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Getheiltes Herz.

(1881)

Es war noch nicht spät, als ich die Gesellschaft verließ, eine von denen, die erst nach Mitternacht so recht belebt zu werden pflegen. Aber ein dumpfes Unbehagen, das ich mitgebracht hatte, wollte den guten Weinen und dem nicht schlechteren Humor, der das Bacchanal würzte, nicht weichen, und so ersah ich einen günstigen Augenblick, mich auf Französisch zu empfehlen.

Als ich aus dem Hause trat und die ersten Züge der reinen Nachtluft einsog, hörte ich, daß Jemand die Treppe herunter mir nachkam und meinen Namen rief.

Es war L., der Aelteste und Ernsthafteste unseres Kreises, dessen Stimme ich den ganzen Abend kaum ein paarmal aus dem Geschwirre der übrigen herausgehört hatte. Ich schätzte ihn sehr und freute mich immer, ihm zu begegnen. Nur gerade jetzt war mir's um keines Menschen Gesellschaft zu thun.

Es hat Sie auch fortgetrieben, sagte er, indem er zu mir trat und aufathmend einen Blick gegen den sternenfunkelnden Frühlingshimmel warf. Wir waren Beide nicht recht am Platz unter diesen verhärteten Junggesellen. Als ich Sie fortschleichen sah, überfiel mich ein melancholischer Neid, den Sie mir wohl verzeihen werden. Nun geht er nach Hause, dacht' ich, zu seiner lieben Frau, die schon lange schläft, und tritt auf den Fußspitzen an ihr Bett, und sie schlägt wohl noch einmal die Augen aus dem Traum auf und fragt: Bist du schon da? Hast du dich gut unterhalten? Du mußt mir morgen erzählen! – Oder sie hat sich über einem Buche festgelesen und öffnet selbst die Thür, wenn sie Ihren Schritt auf der Treppe hört. – So empfangen werden, daß heißt noch, irgendwo auf dieser Welt zu Hause sein. In meiner Wittwerklause erwartet mich Niemand mehr. Nun, ich habe es zwölf ganze Jahre besessen, ich bin immer noch besser daran, als unsere jungen Freunde droben, die von dem Besten, was die Erde bietet, keine Ahnung haben und über die Frauen reden wie die Blinden von der Farbe. Oder sind Sie nicht auch der Meinung, daß man sie nur halb kennen lernt, wenn man immer nur von Hörensagen und mit der üblichen Ironie von einer »besseren Hälfte« spricht?

Damit legte er seinen Arm in den meinigen, und wir gingen langsam die menschenleere Straße hinab.

Sie wissen, lieber Freund, sagte ich, daß ich ein Ehe-Fanatiker bin und guten Grund dazu habe. Wenn ich es heute Abend unterließ, den Heiden das Evangelium zu predigen, geschah es nur aus Unlust, überhaupt den Mund zu öffnen, da mir nicht ganz wohl war. Darum fürchtete ich auch, meine in diesem Gebiet erprobte Beredtsamkeit möchte mich heut im Stich lassen. Denn wahrhaftig, es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß ich allein es mit einer ganzen Rotte hartgesottener Hagestolzen aufgenommen hätte.

Ich bewundere Ihren Muth, versetzte er. Ich für meinen Theil werde stets durch ein unvernünftiges Herzklopfen verhindert, den Spöttern Stand zu halten; es kommt mir wie eine Entweihung vor, aus der Schule zu schwatzen, in der man das tiefste und schönste Geheimniß des Menschenlebens hat ergründen lernen.

Sie haben wohl Recht, sagte ich, und ich selbst habe mir dann und wann Vorwürfe darüber gemacht, daß ich mich verleiten ließ, was man allenfalls in Versen beichten darf, in Prosa gleichsam als ein wissenschaftliches Problem abzuhandeln. Und doch reizen mich gewisse einfältige Reden immer wieder zum Protestiren. Wenn ich hören muß, daß die Ehe der Tod der Liebe sei, daß die Verpflichtung zur Treue die Leidenschaft ersticke und, weil Niemand Herr seines Herzens sei, gerade der redlichste Mensch sich am Meisten bedenken müsse, einen Bund fürs ganze Leben zu schließen, geht mir der Aerger über das thörichte Geschwätz mit der Vernunft durch, und ich fange an von Dingen zu reden, die man doch an eigener Haut erlebt haben muß, um sie nicht für überschwängliche Hirngespinnste zu halten.

Er erwiderte Nichts hierauf, und so gingen wir eine Weile stumm neben einander her. Ich merkte, daß er in Erinnerungen versunken war, die ich nicht stören wollte. Ich wußte Nichts von seiner Ehe, als daß er schon seit vielen Jahren seine Frau betrauerte, wie wenn er sie gestern erst verloren hätte. Eine alte Dame, die sie gekannt, hatte mir von ihr gesagt, sie sei ein unwiderstehlicher Mensch gewesen, mit Augen, die Niemand, der hineingeblickt, je wieder habe vergessen können. Ihre Tochter, die seit Kurzem verheirathet war, hatte ich einmal in einer Gesellschaft getroffen: eine ganz liebliche junge Person, aus der ich aber nicht viel herausbringen konnte.

L. war in jüngeren Jahren Militär gewesen, hatte sich nach einer schweren Verwundung im schleswig-holstein'schen Kriege auf ein Landgut zurückgezogen und dort mit Frau und Kind seine schönsten Jahre verlebt. Seit er Wittwer geworden war, trieb ein Geist der Unstäte ihn durch die Welt, und nur von Zeit zu Zeit tauchte er bei seinen alten Freunden wieder auf, um bald wieder zu verschwinden

Noch jetzt war er ein schöner, stattlicher Mann, das Haar, obwohl von grauen Streifen durchschossen, stand dicht und kraus um die hohe, dunkelfarbige Stirn, und in den Augen leuchtete eine stille Flamme, die von unvergänglicher Jugend zeugte.

An der nächsten Querstraße stand er still. Mein Weg führt eigentlich dort hinunter, sagte er. Aber wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie noch eine Strecke. Mein Schlaf ist seit einiger Zeit nicht viel werth, und »was im Schlaf für Träume kommen mögen«, taugt auch nur selten etwas. Ueberdies reise ich in wenigen Tagen wieder ab. Wer weiß, wann wir einmal wieder miteinander plaudern können.

Wir setzten unsern, oder vielmehr meinen Weg fort, aber das Plaudern wollte eine ganze Weile nicht recht in Fluß kommen. Der laue Nachtwind hatte etwas Einlullendes wie das Summen eines Wiegenliedes, die Sterne blinzelten wie Augen, die sich mit Mühe offen halten. Ein feiner Dunst zog langsam über den Himmel herauf und wob einen Schleier über das blitzende Firmament. Geben Sie Acht, sagte ich, wir werden aus dem ersten Schlaf geweckt werden durch ein Frühlingsgewitter.

Er antwortete nicht, blickte auch nicht gegen den Himmel, sondern unverwandt auf den Boden. Plötzlich fing er an: Wissen Sie, was ich immer beklagt habe? Daß Spinoza nie verheirathet war. Wie wäre das seiner Ethik zu Gute gekommen! Denn von gewissen Problemen hat auch er keine Ahnung gehabt, und ich muß immer denken, wie er sich zu ihnen gestellt haben würde, wenn sie ihm nahe getreten wären.

Welche meinen Sie? fragte ich.

Sie wissen, daß er zuerst die Macht der Vernunft über unsere Leidenschaften geleugnet und den tiefsinnigen Satz aufgestellt hat, ein Affect könne nur durch einen stärkeren verdrängt werden. Was aber geschieht, wenn zwei gleich starke Affecte sich neben einander desselben Gemüthes bemächtigen?

Giebt es denn zwei ganz gleiche Leidenschaften? fragte ich. Ich habe dergleichen nie an mir erfahren und bin geneigt, es auch in der Theorie so lange zu bezweifeln, bis es mir ad hominem demonstrirt wird.

Man hat freilich keine Wage für Affecte, erwiderte er. Wer es aber erlebt hat, wird über die unheimliche Thatsache nicht in Zweifel sein. Nur daß man es einem Dritten schwer begreiflich machen kann, weil die psychologische Constellation, unter der allein dieser Fall sich ereignet, sehr selten zu Stande kommt und fast nie, wie andere Experimente, mit ruhigem Blick beobachtet wird. Sie selbst als Novellist würden mit einem solchen Ereigniß kaum etwas anfangen können. Sie müssen es ja ohnehin oft genug hören, daß Ihre psychologischen Probleme gesucht seien und der Wahrscheinlichkeit entbehrten. Die wunderlichen Leute! Sie wollen etwas Neues erfahren, und wenn man ihnen erzählt, was nicht auf allen Gassen gefunden wird, rümpfen sie die Nasen. Wenn ein Botaniker eine neue Pflanze entdeckt und beschreibt, die etwa zufällig die Blüte an der Wurzel hat, statt oben am Stengel, fällt es Niemand ein, seine Wahrhaftigkeit in Zweifel zu ziehen. Aber ein neues Gewächs aus der Menschenflora, das dem gedankenlosen Spaziergänger bisher noch nicht vorgekommen, erlaubt er sich ohne Weiteres als eine abenteuerliche Erfindung zu bezeichnen.

Sie vergessen, warf ich ein, daß man Dichtungen mit dem Herzen genießen will, nicht bloß »zur Kenntniß nehmen«, und daß das Herz Alles ablehnt, was ihm nicht blutsverwandt ist. Ich denke daher sehr milde über den lesenden Durchschnittsmenschen. Er interessirt sich ja auch im Leben nur für gewisse Dinge, die er versteht, schätzt und begehrenswerth findet: Geld und Gut, bürgerliche Ehre, Familienglück und dergleichen mehr. Darum liebt er auch in Büchern nur Geschichten, in denen es sich um Reich und Arm, um Spitzbuben und honette Menschen, wenn's hoch kommt, um das bischen sogenannte Liebe handelt, das zur Schließung einer angenehmen Ehe nöthig ist. Was darüber ist, ist vom Uebel. Heimlich zwar lebt in jeder Menschenbrust eine stille Ahnung, daß es etwas Herrliches sei um das Nicht-Alltägliche, um ein Gefühl z. B., von dem die Seele bis zum Ueberfließen, ja bis zum Sprengen aller irdischen Bande ausgefüllt ist. Aber mein armer weiser Leopardi hat sehr Recht: die Welt verlacht die Dinge, die sie sonst bewundern müßte, und tadelt, wie der Fuchs in der Fabel, was sie eigentlich beneidet. Eine große Liebesleidenschaft z. B. mit ihren großen Wonnen und Schmerzen wird allgemein beneidet und darum möglichst lebhaft getadelt. So ungefähr sagt er, und ich habe es überall bestätigt gefunden im Urtheil der Menschen über Leben und Dichtung. Störe mir meine Cirkel nicht! ruft der friedliche Bürger der Leidenschaft zu, die wie ein gewappneter Mann in sein Haus einbricht. Und wenn er selbst sich hinlänglich gedeckt fühlt im Panzer seines Schlafrocks, der hieb- und stichfester ist, als Stahl und Eisen, fürchtet er für Kinder und Enkel und die zartere Brust seines Weibes. Obwohl im Grunde die Gefahr nicht so groß wäre. Nur was man als wahr erkannt, hat Gewalt über die Seele, und wie selten in unserer kühlen Welt ein starker Affect oder ein Herzenstrieb, der nicht im Katechismus steht, auch nur als wahrscheinlich empfunden wird, haben Sie ja selbst eben zugestanden.

Gewiß, sagte er, und darum habe ich auch noch nirgend von jenem seltsamen Fall, dessen ich gedachte, eine Spur entdeckt, weder bei Psychologen, noch in Romanen. Einmal dachte ich, bei Einem, den ich doch für einen Dichter halte, etwas Aehnliches zu finden, als ich in Alfred de Musset's Novellen auf den Titel stieß: Les deux maitresses. Es war aber eine Attrape. Der Held liebt die Eine und kokettirt mit der Andern. Das ist tausendmal dagewesen. Was ich aber meine –

Er brach ab, und es schien ihn fast zu gereuen, sich so weit herausgewagt zu haben. Ich hütete mich wohl, nur das leiseste Wort zu äußern, das ihm meinen gespannten Antheil hätte verrathen können. Ich wollte ihm kein Vertrauen ablocken, das er mir nicht ganz frei gewähren mochte. Auch wußte ich, daß es eine Geisterstunde giebt für lange begrabene Geschichten, in welcher sie die Riegel der verschlossensten Brust sprengen und heraufsteigen, um noch einmal im Zwielicht des Sternenhimmels umzugehen. Man muß dann seine Zunge hüten, da ein unbedachtes Wort die scheuen Gespenster wieder in ihre Gruft zurückschrecken kann.

So schwieg ich und wartete. Wir kamen an einem Eschenwäldchen vorbei, unter dessen Wipfeln, die stark im Winde rauschten, ein paar Heimathlose friedlich auf den Bänken lagen und schliefen. Im dunkelsten Winkel des schattigen Bezirkes stand eine leere Bank. Ist es Ihnen recht, sagte L., so setzen wir uns dort einen Augenblick. Am liebsten machte ich es wie die Strolche dort und übernachtete hier sub divo. Der Föhn liegt mir in den Gliedern.

Dann, als wir eine Weile stumm neben einander gesessen hatten: Wovon sprachen wir doch? fing er wieder an. War's nicht von der Unfähigkeit der Menschen, sich mit der Phantasie in Zustände zu versetzen, die sie nicht selbst erlebt haben? Wie kann man es ihnen aber auch zumuthen, da sogar der Einzelne nicht immer zu fassen vermag, was er an sich selbst nur allzu unleugbar erlebt?

Und wenn ich jetzt an jene Zeit zurückdenke und nun doch aus der Entfernung Alles mit ruhigerem Blick betrachten könnte, scheint nicht auch mir selbst zuweilen mein eigenes Herz ein Räthsel?

Ihnen freilich wird gerade das, was den Meisten unverständlich bliebe, nur natürlich scheinen, daß nämlich die Leidenschaft, die ich für meine Frau fühlte, durch die Jahre des ungetrübtesten Glückes nicht geschwächt, sondern nur noch gesteigert wurde. Man könnte sagen, daß jede ernste und tiefe Herzensneigung etwas Künstlerisches hat. Wie der Bildner und Poet den Stoff, der in ihm gezündet, mit unermüdlichem Eifer in sich trägt und hegt, ihn immer inniger seinem Ideal nahe zu bringen strebt, so hat auch die Liebe, falls sie sich nicht etwa in ihrem Gegenstand vergriffen hat, eine unendliche Aufgabe. Aber ich merke auch dieses Gleichniß hinkt ein wenig. Lassen wir es fallen. Sie sollen nur wissen, daß ich einer der Glücklichen war, die den Besitz eines geliebten Wesens jeden Tag als ein neues Geschenk der gnädigen Götter hinnehmen und noch eine Art Bräutigamsandacht in sich fühlen, wenn das jüngere Ebenbild der theuren Frau schon aus den Kinderschuhen herauswächs't

Ich weiß nicht einmal, ob Sie das noch besser begriffen haben würden, wenn Sie diese Frau gekannt hätten. Es sind Manche an ihr vorbeigegangen, ohne zu ahnen, welch ein seltenes Wesen aus diesen stillen, Alles verstehenden Augen in die Welt sah. Ich selbst freilich hatte in der ersten Stunde, die mich mit ihr zusammenführte, mich unauflöslich an sie gebunden gefühlt. Aber ich will sie Ihnen nicht zu schildern versuchen. In diesem Augenblick – wie es mir gerade mit den theuersten Menschen zu gehen pflegt – sehe ich selbst ihr Bild nur in schwankenden Umrissen, da ich doch die gleichgültigsten Gesichter bis auf jedes Fältchen zu zeichnen wüßte. So geschah es mir auch, als ich sie noch besaß. Ich trug immer nur das Gefühl von ihrer Person im Ganzen mit mir herum, und wenn sie dann wieder vor mich hintrat, war's wie eine neue Erscheinung. Sie galt Vielen nicht für eine Schönheit, auch hatte sie nicht die leiseste Neigung zu gefallen. Anderen schien sie eines der reizendsten Geschöpfe, die man nur sehen könne, mit keiner anderen der bloß hübschen jungen Frauen auch nur von fern zu vergleichen. Ich habe oft darüber nachgedacht, was dieser geheime Zauber an ihr gewesen sein mag. Ich kam zu keiner anderen Erklärung, als daß bei den meisten liebenswürdigen Menschen ihre einzelnen guten Eigenschaften zu verschiedenen Zeiten wirken, bei ihr aber in jedem Moment das ganze Naturell in die Erscheinung trat. Güte, Klugheit, Ernst und Heiterkeit, Grazie und unerschütterliche Kraft, – sie hatte immer ihren ganzen Schatz beisammen. Aber ich sehe, ich gerathe doch ins Schildern und Preisen. Ich will nur sagen, daß das erste Begegnen mit diesem einzigen Wesen über mein Schicksal entschied.

Auch merkte ich sofort, daß es nicht eine der plötzlich aufflammendem kurzlebigen Passionen war, wie ich sie in meinem leichtsinnigen Offiziersleben schon mehrfach durchgekostet hatte. Bisher hatte ich nie, selbst in der heftigsten Verliebtheit, an eine Verbindung fürs Leben denken können, ohne ein stilles Grauen über den Verlust meiner Freiheit zu empfinden. Hier zum ersten Mal und in der ersten Stunde wußte ich, daß es sich um mein Seelenheil handelte, daß ich mich nie wieder Herr meiner selbst fühlen würde, auch wenn ich ihr ewig fern bleiben müßte.

Auch konnte ich die Ungewißheit, wie sie von mir denke, nicht lange ertragen. Ich war ziemlich verwöhnt durch leicht errungene Gunst, wo es mir darum zu thun gewesen war. Dennoch überraschte und kränkte es mich kaum, als sie mir gestand, mein Umgang sei ihr ganz angenehm, und es werde sie freuen, mich oft zu sehen. Aber ein leidenschaftliches Gefühl, wie ich es ihr entgegenbrächte, könne sie mir nicht zurückgeben, und sie denke von einer Verbindung auf Tod und Leben zu hoch, um nur so mit halbem Herzen darein zu willigen, wie in Etwas, das man so gut thun wie lassen könne.

Sie wurde mir nur noch theurer durch diese Weigerung. Aus jeder anderen Hand hätte ein Korb meine Eitelkeit verwundet. Ihr gegenüber traten alle niederen und kleinen Regungen zurück, und das Beste im Menschen wurde aufgeregt, als allein ihr ebenbürtig.

Ich dachte auch nicht daran, mich nun grollend oder schmachtend zurückzuziehen, um mich vermissen zu lassen. Nachdem der erste Schmerz verwunden war, kam es mir als eine tollkühne Anmaßung vor, daß ich mich ihr angetragen hatte. Ich glaubte diese lächerliche Uebereilung nicht besser wieder gut machen zu können, als indem ich ohne alle Ansprüche in ihrer Nähe blieb. Ihre Eltern machten ein lebhaftes geselliges Haus, in welchem ich nach wie vor gern gesehen wurde, da ich mich bemühte, heiter zu sein und sogar jede Regung von Eifersucht auf diesen und jenen Leidensgefährten zu unterdrücken. Meine Nächte waren freilich von schlimmen Anfällen heimgesucht, und mehr als einmal brütete ich über den schwärzesten Entschlüssen.

Nun stellen Sie sich vor, wie mir ward, als ich eines Morgens eine Zeile von ihrer Hand erhielt: ich möchte sie im Laufe des Tages besuchen, sie habe mir etwas Wichtiges zu sagen.

Als ich bei ihr eintrat, traf ich sie allein. Sie kam mir in einer Bewegung entgegen, wie ich sie noch nie an ihr wahrgenommen hatte, streckte beide Hände nach mir aus und rief: Sie leben! Gott sei Dank! – Dann erzählte sie mir, daß sie gegen Morgen einen furchtbaren Traum gehabt, wo sie mich todt, mit einer tiefen Wunde an der Stirn vor sich habe liegen sehen. Da sei plötzlich ein namenloser Jammer über sie gekommen, etwas wie eine verschüttete heiße Quelle sei in ihrem Innersten aufgebrochen und habe unversiegliche Fluten durch ihre Augen ergossen. In diesem Augenblicke habe sie gefühlt, daß sie mich über Alles liebe und mir nachsterben müsse, wenn ich nie wieder zum Leben erwachte. Wie sie dann aus dem Traume aufgefahren sei und sich besonnen habe, sei das Glück, daß sie mich nicht verloren, ihr fast verhängnißvoll geworden; denn ihr Herz habe so heftig geklopft, als ob es ihre Brust sprengen wolle, und kaum habe sie das Billet an mich zu schreiben vermocht.

Seit diesem Morgen ist jener heiße Quell nie versiegt, bis sie starb. Wenn ich jetzt zurückdenke – nein, ich darf es nicht; ich würde Ihnen als ein sonderbarer Schwärmer erscheinen, oder im besten Fall Sie mit Bekenntnissen langweilen, die Ihnen nichts Neues bieten können. Ich bin kein Poet; und selbst Dante hat das Paradies mit allem Aufwand von Farben und Tönen nicht vor der Eintönigkeit retten können.

Wir freilich erlebten darin täglich etwas Neues, zumal seit unser Kind auf der Welt war. Es war ein liebenswürdiges Kind. Und doch dauerte es lange, bis ich es um seiner selbst willen lieben lernte. In den ersten Jahren war es mir nur gleichsam darum ans Herz gewachsen, weil es das Kind dieser Mutter war, und gefiel mir nur insoweit, als es ihr ähnlich sah. Es war so zu sagen nur ein Reiz mehr an dieser geliebten Frau, daß sie einem solchen Kinde das Leben geschenkt hatte. Dies Alles sag' ich Ihnen nur, damit Sie wissen, wie schrankenlos die eine Leidenschaft mich ausfüllte, wie sie mit den Jahren nicht kühler und vernünftiger wurde.

Ja es war ihr sogar gelungen, eine andere Passion, der ich von früh an all meine freie Zeit gewidmet hatte, nach und nach zu verdrängen, daß sie sich kaum noch hie und da vorwagte. Ich war schon auf der Cadettenschule ein eifriger Geiger gewesen, glaubte ohne Musik nicht leben zu können, und als ich dahinter kam, daß meiner Frau das intimste Wesen der Musik fremd war, hatte es mich einen Augenblick geschmerzt. Was aber hätte ich nicht bald als überflüssig oder gar störend von mir abgethan, wenn sie keinen Antheil daran nehmen konnte! Ja, ich überredete mich ohne Mühe, daß das Fehlen dieses Sinnes sie nur noch vollkommener machte. Ihre helle, sichere Natur, die immer mit sich selbst ins Reine kam, scheute vor den mystischen Abgründen, dem seelischen Zwielicht zurück, in welche die Töne uns hineinlocken. Es ward ihr unheimlich, daß sie das Wort dieser bestrickenden Räthsel nicht finden konnte, wie wenn sie dadurch in eine sittliche Collision hineingerissen würde, die keine reine Lösung zulasse. So war es nicht Unempfindlichkeit gegen diese Welt, sondern vielmehr Ueberempfindlichkeit, was ihr gerade zum Allergewaltigsten den Zugang versperrte. Ein Volkslied, eine Tanzmelodie wußte sie durchaus zu würdigen. Eine Beethoven'sche Symphonie that ihr weh, ja konnte sie der Verzweiflung nahe bringen.

Dagegen hatte sich ihr ganzer Kunstsinn in ihren Augen gesammelt. Sie genoß alles Sichtbare mit dem feinsten Takt, und die Linien eines Gesichts, einer Landschaft, eines Gebäudes konnte sie stundenlang betrachten. Auch war ihre Hand früh geübt worden, ohne daß sie auf ihre Zeichnungen und Aquarelle Werth legte. Denn der Virtuosität ihres Schauens kam ihr Talent des Nachbildens nicht nach. Ueberdies hatte sie auf unserm Landgut in der Mark, unter ganz nüchternen Umgebungen und reizloser Staffage, wenig Gelegenheit, sich weiter auszubilden.

So ruhten – aus sehr verschiedenen Gründen – unser Beider Talente. Nur sehr selten geschah es, daß es mich förmlich wie ein physisches Bedürfniß ergriff, wieder einmal meine Geige aus dem Kasten zu holen und eins der alten Lieblingsstücke durchzuspielen. Ich that das ganz im Geheimen an irgend einer entlegenen Stelle des Waldes. Wenn die Lust gebüßt war und ich fast wie ein rückfälliger Sünder wieder nach Hause kam, mußten wir Beide lachen, wenn sie mir mit der Geige unterm Arm begegnete. Sie redete mir häufig zu, mich nicht an ihre Schwäche zu kehren; vielleicht könne ich sie noch davon heilen. Mir war aber mehr an der ungetrübten Heiterkeit ihres Blickes gelegen, als an allen Sonaten der Welt.

Etwa acht Jahre hatten wir so gelebt, fast immer für uns und nur selten durch kleinere Ausflüge und Besuche in der Hauptstadt daran erinnert, daß es noch eine Welt jenseits unseres Fichtenwäldchens gab. Da erkrankte unser Kind an den Masern und behielt davon allerlei böse Nachwehen, besonders eine Reizbarkeit des Halses, die unser Arzt gleich im Beginn durch den Aufenthalt in weicherer Luft zu beseitigen rieth.

So entschlossen wir uns kurz, obwohl die Ernte noch im Gange war, aufzubrechen und mit unserm Liebling an den Genfersee zu flüchten, an den meine Frau von der Zeit her, die sie dort in einer französischen Pension verbracht, eine sehnsüchtige Erinnerung bewahrt hatte.

Wir fanden in Vernex, wo damals noch nicht die Riesenhôtels das schöne Ufer unsicher machten, ein allerliebstes Haus ganz nach unsern Wünschen, nur eben für ein Dutzend Gäste eingerichtet mitten in einem immergrünen Garten gelegen, mit der herrlichsten Aussicht über den See und die Berge des südlichen Ufers. Im ersten Stock richteten wir uns ein, in zwei geräumigen Zimmern. In dem kleineren schlief meine Frau mit dem Kinde, das größere daneben mit einem geräumigen Balcon diente als Wohnzimmer, und Nachts wurde dort auf dem breiten Divan mein Lager aufgeschlagen. Dieselbe Wohnung im Erdgeschosse unter uns war von einem englischen Paar in Beschlag genommen, das uns die ersten Tage durch erbarmungsloses Spielen auf einem ganz wohlklingenden Pianino beunruhigte, dann aber abreis'te und eine Stille zurückließ, daß wir uns wie die ersten Menschen in diesem Paradiese vorgekommen wären, wenn nicht die gemeinsamen Mahlzeiten in einem eleganten Speisesälchen uns täglich zweimal daran erinnert hätten, daß wir noch Halbgötter neben uns hatten.

Gleich am ersten Abend war ich durch eine zärtliche Hinterlist meiner lieben Frau überrascht worden. Als ich ihren und des Kindes großen Koffer auspackte, den sie zu Hause selbst gefüllt hatte, stieß ich ganz unten auf etwas Hartes, das sich alsbald als mein Geigenkasten entpuppte. Ich fiel ihr um den Hals, da ich ihr glückseliges Lächeln sah, daß sie dies so klug und verstohlen angestellt hatte. Wenn ich meinen Farbenkasten mitgebracht habe, sagte sie, durfte dein Instrument doch nicht zu Hause bleiben. Ich weiß hundert Punkte hier unten am See und auf dem Wege nach Montreux, wo ich stundenlang meine Pfuschereien treiben kann, während du hier oben deine unheimlichen Geister beschwörst.

Doch kam es anders, als ich selbst in der ersten Rührung über ihre liebevolle Absicht gedacht hatte. Der Kasten blieb ungeöffnet, wohl eine Woche verging, ohne daß mich ein musikalischer Gedanke anwandelte Ich konnte stundenlang auf dem Balcon sitzen, ein Buch in der Hand, in das ich nicht hineinblickte, nur versunken in das erhaben-liebliche Bild, das vor mir ausgebreitet lag. Oder ich begleitete Weib und Kind auf ihren Spaziergängen, und wenn meine Frau in den Schluchten zwischen Montreux und Veytaux sich niederließ, eine der prachtvollen Kastanien zu zeichnen, oder die weißen Häuser mit Feigen und Weinlaub umrankt, die über den Abhängen vorschimmern, streckte ich mich im Schatten neben sie hin, plauderte mit dem Kinde, das sichtlich wieder aufblühte, und war so wunschlos in meinem Gott vergnügt, daß jener Sultan, der durch die weite Welt vergebens nach dem Hemd des Glücklichen suchen ließ, bei mir endlich an den rechten Mann gekommen wäre.

Nun hatte ich sie Beide eines Morgens allein hinauswandern lassen, um ein paar drängende Briefschulden abzutragen. Es war der schönste, stillste Tag, kein Lüftchen furchte den Spiegel des Sees, ich hatte den Tisch vor die offene Balconthüre gerückt und freute mich der tiefen Ruhe im Hause, als ich plötzlich in dem Zimmer unter mir das verhängnißvolle Klavier, das ich so oft verwünscht, wieder erklingen hörte, und noch dazu so laut, daß auch die untere Balconthüre offen stehen mußte. Im ersten Aerger wollte ich wenigstens die meine schließen; aber ich hatte noch nicht zwei Minuten zugehört, so ließ ich den Thürgriff wieder fahren und trat sogar über die Schwelle hinaus, um keinen Ton zu verlieren.

Diese zehn Finger, die unten das Bach'sche Präludium aus dem wohltemperirten Clavier spielten, gehörten keiner Engländerin. Gestern Abend noch ganz spät waren neue Gäste unten eingezogen, so hatte das das Zimmermädchen berichtet: ein französischer Herr und eine Dame, Bruder und Schwester. Wer von Beiden jetzt musicirte, wußte ich natürlich nicht. Aber aus dem Anschlag, obwohl er fest und energisch war, wo es erfordert wurde, rieth ich auf die Schwester. Ich habe selten ein so vollkommen schönes, klares und gleichsam ausgereiftes Spiel gehört; und doch war kein Hauch sogenannter classischer Objektivität darin, sondern ein sehr persönlicher Reiz; als ob die Stimme der Spielerin mit ertönte, als ob ein warmer Athem zu mir heraufwehte. Auch hätte ich meinen Kopf darauf verwetten wollen, daß die Spielerin brünett sei und doch jene grauen Augen habe, die die Spanier » grüne Augen« nennen. Ich weiß, daß dies Unsinn ist; aber es ist nicht der einzige, dessen Sie mich schuldig finden werden, und der darum nicht minder Macht über mich hatte, weil sich der gesunde Menschenverstand dagegen sträubte.

Sie wissen, daß Gounod zu diesem Präludium eine Geigenstimme hinzucomponirt hat. Die Puristen und Bach-Pedanten wollen davon nichts wissen. Sie ist aber von so einschmeichelndem Klang, daß jeder Geiger sie auswendig weiß. Es dauerte daher nicht lange, so hatte ich mein Instrument aus dem Kasten geholt, es nothdürftig gestimmt und den Bogen angesetzt. Und nun begann das wunderlichste Duett in zwei Stockwerken, mit einer Ruhe und Correctheit, als wäre es aufs Schönste eingeübt gewesen. Wir kamen nicht in das leiseste Schwanken; niemals war meine Violine besser bei Stimme, und das Pianino klang so voll und weich, als wäre es über Nacht in den mächtigsten Concertflügel verwandelt worden.

Als wir zu Ende waren, trat eine Pause ein, in welcher ich mit einigem Herzklopfen darauf wartete, ob eine andere Annäherung als durch Töne beliebt werden würde. Ich trat auf den Balcon, in der Hoffnung, die Spielerin werde auch ihrerseits sich auf der Terrasse blicken lassen. Aber ein neues Stück, das sie begann, zog mich alsbald ins Zimmer zurück. Diesmal war es ein Chopin'sches Impromptu, das ich genau kannte. Denn gerade, seit ich selbst nicht mehr so viel spielen mochte, hatte ich unendlich viel Musik gelesen, und mein Gedächtniß war sehr geübt worden. Ich griff also wieder zu dem Bogen und erfand mir eine discrete Begleitung zu jener etwas barocken, aber tief leidenschaftlichen musikalischen Confession. Dann kam etwas von Schumann an die Reihe, und dann so fort, mit Grazie in infinitum. Ich glaube, wir haben in Einem Strich drei volle Stunden gespielt. Als meine Frau endlich nach Hause kam, – es war die Stunde des zweiten Frühstücks – fand sie mich über und über erhitzt und in Schweiß gebadet.

Sie hörte gerade noch die letzten Tacte einer Beethoven'schen Sonate, zu der ich einfach die Oberstimme mitgegeigt hatte. Was hast du dir denn für ein Duett eingerichtet? fragte sie lächelnd und lachte vollends, als sie hörte, daß ich meinen Partner so wenig kannte, wie sie. Um so bessert sagte sie. Nun hab' ich den Geigenkasten doch nicht umsonst eingepackt, und wenn ich stundenlang Kastanienstudien mache, weiß ich dich versorgt und aufgehoben.

Ich machte einen Versuch, etwas Scherzhaftes zu erwidern. Es fiel aber unglücklich aus. Die Musik hatte mich ganz wunderlich aufgeregt, und obwohl ich nie an Ahnungen geglaubt hatte, konnte ich doch ein Vorgefühl von etwas Ungewöhnlichem, Unheilvollem nicht loswerden.

Am liebsten wäre ich vom Déjeuner weggeblieben, aber ich schämte mich doch dieser knabenhaften Regung. Und allerdings war meine Scheu, die Bekanntschaft der Spielerin zu machen, überflüssig. Sie erschien nicht bei Tische, nur der Bruder, ein schlanker, ernsthafter junger Franzose, dessen Haar und Gesichtsfarbe auf den ersten Blick die südliche Abstammung erkennen ließen. In der That erfuhren wir später, daß Arles seine Heimath war. Doch war sein Vater ein Elsässer gewesen aus einer alten deutschen Familie, ein Kaufmann, den Handelsverbindungen in jene Stadt der schönen Frauen geführt hatten, um dort an eins der schönsten Mädchen sein Herz zu verlieren. Er hatte sich in der Folge dort angesiedelt und ein großes Bankhaus gegründet, so daß sich dem Sohn, der Neigung zur diplomatischen Carrière hatte, die Wege dazu ohne Mühe öffneten. Beide Eltern waren erst vor Kurzem gestorben, der Sohn trug noch Trauer um sie, schien aber auch sonst über seine Jahre verschlossen oder durch einen heimlichen Kummer bedrückt, so daß wir über ein paar höfliche Worte der Begrüßung nicht mit ihm hinauskamen. Seine Schwester, nach der meine Frau sich sofort erkundigte, sei noch von der Reise angegriffen, auch wohl von der Musik – setzte er mit einem Seitenblick auf mich hinzu. Der Arzt habe sie ihr ganz verboten, aber sie könne nicht davon lassen.

Ins Fremdenbuch, das ihm nach Tische vorgelegt wurde, schrieb er einen einfachen bürgerlichen Namen ein, darunter aber den seiner Schwester, Madame la Comtesse So und so.

Also war sie verheirathet, und vielleicht sollten wir auch ihren Mann kennen lernen. Ich weiß nicht, warum mir das unerfreulich vorkam, da ich doch die Dame selbst noch nicht einmal gesehen hatte.

In seltsamer Spannung erwartete ich den Abend. Als wir in den Speisesaal eintraten, sahen wir das Geschwisterpaar bereits auf den Plätzen uns gerade gegenüber. Ich war aber keinen Augenblick überrascht. Genau so, wie ich sie mir gedacht, erschien mir die junge Frau, schöne dunkle Haare, leicht geringelt und ganz einfach hinten in einen dicken Knoten gebunden, das Gesicht nicht regelmäßig gebildet, aber reizend durch die dunkle Elfenbeinfarbe und die schönen Zähne, und richtig: graue Augen, die Iris von einem dunklen Ringe eingefaßt und mit leichten Goldlichtern durchschossen, unter feinen, völlig schwarzen Brauen, ganz wie ich es mir schon aus ihrem Spiel zurechtgeträumt hatte.

Auch sie war einsilbig, und wenn sie sprach, richtete sie das Wort fast nur an meine Frau. Es war mir nichts Neues, zu sehen, daß diese sich selbst die verschlossensten und sprödesten Herzen im Nu öffnete. Als wir nach dem Essen in das Gärtchen hinaustraten, über dem die Sterne funkelten, dauerte es nicht lange, so sah ich die beiden Frauen, in ein eifriges Gespräch vertieft, neben einander sitzen. Man konnte nichts Liebenswürdigeres sehen, als dies so ungleiche Paar, das aber an Reiz und Adel der Gestalt und des Betragens einander durchaus ebenbürtig erschien. Auch im Wuchs waren sie einander gleich, nur daß meine Frau ein wenig voller und stattlicher erschien, die Fremde neben ihr fast mädchenhaft schlank, aber Hals und Arme, da ich sie später im leichteren Kleide sah, von vollendeter Schönheit, sehr ähnlich den Bildern von Araberinnen, die ich in der Studienmappe eines Freundes gesehen. Der Bruder hatte sich zurückgezogen, ich ging einsam, meine Cigarre rauchend, auf und ab an der niederen Brüstung der Terrasse, blickte gedankenlos über die schimmernde Seefläche, und dann und wann flog ein abgerissener Ton aus dem Gespräch der Frauen zu mir herüber. Das Kind schlief indessen oben seinen ruhigen Schlaf. Es wurde jeden Abend zu Bett gebracht, ehe wir zu Tische gingen.

Sie ist ein höchst reizendes Geschöpf, sagte meine Frau zu mir, als wir hernach in unserm Zimmer allein waren, aber noch unglücklicher, als schön und liebenswürdig Sie lebt schon zwei Jahre von ihrem Manne getrennt, der ein mauvais sujet, ein Spieler und Verschwender ist und ihre ganze Mitgift durchgebracht hat. Als sie einsah, daß sie sich an einen Unwürdigen weggegeben hatte, bestand sie darauf, zu ihren Eltern zurückzukehren Nun kannst du denken, daß der Tod der Mutter, die ihren sehr geliebten Mann nicht lange zu überleben vermochte, sie viel härter getroffen hat, als manche noch so gute Tochter, die aber an ihrem Mann einen Trost hat. Sie lebt jetzt mit dem Bruder; der aber, obwohl er sie vergöttert, kann sie doch nicht ewig bei sich behalten. Dann ist sie ganz einsam und auf sich angewiesen, und da sie als Katholikin sich nicht von der unseligen Kette, die sie bindet, losmachen kann, sieht sie in eine hoffnungslose Zukunft. Das Alles hat sie mir, da ich ihr eine lebhafte Theilnahme wegen der Trauerkleidung zeigte, ohne alle Sentimentalität erzählt, mit der Gelassenheit einer starken Seele. Nur als sie davon sprach, daß der Graf sich zuweilen bei ihr blicken lasse, um Geld von ihr zu erpressen, obwohl er keinerlei Ansprüche mehr an ihr Vermögen zu machen habe, zitterte ihre Stimme, einen so heftigen Abscheu erregt ihr schon der bloße Gedanke an diesen Elenden. Ihre Gesundheit habe unter all diesen Emotionen gelitten. Ich habe ihr versprochen, daß ich sie pflegen und hätscheln wolle, wie eine leibliche Schwester, und du hättest hören sollen, wie hübsch das klang, als ich ihr zum ersten Mal ein kleines Lachen ablockte. Das arme junge Weib! Es freut mich jetzt erst recht, daß deine Geige mitgereis't ist; dein Spiel sei ihr gleich beim ersten Strich so sympathisch gewesen.

Sie konnte nicht müde werden, von der neuen Freundin zu reden. Ich neckte sie damit, daß sie sich ganz gegen ihre Art so rasch habe erobern lassen. Nimm du dich nur selbst in Acht! entgegnete sie lachend. Ich verstehe zwar die Sprache der Töne nicht, aber ich weiß, daß man sich mit ihnen noch weit intimere Geheimnisse beichten kann, als wir sie uns heut mit Worten vertraut haben.

So lange ein solider Fußboden dazwischen ist, hat es keine Gefahr, warf ich scherzend hin. Ich wußte aber sehr gut schon an jenem ersten Abend, daß mit diesen gefährlichen grauen Augen nicht zu scherzen war.

Auch konnte ich lange nicht einschlafen. Das Thema aus dem Präludium klang mir beständig im Ohr. Um Mitternacht stand ich einmal auf, schlich in das Zimmer nebenan und betrachtete bei dem Schein des kleinen Nachtlichtes die geliebten Gesichter meiner Frau und unseres Kindes. Das wirkte, und ich hatte eine ganz ruhige, traumlose Nacht. Aber mein erster Gedanke beim Aufwachen war gleich wieder – die Gefahr!

Sie werden verstehen, warum ich die Sache so schwer nahm, wenn ich Ihnen sage, daß ich einer von Denen bin, bei denen sich alle inneren Entscheidungen im Moment vollziehen, ganz ohne Zaudern und Schwanken, mit der stillen Gewaltsamkeit eines Naturgesetzes. Es ist in mancher Hinsicht vortheilhaft, immer gleich zu wissen, woran man mit sich selber ist, mit seinem Geist oder Herzen nicht erst lange parlamentiren zu müssen. Wie wenn ein Festungs-Commandant gar nicht in die Lage kommt, Kriegsrath halten zu müssen, weil die Uebermacht der Belagerer allzu unzweifelhaft ist. Und doch ist manchmal, wenn nur Zeit gewonnen wird, Alles gewonnen, und der Entsatz schon unterwegs, der dann zu spät kommt, wenn man sich zu rasch auf Gnade und Ungnade ergeben hat.

So wäre mir vielleicht an jenem Morgen wohler gewesen und ich hätte klüger daran gethan, wenn ich die Sache nicht als ein unentrinnberes Schicksal angesehen hätte. Die Symptome waren freilich genau dieselben, wie damals, als ich mich in meine Frau so plötzlich auf Tod und Leben verliebt hatte. Aber die Lage war doch eine sehr andere. Mit Frau und Kind und um acht Jahre älter – gestehen Sie nur, daß Sie es doch unverantwortlich finden, sich einem leidenschaftlichen Gefühl wehrlos zu überliefern, statt sich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren und alle guten Geister des Hauses und eigenen Herdes zu Hülfe zu rufen.

Aber das Seltsame war eben, daß ich dem, was ich bisher ausschließlich und über alles geliebt, nicht einen Augenblick durch die neue Leidenschaft untreu wurde, nicht um einen Hauch kühler an mein Weib dachte, sie etwa gar fern wünschte, um jenes andere Gesicht allein vor Augen zu haben. Es war, wie wenn eine meiner Herzkammern bisher leer gestanden hätte, und nun wäre sie besetzt worden; aber zwischen ihr und der benachbarten stand die Thür offen, und die beiden Bewohnerinnen vertrugen sich aufs Beste und überschritten sogar dann und wann die Schwelle, sich Besuche zu machen.

Das mag Ihnen wie eine tändelnde Phantasterei vorkommen. Es ist nur ein armseliger Versuch, Ihnen den allerwundersamsten Zustand zu erklären, in welchem ich mich befand; nicht gleich so völlig klar darüber, wie heute, da es Anfangs mir selbst wie ein Verrath an meinem theuren Weibe erschien und ich mir bittere Gewissensbisse machte. Bald aber beruhigte ich mich wieder, daß ich ihr ja nicht das Geringste entzog durch die seltsame Getheiltheit meines Innern, ja daß meine reine und starke Leidenschaft für sie eher neue Nahrung erhielt durch die Steigerung meines innern Lebens.

Dies Alles sage ich nur Ihnen. Tausende würden es einen Selbstbetrug oder eine krankhafte Ueberspanntheit nennen. Die Wissenschaft vom menschlichen Herzen liegt ja noch in den Windeln, so alt die Welt auch ist, und die Meisten kommen ihr Lebenlang über das ABC nicht hinaus, so erfahren sie sich auch dünken mögen.

Mir selbst, wie gesagt, war dieser Zustand neu, und ich brauchte einige Zeit, um ihn zu verstehen und ihn mir selbst zu verzeihen. An jenem Morgen blieb ich wieder zu Hause – ich hatte ja gestern von all meinen Briefen keinen einzigen zu Stande gebracht. Ich will das Duett nicht stören! sagte meine Frau lächelnd, als sie mit der Kleinen fortging. Aber ich rührte die Geige nicht wieder an, obwohl das Pianino unter mir mich dazu aufzufordern schien. Freilich blieb auch die Feder uneingetunkt. Ich lag regungslos in meinem Amerikaner auf dem Balcon und lauschte hinunter. Es klang mir noch zauberhafter als gestern. Freilich hatte ich nun auch das Gesicht der Spielerin in deutlichen Umrissen vor mir, die schöne bleiche Farbe der Wangen, die sich durch keinen Wandel der Affecte veränderte, den Mund mit den vollen Lippen, die, ohne zu lächeln, immer ein wenig geöffnet waren, die schmalen blassen Hände. Manchmal war mir's dann, als träte meine Frau hinter die Spielerin und sähe ihr über die Schulter auf das Blatt. Da verglich ich sie im Stillen; ich wußte nicht, welche reizender war; sie vertragen sich Beide so gut neben einander, wie in meiner eigenen Empfindung. Als meine Frau dann nach Hause kam – sie brachte eine höchst geistreiche Studie mit und das Kind die Hand voll Herbstblumen –, wunderte sie sich sehr zu hören, daß ich die Geige hatte ruhen lassen. Sie schlug mir vor, ein regelmäßiges Zusammenspielen mit der Gräfin zu arrangiren; ich wandte dagegen ein, daß das Pianino in dem Zimmer stand, wo sie zugleich wohne und schlafe, und daß ich mich nicht entschließen könne, sie zu begleiten, wenn sie auf dem elenden Klavier in dem gemeinsamen Salon spielen wollte. Bei Tische war noch ein wenig davon die Rede. Sie ging aber selbst nicht darauf ein, und so wurde dies Kapitel nicht wieder berührt, zumal auch ihr Bruder, der die Musik für ihre Gesundheit schädlich glaubte, kein Interesse daran hatte.

Ueberhaupt schien es, als ob wir uns nicht näher kommen sollten, ich und die schöne Gefahr. Wenn ich irgend ein Gespräch mit ihr anknüpfte, kam es gleich wieder ins Stocken, und sie selbst redete mich fast nie ohne dringenden Anlaß an. Aus gemeinsamen Spaziergängen nahm sie den Arm meiner Frau und ging mit ihr voran, ich folgte mit dem Bruder, das Kind sprang von einem Paar zum andern und hing sich bald vertraulich an die stille fremde Dame, die sich ihm sehr freundlich bezeigte. Manchmal gab es ein Geplauder zu Vieren, in welchem meine Frau mit ihrer lieblichen Heiterkeit hervorglänzte. Sie hatte der Gräfin zugeredet, es mit ihrem gebrochenen Deutsch zu wagen, das sie von einer alten elsässischen Amme gelernt hatte.

Das gab zu den lustigsten Scherzen und Neckereien Anlaß, die auch den ernsthaften Bruder ein wenig aufmunterten. Er arbeitete scharf an einer statistischen Schrift, durch die er eine Stelle im Ministerium des Innern zu erlangen hoffte. Uebrigens war er der angenehmste Gesellschafter, machte meiner Frau in allen Ehren den Hof, schenkte dem Kinde Früchte und Naschwerk und sang mit einer kleinen, wohlklingenden Stimme Volkslieder aus der Provence, die einzige Art musikalischen Genusses, für die er Sinn und Talent hatte.

So hörten wir denn eines Tages mit großem Bedauern, daß eine Depesche seines Chefs ihn ganz unerwartet abgerufen habe. Noch denselben Tag mußte er abreisen, doch wollte er nichts davon hören, daß die Schwester ihn begleite. Er bat uns, ihr gleichfalls zuzureden, daß sie noch ein paar Wochen dies stille Leben in der herrlichen Luft und Umgebung fortführen möchte, da ihr schon diese ersten acht Tage so sichtlich wohlgethan, ihr bessern Schlaf verschafft und die heftige Migräne, an der sie zuweilen litt, gemildert hätten.

Meine Frau umarmte sie lebhaft und erklärte, sie lasse sie auf keinen Fall schon jetzt aus ihrer Pflege. Sie habe mit ihr gewettet, es sei doch nicht unmöglich, eine leichte Röthe auf ihre sammtenen Wangen zu locken, und wenigstens vier Wochen lang wolle sie all ihre Künste aufbieten, die Wette zu gewinnen. Auch die Kleine hing sich an ihren Hals und behauptete, sie würde ihr schönes Französisch wieder verlernen, wenn Tante Lucile fortginge. Ich sagte kein Wort und wagte auch nicht sie anzusehen. Als ich aber ein kurzes Eh bien! Je reste! von ihr hörte, war mir, wie wenn eine Hand, die mir die Kehle zusammengeschnürt, mich plötzlich wieder losließe. Ich versprach dem Bruder, gewissenhaft seine Stelle zu vertreten, und sah ihn, so sehr ich ihn liebgewonnen, doch mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung abreisen, als ob er zwischen mir und seiner Schwester gestanden und das Feld mir nun freigegeben hätte.

Und doch änderte seine Abreise nicht das Geringste. Allerdings wurde sein Zimmer frei, in das sie nun ihr Bett hineintragen ließ, um in dem anderen, wo das Instrument stand, sich wohnlicher einzurichten. Wir besuchten sie dort ab und zu, und sie kam zu uns herauf; aber von Duetten war keine Rede. Ja, sie selbst schien die rechte Lust und Ausdauer zum Spielen verloren zu haben. Ich hörte sie noch zuweilen das Pianino öffnen und dieses und jedes mir wohlbekannte Stück anfangen. Mitten darin brach sie ab, oft mit einer bösen Dissonanz, wie in einer ärgerlichen Laune, von der sie doch sonst völlig frei war. Man hätte denken können, sie fange nur an, um meine Geige zum Mitspielen aufzufordern, und wenn ihr dies nicht glückte, sei ihr selbst die Sache plötzlich verleidet. Ein paarmal ließ ich mich wirklich verführen. Ich gerieth aber durch das Spiel in eine so fieberhafte Aufregung, daß ich nun meinerseits mitten in einer Passage abbrach und nachher mit einer unbeholfenen Ausrede mich deßhalb entschuldigte, eine Störung vorschützend, an die sie nicht recht zu glauben schien.

In Wahrheit verhielt es sich allerdings so, wie meine kluge Frau gesagt hatte: ich wußte, wie viel man in Tönen beichten kann, und scheute mich vor der Sünde, dieser Fremden zu verrathen, daß ich mein halbes Herz an sie verloren hatte.

Meine Blicke und Worte wußte ich besser zu hüten. Auch waren wir kaum jemals länger als ein paar Augenblicke allein, da sie sich viel auf ihrem Zimmer oder der Terrasse davor aufhielt, bei unsern Gängen aber in der Abendkühle meiner Frau nie von der Seite ging, so daß ich, das Kind an der Hand führend, oft eine weite Strecke hinter den beiden Frauen blieb und mein seltsames Schicksal in mir hin und her wälzte, ohne auf dem ganzen Wege ein einziges Wort an sie zu richten.

Die Abende wurden schon länger. In dem gemeinsamen Conversationszimmer war uns nie behaglich gewesen. So fanden wir uns nach dem Diner abwechselnd in ihrer oder unserer Wohnung zusammen, die Frauen mit einer Handarbeit, plaudernd oder lesend, während ich auf dem Balcon meine Cigarre rauchte, manchmal auch aus einem Buche vorlas, da sie mich gern deutsche Verse lesen hörte. Meine Frau zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen. Ein verlorenes Profil, der Kopf auf die eine Schulter geneigt, gerieth besonders gut, und ich konnte es nicht genug betrachten. Ich weiß noch, wie ich bei einer dieser Sitzungen zum ersten Mal ihr Haar berührte, da ich bisher nicht einmal die Spitze ihres Fingers in meiner Hand gefühlt hatte. Es ging mir wie ein elektrischer Strom durch alle Nerven. Es war ein eigener Duft um sie, von einem feinen Pariser Parfüm, das sie gebrauchte. Ich wußte noch lange nachher, ob sie sich in einem Raum aufgehalten, etwa in meinem Amerikaner gesessen, oder an dem Bücherschrank im Salon gestanden hatte.

Da eines Abends, als wir uns eben rüsteten, vor dem Schlafengehen sie noch auf eine Plauderstunde zu besuchen, öffnet sich plötzlich unsre Thür, und wie ein Bild des Entsetzens stürzt sie in unser Zimmer, schiebt den Riegel vor und sinkt in den nächsten Sessel, in einen Strom von Thränen ausbrechend, so daß sie eine ganze Weile nicht zu Worten kommen konnte. Wir waren erschrocken um sie bemüht, und meiner Frau gelang es endlich, sie so weit zu beruhigen, daß sie uns in leidlicher Fassung mittheilen konnte, was vorgefallen war.

Es war Jemand, ohne anzuklopfen, bei ihr eingetreten, und als sie sich umsah, hatte er schon mitten im Zimmer gestanden, – ihr eigener Mann. Er habe sie höflich gegrüßt und nach ihrem Befinden gefragt und, als ihr kein Wort ans der Kehle kam, sich auf den Divan gesetzt und gethan, als ob er hier zu Hause wäre.

Trotz seiner gedämpften Stimme und bescheidenen Haltung habe sie doch gemerkt, daß eine verhaltene Aufregung in ihm vibrire, sie sei nur vor eigener Bestürzung nicht klar darüber geworden, ob der Wein oder eine andere Ursache seinen Blick unsicher und seine Stimme mühsam und rauh mache. Dann habe er in gleichgültigem Tone angefangen: er wolle sie nur gleich in den Anlaß seines Besuches einweihen; in einem Genfer Spielhause sei er kahl ausgeplündert worden und sans le sou. Das Dampfschiff bis hieher habe ein guter Freund für ihn bezahlt. Er verlange nun nichts weiter, als die Mittel, sich wieder aus seinem guignon herauszureißen, und Gastfreundschaft für diese Nacht. Er werde mit diesem Sopha vorlieb nehmen.

Daraufhin habe sie ihm gegeben, was sie im Augenblick entbehren konnte, eine nicht unbeträchtliche Summe, ihn aber aufgefordert, sie sofort zu verlassen. – Ob sie noch Jemand erwarte? Er werde den Umständen Rechnung tragen und sie nicht geniren. Dabei habe er ihre Hand zu fassen gesucht und sie mit einem Lächeln betrachtet, daß ihr das Blut vor Grauen fast geronnen sei. Und da er fest entschlossen geschienen, nicht zu weichen, habe sie sich zum Schein darein gefunden und sei hinausgegangen, um angeblich einige Anordnungen für die Nacht zu treffen. Nun beschwöre sie uns, ihr beizustehen, sie vor diesem Nichtswürdigen zu beschützen.

Ich wechselte einen Blick mit meiner Frau, die das arme schöne Geschöpf, das wieder in Thränen ausbrach, wie ein krankes Kind auf ihren Schooß genommen und beide Arme um ihren zitternden Leib geschlungen hatte. So verließ ich sie und stürmte die Treppe hinunter.

Ich fand den Grafen eben im Begriff, in der weichen Sophaecke sich einem sanften Schlummer hinzugeben, so daß er mein Eintreten überhörte. Ich hatte alle Muße, mir das fatale Gesicht zu betrachten, das jene widerliche Schlaffheit zeigte, wie sie nach langer Aufregung gerade bei Spielern einzutreten pflegt. Die Lippen waren fahl, Augenlider und Nasenflügel geröthet. Uebrigens der Typus eines bel homme, der sich frühzeitig ruinirt hat, und eine tadellose Toilette.

Als er sich endlich besann, wo er war und daß ein Fremder ihm gegenüberstand, erhob er sich mit der größten Unbefangenheit und fragte, was ich wünsche. Ich hätte ihm nur den Wunsch seiner Frau mitzutheilen: daß er ohne Verzug und ohne weiteres Aufsehen zu machen, ihr Zimmer und dies Haus verlassen möge.

Und wenn er nicht wolle?

So werde die Gräfin ihr Hausrecht brauchen.

Er sah mich mit einer kaltblütigen Insolenz an, die mir selbst in diesem peinlichen Augenblick ergötzlich schien.

Ob ich der Hausknecht dieses Hôtels sei? fragte er, indem er ein Lorgnon vor das rechte Auge klemmte.

Wie die Frau Gräfin dazu komme, gerade mich um diesen Ritterdienst zu bitten, gehe ihn Nichts an, erwiderte ich. Ich wohnte auf Nummer so und so und stünde ihm morgen zu jeder Aufklärung, die er etwa wünschen möchte, zu Dienst. Für heute würde ich mich einfach an meinen Auftrag halten und hoffte in seinem Interesse, daß er alle unnöthigen Weitläufigkeiten vermeiden würde.

Er besann sich eine Weile, sah bald mich mit seinem unverschämten gläsernen Lächeln an, bald schien er sich in der Wohnung orientiren zu wollen. Endlich nahm er seinen Hut, murmelte ein paar unverständliche Worte, indem er zugleich eine Cigarre hervorzog und sie an dem Armleuchter auf dem Tisch anzündete; dann verneigte er sich ganz verbindlich gegen mich, und mit einem: Auf morgen also! verließ er das Zimmer.

Ich schloß sogleich die offene Balconthüre und das niedere Fenster, indem ich die Läden sorgfältig befestigte. Dann ging ich wieder hinaus, den raschen Erfolg meiner Sendung zu melden, natürlich ohne des Abschiedswortes zu erwähnen. Die beiden Frauen saßen neben einander auf dem Sopha, die Gräfin starr und stumm mit einem nervösen Nachzucken ihrer Erschütterung, das erst wich, als meine Frau, die ein wenig homöopathisirte, ihr ein paar ihrer Wundertropfen aufgedrungen hatte. Ich nahm ein Buch, in dem wir gestern gelesen hatten, und setzte die Lectüre fort. Keins von uns Dreien verstand nur ein Wort von dem, was ich las.

So wurde es Zehn, die Gräfin stand auf, umarmte meine Frau und ließ sich von mir die Treppe hinunterführen; denn die Angst quälte sie, er möchte dennoch Mittel und Wege gefunden haben, sich wieder einzuschleichen.

Sie sehen, das Feld ist rein! sagte ich lächelnd, nachdem ich in beiden Zimmern Umschau gehalten. Sie können ruhig schlafen.

Ruhig! sagte sie, indem es ihren schlanken Körper wieder durchschauerte. Ruhig! Und um welchen Preis! – Und dann, dicht an mich hintretend: Sie haben ihn gefordert! O gewiß, er wäre nicht so rasch gegangen! Und jetzt – um mich Unselige –

Ich suchte sie zu beruhigen, so gut ich konnte, ich versprach ihr, nichts ohne ihr Wissen zu thun; sie aber, mit immer wachsender Angst: Denken Sie an Ihre Frau! an Ihre Tochter! O Gott, wenn ich die Ursache wäre –

Ich faßte ihre Hand, sie sank mir in leidenschaftlicher Erschütterung an die Brust, ich hielt sie so umfaßt wie im Traum und fühlte ihre schlanke Gestalt in meinen Armen beben, aber ich berührte nicht einmal ihr Haar mit meinen Lippen; in diesem Augenblick wich alles sehnsüchtige Verlangen dem tiefen Mitleid mit dem bedrohten jungen Leben.

Und so machte ich mich von ihr los, rief ihr noch eine heitere gute Nacht! zu und ging zu den Meinigen.

Auch meine Frau hatte ich zu beruhigen. Auch sie fürchtete, der Auftritt werde Folgen haben. Ich selbst glaubte nicht daran. Ich wußte, daß in Spielern von Profession alle anderen Triebe, selbst das standesmäßige Ehrgefühl, völlig abgestumpft werden. Und ich behielt Recht.

Ich blieb den ganzen folgenden Tag zu Hause. Weder er selbst ließ sich blicken, noch schickte er irgend eine Botschaft. Die Gräfin hatte sich zu uns hinaufgeflüchtet, da sie unten in beständiger Angst vor einem Ueberfall war. Nun saßen die beiden Frauen auf dem Balcon mit ihren Stickereien, scheinbar in ganz gleichgültiger Conversation, doch nur um mich im Auge zu behalten. Es wurde aber mit keinem Wort von dem gesprochen, was uns alle beschäftigte. Als der Tag ohne jedes Blutvergießen vorüber war, begleitete meine Frau unsere Freundin in ihre Wohnung; sie blieb diese Nacht bei ihr. Am folgenden Tage hörten wir, der Graf sei schon wieder in Genf, von wo er bald darauf in irgend ein rheinisches Hazardbad verschwand.

Sie werden begreifen, daß dies Intermezzo uns noch enger an einander schloß. Wir waren fast den ganzen Tag zusammen, und ich wunderte mich zuweilen, wie arglos meine Frau, die doch sonst um all meine Gedanken zu wissen pflegte, selbst ehe sie mir ganz klar geworden, dies unheilvolle Spielen mit dem Feuer geschehen ließ, ja förmlich begünstigte. Sie trug auch kein Bedenken, uns unter vier Augen zu lassen, und freilich geschah mir selbst kein Gefallen damit. Ich verschanzte mich dann meist hinter einem hartnäckigen Schweigen, das jedem Dritten als die äußerste Unart erschienen wäre; ja, ich versagte mir selbst das Glück, sie anzusehen, und spielte den Verdrossenen, Zerstreuten, Vielbeschäftigten, was sie Alles hinnahm, ohne es auffallend zu finden.

Auch ihre Laune, die Anfangs gleichmäßig gewesen war, eine sanfte, hochherzige Schwermuth, wurde ungleich und änderte sich oft im Handumdrehen. Sie ließ das aber nur meine Frau empfinden, die sie dann freundschaftlich schalt, oder einen Anfall von wilder Empörung gegen ihr Schicksal mit schwesterlicher Güte und Geduld zu besänftigen suchte.

Unter uns sprachen wir nicht mehr von ihr. Doch begegnete ich manchmal einem seltsam fragenden Blick meines Weibes, wenn ich zufällig vom Lesen aufsah, wie ein Arzt einen Schwerkranken beobachtet, neben dessen Lager er wacht.

Ich war freilich krank, noch nicht so sehr, daß ich nicht nach Heilmitteln gesucht hätte, doch mit immer geringerer Hoffnung, eins zu finden.

Die Musik zu der ich griff, um mich ein wenig auszutoben, goß nur Oel ins Feuer. Wenn ich eine Stunde so für mich allein phantasirt hatte, fing unten das Klavier seine Gegenrede an, so daß es kein Gespräch oder Duett wurde, aber ein Verhandeln mit einander in langen Monologen. Nur an zwei Vormittagen überließ ich mich diesem gefährlichen Labsal, das in einen Rausch endigte. Dann versuchte ich's mit einer langen Entfernung und machte eine Kletterpartie in die Berge, die mich eine Nacht fern hielt. Da erlebte ich so recht in mir, was ich Ihnen gleich zu Anfang gesagt: die neue Leidenschaft war nicht stärker-als die alte, nur ihr ebenbürtig. Ich vermißte beide geliebte Wesen mit gleicher Sehnsucht, ja ich konnte sie in meinen Gedanken nicht mehr von einander trennen, und als ich sie wiedersah, hatte ich zweimal dasselbe Herzklopfen.

Ich war aber noch nicht so weit in meiner Philosophie, daß ich dies hingenommen hätte, wie Etwas, das ganz in der Ordnung, das vernünftig sei, weil es sei, ungehörig, weil es gegen unsere Landessitten verstieß, aber nichts weniger als unsittlich, da es Niemand weh that und mich mit mir selbst nicht entzweite, vielmehr mein Inneres erst ganz ausfüllte. Nein, damals fand ich doch, es sei ein großes Unglück und könne eine Schuld werden, wenn es das Glück und die Ruhe meiner geliebten Frau untergrabe. Und so grübelte ich unablässig, wie ich mich dieser Macht wieder entziehen könnte, wäre es auch um den Preis, die Hälfte meines getheilten Herzens abzutödten und für immer zu ersticken.

Wir hatten so etwa noch vierzehn Tage seit dem Fortgehen des Bruders neben einander hin gelebt, jeder Tag brachte etwas Neues, einen Ausflug zu Schiff, eine Wanderung zu den nächsten Oertern, immer die Frauen voran und ich mit dem Kinde hinterdrein; da kamen wir eines Nachmittags an dem Landungsplatz unten im Garten zusammen, weil wir eine Fahrt im Kahn nach Chillon vorhatten. Ich war der erste, da ich das Boot weiter unten in Vernex gemiethet hatte, von einem Schiffer, der mir seinen ältesten Sohn, einen derben vierzehnjährigen Burschen, zum Rudern mitgab. Gleich darauf kam die Gräfin, in einem schwarzen Barège-Kleide, durch dessen feines Gewebe ihre schönen Schultern und Arme vorschimmerten, eine Granatblüte im Haar, den Strohhut an den Arm gehängt. Ich hatte sie nie so schön gesehn und nie so blaß. Sie sind krank, sagt' ich, Sie leiden von der Schwüle. – Was thut das? erwiderte sie. Ich leide noch weit schlimmer am Leben! Wo ist Ihre Frau?

Indem kam mein Weib, da ich der Freundin eben in den Kahn geholfen hatte, kam aber ohne das Kind. Es sei nicht ganz frisch, klage über Kopfweh, sie wolle doch lieber mit ihm zu Hause bleiben; auch das Wetter sei unsicher. Sofort erhoben wir uns, um gleichfalls wieder auszusteigen. Davon wollte aber meine Frau Nichts wissen. Es sei nicht ein Schatten von Gefahr und Sorge; ich wisse ja, wie es bei unserem Liebling komme und gehe, sie werde sich zu ihr setzen, ihr etwas vorzulesen, und wünsche uns eine glückliche Fahrt.

Damit entfernte sie sich schon wieder, nachdem sie dem Kahn einen kleinen Stoß mit dem Fuß gegeben, und obwohl uns Beiden, die wir nun in die Wellen hinausglitten, nicht sehr leicht und vergnüglich zu Muth war bei diesem nothgedrungenen tête-à-tête, hatte doch Keins den raschen Muth, es einzugestehen und sofort wieder ans Land zurückzulenken.

Ich hatte das zweite Paar Ruder ergriffen und holte so kräftig aus, als gälte es eine Wettfahrt, – bloß um des Sprechens überhoben zu sein. Sie saß mir nahe gegenüber, ich sah aber nur ihre kleinen Füße und ein Stück ihres Kleides, da ich die Augen eigensinnig gesenkt hielt. Da fing sie plötzlich an von meiner Frau zu reden, mir eine lange leidenschaftliche Liebeserklärung für sie zu machen. Sie sprach erst von ihrer Güte und Herzenswärme, ihrem feinen Verstande, ihrem raschen und festen Willen, jedes Wort traf das Rechte; eine förmliche Photographie ihres inneren Wesens. Dann schilderte sie ihr Aeußeres, Zug für Zug, mit der idealisirenden Gründlichkeit eines Verliebten, und nachdem ich lange nur hatte zuhören dürfen, fragte sie, wie ich sie kennen gelernt, wie sie sich damals betragen habe. Ich erzählte nun von jener ersten Zeit, und während ich mir Alles zurückrief, fühlte ich mit tiefem Glück und Dank, daß sich Nichts geändert hatte, daß mein guter Stern noch mehr gehalten, als er damals versprach, daß selbst die Frau, der ich jetzt gegenübersaß, daran nichts ändern könne. Wir sprachen französisch. Fast wäre mir das Wort entschlüpft: Rien n'est changé; il n'y a q'un amour de plus.

Aber ich hielt an mich, ich erhob mich nur ein wenig von meinem Sitz, reichte ihr die Hand und sagte: Ich danke Ihnen, daß Sie sie so kennen und lieben.

Ihre Hand lag in meiner wie eine Todtenhand.

Wir hatten uns nicht weit in den See hinausgewagt, der schon ein wenig zu gähren anfing. Sie wissen, wie rasch er aus der tiefsten Ruhe in den wildesten Aufruhr übergeht, und über den Savoyer Bergen stand ein dunkles Wolkenungethüm, auf das unser Schifferbursch von Zeit zu Zeit sachkundige Blicke warf. Als wir daher an den Felsen, auf welchem Schloß Chillon steht, anfuhren und die ersten Stoßwellen mit schmalen silbernen Kämmen gegen das Ufer branden sahen, schlug ich vor, den Rückweg zu Fuß zu machen. Sie sah mich mit einem Blick an, der sie mir plötzlich zu einem unheimlichen fremden Wesen macht, aber eine noch größere Macht über mich hatte, als ihr gewöhnlicher sanfter und ergebener Ausdruck.

Fürchten Sie den Sturm?

Nicht für mich, sagte ich. Auch kann ich schwimmen wie ein Fisch. Ich habe aber die Pflicht, Sie wohlbehalten wieder ans Land zu bringen.

Ich entbinde Sie von jeder Sorge um mich. Wer leiden soll, stirbt nicht. Kommen Sie! Wenden Sie den Kahn!

Nun denn, sagt' ich, vogue la galère! und hin fuhren wir mitten durch die langen heftigen Wellen, während die Luft über uns sich immer mehr verfinsterte und nur die Häuser von Montreux im grellen Sonnenschein auf uns herabsahen. Es donnerte leise über den Felsgipfeln drüben, doch fiel kein Tropfen. So wie wir ruderten, war unser Ziel in einer starken halben Stunde zu erreichen. Keins sprach ein Wort. Sie hatte ihren Schleier über das halbe Gesicht gezogen, so daß ich nur den blassen Mund sehen konnte, der ein wenig geöffnet war und dann und wann zuckte, mehr verächtlich als schmerzlich. Plötzlich erhob sie sich, stieg über das Bänkchen hinweg und ging auf den Burschen zu, der am Steuerruder saß. Was haben Sie vor? rief ich. – Nichts Böses. Ich will den Steuermann nur ein wenig ablösen. Ich verstehe mich ganz gut darauf. – Eh ich dazwischen treten konnte, hatte sie dem jungen Menschen das Steuer aus den Händen genommen und saß auf seinem Platz. Mir war nicht ganz wohl dabei; ihre Stimme klang so seltsam. Aber ich ließ sie gewähren, um keine Zeit zu verlieren, und verdoppelte meine Anstrengung. Da sah ich nach einer kurzen Zeit, daß sie dem Kahn eine Wendung gegeben hatte, die ihn mitten in den hochgehenden See hineintrieb. Die zarten Arme aber hatten so viel Kraft, daß ich nicht sogleich dagegen an konnte, was ich am liebsten stillschweigend gethan hätte. Und zugleich erkannte ich hieraus, daß es ihre volle Absicht war. Sie steuern falsch! rief ich ihr zu. Ich bitte Sie um Alles in der Welt, geben Sie das Steuer wieder ab! Wir kommen mitten in den Sturm.

Meinen Sie? erwiderte sie leise. Ich denke, Sie fürchten ihn nicht? Sehen Sie nur die schönen Wellen! Sie thun auch nichts Böses, sie nehmen einen viel weicher in den Arm als die Menschen. Sehen Sie nur, sehen Sie! Kann es etwas Lustigeres geben?

Eine hohe Woge schlug über uns herein, wir waren im Augenblick bis auf die Haut durchnäßt. Zugleich fuhr ein erster scharfer Blitz an der schwarzen Bergwand nieder.

Ich mochte die Ruder nicht loslassen, ich befahl dem Jungen, sich wieder ans Steuer zu setzen, er zuckte die Achseln und wies nach der Gräfin, die unbekümmert um Alles, was um sie her vorging, ins Weite starrte.

Wir waren dabei schon so weit vom Ufer abgekommen, daß wir die Häuser in dem grauen Gewitterzwielicht kaum noch unterscheiden konnten.

Ich mußte ein Ende machen. Ich stand auf, winkte dem Schifferburschen, meine Ruder zu fassen, und schritt schwankend und taumelnd nach dem anderen Ende des Bootes. Ihre Augen trafen mich durch den Schleier mit einem festen, drohenden Blick.

Seien Sie vernünftig! sagte ich auf Deutsch zu ihr. Ich werde dies nicht länger dulden. Geben Sie mir das Steuer, wollen Sie? Nun denn –

Und mit einem raschen Griff warf ich meine Hände um ihre schlanken Handgelenke und drückte sie so stark, daß sie das Steuerruder fahren ließen. Ich hielt sie so einen Augenblick fest umklammert, obwohl ich ihr weh thun mußte. Sie gab keinen Laut des Schmerzes von sich, sie sah mich nur unverwandt an, mit einem Blick des Hasses oder der tiefsten Empörung, etwa eine Minute lang. Dann verwandelte sich ihr Ausdruck, der Mund zitterte, die Augen schlossen sich mit einem unsäglichen Zug des Jammers und der Verzweiflung; als ich ihre Hände freigab, stürzte sie mir plötzlich zu Füßen, und ich hörte nichts als ein dumpfes Stöhnen und die Worte: Pardonnez moi! Je suis une folle!

Ich mußte nach dem Steuer greifen und konnte ihr nur in meiner Angst und Bestürzung zuflüstern, sie solle sich zusammennehmen und wieder aufrichten. Sie that es auch, und nach wenig Augenblicken saß sie wieder auf dem Bänkchen, jetzt aber mir abgewandt, das Gesicht auf die Brust gesenkt. Ich richtete kein Wort mehr an sie, ich hatte alle Kraft aufzubieten, den Kahn wieder in den rechten Curs zu bringen und nun dem Lande zuzusteuern. Nur hatte die kurze Scene so heftig auf mich gewirkt, daß ich beständig den einen Gedanken in mir wälzte: welche Seligkeit es gewesen wäre, in diesem Aufruhr der Elemente sie zu umschlingen und mit ihr zu Grunde zu gehen!

Der Sturm half uns, wir kamen früher ans Land, als ich gedacht hatte. Ich sprang zuerst hinaus und wollte sie hinausheben, sie machte aber eine abwehrende Bewegung und sprang vom Bord ohne jede Hülfe auf den Sand. Doch sah ich, wie sie in ihrem nassen Kleide über und über zitterte. Ich fragte, ob ihr unwohl sei; sie schüttelte den Kopf. Doch nahm sie meinen Arm, als ich sie nach Hause zurückbegleitete.

Meine Frau stand auf dem Balcon und rief uns ein helles Willkommen zu; sie habe große Angst ausgestanden. Sie werde hinunterkommen, der Freundin beim Umkleiden zu helfen. O nein! nein! rief die Gräfin und zog ihren Arm aus dem meinen. Ich brauche Nichts – ich danke – gute Nacht!

Damit eilte sie von mir hinweg, ohne nur einen Blick hinaufzuwerfen oder einen Gruß mit der winkenden Hand. Ich folgte ihr langsamer in das Haus; ich fühlte mich sehr erschöpft und stieg, noch immer schwankend von der Bewegung des Kahns, die Treppe hinauf.

Das Wetter war fast völlig vorüber, ein grelles Abendroth füllte unser Zimmer. Meine Frau hatte mir schon trockne Kleider zurechtgelegt, sie empfing mich mit ihrer stillen liebevollen Art und ließ mich dann allein, da ich mich von Kopf bis Fuß umzukleiden hatte. Es fiel mir nicht gleich auf, daß sie einsilbig war und von dem Abenteuer unserer Fahrt nicht ausführlichen Bericht verlangte. Mein eigenes Gemüth war noch ganz von dem Erlebten eingenommen, und nur mechanisch wie im Traum wechselte ich die Kleider.

Nun erst fiel mir ein, nachzusehen, wie sich unser Kind befinde. Als ich in das andere Zimmer trat, fand ich die Kleine in einem Lehnstuhl am offenen Fenster eingeschlafen. Meine Frau flüsterte mir zu, sie habe ihr ein paar beruhigende Tropfen eingegeben, und unter dem Vorlesen sei sie eingeschlummert. Ich möchte nur allein zu Tische gehen, sie selbst habe keinen Appetit und werde sich mit einer Tasse Thee begnügen.

Also ging ich wieder, obwohl auch ich lieber von der Tafel weggeblieben wäre, da ich ihr nun allein gegenübersitzen sollte. Das aber wurde mir erspart. Auch sie blieb auf ihrem Zimmer. Ich sprach, so lange das sehr ausführliche Diner dauerte, keine zwei Worte.

Nach Tische war ich gewohnt, im Garten meine Cigarre zu rauchen. Ich trennte mich darum nicht von den Frauen, da die Gräfin unten am offenen Fenster oder auf ihrer Terrasse zu erscheinen pflegte, meine Frau aber auf dem Balcon, in der letzten Zeit immer Beide zusammen, so daß ich zu ihnen hinaufplaudern konnte. Heute blieben Balcon und Terrasse leer, und ich zog mich bald in die tieferen Partien des Gartens zurück.

Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß ich über meinen Zustand energisch nachgedacht hätte. Ich stand ihn aus, das war Alles. Ich hatte wol ein deutliches Gefühl, es könne nicht so bleiben; irgend Etwas müsse geschehen, beschlossen, ausgesprochen werden, um nicht in dieser Schwüle zu ersticken. Wie das aber anzufangen sei, blieb mir völlig dunkel.

Die Cigarre war längst ausgeraucht, ich stand aber noch an der Brustwehr des kleinen Pavillons hart am See und sah über die schwärzliche Fläche hinaus, die sich jetzt wie ein ungeheurer metallener Spiegel im Rahmen der schwarzen Berge ausnahm. Erst als ein paar Sterne daraus hervorschimmerten, konnte ich mich entschließen, ins Haus zu gehen. Zum ersten Mal kostete mich's eine leise Ueberwindung, meiner Frau ins Gesicht zu sehen.

Es war mir darum eine förmliche Wohlthat, als ich sacht an ihre Thür klopfte und statt des Herein! die geflüsterte Bitte hörte, jetzt nicht zu kommen, sie habe die Kleine eben zu Bett gebracht, wir wollten sie heut nicht mehr stören. Sie rief mir selbst eine Gute Nacht! zu. So war ich für heut mit meinem verstörten Gemüth allein.

Ich zündete Licht an und versuchte zu lesen. Die Buchstaben tanzten mir vor den Augen. Ich nahm die Mappe meiner Frau und betrachtete all ihre Zeichnungen Blatt für Blatt, doch als ich an die Porträtskizzen kam, schlug ich die Mappe hastig zu, als ertappte ich mich auf verbotenen Wegen. Dann saß ich lange, den Kopf in die Hand gestützt, ganz unthätig vor meinem Schreibtisch und versank immer tiefer in einen Abgrund von hoffnungslosen Wünschen, Schmerzen und Selbstanklagen.

Auf einmal öffnete sich leise die Thür, und meine Frau trat herein. Sie hatte schon ihr Nachthäubchen auf, war aber noch völlig angekleidet. Offenbar hatte sie sich, schon im Begriff zu Bett zu gehen, noch einmal anders besonnen.

Ihr Gesicht war etwas blasser als sonst, ihre schönen Augen glänzten ganz eigenthümlich, wie wenn ein kleiner Thränenschauer darüber hingegangen wäre. Dazu eine leise Befangenheit, die sie um zehn Jahre jünger, fast mädchenhaft erscheinen ließ. Ich hatte nie deutlicher gefühlt, welch einen Schatz ich an ihr besaß.

Ich will dich nicht lange stören, sagte sie, aber ich möchte noch mit dir sprechen, vielleicht schlafen wir dann Beide besser. – Sie setzte sich auf einen Stuhl mit dem Rücken gegen die offene Balconthüre. – Soll ich nicht die Fenster schließen? fragt' ich. – Wozu? Es sind keine Geheimnisse, ich könnte eben so gut unter sechs Augen davon reden. Du selbst wirst dir ja Alles längst gestanden und klar gemacht haben.

Was? fragt' ich und sah an ihr vorbei in die Nacht hinaus.

Nun, daß du sie liebst. Dergleichen merkt man ja bald genug. Und auch sie ist kein unerfahrenes Kind mehr. Ich möchte nur auch wissen, ob du es ihr gesagt hast, und wie sie es aufgenommen.

Ich saß wie in einer geistigen Ohnmacht ihr gegenüber, oder wie man zuweilen davon träumt, sich in einer feierlichen Gesellschaft zu befinden und plötzlich zu entdecken, daß man keine Kleider trägt, nur ein Hemd, und vor peinlicher Beschämung vergehen möchte.

Wie kannst du denken – stammelte ich.

Es ist mir auch nicht ganz leicht geworden, fuhr sie fort, mit einem wehmüthigen Lächeln. Aber es wird darum Nichts anders, weil man es anders wünschte. Ich hab' es kommen sehen und hätte Zeit gehabt, mich daran zu gewöhnen, wenn man sich an gewisse Erfahrungen überhaupt gewöhnen könnte. Das Beste ist immer noch, die Augen nicht zuzudrücken und die Lippen nicht zu verschließen unter Menschen, die sich wahrhaft lieben. Und du liebst mich ja noch, ich weiß es, trotz alledem.

Ich danke dir für dieses Wort! rief ich und wollte zu ihr hinstürzen, sie in meine Arme zu ziehen. Aber sie wehrte mir mit sanfter Entschiedenheit ab.

Nein, bleibt sagte sie. Wir wollen uns ruhig aussprechen. Ich bin auch keine Heldin, und dies Gespräch wird mir schwer. Aber sage mir –

Ich versicherte ihr bei meiner Mannesehre, daß kein Wort über meine Lippen gekommen sei, womit ich den Zustand meines Herzens verrathen hätte. Und nun erzählte ich ihr, was heut auf dem See sich zugetragen, bis ins Kleinste, auch Alles, was ich dabei empfunden hatte.

Mir ahnte so etwas, erwiderte sie ruhig. Sie vermied meinen Blick, und du – du hattest nicht einmal einen Gedanken übrig, zu fragen, was unser Kind mache. Es ist eine Leidenschaft, das können wir uns nicht verbergen. Du wirst mich nicht für so kleinlich halten, daß ich mich einer armseligen Eifersucht überließe, dich mit Vorwürfen überhäufte oder gar eine Scene machte, die unserer Freundin zeigte, wie weh sie mir gethan. Kann ich es dir verdenken, daß du sie liebst, die so liebenswürdig ist, die ich selbst noch jetzt – so liebe wie eine eigene Schwester? Es überrascht mich auch nicht, ich wußte es bei dem ersten Blick in dies reizende Gesicht. Wenn ich trotzdem nichts that, sie von uns zu entfernen, ja sie nur noch intimer an uns heranzog, war es nur, weil ich das alte Wort immer für grundfalsch gehalten habe: die Abwesenden hätten Unrecht. Nein, sie haben ein Vorrecht vor allen Gegenwärtigen, unser Herz idealisirt sie, Liebe und Sehnsucht wachsen nur noch mit der Entfernung. Ich hoffte, der erste Zauber werde sich verwischen und verblassen bei häufigerem Verkehr. Nun ist es freilich ganz anders gekommen, und wie es weiter werden soll – in dieser Stunde ist es mir noch völlig dunkel.

Laß uns fort! sagte ich. Wir können heut Abend noch einpacken und morgen mit dem ersten Dampfschiff nach Lausanne. Ich verspreche dir, diese Krankheit wird aus meinem Blute schwinden, sobald ich nur die Luft gewechselt habe.

Sie schüttelte leise den Kopf.

Die Abwesenden behalten Recht, sagte sie. Ja, wenn es eine bloße Laune wäre, du überhaupt ein leichtsinniger, leichtblütiger Mann wärst und sie eine hübsche Theaterprinzessin! Aber bedenke, was alles bei ihr mitwirkt: ihr Unglück, ihre Verlassenheit, der Adel ihres ganzen Wesens, auch ihre Musik. Du würdest beim ersten Geigenstrich Alles wieder aufleben fühlen. Nein, liebster Freund, wir dürfen nicht fliehen, auch ich darf in deinen Augen nicht feige erscheinen. Ich bin es auch nicht. Ich weiß, daß wir zu fest verbunden sind, um durch irgend eine Macht getrennt zu werden. Aber freilich, so hochherzig bin ich nicht, daß ich auf den Alleinbesitz verzichten könnte. Lieber hört' ich auf zu leben.

Wir saßen uns stumm und traurig gegenüber. Ich fühlte, daß jedes Wort, jede Versicherung meines guten Willens eine Trivialität gewesen wäre, eine Entweihung unseres Verhältnisses, das sie so hoch und rein anschaute. Da stand sie endlich auf.

Mir ist nun viel besser, sagte sie und lächelte mit einem unsäglich schönen und tapferen Ausdruck. Mach auch du dir keine Gedanken weiter. Guter Rath kommt über Nacht. Versprich mir nur, das Vertrauen zu mir festzuhalten, nie zu glauben, daß du mir etwas verbergen müssest, weil es mich kränken könnte. Nur das Verbergen würde mich kränken. Sind wir nicht Menschen, das heißt, arme Geschöpfe, die nicht Herren ihres Herzens sind? Niemand kann gutstehen für seine Empfindungen, nur für sein Handeln. Und du, das weiß ich, wirst nie etwas thun, was dich wahrhaft mit mir entzweite. Gute Nacht!

Sie reichte mir die Hand; ich wollte das herrliche Wesen in meine Arme schließen, aber sie trat mit stillem Kopfschütteln zurück, grüßte mich noch einmal mit den Augen und verschwand in ihrem Zimmer.

——————

Sie können denken, daß ich spät zum Schlafen kam. Doch war es diesmal nicht das Fieber einer rathlosen, heillosen Leidenschaft, was mich so manche Nacht halbwach hatte verträumen lassen. Auf diese brennende Wunde hatten die stillen, klaren Worte, die ich eben gehört, einen wunderkräftigen Balsam geträufelt. Ich fühlte mich bereits in einer Art Genesung, deren Reiz aber so groß war, daß ich darüber nicht einzuschlafen vermochte. Ich hatte Momente, wo ich es kaum noch begriff, wie jemals ein anderes Weib, als dies mein eigenes, Gewalt über mich hatte gewinnen können. Mehr als einmal fühlte ich das heftigste Verlangen, mich in ihr Zimmer zu schleichen, an ihrem Bette niederzuknieen, und wenn sie halb aufwachte, ihr eine Liebeserklärung zu machen. Aber ich mußte daran denken, wie sie mich ruhig zurückgewiesen hatte, und daß ich vielleicht keinen Glauben finden würde mit meinen wärmsten Betheuerungen. Darüber schlief ich endlich ein.

Ich erwachte noch vor Sonnenaufgang. Sie wissen, daß es an jenem Ufer schon eine gute Weile Tag ist, bevor die Sonne über die Dent du Midi herauskommt. Unten im Haus war auch schon Leben und Bewegung. Nur im Zimmer nebenan rührte sich nichts. Ich dachte, sie habe gleich mir erst spät die Augen schließen können, und gönnte ihr den Morgenschlaf. Mich aber trieb es hinaus.

Ich kleidete mich leise an und schlich die Treppe hinab. Ich sehnte mich nach einem Bad im See, da mir alle Adern brannten. Wie ich hinunterkomme und an der verhängnißvollen Thüre vorbeiwill, seh' ich diese halb offen stehen, und drinnen, mitten im Zimmer auf einem Stuhl, von Koffern umringt, die schon geschlossen waren, saß sie selbst, auf dem Tisch vor ihr lag die Rechnung, deren Betrag sie eben in Gold aufgezählt hatte.

Unwillkürlich blieb ich stehen. In demselben Augenblick blickte sie auf und erkannte mich. Ich trat in großer Bewegung über ihre Schwelle.

Sie sind im Begriff abzureisen, Gräfin? rief ich. Wie ist es zu diesem plötzlichen Entschluß –

Mein Bruder hat mir noch gestern Abend telegraphirt, sagte sie rasch, ohne mich dabei anzusehen. Er ist in Sorge wegen des Auftritts mit dem Grafen, den ich ihm nicht verschwiegen habe, er wünscht, daß ich unverzüglich nach Paris komme – er hat auch wohl Recht – es ist in jeder Hinsicht das Beste –

Sie schwieg und bückte sich auf ein kleines Reisetäschchen, das sie auf dem Schooß hielt. Ich war an das Pianino getreten und blätterte in den Noten, die darauf lagen, nur um ein Geräusch zu machen. Wenn es so still blieb zwischen uns, schien mir's, als müßte sie das Klopfen meines Herzens hören. Und doch konnte ich kein Wort hervorbringen.

Grüßen Sie Ihre Frau! hörte ich sie weiter sagen. Es ist noch so früh – sie schläft gewiß noch – ich will sie nicht stören, um Abschied zu nehmen, – von Paris aus schreibe ich ihr – sagen Sie ihr indessen –

Sie stockte vom Neuem. Ihre Stimme klang so schüchtern und demüthig – wie sie da saß und nicht aufzublicken wagte, war sie so ganz das Bild der rührendsten Zerknirschung und Hülflosigkeit – ich konnte es nicht übers Herz bringen, sie Alles allein tragen zu lassen.

Ich wandte mich rasch nach ihr um.

Wollen wir uns in der letzten Stunde zu täuschen suchen? sagt' ich. Es ist großmüthig von Ihnen, aber es beschämt mich zu sehr. Ich weiß, warum Sie so plötzlich uns verlassen wollen, Ihr Bruder hat damit nichts zu thun – nein, es soll keine Unwahrheit zwischen uns sein. Ich allein bin es, der Sie forttreibt. Sie wissen, daß ich Sie leidenschaftlich liebe – hören Sie mich geduldig an – ich will Ihnen ja nichts sagen, was unser Beider nicht würdig wäre. Wir alle Drei wissen Alles von einander, darum können wir nicht zusammenbleiben. Es ist so gekommen, ohne daß irgend Einer sich Etwas vorzuwerfen hätte. Sie aber haben meine Frau zu lieb, und auch mich – ich weiß ja, daß Sie mir freundlich zugethan sind, – nun wollen Sie keine Verstörung in unser Leben bringen. Es ist Nichts anders geworden zwischen mir und meiner Frau, wir leben noch Eins im Andern wie je, aber Sie haben Recht, man soll nicht zu sehr auf ein solches Glück pochen, und auf die Länge – selbst bei dem reinsten Willen –

Ich weiß nicht, was ich noch Alles sagte. Ich sehe noch heute ihren Kopf vor mir, auf den ich beständig niederblickte, den schmalen weißen Strich zwischen dem leicht gewellten tiefschwarzen Haar, den dicken einfachen Knoten mit der silbernen Nadel tief im Nacken. Auch ihre mühsam athmende Brust sah ich und die beiden kleinen Hände, die über dem Ledertäschchen lagen und leise zitterten. Vom Gesicht sah ich Nichts.

Da wendete sie es mir plötzlich zu, die Augen mit einem vollen Blick des Dankes zu mir aufgeschlagen, aber von Thränen überströmt. Lucile! rief ich und stürzte vor ihr nieder und zog mit meinen Händen ihren Kopf zu mir herab. – Laß uns scheiden! stammelte ich. Sie erwiderte keine Silbe. Ich drückte meine Lippen auf ihre beiden Augen, dann riß ich mich empor und floh aus dem Zimmer.

Ich rannte aus dem Haus, die nächste Straße hinunter, dann den steilen Weg nach Montreux hinauf. Auf halber Höhe stand eine Bank an der Mauer, die dort einen kleinen Rebgarten einschließt. Da machte ich Halt und blieb eine Weile mit geschlossenen Augen sitzen in jenem dumpfen Zustande zwischen Schmerz und Genugthuung, wie er einzutreten pflegt, wenn man auf Kosten eines tiefen Herzensbedürfnisses seine Schuldigkeit gethan, wenn man einer verbotenen Frucht entsagt hat.

Der Morgen war sonnenlos geblieben, ein starker Föhn hatte die Savoyer Berge in Duft eingesponnen, nun fing es leise an zu regnen. Als ich aufsah, erblickte ich das Dampfschiff, das in Vernex angelegt hatte, schon weiter in voller Fahrt nach Vevey zu. Ich strengte mich vergebens an, unter den in Regenmäntel eingehüllten Gestalten auf dem Verdeck die Eine herauszufinden, die sich mir nun für immer entzog. Dann stand ich auf und ging langsam wieder herunter, meiner Frau zu sagen, was geschehen war.

Nur einen Augenblick mußte ich noch unten in den kleinen Salon eintreten, dessen Thür offen geblieben war. Die Spuren eines eiligen Aufbruchs waren noch nicht getilgt, zerrissene Rechnungen, zerstreute welke Blumen, auf dem Klavierstuhl ein einzelnes Blatt mit Noten, das mitten durchgerissen war. Ich nahm es in die Hand, es war das erste Blatt aus dem wohltemperirten Klavier, jenes Präludium, durch das wir uns kennen gelernt. Galeotto fu il libro –! Es war wohl eine traurige Stunde gewesen, wo sie an dem unschuldigen Blatt ihren Schmerz und Trotz ausgelassen hatte. Ich nahm es zu mir und steckte es sorgfältig ein.

Dann ging ich hinauf. Noch immer kein Laut im Schlafzimmer meiner Frau. Ich klopfte endlich leise an, und da Niemand antwortete, trat ich ein. Weder Mutter noch Kind zu sehen, die Fenster offen, Hüte und Mäntel verschwunden.

Ich weiß nicht, warum es mir so unheimlich war. Nichts natürlicher, als daß sie ihren Morgenspaziergang gemacht hatten, da sie mich nicht mehr fanden. Ich rief das Zimmermädchen, sie hatte meine Frau mit dem Kinde fortgehn sehen in der Richtung nach Chillon; einen Auftrag an mich hatte sie nicht erhalten. Aber sie würden unzweifelhaft bald wiederkommen, da sich's inzwischen zu einem starken Landregen angelassen hatte.

Ich beschloß also zu warten. Aber keine halbe Stunde hielt ich es aus. Mit großen Schritten ging ich die Straße hinunter, die dem Ufer folgend zwischen Landhäusern und Weinbergsmauern nach Chillon führt. Bei jeder Windung des Wegs glaubte ich die beiden geliebten Gestalten zu erblicken. Immer eine neue Täuschung. Ich kam endlich bei dem Chillon-Inselchen an, ich fragte den Wächter auf der Brücke, ob vielleicht eine Dame mit einem Kinde ins Schloß gegangen sei. Den ganzen Morgen hatte sich außer ein paar Engländern kein Besucher blicken lassen.

Wie mir zu Muthe war bei diesem Bescheide, will ich Ihnen nicht zu schildern versuchen. Ich kehrte sofort wieder um und legte den Weg in der Hälfte der gewöhnlichen Zeit zurück. Durchnäßt, erschöpft und fieberhaft aufgeregt kam ich zu Hause wieder an. Die Zeit des Déjeuners war verstrichen, auch zu diesem hatten sie sich nicht wieder eingefunden.

Ich war im Augenblick unfähig, von Neuem aufzubrechen und ins Blaue hinein den Flüchtigen nachzuforschen. Ihr Zimmer und das meine, ihren Schreibtisch, jedes ihrer Kästchen und Körbchen durchstöberte ich, in der Hoffnung – vielmehr in der Furcht –, einen Zettel zu finden, der mir irgend einen Wink über dies räthselhafte Verschwinden geben sollte. Nichts fand ich. Das warf meinen Muth vollends nieder. Ich streckte mich auf das Sopha und lag wohl eine Stunde in der bittersten Noth meiner armen Seele, von den unglaublichsten Schreckgepenstern bestürmt, – ein Fegefeuer, in welchem ich reichlich für meine Sünde büßte.

Endlich rüttelte ich mich gewaltsam in die Höhe. Es war etwa zwei Uhr geworden, und der Regen begann sich zu verziehen. Obwohl ich an allen Gliedern wie zerschlagen war, beschloß ich doch, mich wieder aufzumachen, zunächst nach Montreux hinaus, wo sie öfters gezeichnet hatte. Vielleicht hatte sie dort das Wetter überrascht, und sie hatte, des Kindes wegen, es unter einem gastfreundlichen Dach abwarten wollen.

Eben war ich wieder gerüstet, da öffnet sich die Thür, und ein Mann tritt ein, in der Blouse eines Kutschers, fragt nach meinem Namen und übergiebt mir ein Billet.

Sie schrieb mir von Vevey aus, woher der Mann eben mit seinem Wägelchen gekommen war. Sie habe am Morgen plötzlich sich entschlossen, ihren alten Plan auszuführen und die Vorsteherin jener Pension, in der sie als Mädchen gelebt, zu besuchen, die sie ja so dringend eingeladen. Sie bitte mich zu verzeihen, daß sie mich nicht früher benachrichtigt habe; wie das gekommen, wolle sie mir mündlich mittheilen. Diese Nacht denke sie dort zu bleiben, das Zimmer, das sie damals bewohnt, stehe gerade leer, sie wolle gern einmal wieder in dem Bette schlafen, wo sie ihre Mädchenträume geträumt, und dem Kinde all die Stellen zeigen, die in ihrer Jugendzeit ihr lieb geworden. Morgen werde sie zu mir zurückkehren.

Während ich las, erzählte mir der Bote in seinem Patois ein Langes und Breites von einem Fräulein aus der Pension, das er nach Bex zu fahren habe, und wie sich's so gut getroffen, daß die fremde Dame gerade gekommen sei, als er eingespannt, so daß sie ihm den Brief habe mitgeben können; und jetzt müsse er wieder fort. Ich hörte nur mit halbem Ohr, gab ihm seinen Botenlohn und blieb nun wieder allein.

Daß es ganz zufällig so gekommen sei, konnte ich nicht glauben. Ich erkannte eine kleine List meiner Liebsten, mich empfinden zu lassen, was es heiße, wenn sie mir fehle. Die Abwesenden haben Recht! war ja ihre Maxime. Sie bewährte sich nur allzugrausam.

Aber ich wollte meine Buße nicht ohne Noth verlängern. Zwar erst in zwei Stunden ging wieder ein Dampfschiff. Von der Eisenbahn wurde damals erst gesprochen. Immerhin war nicht viel Zeit gewonnen, wenn ich einen Wagen genommen hätte, und die langsame Bewegung hätte mich außer mir gebracht.

Ich will es kurz machen. Gegen sieben Uhr kam ich in Vevey an und ließ mich sofort nach jener Pension führen. Man wies mich in den Garten. Es war der schönste, klarste Abend geworden, und obwohl die Sonne längst hinunter war, glänzte die Luft doch von so starker Helle, daß man im Freien noch hätte lesen können. Ich sah schon von Weitem meine Verlorenen, das liebe Kind lief mir mit einem Freudenschrei entgegen und fiel mir so ungestüm um den Hals, als ob es ahnte, wie viel mir zu Leide gethan worden sei durch diese Trennung. Langsamer, da sie neben der alten Directrice ging, kam mir mein Weib entgegen, aber mit dem liebevollsten Gesicht und einem leichten Erröthen, als schäme sie sich ein wenig, auf einer Hinterlist ertappt zu sein. Sie stellte mich ihrer würdigen Freundin vor, einem trefflichen kleinen Fräulein mit schlohweißem Haar, höchst munteren schwarzen Augen und einem ansehnlichen Schnurrbärtchen, das allein noch nicht weiß werden wollte.

Ich mußte die Runde durch den Garten und das Haus machen, alle »historischen« Localitäten sehen, zuletzt auch das schmale, sehr saubere Stübchen, wo jetzt auf dem Sopha noch ein Bett für das Kind aufgeschlagen war. Es waren gerade Ferien und die meisten Pensionärinnen zu Besuch bei ihren Eltern. So blieben wir, da ich zum Essen geladen wurde, fast unter uns und plauderten sehr lustig von hundert Dingen; das, was am Morgen sich ereignet hatte, wurde mit keinem Wort erwähnt. Als ich gegen neun Uhr Abschied nahm, um in einem Hôtel zu übernachten, drückte mir meine Frau herzlich die Hand, mit einem Blick jedoch, der jede weitere Zärtlichkeit abwies, – ich blieb im Ungewissen, ob aus Rücksicht auf die halb klösterliche Haussitte, oder aus einem anderen Grunde.

Auch grübelte ich nicht lange darüber nach. Ich war so tief ermüdet durch den schweren Tag, daß ich in meinem öden Gasthofszimmer sofort einschlief und erst von der Sonne geweckt wurde.

——————

Wir nahmen am andern Tag ein Wägelchen, um nach Vernex zurückzufahren. Unsere kleine Tochter saß uns gegenüber, an ein Aussprechen unserer innersten Empfindungen war unterwegs nicht zu denken. Zu Hause angelangt, sprang das Kind sogleich in den Garten zu einer Spielkameradin. Wir Zwei stiegen die Treppe hinauf, an der Wohnung der Freundin vorbei, die noch leer stand.

Ich habe dir Grüße zu bestellen, sagt' ich. Sie ist gestern früh fortgereis't. Von Paris aus will sie dir schreiben.

Meine Frau sah mich mit einem reizenden, halb schüchternen, halb schalkhaften Lächeln an.

Auch ich soll dich grüßen, sagte sie, wenigstens war der letzte Händedruck, nachdem wir uns schon dreimal umarmt hatten, gewiß für dich bestimmt. Der Brief aus Paris wird aber ausbleiben. Wir haben über eine Correspondenz Nichts ausgemacht. Ja, fuhr sie fort, da ich sie verwundert ansah, ich habe meine feinen Ohren nicht umsonst. Ich hörte ganz gut, wie mein Herr Gemahl seinen Morgenbesuch unten machte, und merkte an dem ungewöhnlichen Regen und Bewegen, daß die Abreise beschlossen war. Da hab' ich ihr doch noch eine Strecke das Geleit geben wollen. Warum sollten wir so stumm und heimlich auseinanderkommen? Hatten wir denn feindselige Gedanken gegen einander? Ich wenigstens war ihr nicht gram, daß sie dich liebenswürdig gefunden hatte, diese Schwäche theilt sie ja mit mir, und daß ich dir früher begegnet war, als sie, was konnte sie dafür? Ich war sogar einen Augenblick drauf und dran, ihr zum Bleiben zuzureden. Aber das wäre doch ein frevelhaftes Herausfordern der himmlischen Mächte gewesen. Nun blieb ich wenigstens bis Vevey an ihrer Seite, und wir sprachen uns aus, – so viel wir konnten, ohne die Dinge beim Namen zu nennen. Bist du mit mir zufrieden?

Sie hielt mir ihre Hand hin. Ich faßte sie zögernd. Wenn du nur mit mir zufrieden bist! sagt' ich. Ich fand sie so niedergeschlagen, wie wenn sie etwas gethan, was sie sich nie vergeben könnte. Es schien mir unritterlich, sie bei dem Glauben zu lassen, als hätte ich ihrer Verirrung kühl gegenübergestanden. Da hab' ich mich auch ausgesprochen, – und freilich die Dinge beim Namen genannt. Ja, im letzten Augenblick habe ich sie auf beide Augen geküßt, und sie hat es gelitten. Dies ist nun Alles, was ich auf dem Herzen hatte.

Es ist wenig – und doch gerade genug, erwiderte sie sanft. Wir wollen nun fürs Erste nicht mehr davon sprechen.

Das geschah denn auch. Ja, nicht nur das Sprechen von ihr unterließ ich, auch das Denken an sie verlernte ich unerwartet schnell. Es kam mir Allerlei dabei zu Hülfe, vor Allem, daß ich durch einen Brief meines Inspectors eilig nach Hause berufen wurde, da meine Anwesenheit auf dem Gut unentbehrlich geworden war. Wir reis'ten schon am dritten Tage nach jenem Intermezzo ab. Dann kam ein früher Winter, der viel Arbeit brachte, da es sich um den Ankauf eines benachbarten kleineren Gutes handelte. In all diesen Haus- und Feldsorgen stand meine Frau mir mit ihrem klugen Blick und ihrer heiteren Klarheit treu zur Seite, und wer uns so miteinander sah, hätte nicht geahnt, daß irgend etwas in unserm musterhaften Füreinanderleben sich geändert hätte. Und doch war es nicht ganz wie sonst.

Ein Schwert lag zwischen uns, unsichtbar, aber nicht unfühlbar.

Anfangs hatte ich es still hingenommen, wenn sie sich einer zärtlichen Annäherung mit sanfter Festigkeit entzog. Sie betrug sich im Uebrigen nicht kalt und fremd gegen mich, ja ihre liebevolle Sorgfalt und ihr beständiges Aufmerken auf meine Wünsche, noch ehe ich sie aussprach, steigerten sich noch. Aber eine gewisse spröde Zurückhaltung verließ sie nie. Als ich sie endlich geradezu befragte, ob meine Nähe ihr unlieb geworden sei, ob sie mich etwa gar bestrafen wolle durch das Versagen der unschuldigsten Liebkosung, schüttelte sie sehr ernst den Kopf und wurde roth wie ein junges Mädchen.

Ich weiß nicht, ob du mich verstehen wirst, sagte sie. Es ist mir aber, als wären wir nicht mehr allein, als blickte noch Jemand in unsere Intimität hinein, und du selbst, – mir ist, als sähest du zugleich mich und eine Andere an. Laß uns noch ein wenig Zeit. Wir bringen es wohl wieder dahin, unter vier Augen zu sein.

Darüber verging der Winter und ein Theil des Sommers. Der Brief aus Paris war richtig ausgeblieben. Zu meinen eigenen Aufgaben kam noch die Politik, ich hatte den Kopf voll Wahlreden und Parteiprogrammen. Wenn ich dann und wann Zeit hatte, einen Blick in mein Inneres zu thun, fand ich von meinen beiden Herzkammern nur die eine bewohnt und ausgefüllt durch die lebendigste Liebe. Die andere war leer und dumpf wie ein Gemach, das lange nicht mehr gelüftet und der Sonne geöffnet worden ist. An der Wand hing ein Bild, dessen Rahmen verstaubt, dessen Farben verblichen waren.

Ich war kaum erstaunt, daß dies so rasch geschehen konnte. In dem seltsamen zweiten Brautstand, in welchem ich mit meiner Frau lebte, war meine leidenschaftliche Natur ganz in Anspruch genommen von dem Kummer, daß ich sie mir entfremdet hatte. Aber ich wußte, daß »mit Bitten und mit Grämen und mit selbsteigner Pein« ihr nichts abzugewinnen war. Vielleicht kommt dir wieder ein Traum zu Hülfe, wie damals dacht' ich. Die Wandlung geschah aber im Wachen.

Wir saßen eines Morgens einander beim Frühstück allein gegenüber, das Kind hatte schon seine Schulstunde beim Pfarrer. Unter den Zeitungen, die wir durchblätterten, war auch eine französische, die einer unserer Gutsnachbarn hielt und uns regelmäßig mittheilte.

Ich überflog die Spalten mechanisch. Plötzlich blieb mein Auge an einem Namen haften.

Sieh, sagte ich, da haben wir endlich die Erklärung, warum der Pariser Brief nicht geschrieben worden ist.

Hast du es auch gelesen?

Sie sah mich forschend an, ohne etwas zu erwidern.

»Man spricht in Hofkreisen viel von der Verlobung des Herzogs von E. mit der schönen Gräfin Lucile von ***, die bekanntlich zu den Intimen des kaiserlichen Hofes gehört und deren Gatte vor drei Monaten in Monaco, nach einem bedeutenden Verlust im Spiel, ein so trauriges Ende nahm. Wie es heißt, habe die Kaiserin der Braut einen prachtvollen Schmuck –« und so weiter. Ich gestehe, setzte ich hinzu, daß mir seit langer Zeit keine Neuigkeit größere Freude gemacht hat. Arme Lucile! Sie hat wohl verdient, daß sie für ihre traurige Jugend kaiserlich entschädigt wurde.

Immer noch schwieg meine Frau. Dann stand sie auf, ging zu mir hin, schlang die Arme um mich und küßte mich auf beide Augen. – Ich wußte es schon seit gestern, sagte sie. Wirst du glauben, daß ich schwach genug war, mich davor zu fürchten, wie du es aufnehmen würdest?

O Kind, sagte ich, du hast immer Gespenster gesehen. Wirst du nun endlich glauben, daß wir nur unter vier Augen sind? –

Seit jenem Tage war nicht ein Hauch mehr zwischen uns, – ein Glück, das wie jedes echte Glück sich nie erschöpfte. Sie konnte zu ihrer Devise das schöne Wort machen:

– Je mehr ich habe,
Je mehr auch geb' ich. Beides ist unendlich.

Und als es zu Ende ging – nach drei kurzen Jahren – wirkte es noch unabsehlich fort, wie alles wahrhaft Vollendete. Aber davon wollen wir schweigen.

——————

Er stand auf. Es schlug eben Eins.

Ich habe Sie so lange aufgehalten, sagte er. Nun will ich Sie auf dem kürzesten Wege bis an Ihr Haus bringen. Sie werden sonst zum Dank für die Geduld, mit der Sie meine lange wunderliche Geschichte mit angehört haben, noch gründlich naß.

In der That fingen die Wolken an, sich in einen leichten warmen Regen aufzulösen.

Und haben Sie nie mehr erfahren, wie es der Gräfin ergangen ist? fragt' ich. Ich gestehe, daß ihr so rasches Eingehen einer neuen Verbindung mich doch seltsam berührt. Vielleicht war es nur der Wunsch, mit allerlei hoffnungslosen Wünschen abzuschließen.

O, sagte er, Sie thun ihr Unrecht. Es ging noch seltsam damit zu. Ich habe Aehnliches gedacht, aber es ihr feierlich abbitten müssen. Sie wissen, daß ich, als ich ein einsamer Mensch geworden war, an keinem Ort Ruhe hatte. Meine Güter hatte ich verpachtet, unsere Tochter nach Vevey zu jener trefflichen Dame gebracht, die ihrer Mutter eine so treue Freundin gewesen war. Man wollte mich oft damit trösten, daß ich in dem Kinde ein leibhaftes Ebenbild der Verlorenen besäße. Es ging mir aber seltsam. Ich konnte nicht ohne Schmerz mit ansehen, daß sie körperlich ihrer Mutter immer ähnlicher wurde, während ihr geistiges Wesen kaum einen Zug von ihr hatte. Sie war völlig mir selber nachgeartet, auch die Musik hatte sie von mir. Aber es machte mich nicht glücklich, ja es schärfte meinen Schmerz, und ich habe mich erst spät überwinden können, das mancherlei Gute und Liebenswürdige, was sie besaß, anzuerkennen und zu genießen.

Nur in steter Bewegung, von Ort zu Ort reisend, konnte ich die Unruhe in mir beschwichtigen. Ich hatte mich so schon ein paar Jahr hingehalten, ein heimath- und freudloser Mensch, dachte immer von Zeit zu Zeit daran, daß es meine Pflicht wäre, mir irgend eine Wirksamkeit zu schaffen, und war endlich an die Grenze der Dreißiger vorgerückt. Daß ich allen Bemühungen guter Freunde und besonders weiser Freundinnen, mich zu einer zweiten Ehe zu bewegen, immer nur ein Achselzucken entgegensetzte, brauche ich kaum zu sagen.

So kam es an einem Herbsttage, daß ich sehr widerwillig meinen Aufenthalt in der Schweiz abbrechen mußte, um einmal auf meinen Gütern nach dem Rechten zu sehen, da ein neuer Pächter eintreten sollte. Ich war ein paar Wochen droben in Engelberg gewesen und fuhr nun am schönsten, sonnigsten Tage die herrliche Straße hinunter nach Stansstad, um über den See nach Luzern zu schiffen.

Auf halbem Wege liegt ein freundlicher Ort unter prachtvollen Nußbäumen, wo die Wagen, die vom Thal herauskommen, eine Viertelstunde zu rasten pflegen, damit die Pferde verschnaufen. Als ich die ersten Häuser erreichte, sah ich einen Zweispänner eben an dem Wirthshause anhalten und zwei Damen heraussteigen. Die eine Gestalt, ganz in Schwarz, fiel mir auf durch die Leichtigkeit ihrer Bewegungen. Sie war schon in der Thür des Hauses verschwunden, als es mir hell in der Erinnerung aufging, wer sich so zu bewegen pflegte. Eine leise Beklommenheit überfiel mich. Ich war aber sofort entschlossen, vorbeizufahren und keine weitere Bestätigung meiner Ahnung herbeizuführen.

Wie aber mein leichter offener Wagen an dem Wirthshaus vorüberrollte, sah aus einem der oberen Fenster ein Gesicht – nur allzu wohlbekannt!

Auch sie hatte mich erkannt, ich sah es an der schreckhaften Bewegung, mit der sie zurückfuhr, wie wenn plötzlich ein Schatten aus einer lang begrabenen Zeit vor ihr auftauchte. Im nächsten Augenblick hatte sie sich so weit gefaßt, daß sie mit einem leisen Neigen des Kopfes zu mir hinuntergrüßen konnte. Da war nichts zu machen; ich mußte halten lassen und zu ihr hinaufeilen.

Sie trat mir ganz unverändert entgegen, ihre Schönheit war nur noch erhöht durch etwas mehr Fülle, ihre Wangen, die die Farbe des Elfenbeins hatten, mit einer leichten Röthe übergossen durch die Aufregung dieses Wiedersehens.

Sie nahm meine Hand in ihre beiden und drückte sie zutraulich wie einem alten Freunde. Ich weiß von Ihnen Alles, sagte sie. Ich habe mit Ihnen getrauert, und wie tief! – auch wenn Sie Nichts davon erfuhren. Ich versuchte ein paar Mal zu schreiben – die Worte versagten mir immer.

Ich konnte ihr Anfangs Nichts erwidern, ich fühlte mit zu großer Bestürzung, daß ihre Gewalt über mich so stark war, wie am ersten Tage. Der Ton ihrer Stimme, der dunkle, zuweilen leidenschaftlich aufflammende Blick, die schönen Lippen, die das Lächeln verlernt zu haben schienen, – der ganze Zauber von damals war wieder lebendig geworden. Wir gingen in dem langen, leeren Gastzimmer auf und ab, ihre Begleiterin ließ sich nicht blicken. Ich hatte Mühe, eine leidlich unbefangene Haltung zu bewahren.

Statt aller persönlichen Dinge fragte ich nach ihrer Reise und erfuhr, daß sie in Engelberg ein paar Wochen zubringen wolle, ihre Nerven seien angegriffen, sie leide an Schlaflosigkeit. Dann werde ihr Bruder sie abholen, da sie beschlossen habe, ihn nach Madrid auf seinen Gesandtschaftsposten zu begleiten.

Und Ihr Herr Gemahl? fuhr mir in der Zerstreutheit heraus.

Sie sah mich befremdet, fast vorwurfsvoll an.

Er ist seit Jahren nicht mehr unter den Lebenden, sagte sie tonlos. Ich dachte, Sie wüßten es. Stand es nicht in allen Zeitungen mit den traurigen Umständen, unter denen er damals in Monaco selbst den Tod suchte?

Gewiß, erwiderte ich. Aber ich las auch von einer neuen Verbindung –

Es war ein thörichtes Gerücht, sagte sie und starrte düster zu Boden. Ich würde nie meinen Bruder verlassen haben, um unter den Komödianten des zweiten Kaiserreichs eine Rolle zu spielen. Haben Sie das im Ernst mir zutrauen können?

Ich blieb ihr die Antwort schuldig. In mir tobte ein Aufruhr, der all meine Gedanken verschlang. Sie war frei – und ich – war ich denn noch gebunden?

Wie kam es nur, daß ihre Macht über mich in demselben Augenblicke erlosch, wo ich mich ihr unbedenklich hätte überlassen dürfen? Ich sah das schöne, so heiß begehrte Wesen neben mir, und es schien, als dürfe ich nur die Arme ausstrecken, um es mir zuzueignen, und die Arme hingen mir bleischwer am Leibe. Waren wir wirklich nicht unter vier Augen? Lag jetzt ein Schwert zwischen uns, wie damals zwischen mir und meiner geliebten Frau?

Während wir so schweigend neben einander am Fenster standen und in die herrliche Thalschlucht hinaussahen, wurde es immer ruhiger und klarer in mir. Ich empfand ganz scharf und nicht ohne Schmerz, daß ich jetzt erst unsittlich handeln würde, wenn ich die Hälfte meines Herzens ihr wieder einräumte. Denken Sie nur, wie wunderlich: immer klang mir das Wort im Ohr »sie schlief, damit wir uns freuten« – und während ich das warme Leben mit allem Zauber neben mir athmen fühlte, überlief mich ein kalter Schauer, als ob eine Todte neben mir stünde, eine Vergangenheit, die mächtiger sei, als die warmblütigste Gegenwart.

Die Abwesende sollte Recht behalten.

Sie mußte empfinden, wie mir zu Muthe war. Auch sie wurde einsilbig, und ich sah nur, wie ihre Brust heftig arbeitete. Sie fragte nach meiner Tochter, aber was ich antwortete, schien sie nicht mehr zu hören. Ein heißes Mitleiden überkam mich, als ich sie so von der Seite betrachtete, das schöne, edle, unglückliche Geschöpf, das noch ein so langes Leben vor sich hatte und so wenig Hoffnung auf Lebensfreuden. War es eine thörichte Gespensterfurcht, die mich abhielt, sie jetzt in meine Arme zu schließen? Glauben Sie, daß es mir doch noch geglückt wäre, mit ihr glücklich zu werden? Wer kann wissen, was die Jahre aus ihm machen würden! Damals aber wäre es eine Lüge gewesen und ein Verbrechen.

Die Gesellschafterin kam mit einem Glase Milch, Lucile trank nur einen Tropfen und gab das Glas zurück mit der Miene des Widerwillens. Ich habe keinen Durst mehr, sagte sie. Ist der Wagen bereit?

Ich bot ihr den Arm, sie hinunterzuführen. Auf der Treppe blieb sie einen Augenblick stehen.

Musiciren Sie noch viel? fragte sie.

Ich habe die Geige nicht wieder angerührt, seit ich ein einsamer Mensch geworden bin, erwiderte ich. Musik ist nur ein Glück, wenn man heiter ist und gesellig. In der Einsamkeit regt sie alle begrabenen Schmerzen wieder auf.

Ja wohl, sagte sie, das thut sie, aber man ist ihr dankbar dafür. Es giebt Menschen, die so arm sind, daß ihr einziger Besitz in alten Schmerzen besteht, ohne die sie nicht mehr leben möchten. Sie erinnern daran, daß es eine Zeit gab, wo man noch ein lebendiges Herz hatte; denn nur ein lebendiges Herz kann Qualen empfinden. Sie haben doch noch Viel vor mir voraus, daß Sie diese Wahrheit nicht selbst an sich erlebt haben.

Ich fühlte ihre Hand auf meinem Arme zittern.

Lucile! – rief ich leise und drückte ihren Arm an mich. Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn sie nicht mit einem plötzlich auflodernden Stolz sich mir entzogen hätte und die letzten Stufen allein hinuntergeeilt wäre. Ehe ich ihr helfen konnte, saß sie schon im Wagen.

Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Tochter! Und – nein! Ich wollte sagen Au revoir! Wir werden uns schwerlich je wieder begegnen.

Sie reichte mir die Hand zum Wagen hinaus, mit einem Blick, der mir weh that, da er zu fragen schien, ob auch ich weder Hoffnung noch Wunsch hegte, sie jemals wiederzusehen. Ich blieb stumm. Ich neigte mich auf die schmale weiße Hand herab und küßte sie. Dann zogen die Pferde an, und ich stand allein auf der sonnigen Straße, bis ihr Schleier, der im frischen Bergwind flatterte, meinen Blicken entschwunden war.

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