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Fanchette

An einem helldunklen Aprilabend des Jahres 19 . . rollte auf der Straße, die von Bozen nach Gries führt, ein Wägelchen nach dem großen Hotel Austria und hielt vor dem hellbeleuchteten Portal. Ein junger Mann, den der Portier wie einen Erwarteten respektvoll begrüßte, stieg, sichtlich ermüdet, schwerfällig aus, schüttelte dem jungen Wirt, der durch ein Glockenzeichen herbeigerufen worden war, freundlich die Hand und erwiderte auf die Frage, ob der Herr Baron zum Souper herunterkommen werde, es sei eben angegangen: er bitte nur um einen Tee, den er auf seinem Zimmer nehmen wolle, er habe unterwegs schon etwas gegessen. Dann trat er in den Lift, zu dem der Wirt, gute Nacht wünschend, ihn begleitete, und ließ sich von dem Portier, der mit ihm hinauffuhr, das von ihm bestellte Zimmer im obersten Stockwerk zeigen.

Es war ein großes, behaglich eingerichtetes Gemach, durch ein paar elektrische Flammen erleuchtet. Das eine Fenster ging nach Norden; das andere, eine Glastür vor dem kleinen Balkon, nach Osten, stand offen und ließ die reine Abendluft herein, die kühl über die hohen Wipfel der Bäume gegenüber strich. Der junge Fremde, nachdem er den Meldebogen rasch ausgefüllt hatte: Armand Freiherr von Wallwitz, aus St. Petersburg, trat auf die Schwelle des Balkons und atmete mit Entzücken den Hauch des nächtlichen Friedens ein, der ihn nach der ermüdenden Fahrt unendlich erquickte. Als dann der Tee gebracht [62] worden war und er rasch eine Tasse geleert hatte, zündete er eine Zigarre an und setzte sich auf einen Stuhl des Balkons, den Blick auf die noch leicht im letzten Tageslicht schimmernden Zacken des Rosengartens geheftet, während die ersten Sterne ihm zu Häupten aus dem duftigen Firmament hervortraten.

Er hatte nach einem langen Winter, den er als Attaché der deutschen Botschaft am russischen Hofe verlebt, Urlaub genommen, um zu seiner Mutter zu eilen, die auf ihrem Gut in der Mark seit Jahren verwitwet lebte und schwer erkrankt war. Sie selbst hatte sich über Erwarten schnell von ihrem Bett erhoben, den Sohn aber hatte es nun ergriffen, eine heftige Influenza, die dem Arzt wochenlang Sorge machte. Als das Gröbste endlich überstanden und die Rekonvaleszenz erfreulich vorgeschritten war, blieb doch eine Schwäche in dem sonst so rüstigen jungen Körper zurück, die nur durch eine Luftveränderung und völlige Ruhe gehoben werden konnte.

So wurde ein Aufenthalt in Südtirol beschlossen, der auch der Mutter wohltun sollte. Nur mußte sie, allerlei häuslicher Geschäfte wegen, den Sohn vorläufig allein vorausreisen lassen, mit dem Versprechen, in zehn, zwölf Tagen ihm nachzukommen.

Diese beiden, Mutter und Sohn, waren einander so innig zugetan wie nur je zwei Menschen von durchaus verschiedenem Temperament, Sinnesart, leiblichen und geistigen Bedürfnissen.

Armands Vater, der, fünfundzwanzig Jahre alt, den großen Krieg als Oberleutnant mitgemacht, hatte sich vier Jahre später, da seine Wunden ihm den Dienst ferner unmöglich machten, auf sein Gut in der Mark, nahe bei Frankfurt an der Oder, zurückgezogen und dort mit seiner jungen Frau die Hälfte des Jahres als eifriger Landwirt [63] gelebt, im Winter aber, den Wünschen seiner Gattin folgend, an einer bunten und glänzenden Geselligkeit in den aristokratischen Kreisen Berlins teilgenommen, in denen das Paar sehr gesucht und besonders die Frau wegen ihrer Schönheit und heiteren Anmut gefeiert war. Dann aber war plötzlich ihre Lebenslust in das Gegenteil, einen tiefen Trübsinn und die Abkehr von allen weltlichen Freuden, umgeschlagen.

Die Ursache war ein schweres Schicksal, das sie betroffen hatte, nicht ganz ohne ihre Schuld. Durch eine in ihrem Sinne harmlose Koketterie, mit der sie einem leichtfertigen Bewerber um ihre Gunst begegnet war, hatte sie diesem scheinbar das Recht gegeben, mit einem Erfolge bei der reizenden jungen Frau zu prahlen, der nur in seiner Phantasie begründet war. Gute Freunde hatten das dem Mann hinterbracht, ein Duell war unvermeidlich gewesen, das für beide Teile verhängnisvoll wurde. Der junge Geck war tödlich getroffen worden, der Rächer seiner Ehre hatte die Festungshaft, zu der er verurteilt wurde, nicht lange überlebt und eine trostlose Witwe, die hinfort in tiefster Reue ihrem entschwundenen Glück nachtrauerte, mit einem siebenjährigen Knaben zurückgelassen.

Sie hatte bald erkannt, daß sie nicht daran denken konnte, das einzige Lebensglück, das ihr geblieben, das talentvolle, liebenswürdige Kind in ihrer Nähe zu behalten, da sie in ihrer Trauerstimmung dem Knaben keine glückliche Gesellschaft bieten konnte und ihn auch nicht dem einsamen Unterricht durch einen Hauslehrer überlassen durfte. So wurde der kleine Armand zu einem Professor am Gymnasium in Frankfurt in Kost und Pflege gegeben, wo ihn die Mutter zuweilen während des Schuljahres besuchte, um nach wenigen Tagen in ihre ländliche Abgeschiedenheit zurückzukehren.

[64] Dort war es sehr still um die junge Frau Baronin. Da sie trotz ihres Büßerlebens noch lange ihre Schönheit behielt, konnte es nicht fehlen, daß sich zahlreiche Bewerber um ihre Hand und das ansehnliche Rittergut einstellten. Sie gab aber keinem die geringste Hoffnung, und weil sie auch unter ihren Nachbarn keine wahren Freundinnen hatte und niemand zu öfteren Gastbesuchen aufmunterte, Einladungen aber regelmäßig ablehnte, war ihr geselliger Verkehr endlich auf die Abende beschränkt, wo der Pastor, der Verwalter oder gelegentlich der Kreisarzt sich zu einer kleinen Spielpartie bei ihr einfanden, die schon um zehn Uhr beendet war.

Ihr Sohn kam natürlich zu allen Festtagen und in den großen Ferien zur Mutter hinaus und hatte die Erlaubnis, dann immer einen seiner Schulkameraden mitzubringen, jedesmal einen anderen, damit die Mama seine Freunde kennen lernte. Der lebhafte Knabe genoß die Freiheit dieser Wochen mit vollen Zügen, trieb sich in Wald und Feld mit seiner Vogelflinte herum, machte mit seinem Gefährten weite Ritte auf Ackerpferden und schwamm in dem Flüßchen, das nahe bei dem Herrschaftshause vorbeifloß. Sein Vergnügen wurde nur in etwas gedämpft durch die strenge Regel, daß er den vielfachen täglichen Hausandachten beiwohnen und Sonntags zweimal die Kirche besuchen mußte, was ihm nur dadurch erträglicher wurde, daß er dann neben seiner heißgeliebten Mutter sitzen und ihre Hände fassen durfte, wenn sie nicht gerade zum Gebet gefaltet waren.

So vergingen die Jahre, der junge Freiherr verließ die Schule, um drei Jahre auf verschiedenen Universitäten Staats- und Rechtswissenschaften zu studieren und sich zu den diplomatischen Prüfungen vorzubereiten, wofür den Knaben schon sein Vater bestimmt hatte. Ehe aber damit [65] Ernst gemacht wurde, gestattete ihm die Mutter, eine Zeitlang fremde Länder zu besuchen, in England und Frankreich sich umzusehen, da sie, obwohl ihr Sinn ausschließlich auf den Himmel gerichtet war, doch begriff, daß, wer in der Welt leben mußte, sie nicht gründlich genug kennen lernen konnte.

Diese ihre sorgende Liebe vergalt ihr der Sohn mit zärtlichster Treue und bemühte sich, in jeder Ferne ihr nah zu bleiben. Seine Reisebriefe füllten einen großen Kasten, den die einsame Frau wie ihren größten Schatz hütete, da das Herz ihres einzigen Kindes darin verschlossen war. So aufrichtig er ihr jedoch von all seinen Fahrten und Abenteuern zu berichten pflegte, das Unheil, das ihn als Botschaftssekretär in Petersburg betraf, hatte er ihr doch verschwiegen, da es ihm näher ans Leben ging als alle früheren leichten Herzenserlebnisse.

Eine reizende französische Schauspielerin hatte ihn so leidenschaftlich entflammt, daß er allen Ernstes daran dachte, sie zu seiner Frau zu machen. Er hatte es ihr sogar wiederholt angeboten, aber durch alles, was er ihr von seiner angebeteten Mutter und dem Leben auf ihrem Gut erzählt, ihre Abneigung gegen eine so der Welt abgekehrte Existenz nur gesteigert. So hatte sie ihm eines Tages mit äußerster Herzenskälte den Laufpaß gegeben, um einen reichen, alten Russen zu erhören, der schon längst sie umworben hatte.

Obwohl ihm nun die Augen darüber aufgegangen waren, wie sehr er sich in seinem vergötterten Idol getäuscht hatte, war der Schmerz, entsagen zu müssen, doch so heftig, daß er fast eine Linderung empfand, als er die Nachricht erhielt, die Mutter sei erkrankt und bedürfe seiner. Auch das Fieber während seines eigenen Siechtums wirkte wohltätig, da es als ein Gegengift gegen das [66] seelische Leiden sich erwies. Eine dumpfe, weiche Stimmung bemächtigte sich seines Gemüts, in der das Bild seiner Ungetreuen nur wie eine Traumerscheinung immer weiter zurückwich und bald ganz in Nebel sich aufzulösen versprach.

So saß er an jenem ersten Abend auf seinem Balkon und sah den Rauch seiner Zigarre in die durchsichtig feine Luft der Frühlingsnacht hinausziehen, in jenem wonnigen Gefühl der Genesung, das den Menschen nach schwerer Heimsuchung mit einer Art heiterer Neugier überkommt, wie wenn er im Theater vor dem noch geschlossenen Vorhang sitzt und etwas Ergötzliches erwartet. Als er dann sein Lager aufsuchte, ließ er die Balkontür offen und horchte noch eine Weile den heimlichen Stimmen der Nacht, die zu ihm hereindrangen, bis er in einen festen, traumlosen Schlaf sank.

*

Er wachte auch nicht allzufrüh aus, da er von den langen schlaflosen Fiebernächten noch manches nachzuholen hatte, fühlte sich aber erquickt und ging in den sonnigen Morgen hinunter, wo er an einem der Tische in den grünen Anlagen vorm Hause Platz nahm, da er schon andere Gäste hier im Freien frühstücken sah. Das große Haus, dem er gegenübersaß, gefiel ihm in seiner einfach-edlen Architektur, die nicht den gemütlosen Hotelstil hatte, ungemein, in den Blumen und Büschen hinter ihm sangen die Vögel, hübsche Kinder liefen zwischen den Gruppen der älteren Gäste hin und her, und von Bozen herüber klangen die Kirchenglocken.

Dann erhob er sich zu einem Morgenspaziergang. Es trieb ihn, die Stadt drüben, nachdem er sie gestern abend im Zwielicht durchfahren, sich nun am hellen Tage anzusehen, zumal die Kirche, die ihm im raschen Vorüberfahren [67] sehr gefallen hatte. So schlug er die Straße nach Bozen ein, an den kleinen Häusern und Gärten vorüber, und weidete seine Augen an den schönen Linien der Berge, die sich im Umkreis um das weite Tal zusammenschlossen. Das breite Flußbett hatte noch von der Schneeschmelze her einen etwas reichlicheren Wasserlauf als sonst zwischen dem Steingeröll bewahrt, doch war der Anblick von der Brücke hinab immer noch wüst und leer. Desto mehr heimelte ihn die Laubengasse an, in die er drüben nun hineintrat. So viel er in fremden Städten gesehen, war ihm ein solcher Basar unter dunklen Bogengängen doch neu, und er betrachtete aufmerksam all den Kram, der in den Läden feilgeboten wurde, als wenn es große Raritäten wären. Auf den Obstmarkt hinausgelangt, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, einen der herrlichen großen Kalvilleäpfel zu kaufen, im Weiterwandern zu schälen und hineinzubeißen, wie es für einen jungen Attaché vielleicht nicht ganz schicklich war. Daß er, ziellos herumstreifend, alles Merkwürdige, Batzenhäusel, Walther-Standbild und anderes, betrachtete, braucht nicht gesagt zu werden. Zuletzt trat er, nachdem er das schöne Gebäude lange von außen studiert hatte, in die Kirche und ließ sich auf einer Bank nieder, von seinem Irrgang auszuruhen.

Als er sich aber endlich erhob, fühlte er doch, daß es geratener sein würde, den Rückweg nicht zu Fuß anzutreten. Er rief eine Droschke herbei und wies den Kutscher an, nicht den geraden Weg nach der Austria einzuschlagen, sondern den Umweg durch die Straßen von Gries, um auch von dessen Anlage einen vorläufigen Überblick zu gewinnen. Dies geschah langsam, mit einigen Abschweifungen von der Hauptstraße, wo ein besonderer Ausblick ihn lockte, so daß es hoher Mittag geworden war, als er vor dem Hotel wieder anlangte.

[68] Er fühlte, daß die Stunde bis zum Diner ihm zum Ausruhen recht nötig war, da er sich bei diesem ersten Ausgang doch etwas zu viel zugemutet hatte. Als dann aber die Tischglocke ihn hinunterrief, war keine Spur von Ermüdung seinem hübschen, nur etwas blassen Gesicht anzusehen.

Der Oberkellner wies ihm in dem kleineren Zimmer neben dem großen Eßsaal ein Tischchen an einem der Fenster an, da er abgesondert von der Table d'hote zu speisen wünschte. Hier fand er schon andere Gäste an einzelnen Tischen vor, die den neu Hinzutretenden nur flüchtig betrachteten. Er hatte sich aber kaum niedergelassen, als ein großer alter Herr erschien, der an einem zweiten Tischchen in der Fensternische, das Armand zunächst stand, Platz nahm und sogleich die Speisekarte durch seine großen Brillengläser zu studieren anfing.

Auf den ersten Blick hatte Armand erkannt, daß er einen alten Militär vor sich habe. Der blanke Schädel war nur von ein paar dünnen, weißen Haarstreifen bedeckt, die sorgfältig daran festgeklebt waren, unter der scharfen rötlichen Nase hing ein struppiger schneeweißer Bart über die Lippen herab, das glattrasierte mächtige Kinn steckte halb in einem hohen Kragen, unter dem eine schmale, weiße Krawatte hervorsah. Darunter war ein eleganter schwarzer Rock hoch zugeknöpft und trug in einem der Knopflöcher das Band des Eisernen Kreuzes.

Der junge Wirt war herangetreten, hatte sich mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung nach dem Befinden des Herrn Generals erkundigt, darauf auch Armand begrüßt und gefragt, wie er die erste Nacht unter seinem Dache geschlafen habe, und sich dann wieder entfernt. Die beiden Nachbarn hatten, sich heimlich musternd, schweigend ihre Suppe gegessen, dann schob der Alte den Teller zurück und sagte [69] mit einer etwas rauhen Stimme, die er aber wegen der Anwesenden zu dämpfen suchte:

»Verzeihen Sie, Herr Baron, daß ich mir eine Frage erlaube. Ihr Name ist mir genannt worden. Denselben trug ein jüngerer Kriegskamerad von Anno Siebzig, ein Oberleutnant in demselben Regiment, in dem ich als Hauptmann stand, ein sehr trefflicher junger Offizier, schneidig vorm Feind und gemütlich mit den Kameraden. Er wurde leider bei Mars-la-Tour an der Hüfte verwundet und konnte den Krieg nicht weiter mitmachen, und hiernach verlor ich ihn aus den Augen. Wenn Sie aber ein Verwandter dieses Freiherrn von Wallwitz sein sollten« –

»Ich bin sein Sohn, Herr General, und glücklich, das Lob meines Vaters aus Ihrem Munde zu hören.«

»Na, das freut mich unendlich, einem jungen Wallwitz zu begegnen, mit dem ich von seinem guten Papa schwatzen kann. Habe die Ehre, mich vorzustellen: General Werner von Holm, a. D natürlich, da die Racker, meine Augen, mich im Stich gelassen haben. Das heißt, meinen Weg zu beleuchten und ein hübsches Weibergesicht von einem garstigen zu unterscheiden, reichen sie zur Not noch aus, aber Lesen und Schreiben – na, an irgendeinem Ende pflegt der Tod einen ja zu zupfen, um daran zu erinnern, daß man nicht ewig lebt. Wie steht's denn mit Ihrem lieben Papa? Er war ja sechs Jahre jünger als ich. Aber essen Sie erst ruhig Ihren Lachs. Man soll nicht reden, während man Fisch ißt. Nein, eine solche Überraschung! Ein Wallwitz!«

Der warme Ton, mit dem der ehrwürdige alte Haudegen dies alles sagte, tat dem jungen Gefährten herzlich wohl Es schien ihm eine freundliche Fügung seines Geschicks, daß er hier, wo er darauf gefaßt war, völlig ein [70]same Tage zu verleben, jemand finden sollte, mit dem ihn so teure Erinnerungen verknüpften. So floß sein Mund über von dem, wes sein Herz voll war, und das Mahl war noch nicht beendet, als der alte Herr von allem, was Armand erlebt hatte, einen vollständigen, freilich sehr gedrängten Bericht erhalten hatte, bis auf das letzte Abenteuer in St. Petersburg.

»Also Diplomat!« sagte der General. »Na, das ist ja vielleicht in unseren jetzigen gesegneten Friedenszeiten die beste Karriere, obwohl ich sonst mein Handwerk jedem anderen als das ehrenvollste vorziehe. Aber es ist ja wahr: ein Soldat, wenn kein Krieg in Sicht ist, spielt 'ne seltsame Rolle, wie ein Koch, der täglich ein großes Diner anrichtet und es kommen keine Gäste. Das Bild hinkt ja ein bißchen, wie alle Gleichnisse, aber es ist doch etwas daran. Ein bewaffneter Frieden ist wie ein gedeckter Tisch, auf dem die Bestecke zum Einhauen bereit neben den Tellern liegen und der Sekt in den Eiskübeln steht, aber die Kellner stehen müßig hinter den Tischen. Und doch ist's am Ende die erhebendste Empfindung für einen richtigen Mann, auch wenn's nicht zum Dreinhauen kommt, die Klinge scharf zu halten. Ich, mein lieber, junger Freund, kann mir die Stimmung Ihres Herrn Vaters ganz gut vorstellen, als seine Wunden ihn zwangen, den Abschied zu nehmen in jungen Jahren und seinen Kohl zu bauen. Ein bißchen freilich half ihm drüber weg, daß er verliebt war und eine hübsche junge Frau heimführte. Dazu sollte es bei mir nicht kommen, ich habe den Anschluß versäumt, und mein Regiment und später die Brigade mußten mir Weib und Kind sein. So empfand ich denn keinen Mangel, bis jetzt, wo ich die Welt aus fremden Augen ansehen muß. Aber auch das läßt sich ertragen, wie alles, was der Himmel schickt, wenn's nicht [71] an die Ehre geht. Und an der sitzt ja Gott sei Dank kein Flecken wie auf meinem linken Auge und nächstens auch auf dem rechten. Geben Sie mir die Hand, lieber Baron, und lassen Sie uns ferner gute Nachbarschaft halten, auch später, wenn Ihre Frau Mutter die Dritte im Bunde sein wird.«

*

Armand hatte nach der langen Fahrt eine ausgiebige Rast auf seinem Zimmer gehalten. Sein Gang durch Bozen und der Champagner, mit dem der General die neue Bekanntschaft besiegelt hatte, trugen ihm einen tiefen Nachmittagsschlummer ein. Als er sich ermuntert hatte, besann er sich, daß er zwei Briefe zu schreiben hatte, einen, um seinem Chef in St. Petersburg Nachricht von seinem jetzigen Aufenthalt zu geben, und den Bericht an die Mutter über seine Reise hieher und wie er's in der Austria gefunden, abzufassen.

Erst als dies beides erledigt war, nahm er wieder seinen Hut und machte sich zu einem Abendspaziergang aus.

Es war noch nicht spät, die Sonne aber durch einen grauen Schleier verhüllt, den ein leichter Schirokko von Westen her über den Himmel gebreitet hatte. Nachts werde es zu einem Gewitter kommen, weissagte der Portier. Vorläufig aber war noch keine Schwüle zu spüren, und Armand atmete mit Wonne die reine kühle Luft ein, die ihm draußen entgegenkam.

Das große Haus steht am Fuße des Guntschnaberges, in dessen Rebengärten ein trefflicher roter Wein wächst. An der einen Seite unten ist ein reizender Garten angelegt, der sich eine gute Strecke weit nach Westen hinzieht, mit den mannigfaltigsten südlichen Pflanzen besetzt, die das weiche Klima zu schönster Entfaltung bringt. Von dem dunkelgelben Gestein heben sich die grünen Anlagen [72] farbig ab, dazwischen Blumen verschiedener Art, wie der Frühling sie nach der Reihe aufsprießen läßt. Auf einer längeren Strecke über vorspringendem Gestein sah Armand ein abgesondertes Gärtchen seltener Kakteen gepflanzt, von denen einige dunkelrote Blüten trugen, vorn eine Schutzwehr gewaltiger Agaven, was einen phantastischen Eindruck machte. Er betrachtete das eingehend und ging dann langsam weiter, vorüber an den Bänken, auf denen Hotelgäste sich niedergelassen hatten, ohne daß eine Gestalt darunter ihn gefesselt hätte. Auch er hätte gern endlich hier ausgeruht, doch war nirgends ein freier Platz zu erspähen.

Zuletzt, da wo der Garten zu Ende ging, sah er im Schutz einer niedrigen Felswand eine Bank, auf der nur eine einzelne junge Dame saß, auf dem kleinen runden Tische vor sich ein Arbeitskörbchen, da sie mit einer Häkelarbeit beschäftigt war. Sie blickte nicht auf, als Armand sich näherte. Erst als er ihr gegenüber stehen blieb und sich verneigend den Hut lüftete, hob sie den feinen Kopf, und er sah nun in ein schönes, stilles Gesicht, aus dem zwei glänzende dunkle Augen zu ihm aufblickten

»Darf ich mir die Frage erlauben, gnädiges Fräulein,« sagte er, »ob noch ein bescheidener Platz auf der Bank neben Ihnen frei ist? Ich verspreche, mich sehr ruhig zu verhalten und Sie auch nicht lange zu stören!«

»Gewiß,« erwiderte sie und rückte noch ein wenig nach der anderen Seite, »die Bank ist groß genug für Zwei. Übrigens bin ich kein gnädiges Fräulein, da ich zum Hotelpersonal gehöre, als Beschließerin oder Haushälterin, die nur gegen Abend eine Freistunde hat.«

Trotz dieser Erklärung machte das junge Fräulein den Eindruck, als ob es nicht der dienenden Klasse angehöre, und auch ihr Benehmen und die Art, sich auszudrücken, [73] deutete auf eine Herkunft aus gebildeten Kreisen. Sie war freilich einfach gekleidet, eine weiße Musselinbluse umschloß ihre schlanke, aber kraftvolle Gestalt, das reiche braune Haar war hinten am Nacken in einen schweren Knoten aufgenommen, mit einem grünen Bande durchflochten, und außer einem Korallenkettchen um den weißen Hals trug sie keinerlei Schmuck. Ihr gegenüber dagegen erschien der junge Herr, der sich nun auf die andere Seite der Bank gesetzt hatte, als ein Zögling der feinen Gesellschaft, in Kleidung und Haltung so tadellos nach neuestem Schnitt, daß er, wie er ging und stand, jeden Augenblick an einem Zarenhof erscheinen konnte.

Doch hatte sein feingeschnittenes blondes Gesicht bei alledem einen Zug von Naivetät und jugendlicher Treuherzigkeit, der den Verdacht nicht aufkommen ließ, als sei seine Seele schon von aller Verderbnis der großen Welt angekränkelt. Vielmehr traute man ihm seine sechsundzwanzig Jahre kaum zu, während man dem Fräulein neben ihm eher ein reiferes Alter geben mochte als neunzehn.

Bei aller Weltgewandtheit blieb Armand eine Weile stumm, zumal er ganz in das Studium des feinen Profils ihm gegenüber versunken war. Endlich sagte er: »Sie haben da eine große Arbeit in Händen, mein Fräulein, ein so zartes Gewebe, bei dem Sie sorgfältig darauf achten müssen, keine Masche fallen zu lassen. Ich habe immer meine Mutter bewundert, wenn sie sich mit einer ähnlichen Handarbeit beschäftigte.«

»Es ist gar keine Hexerei,« erwiderte sie mit einem leichten Lächeln, »die Herren können sich nur nicht vorstellen, daß uns dergleichen nicht schwerer wird als ihnen, ihre Zigarre in der Hand zu halten. Mit diesem Tuch bin ich morgen auch schon fertig; es ist für meine Mutter bestimmt, deren Geburtstag in acht Tagen ist, und wird [74] ihr nützlich sein. Denn das alte Haus, in dem wir wohnen, ist Winters recht kalt und feucht, und meine Mutter leidet oft an Rheumatismus.«

»Sie hätten sie in diesem Winter mit hierher nehmen sollen.«

»Dazu hätten die Mittel nicht gereicht. Mein Vater ist Pfarrer in einer kleinen Stadt in Thüringen, im Haus waren wir acht Kinder, von denen das jüngste starb. Ich als die Älteste war nun überflüssig, da meine Schwester auch schon siebzehn Jahre ist und der Mutter im Haushalt beistehen kann. Aber da die beiden Brüder, die ins Gymnasium gehen, schon mehr Kosten machen, mußte ich fort und einen Dienst suchen. Ich hab' es ja sehr gut hier getroffen. Die Herrschaft, auch die junge Frau des Herrn, ist gütig gegen die Dienerschaft. So wurde nun das Heimweh gemildert.«

»Auch muß das südliche Klima während des Winters seinen Reiz für Sie gehabt haben.«

»Das nicht. Ich habe den Schnee in unserem Walde, die Schlittenfahrten und das Schlittschuhlaufen auf unserem kleinen See sehr vermißt. Der Winter war immer unsere lustigste Zeit. Und daneben gab es auch so viele Stunden, wo man abends bei der Lampe saß und schöne Bücher las. Zu alledem bin ich hier natürlich nicht gekommen.«

Während dieser Reden hatte sie ruhig fortgearbeitet und die Augen nicht von ihrem Werk abgewendet. Mit jedem der einfachen Worte, die sie sagte, erschien sie ihm liebenswürdiger.

»Sie scheinen vortreffliche Eltern zu haben,« fing er wieder an; »ich begreife, daß es Ihnen schwer wird, sich in das Leben in der Fremde zu finden.«

Sie ließ die Arbeit in den Schoß sinken und blickte träumerisch vor sich hin.

[75] »Wenn Sie meine Mutter kennten, und nun erst meinen Vater! Alles, was ich bin und weiß, verdanke ich ihm. Ich habe, seit ich die Mädchenschule durchgemacht, täglich Unterricht von ihm bekommen. Und was für Unterricht! Er hätte mich auch gern nach Weimar geschickt auf eine hohe Schule, da ich große Lust zum Lernen hatte. Doch die Kosten, die ein Pensionat erfordert hätte, waren zu hoch. Zweimal aber durfte ich doch hin, eine entfernte Verwandte lud mich für eine Woche ein, da genoß ich die seligste Zeit meines Lebens, als wenn ich den großen Dichtern, die mich begeistert hatten, jetzt nicht nur im Geist nahe wäre. Und im Theater, wo ich Iphigenie, Don Carlos, Maria Stuart sah – ich bin keine neidische Seele, aber wie ich das ganze Parkett von jungen Mädchen in weißen Kleidern besetzt sah, die hier in Weimar in die Schulen gehen durften, da fühlte ich doch einen scharfen Schmerz, daß mir das versagt war. Nun, ich kehrte ja zu meinem geliebten Vater und meinen Büchern zurück, und das war ein Glück, mit dem man sich wohl bescheiden durfte.«

In diesem Augenblick näherte sich durch den Garten von der Seite des Hauses her ein älterer Mann in einem halbsoldatischen, sehr abgetragenen Anzug, eine alte Militärmütze auf dem grauen Kopf, in dem von einem grauen Schnurrbart überhangenen zahnlosen Mund eine kurze Pfeife, die er herausnahm, als er an den Tisch vor dem Fräulein trat und die Hand an die Mütze legend – in strammer Haltung vorbrachte: »Der Herr General lassen das Fräulein fragen, ob sie eine halbe Stunde Zeit hätte, es sind Briefe angekommen, der Herr General möchten vor dem Abendessen …«

»Ich komme sogleich, Franz,« erwiderte das Mädchen, indem es aufsprang und seine Arbeit in das Körbchen [76] legte. Dann verneigte sie sich höflich gegen Armand und sagte: »Verzeihen Sie, ich werde abgerufen!« und wandte sich rasch von ihm ab, dem Boten vorangehend, der, den fremden Herrn steif salutierend, in militärischer Gemessenheit hinter ihr drein schritt.

*

Armand war sitzen geblieben und sah der leichtfüßig sich Entfernenden nach, bis sie ihm auf dem Wege zwischen den grünen Büschen entschwand. Ein angenehmes trauliches Nachgefühl war von dem kurzen Gespräch in ihm geblieben. Er wunderte sich selbst, daß das Wenige, was er von ihr gehört, ihm einen solchen Eindruck gemacht hatte. War es die sanfte, wohlklingende Stimme gewesen oder der ruhige Blick ihrer dunklen Augen, was hauptsächlich dazu beigetragen? Oder die schlichte Art, seine Annäherung hinzunehmen, so ganz verschieden von der unverhohlenen Bezeigung geschmeichelter Eitelkeit, wenn der elegante junge Herr sich mit einer jungen Dame einließ?

»Jedenfalls kein alltägliches Frauenzimmer!« sagte er vor sich hin. »An die könnte man sich wohl gewöhnen.« Doch der Gedanke, daß irgendwelche Gefahr wäre, sich in sie zu verlieben, so reizend ihm ihr Gesicht erschienen war, kam ihm nicht einen Augenblick. Nur sie um sich zu haben und die Wohltat ihres ruhigen Wesens zu empfinden, wäre ihm in seiner noch immer reizbaren Rekonvaleszentenstimmung erwünscht gewesen.

Jetzt zum erstenmal dachte er wieder lebhafter an seine Petersburger Ungetreue und verglich mit ihr dies einfache Pfarrerskind aus dem Thüringer Wald. Jenes kokette, schillernde Spiel einer geistreichen Hexe erschien ihm, was es war, als eine schlau berechnete herzlose Komödie. Mit [77] einem Seufzer der Beschämung fragte er sich, wie er sich so lang hatte können täuschen lassen.

Das lag nun hinter ihm. Aber vor ihm, nachdem er an Leib und Seele genesen war, erschien kein Wunsch, keine Zukunftshoffnung, die ihn für das Verlorene hätte trösten und entschädigen können. Eine tiefe Melancholie überkam ihn, in der er gedankenlos hingrübelte, ohne bei irgendeinem festeren Plan oder Entschluß zu verweilen.

So saß er wohl eine Stunde lang und merkte nicht, daß schon lange aus dem grauen Gewölk einzelne Tropfen fielen, bis ein plötzlich ausbrechender starker Regenguß ihn von der Bank auf und ins Haus scheuchte.

Er mußte sich vollständig umkleiden und war eben damit zustande gekommen, als die Tischglocke ihn zum Abendessen hinunterrief. In dem kleineren Restaurationssaal saß der alte General schon an seinem Tischchen und begrüßte den jungen Freund mit einer eigentümlich verschmitzten Miene. »Na, lieber Baron,« sagte er, nachdem sie die ersten gleichgültigen Reden getauscht, »Sie sind ja ein Tausendsasa und verlieren Ihre Zeit nicht. Gleich den ersten Tag machen Sie das einzige weibliche Wesen ausfindig, dem hier die Cour zu schneiden der Mühe wert ist. Ja, diese jungen Diplomaten, die sind in der Kunst, eine Allianz oder wenigstens eine Entente cordiale zustande zu bringen, erprobte Meister, hahaha! Na, ich kann's Ihnen nicht verdenken, obwohl ich Sie in diesem Fall doch warnen muß.«

»Ich weiß wirklich nicht, Herr General, was Sie meinen.«

»Na, verstellen Sie sich nur nicht! Mein alter Bedienter hat mir hinterbracht, daß er Sie in eifriger Konversation mit Fräulein Gerda getroffen hat, als er das gute Mädchen zu mir rief. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich seit sechs Jahren Stammgast in der Austria bin. [78] Ich kenne kein Hotel ersten Ranges, in dem man sich so zu Hause fühlte wie hier, von den Wirten herab bis zum kleinsten Liftboy unter lauter freundlichen, aufmerksamen Menschen, und dazu die herrliche Umgebung. Da würde mir was fehlen, wenn ich mein einsames Haus in Münster nicht wenigstens auf drei oder vier Frühlingsmonate mit meinem Quartier hier unten vertauschen könnte. Als meine schlechten Augen mich nötigten, einen Sekretär zu engagieren, was zwei Jahre zurückdatiert, nahm ich ihn auch hierher mit, außer meinem alten Franz, der schon Anno 70 mein Bursche gewesen war und als Sergeant den Abschied nahm, um mich nicht zu verlassen. Nun ging das das erste Jahr ganz schön. Im zweiten aber war es dem Herrn Sekretär hier zu langweilig. Er hatte nicht seine gewohnte Kneipe – das Batzenhäusel war ihm für die Nacht zu entlegen – und nicht seine gewohnten Weiber. Da machte er kurzen Prozeß, versah sich aus meiner Kasse, zu der er den Zugang hatte, hinlänglich mit Reisegeld und verduftete eines schönen Tages ohne formellen Abschied.

Das war vor ungefähr drei Wochen. Ich trauerte dem Halunken nicht sonderlich nach, ließ mir anderes Geld kommen und ein Inserat in verschiedenen Zeitungen einrücken, die leer gewordene Stelle eines Sekretärs wieder zu besetzen. Sie müssen nämlich wissen, lieber Baron, außer meiner Korrespondenz, die nicht sehr beträchtlich ist, habe ich mich vor einiger Zeit darauf eingelassen, meine Erinnerungen aus den Feldzügen von 66 und 70 aufzuzeichnen, wozu die Schreibekunst und Orthographie meines Franz nicht ausreicht. Auch brauche ich einen intelligenten Menschen, der Bildung genug hat, um nicht bloß die Zeitung, sondern auch ein Buch vorzulesen, in dem wissenschaftliche Ausdrücke vorkommen.

[79] Nun zeigte sich mal wieder, was es für 'ne schöne Sache um die Vorsehung oder den sogenannten Finger Gottes ist. Gerade wie ich mit meinem Franz, der mir die Briefe an die Zeitungsredaktionen geschrieben hatte, aus meinem Zimmer trete, um sie in den Kasten hinunterzutragen, geht ein junges Frauenzimmer an mir vorbei und grüßt höflich, und ich, der ich trotz der Schwachsichtigkeit noch immer eine Venus von einer Nachteule unterscheiden kann, merke, daß das kein gewöhnliches Zimmermädel ist – so am Gang und der ganzen Haltung – und lasse mich mit dem freundlichen Wesen in ein kleines Gespräch ein, wobei sie mir gleich außerordentlich gefällt. Jedes Wort hatte Sinn und Verstand, ein gemütvoller Ton und eine so wohlklingende Stimme, daß mir altem Krachschädel ganz warm ums Herz wird. Was soll ich Ihnen lange sagen? Gleich oben im Korridor wurden wir handelseins – haha! Ja, ein alter Soldat geht gern gleich zur Attacke über. Nämlich ich frage sie kurzerhand, ob ihre Arbeit im Hause ihr wohl so viel Zeit lasse, mir ein paar Stündchen Sekretärdienste zu leisten, und nach der ersten Probe, schon am dritten Tage, als ich erkannt hatte, was für ein Prachtmädel sie ist, schlug ich ihr vor, wenn ihre Dienstzeit hier zu Ende wäre, da das Haus im Sommer geschlossen wird, ganz zu mir zu kommen und für immer bei mir zu bleiben, heißt das, so lange es ihr gefällt und sie das Leben bei einem oft unausstehlichen alten Invaliden ertragen kann.«

»Ich gratuliere Ihnen, Herr General, zu diesem Sekretär,« bemerkte Armand in möglichst gleichgültigem Ton. »Ich habe nur eine Viertelstunde mit dem Fräulein geplaudert, sie aber auch sehr gescheit und liebenswürdig gesunden.«

»Na, lieber junger Freund, dann folgen Sie meinem Rat und setzen die Bekanntschaft lieber nicht weiter fort. [80] Ich kann Ihnen versichern, das Mädel ist eins von den stillen Wassern, die nicht gleich verraten, wie tief sie sind, und unversehens plumpst man hinein und zappelt sich nicht wieder 'raus. Hab's an mir selbst erfahren. Nicht lange kannte ich sie, so sagte ich mir: Wenn du nicht vierzig Jahre zu viel auf dem Buckel hättest, die müßte deine Frau werden, notabene wenn sie dich möchte. Der Verstand und das Gemüt! Wenn sie von ihren Leuten zu Hause spricht – es springt ihr manchmal über die Zunge, weil ihr Herz davon voll ist –, alles könnte sie für sie tun, und darum hat sie meinen Antrag auch gleich angenommen, des guten Gehalts wegen, so wenig sie für sich selber braucht. Aber bilden Sie sich nicht ein, lieber Herr, daß Sie mich überbieten könnten. An dieser reinen Jungfernseele würden die Künste des ausgelerntesten Lovelace zuschanden werden.«

*

Als Armand noch spät am Abend rauchend auf seinem Balkon saß, gingen ihm all diese Worte des alten Herrn immer noch durch den Kopf. Er fühlte sich aber gar nicht bewogen, seinem Rate zu folgen und der Gefahr aus dem Wege zu gehen, schon weil sie trotz alledem ihm nicht so groß schien. Ernst zu machen und diese Pfarrerstochter als seine Frau nach Petersburg mitzuführen, war ein unmöglicher Gedanke, und um eine flüchtige Liebschaft anzuspinnen, stand sie ihm nicht bloß nach der Versicherung des Generals zu hoch. Aber warum ihr deshalb geflissentlich ausweichen, da er sich hier so einsam befand? Es war immerhin der Mühe wert, zu sehen, ob der alte Herr nicht zu viel von ihr gesagt hatte.

Doch sollte es in den nächsten Tagen nicht zu einer Fortsetzung der Bekanntschaft kommen. Der Himmel verdunkelte sich über Nacht mehr und mehr, und am Morgen [81] strömte ein so dichter Regen herab, daß kaum die schwarzen Massen der Bäume gegenüber durch den schweren grauen Vorhang zu erkennen waren. Das weite Tal war mit einem grauen Geriesel ausgefüllt, die Gartenwege verödet, die Gäste des Hotels saßen meistenteils im Lese- und Billardzimmer, und die Hoffnung Armands, der jungen Beschließerin in einem der Korridore zu begegnen, blieb unerfüllt.

Endlich am vierten Tage, der ein Sonntag war, schlug die Laune des Aprils wieder ins Freundliche um, und eine strahlende Sonne begrüßte Armand, als er die Türe seines Balkons am Morgen öffnete. Er hielt sich nicht lange mit dem Frühstück auf, sondern trat bald seinen Spaziergang an, zunächst durch den Garten, wo auf den nassen Bänken noch kein Mensch sich niedergelassen hatte, dann weiter hinaus nach der sogenannten Erzherzog-Heinrich-Promenade, die er bis zu ihrer letzten Höhe erstieg. Dort rastete er lange, obwohl er durch diese Ruhetage schon so gestärkt war, daß er keine Ermüdung verspürte. Der Blick in die Nähe und Ferne durch die reingewaschene Luft bis zum Rosengarten drüben war so herrlich, daß er sich nicht so bald davon losreißen konnte.

Endlich weckten ihn die Kirchenglocken, die zu Hochamt und Predigt riefen, aus seiner Versonnenheit, und er begann langsam den Rückweg nach dem Hotel anzutreten, der ihn durch den Ort führte.

Als er in die Nähe der kleinen protestantischen Kirche kam, wo er fast nur Fremden begegnete, die aus den verschiedenen Hotels und Pensionen sich zu ihrem Gottesdienst einfinden wollten, erblickte er unter ihnen auch das bekannte schöne Gesicht, das er in all den Tagen vermißt hatte. Das Fräulein trug heute außer einem gewählten sonntäglichen Kleid auch einen mit einer grünen Schleife [82] besteckten Strohhut, unter dem der seine Umriß ihres Kopfes reizend hervortrat. Sie hielt sich aber offenbar beiseit von dem Zuge der Kirchgänger und trat nicht mit ihnen in die offene Pforte, aus der schon ein Orgelpräludium hervorströmte, sondern wandte sich nach der Seite und verfolgte die schmale Gasse, die an der Kirche vorbeilief. Auch trug sie ein Körbchen am Arm, das sich zum Kirchenbesuch nicht wohl schicken konnte.

Er zog höflich den Hut ab, als ihre Blicke sich trafen, und sie erwiderte seinen Gruß mit einem ruhigen Neigen des Kopfes, setzte dann aber ihren Gang fort, ohne zu beachten, daß er sich ihr näherte. Als er sie erreicht hatte, sagte er scherzend: »Sie gehen hinter die Kirche, mein Fräulein? Darf eine Pfarrerstochter das tun? Oder sagt Ihnen der hiesige Prediger nicht zu?«

»Nein,« erwiderte sie, »ich habe nichts gegen ihn. Im Anfang des Winters bin ich ein paarmal in die Kirche gegangen und habe ihn predigen hören und gesehen, daß er ein trefflicher Mann und erleuchteter Geistlicher ist, aber er hat einen Fehler, für den er freilich nicht kann – er ist nicht mein Vater.«

Ein kleines Lächeln begleitete diesen Scherz, das erste, das er an ihrem Munde wahrnahm. Sie hat auch Humor! dachte er und sagte dann lachend: »Da werden Sie freilich nicht oft in der Kirche den Feiertag heiligen, wenn Sie an jeden Prediger diese Bedingung stellen. Ist Ihr Herr Vater ein so glänzender Kanzelredner, daß kein anderer den Vergleich mit ihm aushalten kann?«

»Glänzend nun freilich nicht, aber erleuchtend und wärmend, und dann hat er vor Allen den Vorzug, daß ich seine Seele bis zum Grunde kenne und, wenn ich ihm in seinen Anschauungen nicht folgen kann, was nicht selten geschieht, ihn doch immer verstehe. Bei anderen fang' ich [83] dann an zu kritisieren, und dann ist's mit der Andacht vorbei. Die muß wie ein schöner Traum sein, aus dem kein Vernünfteln einen aufwecken kann.«

Sie hat auch Geist! sagte er bei sich selbst. Sie erschien ihm immer anziehender. Dann: »Ich verstehe das sehr gut. Auch ich – nun, ich bin so eine Art Heide und gehe, wenn ich bei meiner Mutter bin, die eine strenge Christin ist, nur ihr zu Gefallen in die Kirche. Aber wenn der Prediger mich einmal wirklich erbaut, ist mir das ein Genuß, als träumte ich, wie Sie sagen, einen schönen Traum oder würde durch ein Märchen in die Kindheit zurückversetzt. Um alles nicht darf meine Mama dergleichen von mir ahnen. Sie wäre unglücklich, und da ich sie am meisten von allen Menschen liebe, muß ich ihr den Kummer ersparen. Ja, ich würde, wenn sie's verlangte, auch an den Teufel glauben, dem ich freilich in Menschengestalt oft begegnet bin.«

Er lachte wieder, und seine Worte schienen auch sie zu belustigen.

»Sie werden meine Mama ja kennen lernen,« fuhr er fort, »ich erwarte sie in acht Tagen, Ihr alter General war ein Kriegskamerad ihres Mannes, meines seligen Vaters. Apropos, der alte Herr hat mir viel von Ihnen gesprochen, er hält die größten Stücke auf Sie. Wie sind Sie denn mit ihm zufrieden?«

»Ich verehre ihn sehr. Er ist ein edler Mann, der im Leben nicht so glücklich gewesen ist, wie er es verdient hätte. Meine schönsten Stunden sind, wenn er seine Erinnerungen diktiert; wir kommen leider nicht oft dazu, die Wäschekammer und der Silberschrank und manches andere von meinen Dienstgeschäften nehmen meine Zeit zu sehr in Anspruch. Aber nun muß ich mich verabschieden. In diesem Häuschen wohnt die arme Frau, eine Wöchnerin, der ich etwas Wein und Leinenzeug für ihre Kleine bringe. Auch [84] sonst ist viel Armut hier, da die Männer am liebsten im Wirtshaus sitzen. Ich bringe am Sonntag dann auch die Gaben herum, die die Frau Wirtin austeilt.«

»Sie heiligen so den Feiertag auf die beste Weise. Adieu, liebes Fräulein!«

»Adieu, Herr Baron!«

*

Sie hatte ihn auf der Straße stehen lassen, aber ihr Gesicht schwebte ihm noch immer vor, und ihre Stimme klang in ihm nach. Er mußte an die Warnung des alten Generals denken, an das, was er von dem stillen Wasser gesagt hatte. Noch aber wehrte er sich gegen den seltsamen Zauber, der von diesem einfachen Wesen ausging. Es ist eben noch die Schwäche von der Krankheit her, die dich wehrlos macht, und freilich ist sie ja auch kein gewöhnliches Mädel, sagte er sich. Aber du hast eben lange gefastet, da steigt dir ein leichter Wein, der bloß nicht gefälscht ist, sondern ein milder Naturwein, zu Kopfe. Mach keine Dummheiten, mein Sohn!

Er beschloß, den Tag zu einer Fahrt nach Meran zu nutzen, wo er vor sechs Jahren einmal sich flüchtig aufgehalten hatte. Doch gefiel ihm der an landschaftlichen Reizen so reiche Erdenwinkel diesmal weniger als damals, da ihn das internationale Fremdengewimmel störte, das ihn mit der Natur nicht wie das erstemal allein ließ. In verdrossener Stimmung wartete er den Abend nicht einmal ab, den er damals in seiner vollen Sternenpracht über dem Isinger genossen hatte, sondern traf noch vor dem Abendessen bei der Austria wieder ein.

Sein erster Gang war in dem Hotelgarten nach der Bank am äußersten Ende, wo er das Mädchen zuerst angetroffen hatte. Heute am Sonntag durfte er darauf rechnen, [85] daß sie die kühlen Abendstunden ihres Feiertags dort wieder zubringen werde. Und in der Tat sah er schon von ferne ihr Strohhütchen sich gegen die braune Felswand abheben, während die Hände mit einer Stickerei beschäftigt waren. Aber sie war nicht allein. Auf der Bank neben ihr saß der alte Freund, der General, der eifrig in sie hineinzusprechen schien. Sie hob einmal, still zuhörend, das Gesicht, er sah deutlich, daß auch sie ihn erkannte, aber sie gab kein Zeichen, daß sie seine Annäherung wünschte oder dem General davon gesagt habe. Er empfand einen seltsamen Schmerz, daß ihr sein Kommen oder Fernbleiben so gleichgültig war, wandte sich trotzig um und kehrte nach dem Hause zurück, wo er sich das Abendessen auf seinem Zimmer servieren ließ.

Er konnte sich nicht überwinden, heute dem alten Rivalen, der zwischen ihm und dem Mädchen stand, unbefangen gegenüberzutreten, so lächerlich ihm selbst diese Eifersucht erschien. Und gerade darin fand er einen neuen Grund zum Ärger und Unmut.

Erst als er den Entschluß gefaßt hatte, sich ihr entschieden fern zu halten, jede Gelegenheit einer Begegnung zu vermeiden, beruhigte sich seine beklommene Aufregung. Er konnte über diese seine Torheit die Achseln zucken, trank eine ganze Flasche Guntschnaer und vertiefte sich endlich bei seiner Zigarre in einen Roman von Thackeray, den er von allen englischen Erzählern am meisten liebte.

Auch als er am Morgen aufwachte, stand sein Entschluß noch fest. Wirklich glaubte er, die Anwandlung einer zärtlichen Schwachheit überwunden zu haben, zumal er sich auch körperlich gekräftigt fühlte. Am nächstfolgenden Tage aber, als er, an nichts Arges denkend, in Bozen herumschleuderte und, um eine Ecke biegend, plötzlich mit [86] der sorgfältig Gemiedenen zusammenstieß, fiel der ganze künstliche Bau von Vernunft, Entsagung und Charakterstärke sofort zusammen, und sein Herz wurde von der warmen Empfindung überströmt, daß ihn das schöne, sanfte Gesicht aus den schwarzen Augen wieder ansah und der liebliche Mund ihn begrüßte.

Ihre Frau habe sie mit einem Auftrag in die Stadt geschickt, sie habe ihn eben ausgerichtet und gehe nun heim.

Ob er sie begleiten dürfe? Aber wollten sie nicht lieber einen Wagen nehmen? Die Wege seien heiß und staubig.

Sie lehnte es ab. Sie wollte es offenbar vermeiden, mit ihm zusammen gesehen zu werden. Also blieb er an ihrer Seite, und sie waren bald in einem lebhaften Gespräch begriffen, da er, von seinem Zeitvertreib erzählend, erwähnte, daß er Vanity fair gelesen habe, und sie gestand, das Buch sei auch ihr bekannt, freilich nur in Übersetzung, da eine Weimarer Freundin es ihr einmal geliehen habe. Sonst wachte die Mutter darüber, daß Romane ins Pfarrhaus nicht Eingang fanden, obwohl der Vater nichts dagegen gehabt hätte.

Das Geplauder über die Personen dieses Buches und allerlei Betrachtungen, die sich daran anschlossen, hielten die zwei in Atem, bis sie das Hotel erreichten. Doch ein wenig vorher trennte sich das Mädchen von ihrem Begleiter, unter einem durchsichtigen Vorwand, noch etwas unten in der Dependance bestellen zu müssen. Er verstand, daß sie nicht wünschte, man möchte sie in seiner Gesellschaft daherkommen sehen und allerhand darüber zu mutmaßen anfangen.

*

[87] In dieser Nacht konnte Armand lange den Schlaf nicht finden.

Es bedurfte keines langen Examens, das er mit seinem Herzen anstellte, um einzusehen, daß er es unrettbar an dieses Mädchen verloren hatte.

Er stand endlich auf, machte Licht und ging im Zimmer hin und her, um sich zu beruhigen. Dann blieb er vor dem Spiegel stehen, aus dem ihm sein überwachtes Gesicht entgegensah. »Armer Junge!« sagte er ganz laut, »es hilft nichts. Gesteh es nur, du bist in dieses Mädchen verliebt, nein, schlimmer noch: du liebst sie, und sie muß deine Frau werden.«

Er trat vom Spiegel zurück, durchmaß wieder sein Gemach und warf sich endlich auf die Chaiselongue, in sich hineinbrütend. Er sagte sich alles, was im Wege stand, daß sie zur Frau eines Botschaftsattachés nicht tauge, keine Sprachen spreche, nicht jenen nötigen usage du monde habe, nicht »von Familie« sei, und doch, wenn er die Liste dessen, was ihr fehlte, noch so unbefangen durchgegangen hatte, das alles versank in Nichts gegen die Erkenntnis, daß er mit keiner Frau jemals glücklicher werden könne.

Er hatte das freilich schon verschiedene Male geglaubt, zuletzt sogar gegenüber seiner französischen Ungetreuen, immer aber war's eine Täuschung gewesen, nur diesmal stand es ihm am hellen Tage so klar vor Augen wie in seinen nächtlichen Grübeleien. Daß es schwer sein könnte, sie ihrem alten General abspenstig zu machen, fürchtete er nicht, wenn es ihm nur gelänge, ihre Neigung zu gewinnen, wozu bis jetzt nur ein kleiner Anfang gemacht war. Ihn aber weiter zu pflegen und endlich zur Blüte zu bringen, dazu hatte er ja alle Gelegenheit und die schönste Muße.

Gleich am nächsten Tage traf er sie wieder an ihrem gewohnten Plätzchen auf der letzten Bank im Garten. Sie [88] hatte die Handarbeit neben sich liegen und las einen Brief. Er verneigte sich höflich und fragte, ob er sie nicht störe, wenn er sich neben sie setze. Sie errötete ein wenig, faltete den Brief zusammen und legte ihn in das Arbeitskörbchen. Dann sah sie ihn mit etwas befangener Miene an und sagte: »So gern ich mich mit Ihnen unterhalte, Herr Baron, ich muß Sie leider bitten, mich hier draußen nicht anzureden. Es gibt auch hier Späheraugen und böse Zungen, die es einem alleinstehenden Mädchen zum Verbrechen machen, wenn es sich mit einem fremden Herrn unterhält. Die Wirtin, der so etwas zugetragen wird, hat mich gewarnt, obwohl sie selbst nichts Arges dabei findet Also wollen Sie die Güte haben – –«

Die Röte auf ihren Wangen zog sich bis über die Stirn hinaus. Nach einer kleinen Pause sagte er: »Es wird mir schwer, verehrtes Fräulein, mich Ihrem Wunsch zu fügen. In meiner Einsamkeit waren es immer glückliche Minuten, wenn ich mich Ihnen nähern durfte. Aber ich muß gehorchen. Daß ich mich von ferne mit Ihnen beschäftige, wird niemand mir verbieten können.«

Er lüftete zum Abschied förmlich den Hut und verließ sie. Bei allem Ingrimm über die schlechte Welt, die zwischen sie trat, fühlte er doch eine heimliche Freude, daß er mit so vielsagenden Worten von ihr Abschied genommen hatte. Es war ja so gut wie eine Liebeserklärung, und sie konnte nicht darüber im Zweifel sein, daß es ihm um Ernsteres zu tun war als um einen oberflächlichen Flirt.

Daß sie es wirklich so aufgefaßt hatte und gleichfalls bedauerte, den freundschaftlichen Verkehr mit ihm nicht fortsetzen zu dürfen, erkannte er an ihrem Blick, wenn er ihr irgendwo im Haus oder Garten begegnete. Es lag ein stilles Einverständnis darin, wie wenn sie ihn in solchen flüchtigen Augenblicken dafür entschädigen wollte, daß [89] von einem längeren Austausch nicht die Rede sein konnte. Auch stand jenes leise Lächeln an ihrem Munde, das ihr Gesicht so besonders verschönte. Bei all dieser äußeren Entsagung kam es ihm vor, als sei ihm jedesmal etwas geschenkt, was ihn beglückte und hoffen ließ.

Einmal schickte er ihr durch den Liftjungen einen Roman von Turgenjew, den er selbst gelesen hatte. Er hatte dabei immer nur einen Gedanken, den er sich selbst nicht eingestand, als ob er sie damit vorbereiten wollte für eine Fahrt nach Rußland mit ihm. Sie schickte ihm aber das Buch sofort zurück mit bestem Dank, doch leider habe sie zum Lesen keine Zeit, da der Herr General sie sehr in Anspruch nehme.

Der Gedanke an den alten Herrn machte ihn in seinem Zukunftstraum nicht irre. Was sie dem war, konnte mancher andere ihm ersetzen. Das einzige, woran er zuweilen mit einer leisen Sorge dachte, war, ob seine Mutter mit dieser Schwiegertochter einverstanden sein würde.

*

Denn diese Mutter war eine wunderliche Frau. Während sie in ihren Mädchenjahren durch ihren reinen, heiteren Sinn sich viele Freunde erworben und später als junge Frau in der vornehmen Gesellschaft, in die ihr ritterlicher Gatte sie führte, gefeiert und verzogen worden war, hatte sie in ihrem reizenden Köpfchen keinen Platz gehabt für die Rätsel, die Welt und Leben dem Menschen aufgeben. Als jene einzige Verirrung dann die lachende Harmonie ihrer Seele zerstört und einen Schatten, der nie weichen wollte, über ihr Leben geworfen hatte, war endlich, nachdem sie ihren Mann begraben, ihr Gemüt soweit beruhigt worden, daß sie die Wechselfälle des Lebens, wie sie an sie herantraten, mit ergebener Gleichgültigkeit [90] hinnahm und keine anderen wärmeren Interessen hegte als ihr Verhältnis zu Gott und göttlichen Dingen und die Werke der Barmherzigkeit, die sie freilich mehr als eine Pflicht denn als eigentliche Liebestaten zu üben pflegte. Ihre Gedanken gingen über die Bewirtschaftung des großen Gutes, für die sie bald die nötigen Kenntnisse erworben hatte, selten hinaus; von der Welt jenseits ihrer Äcker und Wiesen wußte sie nichts, als was sie bei ihrer jährlichen Reise an die See davon erfuhr, und kaum las sie je ein anderes Buch als Reisebeschreibungen und Berichte von Missionären, die sie wie im Traum zu anderen Menschen führten. Im Verkehr war sie von einer sich stets gleichbleibenden Milde, mit der auch ihre sanfte Stimme im Einklang war. Und doch war, wo etwas in Frage kam, was ihr wichtig schien, worüber sie sich innerlich entschieden hatte, eine Festigkeit in ihr, die allem Einreden und den besten Gründen standhielt und durch nichts zu erschüttern war.

Diesen mütterlichen Starrsinn hatte auch der Sohn hin und wieder kennen gelernt, bei Gelegenheiten, wo es ihm endlich nicht schwer wurde, sich zu fügen. Daß er in diese Lage kommen könnte, wo sich's um sein tiefstes Herzensglück handelte, stieg als Möglichkeit freilich in ihm auf, doch schlug er sich diese Sorge aus dem Sinn. Er wußte zwar, daß für die Mutter, die ihn vergötterte, die Beste, Schönste, Reichste, Vornehmste zur Frau gerade gut genug für ihn war, daß sie es nur natürlich gefunden hätte, wenn eine Großfürstin ihrem Armand die Hand gereicht hätte, ihn zu sich heraufzuheben. Und jetzt, dieses einfache Pfarrerskind, die Beschließerin aus einem Hotel. –

Indessen, wenn sie nur erst seine Erkorene kennen gelernt hätte, ihre einfache Liebenswürdigkeit und die ruhige Sicherheit ihres Charakters, dazu ihr Äußeres, das für [91] eine dienende Stellung viel zu vornehm erschien – es war ja nicht zu denken, daß sie gegen so viel Vorzüge hätte blind sein können.

Und dann, wenn sie den General über Gerda hörte! – Ob der freilich geneigt sein würde, sie, wie man sagt, wegzuloben und durch sein Zeugnis sich selbst um ihren Dienst bringen – –

Genug, die Entscheidung mußte abgewartet werden, und inzwischen getröstete er sich der kleinen, flüchtigen Zeichen einer geneigten Gesinnung, die ihm von dem geliebten Mädchen hin und wieder im Vorübergehen zuteil wurden.

*

Und endlich sollte nun Ernst damit werden.

Die Mutter, der trotz ihrer Sehnsucht nach dem Sohn die weite Reise in den Süden wie ein kaum zu überstehendes Abenteuer erschien, hatte ihr Kommen angekündigt. Gerade vierzehn Tage nach seiner Ankunft holte Armand sie in Bozen ab und fuhr mit ihr nach Gries zurück, wo die Frau Baronin von Wirt und Wirtin ehrerbietig begrüßt wurde.

Sie hatte sich nicht dazu verstanden, ein Zimmer oben neben dem ihres Sohnes zu beziehen. Da sie ihrer beginnenden Korpulenz wegen das Treppensteigen scheute und eine unbezwingliche Scheu hatte, sich in den unheimlichen Schacht eines Aufzuges zu wagen, hatte Armand ihr und ihrer Kammerjungfer zwei Zimmer im Mezzanin reservieren lassen, wohin sie sich nun begab. Sie befand sich in der besten Laune, die Reise hatte sie durchaus nicht erschöpft, sie war aus dem Staunen über alles Fremde, woran sie vorbeifuhr, vor allem über die großartige Gebirgsnatur, nicht herausgekommen und fühlte sich so frisch, [92] daß sie nach einer kurzen Toilette sogleich zum Souper herunterkommen wollte.

»Fanchette darf ich doch mitnehmen?« fragte sie, mit der weichen Hand den schneeweißen Kopf eines kleinen Seidenpinschers streichelnd, den sie bei der ganzen Fahrt auf dem Arm getragen hatte. »Nicht wahr, Liebling, wir sind hungrig?«

Das kleine Geschöpf, das mehr schläfrig als hungrig zu sein schien, antwortete mit einem kurzen, unwirschen Kläffen. Es war nächst Armand das einzige lebende Wesen, dem die kleine Frau mit einer leidenschaftlichen Liebe zugetan war. Selbst die Armen und Kranken im Dorf, denen sie unermüdlich Hilfe und Beistand widmete, blieben ihrem Herzen ziemlich fremd. Das Hündchen aber, das sie vor sieben Jahren in hülfloser Jugend von einer befreundeten Dame zum Geschenk erhalten hatte, hatte sie sich so treulich herangezogen wie ein angenommenes Waisenkind, und es war drollig und rührend zugleich anzuhören, wenn sie von seinen Geistes- und Gemütseigenschaften zu sprechen anfing.

»Du tätest doch besser, Mama, Fanchette bei Karoline zu lassen,« sagte Armand. »Es ist eigentlich nicht erlaubt, Hunde mit ins Speisezimmer zu nehmen, und wenn man auch eine Ausnahme machen würde, die Kleine ist nervös und würde in dem hellen Raum unter den fremden Menschen sich nicht wohl fühlen. Karoline kann sie ja mitnehmen, wenn sie bei den anderen Fräulein Kammerjungfern im Kurierzimmer speist.«

»Wenn du meinst, Kind,« versetzte die Mutter – »ich weiß nicht, was hier Sitte ist. An der See nehme ich sie immer zu Tisch mit, mittags und abends. Aber hier würde es vielleicht chokieren.«

Sie übergab den Liebling ihrem Mädchen, einer stillen, [93] ältlichen Person, die nach dem Tod ihres Mannes, des Gärtners auf dem Gut, als Zofe in den Dienst der gnädigen Frau getreten und ihr mit blinder Treue ergeben war. Das gleiche Witwenschicksal hatte die beiden Frauen, die in so ungleicher Stellung waren, überdies noch genähert.

Dann nahm die Baronin den Arm ihres Sohnes und betrat mit ihm den kleineren Speisesaal.

Als sie eintraten, richteten sich aller Augen auf sie, und jedem erschienen sie sofort als Mutter und Sohn, obwohl Armand um Haupteslänge größer und in seinem Auftreten neben der etwas schüchternen kleinen Dame von ganz anderer Bildung und Erziehung erschien. Aber die feinen Züge und das weiche blonde Haar waren beiden gemein, nur daß der Scheitel der Mama schon von grauen Streifen durchzogen war, und auch darin glichen sie sich, daß man beiden ein paar Jahre weniger gab, als sie alt waren. Übrigens war die Baronin selbst in ihrem Reisekostüm von so peinlicher Sauberkeit, daß selbst die Augen der Frauen an den kleinen Tischen nichts an ihr zu tadeln fanden.

In der hinteren Ecke des Zimmers, nicht an seinem gewöhnlichen Platz, erhob sich bei ihrem Eintritt der General und machte Armand ein Zeichen, daß er ihn dort erwartet habe. Als sie dann herankamen, verneigte er sich mit chevaleresker Haltung gegen die Baronin und bat zu entschuldigen, daß er eigenmächtig über sie verfügt und an diesem Tisch für Drei habe decken lassen. Sie seien hier etwas mehr aus Hörweite und er fühle sich zu glücklich, die Frau eines ihm sehr teuren Kriegskameraden begrüßen zu dürfen, um es nicht als selbstverständlich zu betrachten, daß sie sich an demselben Tisch zusammenfänden.

Frau Helene fand es auch sehr hübsch und erfreulich; ihr Sohn habe ihr schon geschrieben, wie freundlich der [94] Herr General ihm begegnet sei. Ihr selbst tat es nach der langen Entwöhnung von einem Gespräch mit Menschen aus höher gebildeten Kreisen sichtbar wohl, diesem ritterlichen alten Herrn gegenüberzusitzen, der sich deutlich merken ließ, daß er für die Anmut der feinen, noch so jugendlichen Frau empfänglich war. Sie hörte mit großem Interesse seinen munteren Erzählungen von Reiseabenteuern und gemeinsamen Bekannten zu, nur als er auf ihren verstorbenen Gatten und dessen treffliche Eigenschaften zu reden kam, verstummte sie plötzlich, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie brach in sichtbarer Erschütterung auf, sich unter dem Vorwand großer Ermüdung zurückzuziehen.

Armand begleitete sie hinaus, kehrte aber noch einmal zurück und beruhigte den alten Herrn, dem es sehr peinlich war, die alte Wunde berührt zu haben, die er längst vernarbt geglaubt hatte. An dem ganzen Gespräch hatte der Sohn kaum teilgenommen, so sehr war er von dem einen Gedanken beherrscht, daß es jetzt zur Entscheidung über seine ganze Zukunft kommen müsse, und wie er es am besten anfangen möchte, die Mutter vorzubereiten.

Doch nahm er sich vor, nichts zu übereilen, sondern einem freundlichen Zufall Zeit zu lassen, ihm zu Hilfe zu kommen.

*

Zunächst hielt er es für seine Pflicht, am folgenden Tage auf einer Rundfahrt der Mama die landschaftlichen Herrlichkeiten der Umgegend zu zeigen und, wie er selbst es am ersten Tage getan, sie auch mit den Sehenswürdigkeiten Bozens bekannt zu machen. Sie war sehr empfänglich dafür, zumal sie fahrend und gehend Fanchette im Arm halten durfte, von der sie behauptete, daß sie an all diesen neuen Dingen Interesse habe. Darin machte sie's [95] auch nicht irre, daß das kleine Geschöpf die runden, schwarzen Augen unter den überhängenden weißen Haarbüscheln fast immer geschlossen hielt und aus seiner Träumerei nur auffuhr, wenn ein Hundegebell in seiner Nähe erklang.

Der Tag verging, ohne daß Armand Gelegenheit gefunden hätte, die ersten Schritte zu seiner diplomatischen Aktion zu tun. Die folgenden waren durch einen Ausflug nach Meran ausgefüllt, von dem die Mutter so ermüdet zurückkehrte, daß sie sich sogar bei dem General wegen ihres Wegbleibens vom Souper entschuldigen ließ. Immer schwerer drückte auf die Stimmung ihres Sohnes, daß er kein Mittel sah, der Ungewißheit ein Ende zu machen.

Erst am Abend des vierten Tages, da Armand die Mutter durch den Garten am Hause führte und ihr die verschiedenen Anlagen zeigte, war der Zufall ihm günstig. Gerda ging an ihnen vorbei, wie gewöhnlich mit ihrer Handarbeit, Erfrischung auf ihrer gewohnten Bank zu suchen.

Sie war so einfach wie immer gekleidet, in eine leichte, weiße Bluse, die bis an den Hals geschlossen war, das schöne Haar kunstlos aufgesteckt. Im Vorbeigehen warf sie einen flüchtigen Blick auf Mutter und Sohn und sah dann vor sich hin. Armand aber zog den Hut, da erwiderte sie seinen Gruß mit einem leichten Neigen des Kopfes.

»Wer ist das schöne Fräulein?« fragte die Baronin. »Du scheinst sie zu kennen.«

»Gewiß, Mama. Es ist Fräulein Gerda Brunner, die Tochter eines Pfarrers in Thüringen, Haushälterin in der Austria.«

»Man würde ihr nach ihrer Haltung nicht zutrauen, daß sie sich in einer dienenden Stellung befindet. Keine [96] der hiesigen jungen Damen macht einen so vornehmen Eindruck, so einfach ihre Toilette ist.«

Armands Gesicht überflog eine dunkle Röte.

»Du hast recht, Mama,« sagte er. »Und wenn du sie erst näher kennen lerntest! Ihr Inneres entspricht ganz dem Äußeren.«

»Hast du dich mit ihr unterhalten?«

»Nur ein paarmal. Aber ich glaube sie besser zu kennen als manches Fräulein, in deren Hause ich wochenlang aus und ein gegangen bin. Es gibt ja so schicksalsvolle Blicke in das Wesen eines Menschen, die das ganze Innere enthüllen.«

»Du schwärmst ja förmlich, Kind! Sie scheint dir's sehr angetan zu haben.«

»Ja, liebe Mutter, so sehr, daß ich entschlossen bin, sie zu meiner Frau zu machen – wenn du nichts dagegen hast!«

Er erschrak, als ihm das Wort entfahren war, und zugleich fühlte er eine Erleichterung, daß er sich nun einer mühsamen diplomatischen Vorbereitung überhoben sah. Die Mutter hatte es ihm ja selbst nahegelegt. Doch lächelte er ein wenig beklommen, als sie jetzt noch ahnungslos ihn forschend anblickte und ruhig sagte: »Ich sehe mit Vergnügen, daß du wieder der alte bist und bei jedem hübschen Gesicht gleich daran denkst, ob du es wohl heiraten möchtest. Nun, daß es dir nicht im Ernst einfallen könnte, deine künftige Frau aus der dienenden Klasse zu wählen, versteht sich ja von selbst. Die künftige Frau Botschafterin müßte denn doch noch einige andere Eigenschaften haben als eine gute Figur und die Kenntnis des Haushalts.«

Er hatte sich inzwischen so weit besonnen, daß er, da es nun doch einmal heraus war, sich ein Herz faßte, jetzt alles zur Sprache zu bringen, was noch gesagt werden mußte.

[97] »Gewiß, Mama,« sagte er. »Unter anderem Gewandtheit im Französischsprechen, was dieser Pfarrerstochter vielleicht fehlt. Aber da sie im übrigen sehr gebildet ist, ließe sich das ja nachholen durch ein Jahr in Lausanne, was ja auch manchem Fräulein aus unseren Kreisen den letzten Schliff geben muß.«

Die Mutter hatte ein paar Schritte getan, in der entgegengesetzten Richtung, in der sich Gerda entfernt hatte.

Sie hielt dabei Fanchette immer sorglich im Arm, da sie die Kleine nur auf die Erde ließ, wenn der Kies ganz trocken war. Nun hatte es in der Nacht geregnet, und die kleinen Pfoten konnten sich anfeuchten und der Liebling einen Schnupfen bekommen.

»Mama,« sagte Armand, der ihr dicht zur Seite blieb, »du mußt die Güte haben, mich anzuhören und nicht zu glauben, daß ich nur einen Scherz machen möchte. Ich habe die Sache sehr ernstlich bei mir erwogen, seitdem ich das erste Wort mit ihr gewechselt habe, und bin zu der festen Überzeugung gekommen, daß es sich um mein Lebensglück handelt. Glaube nicht, es sei nur eine Kaprice, nur eine Folge der weichen Rekonvaleszentenstimmung, in der man für jeden anmutigen Eindruck holder Weiblichkeit wehrlos und doppelt empfänglich ist. Nein, frage unseren alten General, dem sie aus Gefälligkeit bei seiner Augenschwäche Sekretärdienste leistet. Er wird nur bestätigen, daß sie eine der edelsten und liebenswürdigsten ihres Geschlechtes ist. Er hat mir selbst gesagt, wenn er als junger Mann ihr begegnet wäre, hätte er alles daran gesetzt, sie zur Frau zu gewinnen, obwohl er immer an Ehescheu gelitten habe. Nun siehst du, liebste Mama –«

Das Wort stockte ihm an den Lippen, da er das bisher heitere Gesicht der Mutter durch einen heftigen Schrecken völlig verwandelt sah. Die kleine Frau war auf die [98] nächste Bank niedergesunken und hatte es nicht einmal beachtet, daß Fanchette ihrem Arm entglitten war und vor ihr auf dem feuchten Wege sich herumtummelte.

Sie rang sichtbar nach einem Wort, das sie aber nicht finden konnte.

»Liebste Mama,« wiederholte er, während er bestürzt vor ihr stand, »nimm es doch nicht so tragisch. Muß ich dir erst versichern, daß ich einen solchen Entschluß fürs Leben nie fassen würde ohne deine Einwilligung? Ich erwarte ja nichts anderes von dir, als daß du es der Mühe wert findest, dies Mädchen kennen zu lernen und selbst zu prüfen, ob du das Zutrauen zu ihr fassen kannst, sie werde deinen Sohn glücklich machen. Die Sache ist ja so wunderbar schnell gekommen, natürlich wirst du es für deine Mutterpflicht halten, jede Übereilung zu verhüten. Aber gerade, wenn du glaubst, daß Ehen im Himmel geschlossen werden, kannst du ja auch hier den unerforschlichen Ratschluß Gottes erkennen, der mich gerade hieher führen wollte, um das eine, was mir not tut, mich hier in der Fremde finden zu lassen Ist da nun ein Grund, dich so schmerzlich aufzuregen? Ich wiederhole dir: prüfe sie nur, und dem Ergebnis dieser Prüfung will ich getrost und gehorsam entgegenharren.«

Hierauf blieb es lange still zwischen ihnen. Doch bedrückte ihn das nicht. Er war es schon gewohnt, daß ihr weicher, nicht an strenge Gedankenarbeit gewöhnter Kopf Zeit brauchte, sich zu sammeln, wenn ein Entschluß ihr zugemutet wurde. Hatte sie ihn dann aber gefaßt, so konnte nichts sie an ihm irremachen, und sie hatte die Gewißheit, das Richtige gewählt zu haben.

Je länger sie aber schwieg, je größer wurde seine Furcht, diesmal würde ihre Liebe zu ihm nicht imstande sein, ihr Widerstreben gegen seine Bitte zu besiegen. Ihr [99] feines Gesicht hatte einen Ausdruck von Härte und Trotz bekommen, zugleich von einer völligen Unfähigkeit eines Verständnisses für das, was er ihr gesagt. Sie schloß eine Weile die Augen, und er fing an, ernstlich zu besorgen, seine plötzliche Mitteilung möchte zu stark aus ihre zarte Natur gewirkt haben. Da fiel ihm ein Stein vom Herzen, als sie die Augen wieder aufschlug und nun mit gefaßter Miene, freilich wie wenn es sie eine gewaltsame Anstrengung kostete, nur die Worte hervorbrachte: »Du hast recht. Ich muß es versuchen.«

Mühsam erhob sie sich von der Bank, lockte das Hündchen an sich und hob es wieder auf ihren Arm. »Meine geliebte Mutter,« sagte er, zärtlich ihre Schulter streichelnd, »wie dank' ich dir! Aber beruhige dich nur erst. Laß uns ins Haus gehen. Morgen ist auch ein Tag.«

»Aber eine Nacht dazwischen, in der ich kein Auge zutun würde. Nein, Armand, was ich tun muß, muß ich sogleich tun. Folge mir nicht. Ich finde meinen Weg schon allein.«

Er sah ihr nach, wie sie mit tapferen kleinen Schritten den Gartenweg hinunterschritt. Obwohl er nicht daran zweifelte, daß das geliebte Mädchen es auch der Mutter, wie allen Menschen, antun würde, klopfte ihm doch das Herz wie vor einem Sprung ins Dunkle. Ein Herr, mit dem er bekannt geworden war, näherte sich ihm und begann eine gleichgültige Unterhaltung, worauf er ihn ins Lesezimmer führte, ihm eine Notiz in irgendeiner Zeitung zu zeigen. Es war Armand gerade recht. Es half ihm über die Spannung der nächsten Stunde hinweg.

*

Inzwischen war die Baronin an verschiedenen Bänken vorbeigekommen, wo sie nach der Gesuchten sich vergebens [100] umgesehen hatte. Der Gang wurde ihr unsäglich schwer, ein paarmal mußte sie stillstehen, um Atem und Mut zu schöpfen. Ganz am Ende des Gartens erblickte sie endlich die Gestalt des Mädchens, das ahnungslos auf die Handarbeit gebückt, allein auf ihrer Bank saß. Erst als die Baronin nah herangekommen war und Fanchette ein kleines Kläffen ausstieß, wurde sie aus ihrer Versonnenheit geweckt

»Sie erlauben wohl, daß ich mich zu Ihnen setze, mein Fräulein,« sagte die kleine Frau. »Der Platz ist besonders angenehm, die Felswand im Rücken schützt gegen den Wind. So, Fanchette! Hier können wir's uns bequem machen. Aber was hast du denn? Willst du wohl ruhig bleiben!«

Sie hielt das verzogene kleine Tier mit beiden Händen auf ihrem Schoß fest, während es sich beständig zu befreien strebte. Auf einmal entschlüpfte es und sprang mit einem Satz zu Gerda hinüber, die es mit den weichen Händen empfing und ihm liebkosend das seidene Stirnhaar streichelte.

»Ein lieber kleiner Kerl,« sagte sie lächelnd, »und das schönste Exemplar seiner Rasse, das ich je gesehen habe.«

»Sie sind auch eine Tierfreundin? Das hat Fanchette gleich gemerkt, klug wie sie ist. Übrigens können Sie sich was darauf zugute tun, daß sie Ihnen zugesprungen ist. Sie macht sonst niemand die Cour und bleibt kalt gegen die freundlichsten Avancen. Aber komm, Ausreißerin! Du darfst das Fräulein nicht im Arbeiten stören.«

»Es eilt damit nicht, gnädige Frau,« versetzte Gerda. »Es ist ein Jäckchen für das Kind einer armen Frau, das doch erst morgen fertig werden kann. Wenn Fanchette noch ein wenig bei mir bleiben will –«

Es war hübsch anzusehen, wie das Fräulein mit dem weißen Körperchen des Hündleins spielte, es zu sich empor [101]hob und den kleinen Kopf gegen ihr Kinn drückte. »Vor Jahren hab« ich auch einmal ein Hündchen gehabt,« sagte sie dazwischen, »nicht viel größer als Ihres, und die Leute fanden es häßlich. Ich liebte es aber sehr und weinte, als der Förster es erschoß, da er es auf verbotenen Waldwegen traf. Ich war damals zehn Jahre und weiß es doch noch, wie wenn es gestern gewesen wäre.«

»Sie sind die Tochter eines Pfarrers?«

»Ja, die älteste von acht Geschwistern. Das Pfarrhaus steht nur hundert Schritt vom Wald entfernt. Ich habe mich mehr unter den Bäumen aufgehalten als im Haus oder in der Stadt. Freilich, wie ich älter wurde und der Mutter im Haushalt an die Hand gehen mußte, da hörte die freie Waldlust auf. Und dann mußt' ich auch in die Schule, und als ich aus der herauskam, unterrichtete mich mein Vater und ich dann wieder die jüngeren Geschwister.«

Die Baronin konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß alles, was sie sagte und wie sie es sagte, ihr einen sehr liebenswürdigen Eindruck machte. Auch das feine Gesicht und vor allem die Stimme Gerdas gefielen ihr mehr und mehr.

»Sie haben eine glückliche Jugend gehabt, eine beneidenswerte, liebes Fräulein,« sagte sie endlich. »Gewiß herrschte immer Liebe und Friede in Ihrem Elternhaus und der beste Segen Gottes, wenn auch Ihre gute Mutter manchmal sorgenvoll die heranwachsenden Kinder betrachten mochte.«

Über Gerdas Stirn legte sich ein Schatten.

»Sie haben recht, gnädige Frau,« sagte sie mit einem Seufzer. »Meine Jugend war eine selten glückliche, bis dann mein Himmel sich verfinsterte und das schwere Schicksal über mich kam, daß mein jüngster Bruder, den ich am zärtlichsten liebte, von der Krankheit befallen wurde, die [102] ihn endlich hinraffen sollte. Ein Jahr lang hatte ich ihn noch besessen und war ihm immer zur Seite geblieben, durch meine Pflege ihm sein Leiden zu erleichtern, so viel es möglich war. Er war erst sechs Jahre, aber seine Seele und auch sein Geist weit über sein Alter gereift, und wie liebenswürdig war sein Gemüt, welche Wonne war's, von ihm geliebt zu werden! Und doch durfte ich ihn nicht behalten! Seitdem habe ich nie wieder erlebt, was eine wahrhaft glückliche Stunde ist. Mitten im hellen Sonnenschein taucht plötzlich der dunkle Schatten vor mir auf, ich sehe die schmerzlichen Augen auf mich gerichtet und höre die liebe, sanfte Stimme, als wolle sie mich um Hilfe anflehen, die doch nicht in meiner Macht steht!«

Die schönen dunklen Augen umflorten sich leise, sie vergrub den Mund in dem weichen Köpfchen des Hundes.

Eine Weile war's still zwischen den beiden Frauen.

»Auch ich habe Schwerstes erlebt,« sagte die Baronin, »und kann Ihnen das alles nachfühlen. Aber wir dürfen ja nicht vergessen, daß wir Kinder Gottes sind und daß seine Hand uns nur züchtigt, um uns zu beweisen, daß er uns liebt.«

Das Mädchen hob plötzlich den Kopf. Die weiche Schwermut in ihren Zügen war einem herben Ausdruck gewichen.

»Jawohl,« sagte sie tonlos vor sich hin, »so wird uns gelehrt. Das habe auch ich nachgesprochen, bis ich eines Tages, da mein armes Kind schwerer als je zu leiden hatte, erkannte, daß es eine Lüge war, an die ich nicht länger glauben konnte. Womit hatte mein liebes Wilhelmchen verdient, daß es erst gezüchtigt werden mußte, um der Liebe Gottes versichert zu werden? Nie war auch nur ein sündiger Gedanke in seiner jungen Seele aufgestiegen, wofür er Strafe verdient hätte. Nur Liebe und Zärtlichkeit hatte sein kleines Herz erfüllt und eine himm [103]lische Geduld, auch wenn ihm bei seinen Schmerzen und Erstickungsanfällen die Tränen aus den Augen fielen. Und ein himmlischer Vater, der dies grausame Hinmartern mit ansah, konnte verlangen, daß man an seine Liebe zu einem so hilflosen Wesen glauben sollte, das wahrlich verdient hätte, von allen Engeln behütet zu werden, daß sein Fuß nie an einen Stein stoße? Nein, von der Stunde an, wo ich darüber klar geworden war, habe ich den Glauben an einen allgütigen, allgerechten väterlichen Gott verloren und nie wieder ein Gebet an ein höheres Wesen gerichtet, das, wenn es allwissend ist und all den Jammer mit ansieht, ohne zu helfen, erbarmungsloser sein muß als der verhärtetste Mensch.«

»Aber das ist ja furchtbar!« rief die kleine Frau mit dem Ton des höchsten Entsetzens – »Sie haben Ihren Glauben an Gott verloren? Sie Unglückliche, wie können Sie das Leben noch ertragen? Muß Ihnen nicht zumut sein wie einem Kind, das sich nachts in einem dunklen Walde verirrt hat und die Wölfe heulen hört? Und keine helfende und rettende Vaterhand, die Sie wieder ans Licht hinausführen würde? Wie beklage ich Sie!«

»O, gnädige Frau,« erwiderte Gerda nun wieder mit ihrem alten, ruhigen Ton, »ich fühle mich nicht beklagenswerter als vorher, weder unglücklicher noch schlechter in meiner Dunkelheit, wo ich nichts habe, mir den rechten Weg zu weisen, als mein Gewissen und die Liebe zu meinen Nächsten. Hat die helfende Vaterhand mir nicht auch vorher gefehlt, der liebende Vater mir je geantwortet auf meine Fragen oder mein verzweiflungsvolles Flehen erhört? Und wie soll ich Liebe und Vertrauen zu einem Wesen haben, das niemals sich mir zu erkennen gibt? Wie soll ich mir vorstellen, die Macht, die das ganze All regiert, könne sich herablassen, Wohl und Wehe eines armen [104] sterblichen Geschöpfes zu bedenken, das nur ein Stäubchen im Universum ist? Es ist freilich nicht leicht, sich auf sich selbst gestellt zu sehen, aber da ich mich noch anderen widmen kann, bin ich doch nicht ganz vereinsamt, und es stärkt auch den Mut und den guten Willen, redlich das Seine zu tun, wenn man seiner Natur und Erkenntnis alles verdankt, keinem Wesen in der Höhe, das man nie von Angesicht sieht und dem man doch Liebe und Dank schulden soll!«

»Es ist furchtbar – furchtbar!« wiederholte die Baronin beständig, und die Augen, die ihr leise übergingen, bezeugten, wie ernst es ihr mit dieser Klage war. Zugleich streckte sie unwillkürlich die eine Hand nach Fanchette aus, wie um das unschuldige kleine Wesen aus der Berührung einer Person zu retten, die offenbar zu einem unseligen Schicksal ausersehen war. Das Hündchen klammerte sich aber nur fester an den Arm seiner neuen Freundin.

»Sie müssen mich entschuldigen, mein Fräulein,« fing die Mutter wieder an, »wenn das Unerhörte, was Sie mir da gesagt haben, mich ganz aus der Fassung bringt. Ich maße mir nicht an, zu richten, wo ich absolut nicht verstehe, wie solche Gedanken in der Seele eines sonst rechtschaffenen Menschenkindes Wurzel schlagen können, und die Zuversicht hege ich ja auch, Zeit und Lebenserfahrung werden Sie von dieser Verirrung zurückbringen. Über eins aber komme ich nicht hinaus: wie die Tochter eines so frommen Mannes, wie Ihr Herr Vater doch gewiß ist, eines Dieners am Wort, den Glauben, den sie von klein auf mit der Muttermilch eingesogen hat, verleugnen kann als ein sinnloses, aberwitziges Gerede, ohne daß sie vom Vater eines Besseren belehrt und ihres Irrtums überführt worden wäre. Oder ahnt Ihr Vater nicht, wie es im Herzen seiner Tochter aussieht?«

[105] »Mein Vater« – erwiderte Gerda rasch, und dabei leuchtete in ihren Augen etwas auf, was das schöne, traurige Gesicht auf einmal wieder sehr hell und lieblich machte – »mein lieber Vater, vor dem hatte ich nie ein Geheimnis, dem habe ich stets alles gesagt und geklagt, was mir das Herz bedrückte, und er hat mich immer gütig und geduldig angehört. Auch das verschwieg ich ihm nicht, daß ich meinen Gott verloren hatte, ich meine den persönlichen Gott, zu dem ich bisher vertrauensvoll gebetet hatte. Denn daß ein unendlicher Geist die ganze Schöpfung umfaßt, das zu bezweifeln konnte mir nicht in den Sinn kommen. Aber von einer Gotteskindschaft, wie sie uns gelehrt wird, konnte ich mir keine Vorstellung machen und fragte meinen Vater, ob es eine große Sünde sei. ›Es gibt nur Eine Sünde gegen den Heiligen Geist,‹ antwortete er mir sanft, ›die ist, sein innerstes Gefühl verleugnen, seelenlos zu heucheln, was man nicht wahrhaft empfindet. Mehr kann Gott von keiner armen Menschenseele verlangen, als redlich die Wahrheit zu suchen, die er selbst sich vorbehalten hat und uns endlichen Wesen nur im Abglanz zu schauen gibt. Wer will mit endlichem Geist und Sinnen das Unendliche fassen? Ich selbst habe danach gerungen – Tor, der ich war. Dann kam eine Ruhe über mich, ich erkannte, daß ich meine Pflicht gegen die mir anvertrauten Brüder verletzen würde, wenn ich sie in mein verzweifeltes Ringen mit hineinrisse, daß ich ein rechter Seelsorger nur sein könnte, wenn ich den Schleier, mit dem die großen Geheimnisse verhüllt sind, mich nicht zu lüften vermäße. Bleibt nicht noch so viel zu tun, um auf dem Wege unbeirrt fortzuwandeln, den unser Heiland uns gewiesen hat? Auf dem wirst auch du dich ferner zurechtfinden, und dabei wird dein Vater dir stets zur Seite bleiben.‹«

[106] »Sie Ärmste!« rief die kleine Frau, »können Sie sich so täuschen, und Ihr Vater, wie konnte er so zu Ihnen sprechen, als glaubte er, daß Sie sich noch eine Christin nennen dürften, wenn Sie zu dem nicht mehr aufblickten, der seinen Sohn in den Tod gegeben hat, uns sündige Menschen zu erlösen! Können Sie an den Sohn glauben, wenn Sie den Glauben an den Vater verloren haben?«

Das Mädchen blickte ruhig aus, und ihre Augen leuchteten in einem feierlichen Glanz.

»Wie sollte ich an ihn nicht glauben,« sagte sie mit einer stillen Inbrunst, »da ich ihn doch kenne aus allem, was seine Jünger von ihm berichtet haben, und ihn lieben muß, weil er selbst die Liebe war. Das aber verstehe ich nicht, daß er sich Gottes Sohn genannt und verlangt hat, wir sollten den kindlich lieben, der nie väterlich sich uns offenbart hat. Wie Christus selbst es verstanden hat, weiß ich nicht. Doch mag er es auch nur bildlich gemeint haben – soll ich darum mein Herz verschließen gegen den Höchsten und Heiligsten von allen, die je als Bruder, Freund, Erlöser unter den armen Menschen gewandelt sind, und der das Evangelium von der allgemeinen Menschenliebe und der Befreiung von aller Knechtschaft verkündigt hat? Ist das nicht um so schöner und herrlicher, wenn diese ewigen Gedanken aus einer einfachen, reinen Menschenseele entsprungen sind, zu der wir ein trauliches Verhältnis haben, und darf ich mich nicht eine Christin nennen, wenn ich mein Herz ihm hingebe, dessen Wort mich im Innersten erhoben und erleuchtet hat?«

In ratloser Betrübnis sah die Baronin vor sich hin.

»O mein teures Fräulein,« sagte sie endlich kopfschüttelnd, »das klingt alles ganz schön und sogar fromm, aber das rechte Christentum ist es nicht, und daß ein ernster Diener [107] am Wort Sie so hat sprechen hören, ohne Sie über Ihren Irrtum aufzuklären, ist mir unfaßbar.«

»Mein Vater,« versetzte Gerda rasch – »ich hab' ihm nichts von alledem verschwiegen. Aber wie ich Ihnen schon sagte, er hat mir nicht zugemutet, Worte nachzusprechen, die für mich keinen Sinn haben. ›Was nur eine mystische Bedeutung hat in unserem Glaubensbekenntnis,‹ sagte er, ›ist für die Seligkeit nicht nötig, da es das Herz nicht stärken oder reinigen kann, nur den Geist beschäftigen. Uns wahrhaft erlösen kann nur tätige Liebe, nicht die werkheilige der katholischen Kirche, sondern das tiefe Mitempfinden mit dem Elend der Brüder und der Wille zu helfen, im Sinne und Geist unseres Heilands.‹ Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich stammle das nur unvollkommen nach. Aus seinem Munde würde es auch Sie überzeugt haben.«

Eine Pause entstand. Die Mutter suchte lange nach einem Wort, um das zu sagen, was sie noch auf dem Herzen hatte, da die Kluft, die sich zwischen ihnen aufgetan, nun einmal nicht zu überbrücken war.

»Lassen Sie uns das Gespräch beenden,« sagte sie endlich, und ein Ton von wirklichem Schmerz klang in ihrer Stimme. »Ich fühle, daß eine ernste, ehrliche Überzeugung in Ihnen lebt, und beklage Sie um so herzlicher, da ich kaum hoffen kann, Sie werden davon zurückkommen und das eine, was not tut, erkennen lernen. Es schmerzt mich das aber auch in die Seele meines Sohnes hinein, da ich sehe, daß von den Wünschen und Hoffnungen, die er in sich trägt, nichts in Erfüllung gehen kann. Denn eine Tochter, die nicht an Gott glaubt, kann ich nie in meine Arme schließen und nie ihren Bund mit meinem Sohn segnen.«

Sie hatte den Satz nicht beendet, da fuhr das Mädchen von der Bank auf, so plötzlich, daß Fanchette von ihrem [108] weichen Sitz herabglitt und heftig kläffend zu ihrer Herrin wieder hinüberrutschte.

»Ihr Herr Sohn?« kam es von Gerdas erblaßten Lippen. »Was für ein Interesse kann der Herr Baron daran haben, ob ich an einen persönlichen Gott glaube oder nicht glaube? Und seine Wünsche und Hoffnungen, die mir ganz unbekannt sind –«

»Aber bestes Fräulein,« fiel ihr die Baronin ins Wort, »warum wollen Sie sich gegen mich stellen, als wüßten Sie nicht ganz genau, daß mein Sohn sein Herz an Sie verloren hat und sich der Hoffnung hingibt, Sie erwiderten seine Neigung, auch wenn es zu offenen Erklärungen zwischen Ihnen bisher noch nicht gekommen ist? Ich gestehe Ihnen, ich war erst erschrocken, als er es mir mitteilte. Ich hätte gewünscht, daß er sich eine Frau aus seinen Kreisen suchen möchte. Aber jedes Mädchen, das verspricht, ihn glücklich zu machen, muß mir ja zur Schwiegertochter willkommen sein. Glauben Sie nur, ich bin frei von Standesvorurteilen und Adelsstolz, und wie Sie mir von außen und innen erschienen, hätt' ich Sie gern an mein Herz genommen, da ich eine warme Sympathie für Sie empfand. Dies Gefühl aber – o mein Gott, warum haben Sie es mir zerstört, warum ein Bekenntnis abgelegt, das es mir für immer unmöglich macht, Sie an der Seite meines Sohnes bei mir aufzunehmen, deren Wahlspruch bleiben muß: Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!«

Während dieser hastigen Rede, die der bestürzten Frau in wachsender Erregung von den Lippen strömte, hatte das Mädchen Zeit gehabt, sich zu fassen. Sie nahm ruhig ihr Arbeitszeug zusammen, steckte es in den großen Beutel und sagte, mit mühsamer Ruhe: »Es wird besser sein, gnädige Frau, ich entferne mich, da von einer Verständi [109]gung keine Rede sein kann. Ihre Voraussetzung, daß ich erraten haben müßte, was Ihr Herr Sohn mir verschwiegen hat, ist sehr irrig. Jedenfalls habe ich ihm nicht die geringste Veranlassung gegeben, sich einzubilden, er sei in meinen Augen mehr gewesen als jeder andere Hotelgast, der sich herabläßt, an eine Dienerin des Hauses einmal ein freundliches Wort zu richten. Ich bitte, gnädige Frau, ihm das mitzuteilen. Wie ich darüber denke, daß Sie sich die Mühe gegeben haben, eine Prüfung mit mir anzustellen, ob ich höheren Ansprüchen genügen könnte, und mir nun Ihre Teilnahme entziehen, da ich die Prüfung schlecht bestanden, darüber will ich mich jeder Äußerung enthalten. Ihre Dienerin, gnädige Frau!«

Sie verneigte sich mit einer kaum merklichen stolzen Bewegung des Kopfes gegen die Baronin und entfernte sich raschen Schrittes durch den Garten dem Hause zu.

*

Als sie es erreicht hatte, trat Armand eben aus dem Portal ins Freie. Er war wütend, daß er den Lästigen, der sich ihm aufgedrängt, nicht früher hatte abschütteln können, und brannte vor Ungeduld, zu erfahren, wie das Gespräch der Mutter mit Gerda abgelaufen war. Als er diese nun daherkommen sah, wollte er ihr schon in den Weg treten und eine Frage an sie richten. Sie schritt aber so eilig und ohne ihn anzublicken an ihm vorbei, obwohl sie sehen mußte, daß er grüßend an den Hut griff, daß er mit einer bösen Ahnung sich zurückhielt und sich dann beeilte, der Mutter durch den Garten entgegenzugehen.

Er sah sie auch bald zwischen den Büschen auftauchen, langsam, mit einem ganz verstörten Gesicht. Als er sie erreicht hatte, blickte sie scheu zu ihm auf, wie ein Kind, [110] das etwas Schlimmes angerichtet hat und sich vor der Strafe fürchtet. »Laß mich sitzen!« flüsterte sie. »Es ist mir in die Glieder gefahren. So hatte ich sie mir doch nicht vorgestellt!«

Sie sank auf die nächste Bank, schwer atmend, während er vor ihr stehen blieb.

»Wie hast du sie denn gefunden, Mama? Warum bist du so außer dir? Sie ging an mir vorbei wie eine wandelnde Statue, als ob ich ein Verbrecher wäre, den man keines Blickes würdigen dürfe. Sag mir alles, Mama!«

Nun berichtete sie, fast wörtlich, was sie beide gesprochen hatten. »O Kind,« rief sie, nachdem sie zu Ende gekommen war, »ich begreife nur zu gut, daß sie dir's antun konnte, sie ist ja in der Tat ein seltenes Wesen, und welches Lob wäre zuviel für sie, wenn in dem schönen, charaktervollen Geschöpf nicht ein Geist wohnte, der sich gegen das, was uns andern das Höchste und Teuerste ist, in Trotz und Eigendünkel auflehnt und es nicht achtet, das Seelenheil darüber zu verscherzen!«

Der Sohn hatte ihr schweigend zugehört, die Stirn immer tiefer gefurcht, den Mund immer bitterer zusammengepreßt. Auch als sie jetzt schwieg, blieb er noch eine Weile stumm, seine Brust atmete schwer, er grub den Stock tief in den Kies und sagte endlich mühsam:

»Das scheinst du ja sehr hübsch gemacht zu haben, Mama. Wenn du die geheime Absicht hattest, es gleich bei dieser ersten Unterredung zum Bruch zu bringen, hättest du's nicht geschickter anfangen können.«

Die Mutter sah tödlich bestürzt zu ihm empor. »Aber Kind,« sagte sie, »wie sollte ich –«

»Nun, nachdem du ihr erklärt hattest, mit deiner Einwilligung werde dein Sohn nie und nimmer eine Gottesleugnerin zur Frau nehmen, waren denn doch alle diplo [111]matischen Unterhandlungen abgebrochen, davon abgesehen, daß es sie beleidigen mußte, von dir examiniert zu werden, wie wenn eine vorsichtige Hausfrau einen Dienstboten dingen möchte. Du hast es gewiß gut gemeint, arme Mama; aber wenn ich das, was du verschüttet hast, nicht wiederherzustellen vermag, geht der Schaden an mir aus. Freilich bin ich mit schuld daran. Ich hätte vorsichtiger zu Werke gehen, ihr gegenüber mich deutlicher erklären müssen. Was muß sie nun von mir denken, daß ich die Mutter als Brautwerberin schicke und wie ein feiger Bauernbursch in der Ferne abwarte, ob sie statt seiner dem Mädchen das Jawort abgewinnt!«

In diesem Augenblick hörte man den Kellner am Hause entlang gehen und die Glocke schwingen, die zum Abendbrot rief.

»Verzeih, Mama,« sagte Armand, »wenn ich dich jetzt verlasse und etwas später zum Souper komme. Ich muß durchaus Gerda zu sprechen suchen und sehen, ob das Unheil noch zu reparieren ist, es läßt mir sonst keine Ruhe. Nein, Mutting, weine nicht, ich zürne dir gar nicht; jeder kann nur nach Maßgabe seiner Kraft beurteilt werden, und du, obwohl du einem Diplomaten das Leben gegeben hast, bist zur Diplomatin verdorben. Aus Wiedersehen!«

Er eilte hastig von ihr weg und verschwand im Hause.

Die kleine Frau, die noch nicht recht begriff, was sie verbrochen hatte, und ihre und Gerdas Worte immer von neuem sich zurückrief, konnte sich nicht sogleich entschließen, in den hellen Saal zu gehen, kühlte dann ihre heißen Augen an dem Wasserstrahl, den dicht am Hause der Satyrkopf an einer Herme in das niedere Becken sprudelte, und erschien erst an dem gewohnten Tisch, da das Mahl fast zu Ende war.

*

[112] Der General begrüßte sie mit seiner gewohnten treuherzigen Höflichkeit, fragte, warum Armand ausbleibe und ob ihr selbst etwas Unliebsames begegnet sei, da sie offenbar geweint habe, und beruhigte sich erst, als sie gestand: Ja, sie habe etwas Peinliches erlebt, sie werde dem Herrn General sogar dankbar sein, wenn er ihr erlaube, es ihm anzuvertrauen, falls er nicht vorziehe, dem Taschenspieler zuzuschauen, der nach dem Souper im großen Saal seine Künste produzieren wolle.

Nein, danach verlange ihn gar nicht, war die Antwort. Er schlage nur vor, daß er ihr die Beichte draußen im Freien abnehmen und dabei seine Pfeife rauchen dürfe. Sie seien da ganz unter sich, da die gesamte Hotelgesellschaft der Schaustellung beiwohnen werde.

Es war eine feuchte Schwüle draußen, der Himmel von Schirokkodunst verschleiert, kein Blatt rührte sich an den hohen Bäumen. Eine Weile wandelten die beiden schweigend an der Fassade des Hauses entlang, die mit allen hellerleuchteten Fenstern in die dunkle Nacht hinaussah. Man konnte die Versammlung drinnen beobachten und den Taschenspieler, um den sie sich gruppiert hatte, und der, nach dem Applaus zu schließen, der von Zeit zu Zeit laut wurde, sein Publikum sehr zu fesseln wußte. Der alte Herr dampfte aus seiner kurzen Troupierpfeife große Wolken gen Himmel mit einer Gebärde, als sei es Pulverdampf, den er gegen einen verborgenen Feind richte. »Ich habe nie begriffen,« murrte er unter dem dichten Schnurrbart, »wie man Vergnügen daran finden kann, sich durch solche Hexereien, die in bloßer Geschwindigkeit bestehen, düpieren zu lassen und noch Entree dafür zu bezahlen. Der einzige Spaß dabei ist, die dummen Gesichter anzusehen, die die Zuschauer machen, wenn aus einem Zylinderhut vierzig Sträußchen herauskommen oder [113] ein Fünfmarkstück aus der Nase eines Backfisches. Fangen Sie lieber an, verehrte Freundin, und erzählen Sie mir, was Ihnen und Ihrem Herrn Sohn heute den Appetit verdorben hat.«

Die kleine Frau blieb stehen, wie um frischen Atem zu schöpfen.

»Werter Freund,« sagte sie, »fast bereue ich wieder, daß ich Sie gebeten habe, mir Gehör zu geben und vielleicht guten Rat. Sie haben nie Kinder gehabt, Sie können sich nicht in die Seele einer Mutter hineindenken, deren höchster Wunsch ist, ihren Sohn glücklich verheiratet zu sehen, und die nun erfahren muß, daß das Mädchen, das er sich erkoren hat, eine – eine Atheistin ist!«

Sie sprach das Wort so im Ton sittlicher Entrüstung aus, als bezeichne es das Verabscheuenswürdigste, was man einem Menschen nachsagen könne. Auf den alten Herrn schien es aber keinen niederschmetternden Eindruck zu machen.

»Atheistin!« wiederholte er bedächtig. »Ist das das Ärgste, was Sie an ihr auszusetzen finden? Nun, liebe Gnädigste, ich habe manchen Menschen gekannt, der offen gestand, daß er zu Gott kein Verhältnis habe, und es doch in allen Menschentugenden mit dem frömmsten Kinde Gottes aufnahm. Vielleicht ist auch das Teufelsmädel, in das sich Ihr lieber Sohn verliebt hat, von derselben Sorte. Wer ist es denn, und wie sind Sie hinter die Geschichte gekommen?«

»Er hat es mir selbst gestanden, und auch Sie kennen das Mädchen sehr gut. Es ist keine andere als die Haushälterin hier im Hotel, die Ihnen zuweilen Sekretärsdienste leistet.«

»Fräulein Gerda Brunner? Nun, das muß ich sagen, der junge Herr hat keinen schlechten Geschmack. Aber seine Liebe ist hoffnungslos.«

[114] »Wieso? Wissen Sie, daß sie von dem Mädchen nicht erwidert wird?«

»Durchaus nicht. Ich habe mit ihr niemals von Herrn Armand gesprochen. Aber das Fräulein gehört mir, und ich gebe sie nicht her. Auf ein Jahr zur Probe hat sie sich verpflichtet bei mir zu bleiben, und später – na, das wird sich ja finden. Aber sagen Sie mir, wie ist es denn zugegangen, daß Sie in der ersten Stunde mit ihr auf religiöse Fragen zu sprechen kamen und sie Ihnen gleich ihre gottlosen Ansichten beichtete?«

Um hierauf zu antworten, mußte Frau Helene das ganze Gespräch rekapitulieren, die Trauer um das Leiden und Sterben des kranken Brüderchens und was sich im Gemüt der Schwester daraus ergeben hatte.

Der alte Herr, der stumm neben der eifrigen Erzählerin hinschritt, gab zuweilen einen Laut des Einverständnisses von sich. Dann blieb er stehen und sagte: »So, so! Nun, das ist ja alles ganz in der Ordnung. Sie müssen mir's nicht übelnehmen, verehrte Freundin, wenn ich gestehe, daß ich mich ganz auf die Seite des Mädels stelle, das auch sonst meine höchste Verehrung genießt. Ich teile nämlich die Menschen ein in solche, die ohne besondere Wißbegier alle Weltgeheimnisse hinnehmen, als verständen sie sich von selbst, und solche, die sich den Kopf darüber zerbrechen, was für einen Sinn sie wohl haben möchten. Zu der ersten Klasse rechne ich Sie, liebe Gnädigste, und mich selbst, zu der zweiten diese Gerda. Ich, um von mir zu reden, bin ein alter Soldat, habe mit meinem Beruf von früh an so viel zu tun gehabt, daß mir zum Philosophieren über Gott und die Welt keine Zeit geblieben ist, und dann – ich bin katholisch. Dadurch habe ich einen Vorteil vor den Protestanten voraus, die ihr bißchen Religion nicht so fix und fertig [115] von ihrem Luther überkommen haben, sondern sie prüfen dürfen und an ihrem Seelenheil mitarbeiten. Für das meine lass' ich meinen Beichtvater sorgen. Übrigens tun das auch gescheite Protestanten, die sich sagen: wenn ich einmal zu spintisieren und über Dogmen nachzugrübeln anfange, wer weiß, wo ich da aufhöre? Also alles oder nichts. Selbst unser großer Bismarck – er hatte freilich hier unten auf der Erde so viel zu tun, daß er den Herrgott droben im Himmel einen guten Mann sein lassen mußte, wenn er mit seinen irdischen Ausgaben fertig werden wollte. Kennen Sie das Tagebuch von Busch? Darin erzählt der, Bismarck habe gesagt: Wie man ohne Glauben an eine geoffenbarte Religion, an einen Gott, der das Gute will, und an ein zukünftiges Leben in geordneter Weise zusammen leben kann, begreife ich nicht. Wenn ich nicht an eine göttliche Vorsehung glaubte, würde ich das ganze Diplomatengewerbe gleich aufgeben. Nehmen Sie mir diesen Glauben, und Sie nehmen mir das Vaterland.

Fast wörtlich so hat er gesprochen, unser größter Mann und Held, und klüger als er braucht unsereins doch wahrhaftig nicht zu sein. Und daß nicht bloß so ein gewaltiger homme d'action, sondern auch Männer der Wissenschaft derselben frommen Meinung waren, hab' ich mir doch auch sagen lassen. Der Professor Leopold von Ranke zum Beispiel, der die ganze Weltgeschichte kannte, und große Naturforscher, die wußten, daß alles in ihren Retorten ohne Eingriff eines höheren Wesens zugeht, die alle waren gläubige Männer. Und bei alledem: wenn so ein junges Ding, wie diese Gerda, sich dabei nicht beruhigt, kann ich sie darum nicht tadeln, solange sie ihre Menschenpflichten erfüllt, woran es ja leider so manche der gläubigsten Christen fehlen lassen. Ist uns die Gabe, zu denken, nicht [116] auch von Gott verliehen, und denkt nicht jeder Mensch auf seine eigene Manier? Gibt es nicht solche, die's absolut nicht übers Herz bringen, etwas nachzusprechen, was keinen Sinn für sie hat? Eine sehr gescheite Frau – eine meiner Jugendpassionen, auf die ich aber verzichten mußte – die sagte mir einmal: ›Gott ist nur der Ausdruck einer Verlegenheit. Daß die unendliche Welt und das Treiben darin irgendeine Ursache haben muß, leuchtet ja ein. Weil man sich nun keine Macht denken kann, die sich die Mühe gibt, das ungeheure Gewimmel des Lebens in Gang zu erhalten, wozu keine menschenähnliche Kraft und Intelligenz ausreicht, hat man das dahinter verborgene, schöpferische Wesen Gott genannt und in dem Grauen, ihm wehrlos preisgegeben zu sein, ihm alle möglichen freundlichen, menschlichen Eigenschaften beigelegt. Wenn trotzdem uns etwas Unangenehmes passiert, erklären wir es uns mit ›Gottes unerforschlichem Ratschluß‹, was aber nur eine Phrase ist, die uns nicht trösten kann.‹

So, liebste Gnädige, sprach die kluge Dame, und so, vermut' ich, wird auch Fräulein Gerda sprechen, wenn man weiter in sie dringt. Was sich Vernünftiges dagegen einwenden ließe, wüßte ich nicht. Aber, wie gesagt, ich halt' es mit meinem Beichtvater und – unserm Bismarck.«

Aus dem hellen Speisesaal klang ein lebhaftes Beifallklatschen, Stühle wurden gerückt und die Flügeltüren nach dem Garten geöffnet.

»Mit unserem tête-à-tête ist's vorbei,« sagte der alte Herr und steckte die Pfeife ein, die ihm während seiner langen Rede ausgegangen war. »Ich dächte, wir gingen hinein, da ich doch schon zuviel geschwatzt habe und nicht immer jedes Wort verantworten kann. Sie aber, verehrte Freundin, beruhigen sich! Sie haben Rat von mir verlangt. Ich weiß Ihnen keinen anderen zu geben, als [117] daß Sie mit sich selbst zu Rate gehen sollen, und da Sie ja mit Ihrem Gott auf vertrautem Fuße stehen, dürfen Sie überzeugt sein, daß auch Ihnen sein unerforschlicher Ratschluß zugute kommen wird. Suchen Sie nur zu schlafen! La nuit porte conseil. Wenn wir uns morgen wiedersehen, werden wir hoffentlich um ein gut Teil klüger geworden sein.«

Er ergriff ihre Hand, drückte sie herzlich und nickte ihr mit einem Ausdruck väterlicher Güte zu, den sie leider nicht wahrnahm, da ihre Augen voll Tränen standen.

»Arme Frau!« sagte er vor sich hin, da sie sich langsam ins Haus entfernte, »und sie könnte es so gut haben mit so einer Schwiegertochter, wenn sie ihr erlaubte, nach ihrer Fasson selig zu werden. Aber dieser verwünschte geistliche Hochmut, mit dem die Menschen sich selbst das Leben sauer machen! Ob das je anders werden wird?«

Er zündete die Pfeife wieder an und ging tiefsinnig rauchend noch lange vor dem Hause auf und ab.

*

Frau Helene war zu ihrem Zimmer hinaufgestiegen, hatte aber kein Auge für Fanchette gehabt, die, grollend über die lange Vernachlässigung, ihr entgegensprang. Sie schickte ihre Zofe zu Armand hinauf, mit der Frage, ob er nicht noch ein wenig zu ihr hinunterkommen möchte. Er habe noch zu schreiben, hatte er geantwortet. Er lasse der Mama gute Nacht wünschen und wolle dann selbst sich früh schlafen legen.

Sie hörte die Botschaft mit einem tiefen Seufzer. In ihrem Kopf sah es verworren genug aus. Von dem, was der alte Herr ihr gepredigt hatte, waren nur einige helldunkle Begriffe darin zurückgeblieben, die sie ängstigten, ohne sie zu erleuchten. Dann nahm sie endlich ein neues [118] Erbauungsbuch zur Hand, das der Dorfpastor ihr auf die Reise mitgegeben und sehr gerühmt hatte. Sie war aber mit ihren Gedanken nicht bei dem, was sie las, und legte es bald wieder weg, hatte dann aber nicht lange auf den Schlaf zu warten, da ihr Nachtgebet sie beruhigte.

Armand dagegen verbrachte die Nacht ziemlich schlaflos.

Er hatte, nachdem er sich von der Mutter getrennt, das Haus von unten bis oben in allen Gängen durchstrichen, nach dem Mädchen suchend, das er durchaus noch sprechen mußte, konnte es aber nicht finden. Ihr bis zu ihrem Zimmer in der Mansarde oben nachzugehen, getraute er sich denn doch nicht. Sie hatte ihn ja auch gewarnt vor den Nachreden, die von der Dienerschaft sich gleich an sie heften würden, wenn man sie im Einverständnis mit ihm glaubte. Also ging er in sein Zimmer, setzte sich an den Schreibtisch und warf den folgenden Brief an sie aufs Papier:

 

»Verehrtes Fräulein!

Ich bin untröstlich, daß Sie sich von mir gekränkt fühlen können. Nur durch eine flüchtige Äußerung, die meine Mutter mißverstand, kann ich dazu Anlaß gegeben haben, und der Tag darf nicht zu Ende gehen, ohne daß ich Ihnen eine rückhaltlose Aufklärung des Irrtums gebe und Ihre Verzeihung für die unwissentliche Schuld erbitte.

Ich habe meiner Mutter kein Hehl daraus gemacht, daß es mein höchster Wunsch, meine innigste Hoffnung wäre, Ihre Neigung zu gewinnen und Sie als meine Frau auf Händen tragen zu dürfen. Wie weit ich von diesem Ziel noch entfernt sei, obwohl Sie mir mit Güte begegneten, habe ich mir keinen Augenblick verleugnet, während meine gute Mutter, die sich nicht vorstellen [119] kann, das Leben könne ihrem sehr überschätzten Sohn irgendeinen Wunsch versagen, von Ihnen glaubte, Sie teilten mein Gefühl, und ein Hindernis meines Glückes nur in Ihrer religiösen Überzeugung sah, die Sie ihr gegenüber offen bekannten.

Wenn Sie wüßten, verehrtes Fräulein, welch ein schweres Schicksal meine arme Mama nur dadurch hat überwinden können, daß sie sich dem Trost der Religion unbedingt hingab, würden Sie Nachsicht mit ihr haben und die Schärfe, mit der sie jede Annäherung an eine Andersgläubige ablehnt, mit milderen Augen betrachten. So aber mußte es Sie verletzen, daß sie Ihnen eine Hoffnung abzuschneiden sich beeilte, die Sie überhaupt nicht in sich getragen, geschweige denn ausgesprochen hatten.

Dies alles mußte ich Ihnen heute noch sagen, um sofort eine falsche Vorstellung bei Ihnen zu zerstreuen, als ob ich ein solches Dazwischentreten eines Dritten überhaupt gebilligt hätte, zumal ich auch in betreff der religiösen Frage mich jeder Verurteilung irgendeiner Ansicht enthalte, sobald ich nur sehe, daß sie aus einer redlichen Überzeugung entspringt. Leider kann ich kaum hoffen, jeden Stachel aus Ihrem Gemüt durch diese Erklärungen zu entfernen, und bin darauf gefaßt, was ich als die Erfüllung meiner höchsten Wünsche betrachte, als ein ewig unerreichtes Lebensglück vor mir zu sehen. Doch wird es mir schon die Schwere des Kummers etwas erleichtern, wenn Sie mir die Versicherung geben, das Mißverständnis mir nicht zur Last legen zu wollen und ohne Groll zu denken an

Ihren für immer ergebenen
Armand Wallwitz.«

 

[120] Er ging hinaus, den Liftjungen zu suchen, der ihm sehr ergeben war, da er ihn oft beschenkt hatte. Bei ihm konnte er sicherer sein, daß er über den Auftrag reinen Mund halten würde, als wenn er den Brief dem Zimmermädchen anvertraut hätte. Dann schlich er in sein Zimmer zurück und wartete mit fieberhafter Ungeduld auf die Antwort.

Sie kam bald, bestand aber nur aus wenigen Zeilen:

»Ich habe nichts zu verzeihen, wo keine Verschuldung, nur ein Mißverständnis vorliegt. Ich werde mich bemühen, das Geschehene zu vergessen, bitte aber, es mir dadurch zu erleichtern, daß Sie hinfort jede Annäherung an mich vermeiden und dasselbe auch der Frau Baronin zur Pflicht machen.

Ergebenst
G. B.«

*

Als am anderen Morgen, ziemlich spät, der General aufgestanden war und mit Hilfe des alten Franz seine ausführliche Toilette gemacht hatte, klopfte es an seiner Tür, und zu seinem Erstaunen sah er statt des Kellners, der ihm den Kaffee zu bringen pflegte, Armand eintreten.

An dem ernsten Gesicht des jungen Mannes und dem vollständigen Reiseanzug, den er trug, sah er sofort, daß über Nacht sich etwas Entscheidendes zugetragen haben mußte.

»Sie wollen einen Ausflug machen, lieber Baron?« rief er ihm entgegen. »Die Mama sprach neulich von Venedig – am Ende gar noch weiter hinaus –, obwohl es für Italien schon reichlich heiß sein möchte –«

»Die Fahrt soll allerdings noch weiter gehen,« versetzte Armand mit einem bitteren Lachen, »geradewegs [121] nach Hause, da es uns hier zu kalt geworden ist. Sie werden das begreifen, wenn ich Ihnen das Nähere sage. Die Mama hat Ihnen ja gestern schon erzählt, was sich zwischen ihr und einem gewissen jungen Fräulein ereignet hat. Es waren dabei allerlei Irrtümer mituntergelaufen, die ich noch vor Schlafengehen richtigstellen mußte. Die Antwort, die ich darauf erhielt – hier ist sie! Ich muß mir erlauben, da Ihre Sekretärin nicht zugegen ist, sie Ihnen selbst vorzulesen.«

Als er es getan hatte und der alte Herr schweigend vor sich hinsah –: »Nun, verehrtester Freund?« sagte er. »Weht nicht auf diesem Blatt ein so eisiger Hauch, daß man sich eilt, in wärmere Luft zu kommen? Und doch – auch wenn man pflichtschuldigst jede Annäherung vermeidet – eine zufällige Begegnung ist doch nicht immer zu verhüten, wenn man unter demselben Dache wohnt.«

»Närrische Hitzköpfe!« knurrte der Alte wie für sich selbst. »Sie gibt ihm einen Korb, und er läuft damit weg, als könne er ihn nicht schnell genug in Sicherheit bringen! Hat's denn damit so schreckliche Eile? Wenn Sie Soldat wären, lieber Baron, wüßten Sie, daß man eine Festung erst recht zu belagern anfängt, wenn der Kommandant erklärt hat, sie nicht übergeben zu wollen. Und auch die Frau Mama! Mußten Sie gleich annehmen, daß sie ihr letztes Wort gesprochen habe? Ich habe ja schon gestern abend an ihrem theologischen Starrkopf recht ausgiebig herumgeknetet. Noch ein paarmal ihr so Vernunft gesprochen, und ich bin überzeugt, ihr gutes Herz wird erweicht und sie nimmt alles zurück, was sie in der ersten Hitze geredet hat. Mir könnt' es ja recht sein, wenn es nicht zu einer Versöhnung käme. Ich behalte das Mädel, das ich schwer wieder entbehren könnte. Ich stände auf meinem Schein und gäbe sie jedenfalls erst nach Jahr [122] und Tag heraus, auch wenn Sie, lieber Freund, mir entgegenhielten, daß Kauf Miete bricht. Im Grund aber tun Sie mir doch leid mit Ihrer hoffnungslosen Verliebtheit, und ich sehe voraus, daß Sie, wenn Sie erst wieder in Ihrem Petersburger Botschaftshotel stecken, sich tausendmal einen wahnsinnigen Toren schelten werden, weil Sie so Hals über Kopf davongerannt sind.«

»Nein, lieber Herr General,« versetzte Armand mit finsterem Gesicht, »in Petersburg wird das nicht geschehen. Dahin kehre ich nur zurück, um meine Abschiedsbesuche zu machen, da ich entschlossen bin, die diplomatische Karriere aufzugeben. Der Vorwand dazu soll meine angegriffene Gesundheit sein, der wahre Grund aber ist meine arme Mama. Ich habe mit Schrecken gesehen, daß sie in der letzten Zeit, da ich ihr fernbleiben mußte, in ihrer geistigen Klarheit und Frische zurückgegangen ist. Ich darf sie nicht länger in dem ausschließlichen Umgang mit unserem alten, etwas kindisch gewordenen Pfarrer und den Leuten vom Gute lassen, und zudem hat sie ja keine andere Lebensfreude als ihren Sohn. So werde ich von jetzt an ihr Gesellschaft leisten, mich der Landwirtschaft widmen, Schafe züchten und den Verkehr mit den Nachbarn wieder aufnehmen. Vielleicht findet sich dann auch unter den Töchtern des Landes eine nach Mamas Herzen, die ihr noch Enkel beschert und mit der auch ihr Sohn nicht allzu unglücklich leben kann. Wenn man nicht bekommen kann, was man liebt, muß man zu lieben suchen, was man bekommen kann.«

Der Kellner kam mit dem Frühstück des Generals.

»Wann fahren Sie?« fragte dieser. »Ich möchte mich doch noch von Ihrer Frau Mama –«

»Bemühen Sie sich nicht, Verehrtester. Meine Mutter läßt Ihnen durch mich ihre Abschiedsgrüße sagen. Es [123] würde sie nur wieder aufregen, Sie noch einmal zu sehen. Und somit – haben Sie wärmsten Dank für alle Güte und Freundschaft und lassen Sie mich hoffen, daß es nicht das letztemal gewesen ist.« –

»Gewiß, lieber junger Freund. Ich bin überzeugt, daß wir noch manche Flasche Wein miteinander leeren werden.

Vielleicht finden Sie den Weg bald einmal in meine Junggesellenklause in Münster. Alles Gute auf Ihren Weg! Adieu, adieu!«

*

Als Armand gegangen war, stand der alte Herr noch eine Weile in Gedanken versunken auf derselben Stelle, ehe er sich an seinen Teetisch setzte. Er hörte dann unten am Hause den Wagen vorfahren, eilte ans Fenster, die Abreisenden einsteigen zu sehen, und winkte mit seinem Taschentuch hinunter, was Armand heiter erwiderte. Die Mama sah auch zu ihm hinauf. Dann rollte der Wagen fort, und der Alte kehrte kopfschüttelnd zu seinem unterbrochenen Frühstück zurück.

Als er es beendet hatte, zündete er sich seine kurze Pfeife an und ging rauchend eine Weile in seinem großen Zimmer auf und ab. Dann klingelte er und trug dem Kellner auf, Fräulein Gerda zu fragen, ob sie auf zehn Minuten zu ihm herunterkommen könne.

Nicht lange, so trat das Mädchen bei ihm ein. Man sah ihren Augen an, daß sie nicht zum besten geschlafen hatte, und ihre Wangen waren blasser als sonst.

»Liebes Kind,« sagte der Alte, indem er ihre Hand ergriff und sie nach dem Sofa führte, »ich habe das Billet gelesen, das Sie dem Baron geschrieben haben, und weiß alles, was vorhergegangen. Sie haben sich als ein verständiges und taktvolles Mädchen, das Sie sind, betragen, [124] und es muß wohl einstweilen dabei sein Bewenden haben. Aber gestehen Sie: es ist ohne ein bissel Herzweh dabei nicht abgegangen. Denn am Ende – der junge Herr ist doch nicht der erste beste, und daß er wirklich eine tiefe Neigung zu Ihnen gefaßt hat, scheint mir auch sicher. Wenn Sie diese nun im stillen erwidern und doch nichts von ihm wissen wollen, kann's eine lange trübselige Geschichte werden.«

Sie sah ruhig vor sich hin. »Es wäre nicht meine Schuld! Wie mir dabei zumute wäre, ist gleichgültig. Niemals würde ich so vermessen sein, zwischen Mutter und Sohn zu treten.«

»Gewiß, liebes Kind! Das würde ich Ihnen auch nicht zumuten. Also werden Sie gut tun, das Kreuz über die ganze Geschichte zu schlagen und abzuwarten, was das Leben Ihnen sonst noch etwa bringen möchte. Da sich's aber nun doch einmal um Ihre Zukunft handelt, hätte ich Ihnen einen Vorschlag zu machen, der auch für das bißchen Zukunft, das mir noch bevorsteht, von Wichtigkeit ist. Der Gedanke nämlich ist mir peinlich, was aus Ihnen werden sollte, wenn mir plötzlich was Menschliches begegnet. Die Aussicht, einem alten Murrkopf, der nächstens sein Augenlicht völlig verlieren kann, zur Seite zu bleiben, ist auch nicht gerade die rosigste, immer aber noch besser, als einen Dienst annehmen zu müssen oder einen Mann zu heiraten, bloß um versorgt zu werden. Da bin ich auf den Gedanken gekommen, ich sollte Sie adoptieren und zu meiner Erbin einsetzen. Segne ich dann das Zeitliche, so weint mir eine liebe Tochter eine Träne nach, und ich lasse sie unabhängig zurück. Was sagt meine kleine Gerda zu diesem Vorschlag?«

Das Mädchen saß in einer tiefen Ergriffenheit ganz still, die Augen wurden ihr feucht, ihre Stimme zitterte, als sie endlich sagte: »Ich bin so bestürzt durch diesen [125] neuen Beweis unendlicher Güte – was soll ich sagen? Und doch – würde ich meine Eltern nicht kränken, wenn ich mit dem einen Vater mich nicht begnügte und noch ein zweiter das Recht hätte, mich als seine Tochter zu betrachten?«

»Närrchen!« sagte der Alte und legte die Hand auf ihren Arm. »Begreife doch, daß es sich nur um eine Formalität handelt. Die ist mir aber schon darum wichtig, weil es immer böse Menschen gibt, die was Unsittliches schnüffeln und einem Mädchen eine üble Nachrede machen, wenn es als ›Stütze des Hausherrn‹, wie man es nennt, bei einem alten Junggesellen in Dienst tritt, wäre der auch ein noch so invalider Krüppel und sonst allgemein als ein Ehrenmann bekannt. Daß du übrigens die Tochter deines lieben Vaters bleibst und auch sonst keine Leibeigene deines Adoptivvaters werden sollst, versteht sich von selbst. Du kannst auch heiraten, falls der Rechte kommt, und der neue Papa wird gewiß seinen Segen dazu geben, wenn ihm nur eins zugesichert wird –«

Sie sah ihn fragend an.

»Daß nämlich der junge Gemahl den alten Schwiegerpapa in seinem Hause wohnen läßt, im Austragsstübel, wie's in Bayern heißt, da der arme, blinde Mann die Trennung von seinem Töchterchen nicht überleben würde. Glaubst du, daß dein Zukünftiger auf diese Bedingung eingehen wird?«

Statt aller Antwort beugte sich das Mädchen auf seine Hand herab, nahm sie rasch in ihre Hände und drückte, in Tränen ausbrechend, einen heißen Kuß auf die welke, runzlige Haut. Der Alte aber nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und küßte sie auf die Stirn. »Mein teures, teures Kindl« flüsterte er, »Gott vergelte dir, was du an mir tust! Nun kann es ja auf meinem Lebenswege nie ganz dunkel werden!«

––––––

[126] Drei Monate waren vergangen.

Man stand im Hochsommer, und über Bad Kissingen brütete eine unbarmherzige Sonne, die nur von Zeit zu Zeit durch ein stundenlanges Gewitter erträglich gemacht wurde.

Der alte General von Halm war wie seit Jahren zur gewohnten Kur gekommen, die ihm freilich gegen seine rheumatischen Beschwerden auf die Länge nicht helfen konnte.

Doch liebte er den Ort und die mussierenden Bäder und das Wiedersehen mit anderen Stammgästen, die er stets in demselben Hotel antraf.

Vorher aber hatte er in Begleitung Gerdas einen Besuch in dem Thüringer Pfarrhause gemacht, wo er die freundlichste Aufnahme gefunden hatte. Er konnte das älteste Kind aus diesem Hause sich nicht aneignen, ohne die Einwilligung der Eltern zu erlangen. Diese wurde ihm mit Freuden gewährt, da er in den kurzen Tagen seines Besuches es verstand, nicht nur die Achtung und Freundschaft der Alten zu gewinnen, die ihrer geliebten Tochter kein glücklicheres Los wünschen konnten, sondern auch mit dem jungen Volk der Geschwister sich auf einen so vertraulichen Fuß zu setzen wußte, daß sie den gütigen »Onkel«, der mit jedem nach seiner Art zu plaudern und alle passend zu beschenken wußte, ungern Abschied nehmen sahen.

Auch in seinem gewohnten Kissinger Hotel freute man sich, ihn wiederzusehen, diesmal aber nicht bloß in der Begleitung seines alten Franz, sondern »mit Tochter und Bedienten«. Das Personal im Hotel betrachtete mit erstaunten Augen das schöne große Fräulein, das ihm den Arm bot, als er mit etwas unsicherem Schritt die Treppe erstieg. Sein Augenleiden hatte offenbar zugenommen. Dem alten Herrn war das liebevolle Geleit einer treuen Tochter zu gönnen.

[127] Wie kam es aber, daß sie jetzt erst an seiner Seite auftauchte? Man wußte nicht einmal, daß er je verheiratet gewesen war. Seinen guten Bekannten, die ihn geradezu befragten, gab er allerlei Märchen zum besten, teils humoristisch gefärbt, wie, daß das Mädchen jahrelang in Amerika gelebt habe, um eine Erbtante tot zu pflegen, oder sie habe an einer Universität drei Jahre lang einen Kursus der Augenheilkunde absolviert, um ihrem Papa zu helfen, oder auch, wenn er einem vertrauteren Freunde unter vier Augen Rede stand, dies Kind sei die Frucht eines illegitimen, zärtlichen Verhältnisses, und die Mutter habe sich jetzt erst entschlossen, ihm den Namen des wahren Vaters zu nennen.

Dieser Roman fand den meisten Beifall und wurde mit einigen Ausschmückungen unter der Hand herumgesprochen. Die Heldin desselben ahnte nichts davon. Sie bewegte sich in dem kleinen Kreise mit ihrer gewohnten unbefangenen Haltung, ohne darauf zu achten, daß sie besonders unter den jüngeren Kurgästen eifrige Verehrer fand, begleitete den Papa auf seinen Spaziergängen und fuhr fort, mit Vorlesen und Nachschreiben seiner Diktate ihm unentbehrlich zu sein. Am Brunnen in den Morgenstunden erschien sie nie, ins Bad führte den alten Herrn sein Franz. Diese freien Stunden benutzte sie zu den Briefen an ihre Eltern, denen oft Geschenke an die Mutter und Geschwister hinzugefügt waren. Doch obwohl dies Leben ganz nach ihren Wünschen verlief, wollte von ihrem Gesicht eine leise Schwermut nicht weichen, die sie aber dem treu um sie besorgten Adoptivvater gegenüber standhaft verleugnete. Es wäre ihr als der schwärzeste Undank erschienen, einzugestehen, daß sie sich dennoch nicht vollkommen glücklich fühlte.

Denn er konnte nicht genug tun, ihr durch die zartesten Aufmerksamkeiten zu zeigen, wie hoch er es anschlug, daß [128] sie eingewilligt hatte, ihm anzugehören. Sie hatte nur immer abzuwehren. Als er ihr zu ihrem Geburtstage ein reizendes goldenes Armband schenkte, schüttelte sie leise den Kopf. »Ich darf keinen kostbaren Schmuck tragen, liebster Papa, solange meine Mutter nicht immer weiß, wie sie für meine Brüder und Schwestern anständige Kleidung schaffen soll.« Da hatte er ihr das Taschengeld, von dem sie das wenigste verbrauchte, verdoppelt, was sie ihm erst gestattete, als er in einen ernstlichen Zorn geriet. »Ich muß doch auch für meine Stiefkinder sorgen,« hatte er dann gesagt und in einer übermütigen Laune, wie wenn er sich um zwanzig Jahre verjüngt fühlte, ihren Geburtstag durch eine Landpartie gefeiert, woran sich ein Abend im Theater anschloß.

Das war in Münster gewesen. Aber auch in Kissingen ergriff er jede Gelegenheit, ihr ein Vergnügen zu machen.

Besonders hielt er darauf, daß sie keines der schönen Konzerte versäumte, die ein treffliches Orchester aus München wöchentlich zweimal im Kaisersaal veranstaltete. Er selbst war nicht sonderlich musikalisch, wußte aber, daß sie ihre schöne Stimme so weit ausgebildet hatte, als es bei den Eltern geschehen konnte, und auf Klavierspiel nur mit Schmerz hatte verzichten müssen. Das sollte im Winter nachgeholt werden.

So hatte er wieder einmal eines der Abendkonzerte mit ihr besucht und sich Mühe gegeben, an einer Beethovenschen Sinfonie Gefallen zu finden, der er eine Militärmusik bei weitem vorgezogen hätte. Als der letzte Ton verklungen war, applaudierte er heftig, trotz dem eifrigsten Beethovenschwärmer, und wandte sich zu Gerda um, die regungslos neben ihm saß. »Du bist so ganz versunken, Kind,« flüsterte er, »und auch etwas blaß. Hat die Musik so stark gewirkt, oder ist dir nicht ganz wohl? Wollen wir lieber gehen?«

[129] »Wenn es dir recht ist, lieber Papa,« sagte sie kaum hörbar. »Die Luft im Saal ist so drückend. Ich werde gleich wieder zu mir kommen, wenn ich im Freien atme.«

Er führte sie sorgsam durch die dichten Sitzreihen des Publikums und verhalf ihr in der Garderobe zu ihrem Hut und dem leichten Umhang. Draußen gab sie sich Mühe, einen heiteren Ton anzuschlagen, es gelang aber nicht sonderlich, sie schützte ein leichtes Kopfweh vor und zog sich bald in ihr Zimmer zurück, das neben dem größeren ihres Papas lag und auf eine der stillen Straßen blickte. Da saß sie, ohne ihre Sachen abzulegen, wohl eine Stunde am offenen Fenster und ließ die weiche Nachtluft über ihre traurigen Augen wehen, an vieles zurückdenkend und an manches voraus.

Was war plötzlich über sie gekommen?

Aus der Tiefe des Konzertsaales von drüben hatten, da sie ihren Blick ziellos über die Menge schweifen ließ, zwei Augen sie angeblickt, die sie seit Monaten vergebens zu vergessen gesucht hatte. Sie waren mit einem so schwermütigen Ausdruck den ihren begegnet, daß sie einen Schlag aufs Herz gespürt hatte und sich abwenden mußte. Doch zwang sie dieser schmerzliche Blick wieder zu sich zurück, sie blieb eine Sekunde lang an ihm hängen, bis die Sinfonie anfing und sie sich dem Orchester zuwenden mußte.

War er's wirklich oder nur ein Trug ihres Herzens, das sein Gesicht oft vor ihr heraufbeschwor? Wie kam er hieher? War's aus Absicht oder nur durch einen Zufall?

Und was sollte daraus werden, wenn er längere Zeit hier blieb und ein Begegnen nicht zu vermeiden war?

Er hatte sich nicht gerührt, als sie den Saal verließ, obwohl er auf einem der letzten Plätze nahe dem Ausgang saß. Also folgte er noch dem strengen Gebot, jede Annäherung zu verhüten. Und doch – wie konnte er denn [130] die Gefahr wieder aufsuchen, statt auch ihr das Hoffnungslose zu ersparen?

Diese Gedanken zogen in wilder Flucht beständig durch ihren Kopf und wichen auch nicht, als sie endlich ihr Lager aufgesucht hatte. Sie hörte den Alten in sein Zimmer treten und auf leisen Sohlen herumgehen, kein Wort mit seinem Franz wechselnd während des Auskleidens, um sie nicht zu stören. Darauf wurde es allmählich ganz still im Hause. Draußen aber erhob sich bald ein desto gewaltigeres Tosen, da ein Gewitter losbrach, das einen Wolkenbruch über die schlafende Stadt niedersandte. Erst lange, nachdem die Elemente sich beruhigt hatten, kam auch über Gerdas aufgeregtes Herz ein erlösender Schlummer.

*

Daß auch Armand in dieser Nacht nicht zum besten schlief, daran war nicht das Gewitter schuld, noch weniger etwa die Erschütterung durch ein unerwartetes Wiedersehen eines schönen Gesichtes, das er zu meiden versprochen.

Denn er hatte sein Versprechen nicht zu halten vermocht, sondern, nachdem er lange mit sich gekämpft, beschlossen, wenigstens aus der Ferne die Wege, die die geliebte Gestalt wandelte, wieder aufzusuchen, so hoffnungslos die Sache war. Der General hatte ihn aufgefordert, ihn in Münster zu besuchen. Erst aber wollte er sich versichern, daß er ihn dort finden würde, und ein Freund und früherer Studiengefährte, der sich dort zu militärischen Übungen befand, hatte auf seine Anfrage ihm berichtet, der alte Herr habe sich zur Kur nach Kissingen begeben und reise in der Gesellschaft einer reizenden jungen Dame, über deren Verhältnis zu ihm verschiedene Gerüchte umliefen.

Nach einigen habe er sich trotz seines weißen Barts sterb [131]lich in das Fräulein verliebt und ihr seine Hand angetragen, was sie klugerweise abgelehnt und sich mit der Rolle einer Adoptivtochter begnügt habe. Was auch daran sein möge, der treffliche Alte sei förmlich verjüngt durch dies Verhältnis und sehe trotz seiner zunehmenden Augenschwäche mit den muntersten Blicken in die Welt.

Nach diesem Bescheide hatte der Liebende sich keinen Augenblick besonnen und sich von einem angesehenen Arzt in Frankfurt ein Zeugnis über seine angegriffene Gesundheit ausstellen lassen, zu dem doppelten Zweck, einmal bei seinem Chef in Petersburg sein Entlassungsgesuch aus dem diplomatischen Dienst zu unterstützen, und dann seiner Mama die Notwendigkeit klarzumachen, für seine Nerven und eine gewisse Herzschwäche in Kissingen Heilung zu suchen.

Den wahren Grund erfuhr die kleine Frau nicht. Sie hatte sich im stillen der Hoffnung hingegeben, ihr Sohn werde das schmerzliche Herzensabenteuer überwunden haben, da er mit keinem Wort darauf zurückkam, sich eifrig bemühte, Kenntnisse der Landwirtschaft sich anzueignen und im Verkehr mit ihr einen heiteren Ton anzuschlagen. Sie selbst begegnete ihm noch liebevoller als früher, da sie sich's doch beständig vorhielt, daß sie durch ihr Betragen ihn um eine leidenschaftliche Glückshoffnung gebracht hatte und ihm jeden möglichen Ersatz schuldig war. Sie stimmte daher dem Kissinger Plan lebhaft zu, bestand aber darauf, ihn zu begleiten, obwohl er lieber allein die Wallfahrt nach seinem Gnadenbild angetreten hätte, da er fürchtete, in ihrer Gesellschaft sein Inkognito nicht so leicht bewahren zu können.

So hatten sie sich selbviert auf den Weg gemacht, Mutter, Sohn, die alte Karoline und Fanchette. In dem ersten Hotel, wo Armand auf seine Frage beim Portier [132] erfuhr, daß ein General von Holm hier nicht abgestiegen sei, hatte er ein Zimmer gemietet und gleich am nächsten Tage seine Forschungen begonnen. Mit geringem Erfolg.

In das Haus, wo die Gesuchten wohnten – er hatte sie in der Fremdenliste ohne Mühe ausfindig gemacht – durfte er sich nicht hineinwagen. Am Brunnen traf er sie nicht, nur ein paarmal von fern auf einem Gang im Bergwald, bei dem die Mutter ihn nicht begleitete. Sie blieb überhaupt fast immer in ihrem Zimmer, das Geschwirr der vielen Kurgäste war ihr unheimlich, auch in jenes Konzert hatte sie Armand lieber allein gehen lassen.

Wen er dort gefunden, hatte er ihr natürlich verschwiegen. Doch auch Gerda hütete sich, ihrem alten Freunde das Geheimnis, das sie selbst so tief beunruhigte, zu verraten. Sie hielt sich den ganzen Vormittag über zu Hause auf, um ein neues Begegnen zu vermeiden. Nach Tisch aber konnte sie es dem Papa nicht abschlagen, ihn auf einem Spaziergang zu begleiten.

Er schlug seinen Lieblingsweg ein, das Sträßchen neben dem Flusse, der von der Saline, wo Fürst Bismarck seiner Badekur obzuliegen gepflegt, in sanft gewundenem Lauf eine halbe Stunde braucht, die Stadt zu erreichen. Die Saale ist hier nicht sehr breit, so daß die Dampfschiffchen, die den Kurgästen den Besuch der Saline vermitteln, nicht überall aneinander vorbeikönnen, außer an ein paar Ausbuchtungen. Heute aber war die Flut bis an die Uferwände hinaufgestiegen, durch den nächtlichen Gewitterguß geschwellt, so daß ihr Vorbeiwogen die Grashalme am Rande netzte und auf und nieder beugte, und sie hin und wieder sogar auf den Weg übergetreten war.

Der alte Herr schritt in der heitersten Laune dahin, den Arm in den seiner Tochter gelegt, die in einem einfachen, weißen Kleide neben ihm ging. Er wollte am [133] Abend im Diktieren seiner Kriegserlebnisse fortfahren, gerade an dem Punkte, wo er bei der Schlacht von Blonville nun selbst in Aktion trat und sich das Eiserne Kreuz verdient hatte. Während er lebhaft sprach, ging Gerda schweigend neben ihm, den Blick vorausgerichtet. Auf einmal blieb sie stehen und hielt ihn leise zurück.

»Was hast du, Kindchen?« fragte er scherzend. »Siehst du Gespenster?«

»Ich sehe Frau von Wallwitz uns entgegenkommen – mit ihrem Sohn. Sie kommen von der Saline.«

»Nun, ist der Weg nicht frei? Wir werden an ihnen vorübergehen und höflich grüßen, und damit ist's abgetan. Ich wüßte nicht, daß wir einen Grund hätten, ihnen auszuweichen.«

Er schritt schon wieder voran und zog sie mit sich fort. Auch die Beiden, die sich ihnen näherten, waren einen Augenblick stehen geblieben, als ob sie zauderten, ihren Weg fortzusetzen. Es waren um diese frühe Stunde nur wenige Spaziergänger auf dem Weg am Flusse, so daß sie nicht unter anderen unbemerkt aneinander vorbeikommen konnten. Also setzten sie sich gleichzeitig wieder in Bewegung und bemühten sich, aneinander vorbeizusehen. Da aber geschah etwas Unerwartetes.

Fanchette, die wie gewöhnlich von der Baronin auf dem Arm getragen wurde, da sie nicht der Gefahr ausgesetzt werden durfte, auf dem feuchten Kieswege sich zu erkälten, hatte Gerda kaum bemerkt, so strebte sie heftig von ihrer Herrin hinweg, zu der Freundin hinüber, die sie noch nicht vergessen hatte. Ohne sich länger halten zu lassen, sprang sie endlich auf den Boden hinunter und lief laut bellend auf Gerda zu. Da aber Armands Mutter und er selbst ihr nachliefen, um sie zu ergreifen, erschrak das kleine Geschöpf, flüchtete nach der Seite und glitt, da es [134] die Gefahr nicht ahnte, über den grasigen Rand des Weges in den Fluß hinab, der das weiße Körperchen sofort verschlang.

Es kam freilich gleich wieder in die Höhe, aber der Schrecken schien es betäubt zu haben, es machte keine Schwimmbewegungen, sondern ließ sich mit unterdrücktem Winseln forttreiben. Die Menschen am Ufer standen rat- und hilflos, die Baronin stieß einen lauten Hilferuf aus, wollte ihr nach, glitt aber auf dem feuchten Kiesweg aus und wäre umgesunken, wenn Armand sie nicht gehalten hätte. Zugleich sah man von der Stadt einen der kleinen Dampfer sich nähern, dessen Schaufelräder in kurzer Zeit das hilflose Geschöpf überfahren mußten. – In demselben Augenblick aber ließ sich Gerda von dem schlüpsrigen Uferrand in den Fluß hinabgleiten, sank tief ein, kam aber gleich wieder in die Höhe und trieb nun weiter. Sie hatte den Grund unter den Füßen verloren, aber indem sie die Arme ausbreitete und sich zum Schwimmen anschickte, spähte sie über die Fläche des Wassers nach dem weißen Klümpchen, das vor ihr dahintrieb, und arbeitete mit kräftigen Stößen sich ihm nach, bis sie es nach einigen bangen Minuten erreichte. Sogleich ergriff sie es an dem dichten Haarschopf und warf es, im Wasser sich aufrichtend, auf das Ufer hinüber, wo es zappelnd und prustend liegen blieb.

Es war hohe Zeit, auch für sie. Denn schon war das Dampfschiffchen nahe herangekommen und fuhr an ihr vorbei, während sie sich an das steile Ufer schmiegte. Zum Glück stand dort ein schlankes Bäumchen, das sie ergreifen konnte, sich daran festzuhalten. Ihre andere Hand wurde von einer kräftigen Männerhand ergriffen, die ihr half, sich an dem Ufer emporzuarbeiten. Armand war, nachdem er die einer Ohnmacht nahe Mutter aufgerichtet hatte, in heftigster Aufregung nach der Stelle gestürzt, wo er sie [135] sich anhalten gesehen hatte, und war ihr beigestanden, sich vollends hinaufzuschwingen.

Sie brach zusammen, als sie den festen Boden unter sich fühlte, raffte sich dann aber gleich wieder auf, da sie den alten Herrn in größter Bestürzung herankommen sah.

»Es war nicht gefährlich,« sagte sie lächelnd, da er ihr noch zitternd die Hand drückte. »Fanchette hat allein Angst ausgestanden. Naß geworden sind wir freilich beide bis auf die Haut. Doch scheint ja die Sonne so schön. Bis wir in die Stadt kommen –«

Der Alte umarmte sie und drückte ihr Kleid und ihr triefendes Haar an sich. »Du böses Kind!« jammerte er. »Wie hätt' es enden können!«

Zum Glück kam ein leichter offener Wagen eben dahergerasselt, der Alte rief ihn an und hob Gerda hinein, die aber erst das gerettete Hündchen sehen wollte, ob es noch atme. Inzwischen war auch die Baronin herbeigekommen, noch so entgeistert durch das Vorgefallene, daß sie nur ein paar unverständliche Worte eines überschwenglichen Dankes lallen konnte, dann trieb der General den Kutscher an, und der Wagen rollte nach der Stadt zurück.

*

Zwei Stunden später klopfte es an die Tür des Hotelzimmers, in dem der alte General, aus seiner kurzen Pfeife rauchend, langsam auf und nieder schritt. Die kleine Baronin trat auf den Fußspitzen ein, hinter ihr Armand in scheuer Haltung, wie wenn er eigentlich kein Recht hätte, hier einzudringen.

Es lasse ihr keine Ruhe, sagte die kleine Frau mit leiser Stimme, sie müsse sich erkundigen, wie es Fräulein Gerda gehe, ob ihre hochherzige Tat für ihre Gesundheit keine üblen Folgen gehabt habe.

[136] »Nicht im geringsten,« versetzte der Alte. »Ich habe sie nur sofort in trockene Kleider gesteckt, mit Hilfe des Zimmermädchens, und sie genötigt, eine Tasse heißen Tee zu trinken. Zu Bett zu gehen, war sie nicht zu bewegen, sondern wollte sich nur auf der Chaiselongue ein wenig ausruhen. Hoffentlich ist sie da zum Schlafen gekommen. Wenn Sie sich selbst überzeugen wollen –«

Die Baronin nickte mit einem dankbaren Blick, schlich nach der Tür und horchte hinein. Dann öffnete sie behutsam und trat über die Schwelle, die Tür hinter sich ins Schloß ziehend.

Sie sah das schöne Mädchen regungslos auf dem Ruhebett liegen, durch das Fenster kam ein Sonnenstrahl, der den oberen Teil des Kopfes vergoldete, die Augen waren geschlossen, die schlanke Gestalt in einem hellen Hauskleide mit einem leichten Plaid zugedeckt.

»Sie schläft!« sagte die kleine Frau kaum hörbar vor sich hin. »Wie schön sie ist – ein Engel!«

Dann besann sie sich, daß sie nicht bleiben durfte, konnte sich's aber nicht versagen, zu ihr hinzuschleichen, um auf die linke Hand, die still auf ihrer Brust lag, einen Kuß zu hauchen. Eben wollte sie dann wieder hinausschlüpfen, als sie die Stimme des Mädchens hinter sich hörte: »Ich bin wach!«

Die Baronin wandte den Kopf. »Ich habe Sie geweckt, teures Fräulein – vergeben Sie mir. Es ließ mir keine Ruhe, ich mußte nach Ihnen sehen, mein Herz ist so voll von Dank für das, was Sie für mich getan haben, obwohl ich –«

Die Stimme versagte ihr, sie fuhr mit ihrem Tüchlein über die Augen«

»Sie haben mir nicht zu danken, gnädige Frau,« hörte sie Gerda sagen. »Was ich getan, habe ich nur mir zuliebe getan, weil ich es mir nie verziehen hätte, das kleine Tier versinken zu sehen, da ich es retten konnte. Was macht Fanchette?«

[137] »Sie wäre mitgekommen, ihrer Retterin die Hände zu küssen, ich habe sie aber in warme Tücher gesteckt und ihr ein Biskuit zu essen gegeben, sie zitterte noch am ganzen Leibe. Über Nacht aber wird sie den Schrecken verschlafen. O mein teures Fräulein, was Sie an mir getan haben, werde ich Ihnen nie vergessen, und wenn ich hundert Jahre alt werde! Wie beschämt stehe ich vor Ihnen. Ich, die das kleine Geschöpf so zärtlich zu lieben vorgab, habe nicht den Mut gefunden, sie aus der Todesgefahr zu retten, und Sie, bloß weil sie auch ein Geschöpf Gottes ist, besinnen sich keinen Augenblick, auf die Gefahr hin, vom Dampfer überfahren und in das nasse Grab gerissen zu werden! Und ich habe mir herausgenommen, über Ihren Glauben richten zu wollen, mich über Sie zu erheben, da Sie tausendmal besser sind als ich und nach dem Wort unseres Heilandes leben: ›Was ihr an einem dieser Geringsten tut, das habt ihr mir getan!‹ Wie kann ich Ihnen ins Gesicht sehen, ohne erröten zu müssen!«

Sie war zu dem Ruhebett hingestürzt, neben Gerda niedergesunken und hatte sich ihrer Hand bemächtigt, gegen die sie ihre überfließenden Augen drückte. Das Mädchen hatte sich aufgerichtet und, sich zu der Weinenden niederbeugend, sie aufgehoben. »Liebe gnädige Frau,« flüsterte sie ihr zu, »wenn Sie es wirklich gut mit mir meinen, so kommen Sie nie wieder auf das Vergangene zurück. Auch ich habe gefehlt, durch meine Heftigkeit und weil ich Ihr Gefühl durch meine allzu starre Offenheit verletzte. Seien Sie mir nur freundlich gesinnt und beruhigen sich. Ich habe Sie herzlich liebgewonnen, und was wir in unserm irrenden Verstande verschieden denken, soll nie wieder eine Scheidewand zwischen uns aufrichten.«

*

[138] Es dauerte noch eine Weile, bis die beiden Frauen, vieles Unwichtige miteinander besprechend, Hand in Hand legten und Abschied voneinander nahmen. Dann aber, schon an der Tür angelangt, wandte die Baronin sich noch einmal um und sagte mit schüchterner Stimme: »Würden Sie auch meinem Sohn erlauben, zu Ihnen zu kommen, um ebenfalls sein Herz auszuschütten, das von Dank übervoll ist?«

Das Mädchen nickte nur, die Tür schloß sich und öffnete sich wieder, um Armand einzulassen. Dann blieb es wohl eine halbe Stunde still in Gerdas Zimmer. Die Mama hatte sich in dem des Generals ans Fenster gesetzt und tiefversunken hinausgestarrt, während der Alte seine Pfeife ausklopfte und sich schweigsam sonst allerlei zu schaffen machte.

»Die jungen Leute scheinen sich in ein langwieriges Gespräch eingelassen zu haben,» sagte er endlich. »Ich glaube, Ihr Herr Sohn examiniert meine Tochter in betreff ihres Glaubens.«

»Wie können Sie denken, verehrter Freund –«

»Ich meine, ob sie an ihn glaubt, was denn doch eine wichtige Gewissensfrage ist. Denn alles wohl überlegt –«

Indem öffnete sich die Tür. Das junge Paar trat heraus, Hand in Hand, mit glühenden Gesichtern und leuchtenden Augen.

»Lieber, verehrter Herr General,« sagte Armand, Gerda vor den Alten führend, »ich komme mit einer Bitte zu Ihnen, von der mein Lebensglück abhängt. Wollen Sie mir die Hand dieser Ihrer Tochter, die ich über alles liebe, zum ewigen Bunde geben? Sie hat mir gestanden, daß sie mich dieser Gnade wert hält.«

Eine kleine Stille trat ein. Dann sagte der alte Herr mit einer Stimme, die von verhaltener Bewegung zitterte:

[139] »Herr Baron, ich kann Ihnen diese Bitte nicht abschlagen, denn Ihre Erkorene ist nicht meine Leibeigene, sondern meine Tochter. Doch möchte ich Sie warnen, lieber Freund. Trotz all ihrer äußeren Liebenswürdigkeit hat dies Fräulein keinen zuverlässigen Charakter. Sie hat sich mir zu einem Probejahr verdungen und läuft nun nach vier Monaten aus dem Dienst. Sie hat ferner gelobt, nur einen Mann zu heiraten, in dessen Hause ich ein Austragsstüberl fände, und jetzt –«

»Aber liebster, teuerster Papa,« fiel ihm Armand ins Wort, »kann uns denn ein größeres Glück beschert werden, als wenn Sie Ihr einsames Haus in Münster aufgeben und bis an Ihr spätes Lebensende sich auf unserm Gut ansiedeln?«

Der alte Herr wollte antworten, das Wort erstickte ihm in der Kehle. Er hustete und schnaubte und trocknete sich umständlich mit dem Taschentuch das Gesicht, bis er sich endlich gefaßt hatte und mit noch immer unsichrer Stimme vorbringen konnte: »Das ist ein sehr hübscher Vorschlag, lieber Herr Sohn, bedarf aber noch der Zustimmung einer andern Person. Ich meine nicht sowohl Ihre verehrte Frau Mama, deren Zustimmung ich so ziemlich sicher bin, sondern vor allem müssen wir Fräulein Fanchette fragen, ob ich selbst und die Pfeife, die ich beständig im Munde habe, ihr nicht zuwider bin. Sie hat mich bisher keiner besondern Gunst gewürdigt, sondern immer ungnädig angeknurrt. Und doch ist sie ein verehrtes Familienmitglied und diesmal sogar die Hauptperson. Denn hätte ohne ihre kluge Vermittlung, sogar mit Lebensgefahr, hier schon heute Verlobung gefeiert werden können?«

Der etwas mühsame Scherz hatte eben seinen Zweck erreicht, die gerührte Spannung der Gemüter heiter auf [140]zulösen, als die Tür sich noch einmal öffnete und die treue Karoline eintrat, die Hauptperson, von der eben die Rede gewesen war, auf dem Arm tragend. Sie sei so aufgeregt und unglücklich gewesen, da sie sich in dem fremden Zimmer zurückgelassen sah, es sei nichts übriggeblieben, als sie den Herrschaften nachzutragen.

Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, daß sie als die Heldin des Tages gebührend gefeiert wurde und daß die eigentliche Heldin sich neidlos daran beteiligte.

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