Friedrich Hölderlin
Empedokles
Friedrich Hölderlin

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Erster Akt

1.

Panthea. Delia.

Panthea. Dies ist sein Garten! Dort im geheimen Dunkel, wo die Quelle springt, dort stand er jüngst, als ich vorüberging – du hast ihn nie gesehn?

Delia. O Panthea! Bin ich doch erst seit gestern mit dem Vater in Sizilien. Doch ehemals, da ich noch ein Kind war, sah ich ihn auf einem Kämpferwagen bei den Spielen in Olympia. Sie sprachen damals viel von ihm, und immer ist sein Name mir geblieben.

Panthea. Du mußt ihn jetzt sehn, jetzt! Man sagt, die Pflanzen merkten auf ihn, wo er wandre, und die Wasser der Erde strebten herauf, da wo sein Stab den Boden berühre, und wenn er bei den Gewittern in den Himmel blicke, teile die Wolke sich, und hervor schimmre der heitre Tag. – Das all mag wahr sein! Doch was sagt's? Du mußt ihn selbst sehen! einen Augenblick! und dann hinweg! ich meid' ihn selbst, ein furchtbar, allverwandelnd Wesen ist er.

Delia. Wie lebt er denn mit anderen? Ich begreife nichts von diesem Manne. Sage, hat er, wie wir, auch seine leeren Tage, wo man sich alt und unbedeutend dünkt? Und gibt es auch ein menschlich Leid für ihn?

Panthea. Ach! da ich ihn zum letzten Male dort
Im Schatten seiner Bäume sah, da hatt' er wohl
Sein eigen tiefes Leid – der Göttliche.
Mit wunderbarem Sehnen, traurigforschend,
Wie wenn er viel verloren, blickt' er bald
Zur Erd' hinab, bald durch die Dämmerung
Des Hains hinauf, als wär' ins ferne Blau
Das Leben ihm entflogen, und die Demut
Des königlichen Angesichts ergriff
Mein ringend Herz: – auch du mußt untergehn,
Du schöner Stern – und lange währet's nicht mehr!
Das ahnte mir.

Delia. Hast Du mit ihm auch schon gesprochen, Panthea?

Panthea. Oh, daß du daran mich erinnerst! Es ist nicht lange, daß ich todeskrank daniederlag. Schon dämmerte der Tag vor mir, und um die Sonne wankte, wie ein seellos Schattenbild, die Welt. Da rief mein Vater, wenn er schon ein arger Feind des hohen Mannes ist, am hoffnungslosen Tage den Vertrauten der Natur; und als der Herrliche den Heiltrank mir gereicht, da schmolz in zauberischer Versöhnung mir mein kämpfend Leben ineinander und wie zurückgekehrt in süße, sinnenfreie Kindheit schlief ich wachend viele Tage fort und kaum bedurft' ich eines Atemzugs. Wie nun in frischer Luft mein Wesen sich zum ersten Male wieder der lang entbehrten Welt entfaltete, mein Auge sich in jugendlicher Neugier dem Tag erschloß, da stand Empedokles! o wie göttlich und wie gegenwärtig mir! Am Lächeln seiner Augen blühte mir das Leben wieder auf! Ach, wie ein Morgenwölkchen floß mein Herz dem hohen süßen Licht entgegen, und ich war der zarte Widerschein von ihm.

Delia. O Panthea!

Panthea. Der Ton aus seiner Brust! in jeder Silbe klangen alle Melodien! und der Geist in seinem Wort! – Zu seinen Füßen möcht' ich sizen, stundenlang, als seine Schülerin, sein Kind, in seinen Äther schaun und auf zu ihm frohlocken, bis in seinen Himmelshöhen sich mein Sinn verlöre droben.

Delia. Was würd' er sagen, Liebe, wenn er's wüßte!

Panthea. Er weiß es nicht, der Unbedürft'ge wandelt
In seiner eignen Welt; in leiser Götterruhe geht
Er unter seinen Blumen, und es scheun
Die Lüfte sich, den Glücklichen zu stören;
Ihm schweigt die Welt, und aus sich selber wächst
In steigendem Vergnügen die Begeisterung
Ihm auf, bis aus der Nacht des schöpfrischen
Entzückens wie ein Funke der Gedanke springt,
Und heiter sich die Geister künft'ger Taten
In seine Seele drängten, und die Welt,
Der Menschen gärend Leben und die stillere
Natur um ihn erscheint – hier fühlt er, wie ein Gott,
In seinen Elementen sich, und seine Lust
Ist himmlischer Gesang. Und dann tritt er
Heraus ins Volk an Tagen, wo die Menge
Sich überbraust, und eines Mächtigern
Der unentschlossene Tumult bedarf
Da herrscht er dann, der herrliche Pilot,
Und hilft hinaus; und wenn sie dann erst recht
Ihn sehn, des immer fremden Mannes sich
Gewöhnen möchten, ehe sie's gewahren,
Ist er hinweg – ihn zieht in ihre Schatten
Die stille Pflanzenwelt, wo er sich schöner findet,
Und ihr geheimnisvolles Leben, das vor ihm
In seinen Kräften allen gegenwärtig ist.

Delia. O Sprecherin! wie weißt du denn das alles?

Panthea. Ich sinn ihm nach – wieviel ist über ihn
Mir noch zu sinnen? ach! und hab' ich ihn
Gefaßt, was ist's? Er selbst zu sein, das ist
Das Leben, und wir andern sind der Traum davon.
Sen Freund Pausanias hat auch von ihm
Schon manches mir erzählt – der Jüngling sieht
Ihn Tag vor Tag, und Jovis Adler ist
Nicht stolzer denn Pausanias, ich glaub' es!

Delia. Ich kann nicht tadeln, Liebe, was du sagst,
Doch trauert meine Seele wunderbar
Darüber, und ich möchte sein wie du,
Und möcht' es wieder nicht. Seid ihr denn all
Auf dieser Insel so? Wir haben auch
An großen Männern unsre Lust, und einer
Ist jetzt die Sonne der Athenerinnen,
Sophokles! dem von allen Sterblichen
Zuerst der Jungfrau herrlichste Natur
Erschien und sich zu reinem Angedenken
In seine Seele gab –
Und jede wünscht sich, ein Gedanke
Des Herrlichen zu sein und möchte gern
Die immerschöne Jugend, eh' sie welkt,
Hinüber in des Dichters Seele retten
Und frägt und sinnet, welche von den Jungfrauen
Der Stadt die zärtlichernste Heroide sei,
Die seiner Seele vorgeschwebt, die er
Antigone genannt; und helle wird's
Um unsere Stirne, wenn der Götterfreund
Am heitern Festtag ins Theater tritt,
Doch kummerlos ist unser Wohlgefallen,
Und nie verliert das liebe Herz sich so
In schmerzlich fortgerißner Huldigung. –
Du opferst dich – ich glaub' es wohl, er ist
Zu übergroß, um ruhig dich zu lassen,
Den Unbegrenzten liebst Du unbegrenzt,
Was hilft es ihm? Dir selbst, dir ahndete
Sein Untergang, du gutes Kind, und du
Sollst untergehn mit ihm?

Panthea. O mache mich
Nicht stolz, und fürchte, wie für ihn, für mich nicht!
Ich bin nicht er, und wenn er untergeht,
So kann sein Untergang der meinige
Nicht sein, denn groß ist auch der Tod der Großen. –
Und will der Waffenträger mit dem Helden
Durch eine Schicksalsflamme gehn, so muß
Der eine wie der andere dazu
Berufen sein; – was diesem Manne widerfährt
Das glaube mir, das widerfährt nur ihm,
Und hätt' er gegen alle Götter sich
Versündiget und ihren Zorn auf sich
Geladen, und ich wollte sündigen,
Wie er, um gleiches Los mit ihm zu leiden,
So wär's, wie wenn ein Fremder in den Streit
Der Liebenden sich mischt. – "Was willst du?" sprächen
Die Götter mir, "du Törin, kannst uns nicht
Beleidigen wie er –"

Delia. Du bist vielleicht
Ihm gleicher, als du denkst, wie fändest du sonst
An ihm ein Wohlgefallen.

Panthea. Liebes Herz!
Ich weiß es selber nicht, warum ich ihm
Gehöre; sähst du ihn! – Ich dacht', er käme
Vielleicht heraus, um diese Stunde geht
Der Ewigjugendliche gern im Haine,
Wenn einen Augenblick der frische Tag
Ihm gleicht; du hättest dann im Weggehn ihn
Gesehn; es war ein Wunsch! nicht wahr? ich sollte
Der Wünsche mich entwöhnen, denn es scheint,
Als liebten unser ungeduldiges Gebet die Götter nicht; sie haben recht!
Ich will auch nimmer – aber hoffen muß
Ich doch, ihr guten Götter, und ich weiß
Nicht anderes denn ihn – ich wollte gern,
Ich bäte, gleich den übrigen, von euch
Nur Sonnenlicht und Regen, könnt' ich nur!
O ewiges Geheimnis! was wir sind
Und suchen, können wir nicht finden, was
Wir finden, sind wir nicht. – Wieviel ist wohl
Die Stunde? –

Delia. Dort kommt dein Vater,
Ich weiß nicht, bleiben oder gehen wir?

Panthea. Wie sagtest du? Mein Vater? Komm! hinweg!

2.

Chor der Agrigentiner in der Ferne

Kritias. Hermokrates

Kritias. Hörst du das trunkne Volk?

Hermokrates. Sie suchen ihn.

Kritias. Der Geist des Manns
Ist mächtig unter ihnen.

Hermokrates. Ich weiß, wie dürres Gras
Entzünden sich die Menschen.

Kritias. Das einer so die Menge bewegt, mir ist's
Als wie wenn Jovis Blitz den Wald
Ergreift und furchtbarer.

Hermokrates. Darum binden wir den Menschen auch
Das Band ums Auge, daß sie nicht
Zu kräftig sich am Lichte nähren.
Nicht gegenwärtig werden
Darf Göttliches vor ihnen,
Es darf ihr Herz
Lebendiges nicht finden.
Kennst du die Alten nicht,
Die Lieblinge des Himmels man nennt!
Sie nährten die Brust
An Kräften der Welt,
Und den Hellaufblickenden war
Unsterbliches nahe,
Drum beugten die Stolzen
Das Haupt auch nicht,
Und vor den Gewaltigen konnt'
Ein anderes nicht bestehn,
Es ward verwandelt vor ihnen.

Kritias. Und er?

Hermokrates. Das hat zu mächtig ihn
Gemacht, daß er vertraut
Mit Göttern worden ist.
Es tönt sein Wort dem Volk,
Als käm' es vom Olymp;
Sie danken's ihm,
Daß er vom Himmel raubt'
Die Lebensflamm' und sie
Verrät den Sterblichen.

Kritias. Sie wissen nichts denn ihn,
Er soll ihr Gott,
Er soll ihr König sein.
Sie sagen, es hab' Apoll
Die Stadt gebaut den Trojern,
Doch besser sei, es helf'
Ein hoher Mann durchs Leben.
Noch sprechen sie viel Unverständiges
Von ihm und achten kein Gesetz
Und keine Not und keine Sitte.
Ein Irrgestirn ist unser Volk
Geworden, und ich fürcht',
Es deute dieses Zeichen
Zukünft'ges noch, das er
Im stillen Sinne brütet.

Hermokrates. Sei ruhig, Kritias!
Er wird nicht.

Kritias. Bist du denn nicht mächtiger?

Hermokrates. Der sie versteht,
Ist stärker denn die Starken,
Und wohlbekannt ist dieser Seltne mir.
Zu glücklich wuchs er auf;
Ihm ist von Anbeginn
Der eigne Sinn verwöhnt, daß ihn
Geringes irrt! er wird es büßen,
Daß er zu sehr geliebt die Sterblichen.

Kritias. Mir ahndet selbst,
Es wird mit ihm nicht lange dauern,
Doch ist es lang genug,
So er est fällt, wenn's ihm gelungen ist.

Hermokrates. Und schon ist er gefallen.

Kritias. Was sagst du?

Hermokrates. Siehst du denn nicht? es haben
Den hohen Geist die Geistesarmen
Geirrt, die Blinden den Verführer.
Die Seele warf er vor das Volk, verriet
Der Götter Gunst gutmütig den Gemeinen,
Doch rächend äffte leeren Widerhalls
Genug denn auch aus toter Brust den Toren.
Und eine Zeit ertrug er's, grämte sich
Geduldig, wußte nicht,
Wo es gebrach; indessen wuchs
Die Trunkenheit dem Volke; schaudernd
Vernahmen sie's, wenn ihm vom eignen Wort
Der Busen bebt', und sprachen:
So hören wir nicht die Götter!
Und Namen, so ich die nicht nenne, gaben
Die Knechte dann dem stolzen Trauernden.
Und endlich nimmt der Durstige das Gift,
Der Arme, der mit seinem Sinne nicht
Zu bleiben weiß und ähnliches nicht findet,
Er tröstet mit der rasenden
Anbetung sich, verblindet, wird wie sie,
Die seelenlosen Abergläubigen;
Die Kraft ist ihm entwichen,
Er geht in einer Nacht, und weiß sich nicht
Herauszuhelfen, und wir helfen ihm.

Kritias. Des bist du so gewiß?

Hermokrates. Ich kenn' ihn.

Kritias. Ein übermütiges Gerede fällt
Mir bei, das er gemacht, da er zuletzt
Auf der Agore war. Ich weiß es nicht,
Was ihm das Volk zuvor gesagt; ich kam
Nur eben, stand von fern. "Ihr ehret mich,"
Antwortet' er, "und tuet recht daran;
Denn stumm ist die Natur,
Es leben Sonn' und Luft und Erd' und ihre Kinder
Fremd umeinander,
Die Einsamen, als gehörten sie sich nicht.
Wohl wandeln immerkräftig
Im Göttergeiste die freien
Unsterblichen Mächte der Welt
Rings um der andern
Vergänglich Leben,
Doch wilde Pflanzen
Auf wilden Grund
Sind in den Schoß der Götter
Die Sterblichen alle gesäet,
Die Kärglichgenährten, und tot
Erschiene der Boden, wenn einer nicht
Des wartete, lebenerweckend –
Und mein ist das Feld. Mir tauschen
Die Kraft und Seele zu einem
Die Sterblichen und die Götter.
Und wärmer umfangen die ewigen Mächte
Das strebende Herz, und kräft'ger gedeihn
Vom Geiste der Freien die fühlenden Menschen,
Und wach ist's! denn ich
Geselle das Fremde,
Das Unbekannte nennet mein Wort,
Und die Liebe der Lebenden trag'
Ich auf und nieder; was einem gebricht,
Ich bring' es vom andern, und binde
Beseelend und wandle
Verjüngend die zögernde Welt
Und gleiche keinem und allen",
So sprach der Übermütige.

Hermokrates. Das ist noch wenig. Ärgers schläft in ihm.
Ich kenn' ihn, kenne sie, die überglücklichen,
Verwöhnten Söhne des Himmels
Die anders nicht, denn ihre Seele, fühlen.
Stört einmal sie der Augenblick heraus –
Und leicht zerstörbar sind die Zärtlichen –
Dann stillet nichts sie wieder, brennend
Treibt eine Wunde sie, unheilbar gärt
Die Brust. Auch er! so still er scheint,
So glüht im doch, seit ihm das Volk mißfällt,
Im Busen die tyrannische Begierde.
Er oder wir! Und Schaden ist es nicht,
So wir ihn opfern. Untergehen muß
Er doch!

Kritias. O reiz' ihn nicht! und laß
Sie sich ersticken, die verschloß'ne Flamme.
Laß ihn, gib ihm nicht Anstoß, findet den
Zu frecher Tat der Übermüt'ge nicht,
Und kann er nur im Worte sündigen,
So stirbt er als ein Tor und schadet uns
Nicht viel. Das macht ihn furchtbar,
Ein kräft'ger Gegner; glaub' es mir, dann erst,
Dann fühlt er seine Macht.

Hermokrates. Du fürchtest ihn und alles, armer Mann!

Kritias. Die Reue nur mag ich mir gerne sparen –
Mag gerne schonen, was zu schonen ist.
Die Nemesis zu ehren, lehrte mich
Mein Leben und mein Sinn; das braucht
Der Priester nicht, der alles weiß,
Der Heil'ge, der sich alles heiliget.

Hermokrates. Begreife mich, Unmündiger! eh' du
Mich lästerst. Fallen muß der Mann; ich sag'
Es dir, und glaube mir, wär' er zu schonen,
Ich würd' es mehr wie du. Denn näher bin
Ich ihm, wie du. Doch lerne das:
Verderblicher, denn Schwert und Feuer ist
Der Menschengeist, der götterähnliche,
Wenn er nicht schweigen kann und sein Geheimnis
Unaufgedeckt bewahren. Bleibt er still
In seiner Tiefe ruhn und gibt, was not ist,
Wohltätig ist er dann; ein fressend Feuer,
Wenn er aus seiner Fessel bricht.
Hinweg mit ihm, der seine Seele bloß
Und ihre Götter gibt, verwegen
Aussprechen will Unauszusprechendes,
Und sein gefährlich Gut, als wär' es Wasser,
Verschüttet und vergeudet; schlimmer ist's
Wie Mord, und du, du redst für diesen?
Beschwätzen möchtest du Notwendiges?
Sein Schicksal ist's. Er hat es sich
Gemacht, und leben soll,
Wie er, und vergehn, wie er, in Weh
Und Torheit jeder, der wie er
Das Göttliche verrät und allverkehrend
Verborgenherrschendes
In Menschenhände liefert!
Er muß hinab!

Kritias. So teuer büßen muß er's, der sein Bestes
Aus voller Seele Sterblichen vertraut?

Hermokrates. Er mag es, doch es bleibt die Nemesis
Nicht aus, mag große Worte sagen, mag
Entwürdigen das keusch verschwiegne Leben,
Aus Tageslicht das Gold der Tiefe ziehn,
Er mag es brauchen, was zum Brauche nicht
Den Sterblichen gegeben ist, ihn wird's
Zuerst zugrunde richten,
Hat's ihm den Sinn nicht schon verwirrt? Ist
Bei seinem Volke denn die volle Seele,
Die zärtliche, nicht schon genug verwildert?
Wie ist er nun ein Eigenmächtiger
Geworden, dieser Allmitteilende!
Der güg'ge Mann, wie ist er so verwandelt
Zum Frechen, der wie seiner Hände Spiel
Die Götter und die Menschen achtet!

Kritias. Du redest schrecklich, Priester, und es dünkt
Dein dunkel Wort mir wahr. Es sei!
Du hast zum Werke mich, nur weiß ich nicht,
Wo er zu fassen ist; es sei der Mann
So groß er will, zu richten ist nicht schwer;
Doch mächtig sein des Übermächtigen,
Der, wie ein Zauberer, die Menge leitet,
Es dünkt ein andres mir, Hermokrates.

Hermokrates. Gebrechlich ist sein Zauber, Kind, und leichter
Denn nötig ist, hat er es uns bereitet,
Es wandte zur gelegnen Stunde sich
Sein Unmut um, der still empörte Sinn
Befeindet nun sich selber, hätt' er auch
Die Macht, er achtet's nicht, er trauert nur
Und siehet seinen Fall, er sucht
Rückkehrend das verlorne Leben,
Den Gott, den er aus sich hinweggeschwätzt.
Versammle mir das Volk, ich klag' ihn an,
Ruf' über ihn den Fluch, erschrecken sollen sie
Vor ihrem Abgott, sollen ihn
Hinaus verstoßen in die Wildnis,
Und nimmer wiederkehrend soll er dort
Mir's büßen, daß er mehr, wie sich gebührt,
Den Sterblichen verkündiget.

Kritias. Doch wes beschuldigest du ihn?

Hermokrates. Die Worte, so du mir genannt,
Sie sind genug.

Kritias. Mit dieser schwachen Klage
Willst du das Volk ihm von der Seele ziehen?

Hermokrates. Zu rechter Zeit hat jede Klage Kraft,
Und nicht gering ist diese.

Kritias. Und klagtest du des Mords ihn an vor ihnen,
Es rührte nichts die Abergläubigen.

Hermokrates. Dies eben ist's, die offenbare Tat
Vergeben sie, die Abergläubigen,
Unsichtbar muß es sein, ins Auge muß es
Sie treffen, das bewegt die Blöden.

Kritias. Es hängt ihr Herz an ihm, das bändigest,
Das lenkst du nicht so leicht; sie lieben ihn.

Hermokrates. Sie lieben ihn? jawohl, solang er blüht'
Und glänzt' – – – – – – naschen sie;
Was sollen sie mit ihm, nun er
Verdüstert ist, verödet? Da ist nichts,
Was nützen könnt' und ihre lange Zeit
Verkürzen, abgeerntet ist das Feld,
Verlassen liegt's, und nach Gefallen gehn
Der Sturm und unsre Pfade drüber hin!

Kritias. Empör' ihn nur! empör' ihn! siehe zu!

Hermokrates. Ich hoff', er ist geduldig.

Kritias. So wird sie der Geduldige gewinnen!

Hermokrates. Nichts weniger!

Kritias. Du achtest nichts, du wirst dich
Und mich und ihn und alles noch verderben.

Hermokrates. Das Träumen und das Schäumen
Der Sterblichen, ich acht' es wahrlich nicht!
Sie möchten Götter sein und huldigen
Wie Göttern sich, und eine Weile dauert's!
Sorgst du, es möchte sie der Leidende
Gewinnen, der Geduldige?
Empören wird er gegen sich die Toren,
An seinem Leide werden sie den teuern
Betrug erkennen, werden unbarmherzig
Ihm's danken, daß der Angebetete
Doch auch ein Schwacher ist, und ihm
Geschiehet recht, warum bemengt er sich
Mit ihnen.

Kritias. Ich wollt' ich wär' aus dieser Sache, Priester!

Hermokrates. Vertraue mir und scheue nicht, was not ist.

Kritias. Dort kömmt er. Suche nur dich selbst,
Du irrer Geist, indes verlierst du alles.

Hermokrates. Laß ihn! hinweg!

3.

Empedokles

In meine Stille kamst du leisewandelnd
Fandst drinnen in der Halle Dunkel mich aus,
Du Freundlicher, du kamst nicht unverhofft,
Und fernher wirkend über der Erde vernahm
Ich wohl dein Wiederkehren, schöner Tag!
Und meine Vertrauten, euch, ihr schnellgeschäft'gen
Kräfte der Höh'! und nahe seid auch ihr
Mir wieder, seid wie sonst, ihr Glücklichen,
Ihr irrelosen Bäume meines Hains!
Ihr ruhetet und wuchst und täglich tränkte
Des Himmels Quelle die bescheidenen
Mit Licht; und Lebensfunken sätest du
Befruchtend auf die blühenden aus, du Äther!
O innige Natur! ich habe dich
Vor Augen, kennest du den Freund noch,
Den Hochgeliebten, kennest du mich nimmer?
Den Priester, der lebendigen Gesang
Wie frohvergoßnes Opferblut dir brachte.

O bei den heiligen Bäumen,
Wo Wasser aus den Adern der Erde
Sich sammeln und am heißen Tage
Die Dürstenden erfrischen,
Auch mir, ihr Quellen des Lebens, strömtet
Aus Tiefen der Welt ihr einst
Zusammen, und es kamen
Die Dürstenden zu mir; – wie ist's denn nun
Verträumt? bin ich ganz allein?
Und ist es Nacht hier außen auch am Tage?
Der höher, denn ein sterblich Auge, sah,
Der Blindgeschlagne tastet nun umher –
Wo seid ihr, meine Götter?
Weh! laßt ihr nun
Wie einen Bettler mich?
Und diese Brust, die liebend euch geahndet,
Was stoßt ihr sie hinab
Und schloßt sie mir in schmählich enge Bande
Die freigeborne? Und leben soll
Er nun so fort, der Langverwöhnte,
Der selig oft mit allen Lebenden
Ihr Leben, – ach! in heilig schöner Zeit
Sich wie das Herz gefühlt von einer Welt
Und ihren Götterkräften, –
Verdammt in seiner Seele soll er so
Dahingehn, ausgestoßen, freundlos, er
Der Götterfreund, an seinem Nichts
Und seiner Nacht sich weiden immerdar,
Unduldbares duldend, gleich den Schwächlingen, die
Ans Tagewerk im scheuen Tartarus
Geschmiedet sind? Was, daherab bin ich
Gekommen? Um nichts? ha! Eines,
Eins mußtet ihr mir lassen! Tor bist Du
Derselbe doch und träumst, als wärest du
Ein Schwacher. Einmal noch! noch einmal
Soll mir's lebendig werden und ich will's!
Fluch oder Segen! Täusche nur die Kraft,
Demütiger, dir nimmer aus dem Busen!
Weit will ich's um mich machen, tagen soll's
Von eigner Flamme mir, du sollst
Zufrieden werden, armer Geist,
Gefangener, frei, groß und reich
In eigner Welt dich fühlen – –
Weh! einsam! einsam! einsam!
Und nimmer find' ich
Euch, meine Götter
Und nimmer kehr' ich
Zu deinem Leben, Natur!
Dein Geächteter! weh! Hab' ich doch auch
Dein nicht geachtet, dein
Mich überhoben, hast du nicht
Umfangend mit den warmen Fittichen,
Du Zärtliche, mich vom Schlafe gerettet?
Den Törichten schmeichelnd zu deinem Nektar
Gelockt, damit er trank und wuchs
Und blüht' und mächtig geworden und trunken
Deiner ungestraft höhnt? O Geist,
Geist, der mich groß gemacht, du hast
Dir einen Helden, hast, alter Saturn,
Dir einen neuen Jupiter
Gezogen, einen schwächern nur und frechern.
Denn schmähen kann die böse Zunge dich nur.
Es ist vorbei! Verbirg dir's nicht! du hast
Es selbst verschuldet, armer Tantalus,
Das Heiligtum hast du geschändet, hast
Mit frechem Stolz den schönen Bund entzweit.
Elender! als die Genien der Welt
Voll Liebe sich in dir vergaßen, dachtest du
An dich, und wähntest, karger Tor, an dich
Die Gütigen verkauft, daß sie dir,
Die Himmlischen, wie blöde Knechte dienten.
Ist nirgends ein Rächer, und muß ich denn allein
Den Hohn und Fluch in meine Seele sagen?
Muß einsam sein? auch so? Und es reißt
Die delphische Krone mir kein Besserer,
Denn ich, vom Haupt und nimmt die Locken hinweg,
Wie es dem kahlen Seher gebührt, – o Götter!

4.

Empedokles. Pausanias.

Pausanias. O all
Ihr himmlischen Mächte, was ist das?

Empedokles. Wer hat dich hergesandt? willst du das Werk
Verrichten an mir? Ich will dir alles sagen,
Wenn du's nicht weißt; dann richte, was du tust,
Danach. – Pausanias! o suche nicht
Den Mann, an dem dein Herz gehangen, denn
Er ist nicht mehr, und gehe, guter Jüngling!
Dein Angesicht entzündet mir den Sinn,
Und sei es Segen oder Fluch, von dir
Ist beides mir zu viel. Doch wie du willst!

Pausanias. Was ist geschehn? Ich habe lange dein
Geharrt und dankte, da ich jetzt von ferne
Dich sah, dem Tageslicht, da find' ich so,
Du hoher Mann, ach, wie den Blitzgetroffnen,
Vom Haupte bis zur Sohle dich zerschmettert.
Warst du allein? Die Worte hört' ich nicht
Doch schallt mir noch der fremde Todeston.

Empedokles. Es war des Mannes Stimme, der sich mehr,
Denn Sterbliche, gerühmt, weil ihn zu viel
Beglückt die gütige Natur.

Pausanias. Vetraut zu sein mit allen Göttlichen
Der Welt ist nie zu viel.

Empedokles. So sagt' ich auch,
Du Guter, da der heil'ge Zauber noch
Aus meinem Geiste nicht gewichen war,
Und da sie mich, den Innigliebenden,
Noch liebten, sie, die Genien der Welt.
O jene Zeit!
Ihr Liebeswonnen, da die Seele mir
Von Göttern, wie Endymion, geweckt,
Die kindlich schlummernde, sich öffnete,
Lebendig sie, die Immerjugendlichen,
Des Lebens große Genien, empfand.
Schöne Sonne! Menschen hatten mich
Es nicht gelehrt, mich trieb unsterblich liebend
Mein heilig Herz Unsterblichen entgegen.
Entgegen dir! – ich konnte Göttlicheres
Nicht finden – stilles Licht! und so wie du
Das Leben nicht an deinem Tage sparst
Und sorgenfrei und froh der goldnen Fülle dich
Entledigst, so gönnt' auch ich, der Deine,
Den Sterblichen die beste Seele gern,
Und furchtlos offen gab
Mein Herz, wie du, der ernsten Erde sich,
Der schicksalvollen, auch ihr treu,
Ein Jüngling ihr zu bleiben bis zuletzt;
Ich sagt' ihr's oft in trauter Stunde zu,
Band so den teuern Todesbund mit ihr.
Dann rauscht' es anders, denn zuvor, im Hain,
Und zärtlich tönten ihrer Berge Quellen –
Und ihrer Liebe Blume gab sie mir;
Mit ihren Zweigen
Umschlang sie mir das Haupt.

Pausanias. Ach solche Jugend! Vom Gedenken glänzt
Das Auge dem Trauernden noch auf.

Empedokles. All deine Freuden Erde! wahr wie sie,
Und warm und voll, aus Müh' und Liebe reifend,
Sie alle gabst du mir. Und wenn ich oft
Auf stiller Bergeshöhe saß und staunend
Der Menschen wechselnd Irrsal übersann,
Zu tief von deinen Wandlungen ergriffen,
Und nah mein eignes Welken ahndete,
Dann atmete der Äther, so wie dir,
Mir heilend um die liebeswunde Brust
Und, wie Gewölk der Flamme lösten
Gereiniget die Sorgen mir sich auf,
Im hohen Blau.

Pausanias. O Sohn des Himmels!

Empedokles. Ich war es, ja! und möcht' es nun erzählen,
Ich Armer! möcht es einmal noch
Mir in die Seele rufen,
Das Wirken deiner Geniuskräfte,
Der herrlichen, deren Genoß ich war, o Natur!
Daß mir die stumme, todesöde Brust
Von deinen Tönen allen widerklänge!
Bin ich es noch? o Leben! und rauschten sie
All deine geflügelten Melodien und hört'
Ich deinen alten Einklang, große Natur?
Ach! ich, der Einsame, lebt' ich nicht
Mit dieser heil'gen Erd' und diesem Licht
Und dir, von dem die Seele nimmer läßt,
O Vater Äther, und mit allen Lebenden,
Der Götterfreund, im gegenwärtigen
Olymp? Ich bin hinausgeworfen, bin
Ganz einsam, und das Weh ist nun
Mein Tagesgefährt' und Schlafgenosse mir.
Bei mir ist nicht der Segen, – geh!
Geh! frage nicht! denkst du, ich träum'?
O sieh mich an, und wundre des dich nicht,
Du Guter, daß ich daherab
Gekommen bin; des Himmels Söhnen ist,
Wenn überglücklich sie geworden sind,
Ein eigner Fluch beschieden.

Pausanias. Ich duld' es nicht
Weh! solche Reden! Du? ich duld' es nicht,
Du solltest so die Seele dir und mir
Nicht ängstigen. Ein böses Zeichen ist's,
Wenn so der Geist, der immerfrohe, sich
Der Mächtigen umwölket.

Empedokles. Fühlst du's? Es deutet, daß er bald
Zur Erd' hinab im Ungewitter muß.

Pausanias. O laß den Unmut, Lieber!
Was tat er Euch, o dieser Reine,
Daß ihm die Seele so verfinstert ist,
Ihr Todesgötter! haben die Sterblichen denn
Kein Eignes nirgendswo, und reicht das Furchtbare
Denn ihnen bis ans Herz, und herrscht
Es in der Brust der Stärkeren denn auch,
Das ewige Schicksal? Bändige den Gram,
Und übe deine Macht; bist du es doch,
Der mehr vermag, denn andere, o sieh
An meiner Liebe, wer du bist,
Und denke dein und lebe!

Empedokles. Du kennest mich ind dich und Tod und Leben nicht.

Pausanias. Den Tod, ich kenn' ihn wenig nur,
Denn wenig dacht' ich seiner.

Empedokles. Allein zu sein und ohne Götter, dies,
Dies ist er! ist der Tod!

Pausanias. Laß ihn, ich kenne dich; an deinen Taten
Erkannt' ich dich, in seiner Macht
Erfuhr ich deinen Geist und seine Welt;
Wenn oft ein Wort von dir
Im heil'gen Augenblick
Das Leben vieler Jahre mir erschuf,
Daß eine neue große Zeit von da
Dem Jünglinge begann. Wie zahmen Hirschen,
Wenn ferne rauscht der Wald, und sie
Der Heimat denken, schlug das Herz mir oft,
Wenn du vom Glück der alten Urwelt sprachst,
Der reinen Tage kundig, und dir lag
Das ganze Schicksal offen; zeichnetest
Du nicht der Zukunft große Linien
Mir vor das Auge, sichern Blicks, wie Künstler
Ein fehlend Glied zum ganzen Bilde reihn?
Und kennst Du nicht die Kräfte der Natur,
Daß du vertraulich, wie kein Sterblicher,
Sie, wie du willst, in stiller Herrschaft lenkst?

Empedokles. Recht! Alles weiß ich, alles kann ich meistern;
Wie meiner Hände Werk, erkenn' ich es
Durchaus und lenke, wie ich will,
Ein Herr der Geister, das Lebendige.
Mein ist die Welt und untertan und dienstbar
Sind alle Kräfte mir, – – –
– – – – zur Magd ist mir
Die herrnbedürftige Natur geworden,
Und hat sie Ehre noch, so ist's von mir.
Was wäre denn der Himmel und das Meer
Und Inseln und Gestirn, und was vor Augen
Den Menschen alles liegt, was wär' es noch,
Dies tote Saitenspiel, gäb' ich ihm Ton
Und Sprach' und Seele nicht? was sind
Die Götter und ihr Geist, wenn ich sie nicht
Verkündige? Ha! wer bin ich?

Pausanias. Verhöhne nur im Unmut dich und alles,
Was Menschen herrlich macht, ihr Wirken und
Ihr Wort, verleide mir
Den Mut im Busen, schrecke mich zum Kinde,
O sprich es nur heraus! Du hassest dich,
Und was dich liebt, und was dir gleichen möcht';
Ein andres willst du, denn du bist, genügst dir
In deiner Ehre nicht, du willst nicht bleiben.
Willst zugrunde gehen!

Empedokles. Unschuldiger!

Pausanias. Und dich verklagst du?
Was ist es denn? o mache mir dein Leiden
Zum Rätsel länger nicht, mich peiniget's.

Empedokles. O ehre, was du nicht verstehst!

Pausanias. Warum
Verbirgst du mir's und machst dein Leiden mir
Zum Rätsel? Glaube, schmerzlicher ist nichts!

Empedokles. Und nichts ist schmerzlicher, Pausanias,
Denn Leiden zu enträtseln. Siehest du,
Pausanias, denn nicht?
Ach, lieber wäre mir's, du wüßtest nicht
Von mir und aller meiner Trauer.
Ich sollt' es nicht aussprechen! heil'ge Natur,
Jungfräuliche, die dem rohen Sinn entflieht!
Verachtet hab' ich dich – und mich allein
Zum Herrn gesetzt, ein übermütiger
Barbar! ich kannt' es ja,
Das Leben der Natur, die Götter waren
Mir dienstbar nun geworden, ich allein
War Gott und sprach's im frechen Stolz heraus –
O glaub' es mir, ich wäre lieber nicht
Geboren! Nun geh und tröste nimmer –
Was ist's? Was siehest du?

Pausanias. Was? um eines Wortes willen?
Wie kannst du so verzagen, kühner Mann?

Empedokles. Um eines Wortes willen? ja. Und mögen
Die Götter mich zernichten, wie sie mich
Geliebt.

Pausanias. So sprachen andere nicht, wie du.

Empedokles. Die andern! wie vermöchten sie's?

Pausanias. Jawohl,
Du wunderbarer Mann, so innig liebt'
Und sah kein anderer die ew'ge Welt
Und ihre Genien und Kräfte nie,
Wie du; und darum sprachst das kühne Wort
Auch du allein, und darum fühlst du auch
So sehr, wie du mit einer stolzen Silbe
Vom Herzen aller Götter dich gerissen,
Und opferst liebend ihnen dich dahin.
O Empedokles.

Empedokles. Siehe, was ist das?
Hermokrates, der Priester, und mit ihm
Ein Haufe Volks und Kritias, der Archon,
Was suchen sie bei mir?

Pausanias. Sie haben lang
Geforschet, wo du wärst.

5.

Empedokles. Pausanias. Hermokrates. Kritias. Agrigentiner.

Hermokrates. Hier ist der Mann, von dem ihr sagt, er sei
Lebendig zum Olymp emporgegangen.

Kritias. Und traurig sieht er, gleich den Sterblichen.

Empedokles. Ihr armen Spötter! Ist's erfreulich euch,
Wenn einer leidet, der euch groß geschienen?
Und achtet ihr, wie leicht verwehten Staub
Den Starken, wenn er schwach geworden ist?
Euch reizt die Frucht, die reif zur Erde fällt,
Doch glaubt es mir, nicht alles reift für Euch.

Ein Agrigentiner. Was hat er da gesagt?

Empedokles. Ich bitt' euch, geht,
Besorgt, was euer ist, und menget euch
Ins Meinige nicht ein.

Hermokrates. Doch hat ein Wort
Der Priester dir dabei zu sagen?

Empedokles. Weh!
Ihr reinen Götter, ihr lebendigen!
Muß dieser Heuchler meine Trauer mir
Vergiften? geh! ich schonte ja dich oft,
So ist es billig, daß du meiner schonst,
Du weißt es ja, ich hab' es dir bedeutet,
Ich kenne dich und deine schlimme Zunft,
Und lange war's ein Rätsel mir , wie euch
In ihrem Runde duldet die Natur.
Und als ich noch ein Knabe war, da mied
Euch Allverderber schon mein frommes Herz,
Das unbestechbar innig liebend hing
An Sonn' und Äther und den Boten allen
Der großen ferngeahndeten Natur;
Denn wohl hab ich's gefühlt in meiner Furcht,
Daß ihr des Herzens freie Götterliebe
Bereden möchtet zu gemeinem Dienst,
Und daß ich's treiben sollte, so wie ihr.
Hinweg! ich kann vor mir den Mann nicht sehn,
Der Göttliches wie ein Gewerbe treibt,
Sein Angesicht ist falsch und kalt und tot,
Wie seine Götter sind. Was stehet ihr
Betroffen? Gehet nun!

Kritias. Nicht eher, bis
Der heil'ge Fluch die Stirne dir gezeichnet,
Schamloser Lästerer!

Hermokrates. Sei ruhig, Freund!
Ich hab' es dir gesagt, es würde wohl
Der Unmut ihn ergreifen. – Mich verschmäht
Der Mann, das hörtet ihr wohl, ihr Bürger
Von Agrigent, und harte Worte mag
Ich nicht mit ihm in wildem Zanke wechseln,
Es ziemt dem Greise nicht, ihr möget nur
Ihn selber fragen, wer er sei?

Empedokles. O Laßt!
Ihr seht es ja, es frommet keinem,
Ein blutend Herz zu reizen. Gönnet mir's,
Den Pfad, worauf ich wandle, still zu gehn.
Ihr spannt das Opfertier vom Pfluge los,
Und nimmer trifft's der Stachel seines Treibers,
So schonet meiner auch: entwürdiget
Mein Leiden mir mit böser Rede nicht,
Denn heilig ist's; und laßt die Brust mir frei
Von eurer Not! ihr Schmerz gehört den Göttern.

Erster Agrigentiner. Was ist es denn, Hermokrates, warum
Der Mann die wunderlichen Worte spricht?

Zweiter Agrigentiner. Er heißt uns gehn, als scheut' er sich vor uns.

Hermokrates. Was dünket euch? der Sinn ist ihm verfinstert,
Weil er zum Gott sich selbst vor euch gemacht.
Doch weil ihr nimmer meiner Rede glaubt,
So fragt nur ihn darum, er soll es sagen.

Dritter Agrigentiner. Wir glauben es dir wohl.

Pausanias. Ihr glaubt es wohl,
Ihr Unverschämten! – Euer Jupiter
Gefällt euch heute nicht, er siehet trüb,
Der Abgott ist euch unbequem geworden,
Und darum glaubt ihr's wohl? Da stehet er
Und trauert und verschweigt den Geist, wonach
In heldenarmer Zeit die Jünglinge
Sich sehnen werden, wenn er nimmer ist,
Und ihr, ihr kriecht und zischet um ihn her?
Ihr dürft es? und ihr seid so sinnenlos,
Daß euch das Auge dieses Manns nicht warnt?
Und weil er sanft ist, wagen sich an ihn
Die Feigen – heilige Natur, wie duldest
Du auch in deinem Runde dies Gewürm?
Nun sehet ihr mich an und wisset nicht,
Was zu beginnen ist mit mir, ihr müßt
Den Priester fragen, ihn, der alles weiß.

Hermokrates. Ihr hört, wie euch und mich ins Angesicht
Der freche Knabe schilt. Er darf's, solang
Sein Meister euretwegen alles kann.
Wer sich das Volk gewonnen, redet, was
Er will; das weiß ich wohl und strebe nicht
Aus eignem Sinn entgegen, weil es noch
Die Götter dulden. Vieles dulden sie
Und schweigen, bis ans Äußerste gerät
Der wilde Mut, dann aber muß der Frevler
Rücklings hinab ins bodenlose Dunkel.

Dritter Agrigentiner


Erster Agrigentiner. Sagt,
Wie kam es denn, daß dieser uns betörte?

Zweiter Agrigentiner. Sie müssen fort, der Jünger und der Meister.

Hermokrates. So ist es Zeit! – Euch fleh' ich an, ihr Furchtbarn!
Ihr Rachegötter! – Wolken lenket Zeus
Und Wasserwogen zähmt Poseidaon,
Doch euch, ihr Leisewandelnden, euch ist
Zur Herrschaft das Verborgene gegeben,
Und wo ein Eigenmächtiger der Wieg'
Entsprossen ist, da seid irr auch und geht,
Indes er unbesorgt zum Frevel wächst,
Stillsinnend fort mit ihm und lauscht hinab
In seine Brust, wo euch den Götterfeind
Die unbesorgt geschwätzige verrät.
Auch den, ihr kanntet ihn! den heimlichen
Verführer, der die Sinne nahm dem Volk
Und mit dem Vaterlandsgesetze spielt'
Und sie, die alten Götter Agrigents,
Und ihre Priester niemals achtete.
Und nicht verborgen war vor euch, solang
Er schwieg, der ungeheure Sinn.
Er hat's vollbracht! Verruchter, wähntest du,
Sie müßten's nachfrohlocken, da du jüngst
Vor ihnen einen Gott dich selbst genannt?
Dann hättest du geherrscht in Agrigent,
Ein einziger allmächtiger Tyrann,
Und dein gewesen wäre, dein allein
Das gute Volk und dieses schöne Land.
Sie schwiegen nur; erschrocken standen sie;
Und du erblaßtest, und es lähmte dich
Der böse Grimm in deiner dunkeln Halle,
Wo du hinab dem Tageslicht entflohst.
Und kömmst du nun und gießest über mich
Den Unmut aus und lästerst unsre Götter?

Erster Agrigentiner. Nun ist es klar; er muß gerichtet werden.

Kritias. Ich hab' es euch gesagt, ich traute nie
Dem Träumer.

Empedokles. O ihr Rasenden!

Hermokrates. Und sprichst
Du noch und ahndest nicht, du hast mit uns
Nichts mehr gemein, ein Fremdling bist du worden
Und unerkannt bei allen Lebenden;
Die Quelle, die uns tränkt, gebührt dir nicht
Und nicht die Feuerflamme, die uns frommt,
Und was den Sterblichen das Herz erfreut,
das nehmen die heil'gen Rachegötter von dir,
Für dich ist nicht das heitre Licht hier oben.
Nicht dieser Erde Grün und ihre Frucht,
Und ihren Segen gibt die Luft dir nicht,
Wenn deine Brust nach Kühlung seufzt und dürstet.
Es ist umsonst, du kehrest nicht zurück
Zu dem, was unser ist. Denn du gehörst
Den Rächenden, den heil'gen Todesgöttern.
Und wehe dem von nun an, wer ein Wort
Von dir in seine Seele freundlich nimmt,
Wer dich begrüßt und seine Hand dir beut,
Wer einen Trunk am Mittag dir gewährt,
Und wer an seinem Tische dich erduldet,
Und, wenn du nachts an seine Türe kömmst,
Dir Schlummer unter seinem Dache schenkt
Und, wenn du stirbst, die Grabesflamme dir
Bereitet, wehe dem, wie dir! – Hinaus!
Es dulden die Vaterlandsgötter länger nicht,
Wo ihre Tempel sind, den Gottverächter.

Pausanias. O komm, du gehest nicht allein, es ehrt
Noch einer dich, wenn's schon verboten ist,
Du Lieber! und du weißt, des Freundes Segen
Ist kräftiger, denn dieses Priesters Fluch.
O komm in fernes Land! wir finden dort
Das Licht des Himmels auch, und bitten will ich,
Daß freundlich dir's in deine Seele scheine
Im heiterfreien Griechenlande drüben;
Da grünen Hügel auch, und Schatten gönnt
Der Ahorn dir, und milde Lüfte kühlen
Den Wanderern die Brust; und wenn du müd
Vom heißen Tag an fernem Pfade sitzest,
Mit diesen Händen schöpf' ich dann den Trunk
Aus frischer Quelle dir und sammle Speise,
Und Zweige wölb' ich über deinem Haupt,
Und Moos und Blätter breit' ich dir zum Lager,
Und wenn du schlummerst, so bewach' ich dich,
Und muß es sein, bereit' ich dir auch wohl
Die Grabesflamme, die sie dir verwehren,
Die Schändlichen!

Empedokles. Du treues Herz! – Für mich,
Ihr Bürger, bitt' ich nichts; es sei geschehn!
Ich bitt' euch nur um dieses Jünglings willen.
O wendet nicht das Angesicht von mir!
Bin ich es nicht, um den ihr liebend sonst
Euch sammeltet? ihr selber reichtet da
Mir auch die Hände, nicht unziemlich dünkt'
Es euch, zum Freund euch wild heranzudrängen,
Und auf den Schultern brachtet ihr die Kleinen
Und hubt mit euren Armen sie empor;
Bin ich es nicht, und kennt ihr nicht den Mann,
Dem ihr gesagt, ihr könntet, wenn er's wollte,
Von Land zu Land mit ihm wie Bettler gehn,
Und, wenn es möglich wäre, folgtet ihr
Ihm auch hinunter in den Tartarus?
Ihr Kinder! Alles wolltet ihr mir schenken
Und zwangt mich töricht oft, von euch zu nehmen,
Was euch das Leben heitert' und erhielt;
Dann gab ich euch's vom meinigen zurück,
Und mehr denn eures, achtetet ihr dies.
Nun geh' ich fort von euch; versagt mir nicht
Die eine Bitte: schonet dieses Jünglings!
Er tat euch nichts zuleid'; er liebt mich nur,
Wie ihr mich auch geliebt, und saget selbst,
Ob er nicht edel ist und schön? und wohl
Bedürft ihr künftig seiner, glaubt es mir!
Oft sagt' ich euch's: es würde Nacht und kalt
Auf Erden, und in Not verzehrte sich
Die Seele, sendeten zuzeiten nicht
Die guten Götter solche Jünglinge,
Der Menschen welkend Leben zu erfrischen;
Und heilig halten, sagt' ich, solltet ihr
Die heitern Genien – o schonet sein,
Und rufet nicht das Weh! versprecht es mir!

Dritter Agrigentiner. Hinweg! wir hören nichts von allem, was
Du sagst.

Hermokrates. Dem Knaben muß geschehn, wie er's
Gewollt. Er mag den frechen Mutwill büßen,
Er geht mit dir, und dein Fluch ist der seine.

Empedokles. Du schweigest, Kritias! verbirg es nicht,
Dich trifft es auch; du kanntest ihn, nicht wahr,
Die Sünde löschten Ströme nicht von Blut?
Ich bitte Tiere; sag' es ihnen, Lieber!
Sie sind wie trunken, sprich ein ruhig Wort,
Damit der Sinn den Armen wiederkehre!

Zweiter Agrigentiner. Noch schilt er uns? Gedenke deines Fluchs
Und rede nicht, geh du! wir möchten sonst
An dich die Hände legen.

Kritias. Wohl gesagt,
Ihr Bürger!

Empedokles. So! – und möchtet ihr an mich
Die Hände legen? was? gelüstet schon
Bei meinem Leben euch, ihr hungernden
Harpyien, und könnt ihr's nicht erwarten, wenn erst
Der Geist entflohn ist mir, die Leiche zu schänden?
Heran! zerfleischt und teilet die Beut', und es segne
Der Priester euch den Genuß, und seine Vertrauten,
Die Rachegötter, lad' er zum Mahl! – Dir bangt,
Heilloser? Was? Der schlaue Jäger traf
Ja doch sein Wild, warum frohlockt er nicht?
Und zittert? kennst Du mich? und soll ich dir
Den bösen Scherz verderben, den du treibst?
Bei deinem grauen Haare, Mann! du solltest
Zu Erde werden, denn du bist sogar
Zum Knecht der Furien zu schlecht. O sieh!
So schändlich stehst du da und durftest doch
An mir zum Meister werden? Freilich ist's
Ein ärmlich Werk, ein blutend Wild zu jagen!
Ich trauerte, daß wußt' er wohl, da wuchs
Der Mut dem Feigen; da erhascht' er mich
Und hetzt des Pöbels Zähne mir aufs Herz.
O, wer, wer heilt den Geschändeten nun? wer nimmt
Ihn auf, der heimatlos der Fremden Häuser
Mit Narben seiner Schmach umirrt, die Götter
Des Hains fleht, ihn zu bergen? – komme, Sohn!
Sie haben wehe mir getan, doch hätt'
Ich's wohl vergessen, aber dich? – Ha geht
Nun immerhin zugrund', ihr Namenlosen!
Sterbt langsamen Tods, und euch geleite
Des Priesters Rabengesang! und weil sich Wölfe
Versammeln da, wo Leichname sind, so finde sich
Dann einer auch für euch; der sättige
Von eurem Blute sich; der reinige
Sizilien von euch! Es stehet dürr
Das Land, wo sonst die Purpurtraube gern
Dem bessern Volke wuchs und goldne Frucht
Im dunkeln Hain und edles Korn, und fragen
Wird einst der Fremde, wenn er auf den Schutt
Von euern Tempeln tritt, ob da die Stadt
Gestanden. Gehet nun! Ihr findet mich
In einer Stunde nimmer.

(Indem sie abgehen)

Pausanias (nachdem Kritias zurück ist)
Laß
Indessen mich zum alten Vater gehn
Und Abschied nehmen.

Empedokles. O warum? was tat
Der Jüngling euch, ihr Götter! gehe denn,
Du Armer! draußen wart' ich auf dem Wege
Nach Syrakus, dann wandern wir zusammen.

(Pausanias geht auf der anderen Seite ab)

6.

Empedokles. Kritias.

Kritias. Was ist's? Was hast du mir zu sagen?

Empedokles. Auch du verfolgtest mich?

Kritias. Was soll
Mir das?

Empedokles. Ich weiß es wohl, du möchtest gern
Mich hassen, dennoch hassest du mich nicht:
Du fürchtest nur; du hattest nichts zu fürchten

Kritias. Es ist vorbei. Was willst du noch?

Empedokles. Du hättest
Es selber nie gedacht, der Priester zog
In seinen Willen dich; du klage dich
Darum nicht an, o hättst du nur ein treues Wort
Für ihn gesprochen, doch du scheutest
Das Volk.

Kritias. Sonst hattest du mir nichts
Zu sagen? Überflüssiges Geschwätz
Hast du von je geliebt.

Empedokles. O rede sanft,
Ich habe deine Tochter dir gerettet.

Kritias. Das hast du wohl.

Empedokles. Du sträubst und schämest dich
Mit dem zu reden, dem das Vaterland
Geflucht; ach! unverdienter Fluch, ich will
Es gerne glauben, schändet auch, wenn ihn
Die Unsrigen gesprochen. – Denke dir,
Es rede nun mein Schatte, der versöhnt
Vom heitern Friedenslande wiederkehre.

Kritias. Ich wäre nicht gekommen, da du riefst,
Wenn nicht das Volk zu wissen wünschte, was
Du noch zu sagen hättest.

Empedokles. Was ich dir
Zu sagen habe, geht das Volk nichts an.

Kritias. Was ist es denn?

Empedokles. Du mußt hinweg aus diesem Land'; ich sag'
Es dir um deiner Tochter willen, denk an dich
Und sorge nicht für anders! kennest du
Sie nicht und ist dir's unbewußt, wieviel
Es ist besser, daß eine Stadt voll Toren
Versinkt, denn ein Vortreffliches?

Kritias. Was kann
In diesem Land ihr fehlen? denkest du
Weil du nicht mehr im Land,
So könne Gutes nicht darin bestehn?

Empedokles. Kennest du sie nicht? Und tastest wie ein Blinder an, was dir
Die Götter gaben? und es leuchtet dir
In deinem Haus umsonst das holde Licht?
Ich sag' es dir, in diesem Lande findet
Das fromme Leben seine Ruhe nicht,
Und einsam bleibt es dir, so schön es ist,
Und stirbt dir freudelos, denn nie begibt
Die zärtlichernste Göttertochter sich,
Barbaren an das Herz zu nehmen, glaub'
Es mir! Es reden wahr die Scheidenden.
Und wundere des Rats dich nicht!

Kritias. Was soll
Ich nun dir sagen?

Empedokles. Gehe hin mit ihr
In heil'ges Land, nach Elis oder Delos,
Wo jene wohnen, die sie liebend sucht,
Wo stillvereint die Bilder der Heroen
Im Lorbeerwalde stehn. Dort wird sie ruhn,
Dort bei den schweigenden Idolen wird
Der schöne Sinn, der zartgenügsame,
Sich stillen, bei den edeln Schatten wird
Das Leid entschlummern, das geheim sie hegt
In frommer Brust. wenn dann am heitern Festtag
Sich Hellas' schöne Jugend dort versammelt,
Und um sie her die Fremdlinge sich grüßen,
Und hoffnungsfrohes Leben überall,
Wie goldenes Gewölk, das stille Herz
Umglänzt, dann weckt dies Morgenrot
Zur Lust wohl auch die fromme Träumerin,
Und von den Besten einen, die Gesang
Und Kranz in edlem Kampf gewonnen, wählt
Sie sich, daß er den Schatten sie entführe,
Zu denen sie zu frühe sich gesellt.

Kritias. Hast du der goldnen Worte noch so viel
In deinem Elend übrig?

Empedokles. Spotte nicht!
Die Scheidenden verjüngen alle sich
Noch einmal gern. Der Sterbeblick ist's nur
Des Lichts, das freudig einst in seiner Kraft
Geleuchtet unter euch. Es lösche freundlich,
Und hab' ich euch geflucht. so mag dein Kind
Den Segen haben, wenn ich segnen kann.

Kritias. O laß! und mache mich zum Knaben nicht.

Empedokles. Versprich es mir und tue, was ich riet,
Und geh aus diesem Land; verweigerst du's,
So mag die Einsame den Adler bitten,
Daß er hinweg von diesen Knechten sie
Zum Äther rette! Bessers weiß ich nicht.

Kritias. O sage, haben wir nicht recht an dir
Getan?

Empedokles. Was fragst du nun? Ich habe dir
Vergeben. Aber folgst du mir?

Kritias. Ich kann
So schnell nicht wählen.

Empedokles. Wähle gut,
Sie soll nicht bleiben, wo sie untergeht,
Und sag' es ihr, sie soll des Mannes denken,
Den einst die Götter liebten. Willst du das?

Kritias. Wie bittest du? Ich will es tun. Und geh
Du deines Weges nun, du Armer!
(Geht ab.)

Empedokles. Ja!
Ich gehe meines Weges, Kritias,
Und weiß wohin, und schämen muß ich mich,
Daß ich gezögert bis zum Äußersten.
Wie oft, wie oft hat dich's gemahnt! da wär'
Es schön gewesen. Aber nun ist's not!
O stille! gute Götter! immer eilt
Den Sterblichen das ungeduld'ge Wort
Voraus und läßt die Stunde des Gelingens
Nicht unbetastet reifen. Manches ist
Vorbei; und leichter wird es schon. Es hängt
An allem fest, der alte Tor! und da
Er einst gedankenlos ein stiller Knab'
Auf seiner grünen Erde spielt, war
Er freier, denn er ist; o scheiden! – selbst
Die Hütte, die mich hegte, lassen sie
Mir nicht, was mußt' ich auch so lange warten,
Bis Glück und Geist und Jugend ferne war,
Und nichts wie Torheit überblieb und Elend.

7.

Drei Sklaven des Empedokles.

Erster Sklave. Du gehest, Herr?

Empedokles. Ich gehe freilich, Guter,
Und hole mir das Reis'gerät, soviel
Ich selber tragen kann, und bring' es noch
Mir auf die Straße dort hinaus – es ist
Dein letzter Dienst!

Zweiter Sklave. O Götter!

Empedokles. Immer seid
Ihr gern um mich gewesen, denn ihr wart's
Gewohnt von lieber Jugend her, wo wir
Zusammen auf in diesem Hause wuchsen,
Das meinem Vater war und mir, und fremd
Ist meiner Brust das herrisch kalte Wort.
Ihr habt der Knechtschaft Schicksal nie gefühlt.
Ich glaub' es euch, ihr folgtet gerne mir,
Wohin ich muß. Doch kann ich es nicht dulden,
Daß euch der Fluch des Priesters ängstige,
Der jedem, so sich irgend mir gesellt,
Verkündet ist. Ihr wißt ihn schon:
Die Welt ist aufgetan für euch und mich,
Ihr Lieben, und es sucht nun jeder sich
Sein eigen Glück!

Dritter Sklave. Wir lassen nicht von dir, wir können's nicht.

Zweiter Sklave. Was weiß der Priester, wie du lieb uns bist.
Verbiet' er's andern! uns verbeut er's nicht.

Erster Sklave. Gehören wir zu dir, so laß uns auch
Bei dir! Ist's doch von gestern nicht, daß wir
Mit dir zusammen sind, du sagst es selber.

Empedokles. O Götter! bin ich kinderlos und leb'
Allein mit diesen drein, und dennoch häng'
Ich hingebannt an diese Ruhestätte
Gleich Schlafenden und ringe, wie im Traum,
Hinweg? Es kann nicht anders sein, ihr Guten!
O sagt nichts mehr davon, ich bitt' euch das,
Und laßt uns tun, als wären wir es nimmer.
Ich gönn's dem frommen Manne nicht, daß er
Mir alles noch verfluche, was mich liebt –
Ihr gehet nicht mit mir, ich sag' es euch.
Hinein und nehmt das Beste, was ihr findet
Und zaudert nicht und flieht; es möchten sonst
Die neuen Herrn des Hauses euch erhaschen,
Und eines Feigen Knechte würdet ihr.

Zweiter Sklave. Mit harter Rede schickst du uns weg?

Empedokles. Ich tu' es dir und mir – ihr Freigelaßnen
Ergreift mit Manneskraft das Leben, laßt
Die Götter euch mit Ehre trösten, ihr
Beginnt nun erst. Es gehen Menschen auf
Und nieder. Weilet nun nicht länger. Tut,
Was ich gesagt.

Erster Sklave. Herr meines Herzens! leb',
Und geh nicht unter!

Dritter Sklave. Sage, werden wir
Dich nimmer sehn?

Empedokles. O fraget nicht, es ist
Umsonst.

Zweiter Sklave (im Abgehen)
Er bleibt es doch!
Ach! wie ein Bettler soll er nun das Land
Durchirren und des Lebens nirgend sicher sein?

Empedokles (sieht ihnen schweigend nach)
Lebt wohl, ich hab'
Euch schnöd' hinweggeschickt, lebt wohl, ihr Treuen,
Und du, mein väterliches Haus, wo ich erwuchs
Und blüht'! – ihr lieben Bäume! vom Freudengesang
Des Götterfreunds geheiligt, ruhige
Vertraute meiner Ruh'! o sterbt und gebt
Den Lüften zurück das Leben, denn es scherzt
Das rohe Volk in eurem Schatten nun,
Und wo ich selig ging, da spotten sie meiner.
Weh! ausgestoßen ihr Götter? und ahmte,
Was ihr mir tut, ihr Himmlischen, der Priester,
Der Unberufene, seellos nach? ihr ließt
Mich einsam, mich, der, euch geschmäht, ihr Lieben!
Und dieser wirft zur Heimat mich hinaus,
Und der Fluch hallt, den ich selber mir gesprochen,
Mir ärmlich aus des Pöbels Munde wider?
Ach! der innig mit euch, ihr Seligen, einst
Gelebt und sein die Welt genannt aus Freude,
Hat nun nicht, wo er seinen Schlummer find',
Und in sich selber kann er auch nicht ruhn.
Wohin denn nun, ihr Pfade der Sterblichen? viel
Sind eurer, wo ist der meine? der kürzeste wo?
Der schnellste? denn zu zögern ist Schmach.
(Geht ab.)

8.

Panthea. Delia.

Delia. Stille, liebes Kind!
Und halt' den Jammer, daß uns niemend höre.
Ich will hinein ins Haus. Vielleicht er ist
Noch drinnen, und du siehst noch einmal ihn.
Nur bleibe still indessen – kann ich wohl
Hinein?

Panthea. O tu es, liebe Delia!
Ich bitt' indes um Ruhe, daß mir nicht
Das Herz vergeht, wenn ich den hohen Mann
In dieser bittern Schicksalsstunde sehe.

Delia. O Panthea!

Panthea (allein nach einigem Stillschweigen)
Ich kann nicht – ach, es wär'
Auch Sünde, da gelassener zu sein!
Verflucht? ich fass' es nicht; und wirst auch wohl
Die Sinne mir zerreißen, schwarzes Rätsel!
Wie wird es sein?
(Pause. Erschrocken zu Delia, die wieder zurückkommt.)
. . . . .

Delia. Ach! alles tot!
Und öde!

Panthea. Fort?

Delia. Ich fürcht' es. Offen sind
Die Türen; aber niemend ist zu sehn.
Ich rief, da hört' ich nur den Widerhall
Im Hause; länger bleiben mocht' ich nicht –
Ach! stumm und blaß ist sie und siehet fremd
Mich an, die Arme. Kennest du mich nimmer?
Ich will es mit dir dulden, liebes Herz!

Panthea. Nun! komme nur!

Delia. Wohin?

Panthea. Wohin? ach das,
Das weiß ich freilich nicht, ihr guten Götter!
Weh! keine Hoffnung! und du leuchtest mir
Umsonst, du Tageslicht dort oben, fort
Ist er, wie soll die Einsame denn wissen,
Warum ihr noch die Augen helle sind.
Es ist nicht möglich, nein! zu frech
Ist diese Tat, zu ungeheuer, und ihr habt
Es doch getan, und leben muß ich noch
Und stille sein bei diesen? weh und weinen,
Nur weinen kann ich über alles das!

Delia. O weine nur! du Liebe, besser ist's,
Denn schweigen oder reden.

Panthea. Delia!
Da ging er sonst, und dieser Garten war
Um seinetwillen mir so wert. Ach oft
Wenn mir das Leben nicht genügt', und ich,
Die Ungesellige, betrübt mit andern
Um unsre Hügel irrte, sah ich her
Nach dieser Bäume Gipfeln, dachte, dort
Ist einer doch! Und meine Seele richtet'
An ihm sich auf. Ach! grausam haben sie's
Zerschlagen, auf die Straße ausgeworfen,
Mein Heldenbild, ich hätt' es nie gedacht,
So schmählich! o verblühet nun, ihr Blumen
Des Himmels, schöne Sterne. Glänzte doch
Auch er vom Äther, doch es muß hinab,
Was sterblich ist.

Delia. Es ist ein großer Mann gefallen.

Panthea. Ach! hundertjähr'gen Frühling wünscht ich oft,
Ich Törichte, für ihn und seine Gärten!

Delia. O konntet ihr die zarte Freude nicht
Ihr lassen, gute Götter!

Panthea. Klage nicht
Um mich, du Gute! Blüten fallen viel,
Wie meine sind. Gedenk' an ihn! der Mann,
Wie eine neue Sonne kam er uns
Und strahlt' und zog das ungereifte Leben
An goldnen Seilen freundlich zu sich auf;
Und lange hatt' auf ihn Sizilien
Gewartet. Niemals herrscht' auf dieser Insel
Ein Sterblicher, wie er, sie fühlten's wohl,
Er lebe mit den Genien der Welt
Im Bunde. Seelenvoller! und du nahmst
Sie all ans Herz, vertrautest ihnen dich!
Großmütiger, weh! mußt du nun dafür
Geschändet fort von Land zu Lande ziehn,
Das Gift im Busen, das sie mitgegeben.
O ihr Blumen
Des Himmels! schöne Sterne, werdet ihr
Denn auch verblühn? und wird es Nacht alsdann
In deiner Seele werden, Vater Äther,
Wenn deine Jünglinge, die glänzenden,
Erloschen sind vor dir? Ich weiß, es muß,
Was göttlich ist hinab. Zur Seherin
Bin ich geworden über seinen Fall,
Und wo mir noch ein schöner Genius
Begegnet, nenn' er Mensch sich oder Gott,
Ich weiß die Stunde, die ihm nicht gefällt!
Das habt ihr getan. O laßt nicht mich,
Ihr weisen Richter, ungestraft entkommen,
Ich ehr' ihn ja, und wenn ihr es nicht wißt,
So will ich es ins Angesicht euch sagen.
Dann stoßt auch mich zu eurer Stadt hinaus.
Und hat er ihm geflucht, der Rasende,
Mein Vater, ha! so fluch' er nun auch mir!

Delia. O Panthea, mich schreckt es, wenn du so
Dich deiner Klagen überhebst. Ist er
Denn auch wie du, daß er den stolzen Geist
Am Schmerze nährt und heft'ger wird im Leiden,
Ich mag's nicht glauben, denn ich fürchte das.
Was müßt er auch beschließen?

Panthea. Ängstigest
Du mich? was hab' ich denn gesagt? Ich will
Auch nimmer – ja geduldig will ich sein,
Ihr Götter! will vergebens nun nicht mehr
Erstreben, was ihr ferne mir gerückt,
Und was ihr geben mögt, das will ich nehmen.
Und find' ich nirgends dich, du Heiliger,
So kann ich doch mich freuen, daß du da
Gewesen. Ruhig will ich sein, es möcht'
Aus wildem Sinne mir das edle Bild
Entfliehen, und daß mir nur der Tageslärm
Den brüderlichen Schatten nicht verscheuche,
Der, wenn ich leise wandle, mich geleitet.

Delia. Du liebe Träumerin! er lebt ja noch.

Panthea. Er lebt? ja, wohl! er lebt! er geht
Im weiten Felde Nacht und Tag. Sein Dach
Sind Wetterwolken, und der harte Boden ist
Sein Lager, Winde krausen ihm das Haar –
Und Regen träuft mit seinen Tränen ihm
Vom Angesicht, und seine Kleider trocknet
Am heißen Mittag ihm die Sonne wieder,
Wenn er mitten im schattenlosen Sande geht;
Gewohnte Pfade sucht er nicht: im Fels
Bei denen, die von Beute sich ernähren,
Die fremd, wie er, und allverdächtig sind,
Da kehrt er ein, die wissen nichts vom Fluch,
Die reichen ihm von ihrer rohen Speise,
Daß er zur Wanderung die Glieder stärkt,
So lebt er! weh! und das ist nicht gewiß.

Delia. Ja, es ist schrecklich, Panthea!

Panthea. Ist's schrecklich?
Du arme Trösterin! und sieh, es währt
Nicht lange mehr, so kommen sie und sagen
Einander sich's, wenn es die Rede gibt,
Daß er erschlagen auf dem Wege liege.
Es dulden's wohl die Götter, haben sie
Doch auch geschwiegen, da man ihn mit Schmach
Ins Elend fort aus seiner Heimat warf.
O du! – wie wirst du enden? müde ringst
Du schon am Boden fort, du stolzer Adler!
Und zeichnest deinen Pfad mit Blut und bald
Erhascht der feigen Jäger einer dich,
Zerschlägt am Felsen dir dein sterbend Haupt.
Und Jovis Liebling nanntet ihr ihn doch?

Delia. Ach! lieber, schöner Geist! nur so nicht!

Panthea. Nur solche Worte nicht! Wenn du es wüßtest,
Wie mich die Sorg' um dich ergreift! Ich will
Auf meinen Knien dich bitten, wenn es hilft.
Besänftige dich nur. Wir wollen fort.
Es kann noch viel sich ändern, Panthea.
Vielleicht bereut es bald das Volk, du weißt
Es ja, wie sie ihn liebten. Komm! ich wend'
An deinen Vater mich, und helfen sollst
Du mir. Wir können ihn vielleicht gewinnen.

Panthea. O wir, wir sollten das, ihr Götter!


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