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II

Wir waren wen'ge Schritte erst gegangen.
Da wurde Juvenal ganz leichenblaß,
Bis er entsetzt zu stöhnen angefangen:
»Du, lieber freund, verzeih, – ich spüre was!
Es scheint, ich kann den Wein nicht mehr vertragen,
Am Ende war der Sekt bei dir geschmiert?
Mir brummt der Kopf, es taut in meinem Wagen –«
»Oho, verehrter Herr,« rief ich pikiert,
»Das ist ein Vorwurf, den ich glatt bestreite:
Mein Stoff war gut, ich merk's am eignen Schwips,
War keine Grüneberger Schattenseite, –
Und schmeckst du Kalk jetzt, Kreide oder Gips,
So sind das nichts als Marmoringredienzen,
Aus deinem Sarkophag Reminiszenzen!
Doch da wir uns ja Ruhe gönnen dürfen,
Laß uns zunächst dort drüben im Café
Ganz con amore einen Mokka schlürfen.
Das beste Mittel für des Jammers Weh!«
Gesagt, getan! Wir gingen ins Westminster
Und gönnten dort uns eine Schale Haut,
Doch meines Freundes Angesicht blieb finster,
Gleich einem, der dem Schwindel nicht recht traut.
Verdrossen, seine Stirn in Unmutfalten,
Sah er umher und fragte mich zuletzt:
»Was sind denn das für putzige Gestalten,
Die rings die Tische um uns her besetzt?
Sieh dort den Fant! Was sind das für Manieren,
Das lange Haar, der grüngestreifte Schlips?
Hat er gleich jenen indischen Fakiren
Den Schwur getan, sich nie mehr zu frisieren,
Traf ihn der Sonnenstich, hat er den Pips?
Und dort die Schlanke mit dem Riesenhute,
Wie die sich aufgetakelt, – nein, zu dumm!
Hat die nicht eine Schraube los, die Gute?
Und warum läuft so etwas frei herum?«

Neugierig, was dem alten Juvenale
So ganz erstaunlich auf die Nerven schlug,
Hielt ich verwundert Umschau im Lokale;
Dann lacht' ich herzlich auf mit einem Male
Und sprach: »Von dieser Sorte gibts genug!
Das sind die neusten literar'schen Sterne,
Die reinsten Dichtertypen der Modeme.«
»Wie,« meinte Juvenal, »ich hörte: Dichter?
Ein Dichter wäre das verschrobne Huhn?
So sag mir nur, was haben die Gesichter,
Die grellen Schlipse mit der Kunst zu tun?
Ich bin ja auch ein Dichter, sozusagen,
Wenn diese Herrn mir auch vielleicht voraus, –
Doch niemals hab' ich solches Haar getragen,
Zu meiner Zeit sah'n wir vernünftig aus.«

»Naiver Römer,« rief ich da, »wohl richtig
Ist, was du sagst, doch paßt es jetzt nicht mehr,
Heut ist es für den Dichter äußerst wichtig,
Daß er in solchem Aufzug stelzt einher.
Durch Verseschmieden kriegt man keinen Namen;
Die Zeiten sind vorbei! Der Dichtersmann
Ist heute angewiesen auf Reklamen,
Selbst wenn er mehr als tausend andre kann.
Hier gilt die Losung: Keine Skrupel hegen!
Kann er durch Äußres Aufsehn nicht erregen,
Greift er nach schärfern Mitteln ungeniert,
Und eines Weibes brünstige Umgirrung,
Ein Sensationsprozeß mit Eheirrung
Ist stets ein Weg, auf dem man reüssiert.
Scheut man Krakeel, so läßt man sowas bleiben.
Ein Trick, durch den man auch sein Ziel erreicht.
Ist der, ein unerhörtes Deutsch zu schreiben.
Das Paula Erbswursts Satzperioden gleicht.
Den wird die Welt schon als Talent vergöttern,
Sie, die den Götzenkult so freudig treibt,
Der jeden Satz beginnt mit kleinen Lettern,
Wo der Philister noch mit großen schreibt.
Liegt dir die Art, so sei verworren-mystisch,
Ein Symbolist, der selbst sich nicht versteht,
Gib wedekindisch dich und satanistisch
Und werd' dein eigner Bühneninterpret.
Ein letztes Mittel ist: Von seinen Schößen,
Als hätte man die deutsche Kunst in Pacht,
Flugs abzuschütteln anerkannte Größen,
Wie man es neuerdings mit Böcklin macht,
Wie man's mit Dichtern tut, wie Heinrich Heine,
Der himmelhoch ob solcher Kritik ragt, –
Hat doch an Goethe selbst im Glorienscheine
Des Größenwahnsinns einer sich gewagt.
Ja, kürzlich ward aus Rußland uns berichtet,
Daß Tolstoi, der von ew'gem Frieden spricht
Und alle liebt, – nur die Germanen nicht,
Den Shakespeare kritisch völlig hat vernichtet.
Statt solche Narren einfach auszulachen,
Die sich ob ihrer eignen Ohnmacht giften,
Bekämpft man eifrig sie durch Gegenschriften,
Lanciert man sie, indem man ernst sie nimmt;
(Oft soll der Autor selbst den Streit entfachen,
Durch eigne Schmutzkritik darüber wachen,
Daß ja der Absatz immer höher klimmt!)
»Nanu,« sprach Juvenal, »nur nicht so heftig!
Dein Wortschatz ist ein bißchen gar zu kräftig,
Schwarzseher bist du, fährst zu grimmig drein!«
»Durchaus nicht, eher müßt ich derber sein!
Mir gilt nicht die Person, mir gilt die Sache.
Statt Technik bieten sie uns plumpe Mache, –
Speziell die Jüngsten! 's ist zum Balkenbiegen!
Da wird nach Schema F gejauchzt, geklagt,
Man möchte fast, wie der Berliner sagt,
Rein aus Verzweiflung junge Hunde kriegen.
Nicht ein Gefühlchen, das nicht nachempfunden,
Kaum eine Zeile, die nicht hohl und leer,
Was hat solch Jüngling nicht schon überwunden, –
Selbst die Grammatik überwindet er.
Er gönnt nur toten Dichtern Weihrauchdämpfe,
Die Lebenden, die drückt er an die Wand,
Hört er von Reimen, so bekommt er Krämpfe,
Denn Reime schreibt ja nur ein Dilettant.
Er dichtet nur für dekadente Herzen
Für Herdenmenschen schreiben? Lächerlich!
Er malt ein Ah! ein Oh! Gedankenstrich, –
Und nennt das violette Liebesschmerzen.
Nichts ist ihm heilig, alles weiß er besser,
Obwohl der Brave stets danebenhaut,
Ihm ist ein Dogma Welt- und Lebensmesser,
Das er aus unverdautem Nietzsche braut.
Ha! Was für Bilder aus des Blödsinns Sphären
Flicht solch ein Geist in seine ›Lyrik‹ ein,
Ihr sollt ihn suggestiv empfinden, nicht erklären,
Sein höchster Stolz ist: Mißverstanden sein!
Und was für neue Wörter er erfindet,
Die sensitiv die Welt enträtseln soll,
Wie einst der Gott den Marsyas, so schindet
Die Sprache solch ein modischer Apoll.
Vornamen zieren zweie meist den Knaben,
Sind sie zu kurz, entschließt er sich zu drei'n,
Woraus man sieht: Man kann viel Namen haben,
Und dennoch gänzlich ohne solchen sein.
Am schlimmsten aber sind die Dichterinnen,
Die mit hysterisch-überreizten Sinnen
Auf echtem Bütten nymphomanisch lieben,
Die girrend unter scharfen Peitschenhieben
Bald masochistisch stillen ihre Brunst,
Sadistisch bald entflammen ihre Gluten,
Den Mann zu ihren Füßen blutig knuten
Und stolz bekennen Sapphos Liebeskunst.
Ich bin gewiß kein Nuditätenschinder,
Doch unterscheid' ich Poesie und Mist, –
Gewöhnlich kriegt die Maid, die geil ist, Kinder,
Die kriegen Verse, was viel schlimmer ist.«
»Du bist schon wieder mitten im Gefechte!«
Fiel Juvenal phlegmatisch mir ins Wort.
»Du siehst, so will mich dünken, nur das Schlechte, –
Es gibt wohl auch noch Gutes hier und dort.
Der Eifer scheint mir mit dir durchzugehen,
Manch einer steht doch über jedem Hohn,
Das wirst du zweifellos mir zugestehen,
Nenn' ich dir Dehmel, Falke, Liliencron.
Du siehst mit meiner Kenntnis eurer Dichter
Ist es so ganz erbärmlich nicht bestellt,
Es dringt doch mancher Ruhm, du strenger Richter,
Auch zu den Tiefen unsrer Unterwelt.«

Das Wortgeplänkel, das sich nun entfachte,
Beendete der Kellner kurzerhand,
Indem er einen Stoß Journale brachte,
Die teils er in die Halter eingespannt,
Teils eingereiht in einen Stapel Mappen.
Die »Jugend«, »Fliegende«, »Vom Fels zum Meer«,
Herrn Hardens »Zukunft« trug er zu uns her,
Der deutschen Hofmoral getreusten Knappen, –
»Moderne Kunst«, »Ulk«, »Leipz'ger Illustrierte«,
Die »Gartenlaube«, »Simplizissimus«,
Das »Kleine Witzblatt«, das ich retournierte,
Denn der Humor ist wahrlich kein Genuß.
»Süddeutsche Monatshefte«, »Morgen«, »Türmer«,
Den »Kunstwart« schleppt er hochbeladen mit,
Den »März«, das neuste Kind der Münchner Stürmer,
Den braven »Meggendorfer«, »Bombe«, »Pschütt«,
Und Stöße Tagesblätter jeder Richtung,
Vom »Vorwärts« an bis zur »Germania«, –
Ich machte mich sofort an ihre Richtung,
Als auf dem Tisch ich diese Sintflut sah.
Die »Woche« flog zu allererst beiseite.
»'s ist überflüssig,« sprach ich sanft und mild,
»Daß ich zum Lesen dieses Blattes schreite,
Ich kenne nämlich unsres Kanzlers Bild.
Ich fand es hier von vorne und von hinten,
Von links und rechts, – im leichten Panama,
Bald als Husar im blauen Attila
Sah ich die Hoffnung aller Wohlgesinnten.
Recht minimal ist gleichfalls mein Int'resse
Für irgend eines Winkelfürsten Braut,
Mich kümmert's nicht, wie üppig die Mätresse
Von Abessiniens Oberhaupt gebaut.
Die »Humoristischen«? – Mein Gott, nicht übel,
Die Bilder oft ein wahres Gaudium,
Nur rühren sie in ihres Witzes Kübel
Seit Ewigkeit die gleiche Brühe um.
Der schlaue Dackel dient als Lesefutter,
Die Bürgerwehr der guten alten Zeit,
Die Sekundärbahn und die Schwiegermutter,
Der Offizier, der per Verfalltag freit,
Der reiche Protz, – ein sehr beliebtes Thema,
Der Studio, der ewig Schulden hat,
Soldat und Köchin, – ach, ich kenn' das Schema,
Und hab' es wirklich, wirklich gründlich satt.
Ist es schon Unsinn, hat es doch Methode
Und wirkt als Brom in unsrer Tage Hast,
Zwar bei dem Bürger hält sich's in der Mode, –
Ein jeder Stand hat seine Last!«

»Und,« fragte Juvenal mit Interesse,
»Wie denkst denn du, den eure Wochenschriften
Fast durch die Bank so kannibalisch giften,
Wie denkst du über Deutschlands Tagespresse?«
»Das läßt sich kaum mit kurzen Worten sagen,
Die Presse schreibt fürs liebe Publikum,
Sie liegt mir heute zentnerschwer im Magen,
Und morgen steh' ich vor Bewundrung stumm.
Sie ist ein Schwert, deß Schläge schmetternd klingen
Beim wucht'gen Hieb aus kühner, starker Hand,
Doch wenn es feile Arme tückisch schwingen,
Schlägt Wunden es dem eignen Vaterland.
Die wahre Presse darf nicht speichellecken,
Darf keinem Dogma beugen sich als Knecht,
Licht muß sie bringen und die Geister wecken,
Zu frohem Kampf für Ehre und für Recht.
Mehr als das Blut, das Menschlichkeit zum Hohne
In heißen Schlachten oft das Leid getränkt,
Hat in der Friedensarbeit stiller Frone
Die Feder stolze Siege uns geschenkt.
Ich weiß, daß ich mich nicht zu hoch vermesse,
Wenn ich es rufe hell und frohbewegt:
Des Fortschritts starker Pfeiler ist die Presse,
Die zwischen Volk und Volk die Brücke schlägt!«
»So hör' ich's gern,« rief da mein Gegenüber.
»Sonst siehst du alles trüb und immer trüber;
Hier fließt dein Lob gleich einem muntern Bach.
Doch ich begreife, Freund, – du bist vom Fach!
Dich freut's natürlich, wenn bei euch die Helden
Der Feder man mit hohem Danke ehrt,
Wenn alle Zungen ihren Namen melden
Als geist'ge Führer, die verehrungswert.''

Ich schüttelte den Kopf und sagte schmerzlich:
»So sollt' es sein im teuren Vaterland,
Doch leider, leider, ich bedaure herzlich,
Gilt noch verteufelt wenig unser Stand.
Von oben sucht man prinzipiell zu drücken,
Den Bureaukraten gehn wir contre coeur,
Der jüngste Fähnrich gilt –, 's ist zum Entzücken –
Noch zehnmal mehr als ›so ein Redakteur‹.
Zwar muß ich mit Bedauern es bekennen,
Zum Teil sind wir auch selber daran schuld,
Auch mir reißt oft der Faden der Geduld,
Was sich für Leute Journalisten nennen.
So manch Gescheiterter auf seinem Wege,
Der von der Tertia kennt den Namen bloß,
Setzt frech sich hin und schmiert vergnügt drauf los
Und nennt dich huldreich: Lieber Herr Kollege!
Die meisten Infamieen, Zeitungsenten,
Die unsres Standes Ruf so schwer verletzt,
Sie sind von solchen Talmi-Elementen
Pro Zeile zahlbar in die Welt gesetzt.
Sie schnorren, wo sie können, Freibillette,
Weil sie ja ›Herren von der Presse‹ sind,
Und ist auch schmutzig Kragen und Manschette,
Für andrer Leute Schmutz sind sie nicht blind.
In mancher deutschen Großstadt vegetieren
Derartige ›Auchkollegen‹ ganz fidel,
Die nur mit dem Revolver redigieren,
Und gibt's kein Geld, – gibt's eben den Krakeel!
Doch auch bei großen renommierten Blättern
Ist vieles anders, als es wünschenswert,
Auch hier möcht' öfters man dazwischenwettern,
Wenn einem heil'ger Zorn am Herzen zehrt.
Lies die Berichte großer Mordprozesse!
Wie scheußlich wird da alles detailliert,
Wie wird den Lesern selbst der besten Presse
Ein blutig dampfendes Gericht serviert!
Was sie für Unrat so zutage fördern
Im Hinblick auf den Abonnentenfang; –
Eine Mene Tekel drohen sie den Mördern
Und morden uns ästhetisch frisch und frank!
Und wie erbaulich sind die Offiziösen,
Die braven Stützen von Altar und Thron,
Die mit Hurraruf jede Frage lösen
(Von wegen Ordensfest-Dekoration),
Die zu vertuschen wissen mild und klüglich,
Was bei der Plebs erregte böses Blut,
Die alles herrlich finden und vorzüglich,
Was hochwohllöblich die Behörde tut!
Sie, die in jeder Nummer lamentieren,
Daß viel zu viel dem frechen Volk erlaubt,
Die mit Dementis keck uns bombardieren,
Die ihnen doch kein einz'ger Säugling glaubt,
Sie melden uns exakt und dienstbeflissen
Von jedem Fürstenessen das Menü,
Daß die Prinzeß der Storch ins Bein gebissen,
Erfahren wir sechs Monate zu früh.
Doch wo des Elends heiße Tränen fließen,
Wo's heimlich lebt und webt im Land ringsum,
Wo neuer Zukunft zarte Knospen sprießen,
Da wenden sie den Blick – und bleiben stumm …«
»Genug!« hat Juvenal mich unterbrochen,
»Du hast dich wieder mal in Zorn gesprochen,
Doch immerhin, – ich kann dich wohl verstehn.
Allein mir scheint, daß es schon leise dämmert,
Und da mein Kopf nur noch unmerklich hämmert,
So zahle, Freund! Wir woll'n ins Freie gehn!«

Wir brachen auf und sahen mit Ergötzen
Am Goldfischteich dem Spiel der Kinder zu,
Dann störte eine Flucht von Marmorklötzen
Uns plötzlich aus der wohlverdienten Ruh'.
Mit starren Augen, unverhohlnem Grauen
Frug Juvenal (die Stimme klang ganz schwach):
»Verzeih, warum denn hat man ausgehauen
Denselben Mann hier zweiunddreißigfach?«
Ich sprach: »Du bist im Irrtum, lieber Wandrer,
Trotz aller Ähnlichkeit ist's stets ein andrer,
Zwar meißelt man am Strand der Spree en gros, –
Jedoch besieh dir nur die Marmorsteine,
Der Kunst Kriterium sind bei uns die Beine,
Der stellt sie so und jener wieder so.
Drum gönnte die Pedale auch der Meister
Den stolzen Herrschern unsrer Mark allein,
Als Büsten zeigt er uns die kleinen Geister,
Wie Bismarck oder Moltke, Kant und Stein.
Was du hier siehst, kann dienen dir als Weiser,
Wie jetzt die Richtung unsrer Hofkunst ist,
Denn diese Galerie schuf unser –«
»Leiser«,
Raunt' Juvenal, »da steht ein Polizist!«
Der Schutzmann sah uns an mit grimmen Blicken.
Ich rief entsetzt: »Hinweg von diesem Ort!«
Wir zeigten ihm respektvoll unsre Rücken,
Und mit gedämpfter Stimme fuhr ich fort:
»Die offizielle Kunst! So weltenfern
Ist sie der echten Kunst, die isoliert …«
»Verzeih«, sprach Juvenal, »kennst du den Herrn,
Der seine Hosen oben dort verliert?
Beim hohen Zeus – der Mann ist nicht betrunken,
Das zeigt sein wunderbarer Herrscherblick,
Doch warum ist der Helm zurückgesunken
Dem edlen Recken weit bis ins Genick?
Ist es ein Spott auf die modernen Kleider,
Ist es des Rausches Witz-Karikatur?«
»Nein,« sprach ich trüb, »du irrst in beidem leider,
Nimm ab den Hut! 's ist unser Bismarck nur!
Mit diesem Sitz des Helms, in dieser Hose
Siehst du der großen Zeit Apotheose!
Der Zeit, da man mit Pauken und Drommeten
Das Liebste unsres deutschen Volks verhunzt,
Wo Leute man erwählt zu Hofpoeten,
Die keinen blassen Dunst von wahrer Kunst,
Wo einer aus dem Lande der Zypressen,
Ein Welscher, mit Bajazzi-Harmonien
Uns in Musik zu setzen sich vermessen
Den lieben alten ›Roland von Berlin‹.«

»So muß es schlecht mit der Musik hier stehen,
Und dürftig eurer Komponisten Zahl,
Da man ins Ausland mußte suchen gehen?«

»Im Gegenteil, verehrter Juvenal,
Die Schranzen, die zum Italiener rieten,
Verdienen nichts als grenzenlosen Hohn,
In der Musik – gleich allen Kunstgebieten –
Herrscht nur zu große Überproduktion.
Zwar gibt es leider hier mehr Spreu als Weizen,
Und siegreich herrscht die Mittelmäßigkeit,
Sie will den Hörer nicht durch Wohlklang reizen,
Nur noch mit Tamtam, das zum Himmel schreit.
Das ist ein Blasen, Trommeln, Pfeifen, Kratzen,
Nun noch die Pauke, – feste, nicht zu zahm!
Solang euch nicht die Trommelfelle platzen,
So lange ist die Chose Stümperkram.
Den Satanslärm nennt man »modern vertonen«,
Ein Gluck und Haydn gilt als schal und seicht,
Wir brauchen Nervenpeitscher, Sensationen,
Uns fehlt das Hohelied, das Stein erweicht.
Drum rat' ich jedem Musikus drakonisch:
Träumst du ein Tonwerk, fang es richtig an,
Schreib es so kompliziert und disharmonisch,
Daß kaum der Fachmann es entziffern kann.
Nimm einen Stoff zunächst zur Unterlage,
Aus Sage, aus Geschichte, recht brutal,
Im ersten Akt dicht' eine Liebesklage,
Und schließ mit einem Weiberbacchanal, –
Ergrüble möglichst ein'ge Instrumente
Von nie gehörtem, schauervollem Klang,
Laß schützen sie mit deutschem Reichspatente,
Dann lege los in wüstem Tatendrang!
Such eine Folge recht verrückter Töne
Und sprich: Das ist des Helden Leitmotiv!
Nimm andantino eins für seine Schöne,
Eins für den Gegner (wuchtig und massiv)!
Und wirf nun dieses Handvoll simpler Noten,
Die du Motive nennst, in einen Topf,
Such sie zu trennen, such sie zu verknoten,
Lies sie von hinten, stell sie auf den Kopf,
Laß sie in Dur, laß sie in Moll erdröhnen,
Jetzt auf der Tuba, auf der Harfe dann, –
Du ahnst es nicht, was man so mit zwölf Tönen
Und etwas Technik alles malen kann.
Und unter uns: Es ist fürwahr kein Wunder,
Daß ohne Widerstand sich die Kritik
Und Publikum läßt bieten solchen Plunder,
Denn wir sind übermüdet mit Musik.
Im Herbst, sobald die ersten Störche ziehen,
Hebt eine Sturmflut von Konzerten an,
Und gegen Neujahr ist's so weit gediehen,
Daß Tag für Tag man zwanzig hören kann.
Vor allem können mächtig mich erbosen,
Die obligaten Dauervirtuosen.
Wenn Fixigkeit ersetzt den Seelenmangel,
Wenn man mit ›bravo!‹ lohnt den Künstlerschweiß, –
So passen besser sie ins Tingeltangel,
In der Athleten muskelprotz'gen Kreis.
Und ebenso, wie diese Kunstbanausen,
Erfüllen Dilettanten mich mit Grausen:
Wer jemals Konservatorist gewesen,
Will seinen Namen in der Zeitung lesen
Und beut der armen Mitwelt ein Konzert.
Auch jede Gans, die g-a-h kann singen,
Ist überzeugt, sie wird's zur Patti bringen,
Und stellt sich auf das Podium hin und plärrt.
In jedem Jahr erfreuen uns nicht minder
Die kniefrei starkverjüngten Wunderkinder,
Die man gehört, gesehen haben muß,
Die ausnahmslos ein Unikum auf Erden,
Die sicher alle zweite Mozarts werden,
Aus denen aber doch nichts wird zum Schluß.«
Just wollte Juvenal das Wort ergreifen
Da kam ein Schusterjung' den Weg entlang,
Und wie die Schusterjungen immer pfeifen,
So pfiff auch er den neusten Volksgesang.
Da wurde meines Freundes Lächeln sauer.
»Was pfeift denn dieser junge Enthusiast?«
Ich sprach: »Das ist der neuste Gassenhauer,
Das ist Berliner Volkskunst, teurer Gast.
In Haus und Höfen hört man dies Gedudel,
Auf Märschen spielt' das liebe Militär,
Und je gemeiner ist das Textgesudel,
Um so viel schneller wird es populär.
Das ist des deutschen Volkes Geistesmanna;
Der holde Kantus von der Holzauktion,
Das kleine Henkeltöpfchen der Susanna
Und dann der vielgesuchte kleine Cohn.
Ein jeder Backfisch lispelt schon im Traume
Die Frage: Willst du mein Cousinchen sein?
Und: An dem Baume – hm! – da hängt 'ne Pflaume,
Verzapft in jedem Stockwerk Groß und Klein.
Wenn meine Frau sich auszieht, wie die aussieht –
O du mein Pusselchen – Ja beim Souper …
Und wenn verzweifelt man zum Tempel rausflieht,
Hört draußen man: Tararabumdieeh!
Du lachst, mein Freund? Mir ist nicht so zu Herze,
Mir ist vor dieser Seuche wahrhaft bang,
Denn solche platten Leierkastenscherze
Ersticken unsres Volkslieds edlen Klang.
Das alte Lied voll innig reiner Hoheit
Ist vor dem Gassenhauer schon verstummt,
Des Deutschen edler Schatz versinkt in Roheit
Durch dieses Gift, das unser Volk verdummt.«

Mich hätt' das musikalische Geheule
vielleicht noch heftiger in Zorn gebracht,
Hätt' Juvenal vor einer Litfasssäule
Nicht eben unvermutet Halt gemacht.
Er brummte: »Laß einmal mich überlegen –
Schon flammt am Horizont das Abendrot –
Die Frage müssen schleunigst wir erwägen:
Wo schlagen wir den heut'gen Abend tot?
Was kann Berlin an Freuden uns bescheren,
Entscheide du, denn mir ist alles eins, –
Sprich, welch Theater wollen wir beehren?«
»Wenn Offenheit erlaubt ist, bitte – keins.
Denn jedesmal, so oft ich ins Theater
Hinein mich wagte, liebster Juvenal,
Kam ich nach Haus mit einem Riesenkater,
Und nahm mir vor: Das war das letztemal!
Der Poesie geht's schlecht, wie ich bewiesen,
Auch sprach ich von dem musikal'schen Schund,
Doch die Dramatik ist von allen diesen
Ganz zweifellos am meisten auf dem Hund.
Hier herrschen lediglich Geschäftsmaximen,
Ein echtes Kunstwerk gilt als Reinfall nur,
Und was die Bühnen jetzt zusammenmimen,
Das geht wahrhaftig über jede Schnur.
Willst du den geist'gen Tiefstand klar erkennen,
Den Bankerott in seiner ganzen Pracht,
Brauch' ich dir nur den Sherlock Holmes zu nennen,
Der volle Häuser Tag für Tag gemacht.
Auch ziehen mächtig die Verwechslungsschwänke
(Wo man es lernt, wie man die Ehe bricht),
Vor Jauchzen kriegt das Publikum die Kränke,
Ich krieg' sie gleichfalls, nur vor Jauchzen nicht.
Da diese Schmarren meist aus Frankreich stammen,
Wird jedes Wort als Geistesblitz goutiert.
(Oft schreiben zwei Franzosen sie zusammen,
Weil einer so viel Blech nicht produziert.)
Doch, leider Gottes, auch im ernsten Fache
Beherrscht das Ausland unser Repertoire
Dank einer widrigen Reklamemache,
Die für die deutsche Kunst die Hauptgefahr.
Erst war es Gorki mit dem »Nachtasyle«,
Den man mit lautem Jubelruf empfing,
Dann Shaw mit seinem toll-burlesken Spiele
Und Rostand, Oskar Wilde und Maeterlinck.
Wer sie nicht lobt, der kann sich was besehen,
Währt auch ein Weilchen immer nur der Tanz,
Denn alle diese Auslandskoryphäen
Verdanken flücht'ger Laune bloß den Glanz.
Von Deutschen aber wird der Musentempel
Nur dem geöffnet, der schon Glück gehabt,
Der schon versehen mit der Mode Stempel,
Ganz gleich, ob er begabt, ob unbegabt.
Er dichtet jeden Sommer frisch und munter,
So gut's halt geht, ein neues Stück herunter,
Auf daß ihm der Tantieme Brünnlein quillt.
Die Direktoren lassen unbesehen
Das Opus über ihre Bretter gehen, –
Für den Erfolg bürgt schon das Firmenschild.«

Hier unterbrach mich Juvenal: »Mein Bester,
Du gehst zu weit mit deinem Kunstgeläster.
Wenn wertlos das dramatische Produkt, –
Wo fänden wohl Theaterdirektoren
Ein Publikum mit solchen Eselsohren,
Daß es geduldig diesen Abfall schluckt?«

Ich sprach: »Du kommst zum Kernpunkt unsrer Frage,
Warum's an Inhalt dieser Kunst gebricht:
Die große Masse wandert heutzutage
In das Theater zur Erbauung nicht.
Sie will verdauen, will sich unterhalten,
Die Zeit vertrödeln zwischen acht und zehn,
Will der Toiletten Märchenglanz entfalten,
Gesehen werden und Bekannte sehn.
Das Publikum will nichts, als sich erholen –
Nur bei Premieren ist es aufgeweckt,
Da will's den Richter spielen, zischen, johlen,
Als hätt' die Kunstgesetze es entdeckt.
Da mag es keinem seinen Lorbeer gönnen,
Kennt keine Schonung, keine Toleranz
Und Dandys, die bis drei nicht zahlen können,
Betrachten sich als höchste Kunstinstanz.
Ihr wackern Smoking-Rowdies, blöde Laffen,
Die den Skandal so fesch ihr inszeniert,
Ihr ahnt nicht, daß Respekt erheischt ein Schaffen,
Das an das Herz der Menschen appelliert!
Ist denn ein mäßig Stück ein Mordverbrechen,
Nicht ein Versuch, der eben nicht geglückt?
Auch ohne Lärm kann man sein Urteil sprechen,
Wenn streng man seinen Beifall unterdrückt. –
Ich könnte ja mich weiter noch ergötzen
Und, wie Herr Sudermann im ›Tageblatt‹,
Mit scharfer Feder die Kritik zerfetzen,
Die freilich auch ihr Sündenkonto hat.
Doch lass' ich's sein, denn stets fand ich hienieden,
Daß deren zorn'ger Eifer nur so groß,
Daß die mit der Kritik nur unzufrieden,
Mit deren eignem Können nicht viel los.
Ich glaube: Wer im Herzen tief empfindet,
Er leistet was, – dem ist es einerlei,
Ob die Kritik ihn krönt, ob sie ihn schindet, –
Er weiß, er siegt trotz aller Mäkelei.«

»Ei, sieh, auf einmal welcher Optimismus,«
Rief höchst belustigt mein verehrter Gast,
»Jetzt, wo mit deinem bissigen Zynismus
Du das Theater mir verleidet hast,
Schenk' ich mir gern Thaliens Kunstkohorte,
Ich bin kein Freund von dem dramat'schen Kohl, –
Was steht denn aber hier? Mensch, haste Worte!
Revue, Ballett und Tanz im ›Metropol‹?«

»Freund,« sagt' ich traurig, »leider nichts zu machen,
Das ›Metropol‹ ist abends ausverkauft,
Die Direktion kann bei dem Schauspiel lachen,
Wie um Billetts man an der Kasse rauft.
Die Handlung zwar, die such mit der Laterne,
Auch ist der Text Berliner ält'ster Kitsch,
Die Witze duften stark nach der Kaserne,
Jedoch, mein Freund, – dort tanzt man die Matchiche!
Was einst man, ohne jeden zu verletzen,
Mit Worten zu berühren nicht gewagt,
Das hat man raffiniert und unverzagt
Sich jetzt erdreistet, in Musik zu setzen, –
Und alle Welt tanzt diesen Tanz der Metzen!«

»Je nun,« sprach Juvenal, »vielleicht nicht ohne!
Im Altertum fand man das nicht gemein,
Vergiß auch nicht, mein lieber Cicerone,
Das schöne Wort: Dem Schwein ist alles rein.
Doch schaff mir einen anderen aparten
Genuß, da just im Metropol kein Platz,
Wie wär's zum Beispiel mit dem ›Wintergarten‹,
Ist's da nicht ähnlich, – bietet der Ersatz?«

»Wie schad', daß Busch und Schumann hier nicht weilen,
In Hamburg mimt zurzeit ihr Hippodrom,
Sonst riet' ich dir, zum Zirkus hinzueilen,
Erinnern würd' er dich ans alte Rom.
So geh du ruhig denn zum ›Wintergarten‹,
Ich lege lieber mich daheim aufs Ohr,
Ich kenn' schon des Programms bewährte Schwarten
Und spiel' auf Wunsch dir jede Nummer vor.
Die wohldressierten Hunde oder Schweine
Hab' ich bereits ein dutzendmal geseh'n,
Und wenig reizen mich die strammen Beine,
Die für die Sängerin um Nachsicht flehn.«

»Was, stramme Beine, die das Herz entflammen?
Beim Jupiter, – das lohnt ja das Entree,
Das nenn' ich eine echte Sieg'sallee, –
Mir läuft das Wasser schon im Mund zusammen.
Sind denn die Künstlerinnen auch noch jung?«

»Es tut mir leid, du kleiner Schwerenöter, –
Schon wieder muß als Illusionentöter
Ich stark dir dämpfen die Begeisterung.
Fast alle Damen, die hier hüpfen, schreien,
Sich groß gedruckt der Schönheit Preis verleihen,
Sind aus dem Schneider lange schon heraus.
Nachdem sie Frankreich warf zum alten Eisen,
Beschlossen huldvoll sie, zu uns zu reisen,
Und finden hier begeisterten Applaus.
Wir, die zu deutscher Sitte uns bekennen,
In stolzem Brustton uns Germanen nennen,
Wir sind im Grunde haltlos wie ein Kind;
Indem wir Frankreichs Unmoral verspotten,
Bejubeln wir Grisetten und Kokotten,
Die in Paris schon längst unmöglich sind.
Genau so sind dem kundigen Thebaner
Auch die Athleten würdig keines Blicks,
Einst waren sie aus Kyritz, – jetzt Japaner,
Nur unverändert bleiben ihre Tricks.
Und erst die sogenannten Humoristen,
Gott schütze mich vor dieser Art Humor!
Den faulsten Witz aus Zeiten der Psalmisten
Setzt uns ein solcher Mensch behäbig vor.
Ich hasse diese albernen Hanswürste,
Die mit dem Bierbaß, rauh wie eine Bürste,
Die Weiber kitzeln, daß sie kreischend schrei'n,
Denn meist sind es ja Zoten, die sie johlen,
Und ihre Art, die Pointen rauszuholen,
Die geht mir jedesmal durch Mark und Bein.
Gar seltsam sucht man neuerdings zu heben
Des Variétés verstaubte Eigenart, –
Ein Akrobat spielt keck mit seinem Leben
In irgendeiner tollen Schleifenfahrt.
Dann rast das Volk, – in schlichter Arbeitsjacke
Dieselbe Bestie wie im schwarzen Fracke, –
Und denkt doch heimlich mit enttäuschtem Blick:
Ich hoffte sicher, daß der Bursche fällt,
Nur darum zahlte ich mein schönes Geld, –
Was bricht der Lump sich heut nicht das Genick?«

»Das ist die wahre Kunst für Edelleute!«
Rief Juvenal. »Das gleicht der Römerzeit,
Gottlob, das schone Spreeathen von heute
Hat doch mit Rom noch manche Ähnlichkeit.
Das sind die Burschen, die bei uns gefielen,
An deren Mut wir einst uns delektiert,
Das ähnelt unsern Gladiatorenspielen,
Das ist der Blutdurst, der uns fasziniert.
Da geh' ich hin, da fühl' ich mich als Nero,
Und müßt' ich auf den letzten Platz hinauf,
Fürwahr, da nehm' ich selbst La belle Ottéro
Und andere Antiken in den Kauf!«

Mit Lächeln sah ich Juvenals Bewegung.
Seit zehn Minuten schalt ich rabiat
Auf diese Kunst, – und dies das Resultat?
Ich sprach daher nach kurzer Überlegung:
»Ich gönne dir die Unterhaltung gern!
Sieh dir's nur an, – mich aber lasse fern!
Drum sei nicht böse, lass' ich dich allein, –
Wann, alter Knabe, sehen wir uns wieder?
Gar müde sind vom Wandern meine Glieder,
Bist du für morgen frei?« –

»Ich sag' nicht nein!
Gar bald muß ich in Plutos Reich enteilen,
Bis zwölf nur hab' ich Urlaub, länger nicht,
Erst wenn die Sonne scheint, darf ich verweilen
Von neuem an dem goldnen Tageslicht.
Ich werde gegen Mittag bei dir schellen!«

»Famos! Nur bitt' ich, prompt sich einzustellen!«
Schon lüftete ich höflich meinen Hut.
Da sah ich plötzlich Juvenals Grimasse.
»Ach so, mein Freund! Hier hast du etwas Kasse,–
Auf Wiedersehn! Und amüsier' dich gut!«


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