Gerhart Hauptmann
Indipohdi
Gerhart Hauptmann

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Erster Akt

Ruinen eines mächtigen, vielleicht toltekischen Palastes auf einer Insel im Ozean. Große Landschaft, von dem Schneegipfel eines Vulkans überragt. Die Ruinen umgibt beinahe tropische Vegetation. Das Meer, einen Golf bildend, ist sichtbar. Die Ruinenansicht ähnlich dem Mayapalaste von Mitla. Breite und hohe Stufen führen zu drei quadratisch ausgeschnittenen Eingängen. Es ist voller Tag, brütende Sonne.

Auf den Stufen sitzen zwei indianische Priesterknaben, geflochtene blauschwarze Zöpfe ums Haupt: Huemac und Matzatzin.

Huemac.
Sie treiben's heute lange, Matzatzin.
Was will dein Meister bei dem großen Magus?

Matzatzin.
Wüßt' ich's! Es kann des Opfers wegen sein.
Das Volk drängt sehr, es wiederum zu halten.

Huemac.
Nie wird der Magus widerrufen das
Verbot des Jünglingsopfers.

Matzatzin.                                   Niemals, sagst du?

Huemac.
Ich sagte: niemals!

Matzatzin.                       Wenn das dumpfe Rollen
im innern Erdreich sich nicht legt, der Berg
nur immer dichteres Gewölk hervorstößt
und so des goldnen Himmelsvaters Zorn
durch deutlichere Zeichen stets verrät,
wird man auch dann nicht ihn versöhnen dürfen?

Huemac.
Mein Magus selbst versöhnt ihn, der sein Sohn ist.

Matzatzin.
Du glaubst an seine Macht und seine Herkunft?

Huemac.
Fragst du, der Oro seinen Meister nennt? –
Und Oro liegt dem weißen Mann zu Füßen.
Hüte dich, Matzatzin! Wer Sterne lästert,
muß bis zum Wahnsinn Sterne zählen. Wer
den Mond beleidigt, den erschlägt der Mond
mit einem Stein. Und wer den Sohn der Sonne
kränkt durch Unglauben, er verfällt in Blindheit.

Matzatzin.
Ich weiß.

Huemac.       Der Heilige entstieg dem Meer:
Zehn Jahreskreise haben sich indes
geschlossen, seit der Tonatiuh, die Woge
des Ozeans aus goldnen Haaren schüttelnd,
die heilige Sohle in den Inselstrand
zuerst mit segenschwerem Tritt gedrückt.
So kam er, nach den Büchern der Verheißung,
die Himmelsfrau als Kind auf seinem Arm.
Dies ist! Was wäre da wohl zu bezweifeln?

Matzatzin.
Kein Zweifel rührt mich an. Schon die Belehrung,
die mir durch Oro, meinen Meister, ward,
hält Zweifel fern. Allein, er selber sagt,
es habe der erlauchte Magus nie
der heiligen Sonnenabkunft sich gerühmt
noch sie durch Worte irgendwie bestätigt.

Huemac.
Und glaubt an sie dein Meister weniger drum?

Matzatzin.
Nein, aber wenn ich scharf hinsehe und
sein Tun beachte oder hinter das
mit meinem innren Ohr zu dringen suche,
was seine Zunge lehrt, wird eins mir klar:
der Magus hat sich ihm nicht ganz enthüllt,
und Oro müht sich ab an einem Rätsel.

Huemac.
Stets bleibt das Göttliche geheimnisvoll,
auch wenn es nah ist. Und so muß es bleiben.
Das Göttliche verhüllt sich selbst das Haupt,
sein Feuer würde sonst den Priester schmelzen;
und auch der Priester schützt sein Angesicht,
wenn er im allerheiligsten Geheimnis
des Opfers steht, mit einem Tempeltuch.
Wir Dienerknaben tun es wiederum,
wenn wir die heiligen Worte wechseln müssen
nur mit dem Priester: weil auf diesem dann
der Abglanz Gottes ruht.

Matzatzin.                             Allein, der Urahn
des Hohenpriesters Oro, meines Meisters,
ist auch der goldne Mann im Taggestirn.
Oro ist gleichen Blutes als der Magus:
braucht einer da dem andern sich verhüllen?

Huemac.
Du grollst ein wenig, scheint's, dem Tonatiuh.

Matzatzin.
Das nicht! Allein, ich liebe meinen Meister.

Tehura, eine hochgewachsene junge Indianerin, tritt aus dem Innern der Ruine auf die Treppenplattform. Sie trägt ein rotäugiges, weißes, lebendiges Kaninchen im Arm. Blauschwarz und schlicht fällt ihr Haar über Rücken und Brust.

Huemac.
Sieh dort Tehura, deines Meisters Tochter!
Wohl muß die Tochter Oros ihrem Vater
noch inniger verbunden sein als du.
Und doch blickt sie dem Magus nach der Braue.
Untrennbar, wie sein Schatten, folgt sie ihm.

Matzatzin.
Komm, laß uns tiefer in das Dickicht rücken.
Wie klein bin ich, wie häßlich bin ich, oh!
Fern ist mir Lästerung. Doch frag' ich wieder:
Warum verbietet uns der Tonatiuh
des Jünglingsopfers altehrwürdigen Blutbrauch
und sperrt uns so den seligen Pfad des Lichts?

Huemac.
Seit Jahren hängst du diesem Wunsche nach,
dich als Versöhnungsopfer preiszugeben.
So mancher dränget sich dazu. Es ist soviel,
als, hier auf Erden schon zum Gott erhoben,
die irdene Schale vollen Weltgenusses
ausschlürfen! durch das Tor des Todes schreiten,
bekränzt, als Gott! beim Klang der Pauken und
Flöten als Gottheit zu den Göttern eingehn!
Wie kannst du, eines armen Töpfers Sohn,
erhoffen, daß man solcher Ehre dich
vor andern würdige?

Matzatzin.                       Der Himmel kann
am Ende alles, was er will, gewähren
dem Beter, der ihn unermüdlich anfleht.

Huemac.
Dort steht Tehura: wie sie lächelnd herblickt
ob deiner überstiegenen Gedanken.
Sie gleicht der Mondesmutter. Dunkel rollt
die Nacht um ihrer Stirne blasses Licht.
Verwirrend sind die Grübchen ihrer Wangen.
Geschnitten aus dem heiligen Obsidian,
schwarz, so nach außen wie nach innen sehend,
erscheinen ihre Augen. Ihre Hand
streicht sinnend übers weiche weiße Fell
des heiligen Kaninchens, das ihr Arm hält. –
Nein, nicht für uns ist diese Königin
des dunklen Himmels!

Matzatzin.                           Warum sagst du das?

Huemac.
Weil dem, den man des Opfertodes würdigt,
kein Wunsch versagt wird, keiner: wär's auch der,
des Hohenpriesters Tochter zu besitzen.

Tehura.
Nun, ihr bezopften Dienerknaben, was
beschwatzt ihr dort so wichtig miteinander?

Huemac erhebt sich zugleich mit Matzatzin. Sie stehen mit gesenkten Köpfen, wortlos. Tehura fährt fort

Man fragt euch. Warum schweigt ihr also? Sprecht!

Huemac.
Wenn Lehrlinge sich unterhalten, o
Erlauchte, wovon anders kann es sein
als dem, was ihrer Meister Sinn beschäftigt?

Tehura.
Ihr Hähnlein! Was beschäftigt diese denn?

Huemac.
Des großen Jahresopfers nahe Feier.

Tehura.
Mehr! Höheres! Doch schweigt! Der Heilige kommt.

Durch den mittleren Eingang treten Prospero und Oro auf die Treppenterrasse. Prospero, bartlos, mit weißem Gelock, Ehrfurcht gebietend, Oro, ein Indianer, dunkelbärtig, um ein reichliches Jahrzehnt jünger als Prospero.

Prospero.
Nein, alles möge bleiben wie bisher.
Laßt mich in meiner Abgeschiedenheit:
Dem Leben fern, bin ich dem Leben näher.
Als Fremder bleib' ich heimisch unter euch,
als Gast! Ich bin nicht mehr, nicht mehr,
so hier wie irgendwo auf weiter Erde.
Wohl war ich einst ein Herrscher: damals hielt
mein Szepter Lebenslust und Menschenliebe.
Die schwere Last der Krone ward mir leicht,
weil Jugend sie mit Kränzen flücht'ger Rosen
üppig durchflocht. Allein, der Hoffnung und
des Glaubens Blumen welkten allesamt.
Die Macht des Guten auf der Erde hieße
besser des Guten Ohnmacht: des war ich
auf meinem Thron ein fürchterliches Beispiel.
War es bestimmt im ewigen Rate, Oro,
daß dennoch, spät, noch Gutes von mir ausging –
du bist's, der es behauptet! –, so erwies
sich mächtiger der Bettler als der König.
Und dann laßt Bettler bleiben, dann
erst recht!

Oro.                 Was du, o Hocherhabener,
Sohn und Gesandter Gottes, von dir sagst,
vermag den Strahlenlimbus nicht zu trüben,
der weiß dein lichtes Angesicht umsprüht.
Wir wissen's wohl, ich und die Meinen, was
Menschwerdung heißt. Die Kraft der Gottheit zieht
sich in des Menschenleibes enge Schranken,
ja, heuchelt Demut und Bedürftigkeit.
Dies war der großen Liebe kleiner Weg
von je. Der einzige von Gott zum Menschen.

Prospero.
Wenn dies dein Glaube ist: ich will ihn dir
nicht rauben, Oro. Überlieferungen
verwandter – oder sag' ich gleicher? – Art
sind mir aus einer andern Welt nicht fremd.
In diesen Resten deines alten Volks,
das mich Schiffbrüchigen und meine Tochter,
als uns der Ozean nackt und arm ans Land spie,
so herzlich aufnahm, lebt die Sage fort
vom weißen Heiland. Man erwartet ihn,
das eingeborne Kind des Himmelsvaters,
der kommen soll, das auserwählte Volk
ins angestammte Reich zurückzuleiten.
Nicht bin ich der, den ihr erwartet, nein!
Meinst du indes, daß ich empfangnes Gutes
ein wenig zu vergelten fähig war:
bleib, Oro, du auch fernerhin der Mittler!

Oro.
Herr, Herr, es neigt sich mein Beruf als Mittler
zum Ende. Und die meisten unterm Volk
verlangen mit fast wildem Ungestüm,
von deiner Stirn beglänzt, von deinem Munde
belehrt, von deiner Hand regiert zu sein.
Dein Rat, der mir Gebot war, trennte sie
von manchem Brauch, durch Alter heilig. Doch
noch sind sie solcher Bräuche nicht entwöhnt.
Und Aberglaube, der einst Glaube war,
geht bänglich in den Hütten um und raunet
von Unterlassungsfreveln und von Strafe.
Und wirklich pocht der fürchterliche Geist
der Tiefen unterm Boden, ganz als ob
er mahnen oder drohen wollte, an.
Im heiligen Berge aber rollt's und poltert's,
und Zorngewölke stößt er brausend aus.

Prospero.
Trotzdem, trotz alledem, ich will nicht, Oro!
Wenn sich der Berg beruhigt und die Tiefen,
so wird sich auch das Volk beruhigen.

Oro.
Dein Nein, Herr, wirst du mir noch einmal sagen,
wenn ich mit klar bestimmtem Antrag dir
zu nahen mit den Ältesten des Volkes
verursacht, ja gezwungen bin. Und dann
erwäge dieses auch vor deiner Antwort:
nicht angsterfüllte Lämmer schreien nur
nach Schutz und Leitung eines starken Hirten:
es gehen Wölfe in der Herde um,
die deinen Diener, o Erhabener,
und dich sogar belauern und befeinden.

Oro beugt mit Ehrerbietung ein Knie und entfernt sich dann, würdevoll, gefolgt von Matzatzin.

Prospero.
Du wirst mir eine letzte Liebe tun,
Tehura.

Tehura.       Deine Dienerin, o Herr,
wird hören und gehorchen.

Prospero.                                 Mit der Binde
der Priesterin bedecke deine Augen,
und so, als Seherin, sicher wandelnd, finde
den letzten Ort mir aus, der mir bestimmt ist.

Tehura.
Wie meinst du das?

Prospero.                       Ich weiß, der Ort ist nah,
obgleich ich selbst ihn nicht zu finden wüßte.
Und keine höhre Wohltat wäre mir
in allen Himmeln auszudenken, als
das mir am ersten Tage meines Daseins
vorherbestimmte letzte Erdenziel
von dir gesetzt zu sehn.

Tehura.                                 Ehrwürdiger,
die Erde hat kein Ziel für deinesgleichen.

Prospero.
O doch! Und mich verlangt danach! Den Tod!
Sieh an: ich bin nun müde, müde, müde!

Huemac entfernt sich ins Palastinnere.

Tehura.
Du bist nicht müde, Herr. Der Tonatiuh
ist niemals müde. Seine Müdigkeit
gleicht der des heiligen Vogels Phönix, wenn
ihn seine mächtige Götterschwinge juckt
und ein gewaltiges Drängen ihn befällt,
durch alle Himmel sich emporzuschrauben,
um sich im Sonnenbrande zu erneuern.

Prospero.
Du weichst mir aus, Tehura, willst den lieben Dienst,
den ich von dir ersehne, mir nicht leisten.
Du Gläubige meines Tuns und meiner Kraft,
sieh auch mein Leiden an und meine Schwäche.

Tehura.
Wie dieses heiligen Kaninchens Augen
rotglühnde Fenster sind in eine Seele
voll Flammen, so bist du voll wacher Glut.
Glut will zu Glut. Ihr bebendes Gefäß
will im Urbade schmelzen und vergehn
und dann, vom glühnden Rad des Sonnentöpfers
gedreht, als köstlicherer Krug hervorgehn.

Prospero.
Erst Phönix, dann ein Krug voll Feuer. Nein!
Du irrst, Tehura. Nenn mich Aschenkrug,
so triffst du, was ich bin und was ich sein will.
Ich habe friedlich hier bei euch gelebt,
versteckt, fast abgeschieden und fast glücklich.
In diesen großen Trümmern ging ich um
als Geist. Den Bildnereien dieser Steine
und andrer, die nie Menschenhand berührt,
löst' ich die Zunge. Oft durchrauschte nachts
die Trümmerhallen dieses Königshauses
des Ballspiels Jubel und des Tanzes Jauchzen,
betörender Gesang und Saitenspiel.
Mein Leben ward Magie. Ich ward zum Magier.
Es lag bei mir, Gestalten aufzurufen,
gastlich sie zu bewirten oder sie
mit einem Wink zu scheuchen in das Nichts.
Beinahe alle waren so gehorsam.
Von einem, dem, der ungerufen kam
und nur dann wich, wann er es selber wollte,
der jeden Zauberkreis und Bann durchschritt,
sollst du, nur du, am Trennungstag erfahren
und an dem Orte, den du ausgesucht.

Tehura.
Es kann nicht sein, daß du jetzt von uns gehst,
wo so viel Zeichen düster uns umdrohen.

Prospero.
Das ist es ja: die Zeichen gelten mir.
Du selbst hast es gefühlt, daß ich gemeint bin.
Der Ozean drang hoch den Fluß hinauf,
trug Hütten fort, brach tausendjährige Stämme.
Das Erdreich selber fing zu wogen an,
Wasser und Dämpfe quollen aus den Äckern.
Im heiligen Berge gärt es, aus dem Schnee
des Gipfels hebt sich nachts ein glühnder Baum,
rotbrünstig wogend in dem breiten Wipfel,
und spendet unsern Nächten Höllenlicht.

Tehura.
Und all die Zeichen willst du nicht beschwören?

Prospero.
Das Ungewitter wird vorübergehn
und euch so lassen, wie es euch gefunden.
Mich nicht. Sieh, Ahnungen bewegen mich.
Nicht äußre Zeichen, die mich rings umgeben,
nein, innre sind es, die mich ängstigen.
Begrabnes gärt und will auch dort hervor,
und Hände spür' ich nachts, die nach mir greifen.
Ein neues Leben fürcht' ich, nicht den Tod;
zeig mir die Stätte, wo ich ihm entgehe.

Tehura.
Ich werde stark sein, Herr. Du wirst mein Auge
am Glanze nicht erblinden lassen, wenn
ich auf dem letzten Gange dich begleite.
Ich weiß, du hast es einmal mir gesagt,
daß du den nie betretnen Gipfelschnee
des Feuerbergs ersteigen mußt, um dort
dich mit den furchtbarn Müttern zu besprechen
vor deinem Ende, das dein Heimgang ist.

Prospero.
Zu spät! Ein neues Wort ist in mir. Stille!
Und mehr als Stille. Meine Schiefertafel,
mit vielen krausen Zeichen überdeckt,
verrät das neue Wort dem Würdigsten,
wenn ich des Wortes Sinn geworden bin.

Pyrrha, Prosperos Tochter, von den Indianern Yakka genannt, kommt. Eine indianische Dienerin, Coya, folgt ihr. Beide erscheinen als Jägerinnen. Pyrrha ist hochgeschürzt und führt den Speer. Ihr rotes Haar ist um ihren Kopf eng gerafft und gleicht einer schweren goldenen Last. Die Vierzehnjährige ist hochgewachsen und von herber Schönheit und Anmut. Sie trägt den Köcher mit Pfeilen auf der Schulter. Coya trägt ihr einen erbeuteten Kondor nach und führt ebenfalls Pfeil und Bogen. Dazu trägt sie noch den Bogen Pyrrhas und einige Jagdspieße zum Ersatz.

Pyrrha.
O Vater, welch ein Weg liegt hinter mir!
Tehura, gib mir Wasser, ich muß trinken.

Prospero.
Du bliebest lange aus, fast sorgt' ich mich.
Wo warst du, Pyrrha?

Pyrrha.                             Ja, wer will das wissen.

Prospero.
Was bringst du dort?

Pyrrha.                             Zeig es dem Vater, Coya.

Prospero (vor dessen Füße Coya den Kondor geworfen hat).
So hast du endlich dir den Himmelsräuber,
verwegne Jägerin, erlegt?

Pyrrha.                                     Ja, Vater.
    (Sie trinkt das Gefäß leer, das Tehura ihr gereicht hat.)
O Labsal, Labsal!

Prospero.                   Wie gelang dir das?

Pyrrha.
Nicht leicht. Berichte du's dem Vater, Coya.

Coya.
Es war im Felsgebirg, auf schmalem Saumpfad,
nah dem Gebirgsgrat, dem zu Füßen, da
und dort, die Insel in zwei Hälften liegt . . .

Prospero.
Was ist mit dir geschehen, meine Tochter?

Pyrrha.
Geschehen? Außer, daß wir jagten, nichts.
Doch, Vater, warum fragst du so?

Prospero.                                           Nun, laß nur.

Pyrrha.
Nein, gerne möcht' ich doch nun wissen, Vater,
was unter deiner Frage sich versteckt hält.

Prospero.
Und was versteckt sich hinter deiner Antwort?

Pyrrha.
Was hätt' ich zu verstecken?

Prospero.                                     Höre, Kind,
wir kommen aus verschiedenen Regionen.
Die meine, wo ich mit Tehura ging,
liegt fern dem felsigen Jagdgrund, wo du herkommst.
Verschiednes trieben wir mit Hand und Geist,
laß uns der Einigkeit geduldig warten.
Was hinter meiner Frage liegt, ist dies:
du bringst den Kondor, bringst den Lämmergeier,
den königlichen Feind und Herrn der Lüfte,
den selten nur des kühnsten Jägers Pfeil
trifft. Ihn erlegen war dein Traum von Kind an.
Sag, ist es nun dein Pfeil, der ihm das Herz
durchdrang? – Gebührt die Ehre einem andern? –

Pyrrha.
Frag Coya, Vater, wessen Pfeil es ist.

Coya.
's ist Yakkas Pfeil, Erhabner, und nur ihr
allein gebührt des Meisterschusses Ruhm.

Prospero.
Das war's, weshalb ich fragte, liebe Tochter.
Für ein so ungeheures Jägerglück,
bei deiner Jagdlust, bist du reichlich schweigsam,
und Coya muß berichten, wo du sonst
geringrer Taten eigner Herold warst.
War Amaru an deiner Seite?

Pyrrha.                                         Nein.

Prospero.
Und doch gebot ich's ihm, dich zu begleiten,
da er mit Pfad und Furt und Paß vertraut ist.

Pyrrha.
Vergib mir, Vater, wenn ich meine Kammer
aufsuche. Mich verlangt nach Schlummer.

Prospero.                                                         Geh!
    (Pyrrha geht ab.)
Die Ungezähmte, die Unzähmbare.

Tehura.
Den innren Strom des Fühlens hielt sie auf,
weil sie mich bei dir fand, erhabner Vater.

Prospero.
Wie ganz ich dir vertraue, weiß sie's nicht?

Tehura.
Sie weiß es etwa wohl, doch sie mißbilligt's.

Prospero.
Mein Leben ward Magie. Ich ward zum Magier.
Es lag bei mir, Gestalten aufzurufen,
gastlich sie zu bewirten oder sie
mit einem Wink zu scheuchen in das Nichts.
Nur eine nicht, so sagt' ich dir, Tehura,
die kommt und geht und kommt, sooft sie will:
und diese war nun eben wieder bei mir.

Tehura.
Pyrrha? Doch Pyrrha ist von Fleisch und Blut.
Wie soll man, o Ehrwürdiger, das verstehn?

Prospero.
Nicht Pyrrha! Doch der Schatten kommt mit ihr.
Ein Schatten ist es, wenn auch farbig wie
das frische Leben und nur weniger
vergänglich als lebendiges Fleisch und Blut.
Der Schatten kommt mit ihr, ja, Pyrrha wirft ihn.
Dort steht er! Dort! Du siehst ihn, wenn du hinblickst.

Tehura.
Ich ahne, wen du meinest. Deinen Sohn!

Prospero.
Ich ward zum Magier, sagt' ich dir, und weiß
von Söhnen nichts noch Töchtern: nur von Schatten! –
Nicht so: auf zweien Ebnen steht mein Dasein.
Und auf der einen seh' ich Leiber wandeln,
genieße Reis, Bananen, Kokosmilch,
sehe dich, meines Alters Augenweide,
gleich einer Eva, die nie sündigte,
und sehe Pyrrha, meine stolze Tochter,
mit Vaterstolz in ihrer freien Wildheit.
Allein, die andre Ebene ward mir mehr.
– Zeig mir den großen Geier näher, Coya!
    (Zu Tehura)
Auch dies ein Vogel Phönix! jetzt nur Aas.
Und warum sähe man auch sonst, Tehura,
den goldnen Mann, der weinet, in der Sonne?
    (Zu Coya)
Wie kommt's, daß deine Herrin unwirsch ist,
Coya, trotz dieser kaiserlichen Beute?

Coya.
Sie hat es mir vertraut. Darf ich es sagen?

Prospero.
Das steht bei dir. Entscheide du nur selbst.

Coya.
Im Augenblick, als sich der große Vogel
getroffen in den Steinen wälzte, da
erschien, sagt Yakka, über ihr am Fels
ein Bild, ihr Ebenbild, das sie entsetzte.
Und wirklich fiel sie hin und lag bewußtlos.

Prospero.
Ihr Ebenbild?

Coya.                   Sie hat es später mir
geschildert, und sie wußte nicht genau,
ob sie nur einen Spuk gesehen habe
der eignen Seele oder etwas, das
wirklich vorhanden war.

Prospero.                           Sie sah . . . was sah sie?
Noch eine andre bogenführende,
speerschleudernde Diane, wie sie selbst ist?

Coya.
Auch dies ward mehr und mehr ihr zweifelhaft,
je weiter wir uns von dem Ort entfernten,
wo ihr das Wunderbare zugestoßen.
Es konnte, sprach sie, auch ein Jüngling sein,
wenn auch, gleich wie mein Spiegelbild, mir ähnlich.

Prospero (erhebt sich, sichtlich bewegt).
Was ist das? Was bedeutet das, Tehura?

Stimme Pyrrhas (aus dem Innern der Ruine).
Coya!

Prospero.   Geh, deine Herrin ruft dich!

Coya.                                                       Ja.

Coya entfernt sich schnell ins Innere der Ruine.

Prospero.
Noch einmal sag' ich's: was bedeutet das?
Von allen Zeichen dieser Zwischenstunden
ist dies das drohendste. Und die Magie
des Magiers, die es übersteigt, versteht
auch nicht, es auszudeuten. Was bedeutet's?
Der Schatten, der aus Pyrrhas Wesen mir
aufsteigt, ist ihres Bruders Schatten. Dir
allein, solang ich auf der Insel bin,
sprach ich von ihm, von ihrem Bruder und
von meinem toten, ungeratnen Sohn.
Und nun: der arge Schatten nimmt Gestalt an
und zeigt sich dem, der ihn, unwissend, wirft,
erscheinet meiner Tochter Pyrrha leiblich,
die nichts von einem Bruder je erfuhr? –

Amaru, eine Keule schwingend, erscheint in gemessener Entfernung. Es ist ein schöner indianischer Jüngling.

Er winkt. Was will er?

Amaru.                             Weiß der Tonatiuh,
daß ein Kanu mit fremden Sonnensöhnen
im Golf, jenseits des Glutbergs, sich herumtreibt?

Prospero.
Du sahst das Boot, das nur den quälendsten
von meinen Träumen hie und da durchschwamm.
Und wollten meine Träume sich nun etwa,
wie Kreißende, ausschütten in die Welt
der Wirklichkeit und so auch dieses Boot
gebären, Keulenschwinger Amaru,
dann müßten wir gemeinsam es zerschmettern.

Amaru.
Darf Amaru sich deiner Heiligkeit
nähern, o Tonatiuh?

Prospero.                       Du darfst es, nur
vergiß die Einbildungen deines Auges,
die, was auch immer sie hervorrief, nichts
für mich und meine späte Stunde sind.

Amaru (beugt ein Knie).
Dein Wink ist Amaru Befehl. Darf nun
der Wächter deines Hauses, Amaru,
der Hüter deiner Felder, Amaru,
der Führer deiner Waffenträger, Amaru,
von dem Erhabnen eine Gnade sich
erbitten: gleichsam treuer Dienste Lohn?

Prospero.
Wie seltsam: eingezogen lebt' ich hin.
Vor meiner Tür die heilige Bettlerschale,
in der zu Gift wird alles, außer was
mildtätig sich aus freiem Herzen schenkt:
sie war's, die mit Almosen mich ernährte.
Nun aber drängt von allen Seiten sich
ein Heer von Gläubigern um meine Zelle,
als sei ich ein verarmter Kaufherr, der
nur immer lieh und alles schuldig blieb,
und noch dazu ein Lügner und Betrüger.
Bin ich das alles? Nein und wieder nein!
Wenn ich nun von euch gehe, geh' ich von euch
zwar mit des Dankes Schuld beladen, doch
mit keiner andren: arm, so wie ich kam.

Amaru.
Wie nennst du uns, o Herr, wenn du dich arm nennst?
Der Zauberspruch von deiner Lippe macht,
daß Ödeneien lernen Früchte tragen.
Die Wünschelrute schwingt in deiner Hand,
schlägt aus und zeigt verborgne Schätze an:
Gold, Wasser, Salz und Kohle in der Erde.
Von deinem Munde gehen Worte aus,
die binden oder lösen. Und du bandest
und löstest, wann du wolltest, Amaru.
Befiehl, so wird zum Tiger Amaru,
oder mach ihn zum Gott mit einem Mundhauch.

Prospero.
So sprich. Es wird sich zeigen, Amaru,
wie wenig ich vermag von alledem.

Amaru.
Schenk mir Tehura, Heiliger, für mein Wigwam.
– Du schweigst? Warum schweigt der Ehrwürd'ge nun?
Er weiß wohl, daß sein Wort allmächtig ist,
drum hält er's hinter fest geschloßnen Lippen.

Prospero.
Noch tiefer laß mich erst verstummen, o
du brünstiger Jüngling. Kühle deine Glut,
bis mich ein andres Schweigen überkommt,
das sie als reife Frucht dir in den Schoß wirft.

Amaru.
So sprach der Tonatiuh schon oft zu mir.

Prospero.
Behagt mein Wort dir nicht, der Weg ist frei,
frei deine Rede, und dort steht Tehura.

Tehura (richtet sich hoch auf).
O heiliger Vater, deine Worte straften
wie bittre Geißeln mich mit dunklen Striemen,
da du mich einer toten Frucht vergleichst,
die ein unsaubrer Geist vom Baume schüttelt.
Doch wenn du strafst – du strafst nicht ohne Grund! –,
hilf mir den Fehl, um den du strafst, verstehn.
Doch du, hast du vergessen, Amaru,
aus welchem Blute ich entsprossen bin?
Verachtest du die heiligen Gelübde
der Gott gelobten Tempelbraut? Wagst du
durch niedriges Gelüst mich zu besudeln?

Amaru.
Glaubst du nicht an die Macht des Tonatiuh?
Steht's nicht bei ihm, zu binden und zu lösen?

Tehura.
O Weiser, Gottgesandter, du erhebst
und läuterst, was im Niedren dir begegnet,
doch ferne liegt es dir, das Strahlende
zurück in niedren Dunst hinabzustoßen.

Prospero.
Vertagt den Zwist. Ich höre Pauken dröhnen. –
Wie wunderlich! Wohl muß es wichtig sein,
was Oro, deinen Vater, an der Spitze
des Volks mit allen Häuptlingen hierherführt.

Unter eintönigem Lärm indianischer Pauken nähert sich eine Volksmenge Eingeborener. Voran eine Gruppe Priester, von Oro geführt; dann Häuptlinge mit prächtigem Federschmuck. In gemessener Nähe wird auf Wink Oros das Trommeln eingestellt. Nach feierlicher Stille und feierlicher Begrüßung beginnt Prospero hochaufgerichtet

Kehrst du so schnell zurück und so gerüstet,
Oro, mein Mittler?

Oro.                             Großer Wanderer,
zum letzten Male siehst du mich als Mittler,
gerüstet auch, und zwar gerüstet mit
dem einigen Willen meines ganzen Volkes.
Magst du ihn hören, sprich, und ich darf kurz sein.

Prospero.
Kommst du zu fordern, denke, daß ich arm bin.
Bringst du mir Bürden, wisse, ich bin schwach.
Bringst du mir Gaben, seien's solche nur,
die eine Bettlerschale fassen kann.

Die indianische Menge (in einem begeisterten Aufschrei).
Sei unser König! Herr, sei unser König!

Oro.
Du hast den tausendstimmigen Ruf gehört,
o Sonnenheiland! Wie ein heiliger Sturm
hat meines Volkes Seele sich beflügelt
und brausend ihren Willen kundgemacht.
Du siehst, er spült den Damm hinweg, es braucht
jetzt eines Mittlers nicht mehr wie bisher.

Prospero.
Ihr dunklen Männer dieser heiligen Insel,
was fällt euch bei? Seht doch mein weißes Haar,
gedenkt der Bürde meiner hohen Jahre.

Die indianische Menge.
Sei König, König! Herr, sei unser König!

Pyrrha tritt aus dem Hause, stolz, kühn, befremdet.

Pyrrha.
Was ist das für ein Lärm? Was ist geschehn?

Die indianische Menge.
Die rote Sonnentochter, seht doch, seht!
Yakka, die Himmelsfrau! Die rote Göttin!

Prospero.
Sie wollen mich zum König machen, Pyrrha!

Pyrrha.
Du bist erschüttert, bebst. Du weinst, mein Vater?

Prospero.
O wüßtest du, mit welchem blut'gen Hohn
das Schicksal mir vernarbte Wunden aufreißt,
was es mir nahm und was es jetzt mir anträgt.
Verwundet durch Verlust, geheilt durch Weisheit,
packt des Geschickes Faust mich nochmals an
und will mich zwingen, ein Geschenk zu nehmen,
das mich zuletzt zum Kinderspott entwürdigt.
Und doch, und doch . . . wieviel regt sich in mir
von lieben, eitlen, totgesagten Kräften.
Der Nerv des Herrschers sengt mit Feuer mich,
und während Hohn in meinen Kiefern knirscht,
wütende Scham mir fast den Atem abpreßt,
schießt glühender Triumph in meine Wimpern
und macht mir beide Augen übergehn.

Die indianische Menge.
Er weint! Er gleicht dem Gotte in der Sonne!

Oro (nur zu Prospero).
Antworte, Herr, das Volk wird stutzig, es
zerspaltet sich sein einiger Wille leicht.

Prospero.
Du hast an einen Abgrund mich geführt
und von zwei Dingen mir die Wahl gelassen:
dem Sturz hinunter oder einer Krone.
Was sagt Tehura?

Tehura nimmt aus der Hand Oros eine Binde und legt sie Prospero ums Haupt.

Die indianische Menge.
                              Seht, die Tempeljungfrau
legt ihm die heiligen Binden schon ums Haupt.
Heil unserm Priesterkönig! Heil dem König!

Oro.
Oh, König, mir, dem Hohenpriester, ziemt's,
als erster dich mit diesem Ruf zu grüßen.
Und nun gewähre mir die Gnade, dir
als Pfand für ewige Treue das zu bieten,
was auserlesen war, die ersten Weihen
um deine Schläfen dir zu winden. Nimm
das Beste, was ich habe, nimm es hin:
die Königin! von gleichem Gottesblut
entstammt wie du: Tehura, meine Tochter.

Pyrrha.
Plagt diesen alten Wilden Wahnsinn, Vater?

Prospero.
Was sagt Tehura?

Tehura.                         Dies nur: nimm mich hin!

Prospero nimmt Tehuras dargereichte Hände. Amaru springt vor und erhebt die Keule, um Prospero zu erschlagen. Er läßt die Waffe jedoch wieder sinken.

Amaru.
Dem Lästerer der Götter Krieg, Krieg, Krieg!

Er entspringt.

Prospero.
Wer war das?

Oro.                       Der Empörer Amaru,
der lange schon im Volke tückisch umschleicht
und Zwietracht sät. Er sei verflucht, verflucht! –
Und nun sprich selbst zum Volk, sprich ihm vom Opfer.
Sag, was es hören will, und tu hernach,
was deiner beßren Einsicht würdig scheinet.
Sag etwa: heiligen Gebräuchen treu
soll nun das große Opfer der Versöhnung
alsbald vollzogen sein. Nicht wirst du, sprich,
der Gottheit reinen Blutes Zoll verweigern.
Sprich so, nicht anders, und sie werden dir
den Saum des Kleides küssen, ja, sie werden
sich selig preisen, wenn du sie nur anblickst.

Prospero.
Gedenkt des Opfers! Rüstet euch zum Opfer!

Brausender Jubel des Volkes.

 


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