Johann Wolfgang von Goethe
Der Groß-Cophta
Johann Wolfgang von Goethe

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234 Vierter Aufzug.

Erster Auftritt.

Zimmer der Nichte

Die Nichte. Ein Mädchen.

Nichte (bey der Toilette. Ein Mädchen hilft ihr sich ankleiden, und geht sodann in die Garderobe; sie kommt mit einem Bündel zurück, und geht über das Theater). Was trägst du da? Was ist in dem Bündel?

Mädchen. Es ist das Kleid, das Sie mir befahlen, zum Schneider zu schaffen.

Nichte. Gut. Daß ich es, wo möglich, morgen oder übermorgen wieder habe.

Mädchen (geht ab).

Nichte. Nun bin ich angezogen, wie es meine Tante befohlen hat. – Was mag diese neue Mummerey bedeuten? – Wenn ich bedenke, was mir heute begegnet ist, so habe ich Alles zu befürchten. Kaum erhohle ich mich von jener schauderhaften Scene, so muthet man mir zu, mich umzukleiden, und 235 wenn ich mich recht ansehe, so ist das ungefähr wie ich die Prinzessinn beschrieben habe. Der Domherr liebt die Fürstinn, und ich soll sie wohl gar vorstellen? In welche Hände bin ich gerathen! Was hab' ich zu erwarten? Welchen grausamen Gebrauch macht meine Tante von dem Vertrauen, das ich ihr zu voreilig hingab! Wehe mir! Ich sehe Niemanden, an den ich mich wenden könnte. Die Gesinnungen des Marquis werden mir nun deutlicher. Es ist ein eitler, frecher, leichtsinniger Mann, der mich unglücklich gemacht hat, und bald in mein Verderben willigen wird, um mich nur los zu werden. Der Domherr ist eben so gefährlich. Der Graf ein Betrieger. – – Ach nur der Ritter wäre der Mann, an den ich mich wenden könnte. Seine Gestalt, sein Betragen, seine Gesinnungen zeichneten mir ihn im ersten Augenblicke als einen rechtschaffenen, einen zuverläßigen thätigen Jüngling; und, wenn ich mich nicht irre, war ich ihm nicht gleichgültig. – Aber ach! betrogen durch die unverschämte Mummerey der Geisterscene hält er mich für ein Geschöpf, das der größten Verehrung werth ist. Was soll ich ihm bekennen? Was soll ich ihm vertrauen? – – Es komme wie es wolle, ich will es wagen! Was hab' ich zu verlieren? Und bin ich nicht schon in diesen wenigen Stunden der Verzweiflung nahe gebracht? – Es 236 entstehe was wolle, ich muß ihm schreiben. Ich werde ihn sehen, mich ihm vertrauen; der edle Mann kann mich verdammen, aber nicht verstoßen! Er wird einen Schutzort für mich finden. Jedes Kloster, jede Pension, soll mir ein angenehmer Aufenthalt werden. (Sie spricht und schreibt.)

»Ein unglückliches Mädchen, das Ihrer Hülfe bedarf, und von dem Sie nicht übler denken müssen, weil sie Ihnen vertraut, bittet Sie morgen früh um eine Viertelstunde Gehör. Halten Sie sich in der Nähe, ich lasse Ihnen sagen, wann ich allein bin. Die traurige Lage, in der ich mich befinde, nöthigt mich zu diesem zweydeutigen Schritt.«

So mag es seyn! – – Der kleine Jäck ist mir wohl ein sichrer Bothe.

(Sie geht an die Thür und ruft.)

Jäck!

Zweyter Auftritt.

Nichte. Jäck.

Nichte. Kleiner! weißt du des Ritters Greville Wohnung?

Jäck. Ich bin oft dort gewesen.

237 Nichte. Willst du mir wohl gleich ein Billet an ihn bestellen? Aber daß es Niemand erfährt!

Jäck. Recht gern! Was hab' ich davon?

Nichte (indem sie ihm Geld reicht). Einen Laubthaler!

Jäck (der sich auf einem Fuß einige Mahl herumdreht). Ich habe Flügel.

Nichte (indem sie ihm das Billet gibt). Hier!

Jäck. Das Geld wird bald verdient seyn. Wahrscheinlich ist er in der Nähe. Um diese Zeit pflegt er in das Caffeehaus an der Ecke zu kommen.

Nichte. Das wäre schön. Nur vorsichtig!

Jäck. Geben Sie nur. Verlassen Sie sich auf mich.

Nichte. Du bist ein durchtriebener Schelm!

Jäck. Ich bin zu brauchen, das weiß Ihre Tante.

Dritter Auftritt.

Nichte (allein). Wie frech dieser Knabe ist! Wie abgerichtet! So sollt' ich auch werden; und wäre sie langsamer zu Werke gegangen, sie hätte mich Schritt vor Schritt in's Verderben geführt. Glücklicher Weise werd' ich es gewahr, und fühle noch so viel Kraft mich zu retten. Geist meiner Mutter, steh mir bey! Ein 238 Fehler riß mich aus dem gleichgültigen Zustande, in welchem ich sonst zwischen Tugend und Laster schlummerte. O möge dieser Fehler der erste Schritt zur Tugend seyn!

Vierter Auftritt.

Nichte. Marquise.

Marquise. Lassen Sie sehen, Nichte, wie finden Sie sich in das neue Kleid?

Nichte. Nicht eben so ganz, als wenn es mein eigen wäre.

Marquise. Nun, nun, es geht schon! Es kleidet Sie Alles.

Nichte. Auch der Betrug, wie Sie heute gesehen haben.

Marquise. Wer wird solche Worte brauchen! (Etwas an ihr zurecht rückend.) So! es muß mehr an den Leib geschlossen seyn, und diese Falte muß reicher fallen. Der Wagen wird bald kommen, und wir fahren heute noch auf's Land.

Nichte. Noch heute?

Marquise. Ja, und Sie haben heute noch eine Rolle zu spielen.

Nichte. Noch eine? Sie sind unbarmherzig, 239 Tante. Die erste hat mir schon so viel Mühe gekostet, daß Sie mich mit der zweyten verschonen sollten.

Marquise. Ebendeßwegen, mein Kind. Noch diese und dann die dritte und vierte, und es wird Ihnen keine Mühe mehr kosten.

Nichte. Ich fürchte, Sie finden mich nicht halb so fähig, als Sie glauben.

Marquise. Es kommt auf einen Versuch an. Diese Nacht werden Sie eine sehr geringe Rolle zu spielen haben.

Nichte. In diesem prächtigen Kleide?

Marquise Dem Inhalte nach, meine ich, Sie haben eine halb stumme Liebhaberinn vorzustellen.

Nichte. Wie verstehn Sie das?

Marquise. Ich bringe Sie in einen Garten, führe Sie in eine Laube, gebe Ihnen eine Rose, und Sie verweilen einen Augenblick. Es kommt ein Cavalier auf Sie zu, er wirft sich Ihnen zu Füßen, er bittet Sie um Vergebung, Sie geben einen unvernehmlichen Laut von sich: »mein Herr!« – oder was Sie wollen; – er fährt fort um Verzeihung zu bitten: »stehn Sie auf!« versetzen Sie leise; er bittet um Ihre Hand, als um ein Zeichen des Friedens. Sie reichen ihm Ihre Hand; er bedeckt sie 240 mit tausend Küssen. »Stehn Sie auf!« sagen Sie alsdann: »entfernen Sie sich, man könnte uns überraschen!« Er zaudert; Sie stehen vom Sitze auf: »entfernen Sie sich!« sagen Sie dringend, und drücken ihm die Rose in die Hand. Er will Sie aufhalten: »Es kommt Jemand!« lispeln Sie, und eilen aus der Laube. Er will zum Abschiede einen Kuß wagen; Sie halten ihn zurück, drücken ihm die Hand und sagen sanft: »Wir sehn uns wieder!« und machen sich von ihm los.

Nichte. Liebe Tante, verzeihen Sie mir, es ist eine schwere, eine gefährliche Aufgabe. Wer ist der Mann? Wen soll ich vorstellen? Wird die Nacht, werden die Umstände ihn nicht verwegener machen? Können Sie mich so aussetzen?

Marquise. Du bist sicher, mein Kind. Ich bin in der Nähe und werde nicht einen Augenblick verweilen, wenn ich diese letzten Worte höre. Ich trete herbey und verscheuche ihn.

Nichte. Wie soll ich meine Rolle recht spielen, da ich nicht weiß, wen ich vorstelle?

Marquise. Betragen Sie sich edel, sprechen Sie leise; das Übrige wird die Nacht thun.

Nichte. Welch einen Argwohn erregt mir das blaue Kleid, diese silbernen Muschen!

Marquise. Nun gut, wenn Sie es denn 241 vermuthen, wenn Sie es errathen. Sie stellen die Prinzessinn vor und der Cavalier wird der Domherr seyn.

Nichte. Liebe Tante, wie können Sie einem unglücklichen verlassenen Mädchen solch eine sonderbare Unternehmung zumuthen! Ich begreife den Zusammenhang nicht, ich sehe nicht, was es Ihnen nutzen kann: aber bedenken Sie, daß es kein Scherz ist. Wie hart würde einer gestraft, der die Hand des Fürsten in irgend einer Unterschrift nachahmte, der das Bild seines Königes auf ein unechtes Metall zu prägen sich unterfinge? Und ich soll, wissentlich, mein armseliges Selbst für die geheiligte Person einer Fürstinn geben, soll mit erlogenen Zügen, durch erborgte Kleider die äußere Gestalt jener erhabenen Person nachäffen und durch mein Betragen in eben dem Augenblick die edle Sittlichkeit schänden, die den Charakter dieser großen Fürstinn macht? Ich schelte mich selbst, ich bin zu bestrafen, bin zu verdammen. Haben Sie Mitleid mit mir! denn Sie werden mich nicht retten, wenn man mich verurtheilt. Wollen Sie mich zu einer Verbrecherinn machen, weil ich Ihnen einen Fehler eingestand?

Marquise. Es ist nicht zu ändern,

Nichte (bittend). Meine Tante.

242 Marquise (gebietherisch). Meine Nichte! Sobald der Wagen da ist, erfahren Sie es, werfen Sie dann Ihren Mantel um und folgen Sie mir.

Nichte. Ich wünschte –

Marquise. Sie wissen was zu thun ist, es kann nichts abgeändert werden.

Fünfter Auftritt.

Nichte, nachher Jäck.

Nichte. So war mein Argwohn auf dem rechten Wege! Es ist gewiß was ich fürchtete. Sie will mich dem Domherrn auf eine oder die andere Weise in die Hände liefern, und vielleicht ist der Marquis selbst mit ihr einig. Von solchen Menschen läßt sich Alles erwarten, und desto besser habe ich gethan, mich an den Ritter zu wenden. Ich werde mich heute schon zu betragen wissen, und morgen, wenn ich mich in ihm nicht betrogen habe –

Jäck (in der Thüre). Ist sie weg?

Nichte. Nur herein!

Jäck Wie gesagt, so gethan!

Nichte. Was bringst du?

Jäck. Hier ein Blättchen! (indem er ihr ein Billet gibt und sich dann im Sprunge herumdreht.) Und 243 noch einen Laubthaler vom Ritter für meine Mühe. Brauchen Sie mich ferner zum Courier.

Nichte. Wo hast du ihn angetroffen?

Jäck. Im Caffeehaus gegenüber, wie ich sagte.

Nichte. Sagte er was zu dir?

Jäck. Er fragte, ob Sie zu Hause, ob Sie allein seyen? – Ich muß sehen was es gibt; ich höre, die gnädige Frau fährt aus.

Sechster Auftritt.

Nichte, nachher der Ritter.

Nichte (das Billet lesend).

Ich weiß ihr Vertrauen zu schätzen und freue mich unendlich darüber. Schon habe ich Sie im Stillen beklagt, in wenig Minuten bin ich bey Ihnen« –

O Gott was will das heißen?

»Bis morgen früh kann ich meiner Ungeduld nicht gebiethen. In Ihrem Quartier hab' ich eine Zeit lang gewohnt, und besitze noch durch einen Zufall den Hauptschlüssel. Ich eile nach Ihrer Garderobe; seyn Sie ohne Sorgen; es soll mich Niemand entdecken, und verlassen Sie sich in jedem Sinn auf meine Discretion.«

244 Ich bin in der entsetzlichsten Verlegenheit! Er wird mich in diesen Kleidern finden! Was soll ich sagen?

Ritter (der aus der Garderobe tritt). Sie verzeihen, daß ich eile; wie hätt' ich diese Nacht ruhig schlafen können?

Nichte. Mein Herr –

Ritter (sie scharf ansehend). Wie find' ich Sie verändert? Welcher Aufputz! Welche sonderbare Kleidung! Was soll ich dazu sagen?

Nichte. O mein Herr! ich hatte Sie jetzt nicht vermuthet. Entfernen Sie sich, eilen Sie! Meine Tante erwartet mich diesen Augenblick. Morgen früh –

Ritter. Morgen früh wollen Sie mir vertrauen, und heute nicht?

Nichte. Ich höre Jemand kommen, man wird mich rufen.

Ritter. Ich gehe, sagen Sie mir: was stellt das Kleid vor?

Nichte O Gott!

Ritter. Was kann das für ein Vertrauen seyn, wenn Sie mir diese Kleinigkeit verschweigen?

Nichte. Alles Vertrauen hab' ich zu Ihnen, nur – das ist nicht mein Geheimniß. Dieses Kleid –

245 Ritter. Dieses Kleid ist mir merkwürdig genug. Einige Mahl hat sich die Prinzessinn in einem solchen Kleide sehen lassen. Selbst heute haben Ihnen die Geister die Fürstinn in diesem Kleide gezeigt, und nun find' ich Sie –

Nichte. Rechnen Sie mir diese Maskerade nicht zu.

Ritter. Welche entsetzliche Vermuthungen!

Nichte. Sie sind wahr.

Ritter. Die Geisterscene?

Nichte. War Betrug!

Ritter. Die Erscheinungen?

Nichte. Abgeredet.

Ritter. O ich Unglücklicher! O hätten Sie mir ewig geschwiegen! Hätten Sie mir den süßen Irrthum gelassen! Sie zerstören mir den angenehmsten Wahn meines Lebens!

Nichte. Ich habe Sie nicht berufen, Ihnen zu schmeicheln, sondern Sie als einen edeln Mann um Rettung und Hülfe anzuflehn. Eilen Sie, entfernen Sie sich! Wir sehen uns morgen wieder. Verschmähen Sie nicht ein unglückliches Geschöpf, das nach Ihnen, wie nach einem Schutzgott hinauf sieht.

Ritter. Ich bin verloren! Auf ewig zu Grunde gerichtet! Wüßten Sie, was Sie in diesem 246 Augenblicke mir geraubt haben, so würden Sie zittern; Sie würden mich nicht um Mitleid anflehn. Ich habe kein Mitleid mehr! Den Glauben an mich selbst und an Andre, an Tugend, Unschuld, an jede Größe und Liebenswürdigkeit haben Sie mir entrissen. Ich habe kein Interesse mehr, und Sie verlangen, daß ich es an Ihnen nehmen soll? Meine Zutraulichkeit ist auf das Schändlichste mißhandelt worden, und Sie wollen, daß ich Ihnen trauen soll? Ihnen, einer doppelten, dreyfachen Schauspielerinn! Welch ein Glück, daß ich diesen Abend hierher kam und Ihnen nicht Zeit ließ, sich vorzubereiten, die Maske anzulegen, mit der Sie auch mich zu hintergehen dachten!

Nichte. Ich bin ganz unglücklich! Eilen Sie! Entfernen Sie sich! man kommt!

Ritter. Ich gehe, Sie nie wieder zu sehen!

Siebenter Auftritt.

Die Nichte. Der Marquis.

Marquis (halb in der Thüre). Sind Sie allein, Nichte? Nur ein Wort!

Nichte (indem der Marquis wieder zur Thür hinaus sieht, betrachtet sie sich geschwind im Spiegel). Ich 247 sehe verweint, verworren aus! Was werd' ich sagen?

Marquis (sie umarmend und fest an sich drückend). Süßes, holdes Geschöpf!

Nichte (ihn zurückhaltend). Um Gottes willen, Marquis!

Marquis. Wir sind allein, fürchten Sie nichts!

Nichte (sich von ihm losmachend). Die Marquise erwartet mich. (Bey Seite.) Wenn der Ritter noch da wäre!

Marquis. Was haben Sie? Sie sehen ganz verstört aus.

Nichte. Ach Gott! Die Zumuthungen meiner Tante –

Marquis. Du dauerst mich, liebes Kind; aber ich will dich retten.

Nichte. Sie wissen doch, heute Nacht soll ich die Rolle der Prinzessinn spielen. Es ist erschrecklich! Kommen Sie! (Sie sieht sich inzwischen furchtsam nach der Garderobenthür um.)

Marquis. Bleiben Sie, bleiben Sie, eben deßwegen bin ich hier! Spielen Sie heute Nacht Ihre Rolle nur gut, Sie haben nichts zu besorgen.

Nichte. So lassen Sie uns gehen.

Marquis. Nein doch; ich wollte Ihnen sagen –

Nichte. Dazu ist's morgen Zeit.

Marquis. Keinesweges! Sie scheinen dieses Abenteuer weniger zu fürchten, als Sie sollten.

Nichte (wie oben). Ich bin in der größten Verlegenheit!

Marquis. Es steht Ihnen noch etwas Seltsames diese Nacht bevor, an das Sie nicht denken.

Nichte. Was denn? Sie erschrecken mich!

Marquis. Daß Sie mit mir wegreisen werden.

Nichte. Mit Ihnen?

Marquis. Und das sagen Sie mit einer Art von Widerwillen?

Nichte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Marquis. Ich werde Sie leicht aufklären. Die Maskerade, zu der Sie angezogen sind, ist nicht ein bloßer Scherz. Meine Frau hat im Nahmen der Prinzessinn den Domherrn um einen wichtigen Dienst ersucht, und Sie sollen die Dankbarkeit der Fürstinn gegen den betrogenen Mann ausdrücken.

Nichte (wie oben in Verlegenheit). Ich soll ihm eine Rose geben.

Marquis. Eine würdige Belohnung für einen solchen Dienst. Denn zu nichts Geringerem hat sich 249 die blinde Leidenschaft des Domherrn bereden lassen, als das schöne Halsband von den Hofjuwelieren zu kaufen.

Nichte. Das Halsband?

Marquis. Das wir gestern so sehr bewunderten, als wir diesen Ring kauften.

Nichte. Es ist nicht möglich!

Marquis. So gewiß, daß ich schon einen Theil davon in der Tasche habe.

Nichte. Sie? Was soll das heißen? – Man könnte horchen.

Marquis. So treten Sie hieher! (Er nähert sich der Garderobe.) Ja, mein Kind! Der Domherr besaß es kaum eine Viertelstunde; gleich war es in den Händen meiner Frau, um es der Prinzessinn noch heute Abend zu überliefern. Wie glücklich war das Weib in diesem Augenblick, und ich nicht weniger! Unbarmherzig brach sie die schöne Arbeit von einander; es that mir im Herzen weh, den kostbaren Schmuck so zerstört zu sehen, und ich konnte nur durch das herrliche Packetchen getröstet werden, das sie mir zu meiner Reise zubereitete. Ich habe wenigstens für hunderttausend Livres Steine in der Tasche. Ich geh noch heute nach England ab, mache dort Alles zu Gelde, schaffe Silbergeschirr und Kostbarkeiten in Menge.

250 Nichte (welche bisher die größte Verlegenheit verborgen). Welche gefährliche Unternehmung!

Marquis. Wir müssen jetzt nicht sorgen, sondern wagen.

Nichte. Ich wünsche Ihnen Glück!

Marquis. Nein, du sollst es mir bringen! Du sollst und mußt meine Reisegefährtinn seyn.

Nichte. Sie wollen mich dieser Gefahr aussetzen?

Marquis. Die Gefahr ist weit größer, wenn du zurück bleibst. Meine Frau ist verwegen genug, das Mährchen, so lang' es nur gehen will, durchzuspielen. – Bis der erste Zahlungstermin kommt, ja noch weiter, ist sie ziemlich sicher. Indeß kann ich dich nicht hier lassen.

Nichte. Bedenken Sie –

Marquis. Ich weiß nicht, wie ich dein Betragen erklären soll. Wär' es möglich, daß man mir schon dein Herz entwendet hätte? – Nein, es ist nicht möglich! Du bist verlegen, aber nicht verändert. Laß dich nicht etwa den anscheinenden Reichthum des Domherrn blenden; wir sind jetzt reicher als er, der in kurzem sich in der größten Verlegenheit sehen wird. Ich habe Alles genau berechnet. Du magst heute Nacht die Person der Prinzessinn noch vorstellen. – Es ist die Absicht meiner Frau, daß ich euch hinaus begleiten und dann gleich 251 weiter fahren soll. Ich nehme deßwegen einen besondern Wagen. Ist die Scene vorbey, so erkläre ich der Marquise kurz und gut, daß du mich begleitest. Du magst ein wenig widerstehen, ich führe dich mit Gewalt weg. Lärm darf sie nicht machen, aus Furcht, daß Alles verrathen wird. – Du hörst nicht zu; was ist dir?

Nichte. Verzeihen Sie mir, – dieser Vorschlag – Ich bin verwirrt – ich verstumme. Bedenken Sie, in welcher Lage wir die Tante zurücklassen!

Marquis. Sie wird sich schon helfen, sie ist klug genug. Sie hat diese Sache so weit gebracht und wir verderben ihr nichts an ihrem Plan. Genug, ich will, ich kann dich nicht entbehren, und wenn du je an meiner Liebe zweifeltest, so siehst du nun, wie heftig sie ist. Ich werde dich nicht hierlassen, so vielen Nachstellungen, so vielen Gefahren ausgesetzt; nicht acht Tage, so hab' ich dich verloren. Die unsinnige Leidenschaft des Domherrn zur Fürstinn hält ihn nicht von andern Liebeshändeln zurück. Nur wenige Tage, und du wirst unter dem Schleyer seine Gebietherinn, und ohne Schleyer sein gehorsamstes Liebchen seyn. Komm! – So hab' ich es beschlossen, und davon laß' ich nicht ab. (Er umarmt sie.) Du bist mein geworden, und Niemand soll dich mir rauben! Meine Frau war mir 252 niemahls hinderlich, und wenn sie die Steine glücklich davon bringt, wird sie uns gern verzeihen. – Wie ist dir? Du bist nicht bey dir!

Nichte. Es ist um mich geschehen! Führen Sie mich, wohin Sie wollen.

Marquis. Wisse nur, es ist schon Alles richtig. Unter einem andern Vorwande habe ich von deinem Kammermädchen nur das Nothwendigste zusammen packen lassen. Es kommt auf wenige Tage an, so sind wir neu und besser als jemahls gekleidet. Wir wollen uns nicht mit alter Trödelwaare beschweren.

(Er führt die Nichte ab, die ihm trostlos folgt und nochmahls zurück nach der Garderobenthüre sieht.)

Achter Auftritt.

Der Ritter (der aus dem Cabinet hervor geht). Was hab' ich gehört, und in welchen Abgrund von Verrätherey und Nichtswürdigkeit hab' ich hinein geblickt! Niemahls konnte ich diese Menschen achten, mit denen ich leben mußte! Oft waren sie mir verdächtig; aber wenn man sie bey mir solcher verruchten Handlungen wegen angeklagt hätte, ich 253 hätte sie gegen Jedermann in Schutz genommen. Nun versteh' ich dich, schöne Verführerinn, warum du mich erst morgen früh sehen wolltest! Gewiß war es ihr bekannt, daß der Marquis heute Nacht verreisen solle; aber daß er sie zwingen würde mit ihm zu gehen, dachte sie nicht. Sie glaubte gewiß, seine Neigung zu ihr sey erschöpft, wie ihre Neigung zu ihm. O die Abscheuliche! Diese Unschuld zu heucheln! – Wie ein himmlischer Geist stand sie vor uns, und die reinsten Wesen schienen durch ihren Mund zu sprechen, indeß sie, eines Liebhabers überdrüssig, sich nach andern umsieht, und über die Zauberkugel weg nach den betrogenen Männern schielt, die sie als ein himmlisches Wesen anbethen. Wie soll ich das Alles zurecht legen, was ich gehört habe? Was soll ich thun? Der Graf und die Marquise spinnen den unerhörtesten Betrug an. Um ihren ungeheuern Plan durchzuführen, wagen sie es, den Nahmen einer vortrefflichen Fürstinn zu mißbrauchen, ja sogar ihre Gestalt in einem schändlichen Possenspiel nachzuäffen. Früher oder später wird sich's entdecken, und die Sache endige sich wie sie wolle, so muß sie dem Fürsten und der Fürstinn höchst unangenehm seyn. Es leidet keinen Aufschub. – Soll ich hingehen und dem betrogenen Domherrn die Augen eröffnen? Noch wäre es möglich ihn zu retten! 254 Das Halsband ist zerstückt; aber noch ist der Marquis hier, man kann sie fest halten, ihnen den Schmuck abnehmen, die Betrieger beschämen und sie in der Stille verjagen. – Gut, ich gehe. – Doch halt! – Das thu' ich um des kalten, eigennützigen Weltmannes willen? Er wird mir danken, und für die Rettung aus der ungeheuren Gefahr, mir seine Protection versprechen, mir eine ansehnliche Charge zusichern, sobald er sich wieder würde in Gunst gesetzt haben. Diese Erfahrung macht ihn nicht klug; er wird dem ersten besten Betrieger sich wieder in die Hände geben, sich immer leidenschaftlich, ohne Sinn, Verstand und ohne Folge betragen; wird mich als einen Schmarotzer in seinem Hause dulden; wird bekennen, daß er mir Verbindlichkeiten habe, und ich werde vergebens auf eine reelle Unterstützung warten, da es ihm, ungeachtet seiner schönen Einnahme, immer an barem Gelde fehlt. – –

(Geht nachdenkend auf und nieder.)

Thörichter, beschränkter Mensch! Und du siehst nicht ein, daß sich hier der Weg zu deinem Glücke öffnet, den du so oft vergebens gesucht hast? Mit Recht hat dich heute der Domherr als einen Schüler verlacht, mit Recht der Graf deine Gutmüthigkeit auf eine verruchte Weise mißbraucht! Du verdientest jene Lection, da du nicht einmahl durch sie klüger 255 geworden bist. – Sie glaubten nicht, dich zu ihrem Verderben zu unterrichten. – Wohl, so soll es seyn! Ich eile zu dem Minister. Er ist eben auf dem Landhause, wohin diese Betrieger zusammen in die Falle gehen. Sie sind keiner Schonung werth! Es ist eine Wohlthat für's menschliche Geschlecht, wenn man sie außer Stand setzt, ihre Künste weiter fort zu treiben. Ich eile; der Moment ist entscheidend! Werden sie über der That ergriffen, so ist Alles bewiesen. Die Steine, die der Marquis in der Tasche hat, zeugen wider ihn; es hängt von dem Fürsten ab, die Schuldigen zu behandeln wie es ihn recht dünkt, und ich werde mit leeren Versprechungen gewiß nicht hingehalten. Ich sehe mein Glück mit dem Anbruche des Tages hervortreten! Hier ist nicht ein Augenblick zu säumen! Fort! Fort!



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