Max Eyth
Charaden, Lieder am Schraubstock, Feilspäne
Max Eyth

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Feilspäne

1. Widmung

An meine Eltern

(Mit »Volkmar«)

Ich war ein Kind; wie manche Tage
    Verträumte und verspielt' ich nicht
Im Waldesgrün beim Wachtelschlage,
    Im Sonnenschein und Dämmerlicht!

Ihr botet mild dem Kinderdrange,
    Dem unverstandenen, die Hand
Und führtet mich an grünem Hange,
    An Blumenbeet und Bachesrand.

Ihr lehrtet mich des Waldes Schauern,
    Der Berge Sturmgebraus versteh'n;
Ihr sagtet mir, was graue Mauern
    In grauen Zeiten einst geseh'n.

Und aus dem Schutt und aus dem Grabe,
    Aus Wald und Flur, aus Busch und Bach
Rieft Ihr mit goldnem Zauberstabe
    Der Liebe meine Träume wach,

Da lag sie vor mir ausgebreitet.
    Von lockend buntem Licht erhellt;
Noch Ihr habt mich vorbeigeleitet
    Am Trug der falschen Wunderwelt.

Ich ward ein Mann; die trauten Weisen
    Erstarben mit dem Kinderbrauch
In hartem Kampf mit Stahl und Eisen,
    Und unter Nebel, unter Rauch,

Ich lernte trotzen ohne Bangen
    Des Lebens eherner Gewalt,
Und Schritt für Schritt bin ich gegangen.
    Bis alles um mich fremd und kalt.

Doch, werd' ich müd' im halbgelösten –
    Und steh' ich matt im ew'gen Streit:
Dann hör' ich Klänge, mich zu trösten.
    Aus einer halbvergess'nen Zeit.

Dann fühl' ich, wie sich an mich schmiegen
    Die alten Bilder, traut und süß;
's ist, wie wenn Engel niederstiegen
    Aus dem verlornen Paradies.

Ich war ein Kind! In jenen Tagen
    Liegt doch mein alles, was ich bin;
Ihr habt den Keim gepflegt, getragen, –
    So nehmet auch die Blüten hin!.

2. Im Wald

Maienluft, wie fröhlich dringst
    Du durch Tal und Schluchten wieder!
Lerche, o wie jauchzend singst
    Du mir deine alten Lieder!

»Wachet auf, ihr Blättlein all'!«
    Und sie regen sich, im Keimen,
Lauschend halb der Nachtigall,
    Halb noch tiefen Winterträumen.

Und die Äuglein öffnen sich,
    Neckisch in die Welt zu schauen,
Äuglein schon so inniglich
    Mit des Tales grünen Auen, –

Kosen mit dem lieben Wind,
    Der sie fächelt und sie kühlet; –
Keines ahnt noch, wie geschwind
    Er das gelbe Laub zerwühlet.

3. An die Wehmut

So oft ich dich hinweggeweint,
    So oft dich weggewiesen:
Du bleibst mir doch der treuste Freund,
    Wenn alle mich verließen.

So oft ich dich in bitt'rem Hohn
    Verleugnet, abgelogen,
Fühl' ich mit Geisterarmen schon
    Mich an dein Herz gezogen.

Du hast für jede wilde Lust,
    Wenn ich dich keck verfluchte.
Ein mahnend Klopfen an die Brust:
    Ich weiß dann, wer mich suchte,

Du hast in jeder Einsamkeit,
    Der trübsten, grabesdüstern,
Ein Märchen der Vergangenheit
    Mir in das Ohr zu flüstern.

4. Einem Geiger.

Wohl war es der Klang der Geige kaum,
    Der noch um mich lispelt und säumet, –
Ein alter war es, ein seliger Traum;
    Wer sagt mir, wo ich ihn geträumet?
Da stand ich, dem Irdischen plötzlich entrückt,
    Umwogt von unendlicher Schöne,
Bald jubelnd erhoben, bald schmerzlich gebückt,
    Im himmlischen Reiche der Töne.
Wie hüpften die Töne so munter, so weich,
    So voll um den tanzenden Bogen!
Das waren Grüße und Küsse zugleich,
    Die scherzend vorübergeflogen;
Das war ein Geflüster, so glühend und heiß.
    Von zitternden Lüften getragen;
Wohl waren es Schwüre, wonnig und leis,
    Der Liebe bang lockende Klagen!
Und wilder ward es, das Elfenspiel
    Vergessen in mächtigem Brausen,
Zerrissen im wilden, im tollen Gewühl,
    Versunken im höllischen Grausen;
Und durch das Wühlen in Wetter und Wind
    War mir's, als säh' ich es winken, –
War mir's, als säh' ich ein schluchzendes Kind
    Im tosenden Wirbel versinken,
Und still ward's; weinen hört' ich es sacht,
    Bang hört' ich den Herzschlag klopfen, –
So still, wie wenn in der Regennacht
    Die Bäume im Walde tropfen, –
Wie wenn der Herbst vorüberweht
    Die Blätter in leisem Getriebe, –
Wie wenn ein Seufzer, ein frommes Gebet
    Verhallet am Grabe der Liebe.

Wohl lockte der Lieder eines so mild
    Mich in Zeiten, vergebens beschworen;
Wohl mahnte das andere, mächtig und wild,
    Daß ich sie im Sturme verloren;
Das dritte – o, weiß ich doch selber kaum,
    Was mir mein Auge verdüstert;
Es war ein alter, ein seliger Traum,
    Der dir in den Saiten geflüstert!

5. Im Königspark.

Ich ging einmal, so mit mir selbst, spazieren
    Gar sittsamlich und dachte dies und das,
    Und horchte ganz behaglich hin im Gras;
Ein Gänseblümchen fing an mich zu rühren.

Begeistert war ich tief ins Moos gesunken,
    Wie war der Himmel blau, die Luft so rein!
    Ich wähn', in meiner Heimat Wald zu sein
Und rufe schmerzenvoll und freudetrunken:

»Natur, Natur, – mein einzig Ideal!
Dich find' ich nirgends, find' ich überall!« –
    Horch, horch, da schrie's mit wüstem Zähnenblecken:

»Gehn's da heraus? Wolln's da herausgeh'n? he?!«
Und durchs Gebüsch erglänzte – welcher Schrecken! –
    Des Portiers scharlachfarbene Livrée.

6. Der melancholische Chemikus.

Ich suchte ein verwandtes Herz
    In meiner Jugend so bald, –
Ich sucht' im Steine, sucht' im Erz,
    In Nickel und in Kobalt;
Doch ach, im ganzen, weiten All
Seh' ich nicht einen Herzkristall,
    Der meinem Lötrohr Prob' halt'!

Daß ich im Wahn ein Tränklein soff,
    Von Amor präparieret!
Des Lebens schärfster Sauerstoff,
    Wenn allzu rein filtrieret,
Ist Liebe; unbarmherz'ger brennt
Kein Knallgas und kein Element;
    Sie hat mich oxydieret.

Denn eine Säure bin ich doch,
    Ach, eine freie, reine, –
Und meine Base such' ich noch,
    Mit der ich mich vereine;
Wie ist die Säure übel dran.
Die keine Base finden kann!
    Das ist's, weshalb ich weine.

Die Wissenschaft zwar Salze kennt,
    Die basisch Wasser halten;
Stürz' ich mich in dies Element,
    Wird sich kein Salz gestalten;
Denn ach, das Wasser halt' ich nicht,
Dieweil Verwandtschaft mir gebricht
    Zum Nassen und zum Kalten.

Kein dunstig Lustgas hat die Kraft,
    Mich milde zu umranken;
Nichts Anorganisches verschafft
    Mir Ruhe der Gedanken;
Und löst' ich mich in Poesie-
Hydrat, in Tränensäure, – nie
    Half's meinem Geist, dem kranken.

So sei denn du, Arsen, bereit.
    Mein letzter Trost zu werden;
Zersetze sanft mein Eingeweid
    Ohn' viele Bauchbeschwerden;
Das Herz, das in der Brust mir saß,
Gelöst in deinem Knoblauchgas,
    Entführe sanft der Erden!

7. Meinem Bergfreund aus der Mark

Den Pfingstberg, der kühn in die Wolken ragt,
    Erstiegst du als Junge schon unverzagt,
Und blicktest hernieder aus schwindelnder Höh'
    Auf Rieselsandfelder, auf Wald und See,

Und glühte rotgolden im Abendlicht
    Die Spitze des Kreuzbergs, sie schreckte dich nicht,
Noch die tosende Spree, die von Kamm zu Kamm
    Herniederstürzt über den Mühlendamm.

Ohne Führer und Bergstock erklimmst du von vorn
    Des Müggelbergs grausiges Doppelhorn.
Und zweimal nahmst du – man sagt es sich noch –
    An einem Tage das Spandauer Joch,

So sei mir gegrüßt, gewandt und stark,
    Als treuer Genosse, Bergbruder der Mark!
Vom Süden gegrüßt, wo sie jubelt und braust.
    Die Luft und die Lust, die auf Alpen haust.

Und freu' dich der Matten auf sonniger Höh',
    Der Zinken und Zacken im ewigen Schnee,
Und freu' dich des doppelten Ruhmes dabei,
    Berliner zu sein, und schwindelfrei!

8. Einer Braut

Es schien seit Jahren mir, ein Bienchen sei's,
    – Und sorglos hielt ich an dem Glauben –
Das freundlich summend, mit der Bienen Fleiß
    Um Blumen schwärmte oder Trauben.

Das Honig sog aus Kunst und aus Natur
    Und emsig heimtrug, was es schaute.
Und in dem Bienenkorbe der »Kultur«Titel eines im Familienkreise geführten Journals
    Die Süßeste der Zellen baute.

Doch Amor kroch herbei, der Taugenichts,
    Dem ich schon längst den Tod geschworen.
Die Bienenkorbkultur versank in nichts,
    Und unser Bienchen war verloren!

Wehmütig fast seh' heute ich zurück,
    Das Treiben war so frühlingslieblich.
Doch bleibt nichts übrig mehr, als lächelnd Glück
    Dir jetzt zu wünschen, wie es üblich.

Zwar nach der Zeit! Das Junggesellenlos,
    Mit dem das Leben wir verscherzen!
Du mußt verzeih'n; es ist ja Wünschen bloß,
    Und kommt's auch spät, kommt's doch von Herzen.

9. Der Schwabe dem Preußen.

(Zu Kaisers Geburtstag.)

's ist wirklich wahr: Ihr seid die Leute!
    Respektvoll neigt sich Hinz und Kunz.
Ihr habt gesiegt, ihr siegt noch heute.
    Wir wissen es und beugen uns.

Wenn ihr im Stechschritt stramm und zierlich
    Geschritten kommt, dreh'n wir uns um;
Wenn euer Redeschwall gebührlich
    Uns überströmt, so sind wir stumm.

Denn wir sind plump. Lacht nur ein wenig:
    Das »ischt« und »bischt«, ich gönn's euch ja.
Wuchs doch der deutsche Dichterkönig
    In Schwaben, trotz dem s–c–h–.

Einst, als in Fechten nur und Raufen
    Das Reich bestand, auf blut'gem Feld,
Da setzten wir die Hohenstaufen,
    Die Heldenkaiser, in die Welt.

Und jetzt – kein Spötteln hilft, kein Kollern,
    Denn was wir tun, tun wir nicht halb:
Die Wiege eurer Hohenzollern
    Steht heut' noch auf der schwäb'schen Alb.

Ihr habt's gewagt, euch ist's gelungen:
    Stolz wallt aufs neu' des Reichs Panier.
Ihr habt gesiegt mit – unsern Jungen,
    Drum jubeln wir so laut wie ihr!

10. Hoch BerlinFür die Hauptversammlung des Vereins Deutscher Ingenieure zu Berlin den 11. Juni 1906

    Ein Fischerdorf an seichter Ufer Rand
    Stand halb im Wasser, halb auf Dünensand. –
    Sie fischten oft umsonst für Tag' und Wochen
    Mit jammervollem Angelzeug aus Knochen;
    Und galt es, Leckerbissen zu verzehren,
    So waren's Tatzen eines alten Bären,
Den sie mit einem Steinbeil sich erschlagen,
Wie's Brauch und Sitte war in jenen Tagen.

    Das war Berlin, wo man es heut noch sieht. –
    Da kam ins Dorf von Hallstadt her ein Schmied.
    Der bog zur Angel um das erste Drähtchen.
    Baß wundert sich darob das ganze Städtchen.
    Auch goß aus Bronz' der Mann sich einen Spieß,
    Mit dem man wirkungsvoll auf Bären stieß.
Kurz, was er machte, ließ sich sehn und hören:
Man sprach mit Achtung schon von Ingenieuren.

    Der Titel war zwar noch nicht allgemein.
    Und Doktor-Ingenieure äußerst selten –
    Noch ließen sie im Dorfe, groß und klein,
    Den wackern Schmied auch ohne Titel gelten.
    Mit Knochenangeln war es jetzt vorbei,
    Das Städtchen wuchs, es blüht die Fischerei.
Und bald gab's Westendleute, reiche Prasser,
Denn damals lag die Zukunft schon im Wasser,

    Dann kam von Süden her ein stark Geschlecht;
    In andrer Art verstanden sie das Schweißen.
    Sie schufen Ordnung rings umher, und Recht,
    Mit starker Hand und diese Hand in Eisen.
    Ihr scharfer Blick verlor nie Ziel und Zweck,
    Auch hatten sie das Herz am rechten Fleck.
Und eh man sich's versah, im kahlen Norden
War aus Berlin die Königsstadt geworden.

    Ein hartes Ringen war's des armen Landes,
    Doch Härte war, und Armut nur sein Glück.
    Kühl stand inmitten eines Weltenbrandes
    Der alte Fritz, und meistert' das Geschick.
    Kaum ist verhallt der Kriege letzter Schuß,
    Weckt er zum Werk des Friedens Genius.
Heida! War das ein Schaffen und ein Bauen
Im Friedenswettkampf, voller Selbstvertrauen.

    Es sah die Welt erst zweifelnd, dann verwundert.
    Wie du, Berlin, aus märk'schem Sande stiegst.
    Und wie du rastlos, zäh, durch ein Jahrhundert
    Fortschreitend, jedes Hindernis besiegst. .
    Auch wir – fast ist es sinnlos, dran zu mahnen –
    Kanäle bauend, Straßen, Eisenbahnen
Und ungezählte dampfende Fabriken;
Wir halfen redlich mit, dich zu beglücken.

    Wir schleppen Korn heran, zahllos Getier,
    Für deine Millionen aus der Runde.
    Nicht rühmen will ich's; freuen nur mit dir
    Des Werkes will sich diese Tafelrunde.
    Wir gaben deinen Bürgern Kraft und Licht,
    Nicht rühmen will ich's! Es ist unsre Pflicht,
Doch sind wir stolz darauf, ihr zu genügen,
Und stolz, für dich zu schaffen und zu siegen.

    Und nun, was wurde deinem Mut zum Lohne?
    Was deiner Arbeit wohlverdienter Preis?
    Drei Perlen schmücken heute deine Krone,
    Die keine Stadt, wie du, zu tragen weiß.
    Hell schimmern sie im Spiegel deiner Spree
    Und strahlen leuchtend über Land und See,
Daß tausend Herzen freudig sie erkennen.
Doch wollt ihr es, will ich die Perlen nennen.

    Die erste ist dein heilig großes Recht
    Des Deutschen Reiches Krone zu bewahren,
    Die deines Königs kaiserlich Geschlecht,
    Gerissen aus den blutigsten Gefahren.
    Sie ist geborgen. Niemand, der's vergißt.
    Daß unser Kaiser heut dein Bürger ist.
Was einst geblitzt von Staufens Zinnenkranze,
Strahlt jetzt aus dir, Berlin, mit neuem Glanze.

    Die zweite ist – man hört es aller Orten,
    Mit Freuden manchmal, manchmal auch mit Neid:
    Du bist das Herz des Vaterlands geworden!
    Wer denkt der Qualen der Vergangenheit?
    Vergessen ist der siebzigjähr'ge Schmerz,
    Es schlägt für alle wieder nur ein Herz,
Wir fühlen's, wenn du jubelst, wenn du duldest;
Vergiß die Wärme nicht, die du uns schuldest.

    Die dritte ist – heut nenn' ich sie die größte –
    Sie strahlt mit ernstem, aber hellstem Licht,
    Die Arbeit ist es, die die Welt erlöste.
    Die, wenn auch langsam, ihre Ketten bricht.
    Der Trägheit üpp'ger Wahnsinn ist dahin!
    Der Arbeit Söhne grüßen dich, Berlin!
Du Stadt des Schaffens ruheloser Säfte;
Du Stadt der Arbeit, voll lebend'ger Kräfte.

    Sei denn gegrüßt in deiner jungen Pracht,
    Stadt uns'res Kaisers und des Reiches Macht.
    Herz uns'res Vaterlands, des warmes Schlagen
    Uns einen wird in fernsten Kampfestagen,
    Und doppelt dankend gelte unser Gruß,
    Dir, deiner Arbeit starkem Genius.
Drei Wunderperlen hast du uns gegeben. –
– Erhebt die Gläser – dreimal sollst du leben!

11. Die schwarze PerleEiner Freundin mit einer Kaiser-Friedrich-Brosche zu Weihnachten 1888, dem Todesjahr des Kaisers. Die Brosche ist eine mit seinem Bild geprägte Doppelkrone in entsprechender Fassung

So sind die Frauen! Beut das Leben
    Der Rosen schönste ihnen dar,
So wünschen sie, voll Widerstreben,
    Die schwarze Perle sich ins Haar.

Lang suchte ich im Marktgedränge:
    Manch' edles Steinchen blitzte klar:
Der Perlen gab's die schwere Menge,
    Doch schwarze Perlen seien rar.

Wohl fand ich braune, sah auch graue,
    Doch selbst die grau'ste war zu licht.
Sah blutigrote, himmelblaue.
    Die schwarze Perle fand ich nicht.

Schon wollte ich zum Meere schweifen,
    Da plötzlich war's, als ob ich sah.
Ich brauchte ja nur zuzugreifen;
    Die schwarze Perle lag so nah.

Leg' sie ins Kästchen, sorglich, sachte.
    Trag' sie nicht oft, sie ist zu trüb,
Die Perle, die dies Jahr uns brachte,
    Die schwarze Perle, die uns blieb.

12. Mit der Zeit.An P. mit einer Büste des Kaisers Wilhelm II.

Begasbrunnenartig, wie es du
    Treibst, ist es mir nicht beschieden.
Feuer, Luft und Wasser und dazu
    Eine Göttin kann ich dir nicht bieten.

Doch es tue jeder, was er kann,
    Und Bescheidenheit ziert auch die Alten.
Nimm vorlieb mit einem einz'gen Mann,
    Statt der reichen Phantasiegestalten.

's ist ein Mann und ist wie sie aus Erz,
    Greift wie sie keck nach den höchsten Sternen.
Fürchte nicht! Dein altes Preußenherz
    Wird ihn schon verstehen lernen.

13. Das AmmomtchenEiner Freundin, mit einer Brosche, eine kleine Versteinerung in silberner Muschel enthaltend

    Vom Wellenurbrei weich und warm gehalten,
Verplätschert' ich gedankenlos mein Leben;
Sah Farrenkräuter palmenhaft sich heben,
Und Fische sich in Vögel umgestalten.

    Und dann war's Nacht. In feuchten Felsenspalten
Fühlt' ich ein steinern Träumen mich umweben;
Fühlt' ich Jahrtausende vorüberschweben,
Und Mark und Bein erstarren und erkalten.

    Nun wird es licht. Entzückt und fast entsetzt
Lieg' ich in einer Silbermuschel jetzt.
Soweit begreif' ich's. Weiter nie und nimmer.

    Es fehlt der Urbrei! Nirgends Gneis noch Glimmer,
Auf dem die Muschel ruht! Wer mag's erraten,
Wie mir geschah und wo ich hingeraten?

14. Von Hidigeigels Onkel.Meiner Nichte, mit dem Trompeter von Säckingen

Laß sie jauchzen, laß sie weinen
Über Dinge, die sie selber
Kaum versteh'n in ihren wirren
Traumgebor'nen Phantasien.
Ruhig trag' ich das Erlebte,
Wenn ich über ihre Dächer
Im geliebten Mondlicht wandle;
Sinnend trag' ich's und des stillen
Herzens würdevolles Alter.
Denn auch einem milden Weisen
Läuft von Zeit zu Zeit ein fettes
Mäuschen in den Weg, ihr Toten!
Warum geht ihr nicht spazieren
Auf den Dächern, statt zu klagen?

15. Drei Besuche.

    Ich kam zu Euch zum Garbenbinden,
Als öd' und kahl die Fluren lagen,
Ihr zeigtet freundlich mir die Stoppeln,
Wo gold'nes Korn gestanden hatte.
Zum Garbenbinden kam ich wieder,
Als grün und frisch die Felder sproßten,
Ihr zeigtet mir mit Stolz und Freude,
Wie sie zu reifen schon begonnen.
Und als die Zeit zum Garbenbinden
Nun kam, da sprach mein böser Engel:
Geh' auf die hohen, kühlen Berge
Und freue dich am Gletschereise.
Du gabst mir eine Sommerrose,
Mitleidig Kind, mit auf die Reise.
Wehmütig seh' ich sie verwelken,
Und andre binden jetzt die Garben.

16. Willkomm den Alten.Auf einem landwirtschaftlichen Kommers.

Willkommen, die hinter dem Pfluge gegangen
    Auf einsamem Felde, vom Winde gefegt!
Willkommen, die Ihr mit Hoffen und Bangen
    Die grün aufkeimenden Saaten gepflegt!

Willkommen, die emsig in glühenden Tagen
    Die Sense geschwungen, die Sichel gerührt;
Und die Ihr den schwankenden Erntewagen
    Mit Stolz und mit Dank in die Scheune geführt!

Nun trocknet die Stirne, nun strecket die Glieder,
    Die Saat ist im Boden, die Arbeit getan; –
Es grüßen Euch Jugend und fröhliche Lieder!
    Es lebe, was wächst! – Auf, stoßet mit an!

17. Elektrizität.In der Hauptversammlung des Verbandes deutscher Elektrotechniker zu Stuttgart am 26. Mai 1906 vorgetragen von Hofschauspieler Egmont Richter

    Traumlos, raumlos in zeitenloser Nacht
    Lag einst das Chaos in der Urwelt Schacht
    Und schlief. – Da griff die Gottheit der Äonen
    Ins schwarze Nichts, und tausend Millionen
    Atome sprangen auf, wie kampfbereit,
    Und irrten wirbelnd fort durch Raum und Zeit.
Noch gab es nicht ein Gestern, Heut und Morgen.
Fragt nicht, sucht nicht, was ewig uns verborgen.

    Ein jedes hatte Art und Eigenschaft,
    In jedem lag ein Keim von ew'ger Kraft,
    So keck sie auf ihr eignes Dasein pochten,
    So toll die Kleinsten sich gebärden mochten,
    In jedem lag ein Fünkchen von dem Geist,
    Der allem Ding Gesetz und Ordnung weist,
Und fest es einfügt in des Weltalls Sorgen;
Fragt nicht, sucht nicht, was ewig uns verborgen.

    Zwar wild ging's zu in jenen ersten Stunden,
    Die nach Jahrtausenden man heute mißt,
    Bis jedes seinen Weg und Platz gefunden
    Und fügig tat, was seines Amtes ist.
    Sie ballten sich titanenhaft zusammen
    In Wasserfluten und in Feuerflammen.
Um nichts schien sich die Riesenkraft zu kümmern,
Im Weltenschaffen und im Weltzertrümmern,

    Doch sieghaft über dem Titanenringen
    Stand das Gesetz mit seiner Allgewalt.
    Arbeit anstatt des Kampfs gab es den Dingen,
    Dem Zweck die Form, der Schönheit die Gestalt.
    Um ihre Sonnen kreisten die Planeten;
    Der Urwelt Geister lernten anzubeten.
Und unsre Erde fand ihr eigen Leben,
Das der Allgütige nur ihr gegeben.

*

    Noch lauern da und dort in Felsenklüften
    Urzeit-Dämonen an der Wüste Rand,
    Noch jagen sie gespenstig, in den Lüften
    Dumpfrauschend, Hagelstürme übers Land
    Noch grollen die dämon'schen Ungeheuer
    In ihrem Heim, dem unterird'schen Feuer,
Daß Meere kochen und Gebirge beben,
Und höhnen zürnend alles ird'sche Leben,

    Da warf der Mensch das erste Beil aus Stein
    Hinein ins Ringen der Naturgewalten.
    Sie lachten auf; der Zwerg war doch zu klein.
    Um den Pygmäenwurf für ernst zu halten.
    Dann kam ein Pfeil, den er vom Bogen schoß.
    »Ein wunderliches Ding war's zweifellos«,
»Doch zwerghaft, zwerghaft was er schuf, das meiste!«
– Nein, größer war's als alles: Geist vom Geiste.

    Und sinnend saß der Mensch und sann und sann.
    Der Bär, der Lindwurm huben an zu zittern.
    Er töpferte, er schmiedete, er spann.
    Als könnte er damit die Welt erschüttern.
    Er sann und suchte, ohne Ruh und Rast,
    Bis an des Denkens fernste Grenze fast.
Der Erdkreis hatte nichts mehr, ihn zu schrecken;
Die Losung blieb: Erfinden und Entdecken.

    Kein Erdenwinkel, der verborgen blieb,
    Kein Berg ist ihm zu hoch, zu tief kein Schacht:
    Voll Mut greift er in seinem Forschertrieb
    Ins Sonnenlicht und in des Weltalls Nacht.
    Es ringt sein Geist, wo rohe Kraft sich regt,
    Bis er sie bindet und in Fesseln schlägt:
Was rührt er noch die arbeitsfrohe Rechte?
Sind Feuer nicht und Wasser seine Knechte?

*

    Ein Dämon nur aus jenen Schreckenstagen
    Des ersten Weltentstehns entging dem Los.
    Des Menschen Mut und Witz war am Versagen
    Wenn krachend er aus Wetterwolken schoß.
    Wenn er erwachte im geriebnen Glas,
    Wenn knisternd er im Katzenpelze saß,
Wenn leuchtend er des Nordlands Himmel rötet,
Und wie von Gott geschleudert Menschen tötet.

    Ein Proteus war's. Kein Grübeln, kein Entdecken
    Enthüllte sein geheimnisvolles Spiel.
    Jahrtausende blieb er des Menschen Schrecken,
    Der betend vor ihm auf die Knie fiel.
    Unfaßlich war er menschlichem Verstand,
    Drum legten sie ihn in der Götter Hand
Und sah'n entsetzt sein wunderliches Schweifen,
Dem Menschen fehlt' der Sinn, ihn zu begreifen.

    Doch ließ der eigne Geist ihn je in Ruh?
    Der zürnt: »Was soll die feige Litanei?
    Ich bin ein Geist, bin Dämon, gleich wie du;
    Auf, laß uns kämpfen, wer der Größre sei!
    Zwar, was du bist und wo, ich weiß es nicht,
    Doch seh' ich Wirkung, sehe Kraft und Licht.
Du bist vom Diesseits, Ding gleich andern Dingen;
Ich, Geist vom Jenseits, sollte dich nicht zwingen?«

    So kam ein schlichter Mann, voll Mut und Witz,
    Gedankennetze flechtend, Masch' an Masche;
    Der lockt' an einem Draht den ersten Blitz
    Aus dem Gewölk herab in eine Flasche.
    Das knisterte, das zischte, krachte, spie –
    Der Dämon war gefangen, wie noch nie.
Es flatterte wie hundert Höllengeister
Um seinen Kerker; doch der Mensch blieb Meister.

    Nun kam ein Zweiter. Narrenpossen treibend
    Erschien er vielen. Ohne Unterlaß
    Glasscheiben drehend und Fuchsschwänze reibend,
    Setzt Zink der Mann und Kohle in ein Faß.
    Das Spiel wird ernster; selbst der Zaubrer bebt.
    Der Dämon regt sich – tote Masse lebt –
Laut krachend schießt er jetzt von Spitz zu Spitze,
Und tollkühn wirft der Mensch die eignen Blitze.

    Ein Dritter sprach: »Was soll das Spielen nützen?
    Er helfe uns zu einem Märchentraum!
    Flink ist der Dämon. Gut, so mag er schwitzen,
    Gedankentragend durch den Weltenraum.
    Auf! rüste dich zur ersten guten Tat.
    Hier ist ein Telegramm und hier der Draht.
Auf, spute dich! Reg deine Teufelsschwingen!
Du solltest Raum und Zeit für uns verschlingen.«

    Der Vierte rief: »Noch ist er nicht gebrochen.
    Was ihr ihn tun heißt, ist das Größte nicht.
    Mir ist zumut, als wären's Schöpfungswochen?
    Gehorche mir, o Dämon: Werde Licht!«
    Da zuckt er auf in wundervoller Pracht,
    Da flammt's wie eine Sonne durch die Nacht:
Und trotz der Unruh, die dem Dämon eigen,
Muß er's in sanftem Strahlenlicht sich zeigen.

    Und festen Willens spricht ein fünfter Mann:
    »Das ist noch lang nicht alles, was er kann,
    Kraft ist sein Wesen nicht, doch ohne Klagen
    Kann meilenwert er Riesenkräfte tragen.«
    Und flugs, vom Menschengeiste übermannt,
    Wird der Besiegte wieder angespannt.
Nun schleppt er uns aus wilden Bergbachbetten
Die Kraft des Wassers nach den fernsten Städten.

    Frohlockend jauchzt ein Sechster: »Welch ein Leben!
    »Was braucht man ihm noch einen Draht zu geben?
    Er blitzte ohne Draht in alten Tagen;
    Nun soll er unser Wort auch drahtlos tragen.«
    Das war ein Staunen! Alle Welt verehrt
    Den Pädagogen, der ihn deutsch gelehrt.
»Auf denn und spreche, ohne dich zu zieren.«
Bei Gott, er tut's! – Das heiß' ich triumphieren.

    Ja, soweit seid ihr, die ihr – ohne Prahlen –
    Vorkämpfer wurdet unsrer großen Zeit.
    Kein Bild der Zukunft wagte ich zu malen
    So reich und bunt wie die Vergangenheit.
    In Wirklichkeit verwandelt ihr den Traum,
    Freut euch des Sieges über Zeit und Raum!
Freut euch des Siegs im Kampf der Elemente,
Und freut euch doppelt: Ihr seid nicht am Ende.

    Drum kämpfe weiter, arbeitsfrohe Schar!
    Wer könnte sichrer seinem Stern vertrauen?
    Bewundernd sieht die Welt, was ist und war.
    Bewundernd will sie in die Zukunft schauen.
    Ihr werdet siegen, denn ihr kämpft für echte
    Befreiung, für die wahren Menschenrechte;
Und euch zur Seite steht mit schärfsten Waffen
Der Geist, der alles Irdische geschaffen.

18. Scheidend.

Lass' mich wandern, lass' mich ziehen.
    Wie ich zog durchs bunte Leben,
Heut', wo Alpenrosen blühen,
    Morgen, wo Zypressen beben.

Lass' mich ziehen, laß mich wandern,
    Glaube mir, es ist nicht schade.
Rast und Ruhe winken andern.
    Mir nur eines Fremdlings Pfade.

Scherzend zieh' ich meine Straßen,
    Die den Fuß mir oft zerrissen,
Manchmal hab' ich auch mit nassen
    Augen weitergehen müssen.

Sei's drum! Lass' mich weitergehen,
    Darf nichts fordern, kann nichts schenken,
Wenn die Abschiedstücher wehen.
    Als ein freundliches Gedenken.

19. Mein Leben.

Ich habe durchsurcht manch' nasse Bahn
    Im Drachenschiff, dem stahlgerippten;
Ich war ein Pilger in Kanaan
    Und habe gepflügt das Land Ägypten.

Im Sonnenbrande, heiß und hell,
    Bin ich durch Syriens Berge geritten,
Und spürte nach tiefverborgenem Quell
    Bei Drusen und bei Maroniten.

Dem Mississippi jagt' ich zu
    Vom gelben Saume der Sahara;
Mein Schlepper dampfte ohne Ruh'
    Am Katarakt des Niagara.

Gold sucht' ich im arab'schen Sand,
    Wie in Kentuckys Kohlenschichte;
Im lieben deutschen Vaterland,
    Da schrieb ich Bücher und Gedichte.


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