Simon Gfeller
Steinige Wege
Simon Gfeller

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Ehezwist

«Hollah, Friedel, heut wird gefuchset und nicht geholzt. Im Gröppel-Wäldchen liegt einer, es kann nicht anders sein. Hinein ist er und nicht wieder heraus. Zweimal hat’s der Bertel heute morgen umlaufen; nirgends führte eine Treib davon weg. Also, Friedel, im Schwick den Doppelläufer umgehängt und augetreten!»

Unternehmungslustig gröhlend stieß der Holzerbrecht diese Worte heraus, noch bevor er unter das Dach des Löchli-Häuschens getreten war. Dann schritt er, die Eisstöllchen von den Absätzen stampfend, durch den engen Schopf und schlug sich mit der Tätschkappe den Schnee von den kniehohen Überstrümpfen. Dabei hielt er sich mit der Linken den Rockflügel fest, in dessen Futtertuch die Bestandteile einer Schrauberflinte versteckt lagen.

«Hab keine Zeit,» antwortete Friedel, der hinter der schützenden Wetterwand seines Häuschens tannene Stöcke zerkleinerte. «Meine Frau würde schön futtern, wenn ich davon liefe, um zu schleichjägern. 88 Wenn ich mir einen Taglohn entgehen lasse, muß daheim etwas vorwärts rutschen.»

«Ach was! Laß jetzt den Krempel liegen und komm! Deine Frau wird dich deswegen nicht fressen. Sie hat ja noch eine mächtige Beige Dürres im Vorrat. Und einen einzigen Halbtag unter tausend Rüngen einmal wirst du wohl drangeben dürfen. Du fehlst ja sonst nie auf dem Zimmerplatz. Eine Andere schleckte ihn ab, wenn sie einen solchen Mann hätte.»

«Bestimmt nicht,» lehnte Friedel ab und legte zögernd ein verzworggeltes Wurzelstück auf den Hauklotz, «sonst bring ich’s bis am Abend nicht fertig, und ich habe mir vorgenommen, putzihnweg zu machen.» Er betrachtete wie unschlüssig den Knorren, als ob er zuerst erforschen wolle, wo der Beilhieb am wirksamsten einbeißen könnte.

«Dummheiten! Mach jetzt nicht die Kuh in der Heuteure! Du mußt kommen! Ohne dich ist einer zu wenig, und wir können das Wäldchen nicht umstellen. Müssen wir aber eine Lücke lassen, so könnten wir ebensogut zu Hause bleiben. In diesem Falle entwischt uns das schlaue Vieh so sicher, als die Bettler Läuse haben.»

Friedel staunte vor sich hin; das Gelüsten in ihm nagte heftiger; der Widerstand wurde schwächer.

89 «Überhaupt kostet es dich doch lächerlich wenig Zeit, bis am Mittag sind wir längst zurück...»

«Ja, wenn das sicher wäre...»

«Dessen kannst sicher sein, und es wäre doch traurig, wenn du wie ein Hund an der Kette liegen müßtest und dir nicht ein einzig Mal eine freie Stunde gönnen dürftest! Man darf den Weibern nicht immer die Zügel in den Händen lassen, sonst verwöhnt man sie und hat nirgends ein Recht mehr. Allemarsch, geh und mach dich flink zurecht! Bertel und zwei andere warten bei der alten Hagstelle.»

«Ich will’s noch der Frau sagen,» erklärte Friedel und schlug das Beil tief in den Scheitstock. Das bedeutete, hinter einen Entschluß sei der Punkt gesetzt worden.

In der Stube saß Marlise, die Frau, auf der Wandbank am Fenster und häkelte an einem weiß-wollenen Kindertschööplein für den Krämerladen der Frau Graber im Dorf. Am Vorstuhl stand ein dreijähriges Mädchen und blätterte in einem Schuhwarenkatalog, während ein fünfjähriges Büblein neben dem warmen Ofen auf dem Stubenboden hockte und aus einem Tannenholzscheit Geschosse für seine selbstgeschnitzte Klemmbüchse anfertigte.

Zögernd und verlegen trat Friedel zur Türe herein und sagte gepreßt, indem er zugleich aus den Holzschuhen schlüpfte und im Ofenhohl nach seinen Überstrümpfen suchte:

90 «Du, der Brecht ist draußen und setzt an, ich müsse ihnen fuchsen helfen. Sie wollen nur schnell ins Gröppelwäldchen. Es würde nicht lange säumen.»

«Du wirst doch nicht etwa gehen wollen?» fragte Marlise. Der Ton war nicht ohne Schärfe und klang für Friedels Ohren unangenehm und aufreizend. Eine leichte Blutwelle fuhr ihm zu Kopfe.

«Warum sollte ich nicht eine Stunde oder zwei mitmachen dürfen, wenn sie doch einen zu wenig haben? Die Stöcke springen mir nicht fort und was ich versäume, hole ich an den Feierabenden nach. Darf ich mir denn kein Vergnügen gönnen?»

Jetzt färbten sich auch die Wangen der Frau lebhafter und hastig stieß sie heraus:

«Ich kann auch nicht Sonntag machen, wann’s mich ankommt, und du weißt, wie ich das Büchseln hasse.» Die Marlise brachte es nicht über sich, zu bitten. Ihre starken Augenbrauen zogen sich zusammen und ihre Miene verdürsterte sich. Die vollen roten Lippen hatten Mühe, schärfere Ausdrücke zurückzudämmen. Friedel merkte es wohl. Sobald dieses unmutige Gesicht vor ihm auftauchte, stachelte ihn eins zwei der Ärger. So auch heute. Ohne lange Überlegung brach er los:

«Es ist halt immer das Gleiche. Wenn du mir auf eine Freude treten kannst, tust du es mit beiden Füßen. Aber jetzt ist’s entschieden; nun gehe ich grad 91 extra. Schließlich kann ich tun, was mir beliebt. Ich bin kein Schulbube mehr, und du bist nicht mein Vogt.»

Als der Vater anfing lauter zu reden, schauten die Kinder verwundert und betreten auf. Das Mädchen verließ seinen Platz und drängte sich an die Knie der Mutter. Diese richtete ihre kraftvolle Gestalt jäh in die Höhe. Die Häkelarbeit flog ins Körbchen.

«So geh! Was redst denn noch lang, wenn du doch auf mich keine Rücksicht nehmen willst!» Sie sprach beherrscht; aber Ärger und Bitterkeit färbten doch an ihrer Rede ab; der Ton klang schroff und unversöhnlich. Sie hob das Kind auf ihre Arme und verließ mit ihm die Stube.

Friedel biß die Zähne zusammen, und mit zorniger Hast rüstete er sich für den Ausgang. Unter seinen unmutig zerrenden Fäusten zerriß ihm ein Schuhriemen.

«Vati furtgah?» fragte ihn der spielende Knabe.

«Ja, aber ich komme bald wieder,» antwortete der Vater.

Als an seinen Überstrümpfen eine Schnalle fehlte, murrte er: «Tät sie mir meine Sachen in Ordnung halten, statt immer an mir zu registern und regastern!» Er murrte, obschon es ihm eine gewisse Genugtuung bereitete, ihr etwas wie mangelhafte Pflichterfüllung vorwerfen zu können.

92 Ruedeli, der Knabe, hatte sein Anbinderli längst sinken lassen und den Vater unausgesetzt mit großen, fragenden Augen betrachtet. Jetzt stand er auf, um die Mutter aufzusuchen und ihr mitzuteilen, Vati sei höhn.

Nach wenig Minuten war Friedel reisegerecht, holte aus dem Gaden herunter seinen Zweiläufer, zerlegte ihn und verbarg die Teile unter seinem Rockflügel. Auch Patronen steckte er zu sich und warf die Türe unsanft ins Schloß.

Als er sich mit seinem Kameraden entfernte, brummte er: «Es hat wieder einmal Feuer gegeben; aber weißt, wenn es an den Notknopf kommt, zeig ich ihr, wer Meister ist.»

«Recht so,» gab Brecht Beifall, «von Zeit zu Zeit muß man ihnen die Schnalle ein bischen enger eintun, sonst kann man den Mäusen pfeifen.»

Derweilen sich die beiden entfernten und durch den knietiefen Schnee stapften, stand Marlise am Schlafstubenfenster und schaute ihnen nach. Die Empörung wuchs ihr in den Hals hinauf. Da ging er nun wieder mit diesem Brecht, der ihn beständig aufwies und ihm den Kopf groß machte! Und sie hatte sich heimlich so gefreut, ihn einmal einen Tag zu Hause zu haben, hatte just, als er in die Stube trat, darüber nachgedacht, was sie ihm Gutes zu 93 Mittag kochen könnte. Und nun hatte er ihr das angetan! Allerlei, was als trüber Bodensatz auf dem Grunde ihres Gemütes ruhte, wirbelte mit einem Male empor. Wie wenig hatte sie doch von ihrem Manne. Morgens ging er; abends kam er. Sollte er ihr alsdann noch eine Handreichung tun, so geschah es meist unwillig. Nicht einmal zu einer freundlichen Unterhaltung war er manchmal aufgelegt; seine Tabakpfeife war ihm lieber als Frau und Kinder. Und doch erfuhr und erlebte er tagüber so viel Neues und sie, die von der Welt abgeschlossene einsame Frau, vernahm so wenig. Aber ihr etwas erzählen, wie selten geschah das! Nein, nur ihr nicht! Mit allen andern konnte er lachen, schwätzen und lustig sein. Ging des Lochbauers Tochter oder Jungmagd vorbei, allezeit hatte er ein Scherzwort im Vorrat. Kam ein Nachbar unter das Dach, nicht einen Augenblick stockte das Gespräch. Konnte er einem Fremden einen Dienst erweisen, stets spielte er den Gefälligen, Hilfsbereiten. Nur mit ihr mochte er sich nicht abgeben, nur für sie hatte er kein freundliches Lächeln, nur für ihre aufreibende Tätigkeit keine Augen und kein ermunterndes, anerkennendes Wort. Das drückte ihr zeitweilig fast das Herz ab. Er hatte doch allen Grund, mit ihr zufrieden zu sein. Sie hatte ihm das kleine Gütlein samt Haus fast schuldenfrei in die Ehe gebracht. Sie hielt es musterhaft in Ordnung und schaffte ohne Rast von einer 94 Tagheitere zur andern. War sie nicht eine bewanderte, einteilende Hausfrau und treubesorgte Mutter? Besorgte sie nicht auch die Stalltiere, eine Milchkuh, ein Mastkälbchen, eine Ziege und zwei Schweine, der gewiegtesten Bäuerin zum Trutz? Nützte sie nicht jeden freien Augenblick aus mit lohnendem Nebenerwerb? Nein, ihre Tüchtigkeit konnte er ihr nicht abstreiten, und wenn sie vorwärts kommen und ein Bescheidenes in die Sparkasse legen konnten, war es nicht sein alleiniges Verdienst, wennschon er als Vorarbeiter einen ansehnlichen Lohn verdiente und ihre Arbeit nicht so viel Klingendes abwarf, wie die seinige. Aber die Männer besitzen eben nicht alle Verstand und Einsicht genug, zu erkennen, wie fruchtbringend die Arbeit einer Frau und Mutter ist und wie schwer diese ununterbrochene Sorge und Geschäftigkeit auflastet. Männer vergessen so häufig, daß nicht nur ein gewichtiger Block die Schultern hart drückt, sondern auch das Tragen einer nach allen Seiten auseinandergatternden Reisigbürde Kraft aufzehrt und müde Arme macht. Männer denken eben nur an sich.

Marlise hatte noch einen ganzen Bund unfroher Gedankenfäden an ihrer Kunkel; aber sie kam nicht dazu, jeden einzelnen auszuspinnen, die Kinder ließen es nicht zu. Das Roseli hing schon wieder an ihrer Schürze und Ruedeli fragte schon zum zweiten Male: «Warum geht Vati fort? Warum bleibt er jetzt nicht bei uns?»

95 «Weil wir ihm nicht lieb sind!» erwiderte die Mutter.

«Vati auch nicht lieb!» plapperte das Kleinste hinein.

«Wohl, Vati ist lieb,» belehrte das Brüderchen mit Entschiedenheit und Nachdruck.

«Kommt jetzt, wir wollen wieder in die Stube,» brach die Mutter das Gespräch ab.

Merklich ruhiger geworden, griff sie aufs neue zu ihrer Arbeit. Aber die Schatten wichen nicht von ihrem gesunden und frischfarbigen Antlitz. Die Arbeit lief ihr nicht aus der Hand wie sonst. Minutenlang ruhten die sonst so emsigen Finger untätig im Schoß, und ein paarmal entfloh den Lippen ein leiser Seufzer. Ab und zu irrten ihre Blicke zum Fenster hinaus; aber es geschah absichtslos und mechanisch. Ihre braunen Augen, die sonst hell und klar blitzten, waren für die Außenwelt verschlossen. Ihr Gesicht blieb düster, wie der stahlblaue Wolkenhimmel draußen über der tiefverschneiten Landschaft und die Kinder reklamierten mehr als einmal:

«Mueti, warum hörst du nichts, wenn man dich etwas fragt!» Auch ihnen dehnte sich der Vormittag endlos in die Länge, weil die Mutter so ungesprächig war.

Endlich nahte der Mittag. Marlise rüstete das Essen, Suppe und Kartoffeln, Sauerkraut und Magerspeck. Es waren Friedels Lieblingsgerichte. Der Versuchung, 96 nun etwas Unschmackhafteres auf den Tisch zu geben, war sie nach kurzem Schwanken widerstanden. Nein, er sollte ihr nicht wieder vorwerfen, sie wolle ihn dressieren, sollte sie nicht für kleinlich — rachsüchtig halten. Darum wartete sie auch mit dem Tischdecken eine halbe Stunde länger als sonst.

«Mueti, können wir nicht bald essen? Mueti, wir sind hungrig,» drängten die lüsternen Kinder. Auch Marie, die Älteste, ein Blondkopf mit großen lebhaften Augen in einem hübschen, nur etwas zu schmalwangigen und zarten Gesicht, war da. Das Mägdlein hatte vom Lochhofbauer einen rotwangigen Apfel bekommen und pressierte, nun wieder in die Schule gehen zu können. Nur der Vater ließ vergeblich auf sich warten.

Da richtete die Mutter an. Man setzte sich zu Tische. Marie und Ruedeli sprachen das Gebet. Die Kinder ließen es sich wohl schmecken.

«Wenn nur Vati auch da wäre. Warum kommt er nicht?» quengelten sie.

Die Mutter antwortete nichts darauf, blieb kurz angebunden und aß wenig. Das Essen für den Vater stellte sie ins Ofenhohl an die Wärme und deckte es mit dem Tischtuche zu.

Nach dem Abwaschen ging Marie wieder in die Schule. Die Mutter nahm Kinderkleider vor zum Ausbessern. Die Kleinen spielten. Ruedeli hatte des Vaters Sonntagsschuhe vom Bänklein genommen. 97 Das waren seine Kühe. Der Raum zwischen den Ofenbeinen diente ihm als Stall. Hier fütterte er sie mit ein paar Papierfetzen, die er ihnen kurzerhand durch das weite Maul in den Leib stopfte. Dann molk er sie mit Fleiß und Eifer an den Lederriemen und nahm sie aus dem Stall, um mit ihnen zweispännig zu fuhrwerken. Das auf dem Rücken liegende Säugerstühlchen versah die Stelle eines Leiterwagens; alte Packschnüre wurden zu Spannstricken, und eine Peitsche wußte sich der Kleine auch herzustellen. Nun war alles Nötige auf Fleck, und mit kräftigem Hüst und Hott bewegte sich der Zug von einem Winkel der Stube in den andern. Der Mutter wurde das durchdringende Fuhrmannsgeschrei fast zu viel und doch mußte sie denken, ob der Vater nicht auch Freude gehabt hätte an seinem hoffnungsvollen Sprößling, wenn er zu Hause geblieben wäre. Denn die Bäcklein des Kleinen zündeten und die Augen strahlten vor Unternehmungslust. Das Schwesterchen wollte ihm seine Puppe, ein mit Lümpchen und Tuchrestlein umwickeltes Holzstücklein für eine Spazierfahrt anvertrauen; aber Ruedeli ließ sein Fahrzeug nicht zu einem Kinderwagen degradieren. Geringfügigeres als ein Heufuder wollte er nicht kutschieren, darum lud er das mit Spreuern gefüllte Ruhbettkissen auf und band 98 es mit einem Zuckerstockschnur-Wellenseil ordnungsgemäß fest.

Unterdessen fing es draußen an zu schneien; Sturmwindstöße wirbelten den Staubschnee in die Höhe und peitschten ihn gegen die gefrorenen Fenster. Marlise bemerkte es mit leiser Schadenfreude. Nun mußte auch den leidenschaftlichsten Schleichjägern die Jagdhitze vergehen. Jetzt würde ihr Mann wohl bald den Nachhauseweg finden und sich unter das schützende Dach flüchten. Aber sie irrte sich. Die Vieruhrmahlzeit kam, Friedel war noch immer nicht da. Was hatte das nur zu bedeuten? Hatte am Ende die Fuchsjagd die Richtung gegen das Wirtshaus zu eingeschlagen? Die Waldpinte lag in verführerischer Nähe... Trinker und Jasser war Friedel zwar sonst keiner und das Wirtshaushocken konnte ihm niemand nachreden, aber ein ungrades Mal... Er war im Zorne vom Hause fort und Brecht und Bertel waren bei ihm, die taten sicher ihr Möglichstes, ihn zu verleiten und aufzustiefeln. Marlises Groll glühte von Neuem auf. Sie nahm das aufgehobene Essen vom Ofen weg und trug es in den Küchenschrank. Um ihre Lippen lagerte sich ein trotziger Zug. Es litt sie nicht mehr in der Stube. Sie holte Kartoffeln und Äpfel aus dem Keller für die Nachtmahlzeit. Während sie die Kartoffeln am Brunnen wusch, mußte Marie, die mittlerweile auch wieder angerückt war, die Äpfel schälen. Bald brach 99 die Dämmerung an, und Melkerszeit war da. Wie sonst fütterte Marlise das Kühlein und die Ziege, tränkte das Kälbchen und schüttete den Schweinen die Ration in den Trog. Zwischenhinein erschien sie in der Küche und gab Marie Anweisung, was es zu tun habe. Früher als gewöhnlich stand das Nachtessen auf dem Tische. Man speiste fast wortlos. Auch die Kinder merkten, daß etwas Schlimmes in der Luft liege und schwiegen bedrückt. Diesmal räumte Marlise ohne Besinnen den Tisch ab. Ja, das Abtragen der Speisen geschah sogar mit einer gewissen Hast, als fürchte sie, der Mann könnte doch noch zur Essenszeit anlangen. Doch bald darauf verzog sie die Mundwinkel zu einem verächtlichen gegen die eigene Person gerichteten Lächeln. So dumm war sie, zu glauben, er komme — er kam ja immer noch nicht, kam vielleicht erst um Mitternacht und wer weiß in welchem Zustande. Ihr Verdacht, daß die Fuchseten in eine Wirtshaushatz ausgeartet sei, wurde zur Gewißheit und regte sie je länger je mehr auf. Wenn ihr Mann nun noch anfing ins Wirtshaus zu laufen...

Erst lange nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, ertönten draußen Stimmen. Friedel unterhielt sich mit dem Holzerbrecht und dem Maurerbertel, die ihm laut und lärmend antworteten. Sie hatten den gleichen Heimweg und Friedel lud sie ein, in die Stube zu kommen. Es bedurfte 100 keiner langen Nötigung, bis sie über die Schwelle traten.

«So, da wären wir auch wieder. Hast uns noch etwas zum Nachtessen?» ließ sich Friedel vernehmen.

«Nein, ich habe nichts warm gestellt. Es ist genug, daß das Mittagessen auf dem Ofen versoren mußte,» fertigte ihn Marlise ab.

«O, den Kaffee hättest du wohl beiseite stellen dürfen. Wir haben den ganzen Tag nichts Warmes gehabt,» sagte er ärgerlich.

«Meinetwegen, hättest dich rechtzeitig herzugemacht.»

«Beim Fuchsen», mischte sich Bertel entschuldigend ins Gespräch, «geht es halt manchmal ein wenig länger, als man sich vorgenommen hat.»

Daraufhin erwiderte Marlise kein Wort. Sie schürzte nur verächtlich die Lippen; nicht einmal eines Blickes würdigte sie ihn.

Friedel trug seine Flinte hinauf in die Kammer. Als er wieder kam, sagte er:

«So werden wir uns selbst verproviantieren müssen.» Ohne Umstände nahm er Brot aus der Schublade des Tisches und die Schnapsflasche mit dem versüßten Branntwein aus dem Schrank und lud die Gäste ein zum Zugreifen. Er selber schnitt sich bloß ein dünnes Scheibchen Brot herunter und 101 kaute verdrüssig daran. Wenn einem der Zorn die Kehle zusammenschnürt, rutscht trockenes Brot erst recht schlecht. Friedel mußte darum mit Dünnem nachhelfen. Gegen seine Gewohnheit stürzte er drei, vier Gläschen hastig hinunter. Auch die zwei andern sprachen dem Branntwein zu. Ihre Wangen röteten sich, die Stimmen wurden lauter, ohne Rücksicht auf die im Zimmer nebenan schlafenden Kinder. Marlise wich nicht von ihrem Platz oben am Tische. Die ungebetenen Gäste sollten ihren Trotz und Unwillen gewahren. Sie mischte sich nicht in die Unterhaltung. Unbeirrt fuhr sie in ihrer Arbeit weiter. Nur hin und wieder maß sie die Eindringlinge mit kalten, langen Blicken. Brecht suchte die unangenehme Spannung durch Spässe zu entladen; aber er vermochte Marlise nicht die Spur eines Lächelns zu entlocken. Auch Friedel wurde je länger je einsilbiger und über seiner Nasenwurzel erschien ein tiefer Kritz.

«Etwas Warmes hätten wir doch haben sollen.» sagte er plötzlich. «Jetzt geh und schütte uns einen schwarzen Kaffee ab.»

«Wenn ihr Kaffee haben wollt, so koch du ihn selber.»

Sie rührte sich nicht vom Platze. Nicht eine Miene verzog sie. Nur den Atem holte sie etwas rascher.

Friedels Augen glühten auf, und seine Backenknochen sprangen hervor. Aber er bezwang sich noch 102 einmal; vor den Fremden mochte er nicht Krach schlagen. Das Haupt mit der gefausteten Linken stützend, wischte er mit dem Mittelfinger der Rechten mechanisch einige Brosamen auf der Tischplatte hin und her. Von dem, was Brecht und Bertel sagten, vernahm er wenig mehr; finster starrte er vor sich hin und preßte die Lippen aufeinander.

Endlich wurde auch den beiden Zähklebigen klar, daß sie hier längst überflüssig seien. Bedrückt von der unheimlichen Stille und Stimmung standen sie auf. Im Abgehen machten sie einige ungeschickte, selbstverzeihende Versuche, sich zu entschuldigen und zu bedanken, wobei Marlises Mundwinkel wieder geringschätzig zuckten. Friedel zündete ihnen hinaus. Sie hatten Lust, ihn noch ein wenig zu necken; aber er machte ein Ende, indem er die Türe schloß.

Drinnen setzte er sich an den Tisch und stierte einige Minuten lang in ein Zeitungsblatt. Gewechselt wurde zwischen den Ehegatten nicht ein Wort, bis Marlise aufstand, um ins Bett zu gehen. Jetzt stand auch er auf und vertrat ihr den Weg.

«Warum hast du uns keinen Kaffee gekocht, nachdem ich es dir befohlen hatte?»

«Hättest nicht den ganzen Tag verplempelt und uns warten lassen.»

Beide atmeten schwer. Die Pritsche war aufgezogen, die Wellen des Zorns konnten hervorfluten.

«Und es hat dir wohl getan, daß du mich vor 103 meinen Kameraden zuschande machen konntest. Aber diesmal breche ich dir den Trotzkopf! Jetzt gehst du in die Küche und richtest mir eine Tasse Kaffee an, wenn ich dir gut zu Rat bin.»

«Und ich tu’s nicht! Ich habe den ganzen Tag gearbeitet; du hast den ganzen Tag verludert und willst nun großartig den Herrn spielen und mir befehlen.»

Hochaufgerichtet standen die beiden Kraftgestalten einander gegenüber und maßen sich mit lodernden Augen wie Todfeinde.

«Willst oder willst nicht,» schrie er, packte sie mit eisernem Griff am Oberarm und schüttelte sie.

«Niemals!» stieß sie hervor. Ihr entfärbtes Gesicht mit den festgepreßten Lippen sah aus wie der steingewordene Trotz.

«Zum letztenmal: Willst oder willst nicht.» Schon erhob er die Hand drohend zum Schlage.

«Und ich tu’s nicht.»

Jetzt holte er aus und klatschend fuhr seine Hand auf die unbeschützte Wange. Da war es, als spritzten aus ihren Augen Feuerfunken. Ein blitzschneller Griff auf den Tisch und in ihrer Rechten funkelte das scharfgeschliffene Brotmesser.

«Hör auf, du, oder ich stoße zu, wo es trifft!»

Aber bevor ihre Rede fertig war, hatte er ihr Handgelenk mit der Faust umspannt und preßte ihr fast die Knochen entzwei. Sie rangen und keuchten 104 wie Pferde am Steinwagen. Im Ringen um den Besitz der Waffe bog sich die gefährliche Spitze gegen die Brust der Frau.

In diesem Augenblick kam Marie im Hemdchen aus dem Bett gesprungen und erschien in der Zwischentüre. Es sah die Klinge blitzen, sah sie gezückt auf die Brust der lieben Mutter, schrie vor Entsetzen auf wie ein Irrsinniges, und taumelte in die Kammer zurück. Die Geschwister schossen auch aus ihren Betten und erfüllten die Kammer mit ihrem Gezeter.

Das lähmte die ohnehin schwächere Kraft der Mutter. Ohne große Anstrengung entwand Friedel ihr jetzt das Messer und schleuderte es gegen die Wand.

«Das Messer zückst du gegen mich», würgte er mit heftigen Atemstößen heraus, «aber nur einmal, dafür will ich dir gut stehn,» und schlug auf sie los. Sie stand mit entgeistertem Gesicht da und erhob nur unwillkürlich zum Schutze die schlaff gewordenen Arme. Jetzt kamen ihr die Kinder zu Hilfe. Ruedeli klammerte sich ans Bein des Vaters, Roseli an den Kittel der Mutter und beide schrien um die Wette: «Vater! Mutter! Vater! Mutter!» so laut sie konnten. Das Jammergeschrei der Kinder brachte endlich den rasenden Vater zur Besinnung. Noch einen Stoß gab er der Frau, daß sie an die Wand taumelte, dann ließ er ab von ihr, riß die Türe auf, daß sie schmetternd an den Ofentritt fuhr und ging dann 105 hinaus in die Küche. Dort riß er den Wassergatz von der Riegel, schöpfte aus dem Kessel und trank in gierigen Zügen wie ein Verschmachtender. Als er ihn wieder aufhängen wollte, fielen einige Kellen klirrend hinunter. Aber er war nicht in der Laune, sich nach ihnen zu bücken, sondern gab ihnen noch mit der Schuhnase einen Stupf, daß sie an die Wand flogen und neben dem Aschenkessel liegen blieben. Luft, Luft mußte er haben. Er öffnete die Haustüre, trat über die Schwelle und ließ sich vom schneidenden Nordwind die verzehrende Glut abkühlen. Der Sturm hatte wieder eingesetzt und wirbelte den mehligen Schnee in das heiße Gesicht des regungslos in die Dunkelheit Hinausstarrenden.

Unterdessen war die Frau anf einen Stuhl gesunken, und ihre Starrheit löste sich in Tränen auf. Als die Kinder die Mutter weinen sahen, kletterten sie an ihr empor, schlangen ihr die Ärmchen um und weinten mit ihr. Eine Weile hielten sie einander so umschlungen, darauf sagte die Mutter: «Ihr müßt jetzt wieder ins Bett.» Und als Roseli seine Arme nicht lösen wollte, trug sie das Kind auf sein Lager, hob Ruedeli auch hinauf und kauerte, das von den erhaltenen Schlägen brennende Gesicht in den Kissen bergend, neben ihnen. Plötzlich fuhr ihr ein kalter Windstoß ins Gesicht, Schnee rieselte über die Decke. Was war das? Da standen ja die Fensterflügel offen, und wo war Marie? Übernommen von den 106 unerhörten Geschehnissen hatte sie des Kindes einen Augenblick vergessen. Erst jetzt erinnerte sie sich wieder an das entsetzte Kindergesicht, das im Türrahmen erschienen war. Von Angst ergriffen trat sie zum andern Bett, betastete das Kissen und rief den Namen. Das Bett war leer, und auf den Ruf gab nur der heulende Sturm Antwort. Kein Zweifel, das Kind hatte sich im ersten Schrecken zum Fenster hinaus geflüchtet, kauerte halberfroren in einem Winkel und getraute sich nicht hereinzukommen. Rasch schloß sie das Fenster, eilte in die Stube und griff nach Sturmlaterne und Zündhölzchenstein. Die ersten zerbrachen ihr unter der bebenden Hand. «Das zarte Kind draußen, in dem tobenden Unwetter und beinahe nackt.» Wie eine Lähmung war ihr der Gedanke durch alle Glieder gefahren.

Endlich hatte sie Licht und stürzte hinaus. Als sie neben ihrem Manne vorbei wollte, herrschte er sie an: «Was muß jetzt noch angestellt sein?»

«Marie suchen,» antwortete sie tonlos. «Das Kind ist zum Fenster hinaus und fort!»

«Was», stotterte er betreten, «das dumme Huschi! Gib, es wird nicht weit sein.» Er griff nach der Laterne. Er zündete im Schopf, Stall, Laubverschlag und in der Tenne in jeden Winkel und rief den Namen, aber umsonst. Nun kam ihm in den Sinn, vielleicht seien vor dem Schlafkammerfenster Fußspuren zu entdecken, und es war so. Sie führten in 107 den Weg hinaus, waren aber schon halb verweht. Die Mutter wollte sofort den Spuren nach.

«Hüte die Kleinen! Ich gehe,» sagte er bestimmt.

«Aber um Gotteswillen pressiere,» bat sie. Für das Kind konnte sie bitten, sogar nach dem, was geschehen war.

Er nickte nur. Gewiß, auch ihm war daran gelegen, das Kind wieder zu finden. Mächtig schritt er aus und barhaupt, es war nicht mehr Zeit, eine Kopfbedeckung zu holen. Der Lichtschimmer verdämmerte und verschwand hinter dem Hügel.

Zusammenschauernd kehrte sie um, trat in die Nebenstube und setzte sich neben das Bett der verängstigten Kinder. Aber sie hatte keine Ruhe, kein Bleiben, vor Aufregung erzitterten ihr die Glieder.

* * *

Ungefähr um die gleiche Zeit gab es auf dem zehn Minuten entfernten Lochhof Lärm:

«Vater, Mutter, helfet, helfet!» schrie eine Kinderstimme. Der Angstruf übergellte sogar den brausenden Nord. Draußen in der Strohtenne gab der große Haushund dumpf grollend Antwort.

«Vater, Mutter, geschwind, geschwind!» Ein Kellerfensterladen fuhr polternd ins Futter und gurrend wieder auf.

Der Lochbauer und seine Frau fuhren steil auf aus ihren Betten: «Herr Jesus Gott, was gibt’s?» 108 und der Bauer stürzte ans Fenster und riß das Flügelein auf: «Wer ist da? Was ist los?»

«Helfet um Gotteswillen, Vater will die Mutter erstechen.»

«Herr Jesus Gott,» kreischte die Bäuerin zum zweitenmal auf.

«Wer bist du?» fragte der Bauer.

«’s Löchli-Marie; komm geschwind, geschwind, sonst ist es zu spät.»

«Ich komme!» Der Bauer schlüpfte in die Hosen, fuhr mit den bloßen Füßen in die Finkenholzboden, machte Licht und öffnete die Haustür. «Wo bist du?»

«Hier,» rief das Kind, und die Zähne klapperten ihm aufeinander. Mit den Händen hielt es über den schlotternden Knien sein Hemdlein fest, an dem der eisige Wind boshaft zerrte. Ganze Wirbel Schneestaub rieselten der Zitternden um die magern Beinchen und blauangelaufenen Füßchen, die auf der gletscherkalten Zementterrasse entsetzlich froren.

«Gott und Vater», entfuhr es dem Bauer, «du bist ja im bloßen Hemde. Schnell mit dir in die warme Stube.»

Bebend schlüpfte die Kleine zur Türe hinein. «Ich bin aus dem Bett und zum Fenster hinausgesprungen,» berichtete sie mit klappernden Kinnladen.

«Herr Jesus Gott!» rief die Bäuerin zum drittenmal und schlug die Hände zusammen. «Nun hurtig, hurtig auf den Ofen.» 109 «Nein, lieber ins warme Bett,» widerriet der Bauer.

«Ich darf nicht», jammerte das Kind, «wir müssen heim. Vater und Mutter zanken zusammen. O, es war so schrecklich; Vater wollte der Mutter das Messer in die Brust stecken.»

«Nein, Kind, heim darfst du so auf keinen Fall. Erst mußt du erwarmen.»

«Aber die Mutter, die Mutter...»

«Habe nur nicht so Angst. Etwas so Schreckliches tut dein Vater nicht oder ich müßte ihn schlecht kennen. Und zu verhindern vermöchten wir nichts; wir kämen viel zu spät.»

Jetzt wagte das Kind nicht mehr länger zu bitten, und ließ sich unter die warme Decke stecken. Aber die Angst schaute ihm lang aus den jammernden Augen.

«Du solltest doch hin und nachschauen», riet die Bäuerin, «sie werden in Angst sein um Marie.»

«Das kann ich ja,» erwiderte der Bauer. «Dem Kinde zulieb soll’s geschehen. Zuerst will ich mich aber ordentlich anziehen.» Gesagt, getan. Das ganze Gehaben des Bauers war ruhig und bedachtsam. «Die Zwei werden einander die Köpfe nicht abreißen, sie wären in einem Alter, wo ihnen nicht mehr Fremde sollten den Verstand machen müssen. Und wenn sie ein bißchen Angst ausstehen müssen um das Kind, ist es ihnen gesund. Warum stellen sie mitten in der Nacht einen solchen Rumor an, die 110 Hitzköpfe,» meinte er kaltblütig, und vergewisserte sich, ob die Tabakpfeife in der Busentasche nicht fehle. «Das Kind macht mir viel mehr Sorge als die beiden Streithähne. Du solltest ihm noch eine Wolldecke über das Deckbett spreiten, damit es wieder erwarmen kann.»

Endlich trat er doch zur Türe hinaus und schlug den Weg nach dem Löchli ein, der schräg der Seite nach führte. Doch hatte er noch keine lange Strecke zurückgelegt, als ihm ein Licht entgegenkam. Wie er vermutet hatte, war es Friedel, der den Fußspuren des Kindes folgte. Als die zwei Mannen zusammentrafen, forschte Friedel ängstlich:

«Ist unser Marie etwa zu euch gekommen?» Der Lochbauer faßte ihn scharf ins Auge. «Ja wir haben so unerwarteten Besuch bekommen».

«Das dumme Meitli, so wegzulaufen», schimpfte Friedel; aber durch seinen Ärger schimmerte die Sorge hindurch.

«Es wird halt die Reise zu seinem Vergnügen unternommen haben. Es ist heute Nacht auch gar zu einladend», spottete der Lochbauer trocken.

«Ach wir hatten da ein wenig Kritz zusammen, meine Frau und ich», brummte Friedel verlegen.

«Und der Vater drohte nur ein wenig die Mutter totzustechen.»

«Was, das hat das Lügenmeitli gesagt? Nicht eine Silbe ist wahr daran», begehrte Friedel auf. 111 «Als wir hinter einander gerieten, hatte meine Frau zufällig den Brotschnitzer in der Hand; ich nahm ihr ihn weg und warf ihn fort, das ist alles. Weiß Gott, was das Kind gesehen oder sich eingebildet hat.» Der Lochbauer zuckte die Achseln: «Schön her- und zugegangen ist es wohl nicht, sonst wäre das intelligente Kind nicht durchgebrannt, wie ein scheugewordenes Pferd. Aber das geht uns ja gottlob nichts an.»

Friedel schwieg beschämt und wußte nicht was beginnen. In der Angst und Eile hatte er vergessen, die Kleider mitzunehmen. Endlich sagte der Lochbauer: «Marie bleibt heute Nacht bei uns. Sie soll nicht noch einmal in das Unwetter hinaus. Geh du jetzt heim und berichte deiner Frau, es sei bei uns und wohl versorgt. Gut Nacht.»

Damit machte er kehrt und ließ Friedel stehen. Hintendrein sagte auch dieser «Gute Nacht» und fügte noch etwas bei, das klang wie ein Dank. Hierauf eilte er mit weitausgreifenden Schritten heimzu und brachte seiner Frau die beruhigende Botschaft. Ohne Knurren über das unsinnige Verhalten des Mädchens ging es dabei nicht ab. Denn nun sei man vor der ganzen Nachbarschaft bloßgestellt. Marlise hingegen atmete erleichtert auf, und man begab sich endlich zur Ruhe. Friedel sank bald einmal in tiefen Schlaf, die Frau suchte ihn noch lange vergebens. Zu schwer lasteten die Ereignisse des 112 schlimmen Tages auf ihr, sogar der Schlaf vermochte die Spuren davon nicht zu vertilgen, sondern sie nur ins Unterbewußtsein zurückzudrängen. Er brachte wohl dem ermüdeten Körper die ersehnte Ruhe; die Schatten schwerer Bangnis und dumpfer Trauer, das Gefühl des Unglücklichseins, der Verlassenheit und Hilflosigkeit vermochte er nicht aus der Seele zu löschen. Über die Schlafende kam ein heftiges Mitleid mit sich selber, von dem sich die Wachende nicht hätte unterjochen lassen, und dem schlafgefesselten Geiste schienen alle Rettungspforten fest verrammelt. Darum spürte sie ihr Elend im Schlafe stärker noch als im Wachen. So kam der Morgen.

Plötzlich ertönte am Fenster ein Pochen. Die Frau meinte, sie hätte geträumt. Da pochte es vernehmlicher. Jetzt wurde sie wach. Mit einem Ruck erhob sie sich und glitt von ihrem Lager.

«Ist jemand da?»

«Ja, ich.»

An der Stimme erkannte Marlise den alten Knecht vom Lochhof.

«Bist du’s, Ueli?»

«Ja, nur aufgemacht; es ist nicht besonders angenehm da draußen.»

Marlise warf sich ein Gewand über und öffnete den Fensterflügel.

«Ist etwas Ungutes mit dem Kind», forschte sie angstvoll.

113 «Ja eben. Es klagt über Schmerzen auf der Brust und verlangt nach der Mutter. Vielleicht sollte mau den Doktor kommen lassen; denn es hat Fieber und redet kurioses Zeug von Messern und vom Erstechen.»

«Es ist mir vor gewesen», murmelte Marlise. Und zu Ueli gewandt: «Ich komme so behend als möglich.»

Durch das Zwiegespräch war auch Friedel geweckt worden. Trotzdem es in seinem Kopfe nicht besonders aufgeräumt aussah, verstand er sofort, um was es sich handelte und war davon aufs Unangenehmste berührt.

«Es wird hoffentlich nicht so schlimm stehen», brummte er übellaunig. «Eine Erkältung und ein wenig Brustkatarrh, das wird schon wieder bessern. Sonst kann ich ja dann den Doktor holen.»

Er ließ den Kopf wieder aufs Hauptkissen sinken. Denn was konnte er tun? Ihn begehrte man ja nicht. Und mit seiner Frau lange Unterhaltungen zu führen, dazu fehlte ihm die Stimmung. Daß nun noch das Kind krank werden mußte, war auch gar zu ärgerlich.

Auch die Frau war nicht redselig aufgelegt. Stillschweigend und in großer Hast kleidete sie sich vollends an und schlug das wollene Kopftuch um Hals und Ohren. Dann machte sie aus Maries Werktagskleidern ein Bündelchen und nahm es unter den Arm. 114 Trotz der grimmigen Kälte hatte ihr der Knecht draußen gewartet. Gemeinsam begaben sie sich auf den Weg. Es war viel Schnee gefallen, und darum ging er voran. Sie trat so gut wie möglich in seine Fußstapfen; denn Überstrümpfe anzuziehen, hatte sie nicht Zeit gefunden. Aber bald ging ihr der gemächliche Alte zu langsam. Sie mochte es fast nicht erwarten und bat ihn, sie voran zu lassen.

Bald war der Lochhof erreicht. Außer Atem trat sie über die Schwelle. Andreas, der weißbärtige Bauer, saß am Bett. Er hielt die Hand des Kindes in der seinigen. Marie lag in Fieberhitze; seine Wangen brannten. Die Nasenflügel bebten bei jedem Atemzug. Das Ausatmen geschah stoßweise und bei jedem Atemstoß gehielt sich das Kind wie einer, der starke Schmerzen spürt. Alle Augenblicke wälzte es sich unruhig hin und her. Bald legte es den Arm hierhin, bald dorthin, zog die Beinchen an sich und streckte sie wieder, kein Glied schien ihm recht zu liegen. Im Schlummer stieß es irre, zusammenhanglose Worte aus.

Beim Anblick der Kranken brach die Mutter in Tränen aus. Mit leiser Stimme suchte sie der Bauer zu trösten.

«Kinder sind bald einmal krank, erholen sich aber auch rascher als Erwachsene; nur den Mut nicht verlieren.»

Über diesen Worten erwachte das Kind. Als es 115 die Mutter erkannte, streckte es ihr die Ärmchen entgegen. Sie hielten sich umschlungen. «Du Armes, Armes!» schluchzte die Mutter. Der Bauer und die Bäuerin waren zur Seite gegangen und ließen sie sich ausweinen. Nach einer Weile erklärte die Bäuerin, was man schon vorgekehrt habe und wie alles gekommen sei.

«Für die Schüttelfröste haben wir ihm Schwitztee abgeschüttet, Holunder und Lindenblüten unter einander. Es war halt ganz durchfroren und konnte gar nicht wieder erwärmen. Hoch aufgesprengt hat es das arme Geschöpf, die ganze Bettstatt hat es gerüttelt. Und doch haben wir zwei dicke Federdecken auf ihns gelegt und obendrauf noch die neue Wolldecke mit dem gelben Bort, die Hans am letzten Grümplet herausgeschossen hat. Und Tee mußte es trinken drei große blumete Tassen voll und ganz heiß, so heiß es ihn nur erleiden mochte. Und endlich und endlich hat das Schnäbeln und Schütteln langsam abgenommen und der Schlaf kam. Wir begaben uns zu Bette und meinten, nun sei es gewonnen. Aber wir hatten uns trumpiert. Schlafen konnten wir noch lange nicht, und so hörten wir, wie der Atem des Kindes schneller und schneller ging. Plötzlich tat es einen lauten Schrei: ‹Das Messer! das Messer! helft! helft!› Und als ich aufstand, um es zu beruhigen und zu tüschen, hatte es schon ganz fieberheiße Bäcklein und allemal, wenn 116 es in Halbschlummer sank, redete es verwirrtes Zeug und hatte Angst. Ich legte ihm einen naßkalten Lumpen auf die heiße Stirne; aber das beschoß zu wenig. Wenns meines wäre, müßte mir der Doktor geholt sein.» Die gutmütig und behäbig ausschauende Bäuerin hatte sich in einen warmen Eifer hineingeredet.

«Wenn wir es nur vorher nach Hause nehmen dürften», seufzte Marlise beklommen. «Es ist mir so zuwider, daß ihr unseretwegen Unmuß und Beschwerlichkeiten habt. Die Kleider hätte ich mitgebracht.» «Das Heimnehmen ist eine gewagte Sache. Ohne Erlaubnis des Arztes getraute ich es mir nicht», meinte der Bauer mit bedächtigem Kopfschütteln.

Marlise vermochte dieser verständigen Meinung nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen. Ueber ihre Lippen zitterte nur die bange Frage:

«Und wenn er es nicht erlaubt?»

«Dann behalten wir es in Gottesnamen vorläufig hier», sagte die Bäuerin nach kurzem Zögern, und der Bauer nickte. Ganz leicht wurde ihnen das Anerbieten nicht; sie wußten zu gut, wie viel Angst und Not, Kummer und Sorge eine schwere Krankheit mit sich bringt. Aber wer mag gegenüber einem schwerkranken Kind und einer weinenden Mutter die rauhe Seite hervorkehren oder gar eine nie mehr gutzumachende Schuld auf sich laden?

Marlises Tränen flössen reichlicher.

117 «Es ist mir so leid, daß ihr nun auch noch für unsere Torheit büßen müßt. Wenn ich hätte voraus wissen können, wie alles kommen würde...», sie konnte vor Schluchzen nicht weiter reden.

«Wir wollen uns jetzt nicht aufregen», begütigte der Bauer, «vielleicht geht alles gnädiger vorüber, als wir denken. Arbeit haben wir jetzt keine dringende, und Platz ist genug vorhanden. Mit Wachen wollen wir einander ablösen. Und vielleicht steht es gar nicht so schlimm, wie wir befürchten. Man muß immer das Bessere hoffen. Das Notwendigste ist jetzt, einen Arzt zu holen und je nachdem, was er sagt, wollen wir uns dann einrichten.»

«Ja, es wird uns nichts anderes übrig bleiben», nickte Marlise, richtete sich auf und trocknete ihre Tränen. «Ich will nun heim, der Mann muß sich auf den Weg machen.» Sie strich dem kranken Kinde liebkosend das Haar aus der Stirn und gab ihm einen Kuß. «Ich komme bald wieder.» Und zu den beiden Alten gewendet: «Ich danke euch tausend hundert Mal». Darnach knüpfte sie ihr Tuch fest und ging.

Kaum hatte sich die Türe hinter ihr geschlossen, winkten sich Bauer und Bäuerin zu, als wollten sie sagen: Hast du ihr blaues Auge und ihre geschwollene Wange auch bemerkt? Arg wüst müssen die zusammen ausgeküngelt haben!

Als Marlise heimkam, war Friedel auch aufgestanden. 118 In der kalten Stube hatte es ihn gefroren und darum hatte er in den Ofen gefeuert. Jetzt saß er auf dem Ofentritt und wartete, was sie für Bescheid bringe. Doch sie beeilte sich nicht mit Auskunftgeben, bei seinem Anblick quoll ihr eine Welle Bitterkeit empor und verschloß ihr den Mund. Verlegen rutschte er hin und her, während sie Wasser holte, um sich zu waschen und zu kämmen. Es war ein peinvolles Schweigen. Auch er wollte nicht den Anfang machen mit Reden. Bald aber wurde die Ungeduld Meister über ihn, und er stieß gereizt hervor:

«Es wird nicht so bös stehen, sonst möchtest du mir den Mund gönnen!»

Ihr lag schon eine scharfe Antwort auf der Zunge; aber noch rechtzeitig hielt sie inne. Nicht an sich durfte sie denken, nur an ihr Kind.

«Es muß eines von uns zum Arzt und zwar sofort.» Er starrte eine Weile vor sich hin.

«Hätt’ man’s nicht heimnehmen können», fragte er etwas ruhiger.

Sie schüttelte den Kopf und als er sie ansah, bemerkte er die Flecken und Beulen an ihrem Gesicht. Das schämte ihn nun doch an; ihn befiel eine kleine Zerknirschung, und fügsam erklärte er:

«Ich gehe ja schon zum Doktor, wenns sein muß.» Ihre Zustimmung erwartend, zögerte er noch. Aber die einzige Antwort, die sie gab, bestand darin, daß 119 sie die Lade öffnete und ihm ein frisches Hemd bereit legte. Nachher begab sie sich in die Küche, um einen Morgenimbiß zu besorgen. Unterdessen stand er vor dem Kleiderschrank, um sich zu sonntagen. Als der Kaffee in der Kanne dampfte, war er reisefertig. Wortlos setzte man sich zu Tische. Keines schaute dem andern in die Augen. Zuviel Unausgesprochenes, Trennendes lag zwischen ihnen, das man nicht berühren mochte. Aber schließlich löste ihnen die Notlage doch die widerstrebenden Zungen. Doch vermied man jedes überflüssige Wort. Erörterungen, die einmal kommen mußten, schob man in stillschweigendem Einvernehmen zurück und hielt sich an das unbedingt Notwendige. Es war ein Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit, aber kein entspannender und klärender Friede. Der Mann hatte dabei ebensoviel hinunterzuwürgen wie die Frau. Was würde der Doktor sagen, wenn er das Kind in einem fremden Hause antraf und die Ursache der Erkrankung erfuhr! Wie würden die Leute ihre Mäuler schütteln über den Fall! So lange sie verheiratet waren, hatte er seine Frau noch nie mit einem Finger angerührt. Und nun er ein einzig Mal die Hand gegen sie erhoben hatte, mußte es gleich die ganze Nachbarschaft vernehmen. Und dabei hatte er sich noch eingebildet, vielleicht wenn er der Frau einmal recht barsch den Herrn und Meister zeige, könnte das wirken wie ein luftreinigendes Gewitter. So etwas wie eine Zähmung 120 der Widerspenstigen hatte ihm vorgeschwebt, eine Zähmung für alle Zukunft. Und nun hatte die Gewaltkur so schlecht angeschlagen und eine Lawine von Unannehmlichkeiten ins Rutschen gebracht. Es war zum Davonlaufen. Friedel grollte mit sich selber, mit seiner Frau und seinem Schicksal, das ihm so schonungslos aufsäßig war, während es andern den gleichen Fehler straflos durchgehen ließ. Sogar in seine Besorgnis um das Kind mischte sich immer noch Groll und Ärger, weil es so einfältig fortgelaufen war. Das Kind, meinte er, hätte ihn besser kennen sollen. Daß es ihn auch nur eine Sekunde lang für einen Totschläger ansehen konnte, war doch auch gar zu toll. Aber was half nun alles Winden und Wenden, Drehen und Deuteln? Was eingebrockt war, mußte auch ausgegessen werden. Mit finsterem Gesichte machte er sich auf den Weg. Noch war die Morgendämmerung nicht angebrochen.

Im Laufe des Vormittags erschien der Arzt. Er konstatierte eine Lungen- und Brustfellentzündung. Von einem Nachhausenehmen des Kindes wollte er nichts wissen. Mit dumpfer Niedergeschlagenheit nahmen Friedel und Marlise diesen Entscheid entgegen. Noch am selben Vormittag stellten sie eine Taglöhnersfrau als Gaumerin ein, damit die Mutter die Wartung des Kindes übernehmen könne. Beiden Ehegatten war es eine Erleichterung, daß sie einander nicht immer vor Augen hatten.

121 Nachmittags, als Marlise fort war, machte sich Friedel hinter seine Stöcke. Aber das Beil ruhte oft, denn die Gedanken des Holzhackers waren nicht bei der Arbeit. Seit er mit dem Arzte am Krankenbett des Kindes gestanden, war ihm der Boden unter den Füßen hohl. Zwar Vorwürfe hatte ihm niemand gemacht, weder der Arzt noch der Nachbar. Aber mit andern Augen als sonst hatten sie ihn angeschaut. Deutlich genug hatte er es gespürt. Und die Not des Kindes hatte ihm ans Herz gerührt, mehr als er äußerlich erzeigte. Eine dumpfe Unruhe peinigte ihn. Hätte er doch gestern den Versucher zum Schopf hinausgewiesen und wäre er zu Hause geblieben! Wie froh wäre er heute; wie sorglos könnte er seinen Geschäften nachgehen, vor niemanden brauchte er die Augen niederzuschlagen! Aber freilich, die Frau war auch darnach. Das beständige Gemeistertwerden würde noch manchem andern auch verleiden. Stellte er nicht seinen Mann in allen Begebenheiten? Hatte ihm der Meister nicht noch jüngst aus freien Stücken den Lohn erhöht und seine Anstelligkeit und Zuverlässigkeit lobend hervorgehoben? Waren die Arbeitgeber nicht mit ihm zufrieden? Verdiente er nicht ein schönes Stück Geld und verstand er nicht, dazu Sorge zu halten? Und doch hatte diese Frau so oft an ihm etwas auszusetzen und erlaubte sich, an ihm herumzuraspeln wie an einem Holzstück. Beständig sollte er neben ihr 122 her sein, wie mit einer Zwinge an sie gefesselt. Keinen Spielraum ließ sie ihm. Wie oft schon hätte er ihr dieses oder jenes zuliebe getan, wenn sie ihn weniger enge gehalten, ihm mehr freien Willen gelassen hätte! Was er auch vollbringen mochte, immer war es in ihren Augen nur seine Pflicht und Schuldigkeit gewesen. Ganz so wie Holzerbrecht behauptete: Trag einer Frau Wasser in die Küche: Das erstemal sagt sie: Bist ein Lieber! Trag ihr ein zweites Mal Wasser in die Küche: Das zweite Mal heißt’s: Stells nur hin! Vergissest du aber am dritten Tage das Wassertragen, so schaut sie dich mit großen entrüsteten Augen an: Warum hast du nicht Wasser geholt? Da ist der Kessel! Und du bist um eine ewige Dienstbarkeit reicher. Darum ziehe nicht mit den Weibern am gleichen Strick, sondern grenze die Arbeit säuberlich ab nach der alten Bubenregel: Jedem Hündlein sein Pfündlein!

Der Brecht hatte allerdings eine lose Zunge und lebte mit seiner Frau wie Katz und Hund; aber manchmal traf er doch den Nagel auf den Kopf. Hatte sich Marlise nicht erst letzte Woche beklagt, er, Friedel, frage ihr und den Kindern nichts nach, fremde Leute seien ihm lieber? War sie nicht eine Undankbare, Unersättliche, die nicht wußte, was sie an ihm besaß? Bürdete sie ihm nicht manchmal Dinge auf, die die Kinder ebensogut besorgen konnten, Verrichtungen die nicht drängten? Und warum das? 123 Weil es ihr Vergnügen machte, ihn herum zu kommandieren! Weil sie ihren Willen haben mußte! Wenn er auf dem Bauplatze seinen Arbeitern etwas befahl, geschah es; ordnete er aber zu Hause etwas an, dann sollte er häufig abmarkten lassen. Ein Eigensinn und Setzkopf war sie, niemals wäre es ihm sonst eingefallen, sie zu schlagen. Und daß er sie in die Finger genommen, tat ihm nicht leid. Erzwängt hatte sie es.

Aber daß nun das Kind darunter leiden mußte, war ihm ganz und gar nicht am Ort, ein so aufgewecktes zutrauliches Kind, das ihm immer angehangen! Vor den fremden Leuten hatte er ihm nicht einmal sein Gutmeinen so recht zeigen dürfen, hatte nicht mit ihm reden und ihm alles erklären können, wie er gerne getan hätte. Wenn er nur irgend etwas wüßte, womit er es erfreuen könnte! Er hackte und sann und hackte und geriet aufs Neue ins Grübeln. Dabei geriet ihm ein hübsch gebogenes Wurzelstück unter die Hand. Einem Vogelleib ähnelte es. Ließe sich daraus nicht eine Taube schnitzeln? Die Umrisse stimmten grobhin und ein Schwanzstück mit ausgebreiteten Federn war ja leicht anzusetzen. Friedel schlug das Beil in eine Kerbe und begab sich mit seinem Fund in die Schnefelstube. Werkzeug besaß er zur Genüge und wußte es geschickt zu handhaben. Wenn Unwetters halber auf dem Zimmerplatz nicht gearbeitet werden konnte, betätigte er sich 124 öfters in der Werkstatt seines Meisters als Bauschreiner oder fertigte Schmuckladen und Zierleisten auf Vorrat an. Darum wußte er sich zu helfen und konnte ohne langes Besinnen ans Werk.

Bald bekam er auch Zuschauer. Kaum hatten Ruedeli und Roseli des Vaters Säge knirschen hören, eilten sie herbei. Draußen beim Scheitstock hatte er sie der Kälte wegen fortgeschickt, hier hingegen durften sie weilen, zugucken und mit Hölzchen spielen. Das war allemal ein kleines Fest für sie, Ruedeli konnte viertelstundenlang dem Vater zusehen ohne ein Auge abzusetzen. Eifrig drängte er sich auch heute herbei:

«Vati, was willst du machen? Vati, was muß das geben?»

Die Ausfragerei kam Friedel recht ungelegen. Gab er ihnen klare Auskunft, so eilten sie damit wichtig zur Mutter, sobald sie ihrer habhaft werden konnten. Und die Mutter brauchte es nicht zu wissen, brauchte nicht sein Getue als kindisch zu belächeln oder als Schuldbewußtsein und Reue zu deuten, darum wich er ihnen aus:

«Ihr werdet schon sehen, was daraus wird», und setzte ihrem Drängen ein beharrliches Schweigen entgegen. Darüber geriet das Büblein so in Hitze, daß es mit dem Füßchen zornig stampfte. Frühere Male hatte Friedel solchen Bubenzorn possierlich gefunden und ihn sogar geflissentlich hervorgerufen. 125 Heute stutzte er, und es fuhr ihm plötzlich durch den Kopf:

«Hat er das von ihr oder — von mir?» Es lächerte ihn gar nicht mehr so sehr. Seit er selber einen tiefen Biß in den Sündenapfel getan hatte und den bittern Nachgeschmack nicht von der Zunge wegzubringen vermochte, schaute er diese Frucht mit neuen, schärfern Augen an. Gewußt hatte er schon längst, daß Jähzorn und trotziger Sinn Unheil stiften können; aber es war ein kaltes, totes Wissen gewesen. Jetzt begann dieses Wissen erst lebendig zu werden und die bisherige Gleichgültigkeit und Sorglosigkeit zu verdrängen, und zugleich erwachte in Friedel der verantwortungsbewußte Vater, der einsieht, daß seine Fehler nicht nur ihn selber aufs Haupt schlagen, sondern daß dafür auch seine Kinder gestraft werden bis ins dritte und vierte Geschlecht. Ob seine Kinder je den Auftritt von gestern Nacht vergessen würden oder ob das häßliche, leidenschafterregte Zerrbild von Vater und Mutter für ewig ihrem Gedenken eingebrannt war? Friedel hatte nicht Zeit diese Frage zu beantworten, sein Gedankengang wurde unvermittelt durch Ruedelis Triumphgeschrei unterbrochen:

«Jetzt weiß ich’s, ein Vogel, ein Vogel!» Friedel nickte. Aber nun wollte Ruedeli mit aller Gewalt wissen, für wen der Vogel bestimmt sei. Wieder wich ihm der Vater aus mit dem unbestimmten Bescheid:

126 «An die Stubendecke hängen wollen wir ihn dann, dort können ihn alle sehen.»

Damit gab sich der Knabe endlich zufrieden, wich aber dem Vater nicht von der Seite. Es war gar zu interessant, wie der mit Säge, Schnitzmesser, Raspel und Glaspapier den Taubenleib zu formen und zu glätten wußte und wie er alsdann aus dünnen, fächerartig zusammengelegten Holzschindelchen Schwanz und Flügel nachbildete. Als Friedel nach langer Arbeit die Teile zusammengefügt hatte und nun die Blechbüchsen mit den Ölfarbenresten hervornahm, kannte der Jubel der Kinder keine Grenzen.

«Wie wollen wir die Taube anstreichen?» fragte der Vater.

«Blau!» schlug Roseli vor und zeigte dabei auf die grüne Farbe.

«Nein, schneeweiß!» widersprach Ruedeli.

«Gut, ich will dir folgen,» pflichtete der Vater bei.

«Und Schwanz und Flügel bekommen noch grüne und rote Schläge. Dann müssen wir sie aber erst trocknen lassen.»

Unterdessen war die Zeit rasch vorgeeilt, die rotgelben Lichter der scheidenden Sonne auf den westwärts geneigten Schneefeldern erloschen, und die Schatten der Dämmerung krochen aus den Tälern über die weißbehängten Tannenwälder und Halden herauf. Friedel schickte sich an, den Stall zu besorgen und als das geschehen war, hatte die Gaumerin das 127 Nachtessen bereit. Bald danach mußten die Kinder ins Bett und Ruedeli betete, wie es ihn die Mutter gelehrt hatte:

Gott, behüte mir den Vater!
Gott, behüte mir die Mutter!
Gott, behüte groß und klein
Und auch die lieben Schwesterlein!

Dabei verweilten sich die Gedanken des Bübleins bei der kranken Schwester, und er fragte die Gaumerin:

«Muß Marieli sterben?»

«Will’s Gott nicht, da du so schön für ihns gebetet hast. Aber schlaft jetzt recht wohl und fürchtet euch nicht; ich komme dann auch und bleibe bei euch die ganze Nacht.»

Friedel hatte Ruedelis Frage ebenfalls gehört. Wie ein Echo seiner eigenen Gedanken hatte sie ihm geklungen, und lange noch zitterte sie in seiner Brust nach. Es war so still und leer in der Stube. Nur die Wanduhr tickte und die Stricknadeln der Gaumerin klapperten leise. Ein Gespräch führte man nicht, um den Schlaf der Kinder nicht zu verzögern und zu stören. Überdies war die Gaumerin eine unredige Person, die hier im fremden Hause nur den Mund öffnete, wenn sie gefragt wurde. Friedel saß am Tisch und stützte die Stirne in die Hand. Er saß in seinem Hause, in seiner Stube, bei seiner Lampe und doch mutete ihn alles so fremd und öde an. Es war, als 128 ob aus seinem Heim mit einem Male alle guten Geister geflohen seien. Ein Gefühl wie starkes Heimweh plagte ihn; wie vom Winde angeweht war es über ihn gekommen und wühlte nun in ihm, daß er nirgends Ruhe finden konnte. Bevor er sich schlafen legte, mußte er noch wissen, wie es um sein Kind stand. Nach kurzer Verabredung mit der Gaumfrau machte er sich auf den Weg.

Marlise schien sich gar nicht zu wundern, daß er kam. Sie trat ihm viel unbefangener entgegen, als er erwartet hatte. Sie ließ ihn nicht in hängenden Räten, wie sonst manchmal, wenn er sie erzürnt hatte, sondern gab ihm Bescheid und Antwort, als ob nichts vorgefallen wäre zwischen ihnen. Die Herzensangst um den leidenden Liebling ließ keinem feindseligen Gefühl mehr Raum in ihr, und die heftig nagende Reue stimmte sie versöhnlich. Friedel atmete auf, aber nur für einen Augenblick. Denn der Zustand der Kranken war bedenkenerregend. Das Kind litt schwer. Tief ergriffen wollte Friedel wachen helfen; aber Andreas und die Bäuerin rieten ab. Man wisse nicht, wie lange die Krankheit andauern werde, darum müsse man abwechseln und frische Kräfte bereit halten für später. Auch seine Frau redete ihm zu, und er fügte sich, wenn auch ungern.

Schlafen konnte er in jener Nacht trotzdem wenig. Bedrängt von Selbstvorwürfen und Gewissensqualen wälzte er sich ruhelos auf seinem Lager. Es war 129 eine Nacht, die ihn das Beten lehrte. Wohl hundertmal flehte er: «Herrgott im Himmel, straf mich nicht so hart!» Bevor der Morgen anbrach, war er schon wieder auf dem Lochhof. Die Kranke war etwas ruhiger geworden, ein leiser Hoffnungsstrahl dämmerte ihm auf. Trotzdem begab er sich auf den Weg, um den Arzt zu holen. Ein schneidender Nordwind gab ihm das Geleite, es war bitterkalt geworden.

Als der Arzt die Untersuchung vornahm, blieb sein Gesicht undurchdringlich. Friedel konnte nicht mehr länger an sich halten und fragte:

«Es ist doch noch Hoffnung vorhanden?»

«Wir geben keinen auf, bevor er den letzten Atemzug getan hat. Wenn das Herz aushält und die Entzündung nicht etwa auf den rechten Lungenflügel übergreift...,» erwiderte der Arzt achselzuckend und gab seine Verordnungen für alle Fälle. Ein Knecht vom Lochhof mußte neue Mittel holen. Friedel ging für eine Weile heim, um dort zum Rechten zu sehen; aber schon nach dem Mittagessen trieb es ihn wieder ans Bett seines Kindes. Marie hatte einen verhältnismäßig guten Augenblick und der Vater erzählte von der Holztaube, die er ihm geschnitzt hatte. Die Kranke ermunterte sich ein wenig und bat ihn, sie zu bringen, und er versprach es.

Als er fortging, sagte er zu seiner Frau: «Es kommt doch noch gut.»

130 «Geb’s Gott», antwortete sie mit einem Seufzer, «wir könnten froh sein.»

Als Friedel am Abend wiederkehrte, war die frohe Zuversicht zunichte geworden. Das Stechen hatte wieder begonnen und diesmal auf der rechten Seite. Kein Zweifel, nun war auch der rechte Lungenflügel angesteckt, das geschwächte Organ hatte das rauhe Wetter und den eisigen Nord durch alle Wände und Decken hindurch verspürt. Die Körpertemperatur war bedeutend gestiegen, die Pulse rasten und zeitweilig stotterten sie. Was das alles zu bedeuten habe, konnten sich die Eltern kaum mehr verhehlen. In stummem Schmerze schauten sie einander in die Augen und wendeten sich ab, um die Tränen zu verbergen. Ohnmächtig mußten sie dem beginnenden Todeskampfe ihres lieben Kindes zusehen. Mit ihren starken Armen konnten sie ihm nicht helfen und ihre Gebete fanden keine Erhörung. Als die Kranke wieder einmal eine lichte Minute hatte, zeigte ihr der Vater noch die buntangestrichene Holztaube. Ach Gott, alles Glück und alle Schätze der Welt hätte er ihr so gerne auf das Deckbett geschüttet, und nun hatte er nichts als die armselige Holztaube. Aber Sterbende haben keine großen Wünsche mehr, sie schätzen demütig auch das Kleine. So gering die Liebesgabe war, das Kind schenkte ihr doch einen Blick, streichelte sie leise mit der Hand und suchte mit einem matten Lächeln, das Vater und Mutter 131 ins Herz schnitt, dafür zu danken. Dann hob es das schwache Ärmlein, legte es um den Hals des Vaters, zog sein Haupt zu sich nieder, legte die Wange liebkosend an die seinige und bat innig:

«Aber gäll, Vater, du schlägst die Mutter nie mehr, dein Lebenlang nie mehr.»

«Nein, nie mehr, hab nur keinen Kummer, nie mehr,» schluchzte Friedel, kniete nieder und preßte sein schamrotes, tränennasses Antlitz ins Kissen.

Da sank die Mutter neben ihm in die Knie, umschlang mit einem Arm den Gatten und mit dem andern das Kind und stammelte:

«Ich war mehr schuld als der Vater; aber ich will ihm auch nie mehr Anlaß geben...»

So hielten sie sich umschlungen. Dann sagte das Kind:

«Es ist gut!» und legte den Kopf auf die andere Seite; denn seine Schmerzen wurden zu groß.

Einige Stunden später hatte es ausgerungen, still und friedlich ruhte das kleingewordene, wächserne Antlitz auf den Kissen.

Zwei Tage später trug der Vater die eingesargte Leiche hinunter in sein Häuschen, von wo aus das Leichenbegängnis stattfinden sollte. Manche schwere Rickstud und manches gewichtige Landholz hat er auf seinen breiten Schultern getragen; aber nie hat ihn eine Last härter gedrückt als der Sarg seines Kindes.

132 Auch die Mutter hatte etwas nach Hause gebracht, heimlich in der Schürze, die Holztaube. Als das Begräbnis vorbei war, hängte sie den bunten Vogel an die Stubendecke:

«Er soll beständig über unsern Häuptern schweben und uns an das heilige Versprechen erinnern, das wir unserm Kinde gegeben haben.»

Friedel war einverstanden und beide mühten sich ehrlich, ihren Vorsatz zu halten. Indessen fehlte es nicht an Rückfällen; denn Menschen bleiben Menschen und können ihre gefährlichen Anlagen nicht von heute auf morgen abstreifen, wie die Schlange ihre Haut. Es kam vor, daß Friedel in einem unbewachten Augenblicke zu poltern anfing und von seiner Frau Dinge verlangte, die sie nicht gewähren konnte. Aber statt Kampf zu geben, griff sie nach dem Staublumpen und sagte möglichst gelassen: «Wart nur noch ein kleines Weilchen, ich will vorher noch unsere Taube abstäuben, mir scheint, sie habe es nötig.» Dann zog Friedel sogleich seine Hörner ein, und man einigte sich gütlich. Hinwiederum trug es sich zu, daß Marlise einen roten Kopf bekam und ihre Zunge mit all den guten Vorsätzen durchbrennen wollte. Rechtzeitig noch wußte Friedel es zu verhüten, indem er anfing: «Du, ich glaube, ich sollte unsere Taube wieder einmal frisch anstreichen. Mich dünkt, die Farben werden blaß und besitzen nicht mehr die richtige Kraft.» Auch seine 133 Mahnung wirkte. So half ihnen die Taube, das rasche Blut bändigen. Hätte der hölzerne Vogel einmal die starren Flügel gelüftet und das Weite gesucht, wer weiß, ob ihm nicht auch der mühsam erkämpfte Familienfriede nachgeflattert wäre. Aber das gute Tier setzte sich höchstens ein wenig in kreisende Bewegung und blieb im übrigen treu auf seinem wichtigen Posten. Es war und blieb für die Familie die Friedenstaube Jahre hindurch.

Mit der Zeit gewahrten Friedel und Marlise, wieviel weicher man sich in der Ehe bettet, wenn man von Herzen nach dem Frieden trachtet und statt sie in aufregenden Kämpfen um die Vorherrschaft zu verzehren, die Kräfte zu nützlicher und gemeinsamer Arbeit vereinigt. Die Lust, wie Kieselsteine aneinander zu reiben, bis es Funken gab, war ihnen gründlich vergangen. Der Schmerz um das verlorene Kind hatte ihnen die Augen geöffnet und geschärft für das, was man dem kommenden Geschlecht schuldet an treuer Fürsorge und gutem Beispiel. So wurde schließlich sogar die Friedenstaube überflüssig, und als ihr nach Jahr und Tag das hochaufgeschossene Roseli bei Anlaß der Stubenwäsche einen Flügel zerbrach, dachte niemand mehr daran, sie zu ersetzen. Der Friede des Hauses ruhte auf zuverlässigern Grundlagen.


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