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Erster Aufzug

Erster Auftritt

Gautier (steht in Hut und Stiefeln nachdenklich da und zählt die Knöpfe seines Kollers).

Gautier. Soll ich – soll ich nicht – soll ich doch – soll ich nicht – oder doch
Oder nicht – – verflucht, jetzt soll ich wieder nicht!
        (Ächzt kopfschüttelnd, legt dann die Hand wieder an den ersten Knopf)
Also nicht! – – oder doch – – oder nicht – oder doch – oder nicht –
Oder doch – – (schaut sich in zorniger Verblüffung um) cré nom! – da sagt es wieder doch!
Nun gut, so sei's – zum letztenmal, es sei! (Ausbrechend)
Was ist doch dieser »Soll« für eine Memme,
Hohlwangig, gliederschlotternd, feigen Blicks,
Der stets im Angriff nach dem Rückzug schielt!
Her mit des festen Willens blühendem Speck
Und vollem Mark! – Ich will's! Ich will's! ich – (wieder schwankend) muß! 10
Ja ja – – ich muß! (Erschöpft) Es ist zwar dumm, zu dumm –
Und doch ist es am Ende noch das Klügste. (Zornig)
O welche Lage – frag ich einen Menschen –
Wo selbst das Klügste eine Dummheit ist!
Und doch – ich tu's – ich will's versuchen! Mathieu!

Mathieu (eintretend).
Gnädiger Herr!

Gautier.                   Geh – öh – ruf mal Jeannette! (Mathieu ab)
Ja ja, ich muß es tun. Es hilft mir nichts,
Daß ich mich sträube. 's ist der einzige Ausweg,
Der mir ein Pförtchen noch, ein kleines, sichert –
Das einzige Mittel – – (seufzt) eine bittre Pille!
Und die nicht unfehlbar, gewiß nicht! – Na –
Hilft's, ist es gut! hilft's nicht, so ist's ein Trost,
Daß ich zuvor gewußt, wie dumm es war!

 

Zweiter Auftritt

Mathieu (kommt mit) Jeanne (zurück).

Jeanne. Der gnädige Herr befehlen?

Gautier. Ja, komm mal her! – ich habe – ich wollte dir – (gerät in Zorn) ich – äh! – (Kurz abbrechend) Wo ist Madame?

Jeanne. Auf ihrem Zimmer, Herr! 11

Gautier (sich auslassend). So? – was? – warum ist sie auf ihrem Zimmer? – – was tut sie auf ihrem Zimmer? – warum kommt sie nicht herunter? weiß sie nicht, daß ich fertig bin – – Himmeldonnerr –

Jeanne (ängstlich). Ich will's ihr sagen, gnädiger Herr! (Will ab)

Gautier. Dageblieben! (Entdeckt Mathieu) Was hast du da zu tun?

Mathieu. Ich – nichts!

Gautier. Nichts? – Halunke! – – anspannen!!

Mathieu (retirierend). Ist schon! – gnädiger – –

Gautier. Schafskopf! Dann nimm die Sachen da hinunter! (Mathieu schleunigst ab mit Mantelsack &c. Gautier geht auf und ab, nach einer Pause unschlüssig) Jeanne!

Jeanne. Ja, Herr! – (Für sich) Was er nur will?

Gautier. Hm! – hm! öh! – (Sein Ärger steigt wieder zusehends) Sag mal – – (wieder abbrechend) auf ihrem Zimmer ist Madame?

Jeanne. Ja, Herr!

Gautier. So! – hm! – Zum – öh! – Ich wollte – ich wollte etwas mit dir – (Hält inne)

Jeanne. Ja, Herr!

Gautier (losbrechend). Zum Teufel mit deinem Gejaherr! – Was hast du zu jaherrn? – Ich wollte – nichts wollte ich! Mach, daß du mir aus den Augen kommst, dummes Ding! – 12

Jeanne (unwillkürlich). Ja, Herr! (Sie flüchtet sich vor ihm hinaus.)

 

Dritter Auftritt

Gautier.

Gautier (in höchster Wut).
Cré nom de Dieu! Die Pest an deinen – – nein!
An meinen Hals sollt ich sie eher wünschen,
Der diesen – (klopft sich daran) überzwerchen Schädel trägt!
Was ruf ich sie, wenn ich nicht reden will!
Was red ich nicht, wenn ich sie vor mir hab! – –
Ich weiß nicht, was ich tue, was ich lasse –
Es reißt mich rückwärts, wenn ich vorwärts will!
Und gibt mir wieder einen Ruck nach vorn – –
So wirbelt's um und um ein drehkrank Schaf, –
Gebt ihm den Hammer vor die wirre Stirn!
        (Trommelt sich daran, dann erschöpft)
Und doch ich muß, es geht nicht anders an.
Da hilft kein Beten und kein Fluchen hilft!
Ich kann sie nicht allein – auf keinen Fall! –
Und ohne Aufsicht lassen. Falsch sind alle – –
Wie heißt der alte Spruch doch gleich?
        (Schwach lächelnd sich besinnend)     Ja so:
            Falsch sind alle, jung und alt!
            Ob sie hitzig tun, ob kalt, 13
            Ob sie schmollen oder schmeicheln,
            Ob sie kratzen oder streicheln,
            Ob sie lachen oder weinen –
            Wer kann wissen, wie sie's meinen?
        (Nickt, Mathieu tritt ein)
Zwar falsch ist auch, die ich zum Wächter setze,
Doch hab ich keine Wahl und muß versuchen,
Mit Gold zu löten, wo die Treue rinnt.

Mathieu. Gnädiger Herr, es ist nun alles gepackt und in Ordnung.

Gautier. 's ist gut! – Geh, schick mir die Katze nochmal!

Mathieu. Jeannette?

Gautier. Ja, wen sonst? – (Mathieu geht; Gautier auf und ab)
An allem ist nur diese Reise schuld!
Not, Tod und Teufel auch, wie sie mich ärgert,
Mit all der Plackerei und sonst noch was!
Was geht der König und der Hof mich an – –
        (Hält inne und sieht sich um.)

 

Vierter Auftritt

Mathieu (schiebt) Jeanne (ins Zimmer).

Mathieu. Na, so mach doch!

Gautier. Wird's bald? 14

Jeanne. Aber – der Gnädige tut mir nix?

Gautier. Unsinn! – (Zu Mathieu) Fort! (Mathieu ab) Hör mal, Jeannette, ich – hm! – ich habe – hm! – (kurz entschlossen) etwas zu sagen! – Sag mal, kann ich mich auf deine Verschwiegenheit und Treue verlassen?

Jeanne (sieht ihn mißtrauisch an und öffnet zögernd den Mund).

Gautier. Nein, sag lieber nichts! – Sieh her – – (Zieht eine Börse.)

Jeanne (plötzlich einfallend). O gnädiger Herr, mit Leib und – –

Gautier. Ach was!

Jeanne. Auf Ehr und Seligkeit! So wahr ich – –

Gautier. »Eine falsche Katze bin!«

Jeanne. Wenn's dem gnädigen Herrn einerlei ist, worauf ich schwöre, mir ist's auch – – (Verstummt.)

 

Fünfter Auftritt

Alison (tritt im Rücken Gautiers auf und hört im folgenden zu).

Gautier. Das nehme ich unbesehen hin! Aber schau: da drin sind zwanzig Florentiner –

Jeanne. Ich nehme sie auch unbesehn!

Gautier. Sei still! – So wahr du also eine falsche Katze bist, wie ihr alle –

Jeanne. Wie wer alle? 15

Gautier. Wie wahrscheinlich alle! Hörst du? Wie wahrscheinlich alle! Versteh mich wohl: wie wahr –

Jeanne (frech). Nun ja, wie wahrscheinlich alle, also wohl auch Ma –

Gautier. Hüte deinen losen Schnabel! – Ich habe nichts gesagt! – Aber sieh: diese zwanzig Florentiner– hörst du? (Klappert damit)

Jeanne. Ja, ich höre! –

Gautier. Sie sind dein und noch zwanzig dazu, wenn ich wiederkomme – – Dafür mußt du mir aber versprechen, alles, auch das Kleinste, bis aufs Tüpfchen, was während meiner Abwesenheit – äh – nämlich – nun wie soll ich sagen – na, du bist ja ein gescheites Mädchen –

Jeanne. Ja ja, das glaub ich wohl, aber – –

Gautier. Ich mag das Abern nicht! – Willst du mir das versprechen? Nun, was ist's denn?

Jeanne (an einem Schürzenzipfel kauend). Es geht nicht gut!

Gautier. So – warum geht's nicht gut?

Jeanne. Madame hört's ja! (Gautier fährt bestürzt herum; Pause.)

Alison. Laß dich nicht stören, lieber Mann, ich bitte! (Pause)
Ich bitte drum, laß dich durch mich nicht stören! (Pause)
Schließ deinen Handel nur, nimm ihr den Eid – – 16
Wie teuer ist er? Zwanzig Florentiner?
Du läßt dich deine Schande etwas kosten!

Gautier (nach Worten suchend).
Nein – nein – ich will – –

Alison.                                       Du hast mich doch verstanden?
Vollende doch, was du begonnen! – Häufe
Die Schmach nur weiter auf der Gattin Haupt,
Du krönst auch deine Stirne mit der Schande,
Denn du mußt ernten, was du so gesät,
Dich färbt der Makel, den du an mir suchst,
Nein, nein! mit dem du grundlos mich befleckst!
        (Bricht in Weinen aus)
O welch ein armes, armes Weib bin ich!

Gautier (hilflos).
Was sag ich nur?

Alison.                         Der eigne Mann entehrt mich! –

Gautier (begütigend).
Ich bitt dich, Lieschen!

Alison (abgebrochen, schluchzend).
                                        Bei – der Dienerschaft!

Jeanne. Was das betrifft, ist's freilich unerhört,
Doch nicht so arg, Madame, was mich betrifft! 17

Gautier (sich an die Stirn greifend).
O Esel du!

Alison.             Sieh nur, was du erreichst!

Jeanne. Mit Fug und Recht vielleicht das Gegenteil!

Gautier (zornig). Du, sei mir still!

Alison.                                               Laß sie, hat sie nicht recht?

Gautier. Frau! Frau! Hat sie recht, hab ich's auch!

Alison.                                                                         Du hättest,
Wär ich wie du!

Gautier.                     Wie ich?

Alison.                                       Jawohl, so niedrig!
Unwürdig ist dein Tun, dein schnödes Mißtraun,
Dein immer wacher, schleichender Verdacht,
Der wie mein eigner Schatten mich verfolgt,
Wie ein Gewirr von Kletten an mir klebt,
Und mich wie dich entwürdigt! Wär's ein Wunder,
Wenn ich verzweifelt in den Staub mich würfe, 18
In den du mich hinabzwängst in Gedanken?
O, sieh nur zu, was du damit erreichst,
Du schlauer, überschlauer Schlaukopf du!

Gautier.
Du drohst mir? (Sie schweigt trotzig)
                          Drohst mir? (Erregt)

Alison (kühl).                                 Nein!

Gautier (wild).                                         Ich rate dir's!

Alison. Und hab doch recht! – Weh dir, wär ich wie du,
Und wär ich anders als ich bin!

Jeanne.                                               Sehr wahr!

Gautier (durch die Zähne).
Was wäre dann?

Alison.                       O, lustig wär es, lustig,
Wie ich dich an der Nase führen wollte
Mit deiner alten dummen Eifersucht!

Gautier (verzweifelt). Das ist nicht Eifersucht, das scheint nur so!
Ich bin nicht eifersüchtig, nein –

Jeanne (halblaut).                                   Was denn? 19

Gautier. Ich hüte meine, deine Ehre nur!

Alison. Gab ich dir – oder wer gab Grund dazu?
Wer hat sie angetastet? – Und – o Narrheit! –
Wie willst du unser beider Ehre schützen,
Du, der ihr eigner, schlimmster Feind ja bist! –
Sie scheint dich wahrlich wie ein Alp zu drücken,
So ängstlich quälst du dich mit ihr herum!

Gautier. Ich tu es nicht zum Spaß, ich habe Gründe!

Alison. So, Gründe? ich vielleicht?

Gautier.                                             Du nicht, du noch nicht –

Alison. Noch nicht? – O sprich nur frei! – Ich bin gefaßt!

Gautier. Ich geh nun fort und lasse dich allein – –
Und du bist jung und schön – –

Alison.                                                 Nun? – Und? – –

Gautier.                                                                           's ist gut! – –
Mein Kind, ich kenn die Welt, die Welt ist schlecht,
Ich kenn den Brauch der Welt, und der ist's auch! 20

Alison. Natürlich!

Gautier.                 Ja! – Da sind die Weisen einig! –
Und ich geh fort und lasse dich allein! –

Alison. Das will dir nicht mehr aus dem Sinn! –

Gautier.                                                                   Das ist's!
Zwar eifersüchtig, sag ich, bin ich nicht;
Doch sieh – es fährt mir eisig durch das Hirn! –
Schon der Gedanke, wie die glatten Herrchen,
Die Säbelrassler, Gecken aus der Stadt,
Die Schürzenjäger, die auf tausend Schritt
Selbst aus dem Halse nach Pomade stinken,
Und die, du weißt es, schon seit Jahr und Tag
Da unten ihre Pfauenräder schlagen –
Wie werden die nun erst von morgen an,
Sobald sie wissen, daß ich ferne bin –
Und merken werden sie's! – um dieses Haus
Mit ihren gierigen Hundenasen schnüffeln,
Zu deinem Fenster ihren Singsang klimpern,
Und ihre frechen Augen nach dir schmeißen! –
Und auf der Straße gar – ich denk's nicht aus –
Das Blut steigt lodernd mir in das Gehirn,
Und gelbes Feuer schlägt mir in die Augen – 21
Und meinen ganzen Körper packt's und schüttelt's,
Als müßt ich Gift und Galle – Tod und Teufel –
Kreuz–brand–pest–höllenbombenelement!!!
        (Schleudert auf der Höhe seines Wutausbruchs seinen Hut auf die Erde; die Frauen weichen entsetzt zurück)

Alison. O Gott, o Gott!

Jeanne.                           Er bringt uns sicher um!

Gautier (erschöpft). Hab ich dich arg erschreckt!

Alison (weinerlich).                                                 Wie arm ich bin!
Was soll ich tun – was sagen – wie die Saat
Des gift'gen Argwohns aus der Brust dir reißen? – –
Wenn du nur bliebst, nur bliebst! – O tausendmal
Wollt ich dem Schicksal danken!

Gautier (plötzlich besonnen).                 Gut! Ich bleibe!
Komme was will! Ich schere mich den Teufel!
Ich bleibe! (Beobachtet Alison scharf)

Alison     Gott sei Dank!

Jeanne (halblaut).             Sie ist verrückt! 22

Alison. So bin ich doch die schwere Sorge los! (Geht zum Fenster, öffnet)
Abspannen!

Gautier (zärtlich). Frau! (Nähert sich ihr und faßt ihre Hand)

Jeanne (wie oben).           Sie weiß nicht, was sie tut!

Gautier. Ich glaube ja, daß ich dir unrecht tat!
Ich mach es gut und gehe!

Jeanne (abseits).                         Gott sei Dank!

Alison Nein, nein! bleib nur! es wäre besser, bleib!

Gautier. Nein, liebe Frau! ich gehe! bleib nur brav,
So brav, wie du bis heut gewesen bist.
Nur eines bitt ich noch, verzeih es mir:
Geh nicht zu viel und nicht alleine aus!

Alison. Siehst du, du fängst – –

Gautier.                                       Nein, nein, ich meine nur:
Des Gatten Haus ist seines Weibes Feste.
Mehr sag ich nicht mehr. Ich vertraue dir. 23
Du siehst, daß ich nicht eifersüchtig bin,
's ist nur mein Temperament – und nun leb wohl,
Und bleib gesund und geh mir nicht zu viel – –
        (Verbessert sich)
Und bleibe munter – gib mir einen Kuß!

Alison. Leb wohl! (Sie umarmen sich) und komm mir bald zurück!

(Mathieu tritt ein, kratzt sich den Kopf, dann:)

Mathieu. Gnädiger Herr? Soll denn wirklich abgespannt werden, oder bleibt's – –

Gautier. Wir reisen! komm! (Löst sich aus der Umarmung und schreitet, von Alison geleitet, der Türe zu; Jeanne dreht sich auf dem Absatz herum und schlägt ein Schnippchen.)

 

Sechster Auftritt

(Unterdessen tritt die alte) Crache (ein, mit einem) Burschen (einen großen Waschkorb tragend, der mit einem Tuche zugedeckt ist. Sie setzen den Korb hin).

Die Crache (ohne gleich Gautier zu sehen, beim Eintreten). So, Madame! da haben wir die ganze Bagage, alles ausgesuchte – (Bemerkt Gautier) Jesus, Maria und Joseph! was hätte ich da angerichtet! – Ich habe die Wäsche, Madame! – Sie werden diesmal zufrieden sein! – Wohin damit? 24

Alison (ihren Schreck verbergend). Dort in die Kammer! (Sie tragen den Korb hinein)

Gautier. Verflucht! Kaum steck ich recht im Reisestiefel,
Hetzt mir der Satan dieses alte Weib
Quer übern Weg! – 'ne nette Vorbedeutung!

Die Crache (zurückkommend). Glückliche Reise, Herr! – Allen Segen über Euch!

Gautier (wütend). Sie wünscht mir Segen, he, die alte Hexe,
Zum Teufel mit dem Segen und mit dir!
Wenn dich der Satan holte, wär's ein Segen!

Die Crache (giftig). So? wär's denn Euch lieber, wenn ich Unsegen – –

Gautier (noch wütender). Will mich die Hexe auch noch wütend machen!
(Zu Alison) Und du, was läßt den alten Kuppelpelz
Mir grad zu dieser Stunde in das Haus,
Wo ich zum Aufbruch rüste!

Alison.                                           Aber Lieber!
Was kann ich denn dafür? Sie bracht die Wäsche,
Und dachte nicht zum Ärgernis zu kommen!
Wenn sie's gewußt, da hätte sie gewartet!

Die Crache. Freilich hätte ich das, und wie! – verlaßt Euch drauf! Ich bin zu andern Dingen gekommen, 25 als um Grobheiten zu hören! Und das sage ich Euch, Herr, wenn Ihr mich Hexe und Kuppelpelz schimpft, das hat mir noch niemand geboten. Ich bin alleweil eine ehrliche Frau gewesen und hab mein Brot redlich verdient – –

Mathieu. Herr! – Das sagte auch einmal ein Weibsbild, das zu Troyes gestäupt wurde, und zwar von Rechts wegen. Denn ihr Brot verdiente sie wohl redlich, aber das Schmalz darauf und was sonst noch zum guten Leben gehört, das stahl sie sich! – Aber es wird wirklich Zeit – sonst kommen wir nimmer durch die Stadt; denn wenn die Wärtel mal die Tore geschlossen haben und auf der Pritsche liegen, da könnt Ihr tuten wie ein Engel am jüngsten Tag – sie machen Euch nicht auf!

Gautier. Nun ja denn! – zu! Doch ärgert's mich zu sehr,
Daß mir die Hex den Abschied so verhunzt! –
Leb wohl! Komm her! – Und gib noch einen Kuß! –
Der fegt mir von der Stirne den Verdruß,
Wie Morgensonne scheucht den Nebeldunst!

(Geht mit Mathieu ab. Alison eilt ihm nach und geleitet ihn hinaus. Mathieu bleibt auf der Schwelle stehen und blinzelt pfiffig die Zurückbleibenden an, dann geht er pfeifend ab.) 26

 

Siebenter Auftritt

Die Vorigen, ohne Gautier, Alison und Mathieu.

Die Crache (Mathieu nachblickend). O du! – Wenn ich dich einmal lausen könnte!

Jeanne (erschreckend). O du mein –! Was war das?

Die Crache. Was?

Jeanne. Was er gepfiffen hat?

Die Crache. Nun?

Jeanne. Das war ja die Melodie: »Du bleibst zu lang, mein Robinet!« Wenn er was gemerkt hätte?

Die Crache. Das wäre! Pfeift er es sonst nie?

Jeanne. Ach nein! Du hast recht! Ich hab es neulich schon von ihm gehört.

Die Crache. Da wird's wohl auf dich gemünzt sein!

Jeanne. Ja, er ist eifersüchtig auf meinen Junker! Vom Kapitän kann er nichts wissen. Aber ich bin halt erschrocken! – (Der Crache um den Hals fallend) Nein, wie ich mich freue! Wie ich mich auf den Abend freue! Nein, so was! – Habt Ihr auch fein eingekauft? Ihr wißt, ich bin immer für das Feine!

Die Crache. O, was das betrifft! – Ich sage dir nur, wenn heute der König selbst nach Troyes käme, er könnte nichts mehr auftreiben, was ein König mit Anstand essen kann – – alles haben wir da drin! Das Wasser lief mir in den Augen zusammen, als ich 27 einen Zipfel aufhob, um hineinzugucken, geschweige denn im Munde! – Zum Beispiel Pastetchen haben wir, Pastetchen, sage ich dir – ach was! – sind gar keine Pastetchen! – ich sage dir, das zergeht nur so auf der Zunge, so zart und rührend – – die reine Musik!

Jeanne. Nun läuft mir ja das Wasser im Ohre zusammen, wenn ich dir zuhöre! Für mein Leben ess' ich Pastetchen gern!

 

Achter Auftritt

Die Vorigen. Alison.

Alison. Nun endlich! endlich! endlich ist er fort!
Nun kann ich einmal atmen wie ich will,
Ohne die Zentnerschwere auf der Brust!
Die Freiheit einmal kosten, oder ahnen,
Was frei sein heißt, und einen kühnen Blick
Jenseits der Schranken werfen, die mich engen,
Nein, sie mit einem Sprung zu überspringen,
Ein junges Füllen, frei und toll und wild!
Ohne die Fessel an dem Fuß zu schleppen
In stummem Grimm, wie ein Galeerensklave,
Der an die harte Bank geschlossen rudert,
Und rudert, rudert, nichts als rudern muß,
Indes sein freiheitsdurstig Aug am Anblick 28
Des weiten, stolzen, freien Meers verlechzt!
Frei bin ich heute, und was frei sein heißt –
Ich will es kosten, kosten – ihm zum Trotz!
        (Ergreift Jeanne und wirbelt mit ihr herum)

Die Crache (klatschend). So ist's recht! So ist's brav! Nur lustig, meine Täubchen! Man muß es nehmen, wie's kommt, und rüstig zugreifen, wie's das Glück uns schickt, Sonne und Regen, Unheil und Segen, Kuchen und Brot, Leben und Tod. Heute spazieren wir schäkernd im Sonnenschein, morgen sitzen wir im Regen zu Haus und stricken! Heute essen wir Pasteten, die ein Liebhaber vom Konditor schickt, morgen stehen wir wieder am Herd und kochen für den Hausrüpel Gelbrüben und Bratwurst! Heute abend küssen wir, und morgen abend gehen wir um dieselbe Stunde zum Rosenkranz oder zur Beichte. Das ist der Lauf der Welt! Lustig, Kinder, seid lustig, lustig! – Du Stoffel, nichtsnutziger, kannst du nicht deine Kappe runterreißen und in die Luft schwenken und »juch« schreien, daß Madame sieht, daß du auch Manieren hast! – Marsch! oder du kriegst eine!  –

Der Bursche (der die Zeit über sehr stumpfsinnig dagestanden hat, schwenkt seine Mütze und jauchzt derart, daß Alison und Jeanne erschreckt auseinanderfahren). Juch! (Die Frauen brechen über ihn in ein Gelächter aus) 29

Die Crache. Nu, so war's gerade nicht nötig! – Aber, Madame, ich will nun wieder gehen! Ihr werdet mich ohnehin nicht brauchen! – Hängt Eurem Manne nur eines auf, dem Siedian! Er setzt Euch wohl arg zu?

Alison. Entsetzlich quält mich seine Eifersucht
Und seiner plumpen Bärenliebe Last!
Von morgens früh bis in den Abend folgt
Sein brennend Auge suchend meiner Spur.
Er sieht, wo nichts zu sehn, und hört, wo nichts
Zu hören ist, und ärgert sich darob,
Weil er nichts findet – –

Jeanne.                                     So ein Narr! Wie wenn
Es froh ihn machte, wenn er etwas fände!

Alison. Und hat er jeden Schrein und jede Tasche
Mit seinen Fingern stündlich mir durchwühlt, –
Umsonst natürlich! – sucht sein Späheraug
Mir selbst die Seele drinnen zu entkleiden,
Und heimlich jedes Fältchen zu erforschen –
Allein ich weiß die Stirne wohl zu glätten,
Den Mund zum süßesten der Lächeln zwingend,
Auch wenn der Unmut gärend in mir kocht!

Die Crache. Nur ihm recht um den Bart gegangen und den Brei hübsch verzuckert, wo man ihn 30 am liebsten vergiftet hätte. – O, wie schmeckt dann die Rache!

Jeanne. Das Schlimmste ist aber, daß er es nicht einmal Wort haben will, Gott bewahre! er ist nicht eifersüchtig! er! i wo denn!

Alison. So quält er mich aufs Blut und macht die Ehe
Zur schlimmsten Folter mir und zwar aus Liebe,
Denn »Liebe« ist sein zweites Wort! ja »Liebe«!

Jeanne. Und geht er einmal aus dem Hause, so möchte er Euch am liebsten in den Keller sperren oder in den Schlot mauern, – wie heute auch!

Die Crache. Nun laßt es gut sein, meine Täubchen! – Ihr werdet heute Tröster finden und nicht versauern und verschimmeln wie letztjährige eingemachte Gurken! Gute Nacht und laßt euch alles gut schmecken! – Und – das sag ich euch – ihr werdet mit meiner Bedienung zufrieden sein. Es gibt keinen zweiten so stattlichen Kavalier in ganz Troyes, wie Kapitän Robinet – und er liebt euch so arg! –

Jeanne. O bitt Euch, mein Junker! Über den geht keiner! – Er hat so etwas Feines an sich – –

Die Crache. Er ist aber so mager! Dagegen Kapitän Robinet –

Alison. Nun zankt euch nicht! Wir können sie vergleichen! 31
Die Hauptsach ist, sie müssen lustig sein – –
Ich will mich amüsieren!

Die Crache. O, was das betrifft – –! Ich werde doch meine Kunden kennen. Mehr sage ich nicht! Gesegnete Nacht! – Halte mich bestens empfohlen! – Komm! – Na du Stoffel, kannst du nicht deine Mütze –

Der Bursche (wirft die Mütze in die Höhe). Juch!

Die Crache (ihm eine Ohrfeige gebend). Schafskopf! – Das nicht! – Einen Kratzfuß sollst du machen und der Madame guten Abend sagen!

Der Bursche (ausscharrend). 'n Abend! (Die Crache mit ihm ab unter dem Gelächter der andern.)

 

Neunter Auftritt

Jeanne. Nein so ein Tölpel! – Der – und dann mein Junker!
Nichts geht doch wahrlich über feine Bildung!
Wenn ich an meinen Junker denke – ach! –
Wie der die Worte hübsch zu setzen weiß,
So zierlich wie ein Tänzer seine Beine!
Madame, ich sage Euch, ein jedes Wort
Ist ihm ein Pas, ein Satz, ein Menuett,
Und hat er erst mir etwas abgeschmeichelt,
Wird's mir so duslig, wie nach einem Rundtanz! 32

Alison. Wie bist du denn zu dem Galan gekommen,
Der dich mit seiner hohen Gunst beglückt!
's ist eine Kunst zwar nicht, ihm zu gefallen,
Denn wenn es wahr ist, was man von ihm sagt,
So lauft er jeder Schürze nach!

Jeanne.                                               Madame! –
Ich sage nur: man sage, was man will! –
Ein Junker aus der nobelsten Familie,
Der ist doch wohl ein Mann auch von Geschmack!

Alison. So laß dir eine Wahrheit sagen, Hannchen:
Die Männer von Geschmack sind immer nobel,
Allein nicht jeder Noble hat Geschmack!

Jeanne. Doch Herr de Godelureaux vereinigt beides!
Kein Tüpfchen lass' von seinem Lob ich streichen!
Und daß Ihr's wissen mögt: zu himmlisch war's,
Als wir uns kennen lernten! – Es war Markttag,
Da fuhr ich mit Lisetten in die Stadt –
Nein, es war Caton, richtig Caton war es! –
Sie war zusamt Sebastian eingeschlafen –
Ich ließ sie ruhig in Staub und Hitze ziehn,
Und nahm am Stege bei der untern Mühle
Den Fußweg durch das schattenkühle Wäldchen – 33

Alison (zornig). Schweig! sag ich dir. Ich mag's nicht weiter hören!
        (Für sich)
Bin ich von Sinnen, ist's so weit gekommen,
Daß ich die Herrin ganz vergesse, und
Mit meiner Zofe so gemein mich mache,
Daß Dinge sie mir frei erzählen darf,
Wofür ich sonst sie aus dem Dienst gejagt?

Jeanne (verschnupft).
Was hat Madame?!

Alison.                             Vergiß den Abstand nicht!
Noch bin ich Herrin!

Jeanne.                                 Ich dachte, heute abend –

Alison. Auch heute abend! – (Für sich) Wie ich seltsam bin!
Ist das die Hoffnung ungemessner Lust,
Die mich erfüllte! Oder schleicht die Reue
Verstimmend durch mein Herz! Ah, bah, 's ist Ärger,
Der Ärger, daß ich mich verstimmen ließ,
Der Ärger ist's, daß ich nicht toll genug,
In diese tolle, bunte Nacht zu stürzen,
Gedankenlos wie dieses dumme Ding! –
Die Grillen weg! – Sei heut ein Schmetterling, 34
Und laß den Leichtsinn dir die Freiheit würzen!
Laß gut sein, Mädchen! Sag, wann kommen sie,
Dein süßer Junker und mein Kavalier!

Jeanne. Ein jeder Augenblick kann sie schon bringen!
Gottlob, daß Ihr nun wieder munter seid!
Mir ist so wohl! Es zuckt mir in den Armen,
Als müßt ich jetzt sie öffnen schon und dann
Im süßen Bangen der Erwartung harren,
Bis Julius an diese Brust mir fliegt! –
Das ist von ihm! Das hat er jüngst gesagt,
Als ich am Parktor auf ihn wartete, –
War das nicht schön?

Alison.                               Nein, reizend ist es, Hannchen!
Doch laß uns jetzt an unsern Anzug denken –

Jeanne. Was meint Madam zu meinem Sonntagskleid
Und zu der neuen Brosche!

Alison (lachend).                         Wie du willst! –
Ich wähle mir ein hübsches Morgenkleid,
Und stecke eine Rose mir ins Haar,
Und eine Knospe an die Brust – –

(Es klopft) 35

Alison (erschreckt).                                 Wer klopft?

Jeanne (an die Türe fliegend).
Sie kommen, heil'ge Jungfrau!

 

Zehnter Auftritt

Die Vorigen; (bevor Jeanne die Tür erreicht, tritt mit abgezogenem Barett) Robert (herein; er trägt ein Ränzchen, Gitarre und Rapier).

Robert.                                               Ich! – Madame!

Jeanne (schreit auf und flüchtet sich hinter Alison).

Alison. Zurück! – Was wollt Ihr? – Steht! – Sonst schreie ich! –
Wer gibt Euch Recht, hier einzudringen – fort!

Robert (nähertretend; sie weichen ängstlich zurück).
Ihr gnäd'ge Frau, wie käm ich sonst dazu!
Ich klopfe an, Ihr fragt sogleich: »Wer klopft?«
Aus schönem Mund ist jeder Wunsch Befehl.
Was Wunsch! Die Ahnung eines Wunsches schon!
Drum tret ich ein, und zeig den späten Gast –

Alison. Doch niemand hieß Euch, gleich hereinzutreten,
Zu dieser Stunde, und uns Frau'n erschrecken! 36

Robert. Das Erste hieß ein bißchen Klugheit mich,
Das Zweite wollte grade ich vermeiden!

Alison. Ich red im Ernst – –

Robert.                                   Ich nicht im Scherz, Madame!
Denn seht, hätt ich schon draußen »Ich« gerufen –
Und wenn ich's sanfter als ein Lämmchen blökt,
Und glöckchenrein, wie nur die Lerche trillert,
Gehaucht, geseufzt, geschmachtet und geflötet –
So hätt ich Euch gewiß zu Tod erschreckt,
Und – müßte jetzt auf ein »Herein!« noch warten.
So aber tret ich selber vor Euch hin
Und weise Euch mein ehrliches Gesicht
Als Unterpfand für meine Unschuld hin!

Alison. Was wollt Ihr denn? vielleicht – –

Robert (einfallend).                                       Ein Nachtquartier?
Wie klug Ihr ratet! Dankbar nehm ich's an!

Alison. Ich seh, Ihr treibt die Frechheit mit Methode!
Nehmt Euch in acht! Ich fragte nur – – 37

Robert.                                                             Und ich?
Ich gab die Antwort, wie es sich geziemt!
Fern sei es mir, was Eure milde Hand
Mir freundlich bietet, auszuschlagen – –

Alison.                                                                 Herr! –
Ich bot Euch nichts an!

Robert.                                 Eine schöne Frau,
Sie bietet alles schon durch einen Blick,
Mit dem sie flüchtig unsre Armut streift –

Alison. Wer streifte Euch?

Robert.                                 Verzeiht! Ihr habt ja recht;
Ihr laßt ihn sonnig auf mir ruhen –

Alison (energisch).                                   Herr! –

Robert. Ihr täuscht Euch selbst! Ihr schämt Euch Eurer Güte.
Denn solcher Güte Fülle ist ja immer
Mit Geist und mit Bescheidenheit gepaart! –
O seht mich an – – 38

Alison (streng).               Sonst fehlt Euch nichts – –

Robert.                                                                           O doch!
So viel! zunächst ein warmes Abendbrot,
Ich nehm es dankbar hin zum Nachtquartier!
Ja, Eure Güte traf das Richtige,
Denn übel schläft sich's, wenn der Magen knurrt.

Alison (hilflos). Was soll ich sagen, und wie soll ich wehren – –?

Robert. O teure Frau, wehrt meinem Danke nicht,
Laßt meinen frohen Mund nur überströmen,
Und von der Lippe sprudelt Euch mein Herz,
Das stürmisch pochende, so warm entgegen!
O welch ein unerschöpflich reicher Born
Von Herzensgüte wallt in Eurer Brust;
Das sagt mir, Herrin, Euer schönes Aug,
Das wie die Sonne eine weite Welt
Mit einem einz'gen Strahl vergolden kann!
Ein Blick von Euch zeigt mir ein schwellend Bett,
Der andre gleich ein gutes Abendessen,
Ein dritter weist mir lächelnd, wißt Ihr was?
Ein abgelegtes Wams von Eurem Gatten,
Und wenn der vierte auch noch recht behält, 39
So hör ich etwas in den Taschen klimpern.
Hab ich nicht recht? – Ihr lächelt ja!

Alison (mit ärgerlichem Gesicht).               Nun hört!
Wenn Ihr das Lächeln nennt – –

Robert.                                                 Wie, nicht? Ihr scherzt! –
Ich bitte Euch, das soll kein Lächeln sein? –
Ich seh doch recht – – (Sich die Augen beschattend)
                                      Ha! seht! so lächelte
Einst Aphrodite, als auf Idas Höhn
Sie vor den königlichen Schäfer trat!
Das ist der Seligen Lächeln, der Beglückten,
Nein, der Beglückenden!

Jeanne.                                     Gott steh mir bei!
Der kann's noch besser als mein lieber Junker!

Alison. Ich sag Euch noch einmal – –

Robert.                                                   O nicht! Ihr habt
Durch Euer erstes Wort mich schon beglückt.

Alison (ärgerlich). Jetzt hört mich an! Ich laß Euch aus dem Hause – 40

Robert. – – Nicht in die kalte, dunkle Nacht hinaus
So abgerissen und verhungert ziehn!
O niemals ward mir auf der Wanderung
So liebevoller, gastlicher Empfang!

Alison (ärgerlich, verzweifelt lachend).
Ist mir ein solcher Vogel vorgekommen,
So lästig –

Robert.               – und so angenehm wie ich?

Alison (nachgebend). Wüßt ich ein Mittel, Euch den Mund zu stopfen – –

Robert. Ich will's Euch sagen, gebt mir was zu essen.
Denn wenn die Zähne mahlen, muß ich schweigen!

Jeanne. Was meint Madam', wenn wir ihn hier behielten –

Robert. Sehr richtig, schönes Kind, das meint sie auch!

Jeanne. Es wäre niedlich, wenn wir jemand hätten,
Uns aufzuwarten?

Robert.                          Aufzuwarten, Herrin?
Mit allem, was ich kann, ich will es gern: 41
Ich singe, musiziere, tanze, dichte,
Und weiß Euch eine Masse von Geschichten –

Alison (sich besinnend).
Schon gut! das nebenbei! – Seid Ihr verschwiegen?

Robert. Verschwiegenheit ist meine stärkste Seite,
Nächst der Bescheidenheit!

Alison (lachend).                           Ich bitt Euch, Herr!
Wenn Ihr auf diese Tugend Euch beruft,
Muß die geschwätzigste der Elstern schweigen
Vor einem solchen Plappermaul! – Nein, sagt,
Allein im Ernst, könnt Ihr verschwiegen sein?

Robert. Wenn Ihr ein Siegel auf den Mund mir legt –
Die Wahl stell ich Euch frei, – doch deut ich an:
Am liebsten wär mir eins, das warm und süß –
Und rot und duftig wie ein Lippenpaar.

Alison (zu Jeanne). Such einen Honigfladen aufzutreiben,
Wärm ihn ein bißchen, und dann tauche ihn
In Himbeersaft, und leg es ihm als Pflaster
Auf seinen Mund – (zu Robert) das mag dem Herrn genügen. 42

Robert (galant). Ihr schlugt mich, Herrin – doch ich hatte recht:
Der Güte Zwillingsbruder ist der Geist.

Alison. Ihr seid galant! Doch hört, was ich Euch sage:
Ich – ich erwarte Gäste heut zur Nacht!
Mein Mann ist zwar verreist, allein – nun – ich – –

Robert. O gnäd'ge Frau, der casus ist mir klar:
Der Mann verreist, doch seine guten Freunde
Erfüllen ihre Freund- – und – Christenpflicht!
O welche schöne, gute Tat ist es,
Verlassene zu trösten! – Schade, schade!

Alison. Was schade?

Robert.                       O, daß ich nicht eher kam –
Das Trösten ist just meine stärkste Seite!
Ja fast mein angeborener Beruf!

Alison. Es ist doch schlimm mit Euch! Kein ernstes Wort
Ist möglich –

Jeanne.                   Ja, er hat den Schalk im Nacken! 43

Robert. Das ist mein Erbteil und mein einzig Gut,
Das ganze Kapital, von dem ich zehre:
Geht mir der Witz in Brüche, geh auch ich!

Alison. Ein luftig Gut!

Robert.                         Doch trägt es gute Zinsen,
Und einen großen Vorteil hat es! –

Alison.                                                       Welchen?

Robert. Ei, Gnädige! kein Jude kann mir's pfänden! (Sie lachen)
Doch sagt, was wolltet Ihr – von Eurem Sklaven?

Alison. Nun – gute Freunde hab ich heut zum Essen!
Das heißt – der eine –

Jeanne.                                 Ist der meine, Herr!

Robert. Der Himmel segne Euern edlen Bund!

Jeanne. Ach nein!

Robert (zu Alison weiterfahrend).
                        Und nun, verehrte Dame? 44

Alison.                                                               Hört:
Ich will Euch geben, was Ihr hier gesucht:
Ein Bett und Speis und Trank steht Euch zu Diensten;
Dafür sollt Ihr bei unserm kleinen Schmaus,
So angenehm Ihr's könnt, den Pagen spielen!

Robert. Zwar ist es besser, Gast als Kellner sein,
Doch ein Dienst ist ja wohl des andern wert!
Drum, schöne Wirtin, küß ich Euch die Hand!
Flink will ich tun und gern, was Ihr begehrt –
Und – meinen Hunger geb ich Euch als Pfand!

Alison (zu Jeanne). Nun, gib ihm was zu essen!

Jeanne.                                                                 Aber was? –

Alison. Gib, was du findest!

Robert.                                   Trefflich, schöne Frau!
Doch nach dem alten Wahrspruch: viel und gut!

Jeanne. Ich hol ihm eine Rauchwurst aus dem Schlot,
Und in der Küche ist noch Sauermilch! 45
Vielleicht fällt auch nachher ein Bissen ab,
Das wird dem armen Schlucker wohl genügen.

Alison (zu Robert).
Dann deckst du hübsch den Tisch – gib ihm ein Linnen,
Im Schranke dort sind Teller und Besteck!
Dort in der Kammer steht der Korb mit Speisen,
Und vier Gedecke richtest du uns zu!
Inzwischen, Hannchen, wechseln wir das Kleid! (Ab)

Jeanne (ein Tischtuch über den Tisch breitend).
So, tu wie dir geheißen, und ich will
Noch rasch dein lecker Abendessen bringen. (Ab)

Robert (sich umsehend, die Hände reibend).
So, Freund! Für diese Nacht bist du geborgen,
Laß dich beloben, hast es gut gemacht!
Ein Dach, ein Bett, was für den Magen – und –
Wer weiß, was diese Nacht noch bringen kann?
Die beste Herberg hab ich aufgestöbert
Und bin zur besten Stunde eingekehrt!
Der Herr verreist, die Frau auf schiefer Bahn,
Ein Schmaus in Sicht und eine lust'ge Nacht –
Ich wittre so ein kleines Bacchanal,
Da pflegt so manche Niete sich zu lösen,
Denn, wenn die Herrin fiel, stolziert die Magd!
Wie hübsch die Wirtin ist und auch gescheit!
Ihr Mann muß wohl ein Ungeheuer sein, 46
Denn eine solche Frau fehlt nie umsonst,
Und nur die Dummen sündigen ohne Grund –
Wie mürbe Pflaumen von den Zweigen fallen.
Allein was gehn mich fremde Sünden an,
Die ich nicht büßen muß! Mein Wahlspruch ist:
Greif immer zu, ob's dir der liebe Gott,
Ob's dir der Teufel spendet: nimm's, wie's kommt! – –
Doch munter jetzt zum lustigen Geschäft!
        (Holt einen Stoß Teller und setzt ihn auf den Tisch, dann ein Besteckkörbchen)
Die schöne Wirtin soll zufrieden sein
Mit ihrem Ganymed! Doch erst laß sehn,
Was dieser Korb in seinem Bauche hegt!
Komm, Freundchen, komm, mit deiner süßen Tracht!
Doch munter jetzt zum lustigen Geschäft!
        (Zieht den Korb herein – schlägt den Deckel auf)
Hilf, Himmel! hilf! O heiliger Lukullus!
Sah deine Tafel solche Wonne je,
Wie froh erschrocken hier mein Auge schaut?
O Tantalus, ich fühle deine Qual!
Nein! ist es wirklich, oder blendet nur
Mit ihren trügerischen Wahngebilden
Die Fee Morgana meinen lauten Magen? –
Ha! wie das duftet und es ist kein Traum,
Nein! bare Wirklichkeit! – Verführerisch
Liegt's hingegossen vor den trunknen Sinnen,
Zum Fressen schön, nein, viel zu schön dazu! 47
O seht nur diese reizenden Pasteten,
Salate, Kuchen, Früchte, kalt Geflügel –
Vor allen diesen köstlichen Kapaun, –
        (hält eine Platte hoch)
Gefüllt – mit Trüffeln – und gebraten – ach –
So hold gebräunt, wie von der Morgenröte
Bestrahlte Abendwolken – ach, was sag ich –
Der Anblick da verwirrt mir ganz die Sinne – –

 

Elfter Auftritt

Robert. Jeanne.

Jeanne (mit einer Platte).
So, Herr! Da eßt! Doch sputet Euch ein bißchen!
        (Stellt sie auf einen Ecktisch, dann ab)

Robert (nach einem Blick).
So soll wohl mit gemeiner Bauernkost
Der »arme Schlucker« seinen Hunger stillen,
Und sehn, wie andre diese Fülle schlucken?
Da müßt ich wohl ein dummer Teufel sein!
Nein, Brot und Rauchwurst wandert in den Ranzen,
Für morgen ist es gut, für heut zu schlecht!
Und diese Milch – (sucht) die stell ich in dies Schränkchen –
Halt! einen Bissen muß dem Magen ich
Auf Abschlag geben, denn er schreit zu laut!
        (Taucht ein Brotschnittchen in die Milch, ißt es und stellt die Schüssel in ein Fach des Büfetts) 48
Und nun zu dir, o heilige Gertrud, ruf ich,
Holde Beschützerin der Fahrenden!
Hör mein Gebet: o steh auch heut zu mir
Und send ein paar recht läppische Gesellen,
Daß ich sie auf die lustigste Manier
Um diesen reichen Götterschmaus kann prellen!
        (Macht sich ans Decken.)

 

Der Vorhang fällt. 49

 


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