Salomon Geßner
Der erste Schiffer
Salomon Geßner

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Zweyter Gesang.

UNgesehn hat Amor bey der Arbeit immer seinen Muth befeuert; aber izt flog er in thauigter Nacht beym Schimmer des Mondes auf schnellen Flygeln der Insel zu, die Aeolus, der Gott der Winde, bewohnt. Fernher rauscht ihm das Getœse des Felsen entgegen, der in ungeheurer Hœle die Winde verschließt, wie das Getœse eines Sturmes im Welt-Meer. Izt senkt' er sich gerade auf den Felsen herunter, der hoch aus den Wellen empor stand; da saß der Gott der Winde auf einer Klippe beym Eingang der Hœle. Winde mit sausendem Geræusche flogen aus und ein, wie Bienen um ihren Stok sumsen. Auf seinen Befehl gehorchend kamen sie sonst, oder flogen aus, im Meer zu toben, oder in Gebyrgen zu heulen, oder yber Strafbaren ein Gewitter zu sammeln; sanftern Winden befahl er, um stille Hytten und Fluren zu sæuseln, den Fleiß bey seiner Arbeit zu kyhlen, oder in den Schatten der Hayne und Gebysche zu schwermen. Aber muthlos achtet er izt nicht der Winde, saß auf der Thau-triefenden Klippe da, styzte den Arm auf sein Knie, und der eine Schlaf lag in der von Loken umflatterten Hand. Harmvoll saß er da, und sah in die Wellen, die im Mond-Schein sich wælzten. Ihn peinigte Liebe, Liebe zu einer der Nymphen des Meeres. Amor hatt' ihn, da er einmal voryberflog, und myssig vor seinem Fels ihn ligen sah, mit einem seiner schærfesten Pfeile verwundet. Citherens Sohn hœrt fernher ihn klagen, und ließ auf einer nahen Klippe des Felsen sich nieder, um seine Klagen zu behorchen. O du, (so klagt er) die du lieblicher bist, als alle vom Gefolge der Thetis, schœner als alle, die in dem Meere schwimmen, soll denn Mitleiden und Liebe, sollen sie nie meine Schmerzen belohnen? Ach! Zu lange schon hat mich die Liebe gemartert; umsonst tragen dienstbare Winde meine Seufzer und meine Klagen vor dein Ohr; und du achtest meiner nichts, wie schmachtend ich hier auf meinem Fels lige, und mit sehnsuchtsvollem Auge dir nachsehe, wenn du auf sanften Wellen daherschwimmest, in denen deine Milch-weisse Brust wiederscheint. Wenn du oft hoch yber die Fluten emporsteigest, daß ich den ganzen Reichthum deiner Schœnheit sehe, dann schauert Entzyken ganz durch mich hin; aber wenn du dann plœzlich tief in die wirbelnde Fluth dem lysternen Aug entfliehest, ach! dann durchbebet mich eiskaltes Entsezen. Oder wenn du mit andern Nymphen auf glænzender Fluth in muntern Spielen umherschwebst, daß das Meer um euch her schæumt, und Wasser aus euern Krænzen von blumigtem Meer-Grase rinnt. Aber wytende Eifersucht zerreißt mir die Brust, wenn ihr in muthwilligem Kampf die Schilf-bekrænzten Meer-Gœtter mit Ruthen von Schilf-Rohr verfolget; wenn der Verfolgte oft plœzlich sich umwendet, und mit nervigtem Arm dich umfaßt. Zwar entschlypfen deine nassen Lenden ihm leicht; unter den Fluthen verborgen kœmmst du dann plœzlich mit spœttischem Lachen fern von ihm wieder hervor. Aber wenn er dich unter die Fluthen verfolgt, Gœtter! wenn mein Auge beyde nicht mehr sieht, oder wenn plœzlich einer der Gœtter dir unversehen tief aus dem Meer herauffæhrt, und auf triefenden Schultern mit lautem Gelæchter dich Erschrokene hoch emporhebt, ô dann stampf ich rasend den Boden – – – denn du læchelst, und bist nicht bœse yber das toll-kyhne Spiel, und vergissest, was fyr Marter derweil mich Elenden verzehrt. Schon ergreift mein nervigter Arm den nahesten Fels, den Bœsewicht zu zerschmettern; schon ruf ich den rasendsten Winden, im wytenden Sturm ein mir so hæßliches Schauspiel zu stœren; aber aus Furcht, dich zu erzyrnen, entstyrzt der Fels meiner Hand, jag ich die tobenden Winde zuryk, und sinke in ohnmæchtiger Raserey dahin. Immer sucht dich mein schmachtender Blik, und wekt mich des Nachts das Plætschern der Wellen; dann glaub ich, du schwimmest am Ufer, ruf dir umsonst, und fluche der Dunkelheit, die dich verbirgt. Ach daß du nicht eine der Erd-Gebohrnen bist! Falsche Fluten verhindern mich, dir zu folgen, dich mit Seufzen und Klagen, wohin du gehst, zu verfolgen. Komm, ô komm an mein Ufer! hier sind liebliche Hœlen; meine sanftesten Winde sollen dich kyhlen; aus allen Welt-Theilen sollen sie die lieblichsten Geryche dir sammeln, und unter ihrem belebenden Wehen sollen die lieblichsten Schatten rings um mein Ufer aufblyhen. Komm, sey du die Herrscherin der Winde; komm in der lieblichen Gestalt, in der ich dich zum ersten mal an meinem Ufer yberschlich, da du im blumigten Grase sassest, da deine Lilien- weissen Glieder an der Sonne glænzten, und glænzende Tropfen sanft herunter ins Gras flossen, wie Morgen-Thau von frischen Rosen fließt; komm und bleib in meiner Umarmung, und geh nie wieder in die Wellen zuryk, wie du damals, ach! da ich dir schon nahe war, in die Wellen dich styrztest, und allen Martern der Liebe mich liessest.

So klagte der Kœnig der Winde, als Amor ihm nahe trat. Deine Klagen hab ich alle gehœrt, mæchtiger Beherrscher der Winde! (so sprach er) Ich bin der Sohn der schœn-gegyrteten Venus, mæchtig deine Quaalen zu enden; ich schwœr es dir beym hohen Olymp, wirst du eine Bitte mir gewæhren, so soll mein schærfester Pfeil die sprœde Tochter des Nereus verwunden, daß sie mit lieblich-errœthender Schamhaftigkeit an dein Ufer steigt, und mit Sehnsuchts-voller Liebe jeden deiner Schmerzen belohnt. Ihm antwortet' Aeolus voll frohen Erstaunens: Du Sohn der mæchtigen Venus! Was fyr eine Bitte soll ich dir gewæhren; nur geringe kann ich das Glyk dir belohnen, das du mit hoher Betheurung mir verhiessest. So vernihm meine Bitte, (sprach Amor) verschliesse alle deine Winde von izt, bis an dem Abend die Sonne wieder ins Meer geht, und mir gieb tausend Zephir, daß sie so lange meinen Befehlen gehorchen. Schnell rief Aeolus mit mæchtiger Stimme die schwermenden Winde zuryk; mit wildem Geræusche flogen sie von allen Seiten herbey; der Gott verschlosse sie in ihrer Hœle, und tausend Zephir flatterten um den Gott der Liebe her.

Bald (so sprach Amor) sollst du deine Dienste belohnt und deine Wynsche erfyllet sehn; izt eil ich, wo meine Geschæfte mich rufen; er sprachs, und flog mit seinem Gefolge von Zephirs schnell dem Ufer zu, wo er bey der Morgen-Dæmmerung den kyhnen Jyngling schon sah, der voll Freude yber die Schœnheit des Morgens, voll froher Ahnungen da stand. Still und sanft zwizerte das Meer in der kommenden Morgen-Sonne, und heller, als sonst, sah er die gegen yber stehende Insel; das Ufer ertœnte von dem Gesange der Vœgel, und zwo wilde Dauben flogen yber seinem Haupt hin, der Insel zu. Nur sanfte Winde lispelten am schattenreichen Ufer; so sanfte Stille war auf dem Meer und an den erwartenden Ufern, als die Gœttin Venus in blændender Schœnheit aus dem Meer-Schaum entstand; da sah der helle Himmel und das gryne Meer und die Ufer in feyerlicher Entzykung auf das werdende Wunder, die Winde lagen erstaunt auf unbewegten Flygeln, nur sanfte Zephir kyssten die Gœttin und jede werdende Schœnheit. Von neuem befeuert izt Amor seine Kyhnheit und seine Liebe; und izt stieg er in den Nachen. O du Herrscher des Meeres, Neptun, (so rief er) Gœtter und Gœttinnen, die ihr die Meere bewohnet, ô seyd meinem kyhnen Unternehmen gewogen! nicht Troz, nicht stræflicher Stolz, nein Liebe, die ein Gott in meinen Busen legte, und tugendhaftes Verlangen, auf gefæhrlichem Wege Noth-leidenden Hylfe zu bringen, hat mich zu so kyhnem Unternehmen befeuert. Laßt, ô laßt glyklich mich jenes Ufer erreichen; und du, der diese Liebe entflammet hat, verlaß, ô verlaß mich izt nicht, du hast zuerst den kyhnen Gedanken in mein Gemythe gelegt!

Plœzlich, als er noch sprach, ließ Amor aus seinem Nachen einen hohen Stab empor wachsen, von dessen oberster Spize Blumen-Krænze in der Luft gegen der Insel hinflogen. Denn er hatte den Zephir befohlen, in die Blumen-Krænze zu wehen, und vom Ufer her die Wellen gegen den Hintertheil des Nachen zu schlagen; andre mußten vor ihm her die Wellen zertheilen, und den flyssigen Weg ebnen; und andern befahl er, den Jyngling bey seiner Arbeit zu kyhlen. Izt sah es der Jyngling mit heiligem Erstaunen, daß ein Gott ihm beysteht, und stieß voll hohen Muthes vom Ufer, und Amor flog ihm unsichtbar, hoch yber seinem Nachen vor ihm her. Aus der Tiefe heraus und von fernen Ufern kamen die Tritonen, die Sœhne des Neptun, und Schilf-bekrænzte Tœchtern des Nereus; in plætschernden Spielen schwammen sie in weitem Kreis um ihn her, in freudigem Erstaunen yber den kyhnen Sterblichen, der der erst es wagt, in kleinem Schiffe dem weiten Meer sich zu vertrauen. »O sey beglykt! (so sangen sie) Gefahr-los sey deine Reise, kyhner Jyngling! Dich wird die Liebe belohnen, sie die so erfindsam dich macht, so kyhn, in kleiner Schale des gehœleten Stammes auf die Fluthen des Meeres dich zu wagen. Wie schœn schwimmst du daher mit flatternden Blumen-Krænzen auf schimmernden Wellen daher, wie der majestætische Schwan, mit kynstlich lenkenden Fyssen. Zwar Amor flieget vor dir; der muß glyklich seyn, den die Liebe in ihren Schuz nihmt. Empfangt ihn unverlezt, ihr Schatten der Insel! dort soll er den Lohn, den syssesten Lohn der kyhnen Erfindung empfangen. Wir sehens, ô wir sehen in der Zukunft deine verbesserte Kunst! Nationen deken mit Fahrzeug den Ocean, und schwimmen zu fernen Nationen; Vœlker ungleich an Sitten, durch ganze Meere gesœndert, empfangen sich erstaunt am friedsamen Ufer; sie holen und bringen sich fremde Schæze, und Ueberfluß und Wissenschaft und neue Kynste. Auf unwirthbaren Meeren findt dann der Schiffer den ungepfadeten Weg, und schwimmt auf unermeßlicher Tiefe. Er trozet kyhn dem tobenden Sturm, wenn Himmel und Meer wyten, und ungeheure Wellen mit seinem Fahrzeug spielen. So kyhn und erfindsam ist Prometheus Geschlecht; Feuer der Gœtter lodert in ihrem Busen, und drohende Gefahr befeuert den unaufhaltsamen Muth.«

So sangen die Nymphen und Meer-Gœtter in plætscherndem Danz um den Nachen her, andre bliesen auf ihrem Muschel-Horn harmonisch zum Lied. So schwamm er glyklich dahin, und glyklich kam er ans Ufer, das mit hypfenden Schatten und lieblicher Kyhlung ihn empfieng; izt sprang er freudig aus dem Nachen, und zog ihn ans sichere Ufer; dann dankt er den Gœttern, die so gnædig sein kyhnes Unternehmen schyzten. Voll froher Hoffnung irrt er izt durch den Schatten der Insel, auf jedem Fußtritt sieht er entzykt die Spuren arbeitender Hænde, sah Feigen- und Apfel- und Birnen-Bæume in fruchtreiche Reihen gepflanzet; Reben waren von einem zum andern gezogen, mit Trauben-behangenen Armen, Jesminen und Myrthen-Gestræuche waren hier und da in schattigte Lauben gewœlbt, ein klarer Bach war von einer zur andern durch wœlbende Schatten geleitet, sein Ufer mit mannigfaltigen Blumen bekrænzt. So irrt' er forschend im Schatten; indeß saß Melida bey ihrer Mutter in der Hytte, stumm ihren Kopf auf den Busen gebogen, saß sie lange da; da sprach Semira: Wie, immer staunest du, mein Kind! Was staunest du, geliebte Melida?

Ihr erwiederte Melida, und Thrænen stiegen in ihre Augen. Ach! ich staune, ich kanns nicht nennen warum ich staune; ich weiß nicht warum mein Herz pocht, ich weiß nicht, was so schwer auf meinem Busen ligt, das mich unglyklich macht, unglyklicher als alle andern Geschœpfe.

Wie, meine Melida! so antwortete die Kummer-volle Mutter, wie unglyklich! Deine wunderbaren Einbildungen machen dich unglyklich. Was fehlt dir? Wachsen nicht alle deine Gewæchse gesund empor? Was du unternihmst, das gelingt dir; deine Lauben kleiden sich mit den lieblichsten Schatten, um dich zu empfangen; die Bæume, die du pflanzest, sind alle die schœnsten; sonst war deine Herde dein angenehmstes Geschæfte; und jedes Geschœpfe dieser Insel sucht, mit freundlichem Betragen dich zu erfreuen.

Ja, sprach Melida, und weinte, ach ja! Ehdem war alles Freude um mich her, aber sie ist nirgend mehr, der Schatte dient nur, meinen Kummer zu nehren; bey allen Gewæchsen fand ich sonst Freude, sie duftete mir aus jeder Blume zu; aber ach! auf der ganzen Insel hat sie fyr mich verblyhet; und die lebenden Geschœpfe, ach! sie sind alle glyklicher als ich; seh ich auf den Wipfeln die Vœgel, wie sie sich sammeln, und froh sind und singen; seh ich meine Schafe, wie sie im Schatten sich sammeln, und mit frohen Spryngen sich ihrer Gesellschaft freuen, oder zufrieden eines an des andern wollichter Seite ruhen, dann kann ich den traurigen Wynschen nicht wehren – –

Semira unterbrach ihre Rede: Aber wie, immer die alte Klage, unzufriedenes Mædchen! Was das fyr Einbildungen sind! Verlangen nach Sachen, die du nicht nennen kannst, nach Sachen, die nicht in der Natur sind. Wie wenn ich auch murren wollte, daß dieß Meer nicht Land ist, oder daß ich nicht fliegen kann, wie die Vœgel, oder daß diese Bæume nicht mit mir reden? Und das wære noch lange nicht so wunderlich.

Melida sprach: Aber das deucht mir doch so wunderlich, so unnatyrlich nicht, was ich wynsche. Warum myssen wir das allein missen, was die Thiere alle haben; und doch haben wir sonst so viel æhnliches mit ihnen. Sie essen, sie schlafen, sie hœren, sie riechen, wie wir, sie freuen sich, sie trauern, besonders wenn man sie von ihrer Gesellschaft trennt; wir haben so vieles mit ihnen gemein; warum das nicht?

Warum das nicht? Wunderliches Mædchen! (antwortete die Mutter in unzufriednem Ton) Frage die Gœtter, warum sie dir keine andre Gesellschaft gegeben haben als deine sanften Schafe und die muntern Vœgel; wenns die Gœtter so haben wollen, warum bist du mit dieser Gesellschaft unzufrieden?

Furchtsam leise erwiederte Melida: Ja; aber das Schaf freuet sich nicht der Gesellschaft des Rehes, und die Daube nicht der Gesellschaft der Ente; jedes freut sich nur der Gesellschaft dessen, das von seiner Gattung ist. Sind wir nicht auch eine besondre Gattung? Auch mein zamestes Schaf freuet sich mehr yber seines gleichen, als yber mich.

Aber (sprach Semira) bin nicht ich deiner Gesellschaft von deiner Gattung, und ich liebe dich mehr, als Schafe Schafe lieben kœnnen, und Vœgel die Vœgel ihrer Art.

Ja, (antwortete zærtlich Melida) ach ja, geliebteste Mutter! Aber auch du trauerst; vielleicht wyrdest du weniger trauern, wenn unser mehrere wæren, dann wære die Freude mannigfaltiger. Wenn unser mehrere wæren, ô wie entzykend wyrd es seyn, wenn wir mit vereinten Kræften uns bemyhen wyrden, dich zu erfreuen. Ach! wenn auch nur eins, nur eins noch wære. Jemand, der jede meiner kleinen Freuden mit mir theilte, der immer an meiner Seite wære, der – – Ach! es ist – – Mein Herz liebet dich yber alles; aber es ist, als wenn noch mehr Liebe da wære, Liebe fyr etwas, das ich nicht finde und nicht kenne.

Semira seufzte: Wie sehr beunruhigt mich dein unglykliches Verlangen! Die Gœtter versagens dir, weil du es zu ungestyhm verlangest! Sie kœnnten aus jedem Baum; aus Steinen kœnnten sie Geschœpfe machen, wie du bist; aber – –

Lebhaft unterbrach die Tochter ihre Rede: Wie, aus jedem Baum, aus Steinen kœnnten sie das? O ihr Gœtter! Bey jedem Baum, auf jedem Stein will ich euch Opfer bringen; das Schœnste, was jede Jahrs-Zeit mir giebt, will ich mit unermydetem Flehen euch opfern; – – ja ich will – – Plœzlich fuhr Semira zuryk. Gœtter! (so rief sie) was seh ich, und stand wie eine Bild-Sæule da; der Jyngling war vor der Schwelle der Hytte; eben so bestyrzt, Gœtter! sie ists, rief er, sie ists, die ich im Traume sah.

Semira, ganz erschroken, sah rykwerts; voll Verwirrung stand sie von ihrem Siz auf. Bist du einer der Olympier, und willt in unsrer Wohnung uns besuchen, ô so sieh gnædig uns an, und – aber wie? eben so bestyrzt wie wir, stehest du da an der Schwelle, wer du auch seyest, sey uns willkommen, so sprach sie. Aber der Jyngling trat in die Hytte, und sprach: O nehmet gytig mich in eure Wohnung auf, ich bin nicht vom Olymp; auf wunderbare Weise komm ich zu euch, und flehe um eure Gewogenheit euch und euern Schuz.

Melida, indeß daß sie das redten, stand unbewegt, nur ihre Blike eilten auf der ganzen schœnen Gestalt des Jynglings umher. Izt sprach sie: O die Gœtter haben meine Wynsche erhœrt, diese schœne Gestalt haben sie mir zur Gesellschaft geschaffen. Komm næher, an meine Seite komm, daß ich deine Hænde beryhre, und deine rosenfarbenen Wangen! Aber sag mir: Wie haben dich die Gœtter geschaffen? O wie will ich unablæssig die Gutthat ihnen danken! Sag mir: Was warest du erst noch? ein Baum, ein Stein? so sprach sie, indeß daß sie des Jynglings bebende Hand an ihre wallende Brust drykte. Izt seufzte der Jyngling: Meine Geliebte! wofern ich dich so nennen darf – – Mich! (sprach Melida) ach sag es mir immer! mit Entzyken hœr ichs. Ich fyhl es, ich bin glyklich, jeder meiner Wynsche ist in dir erfyllt. O fyhle, fyhle, wie mein Herz vor Freude pocht, meine Hand zittert in der deinen; so hab ich noch nie mich gefreut, noch nie das empfunden.

Gœtter! Wie bin ich glyklich! (rief izt der Jyngling) Lang schon hab ich dich yber alles geliebt. O wie ist meine Gefahr-volle Reise beglykt! wie sehr mein kyhnes Unternehmen mir belohnt! so sprach er, und drykte des Mædchens Hand an seine Lippen.

Was machst du, was fyhl ich! (sprach Melida) O ich sterbe vor Wollust! Alles gießt neues noch nie empfundenes Entzyken in mein Herz, alles, alles, was du unternihmst. Aber du, du willst ja immer meine Gesellschaft seyn, in allen meinen Geschæften mir beystehn, und alle meine Freuden mit mir theilen?

Wie kann ich anderst, da ich nur durch dich glyklich bin? sprach der Jyngling.

O geliebte Mutter! (sprach Melida) wie die Gœtter gytig sind, daß sie meine wunderbaren Wynsche erhœren, und mir dieses Geschœpfe zu meiner Gesellschaft erschaffen so liebenswyrdig; sieh, Mutter, dieß schœne Geschœpf ist gleich groß mit mir, nicht klein, wie du einst unter den Rosen mich fandest.

Semira sprach izt: Laßt von unsrer Verwirrung uns erholen; sezt euch neben mir; und du, sey uns gesegnet, du kannst in keiner ybeln Absicht zu uns kommen; erzehl uns, woher du kœmmst, und wie du zu unsrer einsamen Wohnung kommen bist. Es muß etwas wunderbares mit dir vorgegangen seyn?

Sie Sezten sich izt, Melida und der Jyngling, Hand in Hand; da hub er an, seine Geschichte zu erzehlen, wie ein Gott ihm im Traum die schœne Gestalt der Melida gezeigt, wie er sie geliebt habe; wie er sich Hoffnung-los quælte, da das weite Meer sie trennte; wie er endlich seinen Nachen gebauen, und auf einem gehœlten Stamm mit Fyssen von Holz in das Meer sich gewagt habe, und unter dem Beystand der Gœtter an dieses Ufer gelanget sey.

Ganz erstaunt hœrten sie die wunderbare Geschichte; da sprach Semira: Die Gœtter haben dirs in den Sinn geleget, die Gefahr-volle Reise auf den Wellen des Meeres zu thun. O sey uns gesegnet! und den Gœttern will ich Dank-Opfer bringen; sie haben zu unserm Glyk dich herybergefyhrt, und den schwehren Kummer von meinem Busen gewælzt.

Also (so sprach Melida) ist dort yber dem Meer ein andres Ufer, und andre Bewohner; das hab ich immer vermuthet, und meine Mutter hat mirs immer verhehlt; aber du gehst doch in deinem gehœleten Stamm nie wieder an jenes Ufer zuryk; ô bleibe bey mir, sey einzig und allein mein! mir deucht, ich kœnnt es nicht ertragen, wenn du andre Gespielen lieben wyrdest, wie mich. Aber sag mir: Du scheinst mir nicht ganz zu seyn, was ich bin; zarte Haare wachsen um dein Kinn her, die ich nicht habe. Das machts, (antwortete der Jyngling) weil ich ein Mann bin, und du ein Mædchen bist. Ein Mann, (sprach Melida) das ist wunderbar; und doch kœnnt ich dich nicht mehr lieben, wenn du auch ganz meines gleichen wærest. O wie vieles hat meine Mutter mir verhehlt!

Semira læchelte, und befahl ihr von den schœnsten Frychten die Abend-Mahlzeit zu rysten. Sie gieng, der Jyngling mußte mit ihr, die schœnsten Frychte zu brechen. Unvermerkt, da sie unter œftern Umarmungen und zærtlichen Gespræchen, der Frychte, die sie suchten, vergassen, verirrten sie dahin, wo der Nache am Ufer stand. Sieh, sprach der Jyngling, sieh, meine Geliebte! da steht der Stamm am Ufer, der mich yber die Wellen des Meeres hin in deine Umarmung gebracht hat. Schnell voll froher Bewunderung lief sie dahin. O wunderbare Erfindung! (so rief sie) O Kyhnheit, in solchem Gefæsse dem weiten Meer sich zu vertrauen, das nichts ist im Meer, ein Spiel der Wellen, wie das fliegende Blatt einer Blythe ein Spiel des sanftesten Windes in der Luft ist, und Liebe zu mir gab dir den kyhnen Muth! O mein Geliebter! Wie, ach wie kann ich deine Liebe dir danken! Aber sag mir: Was ist das, an beyden Seiten befestigt? Gewiß, das sind die Fysse von Holz, mit denen du, wie der Schwan, deine Reise gelenkt hast! O sey mir willkommen, gehœleter Stamm! sey mir willkommen, du Fremdling von fernem Ufer! Mir Schœner, wie du schmuklos da ligest, als jeder andere in der schœnsten Fryhlings-Zierde! Gesegnet sey der Ort, den du beschattet hast! Gesegnet die Gebeine dessen, der dich gepflanzet hat! Der Fryhling giesse alle seine Schœnheiten dahin, wo er ruhet! Aber du, mein Geliebter! so sprach sie, und eine zærtliche Thræne floß von ihrem Auge, da sie den Jyngling umarmend es sprach: O ich beschwœr, bey allen Gœttern beschwœr ich dich, verlaß mich nicht, steige nie wieder in den holen Stamm, dieß Ufer zu verlassen! Thust du es, ô dann myssen die erzyrnten Wellen zuryk dich in meine Umarmung, zu meinen zærtlichsten Klagen yber deine Untreu zuryk dich treiben! O meine Geliebte! (sprach der Jyngling, und kyßte zærtlich die Thræne von ihren Wangen,) wie ungerecht ist deine Sorge! Mich mysse die erste Welle in den Abgrund verschlingen so bald ich in der Abscheu-wyrdigen Absicht dieß Ufer verlasse! Aber wie kœnnt' ich, du yber alles Geliebte, wie kœnnt' ich da bey dir allein mein Glyk, bey dir allein alle meine Freuden wohnen? An diesem glyklichen Ufer will ich zween Altære bauen, der schœnen Venus einen, und ihrem mæchtigen Sohn, denn er hat die unauslœschliche Liebe in meinen Busen gelegt, und den kyhnen Entschluß; der andre sey dem Gott des Meeres heilig, der auf dem Ryken der Wellen mich beschyzte. Aber izt giengen sie in die Hytte zuryk, und stelleten in reinlichen Kœrbgen die Frychte auf den Tisch. Bey frohen Gespræchen kam da die Nacht, und Amor fyhrte sichtbar sie in eine duftende Laube von Jesminen und Rosen, eine sanfte Quelle rieselte an ihrer Seite. Liebes-Gœtter spielten durch die Ranken der Laube und sanfte Winde flatterten mit wolriechenden Flygeln um die Liebenden her.

Ihre Enkel vervollkommneten die Kunst, das Meer zu beschiffen. Am Ufer der Insel bauten sie eine volkreiche Stadt, und hiessen sie Cythera; hohe Thyrme und Tempel warfen ihren Schimmer weit in das laconische Meer; der schœnste von allen war der Liebe geheiligt, mit gedoppeltem Cirkel von hohen Sæulen umgegeben; Glyk und Ueberfluß wohnten in ihren Mauern, und die reichbeladenen Schiffe des Ocean sammelten sich in ihrem sichern Hafen.


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