Ludvig Holberg
Die Maskerade
Ludvig Holberg

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Dritter Akt.

Erste Scene.

Leonora. Pernille.

Leonora. Ach, Pernille, ich sehe noch niemand; hier ist der Ort, den wir zu unserer Zusammenkunft bestimmt haben.

Pernille. Wenn er noch nicht da ist, so ist es nicht seine Schuld, sondern des Fräuleins, das zu früh gekommen.

Leonora. Ich fürchtete, es möchte zu lange dauern, und mein Vater möchte mich zu Hause vermissen.

Pernille. Er hält ja doch sonst immer seinen Mittagsschlaf von zwei Stunden.

Leonora. Freilich wol, wenn er in seiner gewohnten Ruhe ist; da das Schicksal es nun aber so fügt, daß ich ihm gegen meinen Willen habe müssen Kummer machen und ihm offenbaren, was mir am Herzen liegt, so fürchte ich, er kann weder Tag noch Nacht schlafen.

Pernille. Ei, Fräulein, dazu hat Herr Leonhard einen zu leichten Sinn.

Leonora. Sage das nicht, Pernille! Denn wie ich es ihm sagte, wurde er so blaß wie eine Leiche und ließ sich sein Essen auf seine Stube bringen. Es ist das erste Mal, daß ich ihn zum Zorn gereizt habe; denn von Kleinigkeiten läßt er sich nicht in Harnisch bringen. Jetzt jedoch ist er sehr aufgeregt und ich kann ihm nicht Unrecht geben. Denn bedenke doch nur, Pernille, was für einen Spectakel es machen und was für Verdrießlichkeiten es über unser Haus bringen wird; denn wie ich höre, ist 379 Herr Jeronimus der Mann, der alles anwenden wird, sich aufs Aeußerste zu rächen.

Pernille. Aber wenn das Fräulein selbst einräumt, daß Sie Unrecht hat und daß Ihres Vaters Zorn wohlbegründet ist, warum geht Sie denn nicht ohne Aufenthalt hin, fällt ihm zu Füßen und verspricht seinen Willen zu thun?

Leonora. Ach Pernille, ich sehe wol ein und erkenne, was mir gut ist, folge aber dem, was mir schädlich. Mein Herz hat lange Zeit geschwankt zwischen Vernunft und Liebe, aber die Liebe hat den Sieg davongetragen. Ach unselige Stunde, wo ich zuerst den Jüngling erblickte, dessen Schönheit mein Herz dermaßen gefesselt hat, daß ich darüber den Gebrauch meiner Vernunft verloren! Ach, daß das Maskenkleid, das Du gestern für mich zugerichtet, mein Sterbekleid gewesen wäre!

Pernille. Ei Fräulein, habt Euch nicht so gefährlich; Ihr seid hieher gekommen, um den jungen Herrn zu sprechen, den Ihr liebt, und in derselben Minute wünscht Ihr Euch den Tod.

Leonora. Ja, und mit Recht; denn wenn ich auch liebe, so verdamme ich mich doch selbst, weil ich liebe. Ach, wenn er doch nur lieber gar nicht käme! Wenn er doch nur keine Rücksicht auf mich nähme! Ich wollte, er wäre ein Betrüger, damit meine Liebe sich in Haß verwandeln könnte, und ich mich selbst wieder fände! Aber, o Himmel, kommt da nicht jemand? Ist er es nicht? Ja, er ist es!

Zweite Scene.

Leonora. Pernille. Leander. Heinrich.

Leander. Ach, holdestes Fräulein, jede Minute habe ich gezählt, von dem Augenblicke an, da ich Sie verlassen mußte, bis jetzt, so groß war meine Sehnsucht, das reizende Wesen wiederzusehen, welches mein Herz dergestalt gefangen genommen hat, daß ich an nichts Anderes mehr zu denken vermag. Mein einziger Trost in dieser Zeit hat darin bestanden, den Ring anzublicken, den ich von des holden Fräuleins Hand empfangen 380 habe, als eine Verheißung und ein Unterpfand der Liebe, welche Sie für mich hegt.

Leonora. Ach, Monsieur, die Blödigkeit, welche die Natur unserem Geschlechte eingeprägt hat, macht es mir unmöglich, auszusprechen, was mein Herz empfindet. Aber . . . .

Pernille. Die Fortsetzung werde ich besorgen. Seid versichert, Monsieur, daß es meinem Fräulein um kein Haar besser gegangen ist, ja sie wäre, glaube ich, barfuß aus dem Hause gelaufen, hätte ich sie nicht aufmerksam gemacht, daß man doch ohne Schuhe nicht gut ausgehen kann; es ist mir unbegreiflich, wie eine junge Dame, die jederzeit ein wahres Muster von Zurückhaltung gewesen, sich auf einmal so zum Sterben verlieben kann.

Leonora. Ach ja, ich kenne mich selbst nicht mehr!

Leander. Das macht, allerreizendstes Fräulein, weil etwas Göttliches in der Liebe ist; in demselben Augenblick, da ich Sie zuerst erblickte, gerieth mein Blut in solche Wallung, daß ich mich kaum mehr erinnern konnte, wo ich war.

(Während sie mit einander sprechen, macht Heinrich der Pernille gleichfalls die Cour.)

Leonora. Mir ging es nicht anders; wie Monsieur zuerst Seine Maske abnahm und zu mir herankam, war es mir, als wäre mir nun ein für allemal das Urtheil gesprochen, daß ich Ihn lieben müsse. Die Aufregung, in die ich mich dadurch versetzt fühlte, statt durch die Trennung von Ihm vermindert zu werden, ist im Gegentheil nur immer größer geworden, so daß ich wol einsehe, es ist doch noch etwas Anderes, als was man so für gewöhnlich Verlieben nennt, nämlich ein Beschluß des Himmels selbst, der mich nöthigt, Ihn zu lieben, selbst gegen meinen Willen.

Leander. Wie, theuerstes Fräulein? gegen Ihren Willen?

Leonora. Ach freilich, es sind hier so manche Steine des Anstoßes, die sich mit aller Anstrengung kaum werden hinwegräumen lassen. Meine Eltern haben mich einem andern Manne zugesagt, den ich nicht zurückweisen kann, ohne ihren gerechten Zorn auf mich zu laden.

Leander. Ach Himmel, ist es möglich? Genau in demselben 381 Falle bin auch ich! Aber was wollen diese Hindernisse bedeuten, wenn wir selbst nur einander treu bleiben? Ich für meinen Theil bin bereit zum Aeußersten, ja Blut und Leben will ich lieber opfern, als daß ich mich zu einer andern Heirath zwingen lasse.

Leonora. Und ich verspreche dem Herrn, daß ich meinerseits nicht minder standhaft sein werde. Inzwischen dürfte ich wol fragen, wer die Dame ist, die man Ihm aufnöthigen will, und ebenso wer ihre Eltern sind, indem . . . .

Pernille. Potz Tausend, da höre ich jemand kommen, ich merke es am Gang, es ist Euer Vater!

Leonora. Ach, so muß Monsieur sich entfernen. Mein Kammermädchen soll immer an dieser Stelle auf- und abgehen, falls ich verhindert bin, selbst wieder hieher zu kommen; Er kann mündlich durch sie oder schriftlich durch Seinen Diener mich in Kenntniß setzen, wie die Dinge stehen und was weiter zu thun ist.

(Leander küßt ihr die Hand und geht fort.)

Dritte Scene.

Leonhard. Leonora. Pernille.

Leonhard. Weh über mich armen Mann! Zur unglücklichen Stunde bin ich in die Stadt gekommen, meine Tochter zu verheirathen! Zur unglücklichen Stunde habe ich ihr erlaubt, auf die Maskerade zu gehen! Jetzt verwünsche ich diese Thorheiten, die ich erst neulich vertheidigte; denn jetzt habe ich freilich Anlaß . . . . Sieh da, was treibt Ihr hier? Berathschlagt Ihr insgeheim, auf welche Weise Eure schlechten und verwerflichen Absichten ausgeführt werden sollen? Wer hat Euch erlaubt, aus dem Hause zu gehen?

Pernille. Dem Fräulein war nicht wohl, sie mußte heraus und Luft schöpfen.

Leonhard. Das glaube ich allerdings, daß ihr nicht wohl ist; sie hat ein bösartiges Fieber, das aber von der Luft nicht 382 curirt wird, es gehören andere Mittel dazu, ihr die Verliebtheit auszutreiben.

Leonora. Ach, ich Aermste, daß ich solchen schmählichen Vorwurf mit anhören muß!

Leonhard. Ah so, Fräulein, das also nimmst Du Dir so zu Herzen? Dich der Liederlichkeit hinzugeben, schämst Du Dich nicht, aber daß ich das Ding beim rechten Namen nenne, das giebt Deine Keuschheit nicht zu? In der That, das ist die rechte Manier, anders zu scheinen, als man ist!

Leonora. Ich habe mir, dem Himmel sei Dank, noch keine Art von Liederlichkeit zu Schulden kommen lassen, hoffe auch, daß ich mich niemals auf diese Weise beflecken werde. Wohl aber fühle ich mich ergriffen von einer reinen Neigung zu einem Manne, welcher derselben würdig ist.

Leonhard. Ja versteht sich, reine Neigung! Erst sich verloben mit eines wackern Mannes Sohn und hinterdrein sich verlieben in den Ersten, den Besten, den man zu sehen kriegt. Es wird wirklich das Beste für Dich sein, Du gehst heute Abend noch einmal auf die Maskerade, da kannst Du Dich in einen Zweiten verlieben und morgen Abend in einen Dritten und so immer fort, bis Du so viele Liebsten hast, wie Maskeraden im Jahre sind. So kannst Du mit der Zeit eine Komödiantin werden comme il faut, die es ja an der Art haben, sich Abend für Abend mit einem Andern zu verheirathen.

Leonora. Aber, theurer Vater, es ist ja doch nicht der erste Mann, den ich gesehen, ich habe ja doch schon früher verschiedene Gesellschaften besucht und mein Herz ist allezeit kalt geblieben; die ausgezeichneten Eigenschaften dieses Mannes aber haben mich dermaßen gefesselt, daß –

Leonhard. Was kannst Du voll den ausgezeichneten Eigenschaften eines Mannes, den Du gar nicht kennst, weiter sagen, als daß er hübsch Menuet tanzt und zierliche Complimente schneidet?

Pernille. Nein, nein, der Herr kann wahrhaftig noch mehr, in so etwas bin ich Kennerin.

Leonhard (zu Pernille). Ja wohl, er kann Dir vielleicht von 383 Deiner Jungfernschaft verhelfen, wenn Du sie nämlich noch hast. Aber selbst angenommen, er ist ein honneter Mensch – und wirklich nicht ohne gute Eigenschaften – kann das Dir, Leonora, zur Entschuldigung gereichen? Weißt Du nicht, daß Du mit Leander verlobt bist, Herrn Jeronimus' Sohn?

Leonora. Freilich weiß ich es, mein theuerster Papa; auch breche ich selbst deshalb den Stab über meine neue Leidenschaft, vermag mich aber dennoch ihren Wirkungen nicht zu entziehen. Die ganze Nacht habe ich mit Seufzen und Weinen verbracht und habe zum Himmel gefleht, mir Kraft des Widerstandes zu verleihen. Allein es war alles umsonst, mein Schicksal, ich spüre es wohl, will es nun einmal so haben, daß ich ihn liebe.

Leonhard. Ja wohl, das ist die rechte Manier, das Schicksal ist der richtige Deckmantel für unsere bösen Gelüste.

Pernille. Und es ist auch ein Schicksal dabei, ganz gewiß, da möcht' ich drauf sterben, wenn schon weder mein Vater, noch meine Mutter Calvinisten waren.Die Prädestinationslehre (Lehre von der Vorherbestimmung) spielte bekanntlich bei den Calvinisten eine große Rolle und gab den Andersdenkenden Anlaß zu vielfachen Mißverständnissen; man erinnere sich nur an Friedrich Wilhelm I. von Preußen und den Kronprinzen Friedrich, an die Verjagung Wolfs aus Halle &c. A.d.Ü.

Leonhard. Halt' Du den Mund, Pernille, und bestärke sie nicht noch in ihren schlechten Vorsätzen.

Pernille (weinend). Ich weiß nicht, was das jetzt mit dem Herrn ist; sonst war er so gut von früh bis spät, jetzt aber ist er schlimmer als der Teufel.

Leonhard. Ich bin so sanft, wie ein Vater nur immer gegen sein Kind sein kann.

Pernille. Ist das Sanftmuth, seine Tochter zur Verzweiflung bringen?

Leonhard. Habe ich denn etwa keinen Grund böse zu sein? Steht nicht meine Wohlfahrt und mein guter Ruf dabei auf dem Spiele? Wenn mein armes braves Weib da draußen auf dem Lande davon hört, wird sie sich nicht zu Tode grämen?

Leonora. Aber, theuerster Vater . . . .

Leonhard. Ich will nicht länger Dein Vater sein, es sei denn, Du änderst Dich; gleich marsch hinein, mir aus den Augen!

(Leonora und Pernille ab.) 384

Vierte Scene.

Leonhard. Später Jeronimus.

Leonhard. Alles, was mir sonst unangenehmes passirt ist, habe ich mit Gleichmuth überstanden, dies aber ist ein Unglück, in das ich mich nicht finden kann. Was geht mir nicht alles dabei im Kopf herum: meiner Tochter Wohl, mein eigener Ruf und die Besorgniß, wie meine Frau es aufnehmen wird, da sie vornehmlich diese Partie zu Stande gebracht hat. Und doch ist das alles noch nichts gegen den Scandal, den Jeronimus mir machen wird, dieser Hitzkopf, dieser Griesgram, der nun obenein seine ganze Galle auf mich ausschütten wird! Ich muß wirklich ein wenig nachdenken, wie ich meine Worte stellen will, wenn ich mit ihm zusammenkomme.

(Geht auf der einen Seite auf und nieder.)

Jeronimus (tritt von der andern Seite auf). Ach, ich armer geschlagener Mann! Hätte meine Frau doch lieber einen Wockenstock zur Welt gebracht als diesen Sohn, der mir in meinen alten Tagen solchen bittern Kummer macht! Ich habe ihm Bedenkzeit gegeben, in der Hoffnung, diese Krankheit werde so rasch vergehen, wie sie ihn befallen. Allein ich sehe, sein Trotz ist noch größer geworden als zuvor. Was wird nur der gute Herr Leonhard sagen, wenn ich ihm solche verdrießliche Nachricht bringe?

Leonhard. Je mehr ich darauf simulire, wie ich meine Worte stellen will, um so confuser werde ich.

Jeronimus. Herr Leonhard wird es vermuthlich für eine bloße Finte von mir halten.

Leonhard. Wäre Herr Jeronimus nur der Mann, der mit sich sprechen läßt wie Andere, nicht so hitzköpfig und aufbrausend.

Jeronimus. Und doch, wenn er glaubt, daß ich daran schuld bin, so thut er mir großes Unrecht.

Leonhard. Aber wie ich ihn einmal kenne, so zittre und bebe ich am ganzen Leibe.

Jeronimus. Ich habe wol schon Sorgen genug, ohne daß mir noch mehr aufgepackt zu werden brauchte. 385

Leonhard. Ich überlege noch, ob ich es wirklich wagen und mit ihm sprechen soll.

Jeronimus. Meine Frau und mein ganzer Hausstand können Zeugniß ablegen, daß ich keine Schuld habe, und doch wird es mir, fürchte ich, nichts helfen.

Leonhard. Er wird, fürchte ich, in der ersten Hitze zu weit gehen und mir Dinge sagen, die ich Ehren halber nicht einstecken und hinunterschlucken kann.

Jeronimus. Aber ich kann es dem guten Manne nicht verdenken, wenn er keine Raison annehmen will; ist es doch seine einzige Tochter, die auf diese Weise prostituirt wird.

Leonhard. Aber ich muß mich mit Gleichmuth waffnen und bedenken, daß er Grund hat zu zürnen, gleichviel was er auch thut und sagt.

Jeronimus. Schimpft er mich einen Schelm und Betrüger, so soll meine Antwort sein: mein Herr Leonhard, ich habe nicht das Mindeste dagegen einzuwenden.

Leonhard. Ich will vor ihn hinknieen und will ihn mit strömenden Thränen um Verzeihung bitten, wenn das helfen kann.

Jeronimus. Ich muß auf der Stelle hin und es ihm sagen; je länger ich davon schweige, in ein um so übleres Licht setze ich mich selbst.

Leonhard. Courage, Leonhard, Du mußt nun gehen, es kann doch nicht länger vertuscht bleiben. (Beide stoßen auf einander, fahren erschrocken zurück, bleiben eine Weile stehen, ohne zu sprechen. Leonhard mit weinerlicher Stimme) Herr Jeronimus!

Jeronimus. Herr Leonhard!

Leonhard. Warum haltet Ihr mich zum Narren?

Jeronimus. Warum haltet Ihr mich zum Narren?

Leonhard. Ich schäme mich, Euch unter die Augen zu treten.

Jeronimus. Ich schäme mich gleichfalls, Euch unter die Augen zu treten.

Leonhard. Ich darf nicht mehr Schwager zu Euch sagen.

Jeronimus. Ich darf es ebenfalls nicht mehr. 386

Leonhard. Wißt Ihr denn schon, was passirt ist?

Jeronimus. Nur allzu gut.

Leonhard. Meine Tochter ist wie verrückt.

Jeronimus. Mein Sohn ist so desperat, daß keine Vorstellungen helfen.

Leonhard. Bin ich nicht zu beklagen, Herr Jeronimus?

Jeronimus. Trifft das Unglück nicht mich am meisten, Herr Leonhard?

Leonhard. Nein, mich trifft es am nächsten, da ich ihr Vater bin.

Jeronimus. Ist es denn nicht mein Sohn?

Leonhard. Treibt keinen Spott mit mir, Herr Jeronimus, was kann ich dafür?

Jeronimus. Treibt keinen Spott mit mir, Monsieur Leonhard, ich bin ganz außer Schuld.

Leonhard. Wollt Ihr es mir also nicht Schuld geben?

Jeronimus. Wollt Ihr es also nicht für eine Finte von mir halten?

Leonhard (knieend). Ich beuge meine Kniee und bitte unter strömenden Thränen um Verzeihung.

Jeronimus. Ich falle ebenfalls auf die Kniee und bitte um Verzeihung.

Leonhard. Hoffentlich wird es doch noch Mittel und Wege geben, dies Unglück wieder gut zu machen.

Jeronimus. Die väterliche Gewalt reicht doch weit.

Leonhard. Aber meine Tochter ist ganz desperat.

Jeronimus. Sie hat auch Grund dazu, das gute Kind.

Leonhard. Hole sie dieser und jener, die Bestie; sie hat Grund sich zu schämen.

Jeronimus. Das begreife ich nicht; nicht sie hat sich ja zu schämen, sondern mein ungerathener Sohn, der so mit seinem gegebenen Worte umspringt.

Leonhard (aufstehend.). Was heißt das? Ich bin hier, um Abbitte zu thun von wegen meiner Tochter, die sich eine neue Liebschaft in den Kopf gesetzt hat.

Jeronimus (ebenfalls aufstehend). Was heißt das? Ich bin 387 hier, Abbitte zu thun von wegen meines Sohnes, der sein gegebenes Wort brechen will.

Leonhard. Euer Sohn will sein gegebenes Wort brechen?

Jeronimus. Eure Tochter will ihr gegebenes Wort brechen?

Leonhard. Wir verstehen einander wol nicht recht, Herr Jeronimus.

Jeronimus. Das scheint mir auch, Herr Leonhard.

Leonhard. Suchen wir uns denn zu verständigen; weswegen fielt Ihr auf die Kniee vor mir und batet mich um Verzeihung?

Jeronimus. Weil ich fürchtete, Ihr wäret böse. Aber weshalb fielt Ihr auf die Kniee und weintet vor mir?

Leonhard. Weil ich fürchtete, Ihr würdet Euren Aerger an mir auslassen, da ich doch ganz ohne Schuld daran bin.

Jeronimus. Nun bin ich so klug wie vorher.

Leonhard. Und ich wahrhaftig auch.

Jeronimus. Ihr seid hier, sagt Ihr, um Abbitte zu thun von wegen Eurer Tochter, welche die Verlobung rückgängig machen will, und doch ist es mein Sohn, welcher sie aufhebt?

Leonhard. Ihr seid hier, sagt Ihr, um Abbitte zu thun von wegen Eures Sohnes, und doch ist es ja eben meine Tochter, die ihr Wort zurücknimmt?

Jeronimus. Nein, mein Herr, da seid Ihr im Irrthum, es ist mein Sohn!

Leonhard. Der Irrthum ist auf Eurer Seite, Herr Jeronimus, es ist ganz gewiß meine Tochter!

Jeronimus. Eben jetzt komme ich von meinem Sohne, und da war sein letztes Wort: ich habe mich in eine Andere verliebt und will lieber sterben, als daß ich Leonora nehme, Herrn Leonhards Tochter.

Leonhard. Just eben jetzt komme ich gleicherweise von meiner Tochter, und da war ihr letztes Wort: ein fremder junger Mann hat sich dermaßen meines Herzens bemächtigt, daß ich lieber mein Leben lassen will, als mir Leander aufzwingen lassen, 388 Herrn Jeronimus' Sohn. Hol' mich der Henker, wenn es nicht so ist, wie ich sage.

Jeronimus. Daß ich doch in diesem Augenblick in einen Wehrwolf verwandelt würde, wenn ich ein unwahres Wort sage!

Leonhard. Bei welcher Gelegenheit ist Euer Sohn denn auf diesen Einfall gekommen?

Jeronimus. Er hat sich in ein Frauenzimmer verliebt, gestern Abend auf der Maskerade.

Leonhard. Gerade ebenso ist es meiner Tochter gegangen.

Jeronimus. So haben wir auf die Art nicht nöthig, viel Umstände mit einander zu machen.

Leonhard. Das scheint so.

Jeronimus. So nehme ich meine Complimente denn zurück.

Leonhard. Und ich die meinen gleichfalls.

Jeronimus. Aber, Herr Leonhard, wenn unsere Kinder den Verstand verlieren, sollen wir sie denn gewähren lassen?

Leonhard. Ich bin entschlossen, meine Tochter zu zwingen.

Jeronimus. Und ich bin entschlossen, meinem Sohne Zaum und Gebiß anzulegen.

Leonhard. Na, dann werde ich wieder Schwager zu Euch sagen, wie früher.

Jeronimus. Na, dann werde ich auch Schwager zu Euch sagen.

Leonhard. Es ist sonst nie meine Art gewesen, den Kindern Zwang anzuthun, diesmal aber werde ich mein Aeußerstes thun. Denn wenn die Partie nicht zu Stande kommt, darf ich meiner Frau nicht wieder unter die Augen treten.

Jeronimus. Meiner Frau halber bin ich außer Sorge; denn wenn sie nur den Muth dazu hätte, so wäre sie gerade so toll wie die Andern. Aber meiner eigenen Ehre halber will ich diese Partie durchsetzen, gleich als ob es sich dabei um meine ganze irdische Wohlfahrt handelte. Inzwischen hoffe ich, theurer Schwager, daß Ihr nicht wieder den Advocaten für die Maskeraden machen werdet, Ihr seht nun, was sie für Folgen haben.

Leonhard. Ganz gewiß, ich werde nie wieder so etwas in Schutz nehmen. Aber welche Wege wollen wir nun einschlagen, um zu unserm Ziele zu gelangen? 389

Jeronimus. Wir wollen Gebrauch machen von der Gewalt, welche Gott und die Natur den Eltern verliehen, und wenn das nicht helfen will, so citirt ihn nur in Eurer Tochter Namen vor Gericht.

Leonhard. Ich fürchte nur, meine Tochter geräth darüber in Verzweiflung und legt Hand an sich selbst.

Jeronimus. Ha ha, so was läßt sich nur ein Vater vorreden! Mit der Verzweiflung, in die unsere jungen Damen gerathen, hat es nicht viel auf sich, das sind nur Tragödien und Romane, die sie aufführen, um es den verliebten Heldinnen nachzumachen, von denen sie solch ein Wischiwaschi gelesen haben. Mein Sohn stellt sich auch, als wäre er krank: allein ich habe das Recept schon bei der Hand, das ihm das Fieber vertreiben soll. Inzwischen wird es gut sein, wenn wir zu Anfang noch möglichst leise auftreten, die Zeit ist nicht selten der beste Arzt.

Leonhard. So will ich sofort nach Hause, um zu überlegen, was ich dabei zu thun habe.

Jeronimus. Ich ebenfalls; adieu so lange. (Beide ab.)

Fünfte Scene.

Heinrich, mit einem Ranzen auf dem Rücken als Rabbi verkleidet, mit einem langen schwarzen Barte.

Heinrich. Könnte ich sie nur zu sprechen kriegen, darauf kommt jetzt alles an; die Sache, die wir vorhaben, hat Eile, und nun ist sie an diesem Ort nicht zu finden, wo sie doch versprochen hatte auf und ab zu gehen. Kriege ich aber weder das Fräulein zu sprechen, noch ihr Kammermädchen, so bin ich um meinen Hals. Wie mein Herr hörte, sein Vater wollte ein neues Schloß an die Hofthüre machen lassen, so daß ohne seine Erlaubniß niemand weder hinaus noch herein kommen kann, so ergriff er die Flucht, frisch weg, wie er ging und stand; jetzt hält er sich in einem Hause am Norderthor versteckt, und dahin will er nun seine Geliebte kommen lassen, um mit ihr aus der Stadt zu fliehen und sich auf dem Lande trauen zu lassen. Sind 390 sie aber erst einmal getraut, so kann Monsieur Leonhard meinen Herrn citiren lassen, so viel er will, und wenn es vor das Consistorium zu SpeierEr meint vermuthlich den Reichstag zu Regensburg. A.d.Ü. wäre. Denn wenn er erst einmal mit einer Andern verheirathet ist, so hören alle sonstigen Ansprüche von selbst auf und auch Jeronimus wird sich mit seinem Sohne schon wieder vertragen, wenn er hört, daß diese neue Geliebte ebenfalls von guter Herkunft ist, woran ich nämlich nicht im Mindesten zweifle. In diese Tracht habe ich mich verkleidet, damit mich niemand erkennen soll; denn ich kann nicht eher weg, als bis ich meinen Auftrag ausgeführt habe, welcher darin besteht, das Fräulein von der Flucht meines Herrn in Kenntniß zu setzen und ihr auf diesem Stück Papier hier die Adresse auszuhändigen, wo sie ihn finden soll. Aber sieh' da, führt der Teufel mir gerade jetzt den alten Jeronimus auf den Hals. Ich muß Stand halten, denn durch Fortlaufen würde ich mich nur verdächtig machen.

Sechste Scene.

Jeronimus. Heinrich.

Jeronimus. Ich fürchte, da ist etwas nicht in Ordnung, ich fürchte, Leander hat mir einen Streich gespielt. Wie ich ausging, mit Monsieur Leonhard zu sprechen, war er zu Hause, jetzt aber sehe ich weder ihn, noch seinen Diener. Vor Aufregung konnte ich es drinnen nicht mehr aushalten; ich habe Arv nach dem Lusthause im Garten geschickt, ist er da nicht, so fange ich an mich zu fürchten wie ein Hase. Aber ich will doch mal diesen Judenpriester hier fragen, ob er niemand hat vorbeigehen sehen. Heda, Rabbi, habt Ihr nicht einen jungen Herrn in Begleitung eines Dieners hier aus dem Hause kommen sehen?

Heinrich. Abi Kala Spinther, maristan Cadedi Farluf spae kauet.

Jeronimus. Ebräisch verstehe ich nicht, Rabbi.

Heinrich. Candelabro Ticktack jucatan Phalmanasar

Jeronimus. Ich verstehe weder Chaldäisch noch Ebräisch, Rabbi. Aber versteht Ihr denn nicht Dänisch oder Deutsch? 391

Heinrich. Ja freilichDer Jude flickt als solcher vielfache deutsche Wörter und Wendungen in seine Rede ein. A.d.Ü., Herr, ich sprechen westphälisk, westphälisk.

Jeronimus. Weshalb antwortetet Ihr mir denn erst auf Ebräisch?

Heinrich. Icke dachten, der Herr auch wären ein von Israels Kindern: denn der Herr haben ein perfect jüdisk Gesicht, ein perfect jüdisk Gesicht.

Jeronimus. Hol' Dich dieser und jener, so zu lügen!

Heinrich. Aber ernsthaftick, mein Herr, sein Er nicht ein portugieser Juden? Mir dünken, daß icke Ihm abe gesehen in der Synagoge in Altona?

Jeronimus. Nein, da seid Ihr irre, Rabbi, ich bin ein guter Christ, der hier in diesem Hause wohnt, in das nie weder ein Talmud, noch ein Alkoran gekommen ist.

Heinrich. Um Verzeihung denn, mein Herr!

Jeronimus. Aber habt Ihr nicht einen jungen Herrn in Begleitung eines Bedienten hier aus dem Thorweg kommen sehn?

Heinrich (bei Seite). Hol' Dich der Teufel, wenn Du nur erst zum Thorweg hinein wärst: gerade jetzt, fürchte ich, kommt das Kammermädchen. Ich muß sehen, wie ich ihn mit Redensarten fortbringe.

Jeronimus. Habt Ihr denn keine Antwort auf meine Frage?

Heinrich. Der Herr sagen, daß in seinem Haus gewesen kein Talmud oder Alkoran?

Jeronimus. Freilich sage ich das; doch ist dies nicht der Gegenstand, um den . . . .

Siebente Scene.

Pernille. Jeronimus. Heinrich. Später Arv.

Pernille. Potz Schlag, da sind Menschen; was zum Kukuk haben diese beiden Juden hier zu thun? (Heinrich erblickt sie, springt zu ihr hin, nimmt sie bei der Hand; Pernille schreit.)

Heinrich (leise). Kennt Ihr mich denn nicht, Mamsell? Ich 392 bin ja Bedienter bei Eures Fräuleins Geliebten; diese Verkleidung habe ich aus guten Gründen angelegt. Geht doch ein wenig bei Seite, damit ich erst den alten Mann hier fortbringe, nachher habe ich Euch Dinge zu sagen von größter Wichtigkeit.

Pernille (bei Seite). Alle Wetter, seid Ihr das? (Laut) Ach, lieber Jude, laß mich doch in Ruhe!

Heinrich. Gehe man, Jungfer, gehe man! (Indem er sich wieder zu Jeronimus wendet:) Das sind ein sehre große Unterschied, mein Herr, zwischen dem Alkoran und dem Talmud.

Jeronimus. Wer Teufel fragt danach?

Heinrich. Dem Talmud sein geschrieben von der türkischen Gott Mahomet –

Jeronimus. Den Kerl, glaub' ich, hat der Teufel hierher geführt, um mich mit Redensarten zu plagen.

Heinrich. Aber dem Alkoran, mein Herr, das sein ein heiliger Buch, ein heiliger Buch!

Jeronimus. Hol' Dich der Henker mitsammt Deinem Alkoran und Deinem Talmud!

Heinrich. Der Name von Alkoran will sagen so viel als eine Judenbibel und kommen von zwo chaldäischen Worten, al und charon, al bedeuten . . . ..

Jeronimus (geht auf die andere Seite, dreht ihm den Rücken und hält sich die Ohren zu). Nun sprich zu, Du Hund, bis Du schwarz wirst!

Arv (kommt hereingelaufen). Wo ist der Herr? Was will dieser Judenpriester? Was Teufel heißt das? Das ist ja Heinrich, der sich verkleidet hat?!

Heinrich (bei Seite, zu Arv). Höre, Arv: ein Achtel Mehl, zwei Stücke Rauchfleisch, der Köchin ihre Jungfernschaft, wer bin ich nun?

Arv. Ach, meiner Seele, Ihr seid ein Judenpriester!

Jeronimus (kehrt sich um). Ob das Vieh nun zu Ende ist? Sieh da, Arv! Nun, Arv, wie geht es?

Arv. Herr, der Mann hier ist ein Judenpriester.

Jeronimus. Das sehe ich wohl.

Arv. Er ist, hol' mich der Teufel, ein Judenpriester. 393

Jeronimus. Ich sehe es ja, aber fandest Du . . . .

Arv. Will der Herr mir nicht glauben, so bin ich bereit, es zu beschwören.

Jeronimus. Hol' Dich der Teufel mit Deinem Gewäsche! Aber trafst Du meinen Sohn oder seinen Bedienten?

Arv. Nein, Herr, im ganzen Hause nicht. Aber sie werden wol in Geschäften ausgegangen sein. Weggelaufen sind sie nicht; denn wenn Monsieur Leander so etwas im Willen gehabt hätte, so hätte Heinrich dem Herrn schon einen Wink davon gegeben.

Jeronimus. Der Galgenvogel, wenn ich ihn nur erst hätte! Er ist doch das Rad, das alles treibt.

Arv. Ich habe früher ebenfalls nichts Gutes von Heinrich gedacht, seit einiger Zeit jedoch habe ich mich überzeugt, daß er ein redliches Gemüth ist.

Heinrich (bei Seite). Nämlich seit ich das Gespenst vorstellte.

Jeronimus. Komm, Arv, laß uns hineingehen und nachsehen, ob etwas im Hause fehlt. Adieu, Schmuel, nun sprecht meinetwegen so viel Ebräisch, als Ihr Lust habt.

(Jeronimus und Arv ab.)

Achte Scene.

Pernille. Heinrich.

Heinrich. Diesmal bin ich noch durchgeschlüpft; er kannte mich nicht, und Arv wagte nicht den Mund aufzuthun. Heda, Mamsell!

Pernille (zurückkommend). Ach, ich dachte nicht anders, als Du wärst wirklich ein Jude. Aber weshalb hast Du Dich so verkleidet?

Heinrich. Als mein Herr hörte, daß sein Vater ihn einsperren wollte, ergriff er die Flucht und gab mir diese schriftliche Adresse für das Fräulein, wo er zu finden. Diese Verkleidung habe ich inzwischen angelegt, um von niemand erkannt zu werden. 394

Pernille. Wo wohnt Deines Herrn Vater?

Heinrich. Meines Herrn Vater ist ein vornehmer und reicher Mann, aber sehr hart und strenge; es war eben derselbe alte Herr, den Ihr hier gesehen habt, Ihr könnt Euch vorstellen, welche Angst ich ausgestanden habe, er möchte mich erkennen. Doch wir haben keinen Augenblick zu verlieren; Ihr müßt sofort mit Eurem Fräulein in das Haus flüchten, in welchem mein Herr ist.

Pernille. So laufe ich auf der Stelle; adieu. (Ab.)

Heinrich. Dies Mädchen gefällt mir ganz ausnehmend; wäre ich nur nicht ein Jude, so möchte ich ihr in der That ihre Jungfernschaft stibitzen. Indessen wer weiß, was noch kommt. Jetzt aber muß ich machen, daß ich mir die Stiefel schmiere.

Neunte Scene.

Jeronimus. Magdelone. Heinrich. Später Arv.

Jeronimus. Ach, ich unglücklicher Mann! Er ist gewiß weggelaufen. Sein Schrank, in welchem er seine Kostbarkeiten verwahrt, steht offen und ist völlig leer. Aber was Henker ist das? Dieser Jude steht ja noch hier?

Magdelone. Am Ende ist es ein Spion von unserem Sohne – ei, so will ich nicht ehrlich sein, wenn das nicht Heinrich ist, der sich verkleidet hat!

(Heinrich will fortlaufen, Jeronimus und Magdelone halten ihn fest; Jeronimus kriegt seinen Bart zu fassen, der abfällt.)

Jeronimus. Ha ha, guter Freund! Willkommen, Monsieur Rabbi!

Heinrich. Nein, Herr, seit Ihr mir den Bart ausgerissen habt, kann ich auch nicht mehr Rabbi sein.

Jeronimus. Wozu hast Du Dich so verkleidet? Wo ist Dein Herr?

Heinrich. Mein Herr ist . . . Er ist . . . Laßt sehen . . . . Ich weiß wahrhaftig nicht, wo er ist; soll ich etwa Acht geben auf meinen Herrn? 395

Jeronimus. Du bist nicht allein sein Bedienter, sondern auch sein geheimer Rath; auch ist es schwerlich umsonst geschehen, daß Du Dich in diese Kleider gesteckt hast.

Heinrich. Diese Kleider, Herr, wollte ich heute Abend auf die Maskerade anziehen.

Magdelone. Ei, glaub' ihm nicht, mein liebster Mann, ich habe heute schon zu CapionEin damals in Kopenhagen lebender Franzose, Unternehmer von sehr beliebten und besuchten Maskenbällen. A.d.Ü. hingeschickt: es ist heute Abend gar keine Maskerade.

Jeronimus. Ja so, habt Ihr schon hingeschickt? Ihr wollt wol das Glück noch einmal versuchen und Euch ein neues Fieber an den Hals lügen?

Magdelone. Nein, wahrhaftig, nicht von weitem habe ich daran gedacht; ich wollte es blos wissen, um Euren Sohn Leander abzuhalten.

Jeronimus. Das ist nicht mein Sohn, das ist Euer Sohn; denn er ist gerade so toll im Kopf wie die Mutter. Aber nun, um das Wichtigste nicht zu vergessen: gleich gestehe, Du nichtsnütziger Schelm, wo mein Sohn ist?

Heinrich. Ich weiß es wahrhaftig nicht, Herr.

Jeronimus. He, Arv! Ich werde Dich gleich zum Geständniß bringen.

Heinrich. Ach, Herr, wie soll ich denn gestehen, wenn ich doch nichts weiß?

Arv (kommt). Will der Herr was?

Jeronimus. Da sind zwei Soldaten im Hofe, die Holz hauen, die sollen gleich mal herkommen.

Heinrich. Ach, Herr, Gnade!

Jeronimus. Sollte man solchen Kerl nicht können zum Geständniß bringen, das wäre doch zu arg.

(Zwei Soldaten treten ein.)

Greift mir mal hier den Kerl!

Heinrich. Ach, Herr, ich will gestehen! Mein Herr ist weggelaufen mit dem Fräulein, in das er sich auf der Maskerade verliebt hat.

Jeronimus. Und wo steckt er jetzt?

Heinrich. Das weiß ich wahrhaftig nicht. 396

Jeronimus. Packt ihn nur fest, werft ihn in den Keller und bindet ihn an Händen und Füßen.

Heinrich. Ach! Ich kann ja doch darauf schwören, daß ich nicht weiß, wo er ist!

Jeronimus. Jetzt magst Du es allerdings wol nicht wissen, aber wenn Dir erst die Peitsche auf dem Rücken tanzt, da wird das Gedächtniß wol wieder kommen.

Zehnte Scene.

Leonhard allein.

Leonhard. Nun ist doch Hoffnung, meine Tochter zur Raison zu bringen. Anfangs achtete sie weder ihres Vaters Zorn noch Fluch; jetzt aber, wie ich ihr noch einmal zusprach, merkte ich, daß das Fieber sacht in der Abnahme ist; denn sie verlangte nur eine halbe Stunde Zeit, mit sich selbst zu Rathe zu gehen. Das ist, dem Himmel sei Dank, doch wenigstens ein Anfang. Weiß der Himmel, wie junge Leute auf solche Narrenstreiche verfallen können! Das kommt davon, wenn man in solchen großen Städten lebt. Inzwischen werde ich all dies Unglück hoffentlich noch überstehen, und in Zeit einer halben Stunde werde ich Leonora sehen, wie sie vor mir auf den Knieen liegt und um Verzeihung bittet. Und wie es mit ihr geht, so wird es auch mit Jeronimus' Sohn gehen. Aber ich muß Jeronimus doch gleich erzählen, welche Veränderung sich zugetragen hat.

Elfte Scene.

Jeronimus. Leonhard. Später ein Knabe.

Jeronimus (sich gegen das Haus zurückwendend). Macht nun rasch, Ihr Kerle, und bringt unterwegs die Polizei mit!

Leonhard. Was alle Wetter giebt's da? Hört, lieber Schwager, ist's schon wieder ein Unglück?

Jeronimus (zu Leonhard). Sein Diener, Herr Schwager! 397 (Wieder gegen das Haus) Und sagt nur, sie sollen ein anständiges Trinkgeld haben.

Leonhard. Aber sagt mir doch, was habt Ihr vor?

Jeronimus (zu Leonhard). Sein Diener, Herr Schwager! (Wie oben) Ihr müßt laufen, als ob es in die Wette ginge, damit Ihr ja nicht zu spät kommt.

Leonhard. Ei, so erklärt mir doch, um was es sich hier handelt?

Jeronimus (zu Leonhard). Sein Diener, Herr Schwager! (Wie oben) Und wenn er sich widersetzen will, so sollen sie nur Gewalt brauchen.

Leonhard. Sind Diebe bei Euch eingebrochen, Schwager?

Jeronimus (zu Leonhard). Sein Diener, Herr Schwager! (Wie oben) Und seht wohl zu, daß Ihr das Mensch gleich mitpackt, damit wir sie ins Spinnhaus sperren können.

Leonhard. Aber was giebt's nur, werthester Schwager? Es muß ein großes Unglück passirt sein.

Jeronimus. Verzeiht, daß ich Euch nicht eher antworten konnte; binnen hier und einer Stunde wird es sich zeigen, ob wir Schwäger werden oder nicht.

Leonhard. Wieso?

Jeronimus. Mein Sohn ist davon gelaufen mit dem verwünschten Mensch, in das er sich auf dem Maskenball verliebt hat.

Leonhard. Ach, welch ein Unglück! Und gerade jetzt komme ich mit guten Nachrichten von meiner Tochter, daß sie anfängt in sich zu gehen.

Jeronimus. Ach, ich armer geschlagener Mann! Um so größer ist ja mein Unglück, wenn wir ihn nicht finden?

Leonhard. Aber posito, Herr Jeronimus, Ihr findet ihn nicht? Was wollt Ihr da machen?

Jeronimus. Da will ich mein Haus mit dem Rücken ansehen und aufs Land gehen und mich zu Tode grämen.

Leonhard. Ei, nicht doch, Ihr müßt zeigen, daß Ihr ein Christ seid, und müßt Euch nicht vom Kummer überwältigen lassen. 398

Jeronimus. Da kann mich nichts in der Welt mehr trösten, ich sterbe ganz sicher.

Ein Knabe (kommt herein). Hier, Herr Leonhard, ist ein Zettelchen, das mir ein Mädchen für Euch gegeben hat.

Leonhard (liest). »Mein Herr, aus diesem Vorfall könnt Ihr lernen, welche schwere Sünde Eltern auf sich laden, die ihre Kinder zwingen wollen, sich gegen ihren Willen zu verheirathen. Um dem Schicksal zu entgehen, das ihr angedroht war, hat Eure Tochter Leonora sich in meiner Abwesenheit in den tiefsten Teich des Gartens gestürzt und ist daselbst ertrunken. Außer Stande, sie zu retten, habe ich mich auf meine Kammer geflüchtet und diese Zeilen geschrieben. Aber auch mich bekommt Ihr nie wieder zu sehen. Pernille.«

Ach, ach, Du gottloser Leonhard! Wie bist Du wol noch werth zu leben, nachdem Du Deine Tochter zu diesem verzweifelten Ende gebracht hast! Auf der Stelle will ich hin und ihrem Beispiel folgen!

Jeronimus. Das verhüte der Himmel!

Leonhard. Haltet mich nicht, Herr Jeronimus; es giebt keinen größern Missethäter auf Erden, als ich bin!

Jeronimus. Ei, Herr Leonhard, Er kann Andere trösten und weiß sich so wenig in Sein eigenes Mißgeschick zu finden?

Leonhard. Ach, laßt mich doch nur los, damit ich meinen blutigen Vorsatz vollführen kann!

Jeronimus. Ei, Herr Leonhard, bedenkt doch, daß Ihr ein Christ seid und als solcher die Pflicht habt, dem Unglück Widerstand zu leisten!

Leonhard. Nicht genug, daß ich meine einzige Tochter verloren habe, ich habe sie auch selbst ums Leben gebracht!

Jeronimus. Ihr habt nichts weiter gethan, als was ein Vater mit gutem Gewissen thun darf; Ihr wolltet, daß sie ihr gegebenes Wort nicht brechen sollte, Ihr wolltet, daß sie ihre gute Versorgung hätte. Ich habe gegen meinen Sohn ganz ebenso gehandelt.

Leonhard. Aber war es recht gehandelt? Wenn Ihr Euren Sohn habt zwingen wollen, so war es schlimm genug; von mir 399 aber war es noch viel schlimmer, weil ich ein schwaches Mädchen versucht habe über ihre Kräfte. Erwägen wir doch nur, Herr Jeronimus, was die Menschen sind, erwägen wir, was die Jugend ist, und wie wir selbst es getrieben haben! Dieselben Fehler, die wir uns zu Schulden kommen ließen, so lange wir jung waren, suchen wir auf gewaltthätige Weise an unsern Kindern zu unterdrücken, die doch in der That nichts anderes sind, als richtige Copien, zu denen wir die Originale geliefert haben. Schämen sollten wir uns einer Herrschaft, von der wir so schlechten Gebrauch machen. Es heißt freilich, wir thun das alles zu unserer Kinder Glück, in Wahrheit aber denken wir nur an unsern eignen Vortheil. Hätte meine Tochter keine so große Erbschaft in Aussicht gehabt, Ihr hättet vermuthlich nicht so viel Werth auf die Angelegenheit gelegt, und mir wäre es vermuthlich ebenso gegangen. Für mich giebt es keine Rechtfertigung, ich habe meine Tochter umgebracht und darum folge ich ihr nach!

Jeronimus. Ei, laßt doch nicht den bösen Geist die Oberhand bei Euch gewinnen, Herr Leonhard; bedenkt doch, daß Ihr nicht blos Euer zeitiges, sondern auch Euer ewiges Wohl aufs Spiel setzt!

Leonhard. Wen solches Unglück getroffen hat, der überlegt nicht mehr.

Jeronimus. Ich lasse Euch nicht gehen, bevor Ihr nicht andern Sinnes geworden seid.

Leonhard. Ach, ach!

Zwölfte Scene.

Polizeidiener bringen Leander und Leonora angeschleppt. Pernille. Die Vorigen.

Jeronimus. Bist Du da, Verräther, der Du durch Deinen gottlosen Lebenswandel Deine Eltern vor der Zeit in die Grube bringst?

Leander. Ich bin mir nichts Böses bewußt; ich liebe eine schöne und vornehme Dame, die hier vor Euch steht. 400

Jeronimus. Ah, also Du bist das Mensch, das meinen Sohn . . . .

Leonora. Ich bin kein Mensch, ich bin die Tochter eines wackern Mannes in Jütland.

Jeronimus. Ja richtig. so sagen sie alle, diese Königinnen der Nacht: wir sind eben ganz frisch aus Jütland oder Lolland gekommen, während sie doch schon seit Jahren hier in der Stadt ihr Handwerk treiben.

Leonora. Ich kann Beweise dafür bringen, daß ich eine ehrbare Jungfrau aus gutem Hause bin.

Jeronimus. Ja richtig, der Beweis liegt ja schon in dem, was Ihr gethan, indem Ihr einen jungen Menschen dazu verleitet habt, aus seiner Eltern Hause wegzulaufen. Wessen Tochter seid Ihr denn, mit Verlaub?

Leonora. Mein Vater ist Leonhard Hansen, der vor einigen Tagen vom Lande hierher gekommen ist, um mich mit einem jungen Manne Namens Leander zu vermählen. Allein . . . .

Jeronimus. Ha ha! Ihr habt es in der Kunst zu lügen noch nicht weit gebracht; Herr Leonhard hat nur eine Tochter gehabt, und die hat der Teufel geholt, Ihr werdet gleich überführt werden, hier ist Seigneur Leonhard.

Leonora. Mein Vater!

(Leonhard steht inzwischen in tiefen Gedanken, seufzt und schüttelt mit dem Kopfe.)

Jeronimus. Monsieur Leonhard, seht mal ein wenig her!

Leonhard. Ach, Himmel, was seh' ich? Das ist ja meine Tochter!

Leonora (knieend). Ach, allertheuerster Vater, verzeiht mir, daß ich so schwer wider Euch gesündigt und mich in diese Intrigue eingelassen habe! Was mich dazu gebracht, ist die Liebe zu diesem jungen Manne, und weil Ihr mich mit Gewalt dem Leander geben wolltet, dem Sohne des Herrn Jeronimus, den ich nie mit Augen gesehen, so . . . .

Leonhard. Ach Himmel, ist es möglich?!

Jeronimus. Ach, welch ein Abenteuer!

Leonhard. Steht auf, geliebte Tochter, hier steht derselbe 401 Leander, mit dem Du durchgegangen bist, aus Furcht seine Frau zu werden!

Leonora. O wunderbares Geschick! Also das ist Leander, von dem ich mich habe entführen lassen, um mich vor Leander zu retten?

Leander. O seltsame Geschichte! Ist das Leonora, die ich gehaßt habe, weil ich Leonora liebte?

Jeronimus. Theure Kinder, diese Abenteuer und Widerwärtigkeiten sollten Euch zur Aufmunterung dienen, Euch fortan desto mehr zu lieben. Und nun laßt mir doch mal gleich den Heinrich herkommen, wie er da ist, und daß ihm niemand sagt, was hier geschehen!

Leander. So erlaubt denn, theurer Vater, daß ich meine Braut in die Arme schließe. (Sie umarmen sich.)

Leonora. O glückseliger Irrthum! Ich verabscheute, den ich einzig liebte!

Leander. Und ich war willens, aus Liebe für dasselbe Wesen zu sterben, dessen bloßer Name mich in Schrecken versetzte!

Jeronimus. Ich wollte aus Kummer in die Grube fahren, weil mein Sohn gegen meinen Willen eben dieselbe liebte, die ich allein von ihm geliebt wissen wollte!

Leonhard. Und ich zürnte meiner lieben Tochter ihres Ungehorsams halber, während sie mir doch nur allzu sehr gehorchte!

Dreizehnte Scene.

Heinrich, gebunden. Die Vorigen.

Jeronimus. Kennst Du die beiden Personen hier, Heinrich?

Leander. Heinrich, die Dame, mit der ich entflohen, um Leonoren los zu werden, ist Leonora selbst, Herrn Leonhards Tochter.

Heinrich. Ach Himmel, ist es möglich?! Nun sind auch die Prügel verschmerzt, die ich gekriegt habe.

Leander. Deine Treue soll nicht unbelohnt bleiben. 402

Heinrich. Heda, macht Ihr noch immer keine Anstalten, Ihr Hunde? Warum bindet Ihr mich nicht los?

Jeronimus. Macht ihn auf der Stelle los!

Heinrich (Leonora besehend). Ihr also seid Leonora, Herrn Leonhards Tochter?

Leonora. Ja, ich bin beides auf einmal, Leonora und Leonorens Nebenbuhlerin.

Heinrich. Und Ihr, Monsieur Leonhard, Ihr seid des Fräuleins Vater?

Leonhard. Ja, Kamerad, das ist meine Tochter, die mir an einem und demselben Tage das Leben geraubt und das Leben geschenkt hat.

Heinrich. So ist hier ja Komödie gespielt worden?

Leonhard. Eine wunderliche Komödie.

Heinrich. Aber was für Satisfaction bekommt nun ein braver Kerl wie ich für all den Schimpf, der mir widerfahren ist?

Jeronimus. Sei nur ruhig, Leander wird Dir die Schande schon vergüten.

Heinrich. Wollt Ihr mir das Mädel hier zur Frau geben?

Leonhard. Wenn sie Dich will, von Herzen gern.

Heinrich. Heda, kleines Bräutchen, willst Du mich haben?

Pernille. Warum nicht?

Heinrich. Nun seht mal an, wie glücklich wir sind, verglichen mit den Vornehmen; wir wissen noch nicht einmal einer des andern Namen, und doch kann es sein, daß wir noch heut Abend Hochzeit halten. Das sind nur die Liebesgeschichten der Vornehmen, die zu Komödien taugen, wir andern gehen geradezu und haben nur zwei kleine Tempos in Acht zu nehmen, nämlich: Schlagt an und Feuer! Ihr aber, Herr Jeronimus, könnt aus diesem Vorgang lernen, daß die Maskeraden doch auch ihren Nutzen haben, insofern diese Verwirrung die Leidenschaft der beiden Verliebten verstärkt und obenein mir dies schmucke Mädchen an den Hals geworfen hat; es ist dadurch 403 Veranlassung gegeben worden zu einer niedlichen Komödie, die sich mit Heirathen endet, vorn und hinten, womit wir jetzt alle Hände voll zu thun haben. (Zu den Wächtern) Und Ihr, Messieurs, die Ihr mich gebunden und durchgeprügelt habt, damit Ihr doch auch was zu thun habt, so geht hin und knüpft Euch selber auf.


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