Johann Wolfgang von Goethe
Der Groß-Cophta
Johann Wolfgang von Goethe

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139 Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Erleuchteter Saal.

(Im Grunde des Theaters an einem Tische eine Gesellschaft von zwölf bis fünfzehn Personen bey'm Abendessen. An der rechten Seite sitzt der Domherr, neben ihm hinterwärts die Marquise, dann folgt eine bunte Reihe, der letzte Mann auf der linken Seite ist der Ritter. Das Dessert wird aufgetragen und die Bedienten entfernen sich. Der Domherr steht auf und geht nachdenklich am Proscenio hin und wieder. Die Gesellschaft scheint sich von ihm zu unterhalten. Endlich steht die Marquise auf und geht zu ihm. Die Ouvertüre, welche bis dahin fortgedauert, hört auf und der Dialog beginnt.)

Marquise. Ist es erlaubt, so zerstreut zu seyn? gute Gesellschaft zu fliehen, seinen Freunden die Lust traulicher Stunden zu verderben? Glauben Sie, daß wir scherzen und genießen können, wenn unser Wirth den Tisch verläßt, den er so gefällig bereitet hat? 140 Schon diesen ganzen Abend scheinen Sie nur dem Körper nach gegenwärtig. Noch hofften wir gegen das Ende der Tafel, jetzt da sich die Bedienten entfernt haben, Sie heiter, offen zu sehen, und Sie stehen auf, Sie treten von uns weg, und gehen hier am andern Ende des Saals gedankenvoll auf und nieder, als wenn nichts in der Nähe wäre, das Sie interessiren, das Sie beschäftigen könnte.

Domherr. Sie fragen, was mich zerstreut? Marquise, meine Lage ist Ihnen bekannt – wäre es ein Wunder, wenn ich von Sinnen käme? Ist es möglich, daß ein menschlicher Geist, ein menschliches Herz, von mehr Seiten bestürmt werden kann, als das meinige! Welche Natur muß ich haben, daß sie nicht unterliege! Sie wissen, was mich aus der Fassung bringt, und fragen mich?

Marquise. Aufrichtig, so ganz klar seh' ich es nicht ein. Geht doch Alles, wie Sie es nur wünschen können!

Domherr. Und diese Erwartung, diese Ungewißheit?

Marquise. Wird doch wenige Tage zu ertragen seyn? – Hat nicht der Graf, unser großer Lehrer und Meister, versprochen, uns Alle, und Sie besonders, weiter vorwärts in die Geheimnisse zu führen? Hat er nicht den Durst nach geheimer 141 Wissenschaft, der uns Alle quält, zu stillen, Jeden nach seinem Maße zu befriedigen versprochen? Und können wir zweifeln, daß er sein Wort halten werde?

Domherr. Gut! er hat. – Verboth er aber nicht zugleich alle Zusammenkünfte, wie eben die ist, die wir jetzt hinter seinem Rücken wagen? Geboth er uns nicht Fasten, Eingezogenheit, Enthaltsamkeit, strenge Sammlung und stille Betrachtung der Lehren, die er uns schon überliefert hat? – Und ich bin leichtsinnig genug, heimlich in diesem Gartenhause eine fröhliche Gesellschaft zu versammeln, diese Nacht der Freude zu weihen, in der ich mich zu einer großen und heiligen Erscheinung vorbereiten soll! – Schon mein Gewissen ängstiget mich, wenn er es auch nicht erführe. Und wenn ich nun gar bedenke, daß seine Geister ihm gewiß Alles verrathen, daß er vielleicht auf dem Wege ist, uns zu überraschen! – Wer kann vor seinem Zorn bestehen? – Ich würde vor Scham zu Boden sinken – jeden Augenblick! – es scheint mir, ich höre ihn; ich höre reiten, fahren. (Er eilt nach der Thüre.)

Marquise (für sich). O Graf! du bist ein unnachahmlicher Schelm! Der meisterhafteste Betrieger! Immer hab' ich dich im Auge, und täglich lern' ich von dir! Wie er die Leidenschaft dieses jungen Mannes zu brauchen, sie zu vermehren weiß! 142 Wie er sich seiner ganzen Seele bemächtigt hat, und ihm unumschränkt gebiethet! Wir wollen sehen, ob unsere Nachahmung glückt. (Der Domherr kommt zurück.) Bleiben Sie außer Sorgen. Der Graf weiß viel; allwissend ist er nicht, und dieses Fest soll er nicht erfahren. – Seit vierzehn Tagen habe ich Sie, habe ich unsre Freunde nicht gesehen, habe mich vierzehn Tage in einem elenden Landhause verborgen gehalten, manche langweilige Stunde ausdauern müssen, nur um in der Nähe unsrer angebetheten Prinzessinn zu seyn, manchmahl ein Stündchen ihr heimlich aufzuwarten und von den Angelegenheiten eines geliebten Freundes zu sprechen. Heute kehre ich nach der Stadt zurück, und es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mir auf halbem Wege, hier in diesem angenehmen Landhause, ein Gastmahl bereiteten, mir entgegen kamen und meine besten Freunde zu meinem Empfange versammelten. Gewiß, Sie sind der guten Nachrichten werth, die ich Ihnen bringe. Sie sind ein warmer, ein angenehmer Freund. Sie sind glücklich, Sie werden glücklich seyn; nur wünschte ich, daß Sie auch Ihres Glücks genössen.

Domherr. Es wird sich bald geben! bald.

Marquise. Kommen Sie, setzen Sie sich. Der Graf ist abwesend, seine vierzigtägigen Fasten in 143 der Einsamkeit auszuhalten, und sich zu dem großen Werke vorzubereiten. Er erfährt unsre Zusammenkunft nicht, so wenig er unser großes Geheimniß erfahren darf. (Bedenklich.) Könnte es vor der Zeit entdeckt werden, daß die Prinzessinn verzeiht, daß sich der Fürst wahrscheinlich durch eine geliebte Tochter bald versöhnen läßt; wie leicht könnte das ganze schöne Gebäude durch die Bemühungen der Mißgunst zu Grunde gehen! Ausdrücklich hat mir die Prinzessinn, die Ihre Verbindung mit dem Grafen kennt, befohlen, diesem Manne, den sie fürchtet, unsre wichtige Angelegenheit zu verbergen.

Domherr. Ich hänge ganz von Ihrem Willen ab; auch dieses schwere Geboth will ich erfüllen, ob ich gleich überzeugt bin, daß ihre Furcht ungegründet ist. Dieser große Mann würde uns eher nützen als schaden. Vor ihm sind alle Stände gleich. Zwey liebende Herzen zu verbinden ist sein angenehmstes Geschäft. Meine Schüler, pflegt er zu sagen, sind Könige, werth die Welt zu regieren und eines jeden Glückes werth. – Und wenn es ihm seine Geister anzeigen, wenn er sieht, daß in diesem Augenblick Mißtrauen gegen ihn unsre Herzen zusammenzieht, da er die Schätze seiner Weisheit vor uns eröffnet!

144 Marquise. Ich kann nur sagen, daß es die Prinzessinn ausdrücklich verlangt.

Domherr. Es sey! Ich gehorche ihr, und wenn ich mich zu Grunde richten sollte.

Marquise. Und wir bewahren unser Geheimniß leicht, da Niemand auch nur von ferne vermuthen kann, daß die Prinzessinn Sie begünstigt.

Domherr. Gewiß, Jedermann glaubt mich in Ungnade, auf ewig vom Hofe entfernt. Mitleidig, ja verachtend sind die Blicke der Menschen, die mir begegnen. Nur durch einen großen Aufwand, durch Ansehn meiner Freunde, durch Unterstützung mancher Unzufriedenen erhalte ich mich aufrecht. Gebe der Himmel, daß meine Hoffnungen nicht triegen, daß dein Versprechen in Erfüllung gehe!

Marquise. Mein Versprechen? – Sagen Sie nicht mehr so, bester Freund. Bisher war es mein Versprechen; aber seit diesem Abend, seitdem ich Ihnen einen Brief überbrachte, gab ich Ihnen nicht mit diesem Briefe die schönsten Versicherungen in die Hände?

Domherr. Ich habe es schon tausend Mahl geküßt, dieses Blatt. (Er bringt ein Blatt aus der Tasche.) Laß' es mich noch tausend Mahl küssen! Von meinen Lippen soll es nicht kommen, bis diese heißen 145 begierigen Lippen auf ihrer schönen Hand verweilen können: auf der Hand, die mich unaussprechlich entzückt, indem sie mir auf ewig mein Glück versichert.

Marquise. Und wenn dann der Schleyer von diesem Geheimniß hinwegfällt, und Sie mit dem völligen Glanze des vorigen Glückes, ja in einem weit schönern, vor den Augen der Menschen da stehn, neben einem Fürsten, der Sie wieder erkennt, neben einer Fürstinn, die Sie nie verkannt hat; wie wird dieses neue, dieses leuchtende Glück die Augen des Neides blenden, und mit welcher Freude werde ich Sie an dem Platze sehen, den Sie so sehr verdienen! –

Domherr. Und mit welcher Dankbarkeit werde ich eine Freundinn zu belohnen wissen, der ich Alles schuldig bin!

Marquise. Reden Sie nicht davon. Wer kennt Sie und ist nicht gleich lebhaft für Sie hingerissen? Wer wünscht nicht Ihnen, selbst mit Aufopferung zu dienen?

Domherr. Horch! es kommt ein Wagen angefahren. Was ist das?

Marquise. Seyn Sie unbesorgt; er fährt vorbey. Die Thüren sind verschlossen, die Läden verwahrt; ich habe auf's Genaueste die Fenster zudecken 146 lassen, daß Niemand den Schein eines Lichts bemerken kann. Niemand wird glauben, daß in diesem Hause Gesellschaft sey.

Domherr. Welch ein Lärm, welch ein Getümmel?

(Ein Bedienter tritt ein.)

Es ist ein Wagen vorgefahren; man pocht an die Thüre, als wenn man sie einschlagen wollte. Ich höre des Grafen Stimme; er droht und will eingelassen seyn.

Marquise. Ist das Haus verriegelt? – Macht ihm nicht auf! Rührt euch nicht. Antwortet nicht. Wenn er ausgetobt hat, mag er abfahren.

Domherr. Sie bedenken nicht, mit wem wir zu thun haben. – Macht ihm auf! Wir widerstehn vergebens.

Bediente (die hereinstürzen). Der Graf! der Graf!

Marquise. Wie ist er herein gekommen?

Bedienter. Die Thüren thaten sich von selbst auf; beyde Flügel.

Domherr Wo soll ich hin?

Die Frauen. Wer wird uns retten!

Ritter. Nur getrost!

Die Frauen. Er kommt! er kommt!

147 Zweyter Auftritt.

Der Graf. Vorige.

Graf (unter der Thüre hinauswärts sprechend). Assaraton! Pantassaraton! Dienstbare Geister bleibt an der Thüre, laßt Niemand entwischen! leidet nicht, daß Jemand über die Schwelle gehe, der nicht von mir bezeichnet ist.

Die Frauen. Weh' uns!

Die Männer. Was soll das werden!

Graf. Uriel, du zu meiner Rechten, Ithruriel, du zu meiner Linken, tretet herein. Bestrafet die Verbrecher, denen ich dieß Mahl nicht vergeben werde.

Die Frauen. Wohin verkriech' ich mich!

Domherr. Es ist Alles verloren!

Graf. Uriel! (Pause, als wenn er Antwort vernähme.) So recht! – »hier bin ich!« das ist dein gewöhnlicher Spruch, folgsamer Geist. – Uriel, fasse diese Weiber! (die Mädchen thun einen lauten Schrey) führe sie weit über Berg und Thal, setze sie auf einen Kreuzweg nieder; denn sie glauben nicht, sie gehorchen nicht, bis sie fühlen. Greif zu!

Die Frauen. Ai! Ai! Er hat mich! – Großer Meister, um Gottes willen!

Marquise. Herr Graf!

148 Die Frauen. Kniend bitten wir unsre Schuld ab.

Graf. Uriel, du bittest für sie! Soll ich mich erweichen lassen?

Die Frauen. Bitte für uns, Uriel!

Marquise. Ist es erlaubt, diese Geschöpfe so zu ängstigen?

Graf. Was! Was! auf Ihre Knie nieder, Madame! Nicht vor mir, vor den unsichtbaren Mächten, die neben mir stehen, auf die Knie! Können Sie ein schuldloses Herz, ein freyes Angesicht gegen diese himmlischen Gestalten wenden?

Ein Mädchen. Siehst du was?

Die Andre. Einen Schatten, ganz dicht an ihm!

Graf. Wie sieht es in Ihrem Herzen aus?

Marquise. Großer Meister! Schone des zarten Geschlechts.

Graf Ich bin gerührt, nicht erweicht. Ithruriel! ergreife diese Männer, führe sie in meine tiefsten Keller.

Domherr Mein Herr und Meister!

Ritter. Nicht ein Wort mehr! Ihre Geister erschrecken uns nicht, und hier ist eine Klinge gegen Sie selbst. Glauben Sie nicht, daß wir noch Arm und Muth genug haben, uns und diese Frauen zu vertheidigen?

149 Graf. Thörichter Jüngling! zieh völlig, ziehe! Stoß hierher, hierher auf diese freye unbeschützte Brust! stoß her, daß ein Zeichen geschehe für dich und Alle. Ein dreyfacher Harnisch, der Rechtschaffenheit, der Weisheit, der Zauberkraft schützt diese Brust. Stoß her und suche die Stücke deiner zerbrochenen Klinge beschämt zu meinen Füßen.

Die Männer. Welche Majestät!

Die Frauen. Welche Gewalt!

Die Männer. Welche Stimme!

Die Frauen. Welch ein Mann!

Der Ritter. Was soll ich thun?

Domherr. Was kann das werden?

Marquise. Was soll ich sagen?

Graf. Steht auf! ich begnadige das unverständige Geschlecht. Meine verirrten Kinder will ich nicht ganz verstoßen; doch alle Züchtigung erlaß' ich euch nicht.

(Zu den Männern:)

Entfernt euch. (Die Männer treten in den Grund zurück.)

(Zu den Frauen:)

Und ihr, faßt und sammelt euch!

(Als wenn er vertraulich zu den Geistern spräche:)

Uriel! Ithruriel! geht zu euern Brüdern!

150 (Zu den Frauen:)

Nun laßt hören, ob ihr meiner Lehren noch eingedenck seyd. – Was sind die Haupttugenden der Weiber?

Erstes Mädchen. Geduld und Gehorsam.

Graf. Was ist ihr Sinnbild?

Zweytes Mädchen. Der Mond.

Graf (gegen die Marquise). Warum?

Marquise. Weil er sie erinnert, daß sie kein eigen Licht haben, sondern daß sie allen Glanz vom Manne erhalten.

Graf. Wohl, das merkt euch! – Und nun, wenn ihr nach Hause fahrt, werdet ihr linker Hand das erste Viertel am klaren Himmel erblicken; dann sprecht unter einander: seht, wie zierlich es da steht! welches gemäßigte Licht! welche schöne Taille! welche Sittsamkeit! das wahre Bild einer liebenswürdigen heranwachsenden Jungfrau. Erblickt ihr künftig den Vollmond, so ermahnt euch unter einander, und sprecht: wie schön glänzt das Bild einer glücklichen Hausfrau, sie wendet ihr Gesicht gerade ihrem Manne zu; sie fängt die Strahlen seines Lichtes auf, die sanft und lieblich von ihr wiederglänzen. Das bedenkt recht, und führt unter einander dieses Bild auf, so gut ihr nur könnt; setzt eure Betrachtungen so weit fort als ihr vermöget; 151 bildet euren Geist, erhebt euer Gemüth: denn so nur könnt ihr würdig werden, das Angesicht des Groß-Cophta zu schauen. – Nun geht! übertretet keines meiner Gebothe, und der Himmel behüte euch vor dem abnehmenden Lichte, vor dem betrübten Witwenstande! – Ihr fahrt sogleich sämmtlich nach der Stadt, und nur eine strenge Buße kann euch Vergebung erwerben und die Ankunft des Groß-Cophta beschleunigen. Lebt wohl.

Marquise (bey Seite). Der verwünschte Kerl! Er ist ein Phantast, ein Lügner, ein Betrieger; ich weiß es, ich bin's überzeugt; und doch imponirt er mir! (Die Frauenzimmer neigen sich und gehen ab.)

Dritter Auftritt.

Die Vorigen (außer den Damen).

Graf. Nun Ritter und ihr Andern, tretet herbey! Ich hab' euch vergeben; ich seh' euch beschämt, und meine Großmuth überläßt eurem eigenen Herzen Strafe und Besserung.

Ritter. Wir erkennen deine Huld, väterlicher Meister.

Graf. Wenn ihr aber in der Folge meine Verordnungen überschreitet, wenn ihr nicht Alles 152 anwendet, den begangenen Fehler wieder gut zu machen: so hoffet nie das Angesicht des Groß-Cophta zu sehen, nie an der Quelle der Weisheit eure durstigen Lippen zu erquicken. – Nun, laßt hören, habt ihr gefaßt, was ich euch überlieferte? – Wann soll ein Schüler seine Betrachtungen anstellen?

Ritter. Bey Nachtzeit.

Graf. Warum?

Erster Schüler. Damit er desto lebhafter fühle, daß er im Finstern wandelt.

Graf. Welche Nächte soll er vorziehen?

Zweyter Schüler. Nächte, wenn der Himmel klar ist und die Sterne funkeln.

Graf. Warum?

Ritter. Damit er einsehe, daß viele tausend Lichter noch nicht hell machen, und damit seine Begierde nach der einzig erleuchtenden Sonne desto lebhafter werde.

Graf. Welchen Stern soll er vorzüglich im Auge haben?

Erster Schüler. Den Polarstern.

Graf. Was soll er sich dabey vorstellen?

Zweyter Schüler. Die Liebe des Nächsten.

Graf. Wie heißt der andere Pol?

Erster Schüler. Die Liebe der Weisheit.

Graf. Haben diese beyden Pole eine Achse?

153 Ritter. Freylich, denn sonst könnten sie keine Pole seyn. Diese Achse geht durch unser Herz, wenn wir rechte Schüler der Weisheit sind, und das Universum dreht sich um uns herum.

Graf. Sage mir den Wahlspruch des ersten Grades.

Ritter. Was du willst, das dir die Leute thun sollen, wirst du ihnen auch thun.

Graf. Erkläre mir diesen Spruch.

Ritter. Er ist deutlich, er bedarf keiner Erklärung.

Graf. Wohl! – Nun geht in den Garten, und faßt den Polarstern recht in die Augen.

Ritter. Es ist sehr trübe, großer Lehrer; kaum daß hier und da ein Sternchen durchblinkt.

Graf. Desto besser! – So bejammert euren Ungehorsam, euren Leichtsinn, eure Leichtfertigkeit; das sind Wolken, welche die himmlischen Lichter verdunkeln.

Ritter. Es ist kalt, es geht ein unfreundlicher Wind, wir sind leicht gekleidet.

Graf. Hinunter! hinunter mit euch! Darf ein Schüler der Weisheit frieren? – Mit Lust solltet ihr eure Kleider abwerfen, und die heiße Begierde eures Herzens, der Durst nach geheimer 154 Wissenschaft sollte Schnee und Eis zum Schmelzen bringen. Fort mit euch! fort!

(Die Ritter und die Andern mit einer Verbeugung ab).

Vierter Auftritt.

Der Graf. Der Domherr.

Graf. Nun hervor mit Ihnen, Domherr! hervor! Sie erwartet ein strenger Gericht. – Ihnen hätte ich es nicht zugetraut. Der Schüler, dem ich mehr als allen Andern die Hand reiche, den ich mit Gewalt zu mir herauf ziehe, dem ich schon die Geheimnisse des zweyten Grades enthüllt habe – dieser besteht so schlecht bey einer geringen Prüfung! – Nicht die Drohungen seines Meisters, nicht die Hoffnung den Groß-Cophta zu sehen, können ihn abhalten, seine Gelage nur wenige Nächte zu verschieben. Pfuy! ist das männlich? ist das weise? Die Lehren des größten Sterblichen! die Hülfe der Geister! die Eröffnung aller Geheimnisse der Natur, eine ewige Jugend, eine immergleiche Gesundheit, eine unverwüstliche Stärke, eine nie verschwindende Schönheit! Um diese größten Schätze der Welt bemühest du dich, und kannst nicht einem Abendschmause entsagen!

155 Domherr (niederkniend). Du hast mich oft zu deinen Füßen gesehen; hier lieg' ich wieder. Vergib mir! entziehe mir nicht deine Huld. – Die Reitze – die Lockung – die Gelegenheit – die Verführung! – Nie sollst du mich wieder ungehorsam finden! gebiethe! lege mir auf, was du willst!

Graf. Wie kann ich mit dir zürnen, du mein Liebling! wie kann ich dich verstoßen, du erwählter des Schicksals! Steh' auf, komm' an meine Brust, von der du dich, selbst mit Gewalt, nicht losreissen kannst.

Domherr. Wie entzückst du mich! – Aber darf ich in diesem Augenblicke, wo ich büßen und trauren sollte, darf ich als ein Zeichen der Versöhnung mir eine Gnade von dir ausbitten?

Graf. Sprich, mein Theurer!

Domherr. Laß mich nicht länger in Ungewißheit, gib mir ein helleres Licht über den wunderbaren Mann, den du Groß-Cophta nennst, den du uns zeigen willst, von dem du uns so viel versprichst. Sage mir, wer ist er? Wo ist er? Ist er schon nah? Werd' ich ihn sehen? Kann er mich würdigen? Kann er mich aufnehmen? Wird er mir die Lehren überliefern, nach denen mein Herz so heftig begehrt?

Graf. Mäßig! mäßig, mein Sohn! Wenn ich 156 dir nicht gleich Alles entdecke, so ist dein Bestes meine Absicht. – Deine Neugierde zu wecken, deinen Verstand zu üben, deine Gelehrsamkeit zu beleben, das ist es, was ich wünsche; so möcht' ich mich um dich verdient machen. – Hören und lernen kann jedes Kind; merken und rathen müssen meine Schüler. – Als ich sagte: Cophta, fiel dir nichts ein?

Domherr. Cophta! Cophta! – Wenn ich dir es gestehen soll, wenn ich mich vor dir nicht zu schämen brauche! Meine Einbildungskraft verließ sogleich diesen kalten, beschränkten Welttheil; sie besuchte jenen heißen Himmelsstrich, wo die Sonne noch immer über unsäglichen Geheimnissen brütet. Ägypten sah ich auf ein Mahl vor mir stehen; eine heilige Dämmerung umgab mich; zwischen Pyramiden, Obelisken, ungeheuren Sphinxen, Hieroglyphen verirrte ich mich; ein Schauer überfiel mich. – Da sah ich den Groß-Cophta wandeln; ich sah ihn umgeben von Schülern, die wie mit Ketten an seinen klugen Mund gebunden waren.

Graf. Dieß Mahl hat dich deine Einbildungskraft nicht irre geführt. Ja, dieser große, herrliche, und ich darf wohl sagen, dieser unsterbliche Greis ist es, von dem ich euch sagte, den ihr zu sehen dereinst hoffen dürfet. In ewiger Jugend wandelt er schon Jahrhunderte auf diesem Erdboden. 157 Indien, Ägypten ist sein liebster Aufenthalt. Nackt betritt er die Wüsten Libyens; sorglos erforscht er dort die Geheimnisse der Natur. Vor seinem gebietherisch-hingestreckten Arm stutzt der hungrige Löwe; der grimmige Tieger entflieht vor seinem Schelten, daß die Hand des Weisen ruhig heilsame Wurzeln aufsuche, Steine zu unterscheiden wisse, die wegen ihrer geheimen Kräfte schätzbarer sind als Gold und Diamanten.

Domherr. Und diesen trefflichen Mann sollen wir sehen? Gib mir einen Wink, auf welche Weise es möglich sey?

Graf. O du Kurzsichtiger! welche Winke soll ich dir geben? Dir, dessen Augen geschlossen sind!

Domherr. Nur Ein Wort!

Graf. Es ist genug! – Was der Hörer wissen soll, pflege ich ihm nie zu sagen.

Domherr. Ich brenne vor Begierde, besonders seitdem du mich in den zweyten Grad der Geheimnisse erhoben hast. O! daß es möglich wäre, daß du mir auch sogleich den dritten schenktest.

Graf. Ei, kann nicht geschehen!

Domherr. Warum?

Graf. Weil ich noch nicht weiß, wie du die Lehren des zweyten Grades gefaßt haben magst und ausüben wirst.

158 Domherr. Prüfe mich sogleich.

Graf. Es ist jetzt nicht Zeit.

Domherr. Nicht Zeit?

Graf. Hast du schon vergessen, daß die Schüler des zweyten Grades ihre Betrachtungen bey Tage und besonders Morgens anstellen sollen?

Domherr. So sey es denn morgen bey guter Zeit.

Graf. Gut! Nun aber zuvörderst die Buße nicht versäumt! – Hinunter zu den Andern in den Garten! – – Aber du sollst einen großen Vorzug vor ihnen haben. – – Wende ihnen den Rücken zu – schaue gegen Mittag. Von Mittag kommt der Groß-Cophta; dieses Geheimniß entdeck' ich dir allein. Alle Wünsche deines Herzens eröffne ihm; sprich so leise du willst, er hört dich.

Domherr. Ich gehorche mit Freuden.

(Er küßt dem Grafen die Hand und entfernt sich).

Fünfter Auftritt.

Der Graf. Saint Jean.

Saint Jean (der vorsichtig herein tritt). Hab' ich meine Sachen nicht recht gemacht?

Graf. Du hast deine Pflicht erfüllt.

159 Saint Jean. Flogen die Thüren nicht auf, als wenn Geister sie von einander sprengten? Meine Cameraden erschracken und flohen; es hat Keiner was gesehen noch gemerkt.

Graf. Es mag gut seyn! Ich hätte sie auch ohne dich aufgebracht; nur verlangt eine solche Operation mehr Umstände. Ich nehme nur manchmahl zu gemeinen Mitteln meine Zuflucht, um die edlen Geister nicht immer zu incommodiren. (Einen Beutel eröffnend.) Hier für deine Mühe! Gib dieß Geld nicht frevelhaft weg; es ist philosophisches Gold. Es bringt Segen! – – Wenn man's in der Tasche behält, wird sie nie leer.

Saint Jean. So! da will ich's wohl verwahren.

Graf. Wohl, und spare dir immer zwey, drey Goldstücke dazu, du wirst Wunder sehen.

Saint Jean. Haben Sie das Gold selbst gemacht, Herr Graf?

Graf. Ich gebe gar kein andres aus.

Saint Jean. Wie glücklich sind Sie!

Graf. Weil ich Glückliche mache.

Saint Jean. Ich bin Ihnen mit Leib und Seele ergeben.

Graf. Das soll dein Schade nicht seyn. Gehe hin und schweige, damit nicht Andre diese Quelle 160 kennen lernen. In wenig Zeit sollst du die Stelle haben, um die du gebethen hast. (Bedienter ab.)

Sechster Auftritt.

Der Graf. Glücklicher Weise find' ich hier eine wohlbesetzte Tafel, ein feines Dessert, treffliche Weine. Der Domherr läßt's nicht fehlen. Wohl, hier kann ich meinen Magen restauriren, indeß die Menschen glauben, ich halte meine vierzigtägigen Fasten. Ich scheine ihnen auch darum ein Halbgott, weil ich ihnen meine Bedürfnisse zu verbergen weiß.



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