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Nichts antwortete, und beide schleppten sich weiter in den Schankraum. »Ja die Ziege später, erst den Kerl und das Hösel«, und er machte eine Bewegung, ab wollte er eben einen untertauchen. »Ernesto, wir müssen ihm einen Schubs nach unten geben, oder nach rechts oder nach links, so von oben herunter schief hinein, den Schlüffel! Und dann ziehn wir ihm das Hösel aus und quetschen ihm die Lackspitzen. Komm jetzt, und halt Deine Faust fest. Lach nicht, sonst fällt sie Dir herunter.«

Draußen in einem Fach der Kredenz warteten schon ein zuckender Wachsstummel und drei weiße Tassen mit ihrer braunen Inschrift und dem Flügelrad. An der Glastüre, die zur Gastwirtswohnung führte, bewegte sich ein grüner Kattun, dann knarrte es, und Prsteck schlüpfte mit einer Blechkanne durch den Türspalt.

Keiner wollte ein Wort finden, Pantegan nicht, Prsteck nicht, nicht einmal der Betrunkene. Prsteck schenkte ein, gewandt und schmiegsam wie ein Mitwisser. Nur die Augen riß er weit auf und seine Lippen schienen sich zu krümmen zur Kritik des Betrunkenen. Dann ging er hinaus.

»Der Prsteck ist schon so schrecklich alt.« Fast rauchte der Mund des Sprechers noch von dem glühenden Getränk. »Bist Du ganz wieder da, Ernesto? Avanti. Der muß Blut spucken, das Komödiantenferkel, das Hanswurstenzeug, halt Deine Faust nur recht fest.« Pantegan zerknitterte eine grüne Banknote und stopfte sie in die dritte Tasse. Dann hob er sie mit einem frostigen Lachen: »Prost Bahnhofsrestauration!«

Die Gasse war wieder still, und nur selten schlichen schmale Schatten von einer Tür zur andern, ab die Beiden hinausgingen.

»Ekelhaft, Ernesto, die Zwei an einem Tag, aber wir sind Jaguare, wir reißen elend viel.« Und er grinste wie ein Gerichteter, der einen Priem kaut als letzte Ölung. »Amen, Ernesto!«

Der Betrunkene reckte sich und marschierte stramm, als leistete er die Ehrenbezeigung des Rekruten.

»Ernesto, der Mond ist so feucht, der schwitzt. Mir ist ein Tropfen auf die Nase gefallen, wisch ihn weg!«

 

Glaubst Du, Ernesto, daß es einen einzigen Menschen gibt, der mich auslachen darf? – – Heb' doch den Kopf und hör zu. Schweinsäugel nicht in die Funzeln hinein. Zwei Minuten noch, und Du mußt ein Stamperl Blut austrinken. Das gibts nur für einen fröhlichen Kopf. Avanti, Ernesto mio!«

Der Angerufene glotzte in irgendeine der Tranlampen an der Ecke eines Durchhauses, bis ihm die Augen zu tränen begannen. Seine Blicke verschleierten sich wie die eines liebeslüsternen Hundes. Da fühlte er das Nasse auf seinen Wangen und glaubte sich einem Gefühl gegenüber. Die Schwäche der verwirrten Sinne nahm ihn ganz in Besitz, und er schluchzte: »Ich muß sterben, leg mich hin, gib mir noch ein Schlückel und dreh mich um, und dann ist es aus.«

Pantegan lugte ins Dunkel und beobachtete die Straße in seinem Rücken. Dann stemmte er seine Fußspitze an den Eckstein unter der Laterne. Ein flinkes Wippen der Finger, und die Dunkelheit beschützte ihn. »Ernesto, halte Deine Faust fest! – Ich weiß, die haben alle ihre Fräuleins, und ich kenn' eine drunter, die hat mich das Pfeifen gelehrt, genau den Pfiff kann sie, pfeift wie ein Dampfschiff.« Er stieß einen schneidenden schrillen Pfiff aus.

»Da lachen sie schon, ich hör ihn schon lachen, den Gewissen. Hör wie sie mich lieblich anlachen. Steh jetzt, Ernestino, steh doch, sing Dein Liedel! Wein ihnen das Lachen aus dem Bauch! Mein Gott, kannst Du denn nicht so lang stehn bleiben, bis sie Dich umstoßen? Ich muß Dir doch helfen dürfen. Da schau her, das ist eins.«

Er zog ein spanisches Messer aus der Tasche. »Laß nur, laß nur, ich helf Dir schon. Wer sich so in der Notwehr befindet, der muß einfach stechen. Und es ist doch gut, daß ich mir einen von den Sechsen aussuch. Sing doch, sing doch!« Er stieß den Betrunkenen vorwärts, und der hieb mit Händen und Füßen um sich. Wie ein taumelnder Gladiator rannte er in einen Knäuel gröhlender Leute hinein, während Pantegan sich in die Schatten duckte.

»Hast Du Deine Tanzratte vergessen?« Pitsch! Lang wie ein Affenarm schnellte etwas gegen das Gesicht Ernestos. Eine schmale Strieme zeichnete Stirn und Backen. Die Hände des Getroffenen schnellten empor, als wollte er rücklings taumeln. Aber es war nur die Bewegung des Erwachens, dieser Ruck nach oben, ein Augenblick der wiederkehrenden Kraft des Hasses, die im Letzten keine Erschöpfung kennt. Wie Enterbrücken schlugen sich die langen Nägel in die Haut zwischen den dicken Haarbüscheln des Artisten, und Blut rieselte über die Schläfen des vorwitzigen Diebes. Ein Augenblick des Kampfes, Mann gegen Mann. – Aber da stand er schon, Pantegan der Vermittler. Nur ein paar Worte rechts und links, und dazwischen ab und zu eine Mahnung zur Vernünftigkeit: »Laßt sie, die haben was miteinander.«

Da gingen die andern Fünf, als müßte es so sein, weil eben ein Vernünftiger das Wort nimmt.

»Sei jetzt wieder friedlich, Ernesto«, und sein feines Messer glitt zwischen die beiden Körper irgendwo hin. Beide torkelten über das Pflaster. Unten lag der Betrunkene, über ihm grinste das verzerrte Gesicht des Possenreißers.

»Steh auf, Ernesto, wir gehen zur Wopitza, daß Du Dein Stamperl kriegst. Du hast ihn ja schön auf die Schläfen geschlagen. In der Notwehr ist man immer ein ganzer Kerl. Kannst Du noch gehn? – Der schluckt uns nichts mehr weg. Komm, wir wollen ihn zur Wopitza führen, Arm in Arm, Du besoffener Samariter. Avanti!« Sie hoben den Sterbenden auf und schleppten ihn durch den dunkeln Gang, einen Rekrutenmarsch pfeifend. Ihre Schritte klapperten im Exerziertakt über die Zementplatten.

Nur der Mund des Gemordeten schien noch einen blutigen Witz sprechen zu wollen. Seine Herzwunde blutete nach innen. Aber Pantegan stopfte die letzte Schwatzhaftigkeit mit seinem Tuch.

»Wir wollen uns ein Stamperl Schnaps ins Gewissen gießen im »Violetten Affen«, Herr Mario di Rigardo! Wir haben doch die Ehre?« näselte Pantegan. »Und dann singen wir ein Kirchenlied dazu. Auf, Ernesto, altes Husarenherz, laß ihn nicht fallen, er ist so zerbrechlich und nachdenklich. Die ganze Affäre zerbricht sich ihm, wenn Du ihn jetzt ausrutschen läßt.«

Sie schleppten den Halbtoten in einen schmutzigen, einsamen Raum hinten im »Violetten Affen«. Die Alte an der Türe bettelte ihren Sechser und kicherte verlegen, denn sie hatte Marios weitaufgerissene Augen im Halbdunkel gesehen. Dann warfen sie ihn auf ein Sofa und bestellten Schwarzen für Drei. »Der ist für den Aloysius, der dritte«, flüsterte Pantegan und schielte zu einem alten Bild im Goldrahmen über dem Sofa. »Schau ihn, er winkt schon mit der Lilie.« Dann klingelte er. Madame kam und ging schmunzelnd wieder. Sie hatte den Mokka gebracht und die Gläser für den Brandy zurechtgestellt.

»Ernesto, sing nicht, sonst wacht er uns wieder auf«, kicherte Pantegan verwirrt, und Ernestos schnurrende Laute wurden dumpfer und leiser. »Sei still, Ernesto, sei ganz still, es kommt gleich, unser Pröstchen.« Und eine von Pantegans großen Händen legte sich quer über Mund und Nase des Sterbenden. Man hörte kaum noch einige schwache, gurgelnde Atemzüge.

Madame kam wieder, nachzusehen, und man trank mit ihr ein Valeti. Aber Madame lächelte sehr deutlich und sehr ungläubig, und dann wollte Madame auch nicht stören. »Gute Nacht meine Herren, Carissimi.«

Da scheint sich das Leben noch einmal aufzubäumen in der Brust des Gemordeten. Er atmet ganz tief.

»Ernesto, hör mal.« Er wühlte in den Taschen des schäbigen Artistenfracks und zog einen kleinen, in fettige Zeitungsblätter gewickelten Gegenstand hervor. »Pfui, es hat einen Fleck!« Und er warf das Päckchen auf den Tisch. Dann schob er das Hemd des Toten zurück, um die Wunde zu sehen. Sie hatte sich weit geöffnet, wie zwei anklagende Lippen klafften die Ränder. Immer mehr Blut trat jetzt aus.

Und Pantegan muß sich rasch in ein Lachen flüchten. Einen Augenblick war er blaß geworden, seine Hand glitt aus, und ein großer roter Tropfen saß auf der grauen Haut seines Ringfingers, rund wie ein großer Granat. Aber dann gewann er sich wieder und sammelte alle Sinne in einer grausamen Lustigkeit. Er nahm eines der Gläschen und hielt es unter die Lippen der Wunde. Mit jenem Lachen, das alle zahm hielt, stellte er es blutgefüllt vor Ernesto hin. »Da trink, mein Hündchen, so ein witziger Schnaps ist süß und reinigt die Kehle. Auf gute Nacht! Prost, rotes Pröstchen!«

Ernestos Stirne lag auf dem Tischrande wie die eines plötzlich verwirrten Beichtkindes über dem Pult der Kirchenbank.

»Ich muß sterben, ich muß sterben, Pröstchen, Pröstchen,« winselte er halblaut zischen Weinen und Lachen. Pantegan aber nestelte eifrig an dem Gewande des Toten. Wieder kam Blut und Speichel aus dem Mund des Getöteten.

»Ich muß ihm den Schnurrbart abwischen, gib mir Deine Serviette, meine hat Flecken. Guck ihn nur, da sitzt er stramm wie ein Grenadier beim Dessert. Schnäppchen gefällig, di Rigardo? Guck ihn nur, er lacht. Beschissen lacht er, eklig zutraulich. Aber steh jetzt auf, Ernesto, laß ihn den Schnaps allein austrinken. Wir gehen und stecken dem Prsteck sein Hösel durchs Hinterfenster. Morgen spielt der Prsteck die Komödie. Ich bin schon elend gut aufgelegt!«

Ernesto sprang auf, ein Dämon würgte ihn und zerrte ihn hinaus. Aber auch Pantegan war hülfreich und schob wacker hintendrein. So kamen sie durch den Gang an der grinsenden Alten vorbei. »Gute Nacht, Emerenzia, der Herr drin wird noch lange schlafen.« Und Pantegan drückte rasch ein Silberstück in die schmutzige Hand, die sich in Behagen krümmte. »Und morgen kann der Herr ein Klistier kriegen, Ehrenwort, muß einfach!« Die Alte wieherte laut und wollte eben noch mit einem Mund voll Schmutz quittieren. Aber Pantegan war eilig, und schon standen sie unter dem dunkeln Bogen.

»Wo ist Dein Tuch, Ernesto?« Pantegan suchte in seinen Taschen. »Wo ist Deine Serviette, wo hob ich Deine Serviette gelassen? Weißt Du nicht, ich hab ihm doch den Schnurrbart gewischt.« Das Gesicht Pantegans veränderte sich, aber gleich hatte er wieder das gewisse Lächeln erhascht. »Seine Wenigkeit haben es vielleicht aufgefressen, armer Ernestino.« Ernestino starrte ihn an mit bettelnden Augen wie ein gestraftes Kind.

»Gute Nacht, mein Hundel, macht nichts, macht nichts, weißt ja, wir müssen alle sterben.– – –«

Und er schob ihn in irgend einen dunklen Flur durch eine der dunklen Türen, die immer offen stehen in den Gassen der dunklen Stadt.

Drüben an dem Flußufer, wo die Spielplätze der Menschen sind, geht man zur Feier Johannis des Beichtigers und Beschützers. Vor den Türen stehn jugendliche Birken, an allen Türen der Stadt, dort wo sie an den Hügelhängen hinaufklettert und freudiger ist als unten in der Taltiefe. Die Stadt ist in den Stunden, da die Sonne den Kindern in ihre kleinen Gesichter scheint, viel größer als sonst, und die krause, widerspenstige Sprache dieses Landes ist auf den Kinderlippen flüssiger geworden. Nur ganz unten sind die Nächte vorwitzig, und es ist da, als räkelte sich die Finsternis auch mitten im Sonnenschein und wolle nichts für das Licht hergeben und geize um jeden Winkel, der ihr abgerungen werden soll.

Von einem der Hügel schielt Pantegan hinunter auf die Stadt, die er so lange geliebt hat, auf alle die Dächer, unter denen es am dunkelsten ist, und wo man sich vor der Sonne fürchtet. Es blendet ihn das reinliche Frühlicht. Wie zusammengeworfene Felsenstücke lungern die grauen Häuserblöcke seines Reviers, zwischen denen er schweigsame Mörder gezüchtet hat. Noch tiefer ist das alles von so weit gesehen, noch unterirdischer.

Und er ging weiter hinüber, noch immer im Taumel der letzten Handlungen und Verwirrungen. Seine Finger machten noch immer jene klammernde Bewegung, mit der er dem Betrunkenen das Gläschen voll Blut hingestellt hatte. – Jener Zauber wollte ihn nicht loslassen, mit dem er alle die letzten Jahre und ihre Menschen an sich gebunden hatte. – Die Türen der dunkeln Stadt rissen sich wieder auf vor seinen inneren Augen, und die dumpfen Parfums der Gemächer betäubten die Sinne des Zweiflers, während sein lichtentwöhnter Leib unter den Strahlen eines unberührten Morgens dahinglitt.

Schon sah er unten das kleine weiße Stationshäuschen, von dem aus das Gerinnsel der Großstadt einen Abfluß hatte nach den fruchtbaren Feldern und reichen Dörfern des breiten Westens. Das war Pantegan, klug und stark, auch wenn es hieß zu gehen, wie jene Tiere war er, die Julia pflegte, die einen dunkeln Fleck mit dem andern vertauschten, jene Nager mit einer glatten, gleitenden Behendigkeit. Aber ohne die wehmütige Anhänglichkeit an den, der füttert, ein schleichender grausamer Verächter war er, den keiner fing, weil er alle Fallen verachtete. Nur sie allein waren ihm nachgegangen in den Jahren einer dunkeln Geschichte, die vielen Seelen, die er wie in dichten, schmierigen Säcken hinter sich herschleifte. Und sie waren so treu, kaum daß sich mehr ein Verräter gegen ihn gewagt hätte. Immer lachte das Tier in ihm, das unwiderstehliche Tier, auch jetzt, als er über das Trittbrett des Waggons sprang. Drei oder vier rote Tücher winkten einen Abschied, der kleine kümmerliche Motor pfiff, und der große Pantegan streute das bißchen Erlebnis von gestern, das bißchen plötzliche Angst ins Gras.

»Komm, wenn ich Dich rufe, Du mußt dann gleich kommen. Du weißt, daß das Leben sehr kurz ist, wenn man es nicht mit allen Mitteln lebt.« Er gedachte jetzt dieser wenigen Worte, der einzigen, die er in seiner dumpfigen Höhle zurückgelassen hatte. Sie waren an Julia und standen auf einem weißen Tuch mit einer leicht verlöschbaren Schrift geschrieben.

So fuhr er gegen Westen und suchte sich eine andere Krone, oder irgend etwas, ein Haus, einen Baum oder ein Weib, oder vielleicht ein paar neue Gedanken des Lebens, weil ihn diese ersten Kapitel sterben lassen wollten.

»Du weißt, daß das Leben sehr kurz ist, wenn man es nicht mit allen Mitteln lebt.«

Benjamin, das graue Schwein, der Pflegling der Emerentia, grunzte selbstherrlich wie der heilige Apis, warf die faulen Salatblätter voll heiligen Übermutes über die Borde des Trogs und lächelte gutmütig ins Halbdunkel hinüber. Die warme, modrige Luft der letzten Nacht bewegte sich durch die Hofzimmer und wehte leise bis an die Nerven Benjamins. Das Schwein hob den Rüssel und stieß einen hohen quiekenden Ton aus, der fast leidend klang, in seiner noch immer unerfüllt gebliebenen Begierde. Und doch wollte Emerentia nicht kommen. Wenn je ein Schwein die Zeitempfindung gehabt hat und seiner Umgebung den Sinn für die Bedürfnisse der Existenz eingeprägt hat, so hieß es Benjamin. Er war der lebendige Eimer des Lasters, und der Genuß der Abfälle des Lasterhaften hatte ihn über das Maß gewaltig gemacht, ihm eine Art der Persönlichkeit gegeben. Er war geradezu ein Theologe des Lasters geworden. Die Spötter, die nach dem Licht, nach der Sonne verlangen, kannte dieses Schwein nicht, denn es lebte in einer eigenen einsamen Wissenschaft. Nie hat es einen Stern gesehen, nie auch ein anderer den Stern Benjamins.

Jahrzehnte waren vergangen, seit der »Violette Affe« anfing, gute Zinsen zu tragen. Erst hatte er bunte Glasfenster gehabt, und rosige Rüschen hatten die wie mit der Brennschere gekräuselten, zierlich biedermeierlichen Vorhänge geschmückt. Aber längst war diese Zeit der allzulauten Äußerlichkeit vorbei. Man lebte zwar noch immer, man wurde violetter mit jedem Tag, aber stiller und unauffälliger mit jedem Jahr.

Benjamin schnupperte wie in der Bedrängnis des Liebesdurstes und warf sich aufgeregt rechts und links. Jeder, der ihn so sah, mußte in Benjamin eine besondere Seele vermuten, denn es war nicht allein Emerentia, die er liebend vermißte, die bedächtige, nachdrückliche, die keine andere Liebe hatte wie eben Benjamin, es war ein Sinn für das Außerordentliche, der ihn schnuppern ließ. Aus der Ausdünstung der Nacht heraus witterte Benjamin das Bedeutsame. Und doch war er andrerseits wie die andern Einsamen, die oft für ein Widriges stumme Entsagung tauschen. Grunzend legte er den resignierenden Kopf ins Stroh, und nur sein langes Ohr wedelte nervös in der Atmosphäre des »Violetten Affen«. Einen Augenblick mochte da Benjamin wohl überlegen, warum eigentlich in diesem Hof alles ein graues Ineinanderfließen wäre, warum nicht Fenster und plärrende Kinder in den Fenstern vom Leben zeugten, wie einst in seiner bräutlichen Jugendzeit. Warum immer diese Emerentia, mochte das Schwein sich fragen, mit ihrer triefenden Freundschaft, oder höchstens ein paar Leute, die einer Notdurft gerecht wurden. Aber das Bewußtsein ruhigen, junkerlichen Stolzes lenkte seine Gedanken rasch ab von den bewegten Bildern, es wedelte sie weg mit seinen breiten Ohren, wie Fliegen. – – – Da endlich, die Geräusche – regelmäßige, bedachte Geräusche. Viele Füße strecken sich, Schritt vor Schritt wie im Takt eines unhörbaren Trauermarsches. Kaum daß die Zehen die Bretter der Stufen berühren. Und doch, Benjamin hört und horcht.

Dann fällt ein großes Stück Fleisch, ein Klumpen mit langen Fortsätzen, die sich an den Enden wieder zerteilen, in die große Öffnung über ihm, durch die Benjamin nur selten ein kleines Stück Tag für Augenblicke genießen darf. Benjamin beschnüffelt das große Stück Fleisch und atmet asthmatisch bei einem Rundgang um die seltsame Masse. – Dann fraß er den Artisten.

 

Die so tief in den Tag hinein schlafen müssen, sind immer verwirrt und aufgescheucht, wenn ein Schicksal früh des Morgens anklopft. Oft haben sie nasse Wangen von der Betrübnis ihrer Nächte, und in ihrer Furcht erkennen sie, ein wie kleines Stück Tag ihnen da gereicht ist. Man findet sie an den Nachmittagen, an denen sie die Welt suchen, die ihnen vorenthalten wird, und erkennt sie an ihren Gebärden. Mitten unter den runden Bürgern weinen sie mit ihren starren Augen. Man möchte sie dann zu irgendeiner Liebe bekehren, aber man fürchtet sich vor ihren ausgekühlten Händen.

Julia war in Allem wie diese geworden. Nur selten stahl sie sich in den sonntäglichen Sommer und litt sichtlich an der Entwöhnung vom Sonnenlicht. Nur den Verdorbenen fühlte sie sich näher und der Musik in den öffentlichen Parks, die ihre Sinne flüchtig entzündete, mit den Liebesliedern und den Schlachtmarschen, welche den Tod für das lärmende Dunkel zum Tauschen bieten.

Es war ein Register stummer Geschehnisse, das Julias Leben bisher ausgefüllt hatte. Aus den dürren Zweifeln einer jungen Liebe hatte sie der Pantegan fortgejagt und zu sich hergetrieben, sie gelehrt, daß es Menschen gebe, die sehr stark und unwiderstehlich sein können, ohne zu schenken. Und sie hatte ihm das Alles zugesagt, ihm diese ganze große Furcht ihrer Seele hingelegt. Nur daß sie ihm ihren Körper nicht gegeben, bewahrte ihr die Kraft geharnischten Hasses.

Und darum liebte sie der Unbesiegte mit der Liebe jener, die ihre Welt fast ausgetrunken haben und alle Fragen ihrer Welt und alle Hindernisse, alle Höhen und Tiefen kennen und alle Spaziergänge in der Ebene, die nur mehr eine einzige, unwegsame Klippe im Schicksalhaben.

 

Julia ging hinüber zu ihm, – zu der Türe, die sie in der Gewohnheit der gemeinsamen Jahre täglich geöffnet und geschlossen hatte, wenn Pantegans erster Appetit seinen Schlaf ablöste. Ihre Finger waren dann noch vorsichtig, beinahe rücksichtsvoll, nur selten gleichgültig. Sie wartete gern, ja sie fürchtete sich in einer Art Wollust vor seinem Morgengruß. Ihr Wille erlöst zu werden, war in diesen Morgenstunden tot, nur in der späten Dämmerung erinnerte der Rausch der Knechtschaft an die Sehnsucht, Tagaugen zu haben, unter die vielen Fröhlichen zu fliehen, die drüben unter den Kastanien auf und ab gingen.

Und diesen Morgen hatte Julia mit noch ungeduldigeren Fingern erwartet, denn der allzustille Tag der Gasse hatte auf etwas Besonderes hingedeutet. Sie war sehr unruhig, ein paar lästige Haarsträhnen mußten sorgfältig zurückgeschoben werden, dem Gehör alles freizugeben, alle die feinen Geräusche des Erwachens, das Knistern der Bettwäsche und die ersten, fast noch aus dem Traume geflüsterten Wünsche. Aber es rührte sich nichts, kein Knistern, kein Atemzug wollte laut werden.

Da drückte sie leise den Riegel nieder. »Sind Sie krank, Cesare?«

Dann trat sie zu den unberührten Kissen hin mit einem Gesicht, das halb Erstaunen, halb Furcht war.

»Wenn Pantegan einmal nicht wiederkäme, wüßte ich, daß er tot ist. Ich weiß nicht, warum ich so denken muß.«

Sie schlug die braune Decke nachlässig über das Kopfkissen. Da fiel ihr das beschriebene Tuch auf. Sie las und faltete es nachdenklich zusammen. Ihr Gesicht war blaß, und was früher Halbes aus ihm gesprochen hatte, wich etwas Bestimmtem, einer Art Entschluß, der Tat werden sollte. Die schlaffen Muskeln des Mundes strafften sich, und die Hände führten Bewegungen aus, als wollten sie etwas fest anfassen. Sie ging zurück in ihr Schlafzimmer. Dann nahm sie das Tuch, entfaltete es wieder und las noch einmal pflichtgetreu, wie ein Schüler vor der letzten Prüfung: »Du mußt dann gleich kommen.« Und ärgerlich warf sie das Tuch wieder auf die Decke hin. – – – –»Wer weiß, wem Dein Du gehört. Es fühlen nicht alle, daß sie Dein Du sind. Ich könnte jetzt gehen.«

Aber Julia ging nicht an diesem Tage. Sie wusch das Tuch gehorsam in ihrem Waschbecken mit derselben müden Gebärde, die allen ihren Handlungen seit langem eignete, nachdrücklich, fast andächtig widmete sie sich der Wäsche, und ihre Gedanken folgten dem Fernen wie gepeitscht von einer unbekannten Macht. Ab und zu glitt ihr Blick auf die Bretter des Fußbodens hinunter, zu denen, die noch immer ihre einzige Liebe waren, jenen sanften Tieren, die vor dem Zwieback kauerten wie vor einem auserwählten Glück, deren Fell so fein war. Und Julias Finger, matt in der Entbehrung einer großen Liebe, gingen auch jetzt wieder gern über das feine, lichte, berauschende Fell der großen Nagetiere, das in den späteren Morgenstunden einen besonderen, blauen Glanz hatte.

»Ich bin noch da, Pantegan, aber es ist Nachmittag. Wer weiß, wie lange es Nachmittag sein wird.«

Dann nahm sie ihr spanisches Schultertuch, das ihr Pantegan geschenkt hatte, als einen Dank für die Erschöpfung seiner ungezählten Werbungen. Das Haar ließ sie lässig über der Stirne liegen und den weißen, widerspenstigen Nacken beschützen. So verließ sie das Haus, nur das Taschentuch, dessen Schrift erloschen war, nahm sie mit. Wie einen Talisman verbarg sie es unter den Batistspitzen des Hemdes.

Es war ein Abend, feierlich überall. Aus allen Gasthäusern, von allen grünen Plätzen her riefen die Klarinetten und der Dudelsack dieses Volkes, das nur einer einzigen menschlichen Gebärde imstande ist, der Musik und des berauschten Tanzes. Und Julia ging noch schneller, weil sie sich vor so vieler Freiheit fürchtete – die Alleen entlang, durch die Baumschulen, an den wilden Gärten vorbei, hinter den Reitern und Wagen her in den großen Park.

Über den Rododendron und Azaleenbeeten, über Geranium und blühenden Purpurnelken versäumte eine neugierige Sonne die Stunde des Untergangs. Ein breites, ruhiges Rot war da, nur an den Rändern der riesigen Flächen lüstern bewegt. Julia starrte in die Blütenmasse hinein wie in den zitternden Spiegel eines seltsamen Gewässers, und ihre Sinne flackerten wie vor den Offenbarungen einer kommenden Kraft. In den Kronen der Platanen lärmten die Finken und Meisen zu Trotz den Trompeten und Violinen. Immer tiefer schien dieses Meer kaum entschleierter Genüsse zu werden, bewegt von Gesängen, offen den Erscheinungen und Fährnissen, eine bebende Frage, ein jüngstes Gericht.

Der Kandidat erquickte sich mit frischen Bretzeln, die man ihm in einer unverständlichen Sprache feilbot, denn er war noch fremd in der Stadt der Kreizari. So nannte man die Scheidemünze. Er lächelte als Antwort in seiner Sprache und bot ein Kupferstück. Die Bretzelfrau grunzte einen Fluch, weil der fremde Kandidat nicht überzahlt hatte. Aber der Kandidat lachte jetzt noch einmal, und diesmal ganz verständlich. Und er würgte nachdrücklich und genießerisch an den schmackhaften Bretzelbrocken. Dann gingen seine Blicke hinüber zum Himmel. Das Gesicht des Kandidaten erschien vielleicht ein wenig dumm in diesem Augenblick. Er stand zwischen dem Teich der fremdartigen Schwimmvögel und dem Riesenviereck roter Blüten. Die Sonne saß noch immer über den dunkelgrünen Platanenkronen und blendete die jungen Schwäne, die sich hungrig an das Ufer des Teiches in die Nähe des Kandidaten drängten.

»Der Himmel ist tief«, lachte der Kandidat zwischen zwei Bretzelbrocken, »und das Leben ist ein schiefes Brett, auf dem wir Kandidaten der Ewigkeit hinaufklettern müssen, um uns von den Zweideutigkeiten der Erde hinweg und nach Aufwärts zu entfernen. Unsere Schenkel spüren zwar die scharfen Kanten des Brettes, und wenn wir ausruhen wollen, müssen wir den Allerwertesten den schiefen Ebenen anvertrauen. Aber dazu sind wir eben Kandidaten.« Und er lachte noch einmal verschmitzt zwischen den Bretzelbrocken zu so selbständigen Gedanken, und dann blickte er hinüber über das flammende Gewirr der Blütenbäume. Die Farbe der roten Blumen wärmte ihn mehr als die kühlen Strahlen des letzten Abendlichtes, die von den Kelchen begehrlich aufgesogen wurden. Er wühlte mit seinen Gedanken zwischen den Pflanzenkörpern, und unkeusch tasteten seine Sinne über jeden Blütenkelch. In diesen Gedanken war es ihm, als ob sich die Blüten warm anfühlen müßten, wie einst ab Kind den jungen Nestvögeln ging er ihnen mit seiner Phantasie zu Leibe und begehrte sie Zwischen den Fingern zu liebkosen. »Unendliches Entzücken«, dachte der Kandidat pathetisch, »wenn ihr Fleisch werden könntet, wie Magdalenas Fleisch.«

Sein Kopf war voll der Bedingungen der Sünde, eben als er Julias schmale Silhouette jenseits des Bosketts bemerkte, und ehe er zu Endurteilen kam, liebte er schon, rasch wie ein Kandidat im verspäteten Frühling.

Er schlich langsam an den hungrigen Schwänen vorbei, fast allzulangsam für einen Liebhaber, und er gab der flachen Erscheinung drüben mit seinen Sinnen Plastik und rief sie mit Gedanken und Empfindungen, die schneller waren als seine Schritte.

»Guten Abend, Sennora, Ihre Körpergrenzen sind wie mit einem scharfen Instrument in eine harte Platte eingeritzt. Ich erinnere mich an das Beste des Riberra. Leiden Sie?«

Seine vom Abend erregte Stimme zitterte dieses Geständnis.

Aber Julia antwortete nicht. Nur daß sie an seiner Seite blieb, war vielleicht eine Antwort. Während er an einer Verwirrung litt, die seine Rede karg machte, wurde ihre Seele wie von einer Brandung auf- und niedergeworfen und strandete an fremden Gestaden.

»Sennora, Sie schweigen, und ich werde vielleicht zurückkehren müssen und die Schwäne füttern. Oder ich muß mich fortschwemmen lassen von der Gemeinheit, die sich hier begeistert.«

Sein Ohr folgte den Geräuschen der Musik, den Tonmassen, die sich wie Staubwolken in das Laub der riesigen Rüstern emporhoben.

»Reden Sie doch, Sennora!« Sein Gesicht war noch breiter geworden, sein Mund schien noch geöffneter zu Erläuterungen.

»Die Musik vergiftet mich, Sennora. Reden Sie ein Wort, das uns Beiden die Musik überflüssig macht – oder kommen Sie mit mir. Ich weiß einen Baum im Garten.«

Der Kandidat berührte Julias Arm. Ihr Fleisch zitterte, als er sie an den Baum führte. Aber auch diese führenden Finger des Kandidaten waren noch sehr unruhig.

»Kommen Sie, kommen Sie, ehe die Plebs uns hinwegschwemmt. Sehen Sie die vielen Köpfe in den Geräuschen dieser miserablen Trompetenkomödie hin- und herbaumeln wie eine Menge bestaubter Pagodenköpfe. O, die Pagoden, soll man sie nicht hassen? Ich liebe nur die Menschen, die ihrem Jahrhundert alles vorwegnehmen. Kommen Sie, wir müssen plaudern und einander anrühren – mit den Seelen, Sennora, so anrühren.

Julia horchte den verwirrten Klängen nach, zwischen die sich seine Worte drängten, und den Melodien, die er mit seiner Stimme zerschnitt. Aber es war nicht die Stimme Pantegans, die immer befahl, peitschte und niederwarf, das fühlte sie. Während sie diese Stimme verachtete, warb sie zugleich, und sie verachtete immer das Andere, während sie das Eine an sich zog. Und darum wagten sich Julias Augen zu ihm und erkannten, daß der Kandidat sehr blond war. Er hatte langes, schütteres, blondes Haar. – – – –

»Ich will, daß die Frau in Ihnen erwacht, ich will Sie als Frau sehen. Es sind so viele Weiber an mir vorübergegangen, wie schmutzige Musik. – Sehen Sie, dort ist mein Baum ...«

Der Kandidat deutete auf eine Weide im Nebel der Ferne, jenseits einer weiten, kaum gepflegten Wiese. »Hier ist der Park zu Ende, und das Land fängt an. Denken Sie sich die Musik weg und die Leute, und sehen Sie nur das Land, in dessen Mitte unser Baum steht.«

Die Musik drüben hörte auf, und man sah die Leute nach Osten drängen. Auch die roten Wege im Innern des Gartens wurden leerer. Ein Windstoß hob die Äste der Platanen auf, daß sie wie die schwebenden Flügel der schwarzen Schwäne sich bewegten.

»Sie müßten Bertha heißen«, begann der Kandidat wieder. Seine Stimme war fester und klarer geworden. Nur daß er den runden Giradi noch in der Hand behielt, verriet einen Rest Unsicherheit. – »Für mich, Sennora, müßten Sie Bertha heißen. Hören Sie die wilden Gänse da oben?«

Ein Heer wilder Gänse rauschte vorüber.

»Hören Sie sie schreien? Dieses Volk hat Wintersorgen, allzufrühe Wintersorgen. Sie kommen aus meiner Heimat. Es scheint dort drüben früh Herbst geworden zu sein.«

»Sind Sie ein Fremder«, fragte Julia und sah auf den runden Strohhut des Kandidaten hinunter, der noch immer zwischen den schüchternen Fingern hin und herbaumelte.

»Ja, ich bin Hörer der Sprachkunde und komme aus dem Norden«, sagte der Kandidat, und sein blonder Predigerkopf nickte verlegen zu dieser Aufklärung.

»Ja, Sie sprechen so eigentümlich, ich glaube Sie schreiben Bücher.«

»Meine Gnädigste, reden wir nicht vom Bücher schreiben«, stotterte der Kandidat noch verlegener. »Das Bücherschreiben ist müßig und die Sprachkunde langweilig und die Gotteswissenschaft verlogen. Lassen Sie uns Bäume finden.«

Die Gänse schrieen noch einmal auf in der Ferne, und der Kandidat faßte den Arm Julias fester und versuchte sie an sich zu ziehen. »Ich danke Ihnen, daß Sie jetzt gesprochen haben, in diesem Augenblick gerade, da ich so traurig war, weil die Gänse schrieen. – Ich bilde mir ein, daß hier alles viel wärmer ist, ich will hier bleiben bei Ihnen.«

Er zog sie auf die Bank nieder unter der Weide. Julia fühlte sein Blut, und ihre Fragen kamen zu ihm wie hungrige Tiere, die man liebt und im Eifer der Güte füttert.

»Es muß Ihnen etwas sonderbares geschehen sein, Bertha. – Ich würde es fühlen, wenn ich Ihre Stirne küssen dürfte. Ich würde es genießen, das Sonderbare – etwas ganz Großes oder Infames oder Weltfremdes oder Einziges. Ich muß ein Wort in Ihnen finden, das Sie mir ganz gibt. Sind Sie sehr unglücklich!«

Und der Kandidat küßte Julia hinter dem Gitter der Weidenzweige, zwischen denen das letzte Licht leuchtete.

Ein düsterer Himmel drückte auf das Gemüt des Kandidaten, als er die nächsten Tage mit Julia feiern wollte. Aber immerhin war er bereits ein Freund der Lemminge geworden und kannte schon einige Entredeux, die Julia in der Nachmittagssonne genetzt hatte. Er verglich die Erwählte mit Penelope, die ihre Liebe einer dunkeln Hoffnung anvertraut hatte.

»Sie sind entzückend, liebe Berta, Sie sind wie eine Auferstehung, wenn Sie so zwischen den Geschöpfen Ihrer Liebe gehen. Es tut nichts, daß sie gelitten haben, Ihr Gespinst ist mit sehr viel Andacht geschaffen. So müssen Penelopes Maschen gewesen sein, so durch einen Handgriff leicht lösbar, eine wundervolle Täuschung.«

»Ja, Herr Erich, zerreißen wir alles, zerreißen wir es, es liegt nichts daran, wenn etwas von mir zerrissen wird ...«

Der Kandidat griff nach einem Glas Dalmatiner und schluckte verlegen einen sauren Tropfen.

»Aber hören Sie, Berta, vielleicht ist es besser, die Knoten fester zuschnüren und auf die garten, lösbaren Gewebe der Treue zu verzichten.« Und er suchte die vielen Empfindungen, die sich ihm aufdrängten, in Gedanken umzuwechseln. –

......... »Berta, Ihr müßt Euch verändern, Ihr müßt die Knoten fester ziehn und biedere Gewebe für die neue Liebe netzen.«

»Helfen Sie mir, Herr Erich. –«

Der Kandidat ging nervös und nachdenklich auf und ab, als suchte er etwas über den Mustern der zerrissenen Teppiche. »Das Schicksal wird uns helfen, Julia. – Aber höre, Julia, Dein Wirt hat schöne Perser, Du mußt kein Gesindel hier empfangen.«

Julia trat an das Fenster neben die vergilbten Batistlappen, durch die der Pantegan alles besehen hatte, war sein Wille der Gasse aufgedrängt, die lauten Verwirrungen, die Gebärde und das Geschrei der Händler und Beschützer, die Liebe und den Mord und alles das ...

Der Kandidat nippte wieder an seinem Glas Dalmatiner. Sein schütteres, schlohgelbes Haupthaar bewegte sich unter der Einwirkung eines elektrischen Stromes – und er lächelte. Auch fürderhin schien es bei diesem Kandidatenlächeln bleiben zu wollen. Das Ende aller ihrer Zusammenkünfte war immer dieses blonde Lächeln. Alle Spaziergänge, alle Sonnenuntergänge segnete er damit. Blaß wie die späten Blüten der Vorstadtgärten war alles geworden, die Seelen und die Hoffnungen der Seelen. Nichts war da mehr von den glühenden Beeten des ersten Abendrausches, und keine Tat der Liebe stritt dem Pantegan seine Macht.

So war der Kandidat aus einem Prediger ein ernster Freier geworden. In der dunkeln Gasse neben all ihren Gedächtnissen stand er mit seinem blassen, blonden Freierlächeln und wartete auf ein biederes Wort aus der Heimat.


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