübung seines Berufes durch Ansteckung zugezogen hatte, gestorben war.

Die Existenzmittel, welche ihr nach dem Tode ihres Mannes blieben, waren so gering, daß sie sich genöthigt sah, dieselben durch ihrer Hände Arbeit zu vergrößern. Sie war sehr geschickt im Weißnähen und Sticken; es fehlte ihr daher nie an Arbeit. Ebensowenig fehlte es ihr an guten Freunden, welche bemüht waren, durch zart gewählte Unterstützungen das Drückende ihrer Lage zu mildern. So kam es, daß – obgleich ihre ganze Baarschaft oft wochenlang nur aus wenigen Groschen bestand – sie doch nie über wirkliche Entbehrungen zu klagen hatte. In solchen Zeiten pflegte sie wol zu ihrer Tochter zu sagen: »Jetzt sind wir einmal wieder so recht sichtlich unsers lieben Herr-Gott's Kostgänger.«

Frau Reimar war eine feine, anmuthige Erscheinung. Ihr schmales, blasses Gesicht trug Spuren ehemaliger Schönheit, doch hatten Gram und Sorgen früh den Stempel des Alters darauf gedrückt. Obgleich noch keine volle sechsunddreißig Jahre alt, gab doch ihr früh ergrautes Haar ihr ein fast matronenhaftes Aussehen.

Hatten nun auch Leid und Trübsal vermocht, die äußere Schönheit ihrer Züge zu verwischen und ihr den Reiz der Jugend vor der Zeit zu nehmen, so hatten sie doch der tiefern Schönheit ihres Wesens, die in dem Adel ihrer Gesinnung und in dem Frieden ihres mit Gott versöhnten Herzens ihren Grund hatte, die aus ihren sanften Augen strahlte und über ihre ganze Erscheinung wie ein Hauch aus einer höhern Welt ausgebreitet lag, nichts anhaben können. Diese war vielmehr durch die Schule der Leiden noch gehoben und verklärt worden.

Ihr Töchterlein Maria war in vielen Stücken das Ebenbild ihrer Mutter. Sie war fein und zierlich gebaut. Das kleine schmale Gesicht mit den beinahe etwas zu ausgeprägten Zügen war von einer Fülle lichtblonder Locken umrahmt, und in die blauen freundlichen, lebhaften und klugen Augen schaute man mit Vergnügen.

Maria war die Freude und Wonne ihrer Mutter. Wenn Frau Reimar ihr Töchterlein anblickte, war es ihr, als grüße sie aus dem lieblichen Kindergesichte so recht die Freundlichkeit und Güte ihres Gottes.

Gottes Weisheit hatte ihr den Gatten, die irdische Stütze und Sonne ihres Daseins nehmen müssen; seine Freundlichkeit aber hatte ihr dies Kind geschenkt, damit ihrem verarmten und vereinsamten Leben doch nicht aller Schmuck und aller Sonnenschein fehle. Das erkannte sie und nannte deshalb ihr Töchterlein oft ihre »Theodora«, ihre »Gottesgabe«.

Schon als kleines Kind schien Maria ein Bewußtsein, wenigstens ein Gefühl von dem zu haben, was sie ihrer Mutter war. So viel sie es vermochte, suchte sie alles Unangenehme von ihrer geliebten Mama fern zu halten. Dieses Sorgen und Denken gab ihr schon in früher Jugend ein etwas mütterliches Gepräge. Die Verhältnisse, in denen sie aufwuchs, hatten sie zu einem ernsten, sinnigen Kinde gemacht. Sie war verständig weit über ihre Jahre hinaus; Fernerstehende nannten sie »altklug«.

Aber trotz ihres verständigen, fast hausmütterlichen Benehmens war Maria doch im tiefsten Herzen wahrhaft kindlich, denn sie stand in dem rechten Kindesverhältnisse zu ihrer Mutter und daher auch zu Gott, der das vierte Gebot gegeben und den Kindern die Eltern als Seine sichtbaren Stellvertreter auf Erden gesetzt hat.

Damit nun aber meine jungen Leserinnen nicht etwa glauben, Maria sei so eine Art lichter Engel gewesen, dem nichts als zwei Flügel gefehlt, um sich eines Tages zur Verwunderung Aller in den blauen Aether emporzuschwingen, so will ich sie hier gleich mit Maria's beiden Hauptfehlern bekannt machen. Diese waren sehr große Empfindlichkeit und Ehrgeiz. Beide Fehler machten Maria Zeit ihres Lebens zu schaffen und drohten allemal ihrer Herr zu werden, sobald sie nachließ, mit den rechten Waffen dagegen zu kämpfen.

Im Laufe dieser Erzählung werden wir noch Gelegenheit haben, Maria im Kampfe gegen diese beiden Hauptfeinde ihres Seelenfriedens näher kennen zu lernen. Jetzt wollen wir Mutter und Tochter in ihrer stillen Behausung aufsuchen.

Man sagt wol nicht mit Unrecht, daß man die Sinnes- und die Geschmacksrichtung eines Menschen nicht selten aus der Einrichtung seines Wohnzimmers ersehen könne. Wir wollen daher, ehe wir uns den beiden Bewohnerinnen dieses stillen Stübchens weiter nähern, unbemerkt einen Blick auf ihre Zimmereinrichtung werfen.

Außer den Gegenständen, welche wir gewohnt sind in jeder wohnlichen Stube anzutreffen, finden wir hier auch noch ein Pianino und einen Schreibtisch mit einer kleinen gewählten Bibliothek; woraus wir den Schluß ziehen, daß der Sinn für Kunst und Wissenschaften hier nicht fehlt, sondern geschätzt und gepflegt wird. Ueber dem Schreibtische hängt ein dorngekrönter Christuskopf, um welchen ein Kranz von Familienbildern sinnig gruppirt ist. Die übrigen Wände sind mit einer großen Anzahl von Bildern geschmückt: theils Kupferstiche alter berühmter Meister der italienischen und niederländischen Schule, theils Landschaftsbilder in Oel, welche Doctor Reimar in seiner Jugend selbst gemalt hat und welche deshalb für seine Frau einen ganz besondern Werth haben. Vor beiden Fenstern sind behagliche Sitzplätze angebracht. Blumen und ein singendes Vöglein fehlen nicht. Die ganze Einrichtung des Zimmers zeugt von einem feinen, reinen Kunstsinn; eine wohlthuende Harmonie herrscht wie im Ganzen so im Einzelnen. Ein unerklärliches Etwas läßt jeden Eintretenden sofort zu dem Gefühle kommen: »Hier ist gut sein.« –

Es ist derselbe Abend, an welchem wir schon die Familie Walter in ihrem häuslichen Treiben beobachtet haben.

Auch hier sitzen Mutter und Tochter am Tische, auf welchem eine Lampe brennt, sich gegenüber.

Die Mutter ist mit einer feinen Näharbeit beschäftigt. Ihre Augen scheinen durch viele Anstrengung, vielleicht auch durch vieles Weinen, gelitten zu haben, denn sie trägt eine Brille.

Maria macht ihre Schularbeiten; sie ist mit derselben französischen Uebersetzung beschäftigt, um derenwillen wir Elsbeth ihr Wörterbuch so energisch bearbeiten sahen.

Jetzt schlägt sie ihre Bücher zu; sie ist fertig und lehnt sich im Gefühl der vollbrachten Tagesarbeit behaglich im Stuhl zurück.

»Es ist doch gut, liebe Mama, daß Du mir den Rath gegeben, jede Vocabel, welche ich aufschlagen muß, auch gleich auswendig zu lernen. Denke Dir, in dieser ganzen Uebersetzung habe ich nur ein einziges Wort aufzuschlagen gehabt.«

Nun lehnte auch die Mutter sich in die Kissen des Sofas zurück, nahm die Brille ab, blickte ihr Töchterlein freundlich an und sagte:

»Die Rathschläge, welche die Eltern ihren Kindern geben, sind in der Regel gut, wenigstens gut gemeint; und die Befolgung derselben muß den Kindern unter allen Umständen Segen bringen, sollte der Rath auch einmal ein irriger sein. Dafür bürgt uns das vierte Gebot mit seiner köstlichen Verheißung.«

»Darf ich Dir jetzt noch etwas aus meinem Geschichtenbuche vorlesen, liebste Mama?«

»Gewiß, mein Kind, ich höre es gern.«

Die Mutter griff nun wieder nach ihrer Näharbeit und Maria las aus einem Bande der von Ottilie Wildermuth so anmuthig und lebensfrisch erzählten Jugend-Geschichten mit ihrer weichen, klangvollen Stimme ihrer Mutter vor bis es zehn Uhr schlug.

Jetzt setzte Maria sich an's Piano und spielte einen Choral. Mutter und Tochter sangen dazu einige Strophen eines Abendliedes. Dann las die Mutter ein Capitel aus der Bibel vor und beide legten sich zur Ruhe.

An ihrem Lager aber hielt ein Engel die Wacht.

III.
Die beiden Freundinnen

Es stelle sich aber ein Jeglicher
unter uns also, daß
er seinem Nächsten gefalle
zum Guten, zur Besserung.

Röm. 15, 2.

»Guten Morgen, Maria, nimm mich mit!«

»Guten Morgen, Elsbeth, Du bist ja heute Morgen ungewöhnlich präcise auf dem Wege zur Schule.«

»Das hat seinen guten Grund, mein liebes Herz! Es war mir gestern unmöglich, meine französische Uebersetzung zu machen, und da wollte ich Dich bitten, mir Dein Heft zu leihen; ich kann mit dessen Hülfe noch jetzt in der Schule, ehe Dr. Müller kommt, schnell meine Uebersetzung machen.«

»Aber, liebe Elsbeth, Du weißt doch, daß Dr. Müller es für Betrug erklärt, wenn wir von einander abschreiben, und er hat doch auch Recht. Ich kann Dir diesen Gefallen wirklich nicht thun.«

»Gut, dann muß ich mir anders zu helfen suchen. Ich hätte es mir allerdings auch schon sagen können, daß Dein überzartes Gewissen Dir eine solche Gefälligkeit nicht erlauben würde.«

»Was verhinderte Dich denn gestern, Deine Uebersetzung zu machen, liebe Elsbeth?«

»Das will ich Dir sagen, mein Herz; ich las eine Geschichte in der Romanzeitung, die war so wunderschön, daß ich den ganzen Tag nichts anders thun und denken konnte. Ich lebte ganz und gar in der Geschichte. Und in voriger Nacht hat mir von nichts als von der Geschichte geträumt; ich sah alle Personen im Traume leibhaftig vor mir und spielte selbst eine Rolle mit in der Geschichte. Sie ist aber auch zu schön, diese Geschichte! wahrhaft hinreißend, bezaubernd! Ich wollte, Du könntest sie auch einmal lesen.«

»Nein, das wollte ich gar nicht, selbst wenn ich es dürfte, denn es kann unmöglich eine gute Geschichte sein.«

»Weshalb nicht?«

»Mama hat mir einmal gesagt, daß alles, was zwischen uns und unsere Pflichterfüllung tritt, für uns Sünde sei. Wenn nun also die Geschichte so hinreißend ist, wie Du sagst, daß sie alle Deine Gedanken ausschließlich in Anspruch nimmt und Dich verhindert, Deine Pflicht zu thun, so mag sie wol sehr interessant sein, aber gewiß nicht gut und nützlich zu lesen. Ein gutes Buch muß uns doch zum Guten förderlich und nicht hinderlich sein.«

»Schatz, Du sprichst ja wie die reine Weisheit Salomonis! schade, daß ich Dich nicht im schwarzen Talar auf der Kanzel sehen kann, da wärst Du so recht an Deinem Platze. – Doch da sind wir ja schon bei unserer Schule angekommen!« –

Als der Lehrer die französischen Uebersetzungshefte forderte, sagte Elsbeth unbefangen, daß es ihr am gestrigen Tage nicht möglich gewesen sei, die Uebersetzung zu machen, daß sie dieselbe aber am Nachmittage nachliefern werde.

Auf dem Heimwege sagte Elsbeth zu Maria:

»Wenn es Dir recht ist, gehe ich mit Dir hinauf in Eure Wohnung und mache dort meine Übersetzung; Du sagst mir die Vocabeln, die ich nicht weiß, dann geht's noch einmal so schnell.«

Maria war's zufrieden. Elsbeth schrieb und Maria sagte ihr die Vocabeln, die sie nicht wußte. Allerdings liefen unter dem Titel: »Vocabeln« einige ganze Redewendungen und Satztheile mit unter, und so war es kein Wunder, daß die Uebersetzung bald ziemlich fehlerlos auf dem Papiere stand.

»So«, sagte Elsbeth, indem sie das offene Schreibheft in der Luft hin- und herschlenkerte, damit die nasse Dinte schneller trockne – Löschblätter zählte sie nämlich zu den, wenn auch nicht nutzlosen, so doch leicht entbehrlichen Gegenständen, weshalb denn auch die wenigsten ihrer Schreibhefte ein Löschblatt aufzuweisen hatten – »so, jetzt ist die Uebersetzung, Dank Deiner freundlichen Hülfe, schnell fix und fertig geworden und ich denke, Dr. Müller kann damit zufrieden sein. Maria, Du bist doch eine Freundin wie sie im Buche steht. Eigentlich ist es aber doch merkwürdig«, fuhr sie ernsthafter fort, »daß wir Freundinnen sind; wir sind doch so verschieden, wie Tag und Nacht. Natürlich« – und hierbei blickte sie Maria neckisch an – »bist Du der Tag und ich die Nacht.«

»Du meinst, weil ich helles Haar und blaue Augen habe, und Dein Haar dunkel ist und Deine Augen braun sind.«

»Ja, das ist äußerlich, innerlich ist's aber ebenso. Bei Dir ist alles so licht und klar und bei mir – ja bei mir ist es ganz anders. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie es doch kommen mag, daß wir uns lieb haben, da wir doch eigentlich gar nicht zusammen passen.«

»Wenn's so ist, wie Du sagst, dann liegt gewiß eben in unserer Verschiedenheit dasjenige, was uns zu Freundinnen macht, denn weißt Du nicht, was der Lehrer uns erst neulich sagte: Gegensätze ziehen sich an.«

»Richtig«, lachte Elsbeth, »da haben wir die Erklärung für unsere Freundschaft. Es müßte auch sehr langweilig sein, wenn wir beide ganz gleich wären, wenigstens wenn ich ganz so wäre wie Du. Und wenn Du so wärst wie ich – nun ich glaube, dann wären wir erst recht keine Freundinnen.«

»Dann ist's ja gut, daß Ihr verschieden seid«, warf Frau Reimar dazwischen, »sorgt nur dafür, daß Eure Freundschaft Euch beiden zum Segen werde.«

Elsbeth verabschiedete sich und Mutter und Tochter setzten sich zum einfachen aber gesegneten Mittagsmahle nieder, – gesegnet, denn sie genossen es mit Danksagung gegen Gott, den Geber aller guten Gaben.

IV.
Versuchungen und Kämpfe

Widerstehet dem Teufel, so
fliehet er von euch.

Jacobi 4, 8.

Maria trat mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen zu ihrer Mutter in's Zimmer.

»Mama, liebe Mama, denke Dir, der Lehrer hat heute meinen deutschen Aufsatz vorgelesen und ihn vor der ganzen Classe gelobt; er sagte, derselbe sei so schön, daß er gleich gedruckt werden könnte.«

»Das ist ja eine große Auszeichnung, und wie benahmen sich Deine Mitschülerinnen dabei?«

»Einige kamen nachher zu mir und wünschten mir Glück, die meisten aber machten verdrießliche Gesichter und sahen mich mit bösen und neidischen Blicken an.«

»Das glaube ich wol; das Gelobtwerden ist eine gefährliche Sache, gefährlich nach außen und nach innen. Nach außen hin erweckt uns die Anerkennung und das Lob leicht Feinde und im eigenen Herzen ist's noch schlimmer, da erwachen auch gar leicht Feinde, als da sind Hochmuth, Selbstgefälligkeit, Eitelkeit und dergleichen unsaubere Gesellen.«

»Aber, liebste Mama, dürfen wir uns denn über das Lob, das uns wird, gar nicht freuen ?« fragte Maria etwas herabgestimmt.

»Freuen? ja, aber mit Zittern. Wenn uns das Lob und die Anerkennung der Menschen hochstellt, so erhält dadurch unsere Eitelkeit eine gefährliche Nahrung. Nicht selten gebraucht der Teufel den Lorbeerkranz, um daraus einen Strick für die Seele zu drehen. Wollen wir unsere Seele vor Schaden bewahren, so müssen wir, wenn uns die Menschen rühmen und loben, uns vor Gott desto tiefer demüthigen und bücken. Wir dürfen von allem Ruhme, aller Ehre, die wir ernten, gleichsam nichts für uns behalten, wir müssen alles dem Herrn bringen und Ihm zu Füßen legen, indem wir anerkennen, daß alle unsere Fähigkeiten und Geschicklichkeiten Seine unverdiente Gabe und Gnade sind und daß wir ohne Seinen Segen nichts vermocht hätten. »»Die Ehre Ihm, so ist der Segen Dein!««

Maria blickte ihre Mutter betroffen und unsicher an. Es war dieses Capitel schon öfter zwischen ihnen besprochen worden, aber es wollte ihr noch immer nicht so recht in den Sinn, daß das, was ihr so hohe Freude und Befriedigung gewährte, ihr gefährlich werden könne und daß sie Lob und Ruhm bei den Menschen als Feinde betrachten solle, da sie dieselben doch vielmehr so gern als liebe, werthe Freunde in ihr Herz geschlossen hätte. Sie war es aber zu sehr gewohnt, den Ausspruch ihrer Mutter als höchste Autorität gelten zu lassen, als daß sie eine Gegenrede gewagt hätte.

Die Mutter errieth die Gedanken ihrer Tochter und fuhr daher fort:

»Mein liebes Kind, Du kennst den Ausspruch unsers Herrn und Meisters: Wem viel gegeben ist, von dem wird man auch viel fordern. Und ebenso den andern, daß die Reichen schwer in's Himmelreich kommen. Dieses Reichsein bezieht sich gewiß nicht nur auf äußere Habe, auf Geld und Gut, sondern auch auf die Fähigkeiten und Gaben unsers Geistes. Wem der Herr Talente und Geschicklichkeiten verliehen, dem hat Er damit ein Gut anvertraut, über dessen Verwendung und Verwaltung Er einst strenge Rechenschaft fordern wird. Alle unsere Kräfte Leibes und der Seele müssen wir in Seinen Dienst stellen und mit denselben wirken und schaffen zum Heil unserer Mitmenschen und zur Ehre Gottes. Alle Arbeit, welche im letzten Grunde nicht dieses Ziel hat, ist verloren und wird uns einst verklagen.

Fassen wir so all unser Thun und Wirken auf, so folgt daraus ganz von selbst, daß wir auch nicht ein Blättchen aus dem Ruhmeskranze, den uns die Menschen vielleicht flechten, für uns behalten, geschweige denn den ganzen Kranz uns auf's Haupt setzen möchten.

Und nun, mein Töchterlein, singe und spiele mir einmal die erste Strophe des Liedes: Mein Schöpfer steh mir bei.«

Maria setzte sich an's Piano und sang mit ihrer weichen, angenehmen Stimme:

»Mein Schöpfer steh mir bei,
Sei meines Lebens Licht!
Dein Auge leite mich
Bis mir mein Auge bricht.
Hier leg' ich Herz und Glieder
Vor Dir zum Opfer nieder,
Und widme meine Kräfte
Für Dich und Dein Geschäfte;
Du willst ja, daß ich Deine sei,
Drum, Schöpfer, steh mir bei.«

Als Maria geendet, schloß ihre Mutter sie in ihre Arme und küßte sie.

Ebbe und Flut wechseln mit einander ab, und nicht selten thun wir von der Höhe der Freude und Befriedigung einen jähen Sprung in die Tiefe der Betrübniß und der Enttäuschung.

Wenige Tage nach obiger Unterredung trat Maria sehr niedergeschlagen und etwas verstört zu ihrer Mama in's Zimmer.

»Was ist geschehen, mein Kind? Du siehst ja aus wie der leibhafte Novembernebel.«

»Liebe Mama«, sagte Maria mit mühsam zuückgehaltenen Thränen, »es ist mir heute etwas sehr Unangenehmes in der Schule begegnet.«

»So? dann setze Dich zu mir und teile mir Deinen Kummer mit.«

»Es war in der Geschichtsstunde«, berichtete Maria, nachdem sie Hut und Bücher bei Seite gelegt und sich zu ihrer Mama an's Fenster gesetzt hatte, »wir repetirten. Dora Steffens, welche hinter mir sitzt, stieß mich an und fragte: in welchem Jahre ist doch Karl der V. gestorben? Ich wendete mich um und sagte es ihr. In demselben Augenblicke fragte mich Dr. Müller, und da ich die Frage nicht recht verstanden, so gab ich eine verkehrte Antwort. »»Natürlich««, sagte er spöttisch, »»wenn man schwatzt, kann man nicht hören, was der Lehrer fragt. Es wäre vernünftig, Ihr ließet das Schwatzen, bis Ihr die Schule im Rücken habt; aber dem schönen Geschlechte ist das Schwatzen nun einmal Lebensbedürfniß.««

Diese Bemerkung kränkte mich sehr und ich fing an zu weinen. Da sagte Dr. Müller, ob ich glaube, daß das Weinen ein Verschönerungsmittel sei; weinende Mädchen seien ihm unausstehlich; ich solle meine Thränen doch sparen, bis sie einmal besser am Platze seien.«

»Und diese kleine Begebenheit hat mein Töchterlein so aus der Fassung gebracht? Der Lehrer hat mit dem, was er gesagt, ganz Recht, wenn die Form auch vielleicht etwas spitzig war. Wir können hier an unsere Unterredung von vorgestern wieder anknüpfen, denn beide Vorfälle stehen in einer inneren Beziehung zu einander. Ebensowenig wie das Lob der Menschen uns stolz und hochmüthig machen darf, dürfen wir uns durch den Tadel der Menschen gekränkt fühlen. Wohin wir den von Menschen geernteten Ruhm zu bringen haben, dahin müssen wir auch den von ihnen erfahrenen Tadel tragen, nämlich zu des Herrn Füßen; denn hier vor Seinem heiligen Angesichte erscheint uns derselbe erst im rechten Lichte. Das, was verdient am Tadel war, lassen wir uns nun zur heilsamen Züchtigung dienen. Wir übersehen die Zwischenhände, die der Herr gebraucht hat, uns zu strafen, und nehmen die Strafe nun noch einmal direct aus Seiner Hand; dann wird sie uns zum Segen. Und das, was an dem erfahrenen Tadel vielleicht nicht verdient war, verliert hier, vor dem Angesichte des Herrn besehen, alle Bitterkeit und Schärfe und verschwindet gar in nichts, wenn wir bedenken, daß der Herr unverschuldet um unsertwillen noch ganz etwas anderes still und sanftmüthig getragen hat. Was meinst Du zu dieser Auffassung, mein Töchterlein?«

»O Mütterchen, Du hast gewiß Recht und ich will auch versuchen, künftig Lob und Tadel der Menschen in diesem Lichte zu betrachten, aber ich glaube, es ist recht schwer.«

»Mein Kind, darauf laß Dir vom Herrn selbst die Antwort geben, wie Du sie beim Evangelisten Marcus Cap. 10, 27 aufgezeichnet findest.«

Maria nahm ihr kleines Testament und schlug die bezeichnete Stelle auf. Und als sie am Abend in ihrem Bette lag, da hatte sie vor dem Einschlafen noch lange mit ihrem Heilande zu reden.

V.
Der Geburtstag

Meine Zeit stehet in Deinen
Händen.

Ps. 31, 16.

Es war im Spätherbste, als Elsbeth ihren vierzehnten Geburtstag feierte. Da derselbe auf einen Mittwoch fiel, und also Nachmittags keine Schule war, so hatte Elsbeth von ihren Eltern die Erlaubniß erhalten, sich einige Freundinnen zur Feier des Tages einzuladen.

Das Wohnzimmer der Familie Walter trug heute ein festliches Gepräge, und Elsbeth war in sehr fröhlicher Stimmung. In der Mitte der Stube stand der Geburtstagstisch mit Blumen, verschiedenen Geschenken und vor allem mit einem mächtigen Topfkuchen geziert.

Elsbeth befand sich allein im Zimmer. Die Mutter war, »um dem Lärm zu entfliehen«, wie sie sagte, zu einer Freundin gegangen und die beiden Kleinen hatten heute die Anweisung, nicht vor acht Uhr Abends nach Hause zu kommen.

Als es drei Uhr geschlagen, stellten Elsbeth's Gäste sich nach und nach ein. Maria war die erste, welche erschien. Sie brachte ihrer Freundin einen großen Strauß der schönsten Herbstblumen, die sie sinnig und hübsch geordnet hatte. Aus den Blumen ragte ein zusammengefaltetes rosafarbenes Blättchen Papier hervor. Elsbeth nahm den Zettel, entfaltete ihn und las:

Sieh, nur Blumen kann ich bringen,
Freundin, Dir zum Angebind.
Laß mich diesen Wunsch d'rum schlingen:
Grüß Dich Gott, Geburtstagskind!

Schenk Er Dir noch viele Tage,
Welche reich an Blumen sind!
Labt Dich Freude, drückt Dich Plage –
Grüß Dich Gott, Geburtstagskind!

»Sieh, das war hübsch von Dir, Maria, daß Du mir diesen Glückwunsch geschrieben hast. Darüber freue ich mich sehr. Ich danke Dir.«

Elsbeth schloß ihre kleine Freundin so stürmisch und nachdrücklich in ihre Arme, daß diese klagend ausrief: »Ach, Elsbeth, meine Locken!«

Bald waren alle Gäste versammelt und nun wurde zuerst der Geburtstagstisch einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Elsbeth zeigte ihre Geschenke und gab zu jedem eine erklärende Bemerkung.

»Hier ein Kleid, warm und zweckmäßig für den Winter. Hier ein neuer Regenschirm; mein alter ist mir treulos geworden und auf unbekanntem Wege heimlich davon geschlichen, wenigstens weiß ich nicht, wo er geblieben ist. Ich gräme mich auch nicht über seinen Verlust, denn sein Nachfolger ist viel hübscher, als er je gewesen.

Dies ist ein Achtel-Abonnement zum Theater. Ich werde nun diesen Winter regelmäßig einmal in der Woche das Theater besuchen. Mutter sagt, es sei für meine Ausbildung durchaus nothwendig, daß ich jetzt auch classische Stücke sähe. Diese Weise der Ausbildung lasse ich mir schon gefallen; ich wollte, es wäre in der Schule ebenso interessant wie im Theater.

Zwei Paar helle Glacéhandschuhe, für's Theater und für die Tanzstunde, welche ich diesen Winter bekommen werde. – Und hier zum Schluß ein Operngucker! Mutter hatte deren zwei und da hat sie mir den einen geschenkt. Ich bin zwar nicht kurzsichtig und kann mit meinen eigenen Augen alles ganz gut sehen, was auf der Bühne vorgeht, aber es sieht doch so vornehm und elegant aus, wenn man, nachlässig zurückgelehnt, durch die Gläser schaut, und deshalb freue ich mich über das Ding. – Doch jetzt wollen wir an unsern Magen denken, kommt!« –

Alle setzten sich um den Sofatisch. Elsbeth zerschnitt den mächtigen Geburtstagskuchen, schenkte die Chocolade ein und machte überhaupt die Wirthin auf eine gefällige und angenehme Weise. Ihre Gäste erkannten dies an, indem sie sich Speise und Trank sehr wohl schmecken ließen. Heitere Reden und fröhliches Lachen mischten sich mit Tassengeklapper und Löffelgeklirr zu einem jener Concerte, die bekanntlich allen Mitwirkenden ganz harmonisch, den unbetheiligt aus einiger Entfernung – vielleicht aus einem anstoßenden Zimmer – Zuhörenden aber als ein wirres, mißtönendes Durcheinander erscheinen.

Später wurden allerlei Pfänder- und Räthselspiele gespielt. Die Stunden fröhlichen Beisammenseins entschwanden dem kleinen Kreise im Fluge. Es war zum Bedauern aller, als die Uhr die Scheidestunde verkündete, und Elsbeth hatte beim Abschied ihrer Gäste die befriedigende Ueberzeugung, daß jede den Eindruck eines angenehm verlebten Nachmittags mit nach Hause nehmen würde.

Nach diesem kleinen erheiternden Zwischenspiele trat das häusliche Leben der Familie Walter wieder in die gewohnten Bahnen ein. Gleich nach acht Uhr kam Frau Walter von ihrem Besuche bei einer Freundin zurück. Sie war angegriffen und abgespannt. Sie hatte viel geredet und viel gehört, aber es war wenig Erfreuliches und Erquickendes dabei gewesen; ihr Herz war leer und ihre Seele öde geblieben. Zuerst waren Theater und die neuesten Romane besprochen worden; darauf hatte man die häuslichen Verhältnisse der bekannten und befreundeten Familien einer eingehenden Musterung unterzogen und hatte dabei viel Grund zum Tadeln und zum Richten, aber wenig Veranlassung zum Loben und Anerkennen gefunden.

Jetzt sehnte Frau Walter sich unbewußt nach etwas anderm, das aber in ihrer eigenen Häuslichkeit auch nicht zu finden war, sie sehnte sich nach Ruhe und Gemüthlichkeit.

»Ach, wie ist doch das Leben so langweilig und ermüdend«, seufzte sie, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg.

Elsbeth kam ihr sehr vergnügt und angeregt durch die heiter und harmlos verlebten Stunden entgegen.

»Liebe Mutter, wir haben einen sehr vergnügten Nachmittag gehabt!«

»Gut, mein Kind, gut; jetzt besorge rasch das Abendbrot.« –

Der Vater kam; auch Georg und die beiden Kleinen – letztere, wie gewöhnlich, mit sehr beschmutzten und zerrissenen Kleidern – stellten sich ein. Heute war die Familie einmal vollzählig beisammen. Man setzte sich zur Abendmahlzeit nieder, welche man, wie gewöhnlich, schweigend und jeder in seiner besonderen Weise einnahm. Die Mutter war zuerst fertig und lehnte müde und gähnend im Stuhle. Der Vater aß mit einer gewissen Hast und Unruhe, Georg mit tadellosem Appetit, desgleichen die beiden Kleinen; diese außerdem aber noch mit einer großen Gier und sehr geringem Anstand. Elsbeth war mit ihren Gedanken abwesend, wie aus ihren zerstreuten und abweisenden Antworten auf die gelegentlich an sie gerichteten Fragen zu bemerken war.

Nach aufgehobener Mahlzeit sagte der Vater: »Es wird heute wol spät werden, ehe ich aus dem Club nach Hause komme; es sollen unserm neuen Präsidenten zu Ehren ein paar Fässer Erlanger Bier ausgestochen werden.«

Er griff nach Hut und Ueberzieher und verabschiedete sich von seiner Familie mit einem allgemeinen »gute Nacht.«

Georg ging auf sein Zimmer, um noch zu arbeiten, wie er sagte.

Die beiden Kleinen waren mit ihren Schularbeiten ebenfalls noch sehr im Rückstand und Elsbeth hatte Noth, ihre Unbändigkeit so weit zu zügeln, daß nur noch etwas auf's Papier und etwas in den Kopf hinein kam.

Als die beiden kleinen Unruh- und Plagegeister endlich in ihren Betten lagen, räumte Elsbeth ihren Geburtstagstisch ab. Es war ihr eigenthümlich wehmüthig dabei um's Herz; sie las noch einmal Maria's Glückwunsch und blickte lange sinnend auf das Papier. »Grüß dich Gott, Geburtstagskind! – ja, das ist doch das Beste vom ganzen Tage«, – sagte sie leise.

VI.
Die Confirmation

Opfere Gott Dank und
bezahle dem Höchsten deine
Gelübde.

Ps. 50, 14.

Was die Menschen auch thun und treiben, die Zeit geht unbeirrt und unaufhaltsam ihren Gang. Stunde reiht sich an Stunde. Und aus den Stunden werden Tage und aus den Tagen werden Jahre; und ein Jahr nach dem andern rollt hinab in's Meer der Vergangenheit, und die Menschen merken es kaum, denn dazu fehlt es ihnen gewöhnlich an Zeit. Und wenn sie einmal durch ein besonderes Ereigniß an den raschen Flug der Zeit erinnert werden, so sagen sie wohl: »Nein, wie doch die Zeit vergeht!« und dann denken sie wieder an etwas Anderes. Und so kommt es, daß den meisten Menschen die Kindheit und Jugend dahin schwindet ohne daß sie es merken, und ehe sie sich noch recht besinnen, ist die ihnen vom Schöpfer der Tage zugemessene Zeit abgelaufen, und sie stehen am Ende ihres Erdenlebens. Da werden sie denn mit Schrecken inne, welch ein kostbares Gut ihnen in der »Zeit« verliehen gewesen, von dessen Verbleib und Verwendung sie nun bald höhern Orts werden Rechenschaft ablegen müssen. Alle Schätze der Welt möchten sie nun geben, wenn sie damit einige Tage, ja nur einige Stunden der so oft und viel von ihnen gedankenlos verschwendeten Zeit zurückkaufen könnten. Doch es ist nicht möglich, hin ist hin und kehrt nicht wieder.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit meine jungen Leserinnen bitten, doch schon jetzt recht sparsam und gewissenhaft mit ihrer Zeit umzugehen und von diesem kostbaren Gute nie etwas als sogenannte »Langeweile« zu verschwenden; denn die sogenannte Langeweile könnte uns leicht das Sterben einmal schwer machen.

Auch unsern beiden jungen Freundinnen, Elsbeth und Maria, waren die Jahre der Kindheit wie im Fluge dahingeschwunden. Jetzt sollte ihre Kindheit mit der Confirmation ihren Abschluß finden und sie selbst sollten in einen neuen Abschnitt ihres Lebens eintreten.

Blickten sie auf ihre Kindheit zurück, so war die Benutzung derselben eine sehr verschiedene gewesen. Maria war durch ihre Mutter angehalten worden, ihre Zeit stets treu und gewissenhaft zu benutzen. Sie mußte ihrer Mutter im Häuslichen helfen, manchen Gang für dieselbe thun und sich außerdem noch besonders im Sticken und Weißnähen üben, um nach ihrer Confirmation ihrer Mutter bei deren Arbeit helfen zu können.

Die kurze Zeit, welche ihr täglich zur Erholung und freien Verwendung blieb, lernte sie daher früh als eine kostbare Gabe schützen und demgemäß verwenden.

Nicht so war es bei Elsbeth der Fall gewesen. Diese hatte mit ihrer Zeit so ziemlich nach Belieben schalten und walten können und daher nicht immer einen wünschenswerthen Gebrauch von derselben gemacht. Sie fühlte dies selbst, und oft, wenn sie am Abend eines willkürlich und ungeordnet verlebten Tages das drückende Gefühl der Pflichtverletzung hatte, nahm sie sich vor, den nächsten Tag anders zu verleben und in den vorgezeichneten Bahnen strenger Pflichterfüllung einherzugehen. Aber wenn der folgende Tag kam, dann war allemal die Neigung zur Bequemlichkeit und zum Sichgehenlassen stärker als der gute Vorsatz vom gestrigen Abend, und so kam es, daß auch dieser Tag keinen mehr befriedigenden Abschluß fand als sein Vorgänger.

Es war der Sonntag Quasimodogeniti, an welchem Elsbeth und Maria ein »gutes Bekenntniß vor vielen Zeugen« ablegen und sich selbst zu ihrem Taufbunde bekennen sollten.

Im vergangenen Winter mit seinem auf die Confirmation vorbereitenden Religions-Unterrichte war Elsbeth ernster und stiller als sonst gewesen, und oft hatten die beiden Freundinnen Gespräche mit einander gehabt, welche sehr verschieden gewesen von der Elsbeth sonst eigenthümlichen nichtigen und oberflächlichen Art der Unterhaltung.

Am Morgen des Confirmationstages schenkte Frau Reimar ihrer Tochter ein neues, sehr schön eingebundenes Gesangbuch. Vorn auf das weiße Blatt hatte sie folgende Strophen geschrieben:

So mache Dich fertig im Geiste, mein Kind! –
Ein schöner, ein heiliger Tag Dir beginnt!
Ich hab' gelegen vor Gott im Gebet,
Ich habe mit heißen Thränen gefleht:
Er wolle Dir selber den Herzschlag bewegen,
Und lassen den Tag heut Dir werden zum Segen.

Ja, mache Dich fertig im Geiste, mein Kind! –
Es nahen viel Stunden, doch jede verrinnt!
Die Kindheit verschwand Dir wie flüchtiger Traum,

So schwindet Dein Leben, Du ahnest es kaum.
O mache Dich tüchtig, da's Zeit noch, mit Beten
Vor Deinen Erlöser und Heiland zu treten.

Wir trugen zu Ihm Dich, ein hülfloses Kind –
Wie nahm Er an's Herz Dich, so liebreich gesinnt!
Und was wir erbaten, Er hat's gewährt.
Er hat Dich beschützt, geliebt und gelehrt. –
Heut sollst Du Ihm nahen auf eigenen Füßen,
Ihm selber Dich bringen und selber Ihn grüßen.

O grüß' Ihn mit Jubel und Jauchzen, mein Kind!
Er bietet die Hand Dir, o faß sie geschwind!
Laß fahren sie nicht im Leben und Tod,
Ob Sonnenschein lachet, ob Wetternacht droht.
Laß führen von Ihm Dich auf richtigen Wegen,
O Kind meines Herzens, Gott gebe den Segen!

Maria nahm das Buch mit dankerfülltem Herzen und las die darin geschriebenen Worte mit großer Bewegung. Dann umarmte sie ihre Mutter und sagte:

»Ja, die Hand des Herrn will ich fassen, die soll mich führen so lange ich lebe. O, mein Mütterchen«, setzte sie zärtlich hinzu, »Du hast in meiner Kindheit so viel Sorge und Mühe um mich gehabt, könnte ich Dir doch dafür ein recht heiteres und sorgenfreies Alter bereiten!«

»Wie Gott will, mein Kind! – Nun aber wird es Zeit uns zur Kirche zu rüsten.« –

Die Feier in der Kirche war eine schöne und erhebende; und es kam gewiß aus aufrichtigem Herzen, daß Elsbeth ihrem Heilande gelobte, sich mehr von den Dingen dieser Welt ab- und dem zuzuwenden, das ewiglich währet. Maria's Gedanken und Gebete bewegten sich hauptsächlich um diesen Angelpunkt: »Laß mich Dein sein und bleiben, Du treuer Gott und Herr!« –

Elsbeth hatte es sich von ihren Eltern erbeten, diesen Nachmittag bei ihrer Freundin Maria verleben zu dürfen. Die Eltern hatten auch nichts gegen die Erfüllung dieses Wunsches einzuwenden, denn der Vater ging heute, wie jeden Sonntag Nachmittag, in seinen Kegelclub, und die Mutter erwartete zwar einige Bekannte zum Gratuliren, da aber diese Art Glückwünsche lediglich als ein Tribut der geselligen Form gegeben und angenommen zu werden pflegen, bei denen keiner sich etwas Besonderes denkt, so fand die Mutter Elsbeth's Gegenwart bei diesem Act der herkömmlichen Höflichkeit ziemlich überflüssig.

Fröhlichen Herzens und eilenden Fußes stieg Elsbeth die drei Treppen von ihrer Wohnung hinunter und ebenso rasch war sie oben vor Frau Reimar's Stubenthür.

Bald saßen die drei gemüthlich am Kaffeetisch, der heute mit Kuchen und den ersten duftenden Frühlingsboten festlich geschmückt war. Glück und Heiterkeit strahlte von den Gesichtern der Menschen und draußen lachte golden und lockend der Frühlingssonnenschein.

Nach eingenommenem Kaffee forderte Fran Reimar die beiden Mädchen auf, einen kleinen Spaziergang zu machen. Der Vorschlag wurde mit Freuden angenommen; beide griffen nach Hut und Umhang und wanderten Arm in Arm zur Stadt hinaus.

Sie suchten sich einen einsamen Spaziergang zwischen Gärten und Hecken.

Das Gebüsch zeigte überall dicke, schwellende Knospen, welche nur auf einen warmen Regen warteten, um ihren verborgenen Inhalt an das Licht zu fördern. Es war jenes stille, unmerkbare und doch so gewaltige Schaffen und Wirken in der Natur, das nur der Frühling kennt und von dem Uhland singt: »Die Welt wird schöner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch werden mag.«

Und in dieser Frühlingswelt wandelten die beiden Mädchen, selber ein Frühling im Frühlinge. Es war ihnen so wunderseltsam und wunderselig zu Muthe. Gleich der Welt um sie her lag auch das Leben vor ihnen hoffnungsgrün, jugendfrisch, erwartungsvoll. Und drinnen im jugendlichen Herzen, da keimte und sproßte es von mancherlei Wünschen und Ahnungen, und über diesen keimenden, grünenden Saaten schien hell und warm und verheißend die Sonne der ewigen Gnade. Sie hatten ja soeben Frieden mit Gott im heiligen Nachtmahl gemacht, kein Wölkchen stand zwischen ihnen und Ihm. Ja, es war ihnen wunderselig zu Muthe. Sprechen konnten und mochten sie nicht; das wäre wie eine Entweihung gewesen; wo auch den Ausdruck finden für die Empfindungen ihrer Seele! Sie verstanden sich überdies ohne Worte und jede wußte von der andern, daß sie ganz dieselben Gedanken und Empfindungen im Herzen bewege.

So wandelten sie lange.

Endlich sagte Elsbeth:

»Dort ist eine Bank, wollen wir uns setzen?«

»Liebe Elsbeth«, begann Maria leise, als sie neben einander auf der Bank saßen, »ich glaube, dies ist der schönste Tag unsers Lebens.«

»Ja, und ich freue mich so, daß ich Dich habe, Maria, wir wollen immer treue Freundinnen bleiben, nicht wahr?«

»Das wollen wir, ich werde Dich stets lieb haben!«

»Und ich Dich gewiß!«

Maria reichte ihrer Freundin die Hand; diese aber schloß sie in ihre Arme, und sie besiegelten ihren erneuerten Freundschaftsbund mit einem herzlichen Kuß.

Als sie nach Hause kamen, fanden sie zwei kleine Blumentöpfe mit Erde vor's Fenster gestellt.

Frau Reimar sagte:

»Pflanzt nun in jedes Töpfchen ein Myrthenreis aus Eurem Confirmations-Bouquet und pflegt es treulich. Und wenn es wächst und gedeiht, so laßt Euch durch das Bäumchen stets an den heutigen Tag, und an Euer erneuertes Taufgelübde erinnern.«

»Das wollen wir«, riefen beide und gingen sogleich an's Werk.

»Und dann soll dies Bäumchen uns auch ein Wahrzeichen unserer Freundschaft sein«, sagte Elsbeth. »Wissen Sie, liebe Frau Reimar, Marie und ich haben uns soeben ewige Freundschaft gelobt!«

»Das ist schön, meine Kinder, aber dann bestellt nur den richtigen Wächter für Eure Freundschaft, sonst möchte Euch Eure Liebe und Zuneigung zu einander doch einmal ausgehen.«

»O, wie wäre das möglich! Wir werden uns immer lieb haben, wir haben es uns fest versprochen«, erwiderte Elsbeth.

»Den guten Willen hierzu habt Ihr jetzt ohne Zweifel, doch ihr kennet das Sprichwort: »Versprechen ist ehrlich, doch Halten beschwerlich!« Das findet auch bei der Liebe und Treue seine Anwendung. Lieb gewinnen können wir einen Menschen wol aus uns selbst, aber lieb behalten können wir ihn nur mit Gottes Hülfe. Deshalb bestellt Gott zum Wächter Eurer Freundschaft und bittet beide Ihn, daß Er die Liebe im eigenen und im Herzen der Freundin erhält.« –

Als es dunkelte, setzte sich Maria an's Piano und alle drei sangen: »Bis hierher hat mich Gott gebracht.« – Dann nahm Elsbeth ihr Myrthenbäumchen und stieg langsam und bedächtig die Treppe zu ihrer elterlichen Wohnung hinauf.

VII.
Letzte Krankheit

In Deine Hände befehle
ich meinen Geist, Du hast
mich erlöset, Herr, Du treuer
Gott.

Ps. 31, 6.

Die Zeit war leise und unbemerkt fortgeschritten. Zwei Jahre sind seit Elsbeth's und Maria's Confirmation in's Meer der Vergangenheit hinabgerollt. Beide Mädchen zählen jetzt siebenzehn Jahre. Die Myrthenreislein sind angegangen und zu kleinen stattlichen Bäumen erwachsen, und die Freundschaft, von der die Myrthenbäumchen das Sinnbild sein sollten, hat bis jetzt nicht nur Stand gehalten, sondern ist trotz der großen äußern und inneren Verschiedenheit im Leben der beiden Mädchen fester und inniger geworden.

Ja, das Leben der beiden Freundinnen gestaltete sich nach außen und innen sehr verschieden.

Maria half ihrer Mutter im Nähen und Sticken, wobei sie die feinere Arbeit übernahm, da Frau Reimar's Augen sichtlich schwächer wurden; sie besorgte den kleinen Haushalt, übte sich nebenbei im Clavierspielen und Singen und las am Abend der Mutter manch' gutes Buch vor.

So flossen die Wochentage äußerlich still und gleichmäßig in geordneter Arbeit dahin. Eine Ausnahme aber machte allemal der Sonntag. An diesem Tage ruhete die Arbeit um's Brot gänzlich. Mutter und Tochter freuten sich von Herzen dieser Gottesgabe und genossen sie zur Stärkung und Erquickung für Seele und Leib.

Wer genöthigt ist, die Woche über angestrengt und unablässig um's Brot zu arbeiten, der betrachtet den Sonntag mit ganz anderen Augen, als derjenige, welcher seine Zeit im geschäftigen Müssiggange verlebt. Nur über den wirklich Arbeitenden gießt der Sonntag die ganze Fülle seiner Gnadengaben aus. Die Wochentage tragen den Stempel von Gottes Gerechtigkeit an ihrer Stirn, denn sie führen die Ueberschrift: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen«; und: »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.« Der Sonntag strahlt von der Güte und Freundlichkeit unsers Gottes, denn an ihm dürfen wir ruhen und bekommen doch zu essen und noch dazu etwas Besseres, als an den Wochentagen. Die Wochentage tragen den Charakter des Gesetzes mit seinem: »Du sollst«; der Sonntag ist wie ein Evangelium mit seinem: »Du darfst.«

Maria fühlte sich bei diesem stillen, gleichförmigen Leben zufrieden und glücklich, so seltsam dies dem Uneingeweihten auch erscheinen mochte, denn ihre Zufriedenheit und ihr Glück wurzelten nicht in der äußern Form ihres Lebens, sondern hatten einen tiefern Grund. Und floß ihr äußeres Leben auch gleichförmig und still dahin, so war es doch durchaus nicht eintönig oder gar freudenleer. Maria und ihre Mutter gehörten beide zu den glücklich begabten Menschen, welche Augen und Verständniß für die kleinen Freuden des Lebens haben, welche Gott, der Herr, gleich den Feld- und Wiesenblumen überall an unseren Wegen aufsprießen läßt; wir müssen nur nicht achtlos an ihnen vorüber gehen, sondern müssen uns bücken, um sie zu pflücken, dann erquickt uns ihr Duft und erfreut uns ihr sanfter Farbenton.

Auch das Walter'sche Familienleben hatte sich in diesen Jahren naturgemäß weiter entwickelt.

Herr Walter arbeitete nach wie vor täglich seine zwölf Stunden als Buchhalter im Geschäfte, aber er verrichtete seine Arbeit als einen harten Frohndienst, ohne Freudigkeit und mit Seufzen. Er arbeitete den Menschen, aber nicht dem Herrn; deshalb fehlte seiner Arbeit der rechte Segen und deshalb hatte er auch keinen Sonntag. Im Geschäfte war der Sonntag für ihn frei, aber zu einem Tage der Erquickung wurde dieser ihm dennoch nicht. Den Sonntag-Morgen benutzte er, um »einmal gründlich auszuschlafen.« Am Nachmittage ging er in den Kegelclub und der Abend fand ihn gewöhnlich noch spät am Spieltische. Ein Familienleben kannte der arme Mann nicht; er hatte es, aber er verstand es nicht zu genießen.

Seine Frau suchte noch immer nach dem unbestimmten Etwas, das ihrem Leben fehlte, nach dem ihr Herz sich sehnte, das sie aber selbst nicht zu benennen wußte. Sie hatte dieses unbestimmte Etwas gesucht im Theater, in Concerten, in Putz und Eitelkeit, im Trachten nach hohen Dingen, in der Ehre dieser Welt, in Kaffee- und in Theegesellschaften, aber nirgends hatte sie es gefunden; ihr Sehnen blieb ungestillt, ihr Herz öde und leer, und ach, wie öde und leer! Sie bezeichnete sich selbst zuweilen als eine »unglückliche Frau« und war es auch im vollsten Sinne des Wortes.

Der Herr hatte ihr viel gegeben und mußte also auch viel von ihr fordern. Und wie wollte sie in der Schlußabrechnung des großen Tages bestehen! Der Herr hatte sie einem Manne zugesellt; war sie ihm eine treue und liebende Gehülfin gewesen im Irdischen wie auch auf dem Wege zum Himmelreiche? Der Herr hatte ihr Kinder geschenkt; hatte sie dieselben erzogen in der Furcht und Vermahnung zu Ihm, und war sie ihnen voran gewandelt auf dem schmalen Wege? Der Herr hatte ihr ein behagliches Auskommen gewährt; wie hatte sie Geld und Gut verwendet? – Ja, sie war eine unglückliche, beklagenswerthe Frau!

Der älteste Sohn, Georg, arbeitete seit zwei Jahren als Lehrling in einem auswärtigen En gros-Geschäfte. Die Nachrichten, welche über ihn einliefen, lauteten nicht allemal erfreulich; er selbst schrieb wenig; er habe keine Zeit, hieß es in jedem Briefe. Er gebrauchte viel Geld und schon mehrere Mal hatte der Vater Schulden bezahlen müssen. »Dieser Junge wird noch der Nagel zu meinem Sarge«, hatte er oft im Zorn ausgerufen. »Wenn ich ihn nur erst durch die Lehrjahre gebracht habe, dann mag er thun, was er nicht lassen kann, dann muß er fühlen, wenn er nicht hören will.«

Die »beiden Kleinen« sind, seit wir sie nicht gesehen, sehr gewachsen; gewachsen ist auch ihre Zügellosigkeit, ihre Rohheit und ihre Abneigung gegen das Lernen. Sehr wenig zugenommen haben dagegen begreiflicher Weise ihre Kenntnisse und ihre Liebenswürdigkeit. Sie sind für die Eltern ein Gegenstand beständigen Verdrusses und für Elsbeth ein wahrer Schrecken.

Was nun die letztere betrifft, so hat sich dieselbe wenig verändert. Aeußerlich ist sie ein stattliches, hübsches Mädchen geworden, ihre innere Entwickelung aber ist wenig fortgeschritten. Sie führt ein Leben ganz nach ihrer augenblicklichen Neigung und Eingebung; sie besucht Theater und Concerte, ist schon auf Bällen gewesen, macht oft Besuche, geht viel spazieren; zu Hause arbeitet sie wenig, liest dagegen noch immer sehr gern und langweilt sich in und außer dem Hause so ziemlich immer. Ihre liebsten Stunden sind merkwürdiger Weise die, welche sie mit ihrer Freundin Maria verlebt, obgleich sie stets behauptet, um alles in der Welt nicht ein solches Leben führen zu mögen, wie diese es thut.

An Frau Reimar bemerken wir auch keine besondere Veränderung; ihre Gestalt ist noch etwas schmaler und ein wenig gebückt geworden, ihre Gesichtsfarbe noch etwas blasser und ihre Haut durchsichtiger, das ist alles. Ihre sanften grauen Augen blicken noch ebenso freundlich wie früher und ihre Stimme hat denselben weichen, melodischen Klang.

Es ist wieder Frühling und wieder keimt und sprießt es da draußen mit Macht. Maria hatte eine fertige Arbeit für ihre Mutter fortgetragen. Als sie nach Hause zurückkehrte, fand sie dieselbe in ihrem Sessel zurückgelehnt mit geschlossenen Augen sitzend.

»Ist Dir nicht wohl, mein Herzens-Mütterchen?« fragte Maria besorgt.

»Doch, mein Kind, aber ich bin sehr müde und möchte mich früh zur Ruhe legen.«

»Dann besorge ich rasch den Thee.«

Nachdem die Mutter zu Bett gegangen, blieb Maria mit einer Handarbeit beschäftigt im Wohnzimmer sitzen. Von Zeit zu Zeit schlich sie in die Kammer, um nach ihrer Mutter zu sehen. Als sie dieselbe fest eingeschlafen fand, suchte auch sie ihr Nachtlager auf.

Am andern Morgen stand Frau Reimar zur gewohnten Zeit auf, mußte sich aber großer Mattigkeit wegen gegen Mittag wieder zu Bett legen. Da dieser Zustand unverändert mehrere Tage dauerte, wurde Maria besorgt und bat, den Arzt rufen zu dürfen. Die Mutter gab ihre Einwilligung.

Der Arzt kam, that die üblichen Fragen, verschrieb etwas und sagte: »Ruhe ist die Hauptsache.«

Nach einigen Tagen kam er wieder, der Zustand der Kranken hatte sich insofern verschlimmert, als ein schwaches Fieber sich eingestellt. Schmerzen hatte Frau Reimar nicht, aber matt und kraftlos und ohne Appetit lag sie da. Der Arzt sagte wenig, verschrieb und ging.

Maria kam von jetzt an wenig aus der Krankenstube. Der kleine Haushalt war bald besorgt, und dann saß sie vorlesend und arbeitend am Bette der Mutter. So verging Tag um Tag. Frau Reimar sprach wenig, aß noch weniger und schlummerte viel.

Einst, als sie aus einem längern Schlummer erwachte, sagte sie zu Maria:

»Mein liebes Kind, wir dürfen es uns jetzt nicht länger verhehlen, daß dies meine letzte Krankheit ist.«

Maria blickte erschrocken von ihrer Arbeit auf und große Thränen standen ihr in den Augen.

»Weine jetzt nicht, mein geliebtes Kind. Ich wäre gern noch länger bei Dir geblieben, wenn es Gottes Wille gewesen; da Er es aber anders beschlossen, so laß uns auch hierzu von Herzen sprechen: Dein Wille geschehe! Meine Erdenpilgerfahrt hat mich müde, recht müde gemacht, und ich freue mich, den Wanderstab aus der Hand legen zu dürfen. Wohl ist es mir schmerzlich, Dich zurücklassen zu müssen, aber ein Menschenleben vergeht schnell, selbst wenn es siebenzig und achtzig Jahre währen sollte, und dann sehen wir uns wieder bei Ihm, der unser beider Liebe ist, und dann werden wir uns freuen mit ewiger, unaussprechlicher Freude. – Ich muß Dich zwar zurücklassen, aber ich lasse Dich in Gottes Hand, und da bist Du auch ohne mich wohl geborgen. Ich habe Dich einst aus Gottes Hand als den Inhalt und Schmuck meines vereinsamten Lebens empfangen; ich habe Dich mit meinen schwachen Händen zu schützen und zu leiten gesucht nach Gottes Willen. Für dieses Leben habe ich meine Aufgabe an Dir und Du hast die Deinige an mir erfüllt. Mich ruft der Herr nun heim, denn meine Arbeit hier ist gethan. Dir aber wird der Herr ein neues Arbeitsfeld aufthun; Er wird Dir den Weg weisen, den Du gehen sollst. Gehe ihn willig, mein Kind, und thue die Arbeit mit Freuden; dann wird der Segen des Herrn mit Dir sein und Blumen und Sonnenschein werden Deinem Leben nicht fehlen.«

Maria war am Bette ihrer Mutter niedergesunken, sie küßte die lieben, abgezehrten Hände, die sie so treu und liebevoll gepflegt und geleitet hatten, und weinte still.

Von nun an ward es noch stiller im kleinen Gemache. Der Ernst, aber auch der Frieden der Ewigkeit herrschten darin.

Elsbeth kam täglich mehrere Mal, um nach der Kranken zu fragen; aber sie blieb immer nur wenige Augenblicke; in's Krankenzimmer konnte Maria ihre Freundin nicht bringen, dahinein paßte sie nicht, sie war zu unruhig und geräuschvoll, und Maria trennte sich von jetzt an nur so lange von ihrer Mutter, als es unumgänglich nothwendig war.

Eines Tages sagte Frau Reimar:

»Ich fühle, daß ich nun bald vor meinem Herrn stehen werde, da möchte ich mir denn gern vorher im heiligen Nachtmahl noch einmal von Ihm die Versicherung der Vergebung aller meiner Sünden als letzte Wegzehrung geben lassen.«

Am Nachmittage kam der Geistliche – es war derselbe, welcher Maria confirmirt hatte – und reichte beiden das heilige Abendmahl. Nach demselben lag die Kranke lange unbeweglich mit geschlossenen Augen, aber Himmelsfrieden im Herzen und Himmelsglanz auf dem blassen Angesichte.

Als gegen Abend Elsbeth wie gewöhnlich kam um nachzufragen, äußerte Frau Reimar den Wunsch, dieselbe zu sehen. Tief bewegt betrat Elsbeth das Krankenzimmer, sie hatte Maria's Mutter sehr lieb.

»Liebe Elsbeth«, sagte diese und reichte der Eintretenden die Hand, »ich bin im Begriff einen Gang anzutreten, den wir alle thun müssen. Es ist ein schwerer Gang, denn er führt durch das Todesthal. Nur der Christ kann ihn ohne Grauen unternehmen, denn er geht ihn nicht allein, sondern an der Hand des Herrn; diese nur vermag uns unverletzt hindurch zu bringen. Sorge also dafür, mein Kind, daß Du diese Hand bei Zeiten ergreifest.

Ihr seid Freundinnen«, fuhr sie nach einer Weile fort, »bleibt es mit Gottes Hülfe und erzeigt Euch darin gegenseitig den größten Liebesdienst, daß Ihr nie aufhört, herzlich und treu für einander zu beten.«

Elsbeth und Maria waren beide unwillkürlich am Bette niedergekniet. Die Kranke berührte nun mit ihrer Hand nach einander die jugendlichen Häupter, die sich vor ihr in die Kissen neigten, und sprach:

»Der Herr segne und behüte Euch Euer Leben lang!«

Dann sank sie selbst erschöpft zurück.

Elsbeth verließ still weinend das Gemach.

Die Kräfte der Frau Reimar nahmen jetzt schnell ab. Wie ihr Leben gewesen, war auch ihr Ende; still, sanft und friedlich. Sie lernte die Schrecken des Todes nicht kennen; das war eine große Gnade für sie selbst und für ihr verwaistes Töchterlein.

In einer Nachmittagsstunde, als Maria ihrer Mutter die Kissen zurecht gelegt und ihr einen Erquickungstrank gereicht hatte, sagte die Kranke:

»Ich bin sehr müde und möchte schlafen.« Sie schloß die Augen und entschlummerte zum letzten Schlaf. Maria, die am Bette saß, merkte den Uebergang vom Schlafe zum Tode nicht, und erst als die irdische Hülle der geliebten Mutter kalt und starr vor ihr lag, wurde sie gewahr, daß die Seele zur ewigen Ruhe eingegangen war.

Ein solches Sterbezimmer ließ keinen lauten Schmerz zu. Maria sank auf ihre Kniee und weinte lange und heiß; aber sie konnte nicht nur weinen, sie konnte auch beten. Und das Gebet ist allemal eine Jacobsleiter, auf der die Engel Gottes auf- und niedersteigen. Sie kommen und holen unser Flehen und Schreien und tragen es hinauf zu Gottes Herzen und bringen dagegen hernieder in unser Herz Stille, Frieden, Ergebung.

Als Elsbeth um die gewohnte Abendstunde kam, konnte Maria ihr entgegen gehen und sagen: »Mama ist jetzt im Himmel!«

Elsbeth weinte mit ihrer Freundin. Dann sagte sie:

»Maria, darf ich in diesen Tagen ganz hier bei Dir bleiben? meine Eltern haben es mir erlaubt.«

Maria nahm dies Anerbieten mit Dank an.

Die Tage, die nun folgten, waren still und traurig, aber nicht trostlos.

Der Beerdigungstag, dieser für die Zurückbleibenden so schwere Tag, kam. Als der mit Blumen reich geschmückte Sarg aus der stillen Wohnung getragen wurde, war es Maria, als sollte ihr das Herz brechen. Lange und krampfhaft schluchzte sie in den Armen der Freundin.

Doch auch dieser Tag ging zu Ende, und als Maria am Abend müde und erschöpft vom Weinen und von großer Traurigkeit die Augen schloß, fiel sie in einen festen, erquickenden Schlaf. Liebliche Träume erfüllten ihre Seele. Sie sah in den offenen Himmel hinein und sah ihre Mutter in verklärter Gestalt unter den Seligen. Und ihre Mutter blickte zu ihr hernieder und lächelte, und o, welch' ein Lächeln war das, voll Himmelslust und Himmelsliebe! Maria fühlte dieses Lächeln warm im eigenen Herzen.

Und als sie die Augen aufschlug, da schien warm und hell die Frühlingssonne durch's unverhangene Fenster zu ihr herein.

VIII.
Abschied von der Heimath

Wir haben hier keine
bleibende Statt.

Ebräer 13, 14.

Jetzt galt es, Maria's Zukunft zu bedenken und ihre Angelegenheiten zu ordnen, und das war im vorliegenden Falle nicht schwer.

Von unserm Herrn im Himmel heißt es ausdrücklich, daß Er ein Gott der Ordnung sei. Wenn dies aber auch nicht mit so klaren Worten von Ihm geschrieben stände, so könnten wir doch Seine Ordnungsliebe aus allen Seinen Werken und Einrichtungen ersehen. Im Haushalte der Natur geht nichts verloren, nichts kommt um; alles steht am rechten Orte und geschieht zu rechter Zeit. Es herrscht dort von oben bis unten, im Größten wie im Kleinsten, eine wahrhaft bewundernswürdige, eine göttliche Ordnung. Und alle Kräfte, welche, von der Sünde unbeeinflußt, in dem ihnen vom Schöpfer bestimmten Wirkungskreise geblieben sind, arbeiten noch heute mit der ihnen einmal vor Jahrtausenden angewiesenen Ordnung und Pünktlichkeit. Die Bienen bauen noch heute ihre Zellen genau so, wie Gott, der Herr, es sie im Anfange gelehrt; die Spinnen heutigen Tages ziehen ihre Fäden und weben ihre Netze noch ganz nach dem alten Muster, welches die erste Spinne von Gott selber empfangen hat. Und wie kunstvoll, fein und zierlich, wie gleichmäßig und ordentlich ist alles, was diese Thierchen arbeiten!

Und steigen wir noch tiefer hinab, betrachten wir z. B. die Bildung der Crystalle; bei aller Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit, welch' bewundernswürdige Gleichmäßigkeit und Ordnung herrscht daselbst!

Und steigen wir hinauf, hoch und höher, bis zu den Planeten- und Sonnensystemen, und schauen da, so weit unser blödes Auge es vermag, in die Ordnungen und Einrichtungen unseres Gottes, so müssen wir auch hier mit dem Psalmisten ausrufen: »Der Herr ist groß und von großer Kraft und ist unbegreiflich, wie Er regieret.«

Nur der Mensch, insoweit er durch die Sünde sich von Gott losgesagt hat, ist damit auch von der ihm ursprünglich anerschaffenen Ordnungsliebe gewichen.

Die Unordnung ist in ihrem ganzen Wesen, sowie in ihren verderblichen Folgen so recht ein Bild der Sünde selbst. Deshalb befleißigt sich ein Christ, so viel er durch Gottes Gnade wiedergeboren ist zum Leben in und aus Gott, der Ordnung in allen Dingen und haßt die Unordnung und kämpft gegen die ihm innewohnende Neigung zur Unordnung als gegen etwas Gottfremdes und Gottwidriges.

Die Ordnung ist auch nicht etwas, das sich etwa nur auf die äußeren sichtbaren Dinge dieser Welt bezöge, nein, wo sie einmal ist, da durchzieht und beherrscht sie den ganzen Menschen, nicht nur sein äußeres, sondern auch sein inneres und innerstes Leben; seine Wünsche und seine Neigungen, sein Denken und sein Empfinden, sein Lieben und sein Hassen, alles wird gefaßt in Gottes heilige Ordnung. Er thut alles äußerlich und innerlich zur rechten Zeit und am rechten Orte, ohne darnach zu fragen, ob dies seinem natürlichen Menschen lieb oder leid sei. Jede Willkür bleibt ein für alle Mal ausgeschlossen.

Hiernach kann es uns nicht wundern, wenn wir hören, daß Frau Reimar, wie wir sie kennen gelernt haben, die Ordnung lieb gehabt und ihr ganzes Leben von derselben hat durchdringen lassen. Und dies war es, was jetzt die Einrichtung für Maria's Zukunft so sehr erleichterte.

Es mußte für Maria ein Vormund bestellt werden. Frau Reimar hatte diesen Fall bedacht, denn bei ihrer überaus zarten Gesundheit lag die Wahrscheinlichkeit nicht fern, daß der Herr sie abrufen würde, ehe noch Maria das Alter der Volljährigkeit erreicht. Sie hatte daher einen Jugendfreund ihres verstorbenen Mannes, den Regierungsrath Weidenbach, gebeten, im Fall ihres Todes die Vormundschaft für ihr Töchterlein zu übernehmen. Dieser, ein verständiger und wohlgesinnter Mann, der sich gegen Frau Reimar stets als ein wahrer Freund gezeigt, hatte versprochen, in diesem Falle väterlich für Maria zu sorgen.

Er wollte jetzt Maria vorläufig zu sich in sein Haus nehmen, doch sie bat, in dem stillen Stübchen bleiben zu dürfen; hier, wo alles sie an die theure Dahingeschiedene erinnerte, wo gleichsam deren Geist noch waltete, schien es ihr, als sei sie weniger von derselben getrennt, als in einer fremden Umgebung.

In der Familie eines dem Regierungsrath befreundeten Gutsbesitzers wurde für zwei kleine Mädchen eine Erzieherin gesucht. Der Vormund schlug für diese Stelle sein Mündel vor, und Maria erhielt die Stelle.

Bis zum Antritt derselben blieben ihr noch einige Monate. Diese Zeit erschien Maria als besonderes Gnadengeschenk Gottes. Sie konnte in Ruhe die eigenen Sachen ordnen und den kleinen Haushalt auflösen.

Ihr Vormund hatte ihr versprochen, alle Sachen, die sie zu behalten wünsche, für sie zu bewahren, welches, da er ein eigenes Haus besaß, mit großen Schwierigkeiten nicht verbunden war.

Nachdem Maria ihre Garderobe für die Trauerzeit in Stand gesetzt hatte, ging sie daran, alle Sachen ihrer Mutter durchzusehen und das für sie Werthvolle auszulesen und in Kisten zu verpacken. Hierbei hatte sie auf's Neue Gelegenheit, die Ordnungsliebe ihrer Mutter als einen Segen zu empfinden. Der Inhalt aller Schränke und Commoden war so übersichtlich geordnet, daß jeder Fremde denselben ohne Mühe hätte übersehen können. Dieselbe Ordnung und Uebersichtlichkeit herrschte auch zwischen den Papieren und Schriften, welche in den Auszügen und Fächern des Schreibtisches sich vorfanden.

Es war eine wehmüthige Freude, womit Maria oft lange den Inhalt irgend eines Auszuges betrachtete, ehe sie sich entschließen konnte, die Sachen aus der Lage, in welche die Hand der Mutter sie gebracht, zu nehmen, gleich als fürchte sie sich, dadurch den Duft der letzten Berührung von der Hand der geliebten Mutter zu verwischen.

Am liebsten hätte Maria alles behalten; es wurde ihr schwer, sich auch nur von einem Stücke, das sie an die theure Mutter erinnerte, zu trennen. Doch es war ja nicht möglich, die ganze Hauseinrichtung zu behalten, und so mußte eine Auswahl getroffen werden. Diejenigen Sachen, welche Maria nicht behalten konnte und wollte, sollten später auf einer Auction verkauft werden.

Zu den Gegenständen, welche Maria unter allen Umständen sich zu erhalten wünschte, gehörte unter anderen der Schreibtisch mit der kleinen Bibliothek und das Piano. Die Bilder konnte sie ebenfalls nicht fortgeben, die waren zu sehr mit ihrer inneren Entwickelung, mit ihrem ganzen Leben verwachsen. Das erste Erwachen des kindlichen Bewußtseins war an diese Bilder geknüpft; zu ihnen hatte sie empor geschaut, als sie ein kleines Kind zu den Füßen der Mutter gespielt; später, wenn die Mutter ihr Märchen und andere Geschichten erzählt, hatten unwillkürlich die Landschaftsbilder ihrer Phantasie die Gegenden geliefert, in denen die Erzählungen sich abspielten. Ihr Kunstsinn und ihr Geschmack hatten sich an Copien der Bilder berühmter Meister gebildet; und in den Träumereien, wie sie ihr durch Kopf und Herz gegangen, wenn sie still arbeitend neben der Mutter gesessen, hatten wiederum die Bilder eine bedeutende Rolle gespielt. Nein, die Bilder mußte sie alle behalten! –

Ihre Blumen und ihr singendes Vöglein wollte Frau Regierungsrath Weidenbach unter ihre besondere Obhut nehmen. Von dem Myrthenbäumchen hatte Maria gesagt: »Das nehme ich mit.«

So kam der Tag ihres Abschieds von der Heimath heran. Während sie in den letzten Wochen viel im Hause ihres Vormunds gewesen und dort oft ganze Tage zugebracht hatte, war es ihr Wunsch, den letzten Abend vor ihrem Scheiden mit Elsbeth allein in ihrer stillen Wohnung zu verleben.

Sie hatte dort noch einmal den Theetisch zierlich geordnet und machte die Wirthin nach besten Kräften, damit, wie sie sagte, »der Haushalt sich doch in allen Ehren auflöse.«

»Wie sehr werde ich Dich vermissen, liebste Maria«, begann Elsbeth, als beide nach eingenommenem Thee traulich neben einander im Sofa saßen, »Euer Haus war mir das liebste von allen. Du bist mir wie meine bessere Hälfte gewesen, und daß ich nicht ganz verwildert bin, das verdanke ich Euch.«

»Liebste Elsbeth, ich glaube aber doch, daß eine höhere Hand Dich leitet und schützt.«

»Ja, das mag wol sein, aber diese höhere Hand hat Euch gebraucht.«

»Das ist denn große Gnade für uns gewesen, welche für mich in Deiner Freundschaft gipfelt.«

»Du sprichst ja, als ob meine Freundschaft Dir auch etwas sein könnte?«

»Meine Mama sagte einmal: durch jede Freundschaft wird unser Leben reicher gemacht, reicher an Freude, aber auch reicher an Schmerz, denn des Freundes Leid wird im Mitleid unser eigenes Leid. Auf alle Fälle also, liebste Elsbeth, ist mein Leben durch Deine Freundschaft bereichert und Du zweifelst doch auch gewiß nicht daran, daß ich Dich von Herzen lieb habe.«

»Nein, daran kann ich nicht zweifeln, denn Du hast mir stets nur Liebe erzeigt. Ich begreife nur nicht, daß Du überhaupt etwas Liebenswerthes an mir finden kannst.«

»Ich glaube, das begreift wol niemand von sich selbst; darnach fragt ja aber auch die Liebe nicht; von ihr heißt es bekanntlich: sie kommt und sie ist da.«

»Ja, das ist wahr. Ich will mich auch über meine Unwürdigkeit nicht weiter beunruhigen. Weißt Du, mein Schatz, daß ich eigentlich stolz auf Deine Freundschaft bin? Und ich will Dir auch sagen weshalb. Wenn meine Mutter zu mir sagt, daß ich ein unbrauchbares, ungeschicktes Mädchen sei, dann denke ich: so gar schlimm muß es doch nicht sein, denn sonst hätte Maria, welche die Geschicklichkeit und Tüchtigkeit selbst ist, Dich doch wol nicht lieb.«

»Damit tröste Dich nicht«, lachte Maria, »Du weißt doch, daß Gegensätze sich anziehen?«

»Wie grausam von Dir, mir auch noch diesen Trost zu rauben!« –

So plauderten die beiden Mädchen harmlos und heiter, bis die Abschiedsstunde schlug. Sie hatten noch verabredet, sich regelmäßig und sehr ausführlich zu schreiben.

»Für mich wird dieser Briefwechsel nebenbei eine heilsame Stylübung sein«, hatte Elsbeth gemeint, »von Deiner Seite wird derselbe jedenfalls viel classischer ausfallen.«

Als Elsbeth gegangen, blieb Maria im Zimmer stehen und blickte umher. Diese Umgebung – sie sollte sie nun bald zum letzten Mal sehen! Ihre alte Heimath sollte sich ihr schließen, würde eine neue für sie sich aufthun? und wann?

Es wollte Maria bei diesen Gedanken weich um's Herz werden, doch da fiel ihr ein, was ihr sterbendes Mütterchen zu ihr gesagt: »Der Herr wird Dir ein neues Arbeitsfeld aufthun; Er wird Dir den Weg weisen, den Du gehen sollst. Gehe ihn willig, mein Kind, und thue die Arbeit mit Freuden.« Und als Antwort hierauf klang es in ihrem Herzen:

»Wie Gott mich führt, so will ich gehen,
Ohn' alles eigene Wählen.
Geschieht, was Er mir ausersehen,
Wird mir's an keinem fehlen.«

»Auch nicht an einer Heimath«, fügte sie leise hinzu.

Sie setzte sich nun an's Piano – zum letzten Mal für lange Zeit, – spielte und sang aus der »Missionsharfe«:

»So nimm denn meine Hände
Und führe mich
Bis an mein selig Ende
Und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen,
Nicht einen Schritt.

Wo Du wirst gehn und stehen,
Da nimm mich mit.

In Dein Erbarmen hülle
Mein schwaches Herz,
Und mach' es gänzlich stille
In Freud' und Schmerz.
Laß ruhn zu Deinen Füßen
Dein armes Kind;
Es wird die Augen schließen
Und glauben blind.

Wenn ich auch gleich nichts fühle
Von Deiner Macht,
Du führst mich doch zum Ziele
Auch durch die Nacht;
So nimm denn meine Hände
Und führe mich
Bis an mein selig Ende
Und ewiglich.« –

Dies war für heute ihr Abendsegen und die Engel im Himmel sangen das Amen dazu.

Maria schloß das Piano, stand auf und ging rasch zu Bett. Alle weichen Empfindungen, die sich in ihr Herz schleichen, und alle wehmüthigen Gedanken, die sich ihr aufdrängen wollten, schob sie entschlossen zurück mit einem: »Wie Gott mich führt, so will ich gehen.«

Sie faltete ihre Hände und schlief mit einem: »Wie Gott mich führt« auf den Lippen ein. Ein fester, ruhiger Schlaf erquickte sie.

Am andern Morgen war sie früh auf, sie mußte mit dem ersten Zuge, der gen Westen fuhr, abreisen. Eine Droschke war bestellt, sie und ihr Gepäck nach dem Bahnhofe zu bringen. Elsbeth erwartete sie, ihrer Verabredung gemäß, unten auf der Straße, um sie nach dem Bahnhofe zu begleiten. Ihr übergab Maria den Schlüssel zu ihrer Wohnung mit der Bitte, denselben ihrem Vormunde, von dem sie schon am gestrigen Nachmittage Abschied genommen, zu bringen.

Beide Mädchen stiegen in die unverdeckte Droschke, und die frische Morgenluft streichelte liebkosend ihre Wangen, als sie durch die stillen Straßen fuhren.

Auf dem Bahnhofe angekommen, hatten sie nur noch Zeit, ein Billet zu lösen und das Gepäck zu besorgen; zu einem längern, zärtlichen Abschiede, den sie sich vorgenommen, blieb keine Zeit mehr übrig. Maria mußte eilend in's Coupé steigen, sie kam hinein, sie wußte selbst nicht wie. Die Thür wurde zugeschlagen, ein langer, gellender Pfiff, noch ein gegenseitiges Winken und Grüßen, und der Zug setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann schnell und schneller; fort ging es von der Heimath, in die Fremde. Maria schloß die Augen und lehnte sich in eine Ecke, aber: »Wie Gott mich führt, so will ich gehen!« klang es in ihrem Herzen.


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