Autorenseite

 << zurück weiter >> 

IV

Am nächsten Tage harrte ich vergebens
Auf meinen Freund, den braven Juvenal, –
Erfreute er sich noch des Pseudolebens,
Starb er am Ende gar zum zweiten Mal?
Ich stand den ganzen Tag mit finstrer Miene
Am Fenster, schaute sehnlich nach ihm aus,
Bei jedem Läuten hofft' ich, er erschiene,
Doch leider wurde immer nichts daraus.
Hingegen kam was Andres, wen'ger Gutes,
Bei dessen Anblick mich ein Schreck gepackt:
Ein Schutzmann meldete mir kalten Blutes,
Daß zu zehn Emmchen Strafe ich verknackt.
Ich schwieg gefaßt, obwohl ich knapp am Baren,
Und dachte nur: Der Scherz ist wirklich fein,
Erst werde auf ein Haar ich überfahren,
Dann muß ich auch noch zahlen obendrein!
Der Abend kam. Die Zeit schlich unerträglich.
Am nächsten Tage früh – daß Gott erbarm'! –
Erblickt' ich Juvenal. Er hinkte kläglich,
Trug in der Binde seinen linken Arm.
»Ach!« schalt er, »eine Schmach ist's, eine Schande!
Mir, einem röm'schen Rhetor, fuhr die Bande
Den Arm, ein Bein und noch der Rippen drei
Mit ihrem dummen Auto fast entzwei.
In einem Punkt brauch' freilich zu bereuen
Ich nicht mein Riesenpech, – da heut mir Armen
Nachturlaub gönnte Pluto aus Erbarmen.
Ich denk', auch dich wird diese Nachricht freuen,
Falls deine Freundschaft nicht schon eingerostet,
Seitdem im Hades ich zerschunden blieb?«
»Nein,« lachte ich, »du bist mir wert und lieb,
Obwohl du mich zehn bare Mark gekostet.
Sieh hier das nette preuß'sche Strafmandat!«
»Da hört ja alles auf,« rief er rabiat,
»Du legst natürlich gleich Beschwerde ein!«
»O nein, mein Freund, das lass' ich lieber sein.
Man hat nur Last mit solcherlei Geschichten.
Einmal versuchte ich's, drum weiß ich nun,
Der Mensch hat mit den löblichen Gerichten
Normaliter am besten nichts zu tun.
Da heißt's vor allem: ›Nur Geduld, Geduld!
Wart bis zum nächsten Jahr! Nichts überhastet!‹
Zwar unser Richterstand hat keine Schuld,
Der ist bis zur Erschöpfung überlastet.
Der ganze Rechtsgang ist Anachronismus, –
Trotz Deutschem Reich und Deutschem B.G.B.
Schwingt noch sein Zepter heut der Formalismus,
Des Büreaukraten heil'ge Panazee!
Der kleinste Fall heischt ganze Stöße Akten,
Die Tinte strömt in wahren Katarakten,
Bis die Affäre rettungslos verwirrt:
Aufs hohe Amt muß ich zu Dutzend Malen,
Und Vorschuß, Vorschuß muß ich Dummkopf zahlen,
Daß grün und blau mir's vor den Augen flirrt.
Ein langer Schriftsatz wird den andren jagen
(Damit du siehst, daß sich doch etwas rührt),
In einem Deutsch, daß mittendrein zu schlagen
Ein Lammsgemüt selbst große Lust verspürt.
Doch wage nicht dich jemals zu beschweren,
Schon mancher hat sich etwas eingebrockt,
Ein Untertan soll die Gesetze ehren,
Sonst wird gehaucht, daß ihm der Atem stockt …«

»Na! na! Du scheinst dich wieder zu erregen,
Fahr lieber doch mit mir auf ein Gericht!
Denn laufen kann ich so wie so heut nicht,
Da ich mein armes Bein muß sorgsam pflegen.
Ich will doch sehn, ob du nicht übertrieben,
Ob wirklich bei der Wahrheit du geblieben!«

Das Auto bringt uns knatternd rasch zur Stelle.
Ein Fall von Notzucht steht auf dem Tapet,
Der Saal ist vollgestopft bis an die Schwelle,
Denn solch Ereignis wirkt wie ein Magnet.
Ein minderjährig Mädchen, vierzehn Jahre,
Mit kecken Augen, aufgebauschtem Haare,
Als Opferlamm und Klägerin sich naht,
Mit glatter Zunge, unbewegten Zügen
Erzählt sie – war es Wahrheit? – waren's Lügen?
Die schreckensvolle, unfaßbare Tat.
Sie wußte, wie der Schurke sie bedroht,
Mit Bildern, plastisch fast, zu detaillieren,
Bei denen schamvoll müßte werden rot
Ein ganzes Regiment von Kürassieren.
Und gierig lauschten diesem Kind die Damen,
Sie, die im Morgengrau'n hierher schon kamen,
Damit die vordren Plätze nicht besetzt;
Wie im Theater sie in Samt und Spitzen
Mit dem Lorgnon vor Augen fiebernd sitzen,
Von der Erwartung Schauer hochgehetzt!
Dieselben Frauen, die sonst äußerst reinlich
Von der »Crapule« sich scheiden, die so peinlich
Subjekte meiden, die nicht »Kavalier«,
Hier sitzen sie mit Dirnen stundenlang,
Mit Messerhelden auf derselben Bank,
Vereint in gleicher, rücksichtsloser Gier.
Wie kitzelt ihre Nerven die Affäre,
Wie lüstern wirkt der Schild'rung Atmosphäre,
Als er sie sah – sie packte – als sie schrie …
Welch prickelndes Gefühl, mit stillem Grauen
Sich selbst als Opfer dieser Tat zu schauen
In aufgepeitscht perverser Phantasie …

Doch still! – Sein Plädoyer beginnt soeben
Der Staatsanwalt im seidenen Talar,
Er will den Mann dem Zuchthaus übergeben,
Denn daß er schuldig, ist ihm völlig klar.
Er konstruiert aus winz'gen Einzelheiten,
Aus Hypothesen und aus Kleinigkeiten
Mit Müh' und anerkennenswertem Fleiß
Sich einen absoluten Schuldbeweis;
Er schwört in der Empörung tiefem Grimme,
Daß dieser Kerl der Menschheit Auswurf sei, –
Daß solche Tat zu Gott um Rache schrei',
Verkündet er mit wahrer Donnerstimme …

Mein Freund vernahm erstaunt, was jener sagte,
Ich aber flüsterte: »Das muß so sein!
Dem Staatsanwalt gilt ja der Angeklagte
Als schuld'ger Bösewicht von vornherein.
Zu wägen Recht und Unrecht braucht er nicht,
Darf ›voluntatem pro ratione‹ setzen,
Des Angeklagten Ehre zu zerfetzen,
Ist nicht sein Recht nur, ist auch seine Pflicht.
Ob eine Dirne weinend vor ihm steht,
Die einem einstmals sich ergeben hat
Und nun die Beute einer ganzen Stadt, –
Ob ihn ein Mädchen heiß um Gnade fleht,
Die, von der Not und Schande eng umstrickt,
Ihr kleines vaterloses Kind erstickt, –
Ein echter Staatsanwalt muß sich entrüsten,
Muß schaudern vor den tierischen Gelüsten,
Sein Herz verschließen vor des Menschen Leid,
Er darf dem Schuld'gen kein Erbarmen schenken, –
Er braucht ja nicht dabei zurückzudenken
An seine eigne goldne Jugendzeit …«

Jetzt kommt der Herr Verteid'ger an die Reihe,
Der spricht im Baß mit pastoraler Weihe,
Und alles lauscht ihm atemlos im Kreis.
Bald säuselt er in tief gekränktem Tone,
Bald kritisiert er mit verstecktem Hohne
Der Staatsanwaltschaft wackligen »Beweis«.
Er weiß gar wirksam Mitleid zu erregen,
Indem er schwört (das macht er ganz brillant!),
Er wolle seine Hand ins Feuer legen,
Daß rein und ohne Fehle sein Mandant!
Zum Schlusse wird er völlig niederträchtig,
Läßt an den Zeugen nicht ein gutes Haar:
Die Kleine sei ein Flittchen offenbar,
Ihr Vater eines Meineids höchst verdächtig.
Dies Kind in seiner Jugend holdem Prangen
Sei wohl durch alle Schulen schon gegangen
Und eine durch und durch verfaulte Frucht:
An der sei überhaupt nichts zu verderben,
Man solle in der Zwangserziehung Zucht
Ihr nur das Lügenfell gehörig gerben …
Wie überzeugt klang alles, was er sagte,
Wie rührend stand er dem Bedrängten bei, –
Und doch, im Herzen ist der Angeklagte
Dem wackren Redner völlig einerlei.
Beim Publikum nur will er Eindruck schinden
Als seines Standes köstliches Juwel,
Am nächsten Tag sich in der Zeitung finden, –
Das bringt die Kundschaft, mehrt die Klientel!

Der Angeklagte, einsam und verlassen,
Als gehe ihn das alles gar nichts an,
Scheint seine Lage gar nicht zu erfassen, –
Mich dauert der vergrämte blasse Mann!
Man sieht es wohl, wie innerlich gebrochen,
Wie er zu Ende ist mit seiner Kraft,
Kein Wunder! Sitzt er doch seit vielen Wochen
In langer, langer Untersuchungshaft.
Verpönt ist, was vermag sein Leid zu lindern,
Er bangt in dunkler Nacht nach Weib und Kindern.
Sieht er doch nichts als mürrische Gesichter,
Bleibt er doch stumm aus Angst vor Spott und Hohn
Und zittert vor dem Untersuchungsrichter
Mit seinem knappen, unheildroh'nden Ton!
Wie leicht kann so ein armer Schelm entgleisen,
Läßt sein Gedächtnis nach zu falscher Zeit, –
Das Alibi gerichtlich nachzuweisen,
Grenzt ja fast immer an Unmöglichkeit.
Wer kann von uns denn einwandfrei bekunden
Auf der Juristen unerbittlich Fragen,
Wo er vor so und so viel langen Tagen
In der und der Minute sich befunden …?

Als abermals der Staatsanwalt gesprochen,
Zog der Gerichtshof sich zum Spruch zurück;
Der Angeklagte wurde freigesprochen.
Welch Glück für ihn! – Ist's wirklich so ein Glück?
Denn blieben auch gesund ihm Leib und Glieder,
(Heut ist ein andrer Folterbrauch in Schwang!)
Kein Gott gibt je ihm Ruf und Anseh'n wieder,
Er bleibt in Acht getan sein Lebelang …

Es leerte sich der Saal. Auch wir verließen
Den ernsten Ort. Da meinte Juvenal:
»Hm, hm! – Ein unerfreuliches Lokal!
Doch andrerseits, – auch du kannst mich verdrießen!
Du überzeugst nicht, Bester, du verstimmst,
Wenn du das angeklagte Ungeheuer
Mit so viel Schwung und jugendlichem Feuer
In deinen Schutz aus falschem Mitleid nimmst.
Humanität, – gewiß 'ne schöne Sache!
Doch übertrieben wird sie zur Gefahr,
Des Staates Pflicht ist, daß er überwache,
Nach Kräften schütze seine Bürgerschar.
Magst auf den Fortschritt noch so sehr du pochen,
Ich halte daran fest: Die Obrigkeit
Hat den Verbrecher einfach einzulochen,
Denn ihn zu bessern hat sie keine Zeit.«
»Gewiß,« gab ich zurück, »ich unterstütze
Die Ansicht, die du eben vorgebracht:
Der Staat soll schützen! Gut gebrüllt! So schütze
Er uns zuerst vor seiner eignen Macht.
So suche er in Zukunft zu verhindern,
Daß, wenn sich irgendein Beamter irrt,
Der ›Schützer Staat‹ an seinen eignen Kindern,
An seinen Bürgern zum Verbrecher wird.
Ist es gerecht, den Sünder auszuweisen,
Der ehrlich wiederfand die rechte Bahn,
Ihn amtlich zu verführen zum Entgleisen,
Wie man's beim Schusterhauptmann Voigt getan?
Humanität, die krankhaft übertrieben,
Die liegt mir, glaub' es, wirklich gänzlich fern,
Höchst lächerlich erscheinen mir die Herr'n,
Die jedem ›Zwangsvorstellung‹ unterschieben,
Beständig fordern für den Desperado
Der Nervenanstalt trautes Eldorado.
Ich glaube an drei andre mächt'ge Triebe,
Die wohl von je das größte Aufgebot
Uns an Verbrechern lieferten: die Liebe,
Der Hang zum Luxus und die bittre Not!
Gewiß mag es dem Richter auch passieren,
Daß er den Wahnsinn nicht erkennen kann,
Eins aber konnt' ich immer nicht kapieren:
Nie trifft die Kranken man beim Pöbel an.
Nur reiche Leute werden Kleptomanen.
Welch seltsam Leiden! hab' ich oft gedacht,
Man wird fürwahr als Laie schwerlich ahnen,
Daß Krankheit Standesunterschiede macht.
Die Cholera, die Schwindsucht, alle Leiden,
Sie schleichen wahllos sich in jedes Haus,
Die Stehlsucht einzig ist so unbescheiden
Und sucht sich vornehm die Paläste aus!«

Just wollten wir aus dem Gedräng uns retten,
Als uns ein helles Klirren jäh frappiert;
Wir sahen einen jungen Mann in Ketten,
Von einem grimm'gen Schutzmann eskortiert.
»Das ist gewiß ein ganz verstockter Kunde,
Weil man in Fesseln schleppt ihn zum Verhör,«
Staunt Juvenal ihn an mit offnem Munde.
»O nein, der Mann ist nur ein Redakteur!«
»Ein Redakteur? Was hat der Mann verbrochen,
Den man so schimpflich durch die Straßen schafft?«
»Weiß ich's? Man steckt vermutlich ein paar Wochen
Den Herrn Kollegen in die Zeugnishaft.
Der Mann will seine Ehre nicht verlieren,
Er schweigt, treu seiner Pflicht als Journalist,
Dort oben aber will man ausprobieren,
Ob nicht ein Lump aus ihm zu machen ist.
Man denkt, sein stolzer Mut wird bald verschwinden,
Sitzt ein'ge Zeit er erst als Arrestant,
Doch irrt man sich! Im ganzen Vaterland
Wird man nicht einen solchen Schurken finden!
Drum weg mit solchen antiquierten Strafen,
Drum weg mit diesem Folterparagraphen,
Der eines Mannes Schande in sich trägt
Und jedem Menschentum ins Antlitz schlägt!
Und fängt man einmal an mit Reinemachen,
So lüfte gründlich man im dumpfen Haus,
So fege man auch andre hübsche Sachen
Mit Eisenbesen aus dem Jus heraus.
Nicht gelt' es künftig als ein Staatsverbrechen,
Wenn grüne Burschen ohne Pietät
Von unsrer Hohenzollern Majestät
Im Fuselrausche despektierlich sprechen,
Und steht des kaiserlichen Herrn Person
Hoch über allem Schmutz und Haß und Hohn,
Hoch über der Kritik von dummen Jungen, –
Steht wohl auch eines höheren Gestalt
Weit über allen ird'schen Lästerzungen:
Der liebe Gott – braucht keinen Staatsanwalt!
Ich weiß, man hält entrüstet mir entgegen:
Der Staat soll schützen uns vor Ärgernis, –
Ich kenne manche Frommen, die gewiß
Weit größres Ärgernis als die erregen! –
Die Todesstrafe ist ein bös Kapitel,
Es wäre Zeit, sie flöge über Bord,
Kaum heiligt hier der gute Zweck die Mittel,
Denn auch die Todesstrafe ist ein Mord, –
Für mich ein vorbedachter Mord, ein kalter!
Weshalb bewahrt man diesen blut'gen Rest,
Dies Erbteil aus dem dunklen Mittelalter?
Abschreckend wirkt sie nicht, so viel steht fest!
Und dann noch eins müßt' sich zum bessern wandeln:
Wenn die Justiz es machte sich zur Pflicht,
Nie hinter Tür und Riegel zu verhandeln,
Das Recht zu suchen à la Femgericht.
Empörend ist's, wenn gar zu hohe Strafen,
Den Dieb, der nur aus Not gestohlen, trafen,
Indes man in fidele Festungshaft,
Als sei's zum Spaße, einen Hüssener schafft.
Und wird ein Kind von seiner eignen Mutter
Genährt mit Abfall, eklem Hundefutter,
Von ihr beschimpft, geschlagen bis aufs Blut,
Gefoltert und gebrannt in Teufelswut, –
Und hundert Mark sind ihrer Untat Preis,
Dann regt sich's mir im Innern tränenheiß …«

»Du sprichst«, rief Juvenal, »mir aus dem Herzen,
Es tut mir leid, daß ich dich stören muß!
Doch möcht' ich gar zu gern zum Medikus,
Da meine Wunden mich empfindlich schmerzen!«

Wir brauchten wen'ge Schritte nur zu gehen.
Ich blieb geduldig vor dem Hause stehen
Und stand mir fast die müden Knochen lahm,
Bis mein Begleiter endlich wiederkam.
»Nicht schlimm!« erklärte er mir mit Behagen,
»Der Doktor ist ein ganz famoser Mann!
Zwar sieht die Sache sich gefährlich an,
Doch wissenschaftlich hat sie nichts zu sagen.
Die Pillen hier kurieren rasch den Schaden,
Auch soll ich täglich dreimal eiskalt baden,
Soll wenig laufen, liegen auch am Tag, –
Sonst aber kann ich treiben, was ich mag,
Darf rauchen, kneipen auch in Saus und Braus,
Kurz, lieber Freund, wir sind jetzt feine raus!"
Erfreut und herzlich hab' ich gratuliert.
»Nur bitte ich, – zu früh nicht jubiliert!
Das möchte ich zur Vorsicht dir doch sagen:
Willst du nicht auch noch meinen Hausarzt fragen?
Er ist Autorität, und mit Vertrauen
Kannst du auf seine Diagnose bauen.«

Bald war der alte Sünder überzeugt,
Und wieder stand ich mir die Knochen lahm,
Bis er nach einer Stunde tief gebeugt,
Ganz totenblaß die Treppe abwärts kam.
Vergebens müht' ich mich, ihn zu erheitern,
»Vorbei ist's", stieß er endlich dumpf heraus,
»Die Sache sieht an sich zwar harmlos aus,
Doch wird sie – meint der Doktor – wohl vereitern.
Kurz, wissenschaftlich ist der Fall ein krasser.
Zwar wird dies Pulver helfen, wie er hofft,
Doch soll ich hüten mich vor kaltem Wasser
Und heiße Bäder nehmen möglichst oft.
Auch soll ich stundenlang spazieren gehen,
Nie sitzen, liegen, wenn ich noch so hinke,
Und ganz besonders muß er drauf bestehen,
Daß ich nicht rauche, keinen Tropfen trinke.
Was tun? spricht Zeus. Wem folg' ich von den beiden?
Nun sitz' ich völlig in der Patsche drin,
Das beste ist: Die Frage zu entscheiden,
Geh' ich zu einem dritten Arzte hin …«

Und wieder stand ich ahnungsvoll und bange
Vor einem Hause mir die Knochen lahm,
Doch diesmal dauerte es nicht so lange,
Bis er die Treppe schleunigst abwärts kam.
»Eheu, nur fort!« schrie er mit Angstgebärde,
»Der Doktor meint – ein Schaudern faßt mich an –,
Wenn ich nicht heute operiert noch werde,
Bin ich bis morgen früh ein toter Mann.
Wär' ich nicht schleunigst von ihm desertiert,
Hätt' er mir jetzt das Bein schon amputiert.
Mich amputiert! Verflixte Niedertracht!
Die hatten sich im Hades totgelacht!«

»Nur ruhig Blut! Du schreist ja wie im Fieber,«
Versetzte ich. »Aus deiner Worte Schwall
Begreif' ich eins nur zweifellos, mein Lieber:
Du bist ein äußerst int'ressanter Fall.
Drum stehst du's jedem in den Fingern prickeln,
Zum Ruhm der medizin'schen Wissenschaft
An dir ein wenig zu versuchskarnickeln,
Gehst du auch sichtlich ›über ihre Kraft‹!
Dürft' ich dir einen guten Rat erteilen,
Ich, der kein Arzt bin, sondern Laie nur,
So spare du getrost die teure Kur
Und laß die Wunden ganz von selbst verheilen.
So bleibst allein du vor dem Tod bewahrt, –
Unsterblich wie der Doktor Eisenbart!«

»Freund, du hast recht,« sprach er, »so ist's am besten!
Doch was ist dies?« Er zeigte mit der Hand:
Vor einem wundervollen Haus im Westen
Ein langer Zug von Equipagen stand.
»Da sieht man wohl aus eurer feinen Welt,
Was eines alten Römers Herz erfreut?« –
»Dort wohnt die Gräfin X. Empfangstag hält
Von vier bis sechs die alte Dame heut.
Sie spielt hier in Berlin die erste Flöte,
Und längst vergessen ist die schöne Zeit,
Wo sie, die im Ballett die frechste Kröte,
Graf Siegfried einst als Mummelgreis gefreit.
Im Anfang war man äußerst dégouté,
Die meisten zogen vornehm sich zurück,
Doch Grafens gaben täglich ein Diner, –
Das hob die Achtung um ein gutes Stück.
Und völlig ward die Gräfin ästimiert,
Als er – der der ›gehörnte Siegfried‹ hieß
Im trauten Freundeskreise – resigniert
Ihr sterbend fünf Millionen hinterließ.
Heut kommen in die Villa, sie zu grüßen,
Die ersten Kreise voll Begeisterung,
Manch neuer Graf naht sich auf Freiersfüßen,
Denn ist sie selbst auch alt, ihr Geld blieb jung.
Und welch ein Air! – Man könnte wirklich meinen,
Daß als Vestalin sie geboren schon,
Sie ist in zwanzig Sittlichkeitsvereinen
Und Ehrenpräsidentin der Mission;
Sie lindert öffentlich der Armut Qualen,
Ist Patroneß im Kirchenbauverein, –
Doch ihre Diener pünktlich zu bezahlen,
Das fällt Frau Gräfin nicht im Traume ein.
Es fließt der Sekt, ist man bei ihr zu Gaste,
Und ihren Koch rühmt unsre ganze Stadt,
Doch tuschelt man: Ist sie allein, so faste
Madame und esse sich aus Geiz nicht satt.«
Höchst amüsiert begann mein Freund zu lachen:
»Mensch, die Bekanntschaft möcht' ich gerne machen!
Wir gehen frech wie Oskar in das Haus,
Benehmen uns, als ob wir eingeladen, –
Was kann der Jokus wohl uns beiden schaden?
Im schlimmsten Fall wirft man uns eben raus.«
Ich sprach: »Mein Freundchen, schone deine Knochen!
Mir scheint's, du ruhst nicht, bis sie ganz zerbrochen, –
In diesem Aufzug kommst du da nicht 'rein!«
Doch Juvenal rief keck: »Es wird schon klappen,
Wozu besitzen wir denn Nebelkappen?
Wir hüllen uns ganz einfach in sie ein!«

Unsichtbar sind wir in das Haus gegangen
Bis in den Saal, in dem die gnäd'ge Frau
Beschäftigt war, die Gäste zu empfangen,
Und musterten die Damenwelt genau.
»Was für ein Kroppzeug kommt denn hier zusammen?«
Rief Juvenal, von Heiterkeit gepackt.
»Sind diese Damen etwa lauter Ammen?
Weswegen tragen sie die Brüste nackt?
Ja, wenn noch Schönes da zu sehen wäre, –
Die gleicht der Milchkuh, jene einem Brette!«
Ich sprach: »Das heischt die heut'ge Etikette,
Das ist der Usus in der höh'ren Sphäre.
Was schiert die Seele denn der ird'sche Leib,
Was achtet Frömmigkeit auf Kleiderkram?
Wie sagt doch Hamerling? ›Das, was die Scham,
Die echte ist, das weiß doch nur ein Weib‹.
Und dennoch sah ein Weib ich, das verwegen
mit ihren Reizen prahlt, befangen nie,
Doch bittet sie der Hausarzt abzulegen,
Dann ziert sie sicher sich voll Prüderie.
Wenn sie sich anzieht, auf den Ball zu gehn,
Siehst du auch rückwärts tief sie angeschnitten,
Im Scherze hört man manchen Gatten bitten:
›Kind, zieh dich rascher aus, es ist schon zehn!‹
Ich war gewiß nie ein zelot'scher Pater
Der schon beim Worte ›nackt‹ wird rabiat,
Allein mich ärgert das Moraltheater,
Der krasse Widerspruch von Wort und Tat.«
»Dann bitt' ich,« unterbrach mich ungestüm
freund Juvenal, »die Maid dort zu betrachten,
Ganz hochgeschlossen trägt sie das Kostüm,
Die Züchtigkeit wirst du gewiß doch achten!«
Ich blickte hin und sprach: »Das kann ich nicht!
Gewiß ist sie dezent gekleidet, – bloß
Dünkt mich der Formen Rund zu tadellos,
Auf Kunst beim Weibe leist' ich gern Verzicht;
Wie mich allein der Zähne Schmelz entzückt,
Die nachts sich nicht im Wasserglase finden,
Der Waden schlanker Wuchs mich nur berückt,
Die abends mit den Strümpfen nicht verschwinden,
Wie ich mich freu' am zarten Rot der Wangen,
entstammt es nicht Herrn Leichners Schminketopf,
An seidner Haaresfluten stolzem Prangen,
Vorausgesetzt, sie wachsen auf den Kopf,
Wie mich ein Lilienteint versetzt in Rage,
Des Nackens Weiße mich enthusiasmiert,
Wird nicht die Haut alltäglich durch Massage,
Durch Fett und Puder künstlich renoviert!
›Selfmade man‹ ist ein hoher Ehrenname,
Den auch die Frauenwelt sich will verdienen
Auf ihre eigne Art: Denn unter ihnen
Ist beinah jede eine ›Selfmade-Dame‹.
Sie, die so gern sich drittgeschlechtlich wähnen,
Die glauben, daß sie jedes Zwanges frei,
Sie wagen dennoch nicht sich aufzulehnen,
Zwingt in das Joch sie Modenarretei.
Sie quälen sich mit ihren langen Schleppen,
Um ihrem Wuchse Hoheit zu verleihn,
Und fegen Straßendamm, Parkett und Treppen
Von jedem Schmutz und Auswurf sorgsam rein.
Die Dicken schnüren sich bis zum erbrechen,
Ertragen selbst die tollsten Schmerzen stumm
Und laufen, um die Männer zu bestechen,
Wie eine abgebundne Wurst herum.
Und weil die Weiber häufig hören sagen,
Es sei patent, auf kleinem Fuß zu gehn,
Siehst du sie wahre Puppenschuhe tragen,
Trotz Hühneraugen und verwachsner Zeh'n.
Doch um gerecht zu sein: Nicht nur die Frauen
Sind der Tyrannin Mode sklav'scher Knecht,
Du kannst dieselben Albernheiten schauen
Auch unter uns, dem stärkeren Geschlecht.
Wie fein geschniegelt sind nicht diese Gecken!
Mir gilt nun mal als schrecklichster der Schrecken,
Als lächerlichstes Kleidungsstück der Frack!
Unpraktisch, unschön, unbequem! – Nicht minder
Geschmacklos ist der blinkende Zylinder,
Das Monstrum unterm Arm, der Chapeau claque …«
»Fast könnte der Verdacht in mir entstehen,«
Bemerkte Beifall nickend Juvenal,
»Der Männer höchstes Schönheitsideal
Sei, wie ein Oberkellner auszusehen!
Nur, daß der Kellner meistens glatt rasiert ist,
Indes der Herren Schnurrbart stilisiert ist,
Als nähm' er von der Lippe gern Reißaus;
Strebt er zum Himmel aufwärts, scharf gebogen,
Wie Haar für Haar am Weinspalier gezogen,
Sticht er euch beinah beide Augen aus.«
»Und dennoch ist der Sport der Schnurrbartbinde
(Ein Maulkorb, den ich widerwärtig finde)
Noch lange nicht die größte Qual der Herrn!
Weit schmerzlicher ist der Krawatten-Punkt:
Wie schwer die Wahl, bis uns am Halse prunkt
Der Schlips, der diese Woche just modern;
Das heißt: Ein Schlips mit scheußlich bunten Flecken,
Der jedem schmerzhaft in die Augen starrt, –
Am besten nimmt man alte Pferdedecken,
Die wirken stimmungsvoll und sind apart.
Desgleichen muß man auf die Kragen sehen,
Zehn Zentimeter hoch sind sie normal,
Nur der erscheint der Mitwelt hochfeudal,
Der nicht den Hals mehr kann zur Seite drehen.
Wie tänzeln wir in lackbesetzten Schuhen
Die Faltenhosen wie ein Ofenrohr …
Doch lassen wir dies triste Thema ruhen, –
Ich stell' dir lieber die Gesellschaft vor!
Der Alte dort gilt als ein Staatsjuwel,
Zählt zu der Diplomaten größten Tieren,
Sieh nur die prächt'gen Orden, die ihn zieren, –
Und dennoch ist er dumm wie ein Kamel!
Er hält, du siehst es, ziemlich krumm den Rücken,
Aufrecht zu stehen, macht ihm viel Beschwer;
Woher das kommt? Zum Teil vom vielen Bücken,
Und leider auch zum Teil wo anders her.
Der Dicke – eben tritt er auf die Seite –
Ist ein Finanzgenie, er bracht' es weit,
Er machte dreimal eine gute Pleite, –
Man schätzt ihn als Mäzen seit jener Zeit.
Dort steht ein Freund von mir. Ach, wie gewogen
War er mir einst, als seine Taschen leer, –
Seit mit dem Hauptgewinn sein Los gezogen,
Sind seine Augen schwach, – er grüßt nicht mehr.
Ein Graf steht bei ihm, der sein Gut verschwendet
Und eine Schlächterswitwe jüngst gefreit,
Sie hat ihr Sechzigstes erst knapp vollendet, –
Man nennt's: ›Der ersten Liebe goldene Zeit‹!
Dort hinten der gibt sich besonders arisch:
›Schlagt die Hebräer tot!‹ er ständig schnauft,
›Die Judenfrage löst ihr nur summarisch!‹ –
Er ist seit vierzehn Tagen erst getauft.
Hier wieder tut in köstlicher Emphase
Der Knirps mit seiner Talmibildung dick,
Spricht schweißbedeckt Französisch durch die Nase
Und stammt aus Kiekemal bei Köpenick.
Sieh da, den Neffen mit den reichen Tanten,
Wie er auf jeden Wunsch begierig hört
Und rührend sorgt, daß keiner der Verwandten
Je durch Besuch die beiden Alten stört!
Und hier, der Attaché aus der Levante,
Man sieht ihn nur im Fracke, Claque und Lack,
Er hat viel Glück bei ›meiner – deiner Tante‹,
Und hat er Pech … ›Welck einer plumpe Sprack‹!
Recht typisch sind auch dort die beiden Gruppen.
Die eine huldigt eifrig einem Herrn,
Der zweiten viel umworbener holder Kern
Ist eine der bekannten Modepuppen;
Was an der Dame gar so Int'ressantes,
Die, wenn auch häßlich, alles um sich bannt?
Sie hat für unsre Herren viel Pikantes,
Weil sie bereits zwei Gatten durchgebrannt.
Und jener Herr in schöner Frauen Kranze?
Ist's sein Esprit, der alle sie entflammt?
O nein! Nur weil er aus dem Ausland stammt,
Sind sie berauscht von der exot'schen Pflanze.
Der Auslandsrummel steht in vollster Blüte;
Nicht nur die Kleider, Schuhe, Schirme, Hüte
Bezieht der Gigerl von der Themse Strand, –
Nein, auch die Sitten sucht er nachzuahmen,
Das gilt für vornehm, imponiert den Damen
Und macht zum Gentleman den dümmsten Fant.
Wie schwärmte Deutschland damals für die Buren!
Kein größres Heldenvolk gab's auf der Welt, –
Bis wir allmählich wahrheitstreu erfuhren:
Nicht jeder Bure sei ein Kriegesheld.
Wie waren wir von Japan hochbegeistert,
Eh' jedem deutlich wurde, der nicht blind,
Daß sie nur außen mit Kultur bekleistert.
Doch innerlich noch ganz Asiaten sind!
Wir Deutschen schwärmen eben in Extremen,
Heut winseln wir verzückt das Ausland an
Und zeigen solch ein läppisches Benehmen,
Daß jeder Kuli uns verspotten kann, –
Und morgen sitzen wir auf hohem Pferde
Und brüllen: ›Einzig ist der deutsche Mann!
Ein edel Volk nur gibt's auf dieser Erde,
Alldeutschland ewig in der Welt voran!‹
Noch fader als die dummen Auslandsschwärmer,
Noch abgeschmackter, noch weit geistesarmer
erscheinen mir die ›unentwegten‹ Fexe,
›Urdeutsche‹, ›urgermanische‹ Gewächse,
Die glauben, unrasiert beim ›Met‹ zu sitzen,
Im Jägerhemde wochenlang zu schwitzen,
Sei jedes Deutschen höchste Eigenschaft,
Das Zeichen ungebrochner Manneskraft.
Säh' Wotan diese komischen Gestalten,
Er würde sich den Bauch vor Lachen halten.
Für jedes internationale Thema
Hat solcher Herr sein starres Urteilsschema:
›Verlottert‹ und ›versumpft‹ ist der Franzose,
Die Briten nichts als Himmel, Rücksichtslose,
Die alle nach Gott Mammons Pfeife tanzen;
Am meisten aber hassen sie die Juden,
Die in verschwiegnen Kellern, Feldern, Buden
Zur Osterzeit in stillen Frühlingsnächten
Die heißbegehrten Christenkinder schächten, –
Das Judenvolk, wo groß und klein, voll Wanzen!
Dies Maß von Dummheit fällt mir schwer zu fassen,
Gibt's nicht auch Christen, die verfilzt man sieht?
Die Wanzen kennen nämlich nicht die Rassen
Und machen deshalb keinen Unterschied. –
Doch laß, mein Freund, mich weiter dir erklären,
Was alles hier in diesem Saal vereint:
Dort sitzt die Gräfin Ida, wie mir scheint, –
Auch eine von den Multimillionären.
Ein rassig Weib! Du findest keine Zweite
So lebenslustig in der ganzen Stadt,
Sie bat nur eine einz'ge schwache Seite:
Daß sie so viele schwache Stunden hat!
Ihr Gatte ist von allem unterrichtet,
Doch schweigt er still, weil er desgleichen tut,
Als aufgeklärter Höhenmensch verzichtet
Er auf Duelle, – denn er sieht nicht gut.
Er denkt sich: ›Willst du abseits gehn, so geh!
Ich halte schadlos mich im Cabaret!‹
So wechselt denn die Gnäd'ge den ›Gemahl‹
Allmonatlich, mit dem sie kost und scherzt,
Und neuerdings fand sie ihr Ideal
In dem Zigeunerprimas, der sie herzt. –
Dort die Baronin wird durch solch Begehr
Nie Anlaß geben zu der Zwietracht Keim,
Sie hütet züchtig ihres Hauses Ehr',
Wenn auch die Ehre nicht im eignen Heim.
Sie schenkte gnädig bis vor wenig Tagen
Dem hübschen, blonden Kutscher gern Gehör,
Doch seit sie Auto fährt, anstatt im Wagen,
Trat an des Kutschers Stelle der Chauffeur.
Das Personal ist bei solch hohen Damen,
So scheint es fast, besonders stark beliebt,
(Vielleicht, weil's nicht in ihrer Kreise Rahmen
Hinreichend muskelstarke Männer gibt). –
Die Dame dort ist ebenfalls nicht ohne;
Von stolzem Wuchs, die reinste Amazone,
Sieh, welch ein Feuer ihr im Auge glimmt!
Und doch ist sie so krank, so sterbensmüd,
Wenn sie auch scheinbar wie die Rose blüht,
Sobald sie ihre Spritze Morphium nimmt;
Die Nerven brauchen täglich Peitschenhiebe
Vergebens wehret ihr des Gatten Liebe,
Sie kommt vor Qualen ohne Gift nicht aus,
Drum stiehlt sie heimlich Morphium sich. Und später
Trinkt Kölnisch Wasser sie, nimmt Schwefeläther
Und endet eines Tags im Irrenhaus. –
Der Offizier dort mit dem Augenglase,
Aus altem Adel stammt der schmucke Mann,
Doch sieht man seiner Ehehälfte Nase
Noch einen viel, viel ältren Adel an.
Gäb' es im Schuldenmachen ein Examen,
Der Jüngling hätt' bestanden es mit Glanz,
Und so verkauft' er sich und seinen Namen
Rechtzeitig an die jüdische Finanz.
Was tut's, wenn ihn die Kameraden meiden?
Seitdem er Geld hat, pfeift er auf die Herrn,
Ein Edelmann mag keinen Juden leiden,
Doch ihre Töchter nimmt er gar zu gern.
Was ist dabei? Wer freit denn heut aus Liebe?
Nur Geld! Das andere ist ja einerlei,
Glaub mir, auch hier das festliche Getriebe
Ist nichts als eine große Kuppelei.
Im Ballsaal, im Theater, Tingeltangel,
An jedem Ort, wo sich die Menschheit drängt,
selbst in der Kirche zuckt die Riesenangel,
Mit der man Schwiegersohn und -tochter fängt.
Ob die zwei Leutchen zueinander passen?
Wer wird so antiquiert, so ängstlich sein?
Laß sie sich später streiten, glühend hassen,
Laß sie in fremdem Arm jahraus, jahrein
Vergessen ihres Lebens dumpfes Weh, –
Hauptsache ist: Geschlossen ist die Eh‹!
Sehr peinlich ist nur eins, das Kinderkriegen;
Doch die moderne Gattin weiß sich Rat,
Manch unverfänglich Zeitungsinserat
Nennt Helfer ihr, erfahren und verschwiegen.
Und dieser Retter hält, was er versprochen;
Obwohl er schwerlich Medizin studiert,
Weiß er Bescheid, – und sieh, in wenig Wochen
Ist das Malheurchen glücklich ›wegmassiert‹.
Dann freut sich die ›Geheilte‹ überschwänglich,
Mit schwerem Golde wird der Dienst gedankt,
Was tut's, wenn die ›Kurierte‹ lebenslänglich
An dieses Kunstgriffs bittren Folgen krankt?
Denn Kinder bringen eine Menge Plagen;
Zuerst verderben sie Mamas Figur, –
Gar lange Monde dauert die Tortur,
Unmöglich ist's, sich elegant zu tragen.
Und hat man endlich dann den bösen Rangen,
Soll man sich schonen eine weitre Frist, –
Nein! So was kann man wirklich nicht verlangen
Von einer Frau, die auf der Höhe ist!
Gewiß, der Staat braucht Bürger, einst wie heute,
Man kann in Frankreich sehn, wie not es tut,
Doch dafür hat man ja die armen Leute,
Die Ladies sind sich dafür viel zu gut.
In diesen Kreisen hat, soviel ich sehe,
Kaum noch der Mann was vor der Frau voraus,
Der Gatte tobt sich meistens vor der Ehe,
Die Gattin in der Ehe gründlich aus.
Falls aber sich der Storch mit Kindersegen
Schon vor der Trauung einmal eingestellt,
Fühlt ›Fräulein Mutter‹ doch sich nicht verlegen, –
So leicht fällt keine Tugend in der Welt.
Man geht auf Reisen, nach Amerika,
wo eine liebe Tante schwer erkrankt
Und sich nach ihrem süßen Nichtchen bangt.
Und ist nach Jahresfrist man wieder da,
Ließ drüben man in Pflege einen Bengel
Bei einer Frau, die sich darauf versteht,
Trotz Strafgesetz korrekt und ganz diskret
Zu machen aus dem Bengel einen – Engel …«

»Das ist ja recht erbaulich, was ich höre,«
Sprach Juvenal und schüttelte den Kopf,
»Doch sage mir, wer ist denn jene Göre,
Der blonde Backfisch mit dem Gretchenzopf?
So unschuldsvoll, so schüchtern blickt die Kleine …«

»Rein äußerlich, mein lieber Juvenal!
Hielt' die Mama sie streng nicht an der Leine,
So wäre sie die Schlimmste wohl im Saal.
Noch hat den Unschuldsengel freilich keiner
(wie es vielleicht ihr stiller Wunsch) verführt,
Und doch ist manches Straßenmädel reiner,
Als sie, die körperlich noch unberührt.
Nicht nenn' ich Jungfrau'n die, die damit prunken
Als Demi-vierges, daß sie noch physisch rein,
Das ›keuscheste‹ Geschöpf kann tief gesunken,
Und eine Dirne seelisch – Jungfrau sein.
Von Dingen träumt dies halbe Kind, von Dingen,
Wert des Marquis de Sade und seiner Taten, –
Du fragst, wer das Geheimnis mir verraten?
Die Augen sind's mit ihren dunklen Ringen!
Trotz aller unschuldsvollen Schüchternheit, –
So kindlich groß blickt nur Allwissenheit!
Die Schuld trägt teils das schlechte Lesefutter,
An dem des Nachts sie heimlich sich erbaut,
Teils ist's die Gouvernante, der die Mutter
Die Tochter leichten Herzens anvertraut.
Sieh, wie sie Mademoiselle vom Arm nicht läßt,
Wie die sich zärtlich an die Kleine preßt!
Ein innig Freundschaftsband verknüpft die beiden,
Als könnte nur der Tod sie einstmals scheiden;
›Chérie!‹ ›Mon âme!‹ So geht es immerzu,
Fürwahr, das Fräulein dünkt mich ein Bijou!
Nanon benennt sich der Pariser Stern, –
Der Name Sappho ist nicht mehr modern …«

»Sehr int'ressant, mein Freund, sind deine Worte,«
Sprach Juvenal, »doch kenne ich die Sorte,
Wir hatten sie in Rom im Überfluß.
Dies Thema war schon Damals kein Genuß!
Drum schlag' ich vor: Wir wollen uns entfernen,
Ich möchte anderes noch kennen lernen,
Was du mir leider nicht bis jetzt gezeigt,
Das, was man sorgsam offiziell verschweigt, –
Darf man doch nicht vor keuschen Ohre nennen,
Was keusche Herzen nicht entbehren können! …«

Ich mußte lächelnd durch die Zähne pfeifen:
»Du willst ins volle Menschenleben greifen?
Nun gut, das Opfer sei dir gern gebracht!
Ich zeigte dir bisher Berlin bei Tage,
Gab treulich Antwort dir auf jede Frage,
So führ' ich jetzt dich durch ›Berlin bei Nacht‹ …«

Wir sind behutsam jedem ausgewichen.
Durch Saal und Treppen auf den Zeh'n geschlichen
In unsrem Nebelkappen-Domino.
»Wo geht die Reise hin?«
       »Wir wandern munter
Die Leipziger- und Friedrichstraße 'runter,
Dort wo der Lebemann inkognito;
Zuvor jedoch, um Aussehn zu vermeiden,
begleite heimwärts mich, dich umzukleiden;
Ich leih' dir meinen guten Überrock,
Pump' Stiefel, Wäsche, Hosen, Hut und Stock …
... Schon fertig bist du? Sieh nur, welche Pracht!
Vorzüglich steht dir die moderne Tracht.
Mit solchem Dandy fordr' ich ohne Wanken
Mein zwanzigstes Jahrhundert in die Schranken!


 << zurück weiter >>