Fjodor Dostojewski
Arme Leute
Fjodor Dostojewski

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Den 5. September.

Mein Täubchen, liebe Warwara!

Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke in mich aufgenommen. Ich hatte den ganzen Tag Kopfschmerzen gehabt. Um mich ein bißchen zu erfrischen, ging ich aus und machte einen Spaziergang an der Fontanka. Der Abend war dunkel und feucht. Vor sechs wird es schon dunkel; das liegt in der Jahreszeit! Es regnete nicht; aber es herrschte ein Nebel, der einen ebenso naß machte wie ein richtiger Regen. Am Himmel zogen schwarze Wolken in langen, breiten Streifen hin. Eine Unmenge von Menschen ging auf der Uferstraße, und es mußten auch gerade Leute mit so schrecklichen Gesichtern sein, die einen traurig machen können: betrunkene Bauern, stumpfnasige Finnländerinnen in Männerstiefeln und mit bloßem Kopfe, Arbeiter, Droschkenkutscher, allerlei geringes Volk, das dies und jenes zu 136 besorgen hatte, Straßenjungen; ein Schlosserlehrling in gestreiftem Arbeitskittel, blutarm und mager, mit vollgerußtem Gesichte, ein Schloß in der Hand; ein ausgedienter Soldat von gewaltiger Statur, der auf Käufer für Federmesser und kupferne Fingerringe wartete: Das war das Publikum. Es war offenbar eine Tageszeit, in der anderes Publikum eben nicht da sein konnte. Und ein schiffbarer Kanal ist sie, die Fontanka! Es war eine solche Unmenge von Schiffen darauf, daß man gar nicht begriff, wie sie alle Platz finden konnten. Auf den Brücken saßen Weiber mit nassen Pfefferkuchen und fauligen Äpfeln, und lauter solche schmutzigen, nassen Weiber. Es ist unerfreulich, an der Fontanka spazierenzugehen! Unter den Füßen hat man den feuchten Granit, an den Seiten hohe, schwarze, verräucherte Häuser; unten Nebel und über dem Kopfe auch Nebel. Es war heute ein so trauriger, dunkler Abend.

Als ich an die Gorochowaja-Straße einbog, war es schon ganz dunkel geworden, und das Gas wurde angezündet. Ich war schon lange nicht in der Gorochowaja-Straße gewesen; es hatte sich nicht so getroffen. Eine geräuschvolle Straße! Was für Läden und prächtige Schaufenster; alles strahlt und leuchtet nur so, Kleiderstoffe, Blumen unter Glas, allerlei Damenhüte mit Bändern. Man könnte denken, das alles sei nur so zum Schmuck ausgelegt; aber nein: Es gibt wirklich Leute, die all so etwas kaufen und ihren Frauen schenken. Eine reiche Straße! Auch sehr viele deutsche Bäcker wohnen dort, die gewiß ebenfalls sehr wohlhabend sind. Wie viele Kutschen fahren da fortwährend; wie das Straßenpflaster das nur alles aushält! So luxuriöse Equipagen, die Fenster wie Spiegel, innen Samt und Seide, feine Lakaien mit Epauletten und Degen. Ich blickte in alle Kutschen hinein; es saßen lauter schön geputzte Damen darin, vielleicht Fürstinnen und Gräfinnen. Es war gewiß um die Zeit, wo sie alle zu Bällen und Gesellschaften fahren. Es muß doch interessant sein, so eine Fürstin oder überhaupt eine vornehme Dame aus der Nähe zu sehen; das ist gewiß sehr schön; es ist mir noch nie zuteil geworden, höchstens so wie jetzt, beim Hineinsehen in einen Wagen. Ich mußte dabei an Sie 137 denken. Ach, mein Täubchen, meine Beste! Wenn ich jetzt an Sie denke, blutet mir das Herz! Warum sind Sie, liebe Warwara, so unglücklich? Mein Engelchen! Worin sind Sie denn schlechter als alle die? Sie sind so gut und so schön und so gebildet; warum ist Ihnen da ein so schlimmes Los zugefallen? Warum kommt es fortwährend vor, daß ein guter Mensch sich in Not befindet, während sich einem andern das Glück von selbst aufdrängt? Ich weiß, ich weiß, liebes Kind, es ist nicht recht, so zu denken; das ist Freidenkerei; aber wenn man offenherzig die Wahrheit sagen soll: Warum wird der eine schon im Mutterleibe zu Glück und Wohlleben vorausbestimmt, während ein anderer aus dem Findelhause in die Welt hinaustritt? Und oft genug trifft es sich ja so, daß das Glück irgendeinem Dummkopf zufällt. Der kann dann in den großväterlichen Geldsäcken wühlen und essen und trinken und sich amüsieren, und der andere mag sich bloß die Lippen lecken; zu weiter was taugt er nicht; das kommt ihm zu! Es ist sündhaft, liebes Kind, sündhaft, so zu denken; aber diese Sünde schleicht sich einem unwillkürlich in die Seele. Wenn Sie doch auch in einer solchen Kutsche fahren könnten, meine Beste, mein Sternchen! Dann würden Generäle einen freundlichen Blick von Ihnen zu erhaschen suchen, nicht bloß Menschen von meinem Schlage, und Sie würden nicht in einem alten Gingangkleidchen gehen, sondern in Seide und Gold. Und Sie würden nicht kränklich und mager sein wie jetzt, sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rotbackig, voll und rund. Ich aber würde dann schon glücklich sein, wenn ich auch nur von der Straße nach Ihren hellerleuchteten Fenstern sehen, auch nur Ihren Schatten erblicken könnte; der bloße Gedanke, daß Sie da glücklich und froh sind, mein allerliebstes Vögelchen, würde auch mich froh machen. Aber jetzt! Nicht genug daran, daß schlechte Menschen Sie ins Unglück gebracht haben, wagt nun auch noch so ein gemeiner Wüstling Sie zu beleidigen. Weil er einen eleganten Frack trägt und Sie durch eine goldene Lorgnette ansieht, der Unverschämte, darum kann er sich alles erlauben, darum soll man auch seine 138 schamlosen Rede demütig anhören! Und woher das alles? Weil Sie eine schutzlose Waise sind, weil Sie keinen starken Freund haben, der Ihnen einen zuverlässigen Schutz gewähren könnte. Aber was ist das für ein Mensch, was sind das für Menschen, die sich kein Gewissen daraus machen, eine Waise zu beleidigen? Das ist eine Art Gesindel und keine Menschen, geradezu Gesindel, an dem nichts dran ist; sie werden nur so mitgezählt, sind aber in Wirklichkeit Nullen; das ist meine Überzeugung. So steht es mit ihnen, mit diesen Menschen! Meiner Ansicht nach, meine Beste, verdient der Leiermann, den ich heute in der Gorochowaja-Straße traf, mehr Hochachtung als sie. Er geht wenigstens den ganzen Tag umher und plagt sich ab und wartet auf ein paar kümmerliche Kopeken, von denen er leben will; aber dafür ist er sein eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will nicht um Almosen bitten, sondern müht sich wie eine aufgezogene Maschine ab, um den Leuten Vergnügen zu machen; er sagt gewissermaßen: »Ich mache euch Vergnügen, wodurch ich kann.« Er ist arm, arm, das ist wahr, und bleibt immer so arm; aber doch ist er ein anständiger Armer; er wird müde und friert, müht sich aber dennoch ab; wenigstens auf seine Weise müht er sich ab. Und so gibt es viele ehrenhafte Leute, liebes Kind, die zwar entsprechend dem Maße und der Nützlichkeit ihrer Arbeit nur wenig verdienen, aber sich vor niemandem beugen und niemandem um Brot bitten. Und mit mir steht es gerade ebenso wie mit diesem Leiermann, das heißt, ich bin etwas anderes, etwas ganz anderes wie er; aber in gewissem Sinne, in einem edlen, hohen Sinne, bin ich ganz dasselbe wie er; ich bemühe mich nach Kräften, so gut ich kann. Großes leiste ich ja freilich nicht; aber mehr als jemand leisten kann, darf man auch nicht von ihm verlangen.

Ich bin auf diesen Leiermann deswegen zu sprechen gekommen, liebes Kind, weil ich bei dieser Gelegenheit heute meine Armut doppelt stark empfand. Ich war stehengeblieben und sah dem Leiermann zu. Es gingen mir nämlich so traurige Gedanken durch den Kopf, und da war ich stehengeblieben, um mich zu zerstreuen. Ich stand da, und auch 139 ein paar Droschkenkutscher standen da und ein Dienstmädchen und noch ein kleines Mädchen, das über und über mit Schmutz bespritzt war. Der Leiermann hatte sich vor den Fenstern eines Hauses aufgestellt. Da bemerkte ich einen kleinen Knaben von etwa zehn Jahren, der sich zu unserer Gruppe gesellte; er wäre ganz hübsch gewesen, wenn er nicht so kränklich und mager ausgesehen hätte; auch hatte er nicht viel mehr als das Hemde an und war fast barfuß; so stand er da und hörte mit offenem Munde der Musik zu, ganz entzückt, wie eben Kinder sind! Er sah zu, wie bei dem Leiermann, einem Deutschen, die Puppen tanzten; ihm selbst aber waren Arme und Beine ganz starr vor Kälte; er zitterte am ganzen Leibe und nagte an einem Zipfel seines Hemdsärmels. Ich bemerkte, daß er ein Papier in der Hand hielt. Ein Herr ging vorbei und warf dem Leiermann eine kleine Münze hin; die Münze fiel gerade in die kastenartige, vorn abgezäunte Nische, in der mehrere Figürchen, ein Franzose und ein paar Damen, tanzten. Als sie Münze klapperte, fuhr mein Knabe zusammen, sah sich schüchtern rings um und vermutete offenbar von mir, daß ich das Geld gegeben hätte. Er kam zu mir gelaufen; die Händchen zitterten ihm, und die Stimme zitterte ihm auch, als er mir das Blatt Papier hinhielt und sagte: »Ein Briefchen!« Ich schlug das Papier auseinander – nun, es war der bekannte Inhalt: »Meine Wohltäter . . . die Mutter von drei Kindern liegt im Sterben; die Kinder hungern; bitte, helfen Sie uns! Wenn ich sterbe, so werde ich zum Dank dafür, daß Sie meiner Kleinen jetzt gedacht haben, auch Ihrer, mein Wohltäter, in jener Welt gedenken.« Na, was ist da weiter zu sagen? Es war ja eine einfache, alltägliche Sache; aber was sollte ich ihnen geben? Na, ich gab ihm denn auch nichts. Aber wie leid tat es mir! Ein armer Knabe, ganz blau gefroren, vielleicht auch hungrig; und er log nicht; weiß Gott, er log nicht; ich verstehe mich darauf. Schlimm, daß diese garstigen Mütter die Kinder nicht schonen und sie halbnackt mit derartigen Briefchen bei solcher Kälte hinausschicken. Sie ist vielleicht ein dummes Weib ohne richtigen Charakter; sie hat vielleicht niemanden, der sich ihrer 140 annimmt, und so sitzt sie denn untätig zu Hause, ist vielleicht auch wirklich krank. Na, dann sollte sie sich an die dafür gewiesene Stelle wenden. Aber vielleicht ist sie auch einfach eine Gaunerin und schickt absichtlich, um die Leute zu betrügen, ein hungriges, abgezehrtes Kind aus, das sie dadurch krank macht. Und was lernt so ein armer Junge bei diesen Bittschriften? Sein Herz wird verbittert; er läuft den ganzen Tag umher und bettelt. Es gehen viele Menschen an ihm vorüber; aber sie haben für ihn keine Zeit. Ihr Herz ist wie von Stein, und ihre Worte sind grausam: »Scher dich weg; mach, daß du fortkommst! Solche Dreistigkeit!« Dergleichen bekommt er von allen zu hören, und das Herz des Kindes wird verbittert, und der arme, verschüchterte Knabe zittert vergebens in der Kälte wie ein Vögelchen, das aus dem zerstörten Neste hinausgefallen ist. Die Arme und Beine erstarren ihm; er atmet nur mühsam. Es dauert nicht lange, da hustet er schon; und nun kriecht ihm nach kurzer Zeit die Krankheit wie ein ekles Reptil in die Brust, und dann steht, ehe man es sich versieht, der Tod an dem Lager, auf dem er irgendwo in einem übelriechenden Winkel ohne Hilfe und ohne Rettung liegt, – das ist dann sein ganzes Leben gewesen! Sehen Sie, so ist ein Leben oft beschaffen! Ach, liebe Warwara, es ist eine Qual, so ein »Um Christi willen« zu hören und, ohne etwas zu geben, vorbeizugehen und zu dem Bittenden zu sagen: »Gott wird dir geben!« Manches »Um Christi willen« braucht einem allerdings nicht allzu nahezugehen. (Auch von der Bitte »Um Christi willen« gibt es verschiedene Arten, liebes Kind.) Manchmal kommt diese Bitte so langsam, in gedehntem Tone, gewohnheitsmäßig, auswendig gelernt, so recht bettlerhaft heraus; einem solchen nichts zu geben, das ist noch nicht so besonders peinlich; da denkt man: Das ist ein langjähriger, berufsmäßiger Bettler; der ist es gewohnt; der kommt auch über eine abschlägige Antwort hinweg und versteht sich schon darauf, darüber hinwegzukommen. Aber manches »Um Christi willen« ist ungeübt, echt, furchtbar; so wie heute eines: Als ich von dem Knaben die Bittschrift hinnahm, da stand am Zaune ein Mensch, der nicht alle 141 Passanten um Almosen bat; der sagte zu mir: »Gib mir eine kleine Gabe, Herr, um Christi willen!« und das sagte er mit so stockender, unverstellter Stimme, daß ich vor plötzlichem Schreck zusammenfuhr; aber ich gab ihm nichts, weil ich nichts hatte. Und da gibt es noch reiche Leute, die es nicht leiden mögen, daß die Armen sich über ihr trauriges Los laut beklagen; »sie belästigen einen«, sagen sie; »sie sind aufdringlich!« Ja, die Armut ist immer aufdringlich: Das Stöhnen der Hungrigen stört die Satten im Schlafe!

Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, meine Beste, ich habe es unternommen, Ihnen dies alles zu schildern, zum Teil, um mir das Herz zu erleichtern, hauptsächlich aber, um Ihnen eine Probe meines guten Stiles zu geben. Denn Sie finden gewiß selbst, liebes Kind, daß sich mein Stil seit einiger Zeit bessert. Aber jetzt hat mich eine solche Traurigkeit überkommen, daß ich selbst in tiefster Seele über meine Gedanken Rührung fühle, und obgleich ich selbst weiß, liebes Kind, daß man durch diese Rührung nicht im Werte steigt, so läßt man sich doch dadurch gewissermaßen Gerechtigkeit widerfahren. Und in der Tat, meine Beste, oft erniedrigt man sich selbst ohne allen Grund und meint, keinen Groschen wert zu sein, und schätzt sich geringer als ein Holzspänchen. Aber wenn ich mich eines Vergleiches bedienen darf, so möchte ich sagen: Das kommt vielleicht daher, daß ich selbst verschüchtert und kleinmütig bin wie zum Beispiel jener arme Knabe, der mich um ein Almosen bat. Jetzt aber werde ich gleichnisweise zu Ihnen sprechen, liebes Kind; nun hören Sie mal zu. Wenn ich frühmorgens eilig zum Dienste wandere, dann betrachte ich oft die Stadt, wie sie da erwacht und aufsteht und zu wimmeln und zu rasseln anfängt und der Rauch aus den Schornsteinen quillt, – und da wird man dann manchmal einem solchen Schauspiele gegenüber kleinmütig, als ob man von jemandem auf die neugierige Nase einen Nasenstüber bekommen hätte, und schleicht mit einer entsagenden Handbewegung ganz still und bescheiden auf seinem Wege dahin! Nun aber sehen Sie einmal, was in diesen schwarzen, verräucherten, großen Mietskasernen vorgeht; suchen Sie das zu ergründen, und 142 sagen Sie dann selbst, ob es gerechtfertigt war, sich ohne Sinn und Verstand so niedrig einzuschätzen und in eine unwürdige Betrübnis zu geraten. Vergessen Sie nicht, liebe Warwara, daß ich gleichnisweise rede, nicht im geraden Wortsinne. Na, dann wollen wir also mal sehen, was dort in diesen Häusern geschieht. In einer rauchigen, feuchten Höhle, einer Art von Hundeloch, das nur notgedrungen als Wohnung angesehen wird, erwacht ein Handwerker; er hat die ganze Nacht, beispielsweise gesagt, von Stiefeln geträumt, daß er tags zuvor versehentlich das Leder falsch zugeschnitten hat, als ob der Mensch gerade solches Zeug träumen müßte! Na, er ist Handwerker, Schuhmacher! es ist verzeihlich, wenn er immer nur an Dinge seines Berufes denkt. Er hat kleine Kinder, die umherwinseln, und eine hungernde Frau; und nicht nur die Schuster stehen manchmal so auf, meine Beste. Aber das will noch nichts besagen, und es würde sich nicht der Mühe verlohnen, darüber zu schreiben; aber achten Sie nun darauf, liebes Kind, was für ein Umstand sich hierbei ergibt: Ebendort, in demselben Hause, ein Stockwerk höher oder tiefer, hat auch einem reichen Manne in seinen vergoldeten Gemächern in der Nacht vielleicht von denselben Stiefeln geträumt, das heißt auf eine andere Weise, von Stiefeln einer anderen Fasson, aber doch von Stiefeln; denn in dem Sinne, den ich in diesen Worten verberge, liebes Kind, kommt es so heraus, meine Beste, daß wir alle ein bißchen Schuster sind. Und das wäre alles noch nicht weiter schlimm; das Üble ist nur, daß diesem Reichen niemand zur Seite steht, der ihm ins Ohr flüstern könnte: »So hör doch auf, an solche Dinge zu denken, immer nur an dich zu denken, nur für dich allein zu leben; du bist ja doch kein Schuster; du hast gesunde Kinder; deine Frau bittet dich nicht um etwas zu essen; so blicke doch einmal um dich, ob du nicht für deine Sorgen einen edleren Gegenstand finden kannst als deine Stiefel!« Das war's, was ich Ihnen gleichnisweise sagen wollte, liebe Warwara. Das ist vielleicht gar zu freidenkerisch, meine Beste; aber dieser Gedanke ist bei mir manchmal vorhanden; er überkommt mich manchmal und dringt dann 143 unwillkürlich in Form von heißen Worten aus dem Herzen hervor. Und darum hatte ich eigentlich gar keinen Grund gehabt, zu meinen, daß ich keinen Groschen wert sei; ich hatte mich nur durch den Lärm und das Gerassel einschüchtern lassen! Ich schließe, indem ich Sie bitte, liebes Kind, nicht etwa zu denken, daß ich jemanden bei Ihnen habe verleumden wollen, oder daß ich hypochondrisch geworden bin, oder daß ich das aus irgendwelchem Buche abgeschrieben habe. Nein, liebes Kind, glauben Sie das nicht: Ich verabscheue die Verleumdung und bin nicht hypochrondrisch geworden und habe aus keinem Buche etwas abgeschrieben – hören Sie wohl?

Ich kam in trauriger Gemütsstimmung nach Hause, setzte mich an den Tisch, machte mir die Teekanne warm und schickte mich an, ein oder zwei Gläschen Tee zu trinken. Auf einmal sah ich Gorschkow zu mir hereinkommen, unsern armen Wohnungsgenossen. Ich hatte schon am Morgen bemerkt, daß er immer um die andern Mieter herumschlich und zu mir herantreten wollte. Beiläufig gesagt, liebes Kind: Dessen Lage ist noch weit schlechter als die meinige, unvergleichlich viel schlechter! Er hat ja Frau und Kinder! Ja, wenn ich Gorschkow wäre, ich weiß nicht, was ich an seiner Stelle täte! Na, also mein Gorschkow kam herein und verbeugte sich; an den Wimpern hing ihm wie immer ein Tränchen; er machte einen Scharrfuß; aber er war nicht imstande, ein Wort herauszubringen. Ich ließ ihn auf einem Stuhl Platz nehmen, der allerdings zerbrochen war; aber ich hatte keinen andern. Ich bot ihm Tee an. Er lehnte dankend ab, lehnte lange ab; zuletzt aber nahm er doch ein Glas. Er wollte den Tee ohne Zucker trinken und fing wieder an zu danken, als ich ihm versicherte, Zucker sei dazu nötig; lange Zeit sträubte er sich und lehnte ab; schließlich legte er ein ganz kleines Stückchen in sein Glas und behauptete, der Tee sei außerordentlich süß. Ach, zu welcher Erniedrigung bringt den Menschen die Armut! »Nun, wie geht's, was bringen Sie, lieber Freund?« sagte ich zu ihm. – »Makar Alexejewitsch, mein Wohltäter«, erwiderte er, »seien Sie um Gottes willen barmherzig, und helfen Sie einer 144 unglücklichen Familie; meine Kinder und meine Frau haben nichts zu essen; Sie können sich denken, wie mir als Vater dabei zumute ist.« Ich wollte ihm antworten, aber er unterbrach mich: »Ich fürchte mich hier vor allen, Makar Alexejewitsch«, sagte er, »das heißt, ich fürchte mich eigentlich nicht vor ihnen; aber es ist mir peinlich, mich an sie zu wenden, wissen Sie; sie sind immer so stolz und hochmütig. Ich würde«, sagte er, »Sie, verehrter Freund und Wohltäter, nicht belästigen; ich weiß, daß Sie sich selbst in unangenehmer Lage befinden und mir nicht viel geben können; aber borgen Sie mir wenigstens eine kleine Summe; ich habe deswegen gewagt, Sie zu bitten«, sagte er, »weil ich Ihr gutes Herz kenne. Ich weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben und auch jetzt in Bedrängnis sind, und daß Ihr Herz daher Mitleid empfinden wird.« Und zum Schlusse sagte er: »Verzeihen Sie meine Dreistigkeit und mein unpassendes Benehmen, Makar Alexejewitsch!« Ich antwortete ihm, es würde mir eine Herzensfreude sein, ihm zu helfen; aber ich hätte selbst nichts, so gut wie nichts. »Bester Makar Alexejewitsch«, sagte er zu mir, »ich bitte auch nicht um eine große Summe; aber sehen Sie, soundso« (hier wurde er dunkelrot), »meine Frau und meine Kinder hungern; könnten Sie mir nicht wenigstens zehn Kopeken geben?« Na, da fühlte ich eine starke Herzbeklemmung. »Die sind doch noch weit schlimmer daran als ich!« sagte ich zu mir. Ich besaß aber im ganzen nur noch zwanzig Kopeken und hatte vor, sie morgen für meine eigenen dringendsten Bedürfnisse auszugeben. »Nein, mein Bester«, sagte ich, »es ist mir nicht möglich; soundso«, sagte ich. »Liebster Makar Alexejewitsch«, sagte er, »geben Sie mir nur so viel, wie Sie wollen, wenn auch nur zehn Kopeken.« Na, ich nahm meine zwanzig Kopeken aus dem Kästchen und gab sie ihm, liebes Kind, ich wollte doch ein gutes Werk tun! Ja, ja, die Armut! Ich kam dann mit ihm ins Gespräch. »Wie sind Sie denn in solche Not geraten, lieber Freund«, fragte ich ihn, »und wie kommt es, daß Sie trotzdem ein Zimmer bewohnen, das siebzehn und einen halben Rubel Papier Miete kostet?« Er setzte mir auseinander, daß er das Zimmer vor einem 145 halben Jahr gemietet und die Miete für drei Monate vorausbezahlt habe; dann aber seien allerlei schlimme Umstände zusammengekommen, so daß er nun nicht aus, nicht ein wisse. Er habe erwartet, daß sein Prozeß in dieser Zeit werde entschieden werden. Er hat nämlich einen unangenehmen Prozeß. Sehen Sie, liebe Warwara, er muß sich vor Gericht wegen einer gewissen Sache verantworten. Er prozessiert da mit einem Kaufmann, der bei Lieferungen für den Staat Betrügereien begangen hat; der Betrug wurde entdeckt und der Kaufmann vor Gericht gezogen; dieser aber verwickelte in seine Betrugsangelegenheit auch Gorschkow, der mit den Lieferungen irgendwie zu tun gehabt hatte. In Wirklichkeit hat Gorschkow sich nur Fahrlässigkeit, Mangel an Aufmerksamkeit und ein allerdings unverzeihliches Außerachtlassen des fiskalischen Interesses zuschulden kommen lassen. Der Prozeß dauert schon mehrere Jahre; Gorschkow hat mit immer neuen Hindernissen zu kämpfen. »Eine Ehrlosigkeit, deren man mich beschuldigt«, sagte Gorschkow zu mir, »habe ich nicht begangen, absolut nicht begangen; der Gaunerei und des Diebstahls habe ich mich nicht schuldig gemacht.« Diese Sache hat aber doch einen gewissen Makel auf ihn geworfen; er ist vom Dienste suspendiert worden, und obgleich man nicht gefunden hat, daß er sich kriminell strafbar gemacht habe, so kann er doch vor seiner vollständigen Rechtfertigung nicht von dem Kaufmann eine beträchtliche Summe Geldes herausbekommen, die ihm zukommt, und die er vor Gericht von ihm beansprucht. Ich glaube ihm; aber das Gericht glaubt ihm nicht auf sein bloßes Wort; die Sache hat so viele Haken und Knoten, daß sie sich in hundert Jahren nicht alle entwirren lassen. Und kaum hat man einen kleinen Teil derselben entwirrt, so kommt der Kaufmann mit einer neuen Finte und dann wieder mit einer neuen. Ich nehme an Gorschkows Unglück herzlichen Anteil, meine Beste, und bemitleide ihn sehr. Er hat keine Stellung; wegen seiner anscheinenden Unzuverlässigkeit wird er nirgends angenommen; ihre Ersparnisse haben sie aufgezehrt; der Prozeß ist verworren; aber sie müssen doch leben; und nun wurde ihnen noch 146 recht zur Unzeit ein Kind geboren, na, das macht Ausgaben; der Sohn wurde krank, neue Ausgaben; er starb, wieder Ausgaben; die Frau ist krank; er selbst leidet an einer alten, chronischen Krankheit: kurz, es ist ein Elend, ein schreckliches Elend! Er sagt übrigens, er erwarte in diesen Tagen eine günstige Entscheidung seines Prozesses, und es sei jetzt daran nicht mehr zu zweifeln. Er tut mir leid, er tut mir leid; sehr leid tut er mir, liebes Kind! Ich war freundlich gegen ihn. Er ist ein verstörter, verschüchterter Mensch und sucht einen Gönner, und da bin ich denn freundlich gegen ihn gewesen. Na, leben Sie wohl, liebes Kind; Christus sei mit Ihnen; ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit. Sie, mein Täubchen! wenn ich an Sie denke, so ist es mir, als legte ich Balsam auf meine kranke Seele, und obgleich ich mich um Sie sorge, so ist mir doch bei diesen Sorgen leicht ums Herz.

Ihr aufrichtiger Freund

Makar Dewuschkin.

 

Den 9. September.

Liebste Warwara Alexejewna!

Ich schreibe Ihnen ganz außer mir. Ein seltsames Ereignis hat mich in die größte Aufregung versetzt. Der Kopf ist mir ganz schwindlig. Ich habe ein Gefühl, als drehe sich alles um mich herum. Ach, meine Beste, was ich Ihnen jetzt erzählen werde! Daß so etwas kommen würde, haben wir doch nicht geahnt. Oder vielmehr, ich glaube doch, daß ich es geahnt habe; ich habe das alles geahnt. Mein Herz hat das alles vorausgefühlt. Ich habe erst neulich etwas Ähnliches geträumt.

Was sich zugetragen hat, ist folgendes. Ich werde es Ihnen ohne Stil erzählen, so wie Gott es mir in die Seele legt. Ich ging heute zum Dienst. Ich kam hin, setzte mich auf meinen Platz und fing an zu schreiben. Sie müssen aber wissen, liebes Kind, daß ich auch gestern geschrieben habe. Na, also gestern trat Timofej Iwanowitsch zu mir heran und gab mir persönlich einen Auftrag: »Hier ist ein wichtiges, eiliges 147 Aktenstück«, sagte er. »Schreiben Sie es ab, Makar Alexejewitsch, recht sauber, recht schnell und recht sorgfältig; es geht heute zur Unterschrift.« Ich muß Ihnen bemerken, mein Engelchen, daß ich gestern den ganzen Tag über nicht wußte, wo mir der Kopf stand, und nichts ansehen mochte; es hatte mich eine solche Traurigkeit, ein solcher Gram überkommen! Im Herzen fühlte ich eine solche Kälte, und in meiner Seele war es dunkel; ich mußte immerzu an Sie denken, mein armes Sternchen. Na also, ich machte mich an die Abschrift. Ich schrieb sauber und schön; nur (ich weiß nicht, wie ich es Ihnen genauer erklären soll, ob mich der Böse selbst konfus machte, oder ob es durch einen geheimen Schicksalsbeschluß so vorherbestimmt war, oder ob es einfach so geschehen mußte), nur ließ ich eine ganze Zeile aus, so daß Gott weiß was für ein Sinn herauskam oder einfach Unsinn. Mit dem Aktenstück entstand gestern eine Verzögerung, und es wurde Seiner Exzellenz erst heute zur Unterschrift vorgelegt. Ich erscheine heute, als ob nichts geschehen wäre, zur gewöhnlichen Stunde und setze mich neben Jemeljan Iwanowitsch. Ich muß Ihnen bemerken, meine Beste, daß ich seit einiger Zeit angefangen habe, mich noch viel mehr zu genieren und zu schämen als früher. In der letzten Zeit habe ich überhaupt niemanden mehr angesehen. Sowie unter jemandem der Stuhl knarrt, bin ich mehr tot als lebendig. Ganz ebenso war es auch heute: Ich bückte mich über meine Arbeit, verhielt mich ganz still und saß wie ein Igel da, so daß Jefim Akimowitsch, ein solcher Spötter, wie es vor ihm keinen auf der Welt gegeben hat, laut, so daß alle es hörten, sagte: »Na, Makar Alexejewitsch, warum sitzen Sie denn wie ein betrübter Lohgerber da?« Und dabei schnitt er eine solche Grimasse, daß alle, die um ihn und mich herumsaßen, sich nur so schüttelten vor Lachen, und selbstverständlich auf meine Kosten. Und nun ging's los, nun ging's los! Ich hielt mir die Ohren zu, kniff die Augen zusammen und saß still da, ohne mich zu rühren. Ich pflege das so zu machen; dann hören sie am schnellsten auf. Auf einmal höre ich Lärm, Laufen, unruhige Bewegung; ich höre – täuschen mich auch nicht meine Ohren? man ruft 148 mich, man verlangt nach mir; es wird gerufen: »Dewuschkin!« Das Herz in der Brust fing mir an zu zittern, und ich weiß selbst nicht, warum ich so erschrak; ich weiß nur, daß ich so erschrak, wie es mir in meinem Leben noch nie passiert war. Ich war an meinem Stuhl wie festgewachsen und tat, als wäre nichts geschehen, als wäre ich es gar nicht. Aber da wiederholte sich das Rufen näher und näher. Jetzt wurde schon dicht hinter meinem Ohre gerufen: »Dewuschkin! Dewuschkin! Wo ist Dewuschkin?« Ich blicke auf; da steht Jewstafi Iwanowitsch vor mir und sagt: »Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit dem Aktenstück ein schönes Unheil angerichtet!« Weiter sagte er nichts; aber das war auch schon genug gesagt, nicht wahr, liebes Kind, das war genug gesagt? Ich war wie tot, wurde eiskalt, verlor das Gefühl; ich ging – na, ich begab mich hin mehr tot als lebendig. Man führte mich durch ein Zimmer, durch ein zweites Zimmer, durch ein drittes Zimmer, in das Arbeitszimmer – da stand ich nun! Zuverlässige Rechenschaft über das, was ich in diesem Augenblicke dachte, kann ich Ihnen nicht geben. Ich sah, daß Seine Exzellenz dastanden und um Dieselben herum all die andern. Ich glaube, ich habe keine Verbeugung gemacht; ich hatte das vergessen. Ich war in einer solchen Angst, daß mir die Lippen und die Beine zitterten. Und dazu hatte ich auch allen Grund, liebes Kind. Erstens schämte ich mich; ich warf so ganz zufällig einen Blick nach rechts in einen Spiegel, und das, was ich da erblickte, konnte mich sehr wohl um den Verstand bringen. Und zweitens hatte ich mich immer so benommen, als ob ich überhaupt nicht auf der Welt wäre, so daß Seine Exzellenz kaum von meiner Existenz wissen mochten. Vielleicht hatten Dieselben so beiläufig einmal gehört, daß in ihrem Ressort ein gewisser Dewuschkin vorhanden sei; aber in nähere Beziehung waren Dieselben zu mir nicht getreten.

Seine Exzellenz begannen zornig: »Was haben Sie da gemacht, mein Herr? Warum haben Sie nicht aufgepaßt? Das ist ein wichtiges Aktenstück, das Eile verlangt, und Sie verderben es. Was sagen Sie dazu?« Hier wandten sich Seine 149 Exzellenz zu Jewstafi Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne Worte, die an mein Ohr schlugen: »Nachlässigkeit! Unachtsamkeit! Sie bringen uns in Unannehmlichkeiten!« Ich wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen. Ich wollte um Verzeihung bitten; aber ich konnte es nicht; ich wollte davonlaufen; aber ich wagte es nicht; und nun, nun, liebes Kind, begab sich etwas Derartiges, daß ich auch jetzt noch vor Beschämung kaum die Feder halten kann. Einer meiner Rockknöpfe (hol ihn der Teufel!), ein Knopf, der nur an einem Faden hing, riß auf einmal ab, fiel herunter (ich hatte offenbar unversehens daran gestreift), machte klappernd ein paar Sprünge, kam ins Rollen und rollte geradeswegs (so ein verfluchtes Ding!) zu den Füßen Seiner Exzellenz hin, und das alles inmitten des allgemeinen Schweigens! Das war meine ganze Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, meine ganze Antwort, alles, was ich Seiner Exzellenz hatte erwidern wollen! Die Folgen waren schrecklich. Seine Exzellenz wandten sofort ihre Aufmerksamkeit meiner Gestalt und meinem Anzuge zu. Ich dachte an das, was ich im Spiegel gesehen hatte, und stürzte auf den Knopf zu, um ihn zu haschen! Das war ein dummer Einfall von mir! Ich bückte mich und wollte den Knopf greifen; aber er rollte weiter und drehte sich und ließ sich nicht fassen; kurz, auch im Punkte der Geschicklichkeit blamierte ich mich. Da hatte ich das Gefühl, daß auch meine letzten Kräfte mich verließen und jetzt alles, alles verloren war! Mein ganzes Renommee war verloren, der ganze Mensch zugrunde gegangen! Und in beiden Ohren hörte ich merkwürdigerweise die Stimmen Teresas und Faldonis und Glockenläuten. Endlich erwischte ich den Knopf, erhob mich, machte Front und hätte nun wenigstens ruhig dastehen sollen, mit den Händen an der Hosennaht! Aber nein. Ich begann, den Knopf an die zerrissenen Fäden heranzuhalten, als ob er dadurch haften bleiben würde, und lächelte noch dazu; ja, ich lächelte noch. Seine Exzellenz hatten sich zuerst abgewandt; dann blickten Dieselben wieder nach mir hin, und ich hörte, wie Seine Exzellenz zu Jewstafi Iwanowitsch sagten: »Was stellt das vor? Sehen Sie nur, in welchem Zustande er sich 150 befindet! Wie sieht er aus? Was hat er nur?« Ach, meine Beste, was war da viel zu fragen: »Wie sieht er aus, und was hat er nur?« Ich hatte mich blamiert! Ich hörte, wie Jewstafi Iwanowitsch sagte: »Nicht zu tadeln gewesen, in keiner Hinsicht zu tadeln gewesen, musterhafte Führung, ausreichendes, etatsmäßiges Gehalt . . .« »Na, greifen Sie ihm ein bißchen unter die Arme«, sagten Seine Exzellenz; »geben Sie ihm einen Vorschuß . . .« »Vorschuß hat er schon genommen«, wurde erwidert; »er hat schon für längere Zeit Vorschuß erhalten. Seine Verhältnisse sind offenbar recht schlecht; aber er hat sich gut geführt und hat sich keinen Tadel zugezogen, niemals.« Mir war glühend heiß, mein Engelchen; ich brannte wie im höllischen Feuer! Ich war nahe daran, zu sterben! »Na«, sagten Seine Exzellenz laut, »dann müssen wir es so schnell wie möglich noch einmal abschreiben lassen; Dewuschkin, kommen Sie einmal hierher; schreiben Sie es noch einmal ohne Fehler ab; aber hören Sie . . .« hier wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen, erteilten ihnen verschiedene Aufträge, und alle verließen das Zimmer. Sowie sie hinausgegangen waren, zogen Seine Exzellenz eilig ihre Brieftasche heraus und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. »Da!« sagten Seine Exzellenz; »soweit es in meinen Kräften steht; halten Sie es, wofür Sie wollen; nehmen Sie . . .« und damit schoben Dieselben mir die Banknote in die Hand. Ich fuhr zusammen, mein Engelchen; meine ganze Seele war in ihrer tiefsten Tiefe erschüttert; ich weiß nicht, wie mir wurde; ich wollte die Hand Seiner Exzellenz ergreifen, um sie zu küssen. Aber Seine Exzellenz wurden ganz rot, mein Täubchen, und (ich weiche hier auch nicht um ein Haarbreit von der Wahrheit ab, meine Beste) Dieselben ergriffen meine unwürdige Hand und schüttelten sie, gerade wie wenn ich ihresgleichen, ein ebensolcher General wäre. »Gehen Sie«, sagten Seine Exzellenz; »soweit es in meinen Kräften steht . . . Machen Sie keine Fehler; wir wollen uns in den Schaden teilen.«

Jetzt, liebes Kind, hören Sie, was ich beschlossen habe: Sie und Fedora bitte ich, und wenn ich Kinder hätte, so würde 151 ich auch denen befehlen, zu Gott zu beten, das heißt folgendermaßen: Für ihren Vater sollten sie nicht beten, aber für Seine Exzellenz sollten sie täglich und lebenslänglich beten! Und dann will ich Ihnen noch etwas sagen, liebes Kind, und ich sage das in feierlicher Weise; hören Sie gut zu, liebes Kind: Ich schwöre Ihnen, daß, wie sehr mich auch der seelische Kummer in den traurigen Tagen unserer Bedrängnis niederdrückte, wenn ich Sie und Ihre Nöte und mich und meine Erniedrigung und Unfähigkeit ansah, trotz alledem schwöre ich Ihnen, daß mir die hundert Rubel nicht so wertvoll sind wie der Umstand, daß Seine Exzellenz selbst mir, einem so unbedeutenden Menschen und Trunkenbolde, meine unwürdige Hand zu drücken geruht haben! Dadurch haben Seine Exzellenz mich mir selbst wiedergegeben. Durch diese Handlung haben Dieselben meine Seele vom Tode auferweckt, mir das Leben für alle Zeit versüßt, und ich bin fest überzeugt, daß, wenn ich auch vor dem Allerhöchsten ein noch so großer Sünder bin, mein Gebet für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch zu seinem Throne gelangen wird! . . .

Liebes Kind! Ich befinde mich jetzt in einer schrecklichen Zerrüttung meiner seelischen Kräfte, in einer furchtbaren Aufregung! Mein Herz schlägt heftig und möchte aus der Brust herausspringen. Und ich selbst bin ganz matt und schwach geworden. – Ich sende Ihnen fünfundvierzig Rubel Papier; zwanzig Rubel werde ich der Wirtin geben; fünfunddreißig werde ich behalten: Für zwanzig Rubel werde ich meine Garderobe in Ordnung bringen, und fünfzehn behalte ich zum Leben. Nur haben jetzt alle diese Eindrücke vom Vormittag mein ganzes Wesen schwer erschüttert. Ich werde mich ein bißchen hinlegen. Übrigens bin ich ruhig, sehr ruhig. Nur in der Seele habe ich eine Art von Reißen, und ich höre, wie dort in der Tiefe meine Seele zuckt und zittert und bebt. – Ich werde zu Ihnen kommen; jetzt aber bin ich wie betäubt von all diesen Empfindungen . . . Gott sieht alles, Sie mein liebes Kind, mein teures Täubchen!

Ihr würdiger Freund

Makar Dewuschkin. 152

 

Den 10. September.

Mein liebster Makar Alexejewitsch!

Ich freue mich unaussprechlich über Ihr Glück und weiß die Seelengüte Ihres Vorgesetzten zu würdigen, mein Freund. Jetzt können Sie also von ihrem Leide aufatmen! Aber um des Himmels willen, geben Sie nicht wieder Geld für unnütze Dinge aus! Leben Sie still und möglichst bescheiden, und beginnen Sie gleich von diesem Tage an, immer wenigstens etwas beiseite zu legen, damit Sie nicht plötzlich wieder in Not kommen. Um uns aber machen Sie sich, ich bitte Sie inständigst, keine Sorgen. Fedora und ich werden uns schon durchschlagen. Warum haben Sie uns so viel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch! Wir brauchen gar nichts. Wir sind auch mit dem zufrieden, was wir haben. Allerdings werden wir bald zum Umzug aus dieser Wohnung Geld nötig haben; aber Fedora hofft, von jemand eine alte Schuld zurückgezahlt zu bekommen. Ich behalte jedoch zwanzig Rubel für den Fall der Not; das übrige schicke ich Ihnen wieder zurück. Bitte, sparen Sie sich dieses Geld, Makar Alexejewitsch! Leben Sie wohl! Führen Sie jetzt ein ruhiges Leben; ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit und Frohsinn. Ich würde Ihnen mehr schreiben; aber ich fühle eine furchtbare Müdigkeit; gestern bin ich den ganzen Tag nicht aus dem Bett aufgestanden. Sie haben gut daran getan, daß Sie versprochen haben, zu uns zu kommen. Besuchen Sie mich, bitte, Makar Alexejewitsch!

W. D.

 

Den 11. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich bitte Sie flehentlich, meine Beste, trennen Sie sich jetzt nicht von mir, jetzt, wo ich vollkommen glücklich und zufrieden bin. Mein Täubchen! Hören Sie nicht auf Fedora; ich will auch alles tun, was Sie verlangen; ich werde mich gut führen, schon allein aus Verehrung für Seine Exzellenz; ich werde mich gut und tadellos führen; wir werden einander wieder glückselige Briefe schreiben; wir werden 153 einander unsere Gedanken anvertrauen und unsere Freuden und unsere Sorgen, wenn wir Sorgen haben sollten; wir werden einträchtig und glücklich zusammenleben. Wir werden uns mit der Literatur beschäftigen . . . Mein Engelchen! Meine Lage hat sich ja vollständig geändert, und alles hat sich zum Guten gewandt. Die Wirtin ist zugänglicher geworden. Teresa benimmt sich verständiger, und selbst Faldoni zeigt einige Dienstfertigkeit. Mit Ratasjajew habe ich mich ausgesöhnt. Ich bin in der Freude meines Herzens selbst zu ihm gegangen. Er ist wirklich ein gutherziger junger Mensch, liebes Kind, und was über ihn Schlechtes gesagt wurde, das war alles dummes Zeug. Ich habe jetzt eingesehen, daß das alles schändliche Verleumdung war. Er hat überhaupt nicht daran gedacht, uns in einer seiner Schriften abzukonterfeien; das hat er mir selbst gesagt. Er hat mir sein neues Werk vorgelesen. Und was das anlangt, daß er mich damals einen Lovelace genannt hat, so ist das überhaupt kein Schimpfwort und keine unpassende Bezeichnung; er hat mir das auseinandergesetzt. Das ist ein Fremdwort und bedeutet einen forschen Kerl, oder, wenn man es schöner, mehr im literarischen Stil ausdrücken will, so bedeutet es einen Mann, der alle Hochachtung verdient, und nicht irgend etwas anderes, sehen Sie wohl! Es war ein harmloser Scherz, mein Engelchen! Ich ungebildeter Mensch hatte mich aus Dummheit dadurch gekränkt gefühlt. Ich habe ihn aber auch jetzt deswegen um Entschuldigung gebeten . . . Und was ist heute für merkwürdig schönes Wetter, liebe Warwara! Allerdings war es am Morgen etwas kalt, und es fiel ein feiner Regen wie durch ein Sieb. Aber das macht nichts; dafür ist die Luft ein bißchen frischer geworden. Ich ging aus, um mir Stiefel zu kaufen, und erstand ein wunderschönes Paar. Ich ging auf dem Newski-Prospekt spazieren. Ich las die »Biene«. Ja! die Hauptsache habe ich Ihnen noch zu erzählen vergessen.

Also hören Sie:

Heute früh kam ich mit Jemeljan Iwanowitsch und mit Axenti Michailowitsch ins Gespräch über Seine Exzellenz. Ja, liebe Warwara, ich bin nicht der einzige, gegen den Seine 154 Exzellenz so gütig gewesen sind. Ich bin nicht der einzige, dem Dieselben Wohltaten erwiesen haben, und die Herzensgüte des hohen Herrn ist der ganzen Welt bekannt. An vielen Stellen wird ihm zu Ehren sein Lob gesungen und fließen Tränen der Dankbarkeit. Ein Waisenmädchen ist bei ihm erzogen worden, und er hat sie versorgt, sie an einen geachteten Mann verheiratet, der bei ihm selbst »zu besonderen Aufträgen« angestellt ist. Den Sohn einer Witwe hat er in einer Kanzlei untergebracht und auch sonst noch vielen viele Wohltaten erwiesen. Ich hielt es für meine Pflicht, liebes Kind, sogleich auch mein Scherflein beizusteuern, und erzählte allen laut die Handlungsweise seiner Exzellenz; ich erzählte ihnen alles und verheimlichte ihnen nichts. Dabei ließ ich Scham Scham sein. Scham und Ambition sind unter solchen Umständen bedeutungslos. Also erzählte ich alles laut; mögen die Taten Seiner Exzellenz bekannt und berühmt werden! Ich sprach mit Begeisterung, mit warmem Gefühl, ohne zu erröten; ich war vielmehr stolz darauf, daß ich imstande war, so etwas zu erzählen. Ich habe alles erzählt (nur von Ihnen habe ich verständigerweise geschwiegen, liebes Kind): Von meiner Wirtin und von Faldoni und von Ratasjajew und von den Stiefeln und von Markow – alles habe ich erzählt. Einige lächelten dabei einander zu; ja, die Wahrheit zu sagen, das taten sie alle. Aber sie fanden gewiß an meiner Figur etwas komisch oder in bezug auf meine Stiefel – gewiß in bezug auf meine Stiefel. Aber in irgendwelcher schlechten Absicht konnten sie es unmöglich tun. Das taten sie nur so infolge ihrer Jugendlichkeit, oder deswegen, weil sie wohlhabende Leute sind; aber in schlechter, böser Absicht konnten sie über meine Worte bestimmt nicht lächeln. Ich meine, in bezug auf Seine Exzellenz konnten sie das bestimmt nicht tun. Nicht wahr, liebe Warwara?

Ich kann immer noch nicht recht zur Besinnung kommen, liebes Kind. Alle diese Vorgänge haben mich ganz wirr gemacht! Haben Sie auch Holz? Erkälten Sie sich nur nicht, liebe Warwara; man kann sich im Umsehen eine Erkältung zuziehen. Ach, liebes Kind, mit Ihren traurigen Gedanken 155 drücken Sie mich ganz nieder. Ich bete für Sie, liebes Kind, bete für Sie innig! Haben Sie zum Beispiel wollene Strümpfe oder sonstige warme Kleidungsstücke? Nehmen Sie sich ja in acht, mein Täubchen! Wenn Sie irgend so etwas brauchen, dann kränken Sie, bitte, mich alten Mann nicht, sondern wenden Sie sich ohne weiteres an mich! Die schlechten Zeiten sind jetzt vorüber. Über mich brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen. Die ganze Zukunft ist so hell und schön!

Aber es war eine traurige Zeit, liebe Warwara! Naja, jetzt ist es ja ganz egal; sie ist vergangen! Die Jahre werden vergehen, und wir werden uns auch an diese Zeit mit einem leisen Seufzer erinnern. Ich denke an meine Jugendjahre zurück. War das eine Zeit! Manchmal hatte man nicht eine Kopeke. Man fror und hungerte, war aber doch vergnügt. Am Morgen ging man auf dem Newski-Prospekt spazieren, und wenn man dann einem hübschen Gesichtchen begegnete, so war man für den ganzen Tag glücklich. Es war eine herrliche, herrliche Zeit, liebes Kind! Es ist schön, auf der Welt zu leben, liebe Warwara! Besonders in Petersburg. Mit Tränen in den Augen habe ich gestern vor Gott dem Herrn Buße getan und ihn angefleht, mir alle meine Sünden in dieser traurigen Zeit zu vergeben: mein Murren, meine Freidenkerei, meine Ausschweifung, meine Heftigkeit. Ihrer habe ich in meinem Gebete mit Rührung gedacht. Sie sind die einzige, mein Engelchen, die mich aufrechtgehalten und getröstet und durch heilsame Ratschläge und Belehrungen geleitet hat. Ich kann das nie vergessen, liebes Kind. Ihre Briefe habe ich heute alle einen nach dem andern geküßt, mein Täubchen! Nun leben Sie wohl, liebes Kind! Ich höre, daß hier irgendwo in der Nähe eine Uniform zu verkaufen ist; da werde ich mich mal ein bißchen erkundigen. Leben Sie wohl, mein Engelchen! Leben Sie wohl!

Ihr Ihnen herzlich ergebener

Makar Dewuschkin. 156

 

Den 15. September.

Geehrter Herr Makar Alexejewitsch!

Ich bin in schrecklicher Aufregung. Hören Sie, was bei uns geschehen ist. Ich ahne etwas Verhängnisvolles. Urteilen Sie selbst, mein teuerster Freund: Herr Bykow ist in Petersburg. Fedora ist ihm begegnet. Er fuhr, ließ anhalten, kam selbst auf Fedora zu und erkundigte sich, wo sie wohne. Sie wollte es ihm nicht sagen. Darauf sagte er lächelnd, er wisse, wer bei ihr wohne. (Offenbar hat ihm Anna Fjodorowna alles erzählt.) Da konnte sich Fedora nicht beherrschen und machte ihm gleich dort auf der Straße Vorwürfe, schalt ihn und sagte ihm, er sei ein sittenloser Mensch und die Ursache meines ganzen Unglücks. Er antwortete, wenn jemand kein Geld habe, dann sei er selbstverständlich unglücklich. Fedora sagte ihm, ich würde es verstanden haben, von meiner Hände Arbeit zu leben; auch hätte ich mich verheiraten oder auch eine Stelle annehmen können; aber jetzt sei mein Glück für immer vernichtet; zudem sei ich krank und würde bald sterben. Hierauf bemerkte er, ich sei noch sehr jung, und in meinem Kopfe gäre es noch, und unsere Tugenden seien ein bißchen angelaufen (seine Worte). Fedora und ich dachten, er wisse unsere Wohnung nicht; da trat er plötzlich gestern, als ich gerade nach dem Kaufhofe gegangen war, um Einkäufe zu machen, in unser Zimmer; ich glaube, er hatte mich nicht zu Hause treffen wollen. Er befragte Fedora lange nach unserm Leben und Treiben und musterte bei uns alles, besah auch meine Handarbeit; zuletzt fragte er: »Was ist das für ein Beamter, der mit Ihnen bekannt ist?« Gerade in dem Augenblicke gingen Sie über den Hof, und Fedora zeigte Sie ihm; er blickte hin und lächelte. Fedora ersuchte ihn wegzugehen und sagte ihm, ich sei so schon von all dem Gram krank, und es würde mir sehr unangenehm sein, ihn bei uns zu sehen. Er schwieg eine Weile; dann sagte er, er sei nur so zufällig herangekommen, weil er nichts Besseres zu tun gehabt habe, und wollte Fedora fünfundzwanzig Rubel geben; die nahm das Geld natürlich nicht an. – Was mag das alles zu bedeuten haben? Warum ist er zu uns gekommen? Ich verstehe nicht, woher 157 er alles über uns weiß! Ich verliere mich in Mutmaßungen. Fedora sagt, ihre Schwägerin Axinja, die manchmal zu uns kommt, sei mit der Wäscherin Nastasja bekannt, und Nastasjas Vetter sei Hauswart bei der Behörde, bei der ein Bekannter eines Neffen von Anna Fjodorowna angestellt sei. Ob das Gerede auf diesem Wege durchgesickert ist? Sehr möglich übrigens, daß Fedora sich irrt; wir wissen nicht, was wir denken sollen. Ob er wirklich noch einmal zu uns kommen wird? Schon allein der Gedanke daran setzt mich in Schrecken! Als Fedora mir das alles gestern erzählte, war ich so erschrocken, daß ich vor Angst beinah in Ohnmacht fiel. Was wollen sie noch von mir? Ich will jetzt nichts von ihnen wissen! Was habe ich Arme noch mit ihnen zu schaffen? Ach! In welcher Furcht schwebe ich jetzt; jeden Augenblick denke ich, daß Bykow hereintritt. Was soll aus mir werden! Was hat das Schicksal noch für mich in Bereitschaft? Ich bitte Sie inständig, kommen Sie jetzt gleich zu mir, Makar Alexejewitsch! Kommen Sie um Gottes willen, kommen Sie!

 

Den 18. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Am heutigen Tage hat sich in unserer Wohnung ein überaus trauriges, ganz unerklärliches und unerwartetes Ereignis zugetragen. Sie müssen wissen, liebes Kind, daß unser armer Gorschkow vollständig freigesprochen worden ist. Diese Entscheidung war schon lange gefällt; aber heute ging er hin, um das endgültige Urteil zu hören. Der Prozeß hat für ihn einen sehr glücklichen Ausgang genommen. Alles, was ihm zum Vorwurfe gemacht worden war, Fahrlässigkeit und Mangel an Aufmerksamkeit, von allem ist er vollständig freigesprochen worden. Das Gericht hat entschieden, es solle von dem Kaufmann eine bedeutende Geldsumme zu Gorschkows Gunsten eingezogen werden, so daß sowohl seine materielle Lage sich erheblich gebessert hat, als auch seine Ehre von dem Fleck gereinigt und alles wieder gut geworden ist; kurz, alle seine Wünsche sind vollständig 158 erfüllt. Er kam heute um drei Uhr nach Hause. Sein Gesicht sah ganz entstellt aus; er war blaß wie Leinwand; seine Lippen zitterten; aber er lächelte. Er umarmte seine Frau und seine Kinder. Wir alle gingen in dichtem Schwarm zu ihm, um ihn zu beglückwünschen. Er war sehr gerührt über unsere Handlungsweise, verbeugte sich nach allen Seiten und drückte jedem von uns mehrmals die Hand. Es schien mir sogar, als sei er gewachsen und halte sich gerader und habe keine Tränen mehr in den Augen. Er befand sich in der größten Aufregung, der arme Mensch. Er konnte nicht zwei Minuten lang auf einem Fleck bleiben, nahm alles, was vor ihm lag, in die Hände und legte es dann wieder hin; er lächelte unaufhörlich und verbeugte sich, setzte sich hin, stand auf, setzte sich wieder und redete Gott weiß was; unter anderm kamen die Worte vor: »Meine Ehre, meine Ehre, mein guter Name, meine Kinder«, und in welchem Tone er das sagte! Er brach sogar in Tränen aus. Auch wir weinten zum größten Teil. Ratasjajew wollte ihn ohne Zweifel in eine mannhaftere Stimmung versetzen und sagte: »Was hilft einem die Ehre, lieber Freund, wenn man nichts zu essen hat; das Geld, lieber Freund, das Geld ist die Hauptsache; das ist's, wofür Sie Gott danken müssen!« und dabei klopfte er ihm auf die Schulter. Es schien mir, als ob Gorschkow sich verletzt fühlte, das heißt, nicht daß er geradezu sein Mißfallen geäußert hätte; aber er sah Ratasjajew in einer sonderbaren Weise an und nahm dessen Hand von seiner Schulter herunter. Früher hätte er das nicht getan, liebes Kind! Übrigens sind die Charaktere verschieden. Ich zum Beispiel hätte, wenn mir eine solche Freude widerfahren wäre, nicht gleich den Stolz herausgekehrt; sehen Sie, meine Beste, man macht ja manchmal überflüssigerweise eine Verbeugung und benimmt sich demütig, lediglich in einem Anfall von Seelengüte und übermäßiger Weichheit des Herzens . . . indessen von mir ist hier nicht die Rede! »Ja«, sagte er, »auch das Geld ist gut; Gott sei Dank, Gott sei Dank! . . .« Und dann wiederholte er die ganze Zeit über, während wir bei ihm waren, in einem fort: »Gott sei Dank, Gott sei Dank! . . .« Seine Frau bestellte ein besseres und 159 reichlicheres Mittagessen. Unsere Wirtin kochte es selbst für die Familie Gorschkow. Unsere Wirtin ist teilweise eine gutherzige Frau. Aber vor dem Mittagessen war Gorschkow nicht imstande, auf einem Fleck stillzusitzen. Er ging zu allen in die Zimmer, ob er dazu aufgefordert war oder nicht. Er trat ohne weiteres ein, lächelte, setzte sich auf einen Stuhl, sagte etwas oder sagte manchmal auch nichts und ging wieder hinaus. Bei dem Schiffsfähnrich nahm er sogar die Karten in die Hand, und man ließ ihn als vierten Mann mitspielen. Er spielte eine Weile, richtete beim Spiele die größte Verwirrung an, machte drei oder vier Spiele und hörte wieder auf zu spielen. »Nein«, sagte er, »ich wollte ja nur . . . ich wollte ja nur so ein bißchen . . .« und ging hinaus. Mir begegnete er auf dem Flur, ergriff meine beiden Hände und sah mir gerade in die Augen, aber in einer so wunderlichen Weise; er drückte mir die Hand und entfernte sich; und immerzu lächelte er, aber es war ein so sonderbares, starres Lächeln wie bei einem Toten. Seine Frau weinte vor Freude; alles war bei ihnen so fröhlich wie an einem Festtage. Das Mittagessen dauerte nicht lange. Nach dem Mittagessen sagte er zu seiner Frau: »Hör mal, mein Herzchen, ich werde mich ein bißchen hinlegen«, und damit legte er sich auf das Bett. Er rief sein Töchterchen zu sich heran, legte ihr die Hand auf den Kopf und streichelte den Kopf des Kindes lange, lange. Dann wandte er sich plötzlich an seine Frau und sagte: »Was macht denn Petinka? Unser Petja, unser kleiner Petinka? . . .« Die Frau bekreuzte sich und antwortete ihm, der sei ja gestorben. »Ja, ja, ich weiß«, sagte der Mann; »Petinka ist jetzt im Himmel.« Die Frau sah, daß er nicht klar im Kopfe war, daß ihn das Ereignis vollständig erschüttert hatte, und sagte zu ihm: »Du solltest ein bißchen schlafen, mein Herzchen.« »Schön«, erwiderte er, »ich will sogleich . . . ich will ein bißchen . . .« mit diesen Worten wandte er sich ab und lag ein Weilchen still; dann drehte er sich wieder herum und wollte etwas sagen. Die Frau verstand ihn nicht und fragte ihn: »Was ist, lieber Mann?« Aber er gab keine Antwort. Sie wartete ein bißchen; »na«, dachte sie, »er ist eingeschlafen«, und ging auf ein Stündchen zur 160 Wirtin. Nach einer Stunde kehrte sie zurück und sah, daß ihr Mann noch nicht aufgewacht war und still dalag, ohne sich zu rühren. Sie glaubte, er schliefe, setzte sich hin und nahm eine Arbeit vor. Sie erzählt, sie sei etwa eine halbe Stunde lang so in Gedanken versunken gewesen, daß sie sich nicht einmal mehr erinnern könne, woran sie gedacht habe; sie sagt nur, sie habe sogar ihren Mann vergessen gehabt. Aber auf einmal sei sie infolge einer ängstlichen Empfindung zu sich gekommen, und vor allem sei ihr die Grabesstille im Zimmer aufgefallen. Sie habe nach dem Bette hingeblickt und gesehen, daß ihr Mann immer noch in derselben Haltung dagelegen habe. Sie sei zu ihm getreten, habe die Bettdecke weggezogen und ihn angesehen – aber er sei schon ganz kalt gewesen. Er war gestorben, liebes Kind; Gorschkow war gestorben, plötzlich gestorben wie vom Blitze getroffen. Woran er aber gestorben ist, das weiß Gott. Mich hat das so ergriffen, liebe Warwara, daß ich bis zu diesem Augenblicke nicht zur Besinnung kommen kann. Es kommt einem unglaublich vor, daß ein Mensch so einfach hat sterben können. So ein armer, unglücklicher Kerl, dieser Gorschkow! Ach, was für ein Schicksal, was für ein Schicksal! Die Frau schwimmt in Tränen und ist ganz verstört. Das kleine Mädchen hat sich in einen Winkel verkrochen. Bei ihnen ist jetzt ein unruhiges Treiben; es wird eine ärztliche Untersuchung stattfinden . . . Genaueres kann ich Ihnen nicht darüber sagen. Die Leute tun mir leid, so leid! Es ist traurig zu denken, daß wir so tatsächlich weder Tag noch Stunde wissen . . . Man stirbt so ohne weiteres . . .

Ihr

Makar Dewuschkin.

 

Den 19. September.

Geehrtes Fräulein Warwara Alexejewna!

Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, meine Freundin, daß Ratasjajew mir Arbeit für einen Schriftsteller verschafft hat. Es ist einer zu ihm gekommen und hat ihm ein dickes Manuskript gebracht; da habe ich, Gott sei Dank, viel 161 Arbeit. Nur ist es so unleserlich geschrieben, daß ich nicht weiß, wie ich die Sache angreifen soll; und dabei wird es recht schnell verlangt. Auch handelt es über einen Gegenstand, von dem unsereiner gar nichts versteht. Auf vierzig Kopeken für den Bogen haben wir uns geeinigt. Ich schreibe Ihnen das alles deshalb, meine Beste, weil ich jetzt einen Nebenverdienst habe. – Na, aber jetzt leben Sie wohl, liebes Kind; ich will mich gleich an die Arbeit machen.

Ihr treuer Freund

Makar Dewuschkin.

 

Den 23. September.

Mein treuer Freund Makar Alexejewitsch!

Ich habe Ihnen seit vorgestern nichts geschrieben, mein Freund; aber ich habe sehr viel Sorge und sehr viel Aufregung gehabt.

Vorgestern war Bykow bei mir. Ich war allein; Fedora war ausgegangen. Ich öffnete ihm und bekam, als ich ihn erblickte, einen solchen Schreck, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich fühlte, daß ich blaß wurde. Er trat nach seiner Gewohnheit laut lachend ein, nahm sich einen Stuhl und setzte sich. Ich konnte lange Zeit meine Gedanken nicht sammeln; endlich setzte ich mich in eine Ecke an meine Arbeit. Er hörte bald auf zu lachen. Ich bin in der letzten Zeit so mager geworden; meine Backen und meine Augen sind eingefallen; ich war blaß wie Leinwand . . . ich war wirklich schwer zu erkennen für jemand, der mich vor einem Jahre gekannt hat. Er sah mich lange unverwandt an; endlich wurde er wieder heiter. Er sagte etwas; ich erinnere mich nicht, was ich ihm antwortete, und er lachte wieder. Er saß bei mir eine ganze Stunde, redete mit mir und fragte mich nach allerlei. Endlich, bevor er Abschied nahm, ergriff er mich bei der Hand und sagte (ich schreibe Ihnen seine eigenen Worte her): »Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt, Anna Fjodorowna, Ihre Verwandte und meine gute Bekannte und Freundin, ist ein grundgemeines Frauenzimmer.« (Hier bezeichnete er sie noch mit einem 162 unanständigen Worte.) »Sie hat sowohl Ihre Kusine vom rechten Wege abgelenkt als auch Sie zugrunde gerichtet. Was mich betrifft, so habe auch ich mich in diesem Falle wie ein rechter Schuft benommen; na, aber – das ist ja eine Geschichte, wie sie alle Tage vorkommt.« Hier lachte er aus vollem Halse. Dann machte er die Bemerkung, er verstehe nicht schön zu reden; das Wichtigste, was zu sagen gewesen sei, und wovon zu schweigen ihm die Pflicht des Anstandes verboten habe, das habe er schon ausgesprochen und schreite nun mit kurzen Worten zum übrigen. Darauf erklärte er mir, er halte um meine Hand an; er erachte es für seine Pflicht, mir meine Ehre wiederzugeben; er sei reich und werde mich nach der Hochzeit auf sein Gut in die Steppe bringen; er wolle dort Hasen hetzen; er werde nie wieder nach Petersburg kommen, denn in Petersburg sei es gräßlich; er habe hier in Petersburg, wie er sich selbst ausdrückte, einen Taugenichts von Neffen, den der Erbschaft zu berauben er sich fest vorgenommen habe, und speziell zu diesem Zwecke, das heißt in dem Wunsche, gesetzliche Nachkommen zu haben, halte er um meine Hand an; dies sei der Hauptgrund seiner Bewerbung. Dann bemerkte er noch, ich hätte eine sehr ärmliche Wohnung; es sei kein Wunder, wenn ich in einem solchen elenden Ställchen krank würde, und prophezeite mir den unausbleiblichen Tod, wenn ich auch nur noch einen Monat dabliebe; er sagte, in Petersburg seien die Wohnungen überhaupt greulich, und fragte zum Schluß, ob ich irgend etwas brauchte.

Ich war von seinem Antrage so überrascht, daß ich (ich weiß selbst nicht warum) in Tränen ausbrach. Er hielt meine Tränen für Dankestränen und sagte mir, er sei immer davon überzeugt gewesen, daß ich ein gutes, gefühlvolles, gebildetes Mädchen sei; indes habe er sich zu diesem Schritte nicht eher entschlossen, ehe er nicht genaue Erkundigungen über meinen jetzigen Lebenswandel eingezogen gehabt habe. Hier fragte er auch nach Ihnen und sagte, er habe alles gehört; Sie seien ein Mann von anständigen Grundsätzen; er seinerseits wolle nicht Ihr Schuldner sein, und ob Ihnen wohl fünfhundert Rubel für alles, was Sie für mich getan 163 hätten, genügen würden. Als ich ihm erwiderte, Sie hätten für mich getan, was sich mit keinem Gelde bezahlen lasse, sagte er zu mir, das sei dummes Zeug; das seien Romangedanken; ich wäre noch jung und läse Gedichte; die Romane verdrehten den jungen Mädchen nur die Köpfe; die Bücher verdürben nur die Moralität, und er könne keine Bücher ausstehen; er rate mir, erst mal so alt zu werden wie er und dann über die Menschen zu reden; »dann«, fügte er hinzu, »werden Sie auch Menschenkenntnis besitzen«. Dann sagte er, ich möchte mir seinen Antrag ordentlich überlegen; es würde ihm sehr unangenehm sein, wenn ich einen so wichtigen Schritt unbedacht täte, und fügte hinzu, Unbedachtsamkeit und Schwärmerei verdürben die unerfahrene Jugend; er wünsche aber sehr eine günstige Antwort von meiner Seite; im entgegengesetzten Falle werde er sich genötigt sehen, in Moskau eine Kaufmannsfrau zu heiraten; »denn«, sagte er, »ich habe mir geschworen, meinen Taugenichts von Neffen der Erbschaft zu berauben«. Er ließ mit Gewalt auf meinem Stickrahmen fünfhundert Rubel zurück, wie er sagte, zu Konfekt; er sagte, auf dem Lande würde ich aufgehen wie ein Pfannkuchen, und ich würde bei ihm ein Leben haben wie die Made im Speck; er habe augenblicklich sehr viel zu tun, sei den ganzen Tagen in Geschäftsangelegenheiten herumgelaufen und jetzt nur in einer kleinen Zwischenpause zu mir herangekommen. Darauf ging er fort. Ich habe lange nachgedacht, vieles überlegt, mich mit diesen Gedanken herumgequält und bin endlich zu einem Entschlusse gekommen, mein Freund. Ich werde ihn heiraten, mein Freund; ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn jemand mich von meiner Schande befreien, mir meinen ehrlichen Namen wiedergeben, Armut und Entbehrungen und Unglück mir in Zukunft fernhalten kann, so ist das einzig und allein er. Was habe ich denn sonst von der Zukunft zu erwarten, was kann ich vom Schicksal verlangen? Fedora sagt, man dürfe sein Glück nicht vorübergehen lassen; freilich fügt sie hinzu, was denn in einem solchen Falle Glück zu nennen sei. Ich wenigstens finde keinen andern Ausweg für mich, mein teurer Freund. Was soll ich 164 machen? Durch die Arbeit habe ich so schon meine ganze Gesundheit untergraben; beständig arbeiten kann ich nicht. Soll ich in eine dienende Stellung zu fremden Menschen gehen? Ich würde vor Gram dahinsiechen und es außerdem niemandem zu Dank machen. Ich bin von Natur kränklich und würde daher fremden Leuten immer nur eine Last sein. Allerdings werde ich auch jetzt nicht in ein Paradies kommen; aber was soll ich machen, mein Freund, was soll ich machen? Ich habe keine Wahl.

Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich wollte allein überlegen. Der Entschluß, den Sie soeben gelesen haben, ist unabänderlich, und ich werde ihn unverzüglich Bykow mitteilen, der mich sowieso schon zu einer endgültigen Entscheidung drängt. Er hat gesagt, seine Geschäfte zu Hause warteten nicht auf ihn; er müsse heimfahren und könne sie nicht um solcher Lappalien willen aufschieben. Ob ich werde glücklich werden, das weiß nur Gott in Seiner heiligen, unerforschlichen Macht über mein Schicksal; aber ich habe mich entschlossen. Bykow soll ein guter Mensch sein; er wird mich achten, und vielleicht werde auch ich ihn achten. Was kann man von unserer Ehe mehr erwarten?

Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch. Ich bin überzeugt, daß Sie meinen Kummer verstehen werden. Suchen Sie mich nicht von meinem Vorhaben abzubringen; Ihre Bemühungen würden vergeblich sein. Wägen Sie in Ihrem eigenen Herzen alles ab, was mich genötigt hat, so zu handeln! Ich war zuerst sehr aufgeregt; aber jetzt bin ich ruhiger. Was mir die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Geschehe, was geschehen soll; wie Gott will! . . .

Bykow ist gekommen; ich breche den Brief unvollendet ab. Ich wollte Ihnen eigentlich noch vieles sagen. Bykow ist schon hier!

 

Den 23. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich beeile mich, liebes Kind, Ihnen zu antworten; ich beeile mich, liebes Kind, Ihnen mitzuteilen, daß ich im höchsten 165 Grade erstaunt bin. Das ist alles so wunderlich . . . Gestern haben wir Gorschkow begraben. Ja, ganz richtig, liebe Warwara, ganz richtig; Bykow hat ehrenhaft gehandelt; nur sehen Sie, meine Beste . . . also Sie nehmen seinen Antrag an. Gewiß, in allen Dingen geschehe Gottes Wille; ganz richtig, das muß unbedingt so sein; ich meine, hier muß unbedingt Gottes Wille geschehen; die Vorsehung des himmlischen Schöpfers ist gewiß gütig und unerforschlich und Seine Fügungen ebenfalls, die ebenfalls. – Auch Fedora nimmt an Ihnen herzlichen Anteil. Gewiß, Sie werden jetzt glücklich werden, liebes Kind; Sie werden im Wohlstande leben, mein Täubchen, mein Sternchen, Sie mein Goldkind, mein Engelchen, – nur, sehen Sie, liebe Warwara, wie kann denn das so schnell gehen? . . . Ja, die Geschäfte . . . Herr Bykow hat Geschäfte, – gewiß, wer hätte keine Geschäfte; die können auch bei ihm vorkommen . . . ich habe ihn gesehen, als er von Ihnen wegging. Ein stattlicher, stattlicher Mann, sogar ein sehr stattlicher Mann. Nur ist das alles so eigentümlich . . . es handelt sich eigentlich nicht darum, daß er ein stattlicher Mann ist; aber ich bin jetzt ganz wirr im Kopfe. Nur, sehen Sie, wie werden wir denn einander jetzt Briefe schreiben? Und ich, ich, wie kann ich denn hier ganz allein leben? Mein Engelchen, ich wäge alles ab, ich wäge alles ab, wie Sie es mir geschrieben haben; in meinem Herzen wäge ich das alles ab, alle diese Gründe. Ich hatte bei meiner Abschreibearbeit schon den zwanzigsten Bogen fertig, und da trat nun dieses Ereignis ein! Liebes Kind, wenn Sie nun fortziehen, dann müssen Sie doch verschiedene Einkäufe machen, allerlei Schuhzeug und Kleider, und da trifft es sich gut, daß ich einen Laden in der Gorochowaja-Straße kenne; Sie erinnern sich wohl, daß ich ihn Ihnen einmal ausführlich beschrieben habe. – Aber nein doch! Wie können Sie denn, liebes Kind? Was reden Sie nur? Das geht ja gar nicht, daß Sie jetzt fortziehen; das ist vollständig unmöglich, schlechterdings unmöglich. Sie müssen ja große Einkäufe machen und sich auch eine Equipage anschaffen. Außerdem ist auch jetzt schlechtes Wetter; sehen Sie nur hin: Es gießt wie aus Eimern, und es ist ein so nasser Regen, 166 und dann auch noch . . . dann werden Sie auch noch frieren, mein Engelchen; das Herzchen wird Ihnen frieren! Sie fürchten sich ja vor fremden Menschen, und da wollen Sie fortziehen! Und ich, bei wem werde ich denn hier so ganz allein zurückbleiben? Ja, da sagt Fedora, es erwarte Sie ein großes Glück; aber die ist ja ein hitziges Weib und will mich zugrunde richten. Gehen Sie heute zur Abendmesse, liebes Kind? Dann würde ich auch hinkommen, um Sie zu sehen. Das ist die Wahrheit, liebes Kind, die volle Wahrheit, daß Sie ein gebildetes, tugendhaftes, gefühlvolles Mädchen sind; aber mag er doch lieber die Kaufmannsfrau heiraten! Wie denken Sie darüber, liebes Kind? Mag er lieber die Kaufmannsfrau heiraten! – Sobald es dunkelt, liebe Warwara, werde ich auf ein Stündchen zu Ihnen kommen. Jetzt wird es ja früh dunkel; da werde ich also kommen. Ich werde heute bestimmt auf ein Stündchen zu Ihnen kommen, liebes Kind. Sie erwarten jetzt Bykow, und wenn der weggeht, dann werde ich . . . Also erwarten Sie mich, liebes Kind; ich werde kommen . . .

Makar Dewuschkin.

 

Den 27. September.

Mein Freund Makar Alexejewitsch!

Herr Bykow hat gesagt, ich müsse unter allen Umständen drei Dutzend Hemden von holländischer Leinwand haben. Also müssen wir so schnell wie möglich Weißnäherinnen annehmen; wir haben nur sehr wenig Zeit. Herr Bykow ist ärgerlich; er sagt, diese Lappen machten furchtbar viel Schererei. Unsere Hochzeit ist in fünf Tagen, und am Tage nach der Hochzeit fahren wir ab. Herr Bykow drängt zur Eile; er sagt, man dürfe nicht mit Dummheiten viel Zeit verlieren. Ich bin von all der Mühe und Arbeit ganz matt und kann mich kaum auf den Beinen halten. Es ist eine furchtbare Menge zu tun, und wirklich, das beste wäre, wenn man das alles nicht anschaffte. Ja, was ich noch sagen wollte: Es fehlen uns Blonden und Spitzen; daher müssen wir noch zukaufen; denn Herr Bykow sagt, er wolle nicht, 167 daß seine Frau wie eine Köchin herumlaufe, und ich müsse unter allen Umständen bewirken, daß alle Gutsbesitzerfrauen »vor Neid die Platze kriegten«. So hat er sich selbst ausgedrückt. Also, Makar Alexejewitsch, gehen Sie doch, bitte, nach der Gorochowaja-Straße zu Madame Chiffon, und bitten Sie sie, erstens um Weißnäherinnen zu schicken, und zweitens sich selbst zu mir zu bemühen. Ich bin heute krank. In unserer neuen Wohnung ist es so kalt, und es herrscht hier eine schreckliche Unordnung. Herrn Bykows Tante kann kaum noch atmen vor Altersschwäche. Ich fürchte, daß sie noch vor unserer Abreise stirbt; aber Herr Bykow sagt, das habe nichts zu besagen; sie werde sich schon wieder aufrappeln. Bei uns im Hause ist eine schreckliche Unordnung. Herr Bykow wohnt nicht bei uns, und infolgedessen laufen die Dienstboten auseinander, Gott weiß wohin. Es kommt vor, daß niemand als Fedora zu unserer Bedienung da ist; Herrn Bykows Kammerdiener aber, der alles beaufsichtigen soll, ist schon seit vorgestern verschwunden, kein Mensch weiß wohin. Herr Bykow kommt jeden Morgen zu uns gefahren; er ist immer ärgerlich und hat gestern den Hausverwalter geprügelt, weswegen er dann Unannehmlichkeiten mit der Polizei gehabt hat . . . Ich hatte nicht einmal jemand, durch den ich Ihnen einen Brief hätte schicken können. So schreibe ich Ihnen denn jetzt durch die Stadtpost. Ja! beinah hätte ich das Wichtigste vergessen. Sagen Sie doch zu Madame Chiffon, sie möchte die Blonden unbedingt ändern, nach dem gestrigen Muster, und sie möchte selbst zu mir kommen, um mir eine neue Auswahl vorzulegen. Und sagen Sie ihr noch, daß ich mich in betreff der Borte anders besonnen habe; sie soll gehäkelt werden. Und noch eins: Die Buchstaben in den Monogrammen auf den Taschentüchern sollen in Tambourinstich gestickt werden; hören Sie wohl? In Tambourinstich, nicht in Plattstich! Achten Sie wohl darauf, vergessen Sie es nicht: in Tambourinstich! Und da hätte ich noch etwas beinah vergessen! Bestellen Sie ihr doch um Gottes willen, die Blättchen auf der Pelerine sollen erhaben gestickt, die Ranken und Dornen kordonniert und der Kragen mit einer 168 Spitze oder einer breiten Falbel besetzt werden. Bitte, bestellen Sie das, Makar Alexejewitsch!

Ihre

W. D.

P. S. Ich schäme mich, daß ich Sie fortwährend mit meinen Aufträgen belästige. Auch vorgestern sind Sie ja schon den ganzen Vormittag für mich herumgelaufen. Aber was soll ich machen! Bei uns zu Hause ist keine Ordnung, und ich selbst bin krank. Also bitte, ärgern Sie sich nicht über mich, Makar Alexejewitsch! Mir ist so trüb zumute. Ach, was wird das noch werden, mein Freund, mein lieber, guter Makar Alexejewitsch! Ich fürchte mich, auch nur einen Blick auf meine Zukunft zu werfen. Ich habe immer schlimme Ahnungen und lebe in einer steten Benommenheit.

P. S. Um Gottes willen, mein Freund, vergessen Sie nichts von dem, was ich Ihnen jetzt geschrieben habe. Ich fürchte immer, daß Sie dabei irgendwelche Fehler machen. Denken Sie ja daran: Tambourinstich, nicht Plattstich!

W. D.

 

Den 27. September.

Geehrtes Fräulein Warwara Alexejewna!

Ihre Aufträge habe ich sämtlich sorgfältig ausgeführt. Madame Chiffon sagt, sie habe schon selbst daran gedacht, es mit dem Tambourinstich zu besetzen; das sei eleganter, oder dergleichen, ich weiß nicht mehr, ich habe es nicht recht verstanden. Ja, und dann: Sie hatten da etwas von einer Falbel geschrieben; da hat sie denn auch von der Falbel gesprochen. Nur habe ich vergessen, liebes Kind, was sie mir von der Falbel gesagt hat. Ich erinnere mich nur, daß sie sehr viel gesagt hat; so ein gräßliches Frauenzimmer! Was war es doch nur? Aber sie wird Ihnen ja alles selbst auseinandersetzen. Ich bin ganz konfus geworden, liebes Kind. Heute bin ich auch nicht in den Dienst gegangen. Verzweifeln Sie nur nicht ohne Not, meine Beste! Um Ihrer 169 Ruhe willen bin ich gern bereit, in alle Läden zu laufen. Sie schreiben, daß Sie sich fürchten, einen Blick auf Ihre Zukunft zu werfen. Aber heute zwischen sechs und sieben werden Sie ja alles erfahren. Madame Chiffon wird selbst zu Ihnen kommen. Also verzweifeln Sie nicht; hoffen Sie, liebes Kind; vielleicht wird sich noch alles zum Besten wenden, sehen Sie wohl! Aber ich muß immer an die verdammte Falbel denken – ach, diese Falbel, diese Falbel! Ich würde zu Ihnen kommen, mein Engelchen, ich würde zu Ihnen kommen, würde sicher zu Ihnen kommen; ich bin sogar schon ein paarmal bis nahe an das Tor Ihres Hauses gekommen. Aber Bykow, das heißt, ich wollte sagen, Herr Bykow ist immer so zornig, da lasse ich es wohl besser. Ja, was ist zu machen?

Makar Dewuschkin.

 

Den 28. September.

Geehrter Herr Makar Alexejewitsch!

Um Gottes willen, laufen Sie gleich zum Juwelier und sagen Sie ihm, er solle die Ohrgehänge mit Perlen und Smaragden nicht anfertigen. Herr Bykow sagt, das sei zu teuer, das gehe zu sehr ins Geld. Er ist sehr ärgerlich; er sagt, seine Tasche leide sowieso schon schwer; er werde von uns geradezu ausgeplündert; und gestern äußerte er, wenn er vorher gewußt hätte, daß die Geschichte so viel kosten würde, so würde er sich nicht darauf eingelassen haben. Er sagt, wir würden gleich nach der Trauung abreisen; Gäste würden nicht dabeisein; auch solle ich mich nicht darauf spitzen, zu paradieren und zu tanzen; von Festtagen sei noch lange keine Rede. So redet er jetzt! Und Gott weiß, ob meine Wünsche nach all solchen Dingen gehen! Herr Bykow hat ja alles selbst bestellt. Ich wage nicht, ihm etwas zu antworten: Er ist immer gleich so heftig. Was wird aus mir werden?

W. D. 170

 

Den 28. September.

Mein Täubchen, liebe Warwara Alexejewitsch!

Ich – oder vielmehr zuerst: Der Juwelier sagt, es sei gut; von mir selbst wollte ich sagen, daß ich krank geworden bin und das Bett nicht verlassen kann. Gerade jetzt, wo soviel Notwendiges zu besorgen ist, mußte ich mich erkälten; hol's dieser und jener! Auch teile ich Ihnen mit, daß, um mein Unglück voll zu machen, auch Seine Exzellenz heute böse gewesen sind, sich über Jemeljan Iwanowitsch sehr geärgert haben, ihn anschrien und schließlich ganz erschöpft waren, der arme Herr! Sie sehen, ich teile Ihnen alles mit. Ich wollte Ihnen auch sonst noch manches schreiben; aber ich fürchte, Ihnen damit lästig zu fallen. Ich bin ja ein dummer, einfältiger Mensch, liebes Kind, und schreibe so hin, was mir in den Sinn kommt; da haben Sie am Ende gar dort Unannehmlichkeiten davon – ja, was ist zu machen?

Ihr Makar Dewuschkin.

 

Den 29. September.

Beste Warwara Alexejewna!

Heute habe ich Fedora gesprochen, mein Täubchen! Sie sagt, Sie würden schon morgen getraut werden und übermorgen abreisen, und Herr Bykow habe schon Pferde bestellt. Über Seine Exzellenz habe ich Ihnen schon geschrieben, liebes Kind. Was ich noch sagen wollte: Die Rechnungen aus dem Laden in der Gorochowaja-Straße habe ich geprüft; es hat alles seine Richtigkeit, nur ist es sehr teuer. Aber warum ist denn Herr Bykow auf Sie ärgerlich? Na, werden Sie glücklich, liebes Kind! Ich freue mich ja, ich werde mich freuen, wenn Sie glücklich sein werden. Ich würde in die Kirche kommen, liebes Kind; aber ich kann nicht; ich habe Kopfschmerzen. Ich fange immer wieder von unserer Korrespondenz an: Wer wird die nun vermitteln, liebes Kind? Ja! Sie haben Fedora so reich beschenkt, meine Beste! Daran haben Sie ein gutes Werk getan, meine Teure; das war sehr schön von Ihnen. Ein gutes Werk! Und 171 für jedes gute Werk wird Gott Sie segnen. Gute Werke bleiben nicht unbelohnt, und die Tugend wird immer von Gott mit der Krone der Gerechtigkeit gekrönt werden, sei es früher oder später. Liebes Kind! Ich möchte Ihnen gern noch so vieles schreiben; jede Stunde, jeden Augenblick möchte ich Ihnen schreiben, alles möchte ich Ihnen schreiben! Es ist noch ein Ihnen gehöriges Büchelchen in meinen Händen geblieben, »Belkins Erzählungen«; wissen Sie, liebes Kind, nehmen Sie mir das nicht fort; schenken Sie es mir, mein Täubchen! Nicht weil mir soviel daran läge, es nochmals zu lesen. Aber Sie wissen selbst, liebes Kind: Der Winter rückt heran; die Abende werden lang; wenn einem dann traurig zumute wird, dann möchte man gern etwas lesen. Ich werde aus meiner Wohnung in Ihre alte Wohnung umziehen, liebes Kind, und mich bei Fedora einmieten. Von dieser braven Person werde ich mich jetzt unter keinen Umständen trennen; zudem ist sie so arbeitsam. Ich habe mir gestern Ihre leere Wohnung angesehen. Ihr Stickrahmen und die Stickerei darauf sind dort, so wie sie waren, unberührt geblieben; sie befinden sich noch in ihrer Ecke. Ich betrachtete Ihre Stickerei. Es waren auch noch allerlei Zeugflicken zurückgeblieben. Auf einen Brief von mir hatten Sie angefangen Garn aufzuwickeln. Auf dem Tischchen fand ich ein Blatt Papier, auf dem geschrieben stand: »Geehrter Herr Makar Alexejewitsch! Ich beeile mich« – und weiter nichts. Offenbar hatte Sie jemand an der interessantesten Stelle unterbrochen. In einer Ecke steht hinter einem Bettschirm Ihr Bettchen . . . Sie mein Täubchen ! ! ! Nun leben Sie wohl, leben Sie wohl; ich bitte Sie inständig, mir auf diesen Brief recht bald etwas zu antworten.

Makar Dewuschkin.

 

Den 30. September.

Mein teuerster Freund Makar Alexejewitsch!

Es ist alles beendet! Mein Schicksal ist entschieden; von welcher Art es sein wird, das weiß ich nicht; aber ich füge mich in den Willen Gottes. Morgen reisen wir weg. Ich sage 172 Ihnen zum letzten Male Lebewohl, mein teuerster Freund, mein Wohltäter! Grämen Sie sich nicht um mich; leben Sie glücklich; vergessen Sie mich nicht, und Gottes Segen komme über Sie! Ich werde oft an Sie denken und für Sie beten. So ist also diese Zeit nun zu Ende. Es ist nicht viel Erfreuliches, was ich aus den Erinnerungen an die Vergangenheit in das neue Leben hinübernehme; um so wertvoller wird die Erinnerung an Sie sein; um so teurer werden Sie meinem Herzen sein. Sie sind mein einziger Freund; Sie sind der einzige, der mich hier geliebt hat. Ich habe es ja doch gesehen und gewußt, wie sehr Sie mich liebten! Schon über mein Lächeln, schon über eine Zeile von meiner Hand waren Sie glücklich. Jetzt müssen Sie mich entbehren lernen! Wie wird es Ihnen gehen, wenn Sie hier allein zurückbleiben? An wen werden Sie sich hier anschließen, Sie mein guter, teurer, einziger Freund? Ich hinterlasse Ihnen das Büchelchen und den Stickrahmen und den angefangenen Brief; lesen Sie, wenn Sie diese angefangenen Zeilen ansehen, in Gedanken als Fortsetzung alles, was Sie gern von mir gehört oder gelesen hätten, alles, was ich Ihnen nur hätte schreiben können, und was hätte ich Ihnen jetzt nicht alles zu schreiben gehabt! Vergessen Sie Ihre arme Warwara nicht, die Sie so herzlich geliebt hat. Alle Ihre Briefe sind in Fedoras Wohnung in der Kommode geblieben, in der obersten Schublade. Sie schreiben, daß Sie krank sind; aber Herr Bykow läßt mich heute nirgend hingehen. Ich werde Ihnen schreiben mein Freund; das verspreche ich Ihnen; aber Gott allein weiß, was alles geschehen kann. Lassen Sie uns also jetzt für immer voneinander Abschied nehmen, mein lieber, teurer Freund, für immer! . . . Ach, wie würde ich Sie jetzt umarmen, wenn ich bei Ihnen wäre! Leben Sie wohl, mein Freund; leben Sie wohl, leben Sie wohl! Leben Sie glücklich; werden und bleiben Sie gesund! Ich werde lebenslänglich für Sie beten. Oh, wie traurig ist mir zumute; welch ein Druck lastet auf meiner ganzen Seele! Herr Bykow ruft mich. Ihre Sie lebenslänglich liebende

W. 173

P. S. Meine Seele ist jetzt so voll von Tränen, so übervoll . . . Die Tränen ersticken mich, sie sprengen mir die Brust. Leben Sie wohl! O Gott, wie traurig das alles ist!

Vergessen Sie Ihre arme Warwara nicht, vergessen Sie mich nicht!

 

Meine liebe Warwara, mein Täubchen, meine Teuerste!

Man führt Sie fort; Sie fahren weg. Ja, jetzt möchte ich lieber, daß man mir das Herz aus der Brust, als daß man Sie von mir risse! Wie können Sie das nur tun? Sie weinen ja, und dennoch fahren Sie weg? ! Da, der Brief, den ich soeben von Ihnen bekommen habe, ist ja ganz von Tränen befleckt. Also möchten Sie nicht wegfahren; also bringt man Sie mit Gewalt fort; also tut Ihnen der Abschied von mir leid; also lieben Sie mich! Aber wie wird es denn nun werden, mit wem werden Sie nun zusammenleben? Dort wird es Ihnen traurig ums Herz sein, öde und kalt. Der Gram wird an Ihrem Herzen zehren; es wird vor Traurigkeit brechen. Sie werden dort sterben; man wird Sie dort in die feuchte Erde legen; es wird nicht einmal jemand dasein, der um Sie weint! Herr Bykow wird immer nur seine Hasen hetzen! . . . Ach, liebes Kind, liebes Kind! Wofür haben Sie sich da entschieden? Wie konnten Sie sich nur zu einem solchen Schritte entschließen? Was haben Sie getan, was haben Sie getan, was haben Sie sich da nur angetan? Man wird Sie ja dort ins Grab bringen; man wird Sie dort totquälen, mein Engelchen. Sie sind ja doch so schwach wie ein Federchen! Und wo bin ich denn gewesen? Warum habe ich Dummkopf denn untätig gaffend dabeigestanden? Ich sehe, das Kind hat eine Laune, einfach weil ihm der Kopf weh tut. Statt daß ich nun einfach – aber nein! ich gräßlicher Dummkopf denke an nichts und sehe nichts, als wäre das von meiner Seite das Richtige, als ginge die Sache mich gar nichts an; und ich laufe sogar noch nach Falbeln! . . . Nein, liebe Warwara, ich werde aufstehen; zu morgen werde ich vielleicht gesund werden, dann werde ich aufstehen! Ich werde mich vor die Räder werfen; ich werde Sie nicht wegfahren lassen! Aber nein, wirklich, was soll das alles heißen? Mit welchem 174 Rechte geschieht das alles? Ich werde mit Ihnen mitfahren; ich werde hinter Ihrem Wagen herlaufen, wenn Sie mich nicht mitnehmen, und werde aus Leibeskräften laufen, bis ich atemlos niedersinke. Wissen Sie denn auch, wie es an dem Orte aussieht, wo Sie hinfahren, liebes Kind? Sie wissen das vielleicht nicht; da sollten Sie mich doch fragen! Da ist die Steppe, meine Beste, da ist die Steppe, die kahle Steppe, so kahl wie meine Handfläche! Da gibt es nur stumpfsinnige Bauernweiber und ungebildete, trunksüchtige Bauern. Da sind jetzt schon die Blätter von den Bäumen gefallen; da regnet es, da ist es kalt – und nach einem solchen Orte wollen Sie hinfahren! Na, Herr Bykow hat da seine Beschäftigung: Er hat da seine Hasen; aber wie steht es mit Ihnen? Sie wollen eine Gutsherrin sein, liebes Kind? Aber mein lieber kleiner Cherub! sehen Sie sich doch einmal selbst an: Sehen Sie wohl aus wie eine Gutsherrin? . . . Und wie soll denn das werden, liebe Warwara: An wen werde ich denn dann Briefe schreiben, liebes Kind? Ja! Legen Sie sich doch nur die Frage vor, liebes Kind: »An wen wird er dann Briefe schreiben?« Wen werde ich »liebes Kind« nennen, wen werde ich mit diesem freundlichen Namen anreden? Wo werde ich Sie dann zu sehen bekommen, mein Engelchen? Ich werde sterben, liebe Warwara, werde bestimmt sterben; mein Herz wird ein solches Unglück nicht überstehen! Ich habe Sie wie das liebe Tageslicht geliebt, wie ein leibliches Töchterchen habe ich Sie geliebt; alles an Ihnen habe ich geliebt, liebes Kind, Sie meine Teure! Nur für Sie allein habe ich gelebt! Ich habe gearbeitet und Akten abgeschrieben und Spaziergänge gemacht und meine Beobachtungen in Gestalt von freundschaftlichen Briefen zu Papier gebracht, alles nur deshalb, weil Sie, liebes Kind, hier waren und mir gegenüber, in meiner Nähe wohnten. Sie haben das vielleicht nicht gewußt; aber es war genau so! Ja, hören Sie, liebes Kind, überlegen Sie es doch selbst, mein liebes Täubchen, wie ist denn das möglich, daß Sie von uns weggehen, meine Teure; das ist unmöglich; das ist einfach ein Ding der Unmöglichkeit! Es regnet ja doch, und Sie sind so schwächlich; Sie werden sich erkälten. In Ihrem Wagen 175 wird es durchregnen; es wird ganz sicher durchregnen. Und kaum werden Sie den Schlagbaum hinter sich haben, da wird der Wagen in Stücke gehen, unbedingt in Stücke gehen, Hier in Petersburg werden ja ganz jämmerlich schlechte Wagen gebaut! Ich kenne diese Wagenbauer sämtlich; die sind nur darauf bedacht, daß ihr Fabrikat eine moderne Fasson hat; aber es ist gebrechliches Spielzeug, nichts Solides, Haltbares! Ich versichere Ihnen, daß sie nichts Solides fabrizieren! Ich werde mich Herrn Bykow zu Füßen werfen, liebes Kind; ich werde ihm alles darlegen, alles darlegen! Und legen Sie ihm ebenfalls alles dar, liebes Kind; setzen Sie es ihm vernünftig auseinander! Sagen Sie ihm, daß Sie hierbleiben werden, und daß Sie nicht wegfahren können! . . . Ach, warum hat er nicht in Moskau die Kaufmannsfrau geheiratet! Hätte er die doch da geheiratet! Eine Kaufmannsfrau hätte für ihn besser gepaßt, weit besser gepaßt; das ist mir klar! Und dann hätte ich Sie hierbehalten. Was ist er Ihnen denn, liebes Kind, dieser Bykow? Warum haben Sie ihn denn auf einmal so liebgewonnen? Vielleicht deswegen, weil er Ihnen immer Falbeln kauft; ist das vielleicht der Grund? Aber was ist denn so eine Falbel? Wozu dient so eine Falbel? Die ist ja doch nur Unsinn, liebes Kind! Hier handelt es sich um ein Menschenleben; aber sie, die Falbel, ist ja nur ein Läppchen Zeug, liebes Kind; nur ein elendes Läppchen Zeug, liebes Kind, ist sie, diese Falbel! Aber ich selbst werde Ihnen Falbeln kaufen, sobald ich nur mein Gehalt bekomme; ich werde Ihnen welche kaufen; ich kenne da so einen kleinen Laden; lassen Sie mich nur erst mein Gehalt bekommen, mein kleiner Cherub, liebe Warwara! Ach Gott, ach Gott! Also werden Sie unwiderruflich mit Herrn Bykow in die Steppe fahren, um nie wieder zurückzukehren! Ach, liebes Kind! . . . Nein, schreiben Sie mir doch noch einmal; schreiben Sie mir doch noch ein Briefchen über alles, und wenn Sie wegfahren, dann schreiben Sie mir, bitte, doch auch von dort einen Brief! Sonst wäre dies ja der letzte Brief, mein himmlisches Engelchen, und das ist doch ganz unmöglich, daß dies der letzte Brief wäre! Sehen Sie, wie sollte denn das so plötzlich wirklich der 176 allerletzte sein! Nein, ich werde Ihnen schreiben, und schreiben Sie mir auch! . . . Auch mein Stil wird doch jetzt besser . . . Ach, meine Beste, was da Stil! Ich weiß ja jetzt nicht einmal, was ich da schreibe; ich weiß es absolut nicht, ich weiß gar nichts und lese es nicht noch einmal durch und korrigiere den Stil nicht, sondern schreibe und schreibe, nur um Ihnen recht viel zu schreiben . . . Mein Täubchen, meine Teure, Sie mein liebes Kind!

 


 


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