Gerhart Hauptmann
Gabriel Schillings Flucht
Gerhart Hauptmann

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Erster Akt

Strand. Im Hintergrund das Meer im Spätnachmittagslichte eines klaren Tages Ende August. Rechts der Schuppen einer Rettungsstation, an dessen Mauer die Galionsfigur eines gestrandeten Schiffes angebracht ist. Sie ist aus bemaltem Holz und stellt eine Frau mit bauschigen Röcken dar, deren Kopf zurückgeworfen ist, so daß ihr bleiches Gesicht mit nachtwandlerischem Ausdruck dem Himmel sich darzubieten scheint. Ihr langes schwarzes Haar fließt offen über die Schulter. – Am Strande, im Trockenen, steht ein Fischerboot. Links vorn auf der Düne, dem Schuppen gegenüber, ein Signalmast mit Strickleitern usw.

Ein junges Mädchen, weiß und sommerlich gekleidet, liegt mit einem Buch zwischen Schuppen und Signalmast auf der niedrigen Düne: Lucie Heil.

Von rechts vorn kommt der etwa fünfundvierzigjährige Tischlermeister Kühn, gefolgt von einem Lehrling. Sie tragen blaue Schürzen, keiner von beiden eine Mütze. Der Meister grüßt Lucie, der Lehrling grinst sie an. An der Rückwand des Rettungsschuppens liegt ein Stapel fichtener Bretter. Zwei davon lädt Kühn dem Lehrling auf, und dieser trägt sie davon.

Kühn. Na, sind Sie auch wieder da, Freilein?

Lucie. Das gehört sich doch, Meister!

Kühn. Sie kommen immer, wenn die Zugvögel abreisen! Wenn die vielen Zugvögel bei uns Station machen, kommen Sie auch.

Lucie. Das stimmt.

Kühn. Wir warten immer drauf, daß der Herr Professor Ottfried Mäurer sich am Ende doch noch anbaut auf der Insel.

Lucie. Im vorigen Herbst war es nahe daran; aber der Windmüller ging mit seinem Preis plötzlich zu hoch hinauf.

Kühn. Die Leute sind dumm! Sie wissen nicht, was sie von der Hand weisen. Wenn so'n Mann wie Professor Mäurer sich hier auf der Insel ein Tuskulum hinsetzt, das würde doch für jeden hier von größtem Vorteil sein.

Lucie. Es wäre gar nicht gut, wenn die Insel bekannt würde; denn käme erst mal das ganze Großstadtgewimmel darüber hereingebrochen, dann wär's mit ihrer Schönheit wohl aus.

Kühn. Ist der Herr Professor Ihr Onkel, Freilein?

Lucie lacht. Nein, ich bin seine Großmutter, Meister Kühn.

Ottfried Mäurer erscheint vom Strande her über die Dünen. Er ist ein mittelgroßer, etwa sechsunddreißigjähriger blonder Mann mit rötlich-blondem Spitzbart. Sein Kopfhaar ist kugelrund geschoren; die Stirne breit. Ein Ausdruck schmunzelnder Schalkhaftigkeit belebt zuweilen den scharfblickenden Ernst seines Gesichts hinter der goldnen Brille und dem Kneifer. Er ist unauffällig gekleidet, hat einen blauen Mantel um, einen weichen Filzhut auf dem Kopf, einen gewöhnlichen Stock an den Arm gehakt und ein Buch, Quart, mit weißem Schweinslederdeckel, in der Hand.

Mäurer. Guten Tag, Meister Kühn.

Kühn. Schön'n Dank, Herr Professor! – Glücklich wieder auf Fischmeisters Oye angelangt?

Mäurer. Gott sei Dank, Meister. – Aber ich hatte es diesmal verdammt nötig.

Kühn. Na ja, wir haben's ja in der Zeitung gelesen.

Mäurer, schmunzelnd. Was haben Sie denn in der Zeitung gelesen?

Kühn. Von die schöne Bildsäule, die in Bremen errichtet worden ist.

Mäurer. Die hat mir verflucht Arbeit gemacht, können Sie mir glauben, die schöne Bildsäule. Ich bin froh, daß sie mir aus dem Gehege ist.

Kühn. Nu gehn Sie aber doch gleich schon wieder nach Griechenland?

Mäurer. Hat das etwa auch schon wieder in der Zeitung gestanden?

Kühn. Jawohl! Es gibt ja wohl Marmorbrüche dort, und da wollen Sie ja wohl Steine für neue Standbilder aussuchen.

Mäurer. Na, Gott sei Dank bin ich mal erst vorläufig hier! – Ich habe schon manchmal ganz gemütlich in Berlin in einer Weinkneipe gesessen und in der Zeitung gelesen, ich befände mich augenblicklich in Konstantinopel und modellierte die Tochter des Sultans. – Übrigens, wem gehört denn die Galionsfigur?

Kühn. Die hat der große Nordweststurm vor zwei Jahren an Land gebracht.

Mäurer. Sie gefällt mir; ich würde sie gerne kaufen.

Kühn. »Ilse Bilse, niemand will se, kam der Koch und nahm se doch . . .« Schuckert, glaub' ich, hat sie gefunden.

Mäurer. Ist das der junge Schuckert?

Kühn. Jawohl. Bei Schuckerten finden Se immer so was. Der Alte hat mal einen dicken goldnen Armring aus'm Wasser rausgebracht. Soll ich vielleicht mal mit ihm reden?

Mäurer. Ja, bitte, Meister; tun Sie das!

Kühn. Übrigens hat's mit dem Dinge, wie mir einfällt, 'ne kuriose Bewandtnis. Die dänische Brigg, von der's wahrscheinlich stammt und die hier draußen gesunken ist, hat der junge Schuckert zwei oder drei Tage vorher, jenau mit die Figur, bei schönstem Wetter wafeln gesehn.

Mäurer. Weißt du, was wafeln ist, Lucie?

Lucie. Nein.

Mäurer. In Schottland nennt man es second sight.

Lucie. Ach so, etwas mit dem zweiten Gesicht sehen.

Mäurer. Ja, zum Beispiel sein eignes Begräbnis.

Kühn. Gott sei Dank, ich leide nicht dran, trotzdem ich alle Augenblick mal mit Sargbretter zu tun habe.

Mäurer. Ist jemand gestorben?

Kühn. Nee, vorläufig nich; aber Vorrat muß sein. Er legt sich zwei Bretter auf die Schulter und geht. Adje, Herr Professor!

Mäurer. Wiedersehn, Meister Kühn. – – – Lucie und Mäurer allein. Na, Schusterchen, ich bin ja im höchsten Grade überrascht, dich hier zu sehen.

Lucie. Ich erst recht. Ich dachte, du bist auf die Südspitze zugegangen: deshalb habe ich mich hier in den Norden geschlängelt; es war wirklich nicht meine Absicht, dir aufzulauern.

Mäurer, schmunzelnd, kurz, stoßweise. So! So! Wirklich? Na na! Ein Musterkind! – Übrigens hast du gewafelt bei mir; denn ich wollte eben mal über unser grünes Kuhländchen nach dir Auslug halten. – Was liest du denn da?

Lucie. Rate.

Mäurer. Dann ist es nicht schwer zu raten: die Droste. – Wie lange liegst du schon hier, mein Kindchen?

Lucie. Schon lange Zeit. – Mit wem hat diese Figur dort eine gewisse Ähnlichkeit?

Mäurer faßt die Galionsfigur ins Auge. Ich weiß es nicht! Etwa mit deiner Mutter?

Lucie. Mit Mutter, gewiß.

Mäurer. Das finde ich nicht.

Lucie. Ich würde vielleicht auch nicht darauf gekommen sein; aber ich habe von Mutter geträumt. Ich ging mit ihr unten am Strand spazieren, nachts, und da hatte sie ihre Hand mit dem bloßen Unterarm auch so an der Halskette und auch einen Kranz auf, wie diese Figur ihn hat. Ich hatte wohl also Mutters Bild und dies hier unwillkürlich verschmolzen. – Ich träume hier überhaupt furchtbar lebhaft und schleppe, merkwürdigerweise sogar mitten im hellen Sonnenschein, einen heißen Kopf und den Spuk der Nacht mit mir herum.

Mäurer, lächelnd, gehoben. Aber sonst ist es wieder göttlich hier. Ich habe jetzt wieder Stunden erlebt, die unvergleichlich sind. Diese Klarheit! Dieses stumme und mächtige Strömen des Lichtes! Dazu die Freiheit im Wandern über die pfadlose Grastafel. Dazu der Salzgeschmack auf den Lippen. Das geradezu bis zu Tränen erschütternde Brausen der See – siehst du, hier hinter der Brille ist noch ein Tropfen! – Dieses satte, strahlende Maestoso, womit sie ihre Brandungen ausrollen läßt. Köstlich!

Lucie. Da hast du gewiß wieder interessante Ideen gehabt. Sie nimmt sein Skizzenbuch.

Mäurer. Nichts. Auf Ehrenwort, keine Linie. »Schreibtafel her, ich muß mir's niederschreiben.« Ich werde zwar diese unmoderne Gewohnheit nicht los, – aber vor so etwas heißt es einpacken. – Sag mal, den Brief von Schilling hattest du doch?

Lucie. Ich hatte ihn dir heut morgen wiedergegeben.

Mäurer sucht in den Taschen und findet den Brief. Richtig, freilich, da ist ja das Schriftstück. Es hat sich mit meiner Depesche gekreuzt. – Ich würde mich mächtig freuen, wenn Schilling sich endlich mal aus seiner Misere mit einiger Energie herauslöste. Hältst du's für möglich, nach diesem Brief? Du bist doch in solchen Sachen sehr schlau, Schusterchen.

Lucie zuckt mit den Achseln. Nach diesem Brief, Ottfried, allerdings. Freilich, sicher kann man es, wie die Sachen mit Schilling liegen, nicht voraussagen. Er scheint ja in einer Krisis zu sein, aber sag mal selbst, sein Verhältnis zu Hanna Elias ist schon manchmal in einer Krisis gewesen; und doch renkte sich alles immer wieder zu unsrem beiderseitigen Mißfallen ein. Du weißt ja, was sie für Mittel hat! Wenn sie es absolut will, daß er bei ihr bleibt, na, so geht sie zu Bett und kriegt vier Wochen lang Nasenbluten.

Mäurer. Äh, ich mag sie nicht! Ich bin in keiner Beziehung, nicht wahr, ein Weiberfeind; sie brauchen auch, weiß Gott, um mir zu gefallen, nicht alle deutsche Gänse zu sein. Aber diese Hanna macht mich ganz wild. Wenn ich sie ansehe, fast leichenhaft wächsern, wie sie ist, dann begreife ich nicht, wie sie leben kann, und hoffe, sie muß jeden Augenblick abschieben. Keine Ahnung! Sie lebt; sie denkt nicht daran und wird uns alle womöglich noch einbuddeln.

Lucie. Ja, Ottfried, das kann ganz gut möglich sein.

Mäurer. Verzeih' mir's Gott, wenn keine Aussicht vorhanden ist, daß sie in Bälde das Zeitliche segnet, dann muß mit Schilling erst recht was geschehn; dann muß man erst recht mit ihm einen letzten, rücksichtslosen Versuch machen. Dazu ist er zu gut, um an dieser Schürze zugrunde zu gehn.

Lucie. Wer weiß, vielleicht ist deine telegraphische Einladung gerade zur rechten Stunde gekommen.

Mäurer. Merkwürdig, dieser ruhige, schlichte Mensch, der mehr als wir alle in seinem gelassenen Wesen gefestigt schien, ist durch diese Person ganz aus der Bahn gerissen. Als sie auftauchte, dacht' ich das Gegenteil. Seine Heirat mit Eveline war Unsinn. Sie hat ihn sich, weil er immer gegen die Äußerlichkeiten des Lebens gleichgültig war, wenn man ihn nur ungestört malen ließ, einfach angetraut. Und da war er mit einemmal ihr Ernährer. Hanna hat mehr Reiz, mehr Selbständigkeit, und so glaubt' ich am Anfang, sie würde für seine Kunst das Rinascimento des vierten Jahrzehntes sein. Statt dessen stellt sie seine Existenz als Künstler und Mann überhaupt in Frage.

Lucie. Woraus erhellt, da sie ebenfalls von orientalischer Faulheit ist, daß Weiber, die nichts zu tun haben, bloß Unfug stiften; und ich habe mir deshalb fest vorgesetzt, ich will diesen Winter sehr viel Kolophonium für meinen Geigenbogen verbrauchen.

Mäurer. Hast du die tausend und aber tausend Stare und Schwalben auf den Strohmützen der Fischerkaten drüben in Vitte gesehn? Diese Aufregung, dieser Eifer, diese entzückende Reiselust! Packt es dich da nicht auch wieder mächtig?

Lucie. Wenn ich am Meer sein kann, mit dir allein, und an einem versteckten Platz, wo uns niemand beunruhigt, so weißt du ja, daß ich sträflich bedürfnislos und zufrieden bin. – Weißt du übrigens, was mich der Fischer gefragt hat?

Mäurer. Nun?

Lucie. Ach Unsinn, nichts! – Bloß, ob du ein Onkel von mir bist. – Ich habe gesagt, ich bin deine Großmutter.

Mäurer. Was die Menschen doch wie die Teufel neugierig sind! Aber laß das, Schusterchen, ärgere dich nicht! Klatsch macht man durch absolute Verachtung unschädlich! Hör lieber zu, was ich beschlossen habe. Nämlich, dem guten Schilling gegenüber ist mein Gewissen nicht ganz rein. Moralische Urteile sind eigentlich nur Bequemlichkeit; und doch hab' ich mich dieser Bequemlichkeit dem Freund gegenüber, als ich seine Handlungsweise nicht recht mehr verstand, leider schuldig gemacht. Wenn es ginge, möchte ich das gern jetzt wieder ausgleichen. Aber das ist vielleicht Selbstbetrug. Ich bin vielleicht nur gut aufgelegt und möchte mein Wohlbefinden noch steigern.

Lucie. Nun, ein ganz, ganz schlechter Kerl bist du ja gerade nicht.

Mäurer. Keinesfalls sehr viel schlimmer als andere! – Das Stück Geld unterm Großmast, was nicht nur nach dem Aberglauben der Fischer darunter gehört, hat Schilling leider immer gefehlt; er wäre sonst zweifellos besser gesegelt. Und man ist in Geldsachen ja leider, wo Not an Mann ist, auch nicht immer durchweg zum Anstand geneigt. Aber jetzt, wo die Bremer nicht knausrig gewesen sind, will ich mal alles wieder gutmachen. Ihr müßt beide mit mir nach Griechenland.

Lucie, lustig. Herrlich. Deine Brille funkelt ja förmlich, wie du das sagst. Und dein Haar sieht dabei schon wie eine Flamme auf einem Opfertiegel in Delphi aus.

Mäurer. Also will ich dir auch gleich mal was weissagen: jetzt schwöre ich dir, daß Schilling kommt.

Lucie. Und ich glaube es auch, ich kann es bestätigen, daß er drüben auf dem Fußsteige durch das Moor schon mehrmals gewafelt hat.

Mäurer beobachtet in die Ferne. Wirklich, ein Mensch kommt über das Moor gelaufen.

Lucie. Vor kaum zehn Minuten hat der kleine Dampfer von Stralsund drüben in Grobe angelegt. – Das ist er.

Mäurer. Er rennt wie ein Bürstenbinder. Teufel noch mal, das könnte wahrhaftig der Maler Schilling mit seinem Rucksack und seinem Pastellkasten sein! Er ruft. Ku-u-i!

Lucie. Da will ich euch erst mal allein lassen!

Mäurer blickt aus, zieht sein Taschentuch, schwenkt es und ruft. Ku-u-i! Ku-u-i!

Lucie ruft, schon von weitem. Was ist denn das für ein Ruf?

Mäurer. Ku-u-i! So rufen die afrikanischen Buschleute.

Lucie. Er bleibt stehen. Sie will fort. Adieu!

Mäurer. Adieu, mein Kind, adieu! Ich will mal kurzen Prozeß machen. Wenn er es nicht ist, komm' ich dir nachgerannt. Er läuft nach rechts hin ab.

Lucie blickt noch immer über die Dünen ihm nach, kommt plötzlich hervorgeeilt, klettert einige Stufen sehr gewandt die Strickleiter am Signalmast hinauf, dort schwenkt sie das Taschentuch und ruft. Ku-u-i! Ku-u-i! Ihr findet mich bei Klas Olfers im Krug!

Um den Schuppen herum kommt abermals Tischlermeister Kühn.

Kühn. Kommt neuer Besuch?

Lucie. Ein ganzer Gesangverein, Meister, der Professor Mäurer ein Ständchen bringt. Sie springt herunter und läuft davon, ab.

Von links kommen eine Anzahl Fischer mit aufgekrempelten Hosen und blauen Jacken über die Dünen. Der junge Schuckert ist darunter. Es sind meist große, breitschultrige blonde Gestalten mit gedrungenen Bärten. Einige tragen ihre Transtiefel in der Hand. Etwas Lautloses, Visionartiges ist in ihren Bewegungen.

Kühn. Schuckert!

Schuckert. Wat is?

Kühn hat ein Brett auf seine Schulter geladen. Help mi man noch een Brett up de Schuller.

Schuckert kommt zu ihm herüber. Na denn fix tau!

Kühn. Wist du dat Ding doa baben verkoopen?

Schuckert. Wat denn for'n Ding?

Kühn. Dat Weib ohne Fiet.

Schuckert. Hähähä! Wat hast du woll in din Breegenkasten, det du dat Unglück erhanneln wilt!

Kühn. Wer seggt dir, dat ick dat erhanneln will. De fremde Professor will et erhanneln!

Schuckert. De Fremde, de bi Klas Olfers is? Hähähä! Tschä, worum nich. Dat wier woll am Enn all mieglich to maken. – Adjüs Kühn! Er setzt seinen Weg über die Dünen fort, nachdem er dem Tischler noch zwei Bretter aufgeladen.

Kühn. Hierst, bring dat Ding dal in'n Krug. Wist nich?

Schuckert. Jau, jau.

Kühn. De fremde Professor zahlt proper, segg' ick!

Schuckert. Hei soll ja wull hier baben een bißken sin! Tippt sich mit dem Finger an die Stirn.

Schuckert folgt den anderen Fischern und stößt mit ihnen unten vom Strand ein Segelboot durch das flache Wasser ins tiefe Meer. Meister Kühn rückt die Bretter auf die Schulter zurecht, dabei fällt ihm eins wieder herunter. Gleich darauf taucht Mäurer und sein Freund Schilling auf. Dieser ist ein hoher, blonder, bartloser Mensch, mehr der Typus eines feingeistigen Schweden als eines Deutschen. Die Kleider hängen sehr lose um seinen mageren und eleganten Körper. Das Gesicht wirkt durch tiefliegende große Augen und Magerkeit etwas verfallen. Strohhut, Sommerüberzieher, Pastellkasten.

Schilling. Halten Sie mal, bleiben Sie mal stehen, Mann! Er stolpert herzu, läßt den Malkasten fallen und faßt das heruntergefallene Brett an einem Ende mit zwei Händen an. Komm, faß mal die andre Seite an, Ottfried!

Kühn. Sie sind ja zu gütig! Recht scheenen Dank, meine Herren!

Mäurer springt herzu, faßt die andere Seite des Brettes, und er und Schilling fangen an, damit zu wippen. Na also, da sind wir ja wieder mal drei vergnügte Berliner zufälligerweise auf einer unentdeckten einsamen Insel zusammengeschneit.

Schilling, wippend. »Berlin, Berlin, du dauerst mir!« Sie legen dem Tischler das Brett auf die Schulter.

Mäurer. Das ist nämlich'n richtiger Berliner, mein Sohn.

Kühn. Ick habe nämlich, wie dat so is und dat mein Metier so mit sich bringt, een jroßes Pläsier an d' Särge machen. Särge hab' ick sehr jern, bloß meinen eignen nich. Und wie nu mal, draußen am Schlesischen Bahnhof hab' ick jetischlert, der Fremde kam, der wo so klapprige Beene hat, und uzte mir, dat ick ma nu sollte meinen eignen hölzernen Schlafrock machen, da dachte ick mir: vorwärts, nu aber raus aus Berlin. Jawoll, de Ärzte hatten mir uffgegeben, und hier bin ick wieder fuchsmunter jeworn. Er nickt und geht mit seinen Brettern auf der Schulter ab.

Schilling stutzt, betrachtet abwechselnd seine offenen Hände, die er sich harzig gemacht hat, und sieht dem Tischler nach. Komisch, wie so 'ne Stimme hier anders klingt und wie so'n gleichgültiger Kerl hier anders aussieht als wie in Berlin – und wie so'n Brett sich anders anfaßt. Er ruckt sich zusammen und nimmt seinen Malkasten wieder auf.

Mäurer. Mensch, es war der allerschlauste Gedanke, den du seit Jahren gehabt hast, daß du gekommen bist.

Schilling, kurz, befremdlich. Es hat sich gemacht.

Mäurer. Na also, es mußte sich auch mal machen. Das war doch zum Beinausreißen mit uns; man konnte deiner ja gar nicht mehr habhaft werden. Wie geht's, wie steht's?

Schilling. Wie du siehst, famos!

Mäurer. Wirklich, du siehst ausgezeichnet aus. Etwas spack natürlich, das macht die Stadt; aber wie du daherkamst, mit Jünglingsschritten, da sahst du wie'n mittlerer Zwanziger aus.

Schilling. Ja, das macht das geregelte Leben, mein Sohn. Hübsch ausschlafen, nachts! Keine gegipsten Weine trinken! Nimm dir ein Beispiel, wenn du kannst, denn deine Nase hat etwas Verdächtiges.

Mäurer faßt sich an die Nase. Stimmt! Aber sage, Junge, was soll man tun? Unsereiner, der wie ein Maurer arbeitet, kann ohne was Geistiges eben nicht sein. Du hast dir das Trinken abgewöhnt?

Schilling. Das will ich nicht grade behaupten, Ottfried.

Mäurer. Nanu, Augen gradaus! Ist das nu was oder nicht? Ist so'n Anblick die acht Stunden Bummelzug etwa nicht wert, mein Sohn?

Sie vertiefen sich beide in den Anblick der See, die man laut und gleichmäßig rauschen hört, und in das Leuchten des blutroten Abendhimmels.

Schilling, dem die Augen vor Erschütterung überlaufen. Es ist verflucht, wie unsereiner nervös auf dem Hunde ist. Man merkt das vor so einem plötzlichen Eindruck.

Mäurer. Das ging Lucie und mir nicht anders, Schilling. Als plötzlich die langen Schaumlinien auftauchten – wir kamen zu Fuß vom Fährhaus herüber zum westlichen Strand –, das hatte uns beide höllisch überrumpelt; und ich glaube, wir haben beide, ich weiß nicht wieso, wie Kinder geflennt. Übrigens weißt du ja wohl, ist im Frühjahr Luciens Mutter gestorben.

Schilling, sonderbar ängstlich. So? Ist sie gestorben? Ach! Woran?

Mäurer. Hat dir Rasmussen nicht davon gesprochen?

Schilling. Rasmussen hab' ich jetzt nicht gesehen . . . wie lange? – Gut anderthalb Jahre nicht.

Mäurer. Er hat Frau Heil zuletzt noch behandelt.

Schilling, nach längerem Stillschweigen. Ja, wie das mit einem so eigensinnigen, in seinem Fach bornierten Menschen wie Rasmussen eben ist. Wessen unsereiner bedarf, das begreift er nicht. Ich hasse auch alle Moralphilister! Und er hat einen förmlichen Haß auf die Kunst. Wissenschaft! Nur immer Wissenschaft! Wissenschaft hier und Wissenschaft dort! Und im Namen der Wissenschaft jeglichen Unsinn. Und nun erst in Geschmacksdingen –: hottentottenhaft! Ich mußte mal mit ihm reinen Tisch machen.

Mäurer. Du, du, vermiese mir unsern Rasmussen nicht. Ein Kerl . . . na, mit einem Wort: nicht zu spaßen. Solid! Wo man ihn anfaßt, ist auch was.

Schilling. Sag mal, an was ist Frau Heil gestorben?

Mäurer. Ein Herzleiden scheint es gewesen zu sein.

Schilling, tief atmend. Kein Wunder, wenn man bedenkt, in welch stickige Atmosphäre die Menschen der Großstadt lebenslang eingekerkert sind. Leben heißt ihnen sich aufregen, und an diesen ununterbrochenen Überreizungen sterben sie dann natürlich frühzeitig scharenweise elend hin! – Du kannst dir nicht denken, Ottfried, wie sehr ich diesmal nach dem Anblick gelechzt habe.

Mäurer. Warum nicht? Es ging mir genau so wie dir.

Schilling. Unmöglich! Ich habe mitten im Lärm und Asphaltgestank der Friedrichstraße schon immer das Meer vor Augen gesehen, tatsächlich, als richtige Luftspiegelung. Ich habe immer danach gegriffen! – Ich bin wie ein Seehund! Ich möchte gleich Hals über Kopf mitten hinein.

Mäurer. Das finde ich schließlich auch weiter nicht merkwürdig. Du solltest mal Lucie reden hören in ihrer fanatischen und direkt waghalsigen Badewut.

Schilling. Das ist auch was andres, das meine ich nicht. Ich glotze diesmal die See mit Augen an . . . wovon ihr keine Ahnung habt, Kinder. Als wenn einem der Star gestochen worden ist. Dort stammen wir her, dort gehören wir hin.

Mäurer, lachend. Du bist Wasser und sollst zu Wasser werden! – Wie geht's deiner Frau? Willst du was rauchen, Schilling?

Schilling, fahrig, zerstreut. Wie Pauken und Zimbeln klingt das im Kopf! – Rauchen? – Eveline ist munter, Gott sei Dank! Soweit das bei ihr überhaupt möglich ist, nämlich. Eigentlich hab' ich sie, ehrlich gestanden, nie wirklich bei guter Laune gesehn. Er läßt sich auf der Düne nieder. Sprechen wir lieber von was andrem. – Es kommt nämlich immer darauf an, wenn es sich um Miseren handelt, ob man imstande ist, sie zu beheben. Hat man das aber bis zur Verblödung auf jede erdenkliche Weise vergeblich versucht, so erscheint der gloriose Moment, wo man hundeschnauzengleichgültig wird: und dieser Moment ist bei mir erschienen!

Mäurer klopft ihm auf die Schulter. Fortschritt, mein Junge, wenn es so is!

Schilling. Na natürlich, Fortschritt! Etwa nicht? Glaubst du, ich wäre sonst hergekommen? – Sonst hätt' ich mich nicht aus dem Staube gemacht!

Längeres Stillschweigen.

Mäurer. Wie war's, wenn wir nun als zwei alte Freunde, Schilling, auf alle Umschweife ganz verzichteten und auf sogenanntes Zartgefühl. Nehmen wir mal an, unsre Gefühle füreinander sind ehrlich und anständig; warum sollen sie denn da nicht offne und starke sein! Wenn du's also nicht krummnimmst, so frage ich dich . . .

Schilling. Mit Hanna Elias ist es zu Ende. Längeres Stillschweigen. Ich kann dir sagen, du glaubst es nicht, wie ich die Zeit – die mir immerhin früher mal kostbare Zeit! – diesen Sommer wieder mit Scheffeln und Mollen wahnsinnig verschleudert habe. Ich kann keine Wanduhr mehr ticken hören, ich erschrecke bei jedem Pendelschlag.

Mäurer. Wer hat nicht mit Weibern Zeit verloren! Ja, welcher Mann, der wirklich einer ist, hat sich nicht selbst mehr als einmal an Weiber verloren. Das schadet nichts! Man läßt sich fallen, man hebt sich auf, man verliert sich, und man findet sich wieder. Hauptsache bleibt, daß man Richtung behält. Wenn man Richtung behält und entschlossen fortlebt, so wette ich tausend gegen eins, was schlecht geheißen hat in der Zeit, muß dann in der Zeit auch wieder mal gut heißen.

Schilling. Ach, Junge, ich habe in meinem verpfuschten Leben zu schrecklich viel niederträchtigen Unsinn verdaut. Mit meiner unanständig anständigen Anlage habe ich, weiß der Teufel, so oft Fiasko gemacht, daß ich allen Ernstes darüber gegrübelt habe, wie man es anfängt, recht grundgemein, schweinemäßig praktisch zu sein. Ich bin talentlos, ich kann es nicht. Dabei hab' ich die Welt auf die allerverschiedenste Weise beguckt: durch die hohle Hand, durch die Beine, von oben, von unten, von hinten, von vorn. Und ich kann mir nicht helfen, ich habe immer nur eins gesehen: von weitem macht sie sich ziemlich entfernt, aber aus der Nähe dafür über alle Begriffe stupide, gemein und unanständig.

Mäurer. Schilling, ich lasse die Welt, wie sie ist; wir wollen uns damit weiter nicht aufhalten. Ich habe dir selber, glaub' ich, auch nicht immer bloß die schöne Fassade gezeigt. Laß das, vergiß es, denk nicht daran! Und jetzt, Junge, sag' ich mal etwas Mystisches: wir sind aus der gleichen Generation. Ich behaupte, da wir beide im gleichen Jahre an der Außenfläche unsres Planeten erschienen sind, so sind wir auch schon vorher miteinander gewandert, in ähnlichem Rhythmus, in ähnlichem Schritt. Und wenn wir auch äußerlich nicht vereint gewesen sind, so sind wir jetzt, wo wir uns wiedertreffen, im tieferen Sinne gleich weit gelangt. Also schreiten wir nu mal wieder eine gute Strecke stramm bewußt miteinander.

Schilling, forciert. Topp, Kinder, hier wollen wir lustig sein! Deibel noch mal, tüchtig deutschen Sekt saufen und so tun, als wären wir siebzehn Jahr mit den allergrößten Rosinen im Sack und hätten die Nase nicht voll gekriegt. Beide Freunde geraten in eine nervöse Heiterkeit; alsdann stutzt Schilling, die Galionsfigur gewahrend. »Eiapopeia, was raschelt im Stroh!« Was ist denn das für 'ne seltsame Heilige?

Mäurer. Das ist von einem gestrandeten Schiff die Galionsfigur.

Schilling. Äh, überall diese wahnwitzigen Weibsbilder!

Mäurer. Etwas übergeschnappt sieht sie wirklich aus.

Schilling. Sag mal, findest du da keine Ähnlichkeit?

Mäurer. Lucie behauptet, mit ihrer Mutter.

Schilling. Nein, Luciens Mutter meine ich nicht. – Im Ausdruck, das Haar, auch in der Bewegung.

Mäurer. Mir dämmert es schon! Aber ich billige dieses Ähnlichkeitsaufstöbern nicht. – Trau einem alten, gezausten Fuchs wie mir, mein Sohn: verwickle dich nicht in Ähnlichkeiten. Das sind Schlingen, die man sich selber legt. Und wenn wirklich die Holzpuppe Hanna Elias ähnlich sieht, so mache dir klar, sie hat mit ihrer lüsternen Nase ihr ganzes Schiff in einen nicht grade feuchtfröhlichen Abgrund verführt. – Atme, Mensch, trinke die starke Luft, und laß das Gespenst deines Lebens von gestern dein wirkliches Leben von heut nicht mattsetzen.

Schilling. Da ist keine Gefahr mehr, Gott sei Dank! – Ich sage dir ja, diese Sache mit Hanna ist versunken. Wir haben uns endlich mal so vollkommen geklärt, so in alle Winkel unsrer Beziehung hinabgeleuchtet, daß da absolut nichts mehr zu erörtern bleibt.

Mäurer. Dann gratulier' ich von Herzen, Schilling.

Schilling. Verdorben, gestorben, eingesargt, zwölf Klafter tief unter die Erde begraben. – Und, Ottfried, den Gefallen mußt du mir tun: kein Wort, keinen Laut mehr von dieser Geschichte. – Du kennst mich ja; ein für allemal, Ottfried: wenn mir mal 'ne Erinnerung über die Leber läuft, bitte, laß mich, bemerke es nicht. Es sind manchmal läppische Kleinigkeiten!

Mäurer. Ähnlichkeiten!

Schilling. Ein dunkles Auge . . . irgendein Zug um den Mund, das kann Tote wieder lebendig machen! Aber dann laß mich, störe mich nicht! Denn das lähmt mich in meiner Brutalität. Man muß brutal sein, man braucht alle Kraft, um so eines bleichen gestrigen Wesens Meister zu sein! Er springt auf, wirft Hut, Stock und Rucksack weg und beginnt sich auszukleiden. Und nu, Junge, Reinheit, Freiheit! Luft! Gott sei Dank, ja, man kann hier wieder mal atmen! Hoffentlich kommt bald'n Sturm! So was Wildes, Frisches, Tolles, Brausendes, Salzhaltiges brauche ich! – Ein Bad! – Kein Weibergeplärr! Kein Zungengedresch in Nachtcafés! In Freiheit zugrunde gehn, meinethalb – nur nicht vergurgeln in einem Abraumkanale! Er rennt, halb entkleidet, gegen die See hin.

Mäurer. Nicht zu weit hinein, Schilling!

Schillings Stimme. Bade mit, Ottfried! Herrlich! Ahoi, ahoi!

 


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