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Die große Stille in den Gemächern und die stummen Freiheiten des Alleinseins schienen alles zu erweitern, gefügig und bereit zu machen und die Dinge auszudehnen wie eine laue Flut. In der Hoffnung großer Erlösungen warteten die vier Augen auf irgend eine Hand, die sich einmal plötzlich aus der Dämmerung hervorrecken müßte, auf die Hand irgend eines Geschickes, die den Schlüssel all diesem Letzten, Stillen, Geheimnisvollen hinreichen würde. Überall klafften die Türen, die sonst immer so dunkel verhangen waren in Pantegans Tagen, und über die zernagten Perser trippelte das behagliche Geschlecht der Lemminge.

Julias Seele ruhte aus von dem Zwang der Härte, und auch ihre Seele löste die laue Flut des Friedens. Nur selten fühlte sie sich angefaßt und umklammert, wenn irgendwo eine Uhr schlug oder die Glocke ging. Dann zuckte ihr Gesicht, und sie sprang auf, um in ihr Schlafzimmer zu laufen und irgend etwas zu suchen, was noch vergessen worden war.

»Du bist ein glückliches Weib, Julia, weil Du den Sinn für Pflicht und Verantwortung so in Dir nährst und ihn so scharf empfindest.« Und er lächelte wieder, blond, breit und satt wie nach einem Frühstück. Und mit seinem Kandidatenlächeln kehrte auch die Stille wieder Zurück, die von einer flüchtigen Welle gestörte Ebbe des Lebens.

 

Drüben in den Laubgängen des großen Gartens rüsteten sich die Wandervögel, die südlichen Enten schlugen fröstelnd mit den Flügeln und man begann Schutzhütten zu bauen für sie am Teich.

»Wir wollen im Herbst auf- und abgehen, Julia. Ich bin eigentlich ein herbstlicher Mensch. Ich will den Herbst wieder einmal ganz für mich haben, das heißt, ich will ihn Dir zeigen, ihn Dir erklären.«

Und sie gingen den Weg zum Baum hin wie am ersten Tag. »Siehst Du, Julia, jetzt ist unsere Weide noch viel schöner. Im Frühjahr war sie voll Bienen und gefräßigem Käfervolk, jetzt erscheint sie still und nachdenklich müde. Wir wollen noch eine Weile hier warten. Ich finde diesen herbstlichen Baum so verständig und mütterlich. Ich denke, hier müssen wir alle unsere Geheimnisse loswerden.«

Das Gesicht des Kandidaten stand breit offen allen Geständnissen, wie jene Türen in Pantegans Haus, die nunmehr aufgerissen waren und zwischen denen die laue Flut des friedlichen Müßigganges leise auf- und niederbebte.

»Eine lange Ebbe muß dann kommen und wir werden die Segel einziehen nach all der Flut und den vielen Gewittern. Nach all dem was wir uns noch sagen müssen, wird uns dann Ebbe gegeben werden.«

Julia suchte verwirrt in den Vertiefungen des zerscharrten Sandweges.

»Es ist vielleicht ein Siegel auf manchen Seelen, Erich, und keiner darf daran rühren, nur der Eine, dem es gehört.« Ihre Stimme klang unsicher, fast aufgeregt, und doch dumpf und farblos.

Der Kandidat stutzte, sein Lächeln schien straucheln zu wollen, und eine tiefe Falte bildete sich in den rasierten Backen.

»Ich kann Dich nicht verstehn. Es ist mir die Luft hier zu ruhig. Ich höre jeden Vogel, der vor dem Einschlafen singt, und jeden Spanner, der geräuschvoll flattert, und vor allem das, was in mir selbst spricht. Es lenkt mich hier alles ab. Komm, wir wollen lieber in Deine Zimmer zurück. Dort sagst Du mir, was noch Letztes zu sagen ist.«

»Ich schreib es seit Jahren auf, lieber Erich. Ich war noch ganz klein, da konnte ich schon schreiben und schrieb alles auf. Ich habe das ganze Schicksal aufgeschrieben, und an alle habe ich gedacht, die neben mir waren, an die Geburten und die Begräbnisse. Weißt Du, Erich, manchmal glaube ich, daß ich schon tot bin, und dann komm ich mir so klug vor.«

Es war diesmal ein langer Weg, dieser rote Sandweg durch den Park, fortgesetzt durch die graue Straße mit ihren Laternen, der Weg, der zwischen dem Schweigen und den Geständnissen lag.

Aber wie viel Julia auch von ihrem Schicksal eingestand, sie verstand es dennoch, den Kandidaten an den Zerwürfnissen ihrer Seele vorüberzuführen. Und auch als sie den Rest der Blätter, die sie vor Pantegans Augen gerettet hatte, vor ihm aufdeckte, vermochte er kaum Anderes zu ergründen als Kindheitserinnerungen. In dem ungeschickten Gekritzel der Kinderhand wie in der gehorsamen Schrift des Mädchens eilten die Geschehnisse wie flüchtige Lieder.

»Ich muß Dir jetzt die Augen zuhalten, Erich.« Und der Bräutigam-Kandidat bog seinen Nacken und ließ sich gefügig die kühlen Finger über das Gesicht legen. Begehrlich streichelte er die Innenflächen dieser weichen, kühlen Hände mit seinen Wimpern, und der Rest Nachdrücklichkeit und ehrenhafter Männlichkeit des Wesens mußte aus der Situation flüchten.

»Da ist eine Stelle für mich ganz allein gewesen, Erich, beinahe eine Dummheit«, lächelte Julia, blätterte schnell und befreite die Kandidatenaugen von den kühlen Fingern, die wieder zurückgingen zu den Liedern des Erlebnisses.

»Hier ist der erste Tag. Hör, Erich, wie dumm kleine Kinder sind. Ich möchte ein Kind haben, das schreiben kann und so dumm ist, wie ich war. Sieh doch die Buchstaben – sie sind selbst alle wie dumme Kinder und haben Zappelbeine.«

Der Kandidat durfte dann das Blatt einsehen, und es wurde ihm warm bei dem Gedanken, seine Liebe vielleicht einmal fleischlich erweitern zu dürfen. Es war das erste Mal, daß er sich als Erzeuger fühlte, und daß von Kindern gesprochen wurde.

Julia las; ihre Stimme veränderte sich, ihre Augen und Lippen schienen sich als Verräter zu fühlen und wurden unsicher.

»Du sollst Dich nicht schämen, Julia«, – der Kandidat flocht eine gemütvolle Gebärde ein – »alles, was in Dir geschehen ist, wird ein Gesang in Deinem Mund. Du hast eine Kirche um Dich gehabt. Und nur weil Du so viel Arme und Elende in Deiner Kirche gesehen hast, bist Du manchmal traurig gewesen.«

Der Kandidat rückte einen Stuhl zurecht und schloß die Augen in der Gebärde der andächtigsten Zuhörer.

»Also der erste Tag, Erich.«

Die Sonne sitzt auf meinen Händen. Ich habe ihr ein Bett gemacht, sie ist sehr schön und leuchtet. Draußen sind viel Blumen, ganz viele, und über den Bäumen fliegen Mücken und Schmetterlinge, weiße und schwarze und gelbe und rotgetupfte. Die Mutter ist auch da. Aber sie sagt nichts. Sie ist so wie die Mutter in meinem Bilderbuch, dort wo die letzte Geschichte aufhört. Es ist ein kleines Bild hinter dem letzten Satz, ein Bild von einer Mutter, und das Bild hat die Augen zu.

Ich möchte gerne meine Mutter fragen, warum die Sonne so warm und so gelb ist. Ich weiß doch, daß die Mutter auch manchmal ein Bett für die Sonne macht, wenn sie allein dasitzt. – Aber ich will doch lieber nicht fragen, weil die Mutter so still ist wie in dem Bilderbuch am Ende und weil ich mich fürchte.

 

Jetzt ist Sonntag. Vielleicht sind zu viel Menschen bei uns, und einer hat einen ganz langen schwarzen Bart. Der ist wohl ein Fürst oder der Kaiser. Er hat einen langen schwarzen Rock und erzählt immer vom lieben Gott.

Und dann gehen wir hinaus mit dem Herrn, der den langen Bart hat und immer vom lieben Gott spricht.

Ich möchte gerne wissen, wer der liebe Herr Jesus ist und der Kaiser und warum unser Herr einen langen Rock hat und ein schwarzes Buch in der Hand. Am Weg steht eine Bettlerin, die singt ein Lied. Sie hat eine heisere Stimme, und die Vögel lachen sie aus, weil sie eine heisere Stimme hat. Ich sage es meiner Mutter, und die Mutter sagt, es wäre dumm, die Vögel könnten nicht lachen. Ich weiß aber, daß es doch wahr ist, daß die Vögel lachen können, und daß die Bettlerin nicht singen und nicht lachen kann.

Der schwarze Mann geht mit uns in die Kirche, und die Bettlerin läuft hinter uns her. Meine Mutter weint, ich weiß nicht warum, aber ich glaube, daß Mütter oft weinen müssen oder ganz still sein, wie es in meinem Bilderbuch gemalt ist.

 

Ich setze mich ins Gras und denke nach, warum wir eigentlich arm sind. Ich möchte lieber ein Schmetterling sein. Der Graf bei uns hat sich ein neues Pferd gekauft und reitet auf dem Pferd. Es ist ein ganz weißes und schleppt seinen Schwanz hinter sich her wie ein weißes Tuch. Der Graf sieht mich an und lacht und zeigt auf sein neues weißes Pferd. Der Graf spricht zu mir. Ich hab' es nicht verstanden und seh nur, daß er von seinem neuen Pferd herunter steigt. Und er nimmt mir meine weiße Sternblume aus der Hand und hebt mich auf das Pferd. Er hält mich fest, und ich fürchte mich. Aber ich freu mich doch, daß ich so hoch bin und reiten kann.

Der Graf führt das Pferd weiter durch die Bäume, ich sitze darauf und der Graf spielt mit meiner Blume. Er zupft ihr die Blätter nicht ab, wie die andern Leute von den Sternblumen, er hält sie nur immer in der Hand und dreht den Stiel. Ich schaue über das Pferd hinüber auf den Turm. Ich bin so hoch, und das Pferd ist so schön.

In dem Turm läutet der Küster Mittag. Wir reiten zu meiner Mutter, und dann sind wir da. Das Pferd und der Graf bleiben draußen stehn, weil das Pferd zu groß ist. Vielleicht ist der Graf der Kaiser oder der liebe Jesus.

Dann geh ich hinein. Meine Mutter schläft. Sie hat sich eine Kerze angezündet. Ich traue mich nicht hin, weil sie so still ist, wie eine Tote. Ich lösch die Kerze aus, weil doch schon Tag ist und die Sonne scheint. Dann geh ich wieder zu dem Graf und sag ihm, daß meine Mutter schläft. Der Küster läutet noch immer, und der Graf steht ganz still neben dem weißen Pferd und hat die weiße Sternblume in der Hand. – – Und ich frag ihn, ob er der liebe Jesus ist. Aber er hat nichts gesagt und ist wieder fortgeritten. Da ist mir so bange nach ihm. Ich kriech zu meiner Mutter ins Bett, die ist ganz kalt.

In der Kirche ist es jetzt Winter, und die Blumen hier in der Kirche sind ganz kalt und hart – wie aus Eis. Schmetterlinge und Vögel fliegen nicht in die Kirche hinein, und der liebe Gott ist fast immer allein. Nur der Herr Geistliche kommt zu ihm und sagt ihm dann etwas ganz leise hin, bis er es versteht.

 

Auch der Herr mit dem langen schwarzen Rock ist nur ganz selten da und sitzt in der Bank. Man sieht seinen Kopf nicht, weil er weint oder in seinem Buch liest. Ich glaube aber, er liest nur in dem Buch. Ich kann ihn nicht leiden, weil ich zu viel Angst vor ihm hab und weil er damals wie ich geweint habe, gesagt hat: Gehe hin, mein Kind, deine Mutter schläft.

Draußen um die Kirche herum ist ein großer weißer Garten. Der ist wohl das Bett, wo meine Mutter drin liegt. Warum schläft sie immer?

Der schwarze Herr kommt aus der Kirche heraus und schaut mich an. Sein Gesicht ist gelb und häßlich, und er sagt zu mir: Pflück nichts ab, mein Kind, die Lilien hier sind Gottes Lilien.

Und er geht wieder von dem Bett fort, wo meine Mutter schläft. – Ich möchte gern Schmetterlinge fangen und sie in der Kirche auslassen, damit sie sich auf die gefrorenen Blumen setzen. Wenn ich noch den Strohhut hätt von meiner Mutter und noch Sommer wär, könnte ich ganz alle Schmetterlinge fangen, die wo auf dem Bett von meiner Mutter sitzen.

Dann geh ich wieder zur Türe von der großen Kapelle. Da riecht jetzt der Rauch und der Herr Geistliche küßt auf das große Buch. –

– – – Draußen in dem weißen Garten aber reitet der liebe Jesus auf einem weißen Pferd – – – ich bin ganz still und rühr mich nicht. Er ist groß wie ein Graf und lacht so freundlich und das Pferd geht sehr leise und langsam, damit es meine Mutter nicht weckt. Aber ich hab jetzt keine weiße Blume, weil es der schwarze Herr nicht will. Der liebe Jesus lacht mich doch an und reitet über das weiße Bett wo sie meine Mutter hingelegt haben.

 

Ein Fink singt in der Fichte vor dem Haus. Der schwarze Herr geht vorüber, aber er ist nicht mehr so schwarz wie früher. Seine Haare, sein Bart, sein Rock und sein Schirm sind ganz grau geworden. Er droht mit dem Schirm zu mir herüber, weil ich im Garten vor dem Haus sitze und nachdenke. Die Buben schreien: »Der Idiot kommt!«, wenn der Herr so spaziert. Dann spuckt er aus und geht weiter.

Dieses Jahr ist so verregnet. Ich muß immer denken, daß das Leben viel zu lang ist, und es gibt zu viel Geburtstage, immer einer nach dem andern kommt, immer noch einer. Der Fink ist weggeflogen, der hat sich vielleicht eine andere Fichte im Schloß gesucht, da singt er jetzt. Aber der Herr Graf ist nicht mehr zu Hause, und der Herr Jesus auf dem Schimmel hat sich vielleicht irgendwo verirrt. Nur der alte Herr und der Regen sind noch da, und überall droht einer mit dem Regenschirm nach mir. Heute bin ich sechzehn.

Ich möchte alles los sein, das Haus mit dem nassen Dach und die Fichte und das Gespenst mit dem Regenschirm.

Drüben, ganz drüben ist eine Stadt, der Fink weiß wo, abends fliegt er sicher hin und lacht mich aus, wenn der graue Herr mit dem Schirm droht.

Ich bin so traurig, weil ich alles nicht dürfen soll. – Ich könnte eigentlich am liebsten in die Stadt fahren und fragen, wo der liebe Jesus hingeritten ist. Die Menschen in der Stadt haben alle ganz große Augen und dürfen alles dürfen.

Gute Nacht, liebe Buben, gute Nacht, lieber Fink.

Der Fink ist fortgeflogen, und der Idiot will auch nicht mehr kommen. Die Buben spielen im Bach, mit ihren kleinen Füßen machen sie sich kleine Flüsse und kümmern sich um nichts mehr hier. Ich möchte sie gerne wieder schreien hören. Sie sollen schreien: »Der Idiot kommt«. Aber der Bach ist ihnen lieber, und der Regen spielt mit ihnen. Er hat ihnen das Haar verschwemmt, und ich hör sie lachen. Alles ist sonst so still, und nur die Regentropfen schlagen auf das Blech.

Da klopft einer. – – –

Der Fremde spielt mit meiner Tante Schach. Sie lachen sich verdorben an. Sie gefallen mir nicht alle Beide, drum gehe ich ans Fenster, als wollt' ich den frechen Fink suchen.

Etwas Weißes bewegt sich in den Feldern drüben. – – – Da sagt der Fremde: »Schach dem König.« – Ich möchte ganz laut aufschreien, aber der Fremde hat schon längst meine Stimme erwürgt.

Gute Nacht, lieber Jesus.

– – – – – – – – – – – – – – –

Und doch ist heute alles so hell geworden, ich weiß nicht, warum. Der liebe Gott reitet vielleicht durch die Dörfer, es ist so schade, daß ich mit dem Fremden wegfahren muß. Wer kann wissen, wo ich hinfahre. Es ist kalt, meine Hände sind wie erfroren. Der Fremde lacht mich an. Ja, ich verstehe ihn schon. Die Hunde bellen gegen mich, sie sehen, daß ich fortfahre, und ich streue das Reisebrot zu ihnen hinunter. Sie fressen es aber nicht, und da faßt mich der Fremde an der Hand und küßt mich auf den Mund. Er will, daß ich ihn auch küssen soll, aber ich schäme mich, und mir ist so kalt.

»Schämst Du Dich vor den Hunden da?« fragt er.

Aber ich sage nichts und sehe sie alle an, wie sie neben mir herbellen und so jämmerlich sind und so elend. Ich weine, und der Fremde legt seine Hand auf meine Kniee. Da kehren die Hunde um, und ich sehe sie nicht mehr.

– – – – – – – – – – – – – – –

Mir ist so, ab ging ich zum letzten Mal zur Kirche. Er ist immer neben mir, der, und redet mich an mit seiner fremden Stimme. Er flüstert, aber seine Worte stechen in die Haut, wie die Stacheln von einer groben Bürste. Es ist so, als ob lauter Blut über mich hinunterrinnen würde. Auch in der Predigt bleibt er neben mir. – – –

Oben auf der Kanzel schreit der Pfarrer: »Folget ihm nach, folget ihm nach. Es ist nichts Leuchtendes mehr in uns, selbst das Stirnband der Opfernden ist getrübt vom Blute jener, die erkannt haben. Der Tod hat einen Tempel gebaut und will das ganze große Wesen beherbergen. Ich weiß, wir sind nur gekommen, weil uns das Weltall zu schwer geworden ist, das wir so lange auf unseren ungerechten Händen gewogen haben. Seht ihr ihn, da geht er, da ist seine Fußspur, folget ihm nach, folget ihm nach.«

Der Priester auf der Kanzel gießt noch immer mehr Worte über meinen Kopf. Ich verstehe ihn nicht. Aber er hat weiße, kühlende Hände und legt sie auf mich hin, und die Worte, die ich nicht verstehe, streicheln doch meinen Leib. Ich sehe ihn nicht mehr, ich sehe nur dieses eine Bild, das immer in meinem Herzen ist, immerzu. Da ist es und leuchtet mit seiner ganz, stillen, unsäglichen Pracht:

Der Wald ist geöffnet, eine Halde liegt im Licht. Der große Graf reitet zwischen den gefallenen Stämmen und dem Farrenkraut und den Brombeersträuchern. Ein Dorn hat den Fuß seines Schimmels geritzt, der weiße Reiter steigt ab und wäscht das Blut von der Fessel. Das ganze Land ist von kleinen Birken eingesäumt, und blaue Blumen recken sich über das Kraut empor. Das Pferd wiehert, als spräche es den Reiter an, und sie gehen beide in den Wald zurück.

Wolken und Sterne necken einander am Himmel oben, ein Berg klettert zu den Sternen hinauf, und sie empfangen ihn. Und Pferd und Reiter wissen ihren Weg über den Berg. – –

Aber da erwache ich wieder, der Schwarze flüstert neben mir, und es ist alles wieder entsetzlich dunkel und still. Nur der Pfarrer oben schreit und peitscht mit seiner Stimme die Verstockten: »Folget ihm nach, folget ihm nach!«

– – – – – – – – – – – – – – –

Der Kandidat stand auf und drehte sich eine Zigarette: »Liebe Julia«, sagte er und strich mit einer Hirtengebärde über ihren Kopf, »Du mußt auf dieses Wunderbare verzichten und es nicht zwischen dem Dunkel so groß ziehen. Man stirbt an den Wundern.«

»Glaubst Du, Erich, daß ich sterben muß, wenn ich ihn seh? Ich sehe ihn doch, da ist er ja...« Ihre Augen wurden ganz groß, und der Mund weitete sich wie zu einem Gesange der Anbetung.

Der Kandidat setzte ein pikiertes Lächeln an. »Bin ich denn nicht mehr bei Dir, Julia?«

»Bist Du da, Erich? Erich, wenn aber Er kommt, der Andere, wirst Du ihn denn anschauen können, den Schwarzen mit den harten Händen? Und wenn er Dir den Arm zerdrückt, wirst Du dableiben wie die Hunde, die so gebellt haben? Kannst Du reiten, Erich? Weißt Du, wo der Berg ist?«

Der Kandidat ließ das beleidigte Lächeln fallen und entzündete eine Kerze auf dem Tisch. Da klopfte draußen Einer. Der Kandidat wollte aufspringen.

»Ein Bote, Erich, warte, es ist nichts, laß nur.« Sie ging um zu öffnen. Ihre Glieder zitterten. Eines der kleinen braunen Tiere schlüpfte neben ihren Röcken durch die Glastüre und huschte in den Hinterraum. – – –

Dann kam sie wieder. Ihr Gesicht schien älter geworden zu sein in den Augenblicken dieser aufgeregten Dämmerung.

Der Kandidat saß ruhig, aber seine Pulse gingen laut.

»Wir wollen lieber im Dunkel sitzen, Julia«, und er löschte die Kerze wieder. Etwas Schwarzes kroch zwischen ihnen über die zerschabten Teppiche.

»Ich glaube, wenn Du diese Erscheinungen opferst, Julia, wird Deine Stimme laut und warm werden. Das Leben hat Dich ja schon aufgeweckt.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, aber die Gedanken verwirrten sich ihm, und er litt sichtlich an dieser Verwirrung.

»Wir sind nicht so allein, Julia, meine Heimat wird doch endlich antworten.« – – –

An allen Wänden kletterten Schatten hinauf. – – – »Du bist sehr schön, Julia, aber es schweigt etwas in Dir, das als Häßlichkeit neben Deinen Erlebnissen lungert. Gib mir nur dieses eine Wort noch, dieses dunkle, hin, damit ich das Licht anzünden kann, in dessen Schein wir leben können. Sag mir, wer ist dieses Wesen, das zwischen uns kriecht, wer ist dieses Tier, das Dich mir verdirbt?«

Julias Augen waren noch weiter und leuchtender geworden in der Dunkelheit. »Ich fühle heute so sehr den Herbst«, begann der Kandidat wieder, »so sehr viel Herbst. Julia, lies mir nicht mehr vor, sag mir nur alles nebenbei. Ich werde ihn schon abschütteln, wenn mich einer am Arme faßt.« Er zündete dann die Kerze wieder an und sprach sich in einen Rausch der Tapferkeit hinein, alles an ihm schien Widerstand. Er blies den Rausch durch die Nasenlöcher, zwei deutliche blaue Rauchspiralen. Wie ein junger Scholar, dem eine Mensur winkt, stand er da, seine Augen hatten einen kindischen Trotz und sagten: Ich müßte ja nicht, denn ich bin zu klug, aber ich kann auch mehr als klug sein.

Julia sah nur die Rauchspiralen im Dunkeln, die sich wie Schalltrichter vorn und hinten weiteten. Und die Stimme des Kandidaten summte durch diese Rauchspiralen. Aber für Julia ertrank sie in den Kirchengesängen und predigenden Stimmen der versunkenen Erinnerung. »Folget ihm nach, folget ihm nach!« schrie es von einer unsichtbaren Kanzel her. Der Lichte ritt in die Ferne, und auch der Dunkle stand wieder da. »Wem ruft ihr?!« und dazwischen wieder die Musik und die wimmernden Stimmen vieler Gläubigen. »Wessen ist die Messe? Die Guten und die Bösen wandelt es an, die Stillen und die Lauten, die Lichten und die Dunkeln. Wer geht dahin, wer kommt uns zurück? Betet, betet! Wer ist da um auszuruhen? Würgt sie nieder, die sich ausruhen, und betet und folget nach.« – – – –

Die Worte sprangen wie zerstäubte Funken vor Julias aufgerissenen Augen, jedes ein Weg, jedes eine Verwirrung. – – – –

»Du mußt Dich aufraffen, Julia.« Es kam wie eine Stimme durch die schwingenden Rauchtrichter. »Du mußt das Leben anhören, wir müssen horchen, alle müssen wir aufhorchen und uns der Vergangenheit entledigen. Laß Deine Kirche da drüben – ite missa!« Der Sturm stürmte sich über die Platanen hin und zerzauste die letzten Geranien im Park. Auf den nackten Ästen trotzten ihm nur noch einige Dohlen, die um einen toten Vogel feilschten. Von den Hügeln her rollten große Massen Staub und verdarben die Rasenplätze. Abgestorbenes Laub hob sich in riesigen bunten Trichtern, und die roten Sandwege streckten sich wie zerfleischte Arme in die Dämmerung hinein. Bis in die Gassen der Stadt wälzte sich das Gewirr entwurzelter Dinge – Erde, Laub und Fetzen, die der Sommer vor dem Stadttor hatte liegen lassen, dazwischen bekritzelte Bogen und bunte Lappen, Abfälle alles Lebendigen...

Und es war, als hätte dieser Sturm auch den Boten Pantegans hergeweht, jenes Blatt, auf dem von einer sprunghaften Hand irgendwelche Worte für Julias Herz hingeschrieben waren: »Ich bin hier, ich trete mein Recht wieder an und meine Liebe.«

Er, der der Dunkelste von allen war, warb wieder um sein Schicksal, um seine Gasse. Hinter den Gewittern her jagte seine Seele.

Fast fürchtete sich Julia hinzuhorchen in das Pfeifen und Stäuben der Wetter, aber doch verstand sie alles, was der Sturm sagte. Wie Fragen, die sich auftürmen und wieder zusammenstürzen, kam es zu ihr her, Worte, befehlend, erzählend, werbend und verachtend, wie über Trümmerhaftes, Gleichgültiges hingegossen.

»Du mußt kommen«, spie der Sturm durch die Fensterritzen.

Noch immer trug Julia den zerknitterten Zettel in der Hand, an dem Gassenfenster hinter den blauen Gardinen saß ganz still der Kandidat.

Julias Schritte verrieten nichts, als nur eben jenen Bann, während sie im Küchenraume auf und ab ging. Es lockte sie fast, den zerknitterten Zettel wieder zu entfalten. Jedes Wort lockte, jedes Wort war von ihm. Aber doch tat sie es nicht und ging wieder zu ihrem Kandidaten zurück.

»Sei nicht traurig, Julia«, sagte der Kandidat, »das Gewitter bricht nichts ab von unsern Zweigen, es zerzaust uns nur ein wenig den Kopf. Wirf den Zettel da weg, wir wollen uns nicht mit Andeutungen und Zweideutigkeiten füttern – mach doch jetzt die Schinkensemmeln.« Und der Kandidat nahm die Serviette, die zierlich gefranst neben ihm lag und ihn so sehr an den Tee von gestern erinnerte. Der Kandidat lächelte: ihm war noch nichts von irgend einem Gleichgewicht verloren gegangen. Er wischte andächtig den Mund seiner Gefühle mit der Serviette von gestern. Noch einmal breitete der Herbst die gelben Tücher über die frostige Gegend und lud die Sonne zu seinen letzten Sprößlingen. Auf den Teppichen der Parks langweilten sich verspätete Schmetterlinge, und die Ammen trugen ihre Anvertrauten in die letzte Wärme hinaus. Hoffende Frauen ruhten auf den Bänken und warteten in der dürftigen Sonne auf ihre Frühlingskinder.

Und in der Ferne hinter den Wäldern riefen die Hörner der Ulanen. Es war das Fest einer großen Retraite. Überall ward zum Sammeln geblasen.

Den Kandidaten lockte dieses Sterbende der Landschaft und weil auch er einer der Wartenden war, lobte er sich so viel Herbst. Er fütterte die Schwäne im Park mit noch mehr ausdrücklicher Güte als dazumal, und bemühte sich um Julia, ihr, wie er sagte, »das Vergessen zu lehren«.

»Der Gott geht schlafen, Julia, und verrichtet nur noch diese Andacht vor uns. Er hat uns in den Herbst geführt und verabschiedet uns jetzt. Da sitzen wir nun vor den Astern. Pflück sie Dir, aber nimm sie nicht mit in den Winter. Den müssen wir uns allein schmücken mit unsern Erkenntnissen und Erlebnissen.

Horch doch die Musik. Die bunten Jungen sind wieder da und spielen den Einzugsmarsch. Sie sind hier älter geworden, echauffiert sehen sie aus, sie kommen aus dem Manöver in den Pavillon ihres Ruhmes, wie wir aus den Gedanken in die neuen Schicksale kommen.«

Julia lächelte und spielte mit einer kleinen giftigen Frucht. – – –

Auch zu der Weide gingen sie wieder hin und horchten hinüber Zum Teich, wo die fröstelnden Enten lärmten.

»Wenn Du mich nur anhören wolltest, Julia, ich hab noch so viel zu ergänzen. Eigentlich streng genommen, wenn ich ganz intim nachdenke, sind alles dies Anfänge gewesen. Die Grenzen der Jahreszeiten scheinen mir verwischt. Wesentlich aufgefaßt war es nur ein Frühling.«

Julia riß einen Zweig aus dem Gesträuch und kaute an der Rinde, während ihr die Tränen über die Backen liefen.

»Hast Du Furcht, weil noch nichts erfüllt ist, Julia? – – – Komm doch mit zur Musik. – Wenn es eine neue Art zu sterben gäbe, Du Liebe, ich sagte sie Dir. Aber es ist so banal, an den Erinnerungen zu Grunde zu gehen.« Er umfaßte ihren Leib und küßte sie. Sie schluchzte laut, und die Spaziergänger am Schwanenteich blieben stehen und wunderten sich. – »Rede doch, Liebe.« Und er trocknete ihr Gesicht.

»Erich, es muß sein. Und wenn Du nichts erfindest, mußt Du das Alte dulden.«

»Sagst Du mir, daß ich Dir einen Tod erfinden soll, wo ich doch neben Dir stehe? Ich will Dir die Mücken fortjagen, und alles wird gut sein. Dann schenkst Du mir Deine Nächte, und ich wache bis zum Morgen neben Dir.«

Eine Melodie, ein schwermütiges Soldatenlied drängte sich zwischen ihre Ängste, ein Reitergesang kam herüber, ein bacchanalischer Ruf der Todeslust. Die Melodie folgte ihnen durch das Gestrüpp und trieb sie vor sich her, weit ab von allen Spaziergängern.

Dann wölbte sich die Nacht über ihnen mit vielen Sternen, und sie schenkten einander ihre Gebete, ihre Geheimnisse und Wünsche. Ihre Freuden begegneten einander in der restlosen Hingabe. Julias Fleisch glühte vor den Offenbarungen, und keine Stimme mehr schreckte das wissende Weib in ihr.

 

Über den roten Sandwegen begegnete ihnen zwischen dicken Nebeln der Morgen. Ein vergessener Kranich rief vom Strande herüber und scheuchte die Amseln aus dem Frühtraum.

Julias Augen, groß und neugierig, suchten zwischen den grauen Gespenstern, die sich über die Teichfläche erhoben. Auch der Kandidat war nachdenklich geworden. Er stand plötzlich wie hinter großen Resultaten, die er ohne Verdienst gefunden.

»Ich werde ewig bei Dir bleiben, Julia.« – Es kam wie eine klägliche Entschuldigung aus seinem Munde. Aber Julia lächelte wie in einen Abgrund hinunter, aus dem eine Art verängstigter Musik zu ihr hinaufzukommen schien. »Hörst Du die Amsel noch? Sie fürchtet sich vor uns, wir wollen lieber fortgehen, Liebster.« Und sie strich ihm das Haar aus dem Gesicht, mit einer jener halb mütterlichen Gebärde des Vertrauens.

»Daß wir auch so lang im Dunkel gesessen sind, dort drüben. – Hast Du den Mond heute Nacht gesehen und die große Milchstraße, die vielen winzigen Sterne, die man nur in ganz klaren Nächten sieht? Drück mich fest an Dich. Mir ist kalt.« Der Kandidat reichte ihr seinen müden Arm hinüber. Er knöpfte an seiner Weste und rückte den rotschwarzen Mullschlips, der widerspenstig unter dem Kinn flatterte.

»Laß uns jetzt miteinander scherzen, niemals früher wollten wir scherzen, wegen der alten Rechnungen. Ich hab sie zerfetzt. Zu was diesen albernen Trab den Schicksalen entgegen, so Bein vor Bein. Wir waren von den Pausen vergiftet.« Der Kandidat atmete tief und schaute in den Himmel hinauf, wo noch ein Stück des verblichenen Mondes mit den andern Lichtern stritt. – Dann ergriff er Julias Hand und gähnte: »Ja – von den Pausen vergiftet.« Ein flüchtiges Lächeln des Himmels kam zu den ermatteten Geschöpfen der Gasse, die neben ihren Pfützen standen und frierend stumpfe Freundlichkeiten feilboten. Überall trat man in den Unrat eines verdorbenen Feiertags. Früher hatte es Feste gegeben, lüsternes Gewieher und Moräste, in denen schwerfällig rotes, duftendes Blut rieselte. Jetzt aber war es nur der bettelnde Bankerott des verschüchterten Friedens.

Seit so vielen Wochen wunderte sich der Prsteck hinter den dicken, altdeutschen Scheiben, die so lila schön glänzten wie das einladende Hinterteil einer berühmten Affenart, warum die Schicksale der Menschen ihm so ängstlich auswichen. Früher hatte der Prsteck alles mitansehen dürfen, damals, als er noch drüben in dem großen Saal auf und ab ging und Lampen anzünden konnte. – Es war so schön, das Lampenanzünden, es war so zum Lachen, – die Kasperln und die Anninka, die immer einen Leutnant machen wollte.

»Ich hab ihr eine Feder gestohlen aus dem Tschako, die was ich noch hob«, dachte der Prsteck und fühlte alles bis zu Ende und sah alle Menschen, die auf ihn gespieen und ihn niedergeschlagen hatten, aber auch den und jenen, die ihm ein Sechserl geschenkt, und zuletzt einen, der ganz anders war und so lustig, den Vatterl. Nur auf den Rigoletto, den berühmten, ging noch immer sein Groll, der Groll eines windigen Tieres mit scharfem Gebiß. Und seine Gedanken duckten sich wie zum Ansprung und krochen irgendwo hin. Dann holte der Prsteck das zerknickte Federl der Anninka aus der klebrigen Tasche und besah es sich. Erfreute sich, weil es sich in der Zugluft noch bewegte, wo es doch so arm und verrupft war, wie über etwas Lebendiges. Er stand im Flur auf dem Strohteppich, über den immer die Herren gingen, wenn sie mit einem Fräulein kicherten. Da erschreckte ihn eine Stimme von oben her, und die Hahnenfeder pickte auf, wie eine schwarze Flamme, die plötzlich erlischt.

»Prsteck! Mistviech!«

Er ging rasch in den Hof hinüber. Er hörte den Benjamin ganz leise lachen! »Der Benjamin lacht schon«, dachte Prsteck, »der Benjamin ist so ein gutes dickes Schweindl. Schad um den Benjamin, er muß im Zirkus hingeschickt werden, damit er in den Reifen hineinspringt. – Aber im Violetten gibt's keinen Spaß.« Benjamin keuchte asthmatisch und zwängte den Rüssel zwischen Trog und Falltüre. Dann schüttete Prsteck einen Eimer Kartoffelschalen in den Trog. Benjamin schien dieses Gericht als ein Dessert oder eine Medizin zu empfinden. Er beschnupperte die Speise und sah den Bringer innig an. Seit er den Artisten verzehrt hatte, schien Benjamin im Genusse zu feiern. Ruhig lag er über seinem Unrat, wie ein stiller vereinsamter Denker. Sein riesiger Leib barg das große Geheimnis, und es war, als wollte er unbemerkt als alter, anständiger Aristokrat den Tod finden, als ein Weiser unter den Essern. Vielleicht war es eine Prophezeiung, die den Schweinen zu Heil wurde, was den Benjamin so zu gütigem Verzicht stimmte. Vielleicht gibt Menschenfleisch den Schweinen Seligkeit und träumerisches Jenseits.

So standen sie beide mit freundlichem Verständnis einander gegenüber, Benjamin aufgewacht jenseits des Genusses paradiesischer Frucht, Prsteck kindlich liebreich in Erinnerungen verwickelt.– – – – Da flackerte draußen ein Wimpel auf, geräuschvoll und siegreich nach langen, verworrenen Tagen. Der Sturm schlitzte ihn zwar, aber ein neuer wurde gehißt.

Die geronnenen Säfte der Gassenwelt schienen wieder flüssig geworden, die Gehirne flatterten auf über den eingeschläferten Lüsten. Man erfand frischere Scherze, man erstand sich neue Gemeinheiten und Besoffenheiten. Immer neue Arten. – – – – – Es mußte jemand wiedergekommen sein.

Und man jagte die Mißliebigen und Verdächtigen weg und lachte jeden Helm aus. Was kümmert einen Helden der Henker und sein Hofstaat.

– – – – – – – – – – – – – – –


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