Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Epilog

Sturz der Wirklichkeit

Wir sind im Begriff, zu erwachen, wenn wir träumen, daß wir träumen.
Novalis

Die neue Inkubationsperiode

Das große Leitmotiv des Mittelalters lautete: universalia sunt realia. Aber das Finale des Mittelalters bildet der Satz: Es gib keine Universalien.

Den Ausklang der Neuzeit bezeichnet die Erkenntnis: Es gibt keine Realien. Wir befinden uns in einer neuen Inkubationsperiode.

Dies ist nur allegorisch zu nehmen. Jedes historische Zeitalter ist ein bestimmter Gedanke Gottes, ein einmaliger Lichtstrahl zwischen zwei Unendlichkeiten. Im Gange der Weltgeschichte ist nichts ähnlich im geometrischen Sinne: sich ihn als nachkonstruierbar auch nur zu imaginieren, wäre eine atheistische Vorstellung; hingegen alles ähnlich im künstlerischen Verstande, nämlich analog. Wie zu jener Wendezeit sehen wir auch diesmal vorerst nur, daß ein Weltbild sich auflöst: dies aber mit voller Deutlichkeit; daß, was der europäische Mensch ein halbes Jahrtausend lang die Wirklichkeit nannte, vor seinen Augen auseinanderfällt wie trockener Zunder.

Das Weltall als Molekül

Schon wenn man den Gedanken der Unendlichkeit des Weltalls, dem die Neuzeit anhebt, konsequent zu Ende denkt, gelangt man zur Irrealität; denn Unendlichkeit ist nichts als ein mathematisch formulierter Ausdruck für Unwirklichkeit. Versucht man sich reell vorzustellen, daß die Milchstraße aus mehr als einer Milliarde Fixsternen besteht, darunter vielen, deren Durchmesser größer ist als die Entfernung der Erde von der Sonne, und daß sie nicht etwa den ruhenden Pol im Kosmos bildet, sondern mit einer Geschwindigkeit von sechshundert Kilometer in der Sekunde, also etwa tausendmal so schnell wie eine Kanonenkugel irgendwohin rast, so reduziert sich die Annahme, dies könne noch irgend etwas mit Wirklichkeit zu tun haben, zum bloßen Gedankenspiel. Noch irrealer aber wird das Bild, wenn man sich der neuesten Vermutung anschließt, daß die Summe aller Sternhaufen ein geschlossenes endliches System von der Form eines Rotationsellipsoids bildet, denn dann läßt sich der Gedanke nicht von der Hand weisen, daß dieses nichts ist als eines der Moleküle, aus denen ein größerer Körper aufgebaut ist.

Das Molekül als Weltall

Ebenso ungeheuer und unfaßbar wie die Dimensionen nach oben sind nämlich auch die Dimensionen nach unten, wie sie sich im Atom offenbaren. Nach den jüngsten Berechnungen hat der Radius eines Atoms eine durchschnittliche Länge von 10 -8 cm oder einem Zehnmillionstelmillimeter, und die Masse eines Wasserstoffatoms verhält sich zur Masse eines Gramms Wasser wie die eines Postpakets von zehn Kilogramm zu der unseres Planeten. Ein jedes solches Atom denkt man sich aber, wie schon im vorigen Abschnitt mitgeteilt wurde, als ein Sonnensystem, worin um einen positiv geladenen Zentralkörper negative Elektronen in riesigen Entfernungen elliptische Bahnen beschreiben. Die Radiuslänge eines solchen Elektrons ist, an der des Atoms gemessen, verschwindend klein: sie beträgt den dreibillionsten Teil eines Millimeters, ein Elektron erscheint neben einem Bazillus ungefähr ebenso groß wie dieser neben der Erdkugel. Das Wichtigste aber besteht in folgendem: die positive Ladung des Kerns ist es, die das spezifische Atomgewicht bestimmt, die Masse des Atoms ist eine Wirkung der Kernladung. Diese Ladung ist etwas schlechthin Immaterielles, sie besitzt selber keinerlei Gewicht, Schwere, Volumen, Trägheit oder wie sonst man die Eigenschaften der Materie zu benennen pflegt. Die Masse des Atoms ist also nur eine scheinbare, die Materie existiert nicht. Die derzeitige Physik sieht sich daher gezwungen, die bisherige Vorstellung, die mit leeren Räumen und darin befindlichen körperlichen Atomen operierte, aufzugeben und als Grundbegriffe Energiefelder und Knotenpunkte einzuführen. Was ein Feld und eine Ladung ist, wissen wir nicht.

Sein letztes Retiro findet der Positivismus in dem Trost, daß alle diese Spannungsdifferenzen, Potentialunterschiede, Funktionen, Bahnen, Geschwindigkeiten, Kraftlinien und sonstigen Verlegenheitssymbole sich in exakten mathematischen Gleichungen ausdrücken lassen; was nicht überraschen kann, denn alles Vergängliche ist nicht nur ein Gleichnis, sondern auch eine Gleichung, oder weniger höflich ausgedrückt: alle Wissenschaft ist Tautologie.

Die Zeit ist eine Funktion des Orts

Zu denselben Ansichten über die Materie gelangt die Relativitätstheorie, die als das größte geistige Ereignis des neuen Jahrhunderts angesehen werden muß. Erschien bisher die Zeit als die tiefe azurne Schale, in der alles Sein von Ewigkeit her ruht, wie nach dem Weltbild der Antike der Kosmos in der blauen Himmelsglocke, so hat sie nun dasselbe Schicksal erlitten wie dieser beim Anbruch der Neuzeit. Die europäische Menschheit, die während der letzten hundert Jahre mit der Nobilitierung zum Kopernikus sehr freigebig war, indem sie diesen Titel nacheinander Cuvier, Comte, Darwin, Marx, Freud und noch mehreren anderen verlieh, hat in diesem Falle den triftigsten Anlaß, von einer kopernikanischen Tat zu reden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß spätere Generationen einmal von unseren Tagen als dem Zeitalter Einsteins sprechen werden.

Ein Schnellzug von hundert Kilometer Länge bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von einem Kilometer in der Sekunde. Einen solchen Schnellzug gibt es nicht, denn seine Länge wäre etwa dreihundertmal, seine Geschwindigkeit etwa dreißigmal so groß wie die derzeit erreichbaren Höchstmaße. An der Spitze des Zuges befinde sich eine Person A, am Ende eine Person Z. Sie geben einander gleichzeitig Lichtsignale, die von einem außerhalb des Zuges befindlichen Beobachter B kontrolliert werden. Alle drei sind im Besitz genauester Präzisionsuhren, die noch den dreihunderttausendsten Teil einer Sekunde angeben. Solange der Zug steht, werden für alle drei Beteiligten die Signale gleichzeitig an ihren Empfangsorten eintreffen, nämlich (da das Licht eine Geschwindigkeit von dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde hat) eine Dreitausendstelsekunde nach Abgabe. Auch wenn der Zug sich bewegt, werden die Signale für A und Z gleichzeitig eintreffen. Aber für B hat dann der Lichtstrahl von Z nach A einen Weg von 101 km in der Sekunde zurückzulegen, von A nach Z einen Weg von 99 km, er wird daher in A um zwei Drittel einer Hunderttausendstelsekunde später ankommen als in Z. Mit anderen Worten: gleichzeitige Ereignisse sind nur gleichzeitig innerhalb desselben Bewegungssystems; die Zeit hängt vom Bewegungszustand des Beobachters ab; für jeden Körper ist, je nach seinem Bewegungszustand, die Zeitrechnung eine andere. Jedem Ort ist eine bestimmte Zeit zugeordnet; die Zeit ist eine Funktion des Orts.

Masse ist Energie

Die Zeit ist, weil der Ort jedes Ereignisses erst durch sie eindeutig bestimmt wird, nichts anderes als die vierte Dimension, und es läßt sich daher für Zeit und Raum ein gemeinsames Maß aufstellen; die Einheit ist ein Zeitmeter, das heißt: die Zeit, die ein Lichtstrahl zum Zurücklegen eines Meters braucht, eine Dreihundertmillionstelsekunde. Nun wird die Energie, mit der ein Körper sich bewegt, seine »lebendige Kraft«, dadurch errechnet, daß man seine Masse mit dem Quadrat seiner Geschwindigkeit multipliziert: diese Formel mv 2 (genauer m/2 * v 2) hatte, wie wir uns erinnern, bereits Leibniz gefunden. Die Geschwindigkeit erhält man, wenn man den Weg s durch die Zeit t dividiert. Rechnet man nun in Zeitmetern, so ergibt sich für Energie und Masse dieselbe Maßeinheit. Nach der Formel: Energie gleich m*(s/t) 2 ist dann zum Beispiel bei einem Geschoß, das eine Geschwindigkeit von dreihundert Metern in der Sekunde besitzt, die Bewegungsenergie so viel wie: Masse, multipliziert mit dreihundert Meter Weg, dividiert durch dreihundert Millionen Meter Zeit = ein Millionstel, zum Quadrat erhoben = ein Billionstel. Die Energie ist also in diesem Falle gleich einem Billionstel Masse, oder vielmehr umgekehrt: die Masse ist nichts als ein ungeheures Quantum Energie, eine Erscheinungsform der lebendigen Kraft. Die allgemeine Formel für diesen Tatbestand lautet: E=mc 2, wobei c die Lichtgeschwindigkeit bedeutet; und sie besagt, daß die Materie immateriell ist, daß die Masse nicht existiert.

Es gibt keine Gleichzeitigkeit

Aus dem neuen ZeitbegrifF folgen jedoch noch weitere grundstürzende Erkenntnisse. Jede Bewegung ist eine Distanzveränderung. Zum Begriff einer absoluten Bewegung würde notwendig ein absolut ruhender Körper gehören, auf den wir sie beziehen können; was wir aber nicht können. Alle Bewegung ist also relativ. Es gibt nicht etwa: auf der einen Seite ein ruhendes, auf der anderen Seite ein bewegtes System, sondern immer nur zwei (oder mehr) Systeme in relativer Bewegung. Schon Newton hatte betont, es gebe keine einseitige Gravitation, der fallende Stein ziehe ebenso die Erde an wie die Erde den Stein. Die Masse des Steins ist aber im Verhältnis zur Erde so gering, daß wir ihre Wirkung vernachlässigen können; etwas Ähnliches tun wir, wenn wir sagen, die Erde bewege sich um die Sonne.

Daß wir die Relativität der Zeit nicht bemerken, hat seinen Grund in der Länge oder richtiger gesagt: Langsamkeit unseres Lebens, die wiederum der Grund dafür ist, daß wir die Relativität des Orts bemerken. Hätte unser Auffassungsvermögen annähernde Lichtgeschwindigkeit, so würden wir wahrnehmen, daß die Zeit sich bewegt, während wir niemals wahrnehmen würden, höchstens durch »astronomische« Beobachtungen erschließen könnten, daß ein Stein fällt. Da die Bewegungen und Veränderungen, die unseren Sinnen zugänglich sind, an Schnelligkeit mit dem Licht niemals auch nur entfernt verglichen werden können, wird unser praktisches Leben von den Enthüllungen Einsteins ebensowenig berührt wie von der Depossedierung des ptolemäischen Systems durch das heliozentrische. Während der ganzen Neuzeit ging die Sonne ebenso auf, wie sie es bisher getan hatte und immer tun wird; aber das Weltgefühl erfuhr eine entscheidende Umorientierung. Sie bestand in dem Sieg des szientifischen Geistes, der das Weltall zwar zum erstenmal in seiner ungeheuern Größe erblickte, aber zugleich eben als eine Größe: etwas Mathematisches, Kalkulables, Berechenbares. In die umgekehrte Richtung weist die Relativitätstheorie. Sie erblickt den Kosmos als etwas Endliches, aber vollkommen Unverständliches, den Apperzeptionsmöglichkeiten der Wissenschaft Entzogenes.

Wie Oben und Unten Raumbegriffe sind, die lediglich vom Platz des Betrachters abhängen, so sind Vorher und Nachher Vorstellungen, die nur in Beziehung auf einen gegebenen Zeitstandort einen Inhalt besitzen. Die Behauptung, daß zwei Ereignisse gleichzeitig sind, hat überhaupt nur einen Sinn, wenn sie im Hinblick auf ein bestimmtes Bewegungssystem aufgestellt wird; ein außerhalb dieses Systems befindlicher Beobachter würde finden, daß sie, je nach dem Ort, an dem sie stattfanden, früher oder später eingetreten seien. An sich sind zwei Ereignisse weder gleichzeitig noch ungleichzeitig; sie werden es erst durch Einordnung in die Relativität eines Systems. Groß und klein, nah und fern, früh und spät, gleichzeitig und ungleichzeitig sind nicht etwa »subjektive« Maßstäbe, sondern überhaupt keine Maßstäbe, denn sie können auf keine absolute Maßeinheit bezogen werden. Mit dem Begriff der absoluten Gleichzeitigkeit fällt aber auch der absolute Maßstab für Raumgrößen, also der Begriff der Gleichheit zweier Strecken und der Parallelität: Parallelen schneiden sich.

Der Schuß in den Weltraum

Daß alle »Wahrheiten« eines Zeitalters ein zusammenhängendes Planetensystem bilden, sehen wir an der gleichzeitig mit der Relativitätstheorie entstandenen »Welteislehre« Hanns Hörbigers, die er selber bezeichnender »Glazialkosmogonie« und im Untertitel mit vollem Recht »eine neue Entwicklungsgeschichte des Weltalls und des Sonnensystems« nennt. Er gelangte zu seinen Anschauungen durch praktische Beobachtungen, die er als Hütteningenieur gemacht hatte. Eisklumpen, in flüssige Hochofenschlacke getaucht, schmelzen nämlich nicht, sondern die Schlacke erstarrt um sie zu einer schwammigen, bimssteinähnlichen Isolierschicht, und erst allmählich verwandelt sich das Eis in Wasser, das sich bis zu hundert Grad erhitzt, ja unter »Siedeverzug« noch darüber hinaus, bis schließlich die »Bimssteinbombe« explodiert. In Analogie hierzu denkt sich nun Hörbiger unser Milchstraßensystem etwa folgendermaßen entstanden. Irgendwo im Weltraum, in der Gegend der Taube, befindet sich die »Sternmutter«, ein riesiges Glutgestirn, zweihundertmillionenmal so groß wie die Sonne; ein »Eisling«, von etwa vierzigtausendfacher Sonnengröße, wird von ihr eingefangen, dringt, zum Teil unaufgelöst, in sie ein und beginnt langsam zu kochen; ist die Riesenexplosion erfolgt, so fällt der größte Teil der aufspritzenden Sternmassen wieder zurück, etwa ein Viertelprozent aber gelangt durch die Wucht der Entladung sowie durch nachdrängende Gase aus dem Gravitationsfeld. Dieser Schuß in den Weltraum ist unser Sonnensystem.

Die Konzeption Hörbigers unterscheidet sich von der bisherigen in mehreren sehr wesentlichen Punkten. Zunächst durch die unendlich größere Rolle, die sie dem Eis als Aufbaustoff einräumt. Sodann und vor allem durch ihre dynamische Form. Das kantische Weltbild ist statisch; wie sanfte Lämmerwölkchen ziehen die Gasnebel langsam ihre Bahn, ballen sich gemächlich, erwärmen sich, verkrusten; der Mythus von der Glazialkosmogonie ist sozusagen in einer ganz anderen Tonart komponiert. Ferner ist nach Kant und Laplace in dem Nebelring, aus dem sich die Erde gebildet hat, der Mond als Massenknoten übriggeblieben; andere Laplacianer glauben, er habe sich unter der Wirkung der Zentrifugalkraft während des Gasstadiums von der Erde gelöst, wie diese einst von der Sonne. Gegen diese »Abschleuderungstheorie« spricht aber zweierlei: daß einige Planeten Monde von sehr verschiedenen Größen, Distanzen, Phasen besitzen (die Umlaufszeiten schwanken zwischen zwölf Erdenstunden und zweieinhalb Erdenjahren) und daß die Trabanten des Uranus und Neptun sogar eine rückläufige Bewegung aufweisen, was doch ganz unmöglich wäre, wenn sie als Teile eines rotierenden Gasballs von diesem abgesprengt worden wären. Viel zwangloser löst die Theorie Hörbigers das Mondproblem, indem sie auch hier das gerade Gegenteil der bisherigen Erklärung behauptet.

Die Monde gehörten niemals zur Planetenmasse; es ist ihnen allen aber bestimmt, ihr einmal einverleibt zu werden, und dasselbe Schicksal erwartet die kleineren Planeten in ihrem Verhältnis zu den größeren. Infolge des Widerstandes des nicht vollkommen leeren Weltraums erleiden die Gestirne eine Bahnschrumpfung, die zur Folge hat, daß die Monde in die Planeten, die Planeten in die Sonne sinken. Etwa zehn »Zwischenmerkure« haben sich bereits mit der Sonne vereinigt und mehrere »Zwischenmarse« mit der Erde, die zuerst von ihr zu Monden gemacht und schließlich »niedergeholt« wurden: auch unser jetziger Mond war ursprünglich der Planet Luna zwischen Mars und Erde, und der Mars wird unser letzter Mond werden.

Es wechseln also Mondzeiten mit mondlosen, »paradiesischen«, »lemurischen« Zeiten. Die Sintflut war die Katastrophe, die die Auflösung des vorletzten Mondes begleitete, als dieser in einem ungeheuern Hagel von Eis und Eisenschlamm auf die Erde niederging; der äquatoriale Flutgürtel, der Mondstütze beraubt, strömte nach den Polen ab. Auch die Flut, die vor etwa vierzehntausend Jahren der Einfang unseres derzeitigen Mondes erregte, eine Art von ins Riesenhafte gesteigerten »Gezeiten«, hat das Antlitz der Erde wesentlich verändert: ihr fielen der Kontinent Atlantis zwischen Amerika und Afrika, das Osterinselreich im Westen Südamerikas und Lemurien, die breite Brücke zwischen Ostafrika und Indien, zum Opfer. Das Bild, das die Natur kurz vor einem Mondeinsturz bietet, ist höchst aufregend und pittoresk: der Mond täglich viermal um die Erde schwingend, riesengroß, ein Drittel der Sterne verdeckend; nie völlig Tag, nie völlig Nacht; der Himmel erfüllt von dicken Eiswolken und Riesengewittern: Land und Meer bedeckt von einem Trommelfeuer prasselnder Metallmeteoriten, kämpfender Gasentladungen, heulender Eisgranaten.

Die Glazialkosmogonie ist eine Katastrophentheorie; aus ihr folgt, daß auch auf biologischem Gebiete sich die Entwicklung in der Form explosiver Weltaufgänge und Weltuntergänge vollziehen mußte, die mit dem Darwinismus völlig unverträglich sind. Ebenso unvereinbar sind ihre Thesen mit dem Weltbild Newtons. Es kann natürlich niemand gezwungen werden, von der Richtigkeit der Welteislehre überzeugt zu sein (sie gehört in die Kunstgattung der Lehrdichtungen), aber zumindest dürfte sie nahegelegt haben, daß das Weltgebäude der sogenannten »klassischen Mechanik« nicht existiert. Sie befindet sich darin in unterirdischem Einklang mit der Relativitätstheorie.

Heraufkunft des Wassermanns

Durch sie gelangt auch die Welt der »Sagen« als Prinzip der Naturerklärung zu neuem Ansehen. In den Mythen aller Völker kehrt die Kunde vom »Großen Wasser« wie ein Balladenrefrain immer wieder: in den Erzählungen von Noah und Deukalion, bei den Chaldäern, den Azteken, sogar bei den Eskimos. In ebenso frappanter Weise decken sich jene Geschichtserinnerungen mit den Lehren der Astrologie. Es kann überhaupt kaum einem Zweifel unterliegen, daß unser Geschichtsbild, hinter dem Rücken der Historiker, Miene macht, sich astrologisch zu orientieren.

Nach den uralten Weisheitslehren der Sterndeuter, die in unseren Tagen bloß erneuert wurden, vollzieht sich der Gang der Weltgeschichte in Zeitaltern von je 2100 Jahren, die sich nach dem Frühlingspunkt der Sonne und dem Stand der Tierkreiszeichen bestimmen. Die vorletzte Ära war die »Widderzeit«: etwa das, was wir als die Antike bezeichnen; sie währte von 2250 bis 150 vor Christus. Um etwa 150 setzte das Zeitalter der Fische ein, das soeben zu Ende geht: es deckt sich mit der »abendländischen« Epoche. In der Tat beginnt gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts die Erwartung des Heilands sich zu verdichten, und es hebt die Ära des Christentums an, wohlverstanden: des westlichen, das höchstwahrscheinlich nur eine Vorstufe des echten Christentums bildet. Ganz ins Große gerechnet, sind jene beiden Dominanten, die am Schlusse der Neuzeit zur vollendetsten und extremsten Ausbildung gelangten, Imperialismus und Impressionismus, eigentlich jenes ganze Weltalter hindurch bestimmend gewesen: an seinem Anfang steht die römische, an seinem Ende die angelsächsische Weltherrschaft, aber auch während des ganzen Mittelalters war der Gedanke eines kirchlichen und politischen Universalreichs führend; und ebenso hat in der Auffassung der Welt, obschon mit sehr bedeutenden Schwankungen, die Abbildung des Eindrucks als Leitprinzip vorgeherrscht.

Wir sind im Begriffe, aus dem Sternbild der Fische in das des Wassermanns zu übersiedeln. Wassermann bedeutet: Einsamkeit, Innenschau, Hellsicht, Tiefenperspektive. Wassermann bedeutet das Ende des Glaubens an den Primat des Sozialen, an die Wichtigkeit der Oberfläche, die Beweiskraft der Nähe, die Realität der Realität. Für die Übergangszeit prophezeit die Astrologie eine neue Hyksosherrschaft, wie sie in Ägypten um die Wende des dritten vorchristlichen Jahrtausends beim Hinüberwechseln vom Stier zum Widder bestanden hat. Damit kann nur der Bolschewismus gemeint sein.

Untergang der Historie

Spengler ist sicher kein Astrologiegläubiger. Gleichwohl kann seine Lehre von den Kulturkreisen gar nicht anders als astrologisch gedeutet werden. Der bisher angenommene Stufenbau der Weltgeschichte, im wesentlichen ein Konstruktionswerk des Aufklärungszeitalters, ist jedenfalls durch sie vollkommen zertrümmert worden. Die Umwälzung, die seine neue Konzeption bewirkt hat, ist aber eine noch viel gewaltigere. Sie hat uns gezeigt, daß wir andere Kulturen überhaupt nicht verstehen können und daß die unserige nur eine mögliche Form unter vielen ist. Daher spricht Spengler vom ptolemäischen Geschichtsbild der bisherigen Historie. Das geozentrische System wurde von den Griechen geglaubt, nicht weil sie so »zurückgeblieben« waren, sondern weil es ihrer inneren Lebensform entsprach. Aus demselben Grunde wurde der nirwanagläubige Inder der Erfinder der Null, der »faustische« Mensch in seinem Unendlichkeitsdrang der Schöpfer der Infinitesimalrechnung. Für den Babylonier waren die astrologischen Formeln in dem gleichen Maße Gegenstand »wissenschaftlicher« Überzeugung wie für den Araber die alchimistischen und für uns die astronomischen und chemischen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß man eines Tages die Ruinen unserer Funktürme ebenso schlüssellos anstaunen wird wie wir die ägyptischen Tempelreste und unseren Logarithmentafeln dasselbe rein kulturhistorische Interesse entgegenbringen wird, mit dem wir die Tontafeln betrachten, worauf die Chaldäer die Erkundung der Zukunft durch Leberschau explizierten. Die ganze neuere Geschichtsforschung hat die Historie immer nur vom Standpunkt der Neuzeit betrachtet. Diesen vermag man zu verlassen; nicht aber den europäischen Standpunkt, der sogar schon bei der Betrachtung der Antike versagt. Die Geschichte existiert nicht. Wir sind hoffnungslos in einen historischen Apriorismus eingesperrt, den wir günstigstenfalls begreifen, niemals durchbrechen können. Da die Neuzeit soeben abgelaufen ist, so hatte der vorliegende Versuch die unverdiente Chance, sie von einem außerneuzeitlichen Gesichtswinkel betrachten zu können. Aber er vermochte es nur mit den Mitteln der Neuzeit. Er wird daher von der großen geheimnisvollen Brandung, die wir in ohnmächtiger Unkenntnis ihres schöpferischen Sinns nur negativ als »Sturz der Wirklichkeit« zu benennen vermögen, ebenso in die Tiefe gerissen werden wie sein Darstellungsobjekt.

Untergang der Logik

Das deutlichste Anzeichen, daß das rationalistische Intermezzo zu Ende geht, ist darin zu erblicken, daß sogar das Palladium des »modernen Denkens«, die kanonische Logik, bereits zu wanken beginnt. Ihr Schöpfer ist Aristoteles; Plato war noch kein Logiker im abendländischen Verstande. Die beiden Grundpfeiler, auf denen er sie errichtete, sind das principium contradictionis, welches gebietet: Widersprechendes darf nicht zusammengedacht werden, und das principium exclusi tertii, welches festsetzt: es gibt nur A oder non- A, ein Drittes oder Mittleres ist nicht denkbar; oder, wie es Aristoteles selber ausdrückt: »Es ist unmöglich, daß einem und demselben eine und dieselbe Bestimmung zukomme und nicht zukomme«, »zwischen den Gliedern eines kontradiktorischen Gegensatzes kann nichts mehr in der Mitte liegen.« Diese Sätze haben bloße Papiergültigkeit.

Denn sowohl alles künstlerische wie alles natürliche Denken (also fast alles Denken) ist überlogisch, nämlich symbolisch. Unter einer »symbolischen« verstehen wir eine Vorstellung, die etwas bedeutet und gleichzeitig etwas anderes, das nicht selten das Gegenteil davon ist. Völlig symbolfreies Denken ist wahrscheinlich nicht einmal in der Wissenschaft möglich: sie täuscht sich nur darüber. Es herrscht uneingeschränkt nur in der Welt der reinen Zahlen und Größen, der Welt der Tautologie und (wie beim Kugel- oder Kartenspiel) in der Welt der reinen Zeichen, der Welt der Idiotie.

Die aristotelische Logik, die ganz einfach Denken mit Grammatik verwechselt, hat unangefochten Geltung gehabt: bei den Römern, deren ganze Begabung sich auf Jurisprudenz und Taktik erstreckte, während der Ausbildung des Alexandrinismus und der Spätscholastik, der Zerfallsprodukte der hellenischen und der gotischen Kultur, und während der ganzen Neuzeit. Ihre Auflösung kündigt sich jedoch bereits bei Hegel an, der wegen seines mißverstandenen »Panlogismus« als extremer Rationalist gilt, tatsächlich aber die »Wahrheit« in der Vereinigung der These und der Antithese erblickte, also in etwas Irrationalem. Seine unvergängliche Erkenntnistat war die Einsetzung oder vielmehr Wiedereinsetzung der synthetischen Denkform, welche höchst antiaristotelisch sowohl den Satz vom Widerspruch wie den Satz vom ausgeschlossenen Dritten aufhebt, indem sie behauptet: Widersprechendes muß zusammengedacht werden, denn gerade darin besteht die Aufgabe des Denkens, und zwischen den zwei Gliedern eines kontradiktorischen Gegensatzes gibt es ein Drittes, ja es gibt nur dieses Dritte, A allein und non-A allein sind beide falsch. Dasselbe meinte Tertullian, als er von den christlichen Heilswahrheiten erklärte, sie seien glaubwürdig, weil sie ungereimt, sicher, weil sie unmöglich seien. Das Akzeptieren der Absurdität ist nicht, wie oberflächliche Meinung glaubte, ein Aufgeben der Vernunft, sondern bloß eine andere Form der Vernunft. Sie hat schon deshalb die reicheren Entwicklungsmöglichkeiten, weil die logische Vernunft nur eine ist, die überlogische ein Regenbogen, dessen Farbenfülle alle Seelenformen zu spiegeln vermag. Die Alleinherrschaft des Syllogismus gilt nur vom Standpunkt des Positivisten, der, wie man auch sonst über ihn denken mag, jedenfalls doch nur eine historische Spezialität ist; das Zwölftafelgesetz der Kategorien ist eine Realität nur für den Kulturhistoriker.

Dada

Die geschichtliche Bedingtheit des Rationalismus hat der Dadaismus instinktiv erkannt, als er ihn in einem seiner Manifeste als »bürgerlichen Bluff« bezeichnete. »Dada« heißt in der Kindersprache soviel wie Steckenpferd. Etwas anderes war dieses neue Kunstprinzip allerdings auch nicht. Es hat seine klassische Formulierung in dem Ausspruch Moravagines, des Helden eines dadaistischen Romans, gefunden: »La vie est une chose vraiment idiote.« Dies zu dokumentieren, war aber auch schon vielen vordadaistischen Kunstleistungen restlos gelungen. Und überhaupt kann man im ganzen Expressionismus trotz der dicken Wolke von Tumult, die er um sich verbreitete, nicht gut eine neue Richtung erblicken. Er war revolutionär nur in der Attitüde. Er ersetzte einfach das »Im« durch ein »Ex«. Wie die Romantik bei aller ihrer überschärften Polemik gegen den Klassizismus doch nichts als eine seiner Spielarten war, so war der Expressionismus in Wirklichkeit nur eine impressionistische Spezialität, keine Geburt, bloß die unvermeidliche Selbstauflösung des Impressionismus und in der Mehrzahl seiner Werke die verlotterte Karikatur des Impressionismus. Mit der Romantik hatte er auch dies gemeinsam, daß das Stärkste an ihm das Programm war. Der rabiate Entschluß, es jetzt einmal gerade umgekehrt zu machen, ist aber, so erfreulich er auf alle Fälle ist, für sich allein noch nicht schöpferisch; und wenn eine Richtung statt mit der Erneuerung der Poesie mit der Revolutionierung der Poetik, der Dialektik der Kunst, anfängt, entsteht immer nur Literatur. In dieser vorlauten und sterilen Opitzerei ähnelte der Expressionismus der ersten schlesischen Dichterschule, in seinem spektakulösen Geballe, das Leidenschaft durch Lärm ersetzte, der zweiten, während sein journalistischer Hang, die Kunst durch Politik und Soziologie zu verdüstern, an das »junge Deutschland« erinnerte; und daß er noch viel kurzlebiger war, dürfte seinen Grund darin haben, daß ihm versagt war, was den Jungdeutschen immerhin noch einen Schimmer von pittoreskem Suggestionsreiz verliehen hatte: das Märtyrertum der Unterdrückung. Es war vielleicht noch nie da, daß eine geistige Strömung, die eine ganze Jugend erfüllte, so vollkommen verpufft ist, gar keine Spuren hinterlassen hat.

Die Knappheit der Form, erwirkt durch den militärischen Geist des Weltkriegs, war ebenfalls nur äußerliche Geste. Durch Artikelweglassen, Inversionen, halsbrecherische Ellipsen glaubten die Expressionisten Konzentration zu erzeugen, erreichten aber nur eine Art Telegrammgeschwätzigkeit. Auf sie gilt im Höchstmaß, was Nietzsche schon viel früher konstatiert hatte: »Der Ton, in dem Jünglinge reden, loben, tadeln, dichten«, sei »zu laut, und zwar zugleich dumpf und undeutlich wie der Ton in einem Gewölbe, der durch die Leere eine solche Schallkraft bekommt«; »die Angst, man möchte ihren Figuren nicht glauben, daß sie leben, kann Künstler des absinkenden Geschmacks verführen, diese so zu bilden, daß sie sich wie toll benehmen.« Mit dem Stichwort »Geist« trieben sie einen ähnlichen Unfug wie das junge Deutschland mit dem »Zeitgeist«. Nun spricht aber niemand mehr von Geist als der Geistlose, niemand mehr von der Natur als der Naturentfremdete. Ist es vorstellbar, daß Breughel oder Rabelais sich Naturalisten genannt hätten und Nietzsche den Geist nicht verachtet hätte? Hingegen wurde die Rousseauische »Rückkehr zur Natur« nirgends begeisterter gepredigt als in den dekadenten Pariser Salons und die naturalistische Bewegung der achtziger Jahre in Berliner Bierkellern und Mansarden geboren. Und ebenso war der infantile undisziplinierte Dilettantismus der Expressionisten von nichts weiter entfernt als von echter Geistigkeit.

Die Katastrophe des Dramas

Auf dem Bühnengebiet vollzog sich durch den Expressionismus die Katastrophe des Dramas. Sie kündigt sich bereits in den Komödien Shaws an, der in der Geschichte des bürgerlichen Schauspiels ungefähr dieselbe Rolle spielt wie Euripides innerhalb der Entwicklung der griechischen Tragödie: sie äußert sich bei beiden als Auflösung der geschlossenen Theaterform in Philosophie, Psychologie, Essay, Diskussion, in Ambivalenz, Ironie, Tragikomik, Relativismus. Auch Euripides bringt ganz shawisch die sokratische Dialektik, die Rednertribüne, die Frauenemanzipation, die soziale Frage aufs Theater. Im »Symposion« wird erzählt, daß am Schluß alle betrunken unter den Tisch fielen, nur Sokrates, Agathon und Aristophanes seien noch munter geblieben und Sokrates habe den beiden Dichtern bewiesen, daß der Tragödienschreiber und der Komödienschreiber ein und dieselbe Person sein müsse; sie hätten ihm aber nicht mehr ganz folgen können und seien ab und zu eingenickt. Euripides aber, der nicht dabei war, hat ihn verstanden und diese Kunstgattung tatsächlich geschaffen. Der Zusammenbruch des Theaters pflegt sich fast immer noch in einer zweiten Richtung zu vollziehen, und zwar in der entgegengesetzten; es dissoziiert sich zur leeren Bilderreihe, zum Ausstattungsrummel und primitiven Schaustück. Auch dies hat sich beidemal ganz parallel vollzogen: dem Kino und der Revue entsprechen in der Antike die Gladiatorenspiele und die Naumachien, bei denen auf der unter Wasser gesetzten Arena Tausende von Seesoldaten und Ruderern einander Monstreschlachten lieferten. Daß die uns gemäße Theaterform der Zirkus ist, hat der geniale Instinkt Reinhardts schon vor Jahren erkannt.

Der Expressionismus jedoch befindet sich bereits jenseits des Dramas: im Monodram, dessen Schauplatz die Seele des Helden ist, mit anderen Worten: in der reinen Lyrik, ja überhaupt außerhalb der Kunst, indem er prinzipiell nur Typen vorführt, was die Aufgabe der Wissenschaft ist: der Mörder ist Untersuchungsobjekt der Jurisprudenz, der Wahnsinnige Darstellungsgegenstand der Psychiatrie, der Mensch Thema der Philosophie, wie der Affe in die Zoologie gehört, während die Kunst niemals mit Typen zu tun hat und sogar, man denke an Busch oder Andersen, Tiere individualisiert, hingegen in ihren Gipfelschöpfungen Individuen zu Typen erhöht, was etwas ganz anderes ist. Der Grund für den Zusammenbruch des Theaters (der auf seine Weise ebenfalls ein Sturz der Wirklichkeit ist) liegt allemal in dem Versiegen der Naivität, des kindlichen Ernsts im Spiel: man spielt nicht mehr die Dinge, sondern mit den Dingen. Jose Ortega, Professor der Metaphysik an der Madrider Universität und Führer des jungen Spanien, sagt in einem sehr geistvollen Buche »El tema de nuestro tiempo«: »Nie zeigt die Kunst ihre magische Gewalt schöner als in ihrer Selbstverspottung. Denn durch die Geste, mit der sie sich ausstreicht, bleibt sie Kunst, und kraft einer wunderbaren Dialektik wird ihre Verneinung ihre Bewahrung und ihr Triumph.« Das ist prachtvoll gesagt; aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß der Verfall der Kunst einsetzt, wenn sie anfängt, sich zu durchschauen. Hierin erinnert der Expressionismus übrigens wiederum an die Romantik. Ortega geht aber noch weiter. Er verkündet das Prinzip der »Enthumanisierung der Kunst«: »Die Neuen«, sagt er, »haben jede Einmischung des Menschlichen in die Kunst für Tabu erklärt. Was bedeutet dieser Ekel am Menschlichen in der Kunst? Ist er Ekel am Menschlichen überhaupt, an der Wirklichkeit, am Leben? Oder sollte er etwa das gerade Gegenteil sein, Achtung vor dem Leben und der Widerwille, es mit der Kunst verwechselt zu sehen, mit einer so subalternen Sache wie der Kunst?« Wiederum sehr schön gesagt; aber vom subalternen Standpunkt des Künstlers ist es die Bankerotterklärung der Kunst.

Selbstmord der Kunst

In der Tat scheint die tiefere Wurzel des Futurismus die Entfesselung einer Art von Selbstmordinstinkt gewesen zu sein, und zwar auf sämtlichen Kunstgebieten. Wenn die »Atonalen« erklärten, daß die Melodik nicht mehr an die Harmonik gebunden sei, die Jazzband Kuhglocken, Autohupen und Kindertrompeten als Instrumente einführte und der Step den Tanz ins idiotische Schreiten auflöste, wenn die »absolute Plastik« bloß noch den Rhythmus eines Objekts und der Kubismus lediglich geometrische Formen zu gestalten wünschte, die absolute Malerei nur das »gegenstandslose« Gemälde und der »Konstruktivismus« nur Ingenieurbauten duldete und wenn Stilleben aus Draht, Rädern, Holzdeckeln, Tuchfetzen und Zeitungsausschnitten (zugleich ein Sinnbild der allgemeinen Verpowerung des Daseins) die Ausstellungen schmückten, so hatte das allemal dieselbe Pointe.

Es wurde bereits bei mehreren Anlässen betont, daß die Malerei fast immer sowohl der früheste wie der stärkste Ausdruck des Zeitgefühls ist, und so verhielt es sich auch diesmal, weshalb der malerische Expressionismus nicht so einfach abgetan werden kann wie der literarische. Was er wollte, ist ziemlich klar. In seiner Programmschrift »Einblick in Kunst« sagt Herwarth Waiden: »Wir empfinden Musik, aber können sie nicht verstehen. Sie bewegt uns, sie zwingt uns, aber sie sagt nichts aus, sie erzählt uns nichts. Nur so ist auch die Malerei zu verstehen. Wir haben in der Welt der Tatsachen nie diese Töne gehört, diese Verbindung der Töne. Warum müssen wir die Verbindung der Farben und Formen gesehen haben, damit wir bewegt oder gezwungen werden? So fühlen die Künstler, die den Ausdruck, die Expression, statt des Eindrucks, der Impression, geben«; »der Künstler hat ein Bild zu malen und nicht einen Wald; es ist ferner Angelegenheit des Ochsen, einen Ochsen zu schaffen, und nicht Angelegenheit des Malers«; »der Herr Kritiker findet ein Bild schön, wenn es ihn an Rembrandt erinnert; ein Bild ist aber nur schön, wenn es überhaupt nicht an ein Bild erinnert: sonst ist es nämlich eine Abbildung.« Diesem Bildersturm fiel auch die Perspektive zum Opfer. In der Tat hatte man jahrhundertelang übersehen, daß die Gesetze der neuzeitlichen Malweise durchaus nicht den Charakter kanonischer Gültigkeit beanspruchen dürfen, den man ihnen als ganz selbstverständlich zusprach. Sie sind nur unter der willkürlichen Voraussetzung bindend, daß ein Gemälde für den Standpunkt eines einzigen Betrachters da sei, als dessen Illusion. Dies ist die Optik der photographischen Linse, des Guckkastentheaters, des Theaterrealismus, eben jener Kunstform, die wir als die repräsentativ bürgerliche erkannt haben. Die vorperikleischen Griechen malten noch hintereinander befindliche Figuren übereinander und gleich groß. Die Ägypter stellten auf ihren Reliefs auch das zeitliche Nacheinander dar, und dasselbe hat bekanntlich der Expressionismus versucht. Da es eine absolute Gleichzeitigkeit ja gar nicht gibt, so trägt er kein Bedenken, diese Erkenntnis umzudrehen und zwei ungleichzeitige Ereignisse auf dasselbe Bild zu bringen: er ist also gewissermaßen die gemalte Relativitätstheorie. Auch die seltsame Hartnäckigkeit, mit der er überall der schrägen und krummen Linie den Vorzug gab, so daß seine Landschaften und Stadtansichten den Eindruck verwackelter Photographien machten, hängt wahrscheinlich mit der Relativitätstheorie zusammen, durch die ja das Parallelenaxiom und die ganze euklidische Geometrie aufgehoben wird: infolgedessen befindet sich bei ihm die Häuserfront immer knapp vor dem Einsturz und überhaupt der ganze Raum in einem Aufruhr gegen die Ebene und die Gerade. Er malt aber auch mit Vorliebe abgespaltene Teilvorstellungen, die eine rätselhafte Sonderexistenz führen, und in die Realität eingesprengte unverständliche Symbole und koordiniert unbedenklich Konkretes und Imaginiertes, so daß seine Bilder den Eindruck einer buckligen okkulten Traumwelt machen; er ist also gewissermaßen die gemalte Psychoanalyse.

Die Entwicklungsgeschichte der modernen Malerei kristallisiert sich um ein großes Hauptthema: die Darstellung der Bewegung. Dieses Problem beherrscht die gesamte Gemäldekunst von Rembrandt bis Marc. Die Renaissance sucht noch keine Bewegung, sie kennt nicht einmal das Problem. Die Barockkünstler sind die ersten, die die Bewegung abzubilden versuchen, und zwar auf die einzig mögliche Weise: durch Undeutlichkeit. Der Klassizismus schraubt sich gewaltsam wieder zum »starren System« zurück und erweist sich hierdurch als retrograd und ein wahres Malheur in der modernen Entwicklung. Der Impressionismus nimmt das Problem mit der höchsten Energie wieder auf. Uns erscheinen seine Bilder selbstverständlich; aber einem Menschen der achtziger Jahre hat sich vor einem Stück wie etwa der »Ballettprobe« von Degas buchstäblich alles gedreht, wie ja auch uns noch ein Gemälde wie Severinis prachtvoller »Pan-Pan-Tanz« (ein Standardwerk des Expressionismus, richtiger: des Hochimpressionismus) in Drehkrankheit versetzt. Beim Impressionismus unterscheidet sich jede spätere Phase von der vorhergegangenen durch ein Plus an Mobilität des Sehens. Die Optik seiner Monetphase zum Beispiel verhält sich zu der des ancien régime etwa wie die mechanische Wärmetheorie, die das Phänomen der Wärme als blitzschnelle Bewegung kleinster Massen auffaßt, zu der Phlogistontheorie des achtzehnten Jahrhunderts, die sich den Vorgang der Erwärmung durch Hinzutritt des »Wärmestoffs« erklärt: eine zweifellos viel statischere, sozusagen gemütlichere Vorstellung. Der Expressionismus aber entspricht der neuen Atomtheorie, die überhaupt nicht mehr an Massen glaubt, sondern bloß an dynamische, man kann fast sagen: überirdische Ladungen. Daß er nicht zufällig der Zeitgenosse des Kinematographen, der Aviatik, des Gaskriegs, des Radiums ist (von dem man sagen kann, daß es das realisierte Perpetuum mobile vorstellt), bedarf keiner weiteren Erläuterung. Irgendwo wie sich dies vollziehen wird und kann, vermögen wir noch nicht zu begreifen lauert hier die Auflösung der Malerei.

Der Surréalisme

Inzwischen ist, wie jedermann weiß, der Expressionismus durch den »surréalisme« abgelöst worden. Man möchte nur gern erfahren, worin das »sur« besteht, denn nach dem Programm dieser Richtung soll der Künstler nichts sein als ein »Registrierapparat«, ein »Rezeptakel« seiner Eindrücke, was ganz einfach ein Zurückgreifen auf die erste Phase des Impressionismus ist, die im vorletzten Kapitel geschildert wurde. In der Malerei nennt sich diese Schule auch »neue Sachlichkeit«, und hier möchte man wieder gern wissen, worin das Neue besteht, denn ihre Statik ist eine pure Umkehrung des dynamischen Prinzips, das der Impressionismus und Expressionismus verkörpert, eine Dublette des vorimpressionistischen Realismus, etwas des Biedermeier. Bisweilen bezeichnet sich der Surréalisme auch als »magischen Realismus«: ich vermag aber, als verbohrter Impressionist, das Magische in ihm nicht zu entdecken. Er will einen Ausgleich zwischen der Abstraktion des Expressionismus und der Einfühlung des Impressionismus herstellen: solche Weisheit des juste milieu hat aber in der Kunstgeschichte niemals Epoche gemacht. Er ist eine Reaktion in der vollsten Bedeutung des Wortes: nämlich nicht bloß ein Rückschlag, sondern auch ein Rückschritt, was ja, wie gesagt, im Entwicklungsgange der modernen Malerei kein Novum ist: auch Carstens, Genelli, Cornelius bedeuteten einen Retrogreß hinter das Rokoko, wie Puvis de Chavannes, Moreau und deren Schüler den Versuch, die Uhr zum Vorimpressionismus zurückzudrehen; und die Nazarener brachten es sogar fertig, das Cinquecento auszustreichen und sich bis auf die Frührenaissance zurückzuschrauben, was auch von den Präraffaeliten versucht wurde, ihnen aber nicht gelang, da sie glücklicherweise höchst dekadente, komplizierte Weltstädter waren. Die Surrealisten würden natürlich erwidern, sie seien weder Reaktionäre noch Kopisten einer früheren Kunstform, sondern ihr Realismus unterscheide sich von allen bisherigen Realismen dadurch, daß er durch den Expressionismus hindurchgegangen sei. Das ist selbstverständlich der Fall, schon weil es ganz unvermeidlich ist, denn Häckels »biogenetisches Grundgesetz« gilt auch für die Kunstgeschichte: alles, was je im menschlichen Geiste gewollt, gedacht, phantasiert wurde, ist in uns aufbewahrt; wir müssen es behalten, ob wir wollen oder nicht. Trotzdem aber bleibt richtig, daß alle diese forcierten Archaisierungsversuche mit dem Fluch der Sterilität belastet sind. Thorwaldsen wollte es machen wie Phidias und Schnorr wie Perugino; aber dieser Wille hat nur bewirkt, daß sie es viel schlechter machten als ihre Vorbilder und nicht einmal so gut, wie sie es selber gekonnt hätten. Sie hatten vergessen, daß diese Künstler, statt hinter ihre Zeit zu blicken, ihr vorausgeeilt waren: daß aus Peruginos Pinsel die Zukunft redete und Phidias von so aufreizender Modernität war, daß die Athener ihn vergifteten. Es läßt sich der Verdacht nicht von der Hand weisen, daß in der »neuen Sachlichkeit« wieder einmal der Gipsklassizismus zu Worte kommt, der die europäische Menschheit gleich einer »weißen Dame« von Zeit zu Zeit zu belästigen liebt. Franz Roh sagt in seinem sehr guten Buch »Nachexpressionismus«: »Die neueste Malerei will das Bild des absolut Fertigen, Kompletten, bis in die Spitzen Durchgestalteten geben, dem ewig fragmentarischen, nur in Fetzen sich formenden Leben als Vorbild restloser Durchstrukturierung auch im Kleinsten entgegensetzen.« Das ist ganz klassizistisch gedacht. Durch diese Tendenz zum Runden, Ausgearbeiteten, in sich Ruhenden erhalten die nachexpressionistischen Bilder etwas wohltuend Gefestigtes, erfrischend Glasklares, sauber Filigranes und erinnern hierin an Meisterlandkarten oder erstklassige Kinderbilderbücher. Hier wird die Kunst zum prachtvollen Spielzeug degradiert oder erhöht, was ja auch vollkommen zu der vorhin erwähnten Theorie Ortegas stimmt. Soweit sich nach seinen bisherigen Manifestationen ein Urteil bilden läßt, scheint der Nachexpressionismus nichts weiter zu sein als der Ausdruck eines künstlerischen Erschöpfungszustands: alle Volkskünste sind kopiert, von den fixen Japanern bis zu den dumpfen Äthiopiern, alle europäischen Stile rekapituliert, vom kretischen bis zum viktorianischen, der einzige legitime Stil der Neuzeit, der Impressionismus, hat alle seine Möglichkeiten ausgelebt, und erschüttert steht der Mensch, vielleicht zum erstenmal in seiner Geschichte, vor der Frage, ob die Kunst überhaupt einen Sinn hat.

Auch in der Kostümgeschichte hat sich während der Nachkriegszeit ein möglicherweise einzig dastehender Fall ereignet: daß eine Männerkleidung kreiert wurde, die von der guten Gesellschaft gemieden wurde; kein Gentleman hat jemals einen Gürtelrock und wattierte Schulterteile getragen. Hier haben wir wieder einen kleinen, aber sprechenden Beleg für die Unwirklichkeit unserer Inkubationszeit: eine der realsten Mächte der Erde, die Mode, existiert nicht.

Der Turmbau zu Babel

Wir haben bereits den Kinematographen als Korrelat des Expressionismus erwähnt. Er wurde schon gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts erfunden, gelangte aber erst ein Jahrzehnt später zur Weltherrschaft. Er hat für unser Leben dieselbe Bedeutung wie der Scherenschnitt für das Spätrokoko und das Panorama für das second empire. Anfangs sah es so aus, als ob sich in ihm eine neue Kunstform ankündige, wozu er aber lediglich durch seine Stummheit verleitete. Die Phantasie auch des nüchternsten und beschränktesten Menschen ist nämlich immer noch hundertmal packender und pittoresker als alle gesprochenen Worte der Welt; die schönsten und tiefsten Verse können nicht annähernd ausdrücken, was der einfachste Galeriebesucher unartikuliert empfindet. Solange der Kinematograph stumm war, hatte er außerfilmische, nämlich seelische Möglichkeiten. Der Tonfilm hat ihn entlarvt; und vor aller Augen und Ohren breitet sich die Tatsache, daß wir es mit einer rohen toten Maschine zu tun haben. Das Bioskop tötet nur die menschliche Gebärde, der Tonfilm auch die menschliche Stimme, dasselbe tut das Radio; zugleich befreit es vom Zwang zur Konzentration, und es ist jetzt möglich, gleichzeitig Mozart und Sauerkraut, Sonntagspredigt und Skatspiel zu genießen. Kino wie Radio eliminieren jenes geheimnisvolle Fluidum, das sowohl vom Künstler wie vom Publikum ausgeht und jede Theatervorstellung, jedes Konzert, jeden Vortrag zu einem einmaligen seelischen Ereignis macht. Die menschliche Stimme hat Allgegenwart, die menschliche Gebärde Ewigkeit erlangt, aber um den Preis der Seele. Es ist der Turmbau zu Babel: »und der Herr sprach: wohlauf, laßt uns herniederfahren und ihre Sprache verwirren, daß keiner des andern Sprache vernähme.« Es werden durch Rundfunk bereits Nachtigallenkonzerte und Papstreden übertragen. Das ist der Untergang des Abendlandes.

Die beiden Hydren

Es gibt keine Realitäten mehr, sondern nur noch Apparate: eine Welt von Automaten, ersonnen im Gehirn eines boshaften und wahnsinnigen Doktor Mirakel. Es gibt auch keine Ware mehr, sondern nur noch Reklame, der wertvollste Artikel ist der am wirksamsten angepriesene: in dessen Reklame das meiste Kapital investiert wurde. Man bezeichnet all dies als Amerikanismus. Man könnte es ebensogut Bolschewismus nennen, denn auf politischem und sozialem Gebiet kennzeichnet sich die planetarische Situation als doppelseitig bedroht von einem medusenhaften Vernichtungswillen, dessen Vollstreckungsmächte bloß im Osten und im Westen verschiedene Namen tragen: beide Verkörperungen desselben materialistischen Nihilismus, beide durch die Nemesis der Selbstverzehrung zum Untergang bestimmt.

In Rußland und in Amerika herrscht dieselbe Anbetung der Technik und Verachtung der Ideologie. Der Bolschewismus spricht von der Maschine als dem »sichtbaren Gott«, predigt »Nachfolge der Maschine« statt Imitatio Christi und betrachtet überragende Individualitäten wie Lenin bloß als »größere Schrauben«. Er verfolgt nicht nur alle Formen des Monotheismus, sondern auch jede Art von Teleologie, Psychologie, Vitalismus, Indeterminismus, Geschichtsphilosophie, denn jeder Glaube an Zwecke, Seele, Lebensgeist, Willensfreiheit, Weltvernunft und überhaupt an irgendeinen Sinn ist, wie er mit Recht annimmt, verkappte Religion. Das ist ganz einfach Positivismus, bloß in höchster Reinkultur. In ihrer äußeren Politik ist die Sowjetunion genau so imperialistisch wie der Westen: in einer ihrer Denkschriften heißt es: »Persien ist der Suezkanal der Revolution«; sie will aber auch Afghanistan und die Mandschurei, die Mongolei hat sie schon verschluckt. Daß die Randstaaten Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen durch Rußland nicht dasselbe Schicksal erleiden werden wie seinerzeit die Pufferstaaten Lothringen, Burgund, Franche Comté durch Frankreich, ist sehr unwahrscheinlich. In der inneren Politik ist der Bolschewismus nichts als ein linker Zarismus mit Terror, Sibirien, Tscheka (die genau der früheren Ochrana entspricht), drakonischer Zensur, Index, einer höchst unduldsamen Staatsreligion (nur ist eben an die Stelle der Orthodoxie der marxistische Materialismus getreten) und einer millionenköpfigen ebenso faulen wie korrupten Bürokratie: und dies alles »zum Besten des Volks«, wie ja auch Väterchen Zar behauptete. Und überhaupt ist das ganze System bloß die konsequente Fortführung des Petrinismus, ein grausames von einigen Westlern unternommenes Experiment, vergleichbar der Einimpfung fremder Blutstoffe in unglückliche Versuchstiere. Nicht ein einziger Gedanke des Bolschewismus ist autochthon russisch, sondern alles aus dem Weltbild des verhaßten »Bursui« bezogen.

Andrerseits hat die amerikanische Monopolwirtschaft der riesigen Trusts, Syndikate, Kartelle in der Form die größte Ähnlichkeit mit dem Staatssozialismus. Kongruent ist auch, trotz umgekehrtem Vorzeichen, die amerikanische und sowjetrussische Wirtschaftsgesinnung, indem sie beide Male die Wirtschaft von einem notwendigen Übel zum Selbstzweck und Lebensinhalt erhöht. Amerikanisch und bolschewistisch ist die Ausschaltung der Seele aus den sozialen Beziehungen, die infernalische Devise »Zeit ist Geld« (es gibt auch in Rußland eine »Zeitliga«, die ihren Mitgliedern die höchste Ausnützung der Zeit zur Pflicht macht) und die restlose Mechanisierung der Arbeit: in beiden Ländern herrscht das »Taylorsystem«, wonach mit der Stoppuhr festgestellt wird unter welchen Bedingungen eine Bewegung in der kürzesten Zeit ausgeführt werden kann; da dies den Arbeiter zum auswechselbaren Maschinenbestandteil macht, so wird er hierdurch auch im Frieden zum »Menschenmaterial« und völlig unfrei, einerlei ob er kapitalistisch ausgenützt oder kommunistisch gepreßt wird.

Die offizielle Sowjetphilosophie ist die »Reflexologie«, die Professor Pawlow schon vor der Revolution in Petersburg begründete. Sie deckt sich vollkommen mit der amerikanischen Philosophie des Behaviourismus, deren Urheber John Watson ist. Diese läßt sich in einen einzigen Satz zusammenfassen: es gibt nur Tun; »mind is, what body does.« Hieraus ergeben sich die Gleichungen: Bewußtsein = mechanisch-chemische Reaktionen; Denken = Wortgewohnheiten ( language-habits); Wille = eine Kette von Handlungen, ein Verhaltenszyklus ( behaviour-cycle). Jacques Loeb, ein vorzüglicher Chemiker, beobachtete mit Interesse den »Heliotropismus« der Blattläuse (mit diesem Fremdwort bezeichnet man die Tatsache, daß sie gern in die Sonne gehen, die im Prinzip dasselbe ist wie die jedem Kinde bekannte Attraktion der Motte durch das Licht) und wurde dadurch auf den Gedanken gebracht, andere Läusesorten durch Injektion von Säuren ebenfalls heliotropisch zu machen, was ihm auch vollkommen glückte und nur die Frage offen ließ, ob sie nicht auch ohne Säurewirkung sich für die Sonne entschieden hätten. Jedenfalls gelangte er hierdurch zu dem Schluß, daß das, was wir »Ideen« nennen, auf innere Sekretionen zurückzuführen sei. Der Beweis wurde lückenlos, als Pawlow zeigte, daß man die Behauptung auch umkehren könne, indem er an Versuchstieren durch optische und akustische Signale Speichelsekretion erzeugte; ja der unermüdlich weiterstrebenden Forschung gelang es sogar, einwandfrei festzustellen, daß Hunde beim Vorweisen von Schinkenknochen Magensaft produzieren, auch lief ihnen bei diesem Anlaß das Wasser im Munde zusammen. Mit solchen wissenschaftlichen Experimenten verbringt die sogenannte »Chicagoer Schule« ihre Zeit. Sollten, wie man behauptet, Behaviourismus und Reflexologie in ihren Geburtsländern wirklich das allgemeine Glaubensbekenntnis sein, so würde dies die traurige Feststellung beinhalten, daß auf der östlichen und der westlichen Halbkugel je ein Riesenvolk geisteskrank geworden ist.

Die fünf Möglichkeiten

Es gibt nun folgende fünf Möglichkeiten: der Amerikanismus siegt materiell: Weltherrschaft der Vereinigten Staaten und am Ende dieses Zwischenreichs Untergang des Abendlandes durch Übertechnik; der Amerikanismus siegt geistig, indem er sich sublimiert: Wiedergeburt Deutschlands, von dem allein dies ausgehen kann; der Osten siegt materiell: Weltbolschewismus und Zwischenreich des Antichrist; der Osten siegt geistig: Erneuerung des Christentums durch die russische Seele. Die fünfte Eventualität ist das Chaos. Diese fünf Möglichkeiten sind gegeben, andere nicht: weder politisch noch ethisch noch psychologisch. Der intelligente Leser ist sich aber hoffentlich darüber im klaren, daß keine von ihnen eintreten wird, eintreten kann, denn die Weltgeschichte ist keine Gleichung, auch keine mit mehreren Lösungen. Ihre einzige reale Möglichkeit ist die irreale und ihre einzige Kausalität die Irrationalität. Denn sie wird von einem höheren Geiste gemacht als dem menschlichen.

Die Metapsychologie

Es wurde im ersten Buche des näheren ausgeführt, daß die Spätscholastik das mittelalterliche Prinzip der Widervernünftigkeit so sehr überspannte, daß es ihr unter der Hand die Pointe wechselte. In analoger Weise treibt der Bolschewismus die Weltkonzeption des neuzeitlichen Positivismus zu so äußersten Konsequenzen, daß sie im Sinne gerade der marxistischen Negation der Negation, an die er so inbrünstig glaubt, in ihr Gegenteil umschlagen muß. Dieser Ultramaterialismus wäre, wenn er zu Recht bestünde, der allertiefste Sturz der Wirklichkeit. Wenn es nämlich nur Materie gäbe, so gäbe es gar nichts. Wenn es keine Ideenwelt, keine Seele, keinen Weltsinn gäbe, so könnte die Menschheit, so wie sie sich nun einmal bis heute irrtümlich entwickelt hat, darauf nur mit dem Selbstmord antworten. Indes läßt sich sogar im Rahmen unserer absterbenden Apperzeptionsformen: des naturwissenschaftlichen Experiments und der rationalen Syllogistik nachweisen, daß die unwirkliche Seele die wahre Realität ist.

Wir meinen natürlich die nur noch von unwissenden Gelehrten und zwangsläufigen Freidenkern (also allerdings von der halben »gebildeten« Menschheit) angezweifelten Tatsachen der Para- oder Metapsychologie, welche derzeit dasselbe Schicksal erleiden wie die Erscheinungen der Hypnose, die bei ihrer Entdeckung ebenfalls abwechselnd als frecher Schwindel, blinde Selbsttäuschung, alberne Mode, Wichtigtuerei, Infantilismus denunziert wurden, während sie heute bereits Gegenstand des Strafgesetzes sind, was zweifellos die höchste Anerkennung bedeutet. Die wichtigsten Phänomene dieses Gebiets sind: die Telepathie, die Übertragung seelischer Zustände ohne Vermittlung unserer sinnlichen Ausdrucksorgane; das Hellsehen, die Gabe, Erscheinungen auf weite Entfernungen zu erkennen, was, auf die Zeit bezogen, die Erkundung der Vergangenheit und Zukunft ermöglicht; die Psychoskopie, die Fähigkeit, die Herkunft, sozusagen die Biographie unbekannter Gegenstände anzugeben; die Telekinese, die Fortbewegung eines Körpers durch Fernwirkung; der Apport, das selbsttätige Herbeiwandern eines Gegenstandes, auch durch geschlossene Räume; die Levitation oder Erhebung vom Erdboden; die Materialisationen und Spukphänomene: lauter provisorische und vorbeitreffende Bezeichnungen für ein großes Unbekanntes, die ebensowenig den Anspruch auf Erklärung erheben wie etwa in der Physik die Ausdrücke Attraktion oder Induktion. In diesem Zusammenhang ist auch die Schule Coués zu erwähnen, die auf dem Glauben an die Macht der Einbildungskraft ein ganzes System der Psychotherapie und Biotik aufbaut, und nochmals an die Lehre Schleichs von der »Gedankenmacht der Hysterie« zu erinnern, die er in den Satz zusammenfaßt: »Für Platos Behauptung, daß die schöpferische Idee der Welt ihrer wirklichen Erscheinung vorangegangen sein muß, gibt es nur eine Erfahrungstatsache; das ist der Symptomenkomplex der Hysterie, insofern hier die allerdings krankhaft eingestellte Phantasie, also Übersteigerung einer Idee, zu Formveränderungen im Leibe führt, die eine Neuschaffung von Substanz bedeuten.« Oder wie es Prentice Mulford sehr schön ausdrückt: »Nach der Beschaffenheit unserer Tagträume häufen wir Gold oder Explosivstoffe in unserem Innern an.« Das klingt ja ganz nach Freud. Also ist Freud ein Metaphysiker? Ja; aber er weiß es nicht.

Die Verrechnung zwischen diesem »Dichter« und seiner Zeit ist ganz besonders schwer zu entziffern. Indes wird man auf jeden Fall sagen müssen, daß er zu den großen Veränderern der Realität gehört.

Der Sklavenaufstand der Amoral

Die Psychoanalyse hat einen katastrophalen Defekt: das sind die Psychoanalytiker, deren Elaborate eine Mischung aus Talmud und Junggesellenliteratur darstellen. Die Amerikaner nennen die Psychoanalyse im Gegensatz zur Christian science die »Jewish science«. In ihr scheint in der Tat jenes odium generis humani, das schon die Alten den Juden nachsagten, wieder einmal zu Wort gekommen zu sein: ihr Ziel ist ganz unverhüllt die Verhäßlichung und Entgötterung der Welt. »Mit den Juden«, sagt Nietzsche, »beginnt der Sklavenaufstand in der Moral.« Mit der Psychoanalyse beginnt der Sklavenaufstand der Amoral. Man müßte einmal die Psychoanalyse psychoanalysieren. Ihre Konzeption wächst aus dem Herrschwunsch des Neurotikers, der sich die Menschheit zu unterwerfen sucht, indem er sie sich angleicht, aus einer Übertragungsneurose, die ihren eigenen hypertrophischen Libidokomplex als »Welt« objektiviert, aus einem Instinkthaß gegen die religiösen Bewußtseinsinhalte, die der Adept der Jewish science aus allen Mitmenschen eliminieren möchte, weil er unterbewußt weiß, daß er als Jude, und das heißt: als typischer homo irreligiosus, auf diesem Gebiet mit den »anderen« nicht konkurrieren kann. Kurz: es ist, abermals mit Nietzsche zu reden, »ein Parasitenattentat, ein Vampyrismus bleicher unterirdischer Blutsauger«; es handelt sich um einen großartigen Infektionsversuch, einen schleichenden Racheakt der Schlechtweggekommenen: die ganze Welt soll neurotisiert, sexualisiert, diabolisiert werden. Die Psychoanalyse verkündet den Anbruch des Satansreichs. Vielleicht kündet sie wahr; vielleicht naht wirklich das Zwischenreich des Teufels, dessen Anbeter, wie der Kenner der schwarzen Messe weiß, als höchste Heiligtümer seinen Phallus und seinen Hintern verehren. Es ist, zum drittenmal mit Nietzsche zu reden, »eine jüdische Umwertung der Werte«.

Der Orpheus aus der Unterwelt

In der Tat ist die Psychoanalyse eine Sekte mit allen deren Merkmalen: mit Riten und Zeremonien, Exorzismen und kathartischen Besprechungen, Orakeln und Mantik, fester Symbolik und Dogmatik, Geheimlehre und Volksausgabe, Proselyten und Renegaten, Priestern, die Proben unterworfen werden, und Tochtersekten, die sich wechselseitig verdammen. Gleich dem Wal, der, obgleich ein Säugetier, sich als Fisch gebärdet, ist die Psychoanalyse eine Religion, die als Wissenschaft auftritt. Diese Religion ist heidnischen Charakters: Naturanbetung, Dämonologie, chthonischer Tiefenglaube, dionysische Sexusvergötterung. Auch der Zusammenhang mit Therapie, Hygiene, Traumdeutung fand sich schon in den antiken Religionen, zum Beispiel beim heilbringenden Schlaf der Kranken in den Asklepiostempeln. Hier wirbt mit sehr verlockenden Tönen ein Seher und Sänger für die Mächte des Dunkels, ein »Orpheus aus der Unterwelt«: es ist eine neue erdumspannende Revolte gegen das Evangelium.

Einige außerordentliche Verdienste wird dem Begründer der Psychoanalyse kein Unbefangener absprechen dürfen. Zunächst hat er nicht bloß den Behaviourismus, sondern alle positivistische Psychologie gegenstandslos gemacht durch die Enthüllung der Ungeheuern Rolle, die dem Unbewußten zugeteilt ist. Zugleich liegt in der entscheidenden Bedeutung, die er der Macht des Worts, des schöpferischen Logos einräumt, eine klare Anerkenntnis der Suprematie des Geistigen über das Physische. Eine neue, überaus fruchtbare Orientierung liefert auch die Entdeckung, daß die Erlebnisse des infantilen Lebensabschnitts die richtunggebenden sind, und die höchst scharfsinnige Durchforschung jenes geheimnisvollen Beziehungssystems der Verdrängungen, insbesondere der Fehlleistungen: des Sich Versprechens, Sichverhörens, Vergessens, das unser ganzes Alltagsleben beherrscht. Von epochemachender Bedeutung ist ferner die Feststellung, daß jeder Mensch ein Neurotiker und jeder Neurotiker ein Perverser und Invertierter ist, also nicht bloß der Kulturmensch, sondern, was zugleich eine Erledigung des Rousseauismus bedeutet, ebensosehr, ja vielleicht in noch höherem Maße der »Primitive«: welcher Erkenntniskomplex als Arbeitshypothese zweifellos sehr förderlich ist, durch die läppischen, krankhaften und unverschämten Übertreibungen der psychoanalytischen Schule aber aus einer Wohltat zur Plage des doch immerhin recht beträchtlichen Teiles der Menschheit degradiert wird, bei dem die Neurose das Latenzstadium nie überschreitet und nur eine Art »regulative Idee« des Seelenlebens bildet. Und vor allem hat Freud durch die Aufdeckung des Ödipuskomplexes, des »Kernkomplexes aller Neurosen« eine Art Befreiungstherapie an einem ganzen Zeitalter vollzogen; indem er diesen Komplex manifest und damit fast unschädlich machte, hat er eine ganze Generation psychoanalysiert. Was jedoch die Traumdeutung anlangt, so möchte ich, Shaw folgend, der einmal bemerkte, er habe immer großes Interesse für seine Träume gehabt, seit er aber die Psychoanalyse kenne, lege er ihnen gar keinen Wert mehr bei, diesem Stück des Lehrgebäudes, das vielleicht zum Ruhm Freuds am meisten beigetragen hat, keine so überragende Wichtigkeit zusprechen, da es sich, einige tragfähige Prinzipien durch Überbelastung schwächend, vielfach in eine morose und abstruse Scholastik verliert, die mehr schadet als nützt. Indes hätte ich, in dem vollen Bewußtsein, daß ich mich damit als Opfer eines Freudkomplexes (einer »negativen Übertragung« von Gefühlen auf den Arzt) decouvriere, noch einige weitere Einwände anzudeuten.

Die Dogmen der Psychoanalyse

Der erste ist so naheliegend, daß er schon sehr oft gemacht wurde. Daß nämlich jeder Mensch, auch der sogenannte normale, sich sehr häufig im Zustand einer Angstneurose befindet, ließe sich noch ohne weiteres glauben: vielleicht ist das ganze Leben eine Angstneurose; daß diese aber lediglich durch abnorme Schicksale der sexuellen Libido entsteht, daß sie nichts ist als deren Umwandlungsprodukt, sich, wie Freud dies sehr anschaulich ausdrückt, zu ihr verhält wie der Essig zum Wein, ist nicht wahrscheinlich; es ist, um in dem Gleichnis zu bleiben, nicht jeder Essig ein Weinabkömmling. Dieser Pansexualismus ist einfach eine Behauptung, die davon lebt, daß sie sich nicht widerlegen läßt. Hier tritt bereits der durchgehende Fehlschluß der Psychoanalyse in Erscheinung, daß sie den Neurotiker, und zwar den exzeptionell schweren Fall des Neurotikers, zum Archetype der Menschheit hypostasiert. Noch unhaltbarer ist in seiner Unbedingtheit das psychoanalytische Dogma, daß jeder Traum ein Wunschtraum ist oder, wie Freud dies wiederum sehr glücklich formuliert, im Traum der Optativ zum Präsens wird. Freud hat allerdings in seinen späteren Schriften für einige Fälle, die sich ganz unmöglich unter die Wunschträume einordnen lassen, andere Motive eingeräumt, so zum Beispiel beim regelmäßigen Träumen eines erlebten Eisenbahnunglücks den »Wiederholungszwang«. Es ist aber wahrscheinlich nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß die Hälfte aller Träume keine Wunschträume sind: wie ließe sich sonst zum Beispiel der allgemein verbreitete »Schulprüfungstraum« erklären oder der jedem Schauspieler vertraute Traum, daß er seine Rolle nicht kann? Daß oft der Tod geliebter Wesen geträumt wird, erklärt die Psychoanalyse bei Vater und Mutter natürlich durch latenten Elternhaß, auch bei Tante und Chef läßt sich ein ähnlicher Kommentar noch durchdrücken. Aber auch Tierliebhaber haben derlei Träume, und bei Pferden, Hunden und Katzen ist ein Ödipuskomplex doch schon ziemlich abliegend. Von den tausenderlei höchst unerwünschten Situationen, in denen die Traumbildung an boshafter Phantasie mit Wilhelm Busch wetteifert, gar nicht zu reden (die Psychoanalyse deutet sie freilich alle sexualsymbolisch). Dies alles sind offenbar Angstträume, und es ist geradezu unbegreiflich, daß Freud, der der Angstneurose eine so dominierende Stellung im Seelenleben einräumt, sie ihr gerade auf diesem wichtigen Gebiete nicht gönnen will. Es ist jedoch hier (wie übrigens auch in allen anderen Fragen) ganz unmöglich, die Psychoanalytiker einer falschen Diagnose zu überführen, da sie sich durch fingerfertige Taschenspielerei mit Begriffsattrappen wie »ambivalent«, »invertiert«, »symbolisch«, »verdrängt«, »übertragen«, »sublimiert« jeder Desavouierung zu entziehen verstehen. Die Beweiskraft der hier geübten Argumentationen fußt auf der Voraussetzung, daß der rabulistische Kalauer das organisierende Prinzip alles Seelenlebens und der Traumgott mosaischer Konfession sei.

Das verdrängte Ding

Aber Wimdts Gesetz von der »Heterogonie der Zwecke« hatte sich schon am Begründer des Mosaismus erprobt; und es scheint sich auch an Freud erfüllen zu wollen. Moses führte sein Volk vierzig Jahre lang durch die Wüste, das gelobte Land suchend, ohne zu ahnen, daß gerade die Läuterung durch die Wanderung der Zweck, daß sie selber das gelobte Land war. Bei Freud verhielt es sich ähnlich, bloß umgekehrt. Er begab sich auf eine große Wanderung, vierzig Jahre lang, und glaubte, sie sei der Zweck, aber sie war nur ein Wüstengang; und eines Tages stieß er wider Willen auf gelobtes Land. Aber er verstand die Wege des Herrn so wenig wie Moses.

Am Anfang der Neuzeit steht Descartes, der nichts anerkennt als die clara et distincta perceptio und daher in ganz konsequenter Weise den Menschen für einen Automaten erklärte; am Ende der Neuzeit steht Freud, der, noch immer mit rein cartesianischen Mitteln, zu der Erkenntnis gelangt, daß die Seele ein geheimnisvolles Ungreifbares ist, das nur mit seinen letzten Ausläufern in die dreidimensionale Empirie ragt. Für Descartes erschöpft sich das Leben der Seele in jenen Äußerungen, die im taghellen Strahlenkegel der klaren Ratio liegen; Freud erklärt, daß diese Sonnenwelt des reinen Denkens nur ein geringer Bruchteil unseres psychischen Kosmos ist: hier erhebt Leibniz, der Entdecker der »bewußtlosen, schlafenden Vorstellungen«, seine Stimme aus dem Grabe; daß dieses Taglicht nur Schein ist, Reflex eines wahren Seins, das für unser Bewußtsein in Nacht gehüllt liegt, bloße Erscheinung eines irrationalen Realen: hier meldet sich, ein ewiger Revenant, der Geist Kants.

Die Psychoanalyse ist ein System des Irrationalismus, begründet mit den Methoden des Rationalismus; ein Transzendentalismus, errichtet von einem extremen Positivisten. Im Mittelpunkt der letzten Konzeptionen Freuds steht die Lehre vom »Es«. Dieses entsendet als Vertreter ins Bewußtsein das »Gewissen«, das die moralische Zensur ausübt, das »Über-Ich«, die Repräsentanz unserer Elternbeziehung, den Erben des Ödipuskomplexes. Was wir »Schuldgefühl« nennen, entsteht aus der Spannung zwischen Ich und Ich-Ideal. »Außer dem Ich erkennen wir ein anderes seelisches Gebiet, umfangreicher, großartiger und dunkler als das Ich, und dies heißen wir das Es ... Es hat mich durchzuckt, sagt man, es war etwas in mir, das in diesem Augenblick stärker war als ich ... Das Ich liegt zwischen der Realität und dem Es, dem eigentlich Seelischen.« Hier stößt die Psychoanalyse bereits tief ins Okkulte vor. Sollte es möglich sein, daß Freud dies entgangen ist? Es ist ihm nicht entgangen; er hat es bloß verdrängt.

Was Freud die Gewissenszensur nennt, ist nichts anderes als Kants »moralische Vernunft«, zu deren Wesen es notwendig gehört, daß sie den Primat vor unserer »erkennenden Vernunft« hat; sein »Über-Ich« ist das kantische »intelligible Ich«, von dem unser empirisches Ich abhängig ist. Dieser unser intelligibler Charakter ist, obgleich die Wurzel aller Empirie, selbst nicht empirisch, nicht erfahrbar, er wirkt tief im Innern und Dunkeln, wesensgleich mit jener geheimnisvollen Macht, die auch hinter der äußeren Welt thront. Das »Es« ist das Ding an sich. Das Es ist nicht in der Zeit, nicht im Raum, auch keiner physiologischen oder physikalischen Kausalität unterworfen. Unser empirisches Ich ist zwangsläufig, unser Es, unser intelligibles Ich ist frei. Das Es oder Ding an sich ist die einzige Realität, eben weil es in der »Wirklichkeit« nie erscheint und nie zu erscheinen vermag.

Das Licht von der anderen Seite

Die experimentelle Psychologie und die experimentelle Physik gelangen zu demselben Resultat. Die Seele ist überwirklich, die Materie ist unterwirklich. Zugleich aber erscheint ein schwacher Lichtschimmer von der anderen Seite.

Das nächste Kapitel der europäischen Kulturgeschichte wird die Geschichte dieses Lichtes sein.

 


 << zurück weiter >>