Autorenseite

 << zurück 

Viertes Kapitel
Das Corpus delicti

Im Dezember war's – ein windstiller, aber trüber Tag. Dick lag der Schnee auf den Dächern und Vorsprüngen der Häuser. Die emsige Straßenreinigungskolonne hatte den Broadway von allem Unrat gesäubert, und in den engen Querstraßen brauste geschäftiges Leben. Zu ungewöhnlich früher Stunde brannten die elektrischen Lampen in Ledroit Conners' Atelier, denn der Himmel hing voll dicker Schneewolken.

In diesen Tagen unfreiwilliger Muße für ihn und mich saßen wir eines Nachmittags friedlich und stumpfsinnig, zahllose Zigarren rauchend, beisammen.

Seit der Affäre in der Botschaft hatte Conners sich nicht wieder als Detektiv betätigt, war auch auf eine mich sehr interessierende Geschichte von einem Agenten der Hudson Bay-Company und seiner indianischen Frau, die er mir einmal erzählen wollte, nicht zurückgekommen. In irgend einer Art mußte sie mit dem geheimnisvollen Bilde der Indianerin in Conners' kostbar gerahmter schöner Sammlung im Zusammenhang stehen, dessen war ich sicher.

Schon lange war mir die eigenartige, aus Stolz und Schwermut gemischte Stimmung aufgefallen, in die Conners jedesmal geriet, wenn er auf die Charaktereigenschaften der Indianer zu sprechen kam.

Sein dunkles Gesicht, das ich nicht müde wurde zu studieren, übte dann eine seltsame Anziehungskraft auf mich aus, und seine seltene Begabung für Beobachtungen und logische Schlußfolgerungen versetzten mich noch immer in bewunderndes Erstaunen.

Trotz der irischen Abstammung, die Conners' Name verriet, fand ich ihn höchst selten heiter; einzig und allein seine ungewöhnliche Anpassungsfähigkeit an jede Situation erinnerte an den Einschlag irischen Blutes in seinen Adern.

So innig wir uns mit der Zeit aneinander angeschlossen hatten, vor der Vergangenheit machte sein Vertrauen zu mir Halt.

Obgleich niemals mürrisch oder verdrießlich, war er doch meist schwermütig, schien von irgend einem Kummer belastet und so mit Leib und Seele Detektiv, daß ich auf die Idee kam, dieses große Interesse für Verbrechen müsse in einem engeren Zusammenhang mit seiner Persönlichkeit stehen, als ich auszudenken wagte.

Unwillig verwarf ich zwar diese Idee als seiner und meiner unwürdig, doch vermochte ich sie nicht völlig zu bannen. Sein Hang zum Grübeln, seine strenge Mäßigkeit, seine Zurückhaltung Frauen gegenüber, auf die er doch ohne Zweifel eine große Anziehungskraft ausgeübt hätte, alles dies gab mir immer wieder zu denken.

Traf er gelegentlich mit Frauen zusammen, so bewegte er sich vollkommen zwanglos, konnte selbst liebenswürdig sein, aber schon die Erwähnung meiner Frau oder die Bitte um einen Besuch in unsrer Häuslichkeit hatte zur Folge, daß er schleunigst das Gesprächsthema zu wechseln suchte. Einer Schuld hielt ich ihn nicht für fähig, und so gelangte ich denn zu dem Schluß, daß er vielleicht früher einmal fälschlich eines Verbrechens angeklagt worden sei und nur denselben unvergleichlichen Geisteskräften, die ihn zur Entdeckung fremder Schuld befähigen, den Beweis der eigenen Unschuld verdankt habe.

Hierin konnte der Schlüssel zu seinem Wesen und der Keim zu der seltsamen Neigung, sich für die Nachtseiten des menschlichen Charakters zu interessieren, möglicherweise liegen.

Er lehnte wie gewöhnlich mit übergeschlagenen Beinen in einem Klubsessel und blies stillschweigend Rauchringel vor sich hin. Ich hatte mich in der Nähe des Fensters auf einen der prachtvollen Diwans geworfen, so daß ich die Aussicht über die beschneiten Häusergiebel, die sich in langer Reihe bis zum Fluß erstreckten, genießen konnte.

»Was haben Sie denn da?« fragte er, als ein Buch meiner achtlosen Hand entglitt und zu Boden fiel.

Ich bückte mich, um es aufzuheben.

»Einen Ihrer Romane, den ich hier liegen sah. Das Anfangskapitel habe ich durchblättert; es handelt von der Verderbtheit und Treulosigkeit der Frauen, was mich an einem Buche immer abstößt. Französisch natürlich! Nach meiner Ansicht ist die Frau das aufopferndste Geschöpf! Sie allerdings scheinen so wenig Verlangen nach weiblicher Gesellschaft zu tragen, daß ich Sie als Heiratskandidaten schon ganz aufgegeben habe.

»Meine Frau sowohl wie meine Schwiegermutter machen mir bereits Vorwürfe, daß es mir noch immer nicht gelungen ist, Sie in mein Haus zu locken.«

»Das ist sehr freundlich von den Damen,« erwiderte er langsam. »Vielleicht finde ich mit der Zeit doch einmal den Mut, Sie zu besuchen. Was für ein merkwürdiger Himmel!«

Er wandte sich nach dem Fenster.

»Ein Tag wie an der Hudson Bay, trübe und niederdrückend!«

»Paris, Persien, Afrika und der ferne Osten standen Ihnen zur Auswahl,« sagte ich, »und Sie erwähnen ausgerechnet den Norden von Kanada. Haben Sie denn die ganze Welt bereist?«

»Ja,« lautete die lakonische Antwort.

»Haben Sie Ihre Kenntnisse etwa unterwegs aufgesammelt? Sie sind doch noch so jung und müssen doch irgendwo in die Schule gegangen sein.«

»O, heutzutage gelangt man rasch überall hin; man braucht nur ruhelos zu sein, wie ich es damals war, und über die nötigen Mittel zu verfügen. Mein überschäumendes, leidenschaftliches Temperament machte mir viel zu schaffen – nur der strengsten Selbstzucht im Verein mit weise gewählter Ablenkung gelang es, mein gärendes Blut zu bekämpfen. Philosophie und ein liebevoller Vater halfen mir dabei.«

Zum erstenmal machte er eine Andeutung über seine Familienbeziehungen.

»Er lebt nicht mehr,« fuhr Conners fort, »und seit seinem Tode bin ich ein andrer Mensch. Er hat fast ganz allein meine Erziehung geleitet. Meine erste Schulbildung genoß ich in einer Indianerschule des Westens; später habe ich in Deutschland ein Gymnasium besucht.«

»In einer Indianerschule?« fragte ich verblüfft.

»Jawohl, in einer Indianerschule, mein Freund,« wiederholte er, »denn ich sehnte mich nach gleichaltrigen Genossen.

»Mein Vater war zwar ein Weißer, meine Mutter jedoch eine Vollblutindianerin, deren Charakter aber ihre dunkle Farbe völlig vergessen ließ, wenn die Farbe überhaupt etwas mit dem Wesen des Menschen zu tun hat. Daß die Mehrzahl der Menschen dieser Ansicht ist, hat mich zu einem von der Gesellschaft geächteten Einsiedler gemacht.«

Wortlos lauschte ich seinem Bekenntnis.

»Sie haben von der Aufopferung der Frauen gesprochen. Lassen Sie mich Ihnen auch etwas davon erzählen! Ich erwähnte einst einen Agenten der Hudson Bay-Company hoch im Nordwesten, der durch Priestermund einer Indianerin angetraut war, welche ihr Weg während der Handelssaison nach seiner Niederlassung geführt hatte. Sie erinnern sich doch? Er, durch keineswegs unehrenhafte Ursachen veranlaßt, seiner Heimat den Rücken zu kehren, war eine imponierende Persönlichkeit von edler Geburt und verfeinerten Sitten, sie dagegen das Kind eines kulturell höher stehenden Indianerstammes und bis auf einen kurzen Aufenthalt zu Montreal vollkommen wild aufgewachsen. Was sie zusammenführte, war keine große Liebe im landläufigen Sinne. Die hohe Gestalt und das schöne, helle Gesicht des Kelten erweckten in dem von primitivsten Impulsen geleiteten Weibe eine Leidenschaft, die dem Manne nicht verborgen bleiben konnte.

»In der Wildnis lediglich aufeinander angewiesen, gehorchten die beiden durch keine Rücksicht gefesselten Menschen dem geheimnisvollen Triebe, der sie mit magnetischer Urkraft zueinander zwang.

»Von aufrichtiger gegenseitiger Dankbarkeit erfüllt, schlossen sie den Ehebund, als der Priester in das Seengebiet kam, um sein schweres Amt unter Nomaden und Trappern auszuüben. Der alte Indianer, mit der Wahl seiner Tochter einverstanden, schloß sich einer nordwärts ziehenden Jagdgesellschaft an.

»Nachdem die Saison und damit der Zuzug der Fremden vorüber war, nahte für die Niederlassung die Zeit der Einsamkeit und Untätigkeit. Die Frau blieb mit ihrem Mann und wenigen Angestellten, meistens Mischlingen, allein, und der Agent hatte nun genügend Zeit, sein Weib besser kennen zu lernen.

»Wie nahe sie sich in diesen eigenartigen Flitterwochen kamen, beweist ein späteres Ereignis und dessen Wirkung auf den Mann, der nach dem Urteil aller, die ihn vorher gekannt hatten, darnach ein völlig andrer wurde.

»Lang wie die Sommertage sind auch die Winternächte in jenem Lande. Das Paar saß an den lodernden Holzstößen oder wanderte zusammen über die unermeßlichen Schneefelder im zuckenden Flammenschein des Nordlichts. Die Frau, von Kindheit an mit den Elementen vertraut, war kein ängstlich zu behütendes, schutzbedürftiges Wesen. Vielleicht verlieh die Harmonie zwischen ihrer sich jetzt erschließenden Seele und der grandiosen Umwelt ihrer Persönlichkeit eine gewisse Größe – vielleicht hatte auch der Mann die Vergangenheit vergessen, und bereute es nicht, sich ein Weib zugesellt zu haben, das ihn mit derselben wilden Kraft liebte, wie der Panther seine Jungen. Schon der Schall seiner schweren Tritte auf den rauhen Brettern ihrer Behausung genügte, um ihr Herz vor Freude erzittern zu lassen. So verstrichen die Wintermonate in stetem gefahrvollem Kampfe mit den Mächten der Natur.

»Eines Nachmittags ging der Mann, um nach einer Bärenfalle zu sehen, die in geringer Entfernung an einer Flußmündung aufgestellt war. Dieser Gang, bei dem die Frau ihn oft begleitete, gehörte zu seinen täglichen Gewohnheiten. Heute blieb sie zufällig zu Hause, und da auch die andern Leute ihren verschiedenen Beschäftigungen auswärts oblagen, ging er allein.

»Als sie am Schwinden der Stunden merkte, daß der Tag sich schon neigte, unterdrückte die Frau schwache Anzeichen ihr unbekannter körperlicher Schmerzen und machte sich auf den Weg, um den Gatten zu suchen. Sie machte sich weiter keine Gedanken, sondern schrieb sein ungewöhnlich langes Ausbleiben dem Umstande zu, daß er vielleicht einen größeren Fang getan habe, zu dessen Bergung er nun Hilfe brauche. Sie gebot ihren indianischen Dienerinnen, ihr die Trapper nachzuschicken, falls der Herr und sie bis zu deren Heimkehr noch nicht zu Hause sein sollten.

»Zu gewöhnlicher Stunde stellten sich die Trapper ein, sammelten sich um das Feuer und bemerkten in dem Eifer, mit dem sie ihren Hunger stillten, nicht gleich die Abwesenheit ihres Herrn und seines Weibes. Erst die Unruhe und das Heulen der Hunde erinnerte die Dienstboten an den Auftrag ihrer Gebieterin. Sofort ergriffen die Männer die Gewehre und nahmen die Spur auf, die sie über ein Schneefeld und durch eine gewundene Schlucht bis zu der Stelle führte, wo sich das Eis an der Mündung des Stromes in den See zu großen Massen aufgestaut hatte. Hier wies das Ufer Baumbestand auf, der allmählich in den Wald überging.

»Als sie sich der Stelle näherten, an der sie die Falle wußten, vernahmen sie unheimliche, nur zu wohl bekannte Laute.

»Von Besorgnis getrieben beschleunigten sie ihre Schritte, denn was sie hörten, war das Geheul hungriger Wölfe, deren abgezehrte Körper sie durch das Unterholz huschen sahen. Salve auf Salve krachte, um die von Heißhunger gepeinigten gierigen Bestien zu verscheuchen.

»Endlich erreichten die Leute die aus Blöcken errichtete Falle. Sie war schlecht aufgestellt und bei einem Windstoß zusammengebrochen. So hatte der Herr sie gefunden, war hineingekrochen und hatte, die kräftige Schulter unter die Klappe stemmend, versucht, die Blöcke wieder ordnungsgemäß aufzuschichten. Ein Ausgleiten im Schnee brachte die Falle zum Zuklappen, so daß sein Bein fest zwischen die Klötze eingeklemmt wurde. Trotz Aufbietung aller Kraft war es ihm nicht gelungen, das Bein zu befreien, und als er von der Anstrengung total erschöpft dalag, scharten sich die Wölfe, von ihrem untrüglichen Instinkt geleitet, um ihn. Er wehrte sie ab, so gut er konnte, aber ihre Zahl wuchs von Minute zu Minute, sein Geschrei schreckte sie nicht mehr, der Hunger überwand die Furcht. Die Holzumwallung hätte ihn geschützt, wenn nicht die eine Ecke der Falle durch einen daruntergefallenen Klotz hochgehoben und so eine Öffnung geschaffen worden wäre, durch welche die Wölfe an ihn herankonnten.

»Im Augenblick der höchsten Not erschien seine Frau. Was sich nun abspielte, weiß man nur aus dem Bericht der Leute, der Mann selbst hat nie viel darüber gesprochen.

»Mit einer Wut, die der Wildheit der Bestien nichts nachgab, trieb sie anfangs die Wölfe zurück, da sie nicht wagte, ihren Mann zu verlassen, um Hilfe herbeizuholen. Und als sie das Nutzlose ihres verzweifelten Kampfes einsah, kroch sie in die Lücke der Falle, um mit ihrem Körper den Zugang zu decken. Vergebens beschwor ihr Mann sie in irren stammelnden Worten, sich selbst zu retten. Sie versicherte ihm jedoch, daß sofort Hilfe da sein würde, ergriff mit der freien Hand seine erstarrten Finger und kämpfte mit der andern gegen die gierigen Bestien.

»Die Leute fanden sie tot, ihr Arm war bis zur Schulter aufgefressen; auch der Mann war blutüberströmt und bewußtlos, nur das Kind gab schwache Lebenszeichen.«

»Das Kind?« rief ich aufs tiefste betroffen.

»Ja,« wiederholte Conners mit tonloser Stimme – »das Kind. – So erblickte ich das Licht der Welt!«

»Aber Ihr Vater lebte doch?« bemerkte ich nach langer Pause.

»Ja, er lebte, bis ich erwachsen war. Von ihm und seiner unermüdlich sorgenden Liebe für mich erzähle ich Ihnen ein andermal. Vorläufig werden Sie wohl genug haben.«

Lange verharrten wir in ernstem Schweigen, das ich durch keine Frage zu unterbrechen wagte. Ich sann über das Gehörte nach, das mir über viel Eigenartiges in Conners' Wesen Aufschluß gab. Daß er von der Richtigkeit der Vererbungstheorie und der Macht des Instinkts so tief durchdrungen war, wunderte mich nun nicht mehr. Meine Blicke schweiften durch den Raum, über die heitere Farbenpracht der gemalten Nymphen, bis sie auf dem rätselvollen Bildnis der Indianerin, das ich jetzt zu verstehen glaubte, haften blieben.

Allmählich schwand Conners' trübe Stimmung. Er nahm die Zigarre aus dem Munde und fragte mich lächelnd: »Wie steht's mit Ihrer Zeit?«

Ich griff nach der Uhr.

»Nein,« wehrte er lachend ab, »ich meine in den nächsten Tagen. Könnten Sie Ihre Familie wohl dazu bewegen, Sie für kurze Zeit freizugeben? Ich habe nämlich eine kleine Reise nach Virginien vor.«

»Nichts würde mir gerade jetzt besser passen als solch ein Ausflug,« stimmte ich freudig zu. »Geschäftlich ist vor den Feiertagen ja doch nichts los. Wohin soll's denn gehen?«

»Nach Norfolk, vielleicht machen wir auch ein bis zwei Tage eine kurze Ruhepause in Old Point Comfort. Ich habe in den letzten vierzehn Tagen viel zu tun gehabt, wenn ich auch nicht darüber sprach. Erinnern Sie sich noch an Vining?«

»Natürlich! War das nicht der junge Mann, der da oben in Westchester Miß Maitland heiratete?« s. »Der Fall Maitland« in dem in Engelhorns Romanbibliothek erschienenen Bande Detektivgeschichten »Übertrumpft« von S. Gardenhire (XXVII. 20).

»Derselbe. Ein Onkel von ihm, an dem er sehr zu hängen scheint, ist in großer Verlegenheit. Daher bat Vining mich in einem Brief flehentlich um meinen Beistand, der wirklich dringend nötig ist. Vining teilte mir alles mit, was er über die Sache wußte, worauf ich mir noch einige Papiere aus Norfolk kommen ließ – einen Kostenüberschlag von einem Anwalt, Abschriften gewisser Zeugnisse, kurz jede erreichbare Information, so daß ich den Fall gründlich studieren konnte.

»Der betreffende Onkel, Mr. Byrne, ist ein Witwer von ungefähr sechzig Jahren, der mit seiner Tochter Millicent und einer Haushälterin auf seiner an die Bucht stoßenden ziemlich ausgedehnten Besitzung in der Nähe von Norfolk lebt.

»Obgleich in recht guten Verhältnissen, ist der Mann doch keineswegs reich zu nennen. Die Tochter, ein ungemein anziehendes Mädchen, ist der Gegenstand eifriger Huldigungen, sowohl von Seiten des Offizierskorps der Festung Monroe, als auch der heiratsfähigen Jeunesse dorée von Norfolk und Umgegend.

»Von allen ihren Bewerbern schien sie zwei besonders zu begünstigen: einen Leutnant Randall und einen jungen Grundstücksagenten namens Edgar Holden aus Norfolk, den Neffen des Bankiers Jasper Holden. Dieser Onkel ist ein schwerreicher Mann, Eisenbahnmagnat und eine sehr einflußreiche Persönlichkeit, nebenbei jedoch äußerst habgierig, geizig und ein unerbittlich harter Gläubiger.

»Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich dazu komme, von dem Onkel hier mit solcher Wichtigkeit zu sprechen; es rührt wohl daher, daß sein Name in die Geschichte verwickelt ist.

»Mr. Byrne liebt seine Tochter zärtlich und ist als Mensch ungemein geschätzt – doch leider auch sehr heftiger Gemütsart.

»Obgleich sein aufbrausendes Temperament ihn zuweilen in Streitigkeiten mit den Nachbaren verwickelte, hat dies seinem Ansehen doch nichts geschadet.

»Aus irgend einem Grunde war er ein entschiedener Gegner der Bewerbung des jungen Holden, und infolge besondrer Umstände artete diese Abneigung in regelrechten Haß aus.

»Da seine Tochter nun aber trotzte, und der junge Mann ihr auch ferner den Hof machte, verbot Mr. Byrne ihm nicht allein das Haus, sondern drohte, den unwillkommenen Freier ohne weiteres niederzuknallen, falls dieser sich dort noch einmal blicken ließe.

»Holden verlachte jedoch die Drohung und legte noch am selben Nachmittag mit seinem Segelboot an Byrnes Landungsbrücke an, um in Abwesenheit des Alten das junge Mädchen zu besuchen. Als er sich aber am nächsten Tage wieder hinwagte, wurde er kaltblütig ermordet.«

»Von Mr. Byrne?«

»Nach Aussage des Zeugen, ja. Mr. Byrne wurde sofort verhaftet, einem Verhör unterworfen und sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Die Wogen der öffentlichen Erregung gehen hoch, und Miß Byrne ist ganz verzweifelt. Vining und seine Frau sind nun zu ihr gefahren, um sie zu trösten und ihr als Verwandte beizustehen.«

»Ich sehe nicht ein, was man für ihn tun könnte,« sagte ich ziemlich abfällig. »Der Mörder verdient wenig Mitgefühl. Was erhofft er denn von Ihrem Beistand?«

»Ich wußte es auch nicht, bis ich mich eingehender mit dem Fall beschäftigte. Jasper Holden, der Onkel, hatte einen Konsens zum Bau einer über Mr. Byrnes Land führenden Eisenbahnlinie nachgesucht und auf des letzteren Einspruch den Prozeßweg beschritten.

»Wie Mr. Byrne nun behauptete, hatten Holdens Ingenieure nicht allein die Vermessungsarbeiten ungebührlich in die Länge gezogen, sondern auch noch ein Stück wertvollen Waldbodens aufgerissen und einen Schuppen zerstört. Dann wurde der nachgesuchte Konsens nicht weiter verfolgt, sondern die Linie anderwärts geführt. Aber Holden bemühte sich noch immer um jenes Stück der Farm, über das sie ursprünglich geplant war. Er ließ die auf das Land sich beziehenden Urkunden durchsehen, verschaffte sich einen Besitztitel und drohte mit gerichtlicher Exmission. Nichts ist jedoch geeigneter, auf dem Lande böses Blut zu machen; und Mr. Byrne kochte denn auch vor Wut.«

»Das rechtfertigt aber noch immer nicht die Ermordung des jungen Mannes,« warf ich ein.

»Gewiß nicht, doch der alte Mann bestreitet die Tat auch standhaft. Er beteuert fortwährend seine Unschuld und ist ganz gebrochen, daß die eigene Tochter gegen ihn aussagt. Zwei andre einwandfreie Zeugen behaupten ebenfalls, den Mord mitangesehen zu haben. Der eine ist Leutnant Randall, der andre ein gutartiger Knabe, der in der Nähe des Sees auf Eichhörnchen jagte. An dem fraglichen Nachmittag verließ Mr. Byrne, die Flinte auf der Schulter, das Haus und ging in den Wald, angeblich um einen Habicht zu schießen, der dem Hühnerhof einen Besuch abgestattet hatte.

»Bald danach kam der junge Holden den Weg von der Bucht heraufgeschlendert, kehrte jedoch sofort um, als er im Vorgarten Miß Byrne in Leutnant Randalls Gesellschaft bemerkte.

»Die beiden jungen Leute erkannten ihn, und da Miß Byrne soeben durch ihren Begleiter von der Drohung ihres Vaters erfahren hatte, wünschte sie Mr. Holden ihr Bedauern darüber auszusprechen und ihn zu bitten, er möge das Verbot achten. Sie folgten ihm zu diesem Zweck und sahen ihn einen Augenblick bei dem vorhin erwähnten Knaben stehen bleiben, der dann seinen Weg fortsetzte.

»Als Mr. Holden sich niederbeugte, um das Tau loszuwerfen, mit dem das Boot befestigt war, krachte ein Schuß, Mr. Byrne stürzte aus dem Gebüsch hervor und rannte nach dem Anlegeplatz. Mit einem Aufschrei warf Holden die Arme empor und fiel aufs Gesicht; doch der vor Wut sinnlose Mörder feuerte anscheinend noch ein zweitesmal auf den regungslosen Körper. Miß Byrne wurde bei diesem Anblick ohnmächtig; der entsetzte Leutnant trug sie ins Haus, bemerkte beim Zurückblicken aber noch – was auch der Knabe bestätigte – wie der Mörder sein Opfer ins Boot schleppte und das Tau losmachte.

»Drei Stunden darnach fand man das Boot mit flatternden Segeln und blutbespritzten Ruderbänken ohne Anker in der Bucht treibend.

»Während für Miß Byrne telephonisch ein Arzt herbeigerufen wurde, sammelte sich die aufgeregte Nachbarschaft vor dem Hause an; auch ein Polizeibeamter erschien, der Mr. Byrne, als dieser sich, erhitzt und müde, mit Blutspuren an den Kleidern, einstellte, sofort verhaftete.

»Überrascht beteuerte der Mörder seine Unschuld, erzählte, daß er einen langen Weg gemacht und den Habicht erlegt habe, der ihn, im Todeskampfe flatternd, mit Blut bespritzte. Man suchte an der bezeichnten Stelle nach dem getöteten Vogel, fand aber weder seinen Körper, noch sonst eine Spur von ihm.

»Seit dem Tage liegt Miß Byrne zu Leutnant Randalls Verzweiflung krank darnieder.

»Der Hauptzeuge aber, jener Knabe, ist zwar ängstlich, bleibt jedoch fest bei seiner Aussage. Der Fall gilt also als erwiesen.«

»Natürlich,« sagte ich. »Ist die Leiche des jungen Holden gefunden worden?«

»Nein,« erwiderte Conners. »Die Behörde meint, daß sie sicher auf dem Grunde der Bucht ruhe, festgehalten von dem fehlenden Anker.«

»Hat man darnach gesucht?«

»Das wäre bei der ausgedehnten Fläche und Tiefe des Wassers ein aussichtsloses Unternehmen.«

»Auch kaum nötig!« bemerkte ich, »was fehlt denn jetzt noch?«

»Was die Juristen das › Corpus delicti‹ nennen,« antwortete Conners nachdenklich; »es scheint, daß im Falle eines Mordes die Leiche des Opfers von einwandfreien Zeugen absolut gesehen sein muß.«

»Aha, nun verstehe ich,« bemerkte ich sarkastisch. »Ich bin ja auch einmal Geschworener gewesen. Nachdem der Ermordete von dem Mörder in das Boot geschleift worden war, lebte er wieder auf, kletterte auf den Mast und entschwebte auf den Schwingen des von Byrne angeblich geschossenen Habichts nach einem fernen Kurort, wo er jetzt seiner Erholung lebt. Es ist doch etwas Schönes um solch weises Gesetz! Diese ungelöste Frage nach der Leiche hat natürlich nur den Zweck, den alten Schurken straflos ausgehen zu lassen, und dazu sollen Sie hilfreiche Hand bieten.«

»Das wohl kaum,« meinte Conners lächelnd. »Das Gesetz will jede Möglichkeit eines Irrtums ausschließen, daher muß der Tod durch Beibringung der Leiche bewiesen werden. Das einzige, was einen in dieser Angelegenheit stutzig machen könnte, ist der Umstand, daß Mr. Byrne, dessen strenge Wahrheitsliebe bekannt ist, angesichts der fast erwiesenen Tatsache bei seinem Leugnen bleibt.«

»Menschen, die im Jähzorn handeln, gestehen ihr Unrecht nicht immer ein. In der Angst behaupten sie ihre Unschuld oder schützen Notwehr vor.«

»Manchmal ja. Doch ein Begleitumstand, der auch die Entrüstung andrer erregt hat, stimmt mich nachdenklich: die Brutalität, die zu dem zweiten Schuß gehört.«

»Sind das alle Einzelheiten?«

»Ja.«

»Dann werden seine Nachbarn ihn wohl am besten beurteilen können. Ohne Zweifel ist er schuldig.«

»Dem Anschein nach – allerdings,« erwiderte Conners, »doch stelle ich mich auf den Standpunkt des Gesetzes und erwarte den Nachweis des Corpus delicti. Was Mr. Byrne dienlich sein kann, habe ich aus dem Fall herausgeholt und darnach gehandelt. Wir können nun den Schauplatz aufsuchen.«

»Worin bestanden denn Ihre Maßnahmen?«

»Ich habe einen tüchtigen Ingenieur nach der Farm geschickt, um den Weg der projektierten Bahnlinie genau studieren zu lassen, ferner eine Anzeige in die Norfolker Zeitung rücken lassen und zwar so, daß sie Mr. Jasper Holden ins Auge fallen muß. Wenn meine Mutmaßung nicht zutrifft, so ist Mr. Byrnes Fall allerdings hoffnungslos.«

Da es schon spät war, erhob ich mich, um zu gehen.

»Ich darf also auf Ihre Gesellschaft rechnen?« fragte Conners.

»Gewiß,« antwortete ich. »Es wird ein hübscher Ausflug werden, gleichviel ob Sie Erfolg haben oder nicht.«

»Sie meinen, ob Vinings Verwandter schuldig ist oder nicht,« bemerkte er lachend. »Auf alle Fälle werden wir die Wahrheit erfahren.«

Er ging auf die Zweifel, die mein ironisches Lächeln ausdrückte, nicht weiter ein. Diese Sache unterschied sich wesentlich von allen andern, bei denen Conners bisher seine Hand im Spiel gehabt hatte. Die herzlose Roheit, mit der dies Verbrechen ausgeführt worden war, erstickte auch die leiseste Regung von Mitgefühl für den Täter.

Vielleicht mochte Conners' Geschicklichkeit aber zuwege bringen, was andern mißglückt war, nämlich die Auffindung der Leiche und damit möglicherweise irgendwelche mildernden Umstände. Ich bildete mir sogar ein, daß er im Grunde meiner Ansicht beistimmte und daß seine eifrigen Bemühungen nur der Freundschaft für Vining entsprangen.

Am nächsten Nachmittag erfolgte unsre Abreise auf einem Dominiondampfer, und den Tag darauf erreichten wir Norfolk.

»Bitte, warten Sie hier!« sagte Conners, nachdem wir im Hotel Zimmer genommen und unser geringes Gepäck abgelegt hatten. »Ich muß einen Wagen zur Fahrt nach Byrnes Farm aufzutreiben suchen, habe auch sonst noch einen unbedeutenden Auftrag, von dem ich Ihnen nachher erzähle, zu erledigen. Sehen Sie sich inzwischen ein wenig die Stadt an, sie ist eigenartig und interessant.«

Am Hoteleingang trennten wir uns. Es war ein Genuß für mich, bei dem köstlichen Wetter durch die altertümlichen Gassen zu schlendern.

So verstrich eine Stunde, und ich wartete bereits wieder im Hotelzimmer auf Conners, als er hastig und mit ungewohnter Lebhaftigkeit eintrat.

»Ein stolzes Gespann wird uns gleich abholen,« sagte er. »Die Fahrt soll durch eine herrliche südliche Gegend gehen.«

»Ist da die Anzeige drin, von der Sie sprachen?« fragte ich und deutete auf einige Zeitungen, die aus der Tasche seines Überrocks herausragten.

»Zwei sogar,« erwiderte er schmunzelnd, »später zeige ich sie Ihnen. Vorläufig möchte ich Ihre gute Meinung von mir nicht aufs Spiel setzen, wenn sich vielleicht doch noch ein Fehler herausstellt.«

In diesem Augenblick meldete ein Neger aus dem Bureau die Ankunft unsres Wagens.

Die Fahrt in dem offenen Gefährt war entzückend. In tiefen Zügen atmete ich die besonders frische und belebende Luft des Südens ein. Auch Conners' Gesicht trug einen zufriedenen Ausdruck, die Schwierigkeit seiner Aufgabe schien ihn nicht sonderlich zu belasten.

»Solche Gegenden müßten doch eigentlich nicht allein auf die körperliche Gesundheit, sondern auch auf den Gemütszustand günstig wirken,« bemerkte ich. »Wie mag es daher nur kommen, daß gerade die scheußlichsten Verbrechen sich fast immer auf dem Lande abspielen?«

»Ist das denn wirklich der Fall?« fragte Conners.

»Es überrascht mich, daß ein Kenner wie Sie diese Tatsache in Zweifel zieht. Was liest man denn in den Zeitungen? Da revoltiert ein Knecht und schlachtet den Besitzer der Farm mit seiner ganzen Familie bis zum Säugling ab. Das ist bei den bäuerlichen Verbrechen direkt zur Manie geworden, die Axt scheint ihr Lieblingsinstrument zu sein. Oder der Mörder verbirgt sich, die mit Rehposten geladene Flinte im Anschlag, am Wegesrande. Denken Sie doch an die Fehden in Tennessee und Arkansas, die sich durch Generationen hinziehen? Liegt das in der engen Berührung mit dem Boden?«

»Es lohnt sich, darüber nachzudenken,« erwiderte Conners. »Wir können uns später einmal eingehender über dieses Thema unterhalten. Die Berührung mit dem Boden scheint in der Tat stärkere Naturen hervorzubringen, sowohl nach der verbrecherischen, als nach der guten Seite hin. Aber bei den sogenannten Kapitalverbrechen kommt wohl – und ebensogut zu Lande wie auf See – ein noch wichtigerer Faktor in Betracht, nämlich die Einsamkeit. Konsequentes, logisches Denken entwickelt den Charakter; einsam-zweckloses Grübeln verwirrt dagegen den Geist und leitet ihn auf Abwege. Ich habe mir da eine Theorie zurechtgelegt, die ich Ihnen augenblicklich nicht auseinandersetzen kann. Was Ihren Ausdruck ›Brutalität‹ anbelangt, so halte ich den Mörder, der eine Familie durch Gift umbringt, für genau so verrucht wie den, der sie mit der Axt erschlägt. Mord ist eben Mord.«

»Ich dachte gerade an den vorliegenden Fall,« sagte ich.

»Über den brauchen Sie sich den Kopf nicht zu zerbrechen,« meinte er lächelnd, »wie ich sehe, sind auch Sie von Vorurteilen befangen.«

»Vining tut mir aufrichtig leid,« erwiderte ich, »doch gestehe ich offen, daß ich gegen einen Menschen, der jenen zweiten Schuß abgeben konnte, ein Vorurteil hege. Und ich glaube, das ist berechtigt. Den Ausdruck ›brutal‹ haben Sie übrigens vorhin gebraucht.«

»Stimmt,« sagte er, »und es war der einzig bezeichnende.«

»Es ist mir eine gewisse Genugtuung, daß Sie für den Schurken wenig tun können.«

»Wieso?«

»Nun, Sie haben doch keinerlei Handhabe. Sämtliche Tatsachen sind bekannt, aber die einzige Deutung, die sie zulassen, lautet klipp und klar: offenbarer Mord!«

»Es ist allerdings ein schwieriger Fall,« bemerkte er, »doch dürfte auch hier die Wahrheit zu finden sein, sobald wir den Schlüssel dazu in Händen haben. Es gibt aber auch Verbrechen, deren Entdeckung unmöglich ist.«

»Das sagen Sie?« rief ich erstaunt, »welche denn?«

»Verbrechen freilich, die kaum der Entdeckung wert sind – solche, die das Gesetz selbst verursacht und zu denen weniger moralische Schlechtigkeit als vielmehr krasser Eigennutz Vorbedingung ist – Schmuggeln zum Beispiel. Einer meiner Bekannten fabrizierte aus Wachs Oliven, deren Kern ein kostbarer Diamant bildete. Wie üblich in Flaschen gefüllt und aufs Dutzend echte immer eine imitierte, so wurden sie in Italien zum Versand aufgegeben. Die Steuerbeamten hätten hundert Gefäße zerstören müssen, um den Schmuggel zu verhindern. Da hilft keine Schlauheit, man muß Bescheid wissen. Ein anderes Mal mehr davon!«

Ein Kaninchenpaar auf dem Wege lenkte seine Aufmerksamkeit ab, so daß unser Gespräch über menschliche Verirrungen nicht weiter fortgesetzt wurde, bis wir vor der Pforte eines grünen Vorgartens hielten, hinter dem ein niedriges Wohnhaus lag.

Beim Rasseln des Wagens trat Vining in die Tür und eilte uns entgegen.

»Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie gekommen sind,« begrüßte er Conners und wandte sich dann an mich, »und von Ihnen gleichfalls.«

»Ohne ihn könnte ich nichts machen,« sagte Conners lachend, indem er mir gemütlich auf die Schulter klopfte, »er ist mir ein lieber Kamerad und bringt meine Gedanken immer auf die rechte Fährte. Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin?«

»Danke, gut, nur ist sie sehr besorgt um die arme Millicent. Es gab eine schreckliche Szene, als Onkel Byrne nach Hause kam.«

»So, ist er hier?« fragte Conners.

»Da kein Fluchtverdacht vorliegt, ist er auf die Kaution hin, die ich dem Gericht gestellt habe, heute nachmittag auf freien Fuß gesetzt worden. Selbst Mr. Holden erhob keinen Einspruch.«

»Mr. Jasper Holden?«

»Ja, er sagte dem Staatsanwalt, daß er als guter Christ Mr. Byrne persönlich nicht feindlich gesinnt sei, obgleich er seinen Neffen wie ein leibliches Kind geliebt habe. Seiner Überzeugung nach würde sich Mr. Byrne jederzeit furchtlos der schweren Anklage stellen. Er äußerte sogar die Absicht, heute abend noch herzukommen.«

»Zu welchem Zweck?«

»Nun, er fühlte sich – wie er sagte – in gewisser Hinsicht mit verantwortlich für das Unglück. Seine Streitigkeiten mit Mr. Byrne hätten diesen in einen so gereizten Gemütszustand versetzt, daß der jähzornige Mann sich zu der Untat hinreißen ließ.

Ich widersetzte mich Holdens edelmütiger Handlungsweise um so weniger, weil sie darnach angetan scheint, die öffentliche Meinung zugunsten meines Onkels zu beeinflussen. Und das ist auch die Ansicht unsres Rechtsanwalts, der uns empfahl, Mr. Holden höflich und rücksichtsvoll zu empfangen.«

Conners begnügte sich damit, stillschweigend zu lächeln, während Vining uns ins Haus und zwar in das typische Parterrewohnzimmer der südstaatlichen Landhäuser führte.

Bei unserm Eintritt erhob sich ein alter Mann, der mit zwei Damen am Kamin gesessen hatte, in dem ein behagliches Holzfeuer knisterte. Denn trotz der milden Außenluft war es in den Zimmern empfindlich kühl.

Während ich Mrs. Vining begrüßte, beobachtete ich heimlich die Tochter, ein schlankes junges Mädchen mit gewinnenden Zügen, deren Schönheit nur durch Kummer und Tränen gelitten hatte.

Das Aussehen des Vaters war düster und verzweiflungsvoll.

»Guten Tag, meine Herren,« erwiderte er unsre formelle Begrüßung. »Mr. Vining behauptete, Sie könnten mir nützen, obgleich ich mir nicht denken kann – wie. Wenn sogar meine eigene Tochter gegen mich zeugt, dann habe ich nichts mehr zu sagen. Ich bin überzeugt, daß sie in gutem Glauben handelt, aber es ist mir vollkommen unverständlich.«

»Erzählen Sie uns den Hergang der Sache, Mr. Byrne,« sagte Conners, »vielleicht kommen Sie dann durch uns zum Verständnis.«

Der alte Mann entsprach sofort diesem Verlangen. Hastig, daß die Worte einander überstürzten, schilderte er selbst die belanglosesten Vorgänge an jenem kritischen Tage so genau und ausführlich, wie er sie im Geist gewiß schon Hunderte von Malen durchdacht und erwogen haben mochte. Ein Umstand, den er immer von neuem wiederholte, schien ihn besonders zu kränken: der Zweifel an seinem Wort. Die Nachbarn hatten zwar den weggeworfenen Habicht nicht gefunden, aber wie leicht konnte ein schleichender Fuchs den toten Vogel verschleppt und der Wind die Spuren und Federn verweht haben.

Im übrigen bestätigte sein Bericht nur das, was uns schon bekannt war. Neues wußte er uns auch nicht mitzuteilen.

Nun befragte Conners die Tochter, die in Tränen aufgelöst war, aber auch nur wiederholte, was ich bereits von Conners gehört hatte, nämlich, daß sie gesehen habe, wie ihr Vater den jungen Holden niederschoß, und dann in Ohnmacht gefallen sei.

Als sie das Bewußtsein wiedererlangt hatte, seien die Nachbarn um sie versammelt und ihr Vater schon verhaftet gewesen. Leutnant Randall habe sie dann über die Vorgänge aufgeklärt. Doch trotz ihres Grams blieb sie fest dabei, stets die Wahrheit gesagt zu haben, wie ihr Vater selbst es sie gelehrt. Mehr konnte Conners nicht aus ihr herausbringen.

Bald danach gingen wir zu Tisch und verzehrten das Abendessen in trübseligem Schweigen.

Als wir hinterher im Freien unsre Zigarren rauchten, spazierte Conners für sich allein im Obstgarten umher, während Mr. Vining und ich uns unterhielten.

Da nahendes Wagengerassel Besuch ankündigte, begaben wir uns wieder ins Haus, wo inzwischen Mr. Holden angelangt war. Wir fanden ihn im Gespräch mit Mr. Byrne und den Damen, und Vining stellte uns dem Bankier als seine Freunde vor.

Unsre Gegenwart überraschte ihn nicht weiter, denn in einem Landhause sind Gäste nichts Ungewöhnliches.

»Ich hielt es für meine Pflicht, Sie aufzusuchen, Mr. Byrne,« sagte er in geschäftsmäßig korrekter Haltung, doch mit merkwürdig harter, unsympathischer Stimme. »Wir haben so lange in demselben Bezirk zusammen gewohnt, daß ich Ihnen diesen Besuch schuldig zu sein glaubte. Die Anklage zu vertreten, ist Sache des Staatsanwalts – nicht die meine. Und schließlich weiß ich ja auch nicht mehr von der ganzen Sache als alle andern. Um meines armen Neffen willen bin ich tief betrübt, um Ihretwillen aber nicht minder.«

Ich beobachtete ihn scharf, desgleichen Conners. Der Bankier war groß, hager, hatte graues Haar und einen harten Zug im Gesicht, sowie stechende Augen, denen jeder Ausdruck des Mitleids fremd schien.

Je länger ich ihn betrachtete, desto mehr wunderte ich mich über sein Kommen.

»Ich habe Edgar Holden nicht ermordet,« sagte Mr. Byrne.

»Eines derartigen Verbrechens habe ich Sie auch nie für fähig gehalten,« erwiderte der Bankier – »überhaupt keines Verbrechens, möchte ich hinzufügen. Um Ihnen das zu sagen, bin ich hergekommen. Ihre Drohungen gegen meinen Neffen waren freilich unrecht, allein ich kann mir denken, wie Sie dazu gereizt worden sind. Ihnen und Miß Millicent gehört daher mein tiefstes Mitgefühl.«

Das Mädchen blickte stumm in das Kaminfeuer. Eine seltsame und dabei spaßhafte Idee, die mir Holdens Anwesenheit erklärte, tauchte in diesem Augenblick in meinem Gehirn auf. Beinahe hätte ich laut aufgelacht. Der alte Schurke war ja unbeweibt, Junggeselle oder Witwer; vielleicht begehrte er selbst das Mädchen und ersah nun eine günstige Gelegenheit, sie zu gewinnen. Sein Neffe war tot und Leutnant Randall bei dem Vater in Ungnade gefallen; so konnte er sich jetzt unter der Maske des Freundes in der Not die Dankbarkeit und damit die Hand der hübschen Millicent sichern. Das hieß für einen Geschäftsmann die Konjunktur ausnutzen. Ich brannte darauf, meinen Argwohn Conners zuzuflüstern, doch war dessen ganze Aufmerksamkeit noch immer auf den Bankier gerichtet.

»Möchten Sie mir wohl ganz aufrichtig sagen,« wandte er sich dann an Mr. Byrne, »ob die Drohung, die Sie gegen den jungen Holden ausstießen, ernst gemeint war?«

»Gewöhnlich meine ich immer, was ich sage,« entgegnete der alte Mann in festem Tone, »und damals war ich sehr wütend. Heute aber weiß ich, daß ich meine Drohung niemals ausgeführt hätte. Ich wollte den jungen Menschen fernhalten und wäre ihm, falls ich ihn in meinem Hause getroffen hätte, auch sicherlich zu Leibe gegangen; aber niemals mit einer Schußwaffe.«

»Fahren Sie nur fort!« bat Conners, als Mr. Byrne innehielt. »Ihre Worte klingen aufrichtig und wahr, und das höre ich gern!«

»Es freut mich, daß Holden angesichts meiner jetzigen Bedrängnis unsern früheren Streit vergessen will,« fuhr der alte Mann fort, »aber es war unrecht von ihm, mich so zu drängen.«

»Das habe ich auch keineswegs beabsichtigt«, erwiderte der Bankier süßlich. »Ich hätte Ihnen einen schönen Preis für das Stück Land bezahlt. Es handelt sich bei meinem Besuch« – hier hüstelte er ein wenig – »nebenbei auch noch um diese Angelegenheit. Prozesse sind kostspielig, und Sie werden daher wohl Geld brauchen. Zwar weiß ich, daß Mr. Vining edelmütig für Sie eingetreten ist, aber Sie sind soweit ich Sie zu kennen glaube nicht der Mann, die Hilfe eines Verwandten ungebührlich in Anspruch zu nehmen. Ich biete Ihnen zehntausend Dollars für das Land.«

Mr. Byrne warf einen hilfesuchenden Blick auf Vining, in dessen Augen es zornig zu funkeln begann. Auf Conners' bedeutsamen Wink zwang er sich jedoch mühsam zur Ruhe.

Der Bankier wurde eifriger.

»Sie brauchen ja nicht gleich einzuschlagen, aber überlegen Sie es sich wenigstens, Mr. Byrne. Sie wissen ja selbst recht gut, daß jenes Terrain nicht halb so viel wert ist, nur – wie soll ich sagen? – ein gewisses Schuldbewußtsein Ihnen gegenüber veranlaßt mich zu diesem Anerbieten. Auch Ihre Tochter tut mir leid, und ich möchte das durch meinen armen Neffen heraufbeschworene Unrecht, soweit es mir möglich ist, wieder gutmachen. Mein Gewissen wäre ruhiger, wenn ich wüßte, daß es Ihnen zu Ihrer Verteidigung nicht an Mitteln fehlt.«

In Conners' Augen blitzte es auf.

»O, dafür ist gesorgt, Mr. Holden,« sagte er ruhig. »Als alter Freund Mr. Vinings kam ich auf seinen Wunsch und mit der Absicht her, die Farm zu kaufen. Und da Mr. Byrne aus den von Ihnen angeführten Gründen Geld brauchte, traf sich's gut, daß ich gerade welches übrig hatte. Außerdem gefällt mir der Ort.«

Wie von der Tarantel gestochen fuhr der Bankier empor; der grimmige Ärger, den er nicht zu verbergen imstande war, färbte sein Gesicht dunkelrot.

»Wie Sie sehen, können Sie in dieser Beziehung Mr. Byrne also nicht dienen,« fügte Conners hinzu. »Aber ich bin ebenfalls Geschäftsmann, und das Gebot von zehntausend Dollars klingt recht verlockend. Halten Sie es auch mir gegenüber aufrecht?«

»Nein, mein Herr,« antwortete der Bankier, dessen Züge wieder den gewohnten Ausdruck eherner Ruhe angenommen hatten, in kühlem Tone. »Meine Absicht war nur, wie ich schon sagte, Mr. Byrne einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Darf ich fragen, wieviel Sie gegeben haben?«

»Siebentausend Dollars,« erwiderte Conners.

Mit wachsendem Erstaunen, das von den andern geteilt wurde, folgte Mr. Byrne dieser seltsamen Unterhaltung. Doch Mr. Holdens Aufmerksamkeit war durch Conners völlig in Anspruch genommen, und Vinings verständnisvolles Schweigen verhinderte auch Byrne, seiner Verwunderung Worte zu verleihen.

»Die Summe ist reichlich hoch bemessen,« sagte der Bankier, »doch will ich Ihnen acht- und Miß Millicent zweitausend Dollars auszahlen, wenn diese Sie zur Annahme meines Angebotes bewegt.«

Conners warf ihm einen bewundernden Blick zu.

»Hm, ein verführerisches Angebot!« begann er langsam, »es verspricht mir einen Profit und erfüllt gleichzeitig Ihren Zweck, zudem ist es mit einer Zartheit gestellt, wie sie von einem so kulanten Geschäftsmann nicht anders zu erwarten war. Aber schließlich geht das Geld doch für die Prozeßkosten drauf, denn es sieht ganz so aus, als ob Mr. Byrne verurteilt würde.«

»Das ist noch nicht gesagt,« meinte der Bankier eifrig. »Meine Darstellung der Sache kann ihm viel nützen. Wohl liebte ich meinen Neffen, aber er ist tot, und wir dürfen über den Toten unsre Pflicht gegen die Lebenden nicht vergessen. Byrne ist trotz seines Mißgeschicks ein Ehrenmann. Vielleicht können wir ihn dazu überreden, daß er seine Tat eingesteht. Dadurch erspart er dem Bezirk große Kosten, und das macht auf die Öffentlichkeit immer einen günstigen Eindruck. Und wenn ich es befürworte, reicht die Behörde ein Gnadengesuch beim Gouverneur ein. Die Garantie übernehme ich, und dadurch werden Mr. Byrne auch Unkosten erspart. Ist alles vorüber, dann sucht er sich vielleicht einen andern Wohnsitz – in Texas zum Beispiel – wo er ein neues Leben beginnen kann. Dort, wo niemand um diesen Skandal weiß, kann er noch ganz glücklich werden. Reden Sie ihm zu, wenn Sie sein Freund sind. Wie ich gehört habe, ist auch Leutnant Randall nach Texas versetzt.«

So gespannt ich diesem sonderbaren Gespräch lauschte, mußte ich doch über meine Vermutung von vorhin lachen. Dieser Mann liebte und begehrte wahrlich nichts weiter als Geld. Mit zäher Beharrlichkeit und über die Leiche seines Verwandten und Erben hinweg bis in die trübsten Stunden einer schwergeprüften Familie verfolgte er sein Ziel, die Farm, nach der es ihn gelüstete, an sich zu bringen. In jeder Bewegung fieberte die Habsucht, aus dem Ton seiner Stimme sogar klang die Gier nach dem Dollar. Aus solchem Stoff werden die Geldkönige gemacht.

»Sie führen Ihre Sache gut, Mr. Holden,« sagte Conners, »aber Ihr Angebot ist doch zu gering. Sie müssen noch 'ne Kleinigkeit zulegen. Geben Sie Miß Byrne hunderttausend Dollars dafür, daß sie mich bestimmt, auf den Verkaufspreis von achttausend einzugehen.«

Mit wutverzerrtem Gesicht fuhr der Bankier empor.

»Ich habe nämlich,« fuhr Conners fort, »heute in Norfolk mit einem Ingenieur gesprochen, der das strittige Land auf Petroleum untersucht und dabei ein ausgiebiges Kohlenlager gefunden hat. Sie wissen ja selbst, daß Kohle so nahe am Wasser äußerst selten vorkommt, und werden sich daher gewiß nicht besinnen, den etwas höheren Preis, den ich nannte, zu zahlen.«

Es war für mich als unbeteiligten Zuschauer ein Gaudium, den Gesichtsausdruck des Bankiers zu betrachten, während Vining vor Aufregung geradezu zitterte.

»Mr. Byrne hat es auch gar nicht nötig, sich mit dem Geständnis so sehr zu beeilen,« sagte Conners, nachdem er Holden eine Pause zur Überlegung gegönnt hatte. »Ich denke, Sie werden mir zustimmen, wenn Sie erst den Wortlaut des Inserats gehört haben, das ich gestern ins Norfolker Tageblatt rücken ließ.«

Er zog die Zeitungen aus der Tasche und hielt sie in den Lichtkreis der Tischlampe.

Wie hypnotisiert starrte der Bankier auf Conners, als dieser langsam und mit Nachdruck las:

»Schreibe keinen Brief! Sei nächsten Sonnabend Raleigh Hotel Washington! J. H.«

»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich die Anfangsbuchstaben Ihres Namens gebrauchte; es war kein Zufall, wie ich gestehe,« fügte Conners hinzu, während er das zweite Blatt entfaltete, »Ihr Inserat lautet nun folgendermaßen:

»›Bleibe weg! Inserat von gestern Humbug. Bedeutung mir unklar. Vorsicht! J. H.‹«

Conners legte die Zeitungen hin und fixierte den Bankier. »Mein erster Argwohn, auf den hin ich es mit dem Inserat versuchte, bestätigte sich also. Ihr Neffe ist nicht tot, sondern wäre zu der angegebenen Zeit in Washington mir oder einem dorthin bestellten Agenten in die Arme gelaufen. Als Sie mein Inserat aber lasen, stieg in Ihnen irgendeine dunkle Befürchtung auf, so daß Sie es mit dem Ihrigen schleunigst widerriefen. Der Mann, der den blinden Schuß auf Ihren teuern Verwandten abfeuerte, war mit ihm im Boot angekommen, hatte sich in der Nähe des Landungsplatzes im Gebüsch versteckt und spielte die Mordkomödie, die Sie ausgeheckt hatten, um das Kohlenlager an sich zu bringen. Er war von Ihnen zu dem Zweck gedungen und bis auf die geringste Kleinigkeit genau instruiert. Mr. Byrne ist von mittlerer Größe, seine Kleidung und Haltung leicht nachzuahmen, auch bot die Wutszene keine besondern Schwierigkeiten. Nur haben Sie vergessen, Ihrem Werkzeug einzuschärfen, daß Mr. Byrne zwar ein jähzorniger Mensch, aber kein roher Verbrecher sei, und daß es daher bei einem Schusse sein Bewenden haben müsse.«

Totenblaß erhob sich Mr. Holden, während Mr. Byrne ihn mit so zornigen Blicken maß, daß Vining es für ratsam hielt, an seine Seite zu treten. Mrs. Vining bemühte sich um Millicent Byrne, die halb betäubt in ihrem Stuhl lehnte, und Conners betrachtete mit triumphierendem Lächeln den entlarvten Missetäter.

»Es hat keinen Zweck, Ihnen zu erklären, auf welche Weise ich all das erfuhr,« sagte er. »Ein Mensch Ihresgleichen verdächtigt sofort seinen Mitschuldigen, aber Sie können Ihren Neffen unbesorgt nach Norfolk zurückberufen. Inzwischen werden wir überlegen, wie die gerichtliche Bestrafung für ein derartig verbrecherisches Lügengewebe zu verhindern ist. Ihr ganzer Reichtum würde da zwar als Schadenersatz nicht ausreichen. Ich schlage daher vor, daß Ihr Neffe den Schandfleck auf sich nimmt, indem er die Erklärung abgibt, sich mit Mr. Byrne als Entgelt für dessen Bedrohung einen Scherz geleistet zu haben. Natürlich gilt dies nur unter der Bedingung, daß Sie auf mein letztes Anerbieten eingehen. Morgen erwarte ich Bescheid über Ihren Entschluß. Vergessen Sie dabei aber nicht, daß erstens das Kohlenlager so wertvoll ist, wie Sie es vermuteten, und daß zweitens Ihres Neffen humoristische Veranlagung ihn mit den Gesetzen in Konflikt gebracht hat. Obwohl ich überzeugt bin, daß Mr. Byrne seinen gerechten Zorn dieses Mal noch beherrschen wird, möchte ich Ihnen doch raten, sich nunmehr zu empfehlen, Mr. Holden.«

Der Bankier maß Conners mit haß- und wutsprühendem Blick.

»Sie sind wohl ein Detektiv?« fragte er.

»Zu dienen,« erwiderte Conners lächelnd, wonach Holden sich auf dem Absatz umdrehte und wortlos das Zimmer verließ.

Vor Freude schluchzend hing Millicent Byrne an ihres Vaters Halse, und ich trat auf Conners zu, um ihm herzhaft die Hand zu drücken.

»Es war gar nicht so schwierig, wie es aussah, lieber Freund,« sagte Conners zu mir, nachdem die Wogen der Rührung sich etwas gelegt hatten.

»Mr. Byrnes Unschuldsbeteuerungen stand die Aussage seiner Tochter gegenüber. Wenn sie und die beiden andern Zeugen sich nicht im Irrtum befanden, war der Mord erwiesen. Hatten sie aber unrecht und Mr. Byrne recht, so mußte ein andrer der Mörder gewesen sein. Dann lag also der ziemlich häufig auftretende Fall einer Verwechslung der Persönlichkeit vor. Nur die Begleitumstände verliehen ihm einen ungewöhnlichen Anstrich. Die Ähnlichkeit des Attentäters mit Mr. Byrne, Zeit und Schauplatz des Mordes im Verein mit der vorangegangenen Drohung, die sinnlose Wut, die sich bis zur Verstümmelung der Leiche hinreißen ließ, alles dies erweckte den Anschein absolutester Echtheit – oder raffiniertester Verstellung. Wie mir Mr. Byrnes Charakter geschildert worden war, lag ihm jede Brutalität fern; weshalb sollte nun nicht jemand, der ihm sehr ähnlich sah und von seiner Drohung gegen den jungen Holden wußte, die Tat verübt haben? In diesem Falle handelte es sich demnach um eine Komödie, zu der ich nach Gruppierung der Umstände bald den Schlüssel fand. Auch war der Körper doch nur ins Boot geschleift worden, um das Verbrechen zu verbergen. Warum aber das Corpus delicti eines Verbrechens verbergen, das an sich so offenkundig begangen worden war? Mag nun auch ein Mensch wie Mr. Byrne sich in der Hitze der Leidenschaft dazu hinreißen lassen, seinen Feind niederzuknallen – das hätte er nie und nimmer getan, so sehr es auch in seinem Interesse gelegen hätte, die Leiche zu beseitigen.

»Letzteres würde sich aber jeder an seiner Stelle gesagt haben; daher fand man denn auch später das Boot ohne Anker in der Bucht treibend auf. War nun der Mord eine Komödie, so war alles vorher abgekartet und Mr. Byrne genau kopiert worden. Sein Stellvertreter mußte, kostümiert wie er und über die zu spielende Rolle unterrichtet, im Boot gelandet sein. Zur Ausführung gehörte dann keine besondere Intelligenz mehr; der Antrieb aber hieß entweder Habgier oder Rache – Rache seitens des jungen Holden für die Durchkreuzung seiner Absichten auf Miß Byrne oder Habgier in dem Mann, der um den Besitz der Farm kämpfte. Von nun an konnte ich der Sache mit geschlossenen Augen folgen. Ich schickte einen Ingenieur auf die Suche nach Öl und ließ das bewußte Inserat in die Zeitung setzen. Den Erfolg haben Sie gesehen. Jasper Holden hatte keine Ahnung, wieviel ich wußte, doch im Bewußtsein seiner Schuld gestand er glatt; ihm blieb ja nichts anderes übrig. Wenn nun auch Edgar Holden nicht umgehend zurückkehren sollte, so wird er sein leibliches Dasein den Behörden schließlich doch bekannt geben müssen; und Mr. Jasper Holden wird auf meine Vorschläge ebenfalls eingehen. Überlegen Sie sich die Angelegenheit, Mr. Byrne. Es ist ein sehr guter Preis, doch Sie haben ja auch ein Anrecht auf Entschädigung. Der Hinweis auf Texas ist übrigens gar nicht so übel. Es ist nicht allein ein großes, aussichtsreiches Gebiet,« hier wandte Conners sich lächelnd an Miß Millicent, »sondern auch das, wohin Leutnant Randall versetzt wurde.«

Wie er sagte, so geschah's. Drei Tage später erzählten uns die Vinings nach ihrer Rückkehr in New York, daß Jasper Holden auf den Kauf der Farm unter den vorgeschlagenen Bedingungen eingegangen war. Gleichzeitig hatte sich der Neffe bei den Behörden gemeldet und dadurch überall gewaltige Verblüffung erregt, zu deren Aufklärung der Bankier aber keine Neigung verspürte. Doch hatte man selbstverständlich sofort Schritte getan, die Anklage gegen Mr. Byrne niederzuschlagen, der sich schon zur Abreise nach Texas rüstete.

 

Ende


 << zurück