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Die Narbe

1

Da er um drei Uhr aufgestanden war und mittags, gegen seine Gewohnheit, nur kurz bei Tische gesessen hatte, war jetzt um die zweite Stunde seine Tagesarbeit schon fast getan. Nur der Empfang des österreichischen Gesandten stand noch aus, der Herr sollte um fünf Uhr kommen. Es handelte sich da um eine Angelegenheit der Form, denn der Krieg um die bayerische Erbfolge war nicht mehr zu vermeiden.

Er begann ihn mit Unlust. Sein Greisenalter, so hatte er gedacht, sollte frei von blutigen Abenteuern bleiben. Ihm fehlte die Waffenfreude früherer Jahre, ihm fehlte der ungebrochene Machtwille, er war viel zu erfahren und viel zu skeptisch, um bei der Einseitigkeit des Denkens verharren zu können, die allein Lust an kriegerischen Taten hervorbringt. Es handelte sich einfach um eine ärgerliche Notwendigkeit.

Besorgnis hatte er keine. Er kannte sein Heer und kannte, durch Spione, die er höchst skrupellos arbeiten ließ, auch den militärischen Zustand der Österreicher. Er würde schon erreichen, was er wollte. So wie die Richtung seines Lebens nun einmal verlaufen war, durfte er eine Präponderanz Österreichs nicht dulden. Doch er war im voraus jeden Erfolges satt; was konnte ihm noch Großes zuwachsen am Ende seiner Tage. Er war müde. Prüfte er sich genauer, so überwog in ihm ein Gefühl des Bedauerns, daß nun wieder ein Sommer dort draußen in Mähren oder Böhmen, in Schmutz und Lärm, verbracht werden sollte statt hier auf seinem »Weinberg«, in seiner friedlichen Wohnung. Wie viele Sommer blieben ihm denn für Sanssouci, erschöpft und leidend wie er war mit seinen sechsundsechzig Jahren? Um doch noch etwas zu haben vom Frühling, war er zeitiger als sonst vom Potsdamer Stadtschloß heraufgezogen, und die Sonne schien es freundlich mit ihm zu meinen, denn diese ersten Apriltage waren schön.

Er hatte sich einen bequemen, tiefen Sessel mit schräger Lehne hinaus auf die Terrasse tragen lassen und saß nun vor dem mittleren Eingang seiner Villa, angetan mit dem blauen Rock seines ersten Garderegiments zu Fuß, fast ohne Abzeichen, auf dem Kopfe den Hut, den er neuerdings überhaupt nicht mehr ablegte, außer bei Tisch. Die Beine hatte er auf ein niedriges Taburett gelegt, um sie vor der Bodenkälte zu schützen, und auf seinen Knien lag der Zobelmantel mit den silbernen Tressen, den er einmal von der russischen Elisabeth als Geschenk bekommen hatte, das einzige kostbare Stück seiner Garderobe, heute auch schon abgetragen und schadhaft. Ganz nahe bei ihm, der Liebling im Sessel selbst, zwei andere auf der besonnten Erde, lagen die Windspiele und blinzelten mit komischem Mißtrauen in die klare, aber noch kühle Luft. Die Lieblingshündin schnupperte an seiner linken Schoßtasche, denn dort pflegte er kleine Täfelchen Schokolade aufzubewahren, mit denen sie oftmals gefüttert wurde.

Jetzt dachte er nicht daran. Er las. Er las in einem schön gedruckten Buche, das in hellrotes Maroquin gebunden war. Es war eine französische Übersetzung des Lukrez, aber nur der erste Teil, denn die Hand des Königs war von der Gicht zuzeiten so schwach, daß sie dicke Bücher nicht halten konnte und die Bände zerlegt werden mußten.

Er las, zum wievieltenmal in seinem Leben, den dritten Gesang des Lukrez, der ihm von aller Dichtung aller Völker wohl am liebsten war, jenen Gesang, der von der Vernichtung im Tode handelt, vom Aufhören des Bewußtseins und damit aller Übel, von der stillen Seligkeit des Nichts. Hier floß seit jeher schon die Quelle seines Trostes; der kranke römische Privatmann, der vor achtzehn Jahrhunderten in seiner kleinen Wohnung am Aventin diesen majestätischen Lobgesang auf das Verlöschen niedergeschrieben hatte, stand für den König an der Stelle aller Priester und Heilslehrer, die von der Würde der Seele und ihrem Fortleben zu rühmen wissen. Nein, nicht ewig hatte man zu dauern und zu kämpfen!

Der König las, das Buch ganz nahe unters Auge gehoben, denn er war äußerst kurzsichtig, und seine Lippen bildeten stimmlos den matten Gang der französischen Verse mit. Wie anders mußte das lauten im kraftvollen Stampfen der lateinischen Daktylen! Wohl hatte er einmal versucht, den wahren Text zu lesen, hatte aber mißmutig alsbald verzichtet. Nein, sein Latein genügte nicht, es war jämmerlich und ob er gleich von Jahr zu Jahr sich vornahm, es zu vervollkommnen – er wußte heimlich voraus, daß ihm keine Zeit dafür bleiben würde. War nicht diese Stunde jetzt wieder für lange hinaus die letzte, die er seinen geliebten Büchern und die er seiner grünen Einsamkeit widmen konnte! Ach, noch grünte sie kaum.

Er unterbrach die Lektüre und klappte sein Lorgnon auf, um ins Weite sehen zu können. Er blickte die lange Zeile entlang, die erst von den Treppen und dann, über der Fontäne fort, die zu seinem Kummer niemals sprang, von der breiten Lindenallee gebildet wurde; ein erster frischer Schimmer von Leben lag über allem. Die Allee endete drüben an dem hübschen Hause, wo der Freund wohnte, der Alte, viel älter noch als er. So wohnten sie einander gegenüber, Blick in Blick, und wären sie so alt nicht gewesen, so hätten sie sich wirklich in die Augen sehen können. Aber sie hatten solche Augen nicht mehr.

Er ließ das Lorgnon sinken und träumte vor sich hin. Es herrschte eine tiefe, entzückende Stille.

Mit einemmal sprangen die Windspiele auf und fingen an zu bellen. Sie waren hier oben an lautlosen Frieden gewöhnt und meldeten es zornig, wenn irgendwo in dem weiten Garten eine fremde Gegenwart sich kundtat.

Der König äugte umher und erkannte, daß drüben beim Hause des Freundes eine Bewegung begann. Er blinzelte und strengte den Blick an durchs Glas: eine Sänfte näherte sich, getragen von sehr farbig gekleideten Dienern. George Keith, Earl Marishal of Scotland, kam.

2

Das war unerwartet, denn seit Monaten hatte der Betagte sein Haus nicht mehr verlassen, und immer hatte der König ihn aufgesucht. Uralt war er, fast mythisch alt, über neunzig gewiß, aber niemand wußte genau die Zahl seiner Jahre. Sicher war nur, und der König pflegte es gern zu erwähnen, daß Keith zu der Zeit, da Friedrich geboren wurde, schon unter Marlborough in Flandern gekämpft hatte, aber nicht als ein Lehrling im Waffenhandwerk, sondern bereits als Brigadegeneral.

Sein Leben, ein Leben der höchsten, der musterhaftesten Treue, hatte das Jahrhundert ausgefüllt. Er hatte, Alt-Schotte der er war, Erbmarschall seines Landes, für den Prätendenten Jakob gegen das Haus Hannover gefochten, fester und mutiger der Stuart-Sache ergeben als die Stuarts selbst. England hatte ihn geächtet, seiner Güter beraubt, ihn zum Tode verurteilt. Fast sein ganzes Dasein hatte er im Exil verbracht, in Venedig, in Rom, in Südfrankreich, lange in Spanien, immer großartigen Zwecken hingegeben, ein wenig getröstet über den Verlust der Heimat durch die Wohltat wärmerer Sonnen.

Wie bitter vermißte er die hierzulande, mußte Friedrich denken, während er den bunten kleinen Zug im bleichen Aprillicht die fast kahle Allee herauf langsam sich nähern sah. Es war königlicher Eigennutz gewesen, ihn hier zu haben. Der Lordmarschall hatte ihm gedient, er war, in kritischer Epoche, sein Gesandter in Paris, er war auch sein Gouverneur in Neufchâtel gewesen, aber am wertvollsten, am unentbehrlichsten war er ihm doch nun in den vierzig Jahren geworden, seit er, ganz nur sein Freund, hier nahe bei ihm lebte. Er war vornehm, er war redlich, und er hatte Geist; diese Verbindung war dem König auf seiner langen Bahn sonst nicht vorgekommen, und er tat alles, um den ehrwürdigen Menschen an sich zu binden.

Dort das niedrige bequeme Haus, von dem er sich jetzt herübertragen ließ, war ihm von Friedrich selber gebaut worden. Er hatte, er allein, die Freiheit, die Terrassen nach Sanssouci heraufzukommen, wann immer er mochte. Er hatte nicht nötig, sich erst zu den Mahlzeiten anzusagen; war ein großer Kreis geladen – er war der vornehmste, der geehrteste Gast, waren bloß drei oder vier Intime zugegen – niemand konnte intimer sein und gelegener kommen. Eines von den Gastzimmern linker Hand, westlich vom Kuppelsaal, stand stets bereit für den Alten, damit er ruhen könne nach dem Mahl, das immer eines von seinen Lieblingsgerichten enthielt, und bei dem ihm der König selbst vorlegte.

Tun's schon die Beine gar nicht mehr, alter Lord, dachte Friedrich, mußt du dich den kleinen Weg tragen lassen von deinen Heiden? Er hielt unverwandt das Lorgnon vors Auge und glaubte nun auch schon, im Gehäuse die starken Züge des Freundes zu unterscheiden. Das war wohl Täuschung der Zärtlichkeit. Was er aber mit Sicherheit erkannte, das war seine Kleidung: der schwarzsamtene Hausrock, nach Art der Husarenjacke verschnürt und an Hals und Ärmeln mit braunem Pelzwerk besetzt, und auf dem Kopf die weiche, hängende Mütze, die in ihrer Form sehr einer phrygischen glich. Er sah auch deutlich, wer den Alten trug. Es waren der Mohr und der Tibetaner. In ihren bunten Gewändern schritten sie vorsichtig einher.

Denn eigentümlich zusammengesetzt war der Haushalt, dem dort drüben der schottische Edelmann vorstand. »Meine kleine Tartarenhorde« pflegte er seine Dienerschaft zu nennen, und in der Tat war von denen, die um ihn lebten, keiner in einer christlichen Kirche getauft. Es waren Leute aus aller Herren Länder; zum Teil von ihm selbst von seinen Fahrten heimgebracht, zum Teil Kriegsgefangene, die sein Bruder Jakob, der Heerführer, ihm einst geschenkt hatte. Sie lebten aber als Freie in seinem Haus, und wollte einer in die Heimat zurück: Lord Marishal wehrte ihm nicht und sorgte für ihn. Es kam selten vor, denn alle seine Ungläubigen schauten wie zu einem Vater zu ihm auf. Er hielt sie auch wahrlich wie seine Kinder, er sprach zu ihnen wie zu Ebenbürtigen, und dies hatte – erstaunlichste Ausnahme – nichts anderes zur Folge, als daß sie ihn tiefer verehrten.

Ein paar Augenblicke lang war jetzt der kleine Zug nicht sichtbar, die Treppe war zu steil, und man stieg die seitliche Rampe empor. Friedrich lächelte, er warf einen abschiednehmenden Blick auf den Band Lukrez; dann erhob er sich, ein wenig mühsam, um dem Freund entgegenzugehen, denn der vordere der exotischen Träger, der Mohr, erschien überm Rand der Terrasse.

Keith winkte aus seiner Chaise. Die drei Windspiele rannten mit zornigem Lärm auf ihn zu, aber da sie den Alten erkannten, wurde ihr Bellen vergnügt, und sie liefen eifrig zwischen ihm und ihrem Herrn hin und her, um anzuzeigen, daß da nun wirklich einmal ein guter Mann komme.

3

Der alte Lord stieg aus. Nun, da er stand in seinen Samtstiefeln, sah man erst, wie hinfällig er war. Der König, matt und gebrechlich auch er, bot ihm den Arm und führte ihn langsam über den Kies der Terrasse zum Eingang.

»Ich habe noch einmal kommen wollen, mein König«, sagte er, »und dies alles vor mir haben.« Er machte halt und wandte seine Augen zur Treppe hin. »Ich sehe zwar nicht mehr viel davon, aber ich weiß doch, daß ich es einst von hier aus gesehen habe: Ihren schönen Abhang und die Statuen und drüben mein Haus und die weite Ebene und den Fluß.«

Er sprach ein stockendes behindertes Französisch, er sprach schon seine Muttersprache langsam. Aber das war nicht der Ausdruck eines schwerfällig arbeitenden Geistes, sondern die Folge großer Gewissenhaftigkeit. Sein Zögern und Tasten hatte sogar einen eigenen Reiz, und gerade im Französischen, das sonst so unbedenklich daherprasselt, führte dies behutsame Suchen oft zu überraschenden und entzückend naiven Wendungen.

»Noch einmal kommen?« sagte König Friedrich, während sie miteinander den Kuppelsaal betraten. »Sie wissen doch, mein guter Lord, daß mein Weinberg auch Ihnen gehört. Sie sollen immer kommen, auch wenn ich jetzt abwesend sein werde.«

Hierauf antwortete Keith nichts. Er blickte sich um in dem hohen, ovalen Gemach, durch dessen Oberlicht die gelbe Aprilsonne einfiel. Hier hatte er oft in jüngeren Jahren mit dem König getafelt, im lebhaften Kreis, sich gegenüber seinen Bruder Jakob, den Feldmarschall, und die Tür und die Fenster waren weit offen gewesen gegen den Sommer hinaus, man saß wie im Freien, und damit die Illusion noch freudiger sei, war der Fußboden mit buntfarbigen Weinranken ausgelegt.

Er schaute auf diese Marmorranken nieder, die jetzt schon ein wenig abgetreten waren, sein schwaches Auge suchte auch das Erzbild Karls des Zwölften, das seinem Tischplatze immer gegenübergestanden hatte, die kühne Stirn und den haltlosen Mund; dann ließ er sich weiterführen.

Im Zimmer rechter Hand, dem ersten von den vier Privaträumen des Königs, blieb er an einem großen, schönen Tisch stehen, der mit Achat inkrustiert war. Er fuhr mit seiner trockenen Hand über die Platte hin und auch über eine der Vasen aus anderem, hellgestreiftem Edelgestein, die ihm stets besonders gefallen hatten.

»Das alles möchte ich noch einmal sehen«, wiederholte er, »werden Sie nicht ungeduldig, mein König!« Er nannte ihn niemals anders, seitdem die ihm angestammten Stuarts im Exil die eigene Würde verraten hatten. Mein guter Lord, sagte der König meistens zu ihm. Beide wußten recht wohl, was sie bezeichnen wollten.

Im Konzertzimmer sodann, vor dem grünen Marmorkamin, blieb er wieder stehen, aber hier besah und befühlte er nichts. Mit mildem Ausdruck der eingesunkenen Augen schaute er vor sich nieder; Friedrich blickte ihn von der Seite an. Die Nase war stark und trat aus dem faltig mageren Gesicht abenteuerlich hervor, und das Kinn war das eines festen und mutigen Mannes. Doch Mut und Stärke und Mannestum waren dahin, hier blieb dem Tod wenig mehr zu verlöschen.

Keith schien in die unbewegte Luft des Konzertraumes hineinzulauschen. »Mein König«, sagte er in seiner bedachtsamen Weise, »ich höre manche Musik. Ich höre sie besser, als wenn sie gespielt würde. Ich habe keine Beine mehr, ich habe keine Augen mehr, ich habe auch keine Ohren mehr.«

»Sie verlieren nichts«, sagte Friedrich, »denn ich könnte Ihnen keine Musik mehr vormachen. Ich kann die Flöte gar nicht mehr halten vor Chiragra. Wir sind zwei hübsche Burschen, wir beide.«

»Sie können sich nicht mit mir vergleichen, mein König. Ein Mann Ihres Alters könnte mein Sohn sein.«

Friedrich lächelte. »Sie dürfen ruhig sagen: ich könnte Ihr Sohn sein. Oder wollen Sie noch zum Höfling werden, guter Lord? Es ist freilich wahr: die meisten Könige sind Narren, sie vergessen, daß auch ihre erste Wohnung nirgends anders gewesen ist als zwischen der Blase und dem Rektum.«

Sie kamen ins Schlafzimmer, ein großes gegliedertes Gemach. Im Alkoven, den ein vergoldetes Bronzegitter abschloß, befand sich das einfache Bett. Auf dem Kamin stand eine kleine Antike, ein Bruststück Marc Aurels, weißer Marmor das ehrwürdige Haupt, das Gewand polychromer Achat.

»Mein König«, sagte Keith, »das möchte ich einmal in den Händen halten.« Friedrich, nicht ohne Mühe, nahm es herab und setzte es auf ein Tischchen, und der alte Marschall berührte es sanft. »Vertueux Marc-Aurèle, exemple des humains, mon héros, mon modèle«, sagte er dazu in seiner schottischen Aussprache. Es waren Verse Friedrichs, ein poetisches Wunschbild seiner selbst, und er wußte, von wem Keith Abschied nahm, während seine Hände die Büste umfaßt hielten.

Er war sehr gerührt. Er nahm den Lord wieder beim Arm und wollte etwas sagen. Aber der Ausdruck einer Empfindung war etwas so Seltenes, so Ungewohntes für ihn, daß er mehrmals vergeblich ansetzte. Endlich sagte er und mußte sogar laut sprechen, denn Keith war ja beinahe taub:

»Mein guter Lord, ich habe Treulosigkeit und Undank und Schlechtigkeit der Menschen so viel an mir erfahren, daß ich zu entschuldigen wäre, wenn ich nicht mehr an das menschliche Herz glaubte. Aber Sie haben mich wieder zu diesem Glauben gezwungen.«

Er räusperte sich, und sie gingen durch den kleinen Korridor miteinander in die Bibliothek.

4

Dies war das letzte Zimmer der Wohnung, ein kleines, rundes, mit Zedernholz getäfeltes, immer totenstilles Gemach. In flachen Glasschränken standen hier die Bücher des Königs, schön gleichmäßig rot gebunden und goldverziert, eine erlesene Sammlung französischer Literatur und die wichtigen Werke der Alten, auch die der Italiener, Engländer und Spanier, doch alles übersetzt. Es war kein deutsches Buch dazwischen. Mit Aktenmassen beladene Tische standen umher. Von hoch angebrachten Konsolen schauten vier antike Köpfe hernieder: Homer, Sokrates, Apoll und ein Philosoph, dessen Namen niemand wußte. Die beiden Fenster reichten bis zur Decke und fast bis zum Boden; eines von ihnen ging nach der Front, über den Hang und die Gärten zur Havel hinaus, durch das andere aber, das östliche Fenster, boten sich dem Blick in großer Nähe der schöne Bronzeknabe mit den aufgehobenen Händen, den die Leute Antinous nannten, und das Bildwerk der ruhenden Flora mit dem liebkosenden Amor.

Auf dem Sitze, von dem aus der König dies zu sehen gewohnt war, einem kleinen in die Wand eingepaßten Sofa, brachte er jetzt den alten Marschall unter. Dabei schaute er zufällig durch das Frontfenster und sah, daß draußen, dort wo der Lord sie verlassen hatte, noch immer die Sänfte stand und neben ihr, unbeweglich, der Tibetaner und der Mohr. Der Mohr hatte ein scharlachrotes Röckchen an und um den Kopf eine Art primitiven Turban gewunden. Der Tibetaner war gelb gekleidet, und sein Haupt bedeckte ein spitzer Hut, der aber nicht aussah, als wäre er aus dem inneren Asien gekommen, sondern als hätten ihn ungeschickte Europäerhände nach undeutlicher Angabe nachgebildet. So standen die beiden rechts und links von dem Tragstuhl und schauten auf den Kies der Terrasse nieder.

Der König lachte. »Sehen Sie Ihre Diener an«, sagte er, »wie sie dastehen! Warum sprechen sie nicht miteinander?«

»Sie können es nicht, mein König, sie verstehen voneinander kein Wort. Oh, in meinem Hause ist es wunderbar. Da verstehen sich die Diener nicht. Sie verstehen nur mich. Und jeder hat eine andere Religion.«

»Ja«, sagte Friedrich, den schon das Wort Religion irritierte, »jedes Volk hat sich seine besondere Dummheit ausgedacht.«

»Oh, mich kümmert es nicht. Wenn sie nur in dieser Welt vergnügt und anständig sind – mit der anderen mögen sie es halten, wie sie wollen. Vor einigen Wochen bin ich einmal am Abend zur Zeit des Sonnenuntergangs in den Raum gegangen, wo sie sich miteinander aufhalten, da bot sich mir freilich ein sonderbarer Anblick.«

»Sie hielten wohl Gottesdienst, guter Lord?«

»Ja. Aber jeder einen anderen. Da stand Hanghi, der Tibetaner, und drehte eine Art Kinderrassel in der Hand herum, eine kleine Mühle, wie er sagte, und jedesmal, wenn sie sich drehte, war es so gut wie ein Gebet. Und in einer Ecke lag auf seinen Knien Ibrahim, der Tatar, und verbeugte sich sehr oft gegen Osten und lobte Allah und den Propheten. Und Stefan, der Kalmück, stand ganz still aufrecht, die Hände auf die Augen gelegt, und betete, ohne einen Laut von sich zu geben.«

»Und was tat der Neger?« fragte der König, den diese Schilderung innig amüsierte.

»Der Neger stand in der Mitte und glotzte«, sagte Keith. »Ich weiß nicht, was er sich dachte. Aber er glotzt eigentlich immer.«

»Ja«, sagte Friedrich, »das tut er jetzt auch. Ich werde ihnen sagen, daß sie sich etwas zu essen geben lassen.«

Er öffnete das Fenster und gab seine Weisung. Die beiden draußen verbeugten sich, aber gingen nicht vom Platze.

Keith lachte, daß sich die tiefen Falten seines Greisengesichts bewegten. Dann rief er ein paar wildklingende Worte hinaus, und seine Diener liefen fort, hinters Haus, dorthin, wo die Küche war. Die mit hellblauem Stoff überzogene Sänfte stand nun verlassen da auf der Terrasse, von der sich die Sonne schon zurückgezogen hatte. Keith fröstelte.

»Verzeihen Sie, alter Lord«, sagte Friedrich und zog an der Klingel, »wir lassen einheizen.« Es erschien Neumann, der Husar, und schichtete Holz auf im Kamin.

»Danke, mein König«, sagte Keith, »aber wenn ich es sagen darf, dieses Feuer sind Sie mir schuldig. Oh, in Spanien hatte ich gute Freunde«, fuhr er fort, »aber mein bester war doch die Sonne!«

»Wenn Sie davon erzählen, dann ist mir immer, als hörte ich Märchen. Man glaubt ja doch nur, was man gesehen hat, und denken Sie, daß ich nichts gesehen habe, ich alter Kerl, ich habe gar nie verreisen dürfen.«

Diesen melancholischen Gedanken kannte der Lord an seinem Freunde. Ein wenig rascher als sonst sprach er weiter:

»Freuen Sie sich nur, mein König, daß ich jetzt bald sterben muß und nicht mehr nach Spanien komme! Dort bei der Inquisition würde ich Sie bestimmt wegen Hexerei anzeigen. Denn verhext müssen Sie mich ja haben, sonst wäre ich nicht hier geblieben unter diesem bleiernen Himmel, während ich in dem schönen Klima von Valencia leben und sterben könnte.«

»Sie sprechen in jedem Satz vom Sterben, Keith. Aber ich denke, sie lebend und heiter zu finden, wenn ich von meiner Reise zurückkomme.«

»Da müßte sie wahrlich sehr kurz sein, mein König, und das läßt sich bei solchen ›Reisen‹ ja nicht berechnen. Nein, nein, mein Uhrwerk ist im Ablaufen.«

Friedrich widersprach nicht weiter. Das stand ihnen beiden nicht an. Er nickte. »Der Vergleich mit dem Uhrwerk ist ganz richtig«, sagte er. »Erst kürzlich habe ich es gedacht, als drüben auf der langweiligen Garnisonkirche die Turmuhr ausgewechselt werden mußte. Die ist nun aus Eisen und Stahl und hält doch nicht über zwanzig Jahre, und so ein Mensch, der bloß aus Kot und Speichel zusammengesetzt ist, der will viermal so lange dauern? Das hat gar keinen Sinn.«

5

Man kratzte an der Tür, und es erschien der Kammerhusar mit einem großen Weidenkorb voller Früchte. Es war Befehl, dem König täglich den Ertrag seiner Treibhäuser aufs Zimmer zu bringen; er hatte besonderes Wohlgefallen an schönem, südlichem Obst.

Dem alten Marschall wurde angeboten, und er nahm eine Banane.

»Schelten Sie nicht, Mylord, wenn sie holzig ist! In meinen Treibhäusern herrscht die Temperatur der Hölle, aber es scheint, daß alle diese Keime unlustig werden, wenn sie nur die Erdkrume dieses Landes spüren. Meine armen Orangen und Oliven und Zitronen, alle sterben vor Hunger in dieser Sandwüste.«

»Eine südliche Pflanze«, sagte Keith ganz leise, »ist immerhin gut hier gediehen. Der Lorbeer.«

»O Keith, Keith«, rief Friedrich und lachte, »man könnte meinen, Sie wollen einen Orden haben. Was habe ich nicht alles versucht«, fuhr er lebhaft fort, »mit den Georgica in der Hand habe ich säen und umgraben und pflanzen lassen, aber mein Gärtner hat gesagt: ›Das ist alles dummes Zeug, so kann man nicht arbeiten.‹ Ach, kein Vergil kommt auf gegen dieses Klima und gegen diesen Boden!«

»Von den Georgica«, sagte Keith bedächtig, »weiß ich auch gar nichts mehr. Die habe ich ganz vergessen. Mein Gedächtnis wird jetzt schwächer mit jedem Tag.«

»Dagegen gibt es ein Mittel. Ich rühre jetzt immer einen Löffel weißen Senf in meinen Kaffee, der stärkt das Gedächtnis.«

»Das würde mir nicht schmecken, mein König. Und ich will auch mein Gedächtnis gar nicht mehr stärken. Ich lasse mir jetzt viel aus meinen Lieblingsbüchern vorlesen, aus Tacitus oder Swift oder Montaigne oder aus dem Don Quixote, und alle sind sie wieder ganz neu für mich, ich höre sie zum ersten Male. Das ist ein großes Geschenk, das mir das Greisenalter macht. Es ist auch so ziemlich das einzige.«

»Beklagen Sie sich nicht, Lord Keith. Sie haben ein gutes Leben gehabt. Oder wie wollten Sie es einteilen, wenn Sie ein sogenannter Gott wären und hätten die Macht?«

»Wie? Ja, lassen Sie mich nachdenken, mein König. Da möchte ich bis zu dreißig Jahren eine hübsche Frau sein, dann bis zu sechzig ein siegreicher Feldherr, und dann, dann ...«

»Nun, dann doch wohl der Earl Marishal Keith?«

»Nein, dann ein Kardinal in Rom.«

»Guter Lord«, sagte Friedrich, »heute überraschen Sie mich. Erst zeigen Sie sich als Höfling und nun auch noch als frommen, gottesfürchtigen Mann.«

Sie wurden abermals unterbrochen. Diesmal war es einer von den Geheimschreibern; wie alltäglich um diese Nachmittagsstunde wurden die Erlasse und Briefe zur Unterzeichnung gebracht, die der König frühmorgens konzipiert hatte.

Mit dem Beamten zugleich drängten die Windspiele ins Zimmer. »Wer hat euch gerufen, ihr Racker«, sagte Friedrich zu ihnen. Sie erkannten den freundlichen Ton und stellten sich schmeichelnd an ihm in die Höhe. Den Geheimschreiber begrüßte der König durchaus nicht. Dagegen richtete sich der alte Marschall am Stock empor und verneigte sich höflich.

»Leg Er das alles dort auf den Tisch«, sagte Friedrich deutsch zu dem Beamten, »und gebe Er mir die Ansprache an die Generale. Er befördert sie dann zum Druck an die gewohnte Stelle!«

»Ja, Euer Majestät.«

»Aber schlechterdings nicht, ehe ich sie gehalten habe. Verstanden?«

»Gewiß, Euer Majestät.«

»Am Dienstag oder Mittwoch werde ich sie halten, also vor Donnerstag darf sie nicht gedruckt werden! Er ist mir verantwortlich!«

»Ja, Euer Majestät.«

»Man muß alles neunmal sagen, Mylord«, wandte er sich an Keith. »Es sind ja solche Heuochsen!«

Der Geheimschreiber wurde sehr rot. Aber der Marschall lächelte ihm aus seinen milden Augen, mit seinem welken alten Mund begütigend zu, so daß der Gescholtene wohl erkannte, er sei nicht bloßgestellt vor diesem freundlichen Greis.

Der König hielt das Blatt in seinen Händen. Er hatte den Text französisch diktiert, und dies war die Übersetzung.

»Kriegerische Ansprachen muß man noch halten, wenn man so alt ist«, sagte er zu Keith. »Ein schönes Handwerk! Sie werden lachen, Mylord, wenn Sie mich so pathetisch finden wie die Helden Corneilles. Ich werde also Hauptprobe halten. Kommt her, ihr Kleinen«, sagte er zu den Windspielen, die erwartungsvoll und mit den Schwänzen wedelnd um ihn herumstanden, »ihr seid jetzt meine Generale. So, setzt euch in die Reihe! Du, Phryne, bist der General Stutterheim, du Pompon, bist der General Moellendorf, und du, Hasenfuß, bist der General Butra.«

Keith lachte herzlich, das Gesicht des Geheimschreibers blieb ernst und kummervoll. Und der König las; er las mit seiner hellen, tönenden Stimme, die das Deutsche immer mit fremdem Akzent sprach, und er redete ziemlich laut, damit der alte Marschall auch wirklich alles verstünde, denn im Grunde gefiel ihm seine Ansprache sehr. Sie lautete:

»Meine Herren, die meisten von uns haben von ihren frühesten Tagen an zusammen gedient und sind im Dienste des Vaterlandes grau geworden, wir kennen einander also vollkommen wohl. Wir haben die Unruhen und Beschwerlichkeiten des Krieges schon redlich miteinander geteilt, und ich bin überzeugt, daß Sie ebenso ungern Blut vergießen wie ich. Aber mein Reich ist jetzt in Gefahr.«

»Das muß man immer sagen, Mylord«, warf er ein, jedoch nur, um sofort hinzuzufügen: »Im Grunde ist es aber die Wahrheit.«

»Mir liegt als König die Pflicht ob, meine Untertanen zu beschützen, auch die kräftigsten und schleunigsten Mittel anzuwenden, um das ihnen drohende Ungewitter womöglich zu zerstreuen. Um dies zu vollbringen, meine Herren«, er sah ernsthaft seine Hunde an, »dazu rechne ich auf Ihren Diensteifer und auf Ihre Neigung zu meiner Person, die Sie noch allemal gezeigt haben und die auch bisher nie ohne Wirkung war. Übrigens können Sie versichert sein, daß ich die Dienste, die Sie Ihrem Vaterland und König leisten werden, stets mit warmem Herzen und wahrer Dankbarkeit erkennen werde.«

Während dieser letzten Worte hatte er in die Schoßtasche gegriffen und einige von den kleinen Schokoladentafeln hervorgeholt; die Windspiele saßen noch immer in Habachtstellung vor ihm, aber als sie nun zum Lohn »für ihre Dienste« mit den süßen Leckerbissen gefüttert wurden, gaben sie diese Haltung auf und knabberten in legeren Posen.

Der König änderte seinen Ton nun völlig: »Ich will auch noch darum bitten«, sprach er ernst, »daß Sie die Menschlichkeit nicht aus den Augen setzen, wenn auch der Feind in Ihrer Gewalt ist, und daß Sie Ihre Truppen die strengste Manneszucht beobachten lassen. Ich rücke nun aus – o nein, o nein«, sagte er zu dem Beamten, »nichts von ›rücke nun aus‹! ›Je pars‹, habe ich diktiert, ›je pars‹, und was ich diktiere, muß Ihm schön genug sein. Geb Er Sein crayon!« Er verbesserte den Text und las:

»Ich reise nun ab. Aber ich verlange nicht als König zu reisen. Reiche und schöne Equipagen haben keinen Reiz für mich. Doch erlaubt mir mein schwächliches Alter nicht, so zu reisen, wie ich in der feurigen Jugend tat. Ich werde mich einer Postkutsche bedienen müssen, und Sie haben die Freiheit, ebendergleichen zu tun. Aber am Tage der Schlacht werden Sie mich zu Pferde sehen, und da, hoffe ich, werden meine Generale meinem Beispiel folgen.«

Er unterzeichnete und gab das Blatt zurück. »Denn wenn jetzt sogleich der österreichische Herr kommt, Mylord, und er sieht dies auf dem Tische liegen, dann macht er augenblicks kehrt. Und es wäre doch schade um seine präparierte Rhetorik.«

Der Geheimschreiber ging, und mit ihm wurden auch die Windspiele wieder fortgeschickt. »Sie würden die Feindseligkeiten vorzeitig eröffnen. Dem russischen Bevollmächtigten haben sie kürzlich die Hosenschnalle abgebissen, sie sind ganz verrückt. Ja, ja, Pompon, du warst es gerade, geh du nur auch fort!«

Und er schloß hinter ihnen die Tür.

6

Der König befand sich in einer barocken Laune, die aber keineswegs gutmütig war. Ihn amüsierte es, im einen Augenblick diese Ansprache, die Eröffnungsrede des Krieges, zu redigieren, und im nächsten, so als wären noch Möglichkeiten friedlicher Beilegung vorhanden, den Gesandten des Gegners zu empfangen.

»Jetzt werden Sie mich einmal als Heuchler kennenlernen«, sagte er mit hart glänzenden Augen. Er verschwand und brachte aus dem Konzertzimmer ein kleines, wohlgetroffenes Bildnis des Kaisers Joseph herbei, das dort auf einer Kommode seinen Platz hatte. Er stellte es auf den Kamin, mitten ins beste Licht.

»Kein übles Gesicht eigentlich«, sagte er. »Oder was meinen Sie, Keith?«

»Er sieht aus wie ein kluger Mann und auch wie ein guter Mann.«

»Trotzdem ist er's ganz allein, der zu diesem Krieg treibt. Er ist ehrgeizig. Nun, man begreift es. Die Theresia will gar nicht, sie hat schreckliche Angst. Sie fürchtet, daß sie tausend Jahre länger im Fegefeuer braten muß. Außerdem hat sie meine Schnurrbärte kennengelernt. Man sagt, sie bekommt Zustände, wenn sie eine blaue Uniform sieht.«

Er blickte an sich hinunter, an seinem eigenen Kittel. Ein Einfall schien ihm zu kommen. Er zog an der Klingel.

»Passen Sie auf, guter Lord, jetzt werde ich mich maskieren.«

»Sie sind ein höflicher Monarch, mein König. Sie bieten Ihrem Besucher etwas.«

»Höre«, sagte Friedrich zu dem eintretenden Husaren, »in meinem Schrank muß noch der weiße Rock sein, den ich damals in Neustadt getragen habe. Bring ihn mir her.« Der Diener ging.

»Sieben Jahre sind das auch schon wieder«, sagte Friedrich. »Es war das erste Mal, daß ich den jungen Joseph offiziell sah. Kaunitz war auch dabei. Das ist ein großer Narr, aber dabei doch ein Fuchs. Wir hatten uns alle weiße Röcke machen lassen, um den Österreichern das verhaßte Blau zu ersparen – ah, da ist er ja, schauen Sie her, Mylord!«

Und Friedrich legte die weiße Uniform an, die in freier Art der österreichischen Montur nachgeschnitten und mit Silber gestickt war und die ihm ziemlich sonderbar zu Gesicht stand. Neumann trug den preußischen Rock hinüber ins Schlafzimmer.

»Auf dieses schöne Kleid gehört eigentlich auch ein schöner Orden. Sie werden sehen, Keith, der österreichische Graf trägt sicher das Goldene Vlies. Wenn ich das sehe, muß ich immer lachen. Mag auch ein Mensch ein geschlachtetes Schaf auf der Brust herumtragen?«

»Jedenfalls, mein König«, sagte Keith, »ist Ihre Toilette nun beendet, und der Gesandte des Römischen Kaisers wird gleich erscheinen.« Und er machte Anstalt, sich zu erheben.

»Was fällt Ihnen ein, guter Lord! Meinen Sie, ich opfere Ihre Gegenwart diesem Briefträger? Übrigens«, fügte er hinzu, »kommt auch der Graf Cobenzl nicht allein. Er bringt einen Sekretär mit, den er mir vorstellen soll. Seltsamer Einfall am Vorabend eines Krieges. Wahrscheinlich ist er ein Spion. Alle diese Legationssekretäre sind Spione.«

»Da wird er wenig Glück haben in Ihren Staaten.«

»Lumpen gibt es überall. Aber hier gibt es wenigstens keine Hofdamen und keine Prinzessinnen, die so ein junger Elegant verführen und aushorchen kann.«

»Ich denke, mein König, ganz unter uns«, sagte Keith mit einem Lachen, »daß Sie diese Methode auch selbst recht häufig angewendet haben.«

»Da irrt sich mein kluger Lord. Die Methode ist viel zu teuer. Diese Sekretäre verbrauchen ein sündhaftes Geld für Blumen und Zuckerwerk und Equipagen und bringen meistens gar nichts heraus. Nein, ich habe immer nur die Kammerjungfern verführen lassen. Dazu genügen hübsche kräftige junge Leute aus dem Volk, von denen überhaupt niemand weiß, daß sie mit mir zusammenhängen. Die kriegen ihre fünfhundert Taler im Jahr und amüsieren sich dabei noch herrlich, die Galgenstricke. Ihre Berichte sind vielleicht nicht so orthographisch, aber sie haben Hand und Fuß.«

Der Husar erschien und meldete mit lauter Stimme die österreichischen Herren.

7

Es traten ein der Graf Ludwig Cobenzl, bevollmächtigter Gesandter Ihrer Römischen und Apostolischen Majestäten, ein noch ganz junger Herr mit einem wachen und trockenen Gesichtsausdruck, höchst vornehm gekleidet in Weiß und Orange und richtig mit dem Goldenen Vlies vor der Brust; mit ihm ein sehr schöner, schlanker Mensch gleichen Alters, von südlichem Typus, ebenso kostbar, aber viel prächtiger angezogen als er. Beide vollführten die höfischen Verneigungen.

»Guten Tag, mein Herr«, sagte der König und nahm auch den speckigen Uniformhut ab, der zu seinem Kostüm ohnehin wenig passen wollte, »ich bin entzückt, Sie zu sehen.«

»Eure Majestät haben gnädig erlaubt, daß ich – hier – meinen Begleiter einführe und untertänig vorstelle. Es ist der Nobile Calsabigi, bisher in den Diensten Ihrer Majestäten in Neapel, jetzt mit besonderen Aufträgen von Wien hierher abgesandt.«

»Ah, sehr gut«, sagte Friedrich. »Es darf die Herren nicht stören, wenn – hier – der Herr Erbmarschall von Schottland unserer Unterredung beiwohnt. Er ist mein Freund, und ich habe vor ihm keine Geheimnisse.«

Der alte Lord vollzog seine Begrüßung, wenn auch bedeutend lässiger als früher vor dem Schreiber. Er hatte in seinem Leben so viele Minister und Gesandte gesehen. Auch die Monarchen, die sie vertraten, waren nicht Gegenstand seiner besonderen Verehrung. »Was ist im Grunde eine Krone?« pflegte er zu sagen, »doch nur ein Hut, in den es oben hineinregnet.«

Inzwischen hatte der Gesandte sich umgesehen. Sein Blick wanderte von dem weißen Kostüm, das der König trug, zu dem Bild seines Herrn auf dem Kamin-Ehrenplatze, und er wußte vermutlich kaum, was er aus diesen Anstalten zu machen hatte.

Der junge Calsabigi hielt seine brennenden Augen mit dem Ausdruck hinschmelzender Bewunderung auf das Gesicht des Königs gerichtet.

»Sie wundern sich vielleicht«, begann dieser in ganz leichtem Ton die Unterredung, »mich in diesem Ihrem Kleide zu sehen. Es ist der Rock, den ich trug, als ich mit Ihrem Souverän zusammentraf.«

Cobenzl verneigte sich.

»Sie werden aber wahrscheinlich im geheimen denken, daß ich nicht recht würdig bin, Ihre Farben zu tragen. Ich bin nicht so sauber wie Ihr Österreicher.« Er zeigte an der weißen Seide hinunter, die von oben bis unten alte Schnupftabakspuren aufwies. Gleichzeitig griff er sich aus einer der Edelsteindosen, die umherstanden, eine starke Prise.

»Eure Königliche Majestät«, sagte der Diplomat, »machen mich glücklich durch den Anblick unseres Kleides. Eure Majestät scherzen über kleine Flecken, die dieser Rock im Gebrauch erhalten hat, aber daß ich ihn heute an Eurer Königlichen Majestät erblicken darf, erfüllt mein Herz mit der Hoffnung, daß Eure Majestät ihn nicht mit Pulver schwärzen wollen.«

»Das ist gut gesagt, Cobenzl, aber doch schief. Denn wenn ich Pulver losbrenne, dann, Cobenzl, trage ich ja den andern, den blauen. Genug Höflichkeiten«, fuhr er fort, »ich bitte jetzt um Ihren Auftrag.«

»Eure Majestät«, begann Cobenzl, »mögen mir erlauben, einleitend zu sagen, daß nur ein Teil der Wiener Aufträge heute in meinen Mund gelegt ist. Ein wesentlicher Teil, vielleicht der wichtigere, ist hier dem Nobile Calsabigi mit Spezialmission übergeben worden, ich weiß nicht einmal, ob von Ihrer Majestät der Kaiserin Königin oder etwa doch von Seiner Majestät dem Römischen Kaiser.«

Es verneigte sich Calsabigi mit prachtvoller Biegung seiner schönen Gestalt.

»Ich weiß ja«, sagte Friedrich und runzelte die Brauen, »wie die Sachen stehen. Ihr junger Kaiser will den Krieg, Ihre alte Kaiserin will ihn nicht. Sie hat selbst erklärt, die Wiener Ansprüche seien verjährt und wenig bewiesen. Wenn sie das einsieht, dann soll sie ihren Mitregenten zur Vernunft bringen, aber was will sie von mir?«

Diese Worte waren halb auch an den Italiener gerichtet. In einem samtenen Bariton, mit fremd gefärbten Vokalen, antwortete dieser:

»Eure Königliche Majestät, man glaubt erhabenen Ortes einen Weg gefunden zu haben, der für alle hohen Beteiligten gangbar ist und keine Empfindung verletzt.«

»Empfindung? Es handelt sich nicht um Empfindungen, es handelt sich um Interessen. Mein Interesse aber wird nur dann nicht verletzt, wenn man in Wien bereit ist, das widerrechtlich besetzte Niederbayern unverzüglich zu räumen. Ist man dazu bereit, Herr Calsabigi, dann können Sie mir das sehr gut in Gegenwart Seiner Herrlichkeit und des Herrn Gesandten sagen; ist man es nicht, so sehe ich erst recht nicht ein, warum ich Sie noch in besonderer Audienz empfangen soll.«

Das war brüsk. Calsabigi zuckte mit den Lidern seiner ausdrucksvollen Augen und sagte devot: »Eure Majestät berauben mich eines großen Glückes, von dem ich mit Verlangen geträumt habe.«

Friedrich wendete sich nach Keith hin und schnitt ihm eine Grimasse, die aber der Alte wahrscheinlich nicht sah; dann kehrte er sich zu Cobenzl und forderte ihn abermals zum Vortrag auf. Der Graf, trotz seiner Jugend bis zur Vollendung geschult – er war schon mit einundzwanzig Österreichs Bevollmächtigter in Kopenhagen gewesen –, entledigte sich seiner Aufgabe in ausgezeichneter Form und mit Klarheit.

Er trug, in einem der Tuilerien würdigen Französisch, die Ansprüche des Hauses Habsburg auf große Teile Bayerns vor, ebenjene Ansprüche, die von der Kaiserin selbst als schlechtbewiesen in Zweifel gestellt waren. In seinem Munde wurden sie, nach jedem Recht und jeder Satzung, unanfechtbar. Er rekapitulierte den Hausvertrag, den vor nun zwölf Jahren Max Joseph mit dem erbenlosen Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz abgeschlossen hatte, er berührte ganz tonlos, in einem Nebensatz, die später versuchte Beiziehung des Zweibrücker Herzogs, des präsumptiven Thronfolgers, er brachte den im Vorjahr erfolgten Tod Max Josephs in Erinnerung ...

»Das wissen wir ja, daß der tot ist, Cobenzl«, sagte Friedrich brummig. »Erschüttern Sie doch nicht bloß die Luft!«

Der Gesandte, ohne sichtbare Empfindlichkeit, unbeirrt, gab weiter zu bedenken, daß Karl Theodor, der derzeitige Herrscher Bayerns, die Ansprüche des Hauses Habsburg willig und bindend anerkannt habe, und, so fügte er hinzu, dieser Kurfürst sei doch wohl der Hauptbeteiligte.

»Falsch«, sagte Friedrich. »Der Hauptbeteiligte ist der Herzog von Zweibrücken, dessen Kinder und Kindeskinder dereinst über Bayern herrschen sollen.«

Jedenfalls, entgegnete Cobenzl, habe der Kurfürst doch nur darum zugestimmt, weil er sich der Legalität jener Ansprüche nicht habe verschließen können.

»Jedenfalls doch nur darum«, unterbrach Friedrich, »weil er eine Menge unehelicher Kinder hat und für die vom Kaiser schöne Titel und schöne Dotationen haben will. Weshalb, Cobenzl, verschweigen Sie eigentlich Dinge, die wir alle miteinander wissen? Dadurch eben wird ja das politische Handwerk so langweilig.«

Sie waren eng beisammen in dem kleinen, nicht mehr sehr hellen Raum: der König von Preußen, der schottische Erbmarschall, der in Brüssel geborene Österreicher und der allzuschöne Vierte. Mit kurzen Schritten, die Hände hinten auf dem weißen Rock zusammengelegt, begann Friedrich hin und her zu spazieren. »Sehen Sie, Cobenzl«, fuhr er beinahe behaglich fort, »wenn ich auf Ihren traditionellen Ton eingehen wollte, dann würde ich Ihnen jetzt einen edlen und schwermütigen Vortrag halten. Dann würde ich sagen: es handle sich in dieser Sache darum, ob der Kaiser nach seinem Gutdünken mit den Reichslehen schalten kann. Es handle sich darum, würde ich sagen, ob diese Reichslehen Pfründen nach türkischer Art werden sollen, die bloß auf Lebenszeit gelten und über die der Sultan nach dem Tod des Inhabers frei wieder verfügt. Nein, würde ich sagen, das steht in Widerspruch mit den Gesetzen und Gebräuchen des Römischen Reiches, und kein deutscher Fürst kann dergleichen mit seiner Ehre vereinbaren. Ich selbst, so würde ich sagen, fühle mich als Glied des Römischen Reiches und als deutscher Fürst. Ich habe den Westfälischen Frieden durch den Frieden von Hubertusburg wieder erneuert und bin, würde ich sagen, als Kontrahent dieses Friedens direkt verpflichtet, die Rechte des deutschen Fürstenstandes gegen jeden Mißbrauch durch das Reichsoberhaupt zu schützen.« Er blieb vor dem Gesandten stehen.

»So würde ich sagen, Cobenzl, wollte ich diplomatische Rhetorik treiben. So etwa müßte ich mich ausdrücken, wollte ich heute an Ihren Kaiser ein offizielles Schreiben abfassen. Solch ein Schreiben wandert ins Archiv und später in die Geschichtsbücher und dient den Knaben als Schultext. Ihnen aber sage ich, Cobenzl, ich kann die Annexion Bayerns nicht dulden, weil mir der Machtzuwachs für Habsburg zu groß ist und weil außerdem meine Erbansprüche auf Bayreuth und Ansbach durch diese Annexion gefährdet werden.«

Der König schien schweigen zu wollen. »Mein Souverän«, begann der Gesandte, »ist gerne bereit ...«

»Still, still, Cobenzl, er ist gern bereit, mir meine Ansprüche zu garantieren. Er denkt, und er hat ganz recht, daß ich ein abgelebter alter Kerl bin, den der Teufel bald holen wird, und daß sich dann später schon alles findet. Er ist jung, er hat die Zukunft für sich. Ich weiß, daß er persönlich sehr freundlich von mir denkt, Ihr Souverän, das zeigt sich hauptsächlich darin, daß er meinen Lebensgang gründlich studiert hat. Nun will er genauso seine Hausmacht stärken, wie ich es zu Anfang meiner Laufbahn mit der meinen getan habe, und möchte den einstigen Verlust Schlesiens wiedergutmachen. Er meint, das könnte ich mir gefallen lassen, denn es gehe ja nicht auf meine Kosten. Es geht aber doch auf meine Kosten, Cobenzl, oder jedenfalls bilde ich mir's ein, und solche alten Kerle sind eigensinnig.«

Friedrich hatte sich während der letzten Worte jenem seitlichen Fenster zugekehrt. Der Tag draußen war trübe geworden, bleifarben. Wie verbrannt hob der schöne Jüngling aus Erz seine beiden Hände zum grauen Himmel, und die Flora schien sich mißmutig hinzudehnen.

Cobenzl wartete, ob der König sich nicht umwenden würde. Er tauschte einen Blick mit seinem Begleiter. Dann sagte er:

»Eure Königliche Majestät! Der Auftrag, den der Edle Herr von Calsabigi in Wien erhalten hat, ist mir zwar unbekannt; aber ich kann vermuten, mit einiger Sicherheit vermuten, daß es sich um ganz persönliche Anregungen von höchster Stelle her handelt, mit denen das Kabinett nicht befaßt worden ist, auch der Fürst Kaunitz nicht ...«

Friedrich hatte sein Fenster verlassen. »Der Fürst Kaunitz«, sagte er geschwind, in einem frischen Plauderton, »hat mich damals in Neustadt ein wenig amüsiert. Er ist unstreitig ein Mann von Geist und sehr hohen Gaben, aber er hat die Eigentümlichkeit, daß er sich selber für ein Orakel hält und alle andern für Dummköpfe. Von mir hat er gedacht, ich sei eben nichts als ein Soldat, der keine Ahnung von Politik hat. Ja, er hat mich amüsiert, herzlich amüsiert«, schloß er befriedigt, denn er konnte glauben, den Gesandten nun von seinem Gedankengang abgebracht zu haben.

Da aber geschah etwas völlig Unerwartetes. Der Nobile Calsabigi nämlich trat stürmischen Schrittes hervor, warf sich dem König zu Füßen und umklammerte einen von seinen alten Schaftstiefeln, die unter dem Silbersaum des österreichischen Rockes hervorsahen.

»Eure Majestät!« rief er flehend und innig. »Gewähren Eure Majestät mir die unendliche Gnade der angesuchten Unterredung! Seit ich ein Knabe war, haben Eure Königliche Majestät für mich ein Idol bedeutet, die leuchtende Achse, um die sich all mein Tun und Wollen drehte. Der glückseligste Tag meines Lebens war es, als mir jetzt in Wien die Mission an den großen König von Preußen übertragen wurde. Im Staube flehe ich, sie Eurer Majestät unterbreiten und so vielleicht als ein Instrument mitwirken zu dürfen, daß Friede und Eintracht zwischen den beiden würdigsten Höfen erhalten bleibt. Gewähren Eure Majestät diese Bitte Ihrem geringsten, aber gewiß glühendsten Adoranten!«

Calsabigi lag so, daß ihm weder der alte Marschall noch Graf Cobenzl ins Gesicht sehen konnten. Er hob seine schönen Tieraugen zu Friedrich empor, und da sah der überraschte und sogar ein wenig verlegene König etwas, was ihn augenblicklich orientierte: der Ausdruck dieser Augen war kein flehender, kein unterwürfig verehrender, in diesen Augen stand Laster, stand Verheißung und Verlockung. Calsabigis beide Hände preßten sanft sein Bein in dem alten Stiefel, von der kunstvollen Frisur stieg ein feines Parfüm, stieg ein Weiberduft zu ihm auf.

Er trat zurück, und zwar so heftig, daß der Kniende für einen Augenblick mit den Händen nach vorne auf den Fußboden sank.

»Ich habe mich geäußert, Graf Cobenzl«, sagte Friedrich. »Sollte es Ihr Wunsch sein, Ihren Paß zu verlangen: er steht zu Ihrer Verfügung. Sie nehmen, lieber Graf, meine persönliche Hochachtung mit auf die Reise, Sie werden Ihrem Vaterlande noch wertvolle Dienste leisten. Weitere Unterhaltungen zwischen uns sind leider unnütz; unmöglich sind sie mit Personen, die meine königliche Gegenwart nicht verdienen. An Ihren Souverän werde ich noch einen Brief richten des Inhalts, den wir zuvor besprochen haben. Aber ich werde ihn im Feldlager schreiben. Reisen Sie glücklich, mein Herr!«

Der Gesandte ging, verstummt und bestürzt, ihm folgte Calsabigi, ohne noch einen Gruß zu wagen, vernichtet. Der Earl Marishal hatte sich zur Verabschiedung nicht erhoben.

»O Keith, Keith!« rief Friedrich mit einer Miene, in der sich Ekel und Verzweiflung mischten, und machte Anstalt, als wolle er Zuflucht suchend auf ihn stürzen. Er bezwang sich und blieb stehen.

Keith sah ihm mit seinen redlichen alten Augen entgegen. »Mein König«, fragte er mit Güte, »was ist geschehen? Was erregt Sie?«

8

Aber er erhielt nicht sogleich eine Antwort. Friedrich zog an der Glockenschnur.

»Meinen alten Rock, meinen ehrlichen Rock!« rief er dem eintretenden Husaren zu. Er riß sich das weiße Kostüm vom Leibe und stand ein paar Augenblicke in Hemdsärmeln und gelber Weste da. »Hier«, rief er, als er seine eigene Uniform und den Hut wieder trug, »nimm das da, lauf in die Küche, da sitzen die beiden Diener Seiner Lordschaft. Der eine ist ein Schwarzer. Dem schenkst du den Kittel! Er soll ihn aber nicht anhaben, wenn er den Lord in der Sänfte trägt oder sonst honorablen Dienst tut, sondern wenn er Geschirr wäscht und die Senkgrube aushebt – ach so, ich vergaß, er versteht dich ja nicht. Nun, einerlei, geh nur und gib ihm den Rock!«

»O Keith, Keith«, rief er wieder, als sie allein waren, »was sagen Sie nun dazu? Mich, mich wollen sie verführen von Wien her, schauen Sie mich an, ob so einer aussieht, den man noch verführen kann« – und er deutete an sich hinunter, an seiner abgezehrten, gekrümmten, kleinen Gestalt im groben Kleide. »Man sagt immer, wir Könige seien Gottes Ebenbilder. Daraufhin habe ich mich kürzlich im Spiegel betrachtet und muß sagen: der liebe Gott kann mir leid tun, wenn er so aussieht!«

Und er lachte, aber es war ein Lachen, das weder amüsiert noch zornig klang, sondern verzweifelt.

»Ja, so verfahren sie mit mir, meine geliebten Brüder und Schwestern, die Allerchristlichsten Könige und Kaiser, die Allerkatholischsten, die Allergläubigsten, die Allerapostolischsten – mit mir, dem Allerketzerischsten! Mit mir, so meinen sie, ist alles erlaubt. Mit mir ist alles möglich. Mich wollen sie von meinen Plänen, von meinen notwendigen Schritten abbringen. Mich wollen sie zur Schwäche verleiten lassen – durch wen? Durch einen parfümierten Beau, einen Ganymed. Ich weiß nicht, ist es mehr lächerlich oder mehr traurig oder mehr ekelhaft!«

»Mein König«, sagte Lord Marishal langsam, »ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Was hat man Ihnen angetan?«

Friedrichs Heftigkeit verging, und er lächelte. »Ach Keith, Keith«, sagte er noch einmal, jedoch in sanftem Ton, so als spräche er zu einem geliebten Kinde, »da wäre viel zu berichten. Aber weshalb ereifere ich mich denn? Prinzessinnen und Hofdamen gibt es keine hier auf meinem Weinberg, Kammerjungfern auch nicht, um nach meinem billigen Rezept zu verfahren, da probieren sie es denn mit dem Hausherrn selber. Die gute schlaue fromme Theresia! Die schlauen frommen Väter Jesuiten! Denn die werden es ja wohl gewesen sein, die den Plan entworfen haben, und die Kaiserin hat ihn gewiß nicht ganz begreifen wollen. Einen hübschen Burschen haben sie für mich ausgesucht, soviel ist wahr. Der würde mich mit seinen Zärtlichkeiten schon dahin bringen, daß ich dem Kaiser Joseph ein paar unbedeutende Einräumungen machte, und dann wollte es die Theresia übernehmen, auf solcher Grundlage den Frieden zu wahren. Die Absicht war gar keine schlechte. Ich habe mich ganz umsonst erregt. Nach meinen Erfahrungen dürfte ich mich über die Menschen nicht mehr wundern.«

»Wie denn, mein König«, fragte Lord Keith aus seiner Sofanische heraus, »man vermutet bei Ihnen eine Neigung zur sokratischen Liebe und will die benützen? Habe ich das recht verstanden?«

»Ach, guter Lord, um so erstaunt zu fragen, dazu muß man ein Schotte sein und Ihr Herz in der Brust tragen und durch sein Wesen Klatsch und Verleumdung so weit von sich abhalten. Wie könnte Ihnen sonst entgangen sein, was seit Jahrzehnten an allen Höfen laut besprochen wird.«

»Mein König«, sagte Keith, »ich hätte es niemand raten wollen, ein herabsetzendes Wort über Sie in meiner Gegenwart zu gebrauchen. Es hat aber nie jemand gewagt.«

»Herabsetzend ... Ich weiß nicht einmal, ob ich es herabsetzend finden soll. Vom Alexander weiß man es, vom Cäsar sagt man es, und Sokrates bei seinem Alcibiades zu denken ist wohl eigentlich würdiger als Johann bei seiner Liese. Ach, guter Lord, es stünde wohl besser um mich, wenn die recht hätten, die mich auf solche Weise herabsetzen.«

»Besser, mein König?«

Er sah ihn an, den Uralten, wie er dasaß in seiner Würde, in der ehrfurchtgebietenden Kindlichkeit seiner neunzig Jahre, am Ende eines geraden und klaren Lebens – und ein Gefühl überkam ihn, darin sich Rührung und Neid vermischten. Um wieviel leichter hatte es dieser gehabt! Das Leid und die Mühsal hatten gewiß nicht gefehlt in seinem langen Dasein. In Schottland als junger Mensch war er, proskribiert, von Dorf zu Dorf, von Fels zu Fels, von Insel zu Insel geflüchtet, immer vom Kerker und schimpflichem Sterben bedroht. Dann hatte er das Vaterland meiden müssen, nach dem sein redliches Blut mit jedem Tropfen hindrängte, hatte den unwiderruflichen Sieg derer gesehen, die Kronräuber für ihn waren, hatte, viel härter noch dies, von dem Geschlecht, dem er Schwert und Arbeit unverbrüchlich weihte, nichts als Undank, nichts als Verleumdung erfahren. Er hatte den Bruder, den er sehr liebte, Jakob, in Friedrichs Diensten verloren, und auch sonst waren Schläge für sein Herz nicht ausgeblieben. Noch nicht so lange war es her, und Friedrich wußte davon, da hatte der bereits Hochbejahrte noch einen ernstlichen Kummer erlebt um ein schönes Geschöpf, eine türkische Kriegswaise, die er in seinem Hause europäisch herangebildet und geliebt hatte wie ein Kind – mit einem Male aber nicht mehr wie ein Kind, und die ihm mit der unschuldigen Grausamkeit der Jugend klar gezeigt hatte, daß er alt, daß sein Leben vorbei war, unwiederbringlich.

Aber er hatte doch ein Leben gelebt, ein ganzes und wahres. Er hatte geduldet und getrauert, aber er hatte auch geruht und genossen, hatte Frauen umarmt unter vielen Himmeln, strahlenden und nordisch verhängten, er war ein Mann gewesen, nicht in Arbeit nur und Gedanken und Wagnis, sondern auch in Lust und froher Erfüllung.

Unsterblicher Ruhm war wohl nicht sein Teil, er war nicht ein Mythus für die Länder der Erde; wenn er hinging und seine phantastischen Diener ihn drüben auf den Friedhof trugen, wo er liegen wollte, dann war es zu Ende mit ihm, dann war er nichts mehr als eine freundliche und edle Erinnerung, die rasch verblaßt sein würde und bald erloschen. Er war ein freier und kluger und tapferer Gentleman gewesen, umgetrieben und später im Hafen, von einem König geliebt, von seinem Gesinde verehrt, eine klare Erscheinung, ein offenes Buch. Er war ein Mensch gewesen, ein wirklicher, atmender Mensch. Er war zu beneiden.

Ein hinfälliges Bedürfnis erfaßte den Verschlossenen, einsam Erstarrten, hier vor diesem einmal zu reden, von sich zu reden. Dieser letzte Mensch, der ihm nahe war, ging nun auch dahin, fast war er schon gegangen, er war nur noch der Schatten eines Schattens.

Das Begebnis mit dem italienischen Abenteurer hatte in dem König vieles aufgerührt. Ach, wie die Welt ihn mißkannte! Arges, Grauenhaftes war da verborgen. Die Wunde seines Daseins, nicht allein, daß die gebrannt hatte – sie hatte auch noch verheimlicht werden müssen ein Leben lang, und dies eigentlich war das Schlimmste gewesen, dies eigentlich hatte ihn von menschlicher Gemeinschaft ausgeschlossen.

Nie hatte er sich einem anvertraut. Nicht der Mutter, die ihm als Beschützerin in der Jugend teuer gewesen war, nicht der klugen Schwester von Bayreuth. Alle seine Genossen, die geistreichen Männer seines Umgangs, waren abgeschieden, ohne um sein Schwerstes zu wissen. Auf keiner der aberhundert Seiten, auf denen er selber sein Leben dargestellt, in keiner der tausend Verszeilen, mit denen er es poetisch erhöht hatte, war die Rede davon. Und das war gut so, das war sehr gut. Denn sein Geschick war nicht allein hart und furchtbar zu tragen, es war auch häßlich und, in einem gemeinen Verstände abgespiegelt, vielleicht lächerlich.

Die Situation gewann Macht, sie gewann einen Zauber über ihn. Vorabend eines Krieges, da er seit fünfzehn Jahren nicht mehr mit Truppen ins Feuer geritten war, Vorabend europäischer Entscheidungen, denn es ging um nicht weniger als um die Vorherrschaft im Herzen des Erdteils, und dort, zum letzten Male, dieser Letzte, den er nicht wiederfand, wenn er von seiner Kriegsarbeit nach Hause zurückkehrte.

Er würde einmal sprechen, hier war es möglich. Ungewiß, ob er ganz begriffen würde, aber wurde er's, so blieb das Begriffene in dieser hundertjährigen Brust verschlossen bis zum nahen Tag des Vergessens. Er sprach wie in ein Grab hinein.

Er rückte ein Taburett heran, setzte sich und nahm Keiths Hand. Dies war seit Jahren nicht geschehen. Der König reichte niemals die Hand, auch seinen Bevorzugten nicht, er mied wie sengendes Feuer die menschliche Berührung.

Die Hand des Marschalls war klein und so trocken wie ausgedörrtes Holz. Der König hielt sie, während er zu sprechen begann. Später ließ er sie los.

9

König Friedrich pflegte im Umgang mit Personen, deren Geist er hochschätzte, mit Geist zu sprechen; er gebrauchte dabei den ornamentalen, antithesenreichen, sehr gefälligen Stil seines Jahrhunderts. Jetzt sprach er knapp und rauh. Seine Sätze waren ohne Kunst, sein Ausdruck der unzweideutigste. Es war, als wälze er Steinblöcke von seiner Seele nieder, die ein Leben hindurch auf ihr gelastet hatten.

»Mein guter Lord«, sagte er, »als Sie zu mir kamen, wie alt war ich damals? Damals war ich fünfunddreißig. War ich damals noch jung? Bin ich Ihnen damals jung erschienen? Schwerlich. Ich war es auch nicht. Meine Jugend war schon längst vorbei.

Wissen Sie, wie lange meine Jugend gedauert hat? Bis zu meinem einundzwanzigsten Jahr. Dann war alles aus.

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, Keith? Ich glaube nicht. Sie sind mein wahrer Freund, ich weiß es, aber die Menschen denken nicht übereinander nach. Sie haben manchmal gesagt: ›Sanssouci ist ein Kloster, und Friedrich ist der Abt‹, und Sie haben gelacht. Aber warum ist es ein Kloster, warum unterscheidet sich dieser Hof von allen Höfen? Sie sagen: meine Neigung ist so. Ja, das wird es sein.

Hören Sie, Keith, was will eigentlich der Mensch? Er will leben und glücklich sein. Das haben auch Sie gewollt, und Sie können zufrieden sein. Aber als Ihnen die Türkin einen Korb gab, da waren Sie traurig. Und doch waren Sie damals schon ein alter Herr, und Ihr Verlangen ging eigentlich wider alle Regel.

Nun, alter Lord, mir haben alle Frauen einen Korb gegeben, seit ich einundzwanzig war. Das werden Sie nicht verstehen. Es ist auch nicht wahr. Vielmehr, ich habe allen Frauen einen Korb gegeben. Das ist auch nicht wahr. Sondern mir hat die Natur selber einen Korb gegeben. Das ist wahr. Und es war nicht schön.

Als junger Mensch habe ich die Weiber ganz unmäßig geliebt. Bei einem Weibe schlafen, das war das Schönste für mich. Alles sonst hätte ich lassen können. Ich hätte kein Buch lesen müssen. Ich hätte keine Musik hören müssen. Ich hätte kein Pferd zu reiten brauchen. Ich hätte auf meine Freunde verzichten können. Ich hätte nicht brauchen Kronprinz zu sein. Aber Frauen mußte ich haben. Das fing frühzeitig an und wurde immer wilder. Wenn ich ihre Brüste sah, wenn ich ihre Haare roch, dann war mein Kopf wie in siedendes Wasser getaucht, ich verlor die Besinnung. Ich hatte die schlimmsten Auftritte mit dem König, ich kam in Gefahren, aber ich dachte an nichts anderes. Es war nicht Liebe. Ich liebte nicht. Nein, Keith, eine Frau, die ich hätte lieben können, sah ich nicht. Ich war vielleicht zu jung. Vielleicht war ich auch zu diesem Gefühl nicht fähig. Wahrscheinlich ist es seltener, als man glaubt. Die Menschen lügen ja viel.

Ich hatte auch kein Verlangen nach Liebe. Ich hatte Verlangen nach Weibern. Mein Vater wollte mich verheiraten. Das war mir gar nicht recht. Ich fand es stupide, mit einundzwanzig zu heiraten. Ich hatte aber keine Wahl. Ich sagte ja, mit Ach und Krach, und dachte heimlich, daß mich meine Frau an nichts hindern würde. In ganz Europa gab es keinen unverheirateten König, und doch keinen sittsamen.

Kurz vor der Hochzeit passierte es mir. Was? Nun, Sie wissen es, Keith, der bogenschießende Gott« – er wies mit einer Kopfbewegung zu Flora und Amor hinaus – »hat auch vergiftete Pfeile im Köcher. Mich traf einer. Ich war ratlos. Ich sollte heiraten. Jetzt sofort sollte ich heiraten. Ich vertraute mich dem Markgrafen Heinrich, meinem Onkel: Heinrich von Schwedt. Mein Onkel war er, aber nicht viel älter als ich. Der Esel lebt noch. Sie kennen ihn ja. Ich hielt ihn für wunders wie erfahren. Er wußte auch Rat. Einen sauberen Rat wußte er. Er schickte mir seinen Arzt. Einen sauberen Arzt schickte er. Es war der sogenannte Doktor von Malchow. Das war ein Pfuscher. Ich sehe den Kerl noch. Er hatte einen pfirsichfarbenen Rock und ein Papageiengesicht. Leute mit Papageiengesichtern sind immer Esel. Der vertrieb mir meine Krankheit in vier Tagen. Ja. Nach vier Tagen hörte der Fluß auf. Ich war bereit. Ich fuhr nach Wolfenbüttel und heiratete. Es war gar nicht so schlimm. Ich war ganz zufrieden.

Nach ein paar Wochen war ich wieder krank. Der Kerl von Malchow hatte mich nicht geheilt. Er hatte nur die Krankheit in mich hineingetrieben. Nun brach sie heraus. Mein Leben war in Gefahr. Der kalte Brand drohte bereits. Die Ärzte damals waren noch dümmer als heute. Ich hatte eine Höllenangst vor meinem Vater. Um einen wirklich gelehrten Mann nach auswärts zu schreiben, wagte ich nicht. Ich begnügte mich mit dem Affenpack in der Nähe. Wenn sie nur das Maul hielten, das war die Hauptsache. Da haben sie mich operiert.«

Der König schwieg. Er stand auf, ging an jenes östliche Fenster und sah hinaus. Lord Keith, matt schon vom langen Außerbettsein und vom Hören, blickte ihm auf den Rücken, mit etwas stierer Aufmerksamkeit verfolgte er von unten nach oben, von der Spitze bis zur Bandschleife, den dünnen Zopf, der ganz in bräunliche Seide eingewickelt war. Friedrich trat wieder heran und nahm Platz auf seinem Taburett, aber ein wenig entfernter von Keith.

»Ich war kein Mann mehr nach dieser Operation. Ich war einundzwanzig Jahre. Ich kehrte nach Ruppin zurück in mein Garnison, allein.

Ich war einundzwanzig Jahre. Ich war sehr wollüstig. Ich war fast nichts anderes als wollüstig. Ich wollte mich töten. Niemals, auch nicht als ich im Kriege verzweifelte, hatte ich solche Lust mich zu töten. Ich hatte aber kein Gift. Vielleicht hatte ich auch keinen Mut.

Der Trieb zum Weibe war mir geblieben, aber ich konnte es nicht mehr besitzen. Das war entsetzlich. Entsetzlich war noch ein anderes. Ich hatte die Schriften der Römer gelesen. Ich wußte, was sie von einem Manne sagen, der kein Mann mehr ist. Solch einer, sagen sie, verliert auch seine männliche Art, er ist nicht mehr mutig, ausdauernd, großherzig, offen; er wird furchtsam, verzärtelt, arglistig, klein. Ich hielt mich für einen Eunuchen. Ein Eunuch kann nicht König sein.

Ich war ein Narr, ich war ein Kind. Ich war unberaten. Ich konnte keinen fragen. Es war gar nicht so; ich war kein Eunuch. Die Arbeit in meinem Leibe war die gleiche, seine Kräfte, seine Säfte waren die gleichen. Ich wußte es nicht.

Damals habe ich gekämpft. Alles, was später kam, war leichter. Diese Nächte in meinem Bett in Ruppin, das waren meine Kriege.

Ich beschloß, die Natur zu besiegen. Ein paar Jahre zuvor hatte ich versucht, mir den Schlaf abzugewöhnen. Das war nicht gegangen. Dies aber sollte gehen.

Hatten sie mich zum Eunuchen gemacht – ich wollte keiner sein. Ich wollte nicht furchtsam, tückisch und kleinlich werden, ich wollte tapfer, großmütig und ein König sein. Es war alles Unsinn. Ich war gar nicht in Gefahr, mich zu verändern. Aber nun veränderte ich mich. Ich war nachgiebig gegen mich selbst gewesen. Jetzt wurde ich anspruchsvoll. Wenn ich im Winter gut schlief unter warmen Decken, dann stand ich auf und schüttete Wasser über mich und legte mich auf die Erde. Sooft ich ein Wohlbefinden fühlte, sah ich mich schon als altes Weib. Das war nützlich. Daß ich später meine Arbeit tun konnte, verdanke ich dieser Angst. Alle meine guten Jahre habe ich so verbracht. Noch im großen Kriege habe ich es geglaubt. Es ist noch keine zehn Jahre her, daß ich die Wahrheit weiß.

Mit achtundzwanzig war ich König. Da wurde es noch schlimmer. Ich hatte ein schimpfliches Geheimnis zu hüten. Die Narbe an meinem Leib war der Stachel meiner Tage. Ich denke manchmal, daß sie schuld war an meinen Kriegen. Ich stürzte mich in meinen ersten Krieg, um mir und der Welt zu zeigen, daß ich ein Mann sei. Ich fuhr auf bei Nacht und dachte an die Ärzte. Würden sie schweigen? Es gab kein Mittel, sie zu zwingen. Ich wurde zum Gejagten in meinem Hause. Die Braunschweigerin hatte ich längst fortgeschickt, ich fürchtete ihre Augen, ich fing an, sie zu hassen. Seit damals sitzt sie in Schönhausen und weiß eigentlich nicht, warum.

Ich haßte das ganze Weibergeschlecht. Und dabei war ich umringt von Weibern. Auf allen Thronen Europas saßen sie plötzlich: in Wien, in Petersburg; auch in Paris saß nicht der König auf dem Thron, sondern das Weib, das Geschlecht selber.

Schon fing man an zu flüstern. ›Wie will der Herr von Brandenburg einen Krieg führen‹, hieß es, ›wenn er nicht einmal bei seiner Frau schlafen kann.‹ Ich wurde mißtrauisch bis zur Tollheit. Überall glaubte ich nur dies zu hören. Bei einer Parade werden mir zwei französische Offiziere vorgestellt. Ich frage nach ihrem Regiment. ›Régiment de Roussillon‹, antworten sie, ›autrement nommé Troussecotillon.‹ Es soll ein Witz sein, und sie sagen ›autrement‹. Aber ich höre ›autrefois‹ und hätte sie gerne erwürgt.

Ich tat das Meine. Ich spielte meine Rolle. Ich betrog meine Braunschweigerin recht öffentlich. Ich tat entzückt vor jeder hübschen Frau und hatte doch nur Qual von dem Anblick. Ich kaufte lüsterne Bilder, statt solcher, die mir gefielen. Ich ließ sie so hängen, daß sie vor meinen Augen waren, wo ich saß und stand. Ich machte großen éclat mit der Tänzerin Barberina. Auf der Redoute ging ich ohne Maske mit ihr herum und tat verliebt. Dann nahm ich sie in ein Kabinett und verschloß die Türe. Dort trank ich Tee mit ihr. Ja.

Das alles half gar nichts. Weiber können nicht schweigen. Ich konnte es ihnen nicht einmal befehlen. Vielleicht schwiegen sie noch im Lande hier. Aber die Racker gingen über die Grenzen, und in den fremden Hauptstädten fragte man sie aus. ›Es ist nichts mit dem König von Preußen‹, sagten sie dann, ›er tut galant, aber er kann nur Tee trinken.‹ Und ich hatte drei Weiber gegen mich, drei Herrscherinnen. Alle meine Kriege schlug ich gegen das Weib.

Da entschloß ich mich. Es mußte anders gehen. Männer können schweigen. Männer müssen sogar schweigen. Wenn Männer leugnen – ihnen braucht die Welt nicht zu glauben. Ich wünschte nichts sehnlicher, als für einen Sodomsbruder zu gelten. Denn, war ich ein Sodomsbruder, so war ich immer noch ein Mann.

Dies gelang mir. Mein Jahrhundert war eine Weiberzeit. Es sah einen König, der seine Frau verstieß, der keine Mätresse hielt, der nur mit Männern umging, der mitten unter seinen Soldaten lebte – nun war die Erklärung für das Rätsel da. Man ekelte sich vor mir. Aber ich war wieder ein Mann.

Keine Frau betrat mehr dieses Haus. Meine Kammerhusaren bekamen knappe, enge Kleider. Meine Pagen mußten hübsch und jung sein. Frühmorgens rief ich mir oftmals einen ins Schlafzimmer, da konnte er zusehen, wie ich in meine Stiefel fuhr, und bekam Kaffee. Ich redete auch viel von der sokratischen Liebe, an offener Tafel, vor Gästen, vor der Bedienung. Ich habe oft gesagt, auch der Apostel Johannes sei von der Gilde gewesen. Das hat man sicherlich früher einmal nach Wien berichtet. Das hat die fromme Theresia gehört. Das haben die klugen Väter Jesuiten gehört. Deswegen lag der Calsabigi vor mir auf den Knien und wollte mich verführen. Ach ja, die Frommen!«

Er lachte rauh, brach aber plötzlich ab, erhob sich und trat wieder an jenes Fenster, das ihn mit Stärke anzuziehen schien. Es dämmerte. Aus der Nische, darin der Marschall saß, kam kein Laut. Friedrich blieb stehen, wo er war, und ohne an das geschwächte Gehör des Freundes zu denken, fuhr er mit sinkender Stimme fort:

»Ich wurde alt. Es kam vor, daß ich alles vergaß. Wer denkt im Alter noch an diese Dinge! Aber dann hat die Welt mich immer erinnert. Von meinem schönen Knaben hier draußen haben sie drucken lassen, er stehe vor meinem Fenster, weil mich seine schlanken Glieder erregen. Lieber Himmel! Es ist eben eine schöne Statue. Auch dem Prinzen Eugen, dem alten Helden, hat sie einstmals gefallen, vor hundert Jahren. Armer Antinous, da mußt du nun stehen, um mein altes Blut aufzuwärmen. Wenn die wüßten, auf was ich hier eigentlich schaue. Manchmal auf den Antinous, ja, öfter auf die Gruppe daneben, auf die Flora, die der Amor liebkost. Das ist auch eine recht üppige Darstellung: die blühende Lebenslust, vom Gott der Liebe gestreichelt. Ich schaue aber nicht auf die Gruppe. Ich schaue auf den Sockel. Warum auf den Sockel? Weil unter dem Sockel mein Grab ist.

Das habe ich ausgemauert, als die Terrassen aufgeschüttet wurden. Erst das Grab, dann das Haus. Über meinem Giebel steht: Sans Souci. Aber das Haus ist nicht gemeint. Das Grab ist gemeint. Wenn ich dort bin, dann, ja dann bin ich ohne Angst und Sorge. Dann liege ich gut. Dann brauche ich nichts mehr zu verstecken, dann bin ich selber versteckt. Dann dringt kein Auge mehr zu mir. Mich hat seit einem halben Jahrhundert kein Mensch mehr nackt gesehen. Mich hat kein Diener ganz entkleidet, mich hat kein Arzt untersucht. Ich habe mich selbst nicht mehr angesehen. Und wenn ich mich bald einmal zum Tode hinstrecke, hier nebenan in meinem Schlafzimmer, dann sollen sie mich auch nicht auskleiden und mich nicht waschen und mich nicht öffnen und mich nicht balsamieren. Sondern sie sollen mich liegenlassen, wie ich bin, und mich noch mit meinem Mantel zudecken.«

10

Friedrich hatte zu reden aufgehört. Draußen auf der Terrasse regte sich nichts im Abend, kein Ast, keine Ranke.

In der Stadt Potsdam drüben war jetzt, zu dieser Stunde, lebendigste Bewegung; auch in Berlin, in Magdeburg, in Küstrin, in allen Festungen, allen Waffenplätzen, allen Städten des Landes eilte und lärmte es von den Anstalten zum beginnenden Kriege. Die Armee erhob sich mit Klirren. Das Land schütterte, die Nachbarreiche mit ihm. Hier herrschte, auf dem Hügel, an diesem Vorabend lautloser Friede.

Vom Sitze des Lord Marishal kam kein Wort, kein hörbarer Atemzug. Endlich entschloß sich der König und trat hin. Es war ganz dunkel in der Nische, er konnte nichts unterscheiden.

»Mylord!« sagte er in die Stille hinein. Es erfolgte keine Antwort. Er beugte sich vor und sah Keith ins Gesicht.

Keith schlief.

Der König fuhr zurück. Dann aber, beinahe sogleich, lächelte er; es war vielleicht das schönste Lächeln seines Lebens.

Ohne Geräusch setzte er sich auf das Taburett und blickte auf den Ruhenden. Die Augen gewöhnten sich an das Dunkel, und er sah ihn.

Friedlich, das Haupt ein wenig zur Seite geneigt, schlummerte der Uralte. Unbewußt nahm Friedrich den Hut ab, als sei er in Gegenwart des Todes. War es so? Hatte er dem Tode sein bitteres Geständnis abgelegt?

Kaum war es zu unterscheiden. Verlosch er nicht heute, der über menschliche Grenzen Bejahrte, war er nicht eben erloschen, so schied er morgen, in Tagen, in wenigen Wochen. Wieviel denn hatte er vernommen mit dem stumpfen Ohre des Alters? Wieviel von dem, was er vernommen, war noch zum Begriff geworden in ihm? Wann, an welchem Ort der traurigen Erzählung, war er entschlummert? Was würde er, dessen Gedächtnis so kurz war, beim Erwachen noch wissen – wenn er erwachte?

»Leb wohl, mein Held«, sagte der König leise, nicht ohne Rührung. »Geh nur voran. Sei mein Quartiermeister. Bestell mir Wohnung im Land der leeren Träume.«


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