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Heimatliche Kämpfe

I

Mitte März 1729 war Voltaire mit Erlaubnis der Behörden wieder in Frankreich; jedoch nicht in Paris. Nach damaliger Sitte war eine Begnadigung stets begrenzt, stets bedingt. Man setzte eine Probezeit, eine Quarantaine lest. Der Heimgekehrte mußte sich für den Anfang einige Meilen von Paris aufhalten und so wählte denn Voltaire das nahegelegene St. Germain en Laye als Aufenthalt, und mietete sich dort in aller Stille ein paar bescheidene Zimmer bei einem Perückenmacher. Er hatte an seinen ungetreuen Achates, Thiériot, geschrieben, ihm sein Kommen mitgeteilt und um ein Wiedersehen gebeten und der eben bei einem gewissen Herrn de Noce als Schmarotzergast weilende Thiériot verabsäumte nicht, sich bei dem berühmten und einträglichen Freunde einzufinden. Sowie es achtzig Jahre später in Wien einen Mann gab, der auf seine Visitkarten ami de Beethoven hatte setzen lassen, so hatte Thiériot allmählich in der Freundschaft mit Voltaire seine Existenz gefunden. Er war im Gesellschaftsleben gesucht, weil er frische Neuigkeiten über Voltaire brachte und ein mitgenommenes Schreiben oder Gedicht aus dessen Feder vorlesen konnte.

Auf Voltaires Ansuchen, die ihm teils vom König, teils von der Königin von Frankreich bewilligten Jahrgelder neuerdings beheben zu dürfen, hatte der Kardinal von Fleury ihm ein in der Form artiges, in bezug auf den Inhalt aber scharf abweisendes Schreiben gesandt. Er sah ein, daß es hoffnungslos sei, auf die Ausbezahlung der vom König ausgesetzten Pension zu warten. Aber noch hegte er Hoffnung, die Königin umstimmen zu können, und tatsächlich verschaffte sein Freund Pallu, der maître des requêtes (Wortführer im Staatsrat bezüglich der Bittschriften) war und an den er sich wandte, ihm wieder diese Pension, von welcher er dem so sehr geliebten Thiériot sogleich 500 Francs abtrat, wie er ihm auch 600 Francs von den Einkünften versprach, die er sich von seinem Karl dem Zwölften erhoffte.

Dann und wann bloß stahl Voltaire sich nach Paris, wo er sich bei einem der alten Kontoristen seines Vaters verborgen hielt, bis er endlich infolge eines Gesuches an den Minister Maurepas die Erlaubnis erlangte, sich dauernd dort niederzulassen. An die Wohnung bei Madame de Bernières in der Rue de Beaune dachte er nicht mehr, sondern mietete sich eine unansehnliche Unterkunft in einem Hause von ziemlich abstoßendem Aussehen in der Rue Traversière-Saint-Honoré. Er suchte Verborgenheit, um nicht neuerdings Mißfallen zu erregen.

Dies gelang ihm jedoch nicht. Ein bereits obenerwähnter recht bedeutender Treffer in der Lepelletier-Desforts Lotterie, den er eben in diesen Tagen machte, brachte nicht bloß den Generalkontrolleur, sondern auch den Minister gegen ihn auf, so daß er sich abermals ungemein unsicher fühlte und eine Weile daran dachte, nach England zurückzukehren, dann aber statt dessen beschloß, eine Zeitlang aus Paris zu verschwinden. Er begab sich mit demselben Freunde, mit welchem er sich schon früher auf Badereisen zusammengetan hatte, dem Herzog von Richelieu, nach dem Bad in Plombières, das er übrigens in derselben Gesellschaft auch im folgenden Jahre besuchte.

Er hatte in Paris nicht weit von der Comédie française gewohnt, die damals in der heutigen Rue de l'Ancienne Comédie untergebracht war, und abermals stand sein Name auf dem Theaterzettel, als man, seinem Wunsche folgend, seinen Oedipe mit der bewundernswerten Adrienne Lecouvreur als Jokaste wieder in das Repertoire aufnahm.

Die in England begonnene Tragödie Brutus, über die Sagengestalt, die aus Rom die Könige vertrieb und den eigenen Sohn zum Tode verurteilte, war nun beendet: eine wertvolle Arbeit, die nur unter der Schwäche einer den Bühnenforderungen entsprechenden, darin eingelegten Liebesgeschichte leidet.

Als Voltaire den Schauspielern das Stück vorlas, fanden sie keinen sonderlichen Gefallen daran; fühlten sich wohl auch von dem republikanischen Geist abgestoßen. Seiner Gewohnheit gemäß unterzog er das Stück beharrlich neuen Umarbeitungen. Die Tragödie hatte bei ihrer Erstaufführung (Dezember 1730) stürmischen Erfolg, was allerdings nicht viel bedeutete, da das Publikum am ersten Abend zumeist aus Bewunderern und Freunden des Verfassers bestand. Später nahmen Beifall und Zuhöreranzahl stetig ab. Man wollte auf der Bühne Liebe, nicht Römerstrenge sehen, im Theater die Kämpfe, Siege und Niederlagen zweier zärtlicher Herzen erleben, nicht aber Zeuge rauher republikanischer Altertumssitten sein.

Das Ansehen des Autors bei dem gedankenlosen Publikum litt unter einer von dem neidischen Piron geschickt wider ihn geschleuderten Plagiatbeschuldigung. Das Stück sollte aus einem anderen gleichen Namens gestohlen sein, das im Dezember 1690, gerade vierzig Jahre früher, über die Bühne gegangen war, und das von einem Fräulein Bernard unter angeblichem Beistand ihres Freundes Fontenelle verfaßt worden war. Fontenelle selbst war ein allzu vornehmer Schriftsteller, um in diese Beschuldigung einzustimmen. Jean Baptiste Rousseau dagegen, der nun offen als Feind aufzutreten begann, nahm die Plagiatbeschuldigung auf, indem er das Stück »den dritten gewendeten Rock« nannte, den Voltaire dem Publikum als neu präsentierte. Zuerst hätte er sich Corneilles Oedipe angeeignet, zum zweitenmal des alten Dichters Tristan Mariamne, jetzt Fräulein Bernards Brutus. Rousseau bearbeitete und modernisierte sogar Tristans altes Stück und ließ es gleichzeitig mit Voltaires Mariamne aufführen. Das Publikum lehnte es ab. Auf Voltaire wandte Rousseau nun das Wort an, das Molière im dritten Akt der Femmes savantes Trissotin Vadius gegenüber in den Mund gelegt hat:

Allez, fripier d'écrits, impudent plagiaire!

Brutus mußte nach der fünfzehnten Aufführung zurückgezogen werden.

Die Londoner Ausgabe der Henriade wurde verboten. Die für Frankreich bestimmten Exemplare wurden in Calais aufgefangen. Das Bißchen, das man davon rettete, schmuggelte man dadurch ins Land, daß man die Bogen als Emballage für andere Bücher verwendete.

Was Karl den Zwölften betrifft, so war der erste Band eben in 2600 Exemplaren gedruckt worden, als die Ausgabe konfisziert wurde, und zwar aus dem sonderbarsten Grunde: aus Furcht, Karls noch lebenden Gegner, König August von Polen, aufzubringen. Nicht lange danach erwies sich jedoch, daß ein freundliches Verhältnis zu Stanislaw sich sehr wohl mit einem ebensolchen zu August vereinen ließ, da des ersteren Tochter Frankreichs Königin war, während die Tochter des letzteren mit Frankreichs Dauphin verheiratet wurde.

Es handelte sich nun darum – wiederum nach Brauch und Sitte jener Zeit – sowohl die Henriade wie Karl XII. in tiefster Heimlichkeit auf französischem Boden drucken zu lassen. Voltaire wählte als Druckort Rouen, wo er in dem Freunde Cideville, Ratsherrn an dem dortigen Parlament, einen Beschützer besaß und wo es möglich schien, nicht bloß einen diskreten Buchdrucker, sondern zugleich eine Behörde zu finden, die stillschweigend ein Auge zuzudrücken versprach. Voltaire teilte dann seinen sämtlichen Bekannten mit, daß er einen Ausflug nach England unternehme und reiste heimlich nach Rouen, wo er jedoch, um nicht bemerkt zu werden, die ihm von Cideville angebotene Gastfreundschaft nicht anzunehmen wagte. Er wohnte zuerst in einem kleinen elenden und unreinlichen Hotel, l'Hôtel de Mantes, das er in einem Brief an Cideville mit diesen Worten beschreibt:

Arachné tapisse mes murs,
Draps y sont courts, lits y sont durs;
Boiteuses sont les escabelles;
Et la bouteille au cou cassé
Y soutient de jaunes chandelles
Dont le bout y fut enfoncé
Par les deux mains sempiternelles
De l'hôtesse au nez rétroussé:

Von dort übersiedelte er später zu seinem nachmaligen Verleger, bald seinem bitteren Feinde, Jore. Er trat als reisender Engländer auf, sprach eine Mischung von Englisch und Französisch, las die Korrekturen der beiden Bücher, die er von Rouen aus zu verbreiten versuchen wollte, und entwarf in den drei Monaten dieser freiwilligen Einsperrung und Vermummung zwei Tragödien – Eriphyle und La Mort de César –, die später erschienen und noch später aufgeführt wurden.

II

Das Theater lockte ihn nach wie vor; aber die Schauspielerin, die nicht bloß Bewunderung und Anbetung, sondern auch Achtung genossen und, stets natürlich, nicht jene singende Deklamation angewandt, mit welcher Racines Freundin, La Champmeslé, ihre Frauenrollen gespielt hatte – sie war nicht mehr. Adrienne Lecouvreur, die Zauberin, das große tragische Genie, war unter aufsehenerregenden Umständen hinweggerafft worden.

Sie war am 15. März 1730 zum letztenmal auf der Bühne des Théâtre Français als Jokaste in Voltaires Oedipe aufgetreten, worauf sie noch eine Rolle in einem leichteren Stück, Le Florentin, spielte. Tags darauf erkrankte sie an einer heftigen Dysenterie, lag in Krämpfen. Vier Tage danach, am 20. März mittags, starb sie, nachdem sie ihr Testament gemacht und Graf Feriol d'Argental, den jungen Mann, welchen Voltaire immer seinen »Engel« nennt, zu ihrem Testamentsvollstrecker eingesetzt hatte.

Wie verbreitet in Paris der Verdacht, daß ein Giftmord an diesem jähen Todesfall Schuld trug, beweist eine oft angeführte Stelle in den Briefen der edeln Mademoiselle Aïssé. Voltaire behauptete sofort, daß dieser Verdacht bloß der Ausdruck eines ganz unbegründeten Volksgerüchtes sei. Er war selbst während Adriennes letzter Krankheit zugegen; sie starb in seinen Armen; er ließ die Leiche öffnen und man fand, daß sie an einer Unterleibsentzündung gestorben war – was ja an und für sich die Vermutung, daß die Entzündung nicht spontan entstanden sei, nicht widerlegt. Die Entzündung war seiner Ansicht nach die Folge davon, daß Adrienne ein Brechmittel genommen hatte, was nicht sehr wahrscheinlich klingt.

Es muß bemerkt werden, daß Voltaire, der die Geneigtheit der großen Bevölkerung, jeden plötzlichen Todesfall als Mord zu betrachten, von Grund auf kannte, in seinen Schriften bei allen Gelegenheiten dem Glauben entgegentritt, daß historische Persönlichkeiten an Gift gestorben seien. Es darf überdies nicht vergessen werden, daß Voltaire zu jenem Zeitpunkt dem hohen Hause und der hohen Dame, die die öffentliche Meinung als schuldig bezeichnete, sehr nahestand. Es war die Herzogin von Bouillon jedoch nicht die Herzogin gleichen Namens, die irrtümlicherweise in Scribes und Legouvés bekanntem Drama Adrienne Lecouvreur bezichtigt wird, nicht die polnische Herzogin, geborene Sobieska, sondern des Herzogs von Richelieu Schwägerin, Louise de Lorraine, die 1725, achtzehnjährig, mit Emanuel de La Tour, Herzog von Bouillon, vermählt worden war. Es ist dieselbe, an die Voltaire verschiedentlich kleine Gedichte geschrieben hat, unter anderen eines, worin er sie mit der Herzogin gleichen Namens zusammenstellt, der Nichte des Cardinals Mazarin, die übrigens, ihrerseits des Giftmords verdächtig, 1680 vor La Chambre ardente geladen, aber zwei Jahre danach freigesprochen wurde. Voltaires Epistel zu Ehren der gleichzeitig lebenden Herzogin lautet:

Deux Bouillon tour à tour ont brillé dans le monde
Par la beauté, le caprice et l'esprit:
Mais la première eût crevé de dépit,
Si, par malheur, elle eût vu la seconde.

Adrienne Lecouvreur war 1692 geboren – also zwei Jahre älter als Voltaire – und in einer kleinen Stadt zwischen Soissons und Reims unter kleinen Leuten aufgewachsen. Der Vater war Hutmacher, verlegte 1702 sein Geschäft nach Paris und mietete nicht weit von dem Theater eine Wohnung. Das kleine Mädchen wuchs heran mit einer Leidenschaft für die Bühne, einer Lust, Verse aufzusagen und einem Hang, das Bedeutende darzustellen, wie am Ende des neunzehnten Jahrhunderts Eleonora Duse. Erst fünfzehn Jahre alt, führte sie mit ein paar anderen jungen Leuten gleichen Geschmacks so ernsthafte Dinge auf, wie Corneilles Polyeucte, in welchem sie die Hauptrolle, Pauline, spielte. Eine vornehme Dame, die Präsidentin Le Jay, erlaubte der Jugend, ihren Saal zu benutzen, welchem die feine Welt zuströmte. Allein bald fand sich die Polizei ein, und untersagte dieses Komödienspielen ohne Privilegium (schon damals!). Der Großprior von Vendôme erteilte Adrienne eine Zeitlang die Erlaubnis, Dramen in Le Temple aufzuführen. Sie erhielt hierauf Unterricht von dem Schauspieler Le Grand, streifte einige Jahre mit Provinztruppen umher, trat endlich im Frühling 1717 in der Comédie Française in tragischen Hauptrollen von Racine und Corneille auf und schlug sofort durch die Echtheit ihres Wesens ein. Sie rezitierte nicht, sie sprach, und wie sie der größtmöglichen Wahrheit im Kostüm nachstrebte, Königinnen und Prinzessinnen in Hoftracht spielte, so verschmolz sie mit der erdichteten Gestalt, war eine Königin, die sich natürlich ausdrückte und frei bewegte. Sie teilte dem Publikum den vollen Eindruck der großen Leidenschaften mit, die sie darstellte, und gleich der auf Coypels Porträt mit der Urne in der Hand weinenden Cornélie erschien sie wie ein Traum des Schmerzes, schön wie diejenige schön ist, deren Güte sich in Schönheit verwandelt hat. Alles an ihr war ausdrucksvoll, die Gestalt, die Haltung, die Physiognomie und insbesondere die Stimme, die zwar nicht sonderlich stark war, aber in Biegung, Fall, Betonungen, Modulationen, plötzlichen Ausbrüchen unaufhörlich variierte. Groß war sie nicht, aber von schönstem Wuchs, schlank mit vollen Wangen; der Kopf saß gut auf den Schultern, der Blick war feurig, der Mund hübsch geformt und die Züge verstanden Trauer, Freude, Zärtlichkeit, Schreck, Mitleid auszudrücken.

Sie führte das nicht allzu strenge Leben damaliger junger Schauspielerinnen, hatte verschiedene flüchtige Liebesverbindungen, darunter eine mit Voltaire, der, um Thiériot den heftigen Schmerz, dem er nach ihrem Ableben in seinen Versen Luft macht, zu erklären, geradenwegs äußert, solch Herzeleid sei »bei einem Manne verzeihlich, welcher ihr Verehrer, ihr Freund, ihr Geliebter gewesen und überdies Dichter sei«. Sie hatte zwei Töchter, eine mit einem vornehmen Beamten in Straßburg, eine andere mit einem der Offiziere des Herzogs von Lothringen.

Aber sie war ohne Koketterie, ehrlich, wahrhaftig, intelligent und frei von Hintergedanken.

Rührend ist sie in zwei Verhältnissen, dem einen, in welchem sie geliebt wurde, ohne das Gefühl zu erwidern, und dem anderen, in dem sie mit der stärksten erotischen Leidenschaft ihres Lebens zugleich als Liebhaberin und als die zärtlichste Schwester liebte.

III

Der Sohn Augusts des Starken und der Gräfin Aurora Königsmarck, Moritz von Sachsen, hatte, frühzeitig Offizier mit Leib und Seele, sich nach einer Reduktion, die sein Regiment auflöste, dem Spiel und anderen Ausschweifungen ergeben. Durch die Erlaubnis, nach Frankreich zu reisen, sah er sich aus dieser unwürdigen Existenz gerettet. An dem französischen Hof mit viel Wohlwollen aufgenommen, wurde er im August 1720 zum Maréchal de camp mit einem Jahresgehalt von 10 000 Livres ernannt und leitete sofort Unterhandlungen für den Kauf eines Regimentes ein. Er war in sehr jungen Jahren verheiratet worden, aber seine Frau, Johanna Victoria Tugendreich, entsprach in keiner Weise ihrem Namen, sondern führte das ungebundenste Leben, feierte Orgien mit drei Hornbläsern und reiste incognito mit einem der entlaufenen Pagen ihres Mannes. Diese Ehe drückte denn Moritz von Sachsen auch nicht und ließ sich ohne Schwierigkeit lösen. Es geschah im März 1721. Damit war es jedoch nicht mit all dem Unfug zu Ende, den die geschiedene Gräfin zum Schaden ihres ehemaligen Eheherrn zu ersinnen vermochte. In einem vom Herbst 1721 datierten Briefe schreibt die zärtliche Mutter, Aurora von Königsmarck, die Gräfin habe ihrer Freundin, Frau Rosenacker, nachweislich zwei Giftpulver gegeben mit der Weisung, sie heimlich in den Kaffee ihres früheren Gatten zu mischen.

Moritz war einer von Augusts des Starken nicht weniger als 352 Bastarden, aber der einzige unter ihnen, der Ruhm gewonnen hat. Er hatte die Körperkraft des Vaters und einiges von der Schönheit der Mutter geerbt, obwohl seine Büste nicht eigentlich die eines schönen Mannes ist. Aber mit seiner halb schwedischen, halb deutschen Herkunft, unter Polen erzogen, war er wie ein Funke, aus der Esse entsprungen, an der Sagenhelden, wie Karl der Zwölfte und Peter der Große, ihre mächtigen Hämmer geschwungen hatten; er war Athlet, tapfer, brutal, zügellos, abenteuerlich, begehrlich und einer von denen, denen kein Ziel unerreichbar dünkt.

Um zwei Jahre jünger als Voltaire, zählte er also bei seiner ersten Ankunft in Frankreich vierundzwanzig Jahre. Die Damen rissen sich um ihn. Adrienne Lecouvreur fiel ihm anheim, da sie in ihm sofort den Mann sah, der ihr Schicksal war, und sie fühlte sich von dem Augenblick an, da sie ihm angehört hatte, nicht mehr frei. Unnötig zu sagen, daß Moritz von Sachsen sich nicht an eine Schauspielerin, wohl überhaupt an kein Weib gebunden betrachtete, um so weniger, als er trotz seiner ungewöhnlichen Begabung als Feldherr von einem Avancement eben durch Frauen träumte.

Die Krone des Herzogtums Kurland mußte bald frei werden. Über dieses im Lehnverhältnis zu Polen stehende Land hatte Herzog Friedrich Wilhelm bis zu seinem 1711 erfolgten Tode geherrscht; er hinterließ eine Witwe, Anna Iwanowna, Peters des Großen Nichte (die spätere Kaiserin von Rußland). Da sie ohne Sohn blieb, war Kurland seitdem von dem alten Oheim Friedrich Wilhelms, Herzog Ferdinand, regiert worden und nun, da der alte Mann am Rande des Grabes stand, fürchteten die Kurländer für die Selbständigkeit ihres Herzogtums, falls sie nicht beizeiten einen Thronfolger wählten. Moritz von Sachsen, als in Betracht kommender Thronprätendent, beschloß sogleich, um die besten Aussichten zu haben, das Herz und hierauf die Hand der Anna Iwanowna zu gewinnen. Als Sohn der Gräfin Aurora Königsmarck, der rechtmäßigen Eigentümerin des eingezogenen Landgebiets in den ehemals schwedischen, nun von Rußland eroberten Ostseeprovinzen, hatte er gute Gelegenheit, Kurland und Petersburg zu besuchen. Anna Iwanowna ergab sich bei seinem bloßen Anblick auf Gnade und Ungnade. Außerdem arbeitete in Petersburg Annas jüngere Schwester, Prinzessin Elisabeth, für ihn, die in den unwiderstehlichen Abenteurer nicht minder verliebt war und ihn der Schwester gerne forterobert hätte.

Woran es zur Erfüllung seiner Wünsche vorläufig am meisten fehlte, war Geld. Aurora von Königsmarck erhielt auf ihre kostbarsten Familienkleinodien, drei seltene Perlen, in Dresden ein Darlehen von siebentausend Talern. Allein sie war die Mutter, die ja doch ihren Sohn unter allen Umständen für sich behielt. Weit bewunderungswürdiger handelte Adrienne Lecouvreur, deren eigenem Lebensinteresse es geradeswegs zuwiderlief, den Geliebten in Kurland als Herzog und Ehemann zu wissen. Nichtsdestoweniger bedachte sie sich keinen Augenblick, sandte ihm, was sie an Bargeld entbehren konnte samt dem ganzen Erlös aus ihrem für ihn verpfändeten Schmuck: im ganzen eine Summe von vierzigtausend Livres.

Im Juni 1726 wurde dann Moritz von dem Landtag zu Mitau einstimmig zum Prinzen von Kurland und zum Thronerben gewählt. Rußland wollte jedoch von einem selbständigen Herzogtum nichts wissen; desgleichen fürchteten die Polen, daß Kurland sich losreißen könnte; und als August erkannte, daß er seine eigene Krone nicht retten konnte, ohne dem Sohne die seine zu rauben, sah er sich genötigt, durch sein Verbot die geplante Aktion, welche Moritz das Erbrecht in Kurland sichern sollte, zu verhindern. Der polnische Reichstag erklärte überdies im November 1726 die Wahl als ungültig und sprach die Ächtung über Moritz aus. Als ein Korps polnischer Dragoner sich der Grenze näherte, sah Moritz, dessen Heer nur aus ungefähr zweihundert Mann bestand, sich gezwungen, Kurland zu räumen und mit den dreitausend Dukaten, die der Vater ihm als Reisegeld schenkte, nach Frankreich zurückzukehren.

Hier empfing ihn die seltene Frau, die ihm ihr Leben geschenkt und sich für ihn bewahrt hatte, mit offenen Armen.

Anderen gegenüber erfüllte sie stets die Angst, daß, was man ihr an Freundschaft erwies, in Verlangen umschlagen könnte. »Ich gehöre einem Geschlecht und einem Stande an«, heißt es in einem ihrer Briefe, »dem man nicht leicht dieses ehrliche Gefühl, Freundschaft zutraut. Das einzige, dem ich zu begegnen wünsche, das einzige, das mir schmeichelt und dessen ich mich würdig glaube.« Was sie für Moritz von Sachsen fühlte, war viel mehr als Freundschaft. Kaum ist er fern, so hofft sie mit Ungeduld auf seine Rückkehr. Noch am 23. Oktober 1728 schreibt sie in einem Briefe: »Eine Persönlichkeit, die ich drei Jahre erwartet habe, will endlich heute abend ankommen, so viel ich weiß, bei guter Gesundheit. Soeben hat ein Eilbote gemeldet, daß der Reisewagen dreißig Lieus (etwa achtzehn Meilen) von hier entzwei gegangen ist. Es wurde ein halbgedeckter Wagen abgeschickt, und man wird heute abend hier sein.«

Adrienne Lecouvreur, die Moritz von Sachsen liebte und augenscheinlich seine großen Fähigkeiten ahnte, sollte deren Entfaltung nicht erleben. Erst nach ihrem Tode wurde ihr Geliebter einer der berühmtesten Feldherren seines Jahrhunderts. Im November 1741 nahm er durch eine Kriegslist Prag ein. Von August bis November 1744 verteidigte er als Marschall von Frankreich mit seinem an Zahl bedeutend geringeren Heer das französische Flandern gegen die Alliierten; durch seine Tüchtigkeit im Manövrieren machte er die feindliche Truppenübermacht unwirksam. Er war ein großes militärisches Talent, wachsam, verschwiegen; verschob die Ausführung seiner Pläne auf den geeignetsten Moment, verwirklichte sie dann so rasch, wie sie langsam gefaßt waren, beurteilte jede Situation schnell und richtig und hatte das Voraussehen, das sich rechtzeitig Hilfsquellen zu sichern weiß. Als er unmittelbar vor der Schlacht bei Fontenoy (1745) zu Paris krank darniederlag, fragte ihn Voltaire, wie er in diesem Zustande daran denken könne, aufzubrechen. »Es handelt sich nicht darum, am Leben zu bleiben, sondern von der Stelle zu kommen«, war seine Antwort. Und er gewann die entscheidende Schlacht bei Fontenoy, die das so lange gesunkene Ansehen Frankreichs wieder herstellte.

In dieser berühmten Schlacht zeigte die Ritterlichkeit früherer Zeiten sich in ihrer Blüte. Ein Regiment der englischen Garde und das Regiment Royal-Scots waren die ersten, die vorrückten. Auf fünfzig Schritte Abstand grüßten die englischen Offiziere die französischen durch Lüften ihrer Hüte. Alle Offiziere der französischen Garde erwiderten diesen Gruß. Der englische Kapitän, Lord Charles Hay, rief: »Schießt, meine Herren von der französischen Garde!« Graf d'Auteroche, Lieutenant bei den Grenadieren, erwiderte mit lauter Stimme: »Meine Herren, wir wollen nicht zuerst schießen, machen Sie den Anfang, meine Herren Engländer!«

Ein trauriges Geschick ließ, wie erwähnt, Adrienne Lecouvreur den Anblick ihres Helden als Sieger, der Frankreichs Ehre rettete, nicht erleben. Voltaire, der – ein stetig bei ihm wiederkehrender Zug – es dem Grafen nicht verübelte, daß er ihn aus Adriennes Gunst verdrängt hatte, verherrlichte ihn und verspottete seine Neider in folgendem Vierzeiler:

Ce héros que nos yeux aiment à contempler
A frappé d'un seul coup l'envie et l'Angleterre,
Il force l'histoire à parler,
Et les courtisans à se taire.

Die einzige Tat Moritzens, welche Adrienne Lecouvreur erleben sollte, war eine, die beweist, daß seine Phantasie, seine Scharfsinnigkeit und Kombinationsgabe auch außerhalb des Militärischen außerordentlich und der Intelligenz seiner Zeit weit voraus waren. Er konstruierte 1729 eine Galeere, die sich ohne Ruder und ohne Segel auf der Seine fortzubewegen vermochte und mittelst zweier Räder mit breiten Schaufeln, die durch eine Kurbel und eine Schraube in Bewegung gesetzt wurden, die Fahrt von Rouen nach Paris in 24 Stunden zurückzulegen imstande sein sollte. Als sein Fahrzeug sich nicht fähig erwies, dem Strom zu widerstehen, triumphierte man allgemein auf seine Kosten. Er erhielt schriftliche Zeugnisse von zwei Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften und das Monopol für seine Maschine. Er erprobte sie, hatte aber kein Glück mit dem Versuch und seine Experimente kosteten ihn, der damals nichts weniger als reich war, dreißigtausend Livres. Adrienne Lecouvreur zitierte ihren Molière, den sie als Theaterdame auswendig kannte: »Was zum Teufel wollte er auf der Galeere!« Mehr zu denken gibt, daß sogar Voltaire noch 1768 (im Vierundzwanzigsten Kapitel seiner Abhandlung Singularités de la nature) diese Versuche bloß lächerlich findet. Er begnügt sich mit dem höflichen Zusatz, daß der Marschall sich später auf festem Lande für seine Irrtümer auf dem Wasser entschädigte, indem er die verwickeltsten Kriegsmanöver unternahm.

Für Moritz von Sachsens Feldherrnbegabung hat Friedrich der Große selbst, wie man wohl sagen kann, Bürgschaft geleistet. In einem seiner Briefe an Voltaire (vom 25. Juli 1749) heißt es: »Ich habe hier Frankreichs Helden gesehen, diesen Sachsen, diesen Turenne aus dem Jahrhundert Ludwigs des Fünfzehnten; ich bin durch meine Gespräche mit ihm belehrt worden, nicht im Französischen, sondern in Kriegskunst. Dieser Marschall könnte Lehrer für sämtliche Generäle Europas sein.«

IV

Adrienne Lecouvreurs Neigung zu dem Grafen von Sachsen stand in ihrer höchsten Blüte, als der junge Graf d'Argental sich leidenschaftlich in sie verliebte und sie anflehte, ihn nicht vergebens schmachten zu lassen. Frei von Koketterie, wie sie war, schrieb sie ihm:

Ist es möglich, daß ein so hochbegabter Mann wie Sie, sich so wenig zu beherrschen versteht! Was wollen Sie damit erreichen, als mich peinlichen Verdrießlichkeiten, um nicht von Schlimmerem zu reden, auszusetzen? Ich schäme mich, mit Ihnen streiten zu müssen, da Sie mir so viel Mitleid einflößen; aber Sie zwingen mich dazu. Ich bitte Sie, seien Sie doch vernünftig und sagen Sie dem, welchen Sie beauftragen, mich zu quälen, ob er mir nicht ein bißchen aufzuatmen erlauben will. In den letzten vier Tagen hat er mir kaum Zeit dazu gelassen. Sobald uns der Zufall das erstemal zusammenführt, will ich Ihnen deutlich die Ungelegenheiten dieses Betragens nachweisen, und ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß Sie Ihr Unrecht einsehen werden.

Leben Sie wohl, unglückliches Kind! Sie bringen mich zur Verzweiflung.

Bald darauf erfuhr Adrienne, daß d'Argentals Mutter, Madame de Feriol, aus Angst, ihr Sohn könne Adrienne seine Hand anbieten, daran dachte, ihn aufs Land zu schicken, ja sogar so weit wie nach St. Domingo. Madame de Feriol, die kein ehrbareres Leben führte als ihre Schwester, Madame de Tencin, war ebenso konventionell wie frivol – zwei Eigenschaften, die sich so gern paaren – und um sie zu beruhigen, beschloß Adrienne zu ihr zu gehen, und ihre Stellung zu dem jungen Mann klarzulegen. Sie erfuhr jedoch in ihrer Eigenschaft als Schauspielerin einen derartigen Empfang, daß jede Mitteilung unmöglich gemacht war, und schrieb nun an die unwürdige Dame folgenden schönen, zugleich demütigen und würdevollen Brief:

Paris, 22. März 1721.

Madame, ich kann nicht ohne starke Niedergeschlagenheit von der Unruhe hören, unter der Sie leiden, sowie von den Plänen, die diese Unruhe Ihnen eingibt. Ich könnte hinzufügen, daß ich mit nicht geringerem Kummer von dem Tadel erfahren habe, den Sie meiner Aufführung gegenüber äußerten. Ich schreibe Ihnen jedoch weniger um mich zu rechtfertigen, als um Sie zu überzeugen, daß diese Aufführung in Zukunft in dem Punkte, der Sie interessiert, solcher Art sein wird, wie Sie sie mir vorschreiben. Ich bat Dienstag um die Erlaubnis, Sie sprechen zu dürfen, in der Absicht, mich Ihnen zu vertrauen und mir Ihre Befehle zu erbitten. Der Empfang, der mir wurde, machte meinen Eifer zunichte und ließ nichts anderes in mir zurück als Scham und Traurigkeit.

Es ist jedoch notwendig, daß Sie die wahre Beschaffenheit meiner Gefühle kennen – und wenn es mir erlaubt ist, etwas mehr zu sagen: es ist notwendig, daß Sie es nicht verschmähen, auf meine demütigen Ermahnungen zu hören, falls Sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollen, Ihren Herrn Sohn zu verlieren. Es ist der ehrerbietigste Sohn und der rechtschaffenste Mann, dem ich jemals im Leben begegnet bin. Sie würden ihn bewundern, wenn er nicht der Ihre wäre. Noch einmal, gnädige Frau, lassen Sie sich herbei, mit mir im Verein, die Schwäche bei ihm auszurotten, die Sie aufbringt und an der ich, was Sie auch sagen mögen, ohne Schuld bin. Zeigen Sie ihm weder Geringschätzung noch Bitterkeit; ich will lieber, trotz der zärtlichen Freundschaft und Ehrerbietung, die ich für ihn fühle, mir seinen ganzen Haß zuziehen, als ihn der geringsten Versuchung auszusetzen, die Rücksichten zu vergessen, die er Ihnen schuldet. Sie haben ein allzu lebhaftes Interesse an seiner Heilung, als daß Sie nicht eifrig an dieser arbeiten sollten; aber Sie haben es eben in allzu hohem Grade, um allein von Erfolg begleitet zu sein, besonders wenn Sie seine Neigung durch Anwendung von Machtsprüchen oder durch Darstellung meiner Person mit ungünstigen Farben – selbst wenn diese wahr wären – zu bekämpfen suchen. Ohne Zweifel ist ja diese Leidenschaft eine außerordentlich starke, da sie so lange bestanden hat, ohne jede Hoffnung, unter Kränkungen, trotz der Reisen, die Sie ihn unternehmen ließen und obwohl er mich während eines achtmonatigen Aufenthalts in Paris nicht zu sehen bekam, mindestens nicht in meinem Hause, und nicht wußte, ob ich ihn überhaupt noch in meinem Leben empfangen würde. Ich habe ihn geheilt geglaubt, und dieser Umstand war es, der mich bewog, ihn während meiner letzten Krankheit zu empfangen. Wie jedermann begreiflich sein muß, würde der Verkehr mit ihm mir unendlich angenehm sein ohne diese unglückliche Leidenschaft, die mich ebenso in Erstaunen setzt, wie sie mir schmeichelt, die ich aber nicht mißbrauchen will. Sie fürchten, er würde, wenn er mich sähe, seiner Pflichten vergessen, und Sie treiben diese Furcht so weit, daß sie Sie hinreißt, gewaltsame Schritte gegen ihn zu unternehmen. Aber, gnädige Frau, es ist nicht gerecht, ihn auf so viele Arten unglücklich werden zu lassen. Fügen Sie doch kein neues zu dem Unrecht, das ich ihm schon antue; suchen Sie lieber ihn schadlos zu halten; lassen Sie all seinen Groll auf mich fallen und lassen Sie Ihre Güte lindern und heilen.

Ich will ihm schreiben, falls Sie es wünschen; ich will ihn niemals wiedersehen, wenn Sie es fordern; ich will mich sogar auf dem Lande niederlassen, wenn Sie es für notwendig halten; aber drohen Sie nicht damit, ihn ans Ende der Welt zu schicken! Er kann seinem Vaterland nützlich, seinen Freunden zur Freude, seiner Mutter zur Ehre werden; es gilt nur, seine großen Gaben richtig zu leiten und seine großen Eigenschaften sich entfalten zu lassen. Vergessen Sie eine Zeitlang, daß Sie seine Mutter sind, wenn dies Sie hindert, ihm die Güte zu erweisen, die, ihm nicht zu verweigern, ich Sie auf meinen Knien anflehe. Kurz gesagt, Madame, Sie werden mich eher von der Welt zurückgezogen oder ihm Liebe erweisend sehen, als daß ich mich darein finde, ihn in Zukunft gleichzeitig von mir und meinetwegen gequält zu wissen.

D'Argental erfuhr von diesem Briefe zu der Zeit, da er geschrieben wurde, nichts. Es berührte wehmütig, daß er erst sechzig Jahre später, als er mehr als achtzig Jahre zählte, dieses bewundernswerte Dokument unter den Papieren seiner Mutter fand.

Die Demut, die Adrienne Lecouvreur hier an den Tag legt, rührt um so mehr, als sie die erste Schauspielerin Frankreichs ist, als sie sonst kraft des von ihr geübten Zaubers Gleichstellung mit den vornehmen Damen erreicht hatte und die erste war, die einen Salon hatte. Voltaire hatte um jenen Zeitpunkt schon dafür gekämpft, die Töchter der Bühne in der allgemeinen Achtung zu heben. Adriennes Geschichte zeigt, wie unvollkommen ihm dies gelungen war.

V

Wie schon erwähnt, wetteiferten die Damen der Aristokratie um die Gunst Moritz von Sachsens. Unter denen, die das Gerücht als Adrienne Lecouvreurs Rivalinnen nannte, war die vorhin erwähnte junge Herzogin von Bouillon. Sie hat die Tragödin vermutlich von ihrer Loge aus mit mißgünstigen Blicken verfolgt, denn als Adrienne eines Abends die Phèdre Racines spielte, wandte sie sich, offenbar die Geduld verlierend, unerschrocken an ihre Nebenbuhlerin mit Phèdres Worten:

Je ne suis point de ces femmes hardies
Qui portant dans le crime une tranquille paix
Ont su se faire un front qui ne rougit jamais.

Das klingt wie eine Herausforderung, war aber die Antwort auf eine vermeintliche Drohung, sonst ließe die Betonung des Wortes Verbrechen sich nicht verstehen.

Im Juli 1729 hatte ein kleiner buckliger Abbé zweimal vergeblich Zutritt bei Adrienne gesucht und schon durch ihn muß ihr Argwohn gegen die Herzogin wach geworden sein.

Er hieß Siméon Bouret und war der älteste Sohn des französischen Schatzkammermeisters in Metz. Da der Vater wegen seiner Geschäfte im Jahre 1727 die Sommermonate in Paris verbringen mußte, nahm er seinen sechzehnjährigen Sohn mit sich dahin. Sie kamen etwa vor Weihnachten 1728 nach Paris zurück, und als der Vater durch seine amtlichen Pflichten nach Metz zurückgerufen wurde, ließ er seinen Sohn in der Hauptstadt zurück, um dort im Zeichnen und Malen, wozu er unzweideutige Anlagen besaß, ausgebildet zu werden.

Der junge Mensch, der 1729 im neunzehnten Jahre stand, wohnte in einem Hotel garni und verbrachte fast alle seine Abende im Théâtre Français, da er große Freude an Schauspielaufführungen hatte. Während seines ersten Pariser Aufenthaltes hatte er mit einem jungen Edelmann, namens Périgord, der sich lebhaft für Kunst interessierte und Porträtmaler werden wollte, Bekanntschaft gemacht. Als Maler verblieb er mittelmäßig. Aber er besuchte gleichzeitig mit dem kleinen Abbé die Kunstakademie, die damals ihren Sitz im Louvre hatte, und so wurden die beiden Kameraden.

Einen Monat nach seiner Rückkehr nach Paris traf der Abbé aufs neue Périgord, der ihm vorschlug, sie sollten gemeinsam den Jahrmarkt in Saint-Germain besuchen. Auf dem Wege dahin trafen sie einen dritten jungen Mann, sechzehn bis siebzehn Jahre alt, der Livree trug und ihnen als Page der Herzogin von Bouillon vorgestellt wurde. Unterwegs besahen sie den Laden eines Gemäldehändlers, und während Bouret die ausgestellten Bilder aufmerksam betrachtete, fragte der Page ihn, ob er sich auf Kunst verstehe. Er antwortete, daß er Miniaturenmaler sei, worauf der Page ihn aufforderte, sein Porträt zu machen. Der Abbé ging darauf ein.

Der Page wohnte im Hotel de Bouillon, Quai Malaquais, sehr nahe der Straße Rue de Marais, wo Adrienne Lecouvreur ihre Wohnung hatte. Schon am nächsten Morgen war der Abbé dort an der Arbeit mit dem Porträt. In einer Woche war es fertig und wurde in einer Tabaksdose von Schildpatt gefaßt.

VI

Als die Kameraden am Tage nach Vollendung der Malerei einander im Torweg des Hotels von Bouillon trafen, um aufs neue gemeinsam den Jahrmarkt zu besuchen, sagte der Page Bouret, er habe der Herzogin sein Porträt gezeigt und sie habe es gut gefunden. Er führte ihn danach ins Palais hinein und in die Zimmer, in denen sich die Herzogin aufhielt. Er bekam Erlaubnis, ihr seine Aufwartung zu machen.

Sie sagte ihm viele Artigkeiten wegen des Porträts ihres Pagen, machte ihn auch auf einige Fehler aufmerksam, fragte ihn jedoch sogleich, ob er nicht Lust habe, auch ihr Bild zu malen. Bouret antwortete, es würde ihm eine große Ehre sein, und versprach zwei Tage später wiederzukommen. Dies geschah Ende Januar oder Anfang Februar 1729.

Die Herzogin, die damals gegen zweiundzwanzig Jahre alt war, war eine sehr große Dame aus dem fast berühmtesten Geschlecht des französischen Adels, der Familie Guise. Ihr Mädchenname war Mademoiselle de Guise, genauer: Louise Henriette Françoise de Lorraine, und sie war vier Jahre vorher mit dem vierzig Jahre älteren Emmanuel Théodore de la Tour d'Auvergne, Herzog von Bouillon in die Ehe getreten, als die vierte Frau dieses schon etwas alternden grand seigneurs.

Bouret, der ihr Porträt ausführte, beschreibt sie so: sehr schön; eher groß als klein; ein ovales, unten rundes Gesicht; offene Stirn, schwarze Augen, schwarze Brauen, dunkles Haar; der Mund stark emporgebogen, sehr rote Lippen, eine große Mouche nahe dem rechten Auge.

Daß der Abbé wirklich bei der Herzogin eingeführt worden ist, wird durch die vollständig richtige Beschreibung bewiesen, die er von den Möbeln und Kunstsachen gab, die sich in dem Boudoir der Dame befanden.

Die jungen Frauen des hohen Adels führten, ohne sich ernster Mißbilligung auszusetzen, ein ungebundenes Leben, und man meinte (wie in Paulmys Sottisier und in den Memoiren von Maurepas angegeben), daß die Herzogin, die vorurteilsfrei bald die Lieblinge des Publikums auf der Bühne, bald ihre Standesgenossen begünstigte, zu Liebhabern sowohl Schauspieler und Sänger wie Fürsten gehabt hatte (Quinault-Dufresne vom Théâtre Français, Tribou von der Oper, den jungen Grandval, der 1729 auf der nationalen Bühne debütierte, und im Augenblick zum erklärten Favoriten den Grafen von Clermont [Mitglied des Königshauses]). Indessen begehrte sie aufs heftigste Moritz von Sachsen, der fast offiziell als mit Adrienne Lecouvreur verbunden galt. Er hatte sie neun Jahre lang intim gekannt; er verschmähte aber in Wirklichkeit die Herzogin weniger um Adriennes willen, als wegen seiner Verbindung mit einer kleinen Opernsängerin, Marie Carton, die im folgenden Jahre den jungen Offizier nach dem Lager in Mühlberg in Sachsen begleitete.

Die Herzogin bildete sich ein, daß ihre Annäherungen wegen der Anziehung, die Adrienne Lecouvreur auf den Grafen ausübte, übersehen und abgewiesen würden. Sie war darüber im höchsten Grad empört.

VII

Der Abbé fand sich auf Verlangen im Hotel de Bouillon ein und vollendete in acht bis neun Sitzungen das Porträt der Herzogin. Während der dritten Sitzung fragte die Herzogin, die von dem großen Interesse Bourets für das Theater gehört hatte, den Abbé, ob er Schauspieler oder Schauspielerinnen kenne, und wen er am vorzüglichsten fände. Er antwortete, er kenne niemand, der besser sei als die Brüder Quinault und die Damen Lecouvreur und Du Clos. Er lobte also zugleich einen Schauspieler, den die Herzogin vorzog, und eine Schauspielerin, die sie haßte.

Die Herzogin fragte: Kennen Sie Fräulein Lecouvreur persönlich? – Ich kenne sie nur, soweit ich sie auf der Bühne gesehen habe. – Die Herzogin sagte dann, er solle versuchen ihre private Bekanntschaft zu machen oder jemand kennenzulernen, der mit ihr nahe verbunden sei. – »Da Sie sie nicht kennen und von ihr nicht gekannt sind, so müssen Sie mir das Vergnügen machen, ihr einen Brief zu überbringen, den ich Ihnen diktieren werde.« – Und sie diktierte sofort Bouret einen Brief, der anscheinend von einem Mitglied des Königshauses, einem Prinzen von Geblüt, kam. Dieser richtete eine Liebeserklärung an Adrienne Lecouvreur und ersuchte sie zugleich darum, so bald wie möglich mit dem Grafen von Sachsen zu brechen.

Bouret nahm auf Befehl der Herzogin den Brief mit sich, aber er überbrachte ihn nicht. – Am folgenden Tage sagte ihm die Herzogin, der Brief sei unnütz, sie habe eine andere Idee bekommen. Es würde ja für ihn als Porträtmaler nicht schwierig sein, Eintritt zu Adrienne Lecouvreur zu erhalten. – Bouret fand doch, daß dies keineswegs leicht sei. – Die Herzogin antwortete, es drehe sich nur um eine Bagatelle, nämlich der Schauspielerin einen Liebestrank einzugeben. – Bouret, der augenscheinlich sehr überrascht wurde, aber nicht wagte, einer so großen Dame eine abschlägige Antwort zu geben, versprach zu tun, was er vermochte, und fuhr fort zu malen. Während er so beschäftigt war, fragte die Herzogin, ob er zeitig zu Bett zu gehen pflege. – Um 10 bis 11 Uhr abends. – Gut, finden Sie sich abends an dem Torweg der Tuileries ein, der nach Palais Royal zu liegt; dann werde ich nach Ihnen schicken, wenn ich vom Balle zurückkomme.

Dort fragten ihn zwei maskierte Herren, ob er nicht auf Verlangen der Herzogin von Bouillon dastehe. Sie fragten ihn, ob er Lust habe, Geld zu verdienen; in diesem Falle sei sein Glück gemacht, wenn er nur reinen Mund halten könnte in bezug auf die ihm anvertrauten Dinge. Er antwortete, das könne er, wenn nicht von einer schlechten Handlung die Rede sei. – Nein, sagten die Herren, nein! Sie erinnern sich wohl der Person, von der die Herzogin Ihnen gesprochen hat; es handelt sich nur darum, Zutritt zu ihr zu erlangen, und ihr einige Pastillen zu geben, die ihr Gleichgültigkeit für den Grafen von Sachsen und Liebe zu einem anderen Manne beibringen würden. – Wenn es sich nur darum handele, sei es nicht sonderlich schwierig. – Bouret wurde dann zur Herzogin geführt, die auf einem Stein nahe der Brustwehr am Theatinerquai ganz verweint saß. Sie nannte ihrer Begleiterin oft den Namen Moritz von Sachsen; sonst konnte der Abbé aus ihrem Gespräch keine anderen Worte auffassen als diese: »Ich bin sehr unglücklich.« Sie brach wie eine Verzweifelte immer aufs neue in Tränen aus. Endlich sagte sie zu Bouret, daß sie mit ihm sehr zufrieden sei; er solle am folgenden Tage die Arbeit mit ihrem Porträt fortsetzen.

Als er am nächsten Tage sich einfand, erwartete der Page ihn, wie er pflegte, am Eingang und führte ihn zu den Gemächern der Herzogin. Während Bouret malte, sagte Madame de Bouillon: »Sie wissen, was die beiden Herren Ihnen gestern sagten. Es ist ein unwürdiges Frauenzimmer (une fille de rien). Man muß sie aus dem Wege räumen. Das heißt sogar dem Staate einen Dienst beweisen. Außerdem können Sie einer Belohnung sicher sein.«

Bouret antwortete, er wolle alles machen, was in seiner Macht stehe, um Eintritt in das Haus des Fräuleins Lecouvreur zu erhalten. Er wurde noch am selben Tage und am folgenden Zeuge geheimnisvoller Flüstergespräche zwischen der Herzogin und ihren Vertrauten, aus welchen der Abbé immer nur den Namen des Grafen von Sachsen heraushörte.

VIII

Es scheint, daß die Idee, den kleinen Krüppel in verbrecherischer Absicht anzuwenden, in der Herzogin aufstieg durch eine Kombination seines außerordentlichen Interesses für das Theater mit seinem Talent als Miniaturmaler. Das Talent gäbe ihm Gelegenheit, überhaupt Bekanntschaften zu machen. Das Interesse müßte ihm Zutritt zu einer Schauspielerin verschaffen können.

Zuerst will sie mit seiner Hilfe durch einen törichten Brief Adrienne bewegen, sich in der Hoffnung auf eine noch vornehmere Verbindung von Moritz loszusagen. Dann sieht sie selbst ein, daß dieser Plan, der in Wirklichkeit eines Schulmädchens würdig war, zu keinem Resultat führen würde, und sie greift zu dem einfacheren und derberen Mittel, den Abbé einige Pastillen überbringen zu lassen, deren Wirkung er selbst für mystisch-erotisch halten soll, die aber ohne jegliche Mystik mörderisch wirken sollen.

Die Herzogin machte sich also kein Gewissen daraus, eine Frau, die dem breiten Volk entstammt, aus dem Wege zu räumen, und hat um so weniger Bedenken, als dieses Kind des Volkes dem von der Kirche verdammten Schauspielerstand angehört. Nach und nach läßt sie sogar Bouret gegenüber den leichten Schleier fallen, mit dem sie ihre eigentliche Absicht verbarg. Sie erhebt sich zuletzt zur politisch-sozialen Betrachtung, daß man durch die Ermordung Adriennes »dem Staate einen Dienst erweist«.

Sonderbar genug hat das leidenschaftliche Begehren der großen Dame sie nicht klarschauend über die Verhältnisse und Verbindungen des lange vergeblich Begehrten gemacht. Sie findet die Hinderung für die Erfüllung ihres Wunsches an einem ganz anderen Punkt als dort, wo sie wirklich lag; sie verwechselt die edle, dem Grafen aufrichtig ergebene Freundin mit dem kleinen losen Ding, das ihn tatsächlich in ihrem Netze hatte.

Bezeichnend für die Sitten der damaligen Zeit ist die Frechheit, mit welcher die Herzogin reichlich zehn Menschen in das von ihr geplante Attentat einweiht; dennoch die Vorsicht, die sie ausübt, indem sie ihre Werkzeuge nächtlich und maskiert auftreten läßt, endlich die Sicherheit, die sie empfunden hat, daß, wie die Sache auch ausginge, sie durch ihre hohe Stellung immer vor der Regierung und der Polizei gedeckt sein würde.

IX

Als das Porträt vollendet war, sagte die Herzogin zu Bouret, es sei am besten, daß er sich von ihrem Palais so lange fernhalte, bis er ausgerichtet habe, was die beiden maskierten Herren ihm aufgetragen hätten; er würde sie am gleichen Abend um 9 Uhr am Eingang der Tuilerien wiederfinden. Er traf sie und sie fragten ihn, ob er willens sei, den Auftrag auszuführen. Er bejahte. Bei einer neuen Zusammenkunft am folgenden Tage wurde er ferner gefragt, ob er Gelegenheit gefunden habe, die Bekanntschaft Adrienne Lecouvreurs zu machen. Als er es verneinte, erklärten sie ihm, daß die Sache Eile hätte; er setze sich keiner Gefahr aus, wenn auch das von ihm überbrachte eine etwas gewaltsame Wirkung hätte. – Aber wenn sie dadurch sterben werde? fragte er. – Auch wenn dies geschehen sollte, würde er nichts zu fürchten haben; man würde einen Postwagen bereit halten um ihn über die Grenze zu führen. Danach verboten sie ihm ausdrücklich, jemals wieder seine Füße in das Hotel Bouillon zu setzen oder gleichviel unter welchem Vorwand mit der Herzogin sprechen zu wollen.

Große Schlauheit wurde wahrlich nicht an den Tag gelegt. Man suchte eher den Abbé zu erschrecken als ihn zu gewinnen. Und er hatte nichts dadurch zu gewinnen, daß er sich als Mordwerkzeug verwenden ließ in einer Sache, die ihn gar nichts anging, während er sicher war, seine Seelenruhe zu verlieren und alle Aussicht auf den Richtplatz hatte.

Die Sache kam dem jungen Abbé nun unheimlich vor, und einen ganzen Monat hindurch ließ er nichts von sich hören. Doch die zwei maskierten Herren ließen ihn durch einen Diener holen. Es war damals für einen Bürgerlichen nicht ratsam, zwei grands seigneurs zu trotzen. Er mußte wieder die Forderung hören, daß er sein gegebenes Wort einzulösen habe.

Ehrenhaft, wie er war, sah er es jetzt als seine Pflicht an, Fräulein Lecouvreur vor der ihr drohenden Gefahr zu warnen, und nach dem Rat seines Beichtvaters versuchte er, ihr einen Wink zu geben. Da er sie vergeblich in ihrem Heim gesucht hatte, schickte er ihr ein anonymes Billet, datiert 24. Juli 1729, worin er sie bat, zu einer bestimmten Stunde sich auf der großen Terrasse beim Luxembourg einzufinden, wo ihr eine wichtige Mitteilung gemacht werden würde. Sie würde den Briefschreiber an dem Zeichen erkennen, daß ein Abbé drei Schläge auf seinen Hut geben würde, während er sich ihr näherte.

Adrienne fand sich mit einem Freund und einer Freundin ein.

Hier wechselte denn endlich der Abbé einige Worte mit der Schauspielerin. Er sagte ihr, er fühle sich zu der Mitteilung verpflichtet, daß jemand die Absicht habe, sie zu vergiften. Adrienne fragte höchst natürlich: Ist es nicht von der Oper, daß mir diese Gefahr droht? – Nein. – Dann ist es also vom Hôtel de Bouillon! – Sie sagte ihm, sie wolle einen tüchtigen Mann um Rat fragen. Wenn er am nächstfolgenden Tage zu ihr kommen wolle, solle er einen Wink bekommen, wie er sich zu verhalten habe.

Am 27. Juli verhörte der Graf von Sachsen in Adriennes Wohnung Bouret, fragte ihn u. a., ob was er sagte, nicht erdichtet sei. Adrienne Lecouvreur sagte: »Dies kommt von der Herzogin de Bouillon« und zeigte sich durch ihren sicheren Instinkt für die Persönlichkeit, von der die Gefahr drohte, besser ausgerüstet als die Herzogin, die so hartnäckig die falsche Fährte verfolgte. Adrienne verbot Bouret über die Angelegenheit mit anderen zu sprechen.

Als am folgenden Tage Bouret auf der Straße vor seinem Hause stand, teilte ihm ein Savoyarde mit, daß zwei seiner Freunde auf ihn am Quai de l'Ecole warteten. Wie in einem Melodrama traf er dort dieselben maskierten Herren in ihre Mäntel gehüllt. Sie befahlen ihm ihnen zu folgen, und führten ihn nach dem Quai de Louvre, wo sie ihm heftig vorwarfen, sie verraten zu haben und drohten, ihn totzuschlagen.

Bouret leugnete, irgendeinen Verrat begangen zu haben und erklärte sich willig, das Liebesmittel zu überbringen; man solle es ihm nur geben. Man versprach ihm dann doppelte Belohnung, und er erhielt eine neue Mitteilung, geheimnisvoll, wie sie heutzutage nur in Leihbibliotheksromanen vorkommen, deren Zweck aber augenscheinlich der war, ihn allein die Verantwortung tragen zu lassen. Er sollte am nächsten Tage von Pont Tournant in der Richtung nach der Marmorstatue durch die kleine Allee von Taxusbäumen gehen. Im zweiten Baum würde er rechts ein Paket Pastillen finden, von denen die meisten unschädlich seien, drei seien aber besonders in Papier gewickelt, und diese solle er Adrienne Lecouvreur eingeben, sobald er Gelegenheit dazu fände. Er sollte doch am liebsten ihnen zuerst ein Porträt des Grafen von Sachsen verschaffen.

Sie stellten unleugbar starke Forderungen an den armen Burschen. Unter Strafe ihres Zornes und ihrer Rache sollte der achtzehnjährige, kleine Krüppel nur kraft seiner geringen Fähigkeit in der Miniaturmalerei schnellstens so vertraut mit Adrienne Lecouvreur werden, daß er sie bewegte, Pastillen zu verschlingen und außerdem ihm ein Bild ihres angebeteten Freundes auszuliefern.

Diese Aufforderung zeigt die Stärke des Aberglaubens bei der Herzogin und ihrer Umgebung; denn das Porträt sollte natürlich zum Behexen des Originals angewendet werden.

Am 29. Juli morgens teilte Bouret diesen Bescheid Adrienne und Moritz von Sachsen mit, die ihm beide rieten, in den Tuileriengarten zu gehen und die Pastillen zu holen. Er tat es und brachte dem wartenden Paar das Paket. Sie fanden viele weiße Pastillen und die drei besonders eingepackten. Als sie an ihnen rochen, wurde ihnen allen übel. Der Polizeidirektor René Hérault wurde augenblicklich verständigt. Doch ein Polizeidirektor unter Ludwig dem Fünfzehnten war nicht eben ein Aristides, nicht so gerecht, daß es notwendig wäre, ihn zu verbannen. Hérault, der Madame de Prie seinen Platz verdankte, hatte sie ja im Stich gelassen, sobald der König sich vom Herzog von Bourbon, ihrem Freunde, abwandte. Er hatte ferner Voltaire in die Bastille gesetzt zur Strafe dafür, daß er vom Chevalier von Rohan-Chabot mißhandelt worden war. Seine Gerechtigkeit zog auch das Haus Guise-Bouillon mit dem Grafen von Clermont einerseits einer Schauspielerin und einem kleinen Abbé andererseits vor und ließ noch am gleichen Abend Bouret arretieren und, vorläufig auf drei Monate, ins Gefängnis Saint-Lazare bringen. Die verdächtigen Pillen wurden einem Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Herrn Joseph Geoffroy zur Untersuchung überbracht. Nach dem Bericht Saint-Beuves, der den später verschwundenen Rapport vor Augen gehabt hat, faßte Geoffroy seine Entscheidung, die von dem damaligen Standpunkte der Chemie kräftiges Zeugnis ablegt, in der sinnlosen Auslassung zusammen, daß einige der Pillen zweifelhaft schienen, daß ihre Anzahl dennoch nicht genügend sei, um auf dieser Grundlage ein Urteil fällen zu können.

X

Bouret wurde am 1. August zum ersten Male verhört. Am folgenden Tage schrieb der Polizeikommissar Camuset, der ihn verhört hatte, an Hérault einen Bericht, dessen Albernheit unzweifelhaft, dessen Ehrlichkeit aber um so zweifelhafter ist. Er sagt: »Mehrere Umstände deuten darauf, daß der Abbé die ganze Geschichte erfunden hat.« Er enthält die psychologische Beobachtung, daß der Abbé, so verunstaltet er sei, in das Fräulein, von der die Rede ist, verliebt sei.

Durch einen anderen Abbé, der infolge einer Ordre des Königs in Saint-Lazare verhaftet war, schrieb Adrienne vier- oder fünfmal an Bouret, während er im Gefängnis saß. Er antwortete ihr regelrecht und schickte ihr ihre Briefe zurück. Sie forderte ihn in ihrem ersten Brief auf, seine Aussagen zu widerrufen, falls sie nicht wahr seien, und versprach, Begnadigung für ihn zu erwirken, wenn er die Sache erfunden hätte. Sie muß aber bald selber eingesehen haben, daß dies unmöglich sei und sandte ihm durch ihren Lakeien drei goldne Louisdor à 24 Francs, einen Taler (6 Francs), zwei Hemden, eine Flasche Parfüm und einige Bücher, die er zurückgab, nachdem er sie gelesen.

Adrienne Lecouvreur sandte dem Polizeidirektor einen Brief, in welchem sie sich würdig und schön über den Abbé ausspricht: »Ich habe ihn gesehen, ihn veranlaßt, sich oft und ausführlich zu erklären; er hat mir sehr verständig und ehrlich geantwortet. Nicht daß ich wünschte, er habe die Wahrheit gesagt; ich habe hundert Mal mehr Gründe zu wünschen, er sei geistesgestört. Gelte es nur, seine Begnadigung zu erbitten! Aber falls er unschuldig ist, bedenken Sie, welches Interesse ich an seinem Leben haben muß, und wie grausam diese Ungewißheit für mich ist. Denken Sie nicht an meinen Stand oder meine Geburt: geruhen Sie in meine Seele zu blicken, die aufrichtig ist und in diesem Briefe offen vor Ihnen liegt.«

Inzwischen kam der Vater Bourets, der Schatzkammermeister von Metz nach Paris, um Schritte zur Befreiung seines Sohnes zu tun. Der alte Herr war krank, aber schonte sich nicht, und am 23. Oktober 1729 wurde der kleine Abbé auf freien Fuß gesetzt. Er machte Adrienne Lecouvreur drei oder vier Besuche und sie sagte ihm sogleich, da sich im Publikum das Gerücht verbreitet habe, die Herzogin von Bouillon hätte versucht, sie vergiften zu lassen, sei seine Sicherheit trotz der Freilassung immer noch bedroht. In Wirklichkeit hatte die Herzogin dem Polizeidirektor heftige Vorwürfe gemacht, daß er Bouret freigelassen habe.

Zu allem Unglück wurde der Schatzkammermeister in Paris bettlägerig und konnte seinen Sohn nicht nach Metz mit sich nehmen. Die Folge war, daß eine neue lettre de cachet vom 23. Januar 1730 seine erneute Verhaftung, diesmal im For-l'Evêque-Gefängnis mit sich führte. Bouret war jetzt wegen »Gebrauch von Gift« angeklagt oder sekundär »weil er der berühmten Schauspielerin Adrienne Lecouvreur eine falsche Mitteilung gemacht habe«.

Adrienne, die am 21. Januar in Horace gespielt hatte, trat erst am 4. Februar (in Electre und Le Florentin) wieder auf, ließ dann einen ganzen Monat vergehen, ohne zu spielen, trat wieder den 5. März auf in Le malade imaginaire, dann am 13. in Oedipe und danach sowohl am 14. wie am 15. März ( Oedipe und Le Florentin). Diesen Abend spielte sie zum letzten Male; sie wurde während der Vorstellung oder sogleich nach ihr heftig krank, von dem, was Mademoiselle Aïssé, die im Theater war, »eine Dysenterie oder Inflammation der Eingeweide« nennt. Nach einer heftigen Krisis, die am 17. stattfand, sprachen die Ärzte sich für »einen Blutsturz in den Eingeweiden« aus, und den zwanzigsten am Morgen starb Adrienne Lecouvreur.

Alle Umstände deuten darauf hin, daß die Herzogin, da es ihr mißlungen war, Adrienne durch den Abbé Bouret Gift beizubringen, ihr das Gift hat auf andere Weise eingeben lassen. Daß sie auf ihrem Todeslager beichtend und viele Vergehen eingestehend, ihre vollständige Unschuld am Tode der Schauspielerin behauptete, ist von geringem Gewicht.

Nichts spricht lauter für ihre Schuld als der Umstand, daß man der Verstorbenen Leichenbegängnis und Grab verweigerte.

Man nahm es zu jener Zeit mit den Kindern der Bühne nicht genau. Die Männer des Hofes und der Gerichtshöfe kassierten oder züchtigten nach Belieben eine Schauspielerin. Einer Bagatelle wegen wurden sie nach For-l'Evêque, mitunter sogar in eine Strafanstalt gebracht. Dies war die Ursache, daß die stolze und schöne Schauspielerin, Mademoiselle Clairon, in noch jungen Jahren ihren Abschied nahm. Kurz zuvor war unter dem sanftmütigen Fleury etwas noch Ärgeres geschehen: zwei junge Schwestern, Spanierinnen und von Adel, die beiden blutjungen Tänzerinnen Camargo, von denen die ältere ein Genie war, das seine Kunst umformte, verschwanden eines Tages, von einem vornehmen Wollüstling entführt, und die Polizei wollte aus diesem Anlaß keinen Finger rühren. Als der Räuber der beiden jungen Mädchen von ihnen genug hatte, schickte er sie einfach nach dem Theater zurück und die Pariser begnügten sich damit, zu lachen.

Adrienne jedoch war so allgemein beliebt und bewundert worden, daß Paris bei ihrem Todesfall in eine Art Aufruhr geriet, was freilich nicht hinderte, daß der Pfarrer in Saint-Sulpice, Languet, sich weigerte, sie in geweihter Erde zu begraben. Sie hatte ein bedeutendes Legat für die Armen in ihrem und in seinem Sprengel hinterlassen. Einem Kaplan, der sie auf dem Sterbebette besuchte, um ihr das Sakrament zu reichen, antwortete sie: »Seien Sie beruhigt! Ich weiß, warum Sie kommen, Herr Abbé; ich habe in meinem Testament Ihre Armen nicht vergessen.« Dann aber wandte sie sich nach der Büste des Grafen von Sachsen, die in ihrer Schlafkammer stand und sagte mit einem Zitat: »Dies ist meine Welt, meine Hoffnung und mein Gott.«

Voilà mon univers, mon espoir et mes dieux!

Der Minister schrieb an den Polizeimeister, es sei die Absicht des Cardinals von Fleury, sich nicht in die Frage eines kirchlichen Schauspielerinnenbegräbnisses zu mischen, vielmehr sich nach den Verfügungen zu richten, die der Erzbischof von Paris und der Pfarrer in Saint-Sulpice gemeinsam zu treffen für gut befinden würden. »Sollten sie,« schrieb er, »dabei beharren, die Erlaubnis zu verweigern, wie es ja den Anschein hat, so müßte man die Leiche bei Nacht fortführen und mit so wenig Skandal wie möglich begraben.« Es war genau dieselbe Antwort wie seinerzeit die Ludwigs des Vierzehnten, als der Schauspieler Baron nach St. Germain fuhr, um den König von Molières Tod zu verständigen. Ludwig erklärte, er könne seine Autorität nicht statt der des Erzbischofs von Paris geltend machen, ließe aber den Prälaten bitten, »Lärm und Skandal zu vermeiden«.

Man mußte also auf ein christliches Begräbnis verzichten. Man wartete, bis es dunkel wurde, dann wurde die Leiche nach Ordre des Polizeimeisters von dem Hause Rue des Marais-Saint-Germain 21 (dem Hause, wo Racine gewohnt hatte und wo später die Schauspielerin Clairon wohnte) in eine alte Droschke gebracht und von zwei Lastträgern auf einem öden Bauplatz begraben.

Adrienne hatte, wie oben erwähnt, den jungen Grafen d'Argental zu ihrem Testamentsvollstrecker eingesetzt. Man betrachtete es dazumal als ein Zeichen von ganz ungewöhnlicher Seelengröße, daß er, ein Ratsherr an dem Parlament, ein derartiges Amt nicht ausschlug. Tatsächlich hatte er nur ihre Hinterlassenschaft zwischen ihren beiden Kindern zu teilen. Mademoiselle Aïssé, vielleicht das tiefstfühlende Weib jener Epoche, schreibt in ihren Briefen darüber: »Sie setzte sich dabei über das Lächerliche hinweg und gewann dafür den Beifall der Vernünftigen.« In solchem Maße wurde ihres Standes wegen diejenige gering geschätzt, deren große Eigenschaften so tiefe Bewunderung erregten.

XI

Man fuhr fort, den unglücklichen Abbé eingesperrt zu halten. Er wurde einem Verhör nach dem anderen unterzogen, damit er seine früheren Aussagen widerrufe; er verblieb aber fest und stellte stets das Geschehene auf dieselbe Weise dar.

Am 18. Mai 1730 sandte Père de Couvrigny, ein Jesuit, der Beichtvater für die in der Bastille Gefangenen war und der auf Befehl Bouret das Schändliche seiner Verleumdung vorgehalten hatte, dem Polizeidirektor einen Brief, worin er mitteilt, daß Bouret hartnäckig behaupte, niemand verleumdet zu haben und auch außerstande zu sein, sich selbst zu verleumden. Der Beichtvater schließt: »Die Sache ist fürchterlich und in hohem Grade ernsthaft.«

Drei Monate später wandte sich der unschuldig mißhandelte Bouret in einem langen, rührenden Schreiben direkt an »Monseigneur, Monseigneur le lieutenant de police, dans son hotelle à Paris«, und ruft um Schutz, um Mitleid, um Gerechtigkeit an. Sogar wenn er sich den Tod mit dessen Greuel vor Augen halte, zieht er ihn der Selbstverleumdung vor.

Es kam keine Antwort und keine Befreiung. Wir können aber sehen, daß man danach Bouret hat verstehen lassen, wie die Lage war: ohne unbedingten Widerruf der vorgebrachten Beschuldigung sei eine Wiedererlangung der Freiheit unmöglich.

Da schickte der unglückliche Jüngling am 24. August einen ebenso gründlichen wie sinnlosen Widerruf: er habe getan, als sei er im Besitz eines Geheimnisses, das er Fräulein Lecouvreur mitteilen müsse, um Eintritt zu ihr zu erlangen. Er habe alles erfunden, die Äußerungen der Herzogin, den Pagen, die maskierten Männer.

Vier Tage danach, am 3. September, widerrief er noch einmal alle seine früheren Erklärungen und bat nur um Vergebung.

Vermutlich um ihn völlig mürbe zu machen und damit der Tod Adriennes gründlich vergessen sei, wenn er endlich seine Freiheit erhielt, ließ man den Unglücklichen volle zwanzig Monate im Gefängnis verbleiben, bis er am 3. Juni 1731, erst 20 Jahre alt, ohne weiteres losgelassen wurde.

Wie es gelang, Adrienne das Gift beizubringen, ist unbekannt. Alles ward getan, um die Sache zu vertuschen. Der Schauspieler Laval hat 1759 in seinem Tableau du siècle geschrieben, daß der Pfarrer von Adriennes Kirchspiel es abschlug, sie unter den Gläubigen zu begraben, »obwohl sie einen brennenden Wunsch ausgesprochen hatte, das Todessakrament zu empfangen«. In einer späteren Schrift hat dagegen Desprez de Boissy behauptet, daß der Pfarrer von Saint-Sulpice, Herr Languet, der mit größtem Eifer sie aufgefordert hatte, Reue über ihre Lebensstellung auszusprechen, mit Festigkeit ihm eine kirchliche Beerdigung ausschlug, da sie zur »Reue über das Ärgernis, das ihr Beruf mit sich führte«, nicht zu bewegen sei.

Mouval bemerkt, daß der Pfarrer nach den damaligen Gesetzen das Recht hatte, ihrem entseelten Körper die Kirche zu verschließen, weil sie gestorben war, ohne auf die Bühne verzichtet zu haben, ebenso wie der Pfarrer der Kirche Saint-Eustache seinerzeit das Recht hatte, diese Kirche der Leiche Molières zu verschließen.

Wozu er dagegen kein Recht hatte, das war, ihrem Körper den Einlaß zum Kirchhof oder wenigstens zu einem Teil des Kirchhofes zu verweigern. Er war ja auch Molières Leiche eingeräumt worden, ja auf demselben Kirchhof war dem Schauspieler Rosimond, der 1688 ohne Beichte starb, Platz bewilligt worden. – Auf anderen Kirchhöfen hatten die Priester Plätze angewiesen für Racines Freundin, die Schauspielerin la Champmeslé, die 1698 starb, ferner den Schauspielern Lavoy und Le Grand (1726 und 1728).

Doch es war, wie schon erzählt, nicht nur eine kirchliche Beerdigung, die in dem Falle Adrienne Lecouvreurs verweigert wurde, sondern jegliche Beerdigung. Der Körper wurde nicht einmal auf eine Bahre gelegt, sondern um Mitternacht wie ein Paket von zwei Lastträgern in den Fiakre gelegt und nur von einer Runde Polizeisoldaten begleitet.

Deutlich genug hatte der Polizeidirektor Befehl erhalten, jede Untersuchung über die Todesart der Schauspielerin unmöglich zu machen, indem die Spuren vertilgt wurden. Wenn die Leiche in irgendeine Schindergrube geworfen und, anstatt in einen Sarg gelegt zu werden, nur mit frischem Kalk bedeckt wurde, so war eine erneuerte Leichenschau vereitelt.

In Le Tableau du Siècle sind dem gestrengen Fürsprecher des Gesetzes, Ariste (Languet de Gerzy), dem man dort Adriennes fromme Gesinnung vorhält, die Worte in den Mund gelegt: »Es ist nicht möglich, sie jetzt ausgraben zu lassen; es ist mir gesagt worden, man habe ungelöschten Kalk auf ihren Körper geworfen.«

Es ist ein Beweis, welche Macht die Kräfte besaßen, die Adrienne Lecouvreur im Leben wie im Tode verfolgten, daß nicht einmal Moritz von Sachsen aufzubegehren wagte der Behandlung gegenüber, die seiner edlen und aufopfernden Freundin zuteil wurde. Nur Voltaire, der, als mit dem Hause Bouillon nahe verbunden, diesem Hause keine Untat zutrauen konnte oder wollte, protestierte immer wieder gegen die unwürdige Weise, mit der Frankreich seine am meisten bewunderte Schauspielerin nach ihrem Tode behandelte.

Es kommt einem heutzutage so vor, als sei die ganze Rechtlosigkeit des vorrevolutionären Frankreichs in Adriennes Schicksal zusammengedrängt: Als Kind des Volkes wurde sie nicht zur Gesellschaft gerechnet. Als Schauspielerin gehörte sie einem geringgeschätzten, von der Kirche verdammten Stande an.

Glaubte eine Dame des Hochadels, die einen sie meidenden Mann verfolgte, daß die ihr erwiesene Kälte durch ein Geschöpf wie Adrienne verursacht wurde, so lag kein Gedanke ihr näher als der, entweder den Begehrten durch Zaubermittel zu erlangen oder einfach die Nebenbuhlerin töten zu lassen. Das erstere gelang nicht. Das letztere war außerdem leichter.

Versagte der erste Versuch, war dies nur eine Aufforderung dazu, einen zweiten durchzuführen.

Und da die Herzogin durch ihre eigene Familie und durch die ihres Gatten der obersten Schicht der herrschenden Kaste in Frankreich angehörte, da sie außerdem ein Mitglied des Königshauses zum Liebhaber hatte, konnte sie ungestraft jegliches Mittel gegen eine Frau kleinbürgerlicher Abstammung, die zudem dem Gauklerstand angehörte, anwenden. Die, der es galt, war zwar die erste Schauspielerin Frankreichs, aber für sie nur une fille de rien. Und die Herzogin blieb straffrei, während sie ohne Skrupeln den armen kleinen buckligen Abbé, den sie als Werkzeug hatte benutzen wollen, fast zwei Jahre im Gefängnis verbringen ließ, bis er schweigend im Dunkel verschwand.

Was wirklich vorging, blieb versteckt sogar für Voltaire, sogar später für Sainte-Beuve, und nach der Natur der Sache ist die Angelegenheit noch nicht vollständig aufgeklärt, wenn auch kein Zweifel herrschen kann, daß die hier gegebene Darstellung die richtige ist.

XII

Die herz- und geistlose Haltung der Geistlichkeit gegenüber der wehrlosen Leiche der ausgezeichneten Frau entlockte Voltaire das vielleicht schönste Gedicht, das er jemals geschrieben hat und später von Friedrich dem Großen vertont wurde. In einem früheren Kapitel wurde verschiedener Huldigungen Erwähnung getan, die er der Lebenden dargebracht hat. Hinzuzufügen ist hier noch eine Stelle in der ältesten Ausgabe von Le Temple du Goût, 1731 geschrieben:

Lecouvreur plus loin récitait
Avec cette grâce divine
Dont autrefois elle ajoutait
De nouveaux charmes à Racine.

und insbesondere diese vier Zeilen zu ihrem Porträt:

Seul de la nature elle a su le langage;
Elle embellit son art, elle en changea les lois,
L'esprit, le sentiment, le goût fut son partage;
L'Amour fut dans ses yeux et parla par sa voix.

Nun schrieb er das große Gedicht La Mort de Mlle Lecouvreur, célèbre actrice. Es beginnt mit einer beredten Schilderung des Schmerzes beim Anblick der Sterbenden:

Que vois-je? quel objet! Quoi! ces lèvres charmantes,
Quoi! ces yeux d'oú partaient ces flammes éloquentes,
Eprouvent du trépas les livides horreurs! ...
Que vois-je? c'en est fait, je t'embrasse et tu meurs!

Er schildert die allgemeine Trauer über den Verlust und berichtet hierauf, daß man einer ein Grab verweigerte, der Griechenland Altäre errichtet hätte:

Que direz-vous, race future,
Lorsque vous apprendrez la flétrissante injure
Qu'à ces arts désolés font des hommes cruels?
Ils privent de la sépulture
Celle qui dans la Grèce aurait eu des autels.

Er weist auf den empörenden Widerspruch in der Haltung derer hin, die nach ihr seufzten, so lange sie am Leben war, und sie nun, da sie tot ist, als Verbrecherin behandeln:

Quand elle était au monde, ils soupiraient pour elle;
Je les ai vus soumis, autour d'elle empressés;
Sitôt qu'elle n'est plus, elle est donc criminelle!
Elle a charmé le monde et vous l'en punissez.

Sodann wagt er es, England auf Kosten Frankreichs zu rühmen als das Land, das nicht bloß die Tyrannen, sondern auch die Vorurteile verjagt habe. Dort dürfe man alles sagen, dort werde jegliches Verdienst belohnt. In London würde Adrienne (wie Anne Oldfield) ihr Grab in Westminster zwischen Helden und schönen Geistern erhalten haben:

O rivale d'Athène, o Londres! heureuse terre!
Ainsi que les tyrans vous avez vu chasser
Les préjugés honteux qui vous livraient la guerre.
C'est là qu'on sait tout dire et tout recompenser;
Nul art n'est méprisé, tout succès a sa gloire.

Stärker und stärker betont Voltaire hier die Schmach Frankreichs, als Sklave des Aberglaubens außerhalb jener Kultur zu stehen, die, aus Athen und Rom wiedererweckt, in London thront, und schließt mit der bitteren Frage, warum sein Vaterland nicht mehr das Land der Ehren und der Talente sei:

Des lauriers d'Apollon dans nos stériles champs
La feuille négligée est elle donc flétrie?
Dieux! pourquoi mon pays n'est-il plus la patrie
Et de la gloire et des talents?

Voltaire wagte natürlich nicht, dieses Gedicht drucken zu lassen, las es einigen Freunden vor, weigerte sich, Abschriften zu verteilen, war aber dennoch unklug genug, eine Abschrift dem unverläßlichsten seiner Freunde, Thiériot, anzuvertrauen, dem Manne, dessen Leben darin bestand, Voltaires Manuskripte in seinen Besitz zu bringen und sich interessant zu machen, indem er sie in Gesellschaft laut vorlas. Noch beliebter machte er sich offenbar bei den Verehrern des Dichters dadurch, daß er ihnen erlaubte, Abschriften der Arbeiten zu nehmen – was Voltaire selbstverständlich streng verboten hatte.

Während seines Aufenthaltes in Rouen erfuhr dann Voltaire, daß seine Sicherheit infolge des Gedichtes bedroht sei und daß die Spuren auf Thiériot zurückführten. Man bewundere die Schonung, mit welcher er ihm schreibt, die Artigkeit, mit der er voraussetzt, daß natürlich kein Mensch eine Abschrift besitze. Der Brief ist vom 1. Juni datiert:

Sie erinnern sich, daß ich Ihnen vor etwa einem Monat einige Verse über Mademoiselle Lecouvreurs Tod sandte, den Ausdruck meines berechtigten Schmerzes ob ihres Ablebens und einer vielleicht allzu heftigen Empörung über die Art und Weise, wie sie begraben worden ... Ich bin Ihnen höchlichst verbunden, daß Sie die vernünftige Diskretion bewiesen haben, keine Abschrift davon fortzugeben. Aber man sagt mir, Sie hätten es mit Menschen zu tun gehabt, die Sie mit Hilfe ihres guten Gedächtnisses verraten haben; man habe besonders die stärksten Stellen in Erinnerung behalten; diese Stellen seien verzerrt worden; sie seien bis zum Ministerium gelangt und es sei nicht sicher für mich, nach Frankreich zurückzukehren, wohin doch meine Arbeit mich ruft. (Wie man sieht, stellt er sich zur größeren Sicherheit, als befinde er sich nicht auf französischem Boden.) Ich erwarte, mein lieber Thiériot, von Ihrer Freundschaft, daß Sie mich genau unterrichten, was an Wahrem in diesen Gerüchten ist und was ich zu tun habe. Sagen Sie mir, ob Sie mir raten, zu schreiben und zu sprechen oder zu schweigen und bessere Zeiten abzuwarten.

Condorcet, das wissenschaftliche Genie, der 1789 beim Ausbruch der Revolution schrieb, und der in seiner Gesinnung leidenschaftlich revolutionär war (er nahm 1794 Gift, um nicht als Marquis geköpft zu werden), sagt in seinem begeisterten Werk Vie de Voltaire: »Wer würde glauben, daß die Elegie auf Adrienne Lecouvreur Voltaire eine ernstliche Verfolgung zuziehen konnte!« Er meint, es sei diese Elegie gewesen, die den Dichter zwang, Paris zu verlassen. Wir haben gesehen, daß er schon vorher der Hauptstadt den Rücken gekehrt hatte. Er verhielt sich einstweilen still in Rouen, um abzuwarten, daß der durch das Trauergedicht entfesselte Sturm sich gelegt haben würde. Bald kam er jedoch zu der Einsicht, daß die beste Abwehr gegen Haß und Fanatismus ein entschiedener Sieg auf der französischen Bühne sei, durch den er die Gunst der Öffentlichkeit wiedererobern konnte. Bildete ja das Theater jener Tage das einzige Band zwischen der Klasse Menschen, die dachte, und derjenigen, die sich für den Alltag mit dem Denken nicht eben plagte. Und so seltsam es klingt, so verschmolz der zufällig zusammengelaufene Haufe, aus dem ein Theaterpublikum besteht, damals zu einer Einheit. Er wurde eine Art Macht.

XIII

Es galt diese Macht für sich zu gewinnen. Voltaire versuchte es mit der Tragödie Eriphyle, aber sie erfüllte den Zweck nicht. Weit entfernt, sich hiervon abschrecken zu lassen, hatte der Dichter schon fünf Monate nach der Niederlage eine in bloß zweiundzwanzig Tagen niedergeschriebene neue Tragödie auf der Bühne, und mit Zaïre erreichte er seinen größten Bühnenerfolg, einen, der alle Erwartungen und alle früheren Triumphe anderer Dichter übertraf.

Während der Vorbereitung dieser szenischen Arbeiten befand er sich jedoch in beständiger Unruhe. Die Ungewißheit, welche Ränke die Familie Rohan wieder gegen ihn spinnen könnte, hinderte ihn, sich in Paris niederzulassen, wo er eher geduldet als zum Aufenthalt berechtigt war. Als er Rouen verließ, verfolgt von dem Hasse Jores, der sich mit einem so erbitterten Feinde Voltaires wie Desfontaines verbunden hatte, wandte er sich an den Herzog von Guise mit der Bitte, ihm in dessen Hause in Arceuil Obdach zu gewähren, gab diese Unterkunft aber sofort wieder auf. Dann rief die tödliche Erkrankung des Präsidenten de Maisons, der, zum zweitenmal von den Blattern befallen, ihm zu seinem tiefen Kummer entrissen wurde, ihn wieder nach Paris.

Voltaire ist in ewiger Unruhe; unaufhörlich wechselt er seinen Aufenthaltsort. Wir sehen ihn bald in Plombières, bald in Rouen; er läßt sich seine Briefe unter Deckadressen an Bekannte senden (»Schreiben Sie mir unter Couvert M. de Livri«). Dann findet er ein neues provisorisches Heim bei der Gräfin von Fontaine-Martel, einer älteren Dame, die einstmals eine Schönheit war und nun reich und freidenkerisch geworden, dem Palais Royal gegenüber ein großes Haus führte, in dem sie Voltaire Asyl und liebevolle Aufnahme bot. Wieviel Wert sie wirklich besaß, ist schwer zu sagen. Voltaires guter Freund, d'Argenson, fand sie boshaft und geizig, während er selbst sie in seinen Versen rühmt, insbesondere weil sie ihr Alter so gut trug, auf jüngere Frauen nicht neidisch war, sondern sich der ihr vom Leben gespendeten Güter freute. Sie führte und duldete eine freie Sprache. Voltaire lobt ihre Abendgesellschaften wie sie selbst: sie sei weltlich und lebensfroh und lästere bei der Jugend nicht, was sie selbst so wohl zu schätzen verstanden hatte. Und in ihrem Haus herrsche Freiheit:

Vous avez loge à l'Opéra
Au lieu de banc à la paroisse;
Et ce qui rend mon sort plus doux,
C'est que ma maîtresse chez vous,
La Liberté, se voit logée;
Cette liberté mitigée
A l'oeil ouvert, au front serein
A la démarche dégagée ...

Bei der Gräfin Fontaine-Martel wurden die Proben zu den verschiedenen Schauspielen Voltaires abgehalten. In ihrem Hause war ein kleines Theater. Man spielte, wie oben erwähnt, L'Indiscret und die Schauspieler vom Théâtre Français führten hier zuerst Eriphyle auf, das den Zuschauern Tränen entlockte. Voltaire gewann, wie er sagt (in einem Briefe vom 3. Februar 1732), hier in erster Instanz einen Prozeß, den in der zweiten zu verlieren er gefaßt sein mußte. Seine Ahnung täuschte ihn nicht; sein Erfolg auf dem richtigen Theater war ein bedingter; man applaudierte bei verschiedenen Stellen, die Angriffe auf Fürstenmacht und Aberglauben enthielten, und spendete den Versen Beifall; aber eine Geistererscheinung im fünften Akt mißlang notwendigerweise auf einer Bühne, auf der die herausstaffierte vornehme Jugend, die sich breitmachte und den Raum beengte, den Schauspielern keine freie Bewegung gestattete.

Die französische Bühne war nämlich zu Voltaires Zeiten noch von den Zuschauern so belagert, wie es die englische in Shakespeares Tagen gewesen war. In der Comédie Française gab es zu beiden Seiten des Bühnenraumes je vier von einem vergoldeten Eisengitter umgebene Reihen gepolsterter Bänke. Bei außerordentlichen Vorstellungen fügte man außerhalb des Gitters noch eine Reihe hinzu. Überdies war der Hintergrund der Bühne von etwa fünfzig Personen angefüllt, die in einem Halbkreis angebrachte Stehplätze einnahmen. Jedermann begreift, wie schädigend diese Unsitte für die Bühnenwirkung sein mußte. Bisweilen vermochten die Zuschauer die Schauspieler von den vornehmen Herren auf der Bühne kaum zu unterscheiden. Einige Jahre später (bei einer Aufführung der Athalie am 18. Dezember 1738) war die Bühne von Bänken und Zuschauern so gefüllt, daß man die Vorstellung abbrechen mußte.

Es ist Voltaires Energie, seinen stets und stets wiederholten Klagen zu verdanken, daß diese Unsitte endlich im Jahre 1739 abgeschafft wurde.

XIV

Als Voltaire sah, daß Eriphyle in seiner ersten Gestalt auf der Bühne nicht einschlug, war sein erstes Bestreben darauf gerichtet, den Mut der Schauspieler wieder aufzurichten. Er bat den Grafen von Clermont, an den er in seiner Fête de Bélébat einige Verse gerichtet hatte – einem Prinzen, der als Nachkomme des großen Condé viel Einfluß besaß –, die Schauspieler zu sich zu berufen und ihnen den Eriphyle zu empfehlen; er schrieb außerdem einen neuen Prolog zu dem Stücke, der von der Dufresne, dem Liebling des Publikums, vorgetragen wurde. Als dies sich nicht als ausreichend erwies, um der Tragödie den ersehnten Erfolg zu erringen, arbeitete er sie rastlos um, so ungern die Schauspieler sich auch dazu bequemten, die bekannten Antworten in stets neuer Gestalt auswendig zu lernen.

Aber auch dies fruchtete nichts. Sobald Voltaire dies einsah, faßte er mit gewohnter Energie seinen Entschluß, ließ den Druck, den Jore bereits in Angriff genommen, abbrechen, nahm sein Manuskript zurück, stand vollständig und für alle Zeiten von seiner Veröffentlichung ab und verwendete bloß einige Stellen daraus in seiner Tragödie Sémiramis. Seine Veranlagung brachte es mit sich, daß eine Niederlage ihm nicht das geringste ausmachte; er hatte stets viele Eisen im Feuer; fünf oder sechs Arbeiten gleich auf dem Stapel; mißlang die eine, so sammelte er sich um so stärker für eine zweite und ließ sich nicht davon beirren, daß die Schöngeister, die einander bei Madame de Tencin trafen, darunter Männer wie Fontenelle und La Motte, sich zu jenem Zeitpunkt von seiner dramatischen Niederlage so stark beeinflußt zeigten, daß sie ihn vollsten Ernstes und in guter Absicht baten, sich doch nicht hartnäckig der Dichtkunst zu widmen, für die ihm ja augenscheinlich jede Begabung fehle, sondern seine großen Fähigkeiten auf anderen Gebieten zu betätigen, wo sie einschlagen konnten.

Er ging bei der so rasch entworfenen Tragödie Zaïre ebenso zu Werke, wie er es bei Eriphyle getan hatte, änderte sie nicht nur während der Proben wieder und wieder, sondern arbeitete auch die Verse nach der ersten Aufführung um. Dufresne, der den Orosman spielen sollte, und als grand seigneur gewohnt war, den Dichtern seiner Person gegenüber eine demütige Haltung aufzunötigen, verlor die Geduld und fuhr fort, bei den Proben seine Antworten in der ersten Fassung zu sagen. Aber Voltaire war noch hartnäckiger als er. Als eines Tages Dufresne ein großes Diner gab, wurde ihm von einer unbekannten Seite eine prachtvolle Pastete zugestellt. Als man sie aufschnitt, fand man darin eine Menge Rebhühner, von denen jedes in seinem Schnabel ein Papierröllchen trug. Diese Röllchen enthielten lauter umgearbeitete Verse aus Zaïre. Der Schauspieler sah sich genötigt, nachzugeben und die Folge war, daß das Stück, welches schon bei der ersten Aufführung Beifall geerntet hatte, bei der vierten so ungemein gefiel, daß Voltaire sich in einer Loge zeigen mußte und das ganze Theater ihm Beifall klatschte, als Dank für die Tränen, die stromweise geflossen waren.

Niemals hatte er einen derartigen Triumph gefeiert. Es versteht sich von selbst, daß die Feinde kläfften und die tiefste Geringschätzung für das Stück bekundeten: so Piron, Abbé Le Blanc, am allerheftigsten Jean Baptiste Rousseau, obwohl er späterhin jeden der erwiesenermaßen von ihm stammenden Angriffe frech ableugnete. Rousseau verdammte das Stück schon aus religiösen Gründen leidenschaftlich. Er hob hervor, daß in Corneilles Polyeucte Paulinens Liebe mit Hilfe der Gnade besiegt werde, während die Zaïres sich stärker als die Gnade, stärker als die Religion erweise. Das Stück sei also ganz und gar unchristlich. Man führte zwei Parodien auf Zaïre auf, den Harlekin auf dem Parnaß des Abbé Nadal, und Die Findelkinder von Romagnesi und Riccononi. Aber beide fielen durch.

Zaïre ist nach Voltaires eigener Auffassung die Liebestragödie unter seinen szenischen Werken. Damen aus seiner Bekanntschaft hatten ihn des öfteren hören lassen, daß in seinen Tragödien nicht genug Liebe vorkomme. Er hatte darauf geantwortet, daß die Tragödie nicht der Platz sei, wo dieses Gefühl zur natürlichen Entfaltung kommen könne. Da sie aber durchaus verliebte Helden und Heldinnen zu sehen wünschten, wollte er ihnen einmal ausnahmsweise den Gefallen tun. Und er schrieb in möglichst kurzer Zeit Zaïre. Es sind also die Damen, denen wir diese Tragödie verdanken.

Daß das Stück der Auffassung der damaligen Zeit von heißer und dennoch würdiger Erotik entsprochen hat, ist unzweifelhaft. Und nicht bloß dem damaligen Geschmack Frankreichs. Zaïre wurde drei Jahre nach der Pariser Erstaufführung in der Übersetzung des Dramatikers Aaron Hill auf dem Drury Lane Theater in London gespielt und erntete gewaltigen Beifall. Die Rolle Orosmans wurde, um sie von der den englischen Schauspielern eigenen Unnatur zu befreien, einem Verwandten Hills übertragen, einem Manne von hohem Stande, der als Amateur mitspielte; die Zaïre gab eine achtzehnjährige Debütantin: Colley Cibbers junge Frau.

Ins Italienische wurde die Tragödie von niemand geringerem als dem Grafen Carlo Gozzi übersetzt, dessen eigentümlichem Stil sie nicht eben lag; nichtsdestoweniger war die Wiedergabe vortrefflich und gewinnend. Im französischen Original hat Orosman, nachdem er von dem Dolchstoß getroffen wird, nur eine einzige Zeile, Nerestan eine Schlußrede von drei Zeilen zu sprechen. In der deutschen Übersetzung, wie sie z. B. 1767 in Hamburg aufgeführt und von Lessing besprochen wurde, sind diese vier Zeilen, der Ungeduld des Publikums zuliebe, gestrichen. Gozzi dagegen hat das Stück noch verlängert, indem er nach dem Dolchstoß noch achtzehn Zeilen hinzufügte, die er dem Sterbenden in den Mund legte:

Questo mortale orror che per le vene
Tutte mi scorre, omai non è dolore,
Che basti ad appagarti, anima bella.
Feroce cor, cor dispietato e misero,
Paga la pena del delitto orrendo!
Mani crudeli – oh Dio! – Mani che siete
Tinte del sangue di si cara donna
Voi – voi – dov'è quel ferro? usw.

Wie man sieht, erforderte der italienische Geschmack eine noch stärkere Ausdehnung des Rührenden in der Tragödie.

XV

Das Bühnenwerk Zaïre gibt insofern Anlaß, länger bei ihm zu verweilen, als es als typisch für die Voltairesche Tragödie, jedenfalls für die in der ersten Hälfte seines Lebens, gelten kann. Die Handlung geht in Syrien zur Zeit Ludwigs des Heiligen vor sich, nach den Kämpfen zwischen den Christen und Sarazenen.

Orosman, dessen Wesen und Charakter der Vorstellung von Saladin nachgebildet ist, ist Sultan in Jerusalem. Er hat ein junges Weib, Zaïre, in seinem Harem, das von christlichen Eltern gezeugt und im Serail als Mohammedanerin erzogen ist. Zaïre ist ihres zarten Alters wegen von den Sarazenen bei einem an der christlichen Bevölkerung verübten Blutbad verschont worden. Obwohl Sklavin, hat sie alle Ursache, mit ihrem Lose zufrieden zu sein; denn sie liebt den Sultan und wird von ihm geliebt, nicht nur als Odaliske seines Harems, sondern so tief, daß er ihretwegen mit der Vielweiberei brechen und sie als Sultanin auf seinen Thron erheben will. Er vereinigt mit seiner hohen Stellung jene Ritterlichkeit, der kein Weib widersteht.

Ein gefangener Franzose, Nerestan, ist seinerzeit mit des Sultans Erlaubnis nach Paris gereist, um dort womöglich das Lösegeld für zehn andere in Gewahrsam gehaltene christliche Ritter sowie auch für Zaïre und deren Vertraute, Fatime, zu beschaffen. Bei Beginn des Stückes kehrt er eben zurück und begibt sich aufs neue in Gefangenschaft, denn er bringt zwar die Summe Geldes mit, die zur Auslösung der anderen erforderlich ist, hat aber nicht genug, um sich selbst die Freiheit zu erkaufen.

Doch Orosman, der selbst liebt und sich geliebt weiß, legt einen Edelmut an den Tag, welcher das Lösegeld überflüssig macht. Kaum hat Nerestan die Äußerung getan: »Ich finde mich als Gefangener ein«, als der Sultan schon antwortet: »Sei von neuem frei und nimm deine Reichtümer mit dir«. Nicht zehn, sondern hundert christliche Gefangene will er ungehindert ziehen lassen. Nur einen einzigen gibt es, den zu behalten ihm angelegen ist: den alten Lusignan, der seit zwanzig Jahren gefangen sitzt, weil er der ehemaligen Königsfamilie (Godefroy von Bouillon) angehört und mithin für die Sicherheit des Reiches gefährlich erscheint. Hiermit fällt ein Schatten auf die Freude, die der Edelmut des Sultans hervorgerufen hat. Nerestan meint, es wäre unwürdig und unmöglich, den Greis seinem Schicksal zu überlassen. Es scheint also nichts wesentliches erreicht zu sein.

Aber schon zu Beginn des zweiten Aktes wird dieser Stein des Anstoßes aus dem Wege geräumt. Auf Zaïres unwiderstehliches Flehen gibt der Sultan Lusignan die Freiheit zurück und, o Wunder, der alte Mann, der zwanzig Jahre einsam im Gefängnis gesessen, ohne das geringste über das Schicksal seiner Kinder zu wissen, findet diese nun sofort wieder. An den Kennzeichen, die bei Wiedererkennungsszenen auf der Bühne stets zu ihrem Recht kommen – einem Schmuckstück, einer Narbe –, entdeckt er in Nerestan und Zaïre seinen verlorenen Sohn und seine vermißte Tochter.

Alles scheint damit gut zu sein. Da erhebt die tragische Muse ihr Haupt. Der Religionsunterschied mit all den Vorurteilen, die er mit sich bringt, macht sich geltend.

Was nützt es, daß Orosman zu Nerestan gesagt hat:

Reprends ta liberté, remporte tes richesses,

oder daß Nerestan voll Bewunderung für Orosmans Seelenadel antwortet:

Grand Dieu! Quel vertu dans une âme infidèle!

Was nützt es, daß Lusignan das Ehrgefühl der französischen Ritter anerkannt hat:

Des Chevaliers français tel est le caractère;
Leur noblesse en tout temps me fut utile et chère.

Und was hilft es, daß des Sultans Ehrgefühl jenem nichts nachgibt!

Dem christlichen Vater und Bruder ist Zaïres mohammedanische Religion ein Greuel; sie halten ihr so lange die Schande vor, die darin liegt, nicht Christin zu sein, bis sie in die Worte ausbricht: »Ich bin es«. Sie ehrt das Kreuz; sie horcht zerstreut und ehrfurchtsvoll auf das, was ihr Bruder Nerestan ihr von den milden Christenlehren mitteilt. Im tiefsten Innern aber erkennt sie als echte Tochter Voltaires höchst philosophisch, daß die ganze Frage über Religion von Geburtsort und Umgebung abhängig ist:

Je le vois trop. Les soins, qu'on prend de notre enfance
Forment nos sentiments, nos mœurs, notre croyance.
J'eusse été près du Gange esclave des faux dieux,
Chrétienne à Paris, musulmane en ces lieux
L'instruction fait tout.

Ihre Einwilligung, sich taufen zu lassen, ist denn auch völlig unabhängig von ihrer Liebe zu Orosman, die nach wie vor in hellen Flammen steht:

Je ne vois qu'Orosmane, et mon âme enivrée
Se remplit du bonheur de s'en voir adorée.

Orosman ist überdies, augenscheinlich um das Publikum nicht vor den Kopf zu stoßen, gar kein rechter Asiate, er ist nicht Türke, sondern Skythe und »hat den Stolz der Skythen, ihre Leidenschaftlichkeit, ihren Edelmut«.

Nichtsdestoweniger ist er in Lusignans und Nerestans Augen bloß ein Ungläubiger, den zu lieben für Zaïre die tiefste Herabwürdigung bedeutet. Auf ihre naive Frage, was die Strafe dafür sei, einen Ungläubigen zu lieben, antwortet der Bruder: der Tod.

Unvernünftig schwach, wie sie den Anfechtungen des Fanatismus gegenüber ist, gelobt sie denn recht sinnlos, Orosman nicht zu ehelichen, bevor sie getauft ist. Und nun wird von Seite des Dichters alles getan, um ein gegenseitiges Verständnis hinauszuziehen und hierdurch den tragischen Schluß herbeizuführen, zu welchem Othello ihm die Idee gegeben hat. Orosman ist außerstande zu begreifen, warum Zaïre die Hochzeit plötzlich verschoben haben will; eine Erklärung gibt sie ihm nicht. Er kann unmöglich etwas anderes vermuten, als daß ein begünstigter Nebenbuhler seinem Glück im Wege stehe. Am Ende des dritten Aktes beginnt dann die Eifersucht zu wirken. Und es gibt niemand anderen, der verdächtigt werden kann, Zaïres Liebe gewonnen zu haben, als diesen christlichen Ritter, der sie beständig umkreist. Nichts wäre nun einfacher, als daß Orosman beizeiten erführe, daß Nerestan Zaïres Bruder ist. Aber dann konnte ja kein Trauerspiel daraus werden.

Noch sieht Zaïre keinen Mangel an ihrem Geliebten. Auf der einen Seite steht also Geburt, Vaterland, Religion und die sogenannte Ehre, auf der anderen allein ihre Liebe. Orosman hat alle Vorzüge:

Généreux, bienfaisant, juste, plein de vertus,
S'il était chrétien que serait-il de plus?

Aber selbst die vertraute Freundin Fatime ist der Ansicht, daß Gott die Liebe zu einem Ungläubigen nie vergeben könne. Orosman fängt einen Brief auf, der ein Geheimnis zwischen Nerestan und Zaïre andeutet; er gewinnt die Überzeugung, daß dieses verbrecherischer Art sei. Als sie, unschuldig bezichtigt, seine Anklage mit Stolz von sich weist, packt ihn die Wut des Skythen, er bohrt ihr den Dolch ins Herz und will Nerestan martern lassen. Aber gleich darauf von dem wahren Sachverhalt unterrichtet, bereut er wild und macht seinem Leben ein Ende, um seine Schuld zu sühnen.

Während der Ausdruck der Liebe hier in einer Weise formuliert ist, daß das Stück an den Höfen Beifall finden konnte, ist in den Schlußszenen zwischen Orosman und Zaïre etwas einfach Menschliches. Man lese beispielsweise die große Szene im vierten Akt, wo der Sultan seine erregten Vorwürfe mit dem erstaunten und gerührten Ausruf unterbricht:

Zaïre, vous pleurez?

Aber man fühlt es stark hier, wo Voltaire als Tragiker sein Bestes gegeben zu haben meint, daß die französische Tragödie in ihrer durch ein Jahrhundert gefesteten Form eine Art Operntext geworden war, der die Melodie aufgesogen hatte, etwas Wirklichkeitsfernes, das die Beobachtung einer herkömmlichen künstlerischen Konvention weder aufgeben wollte noch konnte, während sie doch besonders durch die Neubildungen, die innerhalb des einmal gegebenen Rahmens gedeihen konnten, zu wirken versuchte. Es ist z. B. neu, daß in dem Stück Franzosen auftreten. Die Tragödie war in Frankreich niemals zuvor national gewesen, sondern Griechen, Römern und Spaniern vorbehalten geblieben. Es ist ferner neu, daß in einem Konflikt zwischen Liebe und Religion der Nachdruck nicht, wie in Polyeucte auf dem Christentum, sondern auf der Liebe liegt; die Darstellung der mörderischen Eifersucht einer ritterlichen Natur war auf der französischen Bühne nicht minder etwas Neues.

Dennoch muß das Ganze ein überwiegend musikalischer Kunstgenuß gewesen sein, ähnlich dem, den eine italienische Oper spendet. Das Hauptgewicht ruhte nicht auf den Menschen – kein einziger von ihnen ist in dem Bewußtsein der Nachwelt stehengeblieben –, sondern auf Schlagkraft und Schneid jedes einzelnen Verspaares; auf der Grund-Antithese, zuerst in diesen Versen, dann in dem ganzen Trauerspiel mit dessen symmetrischen Kontrasten, die unter den in wechselnden Szenen sich entwickelnden verschiedenen Gemütsbewegungen entstanden und sich auflösten.

In diesem Grade musikalisch ist die reimlose versifizierte Tragödie weder in England noch später in Deutschland und Dänemark jemals gewesen. Sie hat nicht dieses unablässige Glockenspiel. Sie ist nicht reimtönend.

Und wenn dieses liebende Paar, das die damaligen Zuschauer so ernsthaft beschäftigte, uns Jetztlebende nicht zu rühren vermag, so beruht dies gerade auf dem, was dazumal die meisten bewegte. Wir fühlen deutlich, was der Dichter durch das Mißgeschick dieses Liebespaares beweisen und lehren wollte: welch unersetzliches Unheil die dem Religionsunterschied beigemessene Wichtigkeit verursachte. Sein Schauspiel lehrt, daß auch der Unglaube Tugenden habe und dieselben Tugenden, die in der Regel christlich genannt werden; es lehrt ferner, daß selbst die besten Christen berechtigtes Menschenglück zerstören, wenn sie die Forderungen ihres Fanatismus als heilige Pflicht betrachten.

Othello und Desdemona leben noch, weil der Dichter uns durch sie keine Lehre verkünden, keine Moral predigen wollte.

Sogar die Beredsamkeit, in welcher nach dem Urteil der damaligen Zeit die schöne Stärke des Stückes lag, widerstrebt uns heute überall, wo sie nicht Maß zu halten versteht. Beständig wird der Mund zu voll genommen. Nie läßt sich Voltaire daran genügen, Zaïres königlicher Herkunft Erwähnung zu tun. Es muß eine hohe Ziffer hinzukommen. Sie stammt stets von zwanzig Königen ab; als ob es überhaupt in Jerusalem zwanzig christliche Könige gegeben hätte!

Vous, le sang de vingt rois, esclave d'Orosmane!

So bricht Zaïre, als ihre Vertraute sie bloß einen Augenblick allein läßt, in den Ausruf aus: »Das Weltall verläßt mich!«

Fatime ne vient plus. Quoi! dans ce trouble extrème
L'Univers m'abandonne! on me laisse à moi même.

Hierzu kommt endlich die schon früher berührte Schwerfälligkeit des scheinklassischen Stils, das ängstliche Vermeiden des einfachen schlichten Ausdrucks. Zum Beispiel dort, wo Orosman sagt:

Madame, il fut un temps, où mon âme charmée
Ecoutant sans rougir des sentiments trop chers
Se fit une vertu de languir dans vos fers.

Diesem Stil entspricht es, daß es statt des einfachen »Wo gehst du hin?« tragisch heißt: Où portez vous vos pas? und »Gehen wir«, tragisch ausgedrückt, lautet: Otons nous de ces lieux!

Allein wir wollen über Schwächen hinwegsehen, die Zaïre mit allen anderen französischen Tragödien, selbst den besten, gemeinsam hat. Es ist in dem Grundgedanken dieses Stückes etwas, das Lessing später in seinen Nathan der Weise aufnahm, wo Orosman durch sein Vorbild Saladin ersetzt ist, und es ist etwas in der Hauptperson Orosman, in seinem Verhältnis zu Zaïre, wie eine Vorahnung von Goethes Thoas, einem anderen Skythenkönig, in seinem Verhältnis zu Iphigenie.

XVI

Voltaire fühlte seine Stellung mehr und mehr bedroht. Irgendein Unbekannter gab seine vor zehn Jahren an die Marquise von Rupelmonde gerichtete Epistel an Urania in Druck. Das Gedicht, das die Religion berührte, war allerdings anonym, aber es half nichts, da die öffentliche Meinung den Verfasser ausfindig machte. Nicht bloß die Frommen, auch die Konservativen standen vor Entrüstung in hellen Flammen. Es war zu erwarten, daß die Obrigkeit einschreiten werde. Der Kanzler d'Aguesseau fragte seinen Sekretär Langlois, was er darüber dächte. Die Antwort war: »Monseigneur, man sollte Voltaire irgendwo einsperren, wo er nie Papier, Feder und Tinte in die Hand bekäme. Er ist staatsgefährlich.« Der Erzbischof von Paris, Herr de Vintimille, beklagte sich bei dem Polizeiminister und Hérault berief Voltaire vor sich, der beteuerte jedoch, die Epistel sei durchaus nicht von ihm, sondern von dem verstorbenen Abbé de Chaulieu, den er sie öfters hatte deklamieren hören.

Die junge Schauspielerin Mademoiselle Gaussin, die die Zaïre spielte, war schon zuvor als Tullie in Brutus vortrefflich gewesen. Voltaire hatte ihr damals folgende scherzhafte Verse gewidmet:

Que le public veuille ou non veuille,
De tous les charmes qu'il accueille
Les tiens sont les plus ravissants.
Mais tu n'es encor que la feuille
Des fruits que promet ton printemps,
O ma Tullie, avant le temps
Garde-toi bien qu'on ne te cueille.

Es scheint, als ob die hier erwähnte Frucht zu rechter Zeit gepflückt wurde, und zwar von keinem anderen als von dem, der fürchtete, sie würde zu früh geerntet werden.

Voltaire hat viele Verse an die Gaussin geschrieben, darunter anläßlich ihres zwanzigsten Geburtstages im August 1731 folgende:

Le plus puissant de tous les dieux,
Le plus aimable, le plus sage,
Louison, c'est l'Amour dans vos yeux.
De tous les dieux le moins volage,
Le plus tendre et le moins trompeur,
Louison, c'est l'Amour dans mon cœur.

Stürmisch aber war sein Dank, da Mademoiselle Gaussin als seine Zaïre Triumphe feierte. Er huldigte ihr in der versifizierten Epistel (der neununddreißigsten), die in die Widmung des Stückes eingeflochten ist. Diese Epistel beginnt:

Jeune Gaussin, reçois mon tendre hommage,
Reçois mes vers au théâtre applaudis!
Protège-les: Zaïre est ton ouvrage;
Il est à toi, puisque tu l'embellis.
Ce sont tes yeux, ces yeux si pleins de charmes,
Ta voix touchante, et tes sons enchanteurs,
Qui du critique ont fait tomber les armes.

Vielleicht war diese Huldigung nicht besonders übertrieben. Wahrscheinlich hat die entzückende Erscheinung der jungen Schauspielerin das ihre dazu beigetragen, die Kritik zu entwaffnen. Das Gedicht schließt feurig:

Heureux cent fois le mortel amoureux
Qui, tous les jours, peut te voir et t'entendre,
Que tu reçois avec un souris tendre,
Qui voit son sort écrit dans tes beaux yeux,
Qui, pénétré de leur feu qu'il adore
A tes genoux oubliant l'univers,
Parle d'amour, et t'en reparle encore!
Et malheureux qui n'en parle qu'en vers!

Als die Vorstellungen von Zaïre infolge einer Erkrankung Mademoiselle Gaussins einige Zeit unterbrochen wurden, ließ Voltaire das Stück bei Madame de Fontaine-Martel aufführen, wobei er selbst, wie später des öfteren, den Lusignan mit einem Leben und Feuer spielte, das einzelnen Zuschauern für einen zwanzig Jahre lang Eingekerkerten allzu stark dünkte.

Aber augenscheinlich hat Voltaire, so sehr er Gebärden auf der Bühne verabscheute, ein Übermaß von Leben gebilligt.

Eine junge Schauspielerin, der er Unterricht erteilte und mit ihrer Ruhe unzufrieden, eine Weisung gab, wie seiner Auffassung nach die Rolle anzupacken sei, erwiderte ihm: »Um so zu spielen, müßte man ja den Teufel im Leibe haben.« »Ja,« gab er zur Antwort, »das ist es eben, was man haben muß.«

Als ein andermal eine Anfängerin ihn durch ein beständiges Fuchteln mit dem Arm irritierte, knüpfte er ein Band um ihren rechten Arm und stellte sich in die Kulisse, das Band in seiner Hand behaltend, um sie zu ruhigem Spiel zu zwingen. Sie dämpfte ihre Bewegungen; als sie aber zuletzt ernstlich in die Hitze kam, holte sie so heftig mit dem Arme aus, daß das Band zerriß. – »Um Verzeihung!« sagte sie, »ich weiß, daß das verkehrt war.«

»Im Gegenteil, im Gegenteil!« rief er. »So soll es ja gerade sein. Ich hoffte ja, Sie würden mir das Band entreißen. Wenn die Bewegung bloß von innen kommt, dann ist sie am Platz«.

XVII

Im Januar 1733 wurde Voltaires gute Wirtin, der epikuräische Philosoph in Weiberkleidern, Gräfin Martel, sterbenskrank, und Voltaire fiel die peinliche Aufgabe zu, sie von ihrem nahe bevorstehenden Ende zu unterrichten. Sie wollte von Priester und Sakramenten nichts hören; aber sehr bezeichnend für den Geist jener Zeit, hielt Voltaire sich als durch seine Ehre verpflichtet, sie, wie er selbst es für seine Person wünschte, in Übereinstimmung mit der Kirche dahinscheiden zu lassen. Er führte also einen Priester zu ihr und gab später, seiner Gewohnheit nach, ohne die mindeste Rührung, eine höchst burleske Schilderung der Situation, wie die Gräfin notgedrungen die letzte Zeremonie erfüllte.

Um jenen Zeitpunkt erschien seine bekannte Dichtung Le Temple du Goût, ein echtes Produkt des achtzehnten Jahrhunderts, halb in Prosa, halb in Versen, in welchem er die Schriftsteller aus Ludwig des Vierzehnten und seinem eigenen Zeitalter mit unerhörter Respektlosigkeit beurteilte, aber im allgemeinen so gesund, daß die Nachwelt diese Urteile bestätigt hat. In einzelnen Fällen, wie J. B. Rousseau gegenüber, richtete er mit einem durch die Anfälle des verbannten Lyrikers geschärften strafenden Witz. Die Arbeit hat ungefähr den Wert, den Boileaus L'Art poétique für die frühere Periode gehabt hatte.

Sie erregte helle Wut. Man war empört, daß Voltaire so große Schriftsteller wie Rabelais oder Bayle tadelte, ihnen Weitschweifigkeit vorzuwerfen wagte. Andererseits verlangten zeitgenössische Autoren, die darin gelobt waren, wie der Graf von Caylus, als Edelleute, die sich bloß als Amateure, nicht als simple Schriftsteller betrachtet sehen wollten, entrüstet, daß er ihre Namen streiche.

Voltaires artige Antwort an Caylus lautete: »Ich ziehe das Vergnügen, Ihnen gehorsam zu sein, dem Vergnügen, Sie zu rühmen, immerhin noch vor. Ich glaubte nicht, daß ein so wohlverdientes Lob beleidigen könnte.« Worauf Caylus als wahrer Aristokrat antwortet: »Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Artigkeit; sie erreicht ihren Höhepunkt, falls ich meinen Namen in der neuen Ausgabe nicht wiederfinde.«

Der Sturm, der sich gegen das Werkchen erhob, war der stärkste, den Voltaire bisher auszuhalten gehabt hatte. Es beschäftigte die Lesewelt und brachte sie in Aufruhr. Nach damaligem Brauch wurde es öffentlich auf den kleineren Bühnen parodiert, die dazumal dieselbe Aufgabe erfüllten, wie heutzutage die Revuetheater.

Die Marionettenbühne gab das Signal zum Angriff und der Witz war mehr derb und volkstümlich als fein: Der kranke Polichinel erhält von einem Arzt den Rat, sich einige Stockschläge geben zu lassen, um in Schweiß zu geraten. Aber dieses Mittel hat man schon versucht und es hat nicht geholfen. Ein anderer Arzt rät ein Abführmittel an; man bringt einen Tempel des Geschmacks (Le Temple du Goût) auf die Bühne und er erweist sich als ein Nachtstuhl. Der Scherz erschien indessen zu derb, und man zog das Stück auf höheren Befehl zurück.

Als nächstes machte sich das italienische Theater ans Werk. In dessen Posse erschien Voltaire selbst auf der Bühne in karriertem englischen Anzug, der jedoch, um seinen angeblichen Geiz zu bezeichnen, aus Leinwand, nicht aus Tuch war. – Er benahm sich wie ein vollständiger Narr, äußerte sich höchst albern und ohne die geringste Urteilskraft über alles mögliche und vertrat so den falschen Geschmack (le faux goût) im Gegensatz zum guten.

Zeugnisse von Zeitgenossen erweisen, daß einzelne unter einer so sinnlosen Herunterreißung eines hochgeschätzten Schriftstellers litten. Voltaire selbst scherzte darüber. Er schrieb an Thiériot, wenn Sokrates es sich habe gefallen lassen müssen, von Aristophanes auf die Bühne gebracht zu werden, so würde es sich für ihn nicht schicken, sich über eine Satire von Romagnesi zu beklagen.

Nach Madame de Martels Tode war Voltaire noch einige Zeit in ihrem Hause wohnen geblieben. Im Mai 1733 bezog er ein Haus in der Rue du Long-Pont, dem Besitztum eines großen Kornhändlers, namens Demoulin, den er bei einem der untergeordneten Beamten seines Vaters kennen gelernt hatte. Da er den Kornhandel für sehr einträglich hielt, ließ er Demoulin für sich spekulieren, was dieser auch mit gutem Erfolg tat.

Die Gasse, in der das Haus stand, war eng und häßlich; aber Voltaire richtete sich so hübsch wie möglich ein, und lud junge und ältere Freunde zum Speisen zu sich. In diesen Stuben sah er zum ersten Male nicht lange nach seiner Übersiedelung die Dame, die die nächsten siebzehn Jahre seines Lebens beherrschen sollte. Voltaire kannte die Herzogin von Saint-Pierre; er kannte deren Freund, den geistvollen, gelehrten und tapferen Louis de Brancas, Graf von Forcalquier, den Sohn des Marschalls. Sie besuchten ihn bisweilen. Eines Tages nahmen sie die intime Freundin der Herzogin, die Marquise von Châtelet, mit sich und dieses Kleeblatt fand sich auch eines Abends zu einer bescheidenen improvisierten Mahlzeit ein, einem Hühnerfricassée, das ein ausgezeichneter Champagner hinabschwemmte. Hierbei ergab sich folgender kleiner Vers:

Ciel! que j'entendrais s'écrier
Marianne, ma cuisinière,
Si la duchesse de Saint-Pierre,
Du Châtelet et Forcalquier
Venaient souper dans ma tanière.

Hier ist der Ausgangspunkt für die intime Freundschaft zwischen Voltaire und der Marquise von Châtelet, die Voltaire nicht lange danach eine lange Reihe ruhiger und fruchtbarer Arbeitsjahre sicherte. Es war zu Anfang ein leidenschaftliches Liebesverhältnis, ging dann im Laufe der Zeit in eine geistige Ehe über, in welcher der männliche Genius sich zufrieden und beruhigt fühlte, während der weibliche unter Voltaires häufigen Reisen und zahlreichen Unvorsichtigkeiten litt, und sich überdies auf die Dauer mit dem nur geistigen Zusammenleben nicht begnügen wollte.

XVIII

Gabrielle Emilie Le Tonnellier de Breteuil war am 17. Dezember 1706 geboren, also sechsundzwanzig Jahre alt, als sie, im Vorsommer 1733, den damals achtunddreißigjährigen Voltaire kennenlernte. Sie war im Alter von achtzehn Jahren mit dem Marquis Florent Claude du Châtelet-Lomont vermählt worden, der einem uralten lothringischen Adelsgeschlecht entstammte, ihr aber sehr unterlegen war. Er war eine Durchschnittsfigur unter den Edelleuten und Offizieren jener Zeit, jedoch weder unmännlich noch vorurteilsvoll, ehrenhaft, ohne deshalb von der Ehe eine andere Auffassung zu haben als die im achtzehnten Jahrhundert übliche; sie selbst war eine Frau von ganz ungewöhnlichen geistigen Anlagen. Das Paar bekam einen Sohn und eine Tochter und ließ einander im übrigen in Ruhe.

Voltaire hatte die berühmte Emilie als kleines Mädchen bei ihrem Vater gesehen. Einer der Schriftsteller, die zu dem kleinen Hof der Herzogin von Maine in Sceaux gehörten, ein witziger Mann, namens Dumas d'Aigueberre, machte sie aufs neue miteinander bekannt. Es ist hierin nichts, was an Solness und Hilde erinnert, als eben das Wiedersehen nach vielen Jahren. Voltaire war noch jung, in seiner besten Kraft, und die schöne Emilie hatte nicht auf ihn gewartet.

Schon als Kind hatte sie Latein und Italienisch gelernt, im Alter von fünfzehn Jahren begonnen, Vergil zu übersetzen und sich frühzeitig zur Mathematik hingezogen gefühlt. Aber trotz ihrer bedeutenden Anlagen war sie Weib und sogar ein leidenschaftliches Weib bis in die Fingerspitzen. Die Atmosphäre des Zeitalters wirkte wohl erhitzend. Als ihr Mann zeitig aufhörte, sie zu beschäftigen, widerstand sie Versuchungen nicht und stürzte sich kopfüber in eine Liebesverbindung mit dem Marquis von Guébriant, die infolge seiner bald eintretenden Erkaltung mit einem Selbstmordversuch ihrerseits endete. Dieser, der kein Geheimnis blieb, wurde von den zeitgenössischen Liederdichtern lustig besungen und von Maurepas in seinen Lebenserinnerungen umständlich erörtert. Später hatte sie das oben erwähnte kurze Abenteuer mit dem Herzog von Richelieu.

Wir haben nicht wenige Portraits von ihr und können uns eine Vorstellung ihrer Person aus der Zeit bilden, da Voltaire ihr zum zweiten Male im Leben entgegentrat. Auf Nattiers wie auf Latours und Marie Anne Loirs Bildern ist sie zwar bedeutend älter als damals, sieht aber gut aus und hat ein eigentümliches, sympathisches Gesicht. Eine Schönheit war sie niemals. Groß und schlank, hatte sie einen Kopf mit bedeutenden Zügen, große Nase, sehr schön geformten Mund, kräftiges, willensstarkes Kinn, große Augen, grün und klar wie das Meer, mit gewinnendem Ausdruck, und darüber starke Augenbrauen. Das ganze Gesicht aber schien von der Stirn beherrscht zu werden, die hoch und gedankenvoll war. Das schwarze, sehr lange Haar war gekräuselt wie das kleiner Kinder und im Nacken hochgenommen; die Büste sehr schön, voll und doch schlank. Nach Behauptung der liebevollen Madame du Deffand waren ihre Arme und Beine ein wenig zu stark. Sie sprach leicht und mit großer Schnelligkeit, wußte sich aber im Gesellschaftsleben so schlicht auszudrücken, daß niemand ihre wissenschaftlichen Kenntnisse ahnen konnte.

XIX

In dem Augenblick, da sie ihren Bund mit Voltaire schloß, war sie noch ganz Gefühl, und ihre Intelligenz erst im Entstehen. Was sie damals von schönen Künsten und Wissenschaften verstand, war namentlich Musik; sie hatte eine schöne Stimme, sang gern und kannte die damaligen Opern gründlich, zog aber in der Regel die leichtere und einschmeichelnde Musik der gelehrten vor. Als jedoch Voltaire seinerzeit, von Rameau um einen Operntext gebeten, den Samson schrieb, zeigte sich Madame du Châtelet bei einer Probe, der sie in einem Privathause beiwohnte, vollständig für den eigentümlichen alten Komponisten gewonnen. »Meine Dankbarkeit«, schreibt sie, »entspricht an Stärke dem Vergnügen, das ich genossen habe, und das will viel heißen; es gibt da eine Ouverture, einen ernsten Tanz im Dreivierteltakt (Chaconne), Geigenmelodien, einen bewundernswerten dritten und fünften Akt.« Knapp vor der Aufführung der Oper wurde indessen die Vorstellung verboten, unter dem Vorwande, daß das Thema biblisch sei, obwohl man dem italienischen Theater gestattete, einen Samson zu bringen, in welchem der Harlekin als Samsons Diener auftrat und sich mit einem Truthahn balgte.

So wurde der im Wachsen begriffene musikalische Ehrgeiz Voltaires im Keim erstickt; er wollte seine Fähigkeit erweisen, den Opernstil zu erneuern, indem er die langweiligen Rezitationen einschränkte und durch Arien ersetzte, die französische Geschmacksrichtung überhaupt mit der italienischen verschmolz und dem Opernballet ein reiches und festliches Gepräge gab. Aber es hat psychologisches Interesse, in seinen Briefen sowohl zu verfolgen, welches Ideal ihm vorschwebte, wie auch zu sehen, wie die alte biblische Erzählung aus dem Buch der Richter sich in seinem Operntext ausnehmen sollte.

In seiner Oper darf nicht gesprochen werden, und der Held darf keinen Vertrauten haben. Die Zuhörer sollen nicht unter den beständigen Ö-Lauten leiden, die in den Rezitativen den Worten mit weiblicher Endung anhaften. Das Absurde in der Erzählung muß eingeschränkt werden. Man soll nicht von Rameau verlangen, »Samsons Eselskiefer auf Sechzehntelnoten zu verteilen«. Es sollen keine Bienen in dem Rachen des toten Löwen zu finden sein, da sich ja Bienen niemals auf Aas setzen. Endlich soll Dalila nicht die unwürdige Person sein, als die sie in der Bibel geschildert wird, sie soll das Interesse von dem Helden nicht abziehen. Nicht seine Verliebtheit, sondern sein Heroismus soll die Hauptsache sein.

Wie tief Voltaire der romanischen Kultur verbunden und wie vollständig fremd die biblische ihm war, verrät auf lehrreiche Art sein Text. Ein Prolog eröffnet das Stück, in welchem die Wollust (nach Auffassung des achtzehnten Jahrhunderts eine höchst vortreffliche Dame), umgeben von Freunden und Liebesgöttern, auf ihrem Throne sitzt. Mars hat die Sterblichen grausam gemacht, die Wollust macht sie glücklich. Die Tugend tritt auf, kommt aber nicht als Rivalin der Lust; sie will sich vielmehr mit dieser verbinden, um besser über die Menschen herrschen zu können. Auch Herkules und Bacchus finden sich ein, um der Wollust zu huldigen. Der Dichter beabsichtigt, uns nun »einen zweiten Herkules« zu zeigen, der sogar noch in den Armen der Weichlichkeit die Tugend anbetet.

Die gefangenen Israeliten, die im Lande der Philister wie Sklaven behandelt werden, weigern sich, die Abgötter ihrer Überwinder anzubeten. Samson kommt, trotzt dem Hohepriester der Philister und stürzt die Altäre der Götzen. Er ist der Befreier seines Volkes, das er zum Widerstand auffordert, und seine Arie endet mit einem Freiheitsruf.

L'affreux esclavage
Flétrit le courage.
Mais la liberté
Relève sa grandeur et nourrit sa fierté.
Liberté! liberté!

Im nächsten Akt ist der Aufruhr siegreich geworden. Der König erschrickt. Aber Samson tritt auf mit seiner Keule in der einen und einem Olivenzweig in der anderen Hand und erweist sich unwiderstehlich. Er übt Wunder; auf sein Gebot springt aus dem Marmorfelsen eine Quelle, auf sein nächstes Gebot schlägt der Blitz ein, und die Saat der Felder steht in Flammen. Man erkennt ihn nun als Sieger an.

Allein in einem heiligen Hain, wo Venus (d. i. Astarte) und die anderen Götter Syriens verehrt werden, verkündet des Orakels Stimme, daß nur Liebe den Helden bezwingen könne. Und Dalila ist die Hohepriesterin der Venus und steht dem Adonisfeste vor, das soeben gefeiert wird. Süße Töne laden Samson zur Ruhe auf dem Rasen des Hains. Er erwacht, umringt von den Priesterinnen der Venus, die Blumenketten um ihn winden. Dalila singt die Hymne zu Ehren der Göttin. Und Samson ist besiegt. Er gesteht:

Que ses traits ont d'appas! que sa voix m'intéresse!
Que je suis étonné de sentir la tendresse!
De quel poison charmant je me sens pénétré!

Dalila ihrerseits fühlt sich gefesselt:

Je pourrais de Vénus imiter la tendresse.
Heureux qui peut brûler des feux qu'elle a sentis!
Mais j'eusse aimé peut-être un autre qu'Adonis,
Si j'avais été la déesse.

Und bald steht sie in Flammen; sie wollte Samson erobern, fühlt sich aber selbst erobert, und in einem melodischen Lied bittet sie die girrenden Tauben um sie her und das Echo, das im Hain widerhallt, ihr »Ich liebe ihn!« zu wiederholen.

Der König erlaubt Dalila, den Helden zu heiraten, aber unter einer Bedingung: sie soll ihm das Geheimnis seiner übernatürlichen Kraft entlocken.

Vor dem Tempel der Venus, der sich in seiner ganzen Pracht offenbart, bittet denn Dalila den Samson, sein Schicksal mit dem ihren zu vereinen. Er weigert sich zuerst, kann aber dann nicht widerstehen und zeigt sich bereit, ihr über die Schwelle zu folgen, die sein Gott ihm zu betreten untersagt. Dann forscht Dalila nach seinem Geheimnis. Er will es nicht verraten. Als sie aber zu ihm als die Liebende spricht, die sich von seinem Mißtrauen verletzt fühlt, läßt er sich verleiten, sein Geheimnis und sich selbst auszuliefern. Der Himmel verfinstert sich, der Tempel verschwindet, und während der Donner rollt, wird Samson, den Gott verlassen hat, weil er das Geheimnis verriet, zu Dalilas Verzweiflung von den Scharen der Philister überwältigt.

Im letzten Akt packt er, geblendet und gefesselt in den Götzentempel geleitet, die tragende Säule und knickt sie wie ein Schilfrohr. Der Chor singt:

Tout tombe, tout périt. O Ciel! ô Dieu vengeur!

Samson antwortet:

J'ai réparé ma honte et j'expire en vainqueur.

Dieser, von einem gehässigen Verbot getroffene Operntext, der keine Verwendung fand, so daß Rameau, was er von der Musik gebrauchen konnte, in anderen Opern unterzubringen genötigt war, hat nicht bloß Interesse durch seine schönen Verse, sondern durch den überraschenden Einblick, den er in Voltaires Empfindungsweise einem alttestamentarischen Stoff gegenüber gibt. Er vermag ihm nicht zu Leibe zu rücken, ohne ihn zu antikisieren. Samson weiß er nur beizukommen, indem er ihn in Herkules verwandelt; Dalila, indem er sie zur Hohepriesterin im Tempel der Venus umformt.

Er kann es nicht über sich gewinnen, eine ehrliche Anbeterin der Venus einen Betrug verüben zu lassen. Der Verrat wird von den Priestern der Philister ins Werk gesetzt; Dalila dagegen liebt Samson aufrichtig. Der Gott, dem Samson diente, ist der Voltaires. Er verabscheut Götzen, so wie Voltaire es tut. (Venus ist kein Götze.) Samson ist ein Henri der Vierte, der im heiligen Hain der Venus betört wird, sowie le vert galant im neunten Buch der Henriade in Amors Tempel. Dalila ist mit anderen Worten Gabrielle d'Estrées, um zwei Jahrtausende zurückversetzt.

XX

Einer der schönsten und rührendsten Züge in Voltaires Charakter war sein ganzes Leben lang von dem Augenblick an, da er über ein bißchen Geld verfügte, seine schrankenlose Hilfsbereitschaft gegenüber der Menge armer junger Leute, die sich an ihn wandten. Was hierbei geradezu in Erstaunen setzen muß, ist die Bereitwilligkeit, mit der er, der sich doch bald klar ward, welchen Dank er zu erwarten habe, diesen fremden Menschen beständig Zutritt zu seiner Person und seinem Hause gewährte, wie er sich damit abfand, sie um sich zu sehen. Diese nie ermattende Gefälligkeit und Nachsicht zeigt, wie keine ungünstige Erfahrung den angeborenen Edelmut seines Wesens zu ändern vermochte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ein unbedeutender junger verseschreibender Abbé, namens Michel Linant, sich bei ihm eingeschmeichelt. Voltaire unterstützte ihn nicht nur selbst, sondern versuchte auch, ihn bei Freunden unterzubringen. Zuerst bei Madame de Martel, wo, seinem Wunsche gemäß, Linant auf demselben Fuße wie er hätte wohnen, sich auch ein wenig nützlich machen und dafür eine Entlohnung erhalten sollen. Allein Madame de Martel wollte durchaus nichts von dem neuen Schutzbefohlenen wissen. Sie hatte auf Voltaires eindringliche Empfehlung sich schon Thiériots annehmen müssen, dem sie ein Jahrgeld von 1200 Francs aussetzte, während er seiner Gewohnheit nach als Entgelt nichts leistete, und sie fürchtete von Voltaires jüngstem Protégé neue Verpflichtungen und neue Verdrießlichkeiten. Der Dichter empfiehlt ihn also um so inständiger seinem Freunde Cideville in Rouen: »Linants Verse sind ebenso bilderreich wie harmonisch. Zwar hat er als Dichter zu viele Ideen und eine allzu große poetische Wut; aber das sind Jugendfehler, die die Jahre bessern werden, und im Gespräch ist er viel gedämpfter als in seinen Versen.«

Cideville behandelt Linant demzufolge, als wäre er sein eigener Sohn. Dennoch läßt Voltaire den jungen Menschen nicht aus den Augen, schlägt ihn eifrig der Herzogin von Maine als Vorleser vor, setzt sogar Madame du Deffand in Bewegung und beschwört sie in den stärksten Ausdrücken, um ihrer Ehre, ihres Vergnügens und des Vergnügens der Herzogin willen, dem angeblich so vielversprechenden Abbe die ersehnte Stelle zu verschaffen.

Allein die Herzogin zeigt sich hart; sie hat gar keine Lust, Linant in der Nähe zu haben. Verwunderlich war es nicht; er lispelte, stotterte und war dabei kurzsichtig; war obendrein noch ebenso wichtigtuerisch als unverständig. »Was soll ich mit ihm anfangen?« schreibt Voltaire 1732 an Cideville. »Er kann nicht Sekretär sein, da er nicht einmal leserlich schreiben kann, und ich fürchte sehr, daß er die liebenswürdige Tugend der Faulheit besitzt, die ja für einen Mann, der sich eine Bahn brechen soll, kein geringes Laster bedeutet.« Ob denn Cideville ihm nicht einen Posten bei dem Erzbischof von Rouen verschaffen könne?

Im folgenden Jahre (29. Mai 1733) schreibt Voltaire wieder über Linant an Cideville: »Falls der Abbé nach Paris zurückkommen will, werde ich ihm irgendwo in meiner Nähe ein Zimmer mieten; und er kann dann alle Tage mittags und abends in meinem Zufluchtsort bei mir speisen.« Der Abbé ließ sich das nicht zweimal sagen, nahm Postpferde und langte an. Verwendung hatte Voltaire durchaus nicht für ihn. Er hatte ja einen Sekretär, einen gewissen Céran, der ihm die lateinischen Dichter vorlas und seine Verse abschrieb, schludrig und schlecht. Da Voltaire selbst keine Zeit hatte, sich außerhalb der Mahlzeiten Linants anzunehmen und der etwas einfältige Céran ihm keine genügende Gesellschaft für den Abbé dünkte, so nahm er noch einen anderen jungen Mann in sein Haus, einen Poeten namens Lefèbvre, und hatte nun täglich drei arme tragödienschreibende junge Menschen zu ernähren.

Nach einiger Zeit kehrte Linant zu seinem Beschützer Cideville in Rouen zurück, fand sich jedoch alsobald wieder in Paris ein, wo Voltaire ihm den Plan zu einer Tragödie über Ramses den Großen aufgab, den er auszuarbeiten begann. Im September 1733 mußte Voltaire indessen mitteilen, daß Linant ihn verlassen hatte, ohne auch nur eine einzige Szene der Tragödie fertiggebracht zu haben, und erst jetzt beginnt er ernstlich an der Zukunft seines Schützlings zu zweifeln.

Mit rührender Naivetät schreibt er an Cideville: »Ernsthaft gesprochen, erscheint es nicht sicher, daß Linant eines jener ausgeprägten Talente besitzt, ohne welche die Dichtkunst ein erbärmliches Handwerk ist; es wäre ein wahres Unglück, wenn er wenig Genie mit viel Faulheit vereinigte. Ermuntern Sie ihn doch zu arbeiten ... er hatte die Absicht, Lehrer zu werden, kann aber kaum ein bißchen Latein. Wenn Sie ihn gern mögen, mein lieber Cideville, so verderben Sie ihn nicht durch allzuviel Lob, sondern veranlassen Sie ihn, etwas zu lernen.«

An Linant selbst schreibt Voltaire ein kleines Gedicht, um ihn zum Fleiß zu ermahnen. Es besagt, daß Müßiggang bei den Reichen oder denjenigen, die ein arbeitsames Leben hinter sich haben, eine Tugend sein möge, bei den Armen sei er aber stets ein Laster, und daß derjenige, der ehrgeizig sei wie Linant, sich nicht anders zur Ruhe legen dürfe als auf Lorbeeren.

Courtisans de la gloire, écrivains ou guerriers,
Le sommeil est permis, mais c'est sur des lauriers.

Am 27. Dezember desselben Jahres teilt Linant seinem Beschützer mit, daß er »auf das Theater verzichte«, und Voltaire muß nun notgedrungen die hohe Meinung aufgeben, die er sich von dem Abbé gebildet hatte. Aber er gibt ihn darum nicht auf. Als Linant eine vornehme Dame, die Gräfin von Neuville, gegen sich aufgebracht hat, indem er ihr frech einen Liebesbrief schickte, entschuldigt ihn Voltaire aufs eifrigste, schreibt sogar aus diesem Anlaß ein Gedichtchen an die Gräfin, in welchem folgende Zeilen vorkommen:

Il est difficile de taire
Ce qu'on sent au fond de son cœur;
L'exprimer est une autre affaire,
Il ne faut pas parler, si l'on n'est sûr de plaire,
Souvent l'on est fat, en montrant trop d'ardeur.

Im Jahre 1736 überließ er Linant die Einnahmen aus seinem Schauspiel L'Enfant prodigue. Er gab ihm im Sommer 1735 – so sehr Madame du Châtelet sich dagegen sträubte – bei ihr und sich in Cirey eine Anstellung als Lehrer ihres Sohnes. Kaum aber hatte Linant Zutritt in das Haus erhalten, als er auch schon, uneingedenk seiner Stellung als entlohnter Instruktor, uneingedenk der Achtung, die er dem Namen und Geschlecht der Dame des Hauses schuldete, von einem Nachbargut aus, wo er ohne Erlaubnis einen Besuch gemacht hatte, einen Brief an sie schrieb, der ohne eine einzige höfliche Wendung mit den Worten schloß: »Die Langweile auf Cirey ist von aller Langweile die größte.« Er zeigte diesen Brief seinen Wirten, die Madame du Châtelet sogleich veranlassen wollten, ihm den Abschied zu geben. Aus purer Güte ließ Voltaire den Sünder dennoch bleiben und verschonte ihn sogar von Vorwürfen.

Linant fuhr also fort, den Überlegenen zu spielen, wie er denn zu Voltaires Ärger von seinem Wohltäter in Rouen nie als von »Herrn de Cideville«, sondern von »dem lieben Cideville« oder von »dem armen Cideville« sprach. Als Madame du Châtelet ihm dessentwegen die Türe weisen wollte, stellte Voltaire ihr vor, es sei eben ein junger Mensch (Linant war immerhin 27 Jahre) ohne Weltkenntnis; er würde Hungers sterben, wenn man ihn fortjagte, träge und unwissend wie er sei; und er verstehe schließlich doch genug Latein, um Unterricht darin zu geben, »mindestens um es selbst gleichzeitig mit seinem Schüler zu lernen«. Er könne diesen jedenfalls im Denken unterweisen.

Inzwischen bat Linant Voltaire um Schutz und Aufnahme auch für seine Schwester; auch sie sollte auf Cirey wohnen. Als Madame du Châtelet sich widersetzte, erreichte es Voltaire durch seinen hilfsbereiten Eifer, daß die Herzogin von Richelieu Fräulein Linant als Lehrerin für ihr Kind in das Haus nahm. Bald jedoch starb dieses Kind, und nun quälte Voltaire seine Freundin aufs neue, ihre Abneigung doch zu überwinden und dem jungen Mädchen Unterkunft zu gewähren. Und dies, obwohl er im stillen nicht daran zweifelte, daß Fräulein Linant, die ebenso hochmütig war wie ihr Bruder, ihrerseits eine Abneigung dagegen empfand, in Madame du Châtelets Dienste zu treten.

Linant hatte endlich ein wenig zu arbeiten begonnen, und Voltaire dachte, wie er scherzend schreibt, daß der junge Mensch in etwa vierzehn Jahren den fünften Akt einer Tragödie beenden würde, als mit einemmal sowohl Bruder wie Schwester sich in einem solchen Grade unverschämt zeigten, daß Madame du Châtelet es »unbedingt notwendig« fand, beide zu verabschieden.

All dieser Umstände ungeachtet fuhr Voltaire fort, auf Umwegen (durch den Verleger Prault) Linant kleine Geldbeträge zufließen zu lassen, unter wiederholten Ausbrüchen des Bedauerns, daß der junge Mann nicht, wie es ihm so leicht gefallen wäre, durch ein schickliches Betragen seine Zukunft hatte sichern wollen. »Sein Schüler,« schreibt er, »hätte sich weiterhin seiner angenommen; es ist Rechtschaffenheit und Ehrgefühl in der Familie Châtelet. Wer einen Herrn von Châtelet erzogen hat, ist bis zu seinem Tod im Wohlstand im Hause geblieben.« (Brief vom 23. Dezember 1737.) Am 28. November 1750 berichtet Voltaire Linants trauriges Ende: »Er ist an seiner durch Faulheit genährten Armut zugrunde gegangen.«

Wir haben Voltaire zuvor als das ungeduldigste Naturell kennengelernt. Wir sehen in ihm in diesem Verhältnisse und in hunderten wie diesem den langmütigsten aller Sterblichen, von dem die Geschichte meldet.

XXI

Der Erfolg, den Zaïre auf der Bühne gehabt hatte, mußte dem Dichter des Stückes den Antrieb zu einer neuen Tragödie geben. Im Februar 1733 schreibt er an Thiériot über sein neues Werk Adélaide du Guesclin: »Das Thema ist französisch und ganz von mir erfunden, und ich habe es so voll von Liebe, Eifersucht, Wut, Anstand, Rechtschaffenheit und Seelengröße gestopft, wie ich nur konnte.«

So berühmt Zaïre und so unbekannt Adélaide auch unter Voltaires dramatischen Arbeiten geworden ist, so muß man doch wahrheitsgemäß behaupten, daß Adélaide trotz des romantischen Grundzuges durchaus nicht weniger natürlich wirkt wie Zaïre.

Adélaide ist eine Tragödie der Art, wie Oehlenschläger sie ein Jahrhundert später gerne schrieb, in welcher, wie auf einer bunten Glasmalerei, Persönlichkeiten in großen einfachen Umrissen, mit deutlichen Konturen dargestellt sind, jede für sich Ausdruck weniger recht unzusammengesetzter und so reingezüchteter Gefühle, daß sie leicht erfaßt werden und ohne Schwierigkeit von der Bühne aus wirken können.

Auf Grundlage einer Begebenheit, die sich im Jahre 1387 in der Bretagne zutrug, hat Voltaire eine Handlung geschaffen, die unter Karl dem Sechsten von Frankreich vor sich geht. Von zwei Brüdern hat der ältere, der Herzog von Vendôme, gegen den König revoltiert und sich den Engländern angeschlossen, während der jüngere, Herzog von Nemours, seinem Monarchen treugeblieben ist. Bei Beginn des Stückes ist Vendôme Sieger. In seinen Diensten steht Coucy, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der eine tiefe zurückgedrängte Neigung für die rechtlichdenkende und feinfühlende junge Heldin des Stückes hegt, die Vendôme aus den Gefahren des Krieges gerettet und der er mit stürmischer Leidenschaft seine Hand angeboten hat. So wenig sie jedoch imstande ist, den edlen Coucy zu lieben, so wenig vermag sie die Gefühle des ehrgeizigen und herrschsüchtigen Vendôme zu erwidern. Ihre ganze Neigung gehört dessen jüngerem Bruder Nemours, der als des Königs Lehensmann gegen seinen Bruder in Waffen stand und eben mit einer Armwunde als Gefangener hereingebracht wird. Vendôme, von dem Wiedersehen beglückt, umarmt seinen Bruder, und teilt ihm seine nahe bevorstehende Hochzeit mit; denn er ist fest entschlossen, Adelaidens Zurückhaltung zu überwinden und sie zum Weibe zu nehmen. Nemours verzweifelt. Adelaide wagt es zwar nicht, ihr Geheimnis zu verraten, erklärt aber Vendôme, so hoch sie ihn schätze, könne sie ihm doch weder ihre Hand reichen noch ihr Herz schenken; denn dieses Herz gehöre Frankreichs Königen, und Vendôme sei der Feind des Königshauses.

Dem über solche Undankbarkeit empörten Vendôme dünkt dennoch der Besitz der Geliebten wichtiger als alles andere im Leben, und er faßt den Entschluß, um jedes Hindernis, das sich zwischen ihn und sie stellt, aus dem Wege zu räumen, sich mit dem Könige zu versöhnen und ihm Gehorsam zu geloben. Es folgt eine Begegnung zwischen Nemours und Adelaide, der der Gefangene den Vorwurf macht, ihn um des Siegers willen im Stiche gelassen zu haben. Endliches Verständnis zwischen den Liebenden.

Vendôme teilt dem Bruder mit, er wolle ihm entgegenkommen. Von nun an würden sie auch politisch Freunde, Bundesgenossen sein; er will sich gleich dem Bruder den französischen Lilien treu erweisen und wie Nemours den Leoparden in Englands Wappen bekämpfen. So wird denn Adelaide genötigt, Vendôme die volle Wahrheit zu gestehen, das heimliche Einverständnis zu bekennen, das sie und Nemours verbindet. Vendôme flammt in wildester Eifersucht auf, er läßt Nemours in den Turm werfen, fertigt das Todesurteil über ihn aus und überträgt Coucy dessen Ausführung. Aber nach heftigen inneren Kämpfen siegt sein besseres Ich; sein leidenschaftliches Gemüt sammelt sich zu einem edlen Vorsatz. Als er jedoch seinen Boten sendet, um den Bruder aus dem Gefängnis zu befreien, wird ihm, um den Schlußeffekt zu erhöhen, mitgeteilt, das Todesurteil sei bereits vollzogen. Es ergibt sich indessen, daß im Gegenteil der Mörder, der Nemours töten sollte, dem Dolche Coucys zum Opfer gefallen ist. Der befreite Nemours wirft sich vor seinem Bruder aufs Knie; auch Adelaide kniet vor ihm nieder, und er, der zuvor Scham ob seiner Handlungsweise gefühlt hatte, überbietet die beiden nun an inniger Zärtlichkeit. Zu seinem Bruder sagt er:

Allez apprendre au roi, pour qui vous combattez,
Mon crime, mes remords, et vos félicités.
Allez; ainsi que vous, je vais le reconnnaître.
Sur nos remparts soumis amenez votre maître,
Il est déjà le mien: nous, allons à ses pieds
Abaisser sans regret nos fronts humiliés.
J'égalerai pour lui votre intrépide zèle;
Bon Français, meilleur frère, ami, sujet fidèle;
Es-tu content, Coucy?
Coucy:
J'ai le prix de mes soins,
Et du sang des Bourbons je n'attendais pas moins.

Auf dem Wege über Schillers dramatisches Pathos, das unmittelbar von dem hier angeführten herrührt, stammt Oehlenschlägers dramatisches Pathos in gerader Linie von dem Voltaires ab.

Sowohl die Freundin Madame du Châtelet wie der Freund Louis de Richelieu zeigten sich in hohem Grade bezaubert von Adélaide du Guesclin. In einem Briefe der »göttlichen Emilie« an den Herzog heißt es: »Ich bin entzückt, daß Adelaide Ihnen gefällt. Das Stück hat mich ergriffen. Ich finde es zärtlich, edel, rührend, gut geschrieben; insbesondere der fünfte Akt ist entzückend. Es wird wohl nicht so bald gespielt werden; denn die arme kleine Schauspielerin Dufresne liegt auf den Tod; sie hat ihre Rolle zurückgeschickt.«

Der ritterliche heroische Ton der Tragödie verfehlte also, wie man sieht, nicht seine Wirkung auf Voltaires mathematisch und naturwissenschaftlich veranlagte Freundin, die ursprünglich keine besondere Freude an Versen hatte.

Mit großen Erwartungen sahen die Freunde des Dichters der ersten Aufführung entgegen, die am 18. Januar stattfand. Sie zogen jedoch seine kurz zuvor veröffentlichte Dichtung Tempel des Geschmacks und die Erbitterung, die dieses Werk hervorgerufen hatte, nicht in Betracht. Das Stück wurde schon vom ersten Akt an ausgepfiffen. Das Pfeifen verdoppelte sich im zweiten Akt, als der Herzog von Nemours mit dem Arm in der Schlinge die Bühne betrat. Zuletzt ertrank das Stück in Gelächter. Als in den angeführten Schlußworten Vendôme fragt: »Bist du zufrieden, Coucy?« und ein witziger Kopf als Antwort »Coussi, Coussi« (So la la) rief, brach ein Jubel los, und die Worte wurden höhnisch wiederholt.

Im Jahre 1752 wurde die Tragödie mit Erfolg unter dem Namen Duc de Foix wieder aufgenommen. Aus Furcht, ausgelacht zu werden, hat Voltaire sie jedoch in dieser Bearbeitung bedeutend abgeschwächt. Aber mehr als dreißig Jahre nach der Erstaufführung, im Jahre 1765, nahmen die Schauspieler, ohne die Einwilligung des Dichters einzuholen, das zurückgelegte Manuskript neuerdings vor und führten das Stück unter allgemeinem und anhaltendem Beifall in dessen ursprünglicher Form und mit dem ursprünglichen Titel auf. Madame du Châtelet erlebte nur die Niederlage, nicht mehr den Sieg.

Voltaire erzählt eine lehrreiche Anekdote von dem obenerwähnten Bankier Högger (er nennt ihn mit höchst drolliger Orthographie Oghières), der bei dem Komponisten Mouret einen Marsch für eines der Regimenter Karls des Zwölften bestellt hatte. Mouret spielte den Marsch vor geladenen Gästen in dem Hause des Bankiers. Sie alle fanden ihn abscheulich. Er flocht ihn dann in eine seiner Opern ein, welche der Bankier und seine Freunde anhörten. »Das war ein Marsch, wie wir ihn haben wollten,« sagten sie dann zu Mouret. »Warum haben Sie uns nicht einen in diesem Stil gegeben?«

»Es ist derselbe,« erwiderte Mouret.

So launisch und unberechenbar ist das Publikum nicht selten.

XXII

Voltaire hatte von dem Herzog von Richelieu den Auftrag erhalten, ihn ein zweites Mal zu verheiraten. Der Beweggrund, der diesen flatterhaftesten und meistbewunderten Hofmann bei diesem Schritte leitete, ist unbekannt. Voltaire tut, als sei die Idee von ihm ausgegangen, was jedoch nicht glaubhaft ist. Er schreibt an Cideville, er habe diese Angelegenheit geordnet und geleitet wie die Intrige in einem Schauspiel und er sei bei der Hochzeit des Herzogs Zeuge gewesen. Die Braut war Marie de Guise, aus der berühmten Familie, die lange Zeit nächst dem Hause Valois Frankreichs erste und die gefährliche Rivalin des Königshauses war. Dessenungeachtet hatten die Eltern der Braut, Herzog und Herzogin von Guise, ein Zusammenleben geführt, das sogar in diesem nichts weniger als sittenstrengen Zeitalter nach Aussage des Präsidenten Hénault in Paris ein Skandal gewesen war.

Indessen genoß nach den Vorurteilen jener Zeit das Haus Guise ein um so viel größeres Ansehen als das Haus Richelieu, daß der Herzog von Guise kaum mit der Partie einverstanden gewesen wäre, hätte nicht Richelieu auf Mitgift verzichtet. Es war Voltaire, der den Vertrag abfaßte. Er tat mehr; er schrieb aus Anlaß der Hochzeit verschiedene Gedichte.

Schon als junges Mädchen hatte Mademoiselle de Guise von ihm eine gereimte Huldigung empfangen:

Vous possédez fort inutilement
Esprit, beauté, grace, vertu, franchise,
Qu'y manque-t-il? Quelqu'un qui vous le dise
Et quelque ami dont on dise autant.

In den Wochen, die ihrer Heirat mit Richelieu vorangingen, schrieb er ein kleines Gedicht an sie, das von ihrem Mut, sich auf einen so unsicheren Bund einzulassen, inspiriert scheint und in schönen Versen einen prosaischen, aber praktischen Rat erteilt. Der Schluß lautet:

Vos doux appas auront la gloire
De finir l'amoureuse histoire
De ce volage Richelieu!
Ne vous aimez pas trop, c'est moi qui vous en prie,
C'est le plus sûr moyen de vous aimer toujours;
Il vaut mieux être amis tout le temps de la vie
Que d'être amants quelques jours.

Nach Aussage der Zeitgenossen hatte Fräulein de Guise die schönsten Augen, war aber sonst nicht besonders schön; sie scheint den Fehler gehabt zu haben, viel von sich selbst und nicht weniger von ihrem Vater zu sprechen, was in Anbetracht des Rufes, den dieser genoß – man sagte ihm nach, daß er beim Kartenspiel seinem Glück nachzuhelfen bemüht sei – nicht eben glücklich gewählt schien. Daher folgende höfliche, aber erstaunlich dreiste Ermahnung an die junge Dame seitens Voltaires:

Plus mon œil étonné vous suit et vous observe,
Et plus vous ravissez mes esprits éperdus;
Avec les yeux noirs de Vénus
Vous avez l'esprit de Minerve,
Mais Minerve et Vénus ont reçu des avis;
Il faut bien que je vous en donne
Ne parlez désormais de vous qu'à vos amis
Et de votre père à personne.

Noch viel bezeichnender für die freie Sprache der damaligen Zeit in erotischen Dingen ist jedoch die Epistel, die Voltaire der Herzogin als Hochzeitsgedicht sendet. Man sieht aus diesem Gedicht, daß Richelieus Vergangenheit allzu bekannt war, um sich verhehlen zu lassen, aber man erkennt auch, wie leichthin und scherzhaft diese Vergangenheit beurteilt wurde, verglichen mit der Strenge, die man den Verfehlungen des Brautvaters gegenüber walten ließ. Die Epistel beginnt:

Un prêtre, un oui, trois mots latin,
A jamais fixent vos destins;
Et le célébrant d'un village,
Dans la chapelle de Monjeu,
Très chrétiennement vous engage
A coucher avec Richelieu,
Avec Richelieu, ce volage,
Qui va jurer par ce saint nœud
D'être toujours fidèle et sage.
Nous nous en défions un peu;
Et vos grands yeux noirs, pleins de feu,
Nous rassurent bien davantage
Que les serments qu'il fait à Dieu.
Mais vous, Madame la duchesse,
Quand vous reviendrez à Paris
Songez vous combien de maris
Viendront se plaindre à votre Altesse?
Ces nombreux cocus qu'il a faits
Ont mis en vous leur espérance;
Ils diront, voyant vos attraits:
»Dieux! quel plaisir que la vengeance!«

Die mit so lustigen und frivolen Worten eingeleitete Hochzeit ward jedoch, kurze Zeit nach der Feier, Anlaß eines traurigen Vorfalls, der sowohl Bräutigam wie Braut traf. Es zeigte sich, daß die Mitglieder der Familie Guise über diese Heirat höchlich aufgebracht waren: eine Abkömmlingin des Hauses Lothringen hatte sich herabgelassen, diesen Richelieu zu ehelichen (man meinte zu wissen, daß der Name seines wirklichen Vaters gar nicht Richelieu gewesen, sondern Vignerod), und als der Herzog sich bald nach der Hochzeit zu dem Heere begab und dort die Vettern seiner Gattin, den Prinzen von Lixin und dessen Bruder, den Prinzen von Pons, antraf, die beide sich geweigert hatten, Mitunterzeichner des Ehekontraktes zu sein, so entstand ein Streit zwischen Richelieu und Lixin, der eine Herausforderung auf Degen zur Folge hatte. In dem Duell fiel der Prinz von Lixin, während Richelieu eine Wunde erhielt, die zuerst lebensgefährlich schien, dann aber bald geheilt wurde.

XXIII

Einen Monat vor dieser Begebenheit war Voltaire jedoch von einem unerwarteten Mißgeschick ereilt worden. Die Hochzeit hatte im April auf dem Schlosse Monjeu stattgefunden. Am 8. Mai befahl ein Brief des Ministers dem Intendanten in Dijon, Herrn de la Briffe, Sieur de Voltaire in Monjeu, »vorausgesetzt, daß er noch dort sei«, zu verhaften und nach Schloß Auxonne bringen zu lassen. Voltaire hatte einen Wink von Maupertuis erhalten, der sich als Newtonianer selbst bedroht fühlte, und empfing einen Brief von d'Argental, der ihn zu augenblicklicher Flucht aufforderte. Er war also nicht in Monjeu zu finden, war vielmehr, soviel man wußte, fortgereist, um die Bäder in Lothringen zu gebrauchen (das ja erst mehr als ein Menschenalter später französisch wurde). Der Intendant sandte daher den königlichen Befehl als unausführbar zurück.

Die Briefe über England hatten die Regierungsgewalt in Bewegung gesetzt. Die englische Ausgabe war herausgekommen und in dem abgelaufenen Jahre stark verkauft worden. Der Londoner Verleger hatte sich ausbedungen, daß eine französische Ausgabe nicht gleichzeitig erscheine, und Thiériot war in Voltaires Namen auf die Bedingung eingegangen. Indessen war ja der Verleger Jore in Rouen im Besitz des Manuskripts, und Voltaire zitterte davor, daß er die Verabredung brechen könnte; obwohl das Werk bereits gedruckt war, hatte Jore versprochen, es zurückzuhalten. Es wäre ja auch ihm die Bastille sicher gewesen, falls er das Buch herausgegeben und man entdeckt hätte, daß er es hatte drucken lassen.

Die Buchdrucker (sowohl Setzer wie Drucker) hatten sich im sechzehnten Jahrhundert, während der Renaissance, als wahre Helden, als tapfere Verteidiger der verfolgten Schriftsteller erwiesen. Sie leugneten hartnäckig, eine Zeile von den Bogen gesetzt oder gedruckt zu haben, die man ihnen vorhielt und deren Verfasser mit dem Feuertod bestraft wurden. Man denke bloß an die Typographen in Lyon in der Rechtssache gegen Servet. Im achtzehnten Jahrhundert waren in den romanischen Ländern Buchdrucker eines neuen Typus entstanden, die sich von der Hoffnung auf starken Absatz eines verbotenen Buches, verwegen und geldgierig, verleiten ließen, ihre Freiheit und ganze Existenz aufs Spiel zu setzen. Keine Aussicht auf Strafe schreckte sie ebensowenig wie die professionellen Schmuggler jener Zeit. Jores Vater hatte dreimal gefangen gesessen – jedesmal ein halbes Jahr, in den Jahren 1697, 1698 und 1712 –, weil er verbotene Bücher verkaufte, die Religion und Staat angriffen. Gegen den Sohn wurde 1731 eine Lettre de cachet erlassen, bloß weil er eine ironische Vorrede zu einer Darstellung des bekannten Skandalprozesses des Père Girard und der schönen Cadière aus der Feder des Abbé Desfontaines abgedruckt hatte. Sowohl Jore wie Desfontaines wären nach der Bastille gebracht worden, wenn Voltaire nicht seinen ganzen Einfluß aufgeboten und sie gerettet hätte.

Dem Schatzkammerkanzler war indessen zu Ohren gekommen, daß man in Rouen eine Ausgabe der Lettres philosophiques vorbereite, und ein Detektiv wurde dorthin gesandt. Voltaire, der es erfuhr, hatte sofort an Jore geschrieben und ihn ersucht, die ganze Auflage bei Voltaires Freund, Formont, zu verstecken und wohl dafür zu sorgen, daß nicht ein einziges Exemplar zum Vorschein käme. Ein halbes Jahr lang hatten sich wirklich alle Partner mäuschenstill verhalten. Da erhielt mitten während der Hochzeitsfestlichkeiten Voltaire die Mitteilung, daß die Lettres philosophiques in Paris lebhaft verkauft würden. Jore, der sogleich in die Bastille eingeliefert wurde und nur auf seine eigene Rettung bedacht war, plauderte aus, daß Voltaire der Urheber des Buches sei und daß die Auflage bei Herrn de Formont versteckt liege. Nun begann die Polizeijagd. Die Behörden waren über den Inhalt der Schrift außer sich, und als das Urteil fiel, lautete es dahin, daß das Werk »als skandalös und gegen Religion, gute Sitten und die den Staatsobrigkeiten schuldige Ehrfurcht verstoßend zu zerreißen und von dem Henker am Fuße der großen Treppe zu verbrennen sei« – was denn auch geschah.

Die orthodoxen Broschüren, die gegen das Werk herausgegeben wurden, beschuldigten Voltaire der Verleumdung und der Herabsetzung seines eigenen Volkes. Als Beispiel führte Abbé Gouget an, Voltaire habe den Barbaren Shakespeare gerühmt und den französischen Dichter Grévin nicht einmal genannt: »Jacques Grévin, 1570 im Alter von bloß neunundzwanzig Jahren gestorben, wäre vielleicht ebenso weit gelangt wie Shakespeare, wenn nicht der Tod seinen Lebensfaden so rasch durchschnitten hätte.«

Wie wir gesehen haben, hatte man sich, schon ehe das Urteil über das Werk gefallen war, der Person des Verfassers zu versichern gesucht. Er war schleunigst verschwunden, und Madame du Châtelet, die allein und ganz verzweifelt in Monjeu zurückblieb, schrieb in ihrer Not an Richelieu, der eben zum Heer abgegangen war, natürlich in einer Weise, die Voltaires wirklichen Aufenthaltsort im Dunkeln ließ:

Sie wissen, daß meine Freundschaft für Sie mir die Beruhigung gibt, auf die Ihrige als auf den größten Trost in meinem Mißgeschick zu rechnen. Ich bin von dem denkbar schrecklichsten Unglück betroffen worden. Mein Freund Voltaire – Sie kennen meine Gefühle für ihn – befindet sich wahrscheinlich auf Schloß Ossonne (Auxonne) nahe Dijon. Er hatte uns vor wenigen Tagen verlassen, um die Bäder in Plombières zu gebrauchen, die seine Gesundheit seit langem notwendig machte, als ein Bote von Herrn de la Briffe, Bourgognes Intendanten, mir eine Lettre de cachet brachte, die ihm befahl, sich bis auf weitere Ordre nach Ossonne zu begeben. Man antwortete, er sei in Plombières; ich zweifle nicht, daß er ehestens die Befehle des Königs empfängt und ihnen gehorcht. Es läßt sich nichts anderes tun, wenn man es nicht vermeiden kann. Ich kann Ihnen unmöglich ausmalen, was ich leide; ich bringe nicht den Mut auf, meinen besten Freund mit seiner gebrechlichen Gesundheit in einem Gefängnis zu wissen, wo er sicherlich an Kränkung stirbt, wenn er nicht an Krankheit zugrunde geht. Ich werde weder Nachrichten von ihm erhalten noch ihm irgendwelche Mitteilungen senden können ... Ach, unter welchen Umständen habe ich die Ihrigen empfangen! Sie beneiden mich um das Glück des Beisammenseins mit einem, in dessen Gesellschaft es so entzückend ist zu leben. Sie hätten recht, wenn es so gewesen wäre. Ich habe mit ihm und Madame de Richelieu zehn Tage hier verbracht; ich glaube nicht, jemals angenehmere Tage verlebt zu haben. Ich habe ihn zu einem Zeitpunkt verloren, da ich am stärksten das Glück fühlte, ihn zu besitzen, und wie habe ich ihn verloren!

Voltaire war in Wirklichkeit nach Lothringen geflüchtet; ihm schauderte vor dem Gedanken, abermals die muffige Gefängnisluft atmen zu müssen. Als aber in seiner Freistatt das Gerücht zu ihm drang, sein Freund Richelieu sei lebensgefährlich verwundet, ließ er jegliche Rücksicht fahren und reiste zum Heere ab.

XXIV

Der Anlaß zu dem Feldzuge war, daß der im Jahre 1733 (zum zweitenmal) zum König von Polen gewählte Stanislaw durch Kaiser Karl den Sechsten verdrängt worden war, welcher im Bündnis mit Rußland August den Dritten einsetzte. Ein französisches Heer ging nach dem Rhein ab und lag bei Philipsburg Prinz Eugen gegenüber. Das Resultat des Feldzugs ward das Aufgeben Polens gegen Übertragung Lothringens an Stanislaw mit der Bedingung, daß es nach dessen Tode Frankreich zufiele.

Voltaires Ankunft im Lager wurde leidenschaftlich gefeiert. Man wetteiferte, ihm zu huldigen und ihn zu bewirten. Die vornehmsten Herren, der siebzehnjährige Prinz von Conti, die Grafen von Charolais und Clermont, alle dem Königshause angehörend, alle verwandt mit dem großen Condé empfingen ihn mit Auszeichnung.

Man strebte um die Wette, sich abgehärtet zu zeigen: der junge Conti schlief auf einem Lastwagen und teilte die Strapazen der Soldaten; eines Tages rettete er Voltaire das Leben, als dieser von Soldaten, die dem Regiment des Prinzen angehörten, als Spion aufgegriffen wurde und diese im Begriff waren, den Zivilisten zu hängen.

Der Herzog von Richelieu – der wieder vollständig hergestellt war – war seinem Naturell nach weniger spartanisch als der junge Prinz. Obwohl nur Oberst, führte er im Lager für seinen eigenen Gebrauch einen Troß von zweiundsechzig Maultieren, dreißig Pferden und einen Schwarm von Dienern mit sich. Er entsprach zu jenem Zeitpunkt noch der Beschreibung, die Voltaire bereits 1729 in der Epistel an Pallu von ihm gegeben hatte:

Alcibiade qu'à la cour
Nous vîmes briller tour-à-tour
Par ses grâces, par son courage,
Gai, généreux, tendre, volage,
Et séducteur comme l'Amour
Dont il fut le brillant image.

Man könnte danach glauben, Richelieu sei überhaupt wenig zum Kriegsmann geschaffen gewesen. Sein späteres Leben zeigt, wie sehr er sich dennoch zum Feldherrn eignete. So legte er 1743, wo er die Niederlage bei Dettingen nach Kräften wettmachte, nicht geringe Tapferkeit an den Tag. Zwei Jahre danach, bei Fontenoy – er war inzwischen zum Generalleutnant und Adjutanten des Königs aufgestiegen – war es sein Rat, der am meisten zu dem siegreichen Ausgang der Schlacht beitrug. Als die englische Kolonne sich allen Angriffen zu Trotz unerschütterlich überlegen zeigte, kam Richelieu, von oben bis unten mit Staub bedeckt, zum König gesprengt und flehte ihn, den Degen in der Hand, an, augenblicklich vier Kanonen gegen die feindliche Front spielen zu lassen, während die Truppe »La maison du roi« und andere Truppenkörper sie von beiden Flanken überfallen sollten. Er selbst überbrachte den Regimentern, die das Haus des Königs bildeten, in gestreckter Karriere die Ordre. Nach gewonnener Schlacht sagte der König zu ihm: »Ich werde niemals den wichtigen Dienst vergessen, den Sie mir heute geleistet haben.« Von jetzt an waren seine militärischen Anlagen anerkannt.

Als 1747 Genua gegen seine österreichischen Unterdrücker rebellierte und die englische Flotte den Hafen sperrte, so daß es den Einwohnern an Lebensmitteln, Geld und Munition gebrach, wurde Richelieu der Stadt zur Hilfe gesandt. Er segelte auf einem kleinen Schiffe mitten durch die englische Flotte, erhielt frische Truppen aus Frankreich und Spanien, schlug in mehreren Treffen den Feind zurück und sicherte die Küsten. Als Dank errichteten die Genueser ihm ein Denkmal in ihrer Stadt. Aus diesem Anlaß sandte Voltaire ihm eine Epistel, die folgendermaßen beginnt:

Je la verrai cette statue
Que Gêne élève justement
Au héros qui l'a défendue.
Votre grand-oncle, moins brillant
Vit sa gloire moins étendue.
Il serait jaloux à la vue
De cet unique monument.

Richelieus Ansehen stieg so sehr, daß der englische Thronprätendent Charles-Edward, als er sich von Frankreich nach England einschiffen sollte, sich Richelieu als Chef für seine Truppen ausbat und erhielt. Das Unternehmen selbst erwies sich allerdings als undurchführbar.

Im Jahre 1756 verrichtete Richelieu eine wirkliche Großtat. Mit etwa zwanzig Bataillonen, die an Bord französischer Schiffe untergebracht waren, eroberte er die Insel Minorca, indem er die englische Flotte schlug, und nahm mit stürmender Hand die Zitadelle Port-Mahon, die nächst Gibraltar als die stärkste galt, und zu deren Befestigung man dreißig Jahre gebraucht hatte. Er (wie auch Voltaire) bemühten sich hierauf ehrlich, das Leben des englischen Admirals Byng zu retten. Byng hatte sein Bestes getan, wurde aber dessenungeachtet in London vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen. Richelieu schlug endlich kurz vor dem Zusammenbruch bei Roßbach das englische Heer unter Herzog von Cumberland bei der Elbemündung aufs Haupt und zwang diesen und seine Truppen zur Kapitulation.

Voltaire hat den Freund um dieser Taten willen in Prosa und Vers verherrlicht. Man beachte die Episteln 92 und 94. In der ersteren die Worte:

Mais je médite un gros ouvrage
Pour le vainqueur de Port Mahon.
Je veux peindre à ma nation
Ce jour d'éternelle mémoire.

Die zweite beginnt mit der warmen Beteuerung, daß Richelieu stets sein Held gewesen und er seinen Ruhm vorausgesehen habe:

Depuis plus que quarante ans
Vous avez été mon héros;
J'ai présagé vos destinées.
Ainsi quand Achille à Scyros
Paraissait se livrer en proie
Aux jeux, aux amours, au repos,
Il devait un jour sur les flots
Apporter la flamme devant Troie.

Sie waren ja Kindheits- und Jugendfreunde gewesen, und Voltaire bewahrte Richelieu das ganze Leben hindurch seine Liebe und aus Gewohnheit ein Vertrauen, das der andere nicht selten täuschte.

Richelieu verblieb zwar im großen und ganzen Voltaire treu, erwies ihm manch einen Dienst und nahm manch einen Dienst von ihm an, entlieh viel Geld von ihm und schätzte sein Genie aufrichtig, ohne sich dem Freunde doch strenger verpflichtet zu fühlen, als die Leichtfertigkeit seines Charakters, seine Launen und seine tiefgehende Unempfindlichkeit es zuließen. Allerdings war andererseits Voltaire kein anspruchsloser Freund, und Richelieu war im Recht, als er ihm eines Tages erwiderte, er diene lieber seinen Neigungen als seinen Aversionen – es geschah dies auf Voltaires Vorwurf, daß er Palissot, den Feind der »Philosophen« beschütze – ein Vorwurf, der übrigens berechtigt genug war.

Nicht minder fest steht es, daß Richelieu des Freundes Interessen nur lau förderte, wo die Hofpolitik im Wege war, und es unklug erscheinen ließ, ihn stützen zu wollen – z. B. als Voltaire Aufnahme in der französischen Akademie suchte.

Alles in allem war Richelieu ein typischer Grandseigneur aus dem achtzehnten Jahrhundert. Sehr bezeichnend wird er in Diderots Les bijoux indiscrets (1747) als Selim verherrlicht, als der kluge und mächtige Großvezir eines Sultans, der Ludwig der Fünfzehnte ist. Sein Geist war eng und sein Herz trocken; er war ein Cyniker, aber ein eleganter, der mit der Geringschätzung für Frauen, welche durch seine und ihre Oberflächlichkeit größer geworden war, einen guten Ton ihnen gegenüber verband. Er schämte sich nicht, als Kuppler für das Weib zu dienen, das er dem König zu eigen zu geben und zur Herrscherin zu machen für zweckmäßig befand, noch sie, als sich die Gelegenheit hierzu ergab, zu leiten, wie er seine Nichte, Madame de Tournelle, die nachmalige Herzogin von Châteauroux, geleitet hat. Er sah nicht ein, welche Schande darin liegen sollte, dem Souverän ein schönes Weib anzubieten, da man ihm doch eine schöne Vase, ein kostbares Juwel anbot. Er vereinigte mit seinem Cynismus eine unüberwindliche Zweifelsucht, eine überlegene Ironie in Ton und Stil; verband aber wieder mit dieser Ironie altfränkische tollkühne Tapferkeit, einen waghalsigen Mut, der von dem Glauben an seinen Stern getragen wurde.

Er besaß das übermütige Selbstvertrauen des glücklichen Spielers, gab ihm aber den taktvollen Ausdruck, den er als Träger eines weitberühmten Namens beherrschte. Und er hatte etwas geerbt oder erworben von der Gabe des großen Kardinals, durch sein Wort zu bezwingen. Endlich – er war wie vergoldet von einem Schimmer, wie bestrahlt von dem Glanz all der schönen und vornehmen Frauen, die ihn geliebt und umarmt hatten. Und er hatte mit seiner Aneignungsgabe von ihnen allen gelernt. Alle hatten sie ihm dienen wollen, sie hatten zu seinem Besten gefühlt, verspürt, beobachtet, erraten, und er hatte von ihnen gelernt, zu erraten, zu beobachten und zu fühlen. Er hatte sich den weiblichen Instinkt zu eigen gemacht und fügte weibliche Diplomatie zu dem, was er selbst an männlichem Wagemut besaß.

Er und Voltaire hielten im Grunde ihr Lebelang zusammen. Sie waren nie länger als einige Tage entzweit und zuweilen lag an keinem der beiden die Schuld. Ein Beispiel: Als Richelieu im Jahre 1748 von der Französischen Akademie beauftragt wurde, den König wegen des Friedens zu Aachen zu bekomplimentieren, bat er Voltaire, ihm eine kleine Rede zu schreiben. Voltaire tat es sofort, konnte es jedoch aus schlechter Gewohnheit nicht unterlassen, die kleine Schrift, graziös wie sie war und ist, Madame du Châtelet sehen zu lassen. In diesem Augenblick kam die Marquise von Boufflers zu ihr, die in ihrem Enthusiasmus die Rede abschrieb. Die Folge war, daß bei Richelieus Ankunft die Hofleute um ihn her ihm Stücke der Rede deklamierten, ehe sie noch gehalten worden war. In seinem Zorn überreichte er dann dem Könige Voltaires Eloge de Louis XV, die er auf Bitte des Verfassers mitgebracht hatte, nicht, sondern sandte dem Autor das Paket ohne ein Wort zurück. Er mußte ja glauben, Voltaire habe mit Absicht andere in das Geheimnis eingeweiht, daß er, nicht Richelieu, Verfasser der Rede sei.

Es befindet sich unter Voltaires Episteln eine besonders scherzhafte, die aus dem Lager in Philipsburg stammt ( Epitre 45). Hier verrät er zum erstenmal den satirischen Blick für den Krieg, der bei ihm natürlich nicht Bewunderung für Mut und Tapferkeit ausschließt. Es ist die Epistel, die mit einer Beschreibung der Kriegsstrapazen und des vom Lager aus beständig vernehmbaren Kanonendonners beginnt:

C'est ici que l'on dort sans lit
Et qu'on prend ses repas sur terre;
Je vois et j'entends l'atmosphère
Qui s'embrase et qui retentit
De cent décharges de tonnerre.

Voltaire

Postgenitis hic carus erit,
nunc carus amicis

Dann macht er sich lustig über die 50 000 jungen Alexander zu vier Sous täglich, die hier, mit Schmutz und Lorbeeren bedeckt, für das Gaukelbild kämpfen, das man Ehre nennt, besingt ihre Tapferkeit und gibt seiner Hymne an den Heldenmut folgenden Schluß: »Zwar ist es schön, dem Tode und Prinz Eugen zu trotzen, aber ach! was ist der Preis dafür? Das, wozu eure Frauen und Freundinnen in Paris euch in der Zwischenzeit ernennen:

O nation brillante et vaine!
Illustres fous, peuple charmant,
Que la Gloire à son char enchaîne,
Il est beau d'affronter gaiment
Le trépas et le prince Eugène.
Mais hélas! quel sera le prix
De vos héroiques prouesses!
Vous serez cocus dans Paris
Par vos femmes et vos maîtresses.

Voltaire war naiv genug zu glauben, daß die Behörden diese kleine militärische Escapade nicht übel aufnehmen würden. Aber darin täuschte er sich. Die Obrigkeit hatte Böses gegen ihn im Sinne. Bald fühlte er selbst, daß in Frankreich nicht des Bleibens für ihn sei und er erwog von dem Augenblicke an, da die Lettres philosophiques das Licht der Öffentlichkeit gesehen, ernsthaft, zu Thiériot nach London zu reisen. Allein er fühlte ein Band, das ihn zurückhielt. In einem Briefe vom Ende Juni 1734 drückt er dies nicht allzu deutlich folgendermaßen aus: »So lange ich von einigen Personen in Frankreich so heftig geliebt werde, ist es mir unmöglich, in einem anderen Lande Zuflucht zu suchen. Wo die Freundschaft ist, da ist das Vaterland.« Die Marquise du Châtelet ihrerseits schrieb wehmütig:

Man schreibt ihm hundert gefährliche Äußerungen zu. Der Minister hat diesen Vorwand mit Vergnügen ergriffen. Ich bin fest überzeugt, daß ein Plan zu seinem Verderben gelegt worden ist. Man spricht von Verbannung; ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Aber das weiß ich, daß ich an seiner Stelle schon lange in London oder im Haag wäre. Ich gestehe Ihnen, daß all dies mich stark herabstimmt. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, ohne ihn zu leben, oder an den Gedanken, ihn für immer zu verlieren. Dieser Gedanke würde mein Leben vollständig vergiften.

Nach einem Monat rastlosen Umherirrens ließ Voltaire sich zum erstenmal in Cirey, dem Herrensitz der Familie Châtelet, nieder, der, an der Grenze zwischen der Champagne und Lothringen gelegen, ihm stets erlaubte, einen Fuß in Frankreich, einen außerhalb Frankreichs zu haben und sich bei der ersten Warnung in Sicherheit bringen zu können.

Cirey lag nach damaliger Auffassung und in Anbetracht der damaligen Verkehrsverhältnisse einsam, nach unseren Begriffen schön, in einem lieblichen, grasbewachsenen Tale zwischen zwei großen waldbedeckten Höhenzügen. Entlegen war er nur, insoweit man über Saint-Dizier mit wenigen Schritten die Grenze erreichte und in dem kleinen Reich des Herzogs von Lothringen war.

Hier war Sicherheit und Arbeitsfriede. Hier konnte ein kleines Eden gegründet werden für zwei Liebende, die zugleich zwei feurige Studiengenossen waren. Hier war der Zufluchtsort für den halb freiwillig, halb unfreiwillig Verbannten.


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