Monika Hunnius
Mein Weg zur Kunst
Monika Hunnius

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Wirken in der Heimat

Heimkehr. Hans Schmidt

Mein Weg in die Heimat führte mich zuerst an den Rigaschen Strand. Aus starkem, künstlerischem Leben heraus, kam ich in die tiefste Strandeinsamkeit. Das Gesinde, in dem wir unsere Sommerferien verbrachten, lag mitten im Walde, auf einer kleinen Wiese, durch hohe Dünen vor den Seewinden geschützt. Dort lebte ich mit meiner Mutter und meiner Schwester unter Bauern. Waldesduft, grüne Wiesen, das Rauschen des ewigen Meeres und liebevollste Fürsorge der Meinen umgaben mich hier. Der Gegensatz aber zum Frankfurter Leben mit seiner Unruhe, seinen Kämpfen und Erlebnissen war so stark, daß ich anfangs ganz zusammensank. Eine plötzliche Nervenerschlaffung trat ein. Ich lag auf den Dünen und weinte und hatte keinen Mut zum Leben, das vor mir lag.

»Hätte ich dich doch nie fortgelassen,« sagte meine Mutter. »Was hat man nun von seinem Kinde?«

Aber meine gute, gesunde Natur hob doch bald wieder ihr Haupt empor, ich hatte wieder Mut, das neue Leben anzupacken.

Eine große Freude und Erfrischung kam durch den Besuch von Hans Schmidt, den ich damals kennen lernte. Schlank und blaß, lustig und amüsant trat er bei uns ein, und es war uns, als wäre er kein Fremder, sondern ein längst Bekannter. Er suchte uns in unserer Einsamkeit auf. Seit einem Jahr hatte er Deutschland verlassen und lebte als Musiklehrer und Organist in Arensburg. Eine Ferienreise brachte ihn nach Riga. Er hatte meinen Aufenthalt erfahren und war gekommen, »um zu sehen, wie ich sei,« was er mit größter Offenheit und Ungeniertheit aussprach. Der erste Eindruck dieses Kollegen war sehr sympathisch, wenn man auch aus dem Staunen über manches nicht herauskam. Er hatte eine drollig ungezogene Art, alles auszusprechen, was ihm durch den Sinn ging. So sagte er mir nach kurzer Zeit, er hätte gedacht, ich wäre viel amüsanter, und daß er eigentlich ein wenig enttäuscht sei. – Seine schönen, blauen Augen hatten einen durchdringenden Blick, der alles sah, namentlich alles, was irgendwie unecht oder unnatürlich war. Man hatte das Gefühl, diesen hellen Augen und diesem etwas spöttischen Munde völlig ausgeliefert zu sein. Die große Gutherzigkeit, die feine Seele dieses Künstlers lernte ich erst später kennen. Er ist einer meiner treusten Freunde geworden und geblieben durch lange Jahre gemeinsamer Arbeit. Ich habe ihm unsagbar viel zu danken, künstlerisch und menschlich. Die große, gesellschaftliche Gewandtheit, das spöttische Wesen, das kleine Stückchen Unbarmherzigkeit, das damit verbunden war, schüchterte mich anfangs ein. Ich mußte von Frankfurt erzählen, von Stockhausen, von unseren gemeinsamen Freunden Lucius und Meisters, beständig unterbrochen von lustigen und witzigen Bemerkungen, die aus ihm heraussprudelten. Er hielt uns alle in Atem. Dann plötzlich konnte er in der Stimmung umschlagen und etwas Zartes, fast weiblich Weiches, Feines, breitete sich unversehens über sein Wesen. Als er Abschied nahm, sagte er: »Ich muß auch nach Riga kommen, und wir beide wollen die musikalische Welt dort aus den Angeln heben.« Dann ging er.

Nun waren sie beide in mein Leben getreten, die zwei Künstler, die den ersten und tiefsten künstlerischen Eindruck auf mich gemacht hatten. Der Wunsch, den ich damals kaum zu denken wagte, war erfüllt. Ich hatte nicht nur mit ihnen sprechen dürfen: sie hatten sich freundschaftlich und kameradschaftlich zu mir gestellt. Das war der Anfang einer reichen, schönen Gemeinsamkeit.

Als er gegangen war, sprachen wir noch lange über den Eindruck, den er uns hinterlassen hatte. Meine Schwester lehnte ihn ab. »Er ist spöttisch,« sagte sie, »man muß sich ein wenig vor ihm fürchten.« Meine Mutter hatte ihn mehr erfaßt, doch wußte sie nicht recht, was sie aus ihm machen sollte. »Ich weiß nicht, wie er eigentlich ist,« sagte sie, »er hat eine schnelle und scharfe Zunge; das macht einen ängstlich.« Ich aber sagte: »Er ist ein Künstler, Gott sei Dank kein Mensch aus dem Alltag! Ich wollte, er käme nach Riga und würde mein Freund. Dann brauchte ich mich nicht mehr vor dem Leben in meinem Beruf zu fürchten.«

Ein Brief von Amalie Joachim

Der Sommer war zu Ende, wir zogen zur Stadt. Mein neues Berufsleben begann. Es war etwas fast Krankhaftes in mir: der Mangel an Selbstvertrauen, durch Stockhausens Art groß gezogen. Ich hatte immer das Gefühl, ich müßte überall erzählen, wie unfertig ich sei. Immer hatte ich die Empfindung, als würde ich die Menschen betrügen, die von mir was erwarteten. Vor allem aber hatte ich ein Grauen davor vorzusingen, und öffentlich aufzutreten, schien mir ganz unmöglich. Meine Mutter verstand mich nicht darin. Die Freunde trieben und drängten, ich müßte mich hören lassen, weil ich sonst keine Schüler bekommen würde. Die Sorge für meine Mutter und meine Schwester lag seit meiner Rückkehr ausschließlich auf mir.

In meiner Not schrieb ich Frau Joachim, der Gütigen. Ich legte ihr alles offen dar und bekam folgendes Schreiben als Antwort:

»Ich habe viel an Sie und Ihre Sorgen gedacht. Könnte ich Sie sprechen, so wären wir bald im klaren; aber mit dem Schreiben, wo man so gar keinen singenden Ton mitgeben kann, – ist das so 'ne Sache!

Was Sie jetzt durchmachen, hat jeder, der eben eine Schule verlassen hat, durchgemacht! Es ist eine alte Sache, daß man die Schule wieder vergessen, sich ganz befreien muß, wenn man Künstlerisches leisten will. Man hat verzweiflungsvolle Momente, – ich kenne das! Aber helfen kann man sich nur selber, und auch hier hilft die Zeit.

Mein Rat ist: Singen Sie recht viel öffentlich; studieren Sie Ihre Sachen ganz nach Stockhausens Anleitung; singen Sie viel vor, Ihrer lieben Mutter, Ihrem Schwesterl' – und anderen. Und wenn Sie dann öffentlich vortragen, vergessen Sie Tonfärbung und Konsonanten; denken Sie sich in die Situation und lassen Sie mehr das Herz als die Kehle singen. Dann wird es schon richtig werden! Fürchten Sie nur nicht, über das Maß des Schönen hinauszugehen. Naturen wie der Ihrigen passiert das schon nicht! Nur viel musizieren mit musikalischen Leuten, recht vielerlei, damit Ihnen die Musik über das Mechanische des Singens wächst! Wenn Stockhausen Ihnen gesagt hat, Sie singen ungebändigt, so meinte er damit nichts »Wildes«, sondern »Unbearbeitetes«. Als ich Sie singen hörte, sangen Sie ungleich. Sie sangen nicht ein Lied, sondern einzelne Takte in einer Stimmung und übertrieben nach der Weichheit hin. Versuchen Sie einmal für sich, beim Studium den Ausdruck auf Kosten der Schönheit zu geben. Solange Sie singen, also nicht kreischen oder schreien, können Sie dieses gar nicht! – Dies sind alles Ausdrücke, welche sich theoretisch sehr schön ausnehmen, – aber solche Dinge muß man beim Schopf fassen. Singen ist nicht sprechen, kreischen oder schreien. Ich kann am Theater, ohne zu übertreiben, im größten Affekt einmal aufschreien, z.B. im Fidelio: »Töt' erst sein Weib«, oder »noch ein' Laut, und du bist tot!« Aber im Lied und im gesungenen, breiten Oratorium, Rezitativ, niemals. – Charakterisieren kann und muß man natürlich; aber diese feinen, mehr andeutenden Linien, – ja, die muß man selber finden!

Dazu verhilft am besten die Öffentlichkeit. Ich kann Ihnen versichern, daß ich oft ein Lied öffentlich gut sang, für welches ich im Zimmer nie den richtigen Ton fand! Vergessen Sie jetzt alle die präparierten Konsonanten, alle die Stockhausenschen f, f, f, f, und w, w, w, w usw., und singen Sie mit frohem Herzen, damit es nicht weichlich wird, so recht drauf los, wie Ihnen das Schnäbelchen gewachsen ist!

Üben müssen Sie natürlich täglich: Kopf, Brust, Falsett, recht gewissenhaft, – aber beim Liedersingen wieder vergessen. Solange man beim Vorsingen an die mechanischen Dinge denkt, kann man natürlich nicht ausdrucksvoll singen. Der Geist muß auch hier das Materielle dirigieren. Das ist im Leben schon nicht leicht; wie soll es in unserer Kunst sein?!

Ich weiß nicht, ob Sie etwas Befriedigendes in meinen Worten finden. Es ist eben schwer, gerade das klar zu machen, und ich kann nichts, als Sie eben nur wieder an Sie selber weisen! Jeder muß da durch! Eine Schule entläßt eben nie fertige Künstler, sondern weist uns die verschiedenen Wege an, die man gehen kann. Das wirkliche Studium kommt nachher. Sie bekommen ja jetzt erst eine Einsicht in das, was Ihnen fehlt. Hat man dies erst, so ist man schon sehr weit gekommen! Nur nicht mutlos! Jedes Haarbreit, das Sie gewinnen, ist für Sie eine Freude – und zugleich eine neue Enttäuschung, denn mit dem Vorschreiten wächst das Ziel weiter; – und doch, wie beneidenswert, – jung und begabt zu sein, Zeit vor sich zu haben!

Ich freue mich jetzt schon auf die Zeit, wo ich lehren werde. Was man selber nicht mehr erreichen kann, kann man vielleicht andere erreichen machen! – Wenn Sie mich in irgend einer Frage noch aufsuchen wollen, werde ich mich freuen. Vielleicht kann ich Ihnen einmal wirklich raten und helfen. –

Ihnen allen bewahre ich ein treues Gedenken und hoffe auf ein Wiedersehen.

Es küßt Sie Ihre Amalie Joachim.«

 

Mit diesem Brief von Frau Joachim ging ich tagelang umher und überlegte meine nächsten Schritte. Es war mir nun klar, daß ich öffentlich singen mußte; der große Schritt mußte geschehen. Ich entschloß mich zu einem Konzert in Arensburg. Seit einem Jahr lebte Hans Schmidt dort: der vergötterte Mittelpunkt des musikalischen und gesellschaftlichen Lebens. Und mein Bruder, auch sehr beliebt, bildete dort den zweiten Mittelpunkt, um den sich alles scharte. Er war Prediger und Oberlehrer am Gymnasium. Außer diesen beiden besaß ich dort noch einen mächtigen Faktor, der für mich sprach: die Frau des Stadthauptes, Frau Agnes von der Borg.

Mit Freuden wurde meine Anfrage des Konzerts wegen begrüßt. Hans Schmidt war freundlich bereit, mich zu begleiten, mein Bruder nahm mich in seine hübsche Häuslichkeit auf, und Frau von der Borg breitete ihre mächtigen Schwingen aus und versprach mir allen Schutz und alle Fürsorge.

Es sollten zwei Konzerte stattfinden: ein weltliches und ein geistliches, und Frau von der Borg hatte die Losung ausgegeben, die Konzerte müßten ausverkauft sein. Sie gab immer Losungen aus, die mächtige, originelle Frau, nach denen die Stadt sich zu richten hatte. Und wer sich nicht danach richtete, bekam es zu fühlen. So fuhr ich denn, halb ängstlich, halb freudigen Mutes mit dem Dampfschiff ab.

Konzertreise nach Arensburg

Arensburg ist ein seltsames kleines Städtchen auf der Insel Ösel. Weltabgeschieden liegt es in seiner meerumsponnenen Einsamkeit. Etwas einsameres, als diese von der See umspülten Wiesen, die weißen Landstraßen, im Sommer von blühenden Büschen wilder Rosen umsäumt, kann man sich kaum vorstellen. Alles geistige Leben, das auf der Insel zu finden war, konzentrierte sich in Arensburg. In der Einsamkeit, im Kampf mit den Elementen stark und trotzig gewordene Menschen waren die Bewohner dieser Insel: stark zum Lieben, stark zum Hassen. Immer gab es einen Kampf, und das Städtchen war in zwei Parteien gespalten. Und immer war Frau von der Borg mit stürmender Seele mit dabei, als Führerin der einen Partei. Wen sie liebte, der hatte es gut, wen sie haßte – schlecht. Sie war von einer leidenschaftlichen Ungerechtigkeit und einer lodernden Wahrhaftigkeit, ein Sturmvogel mit einer weichen Kinderseele und einer unbeschreiblich hilfsbereiten Güte. Wenn man sie zu nehmen verstand, konnte man alles bei ihr erreichen; sie selbst aber hielt sich für unerbittlich. »Das Luftfenster von Arensburg« wurde sie genannt; denn wo sie war, da gab es frische Winde.

Von meinem Bruder wurde ich am Dampfschiffsteg empfangen. Frau von Borgs Equipage stand bereit. Und als ich in die Stadt einfuhr, blieben die Menschen auf der Straße stehen und sahen mir nach, und manches Fenster öffnete sich voll Neugierde.

Es war eine Atmosphäre von Frische und festlicher Erwartung, die mich empfing und mit sich fortriß. Mein Bruder hatte sein reizendes Heim geschmückt, befreundete Familien hatten zu meinem Empfang frisches Gebäck gesandt, eine Reihe von Gesellschaften war geplant. Ich kam gar nicht zur Besinnung. Stadthaupt von der Borg, eine kluge, feine Persönlichkeit voller Humor und Witz, kam mit seiner Frau, mich zu begrüßen. Auch Hans Schmidt kam und erfüllte das ganze Zimmer mit Lachen und Fröhlichkeit. Ich mußte ihm mein Programm vorlegen, das er sofort vollständig über den Haufen warf. »Machen Sie ein ganz populäres Programm,« riet er. Ich hatte nach alter Väter Sitte an den Eingang eine Arie gesetzt, die strich er mir. »An dieser Arie würde sich nur Stockhausen freuen, sonst niemand,« entschied er. – Wir nahmen eine große Schubert-Nummer, dann Schumann. In der zweiten Hälfte nur Kompositionen von meinem Bruder, und zum Schluß Lieder von Hans Schmidt.

So kam in Saus und Braus der Konzerttag heran, und mit Herzklopfen, aber doch mit freudiger Seele trat ich ins Künstlerzimmer, wo Hans Schmidt mich bereits erwartete. Ein prüfender Blick über meine Toilette – er verstand sich darauf – und ich sah ein deutliches Mißfallen in seinen Augen. – Meine Konzerttoiletten waren im Anfang immer konventionell und unpersönlich; ich verstand mich nicht darauf. Hans Schmidt hielt mit seinem Mißfallen auch nicht einen Augenblick hinter dem Berge, war aber so komisch dabei, daß ich lachen mußte. Er hatte eine bezaubernde Art, einer bangen Seele im Künstlerzimmer Mut zu machen, war so zuversichtlich, daß alles gut gehen würde, machte noch beim Hinaustreten aufs Podium einen Witz, daß ich mit einem Lachen auf den Lippen oben stand.

Den Anfang machte »An die Musik« von Schubert. Ich empfand, daß ich Fühlung mit dem Publikum bekam, das wohl von vornherein entschlossen war, das Konzert wunderschön zu finden. Frau von Borg saß in der ersten Reihe in stattlichem Seidenkleide und hoher Spitzenhaube und sah sich streng um, wenn der Applaus nicht ganz ihren Wünschen entsprach. – Und ich stand auf dem Podium, und mir ward wie dem treuen Heinrich im Märchen, dem der eiserne Reif, den der Zauberer um sein Herz geschmiedet hatte, gesprungen war. Nirgendwo war's auch so schön zu singen, wie in den kleinen Städten unserer Heimat. Konzerte waren dort eine Seltenheit, denn nicht oft verirrte sich ein Künstler in diese weltentlegenen Orte. So ward ein Konzert dort zum Fest für Stadt und Land. Die Kleinstädter waren noch so unverwöhnt und dankbar, und konnten ihre Freude so unverhohlen und warmherzig äußern, daß man sich wie getragen fühlte.

In der ersten großen Pause war das Künstlerzimmer gefüllt mit dankenden, frohen Menschen. Die Freude steigerte sich noch in der zweiten Abteilung, in der mein Bruder seine Lieder selbst begleitete. Er war eine feine Künstlernatur, und in seinem Spiel lag eine große Poesie. – Und als nun die Schlußnummer mit Hans Schmidts bezaubernden Wiegenliedern und seinem lustigen Jägersmann kam, da brach ein wahrer Jubel los. Als ich nach vielen Zugaben endlich im Künstlerzimmer stand, konnte ich die vielen Hände, die sich mir dankbar entgegenstreckten, gar nicht alle fassen und drücken.

Dann gab es ein Abendessen bei Stadthaupt von der Borg, wo in kleinem Kreise große Fröhlichkeit herrschte. Jeder gab drollige Urteile und Erlebnisse aus dem Konzert zum besten, wobei der Hausherr mit seinem trockenen Humor von überwältigender Komik war. Dankerfüllten Herzens ging ich mit meinem Bruder heim.

Als ich in meinem stillen Stübchen allein war, konnte ich lange keine Ruhe finden. Ich überdachte den ganzen Abend. Jedes Lied mit seinen Mängeln und Vorzügen stand klar vor meiner Seele. Über allem aber stand eine leidenschaftliche Dankbarkeit. Ich fühlte, ich hatte etwas für mich Großes erlebt. Und war es nicht wie ein Märchen, daß bei meinem ersten Auftreten in der Heimat Hans Schmidt mein Begleiter sein konnte? Erst wenige Jahre war es her, daß ich ihn zum erstenmal gehört hatte und es mir als höchstes, unerreichbares Ziel erschienen war, einmal mit seiner Begleitung zu singen. Und nun war es Wirklichkeit geworden!

»Wenn Hans Schmidt begleitet, ist es schon halb gesungen,« sagte einmal Frau Joachim. Ja, so war es. Was das für einen Sänger bedeutete, diesen Poeten und Mitschaffenden neben sich am Flügel zu haben, wissen nicht viele so gut wie ich; denn ich habe dieses Glück durch ein ganzes Berufsleben hindurch gehabt. Zuverlässig, voller Geistesgegenwart, verstand er, dem Sänger im Konzert Ruhe und Sicherheit zu geben. Er führte einen mit fester und zarter Hand, aber er dominierte nie. Jeden Gedanken fühlte dieser Mitgestalter, nahm ihn auf und führte ihn aus. Es war ein wundersames Nehmen und Geben, Belauschen und Folgen.

Man erlebte immer etwas, wenn man mit ihm sang. Manchmal war's in Gesellschaften und Konzerten, daß ich wie aus einem Traum erwachte, wenn das Lied zu Ende war. Ich hatte Zuhörerschaft und Podium vergessen, über diesem wunderbaren, künstlerischen Miteinanderschaffen bei dem staunenden Horchen auf diese Poetenseele, die im Begleiten Geheimnisse enthüllte. Als ich an diesem glücklichen Abend endlich einschlief, war einer meiner letzten Gedanken: »Was hätte Stockhausen heute gesagt?«

Die Tage zwischen diesem ersten und dem zweiten, einem Kirchenkonzert, vergingen wie ein Rausch. Ich wurde – mit einem Wort gesagt – »gefeiert«. Blumen, Gebäck, Briefe und freundliche Menschen kamen ins Haus, und eine Einladung jagte die andere. Dazwischen fuhr Frau von Borg mit ihrer Equipage vor. Wie ein Sturmwind brauste sie ins Haus. »Ich kann nicht zusehen, daß Sie hier gemordet werden,« rief sie. »Kleiden Sie sich sofort an. Ich bringe Sie ein bißchen in die Einsamkeit, ans Meer.«

So fuhr ich hinaus auf diese merkwürdige Insel. Ich sah Bauern mit ihren schönen, bunten Nationaltrachten, sah einsame Wiesen voll blasser Herbstblumen und atmete den kräftigen Seegeruch ein. Ich fuhr am stillen Strande hin und hörte den scharfen, wilden Ruf der Möven über mir, sah sie mit ihren krummen Schnäbeln und dunklen Köpfen gegen den blauen Himmel mit langsamen Flügelschlägen schimmernde Kreise ziehen. Und überall leuchtete das Meer am fernen Horizonte.

Dann kam das Kirchenkonzert. – Meine Seele war frei. Ich sang meine Händel- und Bach-Arie, sang geistliche Lieder – und alles war froh und begeistert.

Dann mußte ich Abschied nehmen. Als ich nun endlich auf dem Schiff stand, das Herz voll Dankbarkeit, die Tasche voll von selbstverdientem Gelde, und die Insel immer weiter und weiter im Meere versank, dachte ich voll Freude und Trauer: »So schön wird's gewiß nie mehr sein!«

Am anderen Morgen war ich in Riga. Es war ein frohes Heimkommen: das Haus zu meinem Empfang festlich geschmückt, der Kaffeetisch schön gedeckt, und die Meinen waren glücklich, daß ich wieder da war. Trotz der frühen Stunde versammelten sich bald alle Freunde um unseren Kaffeetisch. Ich mußte ausführlich erzählen und alles nahm teil an meinem Erleben. Der schönste Augenblick für mich aber war doch der, als ich meinen ganzen Verdienst in meiner Mutter Hände legen und damit die Sorgen für die nächste Zeit aus unserem friedlichen, kleinen Heim bannen konnte.

Berufsleben

Und nun begannen meine Stunden.

Ich wollte mit meinem Unterricht nach einem Wort von Louis Ehlert »meine Schüler nicht zu Spiegelbildern meiner eigenen Persönlichkeit abrichten, sondern ihnen die Wege zu ihrem eigenen Ich finden helfen.« Mein zweites Ziel war in einem Wort von Rochus von Liliencron enthalten. Er läßt es von einem alten Musiklehrer aussprechen: »Wir wollen durch unseren Unterricht den Musikjüngern ein wenig Klarheit für ihre Begriffe und ein wenig Demut für ihre Seelen gewinnen.« – Dieses waren die beiden Gesichtspunkte, die ich für meinen Unterricht ins Auge gefaßt hatte.

Auf meine erste Annonce erschienen sofort vier Schülerinnen. O! diese vier ersten! Sie waren mir wie eine erste Lebensliebe. Noch heute erinnere ich mich genau ihrer Stimmen, ihrer Mängel und ihrer guten Eigenschaften. Mit der allerersten, die in die Sprechstunde kam, achtzehnjährig, holdselig und errötend, verbindet mich noch heute eine treue Freundschaft. Ihr Mann, ihre Kinder gehören zu mir, und ihr schönes Heim in Berlin ist für mich ein Stück Heimat geworden. – Und die zweite, auch achtzehnjährig, mit hellbraunen Augen und einem schmalen, schönen Gesicht, hat mir Treue gehalten bis auf den heutigen Tag. Jetzt ist ihr einziges Kind meine liebe Schülerin geworden. Wir sprechen mit der Mutter oft von alten Zeiten.

Zu den vier ersten Schülerinnen waren bald viel mehr gekommen, und mein Tag war ganz ausgefüllt. Ich glaube, ich habe meine Schüler im Anfang recht gequält; denn die Stockhausensche Methode war schwer, kompliziert und unnatürlich. Aber sie gingen mit Begeisterung mit mir; denn ich ging ihnen voran mit der ganzen Glut und Freudigkeit meiner jungen Seele. So wenig heimisch ich auf dem Podium jemals geworden bin, so heimisch fühlte ich mich von der ersten Stunde an meinen Schülern gegenüber, denen mein ganzes Herz und meine ganze Kraft gehörte.

Mein Musikzimmer war unglaublich primitiv eingerichtet. In der Mitte stand meiner Mutter alter Flügel; bescheidene Möbel, noch aus unserem Pastorat, ein schlichtes, braunes Tischchen, das meinen Schreibtisch vorstellte, und ein paar Bilder an den Wänden, das war die ganze Einrichtung. Wenn ich mein späteres Musikzimmer voll wertvoller Sachen und Erinnerungen damit vergleiche, denke ich oft an die Worte Jakobs aus dem Alten Testament: »Als ich über den Jordan ging, hatte ich nur einen Stecken, und nun bin ich zweier Heere Herr geworden.«

Ich verkehrte kameradschaftlich mit meinen Schülerinnen, die mir zum Teil ganz nahe im Alter standen. Ich tanzte auf ihren Hochzeiten und war sogar Brautschwester bei ihnen. Mein ganzes Haus, meine Mutter und meine Schwester, lebten mit meinen Schülern und nahmen teil an meiner Arbeit.

Ich fürchte, ich bin im Anfang keine geduldige Lehrerin gewesen: eigene Unsicherheit macht ungeduldig und unruhig und nur die Beherrschung des Stoffes gibt Ruhe.

Von Anfang an war es mir klar, daß ich mich für meine Schüler anders einstellen mußte, als ich bei Stockhausen gelehrt worden war. Es gab dabei manche Konflikte zu überwinden. Ich wollte einerseits die Fahne hochhalten und keinen Dilettantismus lehren; andererseits muß aber ein Lehrer, der Dilettanten unterrichtet, Konzessionen machen und andere Maßstäbe anlegen, als wenn er Künstler erziehen soll. Allmählich wurde mir immer klarer, was ich wollte: künstlerisch hörende und empfindende Dilettanten erziehen, die Ehrfurcht vor der Kunst und den Kunstwerken hatten.

Zu diesem Zweck lud ich meine Schülerinnen oft zusammen ein. Von den Vorgeschrittenen ließ ich ganze Zyklen singen, wie z.B. Winterreise, Müllerlieder, Dichterliebe. Ich hatte für diese Abende kleine Vorträge zusammengestellt, in denen ich meine Schüler in das Wesen der Lieder einführte und kurze Charakteristiken der Komponisten gab. Die Schüler hatten diese Abende gern und besuchten sie sehr eifrig. Auch für Konzerte, die gute Künstler gaben, bereitete ich sie vor und nahm an solchen Abenden dann die Programme durch.

Ich weiß nicht recht, wie ich damals lehrte; denn mir fehlte die Atembasis, ohne die ich mir einen Unterricht jetzt überhaupt nicht denken kann. Immer aber hatte ich das Bedürfnis, aufzubauen und in einheitlicher Weise meine Schule zu entwickeln. Meine Schüler folgten mir gern auf meinem Wege, selbst wenn es Irrwege waren; denn was ich auch lehrte, lehrte ich mit starker Überzeugung, die sich auf sie übertrug.

Ich wunderte mich schon damals, wo sie das Vertrauen zu einer so jungen, unerprobten Lehrerin hernahmen. Ich war noch so jung und ich weiß nicht, wer im Anfang schüchterner und aufgeregter in den Stunden war: meine Schülerinnen oder ich selbst. Aber das Vertrauen, das sie mir entgegenbrachten, stärkte mein Selbstvertrauen; und so wuchs ich in meine Arbeit und die Sicherheit hinein.

Es war nichts Bedeutendes an Talenten, was ich an meinen Schülerinnen in der ersten Zeit hatte. Auch herrschte damals noch nicht der Trieb, wie jetzt unter den jungen Studierenden, sofort an die Öffentlichkeit zu kommen. Man lernte für sich und das Haus, und überließ das Podium wirklichen Künstlern. – Nach einigen Jahren änderte sich das, und es wurde mir nachgesagt, daß von keinem Lehrer mehr Schüler ins Ausland gingen, um weiter zu studieren und Berufssänger zu werden, als von mir. Doch war das nicht meine Schuld. Ich habe das nie begünstigt, denn von Stockhausen her waren mir die »unberufenen Hände«, die nach Künstlerlorbeeren griffen, unsympathisch.

Jetzt begannen auch die Besuche bei den Kolleginnen und den maßgebenden musikalischen Persönlichkeiten Rigas. Bei meiner großen Schüchternheit war ich froh, unter den Flügeln meiner Mutter überall hingehen zu können. So wurde ich stets als Tochter meiner Mutter eingeführt, und nicht als selbständiger Mensch, der seine Stelle und seinen Beruf zu vertreten hatte. Das war von vornherein ein Fehler. Bei den Besuchen sprach ich oft kein Wort, was ich in Gegenwart meiner Mutter auch in Gesellschaften gewohnt war. Wir wurden überall auf das freundlichste empfangen, denn meine Mutter war eine wohlbekannte Persönlichkeit in der Stadt. Den liebsten und schönsten Eindruck von diesen Besuchen nahm ich mit aus dem Hause der Fräulein von Jung-Stilling, Amalie und Elise. So viel Liebe, Güte und Wohlwollen empfing mich da, daß mein Herz weit aufging und voll Vertrauen den beiden Schwestern entgegenschlug.

Durch seltsame Schicksale war ihr Vater, der Sohn des berühmten Goethe-Freundes Jung-Stilling, nach Riga verschlagen und hier zu einer glänzenden Stellung gelangt. Er versammelte in seinen gastlichen Räumen alles, was von Bedeutung in der Stadt lebte. Die Musikabende dieses Hauses waren berühmt. Sein Tod endete jäh diese glanzvolle Zeit, und seine verwöhnten Töchter, denen die Kunst bisher nur Schmuck ihres Lebens gewesen, mußten sie nun zum Broterwerb ausüben, denn die Sorge für eine zarte Mutter und unerzogene Geschwister lag auf ihnen.

Als ich sie kennen lernte, hatte ihr Haus gesellschaftlich dieselbe Stellung, wie zu Lebzeiten ihrer Eltern. Sie arbeiteten noch beide rastlos, hatten aber dabei immer Zeit und Kraft, eine wunderschöne Geselligkeit zu pflegen. Ganz besonders gütig aber waren sie gegen künstlerisch strebende Jugend. Voll Zagen und Ehrfurcht trat ich mit meiner Mutter bei ihnen ein. Sie lebten, wohl schon über dreißig Jahre, in einer wundervoll altmodischen Wohnung. Es war vielleicht eine der charakteristischsten Häuslichkeiten, die Riga damals besaß. Die alten, schweren Mahagonimöbel erzählten von Wohlstand und einer vornehmen Vergangenheit. Sie waren künstlerisch und pietätvoll geordnet. Es saß sich prächtig in den alten Lehnstühlen mit den gestickten Rückenkissen und Schlummerrollen. Von den Wänden grüßten gute Kopien alter Meister; zwei Flügel standen an der Wand, und behaglich dunkle Teppiche bedeckten den Fußboden.

Meine jungen Augen wanderten durch den Raum, und meine Seele nahm alles in sich auf. Ich war stumm. Ich sah zur Malerin hinüber, denn ich fühlte ihre Augen auf mir ruhen und unsere Blicke begegneten sich. Ein Strahl unendlicher Güte traf mich aus ihnen und in spontaner Empfindung streckte ich ihr die Hand hin und sagte: »Bei Ihnen ist es wunderschön! Ach, seien Sie gut gegen mich.« Sie stand auf und küßte mich: »Sie sollen zwei Freundinnen an uns haben,« sagte sie einfach. Und sie hat ihr Wort gehalten.

Als ich mit meiner Mutter heimging, sagte diese: »Als ich jung war, war mein höchster Traum, im Hause Jung-Stilling eingeführt zu werden. Dieser Wunsch ist mir nicht erfüllt worden. Nun wirst du alles das haben, was mir versagt war.«

Noch im Laufe dieses Herbstes wurde ich zu den »Börsentanten«, wie sie bald unter uns hießen, zu einer großen musikalischen Matinee eingeladen. Es war dort eine im schönsten Sinne altmodische Geselligkeit, wie man sie wohl in der Biedermeierzeit pflegte. Wir sagten immer, es sei eine höfische Art der Geselligkeit, auf die besonders Fräulein Amalie sah. Doch empfand man die Formen nie als Zwang, denn sie wirkten nicht einengend, sondern befreiend und sicher machend, da sie belebt waren von warmer Herzensgüte und getragen von feinem, künstlerischem Sinn.

Da trafen sich die Spitzen des Landes. Es wurden politische, musikalische und ästhetische Fragen besprochen. Ich lernte hier den livländischen Landmarschall, Herrn von Bock, kennen, den Mann der Schröder-Devrient, sowie den residierenden Landrat, Baron Meyendorff, der eben aus Petersburg vom Kaiserhofe kam und interessant über das Leben dort berichtete.

Einen großen Eindruck auf mich machte auch die Fürstin Constance Lieven, der ich hier vorgestellt wurde. Sie war verwachsen und klein und saß in einem hohen Lehnstuhl. Ihre Füße ruhten auf einem kleinen, gestickten Schemel. Sie reichte mir eine feine, schmale Hand, die von vielen Leiden sprach. Ich beugte mich zum Kusse über sie, und als ich aufsah, blickte ich in ein paar scharfe, helle Augen, die mich ansahen, als wollten sie mir auf den Grund der Seele dringen. »Setzen Sie sich zu mir, liebes Kind,« sagte sie gütig mit einer etwas scharfen, hohen Stimme. Ich faßte sogleich Zutrauen zu ihr, denn sie war ein besonderer Mensch. Sie lebte in einer Atmosphäre von geistiger Klarheit und Kraft, war wissenschaftlich, künstlerisch und ästhetisch sehr gebildet. Ich bin ihr später sehr nahe gekommen.

Die Augen der beiden Schwestern waren überall. Kein Gast konnte sich zurückgesetzt fühlen, jeder wurde beachtet, jeder kam zu seinem Rechte. Staunend blickte ich in diese Welt, eine solche Art der Geselligkeit war mir neu.

Es traf sich zufällig, daß Hans Schmidt in diesen Tagen in Riga war. Fräulein von Jungs hatten mich gebeten, ihn in ihrem Namen einzuladen. Sie kannten ihn persönlich noch nicht; doch war sein Name als Künstler schon überall im Lande bekannt. Er hatte die Einladung angenommen, konnte aber nur kurze Zeit zur Gesellschaft kommen, da sein Schiff nach Arensburg am selben Tage zurückkehrte. –

Es wurde Kammermusik gemacht. Das Trio war zu Ende. Man stand in Gruppen beisammen und plauderte. Da erschien Hans Schmidt plötzlich in der Tür und sah mit hellen Augen über die Versammlung hin. Er trat in den fremden Kreis ohne eine Spur von Befangenheit.

Die beiden Gastgeberinnen gingen ihm sofort entgegen und begrüßten ihn. Auf ihre freundliche Anrede antwortete er mit einer geistreichen, witzigen Bemerkung. Er war frei und lustig, gerade so wie damals, als er uns zum erstenmal am Strande besuchte, als säße er im Sande auf der Düne. Alles, was ihm einfiel, sprach er aus und freute sich an der schönen, eigenartigen Häuslichkeit, die er mit kurzen Worten charakterisierte und beim ersten Blick ganz in sich aufgenommen hatte. Fräulein Amalie wollte ihn ein wenig protegieren, aber er entschlüpfte ihr sofort. Man hatte überhaupt das Gefühl, daß er jedem entschlüpfte, der ihn irgendwie festhalten wollte, und ganz selbständig dort auftauchte, wo er gerade zu sein wünschte, unbekümmert um die Hände, die sich nach ihm streckten. Er hatte etwas von einem geistigen Straßenjungen und spielte mit den Formen, die er oft mit vollster Absicht nicht beachtete. Ich sah ihm aus einer sicheren Ecke zu und wollte mich in aller Stille totlachen. »Wenn er mich nur nicht bemerkt,« dachte ich in heimlicher Sorge, »und mich nur nicht in Verlegenheit bringt!«

Er entdeckte mich aber doch und holte mich aus meiner stillen Ecke hervor. Ich mußte an den Flügel und seine Lieder singen, – diese entzückenden, lustigen und wehmütigen Sachen, seine Wiegenlieder und die vom Jägersmann, der das Mägdlein im Walde küßt, und zum Schluß das Lied vom lieben, lieben Schatz. Ich hatte einen Erfolg und wußte nicht, wie mir geschah, als ich mich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller fühlte.

Dann rief Hans Schmidt plötzlich: »Mein Schiff, mein Schiff, ich muß auf mein Schiff!« und entzog sich allen durch eilige Flucht. In der Tür fing Fräulein Amalie den Flüchtigen ab; und in ihrer etwas wortreich altmodischen Art dankte sie ihm für sein Kommen. Sie hätte sich so besonders gefreut, ihn kennen zu lernen. »Ja?« sagte er, und es klang ein wenig fragend und ungläubig. »Ist das auch ganz wahr, oder nur halb?« Sie, die Formensichere, verlor im Augenblick etwas den Boden unter den Füßen und sah ihn ratlos an. Da hatte er sich schon über ihre Hand gebeugt, sich so herzlich und kindlich von ihr verabschiedet, daß sie lachen mußte. Ich hatte in der Tür gestanden und die kleine Szene beobachtet. Etwas atemlos kam Fräulein von Jung auf mich zu. »Ein seltsamer Mensch,« sagte sie. »Sehr amüsant,« erwiderte ich, »und ein Künstler!«

Mein erstes Konzert in Riga

Meine Freunde und meine Familie drängten zu einem eigenen Konzert in Riga, und so entschloß ich mich denn, mit einem Sänger, Herrn von Kotzebue aus Estland, zu diesem großen Schritt. Wir hatten zwei Duettgruppen zusammengestellt und jeder hatte seine Solonummern. Kapellmeister Lohse vom Stadttheater sollte uns begleiten. Herr von Kotzebue war ein feiner Sänger und ein vornehmer, liebenswürdiger Mensch. In dieser Beziehung hatte ich es gut getroffen.

Der Konzerttag kam näher, und eine entsetzliche Angst ergriff immer mehr und mehr von mir Besitz. Ich hatte keinen frohen Augenblick mehr, sprach aber mit niemand darüber. Die Angst hätte doch keiner von mir nehmen können. Es war schon fast krankhaft. Am Konzerttag erwachte ich mit einer Migräne, die mich eigentlich zu allem unfähig machte. Keiner half mir, keiner riet mir; und so stand ich denn abends geschmückt und elend an Leib und Seele im Künstlerzimmer. Ein kleiner Lichtstrahl traf mich in der Dunkelheit: ein wunderbarer Blumenstrauß und ein paar Zeilen von Hans Schmidt erwarteten mich im Künstlerzimmer. Dann betrat ich das Podium.

Ich kann mir jetzt nicht vorstellen, wie mein Singen damals gewirkt haben mag. Ich denke mir, es war matt und unfrei; denn während ich bei meinen früheren Konzerten gleich zu Beginn alle Angst verlor und mich ganz in meinen Liedern vergaß, lag diesmal der lähmende Druck der Stockhausenschen Schule auf mir und ließ mich bis zuletzt nicht los. Aber das Publikum nahm es sehr warm auf; es waren viel Freunde darunter. Meine alte Lehrerin rauschte nach dem Konzert ins Künstlerzimmer; aber sie wagte nicht etwas zu sagen: meine Freunde umgaben mich. – Die Kritik am folgenden Tage vernichtete mich vollständig. Als ich sie las, dachte ich: nun müßte mein Leben zu Ende sein, da ich von nun an einen Schandfleck auf mir tragen würde. Ich wagte gar nicht, vor die Tür zu gehen, mich unter die Menschen zu mischen, so übertrieben empfand ich meinen Mißerfolg. Auch meiner Mutter war es ein harter Schlag. Wir fühlten meine ganze Existenz, meine Stunden bedroht. Nur eine freute sich und sprach ihren Triumph unverhohlen aus: meine frühere Lehrerin.

Ich war in meiner Jugend sehr leicht entmutigt und glaubte, ich würde mich niemals von diesem Schlage erholen. Da kam mir ein Urteil von Herrn von Kotzebue zu Ohren. Er hatte gesagt, ich müsse mich ändern oder meinen Beruf aufgeben, ich sei viel zu sensibel und innerlich, sowohl als Persönlichkeit, wie als Sängerin. Ich müsse mich seelisch abhärten, auf diese Art würde ich nie etwas erreichen und zu Grunde gehen.

Ich dachte eine Weile über diesen Ausspruch nach. Er hatte recht. Aber aufgeben konnte ich meinen Beruf nicht, also mußte ich mich »abhärten«, und beschloß, zu diesem Zweck das Schwerste zu tun, das mir momentan denkbar war: meiner früheren Lehrerin einen Besuch zu machen und über das Konzert zu sprechen. Ich machte mich sofort auf den Weg und stand bald vor der Erstaunten, die so überrascht durch mein Erscheinen war, daß sie zuerst gar keine Worte fand. Ich aber ging gerade auf mein Ziel los und sagte: »Ich bin gekommen, um über mein Konzert mit Ihnen zu sprechen.«

Da löste sich ihre Zunge und sie schäumte los. Die ganze Enttäuschung ihres gekränkten Lehrerinnenstolzes, ihrer Eitelkeit, brach aus ihr heraus. Sie hat es mir nie vergeben, daß sie so wenig Anerkennung bei Stockhausen gefunden – ja, daß sich bei ihm meine ganze Stimmlage geändert hatte. Sie war kein edler Mensch; nun lag ich am Boden, und sie hatte »recht behalten«. Unter Stockhausen war nun nichts aus mir geworden – ja, schloß sie, ihrer Meinung nach müßte ich Riga verlassen, denn hier hätte ich ein für allemal verspielt. Ich saß still da und ließ die Flut mich überbrausen. Aber unter den bösen, häßlichen Worten wachte etwas in mir auf, froh und stark; und das war der Glaube an mich, an mein Können, meine innere Berufung und an meinen endlichen Sieg über alle Hindernisse. Ich hob mein gesenktes Haupt, und es brach wie ein Jauchzen aus mir: »Es ist alles, alles ganz anders, als Sie denken. Ich weiß, daß mein Konzert schlecht war, aber ich fühle die Kraft in mir, es wieder gut zu machen, und ich werde nicht weichen, bis ich mir meinen Platz erworben habe und eine der ersten hier in der Stadt geworden bin; das sollen Sie erleben!« Sie war vollständig sprachlos vor Schreck und Staunen, setzte ein paarmal zu einer Gegenrede an, sagte aber nichts weiter, als: »Nun, es soll mich freuen.« Wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen. Ich ging.

Als ich auf der Straße stand, kam es wieder wie ein Jauchzen über mich. Alles war verändert: hell und froh. Es war, als läuteten Glocken in mir wie Osterfreude und Auferstehungsklänge. Ich wußte nun, daß Stockhausen nichts in mir totgeschlagen hatte, daß mein Leben und Singen nur verschüttet waren, daß alles nur wartete, ans Licht zu kommen. Ich fühlte meine Schwingen wieder und wußte, daß sie stark genug waren, mich zu tragen in ein Leben voll Reichtum. Ich ging durch den hellen Vorfrühlingsabend heim. Welch' ein Licht lag in der Luft! Wie hell war der Himmel!

Zu Hause fand ich Fräulein Elise von Jung-Stilling vor, die gekommen war, mich zu trösten und aufzurichten. Ich faßte ihre treuen Hände, und ihr warmes Herz nahm voll Freude teil an meinem Glück. »Jetzt sind Sie durch,« sagte sie in ihrer schlichten Art. »Das Schwerste liegt hinter Ihnen, nun braucht man sich nicht mehr um Sie zu sorgen. Noch liegt ein großes, schweres Stück Arbeit vor Ihnen, aber die Hauptsache ist da: Sie haben sich selbst wiedergefunden.«

Programmstudien bei Hans Schmidt

Im Sommer dieses Jahres ging ich auf sechs Wochen nach Arensburg, um bei Hans Schmidt Programme zu studieren. Ich tat diesen Schritt auf Rat von Frau Joachim. Sie kannte ihn gut, war er doch mehrere Jahre Hauslehrer ihrer Kinder gewesen und stand ihr freundschaftlich nah. Im Hause Joachim war es auch, wo Hans Schmidt Brahms kennen lernte, der sich für seine Lieder und Kompositionen aufs wärmste interessierte. Er folgte dem berühmten Meister nach Wien, wo er sein Kompositionsschüler wurde. Brahms schreibt in einem seiner Briefe vom jungen, feinen und liebenswürdigen Livländer, den er kennen gelernt habe. Auch als Dichter schätzte er ihn, und eine ganze Reihe von Dichtungen Hans Schmidts hat er komponiert und herausgegeben. Das berühmteste dieser Lieder ist die »sapphische Ode«. Als Dank schrieb der Dichter in seiner anmutigen Art folgende Zeilen an Brahms: »Wie der Bernstein eine kleine Mücke umschließt und ihr dadurch ein ewiges Leben gewährt, so haben Sie mein einfaches, kleines Gedicht, indem Sie es mit Ihrer Musik umschlossen, unsterblich gemacht.«

Bald führte mich der Arensburger Dampfer auf die Insel, die mir so lieb war. Aber ich machte eine seltsame Erfahrung, die mich schmerzlich traf. Eine andere Atmosphäre umfing mich, als im Herbst. Mein verunglücktes Konzert und die schlechte Kritik hatten ihre Wirkung getan: die Arensburger schämten sich ihrer voreiligen Begeisterung. »Wenn sie nur kein Konzert gibt,« hieß es, »was für Riga nicht gut ist, ist es auch nicht für uns.«

Zugleich mit mir war eine Aufforderung an Hans Schmidt gekommen, die ihn nach Riga als Musikkritiker an unsere erste Zeitung rief. Es hieß nun allgemein, ich hätte ihm diesen Ruf verschafft, dem er folgen wolle. Das brachte mir viel Feindschaft ein. Ich verstand den Zorn und Schmerz, denn ich wußte, welch eine Bedeutung eine Persönlichkeit wie Hans Schmidt für das Leben des ganzen Städtchens hatte. Ein Strom aus einer anderen Welt kam mit ihm in das stille, weltabgeschiedene Arensburg. Musik, interessante Leseabende und Gesellschaften waren durch ihn ins Leben getreten. Der Musikverein hatte einen ungeahnten Aufschwung genommen. Es gab Konzerte, wie Arensburg sie noch nie erlebt. Ihm war das Unerhörte gelungen, in seinem Chor Adel, Literaten und Bürgerschaft friedlich zu vereinen.

Und nun sollte das alles ein Ende haben – durch meine Schuld, wie man annahm. Kein Wunder, daß ich dafür büßen mußte!

Ich sollte zuerst bei meinem Bruder wohnen, aber Frau von Borg hatte es anders beschlossen. Kaum war ich angekommen, erschien sie sofort in ihrer großen Hilfsbereitschaft. »Sie kommen zu mir,« entschied sie diktatorisch. »Ihr Bruder ist Junggeselle. Sie brauchen einen mütterlichen Schutz. Außerdem müssen Sie jemand haben, der den Arensburgern imponiert. Dazu bin ich gerade die Richtige.« – Es war eigentlich eine willkommene Situation für den lieben Sturmvogel: einerseits schützen, andererseits kämpfen. Sie nahm mich sofort auf ihr schönes Landhaus außerhalb der Stadt, das in einem großen Garten lag. Eine Hecke aus riesengroßen Tannen schloß das ganze Besitztum von der Straße ab.

Aufs liebreichste empfing mich auch Herr von Borg. Ich bekam zwei schöne Zimmer mit einer kleinen Veranda; im Saal stand ein guter Flügel, den ich immer benutzen durfte. Wie ein Kind des Hauses wurde ich behandelt und lebte wie in einer Festung, umgeben von Mauern der Liebe und des Verstehens, an denen sich die zornigen Wogen von außen machtlos brachen. Wir erfuhren alles, was an Feindseligkeiten über mich im Städtchen gesprochen wurde, aber ich lernte darüber lachen. Herr von Borg hatte eine so unnachahmlich humoristische Art, die Sachen zu beleuchten, daß alles seinen Stachel verlor, und Frau von Borg, die ihrem Zorn auf drastische Weise Luft machte, war so überwältigend komisch, daß es immer was zum Lachen gab.

Als wir eines Morgens beim Kaffeetisch saßen, schlug Frau von Borg plötzlich auf den Tisch und sagte: »Nun sollen es die Arensburger einmal ordentlich kriegen! Ich will einen großen Kaffee geben, zu dem ich alle Ihre Freundinnen einlade; so habe ich sie einmal beisammen. Zur Strafe lade ich Hans Schmidt nicht ein und Sie, mein liebes Kind, werden auch nicht vorsingen – unter keinen Umständen! Das wird eine schöne Enttäuschung sein!«

Und so geschah es. Auf diesem Kaffee machte ich bittere Erfahrungen: mich umgab eine große Kühle und Ablehnung. Viel versteckte Angriffe mußte ich still hinnehmen und, welchem Kreise ich mich auch näherte, es verstummte sofort jedes Gespräch, um bei meiner Entfernung wieder laut aufzurauschen. – Herr und Frau von Borg waren überall; und wenn sie mit ihrem schönen, stolzen Profil so recht triumphierend dreinsah, wußte ich, sie hatte wieder einem Opfer auf den Kopf geschlagen. Und die so Geschlagene hütete ihre Zunge für eine Weile.

Unterdessen ging meine Arbeit mit Hans Schmidt schön und segensreich weiter, ich war in die richtigen Hände gekommen. Mit seiner wunderbar poetischen Begleitung verstand er den Sänger zu führen, ihm klar zu machen, wie er es meinte; man folgte ihm mit Freuden, weil er einen überzeugte. Gleich nach der ersten Stunde sagte er mir, in meinem Gesang fehlten Licht und Schatten, die das eigentliche Leben hineintrügen. Auch fehlte es den Liedern an Gliederung, alles wäre schwerfällig und wuchtig; ich sänge so unfroh; aber von Stunde zu Stunde ging es besser. Seine fröhliche, anerkennende Art, seine amüsanten Bemerkungen halfen mir, aus mir selbst herauszutreten. Dazu kam ein unbestechlich feines Ohr für den Klang und ein sicheres Gefühl für den geistigen Inhalt; vor allem aber eine unermüdliche Geduld. – Bald merkte ich, daß ich wieder meine Persönlichkeit beim Singen herausarbeiten konnte. Und jeden Fortschritt erkannte Hans Schmidt und begrüßte ihn mit freudigem Zuruf. Ich war so glücklich, wie lange nicht bei meiner Arbeit.

Dann gab es ein Konzert von Otto und Mathilde Lohse aus Riga. Er, der später in Deutschland so berühmt gewordene Kapellmeister, war damals noch zweiter Dirigent am Stadttheater; doch fing man schon an, von ihm zu reden als von einer Kraft, die eine Zukunft haben würde. Eine große Rolle dagegen spielte bereits seine Frau im Rigaer Kunstleben. Sie war die »Sängerin« Rigas, besaß eine schöne, leidenschaftliche Stimme, und ihr gewaltiges Temperament riß die Zuhörer mit sich fort, wo sie auftrat. Sie hatte alles das, was mir fehlte. Nur im klassischen Stil war ich ihr über.

Wir hatten uns in Riga zuweilen in Gesellschaften berührt, auch einander besucht, doch waren wir uns bisher nicht nahe gekommen. Sie war ein großzügiger, warmherziger Mensch. Als nach ihrem frühen Tode die Kinder verwaist zurückblieben – der Mann hatte sie verlassen – habe ich sie im Gesang ausgebildet und Sorgen und Freuden ihres Lebens mit ihnen geteilt. Es war eine schwere Tragik, in der ihr Leben ausklang.

Doch damals, als Hans Schmidt und ich sie am Dampfschiffstege empfingen, stand sie im höchsten Sonnenglanze ihres glücklichen Lebens und ihrer Ehe. – Lohses gaben zwei Konzerte in Arensburg. Wir vier waren diese Tage viel beisammen, es waren beides Menschen voller Leben und voller Musik. Sie, sehr amüsant, lustig und schlagfertig, fand doch in Hans Schmidt ihren Meister; und wenn die beiden miteinander scherzten, machten der Mann und ich die lachenden Zuhörer.

Frau von Borg fand keinen großen Gefallen an der ganzen Sache. Ich war in ihren Augen doch in erster Linie das junge Mädchen aus gutem Hause, das man mit Künstlern nicht ohne weiteres loslassen durfte. Auch gefielen ihr Lohses gar nicht. Sie nannte ihn kurzweg einen Musikanten und sie eine Katze. Ihr Unwille aber erreichte den Gipfel, als Lohses ein ausverkauftes Haus und einen gewaltigen Erfolg hatten.

Den Höhepunkt des Konzerts bildete für mich ihr Vortrag von Schumanns »Schöne Wiege meiner Leiden«. Es war eine Meisterleistung an Schönheit und Farbenpracht! Doch stellte sie nebenbei Lieder, die ihr durchaus mißglückten, die übertrieben und unschön waren. Aber sie riß auch hier alles mit sich fort.

Frau von Borg war empört; vor allen Dingen darüber, daß sie im Konzert gehört hatte, wie jemand sagte: »Die singt ja ganz anders, als Monika Hunnius; mit der kann die sich nicht messen.« Das genügte. Frau von Borg ließ an Frau Lohse kein gutes Haar. –

Als wir am anderen Morgen am Kaffeetisch saßen, hatte die Nachtruhe ihre Entrüstung in keiner Weise abgeschwächt.

»Und diese Sängerin wagt es, sich neben Sie zu stellen!« rief sie empört.

»Sie stellt sich gar nicht neben mich, sondern weit, weit über mich. Hat sie doch gerade das, was mir fehlt.«

»So was zu sagen, ist direkt dumm,« sagte Frau von Borg.

Sie strafte Lohses damit, daß sie nicht ins zweite Konzert ging. Sie bekannte immer Farbe, die Starke, Warmherzige!

Den Tag vor Lohses Abreise gab Hans Schmidt ihnen zu Ehren ein Souper im kleinsten Kreise. Es herrschte eine unendliche Fröhlichkeit. Man hielt viele Reden, deren Hauptinhalt Hans Schmidts Übersiedlung nach Riga war, die schon im Herbst erfolgen sollte. Erst gegen Morgen gingen wir endlich auseinander.

Als ich heimkam, von der ganzen Gesellschaft begleitet, leuchtete es schon rötlich am Horizont. Die Morgenröte kam, und es war hell in der nordischen Sommernacht. Allein geblieben, mochte ich noch nicht schlafen gehen, setzte mich auf die Stufen der Verandatreppe und wollte den Sonnenaufgang erwarten. Ein kühler Hauch wehte vom Meere her; Syringen- und Pilbeerduft lag schwer in der Luft. Vom Meere her drang der klagende Ruf der Möven und aus den Gärten nebenan riefen erwachende Vogelstimmen. Vor mir lag die Festung im grauen Morgenschimmer. Es war alles grau und trübe.

Ich dachte über das Künstlerleben nach, wie seltsam es um den Erfolg bestellt ist, und verglich mein Künstlerstreben mit dem von Frau Lohse. Ich arbeitete mit meiner ganzen Kraft, ließ mir nie Ruhe, studierte und war nie zufrieden mit mir. Frau Lohse tat nichts von alledem; und wenn ich unsere künstlerischen Erfolge miteinander verglich, waren die ihren groß und die meinen gering! »Sie arbeiten und studieren zu viel,« sagte sie mir heute. »Das ist ein Unsinn, keiner dankt einem dafür. Sie müssen das Publikum verblüffen, darauf kommt es an. Sie müssen die Zuhörer dazwischen überraschen, daß sie auffahren und nicht wissen, wie ihnen geschieht. Dann fliegen die Hände in die Höhe, und in ihrer Überraschung applaudieren sie – und Sie haben einen großen Erfolg. Sie nehmen die Sache viel zu fein, viel zu vornehm.«

Als ich an diese Worte dachte und so einsam mit meinen Gedanken im fahlen Morgenlicht dasaß, kam eine tiefe Traurigkeit über mich.

Da ging die Sonne auf. Sieghaft stieg sie aus dem Meer, jubelnd sangen die Vögel in den Gärten; ich stand auf und streckte die Arme der Sonne entgegen. Es kam eine Welle von Freudigkeit wieder in mein Herz. »Ich bin jung und stark,« dachte ich froh, »ich will kämpfen; und ich werde siegen auf meinem Wege. Wollen wir sehen, wer recht behält.«

Ein schönes, friedliches Leben war's, das ich im Hause von der Borg führte. Es herrschte dort eine echt livländische Gastfreundschaft. Jeder, der kam, fand zu den Mahlzeiten seinen Platz am Tisch; jeder, der Rat oder Hilfe brauchte, fand sie dort. Obschon Frau von Borg viel zankte und schalt und nie ein Blatt vor den Mund nahm, riß sie sich für den Gescholtenen in Stücke, sobald es galt zu helfen oder beizustehen. – Mit Hans Schmidt verband sie ein sehr rührendes Verhältnis. Er kam täglich ins Haus, und Frau von Borg genoß sein ganzes Vertrauen. Sie haderte »mit der grenzenlosen Verwöhnung der Arensburger, durch die sie seine Seele verdürben«; aber es gab wohl niemand im Städtchen, der ihn so verwöhnte, wie sie. Wenn ich ihr das sagte, zog es wie ein Schatten von Verlegenheit über ihr stolzes Gesicht, was ihr einen unsagbaren Reiz verlieh. »Was soll man denn machen?« sagte sie, »er ist ja zum Verwöhnen geschaffen, und es ist zu selbstverständlich, daß man es tut. Aber ich sag dem Patron auch gründlich die Wahrheit. Das können Sie mir glauben!«

Meine Zeit in Arensburg neigte sich ihrem Ende zu. Da wurde eine große Gesellschaft beim residierenden Landrat der Insel gegeben; es sollte eine Abschiedsfeier für Hans Schmidt sein. Ganz Arensburg war eingeladen.

»Jetzt müssen Sie zeigen, daß Sie alle in den Sack stecken,« sagte Frau von Borg. Es gab eine leidenschaftliche Toilettenberatung zwischen uns beiden. Ich weiß nicht, wer auf diesem Gebiet hilfloser war: sie oder ich. Ich tat mein Möglichstes. Tief befriedigt von meinem Anblick zog meine stolze Pflegemutter mit mir ab. – Es war eine riesige, in drei Sälen versammelte Gesellschaft, in die wir eintraten. Das Haus war reich und glänzend, die Wirte kamen jedem Gast liebenswürdig entgegen, und ich fühlte mich unter den starken Flügeln meiner mütterlichen Freundin geborgen und sicher. Die Gesellschaft zu beobachten, machte mir sehr viel Spaß.

Hans Schmidt, der absolute Mittelpunkt derselben, war überall. Wo er hinkam, gab es Lachen und helle, frohe Gesichter. Plötzlich saß er neben einem, machte ein paar lustige Bemerkungen voll Übermut und Komik, denn er besaß, wie Frau von Borg sagte, »ein Lästermaul«. Nichts, was komisch oder lächerlich war, entging seinen scharfen, kühl beobachtenden Augen. Wehe dem, der sich eine Blöße gab! Durch diese Eigenschaften hatte er sich auch viele Feinde gemacht, trotz seiner großen Gutherzigkeit und seiner feinen Seele. Es wurde viel Musik gemacht. Hans Schmidts Schülerinnen sangen und spielten. Die Stimmung war sehr gehoben und angeregt und erreichte ihren Gipfelpunkt, als Hans Schmidt sich an den Flügel setzte und phantasierte.

Er nahm ein kleines Volkslied zum Thema: »Morgen muß ich fort von hier.« Seine Art zu spielen war bezaubernd. Es war ihm gegeben, tief und schlicht aus dem Menschenherzen zu schöpfen, einfach und einleuchtend zu sagen, was man oft selbst empfunden. Alle leisen Herzensstimmen, die verborgen in uns erklingen, hatte er belauscht, und seine Töne redeten davon. Es war etwas unendlich Vertrautes und Bekanntes, was einem aus seinem Spiel, seinen Gedichten, und oft auch aus seinem Wesen entgegentrat. Am meisten aber fühlte man seine Seele aus seiner Musik. Viele von den Zuhörern vergossen Tränen, und ich sah manchen feindlichen Blick auf mich gerichtet. Ich glaube, da waren wohl manche in der Gesellschaft, die mich am liebsten auf einem Scheiterhaufen verbrannt hätten. Er schloß mit dem Liede: »Es ist bestimmt in Gottes Rat«; und als das »Scheiden, ja scheiden« verklang, gab es eine große Bewegung.

Als diese sich ein wenig gelegt hatte, sagte Hans Schmidt mit lauter Stimme: »So, nun kommt das Schönste vom Ganzen: wir wollen Fräulein Hunnius bitten, daß sie einige Lieder singt.« Totenstille folgten diesen Worten. Aus dieser Stille heraus erhob ich mich und ging durch den ganzen Saal ruhig zum Flügel hin.

Ich hatte einige Lieder von Hans Schmidt zum Vortrag gewählt.

Er setzte sich an den Flügel, und ich ließ meinen Blick durch den Saal gleiten. Aller Augen waren auf mich gerichtet, und ich fühlte es wie eine Kluft zwischen mir und meinen Zuhörern.

Dann aber überkam mich ein Gefühl, wie ich es noch nie gehabt, ein Gefühl von grenzenlosem Hochmut und stolzer Freude. Ich wußte, daß ich etwas besaß, womit ich mich weit über sie erheben konnte: das war meine Kunst. Meine Seele konnte fliegen! Was galt mir ihre Feindseligkeit? – Es war kein edles Gefühl, das mich erfüllte, aber ein ganz starkes. Und es trug mich, daß ich alles vergaß, alles, außer der Freude an meinem Reichtum. Und so sang ich Lied auf Lied und fühlte, wie ich sie bezwang, sie alle zu mir herüberzog. Meinem Jubel antwortete ein Jubel vom Flügel her; denn es riß auch Hans Schmidt mit sich fort. Und wir jubelten und jauchzten und weinten und lachten um die Wette.

Als ich geendet, sprang Hans Schmidt auf und rief ganz spontan in die Gesellschaft hinein: »Das war wunder-, wunderschön!« Und Herr von Borg sagte laut und vernehmlich: »Da sieht man, was Künstler sind!« Frau von Borg aber rauschte in ihrem schwarzen Seidenkleide an mich heran mit vor Erregung roten Wangen, die ihrem Gesicht einen merkwürdig jugendlichen Eindruck verliehen. »Nun wollen wir heim,« flüsterte sie, »Sie haben es ihnen ordentlich gezeigt; aber Sie haben sie bezwungen. Ich bin stolz auf Sie!«

Ich kam nicht so bald los. Alles umdrängte mich, jeder wollte mir die Hand schütteln, jeder mir danken. Als wir endlich im Wagen saßen und durch den warmen Sommerabend heimfuhren, sagte ich aus einem großen Schweigen heraus: »Wie seltsam ist es doch! Wenn ich bescheiden und demütig bin, singe ich langweilig, und keiner beachtet mich. Bin ich aber schlecht und hochmütig, dann zünde ich. Wie kann man das zusammenreimen?« Herr von Borg schwieg; aber Frau von Borg sprach, es ist mir, als höre ich es noch heute: »Menschengunst ist der größte Dreck, den es auf Erden gibt.«

Nun war meine Zeit in Arensburg zu Ende.

Schweren Herzens trennte ich mich von meinen lieben Pflegeeltern. Ich hatte nicht nur eine reiche Zeit in ihrem Hause verlebt, sondern ich fühlte, daß ich menschlich und künstlerisch weitergekommen war. Das hatte ich ihnen beiden zu danken.

Die Gründung des Crescendo-Vereins

Das Leben, das ich im Herbst wieder in Riga begann, erhielt durch Hans Schmidt sofort ein ganz anderes Gesicht. Nun hatte ich einen Kameraden, der mir zur Seite stand, mich künstlerisch förderte, und in jeder Weise freundschaftlich für mich eintrat.

Bald sammelte sich das musikalische Leben Rigas um ihn. Wir gründeten einen Musikverein, dessen Leitung er übernahm und nannten ihn den »Crescendo-Verein«. Seine Aufgabe sollte in erster Linie sein: edle Musik zu pflegen, und in zweiter: jungen, künstlerischen Kräften, die sich noch nicht in die Öffentlichkeit wagten, die Möglichkeit zu schaffen, vor einem musikalisch gebildeten Publikum sich hören zu lassen. Bald entstand ein Chor von ausgewählten Stimmen, der zu regelmäßigen Übungen jede Woche zusammenkam. Alle drei Wochen gab es einen Programm-Abend. Zuerst trat der Verein noch nicht an die Öffentlichkeit: die Musikabende fanden in Privathäusern statt. Doch er trug seinen Namen mit Recht. Nur ein Jahr behielt er diesen privaten Charakter. Er wuchs derartig, daß er ihn bald aufgeben mußte und ein öffentlicher Musikverein wurde.

Fräulein Amalie von Jung-Stilling mit noch zwei anderen Damen gehörten zum Präsidium. Es wurde keiner in den Verein aufgenommen, der nicht zur »Gesellschaft« gehörte. Dabei gab es drollige Kämpfe zwischen Fräulein von Jung und Hans Schmidt, die aber in aller Freundschaft ausgefochten wurden. Fräulein von Jung, die viele Vereine in ihrem Leben geleitet hatte und für Gesetz und Ordnung war, und Hans Schmidt, der gern an festen Formen rüttelte und sie, wenn irgend möglich, über den Haufen warf, gerieten oft hart aneinander. Wenn »Tante Malchen« die schönsten Programme zusammengestellt hatte, die allen Wünschen und allen Gerechtigkeitsgefühlen entsprachen, dann sauste plötzlich Hans Schmidt dazwischen und warf alles durcheinander, indem er seinerseits Menschen aufgefordert hatte, die gerade »Lust zum Singen oder Spielen« gehabt hätten. Oder, was nun ganz schrecklich war, er hatte jemand als Mitglied aufgenommen, ohne sich mit dem Vorstand zu beraten, ein Mitglied, das nicht »zur Gesellschaft« gehörte! »Ach, sie bat so sehr,« oder »Ich brauche gerade einen Tenor für meinen Chor,« waren seine Argumente. Ihm machte es unendlich Spaß, Tante Malchens »höfische Kreise« zu stören. Da sie aber beide gute und vornehme Menschen waren, die einander lieb hatten, kam es nie zu wirklichen Konflikten. Tante Malchen zog die Fäden immer wieder glatt, die er oft nur aus Übermut verwirrt hatte. Und da er, verwöhnt durch Arensburg, immer machte, wie er es wollte, gab es für sie vollauf zu tun, Wogen zu glätten, die er erregt hatte.

Riga war nicht Arensburg. Und so fest und treu ein großer Kreis von Freunden zu ihm hielt, so unendlich beliebt er in der Gesellschaft war: es gab doch manchen, den er durch seine Art ärgerte und kränkte. So gutherzig und freundlich sein Gemüt war, er konnte manchen empfindlich treffen, namentlich durch seine Spott- und Lachlust. Es gibt Naturen, die eher eine Beleidigung vergeben, als daß man sich über sie lustig macht.

So wuchs ganz still, zuerst unbemerkt, gegen diesen verwöhnten Liebling der Gesellschaft, diesen seinen Künstler, eine Gegnerschaft, die schließlich eine zerstörende Gefahr für sein Leben wurde. Doch davon ahnte man damals nichts; das lag in späterer, dunkler Zukunft.

Es war ein fröhlicher, intimer Kreis von jungen Elementen, der fest zusammenhielt und dessen Mittelpunkt Hans Schmidt bildete. Er hatte eine kleine, eigene Häuslichkeit, die seine Schwester, die lustige Liesel, leitete. Sie war ein köstlicher Kamerad, immer fröhlich und guter Dinge, hatte immer Zeit und war für alles zu haben.

Zu denen, die Hans Schmidt und mir am nächsten standen, gehörten vor allem die beiden Schwestern Sokolowski. Ihre Freundschaft betrachtete ich als ein großes Glück für mich. Sie lebten mit ihrer sanften, zarten Mutter in einem schönen, behaglichen Heim.

Anni, die ältere, war Pianistin und Klavierlehrerin; Emmi – Sängerin und Gesanglehrerin. Wir hatten die Schule zusammen besucht, waren aber einander bis jetzt nicht nahe getreten. Nun verband uns das gemeinsame Streben und Arbeiten. Anni war ein seiner, geistvoller Mensch, sehr musikalisch, lebensfroh und überströmend, reich und vielseitig gebildet. Mit schnellem Blick erfaßte sie alles und konnte ihm beredten Ausdruck geben. Sie begleitete schön zum Gesang. Besonders hoch schätzte ich ihre ausgesprochen kritische Veranlagung. Ich hatte an ihr einen unbestechlichen Beurteiler meiner künstlerischen Leistungen, an die sie immer hohe Maßstäbe stellte, einen wirklichen Freund.

Emmi, auch beweglichen Geistes, war witzig und schlagfertig, voller Humor. Sie hatte ein Jahr nach mir ihre Gesangstudien in Dresden beendet. Sie war die einzige Fachkollegin, die mir freundschaftlich nahe gekommen ist. Durch und durch musikalisch, war sie voll ernstem Streben und künstlerischem Wollen. Unsere Methoden waren sich völlig entgegengesetzt, ebenso unsere Stimmen: die ihre leicht, hell, hoch und tragend, die meine seit Stockhausen immer etwas schwer und dunkel. Wir lernten voneinander, zwangen unsere verschieden gearteten Stimmen, im Duett zusammenzugehen, korrigierten uns gegenseitig und halfen einander.

Schon in jungen Jahren habe ich die erbitterten Methodenzänkereien der Gesanglehrer nicht verstehen können. Methoden sind Wege. Ein guter Gesanglehrer darf gar nicht nur eine Methode, d. h. nur einen Weg haben. Die menschliche Stimme und ihre Behandlung ist ein Problem. Man muß eine Menge Wege kennen, um diesem beizukommen. Das ist die erste Bedingung. Dann muß man, ähnlich wie der Arzt, ein Talent zur Diagnose haben, ein sicheres, inneres Gefühl, das einen leitet und den besonderen Weg im einzelnen Fall erkennen läßt.

Ein sehr beliebtes Glied unseres Kreises war meine Cousine Mine Müller, eine bekannte Musikpädagogin Rigas. Wir haben oft zusammen geübt und für meine Schülerabende war sie stets meine sichere Begleiterin. Sie war ein prächtiger Kamerad, immer gut aufgelegt, mit einem ausgesprochenen Talent für witzige Verse. Alles, was bei uns passierte, wurde von ihr besungen. Das Beste aber an ihr war ihre Treue: ich konnte immer auf sie rechnen, sie versagte nie.

Es herrschte ein angeregtes, fröhliches Leben in unserem Kreise, dem sich allmählich noch einige junge Musiklehrer und -lehrerinnen angeschlossen hatten. Heitere Verse, amüsante Karikaturen, lustige Briefe flogen hin und her. Meist wurden wir alle zusammen eingeladen. Man machte viel Musik in diesen Gesellschaften, aber auch literarische Interessen wurden gepflegt. Hans Schmidt hatte eine besonders glückliche Hand, eigenartige, seine Sachen von verschollenen Dichtern auszugraben, die er dann getreulich mit uns teilte. Am häufigsten trafen wir uns im Hause der Doktorin Heerwagen, einer Cousine Raimund Mühlens. Sie war eine feine Pianistin, hatte eine schöne, behagliche Häuslichkeit, die für ihren Freundeskreis – man kann sagen – Tag und Nacht offen war. Unerschrocken und zuverlässig, war sie die Vertraute von allen.

Der Crescendo-Verein entwickelte sich und blühte unter Hans Schmidts künstlerischer Leitung. Alles drängte sich zur Aufnahme. Der Chor wies viele junge, schöne Stimmen auf. Wenn die Brahmsschen und Schumannschen Frauenchöre gesungen wurden, erwachten Erinnerungen an Stockhausensche Zeiten in mir.

Das nächste Jahr traf uns ein harter Schlag: Emmi Sokolowskis Verlobung und baldige Heirat mit Dr. von Engelhardt. Sie verließ Riga und siedelte mit ihrem Mann auf das Land über. Ich war wieder allein in meinem Fach und bin es auch bis zuletzt geblieben, denn die Versuche, mich meinen Spezialkolleginnen zu nähern, bekamen mir übel, so daß ich sie zuletzt sein ließ. Jeder ritt sein Steckenpferd und verfolgte seine Methode, alles andere von vornherein ablehnend.

Meine erste Schülerprüfung

In diesem Winter hatte ich einen Vortragsabend mit meinen Schülerinnen geplant. Es sollte der erste in großem Stil sein. Bei mir konnte ich ihn nicht machen, denn meine Räume waren klein und faßten nur die Schüler, aber keine Zuhörer. Da boten mir die Eltern einer Schülerin ihren großen, altertümlichen Saal für den Abend an. Schon am Morgen früh eilte ich mit einer Schar auserwählter Schülerinnen hin, alles einzurichten. Das ganze Haus stand uns zur Verfügung – die Eltern des jungen Mädchens waren für den Tag verreist. – Ein fieberhaftes Leben herrschte in den großen Räumen. Ich teilte die Schüler in Gruppen, von denen eine jede ihre Aufgabe hatte. Einige sollten das Einräumen des Musiksaales, andere das Streichen der Butterbrote übernehmen. Fortwährendes Klingeln störte uns, weil unzählige Blumensträuße von Schülern und Eltern geschickt wurden, die das Musikzimmer schmücken sollten.

Nun war alles fertig: der Saal sah konzertmäßig aus, eine Menge Teller mit Butterbroten stand im Speisezimmer. Im »Künstlerzimmer« war alles mögliche bereitgestellt, was für die Stimme gut ist, wie: Eier, Malzbonbons, Rotwein.

Nun trieb ich meine Gehilfinnen heim, sie sollten sich vor Beginn der Aufführung erholen. Auch ich versuchte, einen Augenblick zu ruhen. Aber mir war zu Mut wie jenem Knaben, der sich Besuch eingeladen hatte und sich, bevor die Gäste kamen, vor Angst versteckte. Am liebsten wäre ich geflohen, irgendwohin; denn ich hatte nicht nur die Eltern der Schülerinnen zum Zuhören eingeladen, sondern auch die Kollegen. Die meisten der Schüler begleitete ich selbst, denn sie fühlten sich immer unter meiner Führung am sichersten.

Nie vergesse ich den Anfang. Die Eingangsnummer war eine zweistimmig gesungene Solfeggie, wobei die Schülerinnen sich sehr tapfer hielten. Dann kam die erste Solonummer: »Minnelied« von Mendelssohn. Ich sehe sie noch heute so deutlich vor mir, die kleine Schülerin, die sich bebend und gehorsam an den Flügel stellt. Sie war noch ein halbes Kind, im rosa Kleidchen und braunen, gelockten Haaren. Sie fing an und brach schluchzend ab; mühte sich noch ein paarmal, ihrer Tränen Herr zu werden – es war aber vergeblich. Da verbarg sie ihr Gesicht aufweinend in den Händen und sagte unter Schluchzen laut und deutlich: »Ich kann wirklich nicht«. Damit stürzte sie ins »Künstlerzimmer«.

Ich fühlte, was auf dem Spiele stand, denn wie eine Suggestion wirkt solch ein Anfang auf junge Menschen. »Jetzt gilt's,« dachte ich und wurde ganz kaltblütig. Ich ging ins Zimmer zu meinen Schülerinnen, die schreckensbleich und erstarrt dastanden, schloß die Tür und trat mitten unter sie. »Wenn Sie sich später beruhigt haben, werden Sie ihr Lied noch einmal singen,« sagte ich. »Dieses Erlebnis hat gar nichts zu sagen. Die große Hermine Spies ist einmal weinend vom Podium gegangen, weil sie stecken blieb.« Dann wandte ich mich an die anderen Schüler: »Ich erwarte von Ihnen allen, daß Sie sich jetzt doppelt zusammennehmen. Ein Schuft, wer mich jetzt im Stich läßt und seine Sache schlecht macht!« Meine Schüler sangen alle besser, als je in der Stunde. Es war wie eine Kraft, die sie trug. Sogar das kleine Mädchen kam und sagte tapfer, sie wolle ihr Lied noch einmal singen.

Es war ein glänzender Abend. Zum Schluß sang eine meiner besten Schülerinnen eine große Koloratur-Arie von Rossini, eine wirkliche Leistung!

Als wir nachher alle fröhlich bei Tee und Butterbroten zusammensaßen, sagten mir meine beiden ältesten Kolleginnen: »Sie haben Disziplin bei Ihren Schülern. Davon haben Sie heute den Beweis geliefert. Sie haben sie großartig in der Hand.« Ich weiß nicht, ob es Disziplin war oder die Liebe, die sie zu mir hatten, daß sie ihrem jugendlichen Feldherrn so tapfer folgten und ihn nicht im Stich ließen, wo es galt.

Man lächelt jetzt, rückblickend, über die Wichtigkeit, mit der damals das alles behandelt wurde. Und doch – was heißt groß, was klein im Leben?

»Und setzet ihr nicht das Leben ein.
Nie wird auch das Leben gewonnen sein.«

Auguste Hohenschild

Im zweiten Jahr meines Aufenthaltes in der Heimat kam eine Künstlerin nach Riga, der ich unendlich viel zu danken habe: Auguste Hohenschild, Raimund Mühlens erste, sehr jugendliche Gesanglehrerin und intime Freundin. Ebenso befreundet war sie mit Hans Schmidt, der ihr ein Heft seiner Lieder gewidmet hatte. – Sie gab ein Konzert im Schwarzhäuptersaal.

Auguste Hohenschild war eine feine Sängerin; klein, zierlich, mit einem runden Kindergesichtchen, dunklem Haar und merkwürdig strahlenden, klugen, blauen Augen. Sie sah auf dem Podium bezaubernd aus in einem weißen Kleide, mit einem dichten Kranz dunkelroter Blüten im Haar.

Ihr Genre waren dunkle, geheimnisvolle Brahmslieder, deren niedergehaltene Sehnsucht und Leidenschaft sie wunderbar wiedergab, wie z.B. »Alte Liebe« und »Die Mainacht«. Wir waren begeistert und stürmten nachher in das Künstlerzimmer. Hans Schmidt lud uns sofort mit ihr zusammen ein, und unsere Begeisterung für sie stieg, denn sie war als Mensch noch viel bedeutender, wie als Sängerin. Sofort beherrschte sie die ganze Gesellschaft. Der Darmstädter Dialekt, den sie sprach, unterstrich das Naive ihrer ganzen Art. Sie war aber nicht naiv; sie war unendlich klug und bewußt; aber so originell, so fortreißend, wenn sie erzählte – so leidenschaftlich in ihrer persönlichen Darstellung, so glühend im Bilderreichtum ihrer Sprache, daß sie unseren ganzen Kreis vollständig faszinierte. Man riß sich um ihre Gesellschaft, und sie freute sich an der bewundernden Liebe, die man ihr entgegentrug.

Die »Börsentanten« gaben ihr eine kleine Abendgesellschaft. Immer dachten sie sich etwas Besonderes aus, wenn sie berühmte Gäste hatten. Diesesmal war folgende Überraschung bereit. Bevor man zu Tisch ging, bekam jeder Gast ein kleines Blatt in die Hand, auf dem Noten geschrieben waren: Schumanns

»Könnt' ich dich in Liedern preisen.
Säng ich dir das schönste Lied«.

Jeder fand auf seinem Notenblatt eine Zeile dieses Liedes, und danach mußte man sich für die Tischordnung zusammenfinden. Es gab bald ein fröhliches Durcheinander beim Suchen der Plätze. Als wir uns um die Tafel gesetzt hatten, mußte jeder nacheinander seine Zeile singen, was große Heiterkeit verursachte; denn wir hatten nicht nur Sänger in unserer Gesellschaft, sondern auch sangesunkundige Pianisten.

Bei den »Börsentanten« war das Charakteristische, daß ein jeder mit seinen Gaben und Talenten, waren sie groß oder klein, zur Geltung kam. Das lag wohl in erster Linie an der Art, wie die Gäste zueinander geladen waren, noch mehr an dem erlösenden, befreienden Wesen, das die beiden Schwestern hatten. Man fühlte ihnen immer wieder die Freude an, die sie an solchen Abenden erfüllte und die wie ein Funken auf einen jeden Gast hinübersprang.

Hinreißend war Auguste Höhenschild – oder kurzweg »Gustel«, wie sie sich am liebsten nennen ließ – an diesem Abend. Das Gemisch von spontaner Naivität und großer, überlegener Klugheit, ihr sprühender, funkelnder Geist berauschten förmlich den ganzen Kreis. Und sie erzählte wunderbare Dinge, die uns alle unendlich interessierten. Wie Mühlen das erstemal in ihr Leben getreten war und ihr eins von den Brahmsschen »Heimwehliedern« vorgesungen hatte, wonach sie schluchzend aus dem Zimmer hatte gehen müssen, weil sie ihrer Bewegung gar nicht Herr werden konnte. Er war noch sehr jung gewesen und seine Stimme zart und fast kindlich im Klang. Aber sie fühlte schon damals sofort den Adel einer großen Künstlerschaft in ihm. »Sie werden ein großer Künstler werden,« hatte sie ihm gesagt. – So leidenschaftlich persönlich sie erzählte, stellte sie dabei doch nie ihre eigene Persönlichkeit in den Vordergrund. Sie kannte alle Künstlergrößen ihrer Zeit: Brahms, Clara Schumann, die Joachims, Stockhausen, und wußte sie sofort durch eine kleine, eigenartige Geschichte zu charakterisieren. Stundenlang saßen wir im Bann dieser Erzählerin, und es war lange nach Mitternacht, als wir uns trennten.

Mir blieb der Abend noch in besonderer Erinnerung, weil ich da meine spätere intime Freundin Doris von Kruedener kennen lernte, mit der ich dann Jahre hindurch Freude und Leid teilte. Sie war eine anmutige, feine Künstlernatur, ein herrlicher Kamerad, auf allen Kunstgebieten gleich stark begabt, mit einem Gemisch von Humor und Schwermut. An dem Abend hatte ich sie nicht viel beachtet: vor dem glänzenden Stern »Gustel« verblich alles andere.

Ich war öfter mit Gustel, wie wir sie auch bald nannten, zusammengekommen, doch hatten wir uns nicht persönlich gefunden. Ich bewunderte sie, aber mehr aus der Ferne. Da brachte eine Erlebnis sie mir unerwartet ganz nah. Wir waren in einer großen musikalischen Gesellschaft zusammen gewesen. Durch Taktlosigkeit der Hausfrau erfuhr ich eine künstlerische Zurücksetzung, die mir sehr schmerzlich war. Ich hatte mich nach meinem verfehlten Konzert noch nicht durchgesetzt und galt infolgedessen in den Augen mancher künstlerisch sehr wenig.

Am anderen Tage war Gustel bei mir. In ihrer geraden, warmherzigen Art ging sie gleich aufs Ziel los.

»Ich habe Sie aufgesucht, weil ich das Gefühl hatte, daß Sie vom gestrigen Abend her traurig sind.«

Die Berührung dieser Wunde, so liebevoll sie war, schmerzte, und ich brach in Tränen aus. Sie faßte meine Hand.

»Wie kann man über so etwas traurig sein?« sagte sie warm, »das ist schwächlich. Sie haben so viel und sind so reich, und die Familie, über deren Verhalten Sie weinen, hat nichts als ihre Taktlosigkeit, mit der sie ganz Riga versorgen könnte, und sie behielte noch für sich selbst zu viel übrig.«

»Ja, wenn ich nur etwas wäre!« sagte ich traurig.

»Stockhausen hat Sie zerschlagen,« erwiderte sie gütig, »ich kenne das bei ihm. Aber nun ist es auch wirklich Zeit, daß Sie das einmal überwinden und für immer hinter sich werfen! Es kann nicht nur Adler und Nachtigallen geben. Der liebe Gott braucht auch andere Vögel, wie Finken und Meisen. Wenn wir nur das, was wir sind, ganz sind, so füllen wir unseren Platz in des lieben Herrgotts Garten aus. Ich bin auch nur ein Fink, aber mein ganzer Stolz ist es, ein richtiger Fink zu sein. Sie aber denken immer: wenn ich ein Adler wäre oder eine Nachtigall, dann wollte ich schon fliegen. Jedem sind Grenzen gezogen, jeder kann nur das sein, wozu Gott ihn geschaffen hat; das aber soll er mit Freude sein!«

Sie war so mutmachend dabei, und ihre klugen Worte trafen so stark meine leicht verzagte Seele, daß es von dem Gespräch an wie eine Gesundung über mich kam. Ich fand den Mut zu meiner Persönlichkeit, und meine durch Stockhausen zu hoch gespannten Ideale verloren das Ungesunde und Zerstörende und standen von nun an nur noch wie Sterne über meinem Leben, die meinem Pfade leuchteten.

Monatelang blieb dieser seltene Gast bei uns. »Gustel« hatte die Ostseeprovinzen liebgewonnen, sich in Riga festgesetzt und wachte von hier aus eine ganze Reihe von Konzertausflügen in die anderen Städte, meist in Begleitung von Hans Schmidt. In Riga lebte sie abwechselnd in verschiedenen Freundeshäusern, auch bei uns war sie mehrere Wochen ein begeistert aufgenommener Gast. Weniger beglückt waren unsere Mütter über diesen »Hecht im Karpfenteich«. Wo sie war, rührte sie alles durcheinander, stellte alles auf den Kopf. Um sie gab es nie einen Alltag, immer nur außergewöhnliche Zeit. Sie kramte unsere Wohnungen um, machte sich über unsere Haarfrisuren und Toiletten her. Sie entwickelte unseren Geschmack für Zimmereinrichtungen, die Liebe zu Raritäten, ging mit uns auf den Trödelmarkt, zu Althändlern, wo sie alles mögliche zusammenkaufte und mit scharfem Blick unter Geröll und Gerumpel schöne, wertvolle Dinge fand. Sie weckte in meiner Seele den Wunsch, auch Raritäten zu besitzen. Ich erinnere mich des Schrecks meiner Mutter, als ich zum erstenmal vom Trödelmarkt eine alte Kupferkanne und einen alten Stuhl heimschleppte. Sie fürchtete, eine Sammlerleidenschaft würde sich in mir entwickeln, die meinen pekuniären Ruin zur Folge haben müßte.

Wie Gustel unsere Wohnungen umänderte, so griff sie auch in unser Seelenleben hinein, regte allerlei Wünsche und Selbständigkeiten in uns an. Es waren auch gefährliche Sachen, die sie uns lehrte. So lautete z. B. eine ihrer Theorien: Mütter hinderten einen immer; was sie offen meiner Mutter sagte, die diese Sprache mit fassungslosem Staunen vernahm; denn sie war eine starke Persönlichkeit und nicht gewohnt, daß man ihr so entgegentrat und sie kritisierte. – Gustel glaubte immer, man stünde nicht auf seinem richtigen Platze und wollte uns alle auf einen anderen Boden verpflanzen.

So blind ich ihr künstlerisch folgte, so wenig konnte ich es in meinem Privatleben. Sie wollte mich aus Riga forthaben, aus meinem Lehrerberuf, aus den festumschlossenen Grenzen meines Familienlebens und meinte, mir würden ganz andere Flügel wachsen, wenn ich erst von all dem loskäme. Sie sah nur das Künstlertum in mir, das nach Ausleben rang, unterschätzte aber die »livländische Pastorentochter«, die nie einen wirklichen Flug, losgelöst von Heimat und Familie, zugelassen hätte. Wir haben oft Nächte durch miteinander gekämpft, wobei sie meist sehr ungeduldig und verständnislos mir gegenüber war. Mir aber brachten diese Kämpfe wohl ruhelose Tage und schlaflose Nächte, zum Schluß aber doch klare Erkenntnisse für den Weg, den ich zu gehen hatte und schließlich ganz allein finden mußte. Mir fehlte eben doch die letzte Kraft zu einem wirklichen Künstler, die die Hauptsache ist.

Ich arbeitete ganz regelmäßig bei ihr. Meine Stimme mußte befreit werden, denn mit meiner Tonbildung hatte ich mich in eine Sackgasse verirrt: die Stockhausensche tiefe Kehlkopfstellung und eine starke Deckung in der Mittellage hatten meiner Stimme die Tragfähigkeit genommen. Gustel arbeitete daran, sie wieder zu befreien und in die richtigen Resonnanzräume zu bringen. Da ihre Atemtechnik aber auch nicht gut war, führte sie mich gewundene Wege zu dem richtig geschauten Ziel, das ich auf diese Art nicht erreichen konnte.

Studiensommer in Pernau

Nun kam der Sommer heran. Gustel folgte einer Aufforderung von Hans Schmidts Geschwistern und zog für die Sommermonate nach Pernau, einer kleinen, am Meere gelegenen Stadt Nordlivlands. Ich ging mit meiner Mutter und meiner Schwester an den Rigaschen Strand.

Da kam plötzlich ein Brief von Gustel. Sie schrieb: »Laß alles stehen und liegen und komme zu mir nach Pernau zum Weiterarbeiten. Du kannst hier endlich einmal eine Zeit haben, losgelöst von Arbeit und Häuslichkeit, wo Du nur für Deine Kunst lebst. Eine billige Pension findest Du hier, und ich gebe Dir jeden Tag eine Stunde. Nimm den Kampf mit den Deinen auf, solch eine Gelegenheit findest Du nicht wieder, und komme her.«

Wie eine Brandfackel zündete dieser Brief in mir, und ich begann den Kampf mit meiner Mutter, die mich für vier Wochen nicht missen wollte. Er war nicht leicht, denn nach alter livländischer Tradition gehörte man in den Ferien unbedingt der Familie. Aber endlich siegte ich doch, und nach wenig Tagen befand ich mich auf dem Wege nach Pernau, wo mich Gustel und Hans Schmidts Schwester Lisel jubelnd am Dampfschiffstege empfingen. Ich wohnte bei Verwandten, war aber fast den ganzen Tag mit Gustel zusammen. Sie lebte im gastlichen Hause von Hans Schmidts Schwager und Schwester, Dr. Behses. Ein großes Zimmer hatte sie in einem gegenüberliegenden Hause gemietet, wo sie ihre Stunden gab, aber ihr Leben spielte sich sonst im Hause des Doktors ab. Dort herrschte eine große Gastfreundschaft. Das Doktorat lag mitten in einem wunderbaren, großen Garten und war bis an den Rand gefüllt mit Sommergästen, die außer den vielen Behseschen Kindern das Haus belebten.

Frau Dr. Behse war eine kluge, etwas zur Schwermut neigende Persönlichkeit; ihr Mann, von einer großen Liebenswürdigkeit, auch klug und großzügig, ein hochangesehener Arzt im kleinen Städtchen.

Da lernte ich auch Hans Schmidts Mutter kennen. Sie war schon damals fast blind, doch ging es von ihrer zarten, fröhlichen Persönlichkeit wie ein Sonnenschein aus, der das ganze Haus erleuchtete und durchwärmte. Sie war voll Güte, Liebe und kindlicher Heiterkeit, konnte so herzlich lachen und nahm an allem so begeisterten Anteil, daß sie immer und überall der geliebte Mittelpunkt des Lebens war. Außer ihr lebten dort noch ihre beiden Töchter Sonny und Liesel und Hans Schmidt.

Bald ließen sie mir keine Ruhe. Ich mußte mein Verwandtenhaus verlassen und ganz zu ihnen übersiedeln. »Jetzt ist die Sache erst ganz richtig,« sagte Hans Schmidt. Am Vormittag wurde gearbeitet, geübt, gesungen; dann vereinigte uns das Mittagessen auf der großen Veranda, wo sprudelnde Fröhlichkeit herrschte. Nach dem Kaffee gingen wir baden. Das ganze Städtchen merkte sich unsere Badestunde, weil wir immer dabei Terzette sangen. Lisel Schmidt, die auch Gustels Schülerin war, hatte eine wunderhübsche, helle, hohe Sopranstimme und unsere Stimmen klangen sehr schön ineinander. Am Strande aber hatte sich der weibliche Teil Pernaus versammelt und lauschte unserem Singen, das übers Wasser klang. Abends saßen wir im Garten unter duftenden Sommerblumen. Man las vor oder Gustel erzählte, bis der Mond am Himmel stand.

Zum Schluß der Zeit waren Behses auf einige Wochen verreist und überließen Haus und Garten ihren Gästen.

Von Hause wurde ich durch Mahnbriefe heimgerufen, die Gustels sprudelnden Zorn erregten. Auch ich konnte mich nicht entschließen, die seltene Lernzeit schon abzubrechen, fühlte ich doch, wie gut sie meiner Stimme tat. Es war ein schönes Arbeiten mit Gustel. So leidenschaftlich sie in den Stunden war, so hitzig sie manchmal auf einen lossprang, einen direkt an die Kehle packte und schüttelte, so war sie doch dabei immer voller Güte. Prachtvoll und einleuchtend waren ihre Bilder und Vergleiche, und ihr künstlerischer Flug war stark und hoch.

Sie hatte viel an mir auszusetzen: ich sollte hübscher und anmutiger sein, wollte sie haben; sollte mehr »auftreten«, mehr »Glanz um mich verbreiten«; ich sollte »etwas Besonderes« sein. Aber ich ließ mich durch ihre Art nicht quälen, bis sie ganz entrüstet einmal sagte: »Du denkst wohl: ich bin ein Charakter und brauche all den weiblichen Schmuck für meine Persönlichkeit nicht. Das überlasse ich euch Kleinen. Du wirkst so hochmütig.« – Ach nein, das war ich wirklich nicht. Es war mir nur nicht möglich, mich nach fremden Vorschriften zu entwickeln, sondern nur nach den Gesetzen meiner Natur.

Wie amüsant wirkte Gustel im Zusammenleben! Sie hatte immer irgendwelche »Ideen«, die sie verwirklichen mußte; so plötzlich die, sich ein estländisches Kleid bauen zu lassen. Dazu wählte sie grobes Bauernleinen, das sie blau färben ließ und garnierte das Kleid mit estnischen gewebten Bauerngurten. An der Brust trug sie eine große Silberbreze, wie solche zur früheren estnischen Bauerntracht gehörten. Das Phantastischste aber war ein riesengroßer Hut, auch aus demselben Leinen, denselben Bauerngurten, mit einer großen Silberbreze als Schnalle an der Seite geschmückt. Der Hut war so schwer, daß er einem den Schädel niederdrückte; sie aber trug ihn tapfer. Abenteuerlich genug sah sie in diesem Kostüm aus, das focht sie aber in keiner Weise an. – Ihre ganze Leidenschaft bestand darin, alte Estentrachten und alten Silberschmuck zu finden.

Da hatte Hans Schmidt eine Neckerei für sie ausgedacht. Als wir einmal auf eine der schwedischen Inseln, die vor Pernau liegen, hinausfuhren, um nach solch alten Schätzen zu suchen, hatte er auf dem Grund einer Bauerntruhe einen silbernen Anhänger verborgen, auf dem er in alter Punktierschrift Gustels Namen ins Lateinische übersetzt mit einer mittelalterlichen Jahreszahl hatte eingravieren lassen. Und es gelang ihm wirklich, die Schlaue, die sonst sofort hinter alle Schliche kam, hereinzulegen.

Die Stunde des Scheidens schlug endlich, und ich mußte heimkehren. Ich kam so frisch und froh zu Hause an, nahm mit solcher Freudigkeit die Arbeit wieder auf, daß die Meinigen ganz ausgesöhnt mit meinem langen Fernsein waren.

Im September dieses Jahres kam Mühlen nach Riga und gab ein gemeinsames Konzert mit Gustel. – Der Schwarzhäuptersaal war ausverkauft, das Publikum in festlicher Stimmung erschienen.

Sie sangen zum Eingang Brahms' Eduard-Ballade, die mir einen großen Eindruck machte; zum Schluß eine ganze Reihe Duette von Schumann für Tenor und Mezzosopran. Mit diesem Höhepunkt fand die Zeit Gustel Hohenschilds in Riga ihr Ende.

Sie ist später noch zu wiederholten Malen in mein Leben getreten, aber nie wieder in unser Land gekommen. Die Wogen des Lebens trugen sie an andere Ufer. Für mich war und blieb die Zeit des Zusammenlebens und -arbeitens mit ihr eine bedeutsame und für mein Leben fruchttragende.

Künstlerleben in Berlin

Im Sommer 1889 ging ich zur Kur nach Obersalzbrunn. Durch die belastende Singweise der Stockhausenschen Methode hatte ich immer mit meiner Kehle zu tun. Ich hoffte, die Kur in Salzbrunn würde mich widerstandsfähiger machen. Sie half mir aber nicht, und ich beschloß, auf den Rat meines Arztes, mich an eine Autorität in Berlin zu wenden. Ich wandte mich an Professor Fränkel, der mir sofort sagte, ich müßte einige Monate in Berlin bleiben und mich behandeln lassen.

Trotz der Kur, die ich sehr gewissenhaft brauchte, blieb mir noch viel Zeit zum Arbeiten und Genießen übrig. Es waren schöne, reiche Monate, die ich durchlebte, voll Anregung und frohen Schaffens; denn ich durfte sehr bald mit meinen Singstunden wieder beginnen. Ich fühlte genau, was mir fehlte: immer wieder litt ich unter der Schwerfälligkeit beim Singen.

Auf Mühlens Rat wandte ich mich an Frau Schultzen-Asten, um speziell französische Sachen mit ihr zu studieren, worin sie Meisterin war. Sie erlaubte mir auch, in der Hochschule in allen ihren Stunden zu hospitieren. Sie war eine sehr musikalische Persönlichkeit, gewandt und glänzend in ihrem Genre, immer lustig und lebendig, so recht ein Mensch fürs Leben geschaffen. Für meinen Gesang habe ich nicht viel von ihr gehabt; ihre Art war der meinen doch gar zu fremd, und ich fühlte mich ihr gegenüber zu befangen. Sobald ich das erkannte, löste ich mich von ihr, um meine in der Heimat begonnene Arbeit bei Gustel Hohenschild hier in Berlin fortzusetzen.

Wie eine Schwester nahm Gustel sich meiner an. Täglich suchte ich sie in ihrem Künstlerheim auf, wo jedes Stück etwas Besonderes war. Wir teilten bald Freude und Leid miteinander.

Sie weckte meinen ästhetischen Sinn auch für die äußere Gestaltung des Lebens, wie künstlerische Zimmereinrichtungen und persönliche Kleidung. Das alles lag wohl in mir, war aber bisher nicht geweckt worden. In meinem Zuhause, dem meine Mutter ihren ganzen starken Stempel aufdrückte, herrschte künstlerischer Sinn nur auf geistigem Gebiete. Daß man aber auch auf dem praktischen, in seiner Art zu leben, in seiner Wohnungseinrichtung und Kleidung sich künstlerisch ausleben konnte, war mir ein neuer Gedanke, den ich mit Freuden ergriff und mir zu eigen machte.

Was ich bei Gustel kennen lernte, war ein Stück »Bohême«, das mich mit Entzücken erfüllte; denn etwas davon lag ausgesprochen in meiner Natur. Gustel nahm das Leben, wie es kam. Bald ging es hoch her bei uns, wir aßen Pasteten und Leckerbissen und tranken kostbaren Wein dazu; dann wieder nährten wir uns von Kaffee, Tee und Butterbrot. Auf diese Dinge kam es absolut nicht an. Es war etwas in Gustels Wesen, das mich fortriß. Nur auf die großen Wirklichkeiten im Leben kam es ihr an, was wertlos war, wurde beiseite geschoben.

Festtage für uns waren es, wenn Mühlen in seinem ruhelosen Künstlerleben einmal einen Tag in Berlin verbrachte, den er uns schenkte. Die beiden machten sich einen Spaß, mich in die große Welt einzuführen. Ich mußte die berühmtesten Restaurants Berlins kennen lernen, deren Pracht mich unschuldige Provinzialin blendete. Dann saßen wir beisammen und sprachen über künstlerische Fragen, bis der Morgen graute. Was für feine, hohe Gesichtspunkte eröffneten sich mir da, die mir von Bedeutung für mein ganzes Leben blieben.

Ich schrieb alle diese Extravaganzen treulich heim. Zu meinem Erstaunen aber teilten die Meinen gar nicht meine Begeisterung für diese Art Leben. Meine Mutter sah ihr Entenkücken mit den stolzen Schwänen durch die Lüfte fliegen und geriet in die größte Aufregung.

»Siehst du nun,« sagte Gustel, »daß du nicht alles nach Hause schreiben darfst? Hab ich nicht recht, daß die Deinen dich nicht verstehen in den Bedürfnissen deines Lebens?« Gustel führte mich auch in verschiedene ihrer Freundeshäuser ein. So besuchte ich mit ihr den Hofprediger Frommel und war bei der alten Frau von Olfers. Ich kam hier in eine seine aristokratische Häuslichkeit. Alles Leben des Hauses scharte sich um die bezaubernde alte Frau von Olfers, das Urbild der »schönen Müllerin« aus den Müllerliedern. Sie war damals schon sehr alt, wie eine kostbare Blüte von ihren Kindern gehütet. Sie trug immer helle Kleider. Ich sah sie in einer weißen Spitzenhaube mit zartem lila Band.

Ihre Töchter: Gräfin York und Marie von Olfers, die bekannte Schriftstellerin, traten mir liebevoll und gütig entgegen. Ich mußte viel aus der Heimat erzählen, und das Herz ging mir auf in dieser Atmosphäre von vornehmer Einfachheit und künstlerischem Sinn. Auf ihre Bitte sang ich vor, und dann erzählte Frau von Olfers mir, wer alles auf ihrem Flügel gespielt und an ihm gesungen hatte. Es war eine feine Zuhörerschaft, die mit der Seele auf meine Lieder horchte, und als wir heimgingen, hatte ich das Gefühl, als hätte ich in diesem Hause ein Stück Seelenheimat gefunden.

Nach diesem Abend aber merkte ich zum erstenmal eine leidenschaftliche Eifersucht bei Gustel. »Du nimmst mir alle meine Freunde,« sagte sie, »mit deiner verwünschten livländischen Art!« Ich erschrak so sehr über diesen unerwarteten Ausbruch, daß ich ganz verstört war. Von da an spürte ich diese Eifersucht noch öfter, was mir viel Schmerzen bereitete.

Gegen Ende meines Aufenthaltes kam Hans Schmidt zu Konzerten von Mühlen nach Berlin. Mühlen stand damals auf der Höhe seiner Künstlerschaft. Alles, was Namen hatte, wollte die beiden Freunde heranziehen, bei Bismarcks gingen sie aus und ein, bei der Kaiserin Friedrich, deren eine Tochter Mühlen unterrichtete, war er ein häufiger, gern gesehener Gast. Trotzdem fanden beide immer noch Zeit, hin und wieder einen Abend Gustel und mir zu widmen. Dann erzählten sie vor allem von Bismarck, seiner Frau, seiner Häuslichkeit, den Gesprächen, die sie mit dem »eisernen Kanzler« geführt. Man hörte ihnen Stunden und Stunden zu und lebte in ihrer glänzenden Welt mit.

Für mich war es wunderschön, das alles aus der Ferne mitzuerleben, ohne einen Nebengedanken, der mir die Freude trübte. Gustel empfand anders. Manche Nacht hat sie bitterlich geweint nach solchem Beisammensein. »Warum kann ich das nicht auch haben?« Ihr Kummer schnitt mir tief ins Herz, aber helfen konnte ich ihr nicht.

Im Februar fuhr ich mit Hans Schmidt heim. Ich mit einem fertig studierten Konzertprogramm und einer wunderbaren Konzerttoilette, einem schwarzen Samtkleide, dem Geschenke meiner drei Freunde. Dieses war auf das genaueste nach Mühlens Angaben gearbeitet. Ich kam mir wie eine Königin darin vor.

Sehr bald nach meiner Ankunft in Riga gab ich einen Liederabend mit Hans Schmidt am Klavier. Es war mein erstes eigenes Konzert nach dem verunglückten mit Herrn von Kotzebue. Jetzt war ich soweit künstlerisch und menschlich gereift, daß ich wirklich mein Bestes auf dem Podium geben konnte. Schon die erste Nummer – eine Gruppe altitalienischer Arien – erzielte einen durchschlagenden Erfolg. Und immer wärmer wurde das Publikum. Als ich dann mit einer Gruppe Hans Schmidtscher Lieder schloß, hatte ich einen Erfolg, wie ich ihn mir nie hätte träumen lassen.

Es war wirklich ein Sieg. Meine alte Lehrerin hat dieses Konzert nicht mehr erlebt. Sie war nach Deutschland zurückgekehrt, da sie allmählich alle ihre Schüler verloren hatte und sich in Riga nicht mehr halten konnte.

Es kamen nun Jahre voll schöner, reicher Arbeit.

In den Ferien bin ich oft Gast von Hans Schmidts alter, blinder Mutter gewesen, an der ich mit großer Liebe und Verehrung hing. Mit seinen beiden Schwestern verband mich auch bald eine innige Freundschaft. Goldene Zeiten verbrachte ich in ihrer kleinen, idyllischen Häuslichkeit in der Nähe Fellins.

Unvergessene Tage voll Licht und Fröhlichkeit, wie lebendig steht ihr vor meiner Seele!

Sommertage in Livland

»Sonny, sieh ein wenig nach, ob von der Landstraße nicht Gäste kommen, es ist so unheimlich still heute.« Sonny erhebt sich lachend, geht hinters Haus und blickt auf die Landstraße: »Nein, Mamachen, die Sache ist völlig hoffnungslos! Heute kommt niemand; du mußt dich schon darauf gefaßt machen, einmal mit uns vorlieb zu nehmen.«

»Aber Kinder,« sagt die gütige Stimme wieder, »mit euch zusammen zu sein, ist ja auch herrlich! Ich meinte nur« – eine leichte Verlegenheit liegt auf dem lieben, alten Gesicht mit den blinden Augen. – »Ich meinte nur – die Kümmelkuchen sind heute so besonders gut geraten. Da wäre es doch ein Jammer, wenn nicht auch Gäste sich daran freuen sollten!«

Gäste! In keinem anderen Hause im gastlichen Livland habe ich dieses Wort mit solch einem Ton aussprechen hören wie hier. Es lag immer ein festlicher Glanz darauf, besonders wenn die liebe, alte Mutter Malchen es aussprach.

Wir sitzen um den Kaffeetisch, der vor dem Hause gedeckt ist. Das Haus liegt ganz einsam. Ein merkwürdig niedriges, flaches Dach deckt es. Es ist überwuchert bis an den Dachgiebel von wildem Wein, der, nie geschnitten, bis auf die Wege sich breitet und wie eine Schleppe das kleine Haus umgibt.

Es waren wohl winzig kleine und niedrige Räume, in denen aber erstaunlich viel Gäste Tag und Nacht Platz fanden. Das Häuschen lag hoch; von einer Veranda, die die ganze Breitseite des Hauses einnahm, blickte man hinab auf den See, weit über grüne Rasenflächen und blühende Büsche. Eine kleine, altmodische Holztreppe, auch dicht von Wein umsponnen, führte hinab in den Garten.

Hier lebt Sommer für Sommer die blinde, alte Frau Schmidt, die Witwe des früheren Direktors der Schmidtschen Lehranstalt in Fellin. Sie ist überall bekannt unter dem Namen »Mutter Malchen«. Und mit ihr leben ihr Sohn Hans Schmidt und ihre beiden Töchter Sonny und Liesel. Ihre Kinder hatten ihr dieses Häuschen – früher ein Bauernhaus – ausgebaut. Dort sollte sie stille, friedliche Sommerferien verleben. Nur zwei Werst vom Landstädtchen Fellin entfernt, lag dieser kleine Besitz, und es verging kaum ein Nachmittag, an dem nicht irgend jemand aus dem Städtchen dahin pilgerte.

Seit Wochen lebte ich dort als verwöhnter Sommergast. Jedem Versuch, diesem Paradies zu entfliehen und meine Ferienreise fortzusetzen, warf sich die ganze Familie mit größter Energie entgegen und schlug ihn stets siegreich zu Boden.

»Stör nicht die Gemütlichkeit,« sagte meine Freundin, die lustige Liesel. Ach! und man blieb so gerne! Man ruderte auf dem See, man badete, man sang, man wanderte über die Landstraße, man sah die Sonne hinter den weiten Feldern untergehen und atmete den süßen Duft des blühenden Klees. Man las gemeinsam, lachte, plauderte und schwieg. Am schönsten war es aber doch am Abend. Dann saßen wir auf den Stufen der Treppe und blickten auf den See hinaus zum gegenüberliegenden Ufer hin, wo der Friedhof lag, über dessen dunklen Tannen einsam der Abendstern stand. Und drinnen am Flügel saß Hans Schmidt. Seine Künstlerhände griffen in die Tasten, und wir horchten wie verzaubert auf die Töne, die über das Wasser zogen bis hin zur Ruhestätte der stillen Schläfer da unten. Wie gerne blickte ich dann auf das friedliche Antlitz der Greisin mit den lichtlosen Augen. Das Gesicht, von einer schwarzen Tüllhaube umrahmt, war lieb und klar. Ihre Hände ruhten still gefaltet im Schoße, und sie horchte auf das Spiel ihres Lieblingssohnes. Sie war über achtzig Jahre, aber ihre Seele war hell und vertrauend, wie die eines Kindes, fromm und voller Frieden. Sie sprach nur Gutes von den Menschen, denn sie hatte nur Liebe empfangen und Liebe gegeben durch ein langes Leben hindurch.

Wir sitzen um die dampfende Kaffeekanne. Mit einem kleinen Seufzer hatte Mutter Malchen noch einmal konstatiert, daß die Kümmelkuchen heute ganz besonders delikat wären. Wir meinen: gerade gut genug für uns, gar nicht nötig, daß Gäste sie essen.

Der Kaffeetisch ist abgeräumt und wir holen unsere Handarbeiten herbei. Auch Mutter Malchen hat ein Strickzeug, das der Sohn »das Gewand der Penelope« nennt. Die Blinde läßt beständig Maschen fallen, die rettungslos in die Tiefe sinken, so daß immer wieder getrennt werden muß.

Mutter Malchen soll nun aus ihrem Leben erzählen, wir bitten sie darum.

Und sie erzählt aus ihrer Jugend, von Menschen, die längst gestorben sind. Wenn man sie hört, waren alle gut, froh, hübsch, klug und »ideal«, ein Wort, das sie ganz besonders liebt. Sie wird oft unterbrochen von lustigen Bemerkungen ihrer Kinder, die alle drei witzig, schlagfertig und voller Humor sind. Auch Mutter Malchen ist schlagfertig und schelmisch.

»Ja,« sagt sie plötzlich und wird ernst, »der beste Mensch und der feinste, den ich jemals gekannt habe, war doch Frauenfelder, ein Lehrer unserer Anstalt.«

Unter ihren Worten ersteht ein ergreifendes Bild, das Bild eines Idealisten, eines weltfremden Träumers. Er ist einer von denen, der »sein Leben läßt für seine Brüder«, einer, dem die Wirklichkeit immer fremd geblieben war, und der buchstäblich das Wort der Bibel erfüllte: »Wer zwei Röcke hat, der gebe einen dem, der keinen hat.«

Wir sehen ihn mit wunden Füßen durch die Straßen des Städtchens hinken, weil er sich nicht entschließen konnte, verpfuschte Stiefel dem Schuhmacher zurückzugeben, aus Furcht, »es könnte ihn zu sehr beschämen«. Wir sehen ihn im abgetragenen, schlechten Rock fröhlich an Festen teilnehmen, denn seinen guten Rock hatte er jedesmal verliehen.

»Das schlimmste aber,« sagt Mutter Malchen, und sie wird noch eben ganz aufgeregt, »war doch, wie ich dahinterkam, daß er Wochen hindurch sein Morgenfrühstück einem Armen gegeben hatte. Mit vielen Listen hatte er das vor uns verborgen gehalten, und Tag für Tag war er hungrig an seine Arbeit gegangen. Als ich es herausbekam, sagte ich ihm kein Wort. Das hätte doch nichts geholfen, kannte ich doch seine Antwort: ›Ach, ich habe es so gut. Gegen das Leben der Armen gesehen, lebe ich im Überfluß.‹ Ich schickte ihm von nun an jeden Morgen die doppelte Portion Kaffee auf sein Zimmer und noch einmal soviel Butterbrote wie sonst. Aber was war die Folge? Von nun an erschienen jeden Morgen zwei Arme, die er zum Kaffee geladen hatte.«

Mutter Malchen erzählt bezaubernd. Sie lebt in ihren Erzählungen, und wir horchen auf die friedliche Stimme, die so tröstend klingt, auch wenn sie von Schmerzen erzählt, die ja längst gelitten sind.

So spinnen sich die Tage hin in lichter Schönheit. Möchten sie nie ein Ende nehmen! »Es ist doch ein Jammer, daß Doris nicht da ist,« sage ich eines Tages, »sie gehört in dieses Leben.«

Meine Freundin Doris lebt auf einem Gut, sechzig Werst von Fellin.

»Wir laden sie ein,« ruft Mutter Malchen fröhlich, »sie muß kommen.« – »Natürlich laden wir sie ein,« ruft der Chor der Kinder, »die fehlt uns noch gerade.«

»Ja, aber wo bringen wir sie unter?« ruft Sonny bedenklich. Sie ist die einzige von uns, die noch einigermaßen Sinn für Raum und Zeit behalten hat.

Die ganze Gesellschaft erhebt sich, um das Haus zu durchstöbern und einen Winkel ausfindig zu machen, in dem man noch einen Gast unterbringen könnte.

Die Sache sieht ziemlich hoffnungslos aus, denn das Haus ist winzig klein und jeder Platz ist besetzt. Die abenteuerlichsten Pläne werden geschmiedet, die merkwürdigsten Beschlüsse gefaßt, deren Unausführbarkeit einem sofort einleuchtet.

Plötzlich ein Jubelruf von Hans Schmidts Lippen: »Ich weiß etwas, kommt mit mir, ich zeige euch ein Fremdenzimmer.«

Er führt uns zu einer kleinen Kammer, es ist das sogenannte »Schinkenzimmer«, ein Raum, wo Räucherwaren aufbewahrt werden.

Wir machen uns sofort ans Einrichten. Die Schinken und Würste werden von der Wand gerissen, Sonny kann sehen, wo sie sie unterbringt! Es wird Maß genommen; ob man wohl ein Bett hineinstellen kann?

»Ach nein, ein Bett hat keinen Raum. Was machen wir nun?« »Wir nehmen einen Rahmen, der wird Platz haben.« Ein Rahmen mit zwei Böcken findet sich auf dem Boden. Er wird glücklich hineingezwängt und paßt ins Zimmer. Daß Doris sehr groß ist, wird nicht weiter in Betracht gezogen. Nun kann noch ein kleiner Tisch und ein Stuhl in der Kammer Platz finden, sonst nichts mehr.

Die fleckigen Wände werden mit Laken ausgeschlagen, und Ranken von wildem Wein bilden den Fries. Dies Zimmer wird der Lieblingsraum des ganzen Hauses. Jeder denkt nur daran, wie er irgend etwas zum Schmuck des »Schinkenzimmers« beitragen könne.

Nun ist es fertig. Ich wage zu sagen, daß es mit den weißbeschlagenen Wänden wie eine Leichenkammer aussieht, was allgemeine Entrüstung hervorruft.

Eine Einladung an Doris wird mit glühenden Worten geschrieben und die Schönheit ihres Zimmers in allen Tönen angepriesen. Sie muß alles stehen und liegen lassen und sofort kommen. Hans Schmidt macht sich selbst zur Stadt auf, um den Brief als Eilbote auf die Post zu bringen. Und nun warten wir Tag für Tag. Immer sieht man jemand am Eiskeller stehen, von wo es den freiesten Blick über die Landstraße gibt.

Ob sie wohl kommt? – Natürlich kommt sie!

Endlich gegen Abend des dritten Tages – es waren schon abfällige Urteile über Doris' Saumseligkeit laut geworden – da – ein gellender Ruf von Liesels Lippen: »Sie kommt, sie kommt!«

Wir stürzen alle zum Eiskeller hin. Wie eine kleine, feine Silhouette hebt sich ein Wägelchen vom Horizont ab mit einer Gestalt drin und einem Pferde davor. Es kommt langsam näher: Doris ist da und hält bald vor der Haustür. Wir lassen ihr kaum Zeit, aus dem Wagen zu klettern. Das Zimmer, das Zimmer! Jeder will es ihr zeigen. Sie wird im Triumph hineingeführt, wir alle drängen nach, obschon eigentlich nur für eine Person Raum drin ist. Doris ist begeistert; und als ob sie immer dagewesen wäre, so selbstverständlich fügt sie sich in unser Leben hinein. Sie ist ein Mensch voll Gaben und voll Zauber. Sie kann eigentlich alles. Sie singt, sie spielt, sie malt und zeichnet besonders feine Karikaturen. Sie macht witzige Verse und ist voll anmutiger Heiterkeit.

Welche Tage voll Licht, voll kindlicher, harmloser Freude, durchfunkelt von Witz und feinsten, künstlerischen Genüssen! Und alles durchglüht von Sommersonne und wärmster Liebe!

Man hat uns Balten oft nachgesagt, daß wir unser Leben zu festlich gestalteten, daß Feste und Freude eine zu große Rolle bei uns spielten. Aber haben wir uns nicht auch bewährt, als die Zeiten des Leidens über uns kamen? Hat das Licht uns nicht auch stark gemacht, die dunklen Tage zu tragen? – Lichtvolle Jugend, ein Leben, in dem man sich an der Sonne freute, machen noch in der Erinnerung den grauen Alltag hell und lassen auch die dunklen Schmerzensnächte nie ganz dunkel sein. –

Doris ist nur auf ein paar Tage gekommen, aber es geht ihr wie mir, sie wird ganz einfach nicht mehr fortgelassen. Pferd und Wagen werden mit einem Knecht heimgeschickt, und es wird ein großes Fest ihrer Ankunft zu Ehren geplant. Das Fest soll im engsten Familienkreise stattfinden, und es wird eifrig beraten, wie es gestaltet werden soll. Die verschiedensten Vorschläge werden gemacht und wieder verworfen. Eine Idee, die Liesel hat, wird mit Begeisterung angenommen: »Wir lassen Schiffchen schwimmen, wie zur Sylvesternacht.«

Jetzt soll jeder sich einen Wunsch ausdenken, von dem kein anderer was wissen darf. Die Wünsche werden auf schmale Papierstreifen geschrieben und streng geheim gehalten. Sonny verschwindet in der Küche und backt Kuchen. Hans Schmidt geht ins Städtchen, um Wein und Konfekt zu besorgen und Doris malt Tischkarten: Karikaturen, die für jeden mit einem scherzhaften Vers versehen sind und eine lustige Szene aus seinem Leben darstellen. Liesel und ich schleppen mit Aufbietung all unserer Kräfte einen riesigen Waschkübel ins Zimmer. Eimerweise tragen wir das Wasser aus dem Brunnen und füllen ihn bis an den Rand unter Spritzen und Lachen. Mutter Malchen ist die glücklichste und aufgeregteste von uns allen. Sie hat einen schelmischen Plan und zieht mich ins Vertrauen: jeder hat für das Schiffchenschwimmen nur einen Wunsch frei, doch sie will ihren Wunsch dreimal aufschreiben lassen, »aber daß keiner was merkt«. Wir beide ziehen uns auf die Veranda zurück, und ich mache drei schmale Papierstreifen zurecht. Auf jeden Zettel läßt sie mich nur den einen Wunsch aufschreiben: »Eine Frau für Hans.« Sie ist glücklich, als ich die Zettel beschrieben habe, nimmt sie in die Hand und befühlt sie. »Wenn doch dieser Wunsch in Erfüllung ginge,« sagte sie mit einem leisen Seufzer. »Ach, Mutter Malchen, so ist es eigentlich viel netter,« sage ich, »denken Sie doch, wenn der Hans uns eine Frau herbrächte, die gar nicht zu uns paßt, was fingen wir dann an?«

»Das ist schon wahr,« sagt sie nachdenklich, »aber« – und ein kleiner Schatten von kindlicher Verlegenheit fliegt über das liebe Gesicht, »es könnte ja auch eine Bekannte sein, zum Beispiel eine von euch.«

Ihre Stimme sinkt zu einem vertraulichen Flüstern herab. »Sagen Sie mir ehrlich, mein liebes Kind, glauben Sie nicht, daß es vielleicht noch mit Doris was wird? Der Hans war so eifrig beim Zimmereinrichten, daß mein Herz voller Hoffnung ist.«

»Liebste Mutter Malchen,« sage ich lachend, »schlagen Sie sich nur die Gedanken ganz aus dem Sinn. Das mit dem Zimmereinrichten will auch gar nichts sagen. Ihm liegt dabei viel mehr am Einrichten als an Doris. Die denken nicht daran, sich zu heiraten, sie sind viel zu gute Kameraden dazu.«

Mutter Malchen seufzt. »Es ist eine merkwürdige Welt,« sagt sie, »ich kann mich nicht mehr hineinfinden. Früher war alles so viel einfacher. Je befreundeter man war, desto lieber wollte man sich auch heiraten, und jetzt hindert die Freundschaft einen am Heiraten.«

Der Abend ist herangekommen, ein festliches Abendessen hat uns alle vereinigt. Wir sind in Festkleidern erschienen und Mutter Malchen hat ihre schöne Sonntagshaube aufgesetzt. Unter Lachen und Scherzen werden die Tischkarten besehen und die Gedichte gelesen. Wir behaupten, Doris hätte unter ihrer zarten, mädchenhaften Außenseite einen kleinen Giftzahn verborgen, der in ihren Versen und Karikaturen lebendig wird.

Nach dem Essen wird das Programm für den Abend und die Nacht entworfen. Zuerst soll eine Bootpartie auf dem See gemacht werden, das einzige, woran Mutter Malchen nie teilnimmt, denn sie fürchtet sich vor Bootfahren. »Während wir auf dem Wasser sind, müssen wir entweder singen, lachen oder pfeifen,« sagen die Kinder; sobald Mutter unsere Stimmen nicht mehr hört, glaubt sie, wir seien ertrunken und wird traurig.

Wir steigen in das kleine, weiße Boot, das an der Landungsbrücke liegt, und rudern auf dem See, bis die Dämmerung hereinbricht. Dann kehren wir heim. Nun sitzt alles still auf der Treppe und lauscht auf Hans Schmidts meisterhaftes Spiel. Das übermütige Lachen verstummt, denn ein Dichter redet in Tönen zu uns. Es liegt etwas Wunderbares in seinem Spiel. Seine Töne steigen hinab in tiefste Seelentiefen, rühren mit leisem Finger an Gedanken und Empfindungen, die dort in lautloser Stille ruhten, und eine Sehnsucht ohne Grenzen, aber ohne Schmerz erwacht und füllt die Seele mit einem Gefühle von Glück, denn sie hat ihre eigene Sprache vernommen.

Er hat geendet und tritt unter uns. Keiner will sprechen, es liegt wie ein Bann auf uns allen. Wir haben in einer zarten und geheimnisvollen Welt gelebt und finden uns nur langsam in die Wirklichkeit zurück.

Sonny findet zuerst den Weg. Sie hat sich leise erhoben und stellt Wein und Konfekt auf den Tisch. »Nun ist genug geträumt,« sagt sie fröhlich, »kommt, stoßt an!«

»Jetzt zur Hauptsache,« ruft Liesel, »nun sollen die Schiffchen schwimmen.«

Alles sammelt sich um den großen Wasserkübel, der auf hohen Beinen mitten im Zimmer steht. Eine Walnuß wird ausgehöhlt, in die ein kleines Licht hineingesetzt wird. Der Rand des Kübels wird mit den schmalen Papierstreifen beklebt, die über das Wasser hängen. Ich habe die drei Wünsche von Mutter Malchen heimlich nebeneinander befestigt.

Nun wird das Wasser in Bewegung gesetzt, das Licht im Walnußschiffchen angezündet und muß seine Fahrt auf dem bewegten Wasser antreten. Liesel und ich haben einen geheimen Bund geschlossen, wir spielen ein wenig Schicksal und geben dem kleinen Fahrzeug unbemerkt die Richtung, die wir wünschen. Es nähert sich schaukelnd einem Papierstreifen und entzündet ihn. Schnell wird er ausgelöscht, vom Rand des Wasserkübels gelöst und gelesen. Sonny ist Vorleserin. Sie beugt sich über den Zettel und liest: »Eine Frau für Hans.«

»Hurra, der Wunsch soll noch in diesem Jahre in Erfüllung gehen.« Nun kommt die nächste Fahrt. Wieder wird ein Schiffchen auf die Flut gesetzt, und wir drängen uns um den Rand des Waschkübels. Wieder derselbe Vorgang. Sonny liest den nächsten angebrannten Zettel: »Eine Frau für Hans.«

Hans Schmidt lehnt sich auf: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu,« ruft er empört. »Wieso,« sagt Mutter Malchen mit unschuldiger Miene, »es können doch zwei Menschen denselben Wunsch gehabt haben?«

Hans Schmidt beruhigt sich wieder, und das dritte Schiffchen wird vom Stapel gelassen. Alle sehen mir auf die Finger. Ich kann nichts tun, um ihm die gewünschte Richtung zu geben, da gelingt es Liesel noch schnell, ihm einen kleinen Stoß zu versetzen. Keiner hat es bemerkt. »Nun aber muß ein anderer Wunsch kommen,« ruft Sonny, indem sie den angebrannten Papierstreifen ablöst und zu entziffern versucht. »Eine Frau für Hans« steht zum drittenmal darauf.

»Nun ist kein Zweifel, das kannst nur du, Mamachen, gemacht haben,« ruft der Sohn. »Jetzt aber schwörst du, daß das der letzte Zettel ist, den du diktiert hast, sonst verbrenne ich alle auf einmal.« Mutter Malchen lacht so herzlich, daß ihr die Tränen über die Wangen laufen. »Daß gerade meine drei Wünsche zuerst angebrannt sind, das ist doch seltsam und bestimmt ein gutes Zeichen,« sagt sie.

Wir sitzen wieder vor dem Hause um den runden Kaffeetisch. Mutter Malchen ist von uns viel geneckt worden, daß sie ihre zweite Tasse Kaffee nicht austrinkt, weil sie immer noch heimlich auf Gäste wartet. Sie lacht in ihrer kindlich fröhlichen Art.

»Man kann nicht wissen,« sagt sie schelmisch, »vielleicht kommt noch jemand ganz Besonderes.«

»Du rechnest auf Raimund Mühlen,« ruft Liesel, »der kommt aber sicher nicht, er ist ja erst gestern angekommen.«

Der berühmte Sänger lebt im »alten Schloß« bei Fellin, aus dem er ein Paradies geschaffen hat. Auch er verbringt dort seine Sommerferien bei seiner alten Mutter und seinen Schwestern. Immer wieder zieht es ihn in die Stille der Heimat, an der er mit leidenschaftlicher, sehnsüchtiger Liebe hängt.

Da plötzlich Pferdegetrappel, und eine Kalesche mit zwei Pferden bespannt biegt um die Ecke des Hauses und hält an der kleinen Terrasse. Jubelnder Zuruf von uns allen begrüßt ihn. Es ist wirklich Raimund Mühlen, der im hellen Überzieher, hellen Filzhut, vornehm, blaß und ruhig aus dem Wagen steigt. Wir empfangen ihn mit einem estnischen Festlied:

»Pidu hakkab, pidu hakkab, pere eidekene
Pane pulma pill hüüdma, pere taadikene.«

Bald sitzt er unter uns neben Mutter Malchen, die glücklich ist. Sie liebt diesen ältesten Jugendfreund ihres Sohnes. Er hat eine gute und ehrfürchtige Art mit ihr.

Sofort ist er der Mittelpunkt des fröhlichen Kreises. Es ist eine merkwürdige Kraft, die von ihm ausgeht, belebend, erregend. Er blickt um sich mit den Augen, die alles sehen, denen nichts verborgen ist. Auf dem blassen Gesicht liegt eine große Müdigkeit und Trauer, aber wenn er lacht, spielen Grübchen auf seinen Wangen und machen seine Züge hell und kindlich.

»Es ist schön bei euch,« sagt er, »ach, und so voller Frieden.«–

Er nimmt seinen Hut ab und streicht sich über die Stirn mit der flachen Hand. Es ist dies eine charakteristische Bewegung bei ihm, sie wirkt, als wolle er schwere Gedanken damit vertreiben. Er kommt aus der großen Welt, aus einem Leben voller Glanz, hohem Künstlerruhm, atemloser Arbeit, Kampf und Unrast.

Er erzählt. Alles wird wie in hellste Beleuchtung gerückt. Fein, witzig und geistreich sekundiert Hans Schmidt; es ist eine Wonne, den beiden zuzuhören.

In einer Pause des lebhaften Gesprächs weist Raimund Mühlen plötzlich auf einen Baum, der links vom Hause steht, von dichtem Gebüsch umgeben.

»Dieser Baum muß fallen,« sagt er. »Er verdeckt die Aussicht. Auch das Gebüsch muß fort. Dann wird man den See noch einmal aufblitzen sehen, und eine kleine Windmühle, die am Ufer steht, wird frei.«

Er springt lebhaft auf und steigt zur Verandatreppe empor. Er redet wie ein Herrscher, es fällt keinem ein, ihm zu widersprechen. Er hat auch immer recht, der große Künstler mit dem unfehlbaren Blick für Schönheit auf jedem Gebiet, auch für die verborgene, die er überall herausfühlt.

Aber Mutter Malchen ist außer sich. Einen Baum soll man abhacken? Einen lebendigen, großen Baum, der sich seines Lebens freut und dessen Wipfel sich so froh in der Sonne wiegt? Sie wird von uns allen übertönt. Was liegt an einem Baum?

»Aber es ist ja etwas Lebendiges, Kinder, bedenkt doch!« Und zuletzt sagt die Sanfte ganz energisch: »Ich erlaube es nicht, daß man den Baum abhackt.«

Wir widersprechen nicht, verständigen uns aber lächelnd mit den Augen: der Baum muß fallen. –

Wir sitzen auf der Veranda beim Abendessen. In unser fröhliches Plaudern klingen plötzlich Axthiebe. Die Blinde horcht erschrocken auf: »Da wird ja was gehackt!«

»Holz für die Küche,« sagen wir lachend im Chor, und sie beruhigt sich wieder. Da – ein Krachen von Zweigen, ein Rauschen, der Baum erzittert, neigt sich zur Seite und sinkt zu Boden. Ein Jubelruf folgt seinem Fall. Wir stürzen alle hinaus, was werden wir sehen?

Ein wunderbarer Blick ist freigeworden. Man sieht in der Ferne den See noch einmal im Abendlichte aufleuchten. Und richtig, eine kleine Windmühle hebt sich mit ihren dunklen Flügeln wie eine Zeichnung vom hellen Horizont ab.

Wir freuen uns alle, nur Mutter Malchen will ein wenig traurig sein. »Der arme Baum,« sagt sie, »nun ist er tot.«

Raimund Mühlen faßt die Hand der lieben, alten Frau und führt sie an die Stufen der Veranda. Er erzählt ihr, was man nun alles sehen könne, was bisher vom Baum verdeckt war. Wie er mit Worten zu malen versteht! Wir horchen alle auf ihn, und das kleine, einfache Landschaftsbild vor unseren Blicken bekommt Glanz und Schönheit. Die Blinde richtet ihre lichtlosen Augen nach dem hellen Abendhimmel, den sie nicht sieht, aber man fühlt, daß sie alles schaut, was mit seinen Worten vor sie hingezaubert wird.

»Dann ist es ja gut, daß der dumme Baum fort ist,« meint sie mit einem ganz erleichterten Ton.

– – – Das Abendessen ist vorüber. Wir sitzen auf der weinumrankten Treppe, die Abendkühle weht vom See herauf und ein Duft von Birken und Kalmus liegt in der Luft.

Hans Schmidt hat sich leise erhoben und ist ins Zimmer an den Flügel gegangen. Schumanns »Kinderszenen« erklingen. Wer trifft die Stimmung dieses Abends so wie dieser Poet am Flügel? Es ist spät und unser Gast muß heim. Wir begleiten ihn durch die lichte Sommernacht über die einsame Landstraße, die zwischen Wiesen und Feldern zum Städtchen führt. Ein heller Streifen glüht am Horizont. Es duftet süß nach Heu und blühendem Klee, und durch die tiefe Stille klingt zuweilen das Schnarren des Erdkrebses und das ferne Anschlagen eines Hundes.

»Wie schön und lieb ist die Heimat,« sagt Raimund Mühlen leise, »schöner und lieber als alles sonst auf der Welt.«

Als wir wieder heimkommen, sitzt Mutter Malchen immer noch friedlich wartend auf der Treppe. Sie hat die Hände gefaltet und horcht auf die Stimmen der Nacht.

»Es war ein herrlicher Tag,« sagt sie.

»Nun hast du heute doch deinen Gast gehabt,« meint die Tochter lächelnd.

»Ja,« sagt die alte Frau glücklich, »und noch dazu was für einen!«

Alles im Hause ist zur Ruhe gegangen. Das Lachen ist verstummt, die Lichter sind verlöscht. Ich aber finde noch keine Ruhe im Bett. Leise erhebe ich mich und trete auf die Veranda hinaus in die helle, nordische Sommernacht. Wie seltsam leuchtet das Wasser des Sees herauf, die Dämmerung ist voller Licht. Am Horizont erglüht langsam das Morgenrot, verträumte Vogelrufe werden wach. Mit starker Liebe umfängt mein Herz die Heimat und leise wiederhole ich die Worte Raimund Mühlens:

»Wie schön und lieb ist die Heimat, schöner und lieber als alles sonst in der Welt!«

Erinnerungen an die Schröder-Devrient

Meine Freundin Doris und ich haben eine Einladung auf das Gut Kersel, in der Nähe von Fellin, erhalten zum livländischen Landmarschall, Herrn von Bock. Die beiden alten Freundinnen Amalie und Elise von Jung-Stilling bringen den Sommer bei ihm zu, und wir sollen das Gut Kersel kennen lernen, das für uns von größtem Interesse ist. Hat doch die berühmte Opernsängerin Wilhelmine Schröder-Devrient als Gattin des Landmarschalls einige Jahre dort gelebt.

Es ist ein früher Sommermorgen und die Wiesen sind voll Tau und Sonne. Aus den Feldern steigt singend die Lerche. Wir sitzen in einem Postwägelchen, das fröhlich über die helle Landstraße rollt. Die Postglocken klingen lustig durch die Morgenstille, und wir sind beide voll froher Erwartung.

Längst schon haben wir es uns gewünscht, den Ort kennen zu lernen, in dem die berühmte Künstlerin Jahre hindurch gelebt, gekämpft und gelitten hat. Ja, es war ein seltsamer Weg, der die größte Opernsängerin ihrer Zeit in unser stilles, kleines Land geführt hat.

Auf einer Konzertreise durch Livland wurde sie zum Schluß durch ihren Impresario um ihren ganzen Schmuck und ihr Vermögen gebracht. In dieser Notlage fand sie ritterlichen Schutz und Hilfe bei Herrn von Bock, und schließlich folgte sie ihm als Gattin auf sein Gut in Livland. Sie war müde der Welt und sehnte sich nach einem Hafen; seine grenzenlose Liebe schien ihr alles ersetzen zu können, was sie verließ.

Aber sie war ein gefangener Adler, die Große, Starke – in der Stille eines livländischen Gutes. Sie schlug mit ihren mächtigen Schwingen gegen die Stäbe des Käfigs, in dem sie von viel Zartheit und Liebe umgeben war. Für sie aber blieb es ein Gefängnis. Und eines Tages durchbrach sie die Wände, die sie umschlossen, und floh wieder dahin zurück, wo sie hingehörte, in die große Welt, ins Künstlerleben.

Die Fahrt dauerte fast zwei Stunden; aber sie wurde uns nicht lang. Es liegt eine große Poesie in solchen Fahrten durch unser liebes Heimatland.

Unser Weg führte uns durch Felder und Wälder, Moraste und Wiesen. Dazwischen gab es wunderbare Fernblicke über das weite Land, das voll Lerchensingen und Stille war. Es ging an einzelnen Bauerngehöften vorüber, an flachsköpfigen Kindern und arbeitenden Leuten. Über allem aber lag eine tiefe Einsamkeit.

Da bog unser Kutscher von der Landstraße ab in eine breite Allee, die zum Herrenhause Kersel führte. Wir fuhren um einen großen Rasenplatz vor dem Hause und hielten vor der breiten Verandatreppe, auf der, uns mit einer gewissen Feierlichkeit erwartend, der Hausherr stand. Hinter ihm sahen wir seinen alten, treuen Diener, der eilig die Stufen herunterkam und uns aus dem Wagen half.

Es war ein Aristokrat der alten Schule, der uns mit ruhiger Würde empfing. Seine hohe Gestalt war nur wenig gebeugt, das Haar grau und dicht gelockt; das Gesicht still und friedvoll.

Er führte uns in ein behagliches, altmodisches Haus; langgestreckt und niedrig, mit hohem Parterre, lag es da. Aber in den inneren Räumen lebte eine reiche, verschollene Welt für sich, voller Schönheit und Tradition.

Im Wohnzimmer begrüßten uns Tante Malchen und Tante Elise herzlich, und wir wurden gleich an den Frühstückstisch, der auf der Terrasse gedeckt war, geführt.

Ein wunderbarer Anblick tat sich vor uns auf, als wir hinaustraten! Vor uns lag ein Rosengarten mit vielen Hunderten von Rosenstämmen und Rosenbüschen, alle in vollster Blüte! Der Garten war von allen Seiten durch einen dichten Tannenwald geschützt; aber ein Durchhau gab den Blick frei auf eine kleine Kirche, die gegenüber auf einem Berge lag.

Nach dem Frühstück wanderten wir durch den Garten. Es duftete nach Rosen, nach Reseden und Levkojen. Ins Haus zurückgekehrt, machten wir Musik, und ich sang an dem Flügel, an dem einst die Schröder-Devrient gesungen hatte!

Wie behaglich die Zimmer eingerichtet waren! Mit schönen, alten Mahagonimöbeln und wunderbaren alten Stichen an den Wänden. Über dem ganzen Hause lag etwas Feierliches, Stilles. Es schliefen dort Geheimnisse, die längst gelebt und Schmerzen, die längst gelitten waren, an die aber nicht gerührt werden durfte.

In der Mittagsruhe nach dem Essen lag das ganze Haus wie verzaubert da, umduftet von Rosen, umsummt von Bienen und umschwirrrt von Schwalbenrufen.

Dann fand sich alles wieder auf der Terrasse zusammen, wo der Kaffeetisch bereits gedeckt war. Wir freuten uns am alten Silber, an den alten Tassen, die den Tisch schmückten. Auf jedem Platz lag eine eben erblühte Rose, die der Hausherr uns hingelegt hatte.

Nach dem Kaffee winkte Tante Malchen uns freundlich zu. Sie hatte die Erlaubnis erhalten, uns das ganze Haus zu zeigen, vor allem die Zimmer der Schröder-Devrient, die noch genau so erhalten waren, wie damals, als die stolze, leidenschaftliche Frau in ihre alte Welt zurückkehrte.

Wir stiegen eine Holztreppe in die obere Etage hinauf. Dort war das kleine Reich der großen Frau für eine kurze Zeit gewesen. Voll Staunen trat man in die Zimmer, in denen man sie sich nicht vorstellen konnte. Sie waren niedrig, mit weißen Holzdielen, in den kleinen Fenstern winzige Scheiben. Wie eng, wie bescheiden war alles!

Mir fiel das Wort aus dem Korintherbrief aufs Herz: »Die Liebe glaubet alles und hoffet alles.« Welch einen Mut besaß der junge livländische Edelmann, auf welch einer Kraft der Liebe baute er, daß er glauben konnte, hier würde ein Adler ruhen, würde eine geniale Künstlerin die Welt vergessen können, die große, starke, in die sie gehörte!

An einem der Fenster stand ihr Nähtisch. Ich setzte mich auf den davorstehenden Stuhl und blickte aus den niedrigen Fenstern hinaus, wie sie wohl oft voll Sehnsucht hinausgeblickt hatte. Dann öffnete ich ihren Nähtisch, wo noch die Häkelarbeit lag, an der sie zuletzt gearbeitet. Die Häkelnadel steckte im Knäuel, als hätte sie sie eben aus der Hand gelegt.

Auf dem Schreibtisch lag ihre Mappe, auf der Toilette stand alles wie unberührt.

Wir waren allein mit den beiden Tanten. »Ach, Tante Malchen, erzählen Sie von ihr,« baten wir. Und Tante Malchen erzählte.

Wir sahen die große, stolze Künstlerin durch die niedrigen Zimmer schreiten: auf und ab, auf und ab, mit der heißen Sehnsucht ringend, nach der Welt, die ihre eigentliche Welt war. – Wir sahen sie mit einem Beil in der Hand zum Walde wandern und Bäume umschlagen, weil die ruhelose Seele sich Luft schaffen mußte. Wir sahen sie dann wieder als sorgfältige und peinliche Hausfrau sich um alles und jedes kümmern. Sie brauchte ihre Wäsche nach der Nummer und kochte das schönste Essen, sie wußte um alles Bescheid. Aber auch das gab ihr keine Ruhe.

»Am schönsten aber,« sagte Tante Malchen, »und am schwersten war es, wenn sie sang, und die wenigen Zuhörer bis ins tiefste erschauerten vor der Größe ihrer Künstlerschaft und der Herrlichkeit ihrer Stimme. An einem Abend, nachdem sie eine ihrer schönsten Partien, Glucks »Iphigenie« gesungen und gespielt hatte, sei sie zusammengebrochen und habe unter wildem Schluchzen gerufen: »Ich muß meine Welt haben, sonst muß ich sterben! Ich, eine Künstlerin, muß in Livland Grütze kochen!«

Während der Erzählungen schaute ich mich still in den Räumen um. Was hatten sie gehört, was erlebt! Aber die Tränen, die hier geweint, waren längst getrocknet, die Seufzer, die diese Wände gehört, waren längst verklungen.

Da trat der alte Diener in die Tür und rief uns in das Studierzimmer des Hausherrn. »Jetzt kommt etwas Großes,« sagten die Tanten. »Er will euch das Bild der Schröder-Devrient zeigen. Das ist eine besondere Auszeichnung.«

Wir folgten dem Diener in die unteren Räume. Er öffnete uns die Tür. Der Hausherr erhob sich von seinem Schreibtisch und sagte mit gütigem Lächeln: »Ich wollte Ihnen das Bild meiner Frau zeigen. Es wird Ihnen Freude machen.«

Der Tür gegenüber, durch die wir eingetreten sind, fast die ganze Seite der Wand ausfüllend, hängt das Bild, von einem grünen Vorhang verhüllt. Er tritt daneben und zieht ihn mit leiser Hand zurück.

Und lebensvoll, in wunderbarer Schönheit und Jugend, strahlt uns ihr Bild entgegen. Sie sitzt in einem tiefen Lehnstuhl, in dunklem Sammetkleide. Die eine Hand ruht lässig im Schoß und hält ein Spitzentüchlein umschlossen, die andere stützt sich mit den schlanken Fingern auf die Lehne des Sessels. Das Bild stellt sie in dem Augenblick dar, da sie sich vom Stuhl erheben will. Wie wunderschön war sie, wie sie so lächelnd und stolz zu uns herüberblickte!

Keiner von uns spricht. Die Abendsonne fällt durch das Fenster und spielt in dem grauen Haar des Mannes, der diese Frau über alles geliebt hatte, der ihr alles geben wollte und sie doch nicht halten konnte, denn über ihrer Stirn leuchtete unsichtbar die Krone des Genies mit dem Fluch der Ruhelosigkeit: »Uns ist gegeben, an keiner Stätte zu ruhen.«

Unsere Postpferde standen vor der Tür. Wir mußten heim noch vor Einbruch der Dunkelheit. Ein kurzer Abschied, und wir fuhren in die lichte Dämmerung des Sommerabends hinaus, beide schweigend.

Dann kam es leise über meine Lippen: »Wie glücklich war er! Was sind die Schmerzen, die er gelitten gegen dieses Glück? Denn er hat eine Königin geliebt.«

Mühlen-Konzerte

Den Finken des Waldes – die Nachtigall ruft.
Von Geigenstrich hallt es goldrein durch die Luft.
»Ihr Zwitschrer, ihr Schreier, nun spart den Diskant.
Der Heini von Steier ist wieder im Land.«

Der Schuster im Gaben schwingt's Käpplein und spricht:
»Der Himmel in Gnaden vergißt unser nicht.
Sohlleder wird teuer, Bundschuh platzt am Rand;
Der Heini von Steier ist wieder im Land!«

Der Hirt läßt die Herde, der Bauer den Pflug,
Der Fuhrmann die Pferde, der Wirt läßt den Krug.
Der Schulz und der Meier kommt scheltend gerannt:
»Der Heini von Steier ist wieder im Land!«

Schon schwirren zur Linde, beglückt und entzückt.
Die lieblichen Kinde, mit Kränzen geschmückt.
Wo weilen die Freier? Manch Herz steht in Brand:
Der Heini von Steier ist wieder im Land!

Und wer schürzt im Gärtlein den Rock sich zum Sprung?!
Großmutter in Runzeln, – auch sie wird heut jung!
Sie stelzt wie ein Reiher dürrbeinig im Sand:
Der Heini von Steier ist wieder im Land!

Der aber hebt schweigend die Geige zur Brust,
Halb brütend, halb geigend, des Volks unbewußt,
Leis knisternd strömt Feuer durch Saite und Hand. –
Der Heini von Steier ist wieder im Land!

Ja, so war's, wenn es in jedem Herbst hieß: Raimund Mühlen kommt zu Konzerten nach Riga! Er war unser Heini von Steier, und mit ihm kam elektrisierende Freude, die jung und alt erfüllte. Der Alltag hörte auf; es gab nur noch Sonntage, »mit einem Sträußlein auf dem Hut«. Das Lehen nahm uns ganz gefangen, und unsere Mütter fügten sich, wenn auch mit Seufzen, in ihr Schicksal, in dieser Zeit mit den Töchtern nicht rechnen zu können. Ach, meine arme Mutter! Ihre sonst in meinem Leben so stark wirkende Autorität zerrann in nichts. Ich stürmte, ohne viel zu fragen, meinen Weg dahin, hielt die Hausordnung nicht mehr ein, versäumte Mahlzeiten, ohne jemals Reue darüber zu empfinden, nahm bei noch hellichtem Tage den Hausschlüssel, verschwand wie ein leichtsinniger Student, auf viele Stunden und kam oft erst am Morgen wieder heim, denn wo Mühlen war, wurde die Nacht zum Tage gemacht.

Wir Freundinnen steckten immer beieinander, besprachen die Programme, erörterten künstlerische Fragen, die durch Mühlen in uns angeregt waren, oder saßen auch nur froh beisammen, denn wie ein starker Strom ging die Freude von dem großen Künstler aus.

Und dann kamen die Konzerte! Nie wieder habe ich solche Konzerte im Schwarzhäuptersaal erlebt, mit solch einer Feststimmung, mit so auserlesenem Publikum. Die ganze Geistes- und Geburtsaristokratie von Stadt und Land war versammelt und saß in Festkleidung und Feststimmung erwartungsvoll da. Man grüßte jeden, denn man kannte jeden. Man wußte, wie jeder sich auf diesen Abend freute. Es war, als bildeten alle eine große, begeisterte Familie, die sich eins wußte in der Vorfreude.

Ist es der Jugendglanz, der auf diesen Erinnerungen liegt, der sie so unbeschreiblich schön und lichtvoll macht? Oder waren die Konzerte wirklich etwas Besonderes? Ja, ein Liederabend von Raimund Mühlen und Hans Schmidt war etwas Besonderes, etwas Vollkommenes in seiner Art, denn diese beiden vornehmen Künstler gaben in anderer Weise, als man es sonst in Konzerten erlebte. Sie ergänzten sich, wie wohl noch nie Sänger und Begleiter sich ergänzt haben, waren sie doch Söhne eines Landes, unserer Heimat, miteinander aufgewachsen, einander verwandt, künstlerisch und menschlich.

Es waren zwei Poeten, die den tiefsten Herzschlag des Dichters und des Komponisten erlauscht hatten, und denen ein Gott gab, das in ihre Seelen aufzunehmen und auszusprechen.

Wir waren viel beisammen, bei Freunden und Bekannten. Man sah sich fast täglich. Hans Schmidts Haus stand uns offen. Dort verbrachten wir nach den Konzerten oft frohe Stunden. Ganz besonders schön aber war es, wenn die »Börsentanten« eine ihrer erlesenen Gesellschaften gaben. Dort kam alles zusammen, was in weiteren Kreisen den Künstler liebte und verstand. Die Auswahl der Geladenen so zu gestalten, daß sie Mühlen Freude machte, war nicht immer leicht. Ein einziges Element, das nicht ganz hineinpaßte, konnte dem Nervösen, Übersensitiven, für den ganzen Abend die Stimmung verderben. War er aber in Stimmung, so konnte niemand bezaubernder, lustiger und hinreißender sein, als er.

Oft ließ er uns in das Geheimnis seiner künstlerischen Arbeit tief hineinschauen. Wir, die wir ihm von Anfang seiner Laufbahn gefolgt waren, konnten das Wachstum dieses unermüdlich Arbeitenden Jahr für Jahr in seinen Konzerten verfolgen.

Er kämpfte mit seinem Organ, das eine klangliche Sprödigkeit hatte. Aber es war die ausdrucksfähigste Stimme, die ich kenne. Und ich liebte sie, die, transparent, jede geistige und seelische Erregung durchschimmern ließ. Ich habe immer die Empfindung gehabt, daß der Kampf mit seinem Organ, das oft stimmlich nicht aus dem Vollen schöpfen konnte, sein Singen intensiver vergeistigen ließ.

Ich habe ihn in allen Phasen seiner künstlerischen Entwicklung gehört. Zuerst war es eine feine, klingende Seele, poetisch und eindringlich, die aus einer kleinen Stimme sprach. In dieser Zeit sang er viel zarte Schumannlieder. »Alte Laute« und »Wer machte dich so krank?« hat niemand gesungen, wie er damals. Und nie wieder hat jemand die Worte des Schumannliedes »Du Rose meiner Schmerzen« so ausgesprochen, wie er.

Dann kam eine Zeit, – nachdem er in Italien und Paris studiert hatte – wo er fremdsprachige Programme vorzog. Wir sehnten uns nach unseren deutschen Liedern, wenn wir auch anerkennen mußten, daß seine Stimme sich stärker und glänzender entwickelt hatte an all den Tosties und Chaminads.

Als ich ihm das einmal nach einem Konzert sagte, wurde er zornig. »Versuchen Sie es doch, eine richtige italienische Kantilene in ein deutsches Lied hineinzubringen,« sagte er. »Italienisch singt es sich von selbst, während man bei deutschen Konsonanten immer spucken muß. Machen Sie doch Ihre deutschen Ohren auf, und freuen Sie sich am italienischen Klang. Ihr aber wollt immer, daß man seine Seele vor euch zerfetzt.«

Dann war auch diese Periode überwunden. Es gelang ihm, italienische Kantilene und Intensität des Tones auf das deutsche Lied zu übertragen. Wundervoll wurden seine Programme; sie waren von höchsten Gesichtspunkten zusammengestellte Meisterwerke. Es gab keine Konzessionen mehr, nicht die kleinsten.

Den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens bildete für mich ein Schubert-Goethe-Abend. Wer ihn damals »Füllest wieder Busch und Tal« singen hörte, hatte eine Erinnerung fürs ganze Leben.

Ich bin zuweilen gefragt worden, wie ich Mühlens künstlerische Persönlichkeit mit der Stockhausens vergleichen würde. Sie war Stockhausen verwandt und doch ganz anders geartet. Mit Stockhausen hatte er die klassische Behandlung der Sprache gemein, den vornehmen, edlen Stil. Das Charakteristische bei Stockhausen aber war, daß er jedes Lied in eine verklärte, lichtvolle Atmosphäre trug. Er rückte es damit gleichsam ferner, aus dem Leben hinaus. Mühlen dagegen war moderner und leidenschaftlicher. Er erschütterte die Seele seiner Zuhörer, weil er sie in die Welt seiner Lieder hineinriß, stark und zwingend, daß es einem war, als hörte man von seinen eigenen Leiden und Freuden singen.

Er ging nie die eingetretenen Pfade der Auffassung. Immer wieder hörte man etwas Neues bei allen oft gesungenen und gehörten Liedern, die er so überzeugend wiedergab, daß man sich sofort sagte: So und nicht anders muß es sein.

Jedes Lied war durchdacht bis in seine äußersten Feinheiten, wurde dann aber in ein stärkstes persönliches Leben getaucht, damit erfüllt und durchglüht. Viele konnten ihm nicht folgen. Die mußten eben dahinten bleiben. Ein geistvoller Arzt sagte mir einmal nach einem Mühlen-Konzert: »Ich beurteile den Bildungsstand eines Menschen nach seinem Verständnis für Mühlens Gesang.«

Mühlen gehörte zu den stärksten und originellsten Persönlichkeiten, die mir im Leben begegnet sind. Er war leidenschaftlich in Haß und Liebe, Freude und Ärger; dabei voller Humor und so drastisch in seinen Vergleichen, daß man oft gar nicht aus dem Lachen und Staunen kam.

Er konnte sich zuweilen so steigern – auch hier arbeitete seine künstlerische Phantasie – daß man erschrocken diesen Sturzbächen von Zorn, die oft geringfügige Ursachen in ihm entfesselten, zuhörte. Plötzlich konnte er sich dann unterbrechen und in einem ganz anderen, fast kindlich friedlichen Ton sagen: »Ja, warum habe ich mich denn so aufgeregt? Die Sache ist mir vollständig gleichgültig.«

Alles, was er anfaßte, im Leben und in der Kunst, bekam eine besonders intensive, persönliche und künstlerische Gestaltung. Er schaffte Schönheit um sich, denn er konnte nichts Häßliches sehen, ohne es innerlich sofort in schönerer, veredelter Form zu schauen. Und dann hatte er keine Ruhe, ehe dem inneren Bilde die äußere Gestalt entsprach.

Auch mir kam dieser Schönheitssinn zugute. Eines Tages erschien Mühlen mit Hans Schmidt unerwartet bei mir. Als er in mein Musikzimmer trat, übersah er es einen Augenblick mit seinen scharfen Augen. »Das Zimmer muß anders eingerichtet werden,« erklärte er sofort. Und ohne zu zögern machte er sich ans Werk. »Die Tapete ist unmöglich! Hans,« – zu Schmidt gewandt – »du mußt dafür sorgen, daß sie gestrichen wird. Für die Bilder und Büsten muß ein einfarbiger Hintergrund geschaffen werden.« – Alle Hausgenossen, staunende Schüler, die zur Stunde gekommen waren, wurden angestellt. Wie ein Feldherr stand er inmitten des Zimmers, dirigierte, befahl, packte auch selbst an. Widersprüche gab es keine. Wünsche durften nicht geäußert werden. Was ihm mißfiel, wurde erbarmungslos aus dem Zimmer verbannt. Unter seinen Händen entstand aber bald ein entzückender Raum. Ich ahnte nicht, daß ich so hübsche Sachen besaß, denn er verstand es, ein jedes Stück an einen Platz zu stellen, auf dem es zur Geltung kam.

Fast kindlich wirkte dann seine Freude, als alles geordnet war, wie er es sich gedacht hatte. Dann saßen wir fröhlich beisammen im »neuen Zimmer«, wie es genannt wurde.

Tags darauf meldete mir ein Brief von Hans Schmidt, die Maler seien bestellt, das Zimmer würde gestrichen. Über die Farbe brauche ich nicht nachzudenken; die sei auch bereits bestimmt. Die Maler kamen und strichen die Wände graublau. Hans Schmidt schickte Gardinen mit blaßblauen Mohnblüten für die Fenster, und von Mühlen kamen, mit einem lustigen Gedicht, blaue Plüsch- Portièren für die Türen.

Und als die beiden Freunde kamen und alles in bester Ordnung, genau nach Mühlens Angabe eingerichtet, fanden, sprachen sie ihre höchste Zufriedenheit aus, und ich war die Besitzerin eines wunderschönen Musikzimmers.

Für Mühlens Konzerte dachten wir uns immer irgend eine Überraschung aus, die niemand so genoß wie er, namentlich wenn sie in scherzhafter Form erschien. – Eine Hauptsache dabei war es, unerkannt zu bleiben. Aber meist erriet er sofort den Anstifter, und nur in seltenen Fällen konnte man ihn dauernd irre führen.

Einmal nur gelang es mir. Ich hatte mir folgende Überraschung erdacht, die ich mit einer Freundin ausführte: wir bestellten einen Blumenstrauß und ich machte folgende Verse dazu:

Wenn in dunkler Nacht ein Wandrer
Einsam auf zum Himmel blickt,
Kleinsten Sternleins blasses Flimmern
Ihm die Seele dann erquickt.

Sieh umher! Mit leisem Grüßen
Aus der Heimat, der du fern,
Soll'n dich diese Blumen grüßen
Als solch kleiner, blasser Stern.

Mühlen trennte sich immer schwer von der Heimat, an der er mit starker Liebe hing. Wohl erwarteten ihn in Berlin ein schönes, reiches Heim, ein großer Freundeskreis, aber das Echte, Feine in ihm fror in der Fremde. An diesen Zug seines Wesens hatte ich bei diesem kleinen Gedicht gedacht.

Dieses und der Strauß wurden, wohlverpackt in einer Schachtel, einem Eisenbahnschaffner übergeben, mit der Weisung, beim Verlassen der livländischen Grenze Mühlen das Päckchen zu überreichen. Wir hatten die Überraschung so geheim gehalten, daß niemand eingeweiht wurde als ein Schüler, der den Packen auf die Bahn brachte und bei seiner Tertianerehre geschworen hatte, das Geheimnis zu wahren.

Nach einigen Tagen stürzte Hans Schmidt zu mir mit einem Brief von Mühlen, der in den wärmsten Worten von der Freude sprach, die ihm die Überraschung bereitet habe. Mühlen gab ihm den strikten Auftrag, unter allen Umständen den Täter ausfindig zu machen. Er kam zu mir, mit der Bitte, ihm dabei zu helfen, wozu ich mich sofort bereit erklärte. Es machte mir natürlich großen Spaß, diesen Schlauen irrezuführen und ihn immer wieder auf neue Spuren zu hetzen.

Mehrere Jahre hindurch gelang es mir, diese Überraschung bei der Abfahrt Mühlens zu wiederholen und unbekannt zu bleiben, bis einmal Mühlen in einer Gesellschaft davon erzählte. Ich verhielt mich ganz still und wagte kaum aufzusehen, um mich nicht zu verraten. Da traf mich ein Blick Mühlens, und er las alles in meinem Gesicht. – »Sie waren's!« rief er, »Sie, und kein anderer. Jetzt weiß ich es!« – Ja, vor Mühlen konnte man auf die Dauer keine Heimlichkeiten haben.

Großes Entzücken erregte einmal eine Sammlung von Karikaturen: »Mühlen und Schmidt auf dem Podium und im Künstlerzimmer«, mit Versen dazu. Die beiden Künstler konnten sich gar nicht von dem Heft trennen und nahmen es überall hin mit, um es zu zeigen. Doris von Kruedener und ich galten lange Zeit hindurch, trotz alles verzweifelten Leugnens, als die Autoren dieser geistreichen Sammlung. Wahrhaftig, ich wollte, wir wären's gewesen!

Besondere Höhepunkte dieser Festtage waren immer die Konzerte in Mitau. Wir alle fuhren hin, oft gegen zehn Personen. Man wohnte im schönen, alten Hotel Zehr, plünderte die Gärtnereien der kleinen Stadt, um das Zimmer, in dem das Abendessen nach dem Konzert stattfand, zu schmücken. Es war stimmungsvoll mit schönen, altertümlichen Möbeln eingerichtet; an der Wand hing ein großes Ölgemälde, das Bild der letzten Herzogin von Kurland.

Von Mühlen hatte man vor den Konzerten nichts. Er war meist gespannt und nervös, und man ging ihm gern aus dem Wege. Aber wenn seine große künstlerische Arbeit hinter ihm lag, tat sich seine Seele weit auf und war wie erlöst und voller Freude.

Wir liebten das Mitauer Publikum; denn es war warmherzig, spontan, begeisterungsfähig und unkritisch im schönen Sinne des Wortes. So wurden die Mitauer Konzerte immer von besonderer Wärme und persönlicher Herzlichkeit getragen.

Wie strahlend froh präsidierte Mühlen an der Festtafel! Man erzählte seine Eindrücke aus dem Konzert. Vor allem aber mußte man berichten über die drolligen Bemerkungen und Urteile aus dem kurländischen Publikum. Sie waren oft weit entfernt von künstlerischem Gesichtspunkte und doch stark und echt in ihrer drastischen, persönlichen Art. Ganz besonders aber begeisterten Mühlen sogenannte »dumme Urteile«, über die er unbeschreiblich lachen konnte.

Auf der Heimfahrt gab es meist eine Flasche Champagner, die Mühlen heimlich erstanden hatte und nun mit einem Bierglase aus seiner Manteltasche zerrte. Es war nicht zu beschreiben, was an lustigem Unsinn auf solchen Heimfahrten alles produziert wurde! Zuweilen wurden in der Gesellschaft Rollen verteilt, die jeder während der Fahrt festhalten mußte.

Am Vormittag eines Konzertabends sandte Hans Schmidt uns heimliche Botschaft: »Freunde! Rettet Mühlen! Ladet uns nach dem Konzert ein! Mühlen hat in Erfahrung gebracht, daß er heute Abend in einem vornehmen Hotel von einem großen, fremden Kreise gefeiert werden soll. Er droht, sich das Leben zu nehmen, wenn das geschieht; also: rettet ihn!« Wir kamen zusammen und beratschlagten. In unseren Häusern war es unmöglich. Eine Gesellschaft so Hals über Kopf konnten wir bei unseren Müttern nie erreichen. Die einzigen, die es tun würden, waren die »Börsentanten«, die engelsguten.

Meine Freundin Anni und ich machten uns auf den Weg, den Sturm zu wagen. Ich sehe uns noch beide, etwas zagend und doch fest entschlossen hinter der Glastür stehen, die zu »Tante Malchens« Musikzimmer führte. Sie gab eben Stunden: eine geheiligte Zeit, die respektiert werden mußte. Aber uns war nichts mehr heilig. Wir holten sie aus der Klavierstunde, knieten vor ihr nieder und sprudelten unsere Bitte heraus: »Ach, Tanten, ladet uns alle heute nach dem Konzert ein!« Dann erzählten wir von Mühlens Bitte, von seinem drohenden Selbstmord. Tante Elise kam dazu, stellte sich sofort auf unsere Seite, und die Guten, die so jung mit der Jugend zu sein verstanden, erfüllten unsere Bitte. Wie sie es machten, die Vielbeschäftigten, in wenigen Stunden ein glänzendes, kleines Fest anzuordnen, das weiß ich nicht; das war das Geheimnis der »Börsentanten«.

Wie grausam man doch sein kann, wenn man jung ist! Nicht ein Schatten von Mitleid erfüllte uns, als die fremden Abgesandten mit ihrer Einladung im Künstlerzimmer erschienen und von Mühlen mit vollendet weltmännischer Höflichkeit, die ihm, wenn er wollte, wie keinem anderen zu Gebote stand, abgewiesen wurden, da er »zu seinem Bedauern bereits eingeladen sei«. Tief enttäuscht zogen sie ab und mußten ihr ganzes, herrliches Souper allein verzehren.

Wie Verschwörer trafen wir uns dann bei den Börsentanten und brachten ein Hoch nach dem anderen auf die beiden aus. Sie hatten ein reizendes, kleines Fest veranstaltet. Es war einer der stimmungsvollsten Abende, und Mühlen dankte ihnen in der ritterlich kindlichen Art, die er alten Damen gegenüber haben konnte.

Aber nicht nur Glück und Freude brachten mir diese Tage, auch still getragene Schmerzen. Der starke Tropfen Künstlerblut, der in meinen Adern floß, regte sich und machte mir wieder viel zu schaffen. Es gab Nächte, die mich ruhelos in meinem Zimmer fanden, denn mein Leben mit seinen friedvollen Grenzen erschien mir eng und erstickend; die Arbeit mit meinen Schülern dilettantisch und tötend. Wie oft dachte ich da an das »häßliche, graue Entlein« von Andersen, das auf seinem kleinen Teich rastlos rudert, um nicht dort einzufrieren und zu erstarren. Und dann sieht es plötzlich die Schwäne, die stolzen, herrlichen Vögel, die hoch über ihm dahinfliegen, fort, nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen. Die fremden Vögel liefen aus der Höhe und weckten die Sehnsucht in ihm, mitzufliegen. Es antwortete ihnen mit einem Ruf, der aber nicht schön klang. Und als sie am Horizont verschwanden, war es außer sich.

Jetzt weiß ich genau, daß ich nicht in die Lüfte gehörte, daß ich nie mit den fremden, großen Vögeln hätte fliegen können!

In wunderbarer Erinnerung ist uns allen ein Konzert Mühlens geblieben. Er sang unter anderem eine große Schumann-Gruppe: »Die Löwenbraut«, »Mit Myrthen und Rosen«, und dann die ganze »Dichterliebe« mit dem gewaltigen Schluß:

»Und holt mir auch zwölf Riesen, und Bretter fest und dick.
Die sollen sein noch stärker, als wie zu Mainz die Brück!
Die sollen den Sarg forttragen, und senken ins Meer hinab.
Denn solchem großen Sarge gebührt ein großes Grab.«

Und nun kam das Nachspiel, von Hans Schmidt gespielt, wie nur er so etwas gestalten konnte.

Als er geendet hatte, herrschte tiefe Stille – so selten im Konzertsaale nach einem großen, künstlerischen Erleben – die wie nichts sonst den Künstler beglückt. Und dann brach ein Jubel los, wie ich ihn auch in diesen Konzerten kaum je gehört.

Fast scheu betraten wir nachher das Künstlerzimmer. Blaß und abgespannt stand Mühlen da. Man wagte nicht, ihn anzureden. Da öffnet sich plötzlich die Tür und herein tritt eine kleine Gestalt, unscheinbar, das Gesicht blaß, die Haare grau, die Augen hell, Mühlen kennt sie nicht. Wir aber kennen und lieben sie. Es ist eine angesehene Literaturlehrerin, Goethe-Kennerin und -Schwärmerin. Sie versteht die große Kunst zu lieben und sich bis auf den Grund der Seele zu freuen und zu begeistern.

»Herr von Mühlen!« ruft sie und ist einen Augenblick in der Tür stehen geblieben. Er sieht erstaunt auf, ablehnend, wie immer gegen Fremde. Sie fühlt und sieht das alles nicht. Ihre Seele flammt und glüht.

Sie hat den Weg mit stürmischen Schritten von der Tür zu ihm zurückgelegt, hat seine Hände ergriffen und hält sie fest in den ihren: »Herr von Mühlen,« ruft sie, »wenn Sie jemanden brauchen, der Ihnen etwas aus dem Feuer holen soll: meine Adresse ist Puschkinboulevard 6, Bertha Nölting!«

So etwas genoß Mühlen, wie kaum ein anderer. Wie konnte er lachen! Wie glücklich war er dann.

Wehe aber, wenn man ihm eine Banalität sagte, wie wir es nannten: »dumm lobte«. Am erbarmungslosesten war er gegen alles, was Phrase hieß. Da erlaubte er sich Antworten, bei denen sich einem die Haare sträubten.

– »Wir können so nicht nach Hause gehen. Wir müssen nach dem Konzert beisammen sein und alles durchsprechen; lassen Sie uns zu Ihnen kommen,« drängten wir Hans Schmidt.

»Ich habe nicht genug zu essen. Ich kann euch nicht einladen,« wehrte er verzweifelt.

»Das soll unsere Sache sein,« jubelten wir. »Jeder fährt nach Hause und bringt etwas aus seiner Handkammer; was fehlt, holen wir aus dem Hotel.«

»Ja, ja, so soll es sein.« »Ich habe einen Kalbsbraten«, »ich habe Schinken«, »ich habe Wein,« rief alles durcheinander.

Wir machten uns auf den Weg, immer zu zweien. Die Rollen waren verteilt.

Ich hatte die Aufgabe, mit einem Kollegen in Hans Schmidts Wohnung den Tisch für alle zu decken. – Und als die Gäste kamen, traten sie in ein strahlend erleuchtetes Haus, in dessen Musikzimmer eine gedeckte Tafel stand. Bald erschienen auch die Abgesandten mit ihren Vorräten. Die Tafel brach unter all den Herrlichkeiten, die man in der Eile zusammengetragen hatte.

Nun saß alles um den Tisch. Jeder sprach. Jeder wollte etwas sagen, jeder gehört werden.

Da erhob sich Mühlen und erklärte mit Donnerstimme, wenn das so weiterginge, würde er vollständig wahnsinnig werden. Einer nach dem andern solle sprechen, solle erzählen, wie es ihm gegangen, was ihm am meisten gefallen, was er an den einzelnen Nummern auszusetzen habe.

Wie ein König saß Mühlen an der Spitze der Tafel. Und zuletzt horchte doch alles nur auf ihn.

Ich habe bei solchen Gelegenheiten immer Hans Schmidt bewundert. Er, der Verwöhnte, der Führer jeder Geselligkeit, trat mit einer selbstverständlichen Schlichtheit sofort zurück, wenn sein Freund da war. Keiner verstand es so, wie er, Mühlen zum Erzählen zu bringen. Und er war ein hinreißender Erzähler.

Er sprach von fremden Ländern, in denen er gewesen, von Königshöfen, an denen er gesungen, von berühmten Menschen, die er kennen gelernt, mit denen er eine Weile gelebt hatte. Da sah man Bismarcks Riesengestalt vor einem erstehen. Die Fürstin Bismarck sah man in ihrer sprudelnden Originalität, in der grenzenlosen Liebe zu ihrem Otto, in dem heiligen Zorn, der sie erfüllte, wenn sie von Bismarcks Feinden sprach, und in ihrer kindlichen Begeisterung für die Musik der beiden Freunde. Alles das erlebte man.

Am schönsten aber war es doch, wenn er in die Heimat zurückkehrte und aus seiner Kinderzeit erzählte. Von seiner Mutter, die er über alles liebte, von seinen Leiden und Kämpfen mit dem strengen, aristokratischen Vater, dem der kleine Sohn mit der phantastischen Künstlerseele, die sich schon früh auf ihren Leidensweg begab, immer unverständlich war.

Er erzählte von seinem elterlichen Gute in Livland, an dem seine ganze Seele hing, von einer langen Birkenallee im Park, mit den spielenden Sonnenlichtern auf ihren weißen Stämmen; von hellen Sommernächten, die er durchwacht; von schlafenden Vögeln, die leise im Traum gesungen, auf die er gehorcht; von rieselnden Quellen, die er belauscht:

»Mutter, schlafen die Quellen nie?« – »Nein, mein Kind, nie.« – »Flüstern sie die ganze Nacht, immer, immer?« – »Ja; sie sind wie das Herz der Menschen. Das schlägt auch immer, Tag und Nacht, und ruht nie.« – »Sind die Quellen denn das Herz der Erde, daß sie nie schlafen können? Wie seltsam ist das alles.«

Er erzählt von heimlichen Tänzen in phantastischen Kleidern bei Sonnenaufgang, auf Wiesen unter taufeuchten Blumen, von niemandem gesehen; von einer Bodenkammer auf dem elterlichen Gut, in die er alles hineingetragen, was sein kleines Knabenherz als schön und leuchtend empfand. –

Wie aus einem Traum kehrten wir – meist schon bei hellem Tageslicht, aus dieser wunderbaren Welt zurück zu unserer Alltagsarbeit.

Max Bruch in Riga

Der Crescendo-Verein war allmählich unter Hans Schmidts künstlerischer Leitung zu höchster Blüte gelangt. Die meisten durchreisenden namhaften Künstler traten an den sogenannten Programmabenden, zum Unterschied von den Chorübungsabenden so bezeichnet, hier auf, und in jedem Frühling gab es ein Konzert im Schwarzhäuptersaal. Die kleineren Chorwerke von Brahms und auch größere von Schumann, wie z.B. »Der Rose Pilgerfahrt« wurden aufgeführt.

Es war unterdessen in Riga noch ein zweiter Verein ins Leben getreten, der Wagner-Verein, der ganz regelmäßige Konzerte veranstaltete. Sein geistiger, wenn auch nicht musikalischer Führer war Friedrich Glasenapp, der bekannte Biograph Wagners. Einen großen Aufschwung nahm der Verein, als Otto Lohse an seine Spitze trat. Doch war es nur eine kurze Blüte, da dieser bald zum ersten Kapellmeister an unserem Stadttheater ernannt wurde und die Führung des Wagner-Verein niederlegte. Außerdem gab es noch den Bach-Verein unter Wilhelm Bergner, der speziell geistliche Musik pflegte.

Jeder Winter brachte eine große Aufführung, unter deren Zeichen d« ganze musikalische Gesellschaft Rigas stand. Eine dieser Aufführungen veranstaltete Bergner Max Bruch zu Ehren. Zwei Abende hintereinander sollten nur Bruchsche Chorwerke aufgeführt werden, und der Meister hatte sich bereit erklärt, nach Riga zu kommen und die Konzerte selbst zu dirigieren. Das erste sollte den »Odysseus« bringen.

Das Ziel meiner Sehnsucht war, die Penelope-Partie darin zu bekommen. Die Arie: »Ich wob dies Gewand« war ein Glanzstück, mit dem ich im Konservatorium zum Prüfungskonzert sogar Stockhausens Zufriedenheit errungen hatte. Aber Bergner forderte jemand anderes auf, er mochte mich und mein Singen nicht.

Dann kamen die Festtage, und Max Bruch begeisterte als Dirigent das Rigaer Publikum. Der Chor klagte wohl über seine Grobheit, und die Solisten waren empört über einige unmögliche Ausfälle; so hatte er z.B. in der Generalprobe die Sängerin der Penelope vor versammeltem Publikum spottend nachgeahmt. Da segnete ich mein Geschick, daß ich in der Dunkelheit geblieben war.

Ein großes Fest für Max Bruch wurde geplant. Eines unserer ältesten und reichsten Patrizierhäuser gab ihm zu Ehren eine Abendgesellschaft. Alles, was musikalisch, künstlerisch oder gesellschaftlich von irgend einer Bedeutung war, wurde eingeladen. Ich war zum erstenmal in diesem Hause und freute mich an den festlichen Räumen, in denen sich eine elegante, angeregte Gesellschaft bewegte. Ein merkwürdiger Ton von Würde und Gehaltenheit charakterisierte diesen Kreis. Außer Künstlern und Musikern waren es hauptsächlich Alt-Rigaer Patrizierfamilien: schöne, vornehme Erscheinungen in würdevoller Haltung – die Frauen im Schmucke echter, alter Spitzen und Brillanten. – Lautlose Diener huschten hin und her und boten Tee in kostbaren Tassen, auf schweren, silbernen Teebrettern. Die Zimmer waren gefüllt mit schönen, alten Mahagonimöbeln. Dunkle Samtvorhänge verhüllten Türen und Fenster. Der Fuß versank in weichen Teppichen. Alles strahlte im Licht wunderbarer Empire-Kronleuchter.

Ich fühlte mich durchaus hineingehörend. Mich hob das Bewußtsein, ein wunderschönes, echtes Samtkleid zu tragen, dessen Schleppe mit allen Patrizierschleppen wetteifern konnte, und die Empfindung, unbeachtet zu sein, gab mir eine große Freiheit und Ruhe.

Da stürzte Hans Schmidt auf mich zu, in seiner ungenierten Art mich laut begrüßend. »Ich habe Sie die ganze Zeit gesucht,« rief er, »heute gibt es etwas Besonderes!« »Max Bruch,« sagte ich. »Ach was! Max Bruch!« war seine respektlose Antwort. »Die geborene Gräfin Dönniges, Lassalles verflossene Braut, mit ihrem Mann! Die werden hier ja wie die Hechte im Karpfenteich wirken. Gott sei Dank, einmal was Außergewöhnliches!«

Er zog mich in ein Nebenzimmer und berichtete: Nach einem abenteuerreichen Leben hatte die Gräfin Dönniges schließlich einen russischen Aristokraten geheiratet, der wegen politischer Umtriebe nach Riga verbannt worden war.

Es erschien ein seltsames Paar, das fremd in dieser Umgebung wirkte. Beide hoch und stattlich, sie in einem schwarzen Samtkleide, über und über mit rosa Schleifen garniert; im Schmuck ihrer berühmten roten Haarmassen, die sich in mächtigen Wellen um ein blasses, verlebtes Gesicht bauschten. Dieses war stark gepudert und trug die Spuren einstiger großer Schönheit. Die Nase war fein gebogen, der Mund hochmütig, die Augen blickten kalt. Der Mann war hochgewachsen, tadellos in seinem Auftreten, mit einem grauen, steinernen Gesicht.

Wie diese Exoten in das ursolide, alte Patrizierhaus gekommen waren, blieb uns allen ein Geheimnis; genug – sie erschienen plötzlich und wurden vom Hausherrn und der Hausfrau liebenswürdig empfangen.

Die Gesellschaft hielt sich durchaus fern von diesem merkwürdigen Paar; nur Hans Schmidt ließ sich sofort vorstellen und war bald in lebhaftem, lustigem Gespräch begriffen.

Eine ältere Kollegin trat zu mir. Sie war empört: »Es ist wirklich eine Zumutung, mit solchen Menschen zusammen eingeladen zu werden!« sagte sie entrüstet. »Wenn man nun zufällig neben ihr sitzt, was spricht man mit ihr?« »Fragen Sie doch nach Lassalle,« schlug ich übermütig vor.

Ehe sie mir antworten konnte, stand Schmidt plötzlich vor mir, mit allen Zeichen großer Aufregung: »Gleich wird Max Bruch sich Ihnen vorstellen lassen. Sie sollen gebeten werden, die Penelope-Arie zu singen. Ich flehe Sie an, singen Sie nicht im Tempo und Stil, wie eine Arie aus der Matthäuspassion! Treten Sie aus sich heraus, ich bitte Sie.« Ich versprach lachend alles. Da stand schon die Hausfrau mit Max Bruch vor mir und stellte uns einander vor.

Ich habe Bruch in der Erinnerung als einen ziemlich kleinen, untersetzten Mann, mit grauem Haar und einer Brille, mehr wie ein Gelehrter als wie ein Künstler wirkend.

Er sah mich forschend an: »Sind Sie bereit, die Penelope-Arie zu singen? Ich begleite Sie.« – Als er am Flügel saß, griff er ein paar mächtige Akkorde und blickte dann zu mir auf: »Aufgepaßt,« sagte er mit dem Ton eines Herrschers, »den Mittelfatz nehme ich sehr schnell; folgen Sie mir.« Er begann mit dem kurzen Vorspiel, und ich setzte ein: »Ich wob dies Gewand mit Tränen am Tage«. Den leidenschaftlichen Mittelsatz nahm ich in einem Tempo, das ihn in Erstaunen zu setzen schien, aber er folgte. Als ich geendet hatte, sprang er auf und schüttelte mir herzlich die Hand. Alles umringte mich. Sogar Bergner sagte mir ein paar freundliche, anerkennende Worte, die einzigen, die ich von seinen Lippen vernommen.

Nun ging es zu Tisch. Max Bruch führte mich. Wir kamen sofort in ein sehr angeregtes Gespräch über Stockhausen, die Hohenschild; alle kannte er persönlich.

Mitten ins Gespräch hinein fragte er plötzlich: »Wollen Sie mir eine Frage ehrlich beantworten? Warum haben Sie in meinem Konzert nicht die Partie der Penelope gesungen?« »Weil Bergner nichts von mir hält,« war meine Antwort, »er liebt weder mich noch meinen Gesang.« »Nanu,« sagte Bruch überrascht und legte Messer und Gabel hin, »warum denn das?« »Als ich in der Domkirche Probe sang, habe ich unrein gesungen; seitdem verachtet er mich.« »Das war allerdings schlimm,« sagte Max Bruch. »Ja, sehr schlimm,« stimmte ich ihm zu, und wir lachten beide.

An meiner anderen Seite saß Hans Schmidt mit der früheren Gräfin Dönniges. Er wollte mich durchaus zu einem Gespräch mit seiner Nachbarin bringen. Wir lehnten uns aber nach dem ersten Wort vollständig ab. Mit einem kalten, ungütigen Blick ihrer hellen Augen sah sie mich forschend an und tat einige herablassende Fragen, die ich kühl beantwortete. Nein, wir beide hatten nichts miteinander zu teilen.

Am anderen Tage gab es eine große Matinee Max Bruch zu Ehren in einem aristokratischen Hause. Ich konnte nicht dabei sein, habe es später auch nicht bedauert. Bruch war sehr ungnädig gewesen. Als sein Violin-Konzert gespielt wurde, hatte er plötzlich dazu gepfiffen, und während eine Sopranistin eine Arie aus einem seiner Werke sang, war er aufgestanden und ins Nebenzimmer gegangen.

Mich überlief es kalt, als ich dieses alles hörte, und ich kam mir vor, wie der Reiter über den Bodensee.

Was hätte ich angefangen, wenn es ihm eingefallen wäre, zu meiner Penelope zu pfeifen?

Hermine Spies

Ein reiches Künstlerleben hatte ich dadurch, daß alles, was an namhaften Künstlern zu Konzerten nach Riga kam, sich an Hans Schmidt wandte und bei ihm aus und ein ging. In seiner freundschaftlichen Fürsorge mußte ich an allem teilnehmen, was es an interessantem Erleben bei ihm gab. Dadurch kam eine große Fülle von Anregungen und künstlerischen Beziehungen auch in mein Leben.

So lernte ich bei ihm Hermine Spies kennen, die berühmte Altistin, die mit ihrer Schwester, der getreuen Minna, zu einer Reihe von Konzerten in die Ostseeprovinzen gekommen war. Ihr Künstlerleben war eines der reichsten und glanzvollsten, das mir begegnet ist.

Schon bei ihrem ersten Auftreten hatte sie einen ungewöhnlichen, durchschlagenden Erfolg, und der Erfolg blieb ihr treu. Es war ihr eine glänzende, aber nur kurze Künstlerlaufbahn beschieden. Auf der Höhe ihres Ruhmes heiratete sie, zog sich vom öffentlichen Leben zurück und starb bald, fast plötzlich.

Ihren schnellen Aufstieg hatte sie nicht nur ihrer herrlichen Stimme und ihrer edlen Gesangskunst zu danken; es kam ihr noch ein Faktor zu Hilfe. Frau Joachim hatte als Altistin den Konzertsaal bisher beherrscht. Konflikte trennten das berühmte Künstlerpaar. Da erhob sich ein Heer von Neidern und Feinden gegen Frau Joachim und suchte sie auch auf ihrem künstlerischen Wege zu schädigen. Zu diesem Zweck hoben die Gegner Hermine Spies auf den Schild und spielten sie gegen Frau Joachim aus. Man pries sie als »die junge Amalie Joachim«, die ganz dasselbe könne, nur eine schönere Stimme hätte.

Es war falsch, sie eine zweite Amalie Joachim zu nennen, mit der sie nur die schöne, dunkle Stimme und den edlen Stil gemeinsam hatte. Hermine Spies war etwas ganz anderes; auch etwas für sich Abgeschlossenes und Großes, aber nach einer anderen Richtung hin, als Frau Joachim. Das Beste und Charakteristischste, das über Hermine Spies' Singen gesagt worden ist, hat ihre Schwester in einem ihr gewidmeten Gedenkbuch ausgesprochen. Sie schreibt: »Wenn Hermine sang, mußte ich an eine Stelle aus Goethes ›Veilchen‹ denken:

»Da kam die junge Schäferin
Mit leichtem Schritt und munterm Sinn
Daher, daher, die Wiese her und sang.«

Ihre Stimme war das Schönste, was ich je gehört habe; sie wirkte auf mich immer wie Purpursamt: jeder Ton edel, weich, dunkel und dabei leuchtend. Da Hermine Spies Stockhausens Schülerin gewesen war, behandelte sie die Sprache wundervoll. Dazu kam das frohe, sorglose Singen aus der Fülle einer herrlichen Stimme heraus, die nirgendwo eine Grenze kannte, und aus der Fülle eines leichtbeschwingten, frohen Herzens. Sie wurde auch getragen von einem erfolgreichen, glücklichen Leben; sorgfältig behütet von treuer Schwesternliebe, die ihr alle Hindernisse aus dem Wege räumte. Das war wirklich ein glückliches Künstlerleben, und man fühlte es ihrem Singen an.

Es waren nicht die Tiefen der menschlichen Seele, die sie berührte und aufwühlte, nicht neue, künstlerische Gesichtspunkte, die man durch sie empfing, keine Offenbarungen. Sie war aber populär im schönsten Sinne des Wortes. Es verstand sie ein jeder, und jeder konnte sich an ihr freuen.

Wir haben unbeschreiblich frohe und schöne Tage miteinander verlebt. Unserem kleinen Kreise hatten sich noch zwei Künstler angeschlossen, ein junger Maler und ein schwedischer Pianist, Bror Möllersten. Letzterer war ein hervorragender Pädagog, ein witziger, kluger Gesellschafter, der bei uns immer gern gesehen war. Er hatte die Begleitung in den Konzerten von Hermine Spies übernommen. Es machte uns viel Freude, Hermine Spies und ihrer Schwester Riga zu zeigen. Wir besahen zusammen die Sehenswürdigkeit der Stadt, gingen ins Theater und fanden uns an den freien Abenden in Hans Schmidts behaglicher, kleiner Häuslichkeit ein, wo wir bis tief in die Nacht hinein plauderten. Hermine Spies konnte man für jeden lustigen Unsinn haben und Schwester Minna war witzig und klug. Merkwürdig aber war, daß man mit Hermine eigentlich nie über ihre Lieder und Programme sprechen konnte. Sie hatte nichts darüber zu sagen, sie empfand und sang sie und damit war die Sache zu Ende.

Der letzte Abend vor ihrer Abreise nach Deutschland fand uns wieder bei Hans Schmidt vereinigt. Es war nach dem Abendessen; wir saßen im Wohnzimmer beisammen und plauderten. Wie behaglich war dieser Raum!

»Nun muß jeder etwas aus seinem Leben erzählen,« schlug Hans Schmidt vor. Als die Reihe an mich kam, rief er: »Sie erzählen, wie es war, als Sie Hermine Spies zum erstenmal hörten.«

Und ich beginne: »Es war ein Musikfest in Mainz. Wir, Stockhausensche Schülerinnen, fuhren alle hin. Ich hatte Stockhausen oft von Hermine Spies reden gehört: er war sehr stolz auf seine berühmteste Schülerin.

Ich erlebte zum erstenmal solch ein Musikfest. Die Stadt war gefüllt mit festlichen Menschen, Fahnen und Blumen schmückten die Häuser. Unsere Herzen schlugen in froher Erwartung. – Den Riesenbau der Musikhalle, die am Rhein erbaut war, füllte eine unermeßliche Menschenmenge. Händels ›Messias‹ wurde aufgeführt. Der Chor zählte zweitausend Sänger und Sängerinnen, die in ihren hellen Kleidern und farbigen Fächern, die sie leise bewegten, wie Blumen oder bunte Schmetterlinge wirkten.

Nun erschien der Dirigent mit den Solisten und bestieg, nachdem sie alle Platz genommen hatten, sein Pult. Auf ein Zeichen erhob sich der ganze Riesenchor. – Ein Augenblick atemloser Stille, wo einem Schauer und Ehrfurcht über die Seele flogen; dann kam mit Chor und Orchester die Eingangsnummer. Der riesige Raum war überfüllt von Klang und Schönheit.

Nun erhob sich Alvari, der Tenor, und begann seine Arie: »Alle Tale macht hoch und erhaben.« Die Stimme des berühmten Sängers schien klein im gewaltigen Raum, nach den Klangmassen von Chor und Orchester. – Das Oratorium ging weiter.

Und dann erhob sich Hermine Spies. Die wunderschöne, dunkle Stimme breitete ihre Flügel aus, wie ein Adler. Sie füllte den ganzen Raum:

»Er ward verschmäht und verachtet,
Ein Mann der Schmerzen und umgeben mit Qual.«

»Nie vergesse ich diesen Eindruck,« schloß ich, »die wunderbare Stimme, die durch den Raum flog, unsere junge Begeisterung die atemlos horchende Menge. – Und drunten floß der Rhein.«

Hermine Spies hatte aufmerksam zugehört, und ihre dunklen, strahlenden Augen, die so merkwürdig hell blickten, waren voller Freude.

»Was hatte ich damals an?« fragte sie voller Interesse.

»Ja, das weiß ich wirklich nicht,« sagte ich lachend, »darauf habe ich nicht geachtet.«

»Denken Sie doch nach,« drängte sie, »war es ein rosa Kleid mit Rosen im Haar? Doch nein, es wird ein weißes gewesen sein. Mein Vater war damals eben gestorben, da werde ich doch kein rosa Kleid angehabt haben. Ich sang damals im ›Messias‹ gleichsam als Totenopfer, in Erinnerung an meinen Vater. Nun weiß ich es ganz genau: es war ein weißes Kleid und im Haar trug ich einen Efeukranz.«

Ach ja! Sie war »die junge Schäferin mit leichtem Schritt und munterm Sinn«, und kam: »daher, daher, die Wiese her – und sang!«

Christus-Aufführungen in Berlin

Bei seinem Sommeraufenthalt in der Heimat hatte uns Mühlen viel von einem Plan erzählt, den er ausführen wollte. Er hatte unter Rubinstein die Partie des Christus im Oratorium gleichen Namens gesungen. Rubinsteins größter Wunsch war, dieses Oratorium inszeniert zu sehen. Darüber starb er; aber seine Freunde beschlossen, gleichsam als Totenfeier, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Im Frühling sollte die dramatische Aufführung im Opernhause in Bremen stattfinden, und Mühlen war für die Partie des Christus in Aussicht genommen. Mit der ganzen Intensität seiner Natur hatte er sich in diesen Gedanken hineingelebt.

Es wurde viel für und gegen die szenische Darstellung dieses Oratoriums gesprochen. Mühlen sagte immer nur das eine: »Kommt und seht, und dann redet.« Hans Schmidt war der einzige, der es ermöglichen konnte, zu dieser Aufführung hinzureisen.

Den Winter darauf waren Bruchstücke aus dem Oratorium im Privatkreise in Berlin aufgeführt worden und hatten bei vielen den Wunsch lebendig werden lassen, diesen hohen Kunstgenuß einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Auf der Bühne der Hochschule sollte diese Aufführung stattfinden.

Nach manchem Kampf, nach manchem Hin und Her hatte ich mich für einige Wochen frei gemacht, um, in Begleitung einer Freundin, diese Aufführung in Berlin zu erleben. Als wir einige Tage vorher in Berlin eintrafen, hörte man viel über die Aufführung reden. Mühlen hatte die ganze Regie, die eine unermeßliche Arbeit erforderte, auf sich genommen. Es war seine Idee gewesen, nicht Opern-, sondern Oratoriumsänger zu dieser Aufführung zu verwenden. Die Chöre wurden aus Damen und Herren der Gesellschaft gebildet.

Mühlen lehrte die Sänger jede Bewegung, jeden Schritt auf der Bühne. Alle Kostüme, alle Farbenzusammenstellungen waren in seinem Kopf entstanden. Es sollte diese Aufführung ein ganz besonderes Gesicht haben.

Meine Freundin und ich gingen voller Erwartung diesem großen Erlebnis entgegen; denn daß es ein solches sein würde, wußte man. Wir wußten aber nicht, wie es auf uns wirken würde, ob erhebend und beglückend, oder verletzend.

Der Konservatoriumssaal war bis auf den letzten Platz von einem auserwählten Publikum besetzt. Das erste Bild war die Taufe am Jordan: Christus wird erwartet. Plötzlich wendet sich das Volk und sieht staunend zur Höhe. Und von der Höhe steigt langsam eine schneeweiße, stille Gestalt hinab zum Jordan und wird getauft.

Wie wunderbar löste sich jede Spannung! Was haben wir denn gefürchtet? dachte ich. Es war, als wäre man wieder ein Kind und säße auf seiner Mutter Schoß und horchte auf ihre Erzählung von Jesus. Man sah ihn, wie man ihn als Kind geschaut; man vergaß, daß es Mühlen war. Es war biblische Geschichte, die man erlebte. Bild auf Bild folgte. Den Höhepunkt dieses Abends bildete für mich die Bergpredigt: Christus sitzt einsam auf einer Anhöhe unter einem Baum; unten hat sich das Volk gelagert, mit den Jüngern. Nun hebt er die Hand und die erste Seligpreisung erklingt durch den Raum; mit einer unvergleichlichen Reinheit, Eindringlichkeit und Stille – fast unwirklich in ihrer Vergeistigung: »Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden« – »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen«. »Selig – selig,« wiederholt ganz leise der Chor am Schluß.

Und mitten hinein, unter die betenden Massen der Zuhörer, stürzt plötzlich die Ehebrecherin und bahnt sich einen Weg zu Jesus. Empört erheben sich die Jünger und reißen sie zurück. Doch da steht auch schon Jesus unter ihnen. Das geängstete Weib stürzt zu seinen Füßen. Er streckt schützend die Hand über sie aus: »Was bekümmert ihr dieses Weib?«

War das noch die stille Stimme, die eben die Seligpreisungen verkündet hat? Wie blitzender Stahl klingt es jetzt in ihr. »Wer von Euch ohne Sünde ist, der hebe den ersten Stein!« Erschüttert sinkt das Volk in die Kniee. –

Es war eine große Bewegung unter dem Publikum. Hinter mir saß ein alter, bekannter Hofprediger, zu dem alles in den Pausen drängte. Er war tief bewegt. Als man ihn fragte, ob er glaube, daß diese Art religiöse Oper eine Zukunft hätte, erwiderte er: »Bestimmt nicht, denn sie steht und fällt mit der Darstellung Mühlens. Ich wüßte niemand, der imstande wäre, eine Gestalt, wie die des Heilands so zu verkörpern, wie er.«

Etwas Merkwürdiges erlebte ich an mir selbst. Ich hatte nach dieser Aufführung, die mich unbeschreiblich ergriff, gar nicht das Bedürfnis, Mühlen zu sehen und ihm zu danken; so losgelöst von seiner Person war diese künstlerische Tat; so wenig hatte sie in meiner Empfindung mit seiner Person zu tun. Es vergingen Tage, bis ich den Weg zu ihm fand; und als ich ihm sagte, was mich ferngehalten hätte, verstand er mich.

Noch eine Aufführung erlebte ich, mit derselben starken Wirkung, wie das erstemal. Diese geistliche Oper ist später nie wieder über die Bühne gegangen.

Das Jahr darauf hörten wir nur einige Szenen aus ihr in einem Kirchenkonzert, das Mühlen gab. Ich war erstaunt, wie unbedeutend die Musik auf mich wirkte, losgelöst von den Bühnenbildern.

Dies mag vielleicht auch noch ein Grund gewesen sein, daß das Oratorium sich nicht behaupten konnte.

Mir brachten die Wochen in Berlin außer den künstlerischen Eindrücken etwas sehr Schönes, die Bekanntschaft mit zwei von Mühlens besten Freundinnen: Frau Lisbeth Gyßling aus Königsberg und Frau Gertrud Maas aus Berlin. Beide waren kluge, höchst amüsante Menschen, warmherzig und großzügig, mit seinem Verständnis für alles Außergewöhnliche.

Frau Maas' schöne, reiche Häuslichkeit bildete, wenn Mühlen in Berlin war, immer den Versammlungsort für seine Freunde und Schüler. Wir machten in ihrem Hause die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Es gab keine Hindernisse, wenn Mühlen etwas wollte oder wünschte. Wer Mühlen nahestand, mußte sehr bald ein Stückchen Genialität in sich entwickeln. Schwerfälligkeit durfte es nicht geben bei dem, der Mühlens Atmosphäre atmen wollte.

»Habt Euch nicht!« war ein Wort, das er sehr liebte.

Ich habe durch Frau Gertrud Maas viel Liebe genossen und viel echte Freundschaft erfahren. Viele Jahre später, als ich nach dem Kriege die Heimat verlassen mußte, ist ihr Haus mir ein halbes Jahr lang Zufluchtsort und Heimat gewesen.

Nach vierwöchentlichem Aufenthalt in Berlin fuhr ich fröhlich und dankerfüllt wieder heim. Eine Fülle von Anregung trug ich mit mir, die meiner Arbeit wieder zugute kam. Alles, was ich künstlerisch erlebte, teilte ich mit meinen Schülern. An manchen Abenden habe ich ihnen ausführlich von den schönen und tiefen Eindrücken dieser Berliner Wochen erzählen müssen.

Erste italienische Reise

Im Jahre 1895 starb meine Mutter nach langem, bitteren Leiden. Ihr Tod bedeutete für mich eine völlige Veränderung meines Lebens. Ich war sehr abhängig von ihr gewesen; denn trotz ihres jahrelangen Leidens und körperlicher Hilflosigkeit war sie doch immer die geistige Führerin unseres Hauses geblieben, der ich mich in allen Dingen untergeordnet hatte. Nun mußte ich an ihre Stelle treten, und das war mir am Anfang unendlich schwer.

Ich lebte mit einer alten Tante und meiner kranken Schwester zusammen. Da unsere Wohnung groß war, nahm ich junge Mädchen ins Haus, meist Schülerinnen von mir. Sie brachten Jugend und Frohsinn in unser häusliches Leben.

Aber seltsam, ich fand nach dem Tode meiner Mutter wenig Freude an meiner Arbeit, hatte nicht mehr die Begeisterung für meine Stunden. Zuerst dachte ich, es sei nur der Schmerz um ihren Tod, und es würde sich ändern.

Ein Jahr lebte ich so hin. Dann wurde mir's klar, so geht es nicht weiter.

Ich war in meinen Stunden und in meinem Singen auf einen toten Punkt geraten; ich mußte irgend wohin gehen, um weiter zu studieren, neue Eindrücke sammeln, wieder Kunst sehen und hören. Da faßte ich den kühnen Entschluß, nach Italien zu gehen.

Mühlen, der eine Zeit bei Galliera in Mailand studierte, hatte mir viel über die befreiende Art italienischer Gesangkunst gesagt; auch hatte ich sie an ihm selbst erlebt. Wohl versuchte ich auf diesem Wege für mich zu arbeiten, fühlte aber deutlich, daß es doch nur ein Umhertappen war. Ich stand vor italienischer Musik wie vor verschlossenen Gärten.

Eine kleine Erbschaft ermöglichte es mir, diesen Plan auszuführen. Und eines Tages überraschte ich meine Nächsten mit der Nachricht, ich ginge nach Italien.

Die alten Kollegen schüttelten ihre Köpfe.

»Es ist nicht gut,« sagten sie, »seine Schüler auf so lange Zeit zu verlassen.« Auch meinten sie, es wäre dem Publikum gegenüber nicht klug, einzugestehen, daß man als Lehrer noch bei anderen lernen ginge.

Ich aber dachte anders: meine Schüler sollten wissen, daß man in einer Kunst nie fertig wird. Sie sollten auch nicht glauben, daß ich mich für vollkommen hielte. Wenn ein Teil von ihnen infolge meines Weiterstudierens den Glauben an mich verlieren sollte, so fühle ich Kraft genug, mir andere zu erwerben. Das Weihnachtsfest 1895 feierte ich noch zu Hause und machte mich dann reisefertig.

Ich hatte das große Glück, daß meine Freundin Doris von Kruedener mit mir ging. Sie wollte sich in Italien in der Malerei weiter ausbilden.

Alice Barbi, die berühmte Sängerin, hatte mir eine Empfehlung an ihren früheren Lehrer Vannucini in Florenz mitgegeben.

Glückstrahlend fuhren wir ab. Bis zum August wollte ich fortbleiben. Von dem Übermut und der Freude, mit der wir unsere Reise antraten, kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Sieben Monate der Freiheit lagen vor mir! Ich sollte in eine ganz neue Welt hineinschauen, sollte für mich arbeiten können den ganzen Tag, ohne Pflichten, ohne Verantwortung für andere! Und mit mir zog mein bester Kamerad. Wie ein Märchen war das! Was würde ich alles erleben?

Unsere erste Station machten wir in Berlin, wo wir Gustel Hohenschild besuchten, die sich eben verheiratet hatte. Sie lebte in einem wundervollen Heim, an der Seite eines ungewöhnlichen Mannes. Es war ein großes Glück, das sie noch in späteren Jahren gefunden. Aber sie war eine von den Naturen, die das Glück nicht festzuhalten verstehen. Es zerbrach in ihren Händen. Damals nahm ich ein wunderschönes Bild ihres Lebens mit nach Italien. Aber schon ein Jahr darnach lag alles in Trümmern!

In Frankfurt wollte ich Stockhausen besuchen. Mir war bange davor, weil ich ihn gegen seinen Willen verlassen hatte und all die Jahre hindurch ohne jede Verbindung mit ihm gewesen war. Mit starkem Herzklopfen ging ich hin, denn die Angst vor meinem großen Meister lag mir noch in den Gliedern. Er war verreist. Ich traf nur Frau Professor, die mich aufs herzlichste und wärmste empfing. Wie seltsam war es, die Räume wiederzusehen, in denen man so viel Großes und Schönes, aber auch so viel Schweres erlebt hatte! Nun war ich ein selbständiger Mensch, der sich in der Heimat seinen Platz erobert hatte. Aber als ich Stockhausens Schwelle überschritt, war mir's doch, als käme der alte Druck über mich; ich fühlte mich wieder ganz klein.

Es gab noch eine Station in Stuttgart bei meinem Bruder, und dann – dann ging es südwärts – Italien entgegen! Der Weg durch die Schweiz nahm uns beiden den Atem. Was war das für eine gewaltige Welt, durch die uns die Eisenbahn trug! Wir saßen und staunten. – »Hier könnte ich nicht leben,« brach es schließlich aus meiner Seele, »diese Welt würde mich erdrücken!«

Und nun kam der Gotthard-Tunnel. Jenseits lag das Wunderland – das heiß ersehnte. Jetzt war er mit seiner schier endlosen Dunkelheit durchfahren: ein heller Lichtschein drang zu unseren Fenstern herein: Italien! Italien! – was werden wir erblicken? Es geht ins Licht hinein, wir stürzen an die Fenster. Eine weite, weite Schneefläche, wie im livländischen Winter! Wir sahen uns erschrocken und sprachlos an: Ist das Italien? »Das ist die erste Enttäuschung,« sagte meine Freundin trocken. Was hatten wir eigentlich erwartet? Im Januar ein blühendes, lachendes Land?

Unsere erste Station war Mailand. Wir sahen den Dom im Mondschein, wanderten durch die Brera und standen vor Leonardo da Vincis »Abendmahl«. Einen tiefen Eindruck nahm ich von der Gestalt Christi mit. Es war mir, als hätte ich nie eine solche Trauer in einem Menschenantlitz gesehen. Stumm und überwältigt gingen wir voller Scheu durch diese uns neue Welt, verließen aber Mailand bald und eilten unserem Bestimmungsorte Florenz zu.

Um die Landessprache zu lernen, hatten wir uns in einer italienischen Pension angemeldet. Hier wurden wir sehr liebenswürdig empfangen, mit einem Strom von Worten, die wir in unserer Müdigkeit gar nicht verstanden, so daß wir froh waren, endlich ins Bett zu kommen.

Von der Straße her klangen singende Stimmen mit Mandolinenbegleitung. Ich sprang aus dem Bett, öffnete mein Fenster, horchte auf die schwingende, helle Männerstimme, die zu mir heraufklang, und dachte an Mühlens Worte: »Am meisten werden Sie in Italien von den Straßensängern lernen, mehr als bei allen Lehrern.«

Nach einigen Tagen, in denen wir etwas zur Besinnung gekommen waren, suchte ich Vannucini auf. Es ist merkwürdig, wie schlecht und ungepflegt die italienischen Häuslichkeiten sind. Ich war ganz überrascht, in welch ärmlicher Umgebung der berühmte Meister lebte. Gehäkelte Decken auf verwahrlosten Sofas; schlechte Öldrucke an den Wänden in ärmlichen Goldrahmen – erstaunlicherweise Beethoven, Mozart und Schubert. Das alles übersah ich auf den ersten Blick; dann übergab ich meine Empfehlung von der Barbi und raffte all mein bißchen Italienisch zusammen, um ihm Rede und Antwort zu stehen; wir verabredeten meine erste Gesangstunde bei ihm.

Am nächsten Tage ging ich ruhigen Herzens, mit einigen Alt-Italienern unter dem Arm, hin. Ich sang ihm einen Marcello und einen Durante vor. Es machte mir Spaß, sein Erstaunen zu sehen, denn er hatte mir, wie es schien, nichts zugetraut.

Wenn man in Italien als Sängerin etwas gelten soll, muß man in Federhüten und seidenen Gewändern einherschreiten. Meine baltische schlichte Erscheinung hatte ihm augenscheinlich gar nicht imponiert. Desto mehr imponierte ihm auf diesem unscheinbaren Hintergrunde mein Gesang. Ich sei wohl eine große deutsche »Maestra del canto«, fragte er mich ehrfurchtsvoll. Ich mußte lachen: »Im Gegenteil, ich bin nur ein kleines Licht in Livland.« Sein Staunen wuchs von Lied zu Lied, und als ich ihm eine Händel-Arie vom Blatt vorsang, erreichte seine Bewunderung den Höhepunkt.

»Was ich denn bei ihm lernen wolle?«

»Vor allen Dingen einen richtigen Atem,« sagte ich.

»Einen Atem?« fragte er erstaunt, »den kann man nicht lernen; den hat man doch! Man muß ihn nur ganz natürlich nehmen, das ist alles.«

Das übertriebene Lob und dieser Ausspruch enttäuschten mich ein wenig. Werde ich bei ihm etwas lernen? fragte ich mich. Aber als ich wieder auf der Straße war, mußte ich doch lachen. Diesen Erfolg mit meinem Singen in Italien hätte ich mir nicht träumen lassen!

Nun begannen die Stunden. Frau Barbi hatte recht, als sie Vannucini charakterisierte: »Er kann sehr viel und ist ein seiner Musiker; aber er ist faul geworden, seit er viel mit reichen amerikanischen Dilettanten arbeitet. Das tut seinem Künstlertum nicht gut.« So nahm ich denn in den Stunden die Sache selbst in die Hände, was ihm wenig Freude zu machen schien. Ich faßte es aber schief an; denn ich wollte auf Stockhausensche Art lernen, wollte über alles Rechenschaft haben, ihn dazu zwingen, bewußt zu lehren. Das war falsch, so kann man bei einem Italiener nicht lernen. Eines Tages riß ihm die Geduld: er erklärte mir den Unterschied zwischen deutschem und italienischem Lehren und Lernen. »Die Deutschen,« sagte er, »sind klug und gründlich, auch in der Musik. Sie machen die Kunst zu einer Wissenschaft. Das aber ist falsch, Kunst arbeitet man nicht mit dem Kopf. Wir armen Italiener lehren es so: Gesang muß schön klingen und unser Herz bewegen. Gesang ist fürs Ohr und fürs Herz gemacht, nicht für den Kopf.«

Ich war zu sehr auf Stockhausen eingestellt, und bei meiner konservativen Natur dauerte es, bis ich mich von seiner Art löste. Als ich so weit war, nützten mir auch die Stunden bei Vannucini. Doch füllten sie mich nicht sehr aus und interessierten mich nicht besonders. – Allmählich ging mir ein Licht darüber auf, daß nicht mehr die Musik das Größte in Italien war, wie in früheren Jahrhunderten. Eine andere Kunst trat schön und stark in mein Leben: die Welt der alt-italienischen Malerei und Plastik. Jeden Vormittag wanderte ich mit meiner Freundin Doris in den Galerien umher. Am Nachmittag besuchten wir die Kirchen oder machten Ausflüge in die Umgegend von Florenz. Abends saßen wir zusammen, studierten die Kunstgeschichte von Burkhardt und lasen »Michelangelo« von Grimm. Und diese Welt wurde in Italien die meine, in der ich ganz aufging. Nur aus Pflichtgefühl hielt ich noch an meinen Stunden fest.

Die einzige Empfehlung, die wir mitbekommen hatten, galt einem Künstlerpaar, zwei Baltinnen: der Malerin Elly von Loudon und der Bildhauerin Frau Philippow von der Launitz. Nachdem wir uns ein wenig in Florenz eingelebt hatten, besuchten wir die beiden Damen. Ganz beglückt kehrten wir heim, mit der Überzeugung, einen großen Reichtum für unser Florentiner Leben durch die Bekanntschaft mit diesen Künstlerinnen gewonnen zu haben. Als käme man zu alten Freunden, die einen längst erwartet hatten, so empfingen sie uns beide. Sie hatten ein wunderschönes Künstlerheim und ein großes Atelier voller Kunstschätze.

Ihre Art war heimatlich, daß uns das Herz aufging. Elly von Loudon gab sich warmherziger, ich möchte fast sagen enthusiastischer als ihre Freundin; sie tat Haus und Herz weit auf für uns. Sie sah noch immer jugendlich und eigenartig aus, und ihre schönen Augen strahlten Wärme und Klugheit.

Ihre Freundin war viel zurückhaltender, stiller und zarter. Sie hatte etwas Sensitives, mit einem reizenden Zug ins Schelmische. ES war entzückend, zu beobachten, wie ruhig sie es zuließ, daß ihre stürmische Freundin vorwärts jagte, urteilte, verurteilte, tötete und wieder erweckte, mit einer Lebendigkeit, daß einem Hören und Sehen verging – und wie sie dann in ihrer zarten Art etwas Versöhnendes, Ausgleichendes sagte, das immer eine mit viel Güte gepaarte Überlegenheit in sich barg. Frau Philippow spielte wunderschön Klavier, aber nie vor einem großen Kreise. »Ich muß die Menschen fühlen, wenn ich vorspiele,« sagte sie, »sonst kann meine Seele nicht reden.«

An demselben Tage, nur wenige Stunden nachdem wir dort gewesen waren, erschien Elly von Loudon bei uns. »Lachen Sie nicht darüber, daß ich schon da bin,« sagte sie in ihrer offenen Art, »wir sind so froh über Sie. Es gibt hier in Florenz nur ›Larven‹, Sie aber sind zwei ›Menschen‹. Das müssen wir genießen. Morgen haben wir einen großen Larvenempfang bei uns. Wollen Sie kommen und sich das Theater ansehen?«

Der Empfang war ihr jour fixe, den sie einmal in der Woche hatten.

Voller Neugier, wie das werden würde, gingen wir anderen Tages hin. Es war wirklich viel amüsanter, als ich es mir gedacht hatte, denn ich lernte eine Gesellschaft kennen, wie sie mir noch nie begegnet war: aus aller Herren Länder zusammengeströmt und in allen Sprachen durcheinander sprechend. Schöne, elegante Frauen, vornehme Männer, Engländer, Spanier, Italiener, Russen und Franzosen, am wenigsten Deutsche, fanden sich hier zusammen.

Im Kamin brannte ein helles Feuer; man trank Tee aus schönen, altertümlichen Tassen und machte Musik. Einige Engländerinnen setzten sich unaufgefordert an den Flügel, spielten und sangen. Leider war die Musik nicht schön, aber ein jeder bewegte sich frei und ungezwungen, und die beiden Damen des Hauses, die alle Sprachen beherrschten, machten in der liebenswürdigsten Weise die Wirtinnen.

Ich saß in einer Ecke, tief verborgen in einem kostbaren Renaissance-Lehnstuhl und sah mit staunenden und frohen Augen in das bunte, mir so fremdartige Getriebe. Da ich keine Sprache, außer der deutschen, richtig sprach, wagte ich nicht, mich an irgend einem Gespräch zu beteiligen. Doris von Kruedener, sonst viel scheuer und zurückhaltender als ich, schwamm zu meinem Erstaunen fröhlich mit, und ich traute meinen Augen nicht, als ich sie sogar plötzlich am Flügel sah. Es waren von irgend woher Noten gebracht worden, und – wahrhaftig: sie sang!

Bald verlief sich die Menge, aber wir wurden nicht fortgelassen. Am hellen Kaminfeuer saßen wir vier noch stundenlang beisammen, sprachen von Heimat, Kunst, Italien, Freundschaft, Musik, kurz, von allem zwischen Himmel und Erde, und trennten uns endlich mit dem Versprechen, am anderen Tage in das Atelier der beiden Künstlerinnen zu kommen.

»Was fiel dir nur ein, in dem großen, fremden Kreise zu singen?« fragte ich meine Freundin. »Nun, weißt du,« sagte sie, »da brauchte ich mich wohl nicht zu fürchten. Hast du jemals so schlechte Musik gehört, wie sie dort gemacht wurde? Ich nicht.« »Ich auch nicht,« stimmte ich ihr lachend zu.

Und das war in Italien!

Unser Leben bekam durch den Verkehr mit den zwei Freundinnen ein ganz anderes, reicheres Gepräge. Bald arbeitete Doris im Atelier von Frau Philippow; denn ein großes Bildhauertalent hatte sich plötzlich neben all ihren anderen gezeigt. Elly von Loubon nahm sich unserer künstlerischen Bildung mit viel Liebe an. Durch sie kamen wir in alte, verborgene Kirchen, die wunderbare Kunstschätze enthielten. Sie kopierte in einer kleinen Kapelle halbzerstörte Andrea del Sartos, in Geist und Leben dieses Meisters hatte sie sich ganz besonders durch jahrelanges Studium hineingearbeitet. Sie lehrte uns ihren Liebling kennen und verstehen.

Mit den beiden Damen fuhren wir in die Umgegend von Florenz. Abends saßen wir beisammen und machten Musik. Zu jedem Rat, zu jeder Tat waren die zwei Freundinnen für uns bereit, und ihr Heim wurde uns bald der liebste Ort im schönen Florenz.

Noch einmal habe ich sie wiedergesehen, bei meinem zweiten Besuch in Italien. Dann verlor ich sie aus den Augen.

In einer Gesellschaft bei ihnen lernte ich einen alten, italienischen Gesanglehrer, Vivarelli, kennen. Dieser überredete mich dringend, bei ihm Stunden zu nehmen. Ich hatte die geheime Hoffnung, bei ihm Atemtechnik zu lernen, und sagte daher zu, aber mit der Bedingung, daß ich zugleich bei Vannucini weiterarbeitete. Er ging sofort mit Begeisterung auf meinen Vorschlag ein. Wir würden ja sehen, welcher Lehrer mir besser gefiele, bei dem könnte ich dann bleiben.

Er riß sich in den Stunden beinahe in Stücke vor Eifer; aber, was ich suchte, fand ich auch bei ihm nicht: von Atemtechnik wußte er mir nichts zu sagen. Dann wollte er durchaus, ich solle nur seine Lieder singen, von denen ein Teil ziemlich sinnlos auf deutsche Texte komponiert war.

Zu derselben Zeit hatte ich noch von einem dritten berühmten Lehrer, Vannini, gehört. Eine Freundin von mir hatte bei ihm angefangen zu studieren. Ein großes Plakat an seiner Haustüre beteuerte, es dürfe keiner in seinen Stunden hospitieren. Trotzdem gelang es mir, bei ihm einzudringen. Man kann eigentlich bei den liebenswürdigen Italienern alles erreichen, wenn man sie nur zu nehmen weiß.

So saß ich denn bald in seinem Musikzimmer und wunderte mich über die fast tobsüchtige Art, mit der er das Klavier behandelte. Hinter einem riesigen Mackartstrauß, der den Flügel schmückte, stand die Schülerin. Die Stimme kämpfte gegen die Wogen der Begleitung, und zum Schluß schrie er immer ganz aufgeregt: »bravo, bravo«. Nach einer jeden solchen Stunde schwor er, die Schülerin hätte enorme Fortschritte gemacht.

Nach einiger Zeit gab ich die Stunden bei Vannini auf, und auch Vannucini und Vivarelli sagte ich Lebewohl. Mein Gewissen beruhigte ich mit einer Stelle aus Mendelssohns Briefen: »Ich habe nirgendwo so wenig Musik gehört und gemacht und so viel Musik gelernt, wie in Italien.«

Ich machte die Tore meiner Seele weit auf und ließ die Freude an diesem Wunderland, mit seiner Sonne, seiner Schönheit und seiner Kunst in mich hineinziehen. Von Land und Leuten, von Sonne und Frühling aus begriff ich allmählich italienische Musik.

Man muß in Italien offene Ohren für das Klingen des ganzen Landes haben, muß seine Seele bereit machen für das Aufnehmen innerer Klangbilder. Und ist man dann wieder in der Ruhe und Stille der Heimat, so fühlt man, wie sich das alles in Musik umsetzt.

Als ich mich von Vannucini verabschiedete, sagte er mit der Liebenswürdigkeit des Italieners: »Sie sind sehr klug, aber zum Singen wäre es besser, Sie wären etwas weniger klug.« Jetzt weiß ich, was er damit sagen wollte. Er meinte, ich solle das Grübeln lassen, das allzu Bewußte, und beim Singen nichts weiter tun, als hören und fühlen. Ich habe mir das für spätere Zeiten gemerkt, und es hat mir genützt.

Wir hatten noch die große Freude, daß in der letzten Zeit, die wir in Florenz verbrachten, Fräulein Elise von Jung-Stilling und eine Freundin, Marie von Wolff, sich hier mit uns vereinigten, um in unserer Gesellschaft nach Rom und Neapel weiter zu reifen.

Freunde von Fräulein von Jung hatten ihr diese Reise ermöglicht. Ihre Augen sollten Italien schauen, und ihre künstlerisch empfindende, immer junge Seele sollte italienische Kunst und Schönheit kennen lernen und in sich aufnehmen. Marie von Wolff begleitete sie.

Es bewegte unsere Herzen, als wir unsere alte Freundin auf dem Bahnhof empfingen und im Triumph in unsere Pension geleiteten. Vielleicht kam diese Reise ein wenig zu spät für sie, denn ihre Augen waren nicht mehr scharf genug, alles zu schauen. Aber ihr für Freude und Schönheit offenes Herz empfand es voll Dank, daß ihr die Sehnsucht ihres langen Arbeitslebens erfüllt war, und daß sie Italien schauen durfte.

Von Florenz gingen wir nach Rom. Da verstummte ich vollständig, Rom wirkte zu gewaltig.

Rom

Tagebuch, 10. Mai 1896.

Welch wunderbares Leben lebe ich hier in Rom! Nie habe ich so stark das Gefühl gehabt, vom Verschwinden der eigenen Persönlichkeit, ja, des ganzen subjektiven Lebens, wie hier. Die Welt, die mich hier umgibt, ist so groß, so mächtig, daß nichts daneben sich halten kann. Nie habe ich so dem Augenblick gelebt, wie hier, nicht voraus-, nicht zurückgeblickt. Wer könnte auch hier an sich denken, angesichts dieser riesigen Trümmerwelt, dieser ernsten, schweigenden Zeugen eines Glanzes und einer Macht, wie wir sie uns kaum mehr denken können? – Und alles zerstört, versunken, was für die Ewigkeit geschaffen schien! Erschütternd fühlt man über »diesen großen Kirchhöfen der alten Römerwelt« das Wort: »Die Herrlichkeit des Menschen ist wie des Grases Blume«.

Wie verschieden sind doch die Menschen! Wie verschieden wirkt auf uns alle Rom! Wie fremd fühlt man hier plötzlich Menschen gegenüber, mit denen man sich nahe stand, und wie nah kann hier ein Fremder einem kommen! Rom holt das Innerste des Lebens heraus. So sagte z.B. Marie von Wolff, nichts wirke so befruchtend auf sie, wie Italien; sie dächte hier nach, ob sie nicht ein Talent hätte, das sie ausbilden könnte. Mir geht es gerade umgekehrt: Hier mag ich gar nicht daran denken, daß ich auf künstlerischem Gebiete etwas leisten will. Alles schweigt, jede Äußerung meiner eigenen Persönlichkeit.

Mein Skizzenbuch wanderte heute in den Ofen; meine Musik ist völlig verstummt. Man bekommt hier andere Maße, will nur das Vollkommene.

Noch eins kommt dazu als Erklärung dafür, daß Rom mich musikalisch stumm macht: die Musik, die in mir lebt, paßt in diese Welt nicht hinein. Und in die neue Welt, die mich hier umgibt, die gewaltige, ernste, tauche ich mit meiner ganzen Seele Langsam fühle ich, wie vieles sich in mir verändert, von mir abfällt, und wie vieles in mir neu erblüht.

Ein Brief von Hans Schmidt aus der Heimat sprach diese Empfindungen aus: »Man wird ein anderer Mensch in Italien,« schrieb er, »besonders in Rom. Aber man wird ein solcher nur im Sinne einer ›Wiedergeburt‹, nur insofern, als diese eine Bestärkung im Einfachsten, Uranfänglichsten, Unzerfaserten aller Empfindungen und Anschauungen ist. Man kommt dort recht auf den Grund seiner selbst und baut auf diesem Grunde seines Wesens, statt des im Laufe der Zeiten zusammengeklecksten verwickelten Gebäudes ein simples, helles Säulenhaus. – Der Einwohner ist ja immer derselbe, aber er guckt doch anders aus den anderen Fenstern.« – Hans Schmidt hat recht. –

 

Wir brachten die Vormittage in den Bildergalerien und Kirchen zu, fuhren am Nachmittage in die Umgegend Roms hinaus. Das liebste von allem ist mir die Campagna geworden, mit ihrer unermeßlichen Einsamkeit, ihrem Lerchengesang und der Feierlichkeit des »großen Kirchhofes der alten Römerwelt«.

Einen starken Eindruck empfing ich durch die Villa d'Este in Tivoli, in der wir viele Stunden zubrachten. Eine stille, schöne, verzauberte Welt. Welch ein Glanz hat dort einmal geherrscht! Davon reden die Terrassen mit ihren Marmorbildern, die Wasserkünste und die breiten, stolzen Treppen. Aber alles verlassen, zerstört, vergessen! Die Wasserkünste spielen nicht mehr, die Bassins sind voll wilder Farne, die Marmorbilder liegen auf der Erde – wie die Terrassen und Treppen – von wilden Rosen und Efeu überwuchert. Aber eine Poesie, eine märchenhafte Stimmung umgibt diese schweigende Welt voll Blumenduft, Vogelstimmen und leisem, geheimnisvollem Wasserrauschen, wie in Eichendorffs Gedicht:

»Es rauschen die Wipfel und schauern.
Als machten in dieser Stund'
Um die halbversunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund'.«

Das ist das Wunderbare in Rom, daß man immer aus dem täglichen, wirklichen Leben herausgehoben wird; denn die Welt der Vergangenheit, in die man schaut, ist so stark, daß das wirkliche Leben, welches einen umgibt, nur wie ein Schatten an sie heranreicht. Der einzige musikalisch feine Eindruck, den ich bisher hatte, war ein Pfingstgottesdienst in Monte Trinita. Dort singt der berühmte Nonnenchor, dem Mendelssohn seine »Motetten« gewidmet hat. Der Altarchor war voll junger Klosterschülerinnen, alle in schneeweißen Kleidern, in lange, weiße Schleier gehüllt. Wenn sie niederknieten oder sich erhoben, wogten diese, als ob Engelflügel sich bewegten. Und dann sang hinter goldenem Gitter, hoch oben vom Chor, eine helle, hohe Sopranstimme, so inbrünstig flehend, daß einem das Herz erbebte; und jauchzend fiel der Frauenchor ein: »Alleluja! Alleluja! Amen«.

Auch zwei der berühmten italienischen Castraten hörte ich hier: Männer mit Frauenstimmen. Der Klang dieser männlichen Soprane gleicht einer weiblichen Stimme. Er ist nur durchdringender und hat eine merkwürdig gebundene Leidenschaftlichkeit und einen wunderbaren Wohllaut.

Wochen hindurch lebte ich mit meinen Freunden in dieser Welt voll unbeschreiblichen Reichtums. Es war etwas in mir aufgegangen. Ich fing an, die italienische Musik zu verstehen; und da erwachte plötzlich die Lust in mir, wieder zu singen. Die Sonne, das Licht, das Blühen und Leuchten Italiens macht die Menschen dort viel froher, sorgloser und leichtsinniger. Aus der Art ihres Lebens, aus diesen leichtbeschwingten Menschenseelen singt und klingt eine andere Musik, als in uns Nordländern, in denen so viel unerfüllte Sehnsucht lebt.

Von Landsleuten wurde mir ein Gesanglehrer warm empfohlen, und von diesem Lehrer habe ich in Italien am meisten gelernt. Er hieß Bettini, war zweiundsiebzig Jahre alt und sang noch immer so bezaubernd, wie nur ein Italiener singen kann. Sein Ton floß wie ein goldener Faden, leicht und hell schimmernd. Er war früher berühmt und reich, hatte alles verloren und war ganz verarmt. Doch das focht ihn wenig an. Er, der früher Wagen und Pferde gehabt hatte, lief nun zu seinen Stunden treppauf, treppab, schwang fröhlich grüßend sein weißes Strohhütchen, und unterrichtete mit Händen und Füßen, Augen, Mund und allem, was er besaß.

Ich hatte mir Bannucinis Lehren beim Abschied gemerkt und noch etwas dazu gelernt: man muß in Italien nicht bei sogenannten Pädagogen, sondern nur bei richtigen Sängern studieren und diesen ihre Kunst abhören; denn sie wissen oft nicht was sie tun.

Ich ließ mir von Bettini Übungen und Arien unausgesetzt vorsingen und versuchte, sie ihm nachzusingen. Ich lernte von ihm die entzückendsten technischen Übungen, die er improvisierte und mit technischer Vollkommenheit ausführte. Er ließ Kadenzen, Läufer wie leuchtende Raketen in die Lüfte steigen. Schlimm war's nur, daß er sie oft im Moment wieder vergaß und nicht zum zweitenmal machen konnte, was mir das Behalten und Niederschreiben sehr erschwerte.

Eine Gewohnheit hatte er, von der er gar nicht abzubringen war. Er sang immer mit bei allen meinen technischen Übungen und Arien. Allen meinen Vorschlägen, mich allein singen zu lassen und zuzuhören, und dann wieder selbst zu singen und mich zuhören zu lassen, begegnete er mit der größten Bereitwilligkeit; doch konnte er es nicht ertragen, zu schweigen. Es riß ihn immer mit. Er kam mir wie ein Kanarienvogel vor: er konnte, wie dieser, nicht schweigen, wenn ein anderer sang.

Ich bedauerte sehr, nicht früher zu ihm gekommen zu sein; denn hier lernte ich wirklich singen. Er war in einer wilden Ekstase über meine Stimme, bildete sich ein, daß alles, was ich konnte, nur von ihm gelehrt sei, schlug sich auf die Brust und wiederholte immer: »Das haben Sie von mir gelernt, von mir ganz allein!« und schwor, keiner werde mein Singen wiedererkennen, wenn ich in die Heimat käme. Er schlug mir vor, ein halbes Jahr täglich bei ihm zu studieren; er verpflichtete sich, mich in dieser Zeit zur ersten dramatischen Sängerin Deutschlands auszubilden. Ich konnte natürlich auf diesen Vorschlag nicht eingehen, glaubte ihm auch alles nur halb. Wir trennten uns trotzdem ganz wehmütig voneinander. – Wenige Wochen nachher starb er am Herzschlage. In ihm verkörperte sich ein großes Stück alter italienischer Gesangkultur.

Neapel, Capri, Venedig

Ungefähr fünf Wochen waren wir in Rom gewesen. Dann schlug die Stunde des Abschieds. Wir hatten nur noch vierzehn Tage für den Süden: Neapel und Capri. Je tiefer man in den Süden kommt, desto mehr singt und klingt es – fast möchte ich sagen Tag und Nacht – in den Straßen und auf den Plätzen, in den Gärten und Osterien. O, diese italienischen Nächte voll fliegender Leuchtkäferchen, berauschendem Rosenduft und Gesang! Halbe Nächte sind wir hinter den Mandolinensängern dreingezogen, haben auf Gartenmauern am Meeresstrande gesessen. Dann sangen wir auch unsere Lieder, zwei- und dreistimmig, und ernteten begeisterte Anerkennung.

Von Neapel habe ich damals durchaus keinen schönen Eindruck mitgenommen. Es war etwas zu spät im Jahr für diese Stadt. Die Glut des südlichen Sommers, voll Staub und Schmutz, legte sich quälend auf uns Nordländer. Die Stadt war schon ziemlich leer von Besuchern, und der ganze Strom von Bettlern ergoß sich auf die wenigen Fremden, die noch kamen, mit einer geradezu peinigenden Gewalt. Man wurde förmlich verfolgt, sobald man sich auf der Straße zeigte. Mit Geschrei stürzte sich alles einem entgegen, bettelte, verkaufte, überredete zu allem möglichen. Nicht einmal im Wagen war man sicher vor ihnen, denn sie kletterten mit affenartiger Geschwindigkeit hinein, setzten sich auf dem Kutscherbock fest, hingen am Trittbrett, streckten einem verkrüppelte Arme und wunde Glieder entgegen. Sie schrieen, lachten, jammerten, stahlen, erklärten die Gebäude und Aussichten in aufdringlichster Weise. Ich habe nie etwas Ähnliches von einem Volksleben gesehen. Abends lagerten sie sich auf den Plätzen und Straßen um große Kessel, in denen gemeinsame Mahlzeiten gekocht wurden.

Einmal hatte ich die Unvorsichtigkeit, mehrere Knaben auf meine Kosten Makkaroni essen zu lassen, die mit Riesenschöpfern aus dem Kessel geholt wurden. Das brachte uns fast in Gefahr; denn wie eine wilde Horde stürzten sich alle anderen über uns und verlangten, auch gespeist zu werden. Da kam mir ein rettender Gedanke: ich schleuderte eine Handvoll Münzen, so weit es mir möglich war, auf den Boden. Da ließen unsere Peiniger von uns ab und stürzten sich, zu einem Knäuel geballt, auf das Straßenpflaster, die Münzen aufzusammeln. Wir benutzten diesen Augenblick, sprangen in einen Wagen und versprachen dem Kutscher ein gutes Trinkgeld. Der hieb auf sein Pferd ein und wir fuhren eilig davon, eine Weile noch verfolgt von einer tobsüchtig brüllenden Schar.

Tante Elise weinte und war so zornig auf mich, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie beteuerte, sich meiner Führung nicht mehr anvertrauen zu wollen, da ich immer etwas mit dem Volke zu tun hätte; das würde uns noch ins Verderben bringen. – Wir waren ganz blaß und still und fühlten uns erst sicher, als wir in den Betten lagen.

Wir kürzten unseren Aufenthalt ab, denn Neapel machte gar zu müde. Dieses Leben war beängstigend. Ich habe es das nächstemal nicht so schlimm empfunden, wie bei diesem ersten Besuch. Wie gerettet kamen wir uns vor, als wir das Schiff bestiegen das uns nach Capri trug. Eine kurze Fahrt über das schimmernde Meer – und eine andere Welt umfing uns!

In Capri erwartete uns meine Freundin Nina Tode mit ihrer Schwester und ihrer Gesellschafterin. Das Zusammensein mit diesen Freunden machte die Schönheit noch schöner, die Freude noch froher. Fast zwei Wochen lebten wir ein Traumleben in Ruhe und Schönheit. Es war, als sei eine ganze Welt voll Licht und Klang um uns!

In blühenden Myrthen saßen wir und blickten hinaus auf das blaue Meer in seiner Herrlichkeit; sahen hinüber nach Ischia, hörten die Fischer singen; und ich dachte mir oft: »So muß es im Paradiese sein«.

Es gab wenig Fremde in Capri: nur ein paar Maler und Schriftsteller. Wir wohnten im berühmten Hotel Pagano, das damals noch ganz patriarchalisch war und voller Traditionen. Am Abend versammelten wir uns in der »Luna«, dem kleinen Restaurant, das durch Viktor Scheffel und Klaus Groth berühmt geworden ist. Im Mondschein wanderten wir hinaus an den Strand, saßen auf den Klippen und sangen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber in Capri konnte man auch deutsche Sehnsuchtslieder singen.

Dann kam der Abschied. Am letzten Abend zogen wir alle hinaus ans Meer. Hell lag der Mondschein über den Faraglioni und dem Strande. Da fing ich an zu singen. Es war das Heimatlied von Hans Schmidt, seine ›Hirtenweise‹:

»O Heimatland,
du liebes Land,
wie keiner je ein lieb'res fand«.

Und ich wußte, daß trotz aller Herrlichkeit der Erde mein Herz der Heimat gehörte und gehören würde bis zu meinem letzten Atemzuge.

Als letzten Eindruck von Italien nahm ich noch einige Tage in Venedig mit.

Meine Freundin Doris war in die Schweiz vorausgefahren und ich blieb mit Tante Elise Jung allein in Venedig, dem wundersamsten Ort, den ich in meinem Leben geschaut!

Wenn man die Eisenbahn verläßt, so versinkt nach wenigen Schritten mit einem Schlage die ganze Welt, in der man bisher gelebt hat, und es umfängt einen eine nie geschaute. Von allen Seiten ertönt der melancholische Ruf: »Gondola, Signora!«

Bald saßen wir in einer Gondel und fuhren auf dem Canale grande im Mondschein unserem Hotel entgegen. Wachte oder träumte man? Unser Weg führte uns an wunderbaren alten Palästen vorüber, deren weiße Marmorfassaden wie Spitzen in den Himmel ragten. Gesang von allen Seiten: von den Ballonen, aus den Gondeln, an denen wir vorüberfuhren; dazu das leise Anschlagen der Wellen an unsere Gondel, die lautlose Stille um uns her, von keinem Wagengerassel, keinem Fabrikpfiff unterbrochen!

Eine Woche blieben wir in der Wunderstadt und lebten Tage, wie nie zuvor. Ganz anders als in Rom, nicht ausgelöscht fühlte man sich, sondern verzaubert. Jeden Abend fuhren wir hinaus auf den Canale grande, die berühmten Sänger zu hören, die dort in ihren Gondeln Konzerte gaben. Es gab ganze musikalische Aufführungen in kleinem Stil. Chöre und Sologesänge wurden von einem Streichorchester begleitet. Und dann erhob sich eine Männerstimme und sang mit Mandolinenbegleitung; voll Schönheit und Wohllaut schwangen die Töne sich über das Wasser.

Das alles war so wunderbar! Die deutsche Heimat mit ihren deutschen Liedern lag wieder plötzlich fern und wie fremd dahinten. Ich begriff ganz die Sehnsucht der Deutschen, die sie immer wieder über die Alpen, in das Märchenland, lockt, oft in Verderben und Tod. Und ich dachte: Wird nun die Sehnsucht nie in mir schweigen nach diesem Land mit seinem blauen Himmel und seinem Singen? Wird sie mir das Herz schwer machen oder Licht hineintragen in unsere dunklen Herbsttage und Winternächte?

Und dann war der letzte Tag in Italien gekommen. Mit einem Schmerz, wie man sich sonst nur von lieben Menschen trennt, löste ich mich von diesem Lande und fuhr in die mächtige Gebirgswelt der Schweiz hinein.

Ich war nach Italien gegangen, mit dem Gedanken, dort meine Stimme weiter zu entwickeln. Und ich hatte viel mehr und anderes gefunden.

In der Bibel wird von einem Manne erzählt, der auszog, seine verlorene Eselin zu suchen, auf seinem Wege aber ein Königreich fand, und als König heimkehrte.

So war es mir ergangen.

Bayreuth

Tante Elise Jung fuhr heimwärts. Marie Wolff hatte sich schon früher in Rom von uns getrennt. Doris Kruedener wartete ungeduldig mit ihrer Schwester auf mich. Sie hatten ein »Idyll« entdeckt, wie sie mir schrieben: einen stillen Malerwinkel, in den kein Tourist sich verirre. Dort lebten sie beim katholischen, jungen Kaplan, wo schon mein Zimmer bereit stand. Es war das Dörfchen Maderan im Maderaner Tal. Wir wollten noch drei Wochen in der Schweiz bleiben und uns von den starken Eindrücken Italiens erholen.

Es war ein stilles Dörfchen, in dem wir fast vierzehn Tage lebten. Man mußte seine Augen und seine Seele umstellen, denn nach all der Freude, dem Licht, der Sonne und den Blumen des Südens wirkte die riesige, dunkle Welt der Schweiz zuerst drückend und traurigmachend.

Aber auch das wurde anders. Wir liebten bald die Schweizer Berge, die schäumenden Wasser, die über die Felsen sprangen, die dunklen Tannen und das ernste Volk, das in diesem weltabgeschiedenen Tal so mühsam um sein Leben kämpfte. In dem jungen Kaplan lernten wir eine feine, kindliche Seele kennen. Er schloß sich warm an uns und konnte mit uns fröhlich sein. Wir besuchten mit ihm seine Gemeindeglieder, saßen bei seinen Kranken, halfen ihm seine Rosen pflegen und sangen am Abend, auf der Steinbank vor der Haustür sitzend, dreistimmige Lieder, die durch die stille Dorfstraße klangen.

Schweren Herzens trennten wir uns von diesem weltabgelegenen Idyll und begannen eine Wanderung durch das Berner Oberland. Acht Tage wanderten wir, sahen aber nichts; denn dichter Nebel hüllte die ganze, herrliche Alpenwelt ein. – Dazwischen setzten wir uns auf einen Stein am Wege und lasen einander aus dem Bädeker vor, was wir alles hätten sehen können. Es war wirklich erbärmlich! Auf besseres Wetter konnten wir nicht warten, denn unsere Termine waren festgesetzt.

Dann mußte ich mich von meinen beiden treuen Reisegefährtinnen trennen. Sie kehrten in die Heimat zurück, mir aber war es beschieden, noch etwas Großes zu erleben.

Seit meiner Studienzeit bei Stockhausen war ich eigentlich Anti-Wagnerianerin. Bestärkt wurde diese Antipathie noch in Riga durch den Wagner-Verein, der mit einem derartigen Fanatismus geleitet wurde, daß ich mich innerlich dagegen auflehnte. Trotzdem hatte ich beschlossen, nach Bayreuth zu gehen. Als Widersacherin zog ich dort ein, und als Besiegte verließ ich es; denn dort erst ging mir das Verständnis für Wagners Musik auf.

Ich hatte mit einer Freundin aus Stockhausenscher Zeit, Lucy Schemell, verabredet, mich dort zu treffen. Sie war unterdessen eine hochangesehene Musiklehrerin in Erfurt geworden. Als ich in Bayreuth aus dem Zuge stieg, erwartete sie mich bereits und führte mich im Triumph ins Städtchen.

Wir hatten uns unbeschreiblich viel zu erzählen, lagen doch zwölf Jahre zwischen unserer Frankfurter Zeit und dem heutigen Tage. Aber beim Mittagessen gerieten wir uns leidenschaftlich in die Haare.

Schon während unserer Studienzeit war Wagner ihr heimlicher Abgott gewesen. Ganz im Verborgenen mußte diese Liebe genährt werden, weil Stockhausen keine Wagner-Schwärmerei duldete. Nun aber brannte ihre Leidenschaft für Wagner lichterloh, und in mir war wieder das Interesse für italienische Musik wach geworden, die sie verachtete. Wir stritten so lebhaft, daß unsere Tischgesellschaft im Hotel aufmerksam wurde, und ich mißliebige Bemerkungen einstecken mußte; denn damals durfte man in Bayreuth noch nicht reden, wie man wollte. Wer nicht auf den Meister schwor, konnte Unannehmlichkeiten haben.

»Wart' es erst ab und hör,« sagte Lucy Schemell mir zum Schluß, »morgen wirst du anders sprechen.«

Das »Morgen« kam – und ich sprach anders.

Es waren wunderbare, vom Alltag losgelöste Tage, die man lebte. Wir besuchten Liszts und Wagners Gräber, umschlichen Haus Wahnfried, lauerten am Toreingang, ob wir nicht jemand von der Wagnerschen Familie erspähen konnten; wir lasen die Texte der Wagner-Opern und gingen mit einem Führer durch die Wagner-Literatur umher. – Und dann kam die erste Aufführung des Nibelungenringes. Von Tag zu Tag wurde der Eindruck großartiger, ich drang tiefer in den Geist der Musik Wagners ein, die ich mit allen Fasern meiner Seele erlebte.

Ich will hier nicht versuchen, ein Bild des Bayreuther Lebens zu entwerfen: das haben Berufenere schon vor mir getan. Für mich waren es starke künstlerische Eindrücke, die ich aus Bayreuth mitnahm. Siegfried Wagner führte das erstemal den Taktstock, und unter den Musikern gab es viel kritische Leute, die behaupteten, es wäre keine sehr glänzende Aufführung in diesem Jahr. Das alles focht mich nicht an.

Das Orchester brachte mir immer neue Offenbarungen, nahm all mein Sinnen, Denken und meine Kraft in Anspruch; und am letzten Tage, bei Siegfrieds Tod und der erschütternden Totenklage des Trauermarsches, mit seinem Schmerz, der keinen Trost kennt, war ich zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung und ging schluchzend heim.

Einen merkwürdigen Eindruck machte anfangs die Art der Wagnersänger auf mich. Da ich eben aus dem Lande des Belcanto kam, wo die seine gesangliche Linie und die Schönheit des Tones, oft auf Kosten des Charakteristischen, immer festgehalten wurden, empfand ich den Wagnerschen Sprachgesang als rauh und unschön. Doch wurde es mir bald klar, daß Wagners Musik auch ihren Gesangstil haben mußte.

Mit dem Gefühl eines großen Erlebnisses habe ich damals Bayreuth verlassen. Es war der letzte Eindruck meiner herrlichen Reise. Im August kehrte ich heim.

Nachwirkungen Italiens

Ende August langte ich zu Hause an. Ich kam gern wieder, denn meine Heimat und meine eigene Häuslichkeit liebte ich über alles.

Wenn auch die gewaltigen Reichtümer, die diese Reise mir gebracht hatten, sich nicht schnell überblicken ließen: einen Segen spürte ich doch gleich. Ich freute mich auf meine Schüler und war wieder froh geworden, denn meine Seele hatte so viel Schönheit und Sonne in sich aufgenommen; die hielt sie fest. Mit frischen Kräften ging ich an die Arbeit.

Durch Stockhausen angeregt, hatte ich ein großes Interesse für die Physiologie des Kehlkopfes und besaß eine ganze Menge in Spiritus präparierter Kehlköpfe, die mir ein junger Arzt aus dem Krankenhause geschenkt hatte. Da gab es Kehlköpfe in Längs- und Querschnitten, präparierte Stimmbänder und Luftröhrenstücke in Spiritus: eine grausige Gesellschaft, die meine Schüler kennen lernen mußten. Was hätte Vannueini wohl gesagt, wenn er die bei mir erblickt hätte!

Meine erste Arbeit in der Heimat war, die Kehlköpfe auf den Kirchhof zu bringen und sie dort pietätvoll zu begraben. Diese Periode in meinem Leben war abgeschlossen.

Ein großer Reichtum für mich lag auch in der neuen Welt, die sich mir in Italien erschlossen hatte, in italienischer Malerei und Skulptur. Da waren viele Wege, die zu unendlichen Schätzen führten, die noch ungehoben vor mir lagen. Denn das Studium in Italien auf diesem Gebiet war ja nur ein kleiner Anfang gewesen.

Ich hatte viel gute Photographien mitgebracht und lebte in ihnen manch stille Abendstunde, die mir durch diese Erinnerungen reich und schön wurde.

Und seltsam, auch in der Heimat sah ich nun so viel, was mir früher entgangen war: Schönheit an Licht, Farben und Linien. Es war, als hätte die starke Unterstreichung von leuchtenden Farben und Linien im Süden mir die Augen geöffnet für die zartere und stillere Schönheit der Heimat, durch die ich nun ging, mit staunender Seele, als wären neue Sinne in mir erwacht.

Als ich anfing zu arbeiten, merkte ich nicht nur an meinen Schülern, sondern vor allem an meinem eigenen Singen, wieviel ich in Italien gevorteilt hatte. Meine Stimme war wieder in ihre natürliche höhere Lage zurückgekommen, denn Stockhausen hatte sie zu sehr in die Tiefe gedrückt. Das Singen war wieder leicht, und ich ging sorgloser daran, so wie in den Zeiten vor Stockhausens Schulung.

Was mir unendliche Mühe machte, war die Verbindung von italienischem Ton und belcanto mit deutscher Deklamation, ich mußte oft daran denken, was Mühlen mir vor Jahren gerade über diese Schwierigkeit gesagt hatte.

Ganz kann man dieses Problem natürlich nicht lösen: italienische Kantilene läßt sich nur bedingt auf deutschen Gesang übertragen. Das Charakteristische der deutschen Sprache besteht in der Behandlung der verschiedenen Konsonanten und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten und der vielfach gefärbten Vokale, von denen jeder sein eigenes Gesicht hat, aber ein anderes, als die reinen italienischen. Eine große Schwierigkeit bildet die Anhäufung der Konsonanten in der deutschen Sprache, aber ihre Beherrschung und Anwendung für den geistigen Ausdruck bilden ein Hauptmoment der Wirkungen, wodurch der deutsche Gesang so einzig in seiner Art ist.

Für mein Singen habe ich in Italien viel gelernt und rate jedem Sänger, eine Weile in Italien zu studieren; aber nie zu seiner ersten Ausbildung hinzugehen! Man wird dort gewöhnlich für deutschen Liedergesang verdorben. Die moderne italienische Musik wirkt zu wenig erzieherisch auf den Geschmack junger Menschen, die noch nicht ihr Ziel haben und gibt ihnen Gesichtspunkte, mit denen sie deutsche Lieder und Stilart später leicht verkennen.

Wer jeder deutsche Sänger, der sein Ziel kennt, seinen Geschmack bereits gebildet hat, sollte für eine Zeit nach Italien gehen; denn was »singen« heißt, Freude am Ton haben, auf den Klang seiner Stimme horchen, das lernt man nirgendwo so wie dort, wo jeder Straßenkehrer und Schuhputzer ein Sänger ist, von dem auch ein deutscher Konzert- und Opernsänger unter Umständen viel lernen könnte.

Im November traf mich ein schwerer Schlag; es war der Tod eines alten Onkels, der in einem Städtchen Estlands, in Weißenstein, lebte. Es war mein Onkel Hermann. So lang ich denken konnte, hatte seine Liebe, sein freudiges Christentum mein Leben gelehrt. Sein Haus im kleinen, stillen Städtchen, mit dem großen Blumengarten, war mein Jugendparadies gewesen. Goldene Ferienzeiten voll unendlicher Freude hatte ich dort mit den Meinen verlebt. – Er war eine seltene Persönlichkeit, stark, froh und fromm. Mit einem Herzen voll Liebe und übersprudelndem Humor, ein rechter Führer der Jugend. Bei ihm lebte man in Freiheit und Freude.

Wohl war das Leben im gastlichen Hause in der letzten Zeit still geworden. So mancher, mit dem man dort froh gewesen, lag auf dem Friedhof. Er aber, wenn auch alt und müde, war doch bisher immer noch da gewesen, und ich hatte mich in seiner Liebe geborgen gefühlt.

Nun war das alles zu Ende. Mit meiner Mutter und ihm hatte ich die starken Führer meiner Jugend verloren. Sie versank für immer.

Letztes eigenes Konzert

Nachdem ich eine Weile gearbeitet hatte, sehnte ich mich nach einer größeren künstlerischen Aufgabe; sie fand sich bald: Hans Schmidt machte mir den Vorschlag, mit ihm zusammen in einem Konzert den Liederzyklus von Brahms, »die schöne Magelone«, zu bringen.

Brahms hatte diese Lieder nach Tieckschen Versen Stockhausen gewidmet, der sie öfter in Konzerten gesungen. Seit Jahren waren sie nicht mehr an die Öffentlichkeit gekommen. Frau Joachim, die daran dachte, den Zyklus wieder einmal zu singen, hatte Hans Schmidt beauftragt, ihr einen verbindenden und erklärenden Text dafür zu schreiben, der zum Verständnis der Lieder beitragen sollte. Er hatte ihren Wunsch erfüllt; doch war es bis dahin noch zu keiner Aufführung gekommen. Nun schlug Hans Schmidt mir vor, wir sollten uns gemeinsam an diese Aufgabe machen.

Mit Begeisterung griff ich die Idee auf und fing an, mich in die Lieder hineinzuarbeiten. Ich merkte bald, welch eine Riesenaufgabe das war. Während des Studierens überfielen mich oft Zweifel und Ängste, ob ich ihr gewachsen sein würde. Doch hatte ich einen großartigen Helfer an Hans Schmidt, was die geistige Gestaltung dieser seinen Lieder betraf.

Getreulich standen mir auch meine Freundinnen zur Seite, mit denen ich regelmäßig arbeitete.

Es war eine wunderschöne Zeit. Unser ganzer Freundeskreis nahm mit regstem Interesse teil an der Sache, für die wir uns fast ein ganzes Jahr vorbereiteten. Ich ging nie spazieren, ohne meine Magelonen-Lieder bei mir zu haben, da ich beschlossen hatte, den ganzen Zyklus auswendig zu singen. Meine Bekannten behaupteten, ich wäre vollständig geistesabwesend, wenn ich ihnen begegnete; die Welt vom Grafen Peter und der schönen Magelone stand mir näher als das Leben, das mir auf den Straßen Rigas entgegentrat.

Endlich wagten wir uns an die Öffentlichkeit. Es war ein großes Fest, zu dem Freunde, Bekannte und Fernstehende sich im Schwarzhäuptersaal versammelt hatten.

Ein junger Freund, der leidenschaftlichen Anteil am Konzert nahm, hatte das Podium geschmückt. Die großen Kandelaber, die sonst beiseite standen, waren von ihren Hüllen befreit und brannten im Strahle vieler Kerzen. Lorbeerbäume standen schlank und dunkel zwischen ihnen und schlossen die Rückwand des Podiums ab.

Ganz frei von Angst, nur mit allen Fibern an meine Aufgabe denkend, betrat ich das Künstlerzimmer, wo Hans Schmidt, dieser beruhigende, immer gleichmäßig heitere Partner, mich schon erwartete. In diesem Konzert war es das erste- und einzigemal, daß seine Ruhe, die sich sonst auf mich übertrug, ihn verließ, und ich seine Nerven spürte.

Als ich an der geschlossenen Tür stand, die zum Konzertsaal führte, bereit auf das Podium zu treten, fuhr es ihm heraus: »Sie werden doch nicht auswendig singen? Das ist ja eine ganz unmögliche Aufgabe!« Es war einen Augenblick – einen kurzen Herzschlag lang – als wenn eine Ohnmacht über mich käme; der Boden schien zu schwanken. Ich hatte die Lieder seit Monaten nur auswendig gesungen. Jetzt die Texte in die Hand nehmen, bedeutete eine derartige Umstellung, daß ich absolut unfrei geworden wäre. Und doch nahm das Wort des sonst so beherrschten Freundes mir vorübergehend alle Sicherheit. Mit einem gewaltigen Entschluß straffte ich mich und sagte bebend: »Ich kann die Lieder nur auswendig singen.«

Hans Schmidt öffnete schweigend die Tür zum Konzertsaal, und ich betrat mit noch ein wenig zitternden Knien das Podium.

Schon beim ersten Vorspiel wurde ich ganz ruhig; es war eine zu gewohnte Welt, in die ich tauchte. Der verbindende Text wurde von einem jungen Schauspieler, Viktor Günther, schlicht und eindrucksvoll gesprochen.

Von spontanem Beifall unterbrochen, führten wir das Ganze durch, ohne Pause, bis zum Schluß. Als der Zyklus zu Ende war, umbrauste uns unendlicher, jubelnder Applaus, und in einem langen Zuge, der vom Podium bis zur Ausgangstür reichte, wurden uns dreien ungezählte Sträuße und Blumenkörbe überreicht. Wir standen schließlich auf dem Podium wie in einem Blumengarten. Das Künstlerzimmer wurde nicht leer von frohen, glückwünschenden Menschen. Ich aber stand unter ihnen mit einem seltsamen Gefühl der Ruhe, als hätte ich ein Ziel erreicht.

Ich dachte an mein erstes, verfehltes Konzert im Schwarzhäuptersaal: das war der Anfang – und dieses das Ende. Ich wußte es: das Ende meines künstlerischen Schaffens. Dieser Abend war ein Höhepunkt in meinem Leben und bedeutete zugleich einen Abschied vom Konzertpodium für mich. Ich gab mir selbst mein Wort darauf, daß es so sein sollte, und – ich habe mein Wort gehalten.

Noch einmal sang ich die »Magelone« in Dorpat. Dann schloß ich mit Konzerten für immer ab und lebte nur meiner pädagogischen Tätigkeit. Meine Liebe, mein ganzes Interesse gehörten von nun an ausschließlich meinen Schülern.

Eine große Freude wurde mir durch dieses Konzert noch zuteil. Das war die wunderbar seine Kritik unseres strengen Musikreferenten Alexander Staeger, eines großen Brahms-Kenners. Mich freute besonders die Art, wie er mein Singen charakterisierte: »Die Sängerin sang jedes Lied, als hätte sie es eben aus der Tiefe ihrer eigenen Seele geschaffen.«

Er hatte empfunden, wie verwachsen ich mit diesen Liedern war und wie ich sie vollständig zu meinem Eigentum gemacht hatte.

Wieder in Italien

Es gingen einige Jahre in schöner, reicher Arbeit und anregendem gesellschaftlichen Verkehr hin. Da erwachte die Sehnsucht nach Italien mit unüberwindlicher Stärke in mir.

Es ließ mir keine Ruhe: ich mußte Italien wiedersehen!

Meine Freunde behaupteten, ich nähme die unabweisbare Notwendigkeit eines Studiums immer zum Vorwand, um mit gutem Gewissen wieder in die weite Welt wandern zu können. Es war kein Vorwand, sondern in der Tat eine innere Notwendigkeit. Ich verausgabte mich in meinen Stunden und meinem Leben derartig, daß ich immer wieder Zeiten der Konzentration und des Aufnehmens brauchte, um in meiner Kunst etwas zu leisten.

Im Jahre 1899 wollten zwei meiner Schülerinnen zu Studienzwecken nach Italien, und ich begleitete sie auf ein halbes Jahr. Diesesmal sollte mein Weg mich nach Neapel zu Professor Carelli führen. Raimund Mühlen hatte bei ihm studiert und mit großer Anerkennung, ja Begeisterung, von ihm gesprochen. Er war eine Seltenheit unter den Italienern: nicht nur ein feiner Sänger und Gesangpädagoge, sondern auch Musikgelehrter.

Im August machte ich mich mit den beiden jungen Mädchen frohen Mutes auf den Weg. Es ging über Wien nach Italien.

Unsere erste Station war Florenz. Wie ein wunderbares Heimkommen war's, als ich die vertrauten Straßen betrat. In der alten Pension Banchi wurde ich mit stürmischer Herzlichkeit willkommen geheißen. Lebendig stand noch alles vor meiner Seele, jede Straße, jedes Haus grüßte mich traut und lieb; und das Wiedersehen mit den Lieblingen in den Galerien war wie das Wiederfinden von Lebendigen. Mir war's, als verstünde ich jetzt alles viel tiefer, viel besser, viel selbstverständlicher, als das erstemal.

Mit alter Herzlichkeit und Wärme empfingen mich die beiden Freundinnen Elly von Loudon und Frau Philippow. Nur über eins waren sie entrüstet: daß ich ohne meine Freundin Doris gekommen war, die sich unterdessen verheiratet hatte. Sie erzürnten sich darüber. »Dazu hat sie wahrhaftig ihre großen künstlerischen Gaben nicht erhalten,« meinten sie. – Wie freuten sich die beiden, mit denen ich schöne, angeregte Stunden verbrachte, als sie merkten, daß ich all die Jahre mit Italien im Herzen gelebt hatte.

Auch mir war das bisher gar nicht so zum Bewußtsein gekommen, und ich erkannte es jetzt erst ganz, als ich das gelobte Land wieder betrat. Ich wäre gern noch länger in Florenz geblieben, aber meine Schülerinnen drängten, denn sie sehnten sich nach ihrer Arbeit. Noch ein kurzer Aufenthalt in Rom – und dann ging's nach Neapel.

Wir lebten im Diakonissenhause bei den deutschen Schwestern und waren da unendlich liebevoll aufgenommen. Die guten Schwestern taten alles, um es uns heimisch und behaglich zu machen. Das Diakonissenhaus lag hoch am Arco de Mirelli. Ich hatte ein wunderschönes Zimmer mit einer Terrasse, von der aus man das Meer und am Horizont die Inseln Ischia und Capri überblickte. Links erhob sich der Vesuv, über dem immer eine kleine Rauchwolke schwebte, die in der Dunkelheit oft purpurn erglühte.

Zu meiner heimlichen Freude war Professor Carelli noch nicht von seiner Ferienreise heimgekehrt. Die freie Zeit beschlossen wir auszunutzen und eine kleine Reise zu machen.

Wir fuhren nach Pompeji. Und wieder umfing mich dort – wie vor vier Jahren schon – der ganze geheimnisvoll« Zauber, der tieftraurige, mit dem diese tote Stadt wohl jeden umgibt. Es ist ein Eindruck, der sich mit nichts sonst vergleichen läßt. – Wie es schien, waren wir die einzigen Besucher: niemand begegnete uns, und diese Todeseinsamkeit war überwältigend. Stundenlang wanderten wir so durch die Straßen mit ihren Schrittsteinen und dem Grase in den tiefen Wagenfurchen. Dann entließen wir unseren Führer und setzten uns auf die Stufen einer Treppe. Wie mochte hier alles ausgeschaut haben, als die Stadt noch lebte? Keine von uns mochte sprechen. Wie verzaubert wurde man in dieser stummen und doch so beredten Welt.

Da hörten wir plötzlich ein Schreien und Rufen. Es wurde lebendig um uns; Leute liefen an uns vorüber mit Zeichen der größten Aufregung. Sie schrien, riefen einander Unverständliches zu und winkten uns, ihnen zu folgen. Wir gingen ihnen nach und erfuhren bald den Grund der Erregung: es sei bei den Ausgrabungen eben ein kostbarer Gegenstand freigelegt worden; den müsse man sehen. Bald standen wir an der Stelle, auf welcher gearbeitet wurde. Wir blickten wie in ein geöffnetes Grab, auf dessen Grunde, zum Teil nur freigelegt, zum Teil noch mit der steinernen Erde verwachsen, ein wundervoller Dreifuß aus Metall lag. Es war ein erschütternder Anblick, als nun plötzlich dieses Kunstwerk, das zwei Jahrtausende still in der dunklen Erde geruht, im Tageslicht und in der strahlenden Sonne vor uns lag; und es schien, als hielte die Erde ihren Besitz noch fest, den man ihr nur in mühseligster Arbeit wieder entreißen sollte.

Von Pompeji reisten wir weiter über Amalfi und Sorrento nach Capri. Welch' eine Pracht der Färbe im Herbst! Welch' eine Glut der Sonne! In Capri wurde ich von allen wiedererkannt und mit italienischer Leidenschaft begrüßt. Die Kellner im Hotel Pagano, die Besitzerin des »Kater Hidigeigei«, eine alte Eseltreiberin, die mich Tarantella tanzen gelehrt hatte, alle taten sie, als hätten sie die Jahre nichts weiter getan, als auf mich gewartet.

Wir erlebten die zweite Myrtenblüte, und die Insel war weiß von blühenden Büschen. Jeder Tag schien ein Feiertag voll Schönheit und Frieden. Wieder war mir's in Capri, als fühlte ich mich im Vorhofe des Paradieses, losgelöst von allem Irdischen. Stundenlang lag ich in den blühenden Myrtenbüschen bei den Faraglionis, mit dem Blick auf das blaue, schimmernde Meer, über dessen Wasser weiße Möwen mit langsamem Flügelschlage dahinzogen. Wunderbar war's, die Tage so über sich hinfließen zu lassen und nichts als Schönheit in seine Seele aufzunehmen.

»Nichts zu forschen, nichts zu späh'n,
Und nur zu träumen, leis und lind.
Der Zeiten Wandel nicht zu sehn;
Zum zweiten Mal ein Kind.«

Aber meine beiden gewissenhaften Schülerinnen sehnten sich nach ihrer Arbeit und trieben zur Abreise. Und so löste ich mich schweren Herzens von diesem Paradiese. Ich werde es wohl nie wiedersehen.

Als wir in Neapel ankamen, erwartete Carelli uns schon, und wir begannen sofort mit den Stunden. Er war der vornehmste und gebildetste von meinen italienischen Lehrern; ganz hervorragend in seinen Kenntnissen. Alles, was er sagte, konnte er wissenschaftlich begründen und künstlerisch gestalten. Man hatte die Möglichkeit, sehr viel bei ihm zu lernen.

Amüsant erzählte er von Mühlen, wie er sich als unwissender Schüler bei ihm eingeführt hätte, mit der Behauptung, er könne nichts. »Ich ließ mich zuerst von ihm betrügen,« sagte Carelli lachend, »denn er stellte sich ganz unschuldig und ahnungslos. Aber er konnte doch sein großes Künstlertum nicht verbergen. Ich merkte bald, wen ich vor mir hatte, und daß es ein Meister war. Da habe ich mich geschämt, daß ein so Großer von mir lernen wollte. Er hat ganz großartig bei mir gearbeitet, obgleich ich nie das Gefühl los wurde, eigentlich sollte ich bei ihm in die Lehre gehen.«

Ich habe Carelli manches zu danken; aber auch er konnte mich nicht dauernd fesseln. Es war wieder wie vor vier Jahren. Italien erfüllte mich so vollständig, daß es mir gar keinen Raum ließ, mich ganz in mein Gesangstudium zu vertiefen. In all dem Großen, das ich erlebte, spielte die Musik wieder nur eine kleine Rolle.

Es war immer das »Klingen des Landes«, auf das meine Seele horchte. Im »Adoranten«, der mit seinen emporgehobenen Armen und mit der ganzen Gestalt dem Licht zustrebt, lag für mich mehr Musik, als in allen Rotolis und Tostis. Ich lernte auch diesesmal lieber von meinen Freunden, den Straßensängern, als in den Stunden, und wieder fühlte ich es: vom Volk muß man in Italien singen lernen. So bin ich denn Abend für Abend getreulich hinter den Sängern dreingezogen, wenn sie mit ihren Mandolinen singend durch die Straßen wanderten, oder ich stand in den Torbögen, wo zuweilen drei bis vier Männer sich zusammenfanden und ganze Szenen aus Opern vortrugen.

Ich hatte viele Freunde unter dem Volk: die kleinen Schuhputzer klopften grüßend mit ihren Bürsten auf das Pflaster, wenn ich mich ihnen näherte; und die Droschkenkutscher erboten sich schreiend und peitschenknallend, mich für eine ganz geringe Summe bis in die Heimat zu fahren! Wie liebte ich das Volk mit seiner steten Fröhlichkeit und Zufriedenheit, mit dem Kindersinn und der Spitzbubenseele!

Von Neapel aus habe ich den Vesuv erstiegen.

Mit einer Landsmännin, einer Estländerin, machten wir uns eines Morgens auf. Es wurde uns dringend abgeraten, diese Tour zu unternehmen: für Damen allein sei es viel zu anstrengend und auch gefährlich. Wir sollten uns der Reisegesellschaft von Cook anschließen, hieß es. Aber der Gedanke, mit einer Schar fremder, schaulustiger Menschen den Vesuv zu ersteigen, war so wenig lockend, daß wir trotz aller Warnungen beschlossen, uns allein auf den Weg zu machen.

Von Pompeji fuhren wir bis zu einem kleinen Städtchen, wo uns Reitpferde erwarteten. Es ging durch Weingärten, an kleinen Ortschaften vorüber, wo die Einwohner, vor ihren Haustüren sitzend, uns fröhlich winkten. Festlich schlang sich der Wein von Baum zu Baum; es sah aus, als seien uns lauter leuchtend rote Ehrenpforten gebaut.

Aber diese frohe Welt hörte bald auf. Alle Vegetation starb; graue Lavablöcke und schwarze Asche bedeckten unseren Weg. Leise legte sich ein Grauen auf die Seele; denn wie riesige Todesströme waren einst die schwarzen Lavamassen von oben heruntergeflossen und dann erstarrt. Immer steiler wurde der Weg und so schmal wie ein kleiner Fußpfad, den die Pferde keuchend hinaufkrochen. Zuletzt ging es nicht weiter; wir mußten absteigen und noch anderthalb Stunden zu Fuß wandern.

Eine Schar von Männern erwartete und umringte uns sofort mit wildem Geschrei. Sie erboten sich zu allen Diensten. Vier Männer wollten uns in einem Tragsessel tragen, andere an Stricken heraufziehen, wieder andere uns hinaufstoßen. Einer vermaß sich sogar, mich auf seinen Schultern hinaufzuschleppen. Wir wiesen alle ab und begannen allein zu steigen, von der ganzen Schar begleitet, die uns einen schnellen Tod prophezeite, wenn wir ihre Hilfe nicht annähmen.

Nach einigen Minuten wurde ich schwankend. Man versank tief in der heißen Asche, und der Gipfel war noch so weit! Ein dunkler Italiener mit blitzenden Augen hatte mich durchschaut und ehe ich mich dessen versah, hatte ich eine Schlinge um die Hand, die er fest zuzog und an der er mich emporzerrte. Ich fühlte die Hilfe sofort und ließ mich erweichen, ihn mit seiner Schlinge zusammen anzunehmen. Eine ganze Strecke zog die Schar noch mit uns empor, uns mit einem Strom von Worten überschüttend. Sie hofften immer noch, daß ich mich von ihnen tragen lassen würde. Plötzlich, nach Italiener Art, wurden sie uns überdrüssig und verließen uns.

Nun blieben wir allein mit unseren zwei Führern, allein in dem großen Todesschweigen um uns. Kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm, keine Menschenstimme, kein Vogelruf weit und breit. Alles schwarz, schweigend – tot. Und über diesem großen Grabe der italienische, leuchtend blaue Himmel und die strahlende Sonne. Und wenn wir uns umwandten, erblickten wir tief unten, in wunderbaren Farben den Golf, das Meer, Neapel, Ischia und Capri, eine andere Welt. Langsam, langsam klommen wir weiter in tiefem Schweigen.

Da plötzlich ein Donnern und Krachen, dumpf und unheimlich aus der Tiefe der Erde kommend: wir näherten uns dem Gipfel. Ein erstickender Schwefelgeruch machte uns das Atmen schwer. Rund um uns her quollen glühende Dämpfe aus Erdlöchern und Spalten. Fest packten uns unsere Führer an den Armen. Jetzt standen wir nur wenige Schritte vom Kraterrand und schauten hinunter in kohlschwarze, zerrissene Felsenspalten voll Rauch und Dampf.

Ein Windzug trieb den Rauch fort, und wir sahen einen Augenblick in das Innere der Erde. Und dann quoll es herauf: zischend, donnernd, heulend. Dampf, Rauch, glühende Steine emporschleudernd. Ströme kochenden Wassers stiegen gleich Fontänen hoch in die Lüfte und sanken dann zischend und rauschend auf die Felsen herab.

Mir zitterten die Knie, so überwältigend war der Anblick, so grauenhaft, so gewaltig. »Das ist die Küche des Teufels; hier kocht er,« sagte mein Führer. Es zwang mich in die Kniee vor diesem Anblick, und ich glaube, ich wäre umgesunken, hätte mein Führer mich nicht fest am Arm gehalten.

»Nun müssen wir umkehren, die Signorina ist schon ganz bleich,« sagte er. Wir machten uns auf den Rückweg. Welch anderes Bild, das sich nun zu unseren Füßen ausbreitete! Aber all diese leuchtende Schönheit konnte jeden Augenblick von den dunklen, in der Tiefe arbeitenden Gewalten ausgelöscht und vernichtet werden!

Der Rückweg war in kürzester Zeit gemacht, denn man sprang, vom Führer am Arm gehalten, in großen Sätzen hinab. Unten erwarteten uns unsere Reitpferde, die uns nach Pompeji brachten.

Als wir abends bei unseren lieben »Schwestern« waren und den Tag überdachten, sagten wir uns beide, daß die Vesuvbesteigung einer der größten und tiefsten Eindrücke unseres Lebens bleiben würde.

Dann zog es mich unaufhaltsam nach Rom, wo ich mehrere Wochen bei Freunden lebte: es waren estländische Aristokraten, kluge, originelle Menschen, die schon vor 30 Jahren nach Rom gezogen waren und mit warmer Heimatliebe und Baltentreue die schönen Seiten italienischer Art verbanden. Sie waren in Italien so originell geworden, daß ich ihnen lachend sagte: »Ihr könnt nur noch hier leben; anderswo paßt ihr nicht hin.« In den Italienern liegt ein großer Respekt vor fremder Eigenart. Sie lassen einen vollständig gewähren in köstlicher Freiheit. »Leben und leben lassen« scheint ihre Devise zu sein.

Die Freunde planten, mich ganz an Rom zu fesseln. Aber – die Heimat verlassen! – ach nein, dazu konnte mich nicht einmal Rom bewegen. Ich feierte Weihnachten mit ihnen und zog dann langsam und widerstrebend über die Alpen heim. Italien ist die Sehnsucht meines Lebens geblieben.

Einmal führte mich noch mein Weg bis Venedig, es waren nur wenige Tage, die ich hier verbrachte. Aber immer wieder hat Italien mir die Empfindung gegeben, als wenn dort – wie sonst nirgendwo in der Welt – der eine Teil meiner Seele seine ureigenste Heimat hätte.

 

Italien hatte mir wieder so viel Helligkeit und Freude ins Herz gebracht, daß sie noch lange vorhielten für das Leben und für die Arbeit. Da ich meine Wohnung auf ein ganzes Jahr vermietet hatte, nahmen meine Freundinnen, Gertrud und Nina Tode mich für den Rest der Zeit bei sich auf. Wir führten ein schönes, angeregtes Leben miteinander, und das Mitgehen und Verstehen dieser beiden Treuesten der Treuen half mir, die Lasten, die mein Leben nun mit sich brachte, leichter zu tragen.

Meine einzige Schwester, an der ich mit großer Liebe hing, lag schwerkrank in einer Nervenanstalt. Unser Musikleben war gespalten und unharmonisch durch eine große Feindschaft, die sich aus einem Teil der Musiker und des Publikums heraus gegen Hans Schmidt richtete. Wohl war es schön, dem Freunde, dem man so viel zu danken hatte, zur Seite stehen zu können, bis die Stürme sich wieder legten; aber das frohe Miteinanderarbeiten, das unseren Kollegenkreis ausgezeichnet hatte, lag unter einem starken, schweren Druck.

In dieser Zeit wurde ich zur Präsidentin des Crescendo-Vereins gewählt, welchen Posten Annie Sokolowski mehrere Jahre bekleidet hatte. Es war keine leichte Zeit für unseren Verein, den viele gern vernichtet hätten. Aber es gelang uns mit Hilfe mancher Freunde, durch alle Sturmeswogen ihn doch hindurchzuretten. Er stand – vielleicht gerade weil er kämpfen mußte – besonders hoch in seinen künstlerischen Leistungen, und das Konzert, welches wir trotz vieler Hindernisse im Frühling durchsetzten, gehört mit zu den besten, die wir jemals gegeben hatten.

Stunden habe ich immer mehr gehabt, als ich eigentlich geben konnte. Mein eigenes Singen hatte sehr durch die italienische Schulung gewonnen, aber die Ansprüche, die ich an mich stellte, waren auch wieder gewachsen; und je weiter ich kam, desto mehr fühlte ich, daß mir die technische Hauptsache, die richtige Behandlung des Atems fehlte. Keine meiner Schülerinnen hatte eine gute Atemtechnik. Ein Gefühl der Unwahrhaftigkeit beim Lehren bedrückte mich daher oft sehr.

1903 im Frühling starb meine Schwester, und nach ihrem Tode schien mir's, als hätte mein Leben und Arbeiten keinen Inhalt mehr. Sollte es nun so weiter gehen, Semester für Semester, Jahr für Jahr?

Da, im Frühling 1904, bekam ich einen Brief von Mühlen, in dem folgendes Erstaunliche zu lesen war: »Nun fühle ich mich so weit, daß ich zu unterrichten wage. Ich will im kleinsten Rahmen, im kleinen Schloß in Fellin, einen Gesangkursus beginnen. Ich komme mit einigen Ausländern dazu. Mit wieviel Schülern kommen Sie? Und sind Sie überhaupt dabei?«

Ich hatte in dieser Zeit der Niedergeschlagenheit ernstlich erwogen, ob ich nicht meinen ganzen Beruf aufgeben und einen anderen ergreifen solle. Ich dachte an soziale Arbeit. Mein Beruf machte mir wieder einmal keine Freude mehr.

In diese Stimmung hinein kam Mühlens Anerbieten. Ja, das war ein Weg, war eine Rettung! Ich sollte mit dem großen Künstler und genialen Menschen nun eine gemeinsame Arbeit haben, ich sollte bei ihm lernen dürfen! Wie anders sah plötzlich das ganze Berufsleben aus.

In einem kurzen Brief sprach ich ihm meine volle Begeisterung für seinen Plan aus. Anfang Juli sollte unsere Arbeit beginnen.

Von den Kolleginnen, die ich in Mühlens Namen zur Teilnahme an den Kursen aufforderte, bekam ich – wenn überhaupt – nur ablehnende Antworten.

Nur meine jungen Kolleginnen, die früher meine Schülerinnen gewesen waren, scharten sich mit Begeisterung um meine Fahne, und froh und wohlgemut zogen wir Anfang Juli in das kleine Städtchen Fellin ein.

Raimund Mühlens Ferienkurse

Fellin I

Mühlen hatte folgenden Plan: wir Schüler sollten in der Stadt in verschiedenen Familien als Pensionäre verteilt werden. Seine Stunden wollte er im alten Schloß geben. Auf der einen Seite des Hauses lebte seine Mutter, auf der anderen er selbst.

Auf Mühlens Bitte sorgte ich schon vorher für eine Begleiterin, und meine Cousine Aline Müller hatte dieses Amt übernommen.

Bei unserer Ankunft empfing uns die Nachricht, daß Mühlens Mutter eben gestorben sei. Sein Schmerz über diesen Verlust war tief und stark. Seine Mutter war der feste Punkt in seinem ruhelosen Leben gewesen, der Inbegriff der Heimat für ihn. Nun war das alles zu Ende. »Jetzt bin ich niemands Kind mehr,« sagte er mir traurig beim Wiedersehen. »Wer fragt jetzt nach mir, wie nur eine Mutter fragt? Nun hilft nichts über diesen Schmerz als eine starke Arbeit. Sie müssen mir dabei helfen.«

Die Beerdigung war vorüber; die Schüler warteten auf den Beginn der Arbeit. Da kam Mühlen mit dem Vorschlag zu mir, ich möchte mit der Begleiterin zu ihm ziehen und für die Zeit des Kurses ganz bei ihm leben. Ich sagte mit Freuden zu, und so siedelten wir noch an demselben Tage über.

Es war ein zauberhafter Aufenthalt im »alten Schloß«, das ganz außerhalb der Stadt, fast in den Ruinen der alten Ordensburg lag. Nach wenigen Schritten stand man auf der Höhe der früheren Bastion; die einstigen Schloßgräben bildeten dicht verwachsene Schluchten, und von den Wällen hatte man einen wundervollen Blick weit über den Felliner See.

Seinen Namen trug das Wohnhaus mit Unrecht; denn nichts Schloßähnliches konnte es aufweisen. Es war ein langgestrecktes Holzhaus, dicht von wildem Wein überwuchert, der bis aufs Dach hinaufkletterte. Doch lag es da, vornehm, still und grün in seiner schattenreichen, etwas verwilderten Umgebung, mit seinem Rasenplatz und seinen wunderbaren, bunten Blumenbeeten, daß man immer ein Gefühl der Feierlichkeit hatte, wenn man von der Straße in die Abgeschlossenheit dieses Heims trat. Es war eine Welt der Schönheit, die uns dort umfing.

Die vielen Zimmer hatte Mühlen mit erlesenem Geschmack eingerichtet, aus Deutschland und England die passendsten Möbel, die schönsten Kunstwerke zusammengeholt. Jedes Stück im Hause war wertvoll. Mit feinstem Künstlersinn waren die Farben der Möbel, Teppiche und Vorhänge ausgesucht. Überall gab es lauschige Plätzchen, weiche Lehnstühle mit hellen Seidenkissen. Auf allen Tischen und Borten standen edel geschliffene Kristallschalen und Gläser voller Blumen.

Meine Cousine und ich bekamen drei Zimmer mit einem eigenen Klavier. Wir getrauten uns kaum, die herrlichen Samtsofas zu benutzen, unsere bescheidene Toilette in den schönen Mahagonischränken unterzubringen.

Hier kann es ja gar kein Alltags- und Arbeitsleben geben; in dieser Umgebung ist immer Feiertag. Mühlen war der liebenswürdigste Hausherr. Man fühlte sich wie von weiblicher Hand umsorgt und umhegt. Man kam nicht dazu, etwas zu wünschen; alle Wünsche waren vorbedacht und erfüllt.

Am nächsten Morgen sollte die Arbeit beginnen. Ich wachte ganz früh auf; die Unruhe ließ mich nicht schlafen. Ungesehen verließ ich das Haus und wanderte in den goldenen Sommermorgen hinaus. Mein Herz war voll Dank und voller Vorfreude. Wie wunderbar war's doch, daß Träume in Erfüllung gingen! Sechs Wochen schöner Arbeit lagen vor mir mit dem Künstler, den ich verehrte und liebte, dessen hohem Flug ich seit Jahren gefolgt war. Der sollte nun mein Lehrer sein! Ich fühlte, daß ich auf einem Höhepunkt meines Lebens stand. Nun sah ich einen Weg vor mir in meiner Arbeit, die ich wieder lieben würde; das wußte ich.

Frohen Herzens kehrte ich heim. Auch Mühlen war in einer gewissen feierlichen Erregung. Auch für ihn war es ein neuer Abschnitt in seinem Leben; denn der Gedanke hatte in ihm Gestalt gewonnen, seine Künstlerlaufbahn aufzugeben und eine Lehrtätigkeit zu beginnen.

Es waren acht Schüler, mit denen er den Anfang machte. Wir hatten uns im Musikzimmer versammelt, und jede hielt ihre Notenmappe in etwas zitternden Händen. Mühlen trat plötzlich unter uns mit seinem schnellen, elastischen Schritt. Sein scharfer, kluger Blick umfaßte die kleine Versammlung. Dann setzte er sich an den Flügel neben die Begleiterin und rief in kurzem Ton: »Wer fängt an?« Alle sahen sich erschrocken an, keine wollte beginnen.

Da erhob ich mich. »Ich will es tun.« – »Was wollen Sie bei mir lernen? Wo fehlt es Ihnen?« fragte er. »Ich will atmen lernen,« sagte ich, »ich verstehe nicht zu atmen. Je länger ich singe, desto bewußter wird mir dieser Mangel.« Ein Lächeln glitt plötzlich hell über seine gespannten Züge. Ich sang einige Lieder von Brahms. Als ich geendet, sagte er nichts weiter, als: »Ihnen werde ich helfen.«

Nun war der Bann gebrochen. Eine Schülerin nach der andern sang ihm vor, und jede bekam eine kurze, sachliche Kritik, kein Lob, keinen Tadel.

Als wir alle unser Examen beendet hatten und wartend auf unseren Plätzen saßen, erhob sich Mühlen langsam: »Ich kann euch allen helfen,« sagte er gütig, »den einen viel, den anderen vielleicht weniger. Aber helfen kann ich euch. Ich sehe für jeden einen Weg. – Und nun wollen wir arbeiten.«

Ich hatte immer geglaubt, Mühlen müßte sehr ungeduldig als Lehrer sein. Weil er selbst so rasch war und immer flog, dachte ich, das langsame Klettern und Wandern seiner Schüler müßte ihm schwer zu ertragen sein. Aber in all den Jahren, in denen ich mit ihm arbeitete und bei Hunderten von Schülern hospitierte, habe ich nie ein heftiges oder unfreundliches Wort ihnen gegenüber von Mühlen gehört.

In dieser ersten Stunde schon bekamen wir einen Begriff, wie der Atem zu handhaben wäre, welch eine Rolle das Zwerchfell dabei spielte, und was für eine Bedeutung das Benutzen der oberen Resonnanzräume für das Singen habe. – Wir umstanden ihn, er lehrte uns und hielt uns alle in Atem. Jede einzelne fühlte sich ganz persönlich angefaßt und geführt. Eine merkwürdige Kraft, die eine intensive Konzentration in den Schülern erzeugte, ging von ihm aus.

So arbeiteten wir zwei Stunden ohne Pause. Dann rief Mühlen plötzlich: »Jetzt kommt eine Zwischenstunde, und wir frühstücken miteinander.« Er ging eilig voran ins Speisezimmer, wo ein köstlicher Frühstückstisch gedeckt war. Die Aufregung und Spannung hatte uns alle hungrig gemacht. Man aß und trank, sprach und lachte; und Mühlen war immer mitten unter uns, der fröhlichste und angeregteste.

Nach etwa einer halben Stunde erhob er sich: »Kommt noch einmal alle ins Musikzimmer; ich will jeden einzelnen überhören. Was habt ihr behalten?« – Er entließ uns befriedigt.

Das war der Anfang einer wunderbaren Lernzeit.

Am dritten Tage sagte Mühlen beim Morgenkaffee zu mir: »Von heute an sind Sie meine Gehilfin und arbeiten mit mir gemeinsam.« Ich erschrak. »Das kann ich gar nicht,« rief ich ganz unglücklich, »ich habe ja noch selbst keinen Überblick und bin mir über das, was Sie wollen, gar nicht im klaren. Wie soll ich Ihre Gehilfin sein? Lassen Sie mir wenigstens vierzehn Tage Zeit!« »Sie können es,« sagte er ruhig. »Was Ihnen fehlt, werden Sie beim Lehren lernen.«

Er hatte recht. Kopfüber stürzte er mich in die Arbeit, hielt aber dabei meine Hand fest als starker Führer. Ich fand mich sehr bald auf dem neuen Wege zurecht; denn was er lehrte, war einleuchtend und auf Naturgesetzen aufgebaut. Er verlangte eine absolute Konzentration, nicht nur in den Stunden, sondern auch beim Üben. »Zehn Minuten bewußt, konzentriert geübt, ist mehr wert, als eine ganze Stunde mechanischer Arbeit.« Immer sollten wir bewußt die einzelnen Muskelgruppen arbeiten lassen, aber als letzte Kontrolle stets das eigene Ohr zu Rate ziehen.

»Hört euch selbst zu; singt nie drauf los!« sagte er immer wieder.

Er hat seine Schule späterhin weiter ausgebaut; aber in den Grundzügen blieb sie genau dieselbe, wie er sie uns in diesem ersten Sommer lehrte. Er kannte ungezählte Hilfsmittel und erfand Bilder, die einem auf diesem Wege weiterhalfen. Manche Vergleiche, manche Bilder haben sich mir so tief eingeprägt, daß ich sie jetzt noch in meinen Stunden benütze.

Mühlen hatte Klassenunterricht eingeführt; denn die Schüler sollten voneinander lernen. Ich war atemlos beschäftigt, nicht nur mit meinem eigenen Singen; jede einzelne Schülerin wurde mir anvertraut. Mitten in der Stunde übergab Mühlen mir die eine oder andere, mit der ich in mein Musikzimmer gehen und sie die aufgegebenen Übungen unter meiner Aufsicht machen lassen mußte. Man arbeitete mit heiligem Ernst und glühendem Eifer.

Das ganze kleine Städtchen stand unter dem Zeichen der Mühlenschen Stunden. Aus den Häusern erklangen die Übungen, die er für jeden einzelnen Schüler besonders erfand.

In den Freistunden gab es viel Scherz und Fröhlichkeit. Jeden Tag wurde ein größerer Spaziergang von sämtlichen Schülern unternommen und häufig dabei gesungen. Sehr hübsch klangen die technischen Übungen, die von einigen Talentvollen zweistimmig gesetzt worden waren. Am Sonntag gab es Ausflüge in die reizvolle Umgegend, und der Jubel war groß, wenn Mühlen unerwartet unter uns erschien.

Zu allen Tageszeiten zog er Schüler in sein Haus. Für diese war es natürlich nicht nur von größtem Interesse, sondern auch sehr fördernd, an seiner lebensvollen, meist künstlerische Fragen berührenden Unterhaltung teilnehmen zu können. Er hatte seine ganz eigene Ausdrucksweise, zuweilen sehr derb und drastisch, aber immer amüsant; seine Vergleiche waren stets treffend, seine Bilder einleuchtend.

Das Schönste für mich aber waren die Abendstunden, in denen er mit mir jede einzelne Schülerin besprach mit ihren Fehlern und den Hoffnungen, die er auf sie setzte.

Dann ging ihm das Herz auf, und er erzählte von seinen Studien, seinen Kämpfen. Welch eine Fülle überströmte einen, wenn er über seine künstlerischen Erfahrungen, die großen Gesetze der Kunst und Ästhetik redete, und den Weg schilderte, der ihn zu all diesen Erkenntnissen geführt hatte!

Er erzählte auch wunderbar von den großen Künstlern, die er gekannt: mit Jenny Lind hatte er verkehrt, mit Clara Schumann jahrelang musiziert. Auch mit Brahms war er immer wieder in Berührung gekommen. In seinem Herzen hatte er aufbewahrt, was er von ihnen gelernt.

Als ein Glück sah er es an, alle seine großen technischen und künstlerischen Erfahrungen seinen Schülern weitergeben zu können. Noch war es nur ein kleines Häuflein, das bei ihm lernte Aber er wußte ja, bei aller künstlerischen Bescheidenheit, daß er einmal als Lehrer zu den Größten gehören würde. –

Eine Singstunde

Es ist Abend. Das Dunkel eines frühen Herbsttages liegt über dem »alten Schloß«. Der Regen strömt herab und man hört sein eintöniges Rauschen. Dazwischen faßt der Wind die Ranken des welken Weinlaubes und schlägt sie gegen die Fenster. Es ist, als klopfte jemand mit leisem Finger an die Scheiben.

Drinnen aber ist's behaglich. Im weißen Kachelofen brennen, dem kühlen Herbsttag zu Ehren, große Birkenscheite. Eine Lampe mit gelbem Schirm verbreitet ein gedämpftes Licht.

Das Feuer im Ofen flammt hell auf und läßt die Farben der Decken und lichten Seidenkissen auf den Tischen und Sofas aus dem Dunkel aufleuchten. Zuweilen tritt im unbestimmten Licht phantastisch die Gestalt des »Adoranten« hervor, der, seine Arme in nie endendem, sehnsüchtigem Flehen emporstreckt.

Ich stehe am Flügel und habe eine Singstunde. Brahms' »Regenlied« ist aufgeschlagen. Die Pianistin beginnt mit dem Vorspiel. Mir gegenüber, tief in einen Lehnstuhl zurückgelehnt, sitzt Mühlen.

»Walle Regen, walle nieder,
Wecke mir die Träume wieder,
Die ich in der Kindheit träumte,
Wenn das Naß im Sande schäumte.«

Ich lasse mich ganz von der Traurigkeit des Herbstabends erfassen, die mich weitab von dem führt, was Dichter und Komponist wollen. Es ist für mich ein Lied unerfüllbarer Sehnsucht geworden.

Mühlen horcht mit intensiver Aufmerksamkeit; sein Gesicht ist wie aus Erz: unbeweglich und gespannt. Ich habe geendet, und es herrscht einen Augenblick Schweigen.

Er schüttelt seinen Kopf, erhebt sich und geht im Zimmer auf und nieder. Endlich bleibt er stehen und spricht: »Ich muß mich von dem Eindruck Ihrer Auffassung frei machen. Er war stark, Ihre Auffassung aber nicht richtig. Künstlerisch war es, wie Sie die Stimmung durchgeführt haben, unkünstlerisch, wie Sie Ihre eigene, subjektive Empfindung ins Lied drängten und Brahms und Klaus Groth auslöschten. Das darf nicht sein. Sie müssen auf den Herzschlag des Dichters und Komponisten lauschen. Die Erinnerungen führen in die Kinderzeit zurück, und sie sind licht.«

»Es ist heute solch ein dunkler Herbstabend,« sage ich, »der Regen rauscht so traurig, die Kinderzeit liegt weit zurück und kommt nie wieder. Nur die Sehnsucht bleibt.«

»Kindheitserinnerungen sind immer hell und froh,« sagt Mühlen, »und wenn man in diese Welt hinabtaucht, lächelt man. Brahms und Klaus Groth haben jedenfalls dabei gelächelt.«

Er gibt der Begleiterin ein Zeichen. Sie beginnt das Vorspiel von neuem und Mühlen fängt an zu singen. Er singt, wie er im Wandern mitten im Zimmer stehen geblieben ist, das ganze Lied und führt einen ins sonnige Kinderland. Wohl rieselt der Regen, wohl wacht die Sehnsucht auf, aber alles tritt zurück vor dem Glück der Erinnerung, die mit goldnen Lichtern malt.

»Welche Wonne, in dem Fließen
Dann zu steh'n mit nackten Füßen.
An dem Grase hinzustreifen,
Und den Schaum mit Händen greifen.«

Wohl spannt die Sehnsucht in diesem Liebe ihre Flügel:

»Möchte ihnen wieder lauschen,
Ihrem süßen, feuchten Rauschen.«

Aber sie weckt ein Lächeln und keine Trauer. Man war ja im Paradiese.

Er hat geendet, sieht zu mir hinüber und lächelt: »Hab ich nicht recht?«

»Wie immer,« ist meine Antwort. –

Dieser erste Sommer der Gesangkurse Mühlens gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. Froher, begeisterter habe ich nie gearbeitet. Und ich glaube, auch Mühlen denkt gern an diese Zeit zurück.

Noch jetzt nach vielen Jahren, ist es ein besonderes Band, das mich mit den Schülern jenes ersten Ferienkursus' verbindet.

Nach sechswöchentlicher Arbeit schloß Mühlen seine Stunden, mit der schönen Aussicht, sie im kommenden Jahr wieder aufzunehmen.

Wir fuhren alle zusammen nach Riga, von wo aus Mühlen weiter nach London ging, das nun sein Arbeitsfeld werden sollte.

–Mein Semester begann. Die ersten Wochen richtete ich meinen Unterricht ganz nach dem Muster der Mühlenschen Kurse ein, gab zuerst nur Klassenunterricht, um meine Schülerinnen in die neue Art der Arbeit gemeinsam einzuführen, und arbeitete den ganzen Vormittag mit ihnen allen. Nach einigen Wochen kehrte ich zu meinen Privatstunden zurück.

Ich hielt in Mitau in einer musikpädagogischen Versammlung einen Vortrag über die Mühlensche Gesangtechnik. Ich demonstrierte sie an einigen Schülern, die ich mitgenommen hatte. Leider erreichte ich mit diesem Vortrag nicht viel, es fehlte wohl an gutem Willen unter meinen speziellen Kollegen und beim Publikum.

Ich war trotz alledem sehr glücklich in meiner Arbeit. Der Weg, den ich mein Leben lang bei ungezählten Lehrern vergebens gesucht hatte, den hatte ich nun gefunden. Neu für mich war die Atemtechnik, das andere, was Mühlen uns auf diesem Wege lehrte, war alles praktisch, natürlich, zusammengefaßt und einleuchtend, wunderbar einheitlich von dem einen Punkt der Atemtechnik ausgehend, so daß ich beim Unterrichten eine Freude empfand, wie ich sie bisher bei meiner Arbeit nie gehabt hatte. Und diese Freude teilte sich allen meinen Schülern mit.

In reicher Arbeit ging der Winter hin. Manchmal faßte mich ein Schmerz, wenn ich an die Irrwege dachte, die ich mit meiner Stimme gegangen war. Wie mühsam oft die Arbeit gewesen war, die so einfach hätte sein können! Und doch hatten die Irrwege auch ihr Gutes gehabt, ich hatte viel auf ihnen gelernt, und all das kam nun meinen Schülern zugut.

Fellin II

Der Sommer 1905 kam heran. Außer den alten Schülern, die sich wieder um Mühlen versammelten, war eine Anzahl neuer gekommen, darunter auch Ausländer. Die eine von ihnen, eine Schwäbin, Adel Lang, war auf sehr eigentümliche Art nach Fellin gelangt.

Ehe von den Mühlenschen Kursen in Fellin noch die Rede war, hatte ich einmal meine Verwandten, die Eltern des Dichters Hermann Hesse, in Württemberg besucht. Ich traf dort eine Freundin meiner Nichten, die bei ihnen als Gast einige Tage verbrachte. Da sie still und scheu war, hatten wir uns nicht weiter berührt.

Eines Nachmittags hatte ich viel vorgesungen. Als ich abends zufälligerweise in das Zimmer meiner Nichten kam, sah ich ihren jungen Gast am Bügelbrett stehen. Sie arbeitete aber nicht, sie hatte beide Arme aufs Bügelbrett gestützt und weinte herzbrechend. Sie hatte mich nicht bemerkt, erschrocken zog ich mich zurück. Als ich später meine Nichte sah, stand ich noch so unter dem Eindruck dieses Schmerzes, dessen Zeuge ich ungewollt gewesen war, daß ich sie fragte:

»Weißt du, warum das junge Mädchen so geweint hat?«

»Ich weiß es wohl,« war die Antwort. »Dein Singen hat sie traurig gemacht. Sie ist Gesanglehrerin und hat eine schlechte Schule gehabt, die ihre Stimme verdorben hat. Sie möchte so gerne weiterkommen und was lernen, um mit gutem Gewissen lehren zu können, aber sie hat kein Geld zum Studium. Ihr Vater ist tot und sie muß für ihre Mutter und ihre Geschwister mitsorgen, und es ist vollständig aussichtslos für sie, weiterzustudieren.«

Wie fühlte ich ihren Schmerz nach, wie kannte ich ihn aus meinem eigensten Erleben!

Nach dem ersten Felliner Gesangkursus tauchte plötzlich die Gestalt des jungen, weinenden Mädchens vor mir auf. Ich hatte ihren Namen vergessen, aber nicht ihr Herzeleid. Immer wieder sah ich sie am Bügelbrett stehen, das Gesicht in den Händen vergraben, von Schluchzen geschüttelt.

Als Mühlens zweiter Kursus beginnen sollte, schrieb ich meinen Nichten, schilderte unsere Arbeit, die unbeschreibliche Hilfe, die ich durch Mühlens genialen Unterricht gehabt und schloß energisch damit, daß eine Möglichkeit geschafft werden müßte, ihre Freundin an den Kursen teilnehmen zu lassen. Der Brief schlug wie ein Blitz bei ihnen ein. Die Mittel wurden geschafft; und als ich zum zweiten Kursus in Fellin eingezogen war, stand die junge Schwäbin eines Tages vor mir mit strahlenden Augen.

Das war der Anfang eines reichen, schönen Weges für sie. Jahr für Jahr konnte sie es möglich machen, die Mühlenschen Kurse zu besuchen; Adel Lang gehörte zu dem »eisernen Bestande«. Sie ist eine der ersten Gesanglehrerinnen Stuttgarts geworden, denn ihre pädagogische Begabung war hervorragend.

Wir haben seitdem in treuer Freundschaft zusammengehalten, sie gehört zu meinen besten und treuesten Freunden.

Die zweite, die mir in dem Kreise persönlich nahe trat, war eine Engländerin, Edith Wehner, eine entzückende Persönlichkeit, mit der mich bald eine warme Freundschaft verband. Ihre eigenartige Erscheinung, ihre edle Stimme mit dem traurigen Klang wurden viel bewundert.

Ich hatte im Laufe des Jahres öfters mit Mühlen Briefe gewechselt. Er hatte in London zu unterrichten begonnen und ließ mich getreulich an allen Erfahrungen teilnehmen, die er machte.

Ich fand seinen Unterricht im zweiten Sommer noch praktischer und vereinfachter als im ersten. Vieles, was damals Theorie war, hatte sich bei ihm in praktische Erfahrungen umgewandelt. Die alte Begeisterung und Freude aber war geblieben. In meine Hand hatte er wieder die Leitung der Kurse gelegt, ich mußte für die Stundenpläne sorgen und hatte die Schüler vorzubereiten. Wir hielten alle treulich zusammen, halfen einander, und allen voran ging unser lieber Meister. Man konnte bei Mühlen arbeiten lernen. Verschwenderisch schüttete er seine Reichtümer über uns aus. Es war eine großartige Intensität, mit der er Stunden gab, aber dieselbe intensive Art zu arbeiten, verlangte er auch von seinen Schülern.

»Ihr müßt nach der Stunde so müde sein, daß ihr euch wie ein Stück Wäsche über das Seil hängen möchtet,« und:

»Man darf nie sagen: ach, das kann ich nicht, denn bei mir gibt es kein Aufgeben der Schwierigkeiten.«

Das Schöne aber war, daß man sich in seinem Kampf und seiner Arbeit nie allein fühlte, immer stand er einem zur Seite als Führer und Helfer. Er forderte viel von uns, schwach und mutlos durfte man sich nicht zeigen. Er wies uns die Ziele und verlangte, daß wir mutig und ehrlich den Hindernissen entgegen gingen, die uns vom Ziele trennten.

»Ich kenne keine Auswege, nur Wege,« sagte er, »und lieber fallt zehnmal auf dem richtigen Wege, als daß ihr Nebenwege einschlagt, die in die Irre führen.«

Er stellte die Arbeit unendlich hoch, Talent ohne Fleiß achtete er wenig. Er hatte eine wunderbare Art, einen zu ermutigen. »Man darf nie denken, daß mißglückte Proben keinen Gewinn bringen. Nichts, was man an Arbeit geleistet hat, geht verloren; erntet man auch nicht gleich, einmal erntet man doch.«

»Ihr müßt die Goldkörner, die ich auf den Boden werfe, sofort aufnehmen und in eurem Kropf verwahren, auch wenn ihr sie nicht gleich verdauen könnt,« sagte er einmal.

Alles mußte bei ihm scharf umgrenzt, klar und bewußt hingestellt werden. Die einzigen Male, wo ich eine leise Ungeduld in seinem Wesen empfand, war es Schülern gegenüber, die weinerlich oder mutlos in den Stunden waren. Man konnte ruhig etwas falsch machen, das korrigierte er mit größter Geduld, nur schlaff und unbestimmt durfte man nicht sein. Unpräzise Konsonanten verglich er mit Kleidungsstücken, die im Regen gehangen und bei denen die Farben ausgewaschen seien.

In der Zeit, als ich bei Mühlen arbeitete, erhielt ich einen Brief von der Van-Zanten mit der Bitte, ihr für ein gesangpädagogisches Blatt, das sie herausgab, einen Beitrag zu liefern. Und zwar wünschte sie einen Bericht über die Mühlensche Gesangmethode. Als ich Mühlen diesen Brief vorlegte, sagte er sofort:

»Das darf unter keinen Umständen geschehen. Eine Gesangmethode ist etwas Flüssiges und immerfort wieder Neuwerdendes. Man darf sie nicht annageln, sonst verurteilt man sie zum Tode.«

Er, der immer weiter Arbeitende und rastlos Strebende, vertrat Schumanns Ausspruch in seinem Künstlerleben: »Es ist des Lernens kein Ende.« Und zu diesem »Lernen ohne Ende« erzog er seine Schüler. »Kein Künstler, kein Lehrer ist so groß, daß er jemals ausgelernt haben könnte,« waren seine Worte. »Man muß sich immer wieder unter die Kritik eines anderen stellen. Dabei braucht der andere gar nicht ein größerer Künstler oder Lehrer zu sein als man selbst ist. Er muß nur wache Ohren haben und ehrlich sein.«

Er war absolut nicht das, was man einen »Methodenreiter« nennt. Dazu war er viel zu beweglich, zu klug und hatte zu viel in seinem Leben gelernt. Aufs Ziel kam es ihm an und auf den Ernst und die Treue, mit denen man seine Wege wanderte.

Man hat oft gefragt, warum über Gesangmethoden so viel gestritten wird und warum Gesanglehrer so anerkannt schlechte Kollegen seien. Ich glaube, es liegt daran, daß man beim Gesangunterricht ganz besonders individualisieren muß. Der Gesanglehrer muß durchaus ein wenig Psychologe sein, denn was dem einen Schüler eine Hilfe ist, führt den anderen in die Irre. Wie ein Arzt bei der Diagnose, muß der Gesanglehrer unter all dem Verschütteten und Verzerrten des Tons, dem er oft begegnet, den Klang herausfühlen, »den der liebe Gott sich eigentlich gedacht hat, als er die Stimme schuf,« wie Mühlen sich ausdrückte.

Unsere Arbeit in Fellin, »die neue Methode«, wie sie in Riga genannt wurde, ist vielfach angegriffen, verspottet und lächerlich gemacht worden, und die abenteuerlichsten Gerüchte darüber wurden verbreitet und geglaubt. Wir gingen freudig und unbekümmert unsere Wege, wußten wir doch am besten, welch einen Reichtum sie für uns bedeutete.

Wenn ich noch einmal das Charaktistische der Mühlenschen Gesangkunst zusammenfasse, wie sie sich im Laufe der Zeit immer mehr und mehr entwickelte, so kann ich es in wenig Worten tun.

Ruhe und Schönheit des Tons waren die Ziele, nach denen er für seine Schüler strebte. Er baute alles auf den Atem und das Arbeiten des Zwerchfells auf, was der Stimme Freiheit und Ruhe gibt. Durch Führung des zu Klang gewordenen Atemstromes in die Resonnanzräume, wie Mundhöhle, Nasenrachenraum usw. entwickelte er die mitklingenden Obertöne, dadurch erhält die Stimme Schönheit und Glanz.

Mit kurzen Worten gesagt: die Basis des Atems unter Kontrolle des Zwerchfellmuskels und die Ausarbeitung der hohen Resonnanz, das sind Anfangs- und Endpunkt der Mühlenschen Gesangtechnik.

 

An einem Sonntagmorgen schlug Mühlen mir vor, mit ihm auf das frühere Gut seiner Eltern, Tennasilm, zu fahren, das in der Nachbarschaft von Fellin lag. Der Besitz war in bäuerliche Hände übergegangen, woran er noch immer trug. Bald hielt unser Wagen vor einem langgestreckten, niedrigen Holzhause, es sah recht verwahrlost aus. Wir gingen nicht hinein, sondern sofort in den Garten. Wie verwildert, ungepflegt sah es dort aus, wie schmerzlich war das alles für Mühlen!

Wir setzten uns auf eine verfallene Bank, die am Ende einer großen Birkenallee stand. Diese war früher der Stolz des ganzen Gartens gewesen, nun fehlten die schönsten Bäume. Erst schwieg Mühlen, er war wie verloren in traurige Gedanken, dann fing er an zu erzählen.

Die verfallene Welt um uns versank, und eine Welt erstand, die, einmal gewesen, nun nie mehr wiederkehren konnte. Es war ein für Alt-Livland charakteristisches Leben, das er schilderte, äußerlich in schlichter Umgebung. Das Haus war ein echtes livländisches Landhaus mit niedrigen Zimmern und kleinen Fenstern, aber das Leben, das in diesen schlichten Räumen geführt wurde, war breit, sorglos und vornehm. Unter seinen Worten blühte und leuchtete alles. In der Birkenallee mit ihren scharfen Sonnenlichtern auf dem Wege sah man helle, frohe Gestalten wandeln; überall war Leben, Freude.

»Ach, wenn dies Gut mir gehören könnte,« sagte Mühlen immer wieder, »wenn ich das Geld hätte, es zu kaufen! Die alte Zeit sollte wieder erstehen, und ich hätte ein Heim, das mir gehört!«

»Wollen wir nachdenken, wieviel Geld nötig wäre, um es zu kaufen und instand zu setzen.«

»Eine Million,« war seine Antwort.

»Eine Million?« wiederholte ich erstaunt, »wo wollten Sie die hier wohl anbringen, denn Sie würden doch keinen Palast aufbauen wollen.«

»Gewiß nicht,« sagte er, »der paßte ja gar nicht in die livländische Umgebung. Das Haus würde selbstverständlich unangetastet bleiben, so wie es ist und war, aber« – und er erhob sich und streckte die Hand aus – »dieser Berg hier müßte verschwinden, an seiner Stelle würde ich einen See ausgraben, dagegen auf der Wiese einen Berg anführen lassen, an Stelle des Wäldchens käme eine Wiese. Das würde doch schon eine Million kosten.«

»Könnten Sie nicht alles lassen, wie es ist, und nur wiederherstellen und in Ordnung bringen, was verwahrlost ist?« fragte ich lächelnd.

»Nein,« sagte er, »das könnte ich nicht, das weiß ich ganz genau. Ich sehe alles in einer anderen Gestalt, und ich würde keine Ruhe haben, bis ich es so geschaffen, wie ich es innerlich geschaut.«

Wir gingen auf den Kirchhof, der, von einer niedrigen Steinmauer umgeben, mitten auf den Feldern lag. Es war der einzige Besitz, der nach dem Verkauf des Gutes den Erben geblieben war. Von der Kirchhofspforte führte ein schmaler Weg durch einen Tannenwald bis an eine Lichtung, dort war das Familienbegräbnis. Es war so still um uns, nur die Gräber und Kreuze erzählten von Menschen, die stark und frei einst auf dem Gut gelebt. Mühlen bückte sich und griff eine Handvoll Erde, die er gedankenvoll betrachtete.

»Dies ist die einzige Erde der ganzen Welt, auf die ich ein Recht habe,« sagte er traurig.

Langsam ließ er die Erde durch seine Finger gleiten. Sie fiel zu Boden.

Mühlens letztes Konzert in Riga

Im Fluge gingen die Wochen hin. Da, zum Schluß griff die Revolution in unsere friedliche, künstlerische Arbeit. Wir wollten zuerst nicht darauf achten, aber die Anzeichen wurden drohender, die Schüler wurden ängstlich, Mühlen bekam Drohbriefe, es wurden Erpressungen versucht. Das »alte Schloß« lag einsam, und diese Einsamkeit war nicht ohne Gefahr. Eine Schar junger Handwerker, die Mühlen in Dankbarkeit verbunden waren, erbot sich, die Nächte bei uns zu wachen. Diese Unruhen beschleunigten das Ende der Kurse. Heimlich wurde alles zur Abreise bereitet und eines Morgens, als es noch dunkel war, verließen wir fluchtartig Fellin mit den Schülern, die noch geblieben waren.

Wir kamen ungehindert bis Riga. Die große Stadt bot größere Sicherheit, doch begegnete man auch dort ernster Sorge, denn auf dem Lande brachen hier und da schon die Flammen der Revolution hervor. Einige Wochen blieb Mühlen in Riga, um eine Klärung der Verhältnisse abzuwarten. Aber das Leben wurde immer ängstlicher und gefährlicher. Trotzdem wollte er noch ein Konzert geben und hatte den Zyklus der Müllerlieder aufs Programm gesetzt. Es mußte eine Matinée sein, denn Zusammenkünfte am Abend waren bereits in der Stadt verboten.

Um die Nachmittagsstunde versammelte sich das bekannte Mühlen-Publikum im Schwarzhäuptersaal, aber in einer Stimmung, wie sie noch nie zu Mühlens Konzerten geherrscht hatte. Es lag ein schwerer, angstvoller Druck auf uns allen, auf jedem lastete die dunkle Zeit, und in jedem Herzen lebte die bange Frage: Was wird aus uns? Wird dieses Konzert vielleicht das letzte sein, das wir erleben?

War diese Stimmung der Grund, daß alle Herzen empfänglicher für Mühlens und Hans Schmidts hohe Kunst waren, als sie es je gewesen? Mir war, als hätte er nie so gesungen, Hans Schmidt nie so begleitet, und als hätten wir ihnen nie so atemlos zugehört. Und als Mühlen mit »Des Baches Wiegenlied« schloß:

»Gute Ruh, tu die Augen zu. Wanderer, du müder, du bist nun zu Haus,«

da ging eine tiefe Bewegung durch den ganzen Saal. Hatte man diese beiden Künstler zum letztenmal an dieser Stelle gehört? Keine Hand rührte sich zum Applaus, unter tiefem, erschüttertem Schweigen des Publikums verließen die Künstler das Podium. Aber merkwürdig war es, wie die ganze Menschenmenge eine Weile still sitzen blieb, bis sich endlich einer nach dem andern erhob und den Saal verließ.

Als ich meiner Bewegung Herr geworden war, ging ich ins Künstlerzimmer. Blaß und düster stand Mühlen am Kamin. Als ich zu ihm trat, hob er die Hand:

»Jetzt hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe,« sagte er. »Heute habe ich zum letztenmal in Riga gesungen. Nie werde ich hier wieder ein Konzert geben.«

Ich wollte etwas sagen, er aber schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab.

»Widersprechen Sie mir nicht. Ich sage: bei Gott, es war mein letztes Konzert.«

Er hat sein Wort gehalten. Nie haben wir die beiden Künstler, die feinsten, die unser Land hervorgebracht hat, je wieder zusammen bei uns gehört. Unvergessen aber bleibt dieses letzte Konzert, wo sie beide ihr Heiligstes und Bestes gaben, und unser Dank für das, was wir durch sie gehabt, soll ihnen gehören, solange wir leben.

Dieses Schlußkonzert in Riga war der Anfang vom Ende der Künstlerlaufbahn Mühlens. Er sang die Müllerlieder noch einmal in Berlin mit einem Erfolg, wie er ihn auch dort nie gehabt. Als er den Konzertsaal verließ, standen seine Zuhörer bis weit die Straße hinunter dicht gedrängt. Wie ein König schritt er durch die Reihen seiner begeisterten Verehrer und nahm im Herzen Abschied von ihnen. Es war auch in Berlin sein letzter Liederabend. Er zog sich ganz von der Öffentlichkeit zurück und lebte nur seinem Unterricht. Auf der Höhe seines Ruhmes verließ er den Konzertsaal. Er lebt in der Erinnerung von uns allen, die ihm so viel reiche, unvergeßliche Stunden verdanken, als ein ganz Großer, Unvergessener.

Neuhäuser

Die erste lettische Revolution 1905 machte Mühlen das Weiterarbeiten in Fellin unmöglich. Es waren eine Menge ausländischer Schüler zu den Ferienkursen gemeldet, die wegen der unsicheren Verhältnisse in den Ostseeprovinzen nicht nach Fellin gekommen wären. Man mußte einen anderen Ort für unsere Arbeit finden. Mühlen hatte schon einen neuen Plan: eine Stunde von Königsberg, am Strande von Neuhäuser, hatte er etwas entdeckt, das allen seinen Wünschen entsprach.

Ungefähr eine Viertelstunde vom Badeort lag ein kleines Häuschen – man sagte, dort hätten früher die Bernsteinfischer gewohnt, dicht am leicht erhöhten Meeresufer nebenbei, doch ganz für sich abgeschlossen, war eine alte, hochgelegene Scheune, die Mühlen in einen Musiksaal verwandelte.

Einsam, ganz für sich und wunderbar gelegen, war es gerade wie für ihn geschaffen mit tausend Möglichkeiten, ein kleines Paradies daraus zu gestalten. Das Häuschen war niedrig, strohgedeckt, mit Streckbalken und kleinen Fensterscheiben. Der sogenannte Seesaal lag hart am Rande des hohen Ufers; eine breite Glastür führte auf eine Terrasse, von der aus man einen weiten Blick über das Meer hatte.

Das Familienhafte, das die Kurse in Fellin hatten, konnte man hier in dem Maße nicht aufrecht erhalten, sie mußten auf einen anderen Fuß gestellt werden.

Mühlen hatte mich gebeten, die Leitung, wie in Fellin, in meinen Händen zu behalten. Es waren Anzeigen in vielen deutschen Musikblättern gemacht, und man konnte auf einen großen Zuzug von Schülern rechnen.

Mit einigem Herzklopfen, halb freudiger, halb ängstlicher Art, kam ich Ende Juli in Königsberg an, wo Mühlen mich erwartete. Dort teilte er mir seine Pläne mit.

Ich sollte mit ihm in dem kleinen Strandhause leben. Ein Musikzimmer, in dem ich den Schülern Nachhilfestunden geben konnte, war bereits für mich eingerichtet.

Dann bat mich Mühlen, nach Neuhäuser vorauszufahren, wo schon ein großer Teil der Schüler angekommen war, die Anmeldungen entgegenzunehmen und die Stundenpläne zu entwerfen. Nach einigen Tagen wollte er folgen.

Voller Spannung betrat ich nun Mühlens neues Künstlerheim, in dem auch ich ein Arbeitsfeld finden sollte. Hatte ich mir auch viel versprochen, so wurden meine Erwartungen doch weit übertroffen.

Eine alte Wirtin und ein Stubenmädchen empfingen mich. Als ich in das für mich eingerichtete Musikzimmer trat, blieb ich staunend auf der Schwelle stehen: ein roter Teppich deckte den Fußboden; alte, mit rotem Samt bezogene Mahagoni-Möbel bildeten die Zimmereinrichtung, aus der ein großer, altertümlicher Eckdivan mir besonders in die Augen fiel. Weiße Mullgardinen schmückten die kleinen Fenster, und auf den Fensterbrettern sah ich rote Blumen in roten Blumentöpfen. Von diesem Zimmer aus hatte man einen schönen Blick auf das Meer.

Eine Treppe hoch sollte ich mit meiner Freundin Edith Wehner, Mühlens Hilfslehrerin in London, in einem behaglichen Erkerzimmer schlafen. –

Bei so viel Schönheit war alles doch merkwürdig selbstverständlich, heimlich und voller Behagen; bis ins kleinste war alles bedacht. Man brauchte sich nur an den Schreibtisch zu setzen, seine Feder in die Tinte zu tauchen und die Arbeit zu beginnen.

Der Seesaal, Mühlens Musikzimmer, war die Krone des Ganzen. Es lag etwas Festliches über dem hohen, künstlerisch eingerichteten Raum. Die großen Glastüren standen meistens offen.

Als ich über die Schwelle trat, ging mein Blick weit bis an den Horizont über die schimmernde Wasserfläche. Fischerboote mit goldbraunen Segeln zogen still und majestätisch ihre Bahnen.

Die Rückseite beider Häuser lag an einer von Buchen umrandeten Wiese, von uns später »der heilige Hain« genannt, weil er so sehr an den von Böcklin erinnerte.

Am Nachmittag waren die Empfangsstunden für die Schüler in einem Hotelzimmer des Badeortes angesagt. Mit starkem Herzklopfen ging ich hin; kannte ich doch niemanden. Eine ganze Gesellschaft erwartete mich schon, als ich eintrat, und ich wurde neugierig von vielen Blicken gemustert. Als ich mich gesetzt hatte, traten die Wartenden einer nach dem anderen an den Tisch und wurden auf dem Stundenplan notiert. Es waren interessante Erscheinungen unter ihnen, auch Ausländer: Amerikaner und Engländer.

Eine der Sängerinnen fiel mir sofort auf. Sie hatte ein blasses Gesicht, brennende, dunkle Augen und trug ihr schwarzes Haar ganz eigenartig. Kritisch und hochmütig blickte sie auf mich herab und sagte, an meinen Schreibtisch tretend, kurz: »Ich bin die Maria aus den Christusaufführungen von Rubinstein.« Überrascht blickte ich sie an: nun wußte ich, wo ich diese fremdartige Erscheinung schon einmal gesehen hatte.

Sie überhörte meinen freundlichen Gruß. »Ich will jeden Tag eine Stunde bei Herrn von Zur-Mühlen haben,« sagte sie herrisch. »Ich kann Ihnen leider nicht mehr als zwei Wochenstunden bewilligen,« war meine Antwort. Staunen und Zorn fuhren wie Blitze aus ihren dunklen Augen auf mich hernieder. »Sie wissen wohl nicht, wer ich bin?« sagte sie, »ich bin Maria Freund.« »Es freut mich, Sie kennen zu lernen,« erwiderte ich, »ich habe Sie in der Rolle der Maria sehr bewundert.« »Nun also,« rief sie zornig und warf ihren stolzen Kopf zurück. »Ich bin kein kleines Mädchen, das hier singen lernen will. Ich bin eine Künstlerin, die bei Herrn von Mühlen ihre Programme für den nächsten Winter studiert. Auf mich kommt's an. Bitte schreiben Sie mich für eine Stunde täglich an.« »Ich habe die strenge Weisung von Herrn von Mühlen, keinem mehr als zwei feste Stunden in der Woche zu versprechen,« war meine Antwort. »Ich kann auch mit Ihnen keine Ausnahme machen. Was an mir liegt, will ich gern tun; aber jetzt muß es bei dem bleiben, was ich gesagt habe.«

Alle Schüler hatten einen Kreis um uns gebildet und hörten zu. Mir war es klar, daß dieser Moment entscheidend für meine Stellung in den Gesangkursen sei. »Ich werde mit Herrn von Zur-Mühlen selbst sprechen,« sagte sie, und ihre Augen funkelten vor Zorn. »Ich würde Ihnen nicht raten, das zu tun, es würde Ihnen nichts nützen,« erwidere ich äußerlich gelassen, doch voll innerer Erregung. »Das wollen wir doch sehen,« sagte sie und ging hoch erhobenen Hauptes hinaus ohne einen Gruß.

Später sind wir sehr gute Freunde geworden. Sie war ein ungewöhnlicher Mensch, klug und großzügig, sie hing mit heiligem Ernst an ihrer Arbeit.

Mühlens Stunden

Schon um neun Uhr früh begann Mühlen mit seiner Arbeit. Jeden Morgen legte ich ihm den Stundenplan für den Tag auf seinen Flügel. Es durfte keine Lücke in der Stundenfolge entstehen. Atemlos, mit einer kurzen Mittagpause, arbeitete er von früh bis spät. Da ich mit den Schülern übte, mußte ich Fühlung mit ihren Stunden haben und hatte überall freien Zutritt. Durch Notizen, die ich mir machte, führte ich Buch über jede einzelne Schülerin. In den Ruhepausen, mittags und abends, sprach sich Mühlen gern mit mir über jede einzelne aus. –

Ein strahlender Sommermorgen! Die Glastüren des Seesaales stehen weit offen. Der hohe Raum ist in lichten Farben gehalten. Große, blumengefüllte Vasen stehen auf Tischen und Postamenten, wertvolle Bilder hängen an den Wänden.

Seeluft, Sommersonne, strahlendes Licht füllen den Raum mit erwartungsfroher Feststimmung. Und wie zu einem Fest kommen alle in weißen Kleidern.

Dem großen Flügel gegenüber, an dem die Schülerin steht, sitzt Mühlen in einem Lehnstuhl. – Es wird mit technischen Übungen begonnen, alle von Mühlen erdacht, eigenartig, gesanglich und oft von bestrickendem Wohllaut. Nun sind sie beendet und ein Melodram von Schumann: »Schön Hedwig« wird studiert. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgt Mühlen allem, unterbricht, macht vor, nickt manchmal nur zustimmend, steht auch dazwischen auf und geht in die äußerste Ecke des Saales, um die Wirkung aus der Ferne zu beurteilen. Mit größtem Ernst und völliger Hingabe arbeiten Lehrer und Lernende. Lautlos sind unterdessen schon die Schüler für die nächste Stunde hereingekommen: Erna Seesemann und Adel Lang, eine Kurländerin und eine Schwäbin, die in Freundschaft auf Leben und Tod sich verbunden haben. Man sieht kaum je die eine ohne die andere. Erna ist klein, zierlich, mit einem blassen, vergeistigten Gesichtchen und leidenschaftlichen, dunklen Augen. Was sie anfaßt, ergreift sie mit glühender Hingabe. Sie hat eine bezaubernde Stimme, die zu ihrer ganzen Persönlichkeit paßt.

Adel ist ebenso blaß wie ihre Freundin. Auch sie ist voll starken, leidenschaftlichen Innenlebens. Mit ihren dunklen Augen und dem prachtvollen Haarknoten im Nacken paßt sie gut zur zarten, blonden Freundin.

Sie sitzen beide dicht aneinander gedrängt, am liebsten auf einem Stuhl. Mit vollster Hingabe folgen sie der Stunde. Das Melodram geht weiter: Schön Hedwig wird für ihre treue Liebe belohnt und zur Königin erhoben.

Erna beugt sich zu ihrer Freundin und flüstert ihr etwas ins Ohr. Adel lacht. Mühlen, der bei vollster Vertiefung in die Arbeit alles sieht und bemerkt, unterbricht die Stunde. »Was spracht ihr miteinander?« fragte er unvermittelt. »Adel, was sagtest du?«

– Er duzt die meisten seiner Schüler. – Totenstille. – »Adel, antworte mir,« wiederholt er. Adel, ganz bleich, erhebt sich und stammelt: »Ich habe nichts gesagt, es war Erna.« »Nun Erna, dann sage du mir, was ihr spracht; ich wünsche es zu erfahren.«

– Sie wissen beide, daß Mühlen unerbittlich ist. Erna erhebt sich, mit glühenden Augen. »Ich sagte« – sie stockt – »Ich sagte, wenn es doch im Leben auch so schnell mit dem Heiraten ginge wie in der Poesie.«

Da lacht Mühlen; wie eine Quelle bricht dieses Lachen aus ihm heraus. »O, ihr Kinder!« sagt er.

Eine der eigenartigsten Erscheinungen unter den Schülern war Eva Lißmann. Nach Mühlens Ausspruch besaß sie das größte Vortragstalent, das er je in Händen gehabt. Eine reiche, komplizierte Natur, hatte sie den unfehlbar sicheren künstlerischen Instinkt, der so stark war, daß er ihr ganzes Leben bis in den Alltag hinein bestimmte.

Ein hohes Ziel stand wie ein Stern unverrückt über ihr, und diesem Ziel strebte sie nach, mußte sie nachstreben, und wenn es galt, durchs eigene Herzblut zu schreiten.

Neben dieser großen, künstlerischen Veranlagung ging ein zartes Mädchentum, scheu und blumenhaft.

Sie stammte aus einer Künstlerfamilie. Ihre Eltern waren in Deutschland bekannte und berühmte Opernsänger, alle ihre Geschwister Künstler. In ihrer Eigenartigkeit und Verträumtheit lebte sie in einer anderen Welt versonnen und einsam. Mir sind wenig Seelen begegnet, die so leidensfähig waren, wie die ihre.

Mühlen hatte mir viel von ihr erzählt. Sie hatte in London, wo sie zu Konzerten war, angefangen, bei ihm zu arbeiten.

»Das ist eine Sängerin in weißem Kleide,« sagte er von ihr, »eine, die auf dem Podium immer die Wahrheit sprechen wird. Sie kann nie populär werden; denn die Menschen lieben es nicht, die Wahrheit zu hören. Aber sie wird eine große Künstlerin sein.«

Ich war sehr gespannt, sie kennen zu lernen. Der Unterricht hatte schon begonnen, als es in Neuhäuser hieß, Eva Lißmann sei angekommen.

Mühlen gibt Stunden im Seesaal. Ich hospitiere und mache meine Notizen. Da höre ich einen leichten Schritt auf dem Kieswege der Terrasse, und in der geöffneten Tür, vom Sonnenlicht umflossen, steht eine helle Gestalt. »Das muß Eva Lißmann sein,« denke ich sofort. Sie war's.

Schüchtern sah sie sich um und wußte nicht, ob sie in den Saal treten dürfe, denn die Stunde war noch nicht zu Ende. So stand sie da groß und schlank in einem schlichten, blauen Sommerkleide; auf dem goldbraunen, lockigen Haar ein weißes Hütchen mit einem lang herabwallenden, weißen Schleier. Sie hatte etwas Königliches in der Art zu schreiten, und doch etwas unendlich schüchtern Mädchenhaftes. Das zarte Gesicht war von Purpurröte übergossen, die hellen Augen blickten ratlos zu Mühlen hin, der ihr freundlich grüßend zunickte. Da faßte sie Mut, trat über die Schwelle und setzte sich mit ihrer Notenmappe in die Nähe der Tür.

Wenn ich an sie denke, sehe ich sie am liebsten so, wie ich sie das erstemal erblickte: lichtumflossen, im Hintergrunde Himmel und Meer.

Nun begann ihre Stunde. Sie sang eine Reihe Schumann-Lieder, und ich erlebte etwas Wunderbares: es war mir, als sänge ich, als sänge meine Jugend aus ihr heraus, als wäre es meine Seele, die plötzlich aus dieser schönen, jungen Stimme sprach.

Ich bin heimgegangen mit dem Gefühl, als hätte da ein Teil von mir gestanden und gesungen.

Keine Singstunde von ihr habe ich versäumt, und immer wiederholte sich dies Erleben. Dabei hatte ich gar nicht den Wunsch, ihr persönlich näherzukommen. Sie war auch sehr scheu und zurückhaltend und näherte sich mir in keiner Weise. Dann aber brachte ein Abend uns plötzlich zueinander.

 

Mit drei Kolleginnen zusammen hatte ich dreimal in der Woche meine Gesangstunde bei Mühlen. Von den anderen wurden wir im Scherz die »Granden-Klasse« genannt. Wir standen uns nahe; es war ein schönes und interessantes Studieren mit diesen seinen Künstlernaturen und ernsten Arbeitern, die schon ihren Namen in der Konzertwelt hatten. Unsere Stunde war immer die letzte am Tage.

Es dunkelt. Die großen Fenster und breiten Glastüren des Seesaales sind geschlossen und gewähren nur den Blick auf das ruhelose Meer im fahlen Abenddämmern. Der grüne Schirm einer von der Mitte der Decke herabhängenden Lampe verbreitet sein mattes Licht durch den hohen Raum, das nur durch die Kerzen am Flügel ein wenig verstärkt wird.

Mühlen sitzt, eine Decke über die Kniee gebreitet, tief vergraben in seinem Lehnstuhl, wie er bereits Stunde für Stunde in intensivster Arbeit gesessen hat.

Am Flügel steht Frau Uzielli, die Frau meines früheren Klavierlehrers am Frankfurter Konservatorium. Sie ist schön und eine gefeierte Sängerin gewesen, in deren weicher Stimme eine feine Seele schwang. Man hatte ihr zugejubelt, wo sie sich zeigte. Schwere Lebensschicksale nahmen ihrer Stimme die Kraft und den Schmelz. Sie hofft, bei Mühlen wiederzufinden, was sie verlor. Das war ein Fall, der sein ganzes pädagogisches Interesse wachrief. Er verspricht ihr nichts; denn wer kann sagen, wie weit die Kunst imstande ist, zu ersetzen, was das Leben nahm? Aber er gibt ihr den Glauben an das Leben wieder. Er zeigt ihr eine Hoffnung, die den Mut hebt und ihr Freudigkeit verleiht. Sie fühlt, es ist eine feste und sichere Hand, die sie führt, und so spannt die müde gewordene Seele ihre Flügel von neuem.

Sie beginnt. Wir horchen atemlos, wie diese matte Stimme anfängt zu klingen, wie der bewußt geführte Atem ihr Leben einhaucht, wie sie die entgleitende immer wieder in die Hand bekommt.

Mühlen ist sehr zufrieden. »Geduld,« wiederholt er, »unermüdliche Geduld braucht ein Künstler. Keine Arbeit ist verloren.«

Ihre Stunde ist zu Ende. Beglückt und gehoben geht sie auf ihren Platz.

Es ist seltsam: keine von uns ist mehr jung, aber wie auf Kinder wirken Lob und Tadel des Meisters auf uns.

Nun erhebt sich Maria Freund und tritt an den Flügel. Eine eigenartig fesselnde Erscheinung, die mich immer an das bekannte Bild der Bettlerin mit dem kranken Kinde von Gabriel Max erinnert, ist diese Maria Freund. Klein und zierlich, sieht sie doch gar stolz aus, wie sie so dasteht mit ihrem Rassegesicht. Sie weiß, was sie gilt. Ihre blassen Züge sind beim Singen wie von einem inneren Feuer durchglüht; die feingeschnittenen Nasenflügel beben. Die ganze verhaltene Glut ihrer leidenschaftlichen Seele liegt in ihren Augen, die sie fest mit einem ekstatisch vertrauenden Ausdruck auf Mühlen gerichtet hält.

Sie bringt zwei Sachen, die sie schon längere Zeit studiert hat und nun fertig zum letztenmal Mühlen vortragen will. Als erstes eine altfranzösische Arie, die von dieser dunklen, aber merkwürdig durchsichtigen und edel geschulten Stimme getragen in einem breiten Strom von Wohllaut durch den Saal flutet.

Mühlen hat an dieser Arie, die vollendet im Stil gesungen ist, nichts mehr auszusetzen. »Diese Nummer ist fertig,« sagt er, »die können Sie beiseite legen oder in den Glasschrank stellen, um sie immer wieder hervorzuholen, und die anderen Sachen, die Sie arbeiten, an ihr zu messen. Sie ist mustergültig.«

Es folgt als zweites ein Lied von Schumann. Ich sehe es, als sie geendet hat, Mühlen an, daß er nicht zufrieden ist. Maria Freund, als Polin, trifft den Herzenston eines Schumann-Liedes nicht nach seinem Sinn. Er schweigt einen Augenblick. »Technisch habe ich nichts auszusetzen; Sie haben es ausgezeichnet gearbeitet,« sagt er; »aber – Sie verstehen nicht zu träumen. Bei Schumann muß man träumen können. Ihre Augen aber sind immer wach.«

Sie sagt nichts und geht schweigend auf ihren Platz. Es ist ihr Ehrgeiz, deutsche Lieder zu singen, und sie will es erzwingen! Ich aber denke an das Goethe-Wort: »Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.«

Die nächste Sängerin, Edith Wehner, ist eine reizvolle, durchgeistigte Erscheinung. Der größere Teil ihrer Stunde wird von technischen Übungen ausgefüllt. Sie kann sehr viel, und beim Singen spricht ein fast feierlicher Ernst aus ihrem Gesicht. Von uns vieren verfügt sie wohl über die vollkommenste Technik und kann mit ihrer nicht starken Stimme daher alles machen, was sie will. Es kommt mir manchmal vor, als behandelte sie dieselbe ganz wie ein Instrument. Mühlen mutet ihr viel zu und läßt die Übungen immer schwieriger werden. Er ist sehr zufrieden und nickt ihr freundlich zu. »Du kannst was,« sagt er. »Hast du dein Lied fertig gearbeitet? Dann singe es mir zum Schluß noch vor.«

Ein deutsches Lied von Wulffins hat sie studiert: »Wenn ich Abschied nehme, will ich leise gehn.«

Sie beginnt. Die dunklen Augen blicken ins Weite und eine unstillbare Sehnsucht spricht aus der tiefen, traurigen Stimme. Wir horchen mit Bewunderung und Staunen, wie bei diesem Meisterwerk der Atemtechnik sie sich aufschwingt und aufstrahlt zum jubelnden Schluß:

»Morgenlüfte wehen freudig um mein Haupt;
Und es kommt die Sonne, der ich doch geglaubt.«

Sie selbst ist so bewegt, daß ihr Tränen in die Augen treten, als sie geendet hat. Auch Mühlen ist bewegt. »Gut,« sagt er, und noch einmal: »gut.« Wenn er dieses kurze Wort in solch einem Ton spricht, dann ist es ein hohes Lob. Das wissen wir alle. Noch einmal nickt er ihr freundlich zu mit einem leisen Lächeln um die Lippen.

Ich, als die letzte aus der Klasse, habe den »Kreuzzug« von Schubert vorbereitet, ein Lied, in dem alle Mängel und Schäden meiner Stimme offenbar werden, das ich mir als schwere Studienaufgabe gewählt und an dem ich viel gearbeitet hatte. Als ich mich erhebe und an den Flügel treten will, sagt Mühlen: »Ach, warten Sie einen Augenblick, fangen Sie noch nicht an. Ich habe allen Schülerinnen angesagt, heute in Ihre Stunde zu kommen, weil viel daran zu lernen sein wird, wie Sie das Lied mit mir arbeiten.« Er steht auf und gibt durch die Glocke ein Zeichen, das die im Nebenhause wartenden Schüler hereinruft. Mein Herz bleibt mir fast stehen vor Schreck. Ich konnte das Lied noch nicht vortragen, steckte noch tief in der Arbeit damit. Und diese Arbeit mit Aufdeckung all meiner Mängel vor einer großen Zuhörerschaft machen – nein, das schien mir unmöglich.

Schon wollte ich herausbrechen: »Das kann ich nicht!« als mir einfiel, daß es dieses Wort für Mühlen nicht gab. Als ich einmal bei ähnlicher Gelegenheit ihn gebeten hatte, mir die Zuhörerschaft zu ersparen, hatte er ruhig erwidert: »Das ist unmöglich. Ich weiß genau, wie Schweres ich von Ihnen fordere. Es muß aber sein; die Sache verlangt es. Ich brauche Sie als Beispiel für die anderen Schüler.«

Wenn die Sache es erfordert, mußte das Persönliche immer schweigen und zurücktreten; so standen wir beide zu unserer Arbeit.

Der Saal hatte sich gefüllt; es fehlte kaum eine von allen Schülerinnen. Ich stehe auf, trete an den Flügel, fühle die Augen aller voller Erwartung auf mich gerichtet, und eine große Hilflosigkeit meiner Aufgabe gegenüber erfaßte mich. Mein Blick fällt auf Mühlen, dessen Gesicht einen gespannten, gequälten Ausdruck hat. Er weiß nicht, wie die Sache enden wird, ob meine Nerven vorhalten werden; denn er fühlt, wie schwer mir's diesesmal fällt.

»Du darfst nicht versagen!« Der Gedanke erfüllt mich und gibt mir Kraft. Noch ein Augenblick der inneren Ratlosigkeit – da kommt mir ein Gedanke wie eine Erleuchtung, blitzschnell. Er erfüllt mich ganz, er nimmt mir die Angst.

»Ich kann das Lied nicht vorsingen, es ist noch nicht fertig. Aber darf ich Ihnen zeigen, wie ich es gearbeitet habe?« frage ich, »Ton für Ton, Phrase für Phrase?« Mühlen sieht mich überrascht an, macht dann aber eine zustimmende Bewegung – und ich beginne.

Nach den ersten Tönen ist Zuhörerschaft und Stunde vergessen. Ich denke nur an meine Arbeit, als wäre ich allein und gehe, wie ich es gesagt, Ton für Ton, Phrase für Phrase das Lied durch mit allen technischen Hilfemitteln, die Mühlen uns gelehrt hat. Die matten Töne werden dabei lebendig und strahlend, die harten – weich; die Verbindungen der Phrasen selbstverständlich. Ich fühle, wie es mir immer besser gelingt. Der gespannte Ausdruck in Mühlens Gesicht ist einem leidenschaftlichen Interesse gewichen, und ich sehe, wie sein Auge freudig aufstrahlt bei jedem Gelingen.

Stark empfinde ich es, wie er mit mir arbeitet, mich hebt und trägt, stützt und stärkt. So, ganz hingegeben an die mir gestellte Aufgabe, bin ich erstaunt, beim Aufblicken Mühlen plötzlich dicht vor mir stehen zu sehen. Wie mir meine Begleiterin nachher erzählt hat, habe Mühlen sich langsam vom Stuhl erhoben, die Decke sei zu Boden geglitten, und Schritt vor Schritt, wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, sei er bis zum Flügel gekommen.

Das Lied ist zu Ende. »Nun singen Sie es noch einmal, aber als Lied, gestaltend,« sagt Mühlen. Ich denke gar nicht mehr daran, daß ich es eigentlich nicht konnte und nehme das Lied in meine Hände und an mein Herz. Es ist etwas in mir, das mich trägt über mich hinaus. Ich sehe die Ritter, ich sehe die Kreuzesfahne im Winde schwellen, ich sehe sie das Schiff besteigen und in das gelobte Land ziehen, ich sehe den Mönch, »am Fenster grau«, und singe seine Schlußworte:

»Des Lebens Fahrt durch Wellentrug und heißen Wüstensand,
Es ist ja auch ein Kreuzeszug in das gelobte Land.«

Ich war es nicht, die da sang, es war eine andere. Selten hatte meine Stimme so geklungen, so geleuchtet, so ausgesprochen, was ich innerlich geschaut. Und nun wendet sich Mühlen an die versammelten Schüler – er konnte etwas Großartiges haben, wenn er innerlich gepackt war – und ruft mit lauter Stimme: »Jetzt hört alle, was ich euch sage: das war eine Musterleistung an Arbeit; so muß man üben. Geht nach Hause und merkt es euch; ihr habt eben etwas Großes erlebt. Das nennt man arbeiten, kämpfen und siegen!«

Schweigend reicht er mir die Hand und verläßt den Saal.

Meine Freunde umringen mich jubelnd. –

Die Stunde hatte mir viel Kraft genommen, aber ein großes Geschenk gebracht: am anderen Tage stand Eva Lißmann in meinem Sprechzimmer und bat mich mit leiser Stimme und heißem Erröten, ob ich ihr Stunden geben wolle; sie würde so gern bei mir arbeiten lernen. In meiner Stunde gestern sei ihr klar geworden, daß sie gar nicht zu arbeiten verstünde.

Das war der Anfang unserer Freundschaft.

Sie folgte mir nach Riga und war dort zwei Winter hindurch meine Schülerin. Sie war ein Sorgenkind, denn ihr Künstlerweg war hart. Alles aber, was an künstlerischer Entwicklung und Künstlerträumen in meinem Leben nicht in Erfüllung gegangen ist, sah ich in dieser jungen Menschenseele zu hoher Blüte sich entfalten. Und daß ich ihr dabei ein wenig helfen konnte, war für mich das größte Glück.

 

Abends, nach der Tagesarbeit, fühlte Mühlen sich meist so müde, daß er kaum sprechen mochte. Es brauchte aber nur ein Thema berührt werden, das ihn interessierte, so war er voll Leben und Feuer und konnte – während wir um den Speisetisch versammelt waren – stundenlang uns durch seine Erzählungen und Einfälle in Atem halten. Seine Freunde, Trude Maas und Lisbeth Gyßling mit ihrem Mann, dem klugen, warmherzigen Justizrat, waren dabei häufig unsere Gäste. Sie lebten den ganzen Sommer in Neuhäuser und nahmen warmen Anteil an den Kursen und allen Schülern.

Oft klang Gesang zu uns herein und manchmal wagten die Sänger sich auch näher und riefen uns durch das offene Fenster fröhliche Gutenachtgrüße zu. An den Sonntagen jedoch hielt Mühlen sich meist vom Getriebe der Schüler fern. Dann lag unser Haus traumverloren da in Herbstsonnenschein und Meeresrauschen. Nur hin und wieder gab es fröhliche Kaffeegesellschaften auf der Terrasse, zu denen geladen zu werden, jeder Schüler sich zur Ehre rechnete.

Anfang Oktober flogen wir alle auseinander, gaben uns aber die Hand darauf, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Schülerfahrten in Livland

Viele Freude bereitete es mir, daß aus dem Neuhäuserschen Studienkreise zwei Schülerinnen mir nach Riga folgten, um bei mir weiterzuarbeiten. Außer Eva Lißmann war es Helene Roever aus Hamburg.

Wenige Wochen nach meiner Heimkehr empfing ich beide in Riga und brachte sie in Pensionen unter, da ich meine Häuslichkeit vorübergehend aufgegeben hatte und selbst bei Verwandten lebte.

Eva Lißmann hatte viele Empfehlungen aus ihrer Heimatstadt Hamburg an die reichsdeutsche Gesellschaft mitgebracht. Ihr erstes Konzert, das sie in Riga gab, war ausverkauft und ihre liebreizende Erscheinung und die vornehme, edle Kunst ihres Gesanges riß das Publikum hin. Eine Fülle von Blumen wurden ihr gespendet. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich nach dem Konzert in mein Musikzimmer trat, die ganze Blumenherrlichkeit dort vorzufinden. Sie hatte durch einen treuen Boten heimlich alles zu mir bringen lassen. –

Von Riga aus machte sie Konzertausflüge in die anderen Städte der Provinzen und arbeitete in der Zwischenzeit dann wieder mit mir. Es war keine leichte Arbeit. Mir war eine so eigenartige, in ihrer Stärke und Verschlossenheit fast hilflose Künstlernatur noch nie begegnet.

Bei aller äußerlichen Fröhlichkeit trug sie schwer am Leben, konnte nur ihre Wege gehen, auf ihre Weise lernen. Es dauerte eine Weile, bis ich das begriff und sie zu führen lernte. Ihr etwas aufzuzwingen, war nicht möglich. Wenn ihre Seele keine Antwort gab, konnte sie nichts aufnehmen. In ihrer ganzen künstlerischen Entwicklung ging sie ihren allereigensten Weg.

Im Frühling kehrte sie nach Hause zurück. Lenchen Roever blieb und arbeitete eifrig bei mir. Sie war sehr musikalisch und fleißig. Mit ihrer hellen, hohen Stimme sang sie den ersten Sopran in dem Frauenquartett, das ich mit meinen Schülerinnen gegründet hatte.

Im Mai trat aus vier kleinen Städten Livlands die Bitte an mich heran, dort mit einigen meiner Schülerinnen Konzerte für den eben gegründeten »Deutschen Verein« zu geben. Die Revolution im Jahre 1905 hatte uns das Gute gebracht, daß das Deutschtum im Lande freier sein Haupt heben konnte. Man hatte sich in den Provinzen zu einem »Deutschen Verein« zusammengeschlossen: deutsche Schulen blühten auf und neues Leben begann sich auf allen Gebieten zu regen.

Als ich mit meinen Schülerinnen über diese Aufforderung sprach, begeisterten sie sich für den Plan und wären am liebsten alle mitgekommen. So konnte ich dem Deutschen Verein eine Zusage senden.

Mit vier Schülerinnen, einer Begleiterin und einem reichhaltigen Programm von Sologesängen, Duetten und Quartetten fuhren wir an einem wundervollen Maimorgen aus Riga ab.

Bei unserer Ankunft in den kleinen Städten wurden wir ganz offiziell von den Vorstandsdamen empfangen und in unsere Quartiere geleitet. Es gab ausverkaufte Konzerte und das Publikum war begeistert.

Wenden, Wolmar, Walk waren mit schönem Erfolg absolviert. Dann ging es zu Wagen weiter durch das frühlingshelle Land nach dem kleinen Lemsal. Überall blühten Leberblümchen und gelbe Dotterblumen. Wie grüne Schleier wehte es in den Birkenwäldern. Jubelnd stiegen Lerchen in die Lüfte.

Es war eine schöne Zeit auch für unsere ganze Heimat; ein Aufatmen nach den Schrecknissen der Revolution. Man hoffte wieder und sah in eine bessere Zukunft für sich und die liebe Heimat. Es ist nun einmal Baltenart, immer wieder zu hoffen, immer wieder zu bauen, immer wieder sich zu freuen, sobald das Atmen einem nicht gar zu schwer gemacht wird.

Mühlens Schüler

Im Spätsommer des folgenden Jahres fing die Arbeit in Neuhäuser wieder an. Welch eine Freude herrschte, wenn sich die Kollegen vom vorigen Jahr wiederfanden! Es war dasselbe Bild, wenn auch die Gesichter in dem Bilde wechselten. Da aber viel fremde Elemente dazukamen, mußten die Kurse immer mehr das Intime, Familienhafte verlieren; doch gab es einen Kern von alten Schülern, die den alten Geist aufrecht erhielten, den Geist froher Arbeit und guter Kameradschaft.

Unter den eigenartigen, interessanten Persönlichkeiten des zweiten Kurses tauchte ein junger Sänger aus England auf, von dessen bestrickender Persönlichkeit und Stimme mir schon früher viel zu Ohren gekommen war, ein Schüler Mühlens: William Pitt Chatham, allgemein kurzweg »Bobbi« genannt. Ich war von seiner knabenhaften Erscheinung überrascht, als er in grauem Sportanzug vor mir stand.

Aus einem anziehenden Gesicht leuchteten mir ein paar dunkle Augen entgegen, und ein Lächeln voll Liebreiz, wie ich es nie bei einem Manne gesehen. Es ging ein merkwürdiger Zauber von ihm aus, dem sich kaum jemand entziehen konnte. Worin der wohl liegen mochte? Ob in der eigenartigen Mischung von bubenhafter Ausgelassenheit und hohem Künstlertum? Dazu kam, daß bei ihm, dem sicher Vielerfahrenen, der Eindruck von Kindlichkeit und Reinheit, den er machte, sich durch nichts zerstören ließ. So bezwang er alle Herzen, und wo Bobbi erschien, gab es leuchtende Augen und frohe Gesichter.

Ein romanhaftes Erleben, die Liebe zu einer schönen, viel älteren Frau, umgab ihn mit einem besonderen, geheimnisvollen Reiz; und allerlei ritterliche Abenteuer, die von ihm erzählt wurden, machten ihn interessant.

Wir konnten anfangs gar nicht miteinander verkehren, denn er sprach kein Wort deutsch, während ich das Englische damals nur sehr mangelhaft beherrschte. Doch radebrechten wir uns allmählich zueinander.

Er bat mich, täglich mit ihm zu üben, weil er deutsche Liederprogramme studieren wolle, und so fingen wir denn unsere Stunden bald an. Seine wunderbare, weiche Stimme besaß eine große Ausdrucksfähigkeit. Trotz seiner Unkenntnis des Deutschen lebte er sich, dank seiner Geschicklichkeit und seinem Anpassungsvermögen bald in die neue Welt ein und lernte schnell, deutsche Lieder singen. Meine Lehrmethode in diesen Stunden war außergewöhnlich einfach: ich sprach und sang ihm die Sachen so lange vor, bis er sie nachsingen konnte, und in kurzer Zeit beherrschte er sie so vollkommen, daß er sogar Mühlen dabei sehr fein imitierte. Auch den Ausdruck in den Liedern traf er mit so sicherem Empfinden, daß man nur staunen konnte.

Im Laufe dieser Wochen hatte Chatham ein solches Zutrauen zu mir gefaßt, daß er mich in die Tragik seines Lebens hineinblicken ließ. Er war in einer großen Not, denn die Frau, die er liebte, hatte ihren Mann verlassen und ihr Leben mit der ganzen Verantwortung dafür auf die Schultern dieses Knaben gelegt. Mühlen hatte einmal den Plan in ihm angeregt, nach Riga zu gehen, dort bei mir weiterzuarbeiten und in den Ostseeprovinzen zu konzertieren. Hans Schmidt, der Chatham in London kennen gelernt, hatte damals versprochen, ihn bei sich aufzunehmen.

Diesen Plan griff Chatham nun auf und bat mich flehentlich, ihm bei seiner Verwirklichung zu helfen, damit er imstande wäre, die Frau zu heiraten, die er liebte.

Ich schrieb Hans Schmidt, der ihm freundschaftlich sein Haus öffnete. Im Herbst sollte er nach Riga kommen.

 

Immer reicher und schöner gestaltete sich die Arbeit in den Ferienkursen. Aber Mühlens Leben sah ich dabei mit Sorgen zu. Er schlief meist nicht mehr als vier Stunden, aß kaum etwas und arbeitete so angestrengt, wie ich selten Menschen habe arbeiten sehen, da immer noch neue Schüler zu den alten kamen.

Eines Tages erhielt ich einen Brief von Gustel Hohenschild. Ich hatte lange nichts von ihr gehört, wußte nur, daß sie von ihrem Mann verlassen worden war. Sie meldete mir eine Schülerin für die Mühlenkurse, Tochter eines Professor Seng in Heidelberg, und bat mich, die junge Sängerin in meine besondere Obhut zu nehmen. Die Eltern hatten sich nur schwer entschlossen, ihre einzige, schöne Tochter allein unter die Künstler ziehen zu lassen.

Diese Bitte von Gustel berührte mich eigen. Sie, die einst so stark in meinem Leben gestanden hatte und nun schon lange daraus entschwunden war, tauchte wieder auf und brachte mir ein junges Menschenkind zum Lieben und Umsorgen. Ich antwortete ihr sofort und versprach, ihren Wunsch zu erfüllen. Bald meldete sie mir auch ihre Ankunft.

Ich ging ins Hotel, um zu sehen, ob in ihrem Zimmer nichts fehle. Während ich noch einiges ordnete, hörte ich das leise Öffnen der Tür, und als ich mich umwandte, erblickte ich ein junges Mädchen auf der Schwelle, das mich halb schüchtern, halb forschend anschaute: Tempe Seng. Da ich sie noch nicht erwartet hatte, war ich im Augenblick überrascht; noch mehr überrascht aber von ihrer seltsamen, dunklen Schönheit. Von ihrer Urgroßmutter her, die Indierin gewesen war, hatte sie das Fremdländische. Sie war schlank und braun, und aus dem schmalen Gesicht leuchteten ein paar ernste Augen. Alles an ihr war dunkel, und rassig. Überraschend bei dem jungen Menschenkinde wirkte der etwas herbe Zug um den sonst lieblichen Mund und ihre kühl reservierte Haltung.

»Sie sind Tempe Seng?« fragte ich. Ein kurzes, leises »Ja« kam als Antwort. Sie trat dabei vollends ins Zimmer und richtete ihren Blick ein wenig kritisch auf mich. Ich sagte ihr einige warme Worte zum Empfang und verließ sie dann.

Auf dem Heimwege beschäftigte mich diese junge Fremde. Ob ich ihr jemals nahe kommen werde, dachte ich und sah immer wieder ihre ernsten Augen und das Abweisende ihrer Haltung vor mir.

Ich bin ihr nahe gekommen; unsere Leben haben sich nachher merkwürdig miteinander verkettet.

Ich hörte ihre erste Singstunde an. Sie sang ein Lied in einer tiefen Stimmlage; die Stimme hatte etwas Unfreies. Es lag überhaupt ein starkes Wollen, kein inneres Müssen in ihrem Singen. Als sie geendet hatte, schwieg Mühlen erst einen Augenblick; »Sie wollen anders, als Ihre Stimme eigentlich will,« sagte er dann. »Warum singen Sie so tief? Die Stimme strebt ja in die Höhe.«

»Meine Höhe war immer unfrei,« war ihre Antwort. »Da meinte mein Lehrer, ich hätte eine Altstimme.«

Ein Laut der Ungeduld entfuhr Mühlen: »Ja, so machen sie es,« sagte er ärgerlich; »wenn etwas in der Stimme von Natur nicht gleich da ist, wird es übergangen, anstatt daß man es entwickelt. Es ist ja gerade so, als fischte man ein Stück Bernstein, an dem Seetang hängt, aus dem Meere und anstatt das Störende zu entfernen und das kostbare Stück zu bearbeiten, wirft man es wieder ins Meer zurück.«

Während Mühlen sprach, sah sie ihn unverwandt an. Man wußte nicht, war sie froh oder traurig über seine Worte.

»Wir wollen die Höhe entwickeln,« sagte er zu mir gewendet, »dann erst wird man die Stimme beurteilen können.«

Ihre Stimme wurde frei, hell, hoch und allmählich schön.

Außer den Stunden bei Mühlen arbeitete sie ganz regelmäßig bei mir.

Sie hatte eine eiserne Energie und eine große Konzentrationsfähigkeit, sie verstand zu arbeiten.

Im Herbst kam sie mit mir nach Riga.

Ein prächtiger Kamerad war Frida Beckershaus. Sie war eine Norddeutsche, schwerfällig und zuverlässig, schön und würdevoll. Ebenso schön und mächtig war ihre tiefe Altstimme. Wahrhaftig, bis auf den Grund ihres Wesens war sie und sicher wie ein Fels, auf den man bauen konnte. Ihr hartes Leben nahm sie tapfer und stark auf ihre Schultern. Wir fanden, der Name Frida passe nicht zu ihr und nannten sie Santa Barbara.

Mit Stolz und Würde trug sie eine Last, unter der ihre großzügige Natur schwer litt: die Armut. Heimlich entbehrte sie vieles, blieb aber niemand etwas schuldig.

Die lange Allee, die zu Mühlens Häusern führt, sehe ich zwei helle Gestalten heraufkommen: Barbara M'Counel, eine Australierin, und Gladis Newbury, eine Amerikanerin. Beide reich, fröhlich, mit jungen Herzen und schönen Stimmen, beide fein und zierlich, aus einer vornehmen, fremden Atmosphäre und großem Reichtum hierher, in schlichte Verhältnisse und eine strenge, künstlerische Arbeit versetzt. Dieses Leben ist ihnen vollständig fremd. Aber mit sorgloser Selbstverständlichkeit haben sie sich in alles gefunden. Sie erleben jeden Tag mit neuer Wonne.

Helene und Oskar Hörschelmann! Sie, die Reichbegabte, Lebensvolle, kam jeden Sommer getreulich zu Mühlens Kursen, begleitet von ihrem lieben, feinen Mann, dem »Kursonkel«, wie wir ihn nannten. Er war Arzt in Rußland, und sie sparten beide das ganze Jahr, um sich den Aufenthalt in Neuhäuser Sommer für Sommer zu ermöglichen. Sie arbeitete für ihre Singstunden, und er war die Vertrauensperson der Schüler, von allen hochgehalten und geliebt. Erkrankte jemand unter uns – Onkel Oskar war sofort da; und man fühlte sich schon besser, wenn diese ruhige, kühle Hand einem an den Puls faßte. Man kam zu ihm, sobald einem etwas fehlte, an Leib oder Seele – und er half immer. Mit seiner ritterlichen Art und seiner selbstlosen Güte war er der geborene Freund.

Das Ehepaar bildete auch den gesellschaftlichen Mittelpunkt für die Schüler. Bei Hörschelmanns versammelte man sich zu gemeinsamer Lektüre; von ihnen aus unternahm man größere Wanderungen in die Umgegend. Auch reizende kleine Feste gaben sie auf ihrer mit bunten Lampen geschmückten Veranda, wo gelesen, musiziert und geschwärmt wurde. Jeder kam von diesen Abenden angeregt und erfrischt nach Hause.

Und nun – wird meine Feder es vermögen, ein Bild von dir zu zeichnen, Lëlja Kaschperowa? Du, mit dem reinen Kinderherzen und der genialen Künstlerseele!

Sie steht vor mir in der Sprechstunde. Der hübsche Kopf mit dem kurzen Haar sitzt auf einem etwas ungeschickten Körper; oder wirkt er nur so ungeschickt durch die schlechte Kleidung? Ein paar herrliche Augen sehen mich an, Augen mit dem Ausdruck eines Kindes: braun, strahlend, freudig und erwartungsvoll. Sie sprudelt mit stark russischem Akzent ihre Wünsche heraus: »Ich bitte um Stunden beim Meister, Stunden bei Ihnen.« Lëlja Kaschperowa ist eine bekannte Komponistin und Pianistin, Schülerin Rubinsteins, die sich schon in Petersburg einen Ruf erworben hatte. Nun aber hat sie sich in den Kopf gesetzt, bei Mühlen zu singen. »Ich will seine Künstlerschaft in mich aufnehmen; ich brauche sie sehr,« sagt sie in ihrem russischen Deutsch.

Was für eine Fülle von Freude, Anregung, Spaß haben wir durch sie gehabt! Sie hielt uns immer in Atem; denn sie machte stets alles ganz anders als andere Menschen: War der Tag heiß, so konnte man sicher sein, sie in einem dicken Paletot, mit Galoschen an den Füßen und einem Regenhut auf den kurzen Locken, atemlos, in Schweiß gebadet, in die Stunde kommen zu sehen. Hingen dräuende Wolken am Himmel, blies ein starker Wind vom Meer her, so erschien sie in einer dünnen Musselinbluse, verwundert darüber, daß sie es so kühl habe.

So war und blieb sie: merkwürdig weltfremd; trotzdem aber nie verloren; mit ihren Kinderaugen sah sie nur den Platz, auf dem sie stand, und der erfüllte ihre ganze Seele. Sie tat immer, was ihr gerade einfiel, und es kam ihr immer aus; denn überall fand sie begeisterte Helfer, deren Hände sie vertrauensvoll mit den ihren faßte.

In den Stunden gab es oft heiße Kämpfe. Wenn Mühlen nicht immer bloß lobte, schlug die Verzweiflung wie Wellen über ihrem Haupte zusammen. Wie manches Mal ist sie aus ihrer Stunde zu mir hereingestürzt, meine Schüler auseinandersprengend, in wilder Verzweiflung sich mir in die Arme werfend. Dieses Weinen! Der ganze Körper wurde durch ihr Schluchzen erschüttert. Wie ein Kind mußte ich sie in die Arme nehmen, trösten, streicheln – und was war dann die Ursache? »Ich habe meine Kopfstimme heute nicht singen können,« brach's von ihren bebenden Lippen. »O, mein Gott, mein Gott, was soll daraus werden?«

Wir sitzen am Strande; die Sonne geht unter, leise schlagen die Wellen an das Ufer. Und Lëlja erzählt.

Ein Gut, fern in Rußland, in tiefster Einsamkeit, entsteht vor unseren Augen. Das Haus ist langgestreckt und weiß; eine breite Treppe führt hinab in den Garten, aus dem man einen weiten Blick hat über einsame, grüne Felder und ein Birkenwäldchen in der Ferne. Die Familie sitzt um die geliebte alte Mutter geschart, die Leute kommen singend von den Feldern heim. Lëlja hat den Kopf zurückgebogen, die Hände ruhen lässig im Schoß. Sie sieht nicht das Meer – sie sieht nicht uns – sie sieht die heimatlichen Felder, atmet den Duft der Birken und des frischen Heues und hört die heimatlichen Lieder durch die stille Sommernacht klingen.

Sie fängt an zu singen, süß, hell und hoch klingt ihre eigenartige Stimme. Unter den Liedern, die wir hören, erwacht auch in unseren Seelen eine Sehnsucht nach Wiesen und Feldern, nach Sommersonne und tiefer, tiefer Einsamkeit.

Nun erzählt sie weiter: Es arbeitet eigentlich keiner im Hause. Ein alter Kutscher führt die Landwirtschaft; ihm zur Seite stehen zwei alte Kinderwärterinnen der Familie. – Dazwischen werden Theateraufführungen gemacht. Man spielt Stücke, welche die jungen Mädchen sich selbst ausgedacht haben. Es gibt einen Konzert- und Theatersaal im Hause mit einer Bühne und weißen Säulen. Alles lebt nur in diesen Theaterstücken. Sie vergessen ganz den Alltag darüber, das wirkliche Leben, die Arbeit.

Und plötzlich erzählt sie von der Liebe ihres Lebens, unterbricht ihre Erzählung mit Liedern, welche die Situation malen. Es ist eine wunderbare, fremdartige Welt, in die wir schauen, voll eigenartigen Lebens.

Das Meer ist ganz still geworden; nur ihre Augen strahlen durch die Dämmerung, und über das Wasser klingt ihre Stimme, eindringlich, süß und hoch. –

Wir sind alle in ihrem Zimmer versammelt; es ist Sonntagvormittag. Sie spielt die »Kinderszenen« von Schumann. Wir sitzen auf dem Bett, auf der Kommode, auf dem Fensterbrett, auf ihrem Koffer, Kopf an Kopf gedrängt. Wenn sie spielt, klingt's immer, als improvisierte sie, so eigen, wie im Moment geboren, klingt alles. – »Ach, Lëlja,« sage ich, als sie geendet hat, »du sollst nicht singen, du hast ja schon deine Sprache gefunden; warum suchst du nach einer anderen Ausdrucksform?« – Sie kann so schnell weinen; sofort sind ihre Augen mit Tränen gefüllt: »Laßt mich doch zu euch gehören,« sagt sie, »Singen ist doch das Schönste!«

 

Wie lebendig steht ihr noch heute vor mir! Ihr und viele, die ich nur im Geist noch grüßen kann; aber alle Genossen leuchtender Tage!

Die Zahl der Kursteilnehmer war allmählich sehr gewachsen. Nicht nur Deutsche und Balten: Engländer, Russen, Amerikaner, Australier waren erschienen, Groß- und Kleinstädter; Künstler, die ihre Technik verbessern und Programme studieren wollten; alte Lehrerinnen, die sich ein bescheidenes Sümmchen zusammengespart hatten, um »die neue Methode«, wie sie es nannten, kennen zu lernen; sie kamen aus einer mühsamen Alltagswelt plötzlich in eine künstlerische Atmosphäre, die ihnen anfangs den Atem raubte. Dazwischen, wie leuchtende Blumen, junge, schöne Menschenkinder mit frohen Herzen, denen das Singen nur Schmuck und Freude des Lebens bedeuten sollte. Alle aber vereint unter einer Fahne, ihr Leben unter einen Gesichtspunkt stellend: den – künstlerischer Arbeit.

Für die Menge Schüler reichte meine Kraft nicht mehr aus, und Mühlen mußte noch einige Hilfslehrerinnen anstellen; aber die oberste Leitung der Kurse lag immer in meinen Händen. So lernte ich sie alle mehr oder weniger kennen mit ihren Freuden und Kümmernissen. Denn es gab in meinen Sprechstunden – halb ernsthaft, halb spöttisch auch von den Schülern »Seelenstunden« genannt – viel zu trösten und Tränen zu trocknen. Manche konnten sich in Mühlens Art nicht gleich zurechtfinden. Er war ihnen zu schnell, und seine Atmosphäre zu stark.

Was mir aber stets wohltuend entgegentrat, war der Geist freudiger Hilfsbereitschaft unter allen. Bezeichnend hierfür ist folgender Ausspruch einer Sängerin: »Ich erlebe hier Dinge, die man sonst nie erlebt. Es gibt immer Neid, Hader, Kampf, wo Sänger beisammen sind. Keiner hilft dem anderen oder gönnt ihm etwas. Aber hier, wenn jemand nur sagt, ich verstehe nicht zu üben, oder ich habe Mühlen nicht begriffen, erhebt sich sofort eine ganze Schar von Kollegen und erbietet sich zum Helfen und Mitarbeiten. Ja – gibt es denn hier keinen Sängerneid?«

Nein, den gab es nicht; und das gerade machte diese Zeit so schön und reich.

Mühlen schloß die Kurse mit einem Fest, das er für seine Freunde und Schüler veranstaltete. Ein mitten im Wald gelegenes Wirtshaus, der Waldkrug, besaß einen großen Saal, den er sich zum Festsaal ausersehen hatte. Der Besitzer des Waldkruges, bei dem auch viele Schüler als Pensionäre lebten, nahm mit leidenschaftlichem Eifer teil an dem ganzen Fest. Die Veranda wurde mit bunten Lampen, der Saal mit Kränzen und Guirlanden festlich geschmückt. Und unter den Schülern begann nun ein reges Leben voller Geheimnisse. Mit den bescheidensten Mitteln sollte ein Kostümfest veranstaltet werden.

Uns allen zur Überraschung hatte der Wirt sich folgenden Scherz ausgedacht: aus uralter Zeit befand sich im Waldkrug eine gelbe Postkutsche. Kutscher und Vorreiter wurden in altertümliche Kostüme gesteckt; vier Pferde vor die Postkutsche gespannt. Dieser Wagen fuhr von Pension zu Pension, die Gäste abzuholen. Vor jeder Tür meldete der Vorreiter auf einer Blechtrompete die Ankunft der Kutsche.

Mitten im Saal stand Mühlen, neben ihm seine Freundin, Frau Justizrat Gyßling, und ich.

Jede eintretende Gruppe der Gäste empfing ein Tusch von einem kleinen Orchester, das Mühlen für diesen Abend bestellt hatte.

Da kamen sie denn hereingezogen, alle künstlerisch ihre Rollen durchführend: Ein Biedermeierherr, in steifem Halskragen und hohem Hut, zwei bezaubernde Biedermeierdamen an der Hand führend, die sich in ihren breiten Krinolinröcken tief vor ihrem Gastgeber neigten. Singend kam ein Zug lettischer Mädchen herein mit einer Vorsängerin, die mit einer himmelhohen, hellen Stimme das »Lihgo Janit« sang. Dann eilten trippelnden Schrittes drei Japanerinnen durch den Saal, warfen sich vor Mühlen auf die Knie, und grüßten auf japanische Art, den Boden mit der Stirn berührend. Wer zählt all die Rumänen, Ungarn, Inder? Ja, sogar einen Neger gab es! Welch ein festliches, amüsantes Wogen! Wieviel Scherzworte und geistvolle Witze flogen hin und her! Und dann gab es ein fröhliches Tanzen. Zum Schluß sogar eine von Mühlen mit einer Russin getanzte Mazurka! Der helle Morgen mit Vogelsang und Sonnenschein schaute durch die weit offenen Fenster, als wir uns trennten. Ja, nun waren die Kurse wirklich zu Ende. Wir flogen nach allen Himmelsrichtungen auseinander. – Ich fuhr mit einigen Landsleuten noch nach Berlin für acht Tage. Lëlja Kaschperowa wollte allein die Reise in die Heimat machen.

Wir sitzen in unserer Pension in Berlin am Fenster. Es ist ein trüber, regennasser Herbstnachmittag. Eine Droschke fährt vor, und – wer entsteigt ihr? – Lëlja! Wir stürzen auf die Straße, sie zu empfangen. »Aber Lëlja, du wolltest doch heimreisen?« Wie zwei Sonnen strahlen ihre Augen. Sie faßt unsere Hände. »Wie herrlich, daß wir wieder beisammen sind!« sagt sie. »Es war so traurig, allein zu reisen. Da habe ich mich entschlossen, euch abzuholen. Nun machen wir die Reise zusammen bis an die russische Grenze.« Wir haben sie in unser Zimmer gebracht, fröhlich lachend. »Ach Lëlja, du bist doch ein wahres Kind! Man fährt doch nicht extra von Königsberg nach Berlin, um jemand abzuholen! Es ist ja eine große Reise!« »Ja,« sagt sie, »ich war auch ganz erschrocken, wie lang sie war. Aber denkt nur, wie herrlich, jetzt machen wir die Heimreise miteinander! Ich habe mich die ganze Zeit gefreut, daß ich mit euch fahren werde!«

Sie steht mitten im Zimmer, in einem dicken Mantel mit langem Kragen und einem rosa Strohhut, auf den sie sehr stolz ist, und den wir alle entsetzlich finden.

»Lëlja, du siehst ja ganz unförmig aus; was hast du in deinen Taschen?« »Ach,« sagt sie eifrig, »ich habe meine Handtasche verloren. Da war ich froh, daß meine Manteltaschen so groß sind; und habe meine Nachtsachen eingesteckt.« Unter Staunen und Lachen entleerten wir diese. Was war da alles drin! Das erste, was wir hervorzerren, ist ihr Nachthemd. »Ja, das ging am schwersten hinein,« sagt sie. – Dann folgen: ein Stück Seife, Kämme, eine Zahnbürste, ein Schwamm in feucht gewordenes Papier gewickelt, und noch eine Menge Kleinigkeiten, die sie im letzten Augenblick gefunden und hineingesteckt hatte! »Ach Lëlja, dich kann man ja nicht einen Augenblick allein lassen,« sage ich. »Das glaube ich auch,« erwidert sie, »deshalb bin ich froh, daß wir wieder beisammen sind!«

Arbeitsleben und Festtage mit meinen Schülern

In diesem Herbst waren mir Eva Lißmann, Tempe Seng und Bobbi Chatham nach Riga gefolgt. Da ich keine eigene Häuslichkeit hatte, sondern immer noch bei Verwandten lebte, konnte ich sie nicht bei mir aufnehmen und brachte Eva und Tempe in einer Pension unter, Bobbi wohnte bei Hans Schmidt. Sie gingen wie Kinder bei mir aus und ein, und ich genoß so unendlich, diese jungen, hoffnungsfrohen Menschen um mich zu haben und künstlerisch, wie in Neuhäuser, mit ihnen weiterzuarbeiten.

Bobbi und Eva studierten Programme; zuerst gab jeder einen eigenen Liederabend, dann vereinigten sie sich zu Duetten. Sie hatten stets ausverkaufte Konzerte, namentlich ihre Duettabende waren unendlich beliebt, und diese jungen, strahlenden Menschen hatten etwas so Hinreißendes, wenn sie nebeneinander auf dem Podium standen, daß keiner diesem Eindruck widerstehen konnte. Ihre Stimmen waren wie füreinander geschaffen, und sie hatten sich beim Singen so zusammengefunden, waren so miteinander verschmolzen, daß sie wie ein Klang wirkten.

Zu Weihnachten fuhr ich mit meinen drei Pflegekindern nach Livland auf ein einsames Pastorat zu meinem Neffen. Er war Junggeselle; verschneit, weltabgeschieden lag sein Haus in einem großen Garten. Weite Wiesen umgaben es, die jetzt tief im Schnee vergraben waren. So weit das Auge reichte sah es nichts weiter als eine schneeweiße Fläche. Wie köstlich funkelte sie, wenn die Wintersonne darauf lag! Es war eine Einsamkeit, wie meine drei Kinder, die aus der großen Welt kamen, sie noch nie geschaut. Aber das alles focht sie nicht an. Das stille Haus war plötzlich voll Lachen und Singen, und Weihnachtsfreude füllte es. Wir holten selbst den Weihnachtsbaum aus dem Walde und schmückten ihn mit goldenen Nüssen. Bobbi mußte deutsche Weihnachtslieder lernen, dann sangen wir sie dreistimmig. Es klang bis ins stille Arbeitszimmer zum Pastor hinüber, der seine Tür öffnete und auf den süßen Klang horchte, der in seine Weihnachtspredigt hineintönte.

»Solch ein Weihnachten gab es noch nie bei mir,« sagte er in seiner stillen Art und tat alles seinen jungen Gästen zuliebe. Täglich ließ er seine Pferde vor einen großen Schlitten spannen, in den wir alle gepackt wurden, warm in Pelzdecken eingehüllt. Da fuhren wir stundenlang ins weiße, stille Land hinein durch dunkle Tannenwälder, an tief verschneiten, wie im Schlaf daliegenden Bauernhäuschen vorüber.

Und dann kam der Weihnachtsabend. Ich sehe sie noch unter dem Weihnachtsbaum stehen, die drei schönen, frohen Menschen: Eva und Tempe in weißen Festkleidern; sie hielten sich an den Händen und sangen:

»O du fröhliche, o du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit.«

Diesem Ausruhen im stillen Pastorat folgten Konzerte in Estland von Bobbi und Eva; Tempe und ich begleiteten sie nach Dorpat und Reval. Die warmherzigen Estländer äußerten noch spontaner ihre Begeisterung als die Rigenser. Wie getragen von Liebe und Freude, gingen diese jungen Menschen damals durch ihr Konzertleben, und ich erntete als stolze Pflegemutter mit frohem Herzen viel Lob und Ehren.

Dann kamen noch weitere stille Arbeitswochen in Riga, aber es gab auch viel Geselligkeit, denn jeder wollte die jungen Künstler bei sich aufnehmen. Ich mußte manchmal den vielen Einladungen einen kleinen Halt gebieten, denn die Hauptsache war für uns doch die Arbeit.

Nach Ostern fuhren sie alle heim. Wie schön war es, daß man sich immer auf Wiedersehen sagen konnte, denn im August begannen die Mühlenkurse in Neuhäuser. –

Es gab dasselbe äußere Bild wie im früheren Sommer: frohe Arbeit, die mit so glücklichem Herzen getan wurde, daß jeder Tag ein Fest war; immer wieder die alten Schüler und neue, oft sehr interessante, die dazukommen, und über allem Mühlen, gebend, spendend aus dem nie versiegenden Born seiner reichen Künstlernatur.

Es folgten mir immer mehr von Mühlens Sommerschülern nach Riga. Eva Lißmann blieb in diesem Winter zu Konzerten in Deutschland, aber Tempe Seng und Bobbi Chatham reisten wieder mit mir in meine Heimat. Außer ihnen kamen Frida Beckershaus, zwei Australierinnen, Barbara M'Connel, die von ihrer Schwester begleitet wurde, und eine junge Schülerin aus Königsberg.

Ich sollte nach zwei Jahren wieder meine eigene Häuslichkeit haben, denn Hans Schmidt und sein Freund Oskar Bergengruen hatten mir eine Wohnung gemietet, während ich in Deutschland war.

Ich kam mit einigen meiner Schüler an, Bergengruen erwartete mich auf der Bahn. Er half mir, zuerst die Fremden in ihren Pensionen unterzubringen, sprach dabei sein Bedauern aus, daß es ihm und seinem Freunde nicht gelungen sei, meine Wohnung zu meinem Empfang einzurichten.

»Es ist mir so unangenehm, daß ich Ihnen das sagen muß, aber die Handwerker haben eben erst die Wohnung verlassen. Alles steht durcheinander, ich habe nicht einmal scheuern lassen können.«

Ich tröstete ihn: »Nun, das ist nicht schlimm, wir richten zusammen ein.«

Nun standen wir vor dem Hause und stiegen die Treppen zu meiner Wohnung empor.

»Wie es auch darin aussehen mag,« sagte ich zu meinem Begleiter, »ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie mir wieder eine eigene Häuslichkeit geschaffen haben.«

Wir standen vor einer umkränzten Tür, an der mein Name auf einem neuen Messingschild prangte. Dann wurde die Tür geöffnet, und Hans Schmidt stand vor mir. Ein Choral erklang, von vielen Stimmen gesungen:

»Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren.«

»Was ist denn das?« rief ich.

»Das ist Ihr neues Heim,« sagte Hans Schmidt. Er war ganz bewegt. »Sie sollen es fühlen, wie froh wir sind, daß Sie wieder da sind.«

Ganz betäubt wurde ich von meinen beiden Freunden hineingeführt, die Wohnung war vollständig eingerichtet. Stumm stand ich da, meine nächsten Freunde und Bekannten erwarteten mich, sie wollten meine Freude und Überraschung sehen. Unter ihrem Jubel wurde ich von einem Zimmer ins andere geleitet: im Speisezimmer war der Kaffeetisch gedeckt, in der Küche stand mein neues Dienstmädchen in weißer Schürze, weißem Häubchen und bereitete das Mittagessen. Es fehlte nichts, alles war da bis aufs gefüllte Tintenfaß auf meinem Schreibtisch. Das Wunderbarste aber blieb doch, daß alles nach meinen Wünschen, in meinem Sinne eingerichtet war. So und nicht anders hätte ich selbst alles gemacht. Ich konnte mich in mein Haus setzen und mein Leben beginnen.

Das sind Augenblicke, die sich einem tief einprägen. Die Erinnerungen an sie bleiben wie leuchtende Sterne über dem Leben stehen.

Ein bewegtes, fröhliches Leben beginnt in meinem Hause mit meinen ausländischen Schülern. Nur Tempe Seng wohnt bei mir, aber der ganze Kreis, zu dem auch ein Neffe und seine Schwestern gehören, geht täglich bei mir aus und ein. Jeden Nachmittag, wenn ich meine Stunden geschlossen habe, versammelt sich alles um die Teemaschine. Wir sind meist acht bis zehn Personen. Sie kommen alle gar zu gern; selten fehlt jemand. Deutsch und englisch wird durcheinander geredet. Wir lesen viel Shakespeare im Original und in der Übersetzung und plaudern über künstlerische Fragen. Wenn abends ein Konzert ist, gehen wir immer gemeinsam hin. Vieler Augen folgen uns; denn meine Pflegetöchter sind schöne, eigenartige Erscheinungen.

Meine junge Gesellschaft ist ein wenig verwöhnt und anspruchsvoll. Sie nimmt ganz Besitz von mir, so daß meine alten Freunde und Schüler sich manchmal gekränkt fühlen und fortbleiben. Ich muß mir zuweilen Luft machen, und, wie sie es nennen, »Gerichtstage« halten. Dann bekommen sie eine Rede über livländische Gastfreundschaft, die nicht exklusiv sein darf. Das hilft für eine Weile. Sie sind so jung und stark und leben so unbekümmert egoistisch ihr eigenes Leben!

Dabei wird fleißig gearbeitet; Konzertprogramme werden studiert. Bobbi und Frida Beckershaus geben Konzerte. –

Nun ist Weihnachten gekommen. Ich bin mit meiner ganzen Gesellschaft auf das Land gefahren zu »Tante Ida«, einer Jugendfreundin meiner Mutter, nach Keggum, einem an der Düna gelegenen früheren Doktorat. Staunend sehen die Fremdländerinnen tief verschneite Wälder, durch die wir von der Eisenbahnstation in kleinen Schlittchen fahren. Wir sind am Ziel. Die Schlitten halten vor einem langgestreckten Hause mit weißen Säulen; wir nennen es die »Arche«, weil Wohnhaus, Vorratskammern und Ställe alle unter einem Dach sind. Die gastliche Tür steht weit offen, und von der Schwelle grüßt »Tante Ida« freundlich und mütterlich meine ganze Schar. Sie ist eine wunderschöne Erscheinung, und sieht aus wie eine Königin in schlichtem, grauem Alltagskleide. Stolz und gerade ist ihre Haltung, stolz das schöne Profil und leuchtend die blauen Augen. Herzgewinnend aber ist das unbeschreiblich Mütterliche, das von ihr ausstrahlt. Immer hat sie irgendwelche Gäste unter ihrem Dach, die sie pflegt, für die sie sorgt. Wie mancher, der mit gebrochenen Schwingen in die Arche einzog, hat das Fliegen wieder gelernt und ist durch Tante Idas sonnige Liebeskraft wieder auf die rechte Bahn gekommen.

Die jungen Menschen, die jubelnd, lachend mit mir über die Schwelle der Arche dringen, haben keine gebrochenen Schwingen. Sie wollen froh sein, den ganzen Tag froh, unter Tante Idas Hut und in ihren verschneiten Wäldern. Sie wollen »fröhliche, selige« Weihnachten feiern.

»Diesmal brauchst du nichts zu flicken,« sage ich, indem ich sie zur Begrüßung umarme. »Wir sind alle gesund und wollen uns nur freuen.« »Das tut gut zu hören,« antwortet Tante Ida mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme. »Türen und Herzen sind weit aufgetan für euch.«

Juling, das gute, treue Dienstmädchen, eilt mit blendend weißer Schürze und spiegelglatt gekämmt, mit unserem Gepäck die kleine gewundene Wendeltreppe hinauf, zu den Gastzimmern. Tante Ida führt uns in den Saal. Es ist ein großer altmodischer Raum mit Streckbalken, den die dunkelroten Samtmöbel nicht imstande sind ganz zu füllen, sie stehen bescheiden an den Wänden. Nebenbei im Wohnzimmer brennen, unserer Ankunft zu Ehren, mächtige Birkenklötze im Kamin.

»Kommt ins Speisezimmer,« ruft Tante Ida, »der Kaffee wartet auf euch!« Das läßt man sich nicht zum zweitenmal sagen, und bald sitzen wir alle um den langen Tisch. – Guscha, des Hauses guter Geist, kommt hochrot aus der Küche, mit der dampfenden Kaffeekanne. Auf dem Tisch stehen Berge von frischgebackenen Kümmelkuchen.

Tante Ida präsidiert am Ende der Tafel: ihre strahlenden Augen gehen von einem zum anderen, und ihre mütterliche Seele umfaßt liebevoll jeden, der an ihrem Tisch sitzt.

Jetzt tritt Ida herein, die Tochter des Hauses, blond und hochgewachsen, mit einem etwas herben Gesichtsausdruck. Aber sie besitzt ein weiches Herz, das treu zu lieben versteht. Still setzt sie sich zu uns. Begleitet wird sie von zwei riesigen Hunden, die sich, auf einen Wink von ihr, still zu ihren Füßen niederlegen.

Durch die Fenster sieht man in den Garten, an dem die Düna vorüberfließt. Im Sommer hört man die Stromschnellen rauschen, jetzt ist alles still. Über den ruhelosen Strom hat sich eine Eisdecke gespannt, auf der jetzt funkelnder Schnee liegt.

»Ihr müßt selbst den Weihnachtsbaum holen,« sagt Tante Ida. »Morgen früh wird angespannt, und ihr fahrt alle in den Wald. Ich gebe euch ein paar Knechte mit, die den Baum fällen sollen, aber ihr müßt ihn aussuchen.«

Das ist eine köstliche Aussicht! – Am nächsten Morgen ist alles bereit zur Waldfahrt. Niedrige, breite Holzschlitten stehen vor der Tür; Strohsäcke, die auf ihnen liegen, bilden die Sitze. So fahren wir ab; eine ganze Reihe kleiner Schlitten, einer hinter dem anderen. Bobbi steht wie ein Triumphator in dem seinen, die Zügel in der Hand. Es gibt einen großen Kampf; niemand will sich seiner Führung anvertrauen. »Er wird uns in den Schnee werfen,« sagen die jungen Mädchen.

In strahlender Sonne geht es blitzschnell über die Landstraße, dem Walde entgegen, der uns bald aufnimmt. Es ist ein Glück, daß Ida mitkam, sonst hätten wir unter den herrlichen Tannen uns zu keiner entschließen können. Ein Baum ist schöner als der andere, wie sie so dastehen in dem blendenden Schnee!

Ida machte allem Wählen und Streiten ein Ende. »Es muß ein breiter Baum sein,« sagt sie; »die Spitze wird abgeschlagen. Er muß den Saal füllen, denn es soll ein Stück Wald sein, das ins Zimmer gekommen ist.«

Bald klingen Axthiebe durch den stillen Wald. Ein Rauschen – ein Krachen – wir springen zur Seite. Jetzt stürzt der Baum. Er wird mit Stricken umwunden; wir spannen uns vor und ziehen ihn durch den Schnee auf die Landstraße. Zwei Schlitten werden aneinander gebunden; der Baum wird hinaufgehoben und im Triumph heimgebracht.

Tante Ida hat schon von weitem das Läuten unserer Schlittenglocken gehört und steht nun, in ihren Pelz gehüllt, an der Haustür; neben ihr Guscha, in ein dickes, graues, gestricktes Tuch gewickelt.

»Ich habe heißen Tee und frischgebackene Speckkuchen für euch,« sagt sie, »ihr werdet hungrig sein.« Sie tut nichts weiter den ganzen Tag, als für andere sorgen, die Gute!

Wir haben den Schnee von unseren Kleidern geschüttelt, uns unserer Pelze entledigt und sitzen um den brennenden Kamin. – Guscha bringt den Tee und die Speckkuchen. »Das Mittagessen kommt in einer halben Stunde,« sagt Tante Ida. »Bewahrt noch ein Plätzchen dafür. Heute gibt's was Gutes.« Ach, es gab in Keggum immer etwas Gutes.

Die Knechte haben dem Tannenbaum die Spitze abgeschlagen und ihn fest auf ein Holzkreuz gestellt. Er wird hereingebracht, seine Zweige rauschen. Nun steht er mitten im Saal, es ist wirklich ein Stück Wald ins Haus gekommen, der Duft der Tannennadeln zieht leise durch alle Räume. Es ist Weihnachten!

Die Weihnachtsbescherung ist vorüber. Nach dem Abendessen sitzen wir alle um den brennenden Kamin, singen Weihnachtslieder, erzählen uns von verschiedenen Weihnachtsfesten, die wir gefeiert haben, und schweigen dann. Jeder ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Da tritt Tante Ida unter uns:

»Kinder, kommt heraus und seht, wie draußen die Sterne funkeln. So funkeln sie nur am Heilig-Abend zu Ehren des Christkindleins,« sagt sie.

Wir gehen alle in den Garten, dicht eingehüllt in unsere Pelze. Man atmet nur schwer in der klaren, kalten Luft. Es ist ganz still, der Schnee leuchtet und knirscht unter unseren Schritten. Die Sterne funkeln und in der Ferne schlägt ein Hund an. Aus den Fenstern des langgestreckten Hauses fällt der Lichtschein auf den Schnee, aus der Leutestube hört man das Gesinde singen: »Stille Nacht, heilige Nacht.«

»Solch ein Weihnachtsfest haben wir noch nie gehabt,« sagen meine jungen Ausländer. »Es ist ja wie ein Märchen!«

Zu Beginn des Semesters waren wir alle wieder in Riga, wo das gewohnte Leben aufgenommen wurde.

Im Frühjahr kam an Lempe Seng und Bobbi Chatham aus Dorpat eine Aufforderung, die Sopran- und Baritonpartie in Schumanns »Faust« zu übernehmen. Freudig wurde zugesagt.

In einer Studentenburg der Korporation »Fraternitas Rigensis«, unter dem Namen »der kalte Jakob« bekannt, sollte für ein Unterkommen gesorgt werden. Es begab sich eine große Gesellschaft in fröhlichster Stimmung auf die Konzertreise, denn einige aus meinem jungen Kreise hatten sich uns angeschlossen.

Der Zug läuft in den Bahnhof von Dorpat ein, Studenten in blauen Rigenserdeckeln erwarteten uns feierlich. Wir kommen uns bei dieser Ehre wie gekrönte Häupter vor.

Man verteilt sich mit den Studenten in zwei bereitstehende Landauer, und im bekannten Dorpater Sturmtempo fahren uns die kleinen Estenpferde unserer Wohnung zu. An offenen Fenstern, vor den Haustüren stehen Bekannte, die von unserer Ankunft wissen, grüßen und winken.

An der Tür werden wir von Studenten empfangen und in die behaglich eingerichteten Zimmer geführt; auch eine Speiseveranda steht uns zur Verfügung, hier erwartet uns ein reichbesetzter, geschmückter Kaffeetisch. Ich, als Haupt der ganzen Gesellschaft, habe das Präsidium an der Tafel zu übernehmen.

Wie schön sind solche Choraufführungen in unseren kleinen Städten! Mit wieviel Verständnis und Liebe nimmt die ganze Stadt an ihnen teil, ehrt und verwöhnt die Solisten auf jede Weise! So waren denn auch diesmal Generalprobe und Konzert ausverkauft und lösten größte Begeisterung aus.

Die »Rigensis« sieht uns als zu ihr gehörig an. Den ganzen Tag sind einige Studenten nur für uns da, jeder Wunsch wird mit feinster, ritterlicher Aufmerksamkeit erfüllt. Mit Stolz führen sie uns durch die wunderbare, hochgelegene Domruine und zeigen uns den Domberg, der im ersten Frühlingsschmuck prangt.

Kommen wir nach Hause, so haben geheimnisvolle Hände schon den Tisch gedeckt, und bei jeder Mahlzeit machen Studenten in liebenswürdigster Weise die Wirte.

Als wir nach dem Konzertabend an die Heimreise denken, heißt es, davon könne gar nicht die Rede sein, man würde noch uns zu Ehren Feste im Konventsquartier geben. Und wir blieben gern. Auf einem Kaffee der »Rigensis« gibt es Chorgesang, Fröhlichkeit und zum Schluß eine Scheinmensur, damit die Fremden eine Ahnung vom Burschenleben bekommen.

Am folgenden Tage hat uns die »Estonia« zu einem großen Frühstück in die festlichen Räume ihres Konventsquartiers geladen. Im Saal, unter dem mächtigen Korporationswappen ist der Frühstückstisch gedeckt, an dem man in ungezwungenster Unterhaltung lange beisammen sitzt. Die »Estonia« ist von jeher durch ihren guten Chorgesang bekannt, auch heute stellt sich uns zu Ehren ein magister candidati an die Spitze seiner Sänger, und erfreuend brausen die alten, deutschen Burschenlieder durch den Saal.

Wir müssen endlich an den Abschied denken, die ganze Korporation begleitet uns zum Wagen. Abends, als wir auf den Bahnhof kommen, empfangen uns dort die beiden Korporationen »Rigensis« und »Estonia«. Es ist ein großes Ehrengeleit. Unter den Klängen eines Abschiedsliedes steigen wir in unseren Waggon. Als der Zug sich in Bewegung setzt, winken sie uns Abschiedsgrüße mit ihren bunten Deckeln zu. Wir hören noch ihr Singen aus der Ferne.

»Solche Tage könnte man bei uns in meiner Universitätsstadt nie erleben,« sagt Tempe Seng, die Professorentochter. »Irgend etwas, das ihr habt, fehlt unsern deutschen Studenten. Es ist der ideale Schwung und das Gefühl, das man bei euch hat, als müßte jeder einzelne von euch uns Fremden gegenüber die Ehre seines Landes vertreten.«

Reisen nach Frankreich und England

Im Jahre 1910 konnte ich meinen langgehegten Wunsch ausführen und für die Zeit der berühmten »season« nach London gehen. Es war Anfang Mai, als wir uns mit Eva Lißmann in Berlin trafen, um die Reise zusammen zu machen. Voll freudiger Erwartung sahen wir uns bei gemeinsamen Freunden wieder.

Da tauchte plötzlich der Gedanke in mir auf, ob wir nicht vorher nach Paris gehen sollten. Ich hatte mir eine größere Summe erspart, die für uns beide reichte. Und – der folgende Morgen sah zwei glückselige Menschen auf dem Wege dahin!

Eva Lißmann kannte Paris gut, sie hatte dort studiert. Wir fanden sogar bei ihrer früheren Hauswirtin Unterkunft in dem Zimmer, das sie während ihrer Studienzeit bewohnt hatte.

Es war ein eigenes Gefühl, am Morgen in Paris zu erwachen!

»Jetzt machen wir es einmal, wie reiche Leute,« sagte ich.

Wir nahmen einen Wagen und fuhren stundenlang in den Champs Elysées spazieren.

Es liegt etwas Berauschendes in der ganzen Pariser Atmosphäre, nie hat eine Stadt so auf mich gewirkt. Die breiten Avenuen mit den blühenden Kastanien, die Blumenherrlichkeiten überall, die großen, weiten Plätze mit ihren ostentativen Monumenten, die elegante Welt, die sich in den Straßen bewegt, die südliche Sonne, und eine Atmosphäre von Glanz und großer Lebensfreude, all das trug einen wie auf Flügeln durch die Tage, von denen jeder etwas Neues und Schönes brachte.

Eva Lißmann war eine prächtige Führerin. Wir besuchten die Schlösser der Umgegend: Versailles, St. Cloud, Trianon, alles in Frühlingsblüten und Frühlingssonne getaucht. – Wir sahen Sarah Bernard in ihren berühmtesten Rollen; besuchten Ausstellungen und wandelten stundenlang auf dem Père la Chaise umher, die Gräber berühmter Toten aufsuchend, die dort zur letzten Ruhe gebettet waren.

Waren wir einmal einen Abend still zu Hause, so gab es ein köstliches Ausruhen auf dem Balkon unseres Zimmers, von dem wir einen weiten Blick über das lärmende Paris zu unseren Füßen hatten. Wunderbar war auch das Verschollensein für die Menschheit! Außer meinen Freunden in Berlin wußte niemand, wo wir uns befanden. Kein Brief konnte uns erreichen, kein Ruf aus der übrigen Welt. »Von hier gehe ich nicht mehr fort,« erklärte ich jeden Abend, »so schön wird man es nie mehr haben.«

Nach vierzehn Tagen aber wurde Eva Lißmann unruhig. Der »Arbeitsteufel«, wie ich es nannte, packte sie. Und wenn es so weit war, dann mußte man ihr den Willen lassen. Das kannte ich. Schweren Herzens trennte ich mich von Paris, von diesen Tagen voll Glanz und Frühlingsfreude.

Eine andere Welt umfing uns, als wir dann eines Abends glücklich in London eintrafen. Alles war schwer, ernst nach dem lachenden Paris: die Menschen auf den Straßen, die Häuser, die Luft. Ich sehnte mich zurück; denn Paris ist eine Stadt, die einen überfällt mit ihrem Eindruck, in Londons Größe muß man sich erst hineinleben.

Wir wohnten in einer Pension, die von der Mutter meiner Freundin Edith Wehner geführt wurde, und in der viele andere Mühlensche Schüler lebten. So gab es denn wieder eine schöne Gemeinsamkeit.

Ich kann nicht sagen, daß ich ein persönliches Verhältnis zu London gewonnen habe, wie etwa zu Rom, Paris oder Wien; das Gewaltige dieser Riesenstadt beängstigte mich anfangs, aber ich empfing einen imponierenden Eindruck von ihrer Größe und der alten Kultur des englischen Volkes.

Eine schöne, reiche Zeit lag vor mir, denn zur »season« strömt alles in London zusammen, was irgend eine Bedeutung auf künstlerischem Gebiete in der Welt hat. Auch war ich glücklich, einmal ganz ungehindert durch Schüler, meinen eigenen Gesangstudien leben und bei Mühlen arbeiten zu können.

Den größten Genuß in dieser Londoner Zeit bereitete mir immer der Besuch des großen Opernhauses Covent-garden, wo man auf der höchsten Galerie die größten Gesangssterne Europas für ein Billiges hören konnte. Gewöhnlich fand sich eine ganze Gesellschaft aus der Pension zu einer Opernvorstellung zusammen. Ein einzelner wagte es kaum, den Kampf um ein Billet aufzunehmen, das hier nicht so leicht, wie anderswo, zu erreichen war. Schon die Fahrt dahin bringt viel Aufregendes mit sich.

Mehrere Stunden vor Beginn der Vorstellung machen wir uns auf den Weg, denn wir haben eine Reise vor bis zum Ort unserer Bestimmung. Im Sturmschritt – in London kennt man nur einen Sturmschritt – eilt unsere Gesellschaft der Untergrundbahn zu. Ein Lift bringt uns in Windeseile viele Faden tief unter den Erdboden. Dann saust man in atemraubender Geschwindigkeit eine Weile dahin, mit dem grauenhaften Gedanken, sich – unter der Themse zu befinden! Nun schnell zu einer zweiten Bahn durch hellerleuchtete, winddurchsauste Gänge. Der Wind entsteht durch künstlich zugeführte Luft. Wieder ein beängstigender Gedanke: wenn die Ventilatoren versagen, müßte man ersticken! Jetzt ein Lift, das uns emporträgt und – welches Glück! – man ist im hellen Tageslicht.

Eine enge Straße, die zum Covent-garden führt, darin eine endlose Menschenreihe, die sich durch langes Stehen und geduldiges Warten die unnumerierten Plätze zur Galerie erobern muß. Sorgenvoll zählt man die Köpfe der Menschenschlange, an deren Ende man angelangt ist, und sieht nach der Uhr. Noch zwei Stunden vor Beginn der Oper!

Aber jetzt wird einem die Zeit nicht lang. Händler kommen und bieten Erfrischungen an, das Publikum ist in freudiger Erwartung, Scherze fliegen hin und her. Ein Trupp Taschen- und Straßenschauspieler erscheint. Die amüsantesten Vorstellungen werden gegeben, z. B. von einem Verwandlungskünstler, der in vielfachen Gestalten hinter einem Schirm hervorkommt. Dazwischen trinkt man Limonade und ißt Süßigkeiten.

Plötzlich geht ein Ruck durch die Riesenschlange: die äußere Tür zum Opernhaus ist geöffnet worden! Nach vielen »Betriebsstockungen« und regelmäßigem Vorrücken in bestimmten Zwischenpausen fällt endlich die letzte Barriere, und nun stürmt man in wilder Eile die Treppe hinan, einen Platz zu erlangen.

Atemlos, keuchend sitzt man endlich auf seiner unter heißen Kämpfen eroberten Bank und blickt aus einer wahren Himmelshöhe hinab auf die Bühne. Wird man etwas hören und sehen? Die Glut oben ist unerträglich, sinnverwirrend. Wird man fähig sein, von der Oper etwas zu genießen? Der Vorhang geht auf. Das wunderbare Orchester beginnt. Wir hören die Melba und die Tetracini. Mit seinem Silberklang schwingt die Stimme der Melba durch den Riesenraum. Ihre glänzende Atemtechnik trägt den Ton in unveränderter Schönheit zu uns herauf.

Dazwischen prasselt das Koloraturen-Feuerwerk der Tetracini.

Vergessen ist die Glut, vergessen alles über dieser künstlerischen Vollendung!

Ich habe sie in London alle gehört, immer wieder, die großen Opernsterne Europas; nur Caruso nicht, der gerade in diesem Jahr durch Krankheit am Auftreten verhindert war.

Aus den Konzerten, die ich in London mitmachte, möchte ich nur eins hervorheben, das sich mir in seiner merkwürdigen Eigenart eingeprägt hat.

In der Albert-Hall feierte die Patti das fünfzigjährige Jubiläum ihres Begleiters. Eine lange, lange Liste von berühmten Namen stand auf dem Programm. Ungezählte traten auf, spielten, sangen, geigten, deklamierten Festgedichte. Ich konnte nicht genug staunen über diesen merkwürdigen Dilettantismus in größtem Stil.

Als Glanznummer sang die Patti. Ein zierliches, kleines Persönchen in weißem Kleide, auf dem Kopf einen Riesenhut mit Rosen und Veilchen, große Brillanten in den Ohren, trippelte eilig auf das Podium, von brausendem Applaus empfangen. Sie dankte kindlich mit unzähligen Verbeugungen.

Dann begann sie: »Voi chesapete«, ihr Glanzstück, das sie gewiß vieltausendmal im Leben vorgetragen hatte. Das »Home sweet home««, welches nun folgte, entfesselte einen Sturm von Begeisterung unter den kühlen Engländern. Blendend in ihrer vollendet technischen Zierlichkeit klang dann eine Koloratur-Arie, die mit dem berühmten Triller der Patti schloß, der von niemandem in seiner Vollkommenheit erreicht worden ist. Man kann wohl kaum etwas so Phänomenales hören, wie diesen Triller! Er klang wie aus einer Vogelkehle oder einem Instrument, ganz gleichmäßig, im forte, im piano, im crescendo und decrescendo, mit nie endendem Atem. Immer blieben sich die beiden Schläge in absoluter Reinheit gleich, ob sie den Triller verlangsamte oder beschleunigte. Es war wirklich die denkbarste Vollkommenheit. Der alte Jubilar hatte sie getreulich, stockend und stolpernd, begleitet. Als der rasende Applaus kein Ende nehmen wollte, ergriff die Patti seine Hand, zog ihn vom Klaviersessel empor und präsentierte ihn, eine kleine Ansprache an ihn richtend, dem Publikum. Dann nahm sie einen Lorbeerkranz, der unterdessen gebracht worden war, und stülpte ihn dem alten Herrn aufs Haupt. Und als der, von Freude und Rührung überwältigt, in Tränen ausbrach, umarmte und küßte sie ihn vor allem Volk. Man hatte sich von den Bänken erhoben und erwies dem Jubilar seine Ehrfurcht, worauf Frau Patti den weinenden alten Mann wieder an den Flügel zurückführte. Er faßte sich und spielte, von einigen Streichern begleitet, den Satz eines Klavierkonzerts. Zu einem Orchester hatte es scheinbar nicht gelangt.

Ich kam gar nicht aus dem Staunen. War es möglich, so etwas in London zu erleben?! Ein Wohltätigkeitskonzert in – Lemsal, nur in riesenhaftem Format, das in seiner unkünstlerischen Aufmachung grotesk wirkte.

Mühlen konnte es gar nicht abwarten, am anderen Tage mein Urteil zu hören. »Ja,« sagte er, »so ist England. Aber treu ist das Publikum seinen Künstlern, wie sonst nirgendwo auf der Welt.«

Es ist ein heißer Sommerabend. Wir sitzen verschmachtend am Fenster unserer Pension und plaudern. Plötzlich dringt der Klang eines Harmoniums von der Straße herauf, und eine weiche Männerstimme, schön und edel geschult, erhebt sich und singt dazu.

»Die Straßensänger!« rufen meine Freunde. »Wir müssen sie hören.« Während wir die Treppe hinuntergehen, erklärt mir meine Freundin, was dieses zu bedeuten habe.

Es kommt während der »season« in London häufig vor, daß feine Künstler, von der Not getrieben, sich in dieser Weise auf der Straße hören lassen, weil sie nicht die Mittel haben, einen Konzertsaal zu bezahlen.

Wir gehen dem Klang der Stimme nach, und ein eigentümliches Bild bietet sich uns dar: am Rande der Anlagen steht ein Karren, auf dem sich ein kleines Harmonium befindet. Dieses wird heruntergehoben und auf die Erde gestellt. Nun setzt sich ein schlanker, junger Mann, mit einer Maske vor dem Gesicht, an das Harmonium und beginnt das Vorspiel zu einer Arie von Händel. Neben ihm steht ein anderer, das Gesicht gleichfalls verhüllt. Und er singt mit großer Kunst und edlem Stil. Eine Menge Publikum hat sich angesammelt und lauscht in ehrfürchtigem Schweigen. Die Stimme, welche durch die schwüle Sommernacht klingt ist eines Künstlers Stimme.

Auf die Arie folgt ein Lied von Schubert in englischer Übersetzung. Nun schweigt der Sänger. – Dann holt er einen kleinen Teller und geht von einem zum anderen, um Geld einzusammeln. Die Hand, die den Teller hält, ist edel und gepflegt.

Ich bin so außer mir und so von Mitleid erfüllt, daß ich eine für mich unverhältnismäßig große Summe auf den Teller lege. Der Sänger sieht es, zieht tief seinen Hut und murmelt ein Dankeswort.

Dann spannen sie sich wieder vor den Karren, der eine zieht, der andere stößt, und gehen weiter. Wir folgen ihnen. Ich gehe neben dem Sänger her.

»Warum tun Sie das?« frage ich leise. »Ich tue es, weil ich hungere,« ist seine traurige Antwort. »Man muß doch leben.«

Wir kehren um, und ich grüßte ihn zum Abschied. Nach einer kleinen Weile höre ich einen eiligen Schritt hinter mir. Es ist der Sänger, der unvermutet vor mir steht. »Wir nennen unsere Namen sonst nie,« sagt er, »aber ich möchte haben, daß Sie wissen, wer ich bin.« Er drückt mir eine Visitenkarte in die Hand. »Wenn Sie mir im Konzertsaal begegnen, sollen Sie wissen, daß Ihr Mitleid heute mir wohlgetan hat.«

Ich habe seinen Namen im Konzertsaal nennen gehört, bin aber nie hingegangen. Das Londoner Leben ist so stark, daß ein Eindruck den anderen verdrängt.

In einem kleinen Restaurant versammelte Mühlen einmal in der Woche einen Kreis von Freunden um sich. Da saß man oft bis lange nach Mitternacht beisammen, besprach künstlerische Fragen, berichtete von Konzerten und den Eindrücken, welche diese Riesenstadt auf uns Neulinge machte. Mühlen war einer von den seltenen glänzenden Erzählern, die auch zuzuhören verstehen. Der Schluß dieser Zusammenkünfte war aber doch immer, daß er sprach, und alles auf ihn horchte.

Er lebte wie ein Einsiedler, machte nichts mit, ging kaum jemals in ein Konzert, am ehesten noch in die Oper. Und doch wußte er alles, hatte Fühlung mit allem. Er verstand eben, die Menschen auch zum Sprechen zu bringen, und das, was er hörte, so zu verarbeiten, so zu seinem Eigentum zu machen, daß man es nie einen Augenblick empfand, daß er persönlich all diesem Leben und Erleben fernstand.

Die Zeit der »season« ging zu Ende, die feuchte Glut in London wurde für mich Nordländerin unerträglich. Noch ein paar Wochen Ruhe – und die Arbeit in Neuhäuser begann.

Es sollte mein letzter Sommer gemeinsamer Arbeit mit Mühlen sein. –

Der letzte Sommer in Neuhäuser

Eine besonders schöne Erinnerung habe ich an diesen letzten Sommer in Neuhäuser. Mühlen hatte seine alte Jugendfreundin, Gustel Hohenschild, wie wir sie noch immer trotz ihrer Verheiratung nannten, eingeladen, den Sommer bei ihm zu verleben. Sie lebte ganz zurückgezogen in Süddeutschland, wo sie an der Bergstraße ein Haus besaß, und hatte kaum einen Verkehr. Als ich in Neuhäuser ankam, fand ich sie dort schon vor; sie war doch recht verändert in den vielen Jahren, in denen ich sie nicht gesehen. Wie reich und stark war sie trotzdem noch, und wie viel konnte sie einem geben!

Ihr Leben war seit Jahren fern von jeder künstlerischen Betätigung gewesen, aber ihr großes Interesse an Mühlens Arbeit erwachte mit jedem Tag mehr, denn sie war zu sehr Künstlerin, um nicht Freude daran zu haben.

Wenn die Tagesarbeit beendet war und wir in Mühlens kleinem Speisezimmer zusammensaßen, dann regten diese beiden reichen Menschen einander an. Man sprach über künstlerische Fragen, und sie erzählten aus ihrer gemeinsamen Jugendzeit und aus ihrem Künstlerleben. Ich las Brahms' Briefe vor, die von Zeiten erzählten, welche die beiden miterlebt hatten, und die Briefe ergänzend, übertrafen sie einander oft in drastischen Schilderungen. Die große, ernste Arbeit der Stunden wurde durch ein wundervolles Kostümfest unterbrochen, das Mühlen mit seinen Freunden seinen Schülern gab. Sogar Mühlen war im Kostüm erschienen.

Es war ein Fest voll Schönheit, Freude und Schwung. Die Schüler boten künstlerische Aufführungen, und es gab echte Trachten von schönen Menschen getragen. Die schönste Erscheinung auf diesem Fest war unstreitig Tempe Seng. Sie kam als Indierin, und es ging wie ein Staunen durch die ganze Versammlung, als sie plötzlich einsam und still an der offenen Tür zum Saal stand. Ein langes, weißes Hemd fiel ihr bis auf die nackten Füße herab, die in Sandalen steckten. Um die ganze Gestalt war ein goldroter, echt indischer Schal geschlungen, goldene Spangen wanden sich um die dunklen Arme, große, goldene Reifen schmückten die kleinen Ohren, die Haare waren gelöst. Auf den Schultern hielt sie in hocherhobenen Händen einen kupfernen Krug. So stand sie in der Tür, fremdartig, abgeschlossen, wie aus einer anderen Welt kommend. Mühlen ging auf sie zu, ergriff sie an der Hand und führte sie, während die Musik einen Tusch spielte, durch den ganzen Saal. Den kleinen Kopf hoch getragen, die Augen gesenkt, ein wenig kühl, ein wenig hochmütig, so schritt sie an seiner Hand an den Gästen vorüber, »das Bild ohne Gnade«, wie man sie in den Kursen scherzend nannte.

Gustel reiste gleich nach dem Fest fort, für uns blieben noch einige Wochen der Arbeit. Es waren goldene Herbsttage: das Meer war still und sturmlos, die Blumen um das Haus blühten in tiefen Farben, der Buchenwald fing an sich golden zu färben.

Einmal ließ ich mich von einigen Schülern aufs Meer hinausrudern, wir lagen mit unserem Boot dem Seesaal gegenüber mit eingezogenen Rudern auf dem regungslosen Wasser. Die Türen zum Saal standen weit offen, eine Schülerin sang ein Lied von Brahms. Die schöne, edle Stimme schwebte zu uns herüber, wir verstanden jedes Wort:

»Im Garten am Seegestade
Uralte Bäume stehn,
In ihren hohen Kronen
Sind kaum die Vögel zu sehn.
Die Bäume mit hohen Kronen
Sie rauschen Tag und Nacht.
Die Wellen schlagen zum Strande,
Die Vöglein singen sacht.
Das gibt ein Musizieren,
So süß, so traurig, bang
Als wie verlorner Liebe
Und ewiger Sehnsucht Sang.«

Wenn ich in späteren Zeiten dieses Lied sang oder hörte, dann sah ich immer dieses Bild: unser kleines Boot im Scheine der Abendsonne auf dem weiten, regungslosen Meer und den Seesaal, umgeben von hohen Buchen in goldener Herbstpracht.

Als ich Ende September Abschied nahm und nach Riga heimreiste, dachte ich: so schön wird es nie mehr!

Es war wie eine Vorahnung, denn für mich war es der letzte Sommer gemeinsamer Arbeit mit Mühlen. Er verließ den Ostseestrand und richtete seine Sommerkurse in England ein, wohin ich ihm nicht folgte.

Im Frühling darauf erkrankte ich schwer an einem akuten Herzleiden, mein Zustand war nicht ohne Gefahr, doch überwand ich allmählich die Krankheit und wurde wieder arbeitsfähig. Aber es dauerte beinahe zwei Jahre, bis ich meine alte Frische zurückerlangte.

Künstlerische Arbeit in Riga

Zuerst vermißte ich sehr die Mühlenschen Kurse mit ihrer großen künstlerischen Anregung, doch lernte ich dankbar sein für das reiche Arbeitsfeld, das mir in der Heimat geblieben. Es war ein lebendiges, kunsterfülltes Leben, das ich mit meinen Schülern führte. Ich hatte ein gemischtes und ein Frauenquartett zusammengestellt, richtete musikalisch deklamatorische Abende ein, auf denen auch manch junger Dichter sein Erstlingswerk vortrug.

Durch das Aufhören der Mühlen-Kurse war der Zuzug der ausländischen Schüler kleiner geworden, aber ich habe das nicht sehr empfunden. Ich hatte unter den heimatlichen Schülern Talente, die mich interessierten und die ich künstlerisch weiterbringen konnte. Schon seit einiger Zeit hatte ich begonnen Deklamationsstunden zu geben, eine Arbeit, in die ich mich zuerst hineinfinden mußte, denn ich führte meine Schüler Wege, die ich eben erst anfing, selbst zu gehen. Ich baute die Sprechtechnik genau in derselben Weise auf wie die Gesangtechnik von der Basis des Zwerchfellatmens und der Ausarbeitung der hohen Resonanz ausgehend.

Ich hatte in diesem Fach besonders begabte Schüler. Mit einem von ihnen, meinem Neffen Arnold Poelchau, ging ich im Winter nach Berlin. Wir meldeten uns beide als Schüler bei Dr. Milan, der sich durch seine schlichte Vortragskunst eben einen großen Namen gemacht hatte; wir lernten in ihm einen fein gebildeten Künstler kennen. In der Behandlung von Prosa war er ein Meister, ich habe bei ihm viel Stifter und Storm gesprochen. Er konnte einen in den Stunden sehr anregen, am meisten aber bot er in seinen Rezitationsabenden. Wer ihn den »alten Turmhahn« von Mörike oder Stellen aus dem »Werther« rezitieren hörte, erlebte etwas Vollkommenes in seiner Art.

Er interessierte sich sehr warm für uns beide, seiner Liebenswürdigkeit hatten wir es auch zu danken, daß wir an seinen Rezitationskursen an der Universität teilnehmen konnten. Meinen Neffen wollte er durchaus dabehalten und als Lehrer bei sich anstellen, denn ihm gefiel ganz besonders die Behandlung unserer Technik. Doch konnte mein Neffe auf seine Vorschläge nicht eingehen.

Eine große Bereicherung fand mein Leben durch den Verkehr mit den ausländischen Künstlern, die zu Konzerten nach Riga kamen. So manche von ihnen suchten mich auf und traten mir persönlich nahe, so das Künstlerpaar Magda und Henri von Dulong, das in meinem Hause ein und ausging; Therese Behr, die längere Zeit mein Gast gewesen ist; Frau Lula Mycz-Gmeiner mit ihrem Begleiter, dem feinsinnigen Liederkomponisten Eduard Behm.

Eine besondere Freude war es mir, Georg Anthes aufnehmen zu können, den einzigen aus meinem Stockhausenschen Schülerkreise, der nach Riga kam.

Jeder brachte aus der großen Welt, in der er wirkte, Leben und Reichtümer in meine kleine Welt, so daß ich nicht das Gefühl des Abseitsstehens in meiner Kunst hatte. Dazu trug auch bei, daß ich jedes Jahr ins Ausland reiste, entweder im Sommer zur Kur in die Berge oder im Winter nach Berlin, wo ich bei Eva Lißmann lebte. Sie hatte sich allmählich einen Namen in der Künstlerwelt Deutschlands erworben und besaß ein schönes, eigenes Heim. Wir teilten in dieser Zeit getreulich Freude und Leid miteinander, besuchten Konzerte, lernten und studierten zusammen, nur daß sie, die sich künstlerisch so hoch entwickelt hatte, jetzt oft die Lehrende und ich die Lernende war. Wie gern kehrte ich nach solchen Ausflügen wieder in meine eigene Häuslichkeit und an meine mir so liebe Arbeit zurück.

Die Arbeit an meinen Schülern war ernster, strenger und künstlerischer geworden, ich stellte größere Anforderungen an sie. Auch die Schüler, die sich jetzt einfanden, kamen mit anderen Ansprüchen und Zielen. Die »höheren Töchter aus guten Häusern« hörten allmählich ganz auf, sich bei mir zum Unterricht zu melden. Die allgemeinen Schülerabende, ebenso die halböffentlichen Prüfungen hatten ein Ende. Wer so weit fertig war, daß er auftreten konnte, gab eigene Konzerte oder wirkte in anderen mit.

In mein Haus zog ich aus der Menge meiner Schüler einen kleinen Kreis Auserwählter, dem sich auch einige junge Kolleginnen und Künstler anschlossen.

Zwei meiner Schülerinnen konnte ich immer ganz als Pensionärinnen bei mir aufnehmen. Mit Hilfe einer alten, treuen Magd führte ich den Hausstand. Mit meinen beiden Haustöchtern und dem nächsten Schüler- und Künstlerkreise gab es ein frohes, buntes Leben, das scherzweise von meinen Freunden das »aristokratische Boheme« genannt wurde.

Oft bin ich noch spät am Abend aus Konzerten oder Proben mit einem ganzen Kreis heimgekommen. Wir holten aus der Handkammer, was sich dort Eßbares vorfand, kochten Kaffee zum Entsetzen meiner alten Magd und waren plaudernd und diskutierend bis tief in die Nacht beisammen.

Eine große Hilfe dabei war mir in seiner feinen, ritterlichen Art mein Neffe Arnold, der beste Kamerad meiner jungen Mädchen und ihr zuverlässiger Schutz. Mir war er unentbehrlich, zu jedem Dienst bereit, immer voller Begeisterung half er mir meine lustige Gesellschaft zusammenhalten. Oft schüttelten meine Freunde die Köpfe über meinen bunten Schwarm, denn es fanden sich auch in ihm manche fremde Vögel, die sich aber ohne weiteres in den Ton meines Hauses fügten.

So sehr dieser Kreis auch wechselte, in einem blieb er sich immer treu: es herrschte in ihm stets eine fröhliche Harmonie und ausgezeichnete Kameradschaft; ganz naturgemäß standen mir einzelne besonders nahe, trotzdem hat es aber nie Eifersucht oder Neid zwischen diesen und den anderen gegeben.

Es war nicht nur ihre künstlerische Entwicklung, die mir am Herzen lag, es kam fast wie von selbst, daß ich besonders bei den Mutterlosen unter ihnen die Verantwortung für ihre persönliche Entwicklung übernahm. Einige von ihnen kamen so selbstverständlich mit ihren Sorgen und Nöten zu mir, daß sie bald meine richtigen Pflegekinder wurden.

Einmal meldete mir ein Vater in meiner Sprechstunde sein einziges Töchterchen als Gesangschülerin, sie hieß Elschen und stammte aus Kronstadt. Er hatte sie nach Riga gebracht, um sie russischen Einflüssen zu entziehen und ihre Stimme ausbilden zu lassen. Auf seine Bitte nahm ich sie in mein Haus, sie ist viele Jahre mein liebes Pflegekind gewesen. Mutterlos aufgewachsen, ungeweckt, war sie zuerst wie ein kleiner, erfrorener Vogel, mit dem man nichts beginnen konnte. Es bedurfte unendlicher Geduld und Liebe, um den Weg zu ihrem Herzen zu finden, denn es war etwas Starres in ihr. Sie liebte nur ihren kleinen, schwarz und weiß gefleckten Hund Bobuschka, sonst eigentlich niemanden auf der Welt. Einsam und fast finster lebte dieses junge Geschöpf neben mir her; auch in den Singstunden wollte es gar nicht mit ihr gehen. Sie hatte eine goldenhelle Sopranstimme, war sehr musikalisch und talentvoll, aber sie verstand nicht zu lernen und zu üben, so daß mich die Geduld manchmal verlassen wollte. Nach den sorgfältigsten Erklärungen hatte sie auf meine Frage, ob sie mich nun verstanden, immer nur die eine Antwort: Nein. Immer wieder grübelte ich darüber nach: wie komme ich ihr nahe? wie helfe ich ihr? Da kam die Hilfe.

Es wurde mir eine Schülerin gemeldet, die ich mit größtem Interesse in meine Hände nahm: Lia Lohse, die Tochter des Ehepaars Lohse, mit dem ich vor Jahren so fröhliche Konzerttage in Arensburg verlebt hatte. Er hatte Frau und Kinder verlassen und war nach Deutschland gegangen, wo er sich einen großen Namen als Kapellmeister erworben hatte. Sie war in Riga geblieben und wenige Jahre nach der Trennung von dem Mann gestorben.

Frau Lohses Schwester, die Mutterstelle an den Kindern vertrat, brachte sie mir: blondlockig, klein, zierlich, mit einem trotzigen Kindermund stand sie da. Sie sang mir ein Lied von Mendelssohn vor, es war ein ganz großes, echtes Talent, das aus ihr sprach. Das Singen war ihr selbstverständlich wie atmen oder sprechen. Ich freute mich rückhaltlos an ihr. Ich unterrichtete sie mit Elschen zusammen, und da erlebte ich etwas Schönes. Zwischen diesen beiden Kindern entstand eine Freundschaft, in der Elschens Seele plötzlich erwachte. Lia hatte ein Herz voll Sonne und Liebe, sie war immer fröhlich und zu allem aufgelegt; das war's, was Elschen brauchte. Die beiden waren unzertrennlich, mein Haus wurde Lias zweite Heimat, und aus Elschens verschütteter Seele brach plötzlich wie eine Sonne die Lebensfreude.

Die beiden wurden meine Freude und mein Kreuz, sie lachten und jubelten den ganzen Tag durchs Haus und hatten immer etwas miteinander auszuhecken. Ich konnte sie oft nicht mehr bändigen. Sie unternahmen Raubzüge in meine Speisekammer und verzehrten hinter meinem Rücken sorgsam gehütete Süßigkeiten. Anstatt in die italienische Stunde zu gehen, fuhren sie spazieren mit Elschens laut heulendem Bobuschka auf dem Rücksitz, daß die Menschen auf der Straße stehen blieben und ihnen nachsahen. Sie legten ihr Taschengeld in Schokolade und Kuchen an, und wenn es mir zu bunt wurde und ich ihrem Tun Einhalt gebieten wollte, so erstickten sie mich in Lachen und Zärtlichkeiten. Nur in den Stunden hatte ich sie in fester Hand und erlebte viel Freude an ihnen, denn es waren zwei echte Talente, und ihre Stimmen voll Jugend und Lieblichkeit. Ich studierte viel Duette mit ihnen. »O wie selig ist das Kind« aus der »Athalia« von Mendelssohn habe ich nie lieblicher gehört als von diesen zwei Blondköpfen mit ihren hohen, süßen Stimmen. Einmal machte ich mit ihnen eine Konzertreise durch mehrere kleine Städte Livlands, die Einnahmen waren für den deutschen Verein bestimmt. Im ersten Konzert betrugen sie sich aber so naturwüchsig, daß ich im Künstlerzimmer in hellen Zorn geriet. Furcht und Scheu kannten die beiden nicht; es war ihnen die Sache ein solcher Spaß gewesen, daß sie bei den Duetten sich Ellenbogenstöße versetzt hatten und ihr Lachen kaum unterdrücken konnten. Ich dachte an mein erstes Auftreten, an die Empörung meiner Lehrerin über mein »naturwüchsiges Betragen«, dies hier war aber noch viel schlimmer. Sie nahmen sich wohl ein wenig zusammen und ließen sich in ihrem Übermut bändigen, doch beim letzten Konzert brach ihre Lustigkeit bei einem Duett unaufhaltsam hervor. Sie sangen eine Tarantella von Tosti, die glänzend ging. In einem Zwischenspiel traten sie vor Vergnügen eine der anderen auf den Fuß. Das erregte ihre Heiterkeit dermaßen, daß sie in lautes Gelächter ausbrachen und fluchtartig das Podium verließen. Ich, die im Konzert begleitet hatte, blieb allein am Flügel sitzen.

Das Publikum applaudierte derartig, daß die törichten Kinder gar nicht beschämt waren. »Du hörst ja, wie die Menschen sich freuen,« sagten sie immer wieder. »Mehr kann man doch nicht verlangen.«

Ein Seitenstück zu Lia und Elschen bildeten zwei Schüler: Gustav, Lias Bruder und sein Freund. Ersterer gehört zu den größten Talenten, die ich je unter meinen Schülern gehabt habe. Von der Mutter hatte er die wunderschöne, leidenschaftliche Stimme geerbt, das echte Gesangtalent und die große Gestaltungskraft, vom Vater die unfehlbare musikalische Begabung. Er hätte etwas ganz Großes werden können, wenn er zu all seinen Gaben noch eine gehabt, den Fleiß, der fehlte ihm aber vollständig. Er arbeitete unter keinen Umständen und übte nur, wenn ich mit ihm übte, das war sein Verhängnis. Zu den Stunden kam er mit einer für ihn erstaunlichen Pünktlichkeit, er versäumte sie nie. Er hatte einen ganz unendlichen Charme, ein Gemisch von Kindlichkeit und Spitzbüberei. Man konnte ihm nie böse sein, weil er einen immer zum Lachen brachte, denn er war voller Humor. Ich verwaltete sein Geld, und wundere mich noch jetzt, daß er sich das gefallen ließ, denn ich forderte strenge Rechenschaft über jeden unnütz ausgegebenen Rubel. Das Höchste, was er kannte, war, elegant gekleidet zu sein, und wenn es an diesen Punkt kam, und ich größere Sparsamkeit durchsetzen wollte, da widersetzte er sich mir aufs äußerste. Ich schickte ihn nach Paris und nach Italien, und jedesmal wenn er heimkehrte, war seine Stimme schöner geworden und seine Gesangkunst größer. Aber immer stellte er sich sofort wieder bei mir als Schüler ein, ließ sich sein Geld von mir wieder fortnehmen und verwalten; kurz, es blieb das alte Verhältnis zwischen uns. Seine Studienzeit bei mir beendete er mit einem eigenen Liederabend. Er sang wunderschön, edel und leidenschaftlich und überraschte alle durch sein großes Können. Er ging zur Oper, sein erstes Engagement war in Prag, wo er Aufsehen erregte. Nach einem Jahr erhielt er einen Ruf nach Dresden an die Hofoper. Vorher kam er nach Riga, um den Sommer 1914 über bei mir zu studieren. Da brach der Krieg aus, und er, der Reichsdeutsche, wurde als Kriegsgefangener nach Sibirien geschickt. Diese Jahre der Gefangenschaft unterbrachen seine künstlerische Entwicklung, bei seiner Rückkehr nach dem Kriege fand er seinen Weg nicht mehr. Es fehlte ihm die Kraft, von vorn anzufangen, irgend etwas war in ihm zerstört. Er hat seine Künstlerlaufbahn aufgegeben.

Sein Freund, der andere Schüler, hatte eine hervorragende Begabung für Gestaltung des geistigen Inhaltes der Lieder. Er verstand, jedem Liede eine persönliche Note und ein ganz eigenes Gesicht zu geben, doch fehlte ihm die Begabung fürs Gesangliche, und seine Stimme war mangelhaft. Er deklamierte seine Lieder und sang sie nicht. Leider war er auch nicht fleißig und konnte das selbständige Arbeiten nicht lernen; er tat es nur, wenn ich mit ihm übte. Wieviel Mühe, Freude und unendlichen Ärger habe ich mit diesen Schülern gehabt. Sie waren täglich bei mir, amüsant, voll lustiger Einfälle, sie hatten etwas Kindliches bei aller Durchtriebenheit. Nachdem er seine Studien bei mir beendet, ging er nach Berlin; durch den Krieg verlor ich seine Spur; nachher traf ich ihn zufälligerweise in Berlin. Ich war in ein russisches Varieté gegangen, ahnungslos, daß ich ihm dort begegnen würde. Da stand er plötzlich auf dem Podium und sang eine Nummer. Er war ein sehr feiner Varietésänger geworden und machte seine Sache glänzend. Die Art seiner Begabung hatte ihn auf diesen Weg gewiesen, ich konnte aber eine Trauer nicht unterdrücken, als ich ihn so wiedersah. Während ich ihm zuhörte, zogen die Jahre ernster, mühsamer Arbeit an mir vorüber. Das war das Resultat! Als ich ihn später sprach, sagte er: »Mein Talent reichte nicht weiter, glauben Sie es mir.«

Ich habe kein großes Glück mit meinen Schülern gehabt, einen ganz großen Weg hat keiner, den ich von Anfang an erzogen habe, gemacht. Es gehört so viel dazu, ein großer Künstler zu werden, es genügen nicht nur die künstlerischen Gaben, es muß sich auch der Charakter dazu finden, vor allem Fleiß und eiserne Energie.

Mühlens Winterkursus in Berlin

Ende des Jahres 1913, als ich wieder für die Weihnachtszeit nach Berlin gehen wollte, hörte ich, daß Mühlen den Plan habe, dort einen sechs- bis achtwöchentlichen Winterkursus abzuhalten. Die Leitung sollte in den Händen seiner Londoner Gehilfin liegen, es war Marie Joachim, die Tochter von Amalie Joachim.

Die Seligkeit von Lia und Elschen, als ich ihnen eröffnete, ich wolle sie mitnehmen, kannte keine Grenzen, sie versprachen sich goldene Berge von diesem ersten Ausflug in die Welt. Sie jauchzten und lachten auf der Reise derartig, daß sie ganz heiser in Berlin ankamen. Ich wohnte bei Eva Lißmann und hatte sie in eine Pension gegeben, heimlich ein wenig erleichtert, sie für eine Weile los zu sein.

Der Kursus sollte beginnen, und ich war gespannt, ob es mir schwer sein würde, eine andere dort statt meiner an leitender Stelle zu sehen. Etwas unsicher empfing mich Marie Joachim, als ich meine zwei Schülerinnen bei ihr meldete. Sie wußte nicht, wie ich mich zu ihr stellen würde, doch konnte ich ihr frei und herzlich entgegentreten. Es hat eben alles seine Zeit, und ich hatte sieben Jahre schöner gemeinsamer Arbeit mit dem großen Künstler und alten Freund gehabt.

»Wer Großes empfangen
Der darf nicht verlangen.
Daß nun sich der Traum
Ins Unendliche webt.«

Ich habe viel Schönes in dieser letzten Arbeitszeit Mühlens in Deutschland erlebt und war dankbar, daß ich ihr zuschauen durfte. Ich sah alte Freunde aus den Kursen wieder, Mühlen hatte mir den Zutritt zu allen seinen Stunden ermöglicht. Mit großer Freude folgte ich seiner Arbeit, die an Einfachheit und Freiheit noch gewonnen hatte.

Wir sind auch persönlich viel zusammen gewesen, und der alte Zauber, den der Künstler und der Mensch Mühlen besaß, hatte seine Kraft nicht verloren. Aber es war doch ein anderes, wie ich mich nach meiner schweren Herzkrankheit zum Leben und zu den Menschen stellte, vielleicht nach dem alten Paulusworte »als die nichts inne haben und doch alles haben«.

Mühlen hatte große Freude am Singen meiner beiden Kinder und amüsierte sich über ihre Naivität und unendliche Lustigkeit, die sie nicht einmal in seiner Stunde dämpften. Sie wurden immer kecker und wagten sogar, ihm zu widersprechen, was Mühlen mit Staunen erfüllte, denn das war er nicht gewöhnt. »Ihre Kinder sind goldig,« sagte er mir einmal, »aber Sie haben sie entsetzlich schlecht erzogen.«

Als ich Abschied nahm, um an meine Arbeit in die Heimat zurückzukehren, sagten wir Freunde zueinander: jetzt wollen wir das festhalten, daß wir uns jeden Winter zu Mühlens Kursen in Berlin treffen. Aber im nächsten Sommer brach der Weltkrieg aus und zerstörte neben vielem Großen auch diese Hoffnung. Mühlen ist seit diesem Winter nicht nach Deutschland gekommen, und ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.

Die letzten, die mir auf dem Bahnhof das Geleit gaben, waren Eva Lißmann und Gerhard Jekelius, ein Schüler von Mühlen. Seine edle, schöne Stimme und seine Persönlichkeit waren mir schon aufgefallen, sein Wesen hatte etwas Jünglinghaftes, und man fühlte die Reinheit und Heiterkeit dieser Seele. Als der Zug sich in Bewegung setzte, und ich die beiden feinen Menschen nebeneinander stehen sah, wußte ich, daß sie zueinander gehörten, und als mich mein Weg nach vielen Jahren wieder zu ihnen führte, hatten sie sich für immer gefunden.


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