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Anhang

Erstes Kapitel.
Bei Tichon.

Die wichtigsten der von Dostojewskij in den Korrekturfahnen gestrichenen Stellen und Lesarten

Als Fußnoten eingepflegt. Re

II. Die Zusammenkunft zwischen Stawrogin und Tichon nach den Notizbüchern Dostojewskijs

Der Bischof Tichon, dem Stawrogin seine Beichte einhändigt, war von Dostojewskij ursprünglich als eine der handelnden Personen im großen, aus fünf Erzählungen bestehenden Roman gedacht, über dessen Plan er im Jahre 1870 Maikow schrieb. Die zweite dieser Erzählungen, auf die Dostojewskij »seine ganze Hoffnung« setzte, sollte in einem Kloster handeln, in das ein Knabe, der ein Verbrechen begangen hat, von seinen Eltern gegeben worden ist, ein »geistig hochentwickelter und verdorbener« Knabe (ein Dostojewskij gut bekannter Typus, wie er selbst hinzufügt), »ein junger Wolf und Nihilist«, der später den wohltätigen Einfluß des Bischofs Tichon erfährt. »In der zweiten Erzählung soll der heilige Tichon der Sadon'sche auftreten«, schrieb Dostojewskij Maikow, »selbstverständlich unter einem andern Namen, doch er wird gleichfalls ein Bischof sein, der sich zur Ruhe in ein Kloster zurückgezogen hat. Vielleicht wird es mir gelingen, eine majestätische, positive, heilige Gestalt zu schaffen. Etwas ganz anderes als Kostanschoglo und als der Deutsche (ich habe seinen Namen vergessen) im ›Oblomow‹, als Lopuchow oder Rachmetow. Ich werde allerdings nichts schaffen, sondern nur den echten Tichon darstellen, den ich längst mit Wonne in mein Herz geschlossen habe.«

Als später im Geiste Dostojewskijs der Plan zu dem gleichfalls nicht ausgeführten Roman »Leben eines großen Sünders« entstand, so sollte der Held dieses Werkes, »bald Gläubiger und bald Atheist« in einem Kloster unter dem Einflüsse der »majestätischen« und »heiligen« Gestalt Tichons eine geistige Wiedergeburt erfahren und als »der größte unter den Menschen« in die Welt zurückkehren.

Als Dostojewskij schließlich endgültig beim Plan zum Roman »Die Teufel« stehen blieb, beabsichtigte er anfangs, darin einen bedeutenden Platz Tichon einzuräumen, dem Stawrogin (der Fürst) seine »Beichte« übergeben sollte, die den Bericht Werchowenskijs von der Petersburger Lebensperiode Nikolai Wsewolodowitschs bedeutend ergänzte und abänderte. (»Die Teufel«, I. Teil, V. Kapitel.)

In den im Moskauer Historischen Museum aufbewahrten Notizbüchern Dostojewskijs finden sich Hinweise auf eine Zusammenkunft zwischen Stawrogin (dem Fürsten) und Tichon, auf den Inhalt ihres Gesprächs und schließlich auch auf das Verbrechen, das Stawrogin in seiner »Beichte« gesteht.

So sollte in den »Aufzeichnungen« Stawrogins folgende Stelle stehen:

»Das alles machte ich als verwöhnter Herr, als ein müßiger, vom Boden losgerissener Mensch. Ich gebe zwar zu, daß die Hauptursache doch in meinem bösen Willen lag und nicht in dem Milieu allein: natürlich verübt niemand solche Verbrechen. Aber alle vom Boden Losgerissenen tun dasselbe, wenn auch in kleinerem Maßstabe. Viele merken ihre Gemeinheiten gar nicht und halten sich für anständig.«

Tichon, der in dieser Notiz als »der Bischof« auftritt, rät, diese Stelle »auszuschließen«, worauf Stawrogin in einem unzufriedenen Ton erklärt: »ich bin kein Literat«.

Diese Stelle fehlt in der »Beichte«. Der Gedanke, daß »viele ebenso sündigen, aber in Frieden mit ihrem Gewissen und in Ruhe leben«, wird hier nicht von Stawrogin, sondern von Tichon ausgesprochen, ebenso wie Tichon und nicht Stawrogin den Gedanken äußert, daß der moralische Fall des letzteren das Resultat der Losgerissenheit vom Boden sei.

In den Notizen Dostojewskijs finden sich auch Hinweise darauf, warum Stawrogin sich entschlossen hatte, seine Aufzeichnungen der Öffentlichkeit zu übergeben.

»Tichon sagt: man muß auf Erden glücklich sein.

»(Fürst:) Ich bin ein müßiger Geist und langweile mich. Ich weiß, daß man auf Erden glücklich sein kann (und muß), und daß es etwas gibt, worin das Glück ist, aber ich weiß nicht, was es für eine Sache ist. – Nein, ich gehöre nicht zu den Enttäuschten. Ich glaube, ich gehöre zu den Verdorbenen und Müßigen.

»Der Fürst zu ihm: ich will meine Kraft erproben und das von dem Mädchen erzählen.«

Wie man aus der Beichte Stawrogins ersahen kann, verübt er sein Verbrechen tatsächlich »aus Langweile«. Dostojewskij begnügt sich nicht mit diesem Geständnis Stawrogins im Texte und versucht am Rande der Korrektur dieses Motiv noch durch folgende Worte zu verstärken:

»Ich sage es offen: manchmal war ich gar nicht weit vom Gedanken, nach Sibirien verschickt zu werden. Vor allen Dingen – langweilte ich mich. Ich langweilte mich so, daß ich mich, wie ich glaube, aufhängen hätte können. Ich erinnere mich, daß ich mich damals viel mit Theologie beschäftigte. Dies zerstreute mich allerdings ein wenig, aber dann wurde es mir noch langweiliger.«

In einer der Notizen Dostojewskijs findet sich auch eine Erklärung dafür, daß Stawrogin im letzten Augenblick doch auf die Veröffentlichung seiner »Beichte« verzichtet:

»Der Bischof sagt, der Katechismus des Glaubens sei gut, aber der Glaube ohne Tat sei tot und verlange nicht die höchste Tat, sondern auch noch die schwierigste moralische Arbeit. D. h.: Nun, Herr, bist du dazu imstande? Und der Fürst gesteht, daß er ein verwöhnter Herr sei, behauptet gelogen zu haben, und das Resultat ist Uri« (d.h. der Gedanke, mit Dascha in die Schweiz zu gehen).

Aus dem hier abgedruckten »neunten Kapitel« ist zu ersehen, daß es zwischen Tichon und Stawrogin zu einem Gespräch über »moralische Arbeit« gar nicht kommt; auch ist das Motiv, warum Stawrogin Tichon verläßt und seine Aufzeichnungen nicht veröffentlicht, ein ganz anderes.

In den Notizbüchern Dostojewskijs finden sich noch folgende Hinweise auf die Zusammenkunft zwischen Tichon und Stawrogin:

»Facit. Stawrogin als Charakter. Alle edlen Anwandlungen bis zu ungeheuren Extremen (Tichon) und alle Leidenschaften (bei grenzenloser Langweile). Er stürzt sich auf die Pflegetochter Darja Pawlowna, Dascha. und auf die Schönheit. Jelisaweta Nikolajewna. Die Schönheit hat er wirklich verachtet und nicht geliebt, ist aber plötzlich in einer (trügerischen und vorübergehenden aber grenzenlosen) Leidenschaft entbrannt und sieht sich, nachdem er das Verbrechen verübt, enttäuscht. Er entging der Strafe, erhängte sich aber selbst.«

An einer anderen Stelle finden wir:

»Er gesteht Tichon, daß es ihm eine Freude sei, sich über die Schönheit lustig zu machen.«

In Wirklichkeit macht sich Stawrogin über Jelisaweta Nikolajewna gar nicht lustig und erwähnt sie überhaupt nur ganz flüchtig in der »Beichte« und in seinem Gespräch mit Tichon.

Es findet sich auch ein Hinweis auf das von Stawrogin verübte Verbrechen: »Das Geheimnis von der Heirat weiß niemand außer der Pflegetochter und der Schönheit.

»Das von der Kleinen weiß Tichon allein.«

Schließlich findet sich auch ein Hinweis auf die Stelle im Roman, wo die Begegnung zwischen Stawrogin und Tichon einzuschalten wäre:

»Stawrogin rät der Pflegetochter, S. T. Stepan Trofimowitsch. zu verlassen und mit ihm in die Schweiz, nach Uri zu fliehen. Das war noch früher. Hier passiert das Mißverständnis mit Step. T-sch, Der Vater Werchowenskijs. der sich pikiert fühlt, weil ihm angeblich Hörner aufgesetzt seien … und die Pflegetochter geht zum Bruder, Schatow, über. In diesem Moment (die Schönheit zeigt Eifersucht) teilt er ihr mit, daß Stawrogin mit der Lahmen verheiratet ist. Jene gerät in Verzweiflung, weil alle ihre Hoffnungen zusammengestürzt seien (denn sie vermutet, daß der Fürst in sie verliebt sei; sie selbst ist aber in ihn bis zum Wahnsinn verliebt); sie lacht über die Pflegetochter, läuft weg und gibt sich dem Fürsten hin. Gleich darauf folgt die Ermordung der Lahmen.

»(Er ist bei Tichon gewesen.)«

Das sind die Notizen, aus denen später die hier abgedruckten Kapitel »Bei Tichon« entstanden sind, die aus unbekanntem Grunde im Roman »Die Teufel« fehlen. Einige Details der »Beichte« Stawrogins hat Dostojewskij später für die Gestalt Werssilows im »Halbwüchsigen« verwendet.

W. Fritsche

Druckschrift vom Roman auf Russisch

 

Druckschrift vom Roman auf Russisch

Druckschrift vom Roman auf Russisch

 


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