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Die Eselin.

(1881)

Es war wenige Jahre nach dem französischen Kriege. Die Herbstmanöver hatten eine Anzahl junger Offiziere, die in der Loire-Armee sich ihre eisernen Kreuze verdient, zufällig wieder zusammengeführt und Kameraden aus andern Regimentern sich dazu gefunden, um im Gasthof bei einer unerschöpflichen Bowle das Wiedersehen zu feiern. Mitternacht war vorüber. Das Gespräch, das sich lange um persönliche Schicksale und Erinnerungen gedreht, hatte eine nachdenkliche, in die Tiefe führende Wendung genommen. Man konnte unmöglich so Viele sehen, die nicht da waren, ohne an die alten ewigen Räthselfragen des Menschenlebens zu streifen. Zumal der grausame Tod eines von Allen gleich sehr geliebten und bewunderten jungen Helden, der den Franctireurs in die Hände gefallen und auf die schauderhafteste Weise umgekommen war, mit ihm ein Schatz von glänzenden Gaben und Talenten, Hoffnungen und Verheißungen, – hatte das alte Problem wieder aufs Tapet gebracht, ob die Weltgeschicke und die Loose der Einzelnen im Sinne unserer menschlichen Gerechtigkeit gelenkt würden, oder ob Wohl und Wehe des Individuums sich den großen, verhüllten Zielen der Weltregierung ohne Murren unterzuordnen habe. Die sämmtlichen bekannten Gründe für und wider eine nach menschlichen Begriffen sittlich waltende und gerecht ausgleichende Vorsehung waren nach und nach discutirt worden, und aus dem lebhaften Hinundherwogen des Streites hatte endlich der älteste und geschulteste Denker unter den jungen Kriegern das Ergebniß formulirt, daß selbst ein gläubigster Optimist Angesichts der schreienden Unbilden, denen die arme Menschheit ausgesetzt sei, eine auf Erden ausgleichende Gerechtigkeit nicht nachweisen, vielmehr nur durch die Vertröstung auf ein Jenseits sich das Vertrauen auf eine gütige Gottheit retten könne.

Aber kommen denn auch die Esel in den Himmel? hörte man plötzlich aus einer Ecke, in der es bisher ziemlich still gewesen war, eine ruhige, klangvolle Stimme fragen.

Einen Augenblick schwieg Alles. Dann folgte ein helles Lachen, das den Meisten, die des Philosophirens schon seit einer Weile müde waren, sehr erwünscht das Herz zu befreien schien.

Hört! hört! riefen Einige.

Am jüngsten Tage wird man sein eigenes Wort nicht verstehen, wenn alle auferstandenen Esel durcheinanderschreien! sagte ein munterer junger Hauptmann. Uebrigens, Eugen, wenn das Schwein des heiligen Antonius in den Himmel gekommen ist –

Und so viel fromme Schafe! fiel ein Anderer ein.

Ihr vergeßt, daß die Frage längst entschieden ist, sagte ein Dritter. Man lese nur Voltaire's Pucelle im so und so vielten Gesange.

Hast du nur einen Witz machen wollen, Eugen, fragte jetzt der Alterspräsident, der nicht mitgelacht hatte, oder war die Frage ernstlich gemeint, weil es ja immerhin noch nicht ausgemacht ist, ob nicht auch den Thieren eine entwickelungsfähige Seele innewohnt?

Der so Angeredete war ein junger Mann von etwa dreißig Jahren, der allein von allen Kameraden in Civilkleidung bei dem Gelage saß. Eine schwere Verwundung hatte ihn genöthigt, die militärische Carrière aufzugeben. Er lebte seitdem auf einem kleinen Gut, mehr mit theoretischen Studien der Kriegswissenschaft, als mit der Bewirthschaftung seiner Felder beschäftigt, und war bei Gelegenheit der Manöver in die Stadt gekommen, um seine alten Freunde zu begrüßen.

Die Frage, sagte er jetzt ganz ernsthaft, rührt eigentlich nicht von mir her, sondern ist ein Citat, dessen brüske Naivetät mich selbst vor nicht sehr langer Zeit in Verlegenheit gesetzt hat. Es hängt eine wunderliche kleine Geschichte daran, nicht gerade lustig. Da wir uns aber doch einmal zu Speculationen verstiegen haben, bei denen einem der Spaß vergeht, wird es vielleicht am Platze sein, wenn ich erzähle, wo jenes Citat herstammt. Daß die Geschichte geeignet sei, etwas mehr Licht in das dunkle Problem zu bringen, kann ich freilich nicht behaupten.

Erzähle nur! rief einer der Andern. Wer weiß, ob der Esel, den du uns vorreiten willst, nicht doch am Ende wie Bileam's prophetisches Grauthier den Mund aufthut und uns über die sittliche Weltordnung belehrt.

Eugen schüttelte mit einem seltsamen Lächeln den Kopf und begann.

——————

Ihr wißt, daß ich den ganzen Winter von 71 auf 72 an meiner Wunde zu laboriren hatte, bis ich nur wieder am Stock herumhinken konnte. Wie dann der Frühling kam, gab ich mich meiner verheiratheten Schwester in die Pflege. Das Rittergut meines Schwagers, das an der böhmisch-sächsischen Grenze liegt, ist von endlosen Nadelholzwaldungen umgeben, in denen ich Luftbäder nehmen sollte. Was ich da für Blut und Nerven gewann, indem ich tagelang in den einsamen Dickichten herumschlenderte, oder mich in die üppigen knietiefen Moospolster vergrub, büßte ich wieder ein an meiner moralischen Verfassung. Ich war mir selbst im Lazareth nicht so sehr als ein elender Krüppel vorgekommen, wie hier. Alles um mich her strotzte von Säften und Kräften, jeder alte Knorren trieb zahllose hellgrüne Schößlinge, selbst ein verfaulter Baumstumpf machte sich als Kaserne für ein wimmelndes Heer von Ameisen nützlich – und ich –! mit meinen Vierundzwanzig zu schnöder Bärenhäuterei verdammt – aus meiner Carrière herausgeschleudert – basta! Ich melancholisirte halbe Tage lang vor mich hin und war auf Gott und seine Welt sehr schlecht zu sprechen.

Auch erlebte ich selten etwas, was mich aus meinem Brüten herausgerissen hätte. Die Gegend ist wenig bevölkert, die Leute sehr arm, die Weiber abschreckend häßlich; böhmischer Typus, durch Kreuzung mit dem sächsischen und sorbischen entartet, durch Noth und Elend noch verkümmert und verwildert. Ich war aber im Grunde ganz zufrieden, daß nichts Reizendes meine Wege kreuzte. Es hätte mir das Bewußtsein meiner Invalidität noch peinlicher gemacht. Ihr wißt ja, wie lange es braucht, bis die letzte Spur des Typhusgiftes, das alles Leben lähmt, aus den Gliedern geschwunden ist. Mir sollte erst die Nordsee diesen Dienst leisten.

Nun, ich taumelte also einige Wochen lang wie der rasende Roland, nur in etwas gedämpfterer Tonart, durch die Fichten- und Tannenschluchten, die Jagdflinte umgehängt, aber ohne je ein Schuß zu thun. Es war eigentlich bei allem Weltschmerz eine himmlische Zeit; nie habe ich zur Natur ein so intimes Verhältniß gehabt, nie so lebhaft empfunden, was mit den Worten »meine Mutter die Erde« und »mein Vater der Aether« gemeint ist. Das aber gehört nicht hierher. Ich will zur Sache kommen.

Eines Nachmittags hatte ich mich von einem allerliebsten Wege durch junges Holz, das mir kaum über den Kopf reichte und die Maiensonne voll hereindringen ließ, weiter als sonst vom Hause weglocken lassen. Ich suchte, da ich mich ganz verirrt fand, mich an den Rand des Waldes durchzuschlagen, um wieder einen freien Umblick zu gewinnen. Es ging eine sanfte Halde hinab, die nur spärlich mit Birken und Vogelbeerbäumen bestanden war. Hier konnte ich schon durch die hohen Fichten, die wie ein schwarzer Zaun die Lichtung umstanden, die blauen Bergzüge des Horizontes schimmern sehen und mußte von dort aus mich leicht zurechtfinden.

Als ich aber aus dem Walde trat, merkte ich erst, wie weit ich umgegangen war. Vom Waldsaum an senkte sich das Land in ziemlich jähem Hang nach der Ebene hinunter, und in der Tiefe drunten lag eine kleine Stadt, die mir von der Karte her bekannt war, aber zu weit von dem Gut entfernt, als daß ich sie bisher in den Kreis meiner Recognoscirungen hätte hineinziehen mögen. Ich erschrak, als ich merkte, wo ich war und daß ich mit meinem lahmen Bein den Rückweg nicht unternehmen durfte. Sicher aber war unten ein Einspänner aufzutreiben.

Ich hatte mich auf einen frischgefällten Stamm gesetzt, um, ehe ich zum Städtchen hinunterstieg, noch ein wenig auszuruhen. Das Land unter mir lag in tiefer Nachmittagsruhe, und aus den Schornsteinen der alten Häuser wirbelten nur dünne Rauchwölkchen auf, die anzeigten, daß die guten Hausfrauen ihren Kaffee kochten. Darüber hinaus die weite, flache Ebene mit ihren buntgewürfelten Aeckern, wo die Wintersaaten schon lustig grünten. Fast genau aber in der Mitte zwischen meinem Waldrand und den ersten Häusern lag ein großer Weiher mit Gebüsch und einigen höheren Erlen eingefaßt, dessen Flut eine seltsam schwärzliche Farbe hatte, obwohl sich der reinste Frühlingshimmel darin spiegelte. Der Boden ringsum war quellig, und es mochten da in der Einsenkung wie in einer ungeheuren Cisterne alle Wasser der nächsten Umgebung zusammenrinnen. Ich weiß nicht, warum mir das schwarz Becken so unheimlich schien, obwohl es von Vögeln, die in den Ufergesträuchen nisteten, mit lautem Zwitschern umflogen wurde. Aber meine düstere Verstimmung sog eben Nahrung aus dem Unschuldigsten.

Wie ich endlich die Augen aufhob, um mich nach einem gebahnten Pfade umzusehen, der bequem hinunterführte, bemerkte ich zur Rechten, kaum einen Steinwurf weit von meinem Sitz entfernt, ein einsames und sehr niedriges Häuschen, das dicht an die Wurzeln der letzten Bäume herangerückt war und jetzt schon im Schatten stand. Der alte verfallene Zaun, der ein Stück Feld umgab, der Taubenschlag, in dem sich nichts Lebendiges mehr regte, das Ziegeldach, dessen Schäden mit Schindeln und Feldsteinen nothdürftig geflickt waren, das Alles sah verlassen und verwahrlos't aus; aber ein Weg mußte doch von dort zur Stadt hinunterführen, und so erhob ich mich und schleppte mich langsam nach der Hütte hin.

Die Vermuthung, daß ein Waldhüter hier seine Wohnung habe, gab ich auf, sobald ich den grenzenlosen Verfall der alten Baracke in der Nähe betrachten konnte. An der Wetterseite war aller Bewurf von der Mauer weggebröckelt, der Regen mußte auch durch die Löcher des schiefgesunkenen Daches freien Zutritt haben; das Stück Land hinter dem dürren Zaun, das vor Zeiten ein Gärtchen oder ein paar Gemüsebeete getragen haben mochte, war zu einem wüsten Kehrichthaufen geworden, auf dem eine einzige schwarze Henne fieberhaft herumtrippelte und zwischen dem Unkraut und den hohen Nesseln nach etwas Eßbarem scharrte. Die Nordseite, dem Abhang zugekehrt, hatte zwei kleine Fenster mit zerbrochenen Scheiben und eine Thür in der Mitte, die weit offen stand. Ich blickte in den unsäuberlichen Flur hinein, es war keine Menschenseele drinnen zu hören oder zu sehen. Schon wollte ich wieder zurücktreten und den schmalen Fußweg verfolgen, der hinter dem Zaun herum sich nach der Tiefe zu zu schlängeln schien, als ich durch das Geschrei eines Esels erschreckt wurde. ja wirklich erschreckt, denn ich habe in meinem Leben diese grotesken Laute nie so leidenschaftlich und in so seltsam klagender Modulation ausstoßen hören, wie in jenem Augenblick.

Das Wehgeschrei kam von der anderen Seite des Hauses. Als ich um die Ecke bog, sah ich auf der Wiese, die hier wieder dicht an die Mauer herantrat, eine idyllische Gruppe in dem jungen Grase hingekauert, ein altes Weib, nur mit einer zerrissenen Jacke von geblümtem Kattun und einem groben wollenen Rock bekleidet, ein graues Tuch um den Kopf gewickelt, unter welchem die schwarzen Haare, schon reichlich mit grauen Streifen durchzogen, unordentlich hervorhingen; neben ihr auf den Boden hingestreckt ein junger Esel, von auffallend schlanken Gliedern, das Fell fast silbergrau, auf dem Rücken durch einen schwarzen Streifen geziert, der sich bis an den Kopf hinaufzog, während die Ohren gleichfalls dunkel eingesäumt waren Ein Staatsthier, das seinem Geschlecht alle Ehre machte und auf einer Thierschau sicherlich einen Preis bekommen hätte. Leider sah ich aber auch sogleich die Ursache, weshalb das arme Geschöpf so besonders wehmüthig seinem gepreßten Herzen Luft machte. Eine handgroße Stelle am linken Schulterblatt war durch eine schwärende Wunde verunstaltet, welche die Alte eben bemüht war, mit nassen Umschlägen zu behandeln, obwohl das wunde Thier sich äußerst unruhig verhielt und mit heftigem Zucken und Stampfen der Vorderbeine ihre barmherzige Hülfe abzuwehren suchte. In einem niedrigen Scherben an ihrer Seite hatte das Weib irgend eine dunkle Flüssigkeit, mit welcher sie den Lappen tränkte, um die Wunde zu kühlen. Sie fuhr auch in dieser Beschäftigung gelassen fort, als ich vor sie hin trat. Guten Abend, Alte! sagte ich. – Sie nickte nur verdrossen mit dem Kopf. – Ich fing an, von der Wunde zu reden, fragte, wie es dazu gekommen, was für eine Cur sie dagegen brauche. Keine Antwort. Ich kam auf den Gedanken, sie verstehe kein Deutsch. Wie ich mich aber eben abwende und nur noch vor mich hinsage: Schade um das schöne Thier! – blitzen mich plötzlich ihre grauen Augen unter den buschigen schwarzen Brauen so gewaltig an, daß das ganze verwelkte, lederfarbene Gesicht dadurch um zehn Jahre verjüngt wurde.

Ja wohl, Herr! sagte sie in einem merkwürdig reinen Deutsch nur mit ganz leisem böhmischem Anflug; Schade ist's freilich drum, und schön ist die Minka auch. Wenn Sie sie nur gesehen hätten, ehe sie so verschändet worden ist, wie sie springen konnte, fast wie ein junges Pferd, und ihre Haut war wie Sammt und Seide. Nun liegt sie schon an die sieben Monate so miserabel auf dem Bauch, und wenn sie sich auf ihre Beine stellt – 's ist herzbrechend, wie sie einknickt mit den Knieen, arme Creatur! Wozu taugt sie noch? Lise Lamitz, sagte noch gestern erst der Forstwart, wie er vorbeikam und sah, was ich für Plage mit dem Thier hatte, – denn auch sein bischen Futter muß man ihm jetzt dicht vors Maul bringen – Ihr solltet sie abthun lassen, sagt' er; der Schinder giebt Euch einen Thaler für die Haut. Aber pfui! sagt' ich; ein Vieh ist's nur, aber es soll wie'n anderer Christenmensch seine Pflege haben, oder wie'n ehrlicher Dienstbote, der im Dienst krank geworden ist. Ja, so sagt' ich – ho ho! Minka! nicht so wälzen! Sehen Sie, Herr, sie will sich immer wieder auf den Rücken legen und ihre Wunde scheuern – darum hält kein Pflaster, und es frißt immer weiter um sich. Hoho! Sachte!

Sie bemühte sich, indem sie das Thier förmlich umhals'te, es zu beruhigen und in seiner Lage zu erhalten. Dann ließ sie es plötzlich los, lief zu einem hölzernen Brünnchen, das hinten am Haus im Schatten stand, und füllte aus dem alten Steintrog, in den die Quelle hinein rieselte, einen niedrigere Eimer, den sie ihrem Pflegling unter das rosenfarbene Maul schob. Da trank Minka in langen Zügen, und sichtbar ließ ihre fieberhafte Aufregung nach. Die Alte saß daneben und sah mit großer Befriedigung zu, schien auch darüber meine Gegenwart wieder ganz vergessen zu haben.

Ich wiederholte endlich meine Frage, was die böse Wunde, just zwischen den Schulterblättern, verursacht habe. Aber wieder blieb die Alte die Antwort schuldig; sie seufzte nur und kratzte sich mit ihren dürren Fingern die hageren Arme, daß lange, weiße Striemen in der braunen Haut hervortraten.

Ja ja! sagte sie nach einer ganzen Weile vor sich hin, so ein armes Frauenzimmer! Was hilft Schönheit gegen das Unglück? Und wie sie gearbeitet hat, immer willig und munter, ich habe ihr aufpacken können, so viel ich wollte, – sie soll noch zum ersten Mal nach mir ausschlagen oder nur die Ohren schütteln. Freilich, ich hab' sie aufgezogen von ihrem zehnten Tage an. Ein Zwilling war's, der Förster im Freithof, der hatte eine Eselin, die warf ihm eines Morgens die Minka und ihre Schwester. Wollt Ihr einen schmucken Säugling haben, Mutter Lamitz? sagte er nur so zum Spaß. Nu, ich hielt ihn beim Wort. Ich hatte gerade ein bissel Geld zu fordern, für ein Stück Leinwand, das ich ihm gewebt. Da fehlten ein paar Gulden daran, und dafür nahm ich das junge Thier. – Hatte meine Noth, es erst heimzuschaffen und dann anfzuziehen; die Milch war uns rar. Aber hernach hat's uns nie gereut. Eine feste Arbeiterin, die Minka, Herr! Wir haben viel aus dem Holz zu holen gehabt, Beeren und Schwammerlinge im Sommer auf den Markt unten, und dann unser Winterholz und was sonst noch vorkommt. Ich – lieber Himmel! – ich spüre meine Knochen schon, ob ich auch erst fünfzig bin, und die Hana – nu, die war noch zu schwach. Und sehen Sie, ein so treues Thier, ein Gottessegen, unser Ein und Alles – und muß so niederträchtig schimpfirt und verelendet werden in seinen jungen Jahren – oh!

Alte, sagt' ich, da seht mich an! Ich bin auch noch jung und humple auch durch die Welt, und das Futter muß mir dicht vor den Mund gebracht werden, weil ich's mit eigener Kraft mir nicht mehr erwerben kann, und wer einen Thaler für meine Haut giebt, der ist ein Narr und ein Verschwender. Aber wer weiß, ob wir Beide nicht noch einmal ganz lustig herumspringen!

So schwatzte ich noch eine Weile fort, sie zu trösten. Aber sie hörte mich wieder nicht, sondern stierte nur immer auf die wunde Stelle, die sie inzwischen, da das Thier die Umschläge nicht mehr leiden wollte, mit einem festen Pflaster verklebt hatte.

Sagen Sie einmal, fuhr sie plötzlich auf, und wieder funkelten ihre Augen – (ich sah, daß sie als junge Person gar nicht übel gewesen sein mußte) – sagen Sie einmal, Herr, glauben Sie, daß auch die Esel in den Himmel kommen?

Ich lachte.

Wie kommt Ihr darauf, Mutter?

Ich habe einmal unseren Pfarrer danach gefragt der hat gesagt, das sei eine dumme Frage, nur Christenmenschen kämen in den Himmel, und die Thiere hätten keine unsterblichen Seelen. Aber Herr Pfarrer, sagt' ich, wenn der Herrgott gerecht und barmherzig ist, warum erbarmt er sich denn nicht auch des Viehs, wie's ja doch die Menschen thun, wenn sie keine Hundsfötter sind? Warum lebt zum Beispiel die Schwester von der Minka wie eine Prinzeß, hat nichts zu thun, als nur das Kinderwägelchen zu ziehen, in welchem die jungen Herrschaften manchmal spazieren fahren, kriegt immer gute Worte und das beste Futter und hat auch schon eine Liebschaft mit dem Esel des Thalmüllers gehabt. Und unsere Minka, die keinen schlechteren Charakter hat und immer sich abgerackert und manchen Tag zehn Stunden mit ihrer Last auf den Beinen gewesen ist, – nun streckt sie alle Viere von sich, und wenn sie morgen das Zeitliche segnet, was hat sie von den Lebensfreuden gehabt? Ist das nun gerecht, Herr Pfarrer? Und wenn es ihr nicht einmal droben vergolten wird – Aber da ließ er mich gar nicht ausreden und sagte, so Spintisiren führte geradewegs in die Hölle. Sagen Sie, Herr, wissen Sie mir darauf Bescheid zu geben?

Ihr könnt denken, daß ich nicht die geistreichste Miene machte, als mir so unerwartet die Pistole auf die Brust gesetzt und die Lösung des Welträthsels abgefordert wurde. Zum Glück aber fing gerade in diesem Augenblick drinnen im Haus eine helle Weiberstimme zu singen an, und dazwischen hörte man ein ganz dünnes Kinderstimmchen wimmern, das offenbar durch den Gesang zum Schweigen gebracht werden sollte.

Wer singt da, Mutter Lamitz? fragte ich.

Wer soll singen, brummte sie, als die Hana!

Eure Tochter? Darf ich wohl einmal zu ihr hineinschauen?

Die Alte erwiderte kein Wort; sie nahm, vor sich hin murrend, den Eimer weg und trug ihn zum Brunnen, worauf sie einen Schubkarren, der mit Gras und Kräutern hoch beladen war, heranrollte und sich daran machte, händevoll dem kranken Thiere vorzuhalten und ihm das Futter fast in das Maul zu schieben. Ich wartete eine ausdrückliche Erlaubniß nicht lange ab, sondern trat ins Haus und, nachdem ich angeklopft hatte, sofort in die Thür zur Linken.

Ein erstickender Ofendunst schlug mir entgegen, gemischt mit dem Geruch von frischer Wäsche, die an einem quer durch das Zimmer gespannten Seil aufgehängt war. Ich sah gleich, daß es nur ein paar armselige Windeln und Kinderhemdchen waren, von gröbster Leinwand und viel geflickt. In der einen Ecke stand ein großer Webstuhl, mit dichtem Staub überzogen. In der anderen, auf einer Strohschütte, die nur durch eine wollene Decke vom Lager eines Thieres sich unterschied, saß ein blondes junges Weib, das einen halbnackten Säugling an der Brust hielt. Sie selbst trug nichts am Leibe, als das Hemd, das von der einen Schulter tief heruntergefallen war, und einen rothwollenen Rock, der ihre weißen Füße bis an die Knöchel frei ließ.

Als ich eintrat, musterte sie mich mit einem forschenden Blick und hörte einen Augenblick zu singen auf. Sie schien statt meiner Jemand anders erwartet zu haben; aber sobald sie sah, daß ich ihr ganz fremd war, fuhr sie, nur ein wenig leiser, in ihrem Eiapopeia fort und schien nicht das Geringste dabei zu finden, daß ich sie in ihren intimsten Mutterpflichten und einem so unvollkommenen Anzug überraschte.

Ich sah nur, während sie mit dem großen Munde und den blanken Zähnen mich anlachte und immer fortsang, wie sie das Kind fester an ihre offene Brust drückte und mit der anderen Hand sich bemühte, das Hemd wieder über die Schulter zu ziehen. Dabei färbte ein leichtes Roth ihr volles, weißes Gesicht, und die sehr blauen Augen bekamen einen halb flehenden, halb wieder blöde und gedankenlos vor sich hin träumenden Ausdruck.

Ich entschuldigte mich, daß ich sie störte, die Mutter habe mir erlaubt einzutreten, ich wolle gleich wieder gehen, wenn es ihr lieber sei. Sie summte ihre Melodie fort, ohne von mir Notiz zu nehmen, nur von Zeit zu Zeit schlug sie die Augen rasch zu mir auf, als ob sie sehen wolle, ob ich immer noch da sei; dann biß sie sich auf die volle rothe Unterlippe, schwenkte den Säugling hin und her und schlug mit den bloßen Füßen im Stroh den Takt zu ihrem Liede.

Darüber hatte sich das Kind, das nur ein paar Monate alt sein konnte, in Schlaf getrunken und geweint. Immer leiser wurde das Wiegenlied, und zuletzt richtete die junge Mutter sich auf ihren Knieen auf und hüllte die Kleine, die wie ein rosiges Wachspüppchen vor ihr lag, in einen großen wollenen Shawl, der offenbar bessere Tage gesehen hatte. Im Winkel neben ihrem Kopfkissen sah ich ein kleines Lager von alten Lappen und Lumpen zurechtgemacht, dahin wurde das Püppchen sacht und sorgsam gelegt und trotz der Hitze noch zugedeckt, worauf die Mutter, immer wie wenn sie ganz allein im Zimmer wäre, anfing, ihr wirres, gelbes Haar vollends aufzulösen und neu zu flechten. Ihre übrige Toilette schien ihr soignirt genug zu sein.

Auch hätte freilich kein elegantes Costüm den reizenden Wuchs des armen jungen Weibes vortheilhafter ans Licht bringen können. Das Gesicht war dem der Alten zu ähnlich, um für hübsch gelten zu können. Aber in den Farben und der Jugendfülle dieses runden Weiberkopfes lag doch ein Reiz, der wunderlicher Weise durch den Zug von Geistesabwesenheit oder förmlichem Schwachsinn nicht vermindert wurde. Ich fühlte ein tiefes Mitleid mit dem armen Geschöpf, das in dieser kläglichen Entblößung von Allem, was eine Kinderstube zu schmücken pflegt, in halbem Irrsinn hier in seiner Mutterwonne vor sich hin sang.

Sie gab auf keine meiner Fragen, auch nicht mit Geberden, die geringste Antwort. Zudem war der Ofen, da sie an Holz Ueberfluß hatten und sich's also gönnen konnten, bis zum Zerspringen in Glut gesetzt, obwohl die Luft draußen, selbst hier auf der windigen Höhe, gelinde genug war. So wartete ich nicht ab, bis sie ihre dicken Flechten vollends aufgesteckt hatte, legte einen blanken Thaler auf den Rand des Webstuhls, nickte der harmlos mich Anlächelnden freundlich zu und verließ das Zimmer.

Ich fand die Alte nicht mehr bei ihrem kranken Liebling, sondern am Brünnchen, wo sie eine Handvoll Rüben putzte und in einen Topf schnitt.

Mutter Lamitz, sagte ich, Ihr habt ja eine sehr hübsche Tochter. Aber sie hat kein Wort mit mir sprechen wollen. Ist sie immer so stumm gegen Fremde?

Die Alte zog die Augenbrauen zusammen und starrte finster in den Topf hinein, den sie zwischen ihren Knieen hielt. In dieser Attitüde hätte sie einem Maler zum Modell dienen können für eine Hexe, die irgend ein unheimliches Essen zubereitet.

Stumm? fragte sie nach einer Weile. Nein, Herr, an der Zunge fehlt's ihr nicht. Wenn sie will, kann sie plappern wie ein Staar. Da oben fehlt's. Sie war schon so als Kind. Nu, ein großer Schaden war's nicht. Wenn sie auch den schönsten Verstand gehabt hätte, was hätte uns das geholfen, ein armes, vaterloses Ding wie sie war? Hat mir's genutzt, daß ich alle meine fünf Sinne richtig beisammen hatte? Ich hab' mich trotzdem anführen lassen, ja, und darum macht mir's auch keinen Kummer, ob der Wurm, dem sie das Leben gegeben, nach ihrem Kopf arten wird, wie die Leute sagen, oder nach meinem. So wie so wird auch das Mariechen einmal hinterm Zaun Mutter werden, wie es hinterm Zaun zur Welt gekommen ist. Es liegt in der Familie, Herr, es liegt in der Familie.

Und dann nach einer Weile, da ich nicht gleich wußte, was ich zu dieser unbefangenen Lebensweisheit sagen sollte: Uebrigens wird das Kind schwerlich alt werden. Die Hana geht zu unsinnig damit um. Freilich, Vernunft ist da nicht hineinzubringen. Und wenn vollends der Winter kommt und wir alle hungern müssen, es heißt ja, der Herrgott läßt keinen Spatzen vom Dach fallen, ohne seinen Willen. Bin neugierig, ob er sich um uns arme vier Frauenzimmer hier oben bekümmern wird.

Sie warf dabei wieder einen mitleidigen Blick nach der Eselin, die ruhig an ihrem Futter kaute. Ich hätte fast lachen mögen, daß sie die graue langohrige Minka so ohne Weiteres als die Vierte im Bunde ansah; aber die entsetzliche Kaltblütigkeit, mit der sie von Kind und Kindeskind sprach, ließ den Humor nicht aufkommen.

Ihr scheint ja viel zärtlicher um Eure Eselin besorgt zu sein, als um das arme Würmchen, Euer Enkelkind! sagte ich scharf.

Sie nickte ruhig mit dem Kopf.

So ist es auch, sagte sie. Die Minka hat mich auch nöthiger. Wenn ich heute sterbe, muß sie elendiglich zu Grunde gehn. Meinen Sie, daß die Hana ihr nur einen Arm voll Futter vorwerfen würde, obwohl das arme Thier nicht mehr selbst danach gehen kann? Nein, die hat nur Gedanken für ihre Puppe, und dann noch für den Schuft, der ihr dazu verholfen hat. Den erwartet sie alle Abend, wenn die Sonne untergeht, obwohl es schon ein halbes Jahr her ist, daß er keinen Fuß mehr über unsere Schwelle gesetzt hat. Und dabei ist sie so vergnügt, wie man sich's nur wünschen kann, und läßt den lieben Gott einen guten Mann sein und ihre alte Mutter, statt ihr zu helfen, alle Arbeit im Haus und in der Küche allein thun. Warum soll ich da Mitleid mit ihr haben oder mit ihrem Wurm? Die Beiden sind schon jetzt wie im Himmel, und wenn's ihnen auch noch so schlecht geht und sie hungern und frieren müssen, können sie sich hernach nicht dafür entschädigen, wenn sie ins Paradies kommen? Die Minka aber, sehen Sie, Herr, die hat keinen Liebsten gehabt und kein Junges zur Welt gebracht, und wenn sie crepirt, wird sie auf den Schindanger geworfen, und am jüngsten Tag, wo wir andern armen Sünder unsere Knochen wieder zusammenlesen, – von ihr ist nichts mehr übrig, und daß sie's schlechter gehabt hat auf Erden, als ihre Zwillingsschwester, wird ihr nicht angerechnet. Sehen Sie, da muß sich nun ein andrer armer Christenmensch des Viehes erbarmen, wenn unser Herr Christus selbst sich nicht dazu abmüßigen kann.

Gegen diese Logik ließ sich nicht viel einwenden. Ich gestehe aber, daß mir die Zukunft des kleinen Menschenbildes trotz seiner unsterblichen Seele doch wichtiger war, als die Frage, ob Minka bei der lückenhaften sittlichen Weltordnung nicht zu kurz komme. Wenn morgen die einzige Person unter den »vier Frauenzimmern«, die gesunden Menschenverstand besaß, vom Blitz getroffen wurde, was sollte dann aus der armen Schwachsinnigen und ihrem Säugling werden?

Thut der Vater denn gar nichts für die Kleine? fragte ich endlich. Ein Kind wie aus Elfenbein gedrechselt – es ist ja auch noch nicht ausgemacht, daß es wie die Mutter werden wird. Und er hat sich überhaupt noch nicht wieder blicken lassen?

Der! machte die Alte und stieß das Messer, mit dem sie die Rüben geputzt hatte, tief in die hölzerne Brunnenröhre. Wenn ich Den vor Gericht schleppen wollte, er würde sich losschwören, das würde er, obwohl er dem Herrn Landrichter sein eigener Sohn ist. Meinen Sie, ich hätt's ihm nicht angesehn, gleich beim ersten Mal, als er in unser Häuschen trat, sich seine Pfeife am Heerd anzuzünden, wie er sagte, der Spitzbube? Er ist leider grade so sauber anzuschauen, wie schmutzig von innen, und das dumme Ding, die Hana – noch ganz unschuldig war sie, und ich hab' sie halbe Tage lang allein in den Wald gehen lassen können mit der Minka, die beiden Körbe mit Beeren und Pilzen zu füllen, sie hat an kein Mannsbild gedacht, und ich – Gott weiß, wie es kam – eben weil sie so hintersinnig und schwach unter der Stirn ist, ich hab' mir eingebildet, es würde sich Keiner um sie bekümmern. Aber dem Landrichtersohn, dem stach sie dennoch in die Augen, und sie selbst war gleich ganz weg von ihm. Seitdem hatt' ich meine Plage mit ihr. Sie hatte brav geschafft bisher am Webstuhl und in unserm Gärtchen und war ihr keine Arbeit zu hart gewesen. Jetzt auf einmal – halbe Tage lang die Hände im Schooß, und wenn ich zu schelten anfing, lachte sie mich an wie ein Kind, das man eben aus einem schönen Traum aufweckt. Schickt' ich sie in den Wald, so brachte sie die Körbe kaum viertelsvoll nach Hause. Und freilich in den Wald hätt' ich sie erst recht nicht wieder schicken sollen. Das war auch der Minka ihr Unglück. Sie glauben nicht, Herr, wie das Thier an der Hana hing, und es hat ordentlich Menschenverstand, jedenfalls mehr als die Hana, und hat gemerkt, daß der geschniegelte Bursch mit dem schwarzen Schnautzbärtchen nichts Gutes im Schilde führte. Darum ist sie dem dummen Mädel immer nachgelaufen und hat ein mörderliches Yah-Geschrei verführt, gleichsam um sie zu warnen. Ich hab' das Alles wohl gesehen, aber was konnt' ich thun? Schelten und Ermahnen war umsonst; sie verstand mich gar nicht. Und einsperren kann man ein großes Frauenzimmer nicht, das mit Gewalt sich zu Grunde richten will. Sie wär' zum Fenster oder gar zum Schornstein hinausgeklettert, bloß um ihrem Unglück in die Arme zu laufen. Nu, und so kam's denn auch. Aber das Schlimmste war, daß die Minka mit daran glauben mußte. Sie kam eines Abends, nachdem sie mit dem Mädel in den Wald gegangen war, ächzend und jammernd, ordentlich wie ein Mensch, zurückgehumpelt und zwar allein und mit der Wunde im Nacken; die Hana erst eine Stunde später. Ich befragte sie scharf, wie das Thier zu der Wunde gekommen. Ha! sagte sie und lachte trotzig, sie hab' immer geschrieen und sich zwischen sie gedrängt, obwohl der Franzel sie mit Schlägen habe zurücktreiben wollen, und da sei er endlich wüthend geworden, habe sein Messer gezogen und ihr den Stich beigebracht. – Ich schlug das schamlose Ding, das noch dazu lachen konnte, und legte gleich eine Salbe auf die Wunde. Aber sie wälzte sich wie unsinnig auf dem Rücken und wollte keinen Verband leiden, und so ist's von Tag zu Tag ärger geworden, und mit der Hana auch. Nu, die hat wenigstens ihren Willen gehabt, und viel was Besseres hätte ihr doch nicht geblüht. Wer würde Eine wie sie zu seiner ehrlichen Frau nehmen? Und wenn sie einmal dahinter kommt, daß sie auf ihren Liebsten ganz umsonst wartet, und vor Jammer über seine Niederträchtigkeit verrückt wird, – viel Verstand hat sie ja nicht mehr zu verlieren! Dagegen die Minka, Herr, die klüger ist als mancher Mensch, glauben Sie mir, die liegt manchen Tag und sinnt darüber nach, warum Gut und Bös auf der Welt so ungleich vertheilt ist, warum sie Nichts haben soll, als ein verhunztes Leben, und ihre Schwester herrlich und in Freuden dahintrabt, und warum es unser Herrgott nicht wenigstens so eingerichtet hat, daß auch die Esel in den Himmel kommen, um für Alles, was sie an Schinderei und Plackerei, an Prügel und Messerstichen ausstehen gemußt, ihren Lohn zu kriegen.

Diese letzte lange Rede hatte sie mit solcher Heftigkeit herausgesprudelt, daß sie einen Augenblick nach Luft schnappen mußte. Dann strich sie die losen Haare in den Nacken zurück, knüpfte ihr Kopftuch fester und nahm den Topf mit Rüben in den Arm.

Ich muß hinein, Herr, sagte sie ganz heiser, sonst kann ich hungrig zu Bette gehen. Kennen Sie den Herrn Landrichter und seinen sauberen Sohn? Nun, es ist auch einerlei. Er wird's wohl nicht eher als vor Gottes Thron eingestehen, was er an meinem Mädel verbrochen hat und an der Minka. Und übrigens, warum sollte er sich Gewissensbisse machen? Sie hat's nicht besser gewollt, wir Alle wollen's ja nicht besser; wären wir nicht dumm, ihr Mannsbilder könntet nicht schlecht sein. So wird's bleiben, so lange die Welt steht. Am jüngsten Tage werde ich mich auch nicht darüber beschweren, aber daß ich unsern Herrgott fragen werde, ob nicht auch die Esel in den Himmel kommen, darauf können Sie sich verlassen, darauf können Sie sich heilig verlassen!

Sie nickte heftig vor sich hin, ging an mir vorbei, ohne mich noch einmal anzusehen, und verschwand im Hause.

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Ihr könnt denken, daß, während ich den Abhang hinunterstieg, an dem schwarzen Wasser vorbei, und endlich das Städtchen erreichte, Alles, was ich droben gehört und gesehen, mich beständig verfolgte. Auch wie ich dann im Wirthshaus unten glücklich ein Wägelchen aufgetrieben hatte und nun auf der Landstraße dem schwägerlichen Hause entgegenrollte, stand das Bild der Alten und mehr noch das ihrer blonden Tochter mit dem nackten Würmchen an der Brust zum Greifen leibhaftig vor meiner Seele. Es fügte sich, daß mein Kutscher ein ältlicher Mensch war, der auf meine Frage nach den Bewohnern des Häuschens droben mir den zuverlässigsten Bescheid geben konnte.

Er entsann sich noch sehr gut, wie vor zwanzig Jahren die Lise Lamitz hier plötzlich aufgetaucht war. Ihre eigene Heimath war ein benachbarter Ort, wo aberda ihre Mutter gestorben und ihre Papiere nicht in Ordnung waren, die Gemeinde sie nicht aufnehmen wollte. Sie habe in Prag in einem vornehmen Hause gedient und sich ganz brav gehalten, bis einer der Söhne der Hauses, ein Offizier, in der Langenweile seines Urlaubs ein Auge auf sie warf. Selbst mit Dreißigen sei sie noch eine stattliche Person gewesen, trotz ihrer Plattnase und den breiten Backen, ein Mädel, dem was Besonderes aus den Augen blitzte, und wenn sie gelacht habe, was freilich nicht oft geschehen, hätte sie selbst noch manche Jüngere ausgestochen. Nur sei's dann aber den gewöhnlichen Weg gegangen, trotz ihrer Gescheidtheit und obwohl sie immer gesagt, sie wolle es nicht machen, wie ihre eigene Mutter. Ihre Herrschaft habe sie natürlich nicht im Hause behalten, sondern ihr ein anständiges Stück Geld mitgegeben, von dem habe sie sich das verlassene Häuschen droben und das Stück Gartenland gekauft, und da sie nicht wieder in einen Dienst gehen wollte, vielleicht auch nicht konnte, ganz eingezogen für sich hingelebt und die Hana aufgefüttert. Die ersten Jahre habe auch der junge Graf dann und wann noch an sie gedacht und ihr etwas geschickt. Hernach sei's ausgeblieben, da habe sie sich allein durchschlagen müssen. Und es sei auch gegangen; den Kummer freilich um den blöden Verstand ihres Kindes habe ihr Niemand abnehmen können.

Dann kam mein Kutscher auf die traurige Geschichte mit dem Landrichterssohn zu sprechen, gegen den er sich in sehr mißbilligendem Tone ausließ. Es wisse Jedermann darum. Aber er sei nun einmal der einzige Sohn aus dem angesehensten Hause, und Niemand könne ihm zumuthen, daß er den dummen Streich durch eine ehrliche Heirath wieder gut mache. Ein hergelaufenes Ding, mit dem es nicht richtig stehe! Warum auch die Alte nicht besser aufgepaßt habe! Wenn er für das Kind ein bischen was thue, so werde ihn Niemand um diese Jugendsünde viel ansehen.

Ich ließ mir das Alles erzählen, ohne auf moralische Erörterungen des Falles weiter einzugehen. Im Herzen – ich weiß nicht warum – hatte ich ein so lebhaftes Mitgefühl mit dem armen Geschöpf, daß ich ihrem Verführer, wenn er mir in den Weg gekommen wäre, mit vielem Vergnügen einen Denkzettel verabreicht hätte.

Auch war mein Erstes, als ich die Meinigen wiedersah, mein Erlebniß ihnen zu erzählen und meine gute Schwester zu bewegen, sich der verwahrlos'ten jungen Creatur ein wenig anzunehmen. Ihr mitleidiges Herz verleugnete sich nicht. Sie schickte gleich am andern Tage ihre »Mamsell«, eine erfahrene alte Person, zu Wagen nach der Hütte der Mutter Lamitz, mit einem Korbe, der allerlei gute Dinge enthielt, Kinderzeug, Mundvorrath für einige Wochen, ein paar ausrangirte Garderobestücke, um auch für die rauhere Jahreszeit vorzusorgen, und ich fügte noch Einiges an Baarem hinzu, mit dem festen Vorsatz, bald selbst wieder nachzuschauen, ob dieser schwache Versuch, die Lücken der sittlichen Weltordnung zu verstopfen, auch gut gewirkt und seinen Zweck erreicht habe.

Dahin sollte es aber nicht kommen. Früher, als ich gedacht, bestand unser Hausarzt darauf, mich ins Seebad zu schicken. Ich hörte nur, daß unsere Sendung von der alten Frau mit ziemlich trockenem Dank, von der jungen Mutter dagegen mit kindischem Jubel in Empfang genommen worden sei. Dann reis'te ich ab, blieb den ganzen Sommer fort, und die Bewohner jenes Waldhäuschens waren mir bald so gleichgültig geworden, wie der erste beste Bettler, dem man einen Groschen in den Hut wirft.

Auch als ich im Herbst zu den Jagden wieder auf das Gut kam, nachdem ich mein Invalidenthum sammt seinem Appendix, dem Weltschmerz, in der See von mir abgespült hatte, fiel mir wochenlang nicht ein, mich nach den »vier armen Frauenzimmern« zu erkundigen. Schwester und Schwager waren selbst verreis't gewesen und hatten an ganz andere Dinge zu denken gehabt. Erst bei einem einsamen Pürschgang, den ich gegen Mitte October an einem widerwärtigen naßkalten Nebeltage unternahm, besann ich mich darauf, daß ich dieselben Waldwege vor fünf Monaten gewandelt war, und daß sie mich endlich zu der Eselin mit der problematischen unsterblichen Seele geführt hatten.

Was mochte aus Minka inzwischen geworden sein?

Ich schritt rascher zu, da der Abend schon hereinbrach. Im Wald ward's schon nächtlich und unerquicklich, der Nebel troff zäh und schwer von den Fichten, die kleine Waldblöße mit den Birken und Ebereschen nahm sich trotz der rothen Beeren, die jetzt reichlich zwischen den fahlen Zweigen hingen, nicht mehr so lustig aus, wie an jenem Tage im Mai, wo nur ich selbst ein verdrossenes Gesicht schnitt. Als ich endlich aus den Fichten heraustrat, die den Höhenrand einsäumen, lag das Land unter mir und die schwarzblauen Berggipfel am Horizont so wunderlich da, wie wenn gleich ein furchtbares Unwetter hereinbrechen sollte. Noch war die Luft ganz still, man hörte die einzelnen Tropfen in das dürre Laub niederfallen, und nur von Zeit zu Zeit kreischten oben in den Wipfeln die Dohlen, die in dieser Gegend sehr häufig sind. Der Lärm war mir so zuwider, daß ich plötzlich in einer Art Jähzorn den Zwilling von der Schulter riß und den Schrotlauf in den arglosen Schwarm abfeuerte. Eine einzige Getroffene fiel mir zuckend und flügelschlagend vor den Füßen nieder. Ich schämte mich dieser kindischen Entladung und ging hastig auf die Hütte los, die noch ganz in der alten Verfassung, nur in dem schmutzigen Abendnebel noch kläglicher, auf dem alten Platze stand.

Der eingezäunte Platz hatte sich durch ein paar Kürbisranken, die über die Unrathhügel hinkrochen, und durch ein halb Dutzend hoher Sonnenblumenstauden wesentlich verschönert. Das schwarze Huhn aber schien den Sommer nicht überlebt zu haben. Auf der anderen Seite des Hauses, wo Minka gelagert hatte und das Brünnchen floß, war keine Spur mehr von ihr zu finden. Es mochte der armen Wunden schon längst auf diesem feuchten Lager zu kalt geworden sein. Wo aber war sie hingekommen? Ich mußte vor mich hin lachen, als ich mich darauf ertappte, daß auch mir jetzt das Schicksal der unvernünftigen Creatur interessanter war, als das der menschlichen Insassen dieser Hütte. Von denen war nichts zu hören und zu sehen.

In der Stube, wo der Webstuhl stand, sah Alles ziemlich ebenso aus wie bei meinem ersten Besuch, nur das Strohbette im Winkel war leer. Dazu der Ofen kalt und alle Fenster offen. Ich drückte die Klinke an der Thür des einzigen niederen Gemaches auf der rechten Seite des engen Hausgangs. Wie erstaunte ich aber, als ich hier von den vier Frauenzimmern wenigstens Eine fand, die gute Minka. Sie lag auf einer Streu von gelben Blättern, Moos und Fichtenzweigen dicht neben einem niedrigen Herde, auf welchem noch Kohlen glimmten, und hob den Kopf traurig und matt, als sie mich eintreten sah. Hier mußte die Alte hausen, es lag und stand außer dem wenigen Küchengeräth allerlei Weiberkram herum, und auf der anderen Seite des Herdes stand ein alter Großvaterstuhl mit zerrissenem Polster, der offenbar der Mutter Lamitz als Bettstatt diente. So hatte sie ihre kranke Pflegetochter in ihrer nächsten Nähe untergebracht.

Ich trat zu dem armen Geschöpf hin und kraute ihr das Fell zwischen den Ohren, die wehmüthig dankbar wackelten. Die Wunde hatte sich offenbar verschlechtert, der ganze Zustand war bedenklich, und zum ersten Mal sah ich an einem Thier so etwas wie ein hippokratisches Gesicht. Sie fing, da sie sah, daß ich ihr wohlwollte, mit sichtbarer Mühe an, ein paar unarticulirte Laute aus der müden Brust hervorzustoßen, konnte sich aber offenbar nicht mehr so ausdrücken, wie sie wollte, und ließ, indem sie wieder verstummte, mit einem unbeschreiblichen Blick die Zunge zum Maule heraushängen, was ihr in meinen Augen den letzten Rest von Schönheit nahm. Und da ich ihr keinen Trost zu bringen wußte, verließ ich sie nach wenigen Minuten wieder, ohne die Thür zu schließen, da der Brodem in dem dumpfen Raum, in dem ich kaum zu athmen vermochte, auch für einen kranken Esel nicht zuträglich sein konnte.

Draußen sah ich mich nach allen Seiten um. Von Großmutter, Mutter und Kind nirgend eine Spur. Im Walde – was hätten sie dort zu suchen gehabt bei dem schaurigen Nebelwetter und so spät am Tage? Sie werden in die Stadt hinuntergegangen sein, dacht' ich, dort irgend einen Einkauf zu machen. Aber Gott weiß, wann sie wiederkommen.

Sie droben zu erwarten, war die dumpfe Hütte nicht einladend genug.

Ich dachte, ihnen vielleicht unterwegs zu begegnen, da ich auch hinunter wollte, um den Rückweg lieber auf der Chaussee, als auf dem schlüpfrigen dunklen Waldwege zu machen. So ging ich wieder den schmalen Pfad zwischen den Wiesen hinab und hörte jetzt erst von der Stadt herauf eine gedämpfte Tanzmusik, besonders Clarinette und Contrabaß. die aus dem Wirthshause kommen mußte. Es klang aber gar nicht munter, vielmehr wie das richtige Accompagnement zu dem melancholischen Liede, das Himmel und Erde mit einander sangen. Wie wenn Nebelgeister sich einen Ländler ausspielen ließen, um toll über kahlen Berghöhen sich mit einander hin und her zu drehen.

Jene Gegend ist überhaupt unmusikalisch. Nur wenn einmal ein Trüppchen wandernder Böhmen sich in diesen Winkel des Gebirges verirrt, hört man flotte Weisen in rüstigem Takt, der aber selten die schwerfälligen Gliedmaßen der Bursche und Mädel in Bewegung setzt.

Nun, das Alles gehört eigentlich nicht zur Sache. Ich will mich kurz fassen. Nicht zwanzig Schritte war ich hinabgestiegen, da seh' ich an dem Weiher drunten auf einem moosigen Stein eine weibliche Figur sitzen, die mir den Rücken zugekehrt hat und ganz regungslos in das schwarze Wasser starrt. Ich konnte kaum die Umrisse erkennen, und doch wußte ich gleich wer sie war.

Mutter Lamitz! rief ich. Mutter Lamitz!

Erst beim dritten Mal, und da ich ihr schon ganz nahe war, wendete sie langsam den Kopf, immer noch ohne daß ich ihr in die Augen sehen konnte.

Was sitzt Ihr hier auf dem nassen Stein, Mutter Lamitz? fragte ich. Habt Ihr etwa ein Netz gelegt und wollt den Fang noch hereinziehen? Oder auf Wen wartet Ihr hier in dem ungesunden Nebelwetter?

Sie sah mir jetzt gerade ins Gesicht, sie suchte offenbar in ihrer Erinnerung nach dem Menschen, dem diese Züge und diese Stimme gehören mußten.

Aber es schien nur langsam in ihr aufzudämmern.

Ich half ihr auf die Spur, indem ich sie an meinen Besuch im Frühling erinnerte und ihr sagte, daß ich inzwischen schon oft darüber nachgedacht, aber noch immer nichts Gewisses darüber herausgebracht hätte, ob die Esel auch in den Himmel kämen. Das hörte sie stillschweigend mit an; ich wurde nicht klug daraus, ob sie den Sinn meiner Worte richtig verstand, denn sie nickte beständig vor sich hin, auch wenn ich eine Frage that, die sie hätte verneinen sollen.

Erst als ich den Namen ihrer Tochter aussprach, wurde sie plötzlich wach und sah mich unter ihren buschigen Augenbrauen argwöhnisch an.

Was wollen Sie von der Hana? sagte sie. Die ist nicht zu Haus. Aber es geht ihr sehr gut, ihr und ihrem Wurm. Hab' ich Ihnen nicht gesagt, daß sie ein bischen schwach im Kopf ist? Da hab' ich gelogen. Sie hat mehr Verstand, als die meisten dummen Gänse. O, ich wollt', ich wär' auch so gescheidt gewesen, aber es sind verschiedene Gaben, und wie heißt's im Testament? Denen, die arm am Geist sind – ja, ja! O du Barmherziger!

Und plötzlich brach sie wieder ab, legte beide Hände flach auf ihre Kniee und ließ den Kopf dicht auf die Brust sinken.

Ihr Wesen wurde immer unheimlicher. Auch war's da am Ufer schauerlich, da die Fledermäuse um das niedere Gebüsch zu flattern anfingen und der Wind, der sich jetzt aufmachte, einen moderigen Sumpfgeruch uns entgegenwehte. Dazwischen immer Brummbaß- und Clarinettfiguren von unten herauf.

Um nur die Stille zu unterbrechen, sagt' ich: Es scheint hoch herzugehen im Wirthshaus drunten. Wird da ein Fest gefeiert?

Sie fuhr in die Höhe und blickte mich wieder mißtrauisch an.

Hören Sie's erst jetzt? So haben sie ja schon seit Mittag gefiedelt und gepfiffen, und so wird's bis an die Mitternacht fortgehen. Ich hab' mir die Ohren verstopft, aber es hilft nichts. Nu, Hochzeiten sind keine Begräbnisse, das weiß man ja wohl. Aber wenn sie wüßten, wenn sie wüßten –! Freilich, sie würden darum keinen Hopser weniger machen. O du Barmherziger!

Wer hält denn Hochzeit?

Sie spuckte heftig aus und warf einen ingrimmigen Blick über den Weiher weg nach dem Hause unten, von wo die Töne herkamen.

Gehen Sie nur auch hin! murrte sie. Sehn Sie sich das Paar an. Sie passen schön zu einander. Er ist hübsch und schlecht und sie ist reich und dumm. Eine Bräuerstochter; sie mißt das Geld mit Scheffeln. Aber so viel Verstand hat sie doch noch, daß sie auf Alles, was man sie fragt, richtig antworten kann und nicht Nein gesagt hat, als der Pfarrer sie gefragt hat, ob sie den Landrichterssohn zum Manne haben wolle.

Den Landrichterssohn? Den! – Nun wußt' ich freilich, warum die alte Frau so vor sich hin wüthete.

Arme Hana! Und weiß sie auch, was da unten vorgeht?

Wie soll sie's nicht wissen, Herr? Meinen Sie, es fänden sich nicht mitleidige Seelen genug, solche Neuigkeiten gerade dahin zu tragen, wo man sich am meisten ein Gotteslohn damit verdienen kann? Sie saß gerade vor der Thür und hatte ihre Puppe auf dem Schooß, mit ihren besten Fähnchen aufgeputzt, das blaue Tragkleid, wissen Sie, das die Frau Baronin ihr geschickt hat, und ließ das Kind auf ihrem Schooß tanzen zu der Musik da unten; da kommt die Magd der Apothekerin, die that, als käme sie so zufällig vorbei, aber es war das pure boshaftige Mitleid, lieber Herr, zu sehen, was der arme Narr für ein Gesicht dazu machen würde, wenn er hörte, da unten macht sein Schatz Hochzeit. Sie sagte es ihr auch nicht selbst. Mutter Lise, schrie sie mir hinein, der Landrichterssohn – was sagt Ihr dazu? – und dann schimpfte sie auf die schlechte Welt. Ich zwinkerte ihr mit den Augen zu, denn ich meinte, ich sollt' in den Erdboden versinken. Daß er sie heirathen würde, hatt' ich ja nie geglaubt; aber sie erwartete ihn noch immer jeden Abend und war guter Dinge dabei, und hätte ihn in alle Ewigkeit so erwarten können und dazu Eiapopeia singen. Und jetzt die ganze Niedertracht von der Hochzeit und der Brauerstochter sich so plötzlich über den Hals kommen lassen – wie wenn einem ein guter Freund ein Messer mitten in die Brust stößt –! Der tückischen Person selbst blieb das Wort im Halse stecken, wie sie sah, was sie angerichtet. Sie sagte, sie müsse sich sputen, ihre Frau warte auf sie, und lief weg. Und ich hinaus und sehe das arme Ding auf der Bank sitzen, den Kopf an die Mauer zurückgelehnt, als würde er ihr zu schwer, Mund und Augen weit ausgerissen. Hana! schrie ich, glaub es doch nicht, sie hat gelogen – und was mir die Angst noch Alles eingab. Aber sie sprach kein Wort, sie lachte mit einmal hell auf, dann wurde sie wieder ganz ernsthaft, schüttelte sich in allen Gliedern und stand auf, ihr Kind fest in den Armen. Wo willst du hin? sagt' ich. Komm ins Haus. Ich koch' dir einen Holderthee. – Aber es war, als hörte sie mich nicht. Sie ging langsam vom Hause weg, den Weg hinunter. Ich immer hinter ihr, und wollte sie am Kleide festhalten, aber es war was Uebermenschliches in ihr, das Gesicht dabei ganz ruhig, nur todtenblaß. Hana, sagt' ich, du wirst doch nicht zu ihm wollen? Denk, was sie sagen würden, wenn du so auf die Hochzeit kämest! Sie würden sagen, du seist nicht recht bei Trost, – und am Ende käme das Gericht und nähme dir das Kind, weil man's einer Unsinnigen nicht lassen dürfte! – Das schien sie auf einmal zur Besinnung zu bringen. Sie blieb stehen, drückte das Kind heftig an sich und that einen Seufzer, als ob ihr die Seele aus dem Leibe fahren sollte. Ich dachte, nun hätte ich's gewonnen und sie würde mit mir umkehren und nach und nach sich drein geben. Wenn sie nur hätte weinen können, es wäre gewiß ihre Rettung gewesen. Aber die Augen ganz trocken, und ich sah, wie sie immer nur auf das Haus da unten starrte, als ob sie die Wand durchbohren und den schlechten Menschen drinnen und seine Tänzerin mit Kranz und Schleier in Brand stecken wollte. Ich redete ihr zu, ins Haus zu kommen, ich merkte jetzt erst, wie ich nichts auf der Welt mehr hatte als sie, und das sagte ich ihr und bat ihr ab, wenn ich manchmal rauh und ungut zu ihr gewesen war. Lieber Gott, wenn man schon so miserabel daran ist und es wird einem noch ein hungriger Gast ins Haus beschert! – Aber das Alles hörte sie gar nicht. Die Musik schien sie festzuzaubern, sie fing wieder an, das Kind hin und herzuwiegen, plötzlich aber that sie einen lauten Schrei, als wäre was in ihrer Brust zersprungen, und eh' ich merken konnte, was sie vorhatte, rannte sie nach links hinab grade auf den Weiher zu. Ihre losen Haare flogen ihr nach, das blaue Kleidchen flatterte, so im Sturm ging's hinunter, und – o du Barmherziger! – mit meinen eigenen leiblichen Augen hab' ich's mit angesehen – – Kind und Kindeskind – – ich wollte schreien – es erstickte mich – ich lief wie eine Rasende – wie ich hinkam, sah ich nur noch das schwarze Wasser, das wie in einem Kessel brodelte an der Stelle, wo –

Sie war aufgesprungen und stand mit dem halben Leibe vorgebeugt in dem nassen Ufergras wie ein Bild des Jammers, beide Arme ausgestreckt nach einer Stelle in der Flut, die jetzt so unbewegt war, wie die ganze Fläche.

Ich konnte kein Wort hervorbringen. Jeden Augenblick dachte ich, sie selbst würde sich nachstürzen. Der Fleck, wo wir standen, schien besonders dazu geeignet, mit einem einzigen Sprung von der Welt Abschied zu nehmen. Der Abhang mußte hier senkrecht in die Tiefe gehen; es wuchs kein Schilf aus dem Wasser herauf, die Erlenbüsche traten zurück und ließen eine Lücke von einigen Klaftern Breite, und dicht am Rande war das Wasser so dunkel, als ob die Tiefe bodenlos sei.

Die Alte aber schien nichts Gewaltsames im Sinn zu haben. Ihre Gestalt sank wieder in sich zusammen, und die Arme fielen schlaff an den Hüften nieder.

Sehen Sie da drüben nichts? fragte sie plötzlich halblaut.

Wo?

Da hinten bei dem Weidenbusch – nein, es ist Nichts – ich dachte, ihr Haar käme wieder zum Vorschein. Aber sie liegt nun am Grunde. Gleich Anfangs freilich, da schwamm etwas Gelbes oben auf dem Wasser, ich will darauf schwören, es war ihr Haar –und der lange Rechen dort, der vom Heumachen her noch liegen geblieben ist, – wenn ich den gepackt hätte und hätte das Haar damit gefischt und es fest um die Zacken gewickelt – ich glaube, ich hätte sie noch ans Land ziehen können. Aber sagen Sie selbst, Herr: was hätte es geholfen? Sie wäre doch wieder hineingesprungen. Und wäre es nicht auch gottlos gewesen, ihr die Ruhe wieder zu stehlen, die sie da unten gefunden hat? Wer weiß denn auch, ob ich den armen Wurm mit herausgezogen hätte! Und ohne ihr einziges Spielzeug – was hätte sie auf der Welt noch angefangen?

Sie schwieg wieder und rieb sich mit den gekreuzten Armen die mageren Schultern, als ob sie im Fieber fröstele. Im Wirthshaus unten hatte die Musik eine Pause gemacht, ich hörte die raschen, keuchenden Athemzüge der alten Frau und dazwischen dann und wann ein abgerissenes Wort, wie aus einer Gebets-Litanei.

Aber diese traurige Stille wurde plötzlich unterbrochen durch ein heiseres Eselsgeschrei droben vom Walde her. Wir sahen uns Beide um.

Vor dem Häuschen stand die lahme Minka und ließ ihr kläglichstes Nothsignal erschallen. Gegen den dunklen Hintergrund hob sich der Umriß der grauen Thiergestalt deutlich ab; man konnte sogar sehen, wie sie die gesenkten Ohren schüttelte. Sie mußte uns unten bemerkt haben, denn als wir nicht antworteten, schickte sie sich an, so holperig und mühsam es auch ging, zu ihrer alten Pflegerin hinunterzuhinken.

Kommst du auch? sagte die Alte. Hast du Durst, weil ich vergessen habe, dir den Eimer zu füllen? Sehen Sie, Herr, daß ich Recht habe? Die Minka hat Menschenverstand Sie möchte auch mit ihrer Noth und Plage ein Ende machen. Und es ist auch das Beste, ihr hilft es auf einmal von allen Schmerzen, und ich – Aber wissen Sie, daß ich nun doch glaube, auch die Esel kommen in den Himmel? Warum hätten sie sonst Menschenverstand? Wer weiß, es ist ein für alle Mal aus, der fürchtet sich vorm Aufhören. Und nun sehen Sie die Minka, wie resolut sie auf das schwarze Wasser lostrabt! Komm, Minka, komm, armer Narr! Wir wollen dir hinüberhelfen!

Das Thier war unten bei dem Stein angelangt, auf dem die Alte hockte. Es schob seinen dicken Kopf in ihren Schooß hinein und knickte dabei in den Knieen zusammen. Aber die Alte half ihr wieder auf die Beine.

Komm, Minka, wiederholte sie. Es thut nicht weh, und vielleicht hilft es dir zu den ewigen Freuden. Die Hana ist schon voran mit dem Mariechen. Mutter Lise wird bald nachkommen.

Sie zog das Thier, das widerwillig folgte, an den Rand des Weihers und versuchte, es hineinzudrängen.

Aber Zureden und Streicheln waren so umsonst, wie das Stoßen und Schlagen, zu dem die Alte sich endlich entschloß. Alle vier Hufe stemmte das arme Opfer, das am ganzen Leibe zitterte, gegen das Ufergrün und ließ wieder sein flehendes Yah ertönen.

Die Alte warf mir einen bittenden Blick zu.

Sie haben ein Gewehr auf dem Rücken, Herr. Wollten Sie meiner Minka nicht den letzten Liebesdienst thun und ihr zu ihrer Erlösung verhelfen? Das bischen Pulver und Blei möge Ihnen der Herrgott vergüten, das Sie an eine geplagte Creatur wenden, und wenn es eine himmlische Gerechtigkeit giebt und wir uns Alle einmal droben wiedersehen, wird auch die Minka dabei nicht fehlen, und dann sollen Sie sehen, daß nächst dem Esel, der unsern Herrn nach Jerusalem getragen hat, kein schönerer im ganzen Paradies zu finden sein wird.

Wie hätt' ich dieser rührenden Bitte widerstehen können! Ich spannte den Hahn, trat dicht an das gute Geschöpf heran und schoß ihm meine Kugel durch den Kopf. Augenblicklich stürzte es zusammen und kopfüber ins Wasser, wo das graue Haupt nur noch einmal auftauchte, um dann spurlos zu versinken.

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Die Alte war bei dem Punkt in die Kniee gebrochen, ich sah, wie sie die dürren Hände im Schooß gefaltet hielt und lautlos die Lippen bewegte. Gewiß betete sie ein Vaterunser für Minka's abgeschiedene Seele.

Dann rappelte sie sich mühsam wieder auf. Ich danke Ihnen, Herr, sagte sie. Sie haben mir eben eine größere Wohlthat gethan, als damals, da Sie mir das Geld schickten. Wenn Sie nach Hause kommen, grüßen Sie die Frau Baronin. Sagen Sie ihr, sie brauchte nun nicht mehr Gutes an mir zu thun, Drei wären schon zur Ruhe, mit der Vierten würde es auch nicht mehr lang dauern. Und somit behüt' Sie Gott. Mich friert. Ich will ins Haus zurück und mir ein bischen einheizen. Die Nacht wird kalt werden, und das Haus ist leer. Vergelt's Gott tausendmal, Herr! Nein, Sie sollen nicht mit mir gehen. Ich habe Niemand und ich brauche auch Niemand, und die verdammte Musik wird mich wohl schlafen lassen, wenn ich mir die Ohren recht fest zuhalte. Gute Nacht, Herr! Wohl zu ruhen! Und der Herrgott droben wird « ja ein Einsehen haben und es gnädig mit uns machen. Amen!

Sie schlug ein Kreuz und nickte mit ganz ruhiger Miene vor sich hin. Dann stieg sie den Abhang quer durch die Wiese hinan, und ich sah noch, wie sie oben ihr Häuschen erreichte und die Thür hinter sich zuzog.

Ich selbst schlug den Thalweg wieder ein, in einer Stimmung, die ich schwer beschreiben könnte. Der Menschheit ganzer Jammer – darauf lief's ungefähr hinaus. Aber es mischten sich noch andere Elemente mit ein, die dem seltsamen Erlebniß etwas zugleich Feierliches und Groteskes gaben. Ein Psychologe von Fach hätte seine Noth gehabt, daraus klug zu werden.

Zum Glück sorgte das Wetter dafür, daß ich nicht in den bodenlosen Abgrund unfruchtbarer Speculation versank. Die Wolkenschicht, die langsam zusammengerückt war, entlud sich, da ich eben die ersten Häuser erreichte, mit solcher Gewalt, daß ich erst abwarten mußte, was daraus wurde, eh' ich den Fahrweg nach dem Gute betrat. Ich flüchtete natürlich ins Wirthshaus. Auch hatte ich eine gewisse Neugier, den vielbelobten Landrichterssohn an diesem Tage zu sehen, wo sein altes Liebchen sich aus der Welt geschlichen, um seinem neuen den Platz zu räumen.

Nun, es war eine Honoratioren-Hochzeit wie andere mehr. Ich konnte durch die offene Thüre in den Saal sehen, wo die Tafel längst abgeräumt war, um Raum zu schaffen für den Ball. Das junge Paar fiel mir sogleich in die Augen, nicht eben unvortheilhaft: er ein Mensch ganz wie ich ihn mir gedacht hatte, so ein Friseurkopf, wie ihn die Weiber zu bevorzugen pflegen, mit einem leichtsinnig verwogenen Gesicht, hinter dem nichts steckt. Im Ganzen eben ein »angenehmer Schwerenöther« des gewöhnlichsten Schlages. Die junge Frau im Myrtenkranz, eine Provinz-Schönheit, die sehr in ihren Gatten verliebt schien, beständig mit ihm tanzen wollte und sich dabei heftiger echauffirte als lieblich anzuschauen war. Da sie auch reich sein sollte, hatte der Gemahl in der That ein besseres Loos gezogen, als seine schurkische That verdiente, und es war nicht gerade zu hoffen, daß die ausgleichende Gerechtigkeit ihn durch diese Heirath für all seine Sünden würde büßen lassen. Auch schien er nicht der Mann, eine solche Buße ruhig hinzunehmen, viel weniger sich mit überflüssigen Gedanken über die sittliche Weltordnung nur eine schlaflose Stunde zu machen.

Mich widerte diese schnöde Larve an; ich setzte mich zu den Bauern unten in die Schenkstube und trank mein Glas Bier in sehr verdrossener Laune, während die Decke zu Häupten vom Stampfen und Schleifen der Tanzenden dröhnte und zitterte und der Stromregen an die Fenster schlug.

Das dauerte so länger als eine Stunde, da hörte der Regen auf, die Wolkenschicht wälzte sich den Bergen zu, und der Mond trat hervor. Ich dachte nun daran, mich wieder nach meinem Einspänner umzusehen, denn für einen Fußgänger war die Straße natürlich nicht praktikabel, und hier zu übernachten wäre bei dem Hochzeitslärm ein schlechtes Auskunftsmittel gewesen.

Zum Glück fand ich, wie ich eben ins Freie trat, um mich nach jenem alten Rosselenker zu erkundigen, den Kutscher meines Schwagers vor der Thür, den mir die Schwester eben mit dem Jagdwagen geschickt hatte, um mich nach Hause zu holen. Ihm und seinen Gäulen that eine kleine Rast und Stärkung im Trocknen Noth. So verzögerte sich die Heimfahrt, daß ich zu Hause Alle schon im besten Schlaf antraf, und erst am folgenden Morgen, als wir Drei beim Frühstück saßen, meine schauerlichen Erlebnisse von gestern berichten konnte.

Wir saßen noch unter dem Eindruck dieses seltsamen Trauerspiels, das besonders meine Schwester, welche die Mitspielenden im Sommer einmal aufgesucht hatte, heftig ergriff und bis zu Thränen rührte, als die Thür aufging und der Verwalter meines Schwagers eintrat.

Ich wollte nur melden, Herr Baron, sagte er, daß es die Nacht ein Feuer gegeben hat. Es hat Gott sei Dank nicht um sich gegriffen, und war auch nicht auf unserem Grund und Boden. Nur das Häuschen der alten Lise Lamitz ist niedergebrannt.

Wir sahen einander betroffen an.

Weiß man, wie das Feuer ausgebrochen ist, und ist Niemand dabei verunglückt? fragte mein Schwager.

Der Mann schüttelte den Kopf.

Gewisses weiß man nicht, Herr Baron, sagte er. Um Mitternacht, wie unten im Wirthshaus der Kehraus gegeigt wurde – der Sohn des Herrn Landrichters hatte Hochzeit gehalten – hörte man plötzlich den Thürmer die Feuerglocke ziehn, und wie Alles hinausstürzt, sehen sie oben am Waldrande die alte Hütte der Mutter Lamitz in hellen Flammen stehen. Wie von einem Holzstoß habe die Glut ruhig in die Höhe geflammt, und obwohl sogleich das halbe Städtchen auf den Beinen und die Feuerspritze den Berg hinaufgeschleppt war, konnte man doch nicht das Mindeste ausrichten, so hatte sich die Flamme schon bis in die letzten Winkel des alten Nestes eingefressen. Erst als Nichts mehr zu retten war, wurde man der Brunst Herr, und nur die Grundmauern sind bis auf Mannshöhe stehen geblieben, wenn sie nicht inzwischen auch schon zusammengestürzt sind. Von den Weibern und dem kleinen Kinde schien erst Nichts mehr übrig, bis man im Winkel der einen Stube, in der der Webstuhl gestanden hatte, einen schwarzen schauerlichen Aschen- und Knochenhaufen entdeckte, unzweifelhaft die Ueberreste der alten Lise, die vielleicht, da alte Weiber nie warm genug haben, den Ofen übermäßig geheizt hat, daß die morschen Kacheln sprangen und die Flamme das Sparrenwerk des Webstuhls erreichen konnte. Sie muß zum Glück durch den Qualm rasch betäubt worden sein und ohne weitere Qualen ihr Ende gefunden haben. Was aber aus ihrer Tochter und dem kleinen Mädchen geworden ist, weiß Niemand, und auch von ihrem Esel, auf den sie so große Stücke hielten, ist bis zur Stunde nicht das kleinste Stück Fell oder Knochen gefunden worden.

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