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Das Geheimfach

Es muß unbedingt den Damen der alten Zeit als Boudoir oder Kosewinkel gedient haben, das wenig gebrauchte, selten betretene Zimmer, worin die vernachlässigte alte Schreibkommode stand, denn es lag so etwas ausgesprochen Weibliches in den zarten bläulichen Tönen des verblichenen Brokats, in dem Rosa der wenigen Porzellannippes, die noch an Ort und Stelle verblieben waren, und in dem würzigen altmodischen Geruch, der dem »Potpourri« entströmte, einer großen blau und weißen Vase, mit wunderlichen Löchern im Deckel, die auf dem flachen Abschluß der Schreibkommode stand. Moderne Tanten verschmähten das abgelegene geheimnisvolle Stübchen im oberen Stock; sie erledigten ihre Rechnungsbücher und ihr Briefgekritzel lieber mitten im Getriebe einer zentralen Stellung, wo sie mit einem Auge die Zufahrt beobachten, mit dem andern eigenwillige Dienstboten und widerspenstige Kinder beaufsichtigen konnten. Mich bedünkte es manchmal, als ob die Potpourri-Tanten des früheren Geschlechts besser zu uns gepaßt, unser Dasein weniger gestört hätten.

Aber auch von uns Kindern, vor denen ja nichts sicher war, wurde das altmodische Zimmer selten besucht. Es war auch im Grunde wenig darin, was unsre Neugierde oder Begehrlichkeit hätte reizen können. Ein paar Sessel mit spindeldürren Beinen und vergoldeten Rücklehnen, eine alte Harfe, von der die Sage behauptete, Tante Elisa habe in unvordenklicher grauer Vorzeit selbst darauf gespielt, ein Eckschränkchen mit etlichen alten Porzellansächelchen und die alte Schreibkommode. Das altmodische Zimmer besaß aber noch etwas, eine Eigenart, die kein andres mit ihm teilte und das war ein Zug von Abgeschlossenheit, die Fähigkeit, dem Eindringling fühlbar zu machen, daß er ein solcher war, sogar vielleicht anzudeuten, daß eben noch jemand auf diesem Sessel gesessen, an der Schreibkommode geschrieben, oder die Porzellansächelchen in der Hand gehabt habe, gerade in dem Augenblick, wo man eingetreten war. Daß es darin »umgehe«, wäre eine zu plumpe Bezeichnung für die Stimmung der freundlichen altmodischen Stube gewesen, die wir alle gern hatten, aber etwas Abgeschlossenes, ja Abweisendes hatte sie an sich; sie genügte sich selbst und wollte für sich bleiben.

Onkel Thomas war der erste, der mein Augenmerk auf die in der alten Schreibkommode enthaltenen Möglichkeiten lenkte. Er durchstöberte eines Nachmittags das ganze Haus und hatte mir dabei befohlen, in seiner Nähe zu bleiben, denn er ärgerte sich fürchterlich, wenn man ihn nur eine Minute allein ließ. Unsre Forschungsreise führte auch ins altmodische Zimmer.

»Hm, Sheraton!« bemerkte er, die Schreibkommode ins Aug' fassend – dieser Onkel spielte sich gern als Kenner auf, besonders was Namen betraf –, dann ließ er die Klappe herunter, untersuchte die leeren Schlüssellöcher und die verstaubte Politur.

»Schöne Einlagen,« fuhr er fort, »überhaupt ein gutes Stück Schreinerarbeit! Kenne die Sorte. Irgendwo muß ein Geheimfach sein!«

Jetzt trat ich in atemloser Spannung näher, aber plötzlich rief er: »Nun halt' ich's aber nicht mehr aus ohne Cigarre!« drehte sich auf dem Absatz um und eilte in den Garten.

Mir war damit der Kelch von den Lippen weggerissen und ich hatte Muße, darüber nachzudenken, was für eine seltsame Leidenschaft doch das Rauchen ist, die den Mann mitten im Feld, in der Gerichtsverhandlung, im Wald und im Salon mit dämonischer Gewalt anfassen und ihren Geheißen unterthan machen kann! Ob ich ihr wohl auch anheimfallen würde in der undurchdringlich dunkel vor mir liegenden Zukunft des Erwachsenseins?

Bald jedoch fiel mir ein, daß diese Gedanken sträfliche Zeitvergeudung seien. Das Zauberwort Geheimfach hatte mein ganzes Wesen durchbebt, die Saite war in Schwingung versetzt, die den Dienst nie versagt, wenn Worte wie Gewölbe, Burgverließ, Fallthüre, geheimer Gang, Schatzgräberei daran schlagen. Abgesehen vom Reiz der Entdeckung – hatte man je von einem Geheimfach gehört, das leer gewesen wäre? Ach, und ich hätte so nötig Geld brauchen können! Im Geiste zogen all die Ansprüche an mir vorbei, die ich und andre an meine Kasse machten.

In erster Linie stand da die Pfeife, die ich so gern dem Georg Jannaway verehrt hätte. Georg war Marthas »Bekanntschaft«, seines Zeichens ein Schäfer und mir ein treuer Bundesgenosse, und auf dem letzten Jahrmarkt hatte er nicht nur, wie sich 's gebührt, seiner Liebsten ein Meßgeschenk, sondern auch mir ganz eigens eine wunderschöne Schlange gekauft. Sie war von Holz, bestand aus einzelnen Gliedern und wackelte in der Hand, daß es eine Lust war, hatte gelbe Flecken auf grünem Grund, roch fürchterlich nach Oelfarbe und war klebrig, wie eine frisch bemalte Schlange sein soll. Im Rachen hatte sie eine kunstvoll eingeklebte Zunge aus rotem Flanell. Ich hatte sie zärtlich geliebt und jeden Abend mit mir ins Bett genommen, bis ihre Rückenwirbel nicht mehr recht zusammenhielten und sie sich in Stücke löste. Dann war sie den Weg alles Irdischen gegangen. Jedenfalls aber fand ich's sehr nett von Georg, daß er auf dem Jahrmarkt an mich gedacht hatte, und darum hätte ich ihm auch gern ein Geschenk machen mögen. Nach Neujahr, wenn's recht frostig war und die Zeit des Lämmerwurfs kam, bewohnte Georg ein kleines Holzhaus auf Rädern, weit, weit draußen im winterlichen Feld, wo er kein andres Gesicht zu sehen bekam, als das wollige der stummen Schafe; und wenn er einmal mit Martha verheiratet war, so mußte sie ihm jeden Tag das Essen hinausbringen, wohl zwei Meilen weit, und nach dem Essen würde er dann wohl meine Pfeife rauchen. Mir kam dieses Leben für beide Teile schön und idyllisch vor, und die Pfeife, die ich ihm gab, mußte würdig sein, es zu teilen; eine Pfeife von solcher Vornehmheit aber konnte, wie mich Martha belehrt hatte, nicht unter anderthalb Schilling beschafft werden und meine Börse – – –!

Dann waren auch noch die vier Pence, die ich Eduard schuldete; er war zwar kein ungestümer Gläubiger, das muß ich ihm lassen, aber ich wußte genau, wie nötig er sie hatte, um eine Schuld bei Selina heimzuzahlen, der wiederum gerade diese vier Pence an der Summe von zwei Schilling fehlten, die das Panzerschiff kostete, das sie Harold zu seinem bevorstehenden Geburtstag schenken wollte, I. M. Schiff »Victoria«, das jetzt ganz zwecklos im Schaufenster des Spielwarenladens auf dem Trockenen lag, während das Land doch so dringend seiner bedurft hätte.

Und ferner hatte einer von den Dorfjungen ein Eichhörnchen gefangen, wonach mir schon lange der Sinn stand. Er verlangte allerdings einen Schilling dafür, aber ich wußte, daß es für neun Pence in bar auch zu haben gewesen wäre, doch was fruchteten all diese Erwägungen, wenn sie der Unterlage entbehrten? Meine Bedürfnisse und Pläne reichten aus, jeden etwa auffindbaren Schatz zu erschöpfen, selbst wenn er einen halben Dukaten betragen hätte! Die einzige Hoffnung beruhte auf dem Geheimfach, und da stand ich, hing meinen Gedanken nach und ließ die kostbare Zeit verstreichen. Ob ein Fund dieser Art unbestreitbar mein Eigentum sein und dem Inhalt einer Sparbüchse gleich geachtet werden könnte, war ein Punkt, den ich noch nicht ins Auge gefaßt hatte.

Als ich jetzt an die Schreibkommode trat, wurde es kirchenstill im Zimmer, die alten Möbel schienen förmlich den Atem anzuhalten vor Erwartung. Der schwache Duft von Veilchenwurzel, der mir beim Oeffnen der Klappe entgegenströmte, schien sich mit dem Gelb und Braun des Holzes zu verbinden, daß Ton und Duft eine unwandelbare, unzerstörbare Einheit bildeten. So hatten sich vorher schon die Potpourridüfte mit dem Brokat verschmolzen, daß Brokat und Potpourri nur ein Begriff für uns waren. Mit unruhig zuckenden Fingern untersuchte ich die leeren Schlüssellocher und die Tiefen der leicht und geräuschlos laufenden Schubladen. In keinem der mir bekannten Bücher war ein solcher Fall erzählt oder vorgesehen, ich konnte mich somit an keine Vorschrift halten; um so größer darum der Ruhm, wenn ich mein Ziel ohne jeden Beistand erreichen würde.

Wer einmal dazu bestimmt ist, dem spielt das Schicksal selbst unterwegs kleine Hilfsmittel und Aufmunterungen in die Hand. So hatte ich schon in der ersten Minute einen plumpen Schuhknöpfer entdeckt, ein köstlicher Fund! Im Kinderzimmer war zwar ein gemeinsamer Schuhknöpfer vorhanden, der allen ohne Unterschied des Geschlechts zu dienen hatte, aber einen eigenen persönlichen Schuhknöpfer, den man je nach Stimmung darleihen oder verweigern konnte, besaß keins von uns. Ich steckte also diesen Schatz mit Rührung in meine Tasche und forschte weiter; im Hintergrund einer sonst leeren Schublade verkündeten mir drei alte ausländische Briefmarken, daß ich unbedingt auf der rechten Straße zu Glück und Reichtum sein müsse.

Auf diese anfeuernden Anzeichen folgte indessen eine trübselige Periode ganz unfruchtbaren Suchens. Vergebens zog ich alle Schubladen heraus und betastete jede Stelle der glatten Innenflächen von hinten nach vorne und von vorne nach hinten. Kein Knopf, keine Feder, keine Erhöhung begegnete den ungeduldig zuckenden Fingerspitzen, ungerührt und unerschütterlich stand die alte Schreibkommode da, tapfer ihre Geheimnisse bewahrend, falls sie überhaupt welche hatte. Nach und nach wurde ich müde und mutlos. Es wäre ja gar nicht das erste Mal gewesen, daß Onkel Thomas sich als unzuverlässig und unwissend gezeigt hätte, als ein Führer in Sackgassen, wo das Echo Spott mit einem trieb! Was sollte weitere Beharrlichkeit nützen? Was fruchtete denn überhaupt all unser Thun? Mir kamen früher erlebte Enttäuschungen in den Sinn und das Leben erschien mir wie eine Kette von Mißerfolgen und Niederlagen.

Gedrückt und hoffnungslos gab ich die Arbeit auf und stellte mich ans Fenster. Das Licht zog sich allmählich aus dem altmodischen Zimmer zurück und schien zum Zwecke des Sonnenuntergangs all seine Kräfte auf die ferne Horizontlinie zu konzentrieren. Ganz unten im Garten stand mein Onkel Thomas und hielt Eduard mit dem Kopf zu unterst frei in der Luft, um ihn durchzubläuen. Nervös gurgelnd, schlug Eduard mit den Fäusten blindlings nach der Gegend, wo er von Rechts wegen des Onkels Magen vermuten konnte, und der Inhalt seiner Hosentaschen – buntscheckigen Anblicks – lag zerstreut im Gras. Zwar hatte ich dieses Verfahren des lieben Onkels vor ein paar Stunden am eigenen Leib erprobt, jetzt war's, als spiele sich der Vorgang in weiter Ferne ab und berühre mich nicht im mindesten.

Im Westen türmten sich die Wolken zu einem bläulich roten Gebirge auf und darunter lief nach Norden und Süden, so weit das Auge in die Runde reichte, ein scharf begrenzter goldener Streifen, der sich in der Ferne verlor. Irgendwo, es mußte weit entfernt sein, ertönte der helle dünne Klang eines Horns; es war, als ob der goldene Streifen am Horizont zum Laut, der Laut zum goldenen Farbton geworden wäre. Klang und Farbe berührten mich mit prickelndem Reiz; die schwindende Zuversicht kehrte zurück. Ich wandte mich um, noch einen, den letzten Versuch zu wagen, und als ob es sich des unwürdigen Spiels geschämt hätte, das es mit mir trieb, öffnete das Glück die geballte Faust. Kaum hatte ich die Hand wieder auf das eigensinnige Holz gelegt, als das Geheimfach mit leisem Krach – fast klang's wie ein Seufzer – aufsprang.

Ich zog es heraus und trug's ans Fenster, um den Inhalt beim scheidenden Tageslicht zu prüfen. Nach und nach war ich von dem ernüchternden Suchen zu feige geworden, große Erwartungen zu hegen, und doch sah ich auf den ersten Blick, daß selbst mein schlichtester Milchtopf in Scherben gehen sollte. Da war nichts von Goldbarren oder auch nur Thalern zu erspähen, die mich auf acht Tage zum kleinen Monte Christo der Familie gemacht hätten! Draußen war das Horn verstummt, der goldene Streifen zeigte nur noch ein blasses Schwefelgelb, alles war still und einsam. In mir purzelten stolze Luftschlösser zusammen wie Kartenhäuser, ich war nicht nur so arm wie eine Kirchenmaus, sondern auch jeder Hoffnung bar und empfand diesen Rückschlag aufs schmerzlichste.

Und doch, als ich noch einen Blick auf den Krimskrams in diesem Geheimfach der Enttäuschungen warf, wurde mir wieder warm ums Herz. Der ihn hier zusammengetragen hatte, war ein dem meinigen verwandter Geist gewesen. Zwei verblichene goldene Knöpfe, offenbar von der Marine stammend, ein alter Holzschnitt, der einen mir unbekannten Fürsten darstellte und sorgfältig bemalt war in einer Weise, die ganz an meine Pinselführung erinnerte, einige ausländische Kupfermünzen, dicker und plumper, als die von mir selbst gesammelten, und ein Verzeichnis von Vogeleiern mit genauer Angabe des jeweiligen Fundorts! Außerdem noch ein Frettchenmaulkorb und ein gewundenes Endchen Tau, das seinen Teergeruch bewahrt hatte! Es war also die richtige Mauke eines Jungen, über die ich geraten war! Auch er hatte unter einem glücklichen Stern gestanden und das Geheimfach entdeckt, dann hatte er seine Schätze, einen nach dem andern darin verstaut und sich heimlich daran geweidet – und dann? Warum diese wertlosen Heiligtümer vergessen hier ruhten, war jetzt wohl nicht mehr zu ermitteln, aber mir war's, als ob ich über die gähnende Kluft der Jahre hinweg einen Händedruck tauschte mit einem Kameraden aus längst vergangenen Zeiten – wer weiß, was dazwischen lag?

Ich schob das Geheimfach samt Inhalt wieder in die ehrwürdige Kommode und hörte mit einer gewissen Erleichterung die Feder einschnappen. Vielleicht, daß ein andrer Junge in späterer Zeit sie noch einmal erlösen wird – hoffentlich wird er auch so viel Pietät dafür haben. Als ich die Zimmerthüre aufmachte, klang Getöse und Gejohle von unten herauf – es mußte eine Jagd stattfinden. So viel ich aus den Geräuschen entnehmen konnte, mußten Bären oder Banditen auf dem Spielplan des Abends stehen. In der nächsten Minute konnte ich mitten in dem Getriebe stehen, von Wärme, Licht und Heiterkeit umgeben. Und doch – unendlich weit erschien mir der Weg sowohl dem Raum als der Zeit nach, als ich noch zögernd auf der Schwelle des altmodischen Zimmers still stand.


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