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Kjeld Horge

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Der Fjord, in den unser Schiff hineingleitet, liegt schmal und tief zwischen den hoben Fjelden, die jäh und steil in die Tiefe stürzen, eingeschnitten. So eingeschlossen kommt man sich vor, und das Wasser des Fjords hat so wenig von der Farbe des Meeres an sich, daß man an einen Zusammenhang mit der See und der Welt da draußen nicht glauben kann. Man glaubt sich mehr auf einem einsamen Bergsee zwischen Steilwänden unter blauen Gletschern.

Aber wenn man weiter in die Tiefe der Fjordbucht vordringt, dann treten die mächtigen steinernen Wächter mit einem Mal zur Seite, und wie das von ihnen bewachte Kleinod liegt oberhalb einer verstreuten Ortschaft ein weißes Haus auf einem kleinen grünen Hange, außer von den hohen, gigantischen Wächtern noch besonders von seidiggrünen wehenden Birken behütet. Auf der Höhe der grünen Halde aber reckt eine kleine braune Kirche ihren schlanken Turm steil in's Blau. Das ganze Hochtal liegt tief und schwermütig wie ein offenes Grab, das die Fjelde zuzuschütten drohen. Das einzige, das die Höhe sucht, das an eine freiere Weite und an ein Leben in größerem Ausmaß denken läßt, ist das Kirchenkreuz, das wie aus dem Grunde des Grabes zum Himmel weist.

Wenn man das Tal betritt, und mit den Leuten dort ins Gespräch kommt, wird einem sehr bald der Name Horge zu Gehör kommen. Oben unter dem Grenzfjeld liegt ein Hof, der Horgehof; von Alters her der Familie gehörig. Aber jener Sproß des Stammes, der den Horgenamen den Bewohnern des Tales lieb und teuer gemacht hat, ist nicht mehr auf dem Hofe zu Haus.

Der ist seit Jahr und Tag in das Haus verzogen, das kleine schneeweiße Haus, das vom Hange zum Fjord und uns heruntergrüßte. Eines Tages schritt nämlich einer vom Horgestamm über die Fjelde, jene grauen, öden, vergletscherten, unter mauerhohem Schnee begrabenen Einödhochflächen, die Norwegens eigentliche Natur bilden. Nach manchem Jahr erst kam er zurück, und zwar als Pfarrer seines Heimatortes. Seitdem war durch undenkliche Zeiten immer ein Sohn der Nachfolger des Vaters als geistlicher Hirt; ein Horge folgte dem andern im heiligen Amt. Das Geschlecht der Horges war zu Größe und Ansehen gelangt, und man glaubte an die Pfarrer aus dem Horgegeschlecht wie an das Wort, das sie verkündeten. Es war eine lange bestehende und weiter wirkende Kraft, die von dem Zeitpunkt ausging, da der erste Horge über die Fjelde schritt und als Pfarrherr aus der fernen Stadt heimkehrte in sein Tal. Gottes Kraft hatte ihn hinausgetrieben und wieder heimgeführt. Ueber der grünen Halde lag deshalb ein höherer Glanz. Es war nicht nur, daß jede froheste und schwerste Stunde der Ortsbewohner ihre Weihe aus den Händen des Pfarrherrn empfing. Nein, mehr: Etwas von dem Strahlenschein kam aus der Erinnerung, daß durch jenen Gang über die Fjelde der Drang nach Gott und die Kräftigung der Volksseele in diese Täler kamen und immer stärker in ihnen wuchsen. Daß ein Tüchtiger über ihrem Leben und Treiben wache, war den Leuten Bedürfnis, und die karges waren so ein tüchtiges, vielgeltendes Geschlecht. Jeder Sohn glich dem Vater an Stärke und Verläßlichkeit, stand so fest und treu zu Gottes Wort und zu seinen Lauern, wie die Fjelde das Tal umstanden.

Aber zu der Zeit, da unsere Geschichte spielt, saß ein Pfarrherr mit anderem Namen in dem weißen Hause auf der Halde. Der hatte nichts von dem Besitz der Horgeleute mehr in der Pfarre vorgefunden als die alten Bücher in steifem Schweinsleder mit rauhem Druck. Die waren stehen geblieben –: eine geistige Macht, die allein schon mehr als einen eigenwilligen Mannessinn sanftmütig und ergeben zu machen vermochte. Mancher, der an Winterabenden hochfahrend in der Pfarrherren stille Studierstube getreten war und die mächtigen Folianten zu beiden Seiten der Stube auf den breiten Regalen stehen sah, war bei ihrem Anblick klein geworden.

Wir werden nun erzählen, wie es kam, daß das alte Predigergeschlecht schwand und ein neues kam.

Der letzte Pfarrer hatte einen Sohn, Kjeld mit Namen, der selbstverständlich auch wieder Pfarrer werden sollte. Aber statt wie die Horgesprossen vor Ihm in die Schule des Ortes zu wandern, bis die Zeit der Lateinschule kam, blieb dieser Kjeld zu Hause. Der Pfarrer hätte ihn gern bei den anderen Jungens auf der Schulbank gesehen, aber seiner Frau durfte man mit diesem Gedanken gar nicht kommen. Sie war fest davon durchdrungen, daß Kjeld absonderlich begabt und begnadet sei, daß er keiner anderen Hilfe bedürfe als der, die der Vater ihm zu geben Zeit und Geschick hatte, um Kenntnisse zu sammeln.

Kjeld wuchs auf, groß und stark, friedfertig und sanft. Und die Einbildung seiner Mutter über seine große Bestimmung und seine außergewöhnlichen Gaben wuchs ebenso. Aber Kjelds Wissen wuchs nicht. Als die Zeit kam, wo man sich der Wahl eines Lebensberufes nicht länger widersetzen konnte, stellte die Pfarrerin die Behauptung auf, ihr Kjeld sei viel zu gut, um Pfarrer in einem solchen entlegenen norwegischen Seitental zu werden. Er sollte etwas Großes erreichen und den Horgenamen in größeren Weiten zur Berühmtheit bringen, als in seinem Heimatort.

Damit war die Kette, die vom Gang des Ahnherrn über die Fjelde herreichte, zum erstenmal zerrissen.

Als es im Umkreise bekannt wurde, daß Kjeld nicht Geistlicher werden sollte, sondern etwas Größeres, da schüttelten die alten Leute den Kopf, und meinten, das bedeute nichts Gutes. Aber man brauche sich nicht zu wundern. Denn der letzte Pfarrer, der übrigens ein Mann Gottes war, so echt und nach Altväterart, wie alle seine Vorgänger, hatte etwas bis dahin in der Familie Unerhörtes getan. Alle Horgepriester hatten Töchter aus Bauerngeschlechtern zu Frauen genommen. Dieser letzte aber holte sich sein Weib aus der Stadt.

Durch diese Frau war das Besondere, Neue in Kjeld gekommen.

Das Landvolk fühlte sich beinah in seinem guten alten Rechte gekränkt, weil diese Frau im Pfarrhofe saß und weil eben diese Frau nicht wie ihre Vorgängerinnen mit den Fjordleuten verkehrte und ihnen mit Rat und Tat zu Hilfe war.

Am tiefsten aber kränkte die Fremde die Herzen, als sie ihres Sohnes Zukunft nach ihrem Willen in die Hände nahm. Es war das gute Recht der Bauern, daß des Pfarrers Sohn denselben Beruf ergriff und wieder ihr Pfarrer wurde. Etwas Neues war in den alten Lauf der Dinge gekommen. Und sie wollten nichts Neues! Weder Stadtfrauen in ihren Pfarren, noch Dampfschiffe auf ihren Fjorden!

Aber dabei hegte doch niemand einen Zweifel, daß Kjeld wirklich zu etwas Großem berufen sei. Und das Schlimmste war, Kjeld selber zweifelte nicht daran.

Wäre der Vorfahren Brauch beibehalten worden, hätte er wahrscheinlich einen sehr tüchtigen Pfarrer abgegeben. Und hätte er selbst gewählt, wäre er wohl Bauer geworden, ein guter fleißiger Bauer. Denn er war im Grunde eine gesunde Natur, einer, der gern die Erde gedüngt und gegraben hätte, die ihm das tägliche Brot bringen sollte, hätte er nur gedurft! Aber es war ein seltsamer fremder Zug in seine starke Horgenatur gekommen, und dieses angeborene Etwas war von seiner Mutter gepflegt und großgehätschelt worden.

Sie ertrug den Gedanken nicht, daß ihres Sohnes Ruhm nicht einst über die Fjelde hinaus erstrahlen solle.

Und sie hatte seinen Blick deshalb ins Blaue nach etwas Seltsamem, Großem gelenkt, das ihn nach ihrer sicheren Meinung erwartete. Scham und Verachtung jeder Verrichtung, die seinen Namen an die Grenzen der Heimaterde band, hatte sie ihm eingeflößt. Ihn und anderen hatte sie den Glauben eingepflanzt, daß er zu Großtaten berufen sei und daß er nur die rechte Gelegenheit erfassen müsse, die Welt in Staunen zu setzen.

Niemand hatte je etwas Außerordentliches an Kjeld bemerkt; aber er war mit der Zeit eine Art Sage geworden, an die alle glaubten, eine Sage von Größe und Begabung, denen nur noch die Gelegenheit zur Entfaltung fehlte.

Inzwischen wurde diese Sage aber dreißig Jahre alt und war noch nichts weiter als eine Sage.

Kjeld saß noch immer und sah nach den Fjelden hinauf und über sie hinaus in die weite ferne Welt, in der irgendwo seine Gelegenheit schwamm und sich anderen bot. Zu ihm nur kam sie nicht.

Inzwischen war des Pfarrers blondes Haar ergraut und das Haupt war ihm schwer geworden. Eines Tages schloß er unvermutet die Augen, still und ohne Aufsehen, wie er alle seine Verrichtungen im Leben ausgeführt hatte; und es währte gar nicht lange, da erschienen die Leere und Stille im Pfarrhaus der Pfarrfrau so schwermütig und unerträglich, daß sie nichts Besseres zu tun wußte, als ihm schleunigst nachzufolgen.

Da saß nun Kjeld als Hinterbliebener im stillen Haus. Und außer ihm noch eine andere.

Das war eine Bauerntochter, die von klein aus im Pfarrhaus weilte, und die der Pfarrer schließlich an Kindesstatt angenommen hatte.

Aasa hieß sie. Und sie war der Augapfel des toten Pfarrers gewesen.

Sie war auch ein prächtiges Geschöpf, echt und treu bis zum Grunde der Seele, eine unerschrockene Dirne in Wort und Tat. Aber sie hatte eine warme herzhafte Art und ging mit Worten und Zufassen nicht zimperlich um. Sie war eine Natur, die in totem Gewässer oder in unklarer Flut nicht zu leben vermochte. Deshalb stand sie sich schlecht mit der Pfarrersfrau. Die war eine Stubenseele, bis über die Ohren eingesunken in Polster und Kissen von Rücksichten und Gewohnheiten. Ihr ganzes Leben war eine kette von Uebelnehmen. Mit Aasa kam sie nie zurecht. Immer sah sie die Bauernnatur aus ihr herausgucken. Nie gelang es ihr, ihr genug Rücksicht und Vorsicht einzupflanzen.

Aasa wirkte auf sie wie kalte Winterluft, die in eine warme Stube dringt. Und in der Stube der Pfarrerin waren Fenster und Türen so lange geschlossen gewesen, daß mit der Zeit eine besondere Luft darin entstanden war, die besondere Lungen erforderlich machte.

Die Pfarrfrau ließ alles Unangenehme liegen, Jahr aus, Jahr ein, bis ihr ganzes Sein und Leben zu einem Haufen von ungetanen Dingen und unbeglichenen Rechnungen anschwoll.

Aber Aasa wollte lüften und reinmachen, wohin sie kam und begann und endete jeden Tag mit einem tüchtigen Aufräumen.

Jeden Abend hatte die Pfarrfrau eine stundenlange Unterhandlung mit ihrem Mann. Die war stets dieselbe, eine einzige, lange, nervöse Klage über Aasa! Der Pfarrer hörte meist ohne Einwand zu. Aber er ließ Aasa alles weiter so tun und treiben, wie sie es immer getan hatte. Denn er wußte: was sie tat und trieb, war gut.

Jemand war da, vor dem sich Aasa beugte, wie vor Einem, d«r größer war, als ihr Verständnis es erfassen konnte. Einer war da, mit dem sie schonend umging, schonend und zart, wie mit einem, über dessen Leben eine große Trauer schwebt.

Und das war Kjeld.

Vor ihm dämpfte sie ihre rasche Art; wo er war, sollte alles stille und leise sein.

Und doch war Kjeld, wie er nun geworden, im Vergleich zu ihr, nichts anderes als das Fjordgewässer, das windgeschützt unter den dunklen Fjelden in der stillen Luft liegt, dessen Wellenpulse nur matt schlagen, von den tiefen stillen Buchten, voll von schleimigem Grün, eingeschluckt, – im Gegensatz zur blauen, herbstfrischen, von flotter Brise in scharfe fröhliche Wellen gekräuselten See.

Aber Kjeld fühlte sich zu ihr hingezogen, wie es ihn im Grunde auch zur Arbeit zog, zu richtiger scharfer Arbeit, an der er seine schlafenden Kräfte hätte erproben können; wie es ihn nach der gesunden Lebenslust verlangte, die nur die Arbeit schaffen kann.

Er mochte sie lieber als irgend ein anderes Menschenkind. Aber er wagte nicht, es einzugestehn; – weder sich noch anderen.

Denn es war einer der obersten Glaubenssätze, die seine Mutter ihm eingeprägt hatte, daß die bäurischen Heiraten die große Familie von ihrer Höhe herabgezogen hätten. Die nächste Lehre, die er daraus gezogen, der Glaube, in dem er erwachsen war: er sei dazu berufen, sein Geschlecht über die niederen Auswirkungen der bäurischen Einflüsse zu erheben, es aus der beschränkten Enge zu befreien, in der es sich jetzt infolge jener Heiraten befand.

Er sah daher wie über einen großen Abstand, wie von einer beträchtlichen Höhe auf Aasa, und er schämte sich innerlich seiner Liebe zu ihr.

Als aber die Eltern starben, fingen seltsame Gedanken in Kjeld zu keimen an. Gedanken, die ihm Angst einflößten, die ihn bange werden ließen.

Es war ihm, als müsse er sich immer umsehen, ob seine Mutter in der Nähe sei.

Ein unlösliches Band schlang sich vom Grabe auf dem kleinen Friedhof her über seinen Willen.

Es war ihm, als füge er durch die Gedanken, mit denen er sich jetzt heimlich trug, dem Gedächtnis seiner toten Mutter eine Kränkung zu.

Aber der neue Pfarrer sollte einziehen; die Zeit des Umzugs kam; und Kjeld mußte daran denken, sich ein eigenes Heim zu bauen.

Eines Tages ruderte er in aller Stille zum Nachbarort; und als er zurückkam, hatte er sich für sein Vatererbe drüben einen Hof gekauft. Dieser Hof hieß gleichfalls Horgehof und war vor langen Zeiten im Besitz der Familie gewesen.

Er hatte nun gedacht, Aasa könne bei ihm bleiben, wie sie bei seinen Eltern gewesen war.

Aber als er heimkam, hatte sie ihr Eigen zusammengepackt und stand reisefertig da.

Sie wollte heim zu ihren Verwandten und wartete nur auf Kjeld, um ihm Lebewohl zu sagen.

Kjeld ließ sie reisen.

Aber einige Tage später reiste er ihr nach. Und das nächste, was die Leute über Aasa und Kjeld erfuhren, war, daß sie ein Ehepaar geworden waren.

Einige Wochen später hielten sie Einzug in ihr neues Heim.

Nun war Kjeld sein eigener Herr, saß in neuen Verhältnissen und hatte seine eigene Welt und Arbeit.

Aber da war jenes Lied, das ihm an der Wiege gesungen war.

Das war das Märchen, mit dem man seine Kindheit durchwebt hatte. Das Märchen, das ihn wie unter eine Verzauberung gelegt hatte, die auch die Veränderung des Lebens und Wohnortes nicht ändern konnte.

Es war im Grunde nicht einmal jener bestimmte Größenwahn, der ihn beherrschte – im Grunde war der es nie gewesen, – und jetzt dachte er eigentlich gar nicht mehr an seine Jugendverpflichtung, groß und berühmt zu werden es war nur die Menge des heimlichen Traumstoffes, die seine Natur in sich gesogen hatte, des Stoffes, der immer aufs neue in ihm geweckt wurde und wirkte; es war eine gewisse feige Träumerscheu vor den Menschen und ihrem Tun, die sein Leben band.

Der Fluch seiner jungen Jahre war, daß er die Menschen immer hatte stehen und ihn anstarren sehen, irgend etwas Großes von ihm erwartend.

Das alte Lied, daß er seine Kräfte verschwende und seinem Namen Schande mache, wenn er zu geringer Hantierung griffe, war so lange in seine Ohren geklungen, daß er nie dazu gekommen war, nach seiner Neigung zu leben.

Er dachte selbst nicht daran, aber doch bannte und verzauberte dieses alte Lied seinen Mut und lähmte ihm Hände und Fuße, so oft er mit voller Kraft an ein Werk gehen wollte.

Er konnte nicht aus seiner Haut des Sagenkjelds heraus in eine neue, eine der eigenen Welt und Arbeit, schlüpfen.

Die Erinnerung an die Mutter bannte ihn. Das Gerede der Leute bannte ihn. Und auch der Glaube seiner Frau.

Er saß auf der Bank vor seinem Hause und sah über die Ortschaft hinweg wie früher, als ob er wie früher darauf warte, daß das Wunderbare dahergesegelt kommen und ihn fragen müsse, ob er Prinz werden wolle.

Die Last des ganzen Unterhaltes fiel auf diese Weise Aasa zu.

Sie war der Morgenvogel im Hause, der alle zur Arbeit wecken mußte. Sie war der Kopf und die Hand, die des Tages Arbeit angaben und steuerten. Und dabei war sie auch noch das leise Lied, das den Abendfrieden einläutete, war der treue Wächter, der Wohl und Traulichkeit des Hauses hegte und schützte.

Das war alles zusammen wohl schwieriges Frauenwerk. Aber Kjeld dachte nie darüber nach, daß es auch anders hätte sein können.

Durch sein Verhalten erntete er mehr Abneigung als Liebe im Ort.

Die Menschen nehmen es übel, wenn einer aus ihrem Stand so lebt, als säße er in besseren Verhältnissen. Und hier stand nicht das Familienansehen hinter ihm zu seinem Schutz, wie in der Jugendheimat.

Die Leute ärgerten sich über seine Großmannsart, und es sammelte sich rasch ein dumpfes Gemurmel des Unwillens.

Das traf aber nicht so sehr ihn wie Aasa. Ihr schuf es einen fast tagtäglichen Widerstand und Kampf.

Kjeld hatte die Blicke nur zu weit draußen, um es zu sehen.

*

Einige Jahre lang ging alles so weiter, und es geschah nichts, das Aenderung in die bestehenden Verhältnisse gebracht hätte.

Aber dann kam eine Zeit tiefgehender politischer Bewegung in das Volk. Eine Unruhe ging durch die Menschen, die neue Kräfte zu Tage brachte, die Männer, die bisher am Steuer gesessen hatten, verwarf und andere an die Ruder rief.

Besonders stark wurden die Spannungen, als die Landtagswahlen sich näherten. Denn nun sollte der Zusammenbruch des Alten und der Sieg des Neuen zum Austrag kommen.

Da war ein Mensch, mit Namen Hall Huck, der viele Jahre hindurch Vorsitzender des Landkreises im Landtag gewesen war.

Dieser Hall war der einzige unter den Alten, der seiner Neuwahl gewiß war.

Er hatte nie etwas ans sich selbst heraus gesprochen.

Er hatte nicht viel Großes gelesen oder gelernt. Aber er hatte über Viele und Vieles nachgedacht und hatte in seinem Leben Vieles durchgeprüft.

Seine Macht bestand in einem unverrückbaren Glauben an seine eigene Klugheit und einem unbeugsamen Willen, seine Sache durchzusetzen.

Er hatte Gedanken und konnte diese in intimem Gespräch unermüdlich in andere hineinhämmern.

Aber er konnte sie nicht in einer Weise zusammenraffen, daß sie durch zwingende logische Folgerungen und Schlüsse die Menge gepackt und zu seiner eigenen Meinung gebracht hätten.

Wenn irgend eine Sache auf Niederlage oder Sieg stand, konnte er wohl mit einem treffenden Wort die Gegner schlagen. Aber er konnte seinen Gegenstand nicht in zusammenhängender packender Rede behandeln, konnte seine Gründe und Schlüsse nicht in so klaren Zusammenhang bringen, daß er die festen Schanzen der Gegner gestürmt hätte.

Er hatte deshalb immer dafür gesorgt, einen rede- und schreibgewandten Mann an seiner Seite zu haben, einen Menschen, mit nickt allzu selbständiger Meinung und nickt allzu straffem Willen, aber einen, in dem die Aussaat anderer wuchs und Blüten trieb, in den man so lange hineinsprechen konnte, bis die Ansichten, die man ihm einflößte, seine eigenen geworden waren.

Hall hatte es immer leicht gehabt, solche Männer zu finden. Und er hatte ein merkwürdiges Geschick, Neues heranzuziehen, um das Alte zu stürzen, deshalb stand er immer noch fest, wenn andere fielen, und regierte, wenn andere glaubten, die Macht in Händen zu haben.

Einige Zeit vor der Wahl fing dieser Mann an, Kjeld Horge Besuche zu machen. Er kam gern an Sonnabendnachmittagen; dann saßen die Beiden auf der Bank vor dem Hause, rauchten ihre Pfeifen und schnackten von Staats- und Gemeindesachen. Hall suchte Kjelds politische Ansichten zu erforschen, und Kjeld, der sich nie besondere Gedanken über diese Dinge gemacht, hatte im Grunde immer die Anschauung, die ihm Hall im vornherein vorsichtig und tastend als die beste eingeimpft hatte.

Daß Hall über das, was er fand, froh war, zeigte sich sehr bald danach. Es war, wie gesagt, eine neue Zeit, und neue Ziele sollten gefunden werden.

Aber die Partei, zu der Hall gehörte, hatte einen leeren Sitz im Landtag, für den sie durchaus keinen Mann finden kannte. Die Parteiführer ratschlagten und suchten, aber ohne Ergebnis. Der einzige, der nicht von der Wahl sprach, war Hall. Er schien sich so sehr in den neuen Bekannten verliebt zu haben, den er droben auf dem Horgehof gefunden hatte, daß er für nichts anderes Gedanken hatte. Er konnte nie fertig werden, Kjeld vor den Parteiführern zu loben, ohne auch nur darauf anzuspielen, daß er für die Wahl in Betracht käme. Er schilderte ihn als ungefähr den volkstümlichsten Mann, dem er im ganzen Leben begegnet wäre, und wenn er von Kjelds Eigenschaften und Gaben sprach, war es wie mit stiller Andacht. Hall kannte auch Kjelds Familie, und mußte sagen, einen besseren Schlag Leute gab es nicht.

Endlich hielten die Parteiführer ihre letzte Sitzung ab, und als Hall um seine Meinung gefragt wurde, stand er auf und sagte, nur Einer könne in Betracht kommen, und dieser sei Kjeld Horge! Wie gewöhnlich hatte Hall einen redestarken Gesinnungsgenossen zur Seite, und das Ergebnis war: Kjeld wurde gewählt.

Hall kam spornstreichs zum Horgehof herübergestürzt, um die Neuigkeit zu melden.

Aber da begab sich etwas, was das Siegerglück des klugen Mannes bedeutend dämpfte. Wäre Kjeld vor Glück in Ohnmacht gesunken, so hätte das Hall nicht in Staunen versetzt. Daß Kjeld alle seine Kräfte und alle seine Gaben wie in Verzauberung zu Halls Füßen legen würde, war das mindeste, was Hall verlangte.

Aber Kjeld, der sich allein zu Haus befand, stand stumm und kalt vor der überwältigenden Botschaft, als sei sie etwas von ihm längst Gewußtes und Vorausgesehenes. Hall vergaß den Mund, der die große Kunde ausgesprochen hatte, zu schließen, so blitzartig traf ihn die Verwunderung.

Er sah einen Kämpfer vor sich emporwachsen und Macht und Kraft entfalten; er selbst aber war der, von dein Kraft und Macht genommen waren.

Er hatte sich die Sache so zurecht gelegt, daß Kjeld wohl seine Meinungen haben könne und gewisse Gaben besäße, vor allem, daß er ein bekannter Mann aus alter guter Familie sei.

Aber nun? Der Gedanke schoß in ihm auf: ob er sich vielleicht doch geirrt?

Sollten hier Tiefen vorhanden sein, die du nicht geahnt? Sollte ein Mann hier vor dir stehen, der seine eigenen Ansichten, seinen eigenen Willen und die Absicht hat, seine eigene Sache zu führen?

Der Schweiß stand Hall auf der Stirn. Er sah seine Pläne gesprengt, seine Rolle im Kreise ausgespielt. Er sah Kjeld ragend über sich hinauswachsen und ihn beerben.

Mit zarten Winken deutete er Kjeld den Anteil, den er selbst am Zustandekommen der Sache gehabt hatte, an; er redete vom Glück der Partei, daß sie Kjeld gewonnen.

Aber er sah aus, als wolle er Kjeld verschlingen, während er stand und, Kjeld und sich selbst beobachtend, wartete, ob sein Mißtrauen wieder schwinden oder sich verstärken werde.

Kjeld antwortete kaum ein Wort, aber sah drein, als fände er, daß der Partei wirklich zu gratulieren sei, daß sie ihn gewonnen. Und Hall kam sich schließlich vor, als sei er durch Kjelds Gnade gewählt worden, und nicht umgekehrt.

Er war wütend, dabei aber ordentlich schüchtern und wie aufgelöst vor Verwunderung. Er schwieg, aber ein immer größeres Mißtrauen gegen sich selbst stieg in ihm auf. Ja, er war alt geworden! So etwas wie dies hier sollte ihm aber gewiß nicht wieder passieren!

Hätte er voraussehen können, was in Kjelds Innerem vorging, als Kjeld dann allein in seiner Stube saß, so hätte er erst recht nicht für Kjeld gestimmt. Aber aus einem anderen Grund.

Denn Kjeld war nicht minder erstaunt als Hall, und sein erster Gedanke war: dieser Mensch will dich zum Besten haben.

Und auch, als er einsah, daß die Sache wahr und richtig sei, warf das Tüchtigste in seiner Natur mit elementarer Gewalt die Frage aus:

Kann das mit rechten Dingen zugegangen sein?

Noch als Hall längst gegangen war, stand er, sann und konnte nicht glauben, daß er es selbst sei, dem seine Berufung galt.

Er hatte nichts zu seinem guten Ruf getan, er hatte den Glauben, den die Leute auf ihn bauten, durch nichts verdient. Und nun warfen dieser Ruf und dieser Glaube plötzlich eine große Verantwortung auf ihn und versetzten ihn unter die ersten Männer des Landes.

Er konnte, nein, er konnte nicht glauben, daß das wahr und wirklich sei. Wie er freilich so saß in seinem zweifelnden Grübeln, tauchte aus weiter, weiter Ferne etwas vor ihm auf, etwas Nebelhaftes, aber voll glimmernden Glanzes.

Es war das Märchen seiner Kindheit, das auf ihn zusegelte, das nicht frug: willst du der Prinz sein? sondern einfach sagte: du bist der Prinz.

Der Boden schwankte unter ihm, es blitzte vor seinen Augen; es sauste in seinem Hirn! Eine Aussicht sprang vor ihm aus, so strahlend, so funkelnd neu, daß alles, was er bis auf diesen Tag gedacht und geträumt hatte, sich dagegen verhielt wie armselige Hütten gegen ein Wunderschloß. Die ganze Welt stand plötzlich auf, ihm eine Ehrenfackel anzuzünden, alle Menschen trugen Festkleider und standen und warteten still und ehrerbietig auf sein Erscheinen.

Aber all dies war auch wieder nur wie eine reizende Luftspiegelung, der er nicht recht zu trauen wagte, ein lockendes Blinklicht über giftigen Sümpfen.

Der kalte beklemmende Zweifel stieg wieder auf wie ein Nebel, wie eine trübe Schicht mutloser, quälender Gedanken, und es flüsterte wieder in seinem Innern: das kann nicht sein, der, dem das gilt, bist nicht du.

Er ging zum Fenster und sah hinaus, und da sah er Aasa kommen, zusammen mit Hall. Sie standen still und sprachen, – Kjeld wußte genau, worüber. »Was wird Aasa von dem allem denken,« durchfuhr es Kjeld.

Sie kam eilends auf das Haus zu und in die Stube. Sie strahlte wie an jenem Tag, da sie sich zum ersten Mal umschlungen. Sie wünschte ihm Glück und lächelte über ihr ganzes ehrliches Angesicht. Nicht der Hauch eines Zweifels, daß die neue Ehre ihm rechtmäßig gebühre, war in ihr.

Im gleichen Augenblick kam auch ihr kleinstes Kind in die Stube, jubelnd und sich überpurzelnd vor Glück, weil es die Mutter so fröhlich sah und weil es begriff, daß etwas wunderschönes, was es nicht verstand, geschehen sei.

Da nun auch noch Gesindeleute und Bekannte herbeieilten und ihm Glück wünschten, ohne Zweifel und Staunen, da kam auch über Kjeld der immer vollere Glaube an das Märchen seiner Kindheit, da tauchten die stillen Träume lebendig aus dem Grunde seiner Natur empor wie lauter Quellen und Bäche, da flammten wieder die Ehrenfackeln auf, und die Menge drängte sich heran.

Er zweifelte nicht länger, er dachte nicht mehr.

Er stand glückstrunken in seinem eigenen Wunder, und vor seinen Blicken erhob sich in seliger Nähe ein stolzes zukünftiges Heim auf sonnenlichter Höhe.

An dem Tage, da Kjeld seine Reise antrat, stand Aasa in der Tür des Hauses.

Ihr Gesicht war blaß und sie schien älter als vor Tagen und Wochen. So viel hatte sie ja auch gewacht, so viel gearbeitet.

Aber Kjeld bedachte das nicht.

Er sah sie auf einmal mit den Augen seiner Mutter: derb, bäuerlich.

Als er ihre Hände beim Abschied in den seinen hielt, fiel es ihm unangenehm auf, wie rauh und hart diese Hände waren.

Daß jede Falte ihres Gesichtes, jede Schwiele ihrer Hand schwer auf seine Rechnung kam, vergaß er ganz.

Sie stand da im Türrahmen und nickte und winkte ihm nach. Und er ermaß und erfaßte nicht, daß das, was dabei in ihren treuen Augen blinkte, ein besseres Reisegeleit war, als seine eigenen Größegedanken.

Er sah nur geradeaus. Und als er ans dem Deck des Schiffes stand, als die Fjelde zurückwichen und das offene Meer sich vor ihm auftat, da war es ihm, als fasse er jetzt die Ruder seines Lebens mit fester Hand und lenke sein eigen Lebensschiff.

Er fuhr hinaus und wollte die Welt erobern.

 

2

Die Parteisitzung hatte stattgefunden, und Kjeld war zum Vorsitzenden der Volkspartei erkoren worden.

Hall hatte seine Winke über Kjelds Begabung nach allen Seiten hin so geschickt und umsichtig ausgestreut, daß der junge Abgeordnete innerhalb und außerhalb der Partei in Ansehen stand.

Von Mund zu Mund ging die Kunde, daß er sich lange ganz im Stillen auf sein großes Amt vorbereitet habe. Und jeder der fremden Abgeordneten hatte irgendwie und irgendwo gehört, was Kjeld in seinem Heimatkreise Gutes angestiftet und ausgerichtet hatte.

Mit hoher Erwartung sah jeder auf ihn.

Um einer ganz besonders wichtigen Parteiangelegenheit willen namentlich.

Hall hatte seinen Wählern das Wort gegeben, diese Sache mit allen seinen Kräften durchzusetzen. Und gerade zum Sprecher in dieser Angelegenheit hatte er Kjeld ausersehen.

Diese Rede sollte sein Probestück sein.

»Mit dem Erfolg oder Mißerfolg dieser Sache siegen oder fallen wir alle,« sagte Hall immer wieder zu Kjeld.

Eine Rede voll Wucht und Kraft sollte es sein. Und Hall gab Kjeld aus seiner langjährigen Erfahrung Wendungen und Stichworte ein, die sich schon darin bewährt hatten, eine Ueberzeugung einzurammen.

Kjeld sagte zu allem ja. Er sah sich im Geiste schon mitten im Streit, und der Gedanke, daß er der Wortführer so vieler sei, daß seine Leute daheim seiner Großtat harrten, daß seine eigene Partei ihr Heil in ihm sah und die Gegner ihn fürchteten, erwärmte ihm den Geist, weitete seinen Blick und würde – darauf verließ er sich fest – in der gegebenen Stunde auch sicher seine Zunge lösen.

In den Sitzungen hörte er nicht groß darauf, was die anderen verhandelten. Er saß und dachte an die große Stunde, da er selbst zum Worte kommen sollte.

Mit ein paar launigen Worten wollte er zuerst den Boden lockern, auf dem seine Gegner standen. Und mit einer Kampfrede, die wie ein Unwetter dahergebraust kommen sollte, wollte er dann des Feindes ganze Heeresmacht schlagen, die Uebermacht gewinnen, den Sieg an die Fahnen bannen.

Er sah sich schon aus den Bankreihen, in denen er stand, herausgehoben und auf den Präsidentenstuhl getragen.

Er sah die Volksmenge vor dem Sitzungsgebäude zusammenströmen und hörte sie dem Sieger zujubeln.

Jeden Abend begann er seine Rede neu, führte er sie aufs neue zum Schluß. Diesen Schluß hatte er mit besonderer Liebe überlegt. Fünf, sechs Varianten hatte er sich dafür zurechtgedacht. Und mehr und mehr solcher glänzenden Schlußwirkungen flossen ihm zu, je öfter er still in den Sitzungen saß. Von Abend zu Abend flossen ihm auch ein paar Eingebungen mehr zu, um den noch leeren Raum zwischen Anfang und Ende zu füllen. Gedanken, die die Sache selbst aufstellen und mit festen Gründen stützen sollten.

Aber hier kamen die Gedanken doch nicht entfernt so leicht.

Er fühlte sich merkwürdig ohnmächtig, so oft er den schweren Rohstoff, der vor ihm lag, betrachtete. Es wollte und wollte kein rechter Fluß hineinkommen. Und die zermalmenden Gründe, mit denen er des Feindes Festung beschleudern wollte, und über denen die stolze Schlußwendung wie eine herrliche Siegesfahne flattern sollte, standen noch immer in der Ferne und wie ein Nebel in seinem Gehirn.

Er kam immer wieder auf seinen Anfang zurück, den er sich so launig und überlegen gestaltet hatte, oder zu seinem herrlichen, blitzenden Schluß.

Und diese Höhepunkte seiner Rede wuchsen von Tag zu Tag.

Nur der leere Raum zwischen ihnen füllte sich kaum.

Er ging mit Lust und Mut jeden Abend aufs Neue ans Werk.

Aber über alles Sachliche weg floß ihm wieder der Gedanke an die Wirkung seiner streitbaren Redekunst. Und der weitere an die große Zukunft, die die Wirkung seiner Worte ihm eintragen sollte.

Einige Tage, ehe die Sache vom Stapel gehen sollte, frug Hall, ob er fertig sei.

Er sagte Ja und sah dabei so sicher aus, als säße er schon auf dem Präsidentenstuhl und leitete die Verhandlung.

Aber am Sonnabend vor dem großen Montag, an dem die Reihe des Redens an ihn kommen sollte, saß er noch immer und starrte in den leeren Raum.

Als Hall zum letzten Mal nach seiner Bereitschaft fragte, fiel die Antwort ein wenig unsicherer aus. Aber Hall bemerkte es nicht. Und Kjeld verließ sich auf den Tag, der noch vor ihm lag.

Auf einem einsamen Spaziergang wollte er sich die fehlenden Gedanken holen.

Er schlenderte zuerst durch die Straßen. Aber in ihrem Gelärm war es ihm nicht möglich, still nachzudenken. So wanderte er über Land. Aber auch da waren die Gedanken nicht zu greifen. Sobald er glaubte, einen in der Hand zu haben, war er auch schon aus und davon. Er sah ihn vor sich wie eine große dunkle Wolkenbank, fern, fjeldhoch. Er sah sie aus rasender Flucht wie Nebel treiben, sah sie enteilen wie weiße Wellen, die mehr und mehr zerflossen und endlich dem Auge entschwanden.

Nicht einen Punkt konnte er klar im Gedächtnis behalten.

Und das Ende war immer, daß er an einein einzigen Wort herumkaute, während die Gedanken schon weit, weit über dieses Wort, das sie festbannen sollte, hinausjagten.

Aber es war nicht mehr der frühere weite Ausblick, in den er sich verlor.

Die Zukunft lag nicht mehr so festlich warm und hell vor seiner Seele, die hohen Pläne, die er bis in die kleinsten Einzelheiten vor sich ausgebreitet hatte, schrumpften merkwürdig zusammen, kein strahlender Glanz stand mehr hinter ihnen; seine Gedanken konnten nicht mehr in köstlichen Aussichten schwelgen.

Er wanderte so weit hinaus und bergauf, bis die Stadt mit ihren Häusern und den ragenden Schornsteinen in ihrer grauen Rauchschicht in zusammengedrängter Uebersicht unter ihm lag.

Wie eine feindliche Macht lag sie da und schien auf seinen Angriff zu warten.

Nicht nach Sieg und Ehre sah es aus, nein, wie Niederlage und Hohn grinste das graue Bild der Stadt.

Diese Stadt hatte keinen Sinn für der Menschenherzen Ringen und Trauern, für ihre Not, ihr Sehnen und Hoffen. Sie war nur klarer, kalter Verstand, und das Einzige, was sie verlangte, das Einzige, was sie verstand, war gerade das, was Kjeld nicht besaß: kalte, klare Gedanken.

Aber da er nach der anderen Himmelsrichtung über das freie Land sah, ging sein Geist andere Wege.

Da erstand seine Heimatwelt so traut und lockend vor ihm, und alles, was nur von fern an sie erinnerte, erschien so warm und lieb.

Er ging auf dem Heimweg noch an die Häuser heran und stand und starrte durch die Zäune in die kleinen Gärten. Er sah die Leute bei ihrem Tagewerk und wünschte sich auch ein Stück Alltagsarbeit; er wollte, daß sein Name nie im Zusammenhang mit der großen Welt, in der er nun stehen und kämpfen sollte, genannt worden wäre.

Es war um die Abendstunde. Ueber den Feldern webte Ruhe, und Frieden weilte in den Häusern, – er war der Einzige weit und breit, der keinen Trost finden konnte.

Mit elendem Herzen, voll Grauen vor den großen Straßen und den hohen Häusern, ging er in die Stadt zurück.

Zuerst durch die Vorstädte, wo die Häuser noch niedrig und traulich waren und heimelnd beieinanderstanden mit ihren Blumengärtchen unter den Fenstern, ihren grünen Staketen und ihren Lauben vor den Haustüren.

Es war Samstag, die Flurtüren standen vielfach offen, so daß man die frischgescheuerten, oft noch nassen Dielen sehen konnte. Die waren mit Tannenreisig bestreut, und das erste duftende Frühlingslaub war über den Türsimsen angebracht und um die runden Oesen aufgestellt.

Ueberall roch es so rein, duftete es so frisch und ländlich, daß die Gassen wie in den häuslichen Frieden hineingezogen schienen. Die Leute standen in den Haustüren und redeten gemütlich über den Fahrweg weg von Hans zu Raus.

Aber es dunkelte, und er mußte beim in die innere Stadt, Die Lichter waren angezündet, und die Ladenfenster leuchteten um die Wette, als wollten sie keinen lebenden Menschen vorbeilassen, ohne ihn vor aller Augen in helles Licht zu setzen.

Die Fußgänger strömten in dichten Scharen auf und ab, und es war Kjeld, als sähen sie alle einzeln auf ihn und frugen ihn: Bist du fertig?

Er wählte die dunkelsten und einsamsten Gassen und kam naß von Schweiß in sein keim; es war ihm gewesen, als ob ihn jemand verfolgte.

Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hatte und der Riegel zwischen ihm und den Menschen war, atmete er erleichtert auf.

Aufs Neue versuchte er zu denken. Aber das Grauen, das ihn vorhin ergriffen, meldete sich wieder und zerrte ihm die Gedanken auseinander.

Er überlas noch einmal seine launige Einleitung und seinen blitzenden Schluß, der ihn immer so köstlich getröstet hatte.

Aber jetzt schien ihm der Anfang schläfrig und der Schluß langweilig und schwer.

Er verstand nicht mehr, daß er sich je aus seiner Welt herausgesehnt hatte.

Jetzt hätte er eine Königskrone geben mögen für eine Freistatt unter dem niederen heimatlichen Dach.

Er horchte. Nebenan schlug in einer Stube eine Uhr und der Wächter rief die Stunde vom Turm. Es war spät. Hin und her warf er sich in seinem Bett, lag bald wie in Feuer, bald wie in Eis, schlief endlich ein, aber arbeitete im Traum an der unseligen Rede weiter.

Der Sonntag kam.

Der letzte Tag.

Es läutete von allen Kirchtürmen mit gewaltigem, dröhnendem Klang.

Es war immer ein weiter Weg gewesen zwischen Kjelds Haus und Gottes Haus. Denn auch hier war es ihm unbequem, daß die Leute sehen könnten, wie er sich vor einem Höheren beugte. Nun aber kam ihm mit einem Male die Gottesfurcht.

Er wollte in die Kirche gehn.

Leise, lichtbringende Gedanken an Hilfe vom Herrn des Himmels stiegen in ihm auf.

Er ging aus dem Haus.

Aber als er sich mitten in dem breiten Strom der Kirchgänger und unter dem hohen Steingewölbe, das vom Schall des Glockenmetalles dröhnte, sah, erschien es ihm, als lüden diese Glocken hier die Menschen nicht zu demselben Gott wie daheim.

Er versuchte, die Glöcklein seiner Heimatkirche zwischen den gewaltigen Glockenstimmen hindurch zu hören, suchte die niedere heimische Holztür unter dem hohen steinernen Torbogen und das bekannte Gottesantlitz über dem Fremden, ehe er Mut faßte, hineinzugehn.

Er setzte sich in die dunkelste Ecke, die er finden konnte, weit weg von der brausenden Orgel.

Nie hatte Kjeld eine Orgel gehört. Ihm war, als sei das Himmelsgewölbe zersprungen, als sei der jüngste Tag gekommen und alle Menschen müßten ins Gericht.

Es war das erste Mal, daß er sich so im Zusammenhang mit der ganzen Menschheit fühlte, sich unter dasselbe Geschick und dasselbe Gericht gebeugt erkannte.

Zum ersten Mal war es ihm, als seien Ehre und Hoheit wie aus dem Leben fortgestrichen; er sah die Menschen der ganzen Welt in Buße und Gebet, in derselben großen Traurigkeit und Trauer, in der gleichen Lebenshoffnung Aller. Und die Frage, die ihn jede Stunde in den letzten Tagen verfolgt hatte: »Bist du fertig, vor das Urteil der Welt zu treten?« wurde von dem höheren Rufe übertönt: »Bist du bereit, dich Gott gegenüber zu stellen?«

Als Kjeld die Kirche verließ, war es, als käme er aus einem seelischen Bad, in dem sich alle kleinen Sorgen in eine einzige große gelöst hatten; aber dreifach schwer, dreifach bitter und demütigend war ihm nun der Gedanke, daß er seiner liebsten Sehnsucht, seinem erwachten Heimweh, nicht folgen konnte, daß er vorwärts mußte auf seinem gefährlichen Weg, daß er weiter und weiter Wasser schöpfen sollte in das durchlöcherte Sieb.

Der ganze Sonntag verging im krampfhaften Bestreben, zu Ruhe und Nachdenken zu gelangen. Er versuchte es auf jede Weise.

Aber bald war es zu heiß, bald zu kalt in der Stube, sodaß das Gehirn nicht arbeiten konnte. Er versuchte bald im Gehen, bald im Sitzen, bald in eine Tabakwolke eingehüllt, bald bei sperrangelweitoffenem Fenster die Gedanken einzufangen.

Bald lief er Sturm in heißem Gebet, bald trommelte er verzweifelt mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. Aber weder Zorn noch Bitte, weder Tabak noch frische Luft halfen ihm; als der Abend kam, saß er wie an jedem Abend der letzten Wochen – mit einem langen, leeren hoffnungslosen Blick in die blaue Ferne.

Er war müde an Leib und Seele, als er sich niederlegte.

Und diese Nacht schlief er; ja, er wiegte sich in warmen schönen Träumen, daß er daheim sei, heraus aus aller seiner Not.

Gegen Morgen war es ihm im Traum, als sei es kurz vor Weihnachten. Er saß und wiegte sein jüngstes Kind, und Aasa ging leise aus und ein und ordnete das ganze Haus zu weihnachtsfeierlichem Frieden. Der Schnee lag hoch und lose über Feldern und Bäumen, unter den schneeschweren Zweigen des Gartens leuchtete es weiß, und eine zarte Mondsichel stand über der weißen Fläche.

Er lag warm und wohlig in seinem Traum, – aber da kam im ersten Tagesgrauen das Erwachen; in die Erinnerung an das Geträumte brach jäh die eiskalte Wirklichkeitsluft.

Wenn Jemand in Not ist, erwartet er immer irgend einen Trost von der Nacht, wenn auch nur die Wohltat des Vergessens. Kommt aber dann der Morgen und sieht einem eiskalt in die Augen, meldet sich der lange schonungslose, mitleidlose Tag und taucht den warmen Traum, der den Menschen für eine Weile der harrenden Trauer enthoben, in eisige Kälte, – da fühlt der Erwachte sich so arm und verlassen, wie ein heimatloser Bettler am heiligen Abend. Da liegt das Herz mit seiner gescheiterten Hoffnung wie ein vom Leben ausgestoßenes Wrack.

Grau und kalt dämmerte der Tag. Aber Kjeld stand doch eilend auf. Er fror und kam sich vor wie innerlich zusammengeschrumpft, – ein Kind hätte kommen und ihm das Leben nehmen können, ohne daß er sich gewehrt hätte.

Er ging aus dem Haus. Der graukalte Morgen lag nebelschwer in den Gassen. Die Stadt lag noch im Schlaf, nur hier und da öffnete sich ein Fenster und ein verschlafenes Gesicht gähnte heraus, und ein Arbeiter oder Schuhputzer strich, die Fäuste in den Taschen, morgenfrostig zusammengeduckt, auf dem Bürgersteig hin.

Kjeld wanderte auch jetzt wieder aus der Stadt hinaus, und bergan. – Von der Anhöhe aus lag das Häusermeer unter ihm wie eine große bleichgraue Nebelbank. Aber die Sonne kam herauf und der Nebel teilte sich. Der höchste Kirchturm tauchte heraus, wie ein einzelner, weitblickender Hoher und Großer aus der menschlichen Vereinigung. Während die große Menge schläft, hat die Sonne schon tausend Sterne in diesem goldenen Höhenweiser entfacht; hoch über den erwachenden Tageslärm hebt er sich in eine bessere Luft, wie der bessere Mensch mit seinen größere Gedanken und seinem reineren Willen. Und wenn die Nacht kommt und alles blind im Dunkel tappt, hält er Wacht im naßkalten Dunst.

So sann Kjeld.

Aber der Nebel rollte weiter auf, und endlose Reihen von Dächern tauchten auf, dann die ganzen Häuser mit ihren bunten Schildern, ihren blinkenden Fensterreihen. Schließlich löste sich auch der Schleier über dem Meer, und ein Wald von Masten und Raaen tauchte heraus. Die Hafenstraßen und Märkte füllten sich mit einer wimmelnden Menschenmenge. Hafenarbeiter luden aus und ein; die Flaggen aller Länder wehten im frischen Morgenwind. Ueberall zischte Dampf und wallte Rauch aus Schornsteinen und Rohren, das Ganze arbeitete wie eine einzige mächtige Maschine.

Alles raste, wie um einen Mittelpunkt herum.

Und als diesen Mittelpunkt fühlte sich Kjeld.

Er hatte seinen Platz in der Maschine, nun war die im vollen Gang; aber ein einziger falscher Griff, und die Maschine warf ihn hinaus wie ein Stück unbrauchbaren Rohstoff und arbeitete danach ruhig weiter.

Ihm war, als sollte er sich laut schreiend wehren gegen dieses Maschinenleben, als sei dessen ganzer Gang dein Sinne Gottes entgegen, vor dem ein Sünder, der Buße tut, mehr wert ist als alle diese Menschenräder, die nie rasten, und nie einen Herzschlag für etwas, das nicht in dieses Räderwerk hineinpaßt, übrig haben.

Aber die Maschine ging, die Glocke schlug.

Die Versammlungsstunde kam heran.

Kjeld eilte bergab; und seine Gedanken stürmten auf seltsamen Wegen, stießen hart gegen Mauern und Wände.

Sollte er den ganzen Zusammenhang bekennen, seine Schande eingestehen, die stille Niederlage statt der späteren sicheren lauten vorausnehmen?

Nein, er hatte nicht den Mut, so arm und ehrlos vor den Anderen dazustehen.

Eine schwache Hoffnung auf irgend ein Wunder war noch in ihm.

*

Im Versammlungszimmer neben dem Sitzungssaal wandelten verschiedene Abgeordnete, in ihre Gedanken verloren, auf und ab.

Hall kam Kjeld entgegen und sagte:

»Nun, heute muß der Schlag fallen.«

»Als ob er mich daran noch extra erinnern müßte,« dachte Kjeld.

Er war leichenblaß und fröstelte.

Hall frug, ob er krank sei.

»Nein.«

»Ja, ja, so das erste Mal! Das ist eine Sache,« sagte Hall und lächelte in sich hinein.

»Es ist kalt!« sagte Kjeld.

»Ja, kalt ist es ja,« antwortete Hall und lachte leise.

Andere traten hinzu und sprachen über den großen Tag und die Sache und alle die Siege, die dem heute erwarteten Siege folgen mußten.

Kjeld hätte lachen und weinen mögen, wenn er bedachte, daß diese stolze Rechnung sich auf die Gedanken begründete, die er nicht besaß, auf einen Unterbau, der nicht vorhanden war.

Andre Gruppen flossen in seiner Nähe zusammen.

In der einen stand ein grauhaariger, feingekleideter Herr mit vornehmer Haltung und einem gewissen unergründlichen geheimnisvollen Etwas in Art und Wesen und führte das Wort.

Er sprach von seinen langjährigen Erfahrungen betreffs junger Abgeordneten aus dem Volke, die zu Führern ihrer Partei erlesen worden waren.

Alle diese jungen Leute – sie waren scheinbar alle jung – maßen ihre Kräfte nach dem, was sie in ihrer Heimat ausgerichtet hatten. Fast ausnahmslos waren sie »expediert« worden. Er sprach dieses Wort mit einer grausamen Freude. Er hatte offenbar seinen Spaß an dem großen Mannesspiel, und schien seine eigene Berufung auch wie eine Art »Expedition« zu betrachten.

Es war Kjeld fast unerträglich, zuzuhören, und als der vornehme Mann schließlich wie absichtslos hinwarf: »Heute soll ja wieder einer expediert werden,« da fühlte Kjeld die Radzähne der Maschine wie buchstäblich in seinem Fleisch.

Die Uhr schlug.

Di« Abgeordneten begaben sich auf ihre Sitze.

Kjeld schien es, als gingen sie über ihn zu Gericht.

Er setzte sich auf seinen Platz am Ende einer Bank neben Hall und blätterte in ein paar Papieren. Aber ohne auch nur einen Buchstaben zu sehen.

Es wurde verschiedenes vom Präsidentenstuhl aus verlesen. Es wurde gesprochen und abgestimmt. Und Kjeld erhob sich und setzte sich wieder mit Hall, aber er hatte keine Ahnung, worüber er mit abgestimmt hatte.

Dann kam kurze Stille.

Der Punkt, auf den es heute ankam, wurde verlesen.

Es dunkelte Kjeld vor den Augen. Die Lesung schloß. Der Präsident setzte sich. Tiefe Stille. Kjeld saß wie auf seinen Sitz festgenagelt; leer starrte sein Blick in den Raum; kalter Schweiß brach ihm aus.

»Jetzt! Jetzt!« flüsterte Hall. »Stehen Sie auf.«

Kjeld erhob sich, konnte aber nur mit Mühe stehen.

»Herr Horge hat das Wort,« kam es vom Präsidentensitz, – dröhnend wie eine Verurteilung, dachte Kjeld.

Und dann wieder Stille. Totenstille. Aber vor Kjelds Ohren war ein Brausen, als stürzten tausend Wasserfälle von oben herab in den Saal. Er sah die Augen Aller auf sich gerichtet, glotzende Augen, die sehen wollten, wie die »Expedition« vor sich ging.

Hall puffte ihn und raunte: »Los!«

Aber Kjeld sah nur ein Heer von Köpfen, die näher und näher rückten, als wollten sie ihn erdrücken.

Hall stieß ihn wieder.

»Nun?«

Aber Kjeld wußte nicht einmal mehr, worum sich alles drehte; die Angst hatte ihm das Gedächtnis wie ausgelöscht.

Er sah einen Augenblick aus dem Saal hinaus und da draußen stand Aasa und sah ihn verwundert an.

Fünfzehn Jahre lang gebundene Kraft sollte sich in diesem Augenblicke lösen.

Fünfzehn Jahre lang gehaltene Treue sollte sich erfüllen.

In fünfzehn Jahren gereifter Ruf sollte sich bewähren.

Fünfzehn Jahre lang schlummerndes Wunder sollte die Welt in Erstaunen setzen, die ganze Horgefamilie stand da draußen und wartete.

»Sind Sie fertig?« hörte er Hall raunen.

»Mag sein.«

»So fassen Sic sich doch! Blättern Sie in Ihren Papieren, bis Sie Sammlung gefunden haben,« kam es rasch und gedämpft zurück.

Kjeld bückte sich auf das Pult hinab.

Und im selben Augenblick schlug an Halls Ohr zu dessen Entsetzen das Wort:

»Ich habe nichts zu reden.«

»Sind Sie verrückt?«

»Helfen Sie mir in Gottes Namen!«

Wie zum Teufel konnten Sie hierher kommen – und –«

Hall konnte keine weiteren Laute finden in seinem maßlosen, zornigen Staunen.

»Gott helfe mir! Es war alles Lüge.«

»Verflucht!« brach es heraus aus Hall.

Aber hier mußte gehandelt werden, schnell und geschickt. Man mußte retten, was zu retten war. Hall selbst war wie vor den Kopf geschlagen, aber er griff aufs Geradewohl in seinen parlamentarischen Erfahrungsschatz und flüsterte:

»Sagen Sie: Ich nehme nach dem jetzigen Stand der Sache mein Wort zurück.«

Kjeld gehorchte buchstäblich.

Ein schallendes Gelächter antwortete, – ein Lachen aus dem Saal, ein Lachen von der Decke. Wände, Tische und Bänke schienen zu lachen, und der Präsidentenstuhl schüttelte sich vor seinen Augen.

Das Letzte, was er sah, war, daß verschiedene Abgeordnete näher herankamen, um ihn zu sehen; und das Letzte, was er hörte, war das Wort:

»Expediert.«

Vom Munde des Vornehmen aus rieselte es durch die Bänke.

Kjeld sank bewußtlos auf seinen Sitz.

*

Als er wieder zu sich kam, sah er mehrere Männerköpfe über sich gebeugt. Rund um sich hörte er flüstern und reden.

Er lag in dem Raume neben dem Sitzungssaal, und die ihn umstanden, waren Glieder seiner Partei.

»Aber wie zum Henker konntet ihr ihn wählen?« frug Einer.

»Wer konnte denn glauben, daß er so ein unfähiger Patron sein würde,« antwortete Hall. »Ein Narr war er sein Lebtag, aber da draußen galt er wahrscheinlich gerade dadurch für groß und gelehrt, und wir dachten alle, er könne wenigstens tüchtig ins Horn blasen. Aber nun konnte er nicht einmal das. Daß er zu gar nichts taugen würde, hätte nicht einmal ich geglaubt.«

In seiner Entrüstung dachte Hall nicht einmal daran, seine eigne Stellung zu decken.

»Ja, nun haben wir ausgespielt,« knirschte ein anderer.

»Das ist sicher!« – Jemand zeigte auf Kjeld. – »So einer, – was will der überhaupt in der Welt?«

Kjeld rührte sich ein wenig, und Hall frug, wie es ihm ginge. Ob er mit ihm nach Hause gehen könne.

Kjeld dankte Nein! Er könne gut allein gehen.

Wie im Rausch taumelte er durch die Gassen und fand seinen Gasthof.

Als er sich fest in sein Zimmer eingeschlossen hatte, war sein erstes Empfinden eine unendliche Erleichterung, daß das Schlimmste nun vorüber sei. Es war ihm, als habe er sich in einem großen Schmerz wenigstens ausgeweint. Aber dann kam ein zermalmendes Gefühl über ihn. Jetzt erst ward er sich klar, daß er nach dieser Niederlage nie mehr werden konnte, der er früher war. Kjeld, der einzige Mannessproß des alten Horgegeschlechtes, seiner Ehre und seiner Wahlsprüche, lag zerschmettert und zerbrochen wie ein gesplittertes Glas auf dem Boden.

Das war das Seltsamste, was er immer und immer von Neuem überdenken mußte; um es zu fassen: alles Besondere, was an ihm gewesen, alles was ihn von den Menschen getrennt, war von ihm wie weggeblasen; wehrlos, entkleidet, stand er vor den Menschen da.

Ein verschlossener Schrein in seinem Innern, den weder er noch ein anderer je geöffnet, der das Wunder enthalten sollte, das seine Mutter ihm mitgegeben, der Gegenstand seiner Träume, – dieser Schrein war mit Gewalt aufgebrochen worden. Und dieser Schrein war – leer.

Es will etwas heißen, in einem einzigen blitzhellen Augenblick in sich selber hineinzusehn, es mit sich selber abzumachen, daß das ganze Leben eine leere Luftspiegelung gewesen ist, sich selber von den großen Höhen des Lebens in die tiefe Niederung herab zu versetzen, sich abzusetzen als eine Großmacht, an die man selbst glaubte und an die andere glaubten, und an die nun niemand mehr glaubt. Und doch den Mut zu haben, weiterzuleben!

Kjeld erkannte, daß er ein Doppelgänger im Leben gewesen war und daß es nun Zeit sei, den Kjeld mit der Größen- und Ehrenkrone, den Kjeld mit dem eingebildeten Königreich zum Tode zu verdammen, um als ein Anderer unter die Leute zu treten und ein neues Leben zu beginnen.

Aber das alles konnte nicht mit einem Schlage geschehen.

Ernste, ehrliche Arbeit lag vor ihm. Durch tägliches Wirken und Streben unter ihren Augen konnte er allein die Achtung seiner Landsleute wiedergewinnen. Und der Gedanke an das Urteil dieser Leute machte ihn ungewiß, drängte sich ihm hindernd entgegen, als er jetzt mit seinem früheren Leben abzuschließen gedachte.

So sann er, sobald der überwältigende Druck der Scham ein wenig leichter geworden, auf neue Umwege. Konnte nicht sein Versagen durch irgend ein Unwohlsein erklärt, konnte der alte Glaube nicht wiedergewonnen werden?

Oder konnte nicht auf irgend einem anderen Wege Ruhm errungen werden, der den alten Fleck vergessen ließ?

Es klopfte an der Tür.

Hall kam herein.

Er kam ganz leise, schlich auf den Zehen und schloß die Tür vorsichtig hinter sich zu.

In seinem Gesicht stand nur freundliche, gütige Sorge geschrieben.

Er sprach gedämpft wie in einem Krankenzimmer und sagte, daß er samt seinen Freunden untröstlich sei über den Schlag, den sie und der Staat erlitten.

Aber das sei nun nicht zu ändern.

Wenn man die Kraft nicht habe, nun so habe man sie eben nicht. Der Staat könne nicht verlangen, daß man Gesundheit und Leben für ihn einsetze.

Es war etwas wie sanfte Andacht und rührende Fürsorge über ihm, als er so saß und über Kjelds »Anfall« sprach.

Und Kjeld kam sich vor wie in ein Krankenbett voll warmer Daunenkissen hineingedrückt, Arzneiflaschen auf allen Seiten. Hall saß und paßte auf, daß der Kranke nichts tat, was ihm schaden könnte.

Da Kjeld nicht selbst zum Arzt gehen könne, sagte er nach einer kleinen Weile, habe er gebeten, daß rasch ein Arzt zu ihm kommen solle.

Das sei unnötig, sagte Kjeld. »Ach, da ist gar nicht darüber zu reden,« meinte Hall. Das sei das Wenigste, was man für einen geachteten Mitbürger tun müsse.

Er sprach wie von einem Toten. Und Kjeld saß und sah seinem eigenen Leichenzug, seinem eigenen Begräbnis zu.

Der Arzt kam, frug lächelnd wie es stände, wartete gar nicht auf Antwort, sondern fühlte lächelnd den Puls und sagte lächelnd: Ja, das sei ein ernster Fall.

Hall nickte zustimmend, und der Arzt setzte sich und schrieb irgend etwas auf, gab es Kjeld, verabschiedete sich lächelnd und ging.

Kjeld faltete das Papier auseinander und sah, daß es ein Attest war. Seine Gesundheit fordere Befreiung von aller schweren Arbeit und Landaufenthalt.

Kjeld sah auf Hall, und Hall blickte tiefbekümmert zu Boden. Endlich richtete er sich auf, ergriff Kjelds Hände und sagte:

»Nun also glückliche Reise und schöne Grüße daheim! – Das war ein großer unerwarteter Schlag für uns. Der Ersatzmann, den wir gewonnen, hat weder Gedanken noch Redekraft. Wir finden keinen solchen Wortführer in ihm. Aber Gottes Wege sind unerforschlich. Das versteht sich.«

Damit ging er.

Und Kjeld verstand nun den Zusammenhang.

Er hatte seinen Sitz verloren, seine Sache war unrettbar dahin, und er mußte an seine Heimfahrt denken.

Aber die Art, wie dies gekommen, der fromme Hohn in Halls Wesen, reizte Kjelds Gedanken zum Widerstand.

Seine Seele schrie nach Hilfe und Rache.

Das Zimmer ward ihm zu eng. Er mußte hinaus.

Es mußte etwas geschehen; er mußte auf irgend eine Weise das Glück suchen und finden! Das Märchenglück!

Als er heraustrat, staunte er über die Menschenmengen, von der er sich umgeben sah.

Die ganze Straße war wie vollgepackt.

Alle sahen nach einer Richtung, als warteten sie auf irgend etwas.

Er frug den ersten Besten, was das zu bedeuten hätte.

Ein Fackelzug!

Ein Abgeordneter sollte einen Fackelzug bekommen. Der Mann hatte einen Antrag durchgesetzt, der der Sache, für die Kjeld kämpfen sollte, gerade entgegen ging.

Und nun jubelten die Leute über seinen Sieg.

Kjeld wollte weitergehen.

Aber die Straße war so gedrängt voll, daß er weder vor noch rückwärts konnte.

Da klang auch schon von weitem Musik. Feuriger Lichtglanz tauchte auf, und die Leute drängten sich immer dichter zusammen.

Kjeld stand an eine Hausmauer gedrückt, beinahe zerquetscht von den Menschenmengen.

Frauen fielen im Gedränge hin, und Kinder schrieen.

Aber keiner achtete ihrer. Alle sahen nur auf das eine Ziel: auf den Zug, der nun in vollem Braus durch die Straße daherkam, unter rauschender Musik, mit rauchenden Fackeln, die schwere Wolken von Pechqualm nach beiden Seiten in die Menschenhaufen warfen.

Es war ein gewaltiger jubelnder Siegeszug, der nun mit rauschendem Klang über Kjelds Niederlage dahinbrauste. Und in diesem Zug hatte er mitschreiten wollen, hatte er zu Ehre und Hoheit zu gehen geträumt.

Nun sang und klang es über seinen zerklirrten, zersprungenen Träumen hin.

Er war ausgegangen nach einem Märchenglück.

Aber in diesem Augenblick erkannte er, wie wenig es in seiner Art und Beschaffenheit lag, in solchem Zuge zu schreiten, der die Ehre und Höhe des Lebens sucht.

In diesem Augenblick wurde er eins mit sich, und faßte den stillen, ganz festen Entschluß: was auch geschehen möge, wie teuer ihm die Sache auch noch zu stehen kommen sollte: – alles, was er unter den bestehenden Umständen tun konnte, hatte er getan, – nie mehr sollte ihn nun ein blinkendes Truglicht wieder hinauslocken von Gott und Heim.

Als der Haufen sich verlief und die Gasse sich leerte, war es ihm, als sei eine große Last von seiner Brust genommen. Er atmete merkwürdig leicht und fühlte tiefen Frieden, tiefe Kraft und festen Mut in sich. Nichts weiter. Er eilte in seinen Gasthof und schrieb an seine Frau:

»Ich komme heim!«

 

3.

Kjeld landete in seinem Heimatdistrikt und wollte zu Fuß über die Fjelde nach Hause wandern.

Die ganze Reise war ein Sichbesinnen gewesen. Ein neues Licht war ihm aufgegangen über Dinge und Menschen, über Lebende und Tote.

Ein grenzenloser Morgenglanz war in seiner Seele. Deshalb lag auch die Natur in taufrischem Schimmer, der Lauf des Tages färbte und wärmte das Leben um ihn, und seine Gedanken flogen aus wie fröhliche Singvögel und badeten sich im weiten Raum.

Als er seinen Geburtsort vor sich liegen sah, schüttelte er den Morgentau von sich ab, streckte und reckte sich im Sonnenglanz, lüftete sich im Seewind und hatte ein Gefühl, als komme er von einer unendlich weiten Fahrt, die ihn aus dreißigjährigem Schlummer geweckt hatte.

Diese eingeschlossenen Orte können wohl eine Mannesseele in ihre stillen Träume einspinnen, wie einen schlafenden Weiher. Nie kommt ein Sturm von außen und rüttelt an den Träumen, jagt sie spielend umher und streift sie erbarmungslos in die dunkle Tiefe.

Der Weiher kann zufrieren, er kann eintrocknen zu einem giftigen Sumpf, aber die faulen, nie gelüfteten Träume erfrieren nicht; wie eine Krankheit, eine Sucht können sie über der Seele liegen und sie zu schlimmster Verwilderung bringen, leichter als anderswo kann es hier kommen, daß Menschen ihr Leben leben, ohne zu wissen, was Leben wirklich ist.

Kjeld dachte daran, daß er sein Geschlecht aus seinem gebundenen Geschick heraus zur Größe hatte führen wollen.

Statt dessen hatte er es nur von einem bösen Traum erlöst, der es hatte erfassen wollen.

Und er war nun heimgekommen. Der Gang über die Fjelde war zu Ende.

Nie war er vorher seiner Heimat so froh geworden. Nie hatte er den warmen Strom kennen gelernt, der von der Stätte aus, wo man das Licht erblickt, die ersten Schritte getan, einem entgegenflutet. Wo die ersten Gedanken dämmerten! Wo man alle die kleinen und großen Heimatfeste gefeiert! Wo Natur und Leben ein einziges großes Bilderbuch ist mit in die Seele gebrannten bunten Bildern.

Er grüßte seine Heimatstätte zum erstenmal mit voller Seele.

Zum erstenmal erkannte er den Zusammenhang zwischen ihr und seinem ganzen Sein.

Er grüßte seiner Eltern Grab.

Und als er weiter durchs Tal ging, wunderte er sich, daß alles, war er sah, ihn entzückte.

Er war zum erstenmal draußen gewesen und hatte andere Orte, andere Stätten und Menschen gesehen. Jene Stätten waren reicher, die Menschen hatten einen weiteren Blick, und die Sitten waren vielfach bessere.

Aber er hatte sich unruhig, fremd und einsam gefühlt.

Hier begegnete er seinen Landsleuten mit ihren ärmlichen Fahrzeugen und kleinen struppigen Pferden. An alten moosgrünen Hütten und Häuschen kam er vorbei, schmale, kaum in der Mitte ausgetretene Wege ging er, über Heidestrecken voll krummer Kiefern und niederer Wachholderbüsche, durch Engen, in die nur ein schmales Stück Himmel sah. Aber Gott im Himmel mußte das Land lieben, denn die Hütten lagen so heimelig, und so traut schien die Natur.

Zum erstenmal erwachte die Lust in ihm, den Heimatboden zu pflegen, von früh bis spät für das Leben, das ihn umgab, zu schaffen, es weiter reicher und froher zu machen, aber ohne seinen Grundzug zu ändern oder zu stören.

Oft stand er auf dem Wege still, um Leute zu begrüßen. Es war, als sei ihm das ganze Tal geschlechtsverwandt und als habe er jedem für tausend Freundlichkeiten zu danken.

Er erzählte dem und jenem auch, was er gehört und gesehen hatte, versprach dem und jenem Rat und Hilfe, und es kam den Leuten vor, als sei einer von den alten Horges vom Tode erstanden.

Als er auf die Höhe kam, stand er still; von hier aus konnte man über zwei Täler hinweg bis auf die offene See hinaus blicken.

Er sah im Grunde unten sein neues Haus; das sah freilich nicht so traut und heimelnd aus wie das liebe alte. Aber er gelobte sich, daß er es nun selbst so schön und freundlich wie möglich ausbauen und gestalten wollte.

An Leib und Seele erfrischt, stieg er talein, und bald sah er sein Haus in der Nähe vom Hügel dicht am Wasser, niedergrüßen. Niemand, der Kjeld sah, wie er so mehr sprang als ging, je näher er seinem Hofe kam, hätte meinen können, er käme als geschlagener Mann.

Er trug den Kopf hoch, die breite Brust war ihm von Glück geschwellt, sein Schritt war voll Spannkraft, wie nie zuvor. Auch sein Blick hing nicht mehr schwermütig am Boden, sondern sah froh geradeaus; – nicht mehr in die neblige Ferne, sondern auf alles, was in der Nähe vor ihm lag und seine Gedanken und seine Hand erforderte.

Als er sich seiner eigenen Scholle näherte, überkletterte er ein Gatter, um auf einem Nebenweg schneller ins Haus zu kommen. Er sah, daß das Gatter an mehreren Stellen niedergebrochen war und nahm sich vor, es auszubessern. Er ging an Aeckern bin und sah, daß sie brach lagen, die mußten wieder bestellt werden, auch Neuland mußte man beschaffen. Oben auf einer Bodenerhebung war der Boden sandig, aber nicht weit davon sickerte der Bach. Man konnte leicht das Wasser über den Hügel leiten.

Und als er an den Fluß kam, erkannte er, daß man nicht fremde Mühlen für sich mahlen zu lassen brauche. Man könne eine eigene bauen.

Nun stand er am Hange unter seinem Hof, aber das Wachholdergestrüpp verbarg ihm noch das Haus. Er wollte den kleinen Busch eben durchschreiten, als er jenseits laute Stimmen hörte.

Aasas Bleichplatz lag da drüben, und die lauteste Sprecherin war Aasa selbst.

Sie schalt auf jemand, und als er näher zuschaute, sah er die Frau seines Nachbars, die auf Aasas Bleichwiese stand und diese Wiese für sich selber in Anspruch nehmen wollte.

Die Frau, die sonst immer gebückt einhergegangen, als ginge sie unter einem Gewitter, antwortete Aasa jetzt auf ihre Vorwürfe, indem sie Aasas Wäschestücke eins nach dem andern von dem Rasen aufnahm und über die Grenze der Bleiche warf. Und mit jedem Stück flog ein giftiges Wort.

»Ja, komm nur, ich will dir schon helfen. Bald genug werdet ihr auch hier auf und davon fliegen. Hier ist ein Brief aus der Stadt; ich weiß Bescheid.« – Sie warf Aasa ein Stück große Wäsche zu. – »Nun ist's Schluß mit den Horges. Erst ging der Pfarrer,« sie warf wieder ein Stück, »dann segelte die Frau ihm nach; nun kommt Ihr dran! Du, die im Pfarrhaus regierte und doch von keinen besseren Leuten stammt als wir anderen hier. So, da fliegt das feine Fräulein! Und da fliegt die Madam.« Und sie warf und warf.

»Und da kommt er, der mehr sein wollte, als alle, der Narr, der Kjeld, – so, da liegt er, nun ist es mit der Herrlichkeit aus, der Brief aus der Stadt ist hier, und wir wissen, daß er anderen schaden wollte und sich selbst zum Narren gemacht hat. Daß sie ihn nach Hause schicken mußten! So, nun fliegt das ganze Horgevolk hinaus, daß für Andere auch einmal Raum wird.«

Und damit flog ein ganzes Bündel Wäsche zu Aasa, die oberhalb der Bleiche stand, hinauf.

Inzwischen war der Mann der Schreierin mit noch mehreren anderen auch hinzugekommen, und alle mischten sich in den Streit.

Jeder, der einmal etwas mit Kjeld gehabt, und besonders die, die ihm einmal Unrecht zugefügt hatten, die das Gewissen stach, schnatterten Schmähworte und Hohn über ihn. Es war ihnen ein rechtes Labsal, ihn im Unrecht zu sehen, es schien, als wollten sie sich alle reinbaden in seiner Schuld.

Da stand Aasa erst glühend wie in hellem Brand vor Schmerz und Gram über das, was sie hörte.

Aber da die Leute ihr noch näher auf den Leib rückten und dieser das, jener jenes von Kjelds Landtagsfahrt zu erzählen wußte, und sie selbst sich dabei auf den Brief besann, in dem er ihr von seiner nahen Heimkehr geschrieben, sprang auf einmal auf dem innersten Winkel ihres Herzens ein Gedanke auf, der schon immer wie ein Raubtier auf ihren Frieden lauernd dagelegen hatte. Der Gedanke überlieferte sie ohnmächtig wie ein Kind in die Hände dieses Volkes.

Sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß Kjeld etwas Uebles geschehen sei, daß er auf irgend eine Weise jemandem hatte schaden wollen und dabei Schande geerntet hatte.

Und sie konnte ihm nicht helfen, ihn nicht verteidigen! Groß und klaffend fühlte sie den Abstand, der zwischen ihr und ihrem Manne bestand, das demütigende Los, das er auf sie gelegt hatte.

Sie fühlte, daß sie keine Frauenrechte in ihrer Ehe besaß, nicht die Ehre und nicht die Stellung einer Frau.

In Leibgedinge hatte er sie genommen, wie ein armseliges Familienmitglied, das er bemitleidete und nicht verkommen lassen wollte. Alle diese Jahre Schaffen und Wirken waren nichts gewesen wie die Pflichtarbeit einer Magd.

Bei diesen Gedanken wurden alle Segel ihrer Seele schlapp, steuerlos fuhr das arme Fahrzeug auf steinigem Grund.

Aber dicht dabei stand ungesehen Kjeld und sah und hörte alles.

Und auch von ihm fielen die frohen Gedanken ab, wie das goldene Laub im Herbstwind von den Bäumen fällt.

Nun stand er auf seiner eigenen Erde als ein geschlagener Mann.

Er hatte vergessen gehabt, daß die schwerste Rechnung, wegen der er sich zu verantworten hatte, unbeglichen in seinem Hause lag.

Daß er in seinen Träumerjahren dies Haus wohl erbaut hatte, aber nur um auf reichem Grund die Pfosten eines alten Hochmuts aufzurichten.

Die gepflanzt und geerntet hatte, war seine Frau.

Sie war im Unwetter draußen gewesen, und er saß geschützt daheim. Sie hatte ihm ihr Bestes gegeben, ihre Treue und ihre Liebe. Und er hatte gleichgültig dagesessen und sich in rosenroter Ferne Schlösser gebaut.

Er verstand, welche Gedanken er ihr damit ins Herz gesenkt haben mußte und warum sie nun schweigend da oben unter ihren Feinden stand.

Aber hatte er gesündigt, so mußte er eben nun sühnen! Aasa mußte aus seiner Reue und seinem künftigen Tun und Handeln entnehmen, daß das Vergangene ein böser Traum gewesen war, der seine Seele gefährdet hatte, aber daß er nun fertig damit war.

Er mußte auf den grasüberwachsenen Wegen wieder zu ihrer Liebe und Achtung gelangen. Und er wollte es vollbringen.

Wie aus der Erde geschossen, stand er plötzlich unter den auf dem Hange zusammengelaufenen Leuten.

Und es war nicht nur das Unerwartete seines Kommens, das ihnen Mut und Rede verschlug. Nein, es war nicht einer in dem ganzen Menschenhaufen, der nicht gewahrte, daß der Mann, der nun unter ihnen stand, gewachsen war, seit sie ihn nicht gesehen. Daß ein Drang in ihm gährte, seine Sache zu führen und daß es gefährlich war, mit ihm zu spielen.

Einer verschwand nach dem andern langsam hinter seinem breiten Rücken, – auf den sie früher gar nicht so aufmerksam geworden waren. Sogar der Nachbar, der Kjeld durch lange Jahre jeden einzelnen Tag geärgert und gereizt hatte und dem deshalb der Gedanke an eine Umwandlung des Heimgekehrten gar nicht gemütlich war, besann sich mit einem Male, daß er an verschiedenen Stellen Notwendigeres zu bestellen habe, und bald waren keine Zeugen des Geschehenen mehr auf dem Hange, als die Bleichstücke, die nach allen Seiten hin ausgestreut lagen. Kjeld ging zu Aasa hin, die, blaß wie der Tau zu ihren Füßen auf dem Hügel stand.

Ohne ihn anzusehn, gab sie ihm die Hand. Es war eine sehr arbeitsharte Hand, aber Kjeld wußte nun, daß Aasa in ihr einen Adelsbrief trug.

»Du bist bald wiedergekommen,« sagte sie, aber mit so kalter und fremder Stimme, daß es Kjeld vorkam, als stünde sie in weiter Ferne und spräche zu ihm.

Es währte eine Weile, bis er das erste Wort fand:

»Ich hätte längst kommen sollen!«

Da das gesagt war, war das Eis auch gebrochen.

Während sie zusammen den Hügel erstiegen, erzählte er seine Erlebnisse von Anfang bis Ende. Er verbarg nichts. Er beichtete, wie er vor sich selbst gebeichtet hatte, und als er zu Ende war, fügte er hinzu:

»Als ich da unten stand und hörte, was du zu leiden hattest, da dachte ich des Wortes, das geschrieben steht: Mann und Frau sollen eins sein. – So ist es bisher nicht zwischen uns gewesen. Aber ich dachte, es solle von diesem Augenblick an anders werden. – Falls du willst.«

Sie saßen zusammen auf der Bank vor dem Haus, als er dies letzte sprach. Er sah dabei in die Weite, denn er scheute sich, seine Verurteilung in ihren Augen zu lesen.

Aber Aasa war mit ihrem Zweifel fertig, lange, lange ehe er so weit gekommen war. Sie hatte kaum gehört, was er sagte. – Was ging es sie an, worin er gefehlt hatte und worin er gescheitert war. Sie erfaßte nur, daß er heimgekehrt war, heim zu ihr, nun ganz zu ihr.

Und während sie neben ihm den Hang emporschritt, grünten vor ihr die Täler, wehte das Laub der Bäume, dufteten die Blumen, und die Vögel sangen Sommerlieder, obgleich noch Frühlingsschnee auf den Fjelden lag. Ueber ihre Seele ging ein Sonnenstrom, der alle Hoffnung und alle Frühlingsgedanken weckte, die im Laufe der Zeit in ihr vereist waren.

Als Kjeld erfaßte, daß er zur rechten Zeit heimgekommen war, da fühlte er auch in seiner Seele den Frühling aufjubeln, der die Natur rings zu neuem Leben erweckte. Eine Lust faßte ihn, in des Lebens spielende Winde hinaus zu segeln: Aber nur, um sein Schiff in einen besseren Hafen zu steuern, als zuvor.

 

Ende.


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