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Ein Kreuzgang

Oben auf den wilden Fjelden, die sich als Grenzwälle zwischen den einzelnen Landesteilen Norwegens auftürmen, liegen vereinzelte Gutshöfe, denen die fetten Weidetriften jener Bergeinsamkeiten ihr Dasein verdanken.

Befinden sich diese Höfe abseits der großen Fahrstraßen, die die getrennten Bezirke verbinden, so herrscht wüstenwilde Einsamkeit um sie her; eine Einsamkeit, die einen entsetzen kann, wenn man nicht daran gewöhnt ist, menschliche Wohnungen mitten zwischen Gletschern und dem kümmerlichen Heidekrautwuchs der Fjelde liegen zu sehen.

Kommt man aus tieferen und reicheren Gegenden dort hinauf, tritt man gleichsam heraus aus dem menschlichen Kulturleben mit seinem Farbenreichtum und seiner gewaltigen Gedankenmacht, – oder fliegt gar, wie es jüngst geschah, gleich einem Funken vom großen Brande des Weltlebens, ein Luftballon daher in diese eiskalten Breiten, so daß die Gegensätze höchster Kultur und einsamsten Naturlebens in einem fremdartigen Bilde mächtig zusammenstoßen, dann erscheint es dem menschlichen Gedanken unfaßbar, daß es dasselbe Menschenleben mit denselben Grundkräften sein soll, das hier und dort zum Ausdruck kommt. Das alte Glaubenswort vom gemeinsamen Ursprung alles Menschenseins, von der Gemeinsamkeit der Lebensgeschicke und der Lebenshoffnungen scheint in Nichts zu zerfließen; es ist, als stehe man vor einem vom großen Ganzen losgelösten Teil des Schöpfungswerkes, und man fragt sich: »Wozu wurde dies hier ins Leben gerufen?«

So lange man das Leben hier oben nur äußerlich betrachtet, lösen sich auch Glauben und Gottvertrauen nicht wieder aus der Erstarrung, die sie gebannt hält, wie die weite Welt gebannt ist, in die man ringsum starrt.

Kommt man im Winter herauf, wenn der Schneesturm über die grenzenlosen Flächen daherheult, wenn weißer Rauch und Nebel brauen, wohin man blickt, und das sausende Schneewehen ganze Hügel auswirft, Menschen und Pferde begräbt und Häuser bis unter den Dachfirst verschwinden läßt; wenn das einzige Lebenszeichen außer dem eigentümlich scharfen Rasseln der ihre Stelle wechselnden Schnee-Anwehungen in einem oder dem anderen aus der Schneetiefe heraufblinkenden Lichtchen besteht,– dann wird die Hoffnung auf einen wahren, höheren Zusammenhang alles Lebens auch zu einem schwachen Flämmchen. Und sieht man am Tage nach einem solchen Unwetter die Menschen, in ihre Felle gehüllt, hervorkriechen und sich Löcher graben zu Licht und Luft, so meint man, alles Seelenleben, alles Sehnen und Streben müsse sich darin erschöpfen, täglich solch ein Guckfensterchen herzustellen, um wieder eine Nacht weiter leben zu können unter dem Schnee.

Kommt dann der Frühling, so bringt er in diese Gegenden nichts weiter, als die ungestillte Sehnsucht des Gedankens, daß drunten in den Tälern die schöne Zeit jetzt ihren Einzug hält. Denn hier oben sind die Flächen noch mit scharfkantigen Schneehügeln, wie mit Streifen, durchzogen; die Hochland-Seen halten noch schwere Eisbürden in ihrer Umarmung, und nur an den Ufern beginnt es zu tauen. In dieser Zeit kommen wohl Menschen über die Fjelde, besonders Händler, die von einem Teil des Landes zum anderen ziehn; für sie gibt es hier nur eine einzige Art der Weiterbeförderung; die Leute von den Fjeldhöfen müssen ihnen mit ihrem Vieh die Wege durch die Schneehügel bahnen.

Wenn der Sommer die schwermütigen Winter-Erinnerungen längst aus den Tiefen weggetaut hat und fröhliche Reisende zu Dampfschiff und Wagen das Land durchstreifen, dann beginnt es endlich auch auf den Matten der Fjelde zu grünen; aber der weitaus größte Teil der Gegend tauscht das Weiß des Schnees nur gegen das Braun der Heide oder ein fahles Moosgrau aus. Einzelne Reisende kommen dann wohl auch hier herauf, oder die Fjeldbewohner gehen auf Reisen, um den Sommer einmal zu sehen. Freilich, der hauptsächlichste Zusammenhang mit der Außenwelt besteht Winter und Sommer nur in Gerüchten und Kunden, die von unten in wunderlich veränderter Gestalt herausdringen und an Abenteuerlichkeit nichts eingebüßt haben, wenn der nächste Sommer ihnen Nachfolger zugesellt.

Kümmert sich aber ein Fremder wirklich einmal um das mit dem Tode so tief vertraute Innenleben der Fjeldbewohner, so findet er manche interessante Spur und lernt einsehen, daß derselbe Gott hier oben in der Armut die Dinge leitet, der dort regiert, wo die Natur ihre Gaben verschwenderisch verbreitet.

Gar wunderlich freilich gestaltet sich das Seelenleben unter den eigenen Verhältnissen; die verkümmerte Form und das harte Holz der Zwergbirke sind vorbildlich für die Entwicklung des Menschenseins. Doch dieselbe Not bedrückt im Grunde die Seelen hier, wie überall; dieselben Schmerzen graben ihre Spuren hier wie dort; dieselbe Sonnensehnsucht treibt dort wie hier ihre Keime und Sprossen.

Triebe, die als Leidenschaft und Blutdurst die großen Kampfplätze der Welt beherrschen, finden sich im kleinen; derselbe Heldenmut, der mit lautem Schall von den großen Feldlagern in die Welt posaunt wird, lebt auch hier, – wenn die einzige Tat, durch die er sich kund tun kann, vielleicht auch nur ein stiller Kreuzgang ist, von dem niemand spricht.

Eine solche prunklose Geschichte von den braunen Hochflächen der Fjelde ist es, die in nachfolgendem erzählt werden soll.

*

Auf den Rydals-Hängen liegt, zwischen zwei angrenzenden Talstrichen, der Fjeldhof Sklet. Vor vielen Jahren flüchteten ein paar junge Talbewohner, Mann und Weib, hier herauf. Ersterer, Gjest mit Namen, war in seiner Jugend der wildeste Bursche gewesen, von dem die Leute in der Gegend zu berichten wußten.

Jeder Landbezirk hat gewöhnlich ein Gewerbe, in dem sich die Bewohner vor anderen Leuten auszeichnen. In der einen Gegend werden Boote gebaut, die einen weitverbreiteten Ruf genießen; eine andere ist bekannt wegen ihrer Zimmerleute, eine dritte wegen ihrer Jagd. In einer vierten lernen die jungen Leute von frühester Jugend an alle Kunstgriffe und Pfiffe des Hausierhandels kennen, und in der fünften bildet der Pferdehandel den Hauptnähr- und Beschäftigungszweig der Leute. Meist ist es die Beschaffenheit des Landes, der die bestimmten Handwerke oder Betriebe ihre Entstehung verdanken. Oft waren auch nur ganz zufällige Umstände tätig. Einer aus der Gegend war vielleicht einmal in die Fremde gekommen und hatte irgend eine Handgeschicklichkeit erlernt, in der seine Landsleute es ihm bald nachtaten; oder es ging zu, wie es mit einem Manne namens Vardi geschah, der als kleine Beihilfe für sich und seine Familie Holzlöffel zu schnitzen begann und schließlich dazu kam, eine Fabrik zu gründen, die die Vardischen Holzlöffel über das ganze Land, ja bis nach Schweden und Dänemark versendet.

In Gjest's Heimatbezirk war mindestens jeder zweite Mann Pferdehändler; Gjest begann frühzeitig dasselbe Geschäft zu betreiben und kam auf seinen Berufsreisen bis auf die Märkte der östlichsten Landesteile. Von seinen Fahrten brachte er eine unendliche Menge von Schnurren und Geschichten von fremdem Land und fremden Leuten heim, Reime und Possen, genug, um das ganze Tal damit zu versorgen; neumodische Kleider und neumodische Tänze. Doch auch neue Handelskniffe, eine lose Hand und eine lose Zunge, Neigung zu Trunk und wilder Gesellschaft und genügend Geld, um jeder Lust dieser Art nachzugehn.

Als Gjest etwa fünfundzwanzig Jahre alt war, die heißeste Wildheit ausgetanzt und einen wahren Sagenkreis von Handels- und Schlägerei-Geschichten um sich gewoben hatte, begann er friedlichere Gedanken zu spinnen und trachtete darnach, einen festen Wohnsitz in seiner Heimat zu erwerben. Er sah sich nach einer Hausfrau um, und dabei tauchte, lockend und winkend, eine alte Erinnerung vor ihm auf.

Auf den Bauernhof, der dem seines Vaters am nächsten lag, lebte ein Mädchen, Salbjorg, mit der zusammen Gjest manche Stunde in frohen Kinderspielen aus den grünen Hängen unter den Gehöften ihrer Väter vertollt hatte.

Die Freundschaft der beiden hatte indessen bald ein Ende genommen, denn eines schönen Tages sagte der junge Gjest seiner Heimat Lebewohl, und von Stund an sah ihn Salbjorg nur von Zeit zu Zeit einmal auf dem Pferderücken vorbeistreichen.

Sie vergaß es nicht, wie er am Tage vor seiner Abreise in ihres Vaters Stube gestanden hatte, zwanzig Jahre alt, schlank und aufrecht wie eine Kerze, braun und blauäugig, voll Mut und Lebenslust und hohem Selbstbewußtsein. Sie saß still und wortlos dabei, wenn später die unseligen Gerüchte von seinem wilden Leben den Hof erreichten; aber das kleine Licht, das in ihrem Inneren für ihn brannte, erlosch nie, und als Gjest endlich müde und betäubt zum Spielplatz seiner Jugend zurückkehrte, fand er jede Erinnerung behütet und gepflegt.

Da ging ihm die Erkenntnis auf, daß sein bisheriges Leben ein toller Ritt gewesen sei, hinweg von ihr und ihrer Liebe, und daß er das Verlorene Schritt für Schritt wieder erwerben müsse. Es kamen lange Prüfungsjahre für seine Geduld, und als die Wartezeit um war, stellte Salbjorg noch die Bedingung, daß er den Fjeldhof Sklet, der gerade ledig stand, kaufen solle. Die Leute waren erstaunt, daß Salbjorg die sonnigen Laubhaine ihrer Heimat mit jenem baumlosen Erdstrich zu vertauschen wünschte. Aber Gjest sah ein, daß sie ihn den Verlockungen des Dorflebens entführen wollte, und er ging ohne Bedenken auf ihre Bedingungen ein.

Da flüchteten sie hinauf auf die Rydals-Hänge und lebten viele Jahre dort in Frieden und Ruhe. Wenn der Frühling nahte, kam wohl die alte Wanderlust über Gjest; doch mit den Jahren schien sein Wesen immer gesetzter zu werden, und bald ging er den Weg zum Tal nur noch, wenn ihn bestimmte Geschäfte trieben.

Sie hatten nur ein Kind, einen Knaben, der auf der Mutter Wunsch Jon (Johannes,) getauft wurde. »Denn wer in der wilden Einsamkeit wohnt, wie wir,« sagte sie, »der kann sich nicht genug an Gottes Wort halten.«

Jon wurde groß und stark. Aber sein Aussehen war verschlafen und verschwommen, und jeder bestimmte Ausdruck verschwand in den dicken Zügen. Tief unter seiner breiten Stirn lagen zwei katzengraue Augen, die gewöhnlich schliefen, wie der ganze Bursche, zuweilen jedoch in ruheloser Bewegung waren und schlimme Gedanken hinter dieser Stirn vermuten ließen.

Im Sommer hütete Jon die Herde, – das blieb Jahr für Jahr das gleiche Geschäft in der gleichen Umgebung, mit dem gleichen öden Ausblick rundum. Während er so dasaß, herrschte dieselbe leblose Ruhe in ihm, wie in der Natur; er lag mit geschlossenen Augen im Heidekraut und sandte nur von Zeit zu Zeit einen gleichgültigen Blick nach den Kühen und Ziegen. War er dann abends heimgekehrt und hatte seinen Platz am Feuer aufgesucht, war er trocken und warm geworden, so erwachte der Lebensgeist in ihm. Der Vater setzte sich neben ihn, und die beiden konnten den ganzen Abend mit einander flüstern und schwatzen. Sie hatten irgend eine Arbeit in den Händen oder saßen auch feiernd und sorgten nur dafür, daß das Feuer nicht ausging. Gjest erzählte dann von seinen früheren Reisen und sprach sehr leise, weil Salbjorg nicht hören sollte, worüber sie sprachen.

Sie merkte es freilich wohl und sah mit Schrecken, wie alte Erinnerungen und Gelüste in Gjest erwachten, während er erzählte.

Sie bat ihn, zu schweigen, und er versprach ihr Gehorsam. Aber wenn Jon eintrat und ihn mit allerlei Fragen nach dem und jenem zu reizen begann, oder zeigte, daß er irgend etwas vergessen oder mißverstanden hatte, so konnte Gjest nicht widerstehen. Er vergaß Salbjorg und sein Versprechen und erzählte. Und Jon saß und blinzelte freudig mit den Augen. Es schien, als nähme er diese häßlichen Bilder nicht allein durch das Gehör in sich auf, sondern als söge er sie mit den Blicken in sich, voll unbändigen Durstes nach mehr. Während der Vater erzählte, vermeinte er, die große unbekannte Welt da draußen wie einen einzigen großen Marktplatz vor sich zu sehn, einen riesigen Tummelplatz voll von Pferden, von unheimlichem und doch lockendem Lärm in halbdunklen Schänkstuben, wo trunkene Männer mit halb furchtsamen, halb neugierigen Weibern ihre rohen Späße trieben.

Und wenn der Vater nun die Geige von der Wand nahm und ein paar Striche tat, so kam all das, was der Junge in weiter Ferne sah, in rasendem Zug herauf auf die Fjelde, und Pferde, groß wie die fernen Fjeld-Kuppen, rannten in blitzschnellen Sätzen und mit flatternden Mähnen über die Höhen; Volksmengen, undeutlich und nebelhaft, lagerten sich auf den Fjelden und setzten den Rossen nach und tummelten sich zwischen ihnen umher.

Aus des Vaters Erzählungen lernte er, daß es keine größeren Heldentaten gäbe, als beim Pferdehandel zu betrügen, die Mädchen in jeder Stadt auf seiner Seite zu haben und die Spuren seines Messers oder seiner Faust in der Brust und auf der Stirn des Stärksten auf jedem Marktplatz zu lassen.

Der Vater besaß eine Peitsche mit schwerem Griff, ein Messer mit Messinghülse und eine Brieftasche an silberner Kette. Diese Dinge betrachtete Jon mit Ehrfurcht und mit immer stärkerer Sehnsucht nach dem Leben, an das sie erinnerten.

Aber der Weg zu allen diesen Herrlichkeiten war: Geld; und deshalb war Geld Jons erster und letzter Gedanke.

Salbjorg bemerkte, daß ihr Sohn, auch als er lange erwachsen war, eine eigentümliche Freude an allem hatte, was schimmerte und glänzte: an blanken Geldstücken, buntfarbigen Kleidern und Tüchern, Metallknöpfen und besonders an Messern, Geldscheinen und Peitschen, wenn Leute auf die Fjelde heraufkamen, war Jon immer in ihrer Nähe, ging rund um sie herum, sah sie an, befühlte ihre Kleider und blinkerte mit den Augen.

Erst glaubte sie, es sei nur das Fremde und Seltene, das seine Bewunderung weckte; aber da geschah es ab und zu, daß die Fremden etwas vermißten, – immer Gegenstände von Wert, – und das sie diese dann unter ihres Sohnes Sachen fand; sie begann, sich vor dem Charakter, der sich in diesen Augen äußerte, zu fürchten. Meist hatte er das fremde Gut geradezu geraubt, zuweilen aber hatte er es auch durch Tausch erworben. Wenn er gestohlen hatte, züchtigte ihn der Vater; aber hatte er gehandelt, und besonders recht vorteilhaft gehandelt, nämlich die Leute betrogen, lächelte jener nur. Kam der Eigentümer und bezichtigte Jon, das Vermißte entwendet zu haben, leugnete der Bursche dies nie, sondern gab stracks die Kronen zurück und stellte sich das nächste Mal klüger an.

So erwuchs Jon unter der Mutter ängstlicher Sorge und des Vaters Zucht und heimlichem Beifall. Als er konfirmiert werden sollte, fragte die Mutter den Pastor, was er von ihm halte, und erhielt den Bescheid, einfältig sei ihr Sohn nicht; es fehle ihm aber offenbar alles Gefühl dafür, was Recht und Unrecht sei.

Man hörte übrigens in dieser Zeit nichts Schlechtes von ihm; aber man nannte ihn einen Trottel, weil er die Gewohnheit besaß, alle Leute anzustieren, und weil er, wenn er Pferde oder schönes Zaumzeug und Sättel oder Papiergeld sah, so starr nach diesen Dingen gaffte, daß er nichts weiter sah und nicht hörte, wenn jemand zu ihm sprach.

Als Jon eingesegnet war, begann er, davon zu sprechen, daß er nun auch Pferdehändler werden wollte, wie sein Vater. Salbjorg hatte erwartet, daß dies einmal so kommen würde, und stand fest wie Fels gegen des Sohnes Bitten und des Vaters Wünsche. Lieber sollte des Sohnes Leben tatenlos hier oben verfließen, ehe er in das ruchlose Treiben der Roßhändler hineingeriet. Und Jon kannte seine Mutter und deren Macht so gut, daß er wußte, wenn er dennoch fort wollte, so müsse er sich selbst helfen.

Es verging längere Zeit, ohne daß weiter von der Sache die Rede war; Salbjorg hoffte beinahe, der Brand sei erloschen. Aber da geschah es einmal im Frühling, daß ein fremder Händler über die Rydals-Fjelde zog, um im benachbarten Tal Pferde zu kaufen oder zu verkaufen. Das war ein Mensch von der rechten Sorte. Er betrieb das Geschäft beinahe von seinen Knabenjahren an; er ging in gelben Lederhosen und blauem Wams, mit Achtschillingsstücken als Knöpfen, warf mit dem Geld um sich und prahlte mit seinen Geschäften, und an dem Tage, den er in Sklet zubrachte, saßen er und die zwei männlichen Bewohner des Hofes bis lange über Mitternacht beisammen.

In der folgenden Zeit war Jon sehr still und hockte oft in tiefen Gedanken da. Bisweilen traf ihn die Mutter, wie er des Vaters Peitsche in den Händen wog. Sie hörte ihn auch oft den Vater fragen, ob er nicht glaube, daß der fremde Händler bald zurückkäme, und die Mutter fürchtete, er denke dran, diesem folgen zu wollen. Als es Sommer wurde, hatte Gjest eines Tages unten im Tale zu tun, und am Abend dieses Tages kam der Pferdehändler zurück. Er hatte gute Geschäfte gemacht, zeigte sein Geld und schenkte Jon aus einer kleinen Taschenflasche Schnaps ein.

Als der Händler am anderen Morgen weiterzog, begleitete ihn Jon; aber weil er keinerlei Reise-Ausrüstungen gemacht hatte, war die Mutter ohne Sorge.

Jon kam abends spät wieder und antwortete verdrießlich und wortknapp auf alle Fragen Salbjorgs. Er war sehr unruhig, ging unaufhörlich ein und aus, blinkerte mit den Augen und wollte sich nicht niederlegen. Am folgenden Tag sah die Mutter ihn das Boot in den See schieben, obgleich Gjest gesagt hatte, er solle es nicht anrühren, ehe er selbst heimkomme.

»Es soll dicht werden,« murrte Jon, als die Mutter ihn fragte, weshalb er es aus dem Schuppen genommen.

Als Gjest bald darauf zurückkam, begann die gewöhnliche leise Unterhaltung wieder zwischen ihm und dem Sohn, und Salbjorg sollte bald erfahren, was zwischen ihnen im Werke wäre. Eines Tages erklärte Gjest nämlich, er glaube nicht, das; es etwas nutzen werde, Jon noch länger daheim zu halten.

Salbjorg fragte: »Gibst du ihm denn Geld?«

»Er sagt, er könne sich selber helfen.«

»Wie sollte er dazu kommen, sich selbst helfen zu können?«

»Das kümmert mich nicht,« sagte Gjest und ging hinaus.

Aber in Salbjorgs Seele erhoben sich schwere Gedanken, wie Vögel vor einem Unwetter, und sie sah mit Schmerz das Einverständnis der beiden gegen ihren Willen.

Da erhob sich im Laufe des Sommers ein gräßliches, unheimliches Gerücht: Ein Mann sei oben auf den Fjelden geblieben; derselbe, der im Frühling zweimal auf dem Fjeld-Hofe übernachtet hatte. Seitdem kamen öfters Leute aus dem Tale, um nach dem Verunglückten zu suchen; aber sie fanden keine Spur von ihm. Die Suchenden meinten, er müsse sich auf das morsche Eis gewagt haben und eingebrochen sein.

Es war nicht das erstemal, daß Salbjorg von Leuten hörte, die auf den Fjelden geblieben waren; diesmal erschien ihr die Sache ein Rätsel, dessen Lösung zu finden sie sich fürchtete. Sie versuchte lange, sich das Grübeln fern zu halten, allein in ihrem Herzen stiegen Zweifel auf gegen einen, an dessen Schuld keiner dachte. Jeden Abend ging sie unruhig zu Veit, und keine Nacht fand sie gesunden Schlaf, denn so oft sie einschlummerte, verfiel sie in grauenvolle Träume und wachte mit kaltem Schweiß bedeckt auf. Jedes laute Wort, das sie hörte, ließ sie erzittern; sie verbarg sich, wenn Leute kamen, erbebte, wenn sie nur ein fremdes Tuch sah, und jedes Geldstück, das sie in die Hand nahm, brannte sie wie Feuer. Der Sommer ging inzwischen zu Ende, ohne daß man weiteres über den Roß-Händler vernahm. Da hatte sie einst einen Gang aufs Feld zu gehn, und ihr Weg führte sie an einem tiefen Abhang oberhalb des Hofes vorbei. Hier ward ihr plötzlich ein Anblick, der nie wieder aus ihrer Erinnerung wich.

Unten, am Fuße des Hanges, hockte ein Mensch und bückte sich über etwas, das vor ihm auf der Erde lag. Sie sah ihren eigenen Sohn sitzen, in einer Ledertasche wühlen und mit zitternden Händen und blinkenden Augen Geldscheine abzählen. Sie hörte ihn flüstern: »So, nun muß die Geldtasche denselben Weg gehen!« Sie kannte sowohl die Tasche als die Scheine, und der Anblick von dem allen und von der gähnenden Felswand, die sich über dem Mann und seinem Raub erhob, war für sie der Anblick des Bösen selbst, der mit tiefen, kalten Augen auf sein Opfer lauerte. Sie wollte fliehen, aber die Füße trugen sie nicht; sie wollte schreien, doch die Zunge versagte ihr den Dienst. Sie mußte stehn und zusehn, wie ihr Sohn zählte und zählte, und als er fertig war, sah sie ihn einen langen Umweg nach dem Hause machen, am Wasser stehn bleiben und etwas hineinsenken. – Nun wußte sie, was es damals mit dem Boote, das gedichtet werden sollte, auf sich gehabt.

Sie stand noch lange; ihr Körper war feucht und eiskalt, nur in ihrer Seele brannte es um so heißer. Und als sie endlich Macht über sich selbst gewann, jagte sie lange rastlos über die Heide, gleichsam, als könnte sie dem schrecklichen Gesicht, das sie gehabt, entfliehen. Aber wohin sie ihre Gedanken wandte, und wohin sie ihre Augen lenkte, sah sie dieselbe dunkle Steinwand vor sich und dieselbe Gestalt unter ihr sitzen, und die ganze Gegend war mit gelben und blauen Geldscheinen überstreut.

Als sie heimkam, traf sie Gjest, der ihr erzählte, der Sohn habe ihm eben mitgeteilt, er wolle sich nun auf den Weg machen in die weite Welt. Sie schaute ihn an, als trachte sie in den innersten Falten seiner Seele zu lesen. Und da sah er, daß sie wohl daran dachte, es müsse etwas sündhaftes geschehen sein. Sie bat und weinte und brachte ihm in Erinnerung, was er und sie durch die Fahrten seiner eigenen Jugend gelitten hatten. Sie ließ alle seine Gelübde aufleben und gegen ihn aufstehen; sie rief alle Mächte zu Hilfe, die ihn beugen konnten, und da er dennoch ungerührt und stumm vor ihr stand, schloß sie: »Lieber sähe ich ihn als Leiche, als daß er jetzt in die Welt soll. Um unseres teuren Heilands willen, laß ihn nicht reisen, Gjest!«

Aber Gjest antwortete kalt, Jon sei alt genug, sich selbst zu raten.

Da ging sie zu Jon. Sie erinnerte ihn erst freundlich an die Lehren seiner Jugend; als das nicht half, drohte sie ihm mit Gottes Strafe, und schließlich offenbarte sie ihm, daß sie seine Sünde kenne.

Da sah es einen Augenblick aus, als gäbe er nach, und sie glaubte, gesiegt zu haben. Sie fuhr fort: »Wenn Du mir nicht gehorchst, sollst Du nie sicher sein vor mir und dem, was ich tun werde.«

Aber da zerriß er das letzte Band und erklärte: »Nun werde ich zu Haus doch nicht Ruhe und Frieden mehr haben, und jetzt reise ich, und wenn ich Euch und den Hof auch nie mehr wiedersehen soll.«

Das war eine traurige Nacht, die diesem Tag folgte. Es stürmte draußen, und der erste Schneefall jagte um das Haus. Salbjorg hörte Stimmen, die draußen nach ihr riefen; sie lag auf den Knieen und schickte heiße Gebete zu Gott um Hilfe. Müde, wie sie war, schlief sie dann ein und träumte, das Ganze sei nur ein Traum; wenn sie erwachte und sich besann, daß alles wahr sei, betete sie von neuem. Aber alle ihre Gebete und all ihre Tränen fielen, wie fruchtbares Tauwetter, auf einen Gedanken in ihrem Sinn, und dieser eine anwachsende Gedanke war selbst kalt wie Eis.

Der folgende Tag war ein Sonntag. Sie bat ihren Mann, sie in die Kirche zu begleiten; aber er wollte nicht. So ging sie allein. Auf dem Wege und unten auf dem Kirchplatz traf sie viele Leute, die sich alle darüber äußerten, wie abgemagert und bleich sie wäre. Das müsse das Leben oben auf dem Fjeld machen.

Das sei möglich, antwortete sie. Da oben geschehe so manches, was einem schwere Gedanken schaffe. Und so brachte sie das Gespräch vorsichtig und prüfend auf den verschwundenen Händler, und merkte bald, daß keine Seele einen mißtrauischen Gedanken hegte. Die ganze Sache konnte also in ewigem Dunkel begraben bleiben.

Sie trat in die Kirche ein, zitternd, wie ein armer Sünder, der die heilige Stätte mit seinen unreinen Gedanken entweiht. Der Prediger sprach über die Pflicht des Menschen, irrende Seelen zu retten. Nicht jedes Menschen Beruf sei es, als Priester oder Verkünder des Gotteswortes hervorzutreten; aber wenn ein Mann oder ein Weib in den Fall komme, daß es zweifellos seine oder ihre Pflicht sei, das Wort zu sprechen oder die Tat zu tun, durch die der Sünder zur Umkehr gebracht werden könne, – dann wehe dem, der der strengen Berufung nicht folge!

Es schien Salbjorg, als sei alles dies nur für sie gesprochen und als habe der Prediger sie vor der ganzen Gemeinde gekennzeichnet. Denn sie war es ja, die berufen war und dem Ruf nicht folgen wollte. Sie glaubte, alle müßten ihr das ansehen, und sie wagte weder aufzublicken, noch sich zu rühren. Als der Gottesdienst zu Ende war, fand sie jedoch alle Leute ahnungslos, wie vorher. Hatte ihr jemand besondere Aufmerksamkeit geschenkt, so war es nur wegen ihrer tiefen Andacht gewesen.

Sie wanderte wieder bergauf nach den Höhen. Es dünkte sie, sie sei auf der Flucht, denn sie glaubte, ein Zeichen bekommen zu haben; und sie ging und handelte mit sich selbst und versuchte des Priesters Wort anders zu deuten, als es lautete. Als sie auf die Höhe kam, fiel das bleiche Nachtlicht des Mondes über die weißen, totenstillen Flächen.

»In solchen Nächten gehen die Toten um,« dachte sie, während sie vorwärts schritt. Wer ein gutes Gewissen hat, sieht nichts, tröstete sie sich; dann aber wurde ihr im Ernst bange, denn falls ihr etwas geschehen sollte, würde dies ein neues Zeichen sein. Sie befand sich gerade an der ödesten Stelle der ganzen Hochfläche, wo der einzige laute Ton das Knirschen des Schnees unter ihren Füßen, und der einzige Anblick, der die Gleichförmigkeit der Schneefläche unterbrach, ihr Schatten war, der neben ihr hineilte.

Horch, klang da nicht ein Laut hinter ihr? Nein, es mußten ihre eigenen Gedanken sein, die sie täuschten. Doch konnten die so laut rufen, konnten die wie Hufschläge klingen, wie der klatschende Ton von Peitschen? Näher und näher kam es, – nun hörte sie es nicht nur, sie sah es licht und lebendig, – ein Zug von vielen hundert Rossen, halb verschleiert vom Schneenebel, bläulich vom Mondlicht, kam wild dahergesaust, ohne daß sie einen einzigen Hufschlag hörte. Sie sprengten über den Weg, und als sie an ihr vorbeijagten, sah sie den toten Roßhändler. Er saß rückwärts zu Pferde, sein Haar und seine Kleider hingen voll klappernder Eisstücke; er sah mit toten Augen nach ihr hin und zeigte mit der Peitsche auf den See. Da warf sie sich hin in den Schnee vor der entsetzlichen Erscheinung und rief: »Ich will! Ich will!«

Als Salbjorg sich wieder erhob, war alles bleich und still um sie her; sie ging nicht mehr mit flüchtenden Schritten, denn nun wußte sie, was sie wollte.

Jon rüstete sich eifrig zur Abreise. Er gedachte den Winter zu benutzen und zu einem bekannten Pferdehändler in die Lehre zu gehn. Der Vater half ihm, aber nur heimlich; denn beide, er und der Sohn, fürchteten sich, Salbjorg unter die Augen zu kommen. Sie verlor kein Wort mehr an die beiden; nur in ihrem Antlitz lag eine schreiende Anklage, die schlimmer zu ertragen war, als die härtesten Worte. Gjest fühlte, daß ihre stummen Bitten nicht aufhörten, ihn zu verfolgen, und Jon hatte nicht einen Augenblick Frieden vor dem bleichen Schatten seiner eigenen Untat.

Sie wurde nicht müde, zwischen die beiden zu treten, immer auf dieselbe wortlose Weise mahnend und erinnernd, bittend und drohend, und immer hoffend, daß die letzte Frist, die sie sich gesetzt hatte, nicht verrinnen werde, ehe sie ihre Sache gewonnen. Aber von Tag zu Tag verlor sie etwas von ihrer Macht, und von Tag zu Tag trieben die beiden Männer ihr Wesen offener, weil sie sich an ihre Art gewöhnten; und endlich fühlte Salbjorg, daß nun die Stunde der Abrechnung gekommen sei.

An einem Mondschein-Abend, klar und still, wie der, an dem sie jene Erscheinung gesehen, sah Jon, der in dem offenen Schuppen arbeitete, sie plötzlich vor sich stehn. Er hackte, daß die Späne flogen, um einem Gespräch mit ihr zu entgehn; aber gegen seinen Willen mußte er die Axt fallen lassen, als sie die Hand auf seine Schulter legte und ihn fragte: »Jon, wagst Du es, heute mit mir aufs Eis zu gehen?«

»Was willst Du auf dem Eis?«

»Sehen, was darunter liegt.«

»Rede doch nicht so närrisch!«

»Wagst Du es, mit mir zu gehn und nachzusehn, ob nicht ein Toter heraufgeschwommen ist?«

Er schlug die Axt in den Bock, richtete sich auf und rief: »Nein, das halte ich nicht mehr aus! Wenn ich nicht mehr Frieden hier auf dem Hofe finden soll, so mag es, hol's der Teufel, die letzte Nacht sein, wo ich unter diesem Dache Obdach suche!«

»Wo aber willst Du Obdach suchen für Dein böses Gewissen?«

Er riß die Axt wieder empor und stand wild und zornig vor ihr. »Schweigt jetzt, Mutter, oder es geschieht bei Gott ein Unglück für Dich und mich!«

»Da geschähe mir wohl, Jon! Wüßte ich nur, daß Du bereutest! Gott ist mein Zeuge, wie froh ich dann sein würde, wäre diese Stunde meine letzte! Kein Gang wäre mir zu schwer, wenn Du nur umkehrtest!«

»Du hast den Verstand verloren.«

»Jon, die Frist ist kurz; die Zeit der Gnade ist bald vorbei. Nicht ich bin es, die Dir rät; es ist Einer, der stärker ist, als ich. Es ist zum letzten Mal, daß er Dich so milde mahnt, zum letzten Mal steht das Tor des Heils offen; gehorchst Du dieses Mal nicht, so fällt Gottes Hand schwer auf Dich, wenn er zum nächsten Male ruft.«

»Aus dem Wege jetzt, Mutter! Ich bin jung und will in die Welt. Das Alter kann am Ofen sitzen und Psalmen singen.«

Damit stieß er sie bei Seite und war draußen. Aber Salbjorg saß noch lange im Schuppen und weinte wegen des Ganges, den sie nun zu machen hatte.

Am anderen Tag war sie wieder auf dem Wege nach dem Kirchdorf. Der Schnee fiel dicht und in schweren Flocken, die sich in der windstillen Luft langsam herniedersenkten und in hohen, daunenweichen Massen auf Bäumen und Zäunen, auf Häusern und Fluren liegen blieben; sogar die Häuserwände und Fensterrahmen waren weiß überweht; alles lag und ruhte in dem weichen Schneebett. Als sie in das Dorf hernierderkam, war es schon ganz dunkel; einzelne Lichter blitzten auf und erloschen in der Runde. Sie nahm ihren Weg nach dem Pfarrhof. Als das Gesinde zum Abendessen gerufen wurde, stand sie im Hausflur. Der Pfarrer war zu Haus. Sie wurde eine Treppe hinaufgewiesen. Indem sie durch den Gang schritt, öffnete sich die Tür zu der Stube, in der die Lampe brannte, und in deren einer Ecke die Frauen des Hauses um einen Tisch saßen. Sie konnte gerade einen raschen Blick hineinwerfen, dann schloß sich die Tür wieder. Aber da stand sie still, mit der Hand auf dem Geländer und dem Fuß auf der Treppenstufe.

Der schmale Lichtstreif, der aus einem warmen, friedenshellen Heim auf ihren kalten Winterweg fiel, machte ihren Vorsatz beinahe zu nichte. Was sie zu tun im Begriff stand, war nicht mehr und nicht weniger, als – wahrscheinlich für ewig – den Riegel zuzuschlagen zu dem eigenen Heim, sodaß dessen Wärme nie wieder ihre Gedanken und ihr Herz erfüllen konnte. Sollte sie nun hier, dicht am Ziel, sich hinausschleichen, durchs Tal hinaufwandern und den Winter seine hohen Schneehügel um sich und ihr Geheimnis breiten lassen?

Eine Treppe war hinaufzusteigen zu dem einen Ziel; eine offene Tür führte zu dem anderen. Nur diese wenigen Schritte zwischen zwei Leben! Sie ging schon in Gedanken aus der Tür, aus dem Hofe; sie verfolgte den Bergessteig, die Lichter des Tales erloschen hinter ihr; dessen geschützte Wohnungen versanken in der Tiefe, die Höhe lag frei vor ihrem Fuß, und oben lag ihr Heim.

Aber was erwartete sie dort? Erinnerungen, die nie mehr erloschen, Todesrufe im Schneesturm jeder Wetternacht, vielleicht weitere Grauentaten, – ja, Gott, Vater, das war das Schlimmste! Wahrscheinlich noch mehr! Denn sie hatte ja die bösen Triebe, wie einen Quell, in Vater und Sohn aufsteigen sehn, und sie wußte: ging es diesmal gut, so gab es keine Fessel mehr, die jene zurückhielt. Und zwischen all dem sollte sie leben mit einem ruhelosen Gewissen! Nein! War sie so manchen schweren Gang gegangen, hatte sie so viele einsame Stunden durchwacht, hatte sie so manche lichte Hoffnung von sich geworfen, um ihren Gatten von den bösen Mächten in seinem Innern befreit zu sehen, so mußte sie auch diesen letzten Kreuzgang tun!

Und sie stand drin in des Priesters Stube.

Der Geistliche saß an einem Tisch bei einer Lampe und las. Es war ein kleiner, dicker, hitziger Mann, der alle, die zu ungelegener Zeit zu ihm kämm, mit einer Flut von zornigen Reden überschüttete. Aber wenn er die ärgste Hitze ausgepustet und ausgeschwitzt und sich und seinen friedlosen Beruf beklagt hatte, bis keine Varianten mehr zu finden waren, und auch der letzte Nachdonner in ein leises, undeutliches Knurren sich aufgelöst hatte, dann war er sowohl ein ernster, wie ein hilfsbereiter Mann, der seiner Pflicht nie aus dein Wege ging.

Als er die Frau aus den Fjeld-Höhen bleich und durchnäßt in seiner Stube stehen sah, begriff er sofort, daß er gründlich in seiner gemütlichen Arbeitsstimmung gestört werden sollte. Er fuhr in die Höhe und fragte barsch: »Was gibt es? Wollen Sie etwas von mir?«

»Ja!«

»Wer schickt Sie denn so spät? Wem fällt das denn ein? Von wem haben Sie mir etwas auszurichten?«

»Von mir selbst.«

»So – –!« Nun konnte nicht einmal die Rede davon sein, die Sache auf ein anderes Mal zu verschieben. Der Geistliche ging auf und ab und raufte sich das Haar.

»Also, was ist es, Frau?«

»Ich wollte den Herrn Pfarrer um einen Rat bitten.«

»Da haben wir's!« fuhr der Prediger los. »Rat will Sie haben? Ich glaube – Gott verzeihe mir meine sündigen Gedanken! – diese Menschen bilden sich ein, ein Priester sei ein Mann, der eine Krambude hält, – oder sagen wir eine Apotheke, – voll von Seelenrat in Kruken und Schubkasten, und daß er das und das nur herauszunehmen, abzuwägen und für einen halben Schilling zu verkaufen brauche! Rat? Sind Sie recht gescheit? Welchen Rat soll ich armer Mann geben, der ich hier sitze und für mich selber keinen Rat weiß? Kann ich keinen Tag Frieden haben? Alle Stunden geht die Apotheker-Türe, selbst in Winterzeiten, wenn der Schnee glatt auf den Dächern liegt und die Leute sich in Gottes Gewalt geben, die Türen zuschließen und still daheim bleiben sollten. Rat? Welcher Sorte soll er denn sein? Hat sich die Tochter mit dem Schatz entzweit, oder will er die Brautgeschenke heraushaben? Sie hätte keine Geschenke annehmen sollen, das ist mein Rat, das ist einer von den billigen; oder sie hätte sich nicht verloben sollen, das ist einer von den teueren, aber ein sicherer.« Er stockte auf einmal. »Ach nein, Sie haben ja gar keine Tochter.«

»Nein.«

»Nein, richtig, nein! Sie haben ja gar keine Tochter, und doch wollen Sie Rat? Was für Not ist es denn, die Sie bedrängt?«

»Die schwerste, in der ein Mensch sich befinden kann.«

Der Zorn des Geistlichen begann sich zu legen; denn es war etwas um die Frau, die da in der Ecke stand und so kurz und bestimmt sprach, was die Luft in der Stube durchkältete. Er ging an den Ofen, setzte sich davor und schürte das Feuer an.

»Nun, es gibt mancherlei Nöte, und wenige können sagen, daß sie die schwerste durchgemacht. Erzählen Sie!«

Salbjorg besann sich eine Weile, dann sagte sie: »Es gibt einen Menschen, der eine schwere Sünde getan hat, und ich bin die einzige, die darum weiß.«

Nun brach der Priester von neuem los. Es war, als habe er auf eine Schlange getreten, die ihm entgegengezischt hatte. »Du mein Schöpfer, da kommen Sie nun wohl hierher, um mir das zu erzählen? Was soll ich mit Ihren Sünden anfangen? Sie niederlegen in mein Archiv, daß ich in meiner eigenen Stube nicht mehr schlafen kann vor allen den dunkeln Taten in meinen Schubfächern?«

Und nun sprudelte er über von den unglaublichsten Klagen über die Frau und die ganze Welt, die nur daran denke, alles Böse los zu werden und in des Priesters Stube niederzulegen, um es selber gut zu haben.

Aber Salbjorg kannte ihn und wußte, daß er Zeit haben mußte, sich auszurasen. Sie schwieg, bis wieder Windstille eintrat, und der Pastor ihr Zeichen gegeben hatte, fortzufahren.

»Ich weiß nicht, ob ich es verschweigen darf,« sagte sie.

»Aber das wissen Sie, daß ich es wissen muß, he? Aber ich will es nicht wissen! Ich will es nicht wissen!« – Er ging wieder auf und ab. »Verschweigen, – hm, – es verschweigen? haben Sie irgendwie Pflicht, es anzuzeigen?«

»Ich laufe Gefahr, meiner Seele Seligkeit zu verlieren, im Fall ich schweige.«

In einem Nu war der Priester verwandelt. Er stockte in seinem ungeduldigen Schreiten, faltete die Hände und sagte: »Frau, nun wird es ja Ernst! Herr, mein Gott! Welche Not seufzt doch zu dir von dieser elenden Welt! – Setzen Sie sich! Sie müssen ja müde sein!«

»Ich bin nicht müde!«

»Ach nein! Ist Ihre Not so groß, wie Sie sagen, so haben Sie wohl nicht Zeit, müde zu sein! Es wird Ihnen recht schwer, sich zu offenbaren?«

»Schwerer, als ich sagen kann.«

»Der, welcher die Untat begangen hat, steht Ihnen wohl nahe?«

»Es ist mein eigener Sohn.«

»Gott stärke Sie! – Ist das Unglück groß, wenn die Tat bekannt wird?«

»Es gilt gewiß das Leben.«

Der Priester sprang auf. »Frau, Frau! wollen Sie Ihren eigenen Sohn ums Leben bringen?«

Zum ersten Mal während des ganzen Gesprächs rührte sich Salbjorg, zum ersten Mal brach all der Jammer, den sie in sich trug, hindurch durch ihre stille, feste, fast harte Weise und die ruhige Sprache, die sie bisher geführt. Denn alle die kalten Schneelasten, die das Unglück in ihrem Kerzen aufgelagert hatte, wurden nun lebendige Frühlingsgewalten, die ihre Trauer mit sich reißen wollten, und unter dem Frost duftete das grüne Gras, und die warme Sonnenluft strich mit tausend tröstlichen Gedanken liebreich über das junge, sprossende Grün in ihrem Innern. Ihre Stimme wurde weich und zitterte, und ihre Blicke suchten sich in des Priesters heimlichste Gedanken einzubohren, als sie fragte: »Meinen Sie, daß ich es verschweigen dürfte

Aber der Prediger kam wieder zur Besinnung.

»Sie sagten, es gälte das Heil zweier Seelen?«

»Ja.«

»Wer ist der andere?«

»Der Vater.«

»So sind sie beide beteiligt?«

»Nein, aber mein Mann weiß, daß etwas Schreckliches geschehen ist, und will mir nicht helfen.«

»Hm; er war in seiner Jugend ein wilder Bursche. Nun fürchten Sie, das Alte könne wieder hervorbrechen, wenn dies ungestraft vorbeiginge?«

»Ja.«

»Haben Sie ihm zugesprochen?«

»Ich habe nichts gespart, wovon ich glaubte, es könne helfen.«

»Aber es hat nichts genützt?«

»Nein.«

»Ja, dann gilt es das Leben, das Leben in doppeltem Sinne. Nun wissen Sie nicht, was Sie wählen sollen. Ja, ja, das sind die schwersten Entscheidungen; soll ich das Leben wählen, das Tod ist, oder den Tod, der Leben ist? Erzählen Sie mir alles!«

Salbjorg erzählte kurz und wahrheitsgetreu, und als sie fertig war, saß der Prediger still und nachdenklich da. Nun war die Sache in seiner Seele Grund gesenkt, und er wog sie in seinem Gewissen. Nach langem Schweigen fragte er: »Glauben Sie selbst, daß Gott von Ihnen fordert, Sie sollen es anzeigen?«

»Ich wollte Sie danach fragen,« antwortete Salbjorg fast unhörbar.

»Aber glauben Sie es selbst?«

Ein leises, aber festes »Ja!« kam von der Frau aus der Zimmerecke her.

Der Priester ging auf und ab, offenbar in schwerem Kampf mit sich selbst. Salbjorg stand und erwartete sein Urteil. Mehrmals tat der Priester einen Schritt nach ihr hin, wandte sich aber immer wieder ab.

Aber plötzlich stand er dicht vor ihr, sah ihr fest in die Augen und sagte fast barsch: »Bitten Sie Gott, daß er Sie tröste, und gehen Sie den Weg, von dem Sie meinen, daß Er ihn will!«

Das war der Axthieb, der Salbjorg's letzte Hoffnung zerschlug.

Das letzte Wort war gesprochen; das Urteil war gefällt; was nun folgte, war nur blind auszuführen.

Kein fernerer Sonnenschimmer fiel mehr herein und ließ ihre Augen glänzen, kein milder Frühlingsregen konnte mehr lösen, was tot und begraben war; kein Scheideweg konnte ihren Fuß mehr aufhalten. Sie stand wieder allein in ihrer Ecke; sie hatte ihr Heim preisgegeben, ihr Haus abgeschlossen und stand fertig zur Reise.

Der Priester sah förmlich flehend nach ihr hin, als habe er ihr ein großes Unrecht abzubitten. Er nahm ihre Hand, bat, sie möge noch warten, sich wärmen und trocknen und etwas genießen. Und da sie nicht warten wollte, erbot er sich, an ihrer Statt zu gehen, und da sie sein Anerbieten abschlug, wollte er sie wenigstens begleiten. Er stand vor ihr und sprach mit ihr und versuchte, seine tränenerstickte Stimme recht barsch und herzlos klingen zu lassen; aber Salbjorg fragte nach keines Menschen Teilnahme mehr und antwortete nur, sie könne sich jetzt selbst helfen. Aber als sie sich verabschiedete und ging, flüsterte der Priester hinter ihr drein: »Frau, diese Nacht wird Ihnen Gott beim jüngsten Gerichte nicht vergessen!«

Und als er dann allein in seiner Stube saß, meinte er, dieses sei eine Mahnung für ihn gewesen, daß er nicht gemütlich in seinem Hause sitzen und die Tausende vergessen dürfe, die draußen ihren schweren Kreuzgang gingen.

Salbjorg fühlte völlige Klarheit in ihrer Seele. Doch wie sie wieder in der dunkeln Nacht durch das Schneewetter watete, konnte sie an keinem Haus vorbeigehen, wo es friedlich und hell war, und an keinem Menschen, der glücklich und zufrieden aussah, ohne daß es in ihr flüsterte: »Noch könntest Du schweigen, noch könntest Du Dein Haus verschonen!« Aber sie watete weiter, bis sie zum Amtshause kam.

Als sie dessen Tür hinter sich zugezogen hatte, war sie fertig.

Sie ging hinein. Der Amtmann befand sich nicht zu Hause. Das war eine neue Prüfung. Sie sollte sich noch eine Nacht besinnen, dachte sie, als sie hinaustrat, und es war ihr, als könne ihr diese Frist noch Erlösung bringen. Sie suchte Obdach im nächsten Hause, aber sie merkte, daß der, den Kummer bedrückt, kein willkommener Gast sei.

Sie las hunderte Fragen in den Gesichtern der Leute, die doch nur der eine Gedanke beschäftigte, was die so fern Wohnende so spät noch im Tale zu schaffen gehabt habe. Die Kinder drückten sich an die Erwachsenen und starrten mit neugierigen Augen auf die fremde Frau mit dem bleichen Gesicht und den scharfen, kohlenschwarzen Brauen, und Salbjorg kam es vor, als ob selbst die Großen verlegen seien, weil sie nicht wußten, wen sie beherbergten, und das Gefühl hegten, daß die Frau vom Fjeld etwas Unheimliches an sich habe. Was würden sie erst sagen, wenn sie wüßten, was es galt, dachte sie, und sie sah sich und die Ihren als die Gebrandmarkten, vor denen jeder zurückwich.

Sie schlief allein in einer kleinen Kammer. Die Leute, die nebenan schliefen, hörten sie stöhnen und leise beten. Wie sie früh in der Dämmerung aufstanden, war ihr Gast schon fort, und eine Weile danach sahen sie sie vom Amtshause her kommen und durch das Tal bergan schreiten. Ehe es aber heller Tag wurde, wußten sie schon, daß sie ihren Sohn als Mörder bei dem Gericht angezeigt hatte.

Als Salbjorg heimkam, folgten ihr zwei Männer, um Jon zu holen. Vater und Sohn waren in der Stube. Gjest saß aus der Bank; nachdem er gehört hatte, was die Fremden wollten, fühlte er, daß er noch der Mann sei, vor dessen Fäuste keiner gern kam; und als er lautlos, fast ohne den Boden zu berühren, wie mit einem einzigen Sprunge, auf die Polizisten losfuhr und schrie: »Wer hat ihm das nachgesagt?« da dachten die beiden an seine gewalttätige Stärke, denn keiner von ihnen antwortete.

Als er aber zum zweiten Mal noch lauter schrie: »Ich frage, wer hat ihn beschuldigt?« da blickten die Männer auf Salbjorg; Gjest folgte ihren Blicken, und als er so der Wahrheit Auge in Auge gegenüberstand, war es vorbei mit der Kraft seiner Glieder und seiner Seele; er starrte finster zu Boden.

Jon raste, gleich einem wilden Tier. Er schlug und stieß, bat und fluchte, solange es möglich war; da er aber sah, daß alles nutzlos sei, schwieg er und sprach nicht eher ein Wort, bis zum Verhör, wo er alles gestand.

Bei den Verhandlungen war Salbjorg als Zeugin zugegen. Niemand sah sie ein einziges Mal schwanken, selbst nicht, als das Urteil fiel, das ihren Sohn zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verdammte, ihren Mann aber freisprach, weil ihm keine Schuld nachzuweisen war.

Sie ging jedes Mal zu Fuß hin und zurück; so auch das letzte Mal hinauf nach ihrem Heim.

Sie schritt an ihrem Vaterhaus vorbei, wo sie unter der lichtgrünen Birke ihren ersten Frühlingstraum geträumt hatte, ohne eine Ahnung von der schweren Herbstzeit, die ihm folgen sollte. Als sie aber auf die Höhe kam und ihr Haus sah und bedachte, daß der kalte Schnee nun nicht nur ihre Wohnstätte, sondern auch ihr Leben tief begraben werde, da sank sie totmüde am Wegrand zusammen, da umfaßte sie mit einem einzigen Blick die ganze Oede, die vor ihr lag, und fühlte bis in ihr tiefstes Innere die Eiseskälte des Lebens, dem sie entgegenging. Sie hatte die Hoffnung ihres eigenen Lebens zu Grabe getragen und besaß nun Zeit, über alles Begrabene zu weinen.


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