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Am andern Tag, der ein Sonntag war, stieg Helene schon bei Zeiten die dunkle Treppe hinab und pochte an der Thür des Meisters. Der lag in einem versoffenen grünen Schlafrock halb angekleidet auf dem Bett, eine Decke über den kranken Fuß geworfen, auf dem Knie des gesunden ein großes altes Buch mit Kupferstichen nach römischen Kirchen und Ruinen. Das Zimmer, im Erdgeschoß nach hinten hinausgelegen, war mit allerlei Künstlerhausrath, ohne jede Ordnung, noch bunter ausstaffirt als das Wohnzimmer droben.

Als das Mädchen eintrat, stützte er den Kopf mit den verwilderten Locken auf die Faust und richtete sich halb auf. Statt des üblichen Morgengrußes nickte er ihr nur flüchtig zu. Es schien ihm daran zu liegen, daß sie das erste Wort spreche.

Sie blieb mitten im Zimmer stehen.

Ihr habt mit mir zu reden, Schwager? fragte sie ruhig.

Nimm doch einen Stuhl, Helene, erwiederte er und deutete auf einen geschnitzten dreifüßigen Schemel, der voller Papier-Rollen lag.

Ich danke. Ich hoffe, es ist bald abgemacht. Ich habe im Hause zu thun, die Christel ist in der Kirche, Niemand sieht nach der Küche. Was ist's, das Ihr mir sagen wollt?

Er zauderte einen Augenblick und schien mit einem flüchtigen Blick prüfen zu wollen, in welcher Stimmung sie sei. Ihr ernsthaftes Gesicht verrieth keine innere Regung.

Der Doctor Hansen, der Notarius, ist gestern im Stern gewesen, sagte der Meister und blätterte dabei scheinbar gleichgültig in seinem Buche fort. Du weißt, seit seine kranke Schwester gestorben ist, hat man ihn nicht mehr beim Wein gesehen. Diesmal hatt' es auch noch einen besonderen Grund, und wie er mich nach Hause begleitete, ist er gegen mich damit herausgekommen. Mit einem Wort, er möchte dich zur Frau haben, Helene.

Sie veränderte keine Miene.

Und warum hat er sich dann an Euch gewendet? fragte sie kalt.

Weil er erst wissen wollte, ob du eine Feindschaft gegen ihn habest.

Was hätte er mir zu Leide thun sollen?

Freilich! Er ist ein Ehrenmann, Niemand in der ganzen Stadt weiß es anders. Er glaubt aber, er sei dir zuwider; denn jedes Mal, so oft er sich dir habe nähern wollen, habest du die Stirne gerunzelt und seiest ihm augenscheinlich ausgewichen.

Weil ich's ihm anmerkte, wo er hinaus wollte. Und wozu freundlich thun, wenn man nachher nein sagen will?

Warum nein?

Sie schwieg einen Augenblick. Seid ehrlich, Schwager, sagte sie dann: hat er Euch nicht auch gefragt, wie viel ich im Vermögen habe?

Keine Silbe.

So wird er schon von anderer Seite her wissen, was er zu wissen braucht. Gilt er nicht für einen guten Geschäftsmann?

Was soll das? Als ob ein Geschäftsmann nicht auch seine menschlichen Seiten hätte. In dich ist er nun einmal verliebt, Helene.

Wirklich? sagte sie mit einem seltsamen Zucken um den Mund. Wirklich? Nimmt er sich die Zeit dazu neben all seinen Geschäften? Nun da muß ich ihm ja wohl dankbar sein, und darum sagt ihm nur, ehe er sich noch weitere unnütze Mühe macht, daß ich sehr bedaure, die Ehre nicht annehmen zu können. Um ihm seinen Kummer zu erleichtern, könnt Ihr ihm ja auch erzählen, wie heimtückisch unsere Gemüthsart ist, und wie übel Ihr Euch bei meiner eigenen Schwester verrechnet habt. Denkt nur einmal, wie der arme Mann zu beklagen wäre, wenn ich ihm auch so einen Streich spielte, wie Euch die arme Anna, mein bischen Hab und Gut im Fieberwahnsinn in den Ofen zu stecken und nur so viel übrig zu lassen, daß der trauernde Wittwer vom Begräbniß keine Unkosten hätte! Das könnt Ihr ihm erzählen, Schwager, und ich denke, er wird sich dann zufrieden geben.

Sie war erblaßt, während sie sprach, und ihre Augen sahen ihm mit einem Ausdruck von Trotz und Kälte ins Gesicht, dem die seinigen nicht Stand zu halten vermochten. Erst als sie jetzt Miene machte, zu gehen, um alle weiteren Erörterungen abzuschneiden, faßte er sich und sagte finster:

Ich bin noch nicht am Ende.

Was noch weiter? Meine Geduld ist kurz.

Auch meine ist am Reißen. Daß ich's grad heraus sage: die Geschichte mit dem Jungen darf so nicht fortgehen. Ich bin es ihm schuldig, ein Ende zu machen.

Seit wann wißt Ihr so genau, was Ihr ihm schuldig seid?

Laß die alten Geschichten ruhn, fuhr er auf: du wirst mich damit nicht stumm machen, wie du meinst. Es ist mir lange zuwider gewesen, Euer Gethue und Gehabe, das Mamaspielen und Tuscheln und Tatscheln mit dem großen Menschen. Das ist ungesund, hörst du wohl, und wenn du nicht ein Ende machen kannst, so mach' ich's, darauf geb' ich dir mein Wort!

Sie maß ihn mit großen Blicken und schwieg. Er schien von ihrer Ruhe betroffen und fuhr in gelassenem Tone fort:

Ich weiß, was er dir schuldig ist, und was ich dir zu danken habe. Darüber kann keine Rede sein. Wäre es so geblieben, wie er es als Knabe hier fand, so wär' er ruinirt worden an Seel' und Leib. Es taugt Kindern freilich nicht, wenn sie gehaßt werden, und ihn davor zu schützen, stand leider nicht in meiner Macht. Du hast wie eine zweite Mutter an ihm gehandelt, und daß er an dir hängt, ist nur in der Ordnung. Aber so was muß seine Grenzen haben, oder der Teufel sät sein Unkraut dazwischen. Ich brauch dir nicht zu sagen, was ich meine. Genug, er ist schon neunzehn Jahr, du erst neunundzwanzig. Es darf nicht wieder vorkommen, daß er in seiner Lehrstunde so einschläft, wie gestern, und die Lampe drüber ausgeht.

Er wandte das Gesicht von ihr ab, ließ den Kopf ins Kissen zurücksinken und zog das kranke Bein an sich. Ob er Schmerzen litt oder nur das Gespräch abschneiden wollte, war nicht zu erkennen.

Nach einer ganzen Weile, während sie Beide athemlos geschwiegen hatten, sagte sie mit dumpfer Stimme: Es ist gut! Ich war auf Vieles gefaßt, von Euch auf Alles. Daß Ihr so niedrig denken könntet, ist mir denn doch nicht in den Sinn gekommen.

Oho! sagte er kalt, ich muß doch bitten, die großen Worte zu sparen, wo sie nicht hingehören. Diesmal kann ich, was ich thue und sage, vor jedem Richter vertreten und meine sehenden Augen als Zeugen stellen. Man weiß freilich, daß Verliebte blind sind, aber sie sollen sich nicht einbilden, auch die Anderen zu verblenden.

Verliebte? brauste sie auf.

So sagt' ich, erwiederte er mit Nachdruck. Er wenigstens, mag er sich drüber klar sein oder nicht, ist auf dem besten Wege dazu, und du müßtest deine neunundzwanzig Jahre wie im Traum gelebt haben, wenn du nicht wissen solltest, daß du bis über die Ohren in den Jungen vernarrt bist; und mit dem Firlefanz von Pflege-Mutterschaft wirst du mir hoffentlich nicht kommen wollen. So steht's um euch, du magst nun auch den besten Willen haben, es dir selber zu verläugnen. Wenn du aber in dich gehen wolltest und dich fragen, was daraus werden soll, ob du ewig fortfahren kannst, den wackersten Männern einen Korb zu geben wegen einer sentimentalen Liebeskomödie mit einem blutjungen Hansnarren –

Es ist genug, unterbrach sie ihn mit glühenden Wangen. Ich weiß jetzt gründlich Bescheid um Euch und Eure Meinung. Das ist mir auch sehr gleichgültig, denn es ist nie mein Ehrgeiz gewesen, von Euch richtig beurtheilt zu werden. Wir denken über Manches verschieden. Nur will ich wissen, ehe ich Euch jetzt den Rücken wende, was Ihr zu thun beschlossen habt?

Ich sagt' es schon, mehr als Einmal: ein Ende will ich machen, euch trennen, und zwar so bald als möglich.

Und Wie?

Je nachdem. Wenn du thätest, was das Gescheiteste wäre, Hansens Frau zu werden, so wäre Allen geholfen, und du bewiesest besser, als mit allem Declamiren und Achselzucken, daß es dir Ernst ist mit deiner Mutterschaft. Wenn du dazu aber dich nicht entschließen kannst, so muß der Junge aus dem Haus.

Auf die Wanderschaft als Zimmermaler?

Gewiß. Was sonst? Du weißt besser, daß ich nicht im Stande bin, ihn auf eine Bauschule zu schicken und sechs Jahre lang zu füttern, statt daß er mir jetzt, wo ich ein halber Invalide bin, helfen soll, mich mit Ehren durchzuschlagen.

Es ist gut! erwiederte sie nach einer Pause. Ihr seid ehrlich gegen mich gewesen und dafür muß ich Euch ja wohl dankbar sein. Was geschehen muß, wird kommen, so oder so. Denkt indessen, wie Ihr wollt. Ich weiß, was ich zu denken habe.

Sie wandte sich zur Thür. Als sie schon den Griff in der Hand hatte, rief er ihr noch nach: Ich habe dem Notarius gesagt, daß er heut mit uns essen soll. Ich will kein Wort mehr mit ihm über die Sache reden; du selber magst ihm nun Bescheid sagen.

Sie erwiederte nichts, sondern nickte nur gedankenvoll vor sich hin. Dann verließ sie das Zimmer. Aber statt in die Küche zu gehen, stieg sie die Treppe wieder hinauf, mit lautklopfendem Herzen, und trat in ihr kleines Stübchen, das oben neben dem Wohnzimmer lag und mit zwei engen Fenstern auf die sonnige Straße hinaussah. Als sie sich hier allein fand, mußte sie sich aufs Bett setzen, die Kniee wurden ihr schwer. Sie starrte eine Weile gegen den Fußboden in die wirbelnde Wolke von Sonnenstäubchen. So unfaßbar wie jene Atome schwirrten ihr die Gedanken durch den Kopf. Zuletzt gingen ihr die Augen über, und in ein heftiges Weinen ergoß sich aller Schmerz, den sie unten in dem feindseligen Gespräch stolz und strenge zurückgepreßt hatte.

*


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