Ludwig Fulda
Der Talisman
Ludwig Fulda

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Dritter Aufzug.

(Dieselbe Scenerie wie im ersten Aufzug. Allerlei Zurüstungen deuten auf eine festliche Veranstaltung. Im Hintergrund ist eine Ehrenpforte errichtet; die Freitreppe und Terrasse rechts sind mit Guirlanden und Fahnen geschmückt. Das Aussehen der Hütte ist unverändert; auch die Körbe stehen noch, wie Habakuk sie verlassen hat.)

Erster Auftritt.

(Vor der Hütte sitzt) Diomed, (düster vor sich hinstarrend). Maddalena (kommt aus der Hütte. – Später) Berengar, Ferrante.

Maddalena. Umwölkt noch immer deine Stirn der Gram,
Mein Vater? Tage sind entschwunden,
Seit ich ein mutig Wort von dir vernahm.
Sei nur du selber, und du wirst gesunden. –
Was wäre Stolz, wenn er dem Launensprung
Des Glücks die Führerschaft vergönnte?
Was wäre Hoheit, wenn Erniedrigung
Ihr mehr als ihren Mantel rauben könnte?

Diomed. O meine Tochter, nicht der eignen Schmach,
Nicht eignen Schmerzen sann ich trauernd nach;
Ich dacht' an dich.

Maddalena.                 An mich? 88

Diomed.                                     Das Weh, das dich erfüllt,
Hältst du mit frommer Täuschung mir verhüllt;
Zu meinem Trost willst du getröstet scheinen
Und blühst auf deiner Hoffnung Grab – Zur Nacht,
Aus leichtem Schlummer sorgenvoll erwacht,
Vernahm ich heut ein leises Weinen.
Vor deinen Thränen muß der Trost entfliehn. –

Maddalena. Ich weinte nicht um uns; ich weint' um ihn.

Diomed. Um ihn, der Treue lohnt mit solchem Dank?

Maddalena. Um ihn, dem auch entehrt wir Treue schulden.

Diomed. Verdient ist unser Leid, wenn wir's erdulden!

Maddalena. Von größrem Leid ist seine Seele krank.

Diomed (aufstehend).
Er krankt an Hoffart, und er soll's entgelten!

Maddalena. Ist's möglich? Hat mein Vater sich vereint
Mit jenen Schändlichen und Neidgeschwellten?
Leiht er sein gutes Schwert der schlechten Sache?
Ist's wahr? – Dann hab' ich auch um dich geweint.

Diomed. Dem Edlen ziemt's, erlitt'ne Schmach zu rächen. 89

Maddalena. Vergebung ist des Edlen beste Rache;
Denn sie beschämt und überführt den Feind. –
        (Berengar und Ferrante erscheinen im Hintergrund rechts.)
Dort nah'n sie wieder. Noch hat kein Versprechen
Dich festgeschmiedet. Weise sie zurück!
Sag ihnen, Vater, daß gerechter Groll
Nicht ihrem feigen Bubenstück,
Nicht schmählichem Verrate dienen soll.

Diomed. Mißachtet hat er dich! –
        (Begrüßt Berengar und Ferrante.)
                                            Ihr Freunde, seid willkommen!

Maddalena (leise, flehentlich).
Mein Vater! –

Diomed (zu Maddalena).
                      Nein, die Wahl ist mir genommen;
Das Schicksal will's. –
        (Zu Berengar und Ferrante, welche näher getreten sind, auf die Hütte deutend.)
                                  Hier tretet ein und seid
Die Zeugen meiner schnöden Dürftigkeit.
Ich, euer Bruder einst und Kampfgenoß,
Muß unter solchem Dache euch empfangen!

Berengar. Zum letztenmal; denn eh' der Tag vergangen,
Kehrst du zurück in deiner Väter Schloß.

(Sie gehen in die Hütte.) 90

Zweiter Auftritt.

Maddalena. (Dann) Omar. (Zuletzt) Berengar, Ferrante.

Maddalena (allein).
Dies darf nicht – darf nicht sein! Und ich in Ketten,
Ohnmächtig, ihm zu dienen, ihn zu retten!
Mein eigner Vater untreu seinem Herrn,
Und vor des Aufruhrs wildem Tosen
Erreicht kein Warnungsruf den Ahnungslosen,
Wähnt er Gefahr und Feinde weltenfern!
Er darf nicht fallen, darf nicht! Was beginnen? –

Omar (festlich gekleidet, erscheint mit einer Anzahl von Spielleuten auf der Terrasse rechts).
Seid auf der Wacht! Sobald sich diesem Ziel
Der Festzug naht, soll euer muntres Spiel
Den König grüßen von des Schlosses Zinnen.

(Die Spielleute ab.)

Maddalena (für sich).
Sein neuer Günstling! Wie noch dürft' ich beben,
Wenn man das Höchste, Heiligste bedroht?
        (Zu Omar, der inzwischen herabgestiegen ist.)
O hör' mich!

Omar (erstaunt).   Rede!

Maddalena (kniet).         In der tiefsten Not
Fleh' ich zu dir und will mich nicht erheben,
Bis deine milde Hand Gewährung reicht.

Omar. Beug vor des Königs Diener nicht dein Knie! 91

Maddalena. Vor ihm zu knieen, das vermocht' ich nie;
Für ihn zu knieen ist mir leicht.

Omar. Nicht so! Erhebe dich!

Maddalena (aufstehend).         O rett' ihn! Rette!

Omar. Den König?

Maddalena.           Meine Macht versank in Staub,
Und wenn mein Wort die Kraft des Donners hätte,
Mir gäb' er kein Gehör, mir blieb' er taub.
Doch dir vertraut er; eile, eile
Und meld' ihm: Dringende Gefahr
Droht seiner Krone, seinem Heile!
Warn' ihn – warn' ihn vor Berengar!

Omar. Vor Berengar, den er im Herzen hegt
Wie einen Bruder? Der sein Banner trägt
Und seine Heere führt?

Maddalena.                       Ja, zur Empörung,
Zur Meuterei!

Omar.                   Wer gab davon dir Kunde?

Maddalena. Dort in der Hütte reift zu dieser Stunde
Die Aussaat seiner tückischen Verschwörung. 92

Omar. Dort wohnt dein Vater.

Maddalena.                           Und sein edler Sinn
Ist von erlittner Unbill so umnachtet,
Daß er die Hand ergreift, die er verachtet.

Omar. So müßt' ich ja zugleich auch ihn verderben!
Gibst für den König du den Vater hin?

Maddalena. Sein ganzes Leben galt dem König, seinem Herrn.
Ich, seine Tochter, seh' ihn lieber sterben,
Als daß er preisgibt seines Lebens Kern.

Omar. So wahrst du dem die Treue, der dich kränkte?

Maddalena. Ist Treue denn ein Preis, den der Beschenkte
Dem Geber zahlt je nach der Gabe Wert,
Um den man feilscht und marktet wie beim Kauf?
Wiegt sie mit Wohlthat nur die Wohlthat auf
Und spendet nur, weil sie begehrt?
Nein, Treue fragt nicht, ob man ihr vergüte,
Wärmt sich im Winterfrost am eignen Strahl,
Und Thränen unverdienter Qual
Sind Tau, der stärkend fällt auf ihre Blüte.
Ihm schuld' ich Treue; denn er ist mein König!
Ich war ein Kind, da drängten wir zum Strand,
Und Jauchzen übertäubte tausendtönig
Den Flutenschall. Am Kiel des Schiffes stand
Der Fürst, ein Jüngling noch, zurückgekehrt
Vom Land des Feindes, den er kühn bezwungen,
Den Lorbeer um das Lockenhaar geschlungen, 93
Bekränzt mit Rosen das beglückte Schwert,
Und als ich ihn vom Hauch des Siegs umweht,
Umringt von Helden sah vorüberschreiten,
Da drang's aus meinem Herzen wie Gebet:
Wär' ich ein Mann und dürfte für ihn streiten!
So ward ich treu; so bin ich treu geblieben.
Die Wunde, die er schlug, sie schmerzt und brennt;
Verzeihen kann ich nicht, doch kann ich lieben!
Ich kenn' ihn besser, als er selbst sich kennt,
Weiß, daß nur scheeler Neid ihn glücklich nennt
In seiner eisig starren Höhe droben.
Stürzt er, so wird er elend, doch nicht gut,
Und nimmer wird der lautre Hort gehoben,
Der tief in seiner Seele ruht.
Drum rett' ihn, rett' ihn, rett' ihn! –

Omar.                                                 Du verlangst
Unmögliches, weil deines Herzens Angst
Aus nicht'gem Stoff sich Wahngebilde schuf.
Der König sei bedroht von Berengar?
Er, welcher glaubt, daß ihn sein göttlicher Beruf
Emporhebt über irdische Gewalten,
Ihn schirmt vor jeder Täuschung und Gefahr?
Sag ihm: der Himmel stürzt, die Erde schwankt,
Er wird es weniger für Wahnwitz halten,
Als daß sein Thron, als daß er selber wankt.
Willfahrt' ich dir und warnt' ihn vor dem Mann,
Den seine Wahl erhoben über alle,
Mich selber brächt' ich nur zu Falle,
Nicht jenen.

Maddalena (verzweiflungsvoll).
                  Du, der einzig helfen kann,
Auch du verlässest ihn! 94

Omar.                               Was wär' ein Thron,
Den ich allein vermöchte noch zu stützen,
Ich, eines fremden Landes niedrer Sohn?
Er hat die Macht; er kann sich selbst beschützen.

Maddalena. Nicht vor Verrat!

Omar.                                   Wenn ihn Verrat umringt –
Woran zu zweifeln Grund – so mög' er zeigen,
Ob jene Götterkraft ihm eigen,
Die anzubeten er die Menschen zwingt.
Ist sie's, dann wird er unverwundbar sein.

(Berengar und Ferrante treten aus der Hütte heraus.)

Berengar (spricht halblaut zurück, sich von Diomed verabschiedend).
Es bleibt dabei!
        (Er bemerkt Omar; in anderem Ton.)
                        Omar, nun heißt es flink sich regen!
Schon im Palaste harrt der König dein,
Daß du ihm hilfst, sein Festkleid anzulegen.
Die Stunde drängt. Ich ordne selbst den Zug.

Omar. Ich komme.
        (Berengar und Ferrante gehen ab Hintergrund rechts.)
                      Hörtest du, wie sich dein Schrecken
Gespenster schafft? Der denkt nicht an Betrug,
Wird heut beim Fest des Königs Seite decken.

Maddalena. Auch du bist falsch, sonst rührte dich mein Flehn.
Wenn nicht ein Engel naht, für ihn zu streiten,
So will ich selbst vor ihn die Arme breiten,
Ihn retten oder mit ihm untergehn. –

(Schnell ab in die Hütte.) 95

Omar (allein, ihr nachsehend).
Du willst ihn schützen, ich ihn überwinden,
Und wenn ein Engel für ihn wacht,
Dann geb' er Segen meinem Thun: den Blinden
Kann nur erretten, wer ihn sehend macht.

(Ab Hintergrund rechts.)

Dritter Auftritt.

Habakuk (kommt mit) Rita (von rechts vorn).

Habakuk. Rita! Kind! Geliebtes Mäuschen!
Sieh nur, wahrhaftig, da steht sie noch,
Meine Hütte, mein süßes Häuschen,
Mein vergöttertes Hundeloch!
Steht noch auf der alten Erde,
Wo mein Urahn sie aufgebaut.
Und die Körbe – die Körbe! Mir graut,
Daß ich vor Freude närrisch werde.

Rita (sich umsehend, freudig).
Alles, wie es lag und stand.

Habakuk. Hier der alte, verrostete Riegel,
Und der große Riß in der Wand,
Und auf dem Dache die fehlenden Ziegel . . .

Rita. Und die Blumen am Fensterrand . . .

Habakuk. Und mein wackliger Schemel dazu! –
Ei, da mag ein anderer rasten! 96
Hab's ja verdient durch endloses Fasten,
Daß ich mir wiedermal gütlich thu'!

(Er setzt sich auf den Schemel.)

Rita. Was beginnst du?

Habakuk (fängt eifrig an zu hantieren).
                            In all der Frist
Hat's mich gequält und gezwickt und gestochen,
Daß der Korb, den ich Beppo versprochen,
Immer noch nicht fertig ist.
Aber nun dauert es nicht mehr lang;
Wart' nur, Kerl, dich wollen wir kneten!
Hole der Teufel den Müßiggang!
Hole der Teufel die Trüffelpasteten!
Nur wer tapfer sich müht und plagt,
Dem wird ewige Jugend gegeben;
Arbeit allein ist wahres Leben!
Hab' ich dir das nicht immer gesagt?

Rita. Kann mich eben nicht recht entsinnen. –
Doch du mußt bescheiden sein:
Fremde Leute wohnen da drinnen,
Und dies alles ist nicht mehr dein.

Habakuk. Poch mal an!

Rita.                             Ich soll. –

Habakuk (steht auf).                       Nur Mut!
Ist doch wahrlich kein Verbrechen, 97
Wenn es mich gelüsten thut,
Meinen Stellvertreter zu sprechen.

Rita (klopft schüchtern an die Thür der Hütte).

Vierter Auftritt.

Vorige. Diomed, Maddalena (treten heraus).

Diomed. Ihr seid es? Kommt ihr, euch zu weiden
An unsrem Mißgeschick? Habt ihr so ganz
Verlernt, was Elend ist, daß euer Glanz
Sich einen Spiegel sucht in unsrem Leiden?

Habakuk. Du irrst, mein Teuerster; wir kamen her,
Um euch aus tiefstem Herzen zu beneiden.

Diomed. Ihr uns?

Habakuk.           Und eine Bitte drückt mich sehr;
Drum tadle meine Kühnheit nicht zu scharf,
Wenn ich in aller Schüchternheit dich frage,
Ob ich auf diesem Schemel alle Tage
Ein Stündchen heimlich Körbe flechten darf.

Diomed. Du nahmst ja meinen ganzen Reichtum hin;
Arbeit und Mühsal blieb zurück für mich.

Habakuk. Ach, Bester, seit ich du geworden bin,
Wär' mir's erwünscht, du würdest wieder ich. 98
Mir will das Vornehmsein nicht recht gelingen;
Ich fühle mich im Schlosse nicht zu Haus,
Und du siehst auch nicht danach aus,
Als könnt'st du je 'nen Korb zu stande bringen.
Dir würde diese Kurzweil eine Last,
Und ich begreife nicht, seit ich erfahren,
Was Graf sein heißt, wie du in langen Jahren
Den Jammer ausgehalten hast.

Diomed. Was ich besaß, ich weiß es erst zu schätzen,
Seit ich's verlor.

Habakuk.               Just so ergeht es mir,
Und ging's nach meinem Kopf, dann tauschten wir
Gleich auf dem Fleck. –

Rita (hat während dieses Gespräches ein grobes graues Tuch aus der Hütte geholt und angefangen, die Fenster zu scheuern).

Maddalena (Ritas Arbeit bemerkend).
                                      Was thust du, liebes Kind?
Du wirst dein schönes Kleid verletzen.

Rita. Schau nur, wie trüb die Scheiben sind.
Das ist kein Werk für deine zarten Hände;
Ich aber bin's gewohnt.

Maddalena.                       Wer dich so fände! . . .

Rita. Nicht alles geht so leicht und schnell:
Viel trüber noch sind deine Augen; 99
Könnt' ich dazu taugen,
Ich machte sie gerne wieder hell.

Maddalena (gerührt).
Wie gut bist du!

Rita. O nein! Doch es ist was in deinen Mienen,
Das redet mir zu,
Dich lieb zu haben und dir zu dienen.

(Allerlei Volk, Männer, Frauen, Kinder, sammelt sich allmählich im Hintergrund.)

Diomed (wird aufmerksam; zu Habakuk).
Sag mir, was lockt denn all die wackren Leute
In unsre Stille?

Habakuk.             Weißt du nicht, daß heute
Der Krönungstag?

Diomed.                     Ich weiß.

Habakuk.                                 Nun ward bestimmt,
Daß, wenn des Königs Zug die Gassen
Von Famagusta hinter sich gelassen,
Er seinen Weg hierher zum Jagdschloß nimmt.

Maddalena (erschrickt).
Hierher!

Diomed.       Das wußt' ich nicht. 100

Habakuk.                                   Dies ward verfügt,
Weil für der Gaffer ungezählte Menge
Der Raum der ganzen Hauptstadt nicht genügt.
Sie fordern ihr alljährlich Schaugepränge;
Denn soll das Volk zu seinem Fürsten stehn,
So will's dafür auch schöne Kleider sehn.
Seit frühstem Morgen sind sie auf dem Posten;
Drum dehnte man die Straße lang und breit,
Und keinem Bürger wird's die Rippen kosten,
Den Herrn zu schauen und sein neues Kleid.

Diomed. Man sagt, daß dieses Kleid ein Wunder sei.

Habakuk. Noch sah ich's nicht, und ich gestehe frei:
Wenn's auch an Schönheit alles übertrumpft,
Ich werd' mich dennoch nicht drum reißen;
Von all dem Glänzen, Glitzern, Gleißen
Bin ich vollständig abgestumpft.
Ob Diamanten oder Hobelspäne,
Mir gilt es gleich; nichts überrascht mich mehr;
Man bringe mir Arabiens Schätze her,
Ich sage: wundervoll! und gähne.
Nur meine Hütte ist mir wieder neu,
Und lässest du mich friedsam hier verschnaufen,
Dann spür' ich wahrlich keine Reu',
Daß ich im Zug nicht brauche mitzulaufen.
Der Leibarzt schrieb mir einen Krankenschein:
Beurlaubt wegen Zipperlein.

Diomed. Ich gönne dir den Platz.

(Fernes Glockengeläut.) 101

Habakuk.                                   Hört ihr die Glocken?
Sie nahen.

Diomed.           Maddalena, komm!

Maddalena.                                   Wohin?

Diomed. Glaubst du, daß ich zu warten willens bin,
Bis im Triumph, mit höhnischem Frohlocken
Er auf uns niederblickt, bis tausend Zeugen
Belauern, ob wir tief genug uns beugen,
Und schadenfroh begrinsen unsern Fall?
Nein, fort von hier, zum ernsten Waldesfrieden,
So weit, bis selbst der schwache Wiederhall
Des Jubels, der zu seinem Gipfel klomm,
Uns nicht mehr folgen kann.

Maddalena.                               Doch wenn wir schieden,
Wirst du geloben . . .?

Diomed.                           Nichts.

Maddalena.                                 So willst du . . .?

Diomed.                                                               Komm!

(Er zieht die Widerstrebende mit sich fort; sie gehen ab im Hintergrund links.) 102

Fünfter Auftritt.

Habakuk. Rita. (Es sammelt sich immer mehr) Volk, (nach und nach auch den Vordergrund ausfüllend, mit allen Kennzeichen ungeduldiger Erwartung. Zwei getrennte Gruppen sind zu unterscheiden; unter der einen) Anselm, (unter der andern) Benedict.

Habakuk (sich die Hände reibend).
Nun ist für heut die Hütte wieder mein!
        (Er packt den Schemel und einige Körbe aus.)
Schnell, hilf mir tragen!

Rita.                                   Da hinein?

Habakuk. Soll ich denn schaffen hier im Volksgewühl?
Ein Künstler muß auf Stimmung halten:
Inmitten dieser zappligen Gestalten
Verlier' ich alles Feingefühl.
Das Stübchen drinnen ist mein Grafensaal;
Du singst ein Lied, ich werde lauschen,
Und will der König heute mit mir tauschen,
Dann sag' ich ihm: ein andermal!

(Er geht mit Rita in die Hütte.)

Sechster Auftritt.

Vorige (ohne) Habakuk, Rita. (Später) Guido, Balduin, Gasparo.

Anselm, (der mit seiner Gruppe nach dem Vordergrund rechts vorgerückt ist, zu den Umstehenden).
Ihr redlichen Bürger, haltet zusammen;
Nehmt euch in acht! Es wimmelt da hinten
Von Mißvergnügten, von Uebelgesinnten, 103
Die alles bekritteln, die alles verdammen.
Es ist unleidlich, es muß uns empören,
Daß diese Verderbten sich gar nicht scheuen,
Durch ihr Erscheinen die Weihe zu stören!
Drum haltet zusammen, ihr Königstreuen;
Denn jede Berührung
Ist halbe Verführung.

Benedict (zu seiner Gruppe, die inzwischen nach links vorn gekommen ist).
Ihr freiheitliebenden Bürger, seht,
Was dort schon wieder beisammen steht!
Sie werden alle Tage kecker,
Die Katzenbuckler, die Speichellecker,
Sind immer vornan und machen sich breit,
Ein Dorn in den Augen der Gutgesinnten;
Vor ihren Kniffen und Ränken und Finten
Errettet uns nur die Einigkeit.

Anselm (rechts).
Doch nur getrost! Heut werden wir siegen;
Heut werden die Feinde des Throns erkannt:
Der König trägt das Zaubergewand,
Um uns nach unserem Wert zu wiegen.
Nur wer es sieht, bleibt obenauf,
Und das sind wir, die Guten, die Echten;
Jedoch da drüben die Dummen und Schlechten,
Die sehen es nicht, verlaßt euch drauf.

Benedict (links).
Glaubt mir, mit denen ist's heut vorbei;
Die werden sich nicht mehr lang verstellen;
Bald wird das Zauberkleid erhellen
Den Abgrund ihrer Heuchelei:
Uns wird es strahlen in klarem Licht,
Uns droht kein ängstliches Verstummen; 104
Jedoch da drüben die Schlechten, die Dummen,
Die sehen's in ihrem Leben nicht! –

Guido (atemlos, eilt zu der Gruppe rechts).
Freunde, vom Marktplatz komm' ich eben;
Das nennt man laufen! – Gleich sind sie da.
Ihr werdet euer Wunder erleben!

Mehrere (rechts).
Sahst du das Kleid?

Guido.                         Natürlich, ja!
Das ist ein Kleid! Das funkelt und blitzt,
Und wie es gewebt ist, und wie es sitzt!
Die ganze Menge jauchzte und schrie:
So herrlich sahn wir den König nie!
Gleich einem Halbgott trägt er zur Schau
Des Mantels herrliches Himmelblau.

Anselm. Blau?

Guido.           Tiefes Blau.

Viele (rechts).                     Der Mantel ist blau.

Balduin (kommt eilig und läuft zur Gruppe links).
Genossen, schon sah ich den Krönungszug.

Mehrere (links).
Und auch das Kleid?

Balduin.                         Ja, deutlich genug. 105

Benedict. Wie ist es?

Balduin.                   Wie ich mir's gleich gedacht:
Sehr überladen mit weichlicher Pracht
Und höchst wahrscheinlich sündhaft teuer.

Benedict. Nun freilich, wozu bezahlen wir Steuer?

Balduin. Das sagt' ich auch. Der Pöbel indessen
Brüllt Beifall, daß er zu bersten droht,
Und alle bejubeln wie besessen
Des Mantels protziges Scharlachrot.

Benedict. Rot?

Balduin.         Hellrot.

Viele (links).               Hört ihr? Der Mantel ist rot.

(Ferne Marschmusik, die sich immer mehr nähert.)

Viele (auf beiden Seiten).
Sie kommen!

(Bewegung.)

Anselm (zur Gruppe rechts).
                    Ihr Brüder, nun merkt euch genau
Das Zeichen; dann ruft ihr in brausendem Tone:
Vivat der König! Vivat die Krone!
Vivat des Mantels Himmelblau!

Benedict (zur Gruppe links, laut und herausfordernd).
Da drüben enthüllt sich die geistige Not:
Die nennen ihn blau, und er ist doch rot. 106

Viele (links, schreiend).
Rot ist er, rot!

Viele (rechts, ebenso). Blau ist er, blau!

Anselm. Laßt sehn, ob sich's einer zu leugnen getrau'!

Alle (durcheinander).
Blau! Rot! Rot! Blau!

Benedict.                         Ihr Blauen, kommt an!

Anselm. Ihr Roten, nun wehrt euch, Mann gegen Mann!

Benedict. Wir schlagen euch Füchsen die Knochen entzwei!

Anselm. Tod euerer ganzen verruchten Partei!

(Während eine ernsthafte Keilerei auszubrechen droht, werden die schon aneinander Geratenen durch einen in der Mitte lebhaft eindringenden neuen Trupp von Bürgern, unter denen Gasparo, getrennt.)

Gasparo. Gebt Raum dem König und seinem Zug!

Benedict (eifrig).
Saht ihr den Mantel, den er trug?

Gasparo. Wir sahen ihn schon von weitem erglühn.

Anselm. Blau, nicht wahr? 107

Benedict.                           Nicht wahr, rot?

Gasparo.                                                     Nein, grün. –

Siebenter Auftritt.

Vorige. Der Festzug. (Noch vor seinem Erscheinen verkündigt ihn das anschwellende Hoch- und Hurrageschrei, sowie die immer näher kommende Marschmusik; die letztere bricht unmittelbar vor Auftreten des Zuges ab, und die Spielleute auf den Zinnen des Jagdschlosses setzen laut ein. Volk und Bürger auf der Bühne geraten in immer größere Ekstase; Hüte und Tücherschwenken, laute Rufe, Gedränge. Nun entwickelt sich der Zug selbst, welcher, von rechts hinten kommend, die Ehrenpforte durchschreitet, dann in einer Schleife an der Hütte vorbei in den Vordergrund gelangt und, von links nach rechts quer über die Bühne ziehend, die Treppe der Terrasse hinansteigt. Ordnung des Zuges:) Bewaffnete, (welche mit ihren Hellebarden die Bahn frei machen;) ein Herold; Fahnenträger; eine Schar blumenstreuender Mädchen; Truppe der Musikanten; Stefano (an der Spitze der) Leibwache, (alle in voller Rüstung;) Höflinge jeder Art; Pagen; (eine zweite Abteilung der) Leibwache; (endlich, von brausenden Hochs begrüßt,) der König (und seine nächste Umgebung:) Berengar, Ferrante, Panfilio, (auf Samtkissen die Throninsignien tragend;) Niccola (und) Omar. – (Der König geht unter einem prächtigen Baldachin, welchen) vier Pagen (halten; er hat die Krone auf dem Haupt, ist aber lediglich mit weißseidenen Unterkleidern angethan; er schreitet ernst und majestätisch und dankt mit leichtem Kopfnicken für die Huldigungen. Unmittelbar hinter ihm) zwei Pagen, (welche so thun, als ob sie die Schleppe des nicht vorhandenen Mantels trügen. Eine größere Anzahl von) Lakaien (und eine abermalige Schar von) Bewaffneten (schließen den Zug).

Anselm (schreit, sobald der König sichtbar wird).
Heil dem erhabnen König!

Vielstimmiger Ruf.                 Heil! Heil! Heil! 108

Anselm. Wem wurde solch ein Anblick je zu teil?

Guido. O wunderbares Kleid!

Anselm.                                 Wie reich! Wie fein!
Vor diesem Glanz wird selbst der Himmel blässer.

Benedict. Thut nicht, als sähet ihr's allein!
Wir sehn es grad so gut.

Balduin.                             Wir sehn es besser.

Die rechte Gruppe. Nein, wir!

Die linke Gruppe.                   Nein, wir!

Anselm.                                                 Vivat das neue Kleid!

Das Volk (durcheinander).
Vivat das Kleid! Das Kleid! Das Zauberkleid!

(Die Musik schweigt.)

Achter Auftritt.

Vorige. Habakuk, Rita (aus der Hütte. Mittlerweile hat der König die Terrasse erstiegen, wo ihm von aus dem Schloß kommenden Jungfrauen ein Pokal kredenzt wird, bleibt ganz vorn auf derselben stehen und wendet sich um, nach allen Seiten dankend und grüßend. Der Hofstaat und die Leibwache gruppieren sich um ihn; die ganze Freitreppe wird von den Bewaffneten besetzt. Das Volk, nach vorn drängend, füllt den übrigen Teil der Bühne aus). 109

Omar (zum König, an dessen Seite er steht).
Dein Volk bewährt sich gut.

König (zu Omar).                         Nur dünkt es mich:
Mein Kleid hat fast noch mehr Erfolg als ich.

Neue Rufe. Vivat das Kleid! Vivat das Kleid!

Rita (steht vorn links; sie hört erstaunt die Rufe, sagt laut und unbefangen zu ihrem Vater).
Verstehst du, Vater, was die Menge schreit?

Habakuk. Des Königs neues Kleid bejubelt man.

Rita. Sein Kleid? Der König hat ja gar nichts an.

Habakuk. Sei still!

Benedict, (der in Ritas Nähe steht, wendet sich zu ihr).
                      Was sagst du? Hab' ich recht verstanden?
        (Zu seiner Gruppe, die herzudrängt.)
Hört, Freunde, was dies Mädchen spricht!
        (Zu Rita.)
Das neue Kleid – ist's wahr, du siehst es nicht?

Rita. Wie könnt' ich sehn, was nicht vorhanden?

Benedict. Was nicht vorhanden, hört! 110

Habakuk (angstvoll zu Rita).                 Komm, laß uns gehn
Ach Gott, wir sind schon förmlich eingeklemmt.

Balduin (zu Rita).
Kannst du auch nicht den roten Mantel sehn?

Rita. Ich sehe nur ein weißes Hemd.

Benedict (zu Balduin, halblaut).
Siehst du was andres?

Balduin.                           Sag mir erst, ob du . . .

Benedict. Ich sah von Anfang nichts.

Balduin.                                           Dann sag' ich frei:
Ich auch nicht.

Benedict.               Dir zu Liebe gab ich's zu.

Balduin. Ich that es für die Wohlfahrt der Partei.

Gasparo. Ich rief nur Vivat, weil's die andern riefen.

Ein Bürger (der besonders laut hoch gerufen).
Ich jauchzte nur mit inn'rem Widerstreben.

Mehrere. Ich auch! Ich auch! Wir alle! 111

Benedict.                                           Ja, wir schliefen;
Ein Mädchen mußt' uns wecken.

Balduin.                                           Sie soll leben!

Gasparo (zu neu Hinzutretenden, auf Rita deutend).
Die ist es, die das Kleid nicht sehen kann.

Balduin. Und sie hat recht.

Benedict.                           Der König hat nichts an.

Viele (noch gedämpft).
Der König hat nichts an!

(Wachsende Aufregung im Volk, von Benedikt und Balduin geschürt.)

Anselm.                               Hört nur die Frechen!

Guido (halblaut zu Anselm).
Sie haben diesmal guten Grund.

Anselm. Ganz einerlei; wir müssen widersprechen.

Guido. Ratsamer ist, wir halten unsern Mund.

Anselm. Willst du, daß sich das Volk uns ganz entfremde?
        (Er ruft in den anschwellenden Lärm.)
Mitbürger, hört . . . 112

Das Volk (laut durcheinander).
                              Wir glauben nicht mehr dran!
Wir sehen nichts! Der König geht im Hemde!
Er hat nichts an! Der König hat nichts an!

König, (der sich schon gewendet hatte, um in das Schloß zu gehen, und zuletzt für den Zuschauer verschwunden war, kehrt zum vordersten Teil der Terrasse zurück).
Was für ein Lärm?

Omar.                         Dein Wille ist geschehn.
Hörst du die Blindheit nun sich offenbaren?

König. Was ruft man dort? Ich wünsch' es zu erfahren!

Omar. Sie rufen, Herr, daß sie dein Kleid nicht sehn.

König. O undankbares Volk! – Ich selber will
Zu ihnen sprechen. – Man gebiete Schweigen.

Omar (ruft).
Hört euren König!

Stefano.                     Hört den König!

Viele.                                                 Still!

(Tiefe, erwartungsvolle Stille tritt ein.)

König (nach einer Pause).
Mein Volk! Der Jahre zwölf vergingen heut,
Seit ich auf meiner Väter Thron zu steigen 113
Berufen ward, und alter Brauch gebeut,
Daß dieser Tag ein Festtag sei dem Land.
Wenngleich ihr stets mir folgtet ohne Wanken,
So müßt ihr heut dem Himmel zwiefach danken,
Daß euch ein Fürst regiert mit starker Hand,
Der euch behütet, euch am Zügel hält
Und weiter schaut, als eure Augen reichen.
Vor eine Probe hab' ich euch gestellt,
Und ihr verrietet durch ein klares Zeichen,
Daß nie von eurem Blick die Binde fällt.
Erkennt in Demut eures Geistes Nacht:
Das stolze Kleid, das ich zu dieser Feier
Gewählt, ist euch ein blasser Nebelschleier;
Verborgen bleibt euch seine Farbenpracht.
Dies und gar vieles noch – ihr seht es nicht,
Weil Mängel oder Sünden euch beschränken.
Drum muß ich für euch alle sehn und denken;
Denn nur bei mir ist Weisheit, Tugend, Licht –

(Unwilliges Gemurmel.)

Benedict (zu den Nächststehenden).
Wir sind nicht beschränkt; wir sind nicht schlecht.

Balduin (ebenso).
Zu denken ist unser gutes Recht.

Gasparo (ebenso).
Zu sehen versteht hier jedermann.

Das Volk (abermals laut ausbrechend).
Es ist nichts da! Er hat nichts an.

König (in aufflammendem Zorn).
Unwürdige! Vergreift sich die Verneinung
Bereits an dem, was über jedem Zwist
Erhaben schwebt und über jeder Meinung? 114
Wovon der König euch gesagt: Es ist,
Das ist, und könnt' es keiner auch gewahren,
Wär' auch der Blinden Zahl vertausendfacht!
Glaubt ihr dem Worte nicht, so glaubt der Macht:
Hier stehen meiner Krieger tapfre Scharen
Gepanzert und gewaffnet um mich her,
Mich deckend wie ein Ring von festen Türmen,
Freudig bereit, auf mein Begehr
Zu Schlacht und Sieg dahinzustürmen,
Und ihrer Schwerter ungestümer Schall
Gibt meinen Worten Wiederhall,
Bis sie vernehmlich werden auch den Tauben! –
Noch einmal denn: Ich trag' ein prächtig Kleid,
        (Wachsendes Gemurmel.)
Und bleibt's euch unsichtbar in Ewigkeit,
Ich, euer Herr, befehl' euch, dran zu glauben!
Wer Zweifel hegt und wider mein Gebot
Sie laut verkündet, büßt es mit dem Tod! –
        (Pause. Tiefstes Schweigen.)
Es scheint, ihr glaubt mir nun. So will auch ich vergessen,
Wie mancher unter euch mir strafbar schien;
Was ihr gefehlt, sei gnädig euch verziehn,
Und eins verlang' ich nur: den Namen dessen,
Der meines Volks Vertrauen hat vergiftet,
Der euch zum Ungehorsam angestiftet.
Wer war's? Wer leugnete zuerst mein Kleid?

(Aller Augen richten sich ängstlich und erwartungsvoll auf Rita.)

Rita (von ihrem Vater vergeblich zurückgehalten, tritt vor; ruhig und furchtlos).
Ich war's, Herr König.

König.                             Du?! 115

Benedict (ausatmend zu den Nächststehenden).
                                          Gottlob,
Sie sagt es selbst!

Balduin.                   Es war die höchste Zeit.

König. Du also, die ich aus dem Nichts erhob,
Du Bettlerkind, das ich zur Gräfin machte,
So dankst du mir die Wohlthat nun?

Rita. O Herr, ich wollte dir nichts Böses thun;
Ich sagte nur, was ich so bei mir dachte.

König. Dann widerruf!

Rita.                           Was denn?

König.                                         Du sollst gestehen
Vor meinem Hof und allem Volk ringsum,
Daß du mein Kleid nur deshalb nicht gesehen,
Weil du entweder schlecht bist oder dumm.

Rita. Das kann ich nicht.

(Bewegung.)

König.                           Erwäg es wohl! Ich schenke
Dir keine lange Frist. 116

Rita.                               Herr, möchtest du,
Daß ich dir sage, was ich doch nicht denke?
Dumm bin ich ganz gewiß und schlecht dazu.
Ich hab' ein wild und störrisch Wesen,
Bin faul und naschhaft und voll Uebermut,
Ich kann nicht schreiben und nicht lesen;
Doch meine Augen – die sind gut.
Ich seh' den Adler, schwebt er noch so weit,
Den Fisch im Meeresgrund, nur nicht das Kleid.
Herr, kann dich das im Ernst erbosen?
Du bleibst der König – auch in Unterhosen.
An dich zu glauben ist Gesetz und Pflicht:
Ich glaube, daß du Kleider hast in Massen,
Ich glaub' sogar, du kannst mich köpfen lassen;
Nur daß du heut was anhast, glaub' ich nicht.

König (vor Wut bebend).
Du sprachst dein Todesurteil. Nehmt sie fest!
Ihr Leben ist verwirkt.

(Rita wird auf Stefanos Wink von zwei Bewaffneten ergriffen und gefesselt.)

Habakuk (ist verzweiflungsvoll vorgestürzt).
                                  Herr, Gnade, Gnade!

König. Sie stirbt, und alle folgen ihrem Pfade,
Die ruchlos mein Gebot verspotten.
Auflehnung schleicht im Volk wie eine Pest;
Ich aber bin gewillt, sie auszurotten.

Habakuk (außer sich, klammert sich an Rita; in Todesangst bald schluchzend, bald schreiend).
Mein Kind! Mein einziges, geliebtes Kind!
Mein Schwälbchen! Meine Augenweide! 117
Er spaßt ja nur; er thut dir nichts zuleide. –
Großmächt'ger, sei barmherzig, sei gelind!
Sie war dir immer treu gesinnt,
War allezeit dir zu gehorchen willig;
Ein naseweises Ding, doch nicht verderbt,
Und wenn sie mehr geschwatzt, als recht und billig,
Das liegt im Blut: sie hat's von mir geerbt.
Wir sind ja Bettler, ganz gemeines Pack,
Ganz ohne Würde, Bildung und Geschmack;
Wir taugen beide nicht zu Grafen,
Verstehn nicht, wie man redet fein und glatt,
Und willst du sie und mich bestrafen,
Nimm Würden, Titel, Reichtum, gutes Leben,
Nimm alles wieder, was du uns gegeben;
Wir haben's ohnedies recht herzlich satt.
Und wenn du härtre Strafe noch verhängst,
Nimm meinen Kopf; der wackelt ja schon längst.
Nur laß lebendig dieses junge Blut!
Ihr schmeckt das Leben noch so gut!
Gott selber bittet dich um Gnade;
Er schuf sie, daß sie allen wohlgefällt.
Schau sie nur an: es wär doch gar zu schade,
Wenn so etwas verschwände von der Welt! –

König (zu den Bewaffneten).
Führt sie hinweg! Was soll das Zaudern?

Omar. (ist unbemerkt die Treppe hinabgestiegen und ruft, neben Rita stehend, mit lauter Stimme).
                                                            Halt!

König. Wer wagt es . . .?

Omar.                             Ich! 118

König.                                   Und wenn ich dir verwehre . . .!

Omar. Gilt heil'ges Recht dir höher als Gewalt,
Dann, König, gib dies Mädchen wieder frei;
Brich ihre Fessel ungesäumt entzwei;
Denn Strafe nicht verdient sie, sondern Ehre!

König. Verwegner, schweig; du wirst sie nicht erretten. –
Fort, sag' ich, fort!

Omar.                         Dann wirf auch mich in Ketten!
Durch meine Schuld hast du dich selbst betrogen:
Dein Volk zu wägen dachtest du;
Ich aber habe dich gewogen,
Und Blindheit schloß dein eignes Auge zu.
Das Kleid, das ich zu schaffen unternahm,
Das konnte Stoff und Webekunst entbehren:
Das haben Knechtsinn, Feigheit, falsche Scham
Statt meiner dir geschaffen aus dem Leeren,
Und Schmeichelei hat blöden Angesichts
Mit Farben ausgeschmückt das blanke Nichts.
Du selber hast das Letzte dran gethan,
Als du beschlossest, vor dein Volk zu gehen,
Mit nichts bekleidet als mit einem Wahn. –
Was heut ein schuldlos Kind nicht sah,
Hat niemand, hast auch du noch nicht gesehen;
Denn nie und nimmer war es da.

(Großer Lärm. Das Volk nimmt eine drohende Haltung an.)

Viele. Hört! 119

König (zuerst von Omars Worten wie betäubt, nun wild auffahrend, wie von Sinnen).
            Hochverrat! Er lügt! Er schmäht das Reich!
Verhaftet ihn! Er stirbt mit ihr zugleich.
Und wenn ihr Nein durch alle Gassen schreit,
Und wenn noch tausend Frevlerköpfe fallen,
Ich trag' ein Kleid, ich trag' ein herrlich Kleid;
Ich seh's, ich seh's, ich ganz allein von allen!

(Rita und Omar werden von vier Bewaffneten rechts vorn abgeführt; Habakuk folgt händeringend. – Wachsender Tumult. Volk und Leibwache geraten aneinander.)

Panfilio. Der Pöbel rast.

Stefano.                         Sie sind nicht mehr zu halten.

König. Stecht! Spießt! Schlagt nieder!

Berengar.                                           Herr, laß mich nur schalten.
        (Er stellt sich mit Ferrante an die Spitze eines Trupps Bewaffneter; zu Ferrante.)
Aufruhr im Volk, der Fürst in seiner Blöße:
Triumph!

(Sie stürmen die Treppe hinab und verschwinden im Hintergrund.)

König (steht nun mit Panfilio und Niccola allein auf der Terrasse, blickt wie geistesabwesend in das tolle Treiben, schauert zusammen).
                Mich friert. – Gebt einen Mantel her! 120

Panfilio (legt schnell seinen Mantel ab und reicht ihn dem König).
So glaubst du selber an dein Kleid nicht mehr?

König (wickelt sich in den Mantel).
Mich friert in meiner einsamen Größe. 121


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