Adolf Glassbrenner
Zwei Prosaskizzen
Adolf Glassbrenner

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Die Königsstraße

Die kurze Lange Brücke, auf welcher die Statue des großen Kurfürsten steht, scheidet das vornehme Berlin von dem geschäftigen, und der erste Blick, den man über die wellenförmige und schmale Königsstraße wirft, ist überzeugend, daß sie der Mittelpunkt alles geschäftigen Lebens, aller kaufmännischen Regsamkeit, aller gewerblichen Speculation ist. Die breiten, schweigsamen Häuser der schönen Freidrichsstadt mit ihrer aristokratischen Physiognomie haben wir im Rücken, hier beginnt das Reich der Nothwendigkeit; jeder kleine Raum, jeder Winkel ist benutzt, die Häuser sind schmal, aber hoch, die Fenster sind dicht aneinander bedrängt, selbst die spitze Stirn der sorglichen Gebäude ist mit Luken gefurcht, durch welche der flinke Schneider und der eifrige Schuhmacher sein Tageslicht bezieht. Unten ist Gewölbe an Gewölbe, Boutique an Boutique, Schild an Schild gereiht.

Tief in der Nacht, wenn die Straße schläft, erwacht ihr Geisterleben. Die Schulden fliegen durch die drückende Luft und prügeln sich, die Sorgen klappern an die Fenster, die hohen Procente sitzen an den Thorwagen, und lassen sich von den kleinen Procenten komische Geschichten erzählen, die Staatspapiere klettern bis zu den Schornsteinen hinauf und stürzen sich wieder herunter, der Gewinn und der Verlust gehen Arm in Arm spazieren, der bleiche Mond, welcher von Zeit zu Zeit durch dunkle Wolken blickt, macht ein mitleidiges Gesicht ob dieses Jammers der civilisirten Menschheit. Früh Morgens aber, bevor noch die ewige Sonne den ersten Strahl ihrer glühenden Liebe in die Welt schickt, kriechen alle diese Geister wieder in ihre Köpfe und Bücher; damit die Menschen nicht merken, wie sie mit ihren Speculationen, ihrem rastlosen Thun und Treiben, ihren großen Sorgen um einen kleinen Raum der Erde verhöhnt und verspottet werden.

Nun wird die Straße, durch welche am 6. Mai 1701 der erste König von Preußen seinen Einzug hielt, lebendig und immer lebendiger. Die Häuser, welche die Thätigkeit des vergangenen Tages in festen Schlaf wiegte, erwachen, die Riegel aller Gewölbe klirren auseinander, die Fenster öffnen ihre Augen wieder, die tausendfältigen Tausendfältigkeiten der Industrie locken die Vorübergehenden, das Bedürfniß und der Luxus beginnen den Tausch, die Romantik aber läuft mit keuchender Brust über die Lange Brücke, den Schloßplatz, die Linden entlang und sucht sich ein Winkelchen im Thiergarten.

Wieviel tausend Wünsche und Hoffnungen, Speculationen und Interessen mögen sich in diesem Augenblicke auf der Straße kreuzen, wie viel Thränen zittern in diesem Herzen, wie viel Jubel halten sie zurück! Jeder Einzelne denkt nur an das nächste Blatt seiner Geschichte und windet sich durch das bunte Chaos, unbekümmert ob neben ihm der Stifter seines zukünftigen Glückes oder sein Verderber geht, unbekümmert um die Sorgen seiner Mitmenschen rollt er, nur sein eigenes Rad ab, ohne Ahnung, daß es bewegt wird und wieder bewegt, daß es in die Zacken der Weltgeschichte greift, daß er im selben Augenblicke Gott ist, wo ihn nur das nächste Butterbrot beschäftigt.

»Entschuldigen Sie, mein Fräulein!« sagte ich zu einer kleinen, reizenden Brünette, an welche ich im Gedränge stieß. »Indem ich einer andernDame ausweichen wollte, berührte ich Sie. Es thut mir unendlich leid!«

»Sie sollten sich im Gegentheil freuen,« antwortete die Kleine. »Wie glücklich muß ein Mann sein, dem es unmöglich ist, den Damen auszuweichen!«

»Sehr geistreich,« antwortete ich, »aber weniger wahr, Sie haben das Vergnügen oder Mißvergnügen, einen Weiberfeind vor sich zu sehen.«

»Ist es möglich?« rief das schelmische Mädchen, betrachtete mich ein wenig mit ihren feurigen Augen und lächelte. »In diesem Falle verbinde ich Sie wohl am meisten, indem ich mich entferne.«

»Nicht doch! Ein Mann muß der Gefahr in die Augen sehen. Sie erlauben!«

»Ihre Blicke sind nicht ganz einverstanden mit Ihrem Herzen,« erwiederte sie. »Schade, daß ich Ihnen nicht länger Gelegenheit bieten kann, sich in Ihrem Hasse zu vervollkommnen. Ich habe hier ein Päckchen zu holen. Leben Sie wohl!«

Mit diesen Worten hüpfte das niedliche Wesen in die Post hinein, und das Gemisch geschäftiger Menschen, mit Briefen, Packeten, Hoffnungen und Sorgen beladen, entführte sie bald meinen Augen. Wahrscheinlich waren es die Gedanken über das ruhmwürdige Institut, welche den Lauf meiner Füße hemmten, – hervorgerufen durch jene wehmüthige Poesie des schmetternden Posthorns und der knallenden Peitsche. Mit solcher Musik sollten wir unsere Todten zum Grabe führen lassen, das wäre ächt christlich; in den dumpfen, schmerzvollen Tönen der üblichen Trauermärsche liegt keine Hoffnung auf ein Jenseits, kein tröstlicher Gedanke, einst das Geliebte wieder an die Brust drücken zu können, welches in Geschäften der Seligkeit eine weite Reise macht. –

Es ist nichts Besonderes, daß ich in diesem wilden Durcheinander der Königsstraße zum zweiten Male an das Grab erinnert wurde; gerade dort, wo sich das menschliche Leben dicht zusammendrängt, als wolle es durch die Masse den Tod ermuthigen, dürfen wir keinen Blick zur Sonne hinaufwerfen, keinen Blick nach dem Ewigen richten, wollen wir uns nicht selbst verspotten mit diesem kleinen Willen gegen das große, unendliche Muß. In solchen Augenblicken bemühen wir uns das bischen Staub zusammzuhalten, den wir mit Rock und Hut und Vatermörder schmücken, mit dem wir Welten stürmen wollen.

Die Post ist die Achse des civilisirten Lebens. Hier holen der Wucher und die Freundschaft ihre Zinsen, die Liebe ihre Liebe, die Hoffnung ihre Hoffnung, die Literatur Nahrung, die Weltgeschichte Athem. In dieser Mappe des hochbeinigen Briefträgers, welcher eben an mir vorübersäuselt, liegen alle Ausrufungszeichen des Herzens, alle Fragezeichen des Verstandes, alle Gedankenstriche des Geistes; die feurigste Liebe hat unter sich die Empfehlung einiger tausend Centner Oeles und über sich Polemik gegen neuere Speculationen; die Freundschaft liegt mit einer philosophischen Abhandlung und einer Nota über zwanzig Tonnen Syrup in der Ecke, die Poesie mischt sich bescheiden unter Staatsangelegenheiten und Heringe, die Anpreisung neuer Musikalien hat eine Anpreisung billiger Baumwolle zur Seite.

Dort holt ein schmuckes Weibchen den Brief seines reisenden Gemahls, der gar zu große Eile mit seiner Heimkehr hat; neben ihr blickt ein junges Mädchen in das rosafarbene Papier und läßt eine Thräne darauf fallen; ein Jude durchfliegt eilig sechs Geschäftsbriefe, der Buchhändler findet zu wenig Bestellzettel, ein Rentier schickt seinem Advocaten Vollmacht, dort werden Zeitungen ausgepackt, dort küssen die Verwandte den Scheidenden zum letzten Male, das Posthorn schmettert wieder, die Peitsche knallt, die Glocke schlägt eilf, hier kommt die reizende kleine Brünette wieder und lächelt, da sie mich noch auf derselben Stelle findet, wo sie mich verlassen hatte. »Noch hier?« flüstert sie, und ich dränge mich neben ihr durch die Menschenmasse der Königsstraße, die immer bunter und bunter, lauter und lauter wird. Wir gehen vor dem alten, gefurchten Gesichte des Rathhauses vorbei, das ein großes Zahngeschwür an der linken Backe hat; wir schauen uns Fiokati's glänzende Artikel des Luxus an, die Wagen rasseln, die Kutscher warnen, die Fußgänger wirren und summen wie die Bienen, vor dem Stadtgerichte steht meine Grazie mit den feurigen Augen still.

»Leben Sie zum zweiten Male wohl, Sie harmloser Weiberfeind! Hier können Sie mich nicht erwarten, das Gericht ist nicht so schnell, wie die Post.«

»Sie wollen in das Stadtgericht?« frage ich erstaunt.

»Ja,« antwortete sie, »ich muß zeugen, ich muß schwören.«

»Sie müssen zeugen,« wiederholte ich langsam und hätte beinahe ein wenig gelacht, »o schwören Sie mir...«

»Was?« fragte sie schnell.

»Daß ich Sie wiedersehe!«

»So?« lächelte die Liebenswürdige, »das heißt frei in's Deutsche übersetzt, geben Sie mir ein Rendezvous! Gut, ich will den Weiberfeind zu besiegen suchen, ich will das Opfer für meine Schwestern sein. Kommen Sie Abends dort unten in's Königsstädter Theater; wir werden uns finden.«

»Aber, auf welchem Platze?« fragte ich hastig.

»Nehmen Sie den Eckplatz im Parquet, dicht am Orchester. Adieu, auf Wiedersehen!«

Sie hüpfte die Treppe hinauf, und grüßte noch ein Mal freundlich, indem sie den hübschen Finger auf das lose Mündchen legte.

»Eenen Off'zier wer' ick zu mir nehmen!« lallte so eben ein Eckensteher, dessen Augen sich nur von Zeit zu Zeit wie im letzten Bewußtsein öffneten, dessen Füße so unsicher wie spanische Papiere waren. Die schwankende Nummer 87 wurde von Nummer 555, welche durch eine feste Constitution gegen die Stürme des Lebens mehr gepanzert schien, zu Kröcher's brillanter Niederlage aller Sorten doppelter und einfacher Branntweine hinübergeführt, um später weiter unten zu Fulner's wanken zu können. Während sich hier eine durch Gas illuminirte Sonne in ewigem Kreisel dreht, trägt dort der Titane Atlas die Welt auf seinem Rücken, aber an beiden Oertern wird ungemein viel Kümmel und Pomeranzen, Anies und Bitterer getrunken, werden rohe Witze gerissen und der erste Faden zu einer umfassenden Prügelei gesponnen.

Der Vormittag war vorüber, die Welt setzte sich zu Tische, trank Kaffee und zündete Lichte an; ich ging in das Königstädter Theater und nahm den Eckplatz im Parquet, dicht am Orchester.

So viel prüfende Blicke ich durch die Lorgnette warf, so viel vergebene; viele und hübsche Damen saßen im ersten Range und im Parquet, in den untern und obern Logen, aber keine war unter ihnen, deren feurige Augen meine Blicke erwarteten.

Da flog der Vorhang in die Höhe. Die neue Sängerin war es, mit welcher ich heute Morgen gesprochen hatte; sie warf mir einen glühenden Dank herunter und so oft sie von Liebe sang, war ich der Gegenstand ihrer Schmerzen und ihrer Hoffnung. Und was that dieser beneidenswerthe Gegenstand? Ich will es nicht leugnen, so lange ich nicht applaudirte, lag die rechte Hand auf meinem Herzen oder der Zeigefinger auf den Lippen.

Abends brachte ich die neue Sängerin nach Hause, preßte ihr vor der Thüre einen langen Kuß auf die weiche Hand, und ging die öde gewordene Königsstraße hinunter bis zur Langen Brücke, auf welcher der große Kurfürst die Fortschritte Berlins beobachtet. Wohl ist die Straße noch lebhaft bis gegen Mitternacht, weil dann die Droschkenpferde einen Fuß über den andern setzen und den schlafenden Kutscher in den Stall ziehen: als ich aber die Strahlen des bleichen Mondes das Rathhaus und das Stadtgericht erleuchten sah, – waren schon die Geister dieser Straße wieder aus den Köpfen und Büchern gekrochen.

Da schmetterte das Posthorn, der Schwager hielt einen langen Triller und blies ein deutsches, wehmüthiges Lied; mir war, als beugten sich die Köpfe aller dieser Häuser und sagten mir im schauerlichen Chore: Gute Nacht!

 


 


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