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Unwiederbringlich

Ich war wieder einmal in Florenz – lang, lang ist's her! – und dachte nicht, daß es das letzte Mal sein sollte. Ich hätte mich sonst, obwohl mich Geschäfte nach Hause riefen, nicht damit begnügt, nur im Fluge durchzureisen, sondern von gewissen Lieblingen in den Uffizien, Palazzo Pitti und S. Maria Novella etwas ausführlicher Abschied genommen. Nun bewährte freilich die wundersame Stadt ihren alten Zauber, die ganze Hand zu nehmen, wenn man ihr nur den kleinen Finger bietet. Aus den zwei Tagen, die ich zu bleiben gedachte, wurden sechs, und auch dann noch bedurfte es eines besonderen Aufgebots von Vernunft und Willenskraft, um mich »blutend loszureißen«.

Am ersten Mittag, als ich nach meinem ersten Rundgang mit einem starken »Galeriehunger« etwas spät in meiner gewohnten Trattorie der Stella in Via Calzajuoli anlangte, fand ich die Tische in den drei nicht sehr großen Zimmern sämtlich schon besetzt und verdankte es der dankbaren Erinnerung eines alten Kellners an frühere Trinkgelder, daß er mir ein Tischchen im Winkel des letzten Zimmers, auf dem er Gläser und Bestecke bereit hielt, für meine Colazione freimachte und sogleich den Wein auf das saubere Tischtuch stellte, den ich bei meinem letzten Florentiner Aufenthalt zu trinken pflegte.

Kaum aber hatte ich zu essen angefangen, als auf der Schwelle des Zimmers noch ein Verspäteter erschien, seine [144] Augen über die Gäste an den verschiedenen Tischen schweifen ließ und mit einer hoffnungslosen Miene sich eben zurückziehen wollte, als sein Blick dem meinen begegnete. Ich sah, wie er unschlüssig stehen blieb, ob es erlaubt sein möchte, an meinem Tischchen sich unterzubringen, und deutete ihm mit einer einladenden Gebärde an, seine Gesellschaft werde mir nicht unwillkommen sein. Worauf er sich dankbar verneigte und auf den Stuhl niederließ, den der Kellner herbeitrug.

Gleich bei seinem Eintritt war mir seine hohe stattliche Gestalt aufgefallen und die kraftvolle Sicherheit seiner Bewegungen. Nun so nahe mir gegenüber, hatte ich Zeit, seinen sehr wohlgebildeten Kopf zu studieren, der auf breiten Schultern saß und schon durch den rötlichen Schein der krausen Haare und des kurzgehaltenen Vollbarts etwas Leuchtendes hatte. Die Stirn hatte schon begonnen, ihm über den Kopf zu wachsen, das weiche Haar an den Schläfen zu ergrauen. Aber die frische Röte der Wangen und das tiefe Blau der Augen gab der Erscheinung etwas Jugendliches, so daß man ihm die fünfundvierzig Jahre, die er mir später eingestand, nicht zutraute.

Das Beste an ihm war, daß es trotzdem niemand eingefallen wäre, ihm den verdächtigen Titel eines sogenannten »schönen Mannes« zu geben, der immer den Nebenbegriff einer gewissen Selbstgefälligkeit zu haben pflegt.

*

Wir hatten kaum drei Minuten einander gegenübergesessen, während er dem Kellner seine Wünsche mitteilte, als er sich zu mir wandte und mich mit meinem Namen anredete, zugleich den seinen nennend. Er sei mir in München begegnet, habe jedoch keine Gelegenheit gehabt, sich mir vorzustellen. Ein Freund habe das vermitteln [145] wollen, doch seine plötzliche Abreise sei dazwischen gekommen. Er sei Maler, habe aber in München nie ausgestellt, auch kaum in Berlin, trotz der Nähe seiner holsteinischen Heimat, da er schon seit fünf Jahren in Florenz lebe, hauptsächlich mit Porträts beschäftigt, obwohl er seiner eigentlichen Anlage und Neigung nach Landschafter sei.

Ein Wort gab das andere, wir entdeckten, daß wir gemeinsame Beziehungen hatten und daß es wieder einmal »die kleine Welt« sei, in der gute Bekannte sich stets von allen Gegenden der Windrose zusammenfinden. Als wir endlich an den Aufbruch dachten, sahen wir, daß wir allein in den vorher überfüllten Räumen noch übrig geblieben waren.

Wir waren aber in ein so interessantes Geplauder vertieft, daß wir es auch unten auf der Straße fortsetzten, ohne daß ich auf den Weg achtete, der uns über eine der Arnobrücken in die Vorstadt führte. Endlich blieb er an einem unscheinbaren, drei Stock hohen Hause stehen und sagte lächelnd: »Verzeihen Sie, daß ich nur an mich gedacht habe, als ich Sie so weit entführte. In diesem Hause habe ich meine Wohnung und mein Studio, und kann Sie nicht einmal einladen, die drei Treppen mit mir hinaufzuklettern, da ich eine Sitzung erwarte. Sie sähen freilich auch nicht viel Gescheites bei mir, nachdem Sie heute morgen in der Tribuna gewesen, aber vielleicht dürfte ich Ihnen eine Zigarre anbieten – eine echte, keine toscana – und mein Diener machte uns ein Täßchen Mokka. Wenn ich aber hoffen dürfte, vielleicht morgen nachmittag das Vergnügen zu haben, gegen die Dämmerung – ich halte mich frei und wir plaudern dann noch ein wenig vom Verfall der Kunst, ein Thema, das ja besonders in Florenz aktuell ist.«

[146] Wir lachten, und ich versprach zu kommen, und so schieden wir mit einem herzlichen Händedruck, wie alte Freunde.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, so sah ich einen italienischen Bekannten die Straße daherkommen, der unseren Abschied bemerkt hatte.

Er begrüßte mich, überrascht, mich wiederzusehen, und nach dem ersten Austausch gleichgültiger Worte sagte er: »Sind Sie etwa hier, um sich von diesem N. malen zu lassen? Da treffen Sie es besonders glücklich oder haben sich von langer Hand vorgemerkt. Denn der Treffliche wird dermaßen überlaufen, daß es eine besondere Gunst und Gnade ist, wenn ein Sterblicher, der kein Prinz oder eine schöne Frau ist, den Fuß über die Schwelle seines Ateliers setzen darf.«

Ich erzählte, wie ich zu seiner Bekanntschaft gekommen war, und fragte, ob er wirklich ein so bedeutender Künstler sei. In München höre man seinen Namen nicht nennen.

»Oibò!« machte der andere – ein Beamter der Laurenziana, der jedenfalls mehr in Pergamenten als in bemalten Leinwanden Bescheid wußte – »ich erlaube mir kein Urteil, aber solche Künstler, die gerade in Mode sind – im besten Fall mißbrauchen sie ihr Talent. Und vollends ein so schmucker Barbarossa, dem die Weiber nachlaufen, es wäre ein Wunder, wenn er nicht allzu gewissenhaft auf die Stimme seines Genius lauschen wollte, sondern mehr auf den Klang des Goldes und die Schmeicheltöne der Sirenen, die ihn einander streitig machen. Übrigens hat dieser den Ruf eines galantuomo. Ich will ihm nichts Schlimmes nachgesagt haben, und wenn er kein Raffael oder van Dyck sein sollte – diesen Fehler teilt er mit vielen anderen.«

[147] Er kam auch auf vieles andere zu reden, was uns früher zusammengeführt hatte. Ich mußte versprechen, ihn jedenfalls auf der Laurenziana zu besuchen, wo inzwischen ein kostbarer Fund eines alten Kodex mit herrlichen Miniaturen gemacht worden sei, wie sie heute kein noch so berühmter Maler zustande bringen könne.

*

Am nächsten Tage, gegen die Dämmerung, machte ich mich aber zunächst zu dem Besuche bei meinem Maler aus, erstieg drei steile Treppen und wurde oben von einem kleinen schwarzäugigen Italiener eingelassen, der, als ich meinen Namen nannte, schon auf mich gewartet zu haben schien.

Die Wohnung, in die er mich führte, bestand aus drei sehr geschmackvoll eingerichteten Räumen, Küche und Badezimmer, wie nur ein wohlhabender Junggeselle sie sich gönnen kann. Dann öffnete Beppino, wie er auf meine Frage sich mir genannt hatte, nachdem er angeklopft hatte, eine hohe Türe, die in ein sehr großes Atelier führte, geräumiger als das übrige Appartamento und durch ein mächtiges Nordfenster erhellt, durch das eben die Röte des Abendhimmels hereinglänzte.

Der Künstler stand mitten im Zimmer vor einer Staffelei, eine große Palette nebst Malstock in der Linken, mit dem Pinsel am Hintergrund eines Damenporträts strichelnd, wovon er nicht sogleich abließ, als er mich eintreten sah.

»Nur noch eine Minute,« rief er mir entgegen, »und ich gehöre Ihnen an. Es ist ohnedies verlorene Mühe, ich quäle mich umsonst, bei dieser Beleuchtung den rechten Ton zu finden. So! und nun seien Sie mir willkommen! Aber sehen Sie sich dieses Machwerk nicht genauer an. Umsonst habe ich mich strapaziert, dieser pretiösen Larve [148] einen natürlicheren Ausdruck zu geben. Sie will durchaus, daß man sogleich erkennen soll, sie sei am Quai d'Orsay zur Welt gekommen, als Tochter eines Vicomte de Marigny. Ich danke Gott, daß morgen die letzte Sitzung ist.«

Er hob das Bild, das schon einen Rahmen hatte, von der Staffelei und stellte es umgekehrt gegen die Wand. Dann schüttelte er mir treuherzig die Hand und sagte lachend: »Da sehen Sie die Kehrseite der Medaille. Ich weiß, daß meine Kollegen mich beneiden, weil ich mich vor Aufträgen nicht zu lassen weiß, und möchte manchmal mit einem imbianchino tauschen, der nur eine Blumengirlande auf den Plafond eines Landhauses zu malen hat. Aber kommen Sie, wir wollen uns eine Zigarre anzünden und von Deutschland schwatzen. Wie schön muß es jetzt im Schwarzwald sein oder am Rhein! Hier verglüht man zu Kohle, wie irgendein Dichter sagt.«

Ich sah mich, während er sein Gerät weglegte, in dem großen Raum ein wenig um, der außer ein paar Gobelins und auf der graugetünchten Wand ein halb Dutzend Landschaftsskizzen nur durch die verschiedenen Staffeleien an eine Malerwerkstatt erinnerte. Alle Makartdekorationen, die damals eben Mode waren, Gipsabgüsse, kostbare Stoffe und dergleichen fehlten, dagegen standen überall schöne Sessel herum, und an der Hauptwand, dem Fenster gegenüber, ein breites Ruhebett mit granatrotem Plüsch überzogen und mit seidenen Kissen ausgestattet. Auf den drei oder vier Staffeleien standen Porträts in verschiedenem Grade der Vollendung, nur Damenbildnisse, die mich trotz virtuoser Behandlung und raffinierter Pose sehr kalt ließen. Sie verrieten alle den Modemaler, der Modedamen zu verewigen hatte. Ein einziges Bild stand wie ein Mädchen aus der Fremde dazwischen: eine Kopie der Bella di Tiziano, mit der größten Liebe und Kunst ausgeführt.

[149] Als ich länger als bei den anderen davor stand, hörte ich hinter mir den Maler sagen: »Das ist meine Stimmgabel. Die hab' ich mir dahingestellt, um mir mein Gewissen aufzuwecken, wenn meine Modelle mich allzuweit von der echten Kunst ablocken wollen. So malt man eben heutzutage nicht mehr, auch wenn man's könnte. All diese modernen Weiber wollen so aussehen, als ob sie die Beschauer einlüden, mit ihnen zu flirten, oder als hätten sie eine ungeheuer interessante Seele und wären unverstandene, bedeutende Exemplare des Ewigweiblichen. Und nun vergleichen Sie dies schlichte, edle tizianische Fräulein. Nur ein gelungenes Stück Natur, aber von einem Reiz, in den man nie müde wird sich zu versenken. Wissen Sie übrigens, wer zuerst einem seiner ritratti einen solchen Stich ins Problematische gegeben hat? Kein Geringerer als der große Lionardo in seiner Monna Lisa. Deshalb wird mit dieser Sphinx ein solches Getue gemacht, die ich übrigens nicht in meinem Zimmer haben möchte.«

Wir hatten uns auf das rote Sofa gesetzt und zu rauchen angefangen. Mein Blick glitt in einen dunklen Winkel, wo eine größere Leinwand in breitem Format auf einem Sockel lehnte, mit einem grünen Tuch verhängt.

»Was haben Sie denn dort für eine geheimnisvolle Arbeit?« fragte ich. »Möchten Sie mir die nicht zu schauen geben?«

»Ich möchte es gern,« versetzte er lächelnd, »aber ich darf es leider nicht. Es ist das Konterfei einer schönen Frau, die sich genau in der Stellung und dem Kostüm der Tizianschen Venus aus der Tribuna hat malen lassen – für einen Freund. Der Herr Gemahl darf nicht darum wissen, und mir ist der teuerste Eid abgenommen worden, das Bild vor keines Menschen Augen zu enthüllen. Schade! Es ist das Beste, was ich seit lange gemalt habe. Aber Sie begreifen – als guter Christ und Ehrenmann –«

[150] Ich lachte. »Natürlich will ich Sie zu keiner Todsünde verleiten. Aber ich gestehe, daß ich von allen Künstlern keinen so beneidenswert finde wie einen Porträtmaler, der im Ruf steht, sich in besonderem Maße auf die Darstellung weiblicher Reize zu verstehen. Ich weiß die Vorzüge meines eigenen Metiers gewiß zu schätzen. Auch wir sind ja darauf angewiesen, ins volle Menschenleben hineinzugreifen und herauszuholen, was darin interessant ist. Aber wir müssen uns die Mühe geben, ihm nachzugehen, Jagd darauf zu machen, und Ihnen kommt es von selbst zugelaufen, Sie haben nur die Qual der Wahl. Die reizendsten Objekte werden ohne Ihr Zutun Ihnen zugetrieben, wie einem Jäger das edelste Wild, denn dafür sorgt der mächtigste Treiber, die Eitelkeit.«

Er sah ernst vor sich hin und blies große Wolken aus seiner Zigarre.

»Was Sie da sagen,« versetzte er, »scheint sehr richtig zu sein. Aber wenn Sie das gerühmte Glück näher betrachten, ist es nicht allzusehr beneidenswert. Je mehr die Natur uns von selbst entgegenkommt, desto schwieriger ist es, ihr gerecht zu werden, desto größer wird die Verantwortung und auch die Qual, die mit der Wahl verbunden ist, bis man zuletzt oft genug völlig verzweifelt. Noch dazu, wenn man von seiner sogenannten Kunst leben, ja sogar reich dadurch werden will – wie meine Wenigkeit. Ich habe Ihnen ja schon bekannt, daß ich im Zorne Gottes mich als Porträtmaler etabliert habe und im Grunde meines Herzens ein simpler Landschafter bin. Damit bracht' ich's aber nicht zu einem erheblichen Ein- und Auskommen, und so beschloß ich, die Menschenmalerei als Erwerbsquelle zu betreiben, bis ich so viel zusammengescharrt hätte, um mit Hilfe meiner Kapitalzinsen die brotlose Kunst zu üben, für die ich von jeher geschwärmt habe.

[151] Wenn Sie sich die paar Skizzchen ansehen, die da über dem Diwan hängen, werden Sie mir vielleicht nachfühlen, daß da mehr Naturell und Seele und Freude drin steckt als in den Puppen da auf den Staffeleien. Doch gottlob: nur noch zwei Jahre schleppe ich diese schmähliche Fron, dann hab' ich so viel beisammen, daß ich all das verlogene Zeug an den Nagel hängen und der Sonne in meinen deutschen Wäldern mein ehrliches Gesicht zukehren und schaffen kann, wozu der Herrgott mich geschaffen hat.«

*

Er stand in sichtbarer Bewegung auf und schritt schweigend eine Weile über den persischen Teppich, der durch das ganze Atelier ausgebreitet war. Ich wagte die Stille nicht zu unterbrechen.

Es klopfte aber an der Tür. Beppino trat ein, ein Billett in der Hand, das er dem Herrn hinreichte.

»Bestelle dem Diener,« sagte der, nachdem er gelesen hatte, »morgen sei es unmöglich. Ich würde der Gräfin Botschaft schicken, wenn ich sie wieder zur Sitzung erwarten könne.«

Als der Bursch gegangen, trat der Maler wieder zu mir und sagte mit einer Gebärde des Unmuts: »Da sehen Sie eine neue Schattenseite unserer vermeintlichen Herrlichkeit: die Weiber hängen sich an uns wie die Fliegen an eine reife Feige. Kaum ein Tenor hat es in dem Punkt schlimmer – oder besser, je nachdem. Denn es gibt ja auch eitle Narren, die sich damit brüsten, das sogenannte Glück bei den Weibern zu haben, obwohl es dabei wahrhaftig nicht auf besondere persönliche Liebenswürdigkeit ankommt, sondern meist nur auf das Ewigmännliche, nach dem die armen Dinger schmachten. So zum Beispiel die Schreiberin dieses Billetts, eine Russin, an einen invaliden, schwer reichen Gutsbesitzer verheiratet – in der ersten [152] Stunde, wo sie mir saß, wußte ich, daß es ihr durchaus nicht auf das Porträt ankam, sondern auf den Maler. Sie ist nicht häßlich, von jener angenehmen slawischen Geschmeidigkeit des Geistes und der Glieder, die sonst einen Reiz für mich hat. Aber so viel Entgegenkommen bewirkt bei mir nur, daß ich mich zurückziehe. Nun brauch' ich allerlei Vorwände, sie mir vom Leibe zu halten.

Glauben Sie nicht, daß ich ein Kostverächter wäre. Ich bin auch nur ein schwacher Sterblicher, dem nichts Menschliches fremd ist, aber so reich die Auswahl war, zu etwas Ernstlichem oder gar Dauerhaftem ist es nie gekommen. Immer war ich es, der zuerst abbrach, denn nur allzubald kam ich zu der Erkenntnis, daß von richtiger Liebe oder gar Leidenschaft trotz aller Engelsmienen und hingebender Schwärmerei bei diesem schwachen Geschlecht sehr selten einmal die Rede ist, daß neben dem animalischen Triebe nur die Eitelkeit sie uns ausliefert. Ich habe keine gefunden außer denen, die gute Mütter und glückliche Gattinnen waren, die ein schlauer Maler, der ihre Reize enthusiastisch zu bewundern verstand, nicht mit leichter Mühe aus ihrer Tugend und ihrem Korsett hätte herausschmeicheln können, man brauchte kein Canova zu sein und es mit der schönen Pauline Bonaparte zu tun zu haben.«

»Und eine Frau ist Ihnen nie begegnet, der Sie zugetraut hätten, eine treue Gattin und gute Mutter zu werden?«

Er stand still, fuhr sich mit der Hand über die hohe weiße Stirn und seufzte hörbar.

»O doch!« versetzte er endlich, »eine solche habe ich gefunden, und daß ich sie verloren habe und zwar durch meine eigene Torheit, ist der Kummer meines Lebens und nie zu verwinden. Aber das ist eine lange Geschichte, und Sie haben gewiß für diesen Abend etwas Besseres vor, als sich eine solche Jugendsünde beichten zu lassen, an der [153] es das Unverzeihlichste war, daß sie sich einbildet, eine tugendhafte Handlung zu sein. Ich habe Ihnen schon zu viel von meiner unbedeutenden Person vorgeschwatzt.«

»Fishing for compliments«! sagte ich lachend. »Sie können wohl denken, daß mich das alles höchlich interessiert, und wenn Sie keine Gründe der Diskretion haben –«

»Durchaus nicht. Höchstens ich selbst erscheine dabei in einem seltsamen Lichte. Aber wenn Sie wirklich diese alte Geschichte hören wollen – nein!« rief er dem jungen Diener zu, der eben eine große Lampe hereintrug, »zünde nur die beiden Kerzen dort auf dem Tische an, die Lampe wünsche ich nicht, und dann bleib draußen!«

Er selbst trug ein rundes Tischchen zu dem Diwan und nahm aus einem schön geschnitzten, mit Intarsien verzierten Wandschränkchen eine Kristallflasche und zwei Gläser.

»Sie müssen durchaus diesen Vino santo kosten, Verehrtester. Den halte ich immer im Vorrat, wenn eine Sitzung sich in die Länge zieht und meinem Modell ein wenig schwach wird. Und nun will ich das Fenster schließen. Der Wagenlärm wird um diese Zeit immer betäubender.«

*

Er hatte sich eine neue Zigarre angezündet und in einem bequemen Armstuhl mir gegenüber niedergelassen. Doch dauerte es noch eine Weile, bis er zu erzählen anfing, in einer wunderlichen Manier, zuweilen stockend, wie wenn er einen inneren Widerstand zu überwinden hätte, dann in hastigem Flusse, als ob es ihm wohltue, eine Last vom Herzen zu wälzen.

»Sie müssen wissen,« sagte er, »ich bin sozusagen ein Mischling, von Vaterseite ein bedächtiger, sogar pedantischer Mensch, von der Mutter her mit einem starken, vollblütigen Temperament begabt. Denn obwohl meine Mutter [154] aus Holstein gebürtig war, wo sonst ein fester, nüchterner Menschenschlag zu Hause ist, war doch etwas Elementares, an die Nähe des Meeres Erinnerndes in ihrem Blut, das wohl bei mir die künstlerische Anlage begründete. Mein guter Papa dagegen ganz nüchterner Verstand, der denn auch seinem Beruf als Rechtsanwalt zustatten kam. In Karlsruhe, wo er geboren war, hatte er das schöne, starke Mädchen, das entfernte Verwandte besuchte, kennen gelernt, und diese beiden so verschiedenen Menschen hatten sich rasch gefunden. Es gab eine sehr glückliche Ehe, in der nie ein anderer Grund zum Streit auftauchte als die entgegengesetzten Erziehungsmaximen gegenüber ihrem einzigen Sohn. Wenn die Mutter ihm in all seinen Launen und Liebhabereien den Zügel schießen ließ, suchte ihm der Vater vor allem den Pflichtbegriff einzuschärfen, was dem jungen Unband übrigens wohlbekam, wenn er auch gern gegen den Stachel gelöckt hätte.

Dieser Widerspruch zeigte sich am stärksten, wenn von der Wahl meines künftigen Berufs die Rede war.

Ich besuchte natürlich das Gymnasium mit leidlichem Fortgang, aber im Herzen träumte ich nur davon, Maler zu werden, während mir die Juristerei, für die mich der Papa bestimmte, entsetzlich war. Von der Kunst verstand meine liebe Mutter nicht das geringste. Sie sah nur, wie mir die Augen leuchteten, wenn ich in freien Stunden mit meinem Skizzenbuch in die Umgegend hinauslief und dann eine dürftige Naturstudie nach Hause brachte. Sie nahm sich vor, wenn ich das Abiturientenexamen hinter mir hätte, all ihren Einfluß bei ihrem Manne aufzubieten, um mir meinen Herzenswunsch zu erfüllen. Ich zitterte davor, wie der Kampf sich entscheiden würde. Es kam jedoch nicht dazu. Mein lieber Vater wurde, als ich noch in der Prima saß, durch eine plötzliche Krankheit wegge [155]rafft, und es war nur noch eine äußere Ehrensache, die Prüfung leidlich zu bestehen. Gleich darauf trat ich in die Akademie ein und konnte nun nach Herzenslust in Wald und Feld ›Motive‹ aufsuchen oder meine Zeit in der Gipsklasse hinter einer großen Staffelei verlieren.

Drei Jahre trieb ich es so, von denen nichts weiter zu berichten ist. In den Herbstferien meines einundzwanzigsten Jahres aber machte ich eine Wanderung, natürlich zu Studienzwecken, durch den Schwarzwald und lernte dort einen jungen Menschen kennen, mit dem ich mich trotz der großen Verschiedenheit unserer Charaktere bald aufs innigste befreundete.

Ich kam am Abend meines ersten Wandertages bei einem unscheinbaren Wirtshause an, das an einer abgelegenen Waldstraße stand und nur von geringerem Volk, Holzhauern und Landstreichern, besucht zu sein schien. Mir aber lag viel daran, hier unterzukommen. Ich hatte auf dem Marsch hierher allerlei reizende landschaftliche Motive entdeckt, Waldinterieurs und Ausblicke auf grüne Täler und Flußufer, daß ich vor Begierde brannte, hier mein Lager aufzuschlagen. Auch mied ich aus guten Gründen die großen Hotels. Seit meines Vaters Tode lebten wir in beschränkten Verhältnissen. Mein Taschengeld reichte knapp zu einem Ferienausflug von drei Wochen.

Ich war daher sehr froh, als die dicke Wirtin mir erklärte, in ihrem einzigen Fremdenzimmer sei noch ein Bett frei, das andere habe ein junger Herr seit drei Tagen in Beschlag genommen, ein Student aus Heidelberg, mit dem ich mich gewiß gut vertragen würde. Da ich, während das Bett gemacht wurde, noch etwas essen wollte, übergab ich der Frau mein Ränzel, den Feldstuhl und Regenschirm und trat in die Wirtsstube, wo ich meinen Zimmergefährten hinter dem großen, doch nur für ihn gedeckten Tische sitzend fand, ein Viertel Wein vor sich und in einem Buche lesend.

[156] Es war ein junger Mensch ungefähr von meinem Alter, blond, mit einem hübschen, nur etwas allzu schmalen Gesicht, wie auch seine Gestalt engbrüstig erschien. Als ich ihn aber begrüßte und mich als seinen Schlafkameraden vorstellte, übrigens erklärte, ich würde seinen Schlaf nicht morden, da ich weder schnarchte noch nachtwandelte, erschien ein sehr liebenswürdiges Lächeln an seinem bartlosen Munde, er reichte mir über den Tisch weg seine feine, etwas kühle Hand und hieß mich willkommen.

Wir tauschten in der ersten halben Stunde unsere Personalien, und beinah wäre es schon an diesem ersten Abend zum Schmollieren gekommen. Ich erfuhr, daß er der Sohn eines Rentmeisters in der kleinen rheinischen Stadt D. nahe bei Mainz und schon im vierten Semester Studiosus der Philologie in Heidelberg sei. Jetzt, da er sich überarbeitet habe, genieße er in dieser herrlichen Waldluft die ausgiebige Ruhe, die der Arzt ihm verordnet habe, und sei durch einen glücklichen Zufall in diese stille Herberge geraten, wo er aber die größte Reinlichkeit und eine anständige Kost gefunden habe.

Wenn er es nur auch mit dem Ausspannen ernst nähme, sagt' ich. Er werde sich mit seinem Lesen bei der trüben Lampe die Augen verderben und solle lieber in die heitere sternenklare Nacht hinausgehen.

Dazu sei er zu müde, nachdem er den ganzen Tag draußen herumgestreift. Übrigens sei dies Buch eine Erholung für seine Nerven, wie eine sanfte Nachtmusik.

Er reichte es mir hin, es waren die Elegien Tibulls, die ich noch nicht kannte. Auch, setzte ich offen hinzu, würden sie auf mich eher beunruhigend wirken, da ich Mühe haben würde, sie zu verstehen. Als angehender Maler hätte ich meinen Schulsack in den Winkel geworfen.

[157] So werde er sich, wenn ich Lust dazu hätte, ein Vergnügen daraus machen, mir diesen genialen Dichter zu interpretieren, ohne mich mit dem Urtext zu plagen. Er arbeite an einer Dissertation über ihn, dies nicht jetzt in den Ferien, wo er alles philologische Material zu Hause gelassen habe, sondern er habe sich vorgenommen, eine Übersetzung von ihm zu machen, die besser sei als die vorhandene. Es seien herrliche Sachen, vor allem die Liebeselegien an seine Delia, die nicht immer die Seine war –

Und nun fing er an, mir davon vorzuschwärmen und ein paar besonders schöne Stellen zu rezitieren. Sein feines Gesicht rötete sich, seine hellen, nur etwas kurzsichtigen Augen leuchteten.

Ich sehe, sagte ich scherzend, daß Sie nicht bloß Philologe, sondern auch Dichter sind und, was zu diesem gehört, – auch verliebt.

Er wurde sehr verlegen, gestand aber endlich, daß er allerdings bei dem Namen Delia an ein noch lebendes Mädchen dächte, das er von seinen jüngsten Jahren an kenne und heimlich über alles liebe und verehre. Leider sei es hoffnungslos, abgesehen davon, ob sie sein Gefühl je erwidern würde. Nahe bei seiner Vaterstadt liege ein herrschaftliches Schloß mit vielem Grundbesitz an Wein- und Obstgärten, da sei das betreffende Mädchen als Kind des Gutsverwalters aufgewachsen, drei Jahre jünger als er. Sie sei aber mittellos, wie er selbst, und da es Jahre dauern würde, bis er eine Stelle als Gymnasiallehrer erlange, könne er nicht daran denken, um sie zu werben, und sie wisse auch nicht, daß er sie liebe. Obwohl sie arm sei, könne es nicht lange dauern, bis sich ein Freier fände, der sich bis über die Ohren in sie verliebe und ohne Mitgift zu seiner Frau nehme.

[158] Das beichtete er mir mit einer rührenden Treuherzigkeit, die mich in ein völlig reines, schüchternes Jünglingsherz blicken ließ. Ich konnte nicht hinter ihm zurückbleiben und gestand ihm, ich selbst hätte noch gar keine Erfahrungen mit der Liebe gemacht. Ein einzigesmal, noch in der Prima, hätte ich mich mit einem Mädchen eingelassen, das mich Abends auf der Straße mit einem einladenden Blick angeschaut hätte. Sie sei weder häßlich noch frech gewesen. Als ich aber von ihr gegangen, hätte ich einen solchen Ekel gespürt, daß ich einer ähnlichen Versuchung nie wieder erlegen sei. Dann, in der Aktklasse, hätten die bezahlten, meist ganz seelenlosen Modelle nicht im geringsten meine Sinne aufregen können, wenigstens nicht ein Gefühl wecken, das den Namen Liebe verdient hätte, und mit Töchtern aus guten Häusern hätte ich es nie zu mehr als einer Verliebung für einen Ballabend gebracht. So haben wir beide, sagt' ich lachend, unsere hohe Schule noch durchzumachen, trotz unserer einundzwanzig Jahre. Verraten wir's nur ja niemand. Wir würden als Tugendsimpel oder noch Schlimmeres verhöhnt und ausgelacht werden.

*

Volle drei Wochen blieben wir beisammen, in der schönsten Eintracht trotz der verschiedenen Studienwege, die uns doch aber auch oft zusammenführten. Wenn ich meine Bäume und Hügel zeichnete, saß er manchmal neben mir im Grase und las mir die Übersetzung eines Gedichtes vor, die er am Morgen zustande gebracht hatte.

Zuweilen kramte er auch allerlei Literargeschichtliches aus und ergänzte die mangelhaften Kenntnisse von den griechischen Tragikern, die ich von der Schule noch mitgebracht hatte.

[159] Auch machte ich natürlich sein Porträt, für seine Eltern, das zu seiner Freude sehr ähnlich ausfiel, und hin und wieder unternahmen wir Tagespartien, die uns diese herrlichen Bergwälder in ihrem schönsten Herbstschmuck zeigten. Früher hatte ich nur die Pfalz kennen gelernt und einmal mich während der Ferien im Elsaß herumgetrieben. Nun versprach ich meinem Julius, im nächsten Jahre ihn in seiner rheinischen Heimat aufzusuchen.

Es sollte aber nicht dazu kommen.

Die Gesundheit meiner Mutter, die bis dahin so unanfechtbar gewesen war, hatte im Winter sich zu verschlechtern angefangen. Ein schleichendes Leiden warf sie im Frühling aufs Krankenlager, von dem sie nicht wieder aufstand.

Natürlich hatte ich sie nicht verlassen können. Als ich sie aber neben meinem teuren Vater zur Ruhe gebettet hatte, war an einen Ausflug nicht mehr zu denken, die Kurse an der Akademie hatten wieder begonnen, ich war froh, in besinnungslosem Fleiß ein Gegengewicht gegen meinen bittern Kummer zu finden.

Darüber kam nun auch mein Briefwechsel mit Julius ins Stocken.

Er war im ersten Winter nach unserer Trennung ziemlich lebhaft gewesen, mehr freilich von seiner Seite, da er mir über den Fortgang seiner Studien fleißig Bericht gab, während ich ihm über die meinigen nicht viel zu sagen hatte. Ich bewunderte die geistvolle Art seiner Erörterungen literarischer Themata, obwohl sie mich eigentlich ein wenig langweilten. Er war eben der geborene Dozent. Ich dagegen als angehender Kunstjünger beherzigte das Sprüchlein: Bilde, Künstler, rede nicht! Doch ich hatte ihn nun einmal liebgewonnen, und da ich mich sonst an niemand anschloß, genoß ich herzlich die Wärme, mit der er an mir hing.

[160] Die Frucht dieses Trauerjahrs war ein Preis, den ich bei der Schülerkonkurrenz mit einer ersten Komposition gewann: die Summe war nicht groß, reichte aber gerade zu einem Ausflug nach Oberitalien, der die ganze Zeit der Vakanz ausfüllte, so daß es wieder nicht zu einem abboccamento mit dem Freunde kam. Der war auch an seinen Arbeitstisch angeschmiedet, da er im Herbst seinen Doktor zu machen hatte. Als ich von meiner Kunstreise zurückkehrte, mit einer dicken Mappe voll Studienblätter von den lombardischen Seen, erwartete mich zu Hause ein Brief des guten Julius, der die Nachricht von seiner Promotion, natürlich summa cum laude, enthielt und eine zweite, noch bedeutungsvollere, von einer sehr beträchtlichen Erbschaft, die seinen Eltern durch den Tod einer Tante zugefallen war. Sie hatten nie darauf gerechnet, da die fromme Dame in dem Verdacht stand, ihr sämtliches Vermögen der Kirche vermacht zu haben.

Dieses unverhoffte Glück berichtete mir der Freund in größter Aufregung. Er hatte seine Armut gleichmütig wie ein antiker Weiser ertragen. Nun aber beglückte ihn die Aussicht, statt sich nach einer Lehrerstelle umsehn zu müssen, nur um zunächst ein kümmerliches Gehalt zu erlangen, als unbesoldeter Privatdozent die Universitätskarriere einschlagen zu dürfen. Und noch ein größeres Glück winkte ihm von fern: seine Jugendliebe heimführen zu können, ehe sie beide alt und grau geworden.

Natürlich wenn sie damit einverstanden wäre. Das zu ergründen, besuchte er um Weihnachten seine Eltern, nachdem er in Heidelberg die ersten Schritte getan hatte, seine Habilitation vorzubereiten.

Wie es um seine Hoffnungen dem Mädchen gegenüber stand, konnte ich aus seinen Briefen nicht klar ersehen. Jedenfalls hatte er noch eine Probezeit zu bestehen, bis [161] er endlich, im Mai, mir melden konnte: Sie ist Meine, sie ist mein! Zugleich lud er mich im Namen seiner Eltern ein, die letzten vier Wochen bis zur Hochzeit in ihrem Hause als Gast und dann als Trauzeuge zuzubringen.

Ich hatte gerade auch einen Erfolg erlebt, ein erstes Bild verkauft, zu dem ich das Motiv in der Umgegend von Vicenza gefunden hatte. Da es in der Tat für einen Anfänger recht gelungen war und von ziemlich großen Dimensionen, war es mir gut bezahlt worden, und zusammen mit einem Stipendium, das mir von der Akademie bewilligt worden war, reichte die Summe notdürftig aus zu einer Fahrt nach Paris, wo ich allerlei künstlerische Anregung zu erhalten hoffte.

Vorher aber wollte ich meinem einzigen Jugendfreunde ins Brautbett helfen.

*

So kam ich eines schönen Maiabends zu Schiff bei der kleinen Stadt an, wo der Bräutigam mich am Landungsplatz erwartete. Ich fand ihn, da wir uns fast drei Jahre nicht gesehen, sehr verändert, bis auf die strahlende Miene, mit der er mich umarmte. Seine schmächtige Figur erinnerte durch ihre vorgebeugte Haltung daran, wie beharrlich er über seine Bücher gebückt gesessen hatte. Sein Gesicht hatte noch immer die feinen Züge, aber bleicher und durch einen dünnen Vollbart nicht eben verschönert, da er nun erst recht wie ein Mädchen erschien, das sich mit einem falschen Bart verkleidet hatte, und die Augen waren etwas gerötet. In seinem Wesen aber bemerkte ich eine gewisse Erregung, nicht mehr die alte sinnige Gleichmütigkeit, die ihn so anziehend gemacht hatte.

Ich war noch voll von der herrlichen Fahrt an den lachenden Rheinufern, und auch das Städtchen mit seinen [162] aufblühenden Rebenhügeln gefiel mir ungemein. Nicht minder auch das Haus der Eltern, das draußen am Fuß eines Hügels lag, mitten in einem Gärtchen voll eben aufsprossender Rosen. Der Herr Rentmeister hatte diese seine Dienstwohnung nicht verlassen, so wenig wie sein Amt, obwohl er jetzt zu den wohlhabendsten Einwohnern des Orts gehörte, und auch in der inneren Einrichtung schien alles beim alten geblieben zu sein, bis auf einen bunten neuen Teppich, der den Fußboden des Wohnzimmers bedeckte.

Ebenso trugen auch die Gesichter der beiden alten Leutchen – ihr Sohn war die einzige Frucht einer spätgeschlossenen Ehe – den bescheidenen, fast schüchternen Ausdruck aus ihrer früheren, eingeschränkten Zeit. Nur wenn sie ihren Doktor betrachteten, leuchtete etwas wie Stolz in ihren Augen auf, und es war rührend zu sehen, wie die gute Mama ihren Julius bei jeder unbedeutenden Gelegenheit um seine Meinung befragte und ihm verstohlen den Arm streichelte.

Ich wurde aufs herzlichste empfangen, in ein helles, sehr sauberes Fremdenzimmer geführt und mir kaum Zeit gelassen, etwas Toilette zu machen, da kam schon die Frau Rentmeisterin und fragte, ob ich nicht eine Erfrischung wünsche; bis zum Nachtessen sei es noch eine Stunde. Ich erklärte, nichts zu bedürfen, lehnte aber auch Julius' Einladung ab, sogleich mit ihm seiner Braut meine Aufwartung zu machen. Er möge nur allein gehen und meinen Besuch für morgen anmelden. Zunächst wolle ich mich den Eltern widmen.

So geschah's denn auch. Der Vater hatte noch ein Geschäft zu erledigen, die Mutter nahm mich in das Gärtchen und schüttete mir ihr Herz aus über ihren Sohn, welch ein herrlicher Mensch er sei und wie sehr sie mir [163] danke, daß ich das so rasch erkannt und ihm so viel Freundschaft bewiesen hätte. Sie sei oft in Sorge um ihn gewesen, da er so gar nicht wie andere seines Alters an Vergnügungen und Spielen Freude gefunden, sondern immer über seinen Büchern gesessen. Zuletzt habe er sich in der Tat überarbeitet, dazu die heimliche Liebe, die er für hoffnungslos gehalten, so daß sie ernstlich für seine Gesundheit gefürchtet habe. Nun aber, da das schöne Mädchen seine Werbung angenommen, sei er sichtbar aufgelebt, wie eine Pflanze, die Regen und Sonne lange entbehrt habe, und sie vertraue nun zu Gott, daß eine glückliche Häuslichkeit ihn vollends herstellen werde.

Ich fragte auch nach der Braut und ob sie auch ihren künftigen Schwiegereltern herzlich zugetan sei. Daraus gab sie nur ausweichend Bescheid. Es sei eben kein Mädchen wie andere, dazu in ihrem häuslichen Verhältnis gedrückt und unfroh, da ihr Vater vor fünf Jahren gestorben sei und ihre Mutter dann seinen Nachfolger in der Gutsverwaltung geheiratet habe, einen Mann, den die Stieftochter nicht habe liebgewinnen können.

*

Als Julius dann zum Nachtessen nach Hause kam, hatte er nicht die glückstrahlende Miene wie ein Bräutigam, der eben bei seiner Liebsten gewesen. Ich konnte mich nicht enthalten, ihn zu fragen, ob er Grund zur Verstimmung gehabt habe. Keinen andern als den täglichen, daß die Eltern seiner Margret ihn fast nie mit ihr allein ließen. Die Mutter würde es ihm wohl gönnen, der Stiefvater aber sei ihm unfreundlich, fast feindlich gesinnt, und es sei hohe Zeit, daß das liebe Mädchen seiner Tyrannei für immer entzogen werde.

Sie lasse mich übrigens grüßen und freue sich darauf, [164] mich morgen kennen zu lernen, da sie schon so viel von mir gehört habe.

Am nächsten Tag machten wir uns denn auch zeitig auf den Weg. Das herrschaftliche Gut lag nur zehn Minuten von der Rentmeisterei entfernt am Rheinuser, zu dem sich der Garten in sanften Terrassen hinunterzog. Es war ein großes altes Haus in ländlicher Bauart, Wirtschaftsgebäude und Ställe standen ein wenig entfernt auf der Nordseite, an die Rückfront schloß sich ein sauber gehaltenes Höfchen, hinter dem dann sogleich das Weingelände begann.

In diesem kleinen Bezirk stand eine Geißblattlaube und ein Schuppen für Gartengerät, auch eine Schaukel und Tische für die Dienerschaft. Am Eingang der Laube aber fanden wir eine hübsche kleine Gesellschaft von Menschen und Tieren.

Auf einem niederen Schemel saß ein schönes stattliches Mädchen mit einem gelben Kopftuch, einem Kleide von geblümtem Kattun und einer weißen Schürze, vor sich eine weiße, schwarzgefleckte Ziege, die zu melken sie so eifrig beschäftigt war, daß sie unser Herankommen nicht zu bemerken schien, bis wir dicht vor ihr standen. Sie sah dann ruhig auf und grüßte uns mit einem leichten Nicken, ohne ein Wort zu sprechen. Ich war betroffen, eine solche Schönheit zu finden, ein so reizendes Oval des bräunlichen Gesichts, Augen vom reinsten Schnitt, deren graue Pupillen unter tiefschwarzen Wimpern und Brauen hervorleuchteten, die feine gerade Nase über einem weichgeschwungenen Mund, der nur leider einen herben Zug hatte und nicht oft zu lächeln schien. Als sie dann ihr Geschäft beendet hatte und sich, den kleinen hölzernen Eimer mit der schäumenden Milch aufhebend, in ganzer Figur zeigte, bewunderte ich den schlanken Wuchs und [165] wie auf den zarten Schultern der kleine Kopf sich bewegte unter einer Fülle dunkler Haare, die hinten in einem dicken Knoten zusammengebunden auf dem halbentblößten Nacken lagen.

Ein Knäbchen von etwa vier Jahren saß in der Laube auf einer Bank, einen kleinen schwarzen Hund neben sich, den es streichelte, während ein weißes Kätzchen sich am Kleide des Fräuleins festgehakt hatte und sich, als sie sich bewegte, mitschleifen ließ. Ich darf auch einen lahmen Raben nicht vergessen, der um sie herumhüpfte.

Sie reichte mir ruhig die Hand und bat, einstweilen zu ihrer Mutter hineinzugehen, bis sie ihrem Brüderchen, das nach einer Krankheit von ihr gepflegt werde, seine Milch gegeben und ihre Menagerie versorgt habe. Ihre Stimme hatte einen so tiefen Klang, doch ganz so seltsam gleichmütig, wie ihr übriges Betragen. Es war etwas Kühles, Resigniertes in ihr, als wäre sie mit ihren Gedanken weit ab von allem, was sie umgab, und verrichte alle Geschäfte nur mit halbwacher Seele.

Die Gutsherrschaft, erzählte sie mir, sei nicht anwesend, da sie ihr Haus in Frankfurt den ganzen Winter bewohne und erst zur Zeit der Traubenreife in ihr Landhaus hinauskomme. Ihre Eltern hätten ihre Wohnung im Erdgeschoß. Julius werde mich zu ihnen führen.

So stellte sie sich, nachdem das Kind seine Milch getrunken, an die Spitze ihres kleinen Trupps, mit der einen Hand die Ziege an einem Horn führend, mit der andern das Brüderchen, Hund und Kätzchen und der gravitätische Rabe bildeten den Nachtrab, und so verschwanden sie durch das Gitter, das sich nach dem Wirtschaftsbezirk öffnete.

*

[166] Ich hatte kaum Zeit gehabt, meinem Freunde ein Kompliment über seine reizende Braut zu sagen, bei dem ich natürlich die Bemerkung, ein wie ungleiches Paar sie bildeten, unterdrücken mußte, als sich die Haustür an der Rückseite öffnete und die Frau Gutsverwalterin heraustrat, eine kleine, blasse, etwas verschüchtert blickende Frau, der niemand zugetraut hätte, dieser prachtvollen, in Kraft und Schönheit blühenden Tochter das Leben gegeben zu haben. Erst später fand ich die Lösung des Rätsels, als ich in ihrem Staatszimmer ein Ölbild ihres ersten Mannes hängen sah, der von demselben stolzen Wuchs und der brünetten Komplexion war wie diese Tochter. Ich glaube, er war aus Lothringen gebürtig und ein halber Franzose.

Die kleine Frau begrüßte mich mit auffallender Betulichkeit als Freund ihres teuren Schwiegersohns, dessen treffliche Eigenschaften sie ihm ins Gesicht überschwänglich herausstrich, so daß er sich's ernstlich verbitten mußte. Es war aber zu erkennen, daß sie es aufrichtig meinte, wie sie's sagte, und es für ein hohes Glück ansah, ihre Tochter so gut versorgt zu sehen. Dann schlug sie vor, statt uns in ihre Wohnung zu führen, uns den Garten zu zeigen, der wirklich sehenswert und – hauptsächlich unter Margrets Leitung – aufs schönste gehalten war.

Dort begrüßte uns auch ihr Mann, ein großer, starkknochiger Fünfziger, dessen lauernder Blick und beflissene Höflichkeit mir äußerst mißfiel. Ich war froh, als die Braut sich zu uns gesellte und ich mich verabschieden konnte, so gern ich unter vier oder sechs Augen mit dem anziehenden und doch seltsamen Mädchen mich noch länger unterhalten hätte.

Es war mir sehr aufgefallen, daß sie mit ihrem Verlobten sich benahm, wie mit jedem andern, nicht einmal beim Abschiede ihm vertraulicher als mir die Hand gab [167] oder ein Wort ihm zuflüsterte, das ein zärtlicheres Verhältnis erraten ließ, während er mit leidenschaftlichen Augen sie beständig betrachtete.

Ich konnte es nicht lassen, als wir auf dem Heimweg waren, ihm meine Verwunderung auszusprechen.

Ja, sagte er mit einem Seufzer, sie ist eben nicht wie Andere, und ich gestehe, daß ich schwer unter ihrer Zurückhaltung leide. Sie ist eine so wahrhafte Natur, daß sie nichts heucheln kann, was sie nicht empfindet. Als sie mir ihr Jawort gab, gestand sie mir offen, daß sie meine guten Eigenschaften ganz, wie ich's verdiente, schätze und mich ja auch von Kindheit an kenne. Meine leidenschaftliche Liebe jedoch könne sie nicht erwidern, einer solchen sei sie wohl überhaupt nicht fähig. Sie werde mir aber eine treue Frau werden und mit der Zeit ein immer wärmeres Gefühl für mich empfinden. Wenn mir das genug sei, wolle sie die Meine werden.

Es mußte mir wohl genug sein, da ich schon das früher nie zu hoffen gewagt hatte. Und so habe ich mich dabei beruhigt, der Zeit Zeit zu lassen, die ja noch ganz andere Wunder wirkt.

Als ich hieraus schwieg, da es mir wenig gefiel und ich dem guten Menschen nicht gestehen wollte, daß ich nicht an Wunder glaubte, fuhr er eifrig fort: Sie gibt mir überhaupt, obwohl ich sie von klein auf kenne, oft zu raten auf. Du mußt wissen, sie hat eben nur die Volksschule besucht und keine höhere Bildung. Da sie mit der Tochter der Gutsherrschaft sehr befreundet war, lernte sie mit dieser auch spielend Französisch bei einer Elsäßer Gouvernante, und daß sie sich mit ihrer freien Haltung in jeder Gesellschaft bewegen kann, traust du ihr nach der Art, wie sie dich empfing, wohl zu. Dabei ist sie ein Naturkind geblieben, das am liebsten sich in der Häuslich [168]keit nützlich macht und mit Tieren und Kindern umgeht.

Ihren kleinen Halbbruder hat sie seit seiner Geburt wie ein Kindermädchen gepflegt, da die Mutter seit der Zeit kränkelt. Auch hat sie kein Vergnügen an Gesellschaften oder den Bällen, die auch in der kleinen Stadt nicht fehlen, am wenigsten an den faden Kurmachereien der jungen Leute, von denen Mancher es sehr ernst gemeint hat, oder der vornehmeren Besucher der Herrschaft, die sie natürlich sehr schön und reizend finden. Darüber ist sie nun neunzehn geworden und hat sich entschlossen, mit einem unansehnlichen Privatdozenten vorlieb zu nehmen.

Sie ist ein herrliches Geschöpf, sagt' ich, und du mußt dich sehr zusammennehmen, ihrer wert zu sein.

An meinem Willen soll's nicht fehlen, lachte er treuherzig. Ich werde jedenfalls ihre Bildung zu vervollkommnen suchen, da sie doch gute Anlagen hat. Auch darin aber ist sie seltsam. Ich habe ihr allerlei von unsern Klassikern zu lesen gegeben, aber Werther und Wilhelm Meister haben sie gelangweilt, und von Schillers Versen will sie nichts wissen. Ein paar französische Romane, die ihre Freundin ihr gab, hat sie verschlungen. Das soll nun anders werden, wenn sie meine Frau ist.

Lieber Julius, versetzte ich, an deiner Stelle würde ich alle Schulmeisterei an ihr sparen, sondern mich an diesem seltenen Stück Natur, so wie es ist, erfreuen. Dieser Edelstein gewinnt wahrhaftig nicht durch regelrechten Schliff und hat genug inneres Feuer ohne kunstreiche Facetten. Du tust ihr selbst schwerlich einen Gefallen damit.

Er sah mich zweifelnd an.

Wird nicht auch sie es mir danken, wenn ich ihren geistigen Horizont erweitere, ihre Augen öffne für die Welt des Schönen, von der sie jetzt noch keine Ahnung hat? In drei Jahren wollen wir uns wieder sprechen. [169] Ich fange das natürlich behutsam an und mute ihr keine schweren Aufgaben zu, aber ich verlasse mich auf die Kraft und Schönheit der großen Werke und auch ein bißchen auf mein pädagogisches Talent.

O du pädagogischer Tor, sagte ich bei mir selbst. Du solltest alles daran setzen, das Herz deines Weibes dir geneigt zu machen, und ihren Kopf sich selbst überlassen.

*

Der folgende Tag war ein Sonntag. Julius' Eltern hatten seine Braut zu Tisch geladen. Sie kam in einem einfachen sommerlichen Kleide und einem Strohhütchen, unter dem das schwarze Haar und das bräunliche Gesicht sehr reizend aussahen. Die feinen und doch kräftigen Arme waren bis zum Ellenbogen entblößt, und ein Künstlerauge konnte auf diesem Fragment den prachtvollen Bau des ganzen jungen Körpers sich konstruieren. Ihre Stimmung schien heiterer als in ihrem Elternhause. Besonders den Vater, der sie auf die Stirn küßte, lächelte sie zutraulich an, von der Mutter ließ sie sich umarmen, ihrem Bräutigam gab sie mit einem Kopfnicken die Hand, doch wie mir schien, nicht herzlicher als mir.

So verhielt sie sich auch während des Essens zurückhaltend und nahm an dem Gespräch, das hauptsächlich die Mutter führte, ohne Lebhaftigkeit teil, Julius' Fragen nur kurz beantwortend. Ich tat mein bestes, sie zu unterhalten, indem ich von meinen italienischen Fahrten erzählte, besonders von Venedig, da leuchteten ihre Augen auf. Das wirst du bald alles selbst sehen, Schatz, sagte Julius. Nichts hindert uns ja, unsere Hochzeitsreise dorthin zu machen, obwohl es ziemlich heiß sein wird, da ich noch ein paar Wochen vor Anfang des Winters zu Hause sein muß, mich auf mein erstes Kolleg vorzubereiten.

[170] Bei dieser Aussicht legte sich ein Schatten über das schöne Gesicht, das eben noch von der Freude der Erwartung geleuchtet hatte. Sie wandte sich zur Mutter und besprach mit ihr den Ausflug nach Mainz, der am nächsten Tage stattfinden sollte, um dort allerlei für die Ausstattung zu besorgen. Als Julius sagte, er werde sie begleiten, erwiderte sie, er möge nur zu Hause bleiben, da er nichts von der Sache verstehe; auch sei er es mir schuldig, mich nicht allein zu lassen.

Das Essen, das die Mutter selbst besorgt hatte – auch nach der Erbschaft hatte sie keine Köchin mieten wollen – war einfach, aber gut zubereitet, die ersten Früchte des Jahres bildeten den Nachtisch, und der Vater hatte sich's nicht nehmen lassen, auf das Wohl des Bräutigams und den Freund seines Sohnes in Champagner anzustoßen.

Gleich nach dem Essen zog er sich zu seiner Siesta zurück, die Mutter räumte mit der Magd die Tafel ab, wir jungen Drei machten uns zu einem Spaziergang auf, bei dem ich etwas von der anmutigen Gegend kennen lernen sollte. Der Weg lief erst auf schmalen Wegen zwischen den Rebengärten hin die sanftgeneigte Halde hinauf, bis wir auf die Höhe kamen, wo Felder und Wiesen sich ausbreiteten und kleine Dörfer und einzelne Gehöfte unter Fruchtbäumen versteckt lagen. Julius hatte dem Mädchen seinen Arm geboten, den sie aber nur eine kurze Zeit annahm. Dann zog sie ihn zurück, um nach Blumen zu greifen, die an den Feldrainen wuchsen, aus denen sie mit großem Geschmack einen Strauß zusammenband. Sie hatte den Strohhut abgenommen und ein rotes Sonnenschirmchen geöffnet, das sie auf der Achsel geschultert trug, und die rasche Bewegung belebte ihr gewöhnlich versonnenes Gesicht. Auf das, was ihr Bräutigam sagte, schien sie kaum hinzuhören, so daß er endlich ver [171]stummte. Nun gab ich mir Mühe, die etwas beklommene Stimmung aufzumuntern, durch allerlei lustige Bemerkungen, die sie auch zum Lachen brachten, und während sie in unserer Mitte hinging, wandte sie ihr Gesicht bei einer Frage oft zu mir hin, so daß ich den offenen Blick ihrer dunklen grauen Augen mit dem meinen erwidern konnte.

Ich merkte, daß eine Verstimmung meinen Freund überkam, eine Art Eifersucht, daß sie sich mehr zu mir als zu ihm wandte. Um ihre Aufmerksamkeit an sich zu ziehen, deutete er auf eine kleine Amorfigur im Garten eines der Landhäuser, an denen wir vorbeikamen, und fragte mit gezwungenem Scherz, was sie von diesem Knäbchen wisse, der in der Welt so viel Unheil anstifte. Es ist ein Amor, sagte sie ruhig, ohne ihn näher zu betrachten. Ich gestehe, daß ich nie begriffen habe, warum man den Liebesgott immer als Kind darzustellen pflegt. Was versteht ein Kind von dem Unheil, das, wie du sagst, die Liebe unter den Menschen anstellt? Es weiß ja davon nur erst von seiner Mutter, und mit den Pfeilen in seinem Köcher kann er höchstens einmal ein Vögelchen verwunden.

Wir lachten beide. Julius aber sagte: du hast sehr recht, Liebste, und das haben wohl auch die alten Griechen und Römer bedacht, und einer von ihnen hat ein schönes Märchen gedichtet, in dem Amor oder Eros, wie die Griechen ihn nannten, ein schon herangewachsener Jüngling ist und selbst eine Liebschaft hatte, mit einer gewissen Psyche, worunter die Seele gemeint ist. Wenn dich's interessiert, möchte ich's dir erzählen. Es ist eine der lieblichsten Fabeln aus dem klassischen Altertum.

Gern, versetzte sie. Aber wir wollen uns dazu gemütlich niederlassen. Ich habe Durst bekommen bei dem heißen [172] Gang, und da kommt gerade ein Wirtshaus, wo man uns wohl auch einen Kaffee machen wird. Sieh, wie hübsch es da vorm Hause ist unter den eben aufgeblühten Linden!

*

Wie hübsch es da war an dem Tischchen, das die Kellnerin mit einem rotgewürfelten Tuch bedeckt hatte, wie die Sonne auf den geblümten Tassen, der dicken Kaffeekanne und den zinnernen Löffeln spielte, das steht mir heute noch vor Augen, als hätte ich's gestern erlebt. Das hübscheste aber war, wie das liebe Mädchen, das zwischen uns saß, die Wirtin machte, unsere Tassen einschenkte, den Kuchen zerschnitt und mit ihren schlanken Händen jedem ein Stück auf den Teller legte. Herrgott! sagte ich bei mir selbst, solch ein Gesicht sein Leben lang an seiner Seite zu haben, diese Augen heiter und liebevoll glänzen zu sehen – es müßte eine Wonne sein, um die Götter einen armen Sterblichen beneiden würden. Und dieser gute Mensch, dir gegenüber, dein Freund – ist er's wert, daß ein solches Glück ihm in den Schoß fällt, und ist's eine Sünde, wenn ich es ihm beneide?

Der Beneidenswerte schien an so etwas nicht zu denken. Als der Kaffee getrunken war, hatte er's offenbar eilig, mit seiner Historie von Amor und Psyche anzufangen. Margret saß, die Augen zugedrückt, ganz still, offenbar um sich das Gehörte recht deutlich vorzustellen. Ich war in ihr feines Profil vertieft, während ich meine Zigarre rauchte, kannte ja auch die Geschichte, die unser Philologe, das mußte ich ihm zugestehen, sehr hübsch erzählte, nur etwas zu weit ausholend, da er allerlei mythologische Vorkenntnisse für unentbehrlich fand. Darüber öffnete das Mädchen die Augen und sah über das Tischchen weg in die Ferne. Ein hellgrünes Kleefeld breitete sich da vor [173] uns aus, von Fruchtbäumen eingesäumt, dahinter die Rheinebene. Irgend etwas schien ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, was sie belustigte, so daß sie auf die Erzählung nicht achtete. Ich folgte der Richtung ihres Blickes und sah, daß unweit von der Landstraße, die vor unserem Wirtshaus vorbeilief, ein kleiner Hase sich in den Klee geschlichen hatte und darin ohne an etwas Arges zu denken sich's wohl sein ließ. Margret winkte mir heimlich zu, daß ich es auch beobachten möchte. Auf einmal aber erschrak sie, sprang von ihrem Sitz auf und lief, ihren Sonnenschirm erhebend, an Julius vorbei nach dem Kleefeld hinunter, mit lautem Rufen und Drohen. Ich sah nun, was sie aufgeschreckt hatte: ein Fuchs hatte den Hasen überschlichen und am Halse gepackt. Als er die große Gestalt im Sturmschritt heransausen sah, tat er einen starken Biß in das weiche Fell und war im Begriff, seine Beute fortzuschleppen, wurde aber von einem so heftigen Schlage des Schirmstockes getroffen, daß er das Häschen fallen ließ und sich eilig in den nahen Wald flüchtete.

Ich war ebenfalls aufgefahren und der Retterin nachgestürzt, kam aber auch zu spät. Das kleine Tier lag, aus einer tiefen Wunde blutend, kläglich zwischen dem Klee und gab den letzten Hauch von sich, als das Fräulein es aufhob und sein Köpfchen an seine Brust drückte.

Erst jetzt merkte Julius, daß sich etwas Besonderes zugetragen hatte, und kam eilig herbei. Er fühlte gewiß Teilnahme, als er seine Braut in Tränen fand, aber was er ihr zum Trost sagte, war nicht gerade geschickt, so daß sie sich abwandte und erklärte, sie sei zu aufgeregt, um das Ende der Geschichte anzuhören, und wolle allein den Rückweg antreten. Mir übergab sie das Häschen, es der Wirtin zu bringen, und verließ uns mit einem stummen Gruß.

Julius sah ihr kopfschüttelnd nach. Er hätte nicht ge [174]glaubt, da sie vollkommen gesund sei, daß sie sich auf einer so sentimentalen Anwandlung ertappen lassen könnte.

Ich zuckte die Achseln und begriff, daß wir uns hierüber nicht würden verständigen können. So traten auch wir schweigend und verstimmt den Heimweg an.

*

Für den nächsten Tag war die Fahrt der Damen nach Mainz zu ihren Einkäufen verabredet. Julius benutzte seine »Bräutigamsferien« dazu, an seiner Habilitationsschrift zu arbeiten. Ich bat seinen Papa, mir zu einem Porträt zu sitzen. Ich hatte mir vorgenommen, als mein Hochzeitsgeschenk die Bilder der Braut und der Eltern darzubringen.

Daß ich weise tun würde, auf das erstere zu verzichten, begriff ich schon nach diesen ersten Tagen. Nicht weil ich mir nicht getraut hätte, die schwere, aber so dankbare Aufgabe leidlich zu lösen; ich sagte mir aber, ich würde mein Herz an das reizende Wesen vollends verlieren, wenn ich stundenlang ihm gegenübersäße und jeden Zug des wundersamen Gesichts studierte. Und ich war ohnedies schon zu tief in diesen Irrgarten hineingeraten, dessen süßeste Frucht einem anderen bestimmt war. Also wich ich der Frage meines Freundes, ob ich ihm nicht auch dieses erwünschteste Geschenk machen wolle, mit allerlei nichtigen Vorwänden aus, besonders mit dem Versprechen, es später zu versuchen, wenn ich erst in Paris noch Fortschritte in meiner Kunst gemacht haben würde.

Mit dem Papa hatte ich es leichter. Schon in der ersten Sitzung geriet mir die Ähnlichkeit, so daß der Sohn und die Magd nicht genug staunen konnten und auch die Damen, als sie abends zurückkehrten, des Lobes voll waren. Ich gewann während der Sitzungen, die noch zwei Tage dauerten, den Alten herzlich lieb, so auch die Mutter, die dann an die Reihe kam. Doch so wohl mir im Hause [175] dieser trefflichen Menschen hätte werden sollen – von Tag zu Tag mehrte sich das dumpfe Gefühl, daß ich zu meinem und einiger anderen Verderben hier verweilte und daß es das Klügste wäre, alles stehen und liegen zu lassen und mich Hals über Kopf in Sicherheit zu bringen.

Daß ich unrettbar in eine Leidenschaft zu diesem Mädchen verstrickt war, konnte ich mir nicht verleugnen Ich suchte mich so viel als möglich zu bezwingen, indem ich mich fern hielt. Aber ein Tag, an dem ich sie nicht gesehen, war mir ein verlorener in meinem Leben. Allerlei kleine Ereignisse, die nur ihren Wert in einem neuen Lichte zeigten, kamen hinzu. Ich will Sie nicht damit langweilen, die Geschichte dieser vierzehn Tage vor Ihnen aufzurollen, wie sie mir bis ins Einzelste heut noch gegenwärtig ist. Nur das will ich sagen, daß es wirklich trotz meiner vierundzwanzig Jahre meine erste Liebe war.

Seit meiner ersten Bekanntschaft mit Julius hatte ich freilich nicht gleich ihm allen Versuchungen widerstanden. Mein Gott, ich war ein frischer hübscher Bursch, ein Künstler und lebte unter leichtsinnigen Kameraden. Aber tiefer, bis ins eigentliche Gemüt hinein war mir keines meiner Abenteuer gegangen. Zu einer richtigen, oder gar »ewigen« Liebe hatte es nie gereicht. Hier zuerst empfand ich, daß es mir auf Leben und Tod ging. Und doch – das Mädchen, das mich für alle Zeiten als meine bessere Hälfte ergänzen und beglücken konnte, war die Verlobte eines anderen, der ein Recht auf jedes Freundesopfer hatte!

Und durfte ich mir denn auch einbilden, wenn ich selbstisch genug gewesen wäre, ihm in den Weg zu treten und gleichfalls um die Braut zu werben, daß ich ihn besiegen würde? Wohl hatte sie sich merken lassen, daß sie gern in meiner Gesellschaft war. Ich bemühte mich eben, sie zu amüsieren, wenn ihr Bräutigam sie bilden wollte. Aber [176] war das ein Zeichen, daß sie mich liebte, geschweige einen Hauch von der Leidenschaft empfand, von der ich durchglüht war? Und wenn – was hatte ich ihr zu bieten? Ein armer Teufel von Kunstjünger, der kaum sich selbst durchbringen konnte und zuweilen nicht so viel in der Tasche hatte, Farben und Pinsel zu bezahlen!

Es mußte also ein Entschluß gefaßt und dem Hoffnungslosen ein Ende gemacht werden.

Auch um des guten Julius willen.

Denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß er an unserm Beisammensein keine Freude mehr hatte. Daß ich besser als er verstand, seine Liebste zu unterhalten, sogar hin und wieder ihr ein Lachen zu entlocken, mußte ihn verdrießen. Nach den ersten Tagen lud er mich nicht mehr zu einem gemeinsamen Spaziergang ein, indem er vorgab, seine Arbeit halte ihn von so langem Herumschweifen ab. Wenn er gegen Abend zu ihr ging, forderte er mich nie auf, ihn zu begleiten. Ob er ihr das Märchen des Apulejus zu Ende erzählt hat, erfuhr ich nicht.

Ich sah ein, daß ich fort müßte, wenn ich das Verhältnis der beiden nicht noch mehr verstören wollte. Mit den Porträts der beiden Alten war ich fertig geworden. In vierzehn Tagen sollte die Hochzeit sein, an der ich nur mit sehr gemischten Gefühlen teilnehmen konnte. So beschloß ich, ohne Abschied zu nehmen, mich wegzustehlen, einen Ausflug nach irgendwohin zu unternehmen, von dem ich unter einem plausiblen Vorwand nicht zurückkehren würde. Vorher aber wollte ich ein letztes Wort an Margret richten, eine heroische Pflicht gegen den Freund vollbringen und dann verschwinden, ehe ich mein Gewissen mit einer unverzeihlichen Schuld belastete.

Der Tag und die Gelegenheit dazu kamen denn auch bald.

*

[177] Julius hatte bei Tisch geäußert, er werde heut zu Hause bleiben, ein heftiges Kopfweh nötige ihn, sich ganz ruhig zu verhalten. Als die Mutter sagte, sie werde durch das Mädchen Margret davon benachrichtigen lassen, versetzte er mit einem bitteren Zug um den Mund: Wozu? Sie wird mich nicht sonderlich vermissen.

Ich sah, daß es höchste Zeit geworden war.

Gegen Abend machte ich einen Spaziergang, aus dem ich mein Herz in beide Hände nahm, mich zu dem Unvermeidlichen aufzuraffen. Nach einem längeren Umschweifen gelangte ich zu der Tür, durch die man in den Hof des Herrschaftshauses eintrat. Ich fand, die ich suchte, in der Geißblattlaube, in der ich sie bei meinem ersten Besuch gesehen hatte, als sie die Ziege melkte. Jetzt saß sie im Schatten auf dem Bänkchen, neben ihr ihre kleine Menagerie, sie selbst mit einer Näharbeit beschäftigt, einem Jäckchen für den kleinen Bruder. Eine Befangenheit war ihr anzumerken, als sie mich schweigend begrüßte, ich bat aber, sich nicht stören zu lassen, ich sei nur gekommen, Julius' Ausbleiben zu erklären, da er sich nicht ganz wohl fühle. Mit keinem Wort verriet sie, daß sie um ihn besorgt sei. Sie ließ nur die Arbeit in den Schoß sinken und starrte vor sich hin.

»Liebes Fräulein,« sagte ich, indem ich mich auf den Stuhl am Eingang der Laube niederließ, »verzeihen Sie, wenn ich eine Frage an Sie richte, die meine Freundschaft für Sie beide mir aufdrängt: wie kommt es, daß Sie unsern Julius mit so sichtbarer Gleichgültigkeit, ja Kälte behandeln? Sie wissen, so gut wie ich, welch ein vortrefflicher Mensch er ist, ja ich weiß es freilich noch besser als Sie, denn ein Mann zeigt sich einem Manne noch unverhüllter und läßt sich auch in seinen Schwächen mehr vor ihm gehen, während er sich vor einem Mädchen, das er [178] liebt, möglichst zusammennimmt. Er aber – es kann keinen edleren, reineren, selbstloseren Charakter geben, keinen idealer angelegten Geist als Ihren Verlobten, und doch zeigen Sie ihm fast nie ein freundliches Gesicht, sagen ihm nie ein zärtliches Wort. Und in vierzehn Tagen sollen Sie seine Frau werden!«

Sie war ganz blaß geworden. Eine Weile starrte sie an mir vorbei ins Leere, nur das heftige Wallen ihrer Brust verriet ihre innere Bewegung. Dann kam es fast tonlos von ihren Lippen: »Eben weil der entscheidende Tag immer näher rückt, wird mir's immer schwerer, meine Fassung zu behaupten. Fragen Sie mich nicht weiter! Es muß eben getragen werden«

»Ich weiß,« sagt' ich, »– Julius hat es mir vertraut – Sie fühlen noch keine so warme Liebe zu ihm, wie ein Weib zu einem Mann fühlen sollte, dem sie ins Leben folgen will. Aber Sie hoffen doch selbst, ihn in der Ehe noch lieben zu lernen, und da Sie ihn immer geschätzt und gewünscht haben, ihn glücklich zu machen –«

Eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht.

»Nein,« rief sie leidenschaftlich, »wenn ich das je gehofft und gewünscht habe – jetzt weiß ich, es wird in alle Ewigkeit nicht geschehen! Ich habe es nur aus Verzweiflung getan, als ich mich ihm verlobte, nur um meinem jetzigen Leben zu entrinnen, das eine Hölle für mich ist. Sie wissen nicht – aber warum sollen Sie es nicht wissen: jeder Tag, den ich in diesem Hause verlebe, neben einem Manne, der mein Vater heißt und der mich mit Augen ansieht wie – nein, es soll nicht über meine Lippen! Ich dachte es meinem Retter, für den ich Julius hielt, wenigstens ewig danken zu können, daß er mich in reine Luft bringen, mir den Anblick meiner armen Mutter ersparen werde, – nun ist auch diese Hoffnung geschwunden. Ich [179] weiß nicht mehr, ob ich es über die Lippen bringe, vor dem Altar das Jawort zu sagen, oder ob ich nicht am Tage vorher in den Rhein springen werde, um für ewig zu verstummen.«

Sie schlug die Hände vors Gesicht und brach in krampfhaftes Schluchzen aus.

Ich war aufs tiefste erschüttert.

»Liebes teures Fräulein!« rief ich, indem ich vom Sessel auffuhr und dicht an sie herantrat, »das ist ja furchtbar, was Sie da sagen! Wissen Sie nicht, daß Ihr Tod zwei anderen Menschen das Leben für immer zerstören wird, denn er, das steht fest für mich, würde ihn nicht überleben, und noch Einer, von dem Sie es nicht vermuten – glauben Sie, ich selbst würde je wieder eine Stunde haben, wo die Erinnerung an dies entsetzliche Schicksal in mir erlöschte? Sie hätten ja längst ahnen können, was ich mit aller Mühe mir selbst nicht mehr verleugnen konnte: daß auch ich mein Herz an Sie verloren habe und nur darum mein Gefühl bekämpfte, weil es hoffnungslos war, weil Sie einem anderen gehören und dieser andere nicht nur mein Jugendfreund ist, sondern der Bessere von uns beiden und Ihrer werter als ich!«

Das war mir kaum besinnungslos entfahren, da sah ich, wie ein Zittern durch ihre Gestalt ging. Sie ließ die Hände vor ihren Augen herabsinken, ihre Tränen versiegten plötzlich, während ihr Blick mit einem seltsamen Ausdruck staunenden Fragens zu mir emporgerichtet war, ja etwas wie ein freudiges Lächeln erschien an ihrem Munde.

»Ist das wahr, was Sie da sagen?« hauchte sie.

Im Augenblick bereute ich, daß ich mich so weit fortreißen lassen. In großer Bestürzung stammelte ich: »So wahr wie mein Leben! Aber ich hätte es für immer in mir verschließen sollen, Ihnen gegenüber, und da ich fühlte, [180] daß ich die Kraft dazu nicht mehr lange haben würde, sah ich ein, daß meines Bleibens hier nicht ferner sein dürfe. So will ich morgen fort und war nur gekommen, Abschied zu nehmen. Und nun lassen Sie uns beide stark bleiben und jeder seine Schuldigkeit tun. Leben Sie wohl, Teuerste! Verraten Sie ihm nicht, was ich Ihnen gestanden habe. Und versprechen Sie mir, nichts Gewaltsames zu tun, sondern Ihre Pflicht gegen den edlen Menschen, dem Sie Alles sind, was ihm das Leben wert macht.«

Ich hielt ihr die Hand hin, und da sie sie nicht nahm, macht' ich eine Bewegung, sie zu verlassen. Da fühlte ich, wie sie von der Bank aufschnellte, ihre Arme um mich schlang und dicht an meinem Halse hängend mir zuflüsterte: »Sie wollen gehen? Nein, ich lasse Sie nicht! Können Sie mir ein so großes Geschenk machen und es mir gleich wieder entziehen? Was ich mir nicht träumen ließ: Sie, den ich vom ersten Augenblick an geliebt habe, so sehr, wie ich nie einen Mann lieben zu können glaubte, Sie gestehen, daß Ihr ganzes Herz mir gehört, und sprechen in demselben Augenblick davon, daß wir uns trennen müßten? Weil ein anderer ältere Rechte auf mich habe, der mir nie einen Hauch von dem Glück gewähren kann, das nur ein Blick, ein Händedruck von dir – nein', nein, ich hab' es nun gefunden, mein Glück, mein Schicksal – ich lasse es nun nicht wieder, bis es mir der Tod aus den Armen reißt!«

Ihre Worte erstickten an meinen Lippen. Sie hielt mich so fest umschlungen, daß es eine übermenschliche Kraft bedurft hätte, mich aus ihrer Umarmung zu lösen, ihre stürmische Brust von meiner zurückzudrängen. So standen wir minutenlang wie in einem Rausch, alles um uns her vergessend.

Plötzlich erklang vom Hause her eine Stimme, die ihren Namen rief. Da ließ sie mich los, fuhr sich mit der [181] Hand über die Stirn, wie um sich aus dem Traum in die Wirklichkeit zurückzufinden, und rief zurück: »Ich komme, Mutter, ich komme gleich!« Mich aber zog sie in das Dunkel der Laube zurück und flüsterte hastig und leise: »Du mußt fort. Die Mutter ruft mich zum Essen. Aber heute nacht kommst du wieder. Mein Zimmer liegt neben dem Schlafzimmer meiner Eltern, die hörten jedes Wort, aber dort in dem kleinen Gartensaal, zu dem ich den Schlüssel habe, will ich auf dich warten. Wenn du an die Glastür klopfst zwischen elf und zwölf, lass' ich dich ein. Hier draußen wären wir nicht sicher, manchmal kommen Leute aus dem Weinberg oder den Wirtschaftsgebäuden noch spät in den Hof. Drinnen aber stört uns kein Mensch. Wie viel haben wir uns zu sagen! Die Nacht reicht nicht aus dazu. Aber morgen – o nichts von Trennung! Nie wieder das böse Wort!«

Ich wollte sie noch einmal an mich ziehen, sie wehrte mich aber ab. »Nicht hier, nicht jetzt!« flüsterte sie, glitt an mir vorbei und verschwand in der Tür, die zur Wohnung ihrer Eltern führte.

*

Wie mir dann war, als ich mich aus dem Hofe hinausgeschlichen hatte und draußen auf der Gasse stand unter dem sternhellen Nachthimmel, – wie könnt' ich versuchen, es zu beschreiben! Ich war in einer seligen Trunkenheit, daß ich immer nur vor mich hin sagte: »Ein Wunder! Es ist ein Wunder geschehen! Dieses Mädchen, das du so wenig begehren zu dürfen glaubtest wie die Sterne über dir – es hat dich an ihr Herz gezogen, ihre Lippen auf deinen Mund gedrückt, dir Worte gesagt, die ewig in dir nachklingen werden, so unglaublich sie lauteten.« Ich wiederholte sie mir immer von neuem und berauschte mich [182] immer mehr an ihrem süßen Feuer. Doch bei allem Wunder – das Wunderbarste, wenn ich jetzt zurückdenke, war, daß ich keinen Augenblick mir die Frage tat, was nun werden sollte, da es einen Menschen gab, dessen Schatten vor der Tür des Gartenzimmers stehen würde, wenn ich um Mitternacht daran klopfen wollte, und daß ich nur durch einen Kampf auf Tod und Leben ihn davon zurückdrängen könnte.

Erst als es vom Kirchturm neun Uhr schlug, besann ich mich, daß ich nicht so end- und ziellos in den dunklen Wegen und Stegen herumirren könne, bis die Stunde gekommen war, wo mir die Pforte des Paradieses geöffnet werden würde. Was sollten die guten Alten, meine Gastfreunde, denken, wenn ich bis an den Morgen ausbliebe! Wie würden sie sich ängstigen!

So mußte ich mich wohl entschließen, mich nach Hause zurückzufinden. Es war in der Tat die höchste Zeit. Man hatte schon die Magd und den Knecht des Nachbarn nach mir ausschicken wollen, und ich mußte mir einen liebevollen Vorwurf gefallen lassen, daß ich die Mutter in solche Unruhe versetzt hatte. Das Essen hatte sie mir aufgehoben, ich genoß aber nichts, ich hätte in einer Schenke droben ein Glas Wein getrunken und einen Bissen genossen, ich sei sehr ermüdet und dürste nur nach Schlaf.

Auch Julius hatte am Nachtessen nicht teilgenommen, sondern war in sein Zimmer gegangen. Wir hofften, er schlafe schon, und sagten uns gute Nacht. Auf den Zehen, um ihn nicht zu wecken, schlich ich in mein Stäbchen, zündete eine Kerze an und setzte mich an das offene Fenster, in die Nacht hinauszuschauen nach der Seite, wo ich wußte, daß auch sie jetzt wachen und zu mir herüberdenken würde.

Ich hatte aber nur sehr kurz so gesessen, da öffnete sich sacht die Tür des Nebenzimmers, und Julius trat ein. Er [183] war noch in seinen Kleidern, mit geröteten Augen, wie überwacht oder verweint, den Blick traurig auf mich gerichtet.

Ich sprang auf, ihn zu begrüßen, und fragte, ob sein Zustand sich verschlimmert habe. Ohne darauf zu antworten, sagte er, er komme mit einer Bitte, ich möge ihn mit dem alten freundschaftlichen Herzen anhören, es sei ihm furchtbar schwer, sie auszusprechen. Er nahm den Stuhl nicht an, den ich ihm dem meinen gegenüber anbot, stand, beide Hände auf den Tisch gestützt und die Augen darauf gesenkt, wohl fünf Minuten, eh' er sich zu sprechen entschloß. Dann kam es stockend von seinen Lippen.

Es sei sein Herzenswunsch gewesen, mich bei seiner Hochzeit zu sehen, als seinen Brautführer. Er habe ja keinen Freund, der ihm näher stehe, ganz so nah wie ein Bruder. Und er glaube, daß auch ich mich auf den Tag gefreut hätte. Und nun komme er, mich zu bitten, daß ich auf diese Freude verzichten möchte.

Sieh, Liebster, fuhr er mühsam fort, es ist nichts geschehen, was irgend einem als eine Schuld vorzuwerfen wäre. Aber wenn es so fortgeht – wer weiß, in welches Irrsal wir alle drei hineingeraten! Wie sie zu mir steht, habe ich dir nicht verhehlt. Sie hat mir's ja selbst gestanden, daß sie noch keine Liebe zu mir fühlt, mich auf die Zukunft vertröstet, und da ich sie überhaupt für eine kühle, spröde Natur halte, nahm ich das so hin. Nun hat sie dich kennen gelernt, und ich kann ihr nicht verdenken, daß deine Erscheinung Eindruck auf sie gemacht hat, daß ich den Kürzern ziehe, wenn sie uns beide nebeneinander sieht. Wer weiß, wie das noch weitergehen mag, ob nicht eine wirkliche Liebesleidenschaft daraus entsteht. Von deiner Seite fürchte ich nichts. Du müßtest keine Augen im Kopf haben und kein Künstler sein, wenn du für ihren Reiz blind wärst. Aber du bist ein edler Mensch und liebst mich und weißt, [184] daß ein Verrat an der Freundschaft mein Verderben sein würde. Ich weiß, du bist nicht herzlos und eitel genug, um solchen Preis dies einzige Mädchen erobern zu wollen. Aber wenn du es ohne und gegen deinen Willen dennoch tätest –

Ich machte eine Bewegung, als ob ich etwas erwidern wollte. Er ließ mich aber nicht zu Worte kommen.

Nein, nein und tausendmal nein! Nicht von fern traue ich dir etwas Niedriges zu. Aber darum wirst du begreifen, daß wir uns trennen müssen. Wenn die Gefahr länger dauert, fühle ich, daß die stete Unruhe und Aufregung mich innerlich zerrütten würde. O liebster Bruder, setze dich in meine Lage! Der Arzt, den ich vor einiger Zeit konsultierte, hat mich versichert, trotz meiner zarten Konstitution werde ich meine Tage ziemlich hoch bringen, wenn ich ein ruhiges, glückliches Leben führe. Aufregungen und schwerer Kummer würde meine Natur untergraben und vielleicht eine plötzliche Katastrophe herbeiführen. Nun sieh, du hast so vieles vor mir voraus, deine freie Kunst, die dir die Welt öffnet, deine herrliche Natur, die dich alles genießen läßt, was das Leben den Götterlieblingen bietet – du wirst es mir gönnen, mein bescheidenes Teil von Glück mir zu sichern, indem du es nicht in Frage stellst, was geschehen könnte, wenn du länger bliebest.

Er war sichtbar erschöpft auf das Sofa gesunken und heftete jetzt den Blick mit ängstlicher Spannung auf mich, obwohl er über meine Antwort nicht im Zweifel sein konnte.

Welchen Kampf ich in mir zu kämpfen hatte, bis ich zu der Erkenntnis gekommen war, daß es nur Eine Antwort gab, will ich nicht schildern.

Ich blieb noch eine Weile stumm. Dann stand ich auf und ging zu ihm hin.

[185] »Wir brauchen nichts mehr darüber zu reden. Aber was geschehen muß, muß bald geschehen. Um welche Stunde geht der Frühzug nach Köln? Um Sechs? Dann ist es zu früh, von deinen Eltern Abschied zu nehmen. Sag ihnen, ich hätte ein Telegramm bekommen, das den eiligen Auftrag zu einem Porträt mir gemeldet, oder was dir sonst einfallen wird. Ich hätte mich sofort aufmachen müssen, hoffe aber jedenfalls in acht Tagen zurückzusein, um bei der Hochzeit nicht zu fehlen. Komm' ich dann nicht, so schickst du mir meinen Koffer nach, die Adresse lass' ich dir noch zugehn. Und nun geh zu Bett und schlaf dir deine Grillen gründlich aus. Morgen früh wünsch' ich nicht noch einmal Abschied von dir zu nehmen.«

Er fiel mir unter heftigem Weinen um den Hals. Alles, was er noch sagen wollte, schnitt ich ihm ab, indem ich ihn an den Schultern faßte und zur Tür hinausschob.

Ihm zu zeigen, daß ich Ernst damit machte, kein Wort mehr mit ihm zu wechseln, riegelte ich hinter ihm ab.

Dann warf ich mich auf das Sofa und ließ den Sturm von Schmerz und Verzweiflung in mir toben.

*

An einen mündlichen Abschied von ihr war nicht zu denken. Wann und wie hätte er geendet und nicht alles in Frage gestellt, was ich zu vermeiden gelobt hatte?

Wenn ich ausblieb, würde sie vermuten müssen, ein unübersteigliches Hindernis habe mich zurückgehalten. Aber ohne eine letzte Herzensergießung durfte ich nicht scheiden.

Zwei Briefe zerriß ich. Im dritten fing ich damit an, ihr wörtlich zu berichten, was der Unglückliche mir gesagt.

Dann fuhr ich fort: sie würde meine Antwort darauf begreifen, wenn sie ihn gesehen und gehört hätte. Auch sie würde es nicht übers Herz bringen, sich ein Glück zu [186] schaffen, das nur mit dem Elend und Untergang eines andern erkauft werden könne. Dann eine leidenschaftliche Versicherung meiner Liebe, eine Beschwörung, sich zu erhalten, da niemand wisse, was die Zukunft noch bringen könne, ein töricht weises Erinnern an unsre Menschenpflicht, in Summa ein Gemisch von taumelnden Worten und Ausrufen, das ihr den Zustand des unglücklichen Schreibers vor die Seele bringen mußte.

In der ersten blassen Morgenfrühe, als ich auf behutsamen Sohlen mich aus dem Hause stehlend, meine Reisetasche in der Hand, in die eben aufwachende Stadt trat, warf ich den Brief in den nächsten Briefkasten und eilte nach dem Bahnhof. Zu meiner Ehre darf ich es sagen, daß ich, als ich im Coupé saß und an dem Landhause vorbeifuhr, in dem das geliebteste Wesen mir für immer verloren war, doch keinen heißeren Wunsch empfand, als das Opfer meines Herzbluts möchte nicht umsonst gebracht worden sein.

*

Ich will mich kurz zu fassen suchen.

Die nächsten Tage, die ich in meinem Kölner Gasthof stumpfsinnig verbrütete, übergehe ich. Mein Ohr horchte nur nach dem Schritt des Briefboten, der mir die Nachricht bringen sollte, was nach meiner Flucht sich in den beiden Häusern ereignet haben mochte. Mein Koffer wurde mir nachgeschickt, kein Brief.

Meine Stimmung wurde immer trostloser, die entsetzlichsten Vermutungen gingen mir durch den Kopf, ich suchte mit fieberhafter Angst in den Zeitungen unter »Unglücksfällen« den Namen des unglücklichen geliebten Mädchens.

Endlich, am Tage, der für die Hochzeit bestimmt war, kam ein kurzer Brief von Julius. Am Morgen vor der [187] Trauung geschrieben. Überschwängliche Dankbarkeit, denn nur mich müsse er als den Schöpfer seines Glücks erkennen. Nach meinem Fortgehen zwar habe er acht Tage gezweifelt, ob seine Lebenshoffnung sich erfüllen werde. Seine Braut sei plötzlich erkrankt, habe niemand als ihre Mutter an ihrem Bette sehen wollen, auch den Bräutigam nicht, kaum Nahrung zu sich genommen und den Arzt in bezug auf die Diagnose ratlos gelassen. Dann sei sie eines Morgens aufgestanden, nachdem sie sich endlich herbeigelassen, einen seiner vielen verzweifelten Briefe zu lesen, und wenn sie auch noch totenbleich gewesen und wie ein Schatten herumgeschwankt sei, von einem Aufschub der Hochzeit habe sie nichts hören wollen. In wenigen Stunden also werde sie die Seine werden. Er müsse schließen, bitte mich nur noch um meine Pariser Adresse, um mir von Zeit zu Zeit einen Gruß von der Hochzeitsreise zu senden.

Grüße von dieser Hochzeitsreise empfangen und mich ihrer erfreuen? Das war von dem selbstlosesten Freunde zu viel verlangt. Fordre, was menschlich ist! rief es in mir, und ich beschloß, diesen Brief nie zu beantworten.

Noch an demselben Tage verließ ich Köln, und um auch in Paris sicher zu sein, daß keine Nachrichten mich erreichten, vertauschte ich meinen Namen mit dem Mädchennamen meiner Mutter, unter dem ich seitdem mein Leben geführt habe. Für meine Heimat wollte ich verschollen bleiben, so gut es gehen mochte, alles hinter mich werfen, was ein unseliges Schicksal mir aufs Herz geladen hatte, zu vergessen suchen, was nie zu verwinden war.

Ich hoffte anfangs, das zu erreichen. Ich stürzte mich nicht in den Strudel der Pariser Sinnenlust, aus dem man immer nur mit neuem Herzweh wieder auftaucht – dazu war ich auch zu arm. Die Not aber zwang mich, [188] mit fieberhaftem Fleiß um mein tägliches Brot zu kämpfen, so betäubte ich mich notdürftig, kam in zwei, drei Jahren eine Strecke vorwärts, und zuletzt bis Florenz, wo ich seitdem mein Geschäft, wie ich's Ihnen schilderte, betrieben habe.

Nicht die geringste Nachricht aus der Heimat drang zu mir. Ich las keine deutsche Zeitung und fragte durchreisende Landsleute nicht aus, was sie etwa von einem gewissen Heidelberger Professor gehört hätten und ob er glücklich lebe mit seiner schönen Frau.

Da besuchte mich eines Tages ein französischer Kollege aus meiner Pariser Zeit, mit dem ich ziemlich befreundet gewesen war. Es war ja noch vor dem Siebziger Krieg gewesen, und man vertrug sich auf dem neutralen Boden der Kunst und Streifereien zu Studienzwecken aufs beste.

Er kam aber nicht direkt aus Frankreich, sondern der Ruf, in dem die schönen Ufer des Rheins standen, hatte ihn zu ihnen gelockt, von deren malerischen Reizen er ganz erfüllt war. Vor allem hatte ihn in der Nähe von Mainz ein gewisses Städtchen gefesselt, das mit seinen Wein- und Fruchtgärten, seinen Terrassen zum Rhein hinunter und anderem ihm eine Fülle von Anregungen geboten – er nannte den Namen des Geburtsorts Margrets und meines verlorenen Jugendfreunds, daß es mir einen Schlag gegen das Herz tat. Das Schönste darin aber, fuhr er lächelnd fort, sei eine Frau, die Leiterin einer Fremdenpension, die erst seit einigen Jahren bestehe. Denn das Städtchen, das noch sehr unscheinbar sei, habe seit wenigen Jahren einen ungeahnten Aufschwung genommen, da eine Heilquelle in der Nähe entdeckt und auf ihren chemischen Gehalt untersucht worden sei, der denn auch allerlei Mineralisches, viel Kohlensäure und sonst noch die obligaten »Spuren« ausgewiesen habe. Da [189] sei plötzlich ein großes Hotel aus dem Boden aufgeschossen und neben kleineren Gasthäusern auch die Pension jener schönen Frau.

Sie sei noch keine dreißig Jahre alt, ein herrliches Geschöpf in voller Blüte, seit drei Jahren Witwe eines Heidelberger Professors, nach dessen Tode sie in ihr Heimatstädtchen zurückgekehrt sei, zu ihrer auch inzwischen verwitweten Mutter. Da sie kinderlos geblieben und den Trieb gefühlt habe, tätig zu sein, habe sie die Pension aufgetan, die aber nach außen hin von der Mama geführt werde. Sie selbst habe nur die oberste Leitung und bleibe auch den Gästen gegenüber im Hintergrund, so daß sie nicht einmal bei Tisch sich sehen lasse. Sie scheine kein glückliches Leben geführt zu haben, wenigstens liege auf ihren noch immer jugendlichen Zügen ein Schatten von Melancholie, der selbst nicht weiche, wenn es einmal gelinge, bei einem Begegnen im Hause sie in ein Gespräch zu verwickeln.

Er sei natürlich sofort unter ihrem Charme gewesen, nach vierzehn Tagen aber abgereist, da er alle Hoffnung, etwas zu erreichen, habe aufgeben müssen.

Ich hatte diese Erzählung schweigend mitangehört. Jedes Wort hätte die stürmische Bewegung meines Innern verraten. Als der gute Freund dann fragte, ob und wo wir uns am nächsten Tage wiederfinden könnten, erwiderte ich trocken: ich müsse leider auf eine Fortsetzung dieses erfreulichen Begegnens für die nächste Zeit verzichten, da ich morgen mit dem Frühsten abzureisen genötigt sei und nicht wisse, wann ich zurückkehren würde.

*

Am Abend des dritten Tages nach diesem stieg ich aus dem Bahnzug, der mich ohne Unterbrechung nach dem [190] Städtchen gebracht hatte, wo ich die Entscheidung über mein Schicksal zu empfangen gedachte.

Ich ließ mein Gepäck auf der Bahn, spülte mir nur den Reisestaub und die Spuren der durchwachten Nächte aus den Augen und erfragte die Adresse der Pension. In der Stadt war vieles verändert, auch das Haus, zu dem ich gewiesen wurde, neuerbaut, zwei bescheidene Stockwerke hoch, dahinter ein Garten.

Ich stand lange davor, bis mein Herzklopfen sich etwas beruhigte. Dem Mädchen, das mich einließ und nach meinem Namen fragte, sagte ich, sie solle nur melden, ein Fremder sei da, der fragen möchte, ob hier noch ein Zimmer frei sei.

Sie führte mich in einen Salon, der sehr hübsch möbliert war und nach dem Garten zu lag. Ich mußte an den Gartensaal denken, zu dem ich in jener Nacht nicht den Weg gefunden hatte. Doch hatte ich zu Erinnerungen nicht lange Zeit. Die Tür öffnete sich, und die Unvergeßliche trat ein, so viel das Zwielicht mich erkennen ließ, das Gesicht noch unverändert wie vor acht Jahren, die Gestalt, in einfachem dunklen Kleide, ein schwarzes Schleierchen über dem schönen Haupt, nur etwas frauenhaft herangereift.

Ich stand den Fenstern abgewendet, sie erkannte mich nicht sogleich, erwartete wohl, daß ich mich nennen würde, plötzlich aber, mit einem erstickten Ausruf, tat sie einen Schritt zurück und starrte mit weitoffenen Augen mich an: »Sind Sie – o mein Gott – warum sind Sie gekommen?«

Ich trat zitternd auf sie zu. »Vergeben Sie mir,« sagt' ich, »ich mußte kommen – ich erfuhr jetzt erst – nein, weisen Sie mich nicht zurück! Was ich Ihnen auch angetan – daß ich's übers Herz bringen konnte, von [191] Ihnen zu gehen – ich habe es mit Qualen gebüßt, die mir wohl Verzeihung eintragen sollten. Wenn Sie noch einen Hauch von dem in sich fühlen, was damals mich Ihnen wert machte –«

»Nein!« unterbrach sie mich scharf, »gottlob, nicht einen Hauch! Was Sie mir angetan haben? Das wissen Sie selbst nicht, sonst hätten Sie es mit all Ihrer Tugend, Ihrer Gewissensreinheit, Ihrem edlen Mitleid nicht übers Herz gebracht. O dieses Mitleid! Warum haben Sie es nur mit dem einen gefühlt, der anderen es herzlos versagt? Wenn Sie vor einer schweren Wahl standen, warum mußte die Entscheidung zu meinen Ungunsten ausfallen? Ich war die Ärmere, die Unglücklichere. Sie kannten mein Leben und daß ich in die Verlobung nur gewilligt hatte, um daraus befreit zu werden. Wär' es eine Sünde gewesen, wenn Sie mich gerettet hätten? Sie, dem ich gestanden hatte, daß ich ihn liebte? Und doch hatten Sie mehr Mitleid mit ihm, weil er vorgab, zugrunde zu gehn, wenn ich ihn verschmähte. Ist nie eine Verlobung aufgelöst worden, weil die Braut einsah, daß sie ihren Zukünftigen nicht liebte, also nicht glücklich machen könne? Denn eine Ehe ohne Liebe ist ein Unheil, ein Mord, ja eine Sünde gegen den heiligen Geist. Und so ist es auch gekommen, er hat noch immer das leichtere Teil zu tragen gehabt, aber ich! Oh, kein Mann weiß, was eine Frau in ihrem Innersten an Qual leidet, die einem ungeliebten Mann sich hingeben muß – und erst eine, die es mit einer anderen Liebe im Herzen tut! Ich habe das Opfer gebracht, um wenigstens einem von uns dreien die Täuschung zu lassen, er werde glücklich werden. Er ist es nie geworden, und das war Ihre Schuld.

Wie? Wäre es nicht nur klüger, sondern auch schonender gegen ihn gewesen, Sie hätten der Wahrheit die [192] Ehre gegeben? In jener Nacht, als ich Sie vergebens erwarten mußte, wollte ich Sie davon überzeugen. Ich traute mir's zu, daß es mir gelingen würde, ich war entschlossen, selbst das letzte Mittel zu brauchen, so sehr meine Mädchenunschuld sich dagegen sträubte: mich Ihnen hinzugeben mit Seele und Leib, da ich dachte: Wenn ich meinem Verlobten dann gestehe, daß ich schon einem andern angehört, werde er mich freigeben. Sie aber – kamen nicht! Sie hatten nicht den Mut, alles an alles zu wagen, wie man tun muß, wenn man für eine große, starke Liebe zeugen will. Sie schrieben jenen edlen, tugendhaften Brief, Sie hatten nur den Mut der Entsagung, den Mut, einem armen wehrlosen Mädchen den Dolch ins Herz zu stoßen, gleichviel ob es sich daran verbluten würde.

Ich glaubte auch, es würde dahin kommen. Dann raffte ich mich auf und besann mich. So schwach durfte ich mich nicht zeigen, einem Mann gegenüber, der meiner nicht wert gewesen. Dann stand ich auf und legte eine Maske über mein Gesicht und nahm mein Unglück tapfer auf mich. Und wissen Sie, was mir dabei half? Mein Haß und meine Verachtung gegen den, der mir das angetan. Damit hielt ich mich die traurigen Jahre aufrecht, bis auch dies Gefühl in mir erstarb und ich nun an Sie denken konnte, als wären Sie nicht mehr in der Welt und zu gering gewesen, um Sie nicht endlich vergessen zu lernen. Und jetzt – jetzt treten Sie vor mich hin als ein Gespenst? Ich will nicht daran glauben, daß Tote wieder auferstehen können. Erschweren Sie mir das nicht und treten Sie nie wieder in den Lebenskreis, dem ich noch angehören muß. Leben Sie wohl!«

*

[193]Jedes Wort dieses Todesurteils, das vernichtend über mich hereinbrach, ist mir im Gedächtnis geblieben. Was ich dagegen zu stammeln versuchte, weiß ich nicht mehr, nur daß ich nicht den leisesten Versuch machte, etwas zu meiner Rechtfertigung vorzubringen. Ich stand mit gesenkter Stirn; in all meinem Elend, unter der Wucht einer Flut von Anklagen, die ich nicht zu entkräften vermochte, überrieselte mich zugleich ein Schauer von Wonne, diese Stimme wieder zu hören, wenn sie mir auch jede Hoffnung nahm, daß ich je wieder ein glücklicher Mensch werden könne.

Nur so viel weiß ich, daß ich zuletzt sagte: auch für Todsünden gebe es im Himmel Erbarmen. Wenn sie es je übers Herz bringen könne, mich zu begnadigen – mein Gefühl für sie werde nie verlöschen oder auch nur schwächer werden. Ein Wort von ihr werde mich zu ihren Füßen zurückziehen.

Damit trat ich auf sie zu und hielt ihr die Hand hin – zum Abschied. Sie nahm sie nicht, sie verneigte sich kaum merklich und trat dann einen Schritt zurück, mir den Weg nach der Türe frei zu lassen. So schieden wir.

Das Wort aber, um das ich sie gebeten hatte – es ist in all den Jahren nicht ausgesprochen werden. Doch immer noch warte ich darauf, und über dem Warten ist die bittere Reue nie milder geworden, welch ein Glück ich in jener verhängnisvollen Nacht verscherzt habe, da ich durch ein Opfer, das ich der Freundschaft schuldig zu sein glaubte, mich an der Liebe versündigte.

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Editorische Hinweise

Letzte Novellen
Stuttgart und Berlin 1914. 193 Seiten.

 


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