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Die Interviews

1.
Friedrich Spielhagen

An die lange, lange Straße, welche den Tiergarten umsäumt, lehnt sich die Hohenzollernstraße: breit, weiß und leer. Es hallt der Schritt, und nichts Menschliches ist zu vernehmen. Nur an der Ecke kauert ein verschrumpftes, dürres Weib und hält welke, gelbe Stengel feil, als ob es Blumen wären.

Ein Haus wie das andere, steif und strenge; alles ist so korrekt. Immer davor ein schmales Plätzchen hinter einem Gitter. Dahin werden im Sommer ein Baum, ein paar Rosen gestellt, und dann sagen sie stolz: Das ist bei uns so hübsch, daß jedes Häuschen seinen Garten hat, was doch in Wien fast gänzlich fehlt.

Im zweiten Stocke. Ich werde in ein Gemach geführt, das eine Mischung von guter Stube, Salon und Atelier ist. Bürgerlich nüchtern in seiner schlichten, pedantischen Ordnung – und doch Chaiselonguen und Causeusen wie bei einer Dame – und in Büsten und Gemälden eine edlere Anmut. Wie das Heim eines besseren Bürgers in der Provinz, der eine trockene Arbeit hat, aber doch in müßigen Stunden gern das Schöne pflegt – eines gelassenen Verstandes, der mit Maß und Weisheit bisweilen auch in Gefühlen dilletiert. Fleiß muß sich hier behaglich finden: für eine feinere Empfindlichkeit freilich, die nach erlesenen Sensationen lüstern, wäre es nichts.

Straff und stramm, knapp und regsam, gerade und scharf ist seine Art. Man möchte ihn für einen höheren Offizier oder etwa für einen preußischen Richter nehmen, dem die Zucht seines »Korps« noch immer in den Gliedern steckt; eine disciplinierte Jugendlichkeit ist in jeder Geste. Es wundert mich, den mutigen Kämpfer für die Freiheit so soldatisch, fast sagte ich: polizeilich zu finden. Das Weiche, ja Sentimentale seiner Bücher verhehlt sein Wesen. Er ist sehr gastlich, aber selbst seine Höflichkeit hat immer was Gemessenes und Strenges, wie auf Mensur die Sekundanten mit dem Unparteiischen verhandeln, mit großer Achtung, aber es bleibt etwas von ihrem streitbaren Metier darin.

Ein hartes, starres Profil. Er sieht wie eine rasche Zeichnung aus, die nur das Charakteristische halten wollte; unentschiedene, veränderliche Züge fehlen. Das Haar und das schmale Bärtchen auf der spröden Lippe kurz. Ich kann in dem Dunkel, da draußen langsam schon der letzte Tag verscheidet, nicht gewahren, ob es grau oder von einem helleren Braun ist. Vom Dichter hat der nüchterne und kluge Blick hinter dem Zwicker nichts, sondern eher wie ein Staatsanwalt und Inquisitor blickt, der spüren will. Die Weitläufigkeit des Stils, den er schreibt, fehlt seiner gedrungenen Rede: er spricht knapp und eilig – die Worte, die zusammen gehören, rapid heraus, aber mit jähen Pausen zwischen den Sätzen, wenn ein neuer Gedanke beginnt, als ob er die logische Ordnung erst besinnen wollte – mehr, wie man diktiert, statt zu plaudern.

»Ich weiß nicht, Herr Doktor, ob Sie sich meiner noch erinnern – ich hatte vor Jahren –«

»Aber gewiß – in der »litterarischen Gesellschaft«! Wir sind ja alte Bekannte.«

Wir setzen uns. Er reicht Cigaretten. Und ich bringe meine Bitte vor, mir über den Antisemitismus, was er von ihm denkt, zu sagen.

»Sehr gern. Ich fürchte nur – es wird nicht viel helfen. Gründe, Argumente und alle moralische Entrüstung vermögen gegen ihn nichts. Man hat es oft versucht, und es hat noch nie gewirkt. Von dieser – ich möchte sagen: psychologischen Seite ist er nicht zu fassen. Man müßte von der ökonomischen Seite kommen. Er ist eine ökonomische Frage und verlangt eine ökonomische Lösung. So lange man nicht die wirtschaftlich Schwächeren im Kampfe gegen die wirtschaftlich Stärkeren unterstützt, so lange der kleine Mann der ökonomischen Macht unbarmherzig ausgeliefert wird, solange, wie ich es von Thüringen weiß (und das Gleiche wird aus Baden und aus Württemberg erzählt), dieser schändliche Wucher herrschen darf, wird alle Bildung und Kultur des Geistes gegen den Antisemitismus nichts richten. Das namenlose Elend, das der Wucher auf dem Lande …«

»Es giebt doch wohl auch christliche Wucherer …«

»Ohne Zweifel – aber täuschen wir uns nicht: die jüdischen sind die Regel. Vielleicht weil die Juden durch ihre Begabung die wirtschaftlich Überlegenen sind, vielleicht weil sie keine Skrupel haben, diese Überlegenheit auszubeuten – ich mag das nicht entscheiden. Aber hier, in der wirtschaftlichen Not, ist die Wurzel des Antisemitismus, und hier, mit der Erstarkung und Gesundung der wirtschaftlich Hinfälligen und Verstoßenen, muß die Heilung beginnen. Er ist eine rein ökonomische Erscheinung. Alles das Religiöse und Nationale an ihm ist nur Maske und Schein.«

»Das sagen die Sozialisten so ungefähr auch …«

»So nennen Sie mich meinetwegen einen Sozialisten. Ich werde nicht widersprechen. Ich bin es, je mehr ich über die Menschheit und die Zukunft meines Volkes sinne, immer bewußter und deutlicher geworden – wenn ich mich auch zu der Partei, die diesen Namen trägt, wohl nicht bekennen darf, weil sie mit der ökonomischen Reform, die notwendig und unvermeidlich ist, allerhand leere und utopische Schrullen verquickt, die nur verwirren. Aber mit dem leichten, fröhlichen Manchestertum ist es vorbei, unwiederbringlich vorbei. Es war vielleicht Bismarcks größte That, daß er das erkannte und, wenn auch seine Kraft, wohl seine ganze Art zur Vollendung nicht mehr reichte, doch den neuen Weg gewiesen hat. Und wenn Sie nur denken – Altersversorgung, Invalidenversicherung und so weiter, sind wir denn nicht schon mitten im Sozialismus? Lassen Sie ihn nur gewähren und uns auf dem neuen Wege rüstig aufwärts steigen, und Sie sollen sehen, wie vom Antisemitismus bald keine Spur mehr ist. Ökonomisch muß man ihn lösen, weil er nichts als eine ökonomische Frage ist.«

»Aber es giebt doch Antisemitismus, der mit der Ökonomie nichts zu schaffen hat – wie jener der Studenten zum Beispiel. Man kann nicht behaupten, daß der jüdische Student der reichere wäre …«

»Der reichere nicht, aber überlegen in der Konkurrenz und eine wirtschaftliche Gefahr für unsere faule, langsame Jugend. Der jüdische Student ist pünktlich im Kolleg, nimmt die besten Plätze und schreibt schon lange emsig mit, wenn der verdrossene Germane, der noch seinen Kater von gestern in den schweren Gliedern hat, endlich träge auch daher kommt, hinten auf den schlechteren Bänken sitzen muß und dem Vortrag mühsam kaum zu folgen weiß. Das rächt sich dann im Examen, wo der Jude mehr weiß, und das bessere Zeugnis kriegt – das rächt sich im Leben, wo der Jude für alle Fälle geistig gerüstet ist.«

»Sie sprechen jetzt selber fast wie die Antisemiten, die auch den Juden an Intelligenz und Fleiß den Germanen überlegen schildern – was eigentlich die größte Schmeichelei für die Juden, aber nach meiner Erfahrung gar nicht wahr ist.«

»An Fleiß unbedingt – an Fleiß sind sie unbedingt überlegen. Auch an gewissen Gaben des Geistes. Nur für die ganz großen Dinge reichen sie nicht. Die durchschnittliche Intelligenz der Juden ist der durchschnittlichen Intelligenz der Germanen entschieden über. Das Höchste in den Wissenschaften, in den Künsten bleibt ihnen freilich versagt.«

»Heinrich Heine …«

»Gewiß ist Heine eine Höhe unserer Litteratur, aber die neben den Gipfeln wie Goethe und Schiller doch nur gering erscheint. Das ist es ja gerade, was ich sage.«

»Spinoza –«

»Ich bin Spinozist so durch und durch, in allen Empfindungen und Gedanken, daß ich den Namen des Größten nur mit tiefer Ehrfurcht höre. Aber eine Ausnahme kann doch blos die Regel bestätigen.«

*

2.
Theodor Barth

Ich quere durch den Tiergarten, vom Brandenburger Thor weg, an der lauten und patzigen Säule mit der unmäßigen Viktoria vorbei, die man gerne das bravste Mädchen von Berlin nennt, weil sie gar keine Verhältnisse hat. Links drüben ist die lange, lange Straße, auf die sie hier sehr stolz sind, weil man an jedem Hause, wie es geziert und grell beladen ist, gleich von außen merken kann, wie viel Millionen drinnen wohnen. Seine Nummer ist ganz am Ende, die letzte der langen, langen Straße.

Die freisinnige Partei schätzt Theodor Barth sehr, weil er vom Schlage der arbeitenden Parlamentarier ist, der immer seltener wird. Auf der Tribüne sieht man ihn nicht oft, aber die Kommissionen kennen seinen Fleiß. Er hat das undankbare Teil gewählt, von dem die beglückwünschten Redner lieber nichts wissen wollen: die harte Mühe der politischen Geschäfte. Man rühmt seine unerschöpfliche, immer bereite Kraft. Die Bremer schwärmen noch heute für den einstigen Sekretär ihrer Handelskammer, und die »Nation«, die er nun das zehnte Jahr leitet, hat er durch bedachte Sorge und findigen Eifer zum Liebling des bürgerlichen Geschmacks gemacht.

Er ist klein, unscheinbar, und der schmale blonde Bart rahmt müde, erschöpfte, fast ein wenig schmerzliche Züge. Sie scheinen weich, schwank und veränderlich, und erst wenn er sich in der Rede ereifert, nehmen sie eine faßliche Entschiedenheit an. Er hat hinter den Gläsern, aus geröteten Lidern hervor, den tastenden Blick der Myopen – Jules Lemaître fällt mir ein. Er spricht suchend, stockend, oft einen Gedanken zwischen den andern, Sätze durcheinander schiebend, und eine zaudernde Geste, die sich unentschlossen wieder verliert, ein leises Lächeln, eine halbe Frage endet gern die Rede. Es ist kein Plaudern, es ist auch kein Sprechen, es ist mehr ein lautes Denken vor sich hin.

»Der Antisemitismus ist eine Art Sozialismus der Junker … von den Junkern und für die Junker. Das Nationale und Religiöse dabei ist nur Hülle und Schein. Die kleinen Junker sind durch die moderne Entwicklung in das Verderben gedrängt und dem Untergange bestimmt. Sie vertragen sich mit den Tendenzen der ökonomischen Entwicklung nicht, ihr Verfall ist unaufhaltsam. Natürlich ergeben sie sich nicht ohne Widerstand, sondern wehren sich nach Kräften, was freilich nichts helfen wird, weil der Drang der ökonomischen Prozesse unwiderstehlich, unüberwindlich ist. Daher ihr Haß gegen diese Entwicklung, die sie tötet – und der handgreiflichste Ausdruck dieser Entwicklung ist der Jude. Daher ihre heftige Begierde, sie um jeden Preis zu hemmen und gewaltsam zu verzögern, indem sie die Macht des Staates gegen sie mißtrauisch machen und auf die Seite der Vergangenheit bringen möchten – und das beste Mittel, die Macht des Staates von der Entwicklung abzuschrecken, ist wieder der Jude, die Hetze gegen den Juden. Es ist ganz natürlich, daß sie die Juden hassen, weil die Juden für sie gleichsam ein Symbol der verhaßten Zeit sind, die ihr Ende bedeutet. Es ist ganz praktisch, daß sie gegen die Juden hetzen, weil nur Aufruhr und Tumult im Pöbel die Macht des Staates vielleicht ängstigen und in der natürlichen Entwicklung beirren kann. Dann mag es ihnen doch am Ende gelingen, sich auf fremde Kosten wieder ein bischen weiter zu fristen, indem sich die Macht des Staates dazu hergiebt, sie aus den anderen zu bereichern – ihre Zölle, ihre Liebesgaben, die Steuerpläne des Herrn Miquel, der ganze Bimetallismus, den sie sich einfach als eine Reduktion aller Schulden zum Schaden der Gläubiger, als eine förmliche Seisachtheia denken, alle ihre »Reformen« wollen sonst nichts, als sie aus den Taschen der anderen verköstigen. Dazu soll der Antisemitismus helfen, indem er den Staat gegen die moderne Entwicklung bedenklich macht, ins Bockshorn jagt und seine erschreckte Macht wieder in ihre Dienste treibt. Die richtigen Catilinarier, die Aufruhr, Lärm und Verbitterung brauchen, um im Trüben zu fischen. Ob darüber der Friede des Landes verdirbt, ja selbst das Königtum, das sie doch immer im Munde führen, in Gefahr kommt, das ist ihnen pipe. Sie wollen immer nur den eigenen Vorteil. Sie brauchen Verwirrung, Unzufriedenheit und den Schein wachsender Empörung in den Massen. Darum hetzen sie die schlechtesten Elemente, verkommene Arbeiter, entlassene Beamte, Deklassierte aller Art, dunkle Existenzen –«

»Was Marx das »Lumpenproletariat« genannt hat –«

»Ja – das sind ihre Instrumente. Und für die Führung sorgen Demagogen von Beruf wie dieser Ahlwardt. Daran ist auch Bismarck schuld, mit der zügellosen Frivolität und der cynischen Unbedenklichkeit seiner Politik, daß derlei Leute jetzt überhaupt möglich sind. Ein Mann, der in jedem Prozesse der Verleumdung überführt wird – und durch jeden Prozeß wächst nur die Macht und der Eifer seiner Partei! Es ist heute bewiesen worden, daß von allen seinen Behauptungen und Klagen nichts, aber auch gar nichts, nicht ein Jota, nicht der Schein und Schatten eines Wortes wahr ist – der Mann macht ein ungemein vergnügtes Gesicht dazu, lacht uns alle aus und wird auf der Straße mit einer Begeisterung, mit einem Jubel empfangen, wie nur Bismarck einst in den besten Tagen seiner üppigsten Popularität.«

»Wie ist der Mann eigentlich – ich meine psychologisch?«

»Ich weiß selber noch nicht recht – vielleicht ein Fanatiker, gewiß ein Spekulant, beides durcheinander wunderlich gemischt, wahrscheinlich ein Kranker. Manchmal scheint er gerade wie von einer fixen Idee besessen, dabei von einem lächerlichen Wahn seiner Mission …«

»Ein Redner?«

»Keine Spur. Er faselt ganz leer und wirr, tausend läppische Dinge durcheinander – man weiß gar nicht, was er will. Es ist einfach ein Rätsel, was die Massen an ihm finden – außer die gemeine Lust an der Verleumdung, an der Niedertracht und am Skandal; der Pöbel will sich amüsieren, und nichts amüsiert ihn besser, als anständige Menschen verleumdet und beschimpft zu hören. Nun war man auch noch so unklug, ihn gerichtlich zu verfolgen – da erscheint er dem Pöbel erst gar als echter Märtyrer und Held. Alle Vernunft ist dagegen wehrlos und ohne Hilfe.«

»Aber wie denken Sie denn, daß das weiterhin wird? Es kann doch nicht so bleiben!«

»Ja … das ist schwer zu sagen. Unter normalen Verhältnissen wäre es keine Gefahr. Wir sind schon mit schlimmeren Dingen fertig geworden. Aber nun kommt noch diese heillose politische Situation, die niemals närrischer verwickelt war. Stellen Sie sich das nur einmal vor! Wir können uns im Sinne einer gedeihlichen Entwicklung einen besseren Minister als Caprivi nicht wünschen; die Junker können sich keinen schlimmeren fürchten. Wir haben alle Ursache, ihn zu halten; sie haben alle Ursache, ihn zu stürzen. Aber nun sind wir, in der Militärvorlage, durch unsere Wähler gezwungen, gegen ihn zu stimmen, dessen Fall niemand aufrichtiger als wir beklagen würde; und die Junker sind gezwungen für ihn zu stimmen, dessen Fall niemand dringlicher wünschen kann als sie. Es ist unsere schlimmste Niederlage, wenn wir jetzt siegen; und es ist ihr bester Gewinn, wenn sie diesesmal verlieren. Und um die Lächerlichkeit noch weiter zu treiben – es handelt sich dabei für uns nicht einmal um ein Prinzip. Ein paar tausend Soldaten weniger oder mehr – das ist doch am Ende nur eine Frage des Maßes, die das Prinzip nicht trifft. Wir könnten, ohne dem Programme das mindeste zu vergeben, ganz gut Konzessionen machen. Aber wir dürfen es nicht, weil unsre Wähler nicht wollen – und schließlich sind es die Wähler, welche die Geschichte bezahlen. Wir dürfen doch über ihr Geld nicht gegen ihren Willen verfügen. So ist es gekommen, daß durch uns wahrscheinlich ein Minister fallen wird, den zu erhalten unsere Partei das größte Interesse hätte, zur innigsten Freude der Konservativen, die ihn gegen uns zu verteidigen scheinen und doch seinen Sturz schon gar nicht mehr erwarten können.«

»Das ist eigentlich riesig amüsant –«

»Ja, wenn es einen weiter nichts angeht, mag es wohl amüsant sein. Für uns ist es sehr traurig, und niemand weiß Rat. Und man darf sich zuletzt nicht wundern, wenn immer mehr gerade die Besten und Edelsten der Nation sich der Politik schon mit Ekel entfremden. Wir sind heute so weit, daß man nur gerade aus Scham und Pflicht noch kandidiert und jeden, der nicht mehr gewählt wird, beneidet. Es wird einem alles verleidet, und mancher ehrliche Freund der Freiheit klagt schon das allgemeine Wahlrecht an.«

»Es ist merkwürdig: Franzosen haben mir, als ich das letzte Mal in Paris war, oft das Nämliche gesagt.«

»Es scheint eben international: den anständigen Leuten ist die Politik vergällt, und sie wird immer mehr ein Geschäft der Spekulanten. Die können sich freilich gar nichts besseres als solche Zustände wünschen. Ihr Weizen blüht. Die Staatsbürgerzeitung hat durch die antisemitische Hetze im letzten Quartal gleich dreitausend Abonnenten gewonnen, und dieses Quartal gewinnt sie vielleicht noch mehr. Wenn einer ohne Gewissen nur den niedrigen Instinkten dient – das sind die einzigen Leute, die jetzt mit der Politik zufrieden sind.«

»Sie sehen ein bischen schwarz …«

»Wir haben auch alle Ursache. Die Zukunft ist, wohin wir immer blicken, trübe, und es giebt eine einzige Hoffnung: das sind die Arbeiter, das ist der Sozialismus. Im Kampfe gegen den Antisemitismus hat sich der Sozialismus zuerst als ein Faktor der deutschen Kultur gezeigt, indem er allen Verlockungen widerstanden und treu bei uns ausgeharrt hat. Und auf den Sozialismus muß man sehen, wenn man wieder ein bischen Vertrauen und Zuversicht gewinnen will. Die Sozialisten sind die verläßlichsten Hüter der Freiheit, die ehrlichsten Diener einer gesunden Entwicklung –«

»Na – ob nun gerade im Sinne der kapitalistischen Interessen –?«

»Ah … wegen der gewissen ökonomischen Utopien? Die treten doch immer mehr zurück und werden mit der Zeit ganz platonisch. Man verleugnet sie nicht, aber sie spielen doch praktisch gar keine Rolle. Sie sind jetzt nur noch so wie ein frommer Glaube an ein besseres Leben nach dem Tode. Den kann man ihnen ja lassen, und ich habe es für einen groben, taktischen Fehler gehalten, daß Richter gerade jetzt neuerdings gegen sie gesprochen hat. Das hat gar keinen Sinn und Zweck. In allen politischen Fragen sind die Sozialdemokraten heute unsere natürlichen Bundesgenossen, und ich zweifle nicht, daß sie mit der Zeit noch manches abstreifen und sich in eine radikale Arbeiterpartei verwandeln werden, die mit uns Schulter an Schulter kämpft. Wir können nichts eifriger wünschen, als daß sie das nächstemal ihrer 72 statt 36, die sie jetzt sind, ins Haus kommen, und es ist selbstverständlich, daß wir zwischen einem Konservativen und einem Sozialdemokraten immer und überall den Sozialdemokraten wählen werden: denn nur mit ihrer Hilfe allein kann es gelingen, daß wir diese widrigen und schimpflichen Zustände doch am Ende glücklich überwinden und zwingen.«

*

3.
August Bebel

In der Großen Görschenstraße, ganz draußen, wo der Rest der Stadt schon verendet; die Häuser rücken auseinander, dürftiges Grün winkt, und das leere Land sieht herein.

Eine schmale, stille, helle Stube. Bücher und Schriften, an der lichten Wand schlichte Stiche und Schnitte von Demokraten und Sozialisten; das löwische Haupt des Marx schlägt die anderen; und wieder Schriften und Bücher. Eine freudige, beschauliche und sanfte Stimmung von unbekümmert treuer Arbeit.

Man vergleicht seinen Kopf gern dem Christus. Aber es ist ein sächsischer Christus, weich, schüchtern, fast ein bischen zimperlich. Die Frauen bei Ola Hansson haben solche müde, traurige Züge, welche durch tägliche kleine Leiden mehr als durch ein großes Schicksal erschöpft und verblaßt sind.

Er empfängt mich mit seiner stillen, guten Herzlichkeit. Es war in Paris, daß wir uns das letzte Mal sahen, 1889, beim sozialistischen Kongresse. Aber er ist nicht sehr erbaut, wie ich ihm sage, warum ich komme.

»Man macht mit den Interviews nicht immer die besten Erfahrungen. Leicht wird etwas falsch verstanden, und man kann doch nicht immer gleich berichtigen. Da bringen denn die Zeitungen mancherlei, das gar nicht stimmt, und es giebt Verdruß. Ich weiß nicht, ob Sie gehört haben, wie man uns auf dem letzten Kongresse ernstliche Vorstellungen deswegen gemacht hat – es handelte sich um französische Journalisten; es wurde nicht gerade formell beschlossen, aber man meinte eben, wir sollten derlei künftig überhaupt lassen.«

Aber allmählich kommt er doch langsam ins Plaudern. Er hat eine schlichte, bedächtige Art, die Worte aus sich zu holen, während er sinnend das Haupt ein wenig neigt. Es ist mehr wie ein Monolog mit sich selbst, den ich nicht stören möchte.

»Bei Ihnen hat man einmal gesagt – ich glaube, es war Kronawetter –: »Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls.« Das ist ein hübscher Einfall, aber er trifft doch die Sache nicht. Die eigentlichen Träger des Antisemitismus, das kleine Gewerbe und der kleine Grundbesitz, haben von ihrem Standpunkte aus nicht so Unrecht. Ihnen tritt eben das Kapital hauptsächlich in der Gestalt des Juden entgegen. In Hessen und anderen Teilen Südwestdeutschlands zum Beispiel, wo ich die Verhältnisse kenne – da sind die Hypotheken in den Händen der Juden und die Käufer agrarischer Produkte auf allen Märkten sind Juden. Dadurch erscheinen alle schlimmen Wirkungen des Kapitalismus den Leuten immer in der Gestalt des Juden, und da ist es ganz natürlich, daß diese Schichten, die nicht gewohnt sind, viel über das kapitalistische System zu grübeln, sondern sich an die Formen und Erfahrungen halten, in denen es ihnen gegenübertritt, dem Antisemitismus verfallen. Das Kleingewerbe wird wiederum sehr stark von der Konkurrenz der jüdischen Handelsgeschäfte getroffen, so sind die Kleider-, die Schuhwaarenläden, die Läden mit Manufakturwaaren ec. fast ausschließlich in Händen der Juden und die Konkurrenz derselben ist für diese Schichten erdrückend. Bei den Offizieren und Beamten liegen andere Gründe vor. Ein großer Teil derselben macht Schulden und der Kreditgeber ist wiederum sehr oft ein Jude. Daher ihr Haß gegen dieselben. Die Studenten mögen wiederum die Juden nicht, einesteils weil sie nicht selten ebenfalls im Schuldverhältnis zu ihnen stehen, andererseits weil die Juden als Studierende oft fleißiger und als Rasse wohl auch intelligenter sind. Das hängt also alles mit den ökonomischen Zuständen mehr oder weniger zusammen. Im Osten, wo die Juden arm und oft Arbeiter, auch Bauern sind, ist es anders. Was an Juden zu uns kommt, ist meist schon der ausgesuchtere Teil, es sind die intelligenteren, die in der Konkurrenz die größeren Chancen haben. Und dann das nationale Moment – bei den Romanen fehlt das; die Spanier oder Italiener sind weit mehr mit den Juden vermischt und können oft den Juden von ihrer eigenen Nationalität nicht unterscheiden. Die Deutschen erkennen den Juden leicht und betrachten ihn daher als Fremden, namentlich spielt bei geringer Geisteskultur die Frage der Rasse immer eine große Rolle. So kann man sich den Antisemitismus aus der Thatsächlichkeit der Verhältnisse vollkommen erklären, wozu noch kommt, daß er von allerhand Leuten künstlich gezüchtet und geschürt wird.«

»Ja, den Antisemitismus würde das schon erklären, aber es erklärt doch den Zauber nicht, den Leute vom Schlage des Ahlwardt auf die Menge üben, mit Phrasen, die als Verleumdungen bewiesen sind …«

»Ahlwardt hat nur den Einfluß, weil er der Schichte von Leuten, die ihm anhängen, im Fühlen und Denken gleich ist. Seinem Anhang genügt es, wenn nur etwas Wahres an den Anklagen ist. Und man kann nicht einmal sagen, daß sie Unrecht haben: denn etwas Wahres ist bisher immer an seinen Geschichten gewesen. Etwas Wahres war auch an den sogenannten »Judenflinten«; es ist gerichtlich erwiesen, daß Unregelmäßigkeiten vorkamen – wie überall; wer selber einmal Arbeiter oder Unternehmer war, wird das wissen. Ich habe zum Beispiel früher Thürklinken gefertigt, und da weiß ich, daß es vorkommt, daß ein Arbeiter mal die Bohrung verfehlt und es dann eben vertuscht. Also mit den Unregelmäßigkeiten hat Ahlwardt nicht gelogen, aber er hat sie weit übertrieben; auch treffen sie gerade Löwe nicht, der sich um das Technische nicht zu kümmern hatte. Das passiert Ahlwardt überhaupt, daß er mit seinen Enthüllungen ganz andere Leute trifft, als er treffen will. Jetzt ja auch wieder. Er hat noch nichts bewiesen, aber es wäre schon möglich, daß an diesen Geschichten etwas Wahres ist. Schließlich dürfte es aber kein Jude sein, der von ihm möglicherweise getroffen wird, sondern Miquel, der Liebling der Konservativen, den sie am liebsten schon als Reichskanzler sähen. So geht es ihm immer. Er ist ein konfuser Mensch, der sich der Tragweite seiner Handlungen nicht bewußt ist. Man kann, wie Lieber gestern richtig sagte, nur noch Mitleid mit ihm haben. Er redet ohne Sinn, verwirrtes Zeug. Was die Zeitungen über seine Reden bringen, klingt viel zu günstig. Wenn er redet, verschwinden die Sätze, die allenfalls etwas sagen, in einem trüben Wust von Phrasen. Darum wird auch das deutsche Panama, wie man es genannt hat, sehr glimpflich enden. Die Dokumente, die ihm zugänglich sind, sind nicht in der rechten Hand, die aus ihnen was machen könnte. Die Geschichten sind obendrein alt; man kennt sie von Otto Glagau, Rudolf Meyer, von der Reichsglocke her. Aber es scheint, daß er durch den Besitz der Akten manches beweisen kann, was jene nur behaupteten. Er spricht zum Beispiel von dem Briefe irgend eines Präsidenten aus Rumänien an Miquel, den letzterer zerrissen und in den Papierkorb geworfen hat, wo die Stücke dann von einem Diener gesammelt und zusammengeklebt wurden. Darin soll nun dieser Präsident den Empfang einer Summe bestätigen, die Ahlwardt als Bestechung ansieht. Weiter handelt es sich um die Hannover-Altenbecker Bahn, bei der die Kurse künstlich vor der Verstaatlichung getrieben wurden. Für alles das will er allerhand Dokumente haben. Ob er sie zu verwenden weiß, ist eine andere Frage. Er verzettelt alles. Was er bisher vorbrachte, vermochte er durch nichts zu beweisen. Aber unter seinen Leuten wirken solche Behauptungen deswegen doch. Man glaubt, daß doch etwas daran ist. Uns kann es nur recht sein, wenn sich die herrschenden Klassen unter einander bekriegen und alles Vertrauen wankt und der Ekel vor dieser Ordnung der Gesellschaft wächst. Wir sehen ruhig zu und warten.«

*

4.
Theodor Mommsen

In Charlottenburg draußen, hinter hellen Gärten versteckt. Da träumt die Marchstraße still vor sich; kaum daß es einmal leise aus den Glocken der Pferdebahn von drüben her verklingt. Da ist sein nachdenkliches enges Häuschen, das sich scheu von den anderen weg ein wenig seitwärts drückt.

Ich werde in einen kleinen Salon geführt. Schwere, ernste, dunkle Möbel; milde, tiefe Farben; nirgends Tand. Eine feierliche Freude kommt entgegen – wie wenn man in die Galerie des Grafen Schack tritt. Eine schöne volle Kopie nach Tizian und rings in Stichen die edelsten Wunder der Italiener, vom hageren Adel der Prärafaeliten aufwärts, und die klugen, wunderlichen, herb verführerischen Frauen des Leonardo und die reife Gnade der Tizianschen Bella. So wandelt Schönheit hier vom ersten Wunsch zur reichlichsten Erfüllung.

Das Alter beugt ihn, und wie er sich mühsam schleppt, ein bischen unbeholfen und steif, von einer gezierten Höflichkeit, die aus der Mode ist, mit einer verlegenen und ratlosen Güte in den zaudernden Gesten, das giebt ein unsäglich rührendes Bild. Der schlaffe Leib ist in einen tiefen, schwarzen Rock, der sich mit weiten Falten bauscht, und das morsche Haupt in den hellen Schein versunken, den der lichte Kranz der weißen Locken giebt. Ein Schädel, der an Voltaire gemahnt, mit der langen, scharfen, spitzen Nase, den erloschenen und verblichenen Wangen wie in Bronze, und den dürren, fahlen, ohne Rast veränderlichen Lippen, die auf hämischen Spott zu lauern scheinen. So könnte das verdorrte, schiefe, runzelige, gravitätische und zerzauste Männchen wohl an so einen Professor der Fliegenden Blätter von der Laune Oberländers erinnern, und man möchte lächeln. Aber wenn er dann den Kopf hebt und dem Gaste seinen Blick giebt, da ist in den blauen Augen hinter der schmalen goldenen Brille ein solcher Zauber von Macht und Güte, daß man sich neigen muß.

Er setzt sich und verharrt, wie er spricht, unbeweglich und starr. Nur die langen, schmalen und verschrumpften Finger rasten nicht, indem er die Hand bald an die Stirne preßt, bald über die langen Strähnen streift, bald unter das morsche Kinn schiebt und immer in zitterigen Griffen über seinen stillen Körper irren läßt, der sich nicht regt. Er spricht ganz leise, zischelt ein wenig und hat eine seltsame Art, gern die Lippen zu schnalzen und mit der Zunge über sie zu wischen, wenn wieder ein paar Worte gesagt sind.

Ich bringe meinen Wunsch vor, und warum wir gerade auf sein Wort sehr vertrauen, daß es wirken und helfen und reinigen wird. Er lächelt traurig. »Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich da was richten kann. Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Aber es nützt nichts. Es ist alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichen Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub. Man kann nicht auf sie wirken. Was soll man auch einem sagen, der dem »Rektor aller Deutschen« folgt? Der ist nicht mehr zu retten. Gegen den Pöbel giebt es keinen Schutz – ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unterschied: Canaille bleibt Canaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera – man kann ihn weder erklären noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert. Und das kann doch jetzt nicht mehr so fern sein. Endlich muß sich die Pest ja doch einmal erschöpfen, und über Ahlwardt hinaus, noch weiter kann sie doch nicht mehr steigen. Vielleicht kommt jetzt langsam die Wendung zur allmählichen Besserung, Befreiung und Gesundung. Vielleicht verschwindet der Wahn, der so viele Gemüter bethört und unsere ganze Kultur um hundert Jahre zurückgeworfen hat. Aber alle Gründe und die besten Argumente helfen da nichts. Wer Gründen und Argumenten zugänglich ist, der kann ja überhaupt gar kein Antisemit sein. Wer aber nur seinem wilden Hasse gegen Bildung, Freiheit und Menschlichkeit folgt, den werden Beweise nicht bekehren. Der Antisemitismus ist nicht zu widerlegen, wie keine Krankheit zu widerlegen ist. Man muß geduldig warten, bis die im Grunde doch gesunde Natur des Volkes sich von selber aufrafft und den faulen Stoff aus sich wirft. Freilich kann man die Gesundung vielleicht beschleunigen und fördern, wenn man ihr die Unterstützung moralischer Kräfte gewährt. Und da habe ich lange schon einen Gedanken, der mir wirksamer als Ihre Enquete erscheint. Was soll man Ihnen neues gegen den Antisemitismus sagen? Und wenn man etwas fände, was würde es nützen? Alle Mittel der Vernunft wirken da nichts, aber das Gewicht großer Namen, die Autorität würde vielleicht wirken. Den Einzelnen hört man gar nicht an, aber eine internationale Erklärung könnte sich doch Achtung erzwingen. Wenn man einen kurzen Protest gegen den Antisemitismus verfassen würde, der in ein paar Sätzen die bekannten Gründe wiederholte und von allen irgendwie bedeutenden Männern Europas unterschrieben wäre, ob sie nun zur Wissenschaft oder zur Kunst oder zur Politik gehören, von den geistigen Edelleuten aller Länder und Völker – das, denke ich, könnte seine Wirkung nicht verfehlen. Da wäre ich mit voller Begeisterung dabei. Gerade Sie, als Österreicher, könnten es mit Erfolg beginnen: Sie haben ja das Glück, eine unverdorbene, an Gesinnung und Sitten vornehme Aristokratie zu besitzen, welche ihren Namen verdient und ihre Traditionen ehrt und allen Versuchungen des Antisemitismus tapfer widerstanden, ja nicht gezögert hat, sich in das erste Treffen des großen Kampfes für die Freiheit zu stellen. Sie könnten so für diesen Protest manchen stolzen Namen gewinnen, von dem niemals seit Jahrhunderten der Ruhm gewichen ist. Das brächte am Ende vielleicht doch einen oder den anderen zur Besinnung, und wenigstens wäre unsere Ehre vor den Enkeln gerettet, wenn wir ihnen ein Dokument lassen könnten, das alle Guten aller Völker im Bunde gegen die schimpfliche Krankheit der Zeit zeigt.«

*

5.
Gustav Schmoller

Ich muß, wie ich da in der großen, weiten Bibliothek seines Häuschens wieder vor ihm sitze, der einst mein Lehrer war, an das Wort des Marx denken: »Der Kleinbürger ist zusammengesetzt aus einerseits und andererseits.« Das brauchten wir damals im Scherze gern für ihn und freuten uns, wie bedächtig und behutsam er jede Sache zu wenden und zu deuten wußte, bis jedesmal am Ende sich Für und Gegen glich und man die Entscheidung noch etwas verschieben mußte, weil die Frage augenscheinlich noch nicht reif war. So haben wir bei dem Meister der historischen Nationalökonomie sehr viel gelernt, bis wir zuletzt gar nichts mehr wußten.

Diese »historische Methode« gab es ja schon vor ihm. Ich glaube, Hildebrand ist in Deutschland ihr Vater, und als man die steife Algebra der britischen Ökonomen verließ, mußte sie gedeihen. Aber er wurde der erste Virtuose der neuen Lehre zum politischen Gebrauche, indem er, was sie jeder Partei empfehlen mußte, an den heikelsten Problemen des Tages bewies, daß sie ein rechter Advokat für alles ist, der gegen jedes seiner Argumente gleich ein ebenbürtiges Argument hat. Das ist doch ungemein nützlich, während es mit den unabänderlichen Gesetzen der exakten Dogmatiker leicht Verdruß giebt. Historisch kann man sich, wie es gerade besser paßt, entscheiden und ist für die Zukunft nicht gebunden, weil doch immer wieder neue Urkunden, Gewerbeordnungen, Stadtbriefe ein neues Licht bringen, das die Dinge wieder anders zeigt.

Wer im Staate vorwärts, aufwärts wollte, ging zu ihm, und er wurde der gefeierte Lehrer. Wer im Staate oben war, liebte seine immer verwendbare Meinung und er wurde Staatsrat. Die »historische Methode« hat sich bewährt.

Und nun sitzt er nach Jahren wieder vor mir, ganz wie damals, in den weichen, schlaffen, bauschigen Kleidern, die ihm was amerikanisch Lässiges geben, mit der langsamen, milden, wie in Pantoffeln gleitenden Rede, in der behaglich und breit die schwäbische Zunge zischt, mit der strengen, von Fleiß und Mühe zerknitterten Miene, die immer durch das spöttische Spiel der winzigen, flinken und verrucht amüsierten Äuglein gegen allen Respekt gestört wird – es ist ein loser Schalk in diesen kleinen, warmen braunen Blicken, der zu den feierlichen Sätzen, die der Staatsrat ernst erwägt, ungezogen die wunderlichsten Glossen schlägt und ohne Ehrfurcht die Gelehrsamkeit am weißen Barte zupft.

Er ist von meiner Bitte nicht sehr erbaut und schweigt nachdenklich eine Weile. Dann hebt er langsam den Kopf ein wenig, den er hörend neigte, sieht schmunzelnd auf mich, streicht, um den Spott an den feinen Lippen zu decken, mit der Hand über den langen weißen Bart, den er biegt und nachdenklich in den Mund steckt, und er huscht lustig aus den klugen Sternlein, als ob er ja schließlich niemandem sein Gewerbe stören wollte, und er beginnt. Er beginnt jeden Satz mit »Vielleicht«; für »Nicht« wird »Kaum« gesagt und »Etwa« darf nicht fehlen. Wenn er es manchmal vergißt, so hört man es doch immer aus dem Tone.

»Ich kann Ihnen eigentlich wohl kaum etwas neues sagen – Sie finden meine Stellung zur Judenfrage in meinem Aufsätze über Lasker (»Zur Sozial- und Gewerbepolitik der Gegenwart«) erörtert; über die eigentliche Grundfrage des Zusammenwohnens verschiedener Rassen werde ich demnächst wohl mal mich öffentlich aussprechen. Diese Frage, ob verschiedene Rassen mit Vorteil oder nur mit gewissen Nachteilen und Gefahren einen Staat bilden, durcheinander wohnen, verkehren, sich vermischen können, ist von der Wissenschaft noch lange nicht genug erforscht und erörtert, um ein abschließendes Urteil zu gestatten. Daß das Durcheinanderwohnen, die Mischung und Kreuzung von Rassen, welche physisch, geistig und moralisch sehr weit von einander abstehen, schwere Gefahren für Staat und Kultur bringen muß, scheint wohl unzweifelhaft. Führt doch Hehn den Niedergang Roms in den Jahrhunderten der Kaiserzeit darauf zurück; haben doch die älteren indischen Kulturstaaten deshalb die schroffsten Verbote des Connubiums, die strengste Scheidung der Rassen angeordnet. Was aber die Juden betrifft, so wäre zweierlei zu untersuchen: 1. ob ihre Zahl eine zu große sei, um sie zu verdauen und zu assimilieren, und 2. ob Germanen und Semiten von einander wirklich in einem solchen Maße verschieden sind, daß die Mischung ungünstig wirkte. Bei einem mäßigen Zusatze und bei einem geringeren Grade von Verschiedenheit kann ja die Mischung auch große Vorteile bieten, und die Juden haben gewiß manche Eigenschaft, deren Aufnahme in den Volkscharakter, in die Sitten und Gewohnheiten für die Indogermanen wünschenswert erscheint. Aber theoretisch muß daran festgehalten werden, daß unter Umständen eine Rasse und ihre Kultur durch zu starke Beimischung fremder Rassenelemente ernstlich bedroht werden kann, und daß dann an den Staat die Pflicht tritt, auf Maßregeln zu sinnen, die das abwehren sollen. Kulis, Chinesen, Neger und derlei allzu entfernte, von unserem körperlichen und moralischen Habitus zu weit getrennte Rassen dürfen ohne Zweifel nicht und zumal nicht in zu großer Menge zugelassen werden, und so kann man wohl unter Umständen auch für eine Beschränkung der Einwanderung aus dem Osten plaidieren – nicht bloß gegen die östlichen, aus Polen und Rußland kommenden Juden, von denen es denn übrigens noch nicht einmal feststeht, ob sie denn überhaupt Semiten und nicht vielmehr Tartaren sind, sondern ebenso auch gegen die Invasion slavischer Landarbeiter mit einem so viel niedrigeren standard of life.

Was die Judenemanzipation betrifft, so stehe ich auf dem Standpunkt, daß Menschen mit einer von der unsrigen zu weit abstehenden Moral als gleichberechtigte Staatsbürger nie zugelassen werden sollten. Wenn ich die Gleichstellung der Juden billige, so thue ich es nicht, weil ich ein Anrecht alles dessen, was Menschenantlitz trägt, hierauf zugebe, sondern weil ich glaube, daß die sittlichen Grundlehren der Rabbiner und der christlichen Pastoren heute unter dem Einflusse der Philosophie des 18. Jahrhunderts wohl so ziemlich ähnliche oder gleiche seien. Aufzuheben ist diese Gleichberechtigung natürlich in unseren mittel- und westeuropäischen Kulturstaaten heute nicht. Man muß nur suchen, die Assimilierung der verschiedenen Rassenelemente zu fördern durch eine einheitliche Bildung und durch Verstärkung der einheitlichen Elemente in Sitte und Moral. Es handelt sich in dem Assimilierungsprozeß darum, den äußeren Anstand und den Frieden aufrecht zu halten, nicht zu hetzen, die guten Elemente des Judentums gut, die schlechten schlecht zu behandeln, das heißt, sie als Einzelne je nach ihrer Person, nicht als Stand, als Klasse zu behandeln. Ich habe mich stets bemüht, den anständigen und talentvollen Juden als gleichberechtigt und voll zu behandeln, ihn zu fördern, wo es gerecht war, zu begünstigen, aber auch die schlechteren Elemente, hauptsächlich die, welche nur durch eine gewisse Findigkeit, Pfiffigkeit, Beweglichkeit und Frechheit sich auszeichnen, abweisend zu behandeln. Erschwert wird der Assimilierungsprozeß durch die Empfindlichkeit der Juden, die sich alle solidarisch und, wie man an einen von ihnen, an irgend eine von einem Juden begangene Schlechtigkeit rührt, sich gleich alle getroffen fühlen. Das verzögert eine unbefangene Erörterung der Frage, in die sich dann auch noch gewisse soziale und wirtschaftliche Momente mischen. Unsere haute finance und Börsenwelt ist fast durchaus jüdisch, ebenso die kleinen ländlichen Kreditgeber, die Viehhändler und Viehversteller ec, und daß in diesen Kreisen manche Ungehörigkeit, manche Räuberei vorkommt, müssen Sie als einstiger Sozialdemokrat ja wissen und zugeben.«

»Ich glaube nur nicht, daß der arische Kapitalist irgendwie sympathischer ist als der semitische.«

»Vielleicht doch – oder er wird wenigstens von dem arischen Arbeiter sympathischer empfunden, weil er doch immer ein gewisses verwandtschaftliches Gefühl für sie behält, das den Juden fehlt, und darum auch wohl mit einer größeren Schonung, mit einer geringeren Härte zu verfahren eher geneigt ist. Das muß auch berücksichtigt werden. Aber das Entscheidende bleibt die Rassenfrage, die wohl eine gründlichere Untersuchung und Erforschung verdient, als sie bisher erfahren hat.«

*

6.
Pastor J. Schmeidler

Ich warte in einer schmalen, stillen Stube, die scheue, graue Farben und eine dürftige Behaglichkeit hat. Ein Schreibtisch, ein Sofa, ein Lehnstuhl, Schränke, eine große Büste Luthers, kleine von Goethe und Schiller, ein Glaskasten mit Schmetterlingen und Käfern. Es dauert eine Zeit, und ich höre nebenan, ohne zu verstehen, den Wechsel zweier Stimmen, einer ängstlichen und ratlosen, die fragt, und einer tiefen, weichen, milden, die tröstet und hilft. Draußen geht die Klingel oft. Es ist knapp vor Ostern, und da häufen sich die Sorgen des Predigers, der von den Kindern seiner Pfarre mit herzlicher Liebe verehrt und recht wie ein schlichter Heiliger gehalten wird, der für jede Not der Seele immer Rat und Zuspruch hat.

Der mit der kläglichen, beladenen und suchenden Stimme scheidet. Ich komme in ein großes, weites Gemach mit vielen Büchern und Schriften auf Pulten und Stellen, und darüber sind strenge, feierliche Stiche, die Frömmigkeit und Schönheit geben. Der Pastor ist ernst und milde. Die dantesken, scharfen Züge durch eine stille Güte verklärt, und der weiße Bart, die weißen Locken rahmen einen hellen Schein um die sanfte, gelassene Miene.

Ich bringe meine Bitte vor und er will sie erfüllen. Er ist immer bereit, zum Frieden, zur Versöhnung zu wirken. Nur jetzt im Drange der österlichen Pflichten kann er mich nicht hören, mir nichts sagen, und er will mir lieber einige Zeilen senden, die seine Meinung deutlich verkünden.

Er hat mir dann diesen Brief geschickt:

 

Berlin, den 4. April 1893.

Sehr geehrter Herr!

Auf Ihren Wunsch, meine Stellung zum Antisemitismus mit ein paar Sätzen zu kennzeichnen, kann ich nur erklären, daß ich weder vom christlichen noch vom nationalen Standpunkt aus jemals Veranlassung gefunden habe, die Juden als solche zu bekämpfen, und daß ich in der Bildung einer politischen Partei mit dieser Tendenz immer nur eine Verirrung sehen kann, hinter der ich andere Ursachen argwöhne. Als Christ kenne ich nur das wirklich Gute oder Böse, als Staatsbürger nur das Gesetzliche oder Ungesetzliche. In der Behauptung, daß gewisse Formen des Bösen im sozialen Leben mit den Judentum als solchem zusammenhängen, kann ich bis jetzt nur die unzulässige Übertragung einzelner Beobachtungen auf das Ganze erkennen, würde aber auch, wenn diese Behauptung besser begründet wäre, als sie es bis jetzt ist, dafür eine historische Betrachtung verlangen, die zugleich andere Mittel der Gegenwirkung an die Hand geben würde als den Antisemitismus. Eine strenge Prüfung der im Judentum etwa vorhandenen Schäden erwarte und verlange ich vornehmlich von diesem selbst.

Dies meine prinzipielle Stellung zu der Frage in der mich meine persönlichen Erfahrungen in mancherlei Berührungen mit Juden und namentlich auch mit zahlreichen Proselyten, deren Übertritt ich immer nur nach längerem Verkehr vermittelt habe, bisher nur bestärkt haben.

Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst
Schmeidler, Prediger.

*

7.
Maximilian Harden

1861 geboren; 1881 ein kleiner Mime ohne Glück und Hoffnung; 1890 ein Recensent in Wochenschriften, auf den die Kenner zu merken beginnen; 1891 der gehaßte Spötter von Berlin; 1892 der einzige Journalist der Deutschen im europäischen Stile; 1893 der Freund des großen Kanzlers und der Sieger im Prozesse um die »Erziehung« des Monarchen. Eine ganz hübsche Karriere. Es verlohnt sich wohl, von dem Manne, mit dem Manne zu reden und seine Wandlungen, Entwicklungen zu erzählen.

Als ich 1890 nach Berlin kam, war es dort wunderlich. Sie stritten mit Geschrei und gierig gegen und für die »neue Kunst«, und heftige Versuche, die Lyrik, das Drama, den Roman zu erneuern, gelangen. Aber die Kritik wurde von dem jungen Schwunge vergessen, rückte nirgends vorwärts und blieb ungestört in der Schablone, patriarchalisch bei den einen, die ohne Sinn und Grund und Zweck, immer mit dem gravitätischen »Wir«, rechte Paschas, bald gnädig ermunterten, bald strenge warnten, vermeintlich ironisch bei den andern, die ohne Achtung nur witzelten und nach dem billigen Ruhme der Amuseure geizten, oder gar magisterlich bei steckengebliebenen Privatdozenten, die unveränderlich jeden Tag das Dogma aus dem Seminar irgend eines Germanisten wiederholten. Nur in zwei Wochenschriften, der Nation mit dem Namen M. Kent, der Gegenwart mit dem Zeichen M. H., gab es Besprechungen der Bühnen, welche eine moderne Note hatten und sich von Jules Lemaitre, Anatole France, Octave Mirbeau nicht zu sehr entfernten. Dieser M. Kent und M. H. war ein unbekannter Jüngling ohne Adah, der die Cliquen mied, und wer nach ihm forschte, konnte von seinem Talente Gutes hören, das nur leider störrisch sei und, weil es sich in kein Herkommen schicken wollte, seinen Weg verfehlen würde. Das waren die Anfänge Maximilian Hardens.

Gegen das Herkommen war seine Weise freilich, und wer sie an den üblichen Forderungen maß, mußte sich entsetzen. Er »richtete« nicht nach den verläßlichen Normen einer unwandelbaren Ästhetik, citierte keinen Aristoteles noch Lessing, als höchstens, um ohne Ehrfurcht ihn am Barte zu zupfen, den würdigen Frenzel, folgte keiner »Schule«, verkündete keinen »ismus«, und oft wußte der gute Publikus, der doch in Berlin intelligent sein muß, am Ende von vier Spalten gar nicht, ob es denn eigentlich gelobt oder getadelt war. Er hatte für die Werke der Künstler nicht einmal, wie Georg Brandes von sich sagt, den Eifer des Botanikers für Pflanzen, die er bestimmen und in Klassen bringen möchte. Er war ohne Heil der critique subjective et personelle ganz verfallen, die den alten Ferdinand Brunetière so kränkt. Er sprach eigentlich gar nicht von den Künstlern und ihren Werken, die er »kritisierte«, sondern sprach vielmehr gelegentlich dieser Künstler, dieser Werke immer nur von sich selbst und immer nur sich selbst wollte er in den Recensionen gestalten, wie sich ein anderer in Gedichten, Dramen, und Erzählungen gestaltet. Er behandelte das Thema, wie Goethe in der »Italienischen Reise« jenes Land und jenes Volk behandelt, die er nicht schildert, sondern als Gelegenheit braucht, als Reiz und Stoff zugleich, sich selber auszudrücken, die eigene Sehnsucht und das eigene Glück und alles Erlebnis der Nerven und Sinne. So war er recht der gute Kritiker nach der Formel des Anatole France: »Le bon critique est celui qui raconte les aventures de son äme au milieu des chefs-d'oeuvre.« Nur daß es gerade nicht immer chefs-d'oeuvre waren, welche die Abenteuer seiner Seele bestimmen. Aber dafür mochte er schließlich nichts können.

Die Berliner wurden von dieser lyrischen Kritik sehr verdutzt und wußten sie gar nicht zu deuten, aber weil sie sie amüsierte, nahmen sie ihn nicht ernst: sie wollen, wenn sie respektieren sollen, gelangweilt sein. Er kümmerte sich wenig, und jede Warnung der erschreckten Freunde, daß er es zu keinem Paul Lindau bringen würde, drängte den Trotzigen nur noch weiter. Es waren die wunderlichsten Referate vom Theater, die man erdenken kann, oft mehr Gedichte in Prosa, oft höhnische Satieren und hänselten dazwischen das letzte Ereignis, zeichneten von der Straße, aus dem Salon Karrikaturen, und streiften tausend Dinge, wie es der Laune just gefiel, und wurden so unter der Hand von selber, ohne daß er es geplant und recht besonnen hätte, zur Causerie, welche die Franzosen chronique nennen. Er begann, ohne erst eine kritische Gelegenheit zu erwarten, die Ergebnisse der Woche zu glossieren, der Recensent wurde zum chroniqueur, und es kamen die berühmten Aufsätze des »Apostata« Gesammelt in zwei Bänden. Verlag von Georg Stieke, Berlin, welche den »Kaiserhof« und bald die ganze Stadt begeisterten und empörten, wie kein deutscher Journalist zuvor begeistert und empört hat.

Eine Zeit machte ihm das Spaß. Es machte ihm Spaß, alle Mittel dieses Gewerbes zu erlernen, alle technischen Kniffe und Ränke, welche die tägliche Übung der Albert Wolff, Emile Blavet, Henri Fouquier gebildet hat, welchen er sich an leichter Grazie und frecher Verve bald getrost vergleichen durfte. Es machte ihm Spaß, wöchentlich allerhand Größen zu zausen und das tödliche Wort zu feilen, das der Refrain der nächsten acht Tage wurde. Aber auf die Dauer konnten seinen unter allem heiteren Schein doch immer strengen und wahrhaften Trieben die künstlichen Scherze dieses esprit fabriqué nicht genügen, und auf die Dauer konnte auch, weil in Berlin, das unverbundene Gruppen hat, die Gesellschaft und das mondaine Leben fehlen, der erschöpfliche Stoff nicht reichen, und er merkte die Gefahr, bald nur noch für irgend eine Clique, für ein Café, für einen Tisch zu schreiben, die allein seine sonst geheimen Anspielungen verstehen könnten. Er brauchte ein Thema, das jeden Deutschen im Gemüte traf: seine chronique wurde politisch.

Er nahm die Politik, wie der Maler die Farben nimmt, weil ihm da oben in der Ecke noch ein heller Fleck zur Wirkung fehlt, wie der Dichter einen Gedanken nimmt, weil sein reicher Klang den Rhythmus trägt, wie der Turner eine Stange nimmt, seine geschmeidigen Kräfte an ihr zu zeigen. Sie bot ihm die besten Effekte. Er sucht einen geläufigen Stoff und geläufiger war nichts als die unberatenen Experimente des jungen Kaisers, der lärmend Ruhm begehrte.

Der politische chroniqueur ist immer polemisch und immer in der Opposition. Er muß es sein. Die Technik verlangt es. Man kann in diesem Metier sonst nicht wirken. Das Jasagen bietet dem Witze nichts und der rascheste Geist wird in der Verteidigung lahmen. Wer für eine Sache ist, lasse von der chronique.

Es war keine Frage, daß er in die Opposition mußte. Es war nur die Frage in welche. Er konnte sich zu den Demokraten oder den Sozialisten gesellen, und es schien in der That eine Zeit, als wollte er ein zweiter Mehring werden, nur beweglicher und frischer als dieser achtbare Stockfisch der radikalen Verneinung. Aber er war doch stärker, eigener, und der Stärke in der Eigenheit bewußter, als daß er der Schablone eine Partei erliegen konnte, und hatte von den Menschen, von den Dingen ein persönliches Gefühl, das sich nicht in die vorbereiteten Phrasen der politischen Dogmen stecken ließ. Er mußte, um aus sich zu wirken, in die Opposition; aber er durfte, um sich nicht zu verlieren, in keine Partei. Er brauchte eine Opposition für sich, die keinem anderen, als ihm allein gehörte, die ihn gegen die Regierung und gegen alle Parteien stellte, und die doch keine Schrulle, sondern eine Gesinnung war. Und er hat, indem er eine solche Gesinnung fand, ein neues Verhältnis zur Politik gefunden: er hat die Opposition von oben erfunden.

Es gab vor ihm bei uns sonst nur die Opposition von unten. Es hieß gegen die Regierung: »Du, Regierung, willst das, weil es dir nützt; aber ich, Partei der Bauern oder Bürger, muß es, weil es mir schadet, bestreiten.« Man setzte den eigenen gegen den Vorteil der Regierung. Aber jetzt erklärte er vielmehr: »Du, betrogene Regierung, willst, was dir schadet, und ich muß es, weil ich dir helfen will, mit meinem besseren Verstände bestreiten.« Er setzte den wahren gegen den vermeintlichen Vorteil der Regierung. Er maß sie an ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Er richtete, wie ein König-Vater unerzogene Prinzen richtet, welche noch, von falschem Schein bethört, die Pflichten des Hauses verkennen. Da war es, wo er sich mit Bismarck treffen mußte, dem ein in Herrschaft verbrachtes Leben keine andere Kritik ließ, und da war es, wo er so hart auf den Kaiser stieß, der den Erzieher gerade am wenigsten, jeden hämischen Spötter lieber vertrug.

Er hat, unter den kurzen, krausen, engen Locken, noch immer die nackte, glatte Miene des Schauspielers. Er gleicht dem Kainz ein bischen; nur daß die seinen, empfindsamen Züge noch veränderlicher, flüchtiger und nervöser sind. Jeder Gedanke wechselt sie, und gleich entgleiten sie wieder, und wer forschend ihre Zeichnung fassen, halten möchte, hat immer das Gefühl, als würde das geängstigte Gesicht sich eben vor einer Sonne blinzelnd verschließen. Um den Mund, von dem das schmale Kinn weich und müde fällt, ist Trotz und Spott und unter der immer zornig gerunzelten Stirne hervor blickt er gern wie ein gekränkter Knabe, der noch nicht recht weiß, ob er weinen oder toben soll, verdrießlich und in Not, daß man ihm keine Ruhe giebt und er sich immer wehren muß, während er lieber gut sein und spielen möchte. Er hat etwas von einer Frau, in den ungleichen, jetzt scheuen, jetzt heftigen Geberden, in den dünnen, trippelnden Schritten, in der sanften, milden, artigen Stimme, welche ohne Arg die schlimmsten Dinge zirpt. Man muß sich hüten und weiß selten gleich, wie er es meint, weil er immer seinen strengen und sachlichen Blick bewahrt, und kaum um die leisen Lippen raschelt's verräterisch, und wo eigentlich die Ironie endet, kann er wohl oft selber nicht sagen.

Wir sitzen vor dem Café Bellevue, das auf den Leipzigerplatz sieht. Ich interviewe andere lieber – man ist bei ihm nicht sicher: er interviewt am Ende zurück. Er hat auch nicht die so bequeme Ordnung des gedrillten Geistes, in den man nur oben, wie in einen Automaten, eine Frage zu werfen braucht, um mit dem nächsten Rucke unten gleich die prompte Antwort zu empfangen, sondern ist ein Vagabund der Plauderei, der gern vom Wege schweift, ob nicht auch im Walde nebenan was ist.

Ich erzähle ihm den Plan des Interviews, und was Mommsen gesagt hat, von dem ich eben komme: daß er den Antisemitismus mit der Cholera verglichen hat.

Er lacht spöttisch ein wenig: »Übrigens– bleiben wir einmal bei dem Bilde. Es kann uns dienen. Er hat ja recht: der Antisemitismus ist ja wirklich eine sehr schmutzige und häßliche und gewiß keine normale und gesunde Erscheinung. Aber er ist nun eben einmal da – es fragt sich nur: wie kriegen wir ihn wieder weg? Ist es vernünftig, wenn die Cholera herrscht, sich auf den Markt zu stellen, gegen die Krankheit als eine Schande der Menschheit zu predigen und entrüstet zu verkündigen: Schmach und Schimpf über jeden, der die Cholera hat? Glauben Sie, daß das die Cholera besonders genieren wird? Glauben Sie, daß moralisches Pathos helfen und heilen kann? Mit Klagen und Jeremiaden ist nichts gethan, sondern man muß fragen: Was ist schuld, woher kommt die Krankheit, wie kann man sie zwingen und ein anderes Mal verhüten? Man muß die Lehren der Krankheit hören und für gutes Wasser, reinliche Straßen sorgen und die schmutzigen Wohnungen sperren. So sage ich: man muß die Lehren des Antisemitismus hören und, um ihn zu vertreiben und uns künftig vor ihm zu bewahren, für reinliche Wirtschaft und ehrbare Sitten sorgen.«

»Sie sind also eigentlich – Antisemit zur Abwehr des Antisemitismus?«

»Ich bin gar kein Antisemit, sondern …«

»Aber Sie gelten doch überall dafür.«

»Weil ich gegen den Zwischenhändlergeist, gegen den Börsenpöbel, gegen den fauligen Egoismus der Bourgeoisie bin! Kann ich dafür, daß man da gleich Antisemit heißt? Kann ich dafür, wenn sich das Judentum für solidarisch mit den Wolffs, Leipzigern und Sommerfelds erklärt? Kann ich dafür, daß man gegen den merkantilen Geist nichts sagen darf, ohne gleich unter die Ahlwardts zu zählen? Man schlägt auf das Kapital und – der Jude fühlt sich getroffen! Da ist es denn freilich kein Wunder, wenn in der Meinung des Volkes am Ende Kapital und Jude gar nicht mehr zu trennen sind und ganz vergessen wird, daß gerade bei den besten Söhnen Sems, bei Acosta und Spinoza, Börne und Heine, Lassalle und Marx, der »Widerwille gegen Handelsleute und Juden als solche«, wie Börne einmal gesagt hat, zur heftigsten Leidenschaft entbrannte. Die Juden selber machen heute den Antisemitismus, indem sie thöricht genug sind, dem kapitalistischen Schwindel als Schild zu dienen, der alle Hiebe fängt. Wenn sie selber sagen: »wer gegen die Ausbeutung und gegen den Zwischenhandel ist, der ist gegen die Juden,« dann kann man den Leuten den Schluß nicht verdenken: »Gut, wenn Kapital und Jude so das Gleiche ist, dann sind wir eben auch gegen die Juden«. Und die Tausende von braven, rechtschaffenen, und oft peinlich sauberen Juden, die selber, wie der gute und reinliche Lasker einst, die Banditenstreiche der verlumpten Plutussöhne entrüstet verdammen, müssen unschuldig dann die Zeche bezahlen! Aber warum stehen sie nicht auf und protestieren nicht gegen diese Vermischung von Börsenschwindel und Judentum? Was hat die Börse und der Wucher mit Religion und Rasse zu schaffen? Der klerikale Bontoux war nicht viel besser als unsere Friedländer und Sommerfeld, und ich wiederhole gern das kluge Wort, das in L'argent die sittlich kerngesunde Heldin sagt: »Pourmoi, les juifs, ce sont des hommes comme les autres. S'ils sont à part, c'est qu'on les y a mis.« Ich wiederhole es gegen die Antisemiten und gegen die Juden – gegen die Antisemiten, wenn, weil ein Jude gestohlen hat, das Judentum verbrannt werden soll; gegen die Juden, wenn, weil ein Jude gestohlen hat, der Diebstahl geheiligt werden soll. Wir wollen, ob Jude oder Christ, gegen die korrumpierende Allmacht des Kapitalismus und das Dogma von Manchester für gesündere, reinlichere, rechtschaffene Zustände kämpfen – dann wird sich schon auch zwischen Juden und Deutschen der eheliche Friede geben, der bei uns ein bischen schwieriger noch als anderwärts ist, weil hier homöopathisch sich die Ähnlichkeiten fanden: der Jude und der Deutsche gleichen sich zu sehr.«

*

8.
Oberstlieutenant v. Egidy

Es melden sich allerhand Zeichen, als ob die Menschheit wieder religiös werden wollte. Vielleicht ist es nur eine rasche Mode, wie damals der hastige Stoß der Romantiker gegen die Aufklärung; vielleicht mag es dauern. Sekten bilden sich wie die Heilsarmee; der Ruf des Tolstoi zum Glauben findet Jünger; die theosophische Bewegung wächst; die Spiritisten mehren ihre Gemeinden; in Frankreich kommt ein neuer Katholizismus und die Deutschen erneuern den Protestantismus. Der Jugend genügen die billigen Phrasen der naturwissenschaftlichen Rationalisten nicht mehr, und sie spottet auf Büchner und Vogt. »Gegen den Materialismus« heißt eine Gesellschaft in München, und in Berlin ist eine »Ethische Gesellschaft«. Nach Gefühlen drängen sie und wollen Ethos. Man wendet sich vom kalten Verstande. Man möchte wieder eine große Pflicht. Man kehrt vom einzelnen zum ganzen und will sich vergessen, um den anderen zu dienen – oder vielleicht auch den anderen dienen, um sich zu vergessen. Es ist wahrscheinlich nur eine Mode; aber es könnte wohl auch der große Wechsel im Geiste sein, der Abschied von diesem Jahrhundert und die erste Verkündigung des neuen.

Aber es sind in dieser religiösen Neigung, die wächst, deutlich zwei Triebe, die sich nicht gleichen, ja entgegnen. Die einen, die katholisch schwärmen, begehren den Glauben wie [Chloral], als eine freundliche Betäubung, die seltene Träume geben soll, der schalen Wirklichkeit des kläglichen Lebens entrückend und aus vergessenen heißen Lithurgien wunderliche, tiefe, fremde Reize holend. Die anderen, welche vielmehr eine sittliche Hilfe begehren, die Gruppe des russischen Romanes und, in Deutschland, des Oberstlieutenants v. Egidy, wollen gerade das Ende der irren Spiele auf den Nerven und aus verläßlich führenden Normen die ruhige Kraft zu einer thätigen Verklärung und Erheiterung des Lebens. Jene möchten im Glauben vergessen, sich berauschen und ersticken. Diese möchten durch ihn zur Übung erkannter Pflichten erwachen und dem Leben einen Sinn erwerben, der von guten Werken geheiligt werde.

Herr von Egidy gilt wie ein Erzieher und Lehrer des Volkes, und viele drängen zu ihm, seine Worte zu hören und seinen Rat zu holen, und bekennen sich zu seinen Gesetzen. Er hat zuerst in seinen »Ernsten Gedanken«, welche im Herbst 1890 erschienen, von Fragen der Religion allein gehandelt, indem er die Trennung der christlichen Werte von den kirchlichen Lehren, von dem »Kirchentum«, und so für jeden einzelnen ein lebendiges »Jesustum« der That verlangte, das nicht auf die Gesinnung und das Bekenntnis, sondern auf den treuen Wandel in frommen, sittlichschönen, gottesfürchtigen Werken halte; indem er die Herrschaft der Dogmen bestritt, wollte er die Konfessionen versöhnen und ein »einiges Christentum« gewinnen. Aber aus dem kirchlichen wurde, wie er die Triebe seiner Lehre nur getreu verfolgte, bald ein sozialer Reformator. Das Christentum »ernst zu nehmen«, war seine Losung, und er verkündete: »Die Kraft eines Glaubens ermißt sich einzig danach, wie gewaltig er uns zu der Überzeugung drängt, daß das wird, was mögliches im ewigen Gesetze begründet ist. Das Beseligende eines Glaubens liegt nicht darin, daß er uns aus der Wirklichkeit heraus in eine Sphäre von Vorstellungen führt – das Beseligende eines Glaubens erweist sich einzig in dem Drange, der uns zum Guten leitet. Wenn ich bete: »Herr, stärke mir den Glauben«, so spreche ich nicht damit den Wunsch aus, daß meine Vernunft sich umschleiern möge, um von neuem Vorstellungen in mir aufnehmen zu können, die mir einst selbstverständlich schienen, weil sie mir gelehrt wurden: ich strebe mit diesem Gebet vielmehr nach der inneren Klarheit, mir gottgewollte Zustände zu vergegenwärtigen, und ich ringe nach der Zuversicht, daß solche Zustände werden … Einzig ein solcher Glaube veranlaßt zum Thun, und einzig im Thun wird der Glaube wertbestimmend für die Menschen.« So mußte er ein »angewandtes« Christentum fordern: »Die Gesetze, Anordnungen, Einrichtungen und Maßregeln müssen von einer christusgleichen Gesinnung ausgehen, dürfen also selbst nichts anderes sein als reine, hingebende, selbstlose Liebe; dann können die Menschen, denen solche Gesetze gelten, gar nicht anders als gut sein, und werden sehr gerne gut sein.« Er mußte, weil er ja im Thun allein die echte Religion erkannte, zum Apostel von Reformen werden: »Wir müssen Zustände schaffen, die gar kein Vergehen möglich machen, Zustände, die die Luft zum Unrechtthun gar nicht erst reizen, erwecken; dann werden wir bald auch nicht mehr zu strafen brauchen.«

Die Bewegung, die von seinen Schriften kommt, wächst unablässig. Ein großer Teil des Adels, der Offiziere folgt ihr; die deutsche Freimaurerei, von dem Professor Settegast geführt, dem Stifter der großen Loge von Preußen, welche »Kaiser Friedrich zur Bundestreue« genannt wird, erkennt den verwandten Geist; die Sozialisten halten gute Freundschaft. Und man mag in der Volksschrift »Einiges Christentum«, welche der Kieler Professor Lehmann-Hohenberg in ihrem Dienste leitet, das Verzeichnis der vielen Aufsätze, Bücher und Reden nachlesen, die von ihr handeln.

In Moabit. Es ist das Viertel der Assessoren, die reiche Schlingel zum Examen drillen, der Beamten mit dem langen Titel und dem kurzen Gehalte, der bescheidenen Renten. Rechtliche kleine Leute wohnen da, und eine gute, reinliche Bürgerlichkeit schaut aus den hellen Häusern. Von den Treppen, an den Wänden schimmert, glitzert, blitzt es blank, und dünne, lichte Dünste dampfen wie nach einem Regen. Auf den Bildern des Kühl, des Walter Firle, der Dora Hitz ist eine solche gescheuerte, ausgespülte Stimmung gern.

Er ist gedungen und klein. Ich hätte mir den unerschütterlichen Optimisten, der Leidenschaft Schwung und Schwärmerei hat, anders erwartet. Man würde ihn für einen pensionierten Militär nehmen, der das ganze Leben nichts als an die Dressur seiner Rekruten gedacht hat, für einen jener kurzen, dicken, asthmatischen Majore, die leicht erzürnen, krebsrot werden und fluchen. Er hält sich gerade und steif, mit sparsamen, knappen, herrischen Gesten. Er spricht, wie man der versammelten Mannschaft einen Verweis oder Befehl giebt. Kurz, scharf, unwiderruflich, jedes Wort wie ein Kommando für sich hin, mit harten und eckigen Pausen. Er fügt sich den Wendungen des Partners nicht, der von der Sache schweifen und, um seine Weise besser auszuholen, erst ein bißchen plaudern möchte; er weicht nicht vom Thema und scheint immer gleichsam ein vorbereitetes Konzept unverbrüchlich zu verfolgen. Wenn man was sagt, neigt er ein wenig die gerunzelte Stirne, sieht kritisch vor sich hin und fährt mit einer festen, deutlichen Geberde bald dazwischen, die entscheidet und schließt. Er ist dabei ungemein höflich. Aber wer die weichen, im Gespräche veränderlichen, nachgiebigen Gesinnungen der »guten Gesellschaft« gewohnt ist, empfindet ihn spröde und hart.

Man hat vor ihm eine wunderliche Mischung von Gefühlen, die nicht einig werden wollen. Man braucht auch eine Zeit, das rechte Maß, den rechten Wert für ihn zu finden. An den Erwartungen, die man aus seinen Schriften bringt, darf man ihn nicht prüfen: Neben dem heißen Enthusiasten, den man dort vermuten muß, verliert der steife und eifrige Herr, der das Ethische mit der pedantischen Heftigkeit eines Liebhabers von Angelfischerei, Briefmarken oder Schmetterlingen pflegt, und die großen Ideen scheinen fast wie kleine Schrullen. Auch Geist und Witz und jenes anmutige Talent, sich dem Gaste immer gleich in allen Künsten der hohen Schule vorzuführen, hat mancher nichtige Bummler mehr. Und dennoch gebietet er Achtung. Man fühlt sich überlegen, und es ist doch Ehrfurcht, fast Neid dabei. Er hat plötzlich oft einen herrlichen Ton, und seine Stimme, wenn er von der »guten Sache«, von den »Edelmenschen« spricht, nimmt eine Wärme und Verklärung, ein Leuchten und ein Strahlen wie von einem hellen Glücke in der Brust, das ein köstlicher Besitz sein muß. Er ist vielleicht arm an den Eitelkeiten des esprit; aber man empfindet, daß er Macht und Größe an Gewissen hat.

Da ist eine kleine Stube mit seinen Broschüren und Reden, mit den Blättern der Vereine, die ihm dienen, mit den Schriften der Freunde, welche die gleichen Hoffnungen und Wünsche pflegen, des Obersten v. Gyzicki, des Heinrich Hart, des Wilhelm v. Polenz, die mit ihm jenen Zustand des »einigen Christentums« erstreben, »in welchem Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit und gegenseitige Achtung walten«. Dann bringt er mich in ein helles, weites Gemach zu den Seinen. Eine stille, schlanke, blasse Frau sitzt und stickt; ganz fein und heimlich, wie scheue Libellen, flattern gute und milde Worte von ihr. Ein schmaler Tisch ist weiß gedeckt, und drei blonde Mädchen, licht gekleidet, gleiten leise wie verhuschende Strahlen der Sonne. Es ist ein unsäglicher Friede.

Er will gerne seine Meinung über den Antisemitismus bekennen. Aber er billigt das Interview nicht. »Ich will, wenn ich zu meinen Mitmenschen spreche, jedes Wort genau und gründlich überlegen, seine Bedeutung vollständig messen, seine Wirkung lange bedenken und prüfen, ob es nicht anders gedeutet werden kann, ob es nicht doch etwas zu viel oder zu wenig sagt, ob ich nicht noch ein besseres finde, das jeden Zweifel vermeidet. Ich will durch strenge Sorge die Gewißheit gewinnen, daß ich jedes einzelne Wort zu jeder Zeit verantworten kann. Das kann aber nur mit der Feder in der Hand geschehen, die immer wieder streicht und immer wieder zögert. Im Sprechen läuft leicht ein Wort mit, das unbedacht den Sinn entstellt.«

So hat er selber den Meinungen, die er mir sagte, die Formel gegeben, die er für gerecht und wirksam hält.

»So lange der Antisemitismus an seinem Namen und damit an der für uns Deutsche so kläglichen Anschauung festhält, daß eine halbe Million andersrassige Menschen uns fünfzig Millionen Stammvolk vergewaltigt haben sollen, so lange wird der gesunde, kraftbewußte und gerechte Mann in der ganzen Bewegung nur den Ausdruck einer unchristlichen Gesinnung erblicken, welche die eigene Schuld an unseren beklagenswerten Zuständen einer wehrlosen Minderzahl aufbürden will.

Erst von dem Augenblick ab, wo der unreine Ton Antisemitismus sich auflöst in dem ernsten Accord »antimalum«, erst von dem Augenblicke ab also, wo wir das Übel, das Unrecht, das Unwahre, die Ungerechtigkeit, das Unlautere, das Unheilige – mit einem Wort: das Jesusfremde – bekämpfen, wo und an wem immer wir es entdecken, ohne Rücksicht auf Rasse oder Glauben, aber auch ohne Lieblosigkeit gegen den Übelthäter selbst, der ja immer nur das Ergebnis unserer Zustände ist–von diesem Augenblicke ab werden alle rechtschaffenen Menschen kraftvoll in den Schlachtruf einstimmen: gegen das Übel!

Die Vernichtung des Übels bedeutet den Sieg des Guten. Christliche Vernünftigkeit wird unsere Zustände beherrschen; vernünftige Religiosität wird die Menschen lehren, sich in einem einzigen Heiligungsbedürfnis zu einen. Der Konfessionalismus ist überwunden. Nichts hindert fortan die Menschen, die sich heute noch Juden nennen, sich mit den Wirtsvölkern, deren Land sie seit Jahrhunderten bewohnen, religiös – und nun auch rasselich zu verschmelzen. Das Judentum geht auf in den Kulturnationen und erfüllt damit seine Bestimmung für die Entwicklung des Menschengeschlechts.« Berlin, 31. März 1893.

M. v. Egidy.«

*

9.
Ernst Häckel

Ich wohne im »Bären«, wo einst Luther gehaust und voriges Jahr Bismarck das Vermächtnis an die Deutschen gesprochen hat: »Es ist ein gefährliches Experiment, heutzutage im Zentrum von Europa absolutistischen Belleitäten zuzustreben … Was wir für die Zukunft erstreben müssen, ist eine Kräftigung der politischen Überzeugung in der öffentlichen Meinung und im Parlament.« Jetzt ist es, wo damals Begeisterung jauchzte, ganz einsam, still und lauschig. Draußen winken winzige Blüten, während ich mich an dem hellen, kühlen, sanften Pisporter behaglich von der Reise erquicke, und eine braune Büste glänzt von der grauen Mauer, und ich zerbreche mir den Kopf, ob der Bronzierte einer der großen Studenten oder ein Lehrer oder welcher Dichter es sein mag. Es ist aber Herr Friedrich Gottlob Schulze, der »Gründer der landwirtschaftlichen Lehranstalten in Jena.« So kann man immer noch wieder was lernen.

Ich verlange einen Wagen. Aber »s'giebt heute keine Droschken mehr; die Studenten sind über Land gefahren.« So schlendere ich langsam durch die Stadt nach der Bergstraße draußen am Ende, wo sein Haus steht.

Ich möchte einmal mit Maurice Barres, dem klugen Virtuosen der »Enthusiasmen«, da gehen, in Plaudern und Schauen durch diese engen, kahlen, nüchternen Gassen, wo kaum an den trockenen und verschlafenen Häusern einmal ein paar Winkel, Schnörkel, Spitzen sich regen und die dürftige Gotik selbst der fahlen Kirche nicht wirkt. Da wurde, als harte Not das Vaterland schlug, der heilige Eifer der Burschenschaft geboren. Welche Menschen, die ohne Reiz und Hilfe von außen die mächtigsten Gefühle aus sich selber erschufen! Welche Helden! Welche Künstler! Sie hatten nichts von unseren Apparaten der Gesinnung.

Ich weiß nicht, ob die Studenten von heute hier ihnen gleichen. Die wenigen, die nicht über Land gefahren sind, sehen mir nicht danach aus. Sie sind geschniegelt und wunderlich geleckt, mit der gravitätischen Politesse des wackeren Famulus Wagner, der ja doch heute auch lieber Regierungsreferendar würde, und gleich an dem peinlichen Scheitel, der schimmert, am gleißenden Schlipse kann man es merken, daß sie »ein Feind von allem Rohen« sind.

Rechte Enkel der Burschenschaft sind vielleicht nur noch unter den Professoren. Ernst Häckel ist einer an Schwung, Mut und Treue zur Freiheit. Man denke nur, wie zornig und verwegen er das letzte Jahr, als der Minister von Zedlitz-Trütschler »die Volksschule der wissenschaftlichen Pädagogik zu entziehen und mit gebundenen Händen der papistischen Hierarchie zu überliefern« versuchte, gegen die »Weltanschauung des neuen Kurses« trat, der sich doch gegen jede Einrede immer gleich mit gendarmischen Argumenten: mit Prozessen ob beleidigter Majestät drohend verwahrte.

Junge Birken schimmern um das stille Haus, das schlicht und edel, wie man im Geiste des Schinkel baut, auf einem Hügel ragt. Der Gärtner schafft in den Beeten. Eine feierliche gute Ruhe ist rings.

Er liegt – vor einem großen Tische mit Büchern und Schriften, Katalogen, seine »Schöpfungsgeschichte« und meine Interviews der Deutschen Zeitung verträglich beisammen – auf einem langen schwarzen Sofa. Er hat sich auf der Reise, aus Italien heim, den Fuß verstaucht, und es schmerzt, wie er sich regt. Das Zimmer ist breit und weit und frei, man fühlt sich wie in einem hellen Walde, wo die sauberen Stämme nicht drängen; weiße Blüten rühren ans Fenster.

Er hat gar nichts vom Professor und gar nichts von den »grimmigen Gesichtern der Gelehrten«, die Schiller einst in Jena fand. Er ist ganz Kraft, Freiheit und Freude. Für einen Wanderer, Turner, Jäger möchte man ihn nehmen, für einen Plein-air-Menschen froher That, Luft, Gesundheit und Güte verklärt ihn. So mochte Nietzsche jene letzte Heiterkeit träumen und mir fällt der Rembrandt-Deutsche ein, wenn er von seinem »starken und milden Helden« spricht, und – wunderlich in so deutschester Mitte – ein französisches Liedchen will mir nicht weichen, das ich jüngst wo gefangen:

»Jeune, j'étais trop sage,
Et voulais tout savoir;
Je ne veux à mon âge
Que badinage.«

Er giebt seine Meinungen und Gründe mit lustigem Eifer her, wie ein Sammler seine Schätze zeigt, behende immer weiter, weil er es gar nicht erwarten kann, und dann doch immer noch ein zweites und drittes Mal, damit man es gründlicher prüfen und recht von allen Seiten erkennen möge.

»Ich werde Ihnen ja natürlich nichts Neues sagen. Wer könnte das in dieser tausendfach erörterten Frage? Aber ich habe wenigstens die vollkommene Unbefangenheit für mich. Auf der einen Seite bin ich seit Jahren mit vielen Juden befreundet, die ich innig verehre und schätze – es sind ganz wunderbare, prächtige Menschen – darum können die üblichen Schmähungen auf die Juden bei mir nicht verfangen, weil ich es besser erfahren habe. Auf der anderen Seite sind gerade einige meiner besten und intelligentesten Schüler sehr heftige Antisemiten, so daß ich mir, auch wieder aus eigener Erfahrung, sagen muß: mit den Phrasen von Unbildung und Roheit kommt man da nicht aus, und Mommsen nicht beistimmen kann, der den Antisemitismus für eine Verirrung und Krankheit erklärt. Ich mag überhaupt nicht glauben, alle meine Anschauungen sträuben sich dagegen, daß eine so mächtige, lange und große Bewegung ohne gute Gründe möglich sein sollte. Ich möchte mich eher zu den Meinungen Schmollers neigen, der sie ganz richtig als eine nationale Frage nimmt – das hat mir sehr gefallen. Das Religiöse und Soziale scheint mir dabei von geringer Bedeutung. Sie ist eine Rassenfrage. Es kann gar nicht geleugnet werden, daß wir in manchen Dingen die Juden als fremd und daß sie sich selber als Fremde fühlen – das soll gar kein Vorwurf gegen sie sein: es ist bei ihrer Vergangenheit, wie die Verhältnisse geschichtlich nun einmal wurden, gar nicht anders möglich. Das muß nun natürlich in einer Zeit, wo das Nationale so mächtig ist, zu Konflikten führen, und ich glaube, diese Macht des Nationalen, die man von einem höheren, kosmopolitischen Idealismus aus vielleicht beklagen mag, wird in der nächsten Zeit eher noch wachsen. Ich habe es jetzt wieder in Italien gesehen – wenn ich denke, im Jahre 1859, vor Garibaldi, ja, da fiel es doch einem Sicilianer gar nicht ein, sich als Italiener zu fühlen. Nur im Norden begann man, national zu empfinden. Und so in allen Ländern. Der Kosmopolitismus ist noch fern. Vorderhand ist das nationale Gefühl noch überall im Wachsen, im Erstarken …«

»Außer in Frankreich … besonders in Paris. Da will gerade die Jugend vom Nationalen nichts mehr wissen, und der richtige Moderne denkt ganz kosmopolitisch.«

»Das ist ja aber doch schließlich nur eine einzige Stadt. Sonst steht alles heute, mehr als je im Zeichen des Nationalen. Und da wird denn der Antisemitismus ganz begreiflich – natürlich nicht die antisemitische Hetze, die jeder beklagen und verdammen muß; dem Ahlwardtismus kann doch ein anständiger und gebildeter Mensch nicht anhängen; aber es wird begreiflich, daß man die fremde Art der Juden im Volke nicht länger dulden, das spezifisch Jüdische von ihnen nehmen und sie zu deutschen Gewohnheiten und Sitten erziehen will, bis sie dem Volke, in welchem, mit welchem sie leben, in allen Punkten gleichen. Das ist der berechtigte Sinn des Antisemitismus, daß die Juden von ihren Besonderheiten lassen und sich mit uns völlig verschmelzen sollen – das muß, wer national fühlt und denkt, von ihnen verlangen.«

»Aber meinen Sie nicht, daß durch die antisemitische Bewegung gerade innige Verschmelzung, die jeder Einsichtige wünschen muß, eher verzögert als gefördert wird?«

»Jede Bewegung hat eben ihre Verdienste und ihre Gefahren. Ich halte es für ein Verdienst des Antisemitismus, daß in den Deutschen und in den Juden die Überzeugung erwacht: die Juden müssen ihre Sonderart aufgeben und zu vollkommenen Deutschen in Sitten, Gebräuchen und Gefühlen werden. Das muß unnachgiebig erstrebt und es muß verhindert werden, daß das Eindringen immer neuer und oft sittlich bedenklicher Elemente aus dem Osten den Prozeß ihrer Erziehung zu Deutschen stört. Gerade im Interesse der vielen ausgezeichneten, rechtschaffenen und ehrenwerten Juden, die wir haben, möchte ich an gewisse Erschwerungen der jüdischen Einwanderung aus dem Osten denken, und ich frage, ob nicht den anständigen und gesitteten Juden selber, die sich ehrlich als Deutsche bekennen, diese erbärmliche Gesellschaft sehr unerwünscht sein muß, die gegen sie nur Mißtrauen erweckt und ihre gänzliche Aufnahme in unser Volk verzögert. Hier kann falsche Humanität nur schaden, und ich denke, daß man sich gegen die russischen Juden energisch schützen sollte, nicht weil sie Juden, sondern weil sie mit unserer Gesittung unverträglich sind – wie man sich in Californien gegen die Chinesen schützt; mit der idealen Liebe für »alles, was Menschenantlitz trägt«, kommt man eben leider praktisch nicht aus. Ich habe voriges Jahr auf dem Schiffe, das mich nach England führte, solche russische Auswanderer gesehen; von ihrem Schmutze und ihrer Gemeinheit macht man sich gar keinen Begriff, und die Engländer hatten ganz recht, sie einfach nicht in ihr Land zu lassen. Gerade im Interesse der gebildeten Juden, gegen die solche unsaubere Elemente nur den Haß und die Erbitterung schüren – ich betone das ausdrücklich, weil ich diese geläuterten und vornehmen Juden für wichtige Faktoren der deutschen Kultur halte: denn das soll ihnen nicht vergessen werden, daß sie immer für die Aufklärung und Freiheit tapfer gegen die Reaktion gestanden sind, verläßliche Streiter, so oft es gegen die Dunkelmänner gilt, und gerade in den Gefahren dieser schlimmen Zeit, wo überall wieder der Papismus sich mächtig regt, können wir ihren bewährten Mut nicht missen.«

*

10.
Adolph Wagner

Ich habe einmal in seinem Seminar gearbeitet, zwei Jahre lang. Daher kenne ich ihn. Und ich achte und verehre ihn sehr.

Das ist ja nun, vom Schüler zum Lehrer, gerade kein Wunder. Aber wunderlich ist, was allen mit ihm passiert. Wer ohne Verkehr ihn nur vom Katheder, von der Tribüne kennt, mag ihn nicht, auch wenn er seiner Gesinnung und seiner Partei ist. Wer sich ihm nähert, schwärmt für ihn, auch wenn er seine Meinungen nicht teilen will. Er befremdet aus der Ferne. Er verführt in der Nähe. Er gehört zu den Menschen, die man daheim sehen muß, um sie zu verstehen. Draußen, wie er sich vor der Menge giebt, scheint er ein unerfreuliches Rätsel. In seiner Stube, zwischen seinen Büchern, wenn er mit diesen jähen, scharfen, spitzen Gesten in rapiden, schmalen, schwirrenden Sätzen disputiert, erklärt er sich leicht, und man liebt ihn, weil man seinen blinden, naiv ergebenen Gehorsam gegen alle Stimmungen erkennt. Dieser Mensch ist ganz nur Temperament. Das momentane Gefühl bestimmt ihn. Er verträgt keinen Zügel von Vernunft, Rücksicht und Bedenken und geht mit der letzten Empfindung durch, bis er plötzlich wieder von einer anderen, neueren, stärkeren gefaßt und anderwärts getrieben wird. Der Fremde, der davon immer bloß die Resultate sieht, kann es sich nicht deuten und wird verdrießlich. Der Freund, der selber dabei ist, wie das Temperament kocht, siedet und verdampft, muß den moralischen Impressionisten bewundern.

Er ist ein moralischer Impressionist, der jedem momentanen Drange gehorcht und immer mit allen Kräften und Trieben seine ganze Natur in den Dienst der letzten Empfindungen stellt. Aber diese wird jedesmal von seiner reizbaren, unduldsamen und herrischen Rechtlichkeit bestimmt, die nicht paktiert. Er sieht an jeder Reihe bloß den einen Punkt, der etwa heikel ist und einen Wehrlosen kränkt, und gegen ihn setzt er sich ein. Er ist immer gegen die Menge, gegen die »kompakte Majorität«, gegen die Meinung, die herrscht, und er ist immer für das Verkannte, das ungerecht gedrückt wird. So hat er, als es in seiner Zunft noch selbstverständlich war, auf die klassische Ökonomie zu schwören und die Forderungen der Arbeiter zu verhöhnen, sich zu einem radikalen Sozialismus verstiegen und wurde dann, als die sozialistische Mode unter die Professoren kam, ein kritischer und bedenklicher Warner. Er ist der geborene Verteidiger der Schwäche und der geborene Streiter gegen die Macht.

Er ist das vielleicht weniger aus Gerechtigkeit als aus der Lust am Streite. Die führt ihn und verführt ihn. Er hat einen kriegerischen Zug, der die Reize der Fehde nicht entbehren will. Die Sache selber gilt gering, und es ist ihm nicht um den Sieg. Er liebt das Metier des Kampfes. Er lebt erst, wenn er streitet. Er fühlt sich erst, wenn er sich mit den Feinden messen darf. Er braucht den Taumel und Aufruhr von Widersprüchen. Er ist ein rechter Landsknecht im Geiste.

Es war in seinem Seminar oft sehr lustig. Die folgsamen Schüler, die des Meisters Lehre blind verehrten, mochte er nicht. Er hörte ungeduldig, wetzte auf dem Sessel, schnalzte mit der Zunge, und man sah, wie es ihn trieb, einen Widerspruch zu suchen. Aber an den Querköpfen, die sich auf ihre Schrullen versteiften und durchaus nicht bekehren wollten, hatte er seine Lust. Und wenn da ein Verschmitzter gar mit List die Lehre, die eben vorgetragen und verkündet war, mit Eifer pries und vor Begeisterung ein bischen karikierte, konnten wir es bisweilen erleben, daß der Meister das eigene Dogma gereizt verließ und mit den feindlichsten Beweisen gegen seine Thesen stritt.

Er gleicht ein bischen dem Clémenceau in der Hast der Gesten und der Beweglichkeit der Miene. Jede Geberde, jedes Wort hat Kanten und er wirft die Sätze wie Pfeile. Er tritt zur Rede wie zum Boxen an und lauert, wenn man etwas sagt, bis er die Blöße merkt. Er will einen reizen. Vieles ist nur Finte, damit man sich wende und die Sicherheit verliere.

Ich will ihm sagen, was mich heute zu ihm führt. Aber er schilt gleich heftig. »So!? Natürlich! Sie brauchen mich – da sieht man Sie wieder einmal. Sonst haben Sie sich die ganze Zeit nicht um mich gekümmert! Wie lange ist es her?«

»Sieben, acht Jahre …«

»Und inzwischen waren Sie doch wieder in Berlin – wie Sie die gräßlichen Stücke geschrieben haben, bei der Freien Bühne, oder wie das heißt. Schreiben Sie noch immer so gräßliche Stücke?«

»Ja. Unentwegt. Neulich erst wieder eins in Wien. Das war noch gräßlicher.«

»Das kann schön gewesen sein! Und glauben Sie denn damit wirklich Goethe und Schiller zu überwinden?«

»Nein, vorderhand noch nicht. Aber eigentlich wollte ich Sie weniger über den Naturalismus als über den Antisemitismus interviewen.«

»Was? Was wollen Sie?«

»Ganz sanft ein bisserl interviewen … über den …«

»Das ist gar die abscheulichste Mode, die wir jetzt den Amerikanern nachäffen …«

»Ich äffe sie nicht den Amerikanern, sondern den Franzosen nach.«

»Das ist noch ärger! Ja – das hat man mir auch erzählt, daß Sie jetzt für die Franzosen schwärmen!«

»Sie sind mir lieber als die Preußen.«

»Und warum denn? Dieses Volk von Schwätzern, Narren und Hanswursten, das nur von Phrasen lebt und keine ehrliche Arbeit vermag …! Wie kann man denn jetzt, nach den letzten Prozessen, bei dieser schauerlichen Verkommenheit …«

»Ah, von wegen dem bischen Korruption? Das haben Sie doch jetzt hier gerade so! Das deutsche Panama scheint …«

»Deutsches Panama! Das ist eine solche Übertreibung, von einem deutschen Panama zu sprechen – es giebt aber auch nicht die Spur, nicht den leisesten Schein für einen solchen Vergleich. Daran erkenne ich so recht Ihre Art!«

»Der Ausdruck ist doch nicht von mir. Der Ausdruck ist von Hertwig und Ahlwardt – von Ihrer Partei …«

»Erstens gehöre ich jetzt überhaupt zu keiner Partei – ich kümmere mich nicht mehr um Politik – ich habe es satt. Ich will jetzt nur noch meiner Wissenschaft leben. Ich wehre mich gegen jede Versuchung, wieder in den politischen Zank gezerrt zu werden. Ich habe neulich wieder einmal öffentlich gesprochen – für die Militärvorlage; aber das ist keine politische, sondern eine patriotische Sache. Und dann verwahre ich mich durchaus gegen jede Gemeinschaft mit Ahlwardt. Ich kenne diesen Menschen nicht weiter, aber soviel ich von ihm weiß, ist er einfach ein – aber ich werde mich hüten! Sie setzen das dann in die Zeitung, und ich habe den Ärger und Verdruß.«

»Halten Sie seine Dokumente …?«

»Dokumente! Wie kann man das Dokumente nennen! Alter Klatsch und Tratsch – eine Broschüre des Herrn Rudolf Mayer, der auch immer geschrieen und randaliert und nachher, wenn er vor Gericht kam, nichts bewiesen hat! Der Ahlwardt ist – aber man kann eben nicht plaudern, wenn einer dabei ist, der gleich alles in die Zeitung schreibt! Für welche Zeitung wollen Sie denn das machen?«

»Für die Deutsche Zeitung.«

»Die ist doch liberal! Da wird dann doch nur geschimpft auf mich! Und das geht dann durch die ganze Presse weiter, und jeder giebt noch seine Weisheit dazu, und ich ärgere mich krank. Mich ekelt vor der ganzen Politik. Ich will Ruhe. Und warum kommen Sie gerade zu mir? Gehen Sie zu den politischen Führern!«

»Sie sind doch einer.«

»Ich bin es nicht mehr.«

»Sie gelten immer noch als einer der Führer des Antisemitismus.«

»Das bin ich schon gar nicht. Das war ich eigentlich nie. Ich bin christlich-sozial. Aber den Antisemitismus, wie man ihn heute versteht, habe ich niemals vertreten. Ich halte den Antisemitismus, der die soziale Frage mit der Judenfrage verquickt, für falsch. Eine Lösung der Judenfrage würde die soziale Frage durchaus nicht lösen, und sie bliebe genau die nämliche, wenn wir überhaupt keine Juden hätten. Aber die Leute schimpfen auf den Juden und meinen den Kapitalisten. Das hat keinen Sinn. Daß man gegen die Auswüchse des Kapitalismus, gegen den unreellen Erwerb, gegen den Börsenschwindel durch Steuern und Reformen wirken soll – gewiß! Aber was hat das mit den Juden zu thun? Vielleicht, daß die kapitalistischen Schäden manchmal in der jüdischen Form noch peinlicher scheinen, das will ich gar nicht bestreiten. Aber das trifft doch den Kern der Frage nicht. Die soziale Frage bleibt mit oder ohne Juden unverändert die gleiche und verlangt eine Lösung für sich, die vielleicht auch diesen oder jenen Juden treffen wird, geradeso wie sie die kapitalistischen Christen trifft, aber mit dem Judentum an sich nichts zu schaffen hat. Das habe ich immer gepredigt.«

»Warum nennt man Sie dann einen Antisemiten?«

»Weil die Juden sich immer mit dem Kapitalismus identifizieren! Wie man gegen das Kapital etwas sagt, thun sie, als hätte man ihre Religion beleidigt. Und in gewissem Sinne bin ich ja auch Antisemit. Ich mag das jüdische Wesen, die jüdischen Unarten nicht leiden, und ich glaube allerdings, daß es den deutschen Sitten Gefahr bringen kann. Schauen Sie sich einmal die Jüdinnen auf der Straße an, wie sie sich kleiden und benehmen! Das muß einen gewissen ästhetischen Antisemitismus erwecken – wir empfinden sie eben als eine fremde Rasse, die gegen unseren Geschmack und unsere Gewohnheiten ist. In diesem Sinne ist jeder Deutsche Antisemit, keiner, der aufrichtig ist, kann es leugnen. Aber freilich – Rat und Mittel dagegen weiß ich auch nicht. Das ist geradeso wie mit dem Sozialismus: In der Kritik haben die Sozialisten ja meistens recht, aber wenn man dann eine positive Hilfe von ihnen verlangt, da wissen sie auch nichts. Da hüllen sie sich in ein mystisches Schweigen und überlassen alles der Entwicklung, die es schon von alleine besorgen wird. Das heißt aber gar nichts. Ohne thätigen Eifer der Menschen giebt es keine Entwicklung, und eine Kritik, die nicht zugleich praktische Hilfe schafft, hat keinen Wert. Ganz ebenso mit den Juden. Ich gebe ja zu: die Juden sind zuwider und verletzen unseren Geschmack. Aber was weiter? Was soll geschehen? Was sollen wir thun? Totschlagen können wir sie nicht, aus dem Lande treiben auch nicht. Irgendwie müssen wir sie eben verdauen. Man könnte höchstens an gewisse Erschwerungen der Einwanderung aus dem Osten denken und derlei. Aber keinesfalls darf man glauben, wie die Antisemiten wähnen, daß damit etwa die soziale Frage gelöst oder auch nur irgendwie ihrer Lösung genähert wäre. Die soziale Frage ist ein Problem für sich, das mit den Juden nichts zu schaffen hat.«

*

11.
Prinz Heinrich zu Schoenaich-Carolath

Der Prinz war 18 Jahre als die Deutschen nach Frankreich zogen; da trat er, von der Liegnitzer Ritter-Akademie weg, in das Heer und diente den ganzen Krieg bei den Fünfzehner-Husaren. Doch zog es später seinen sanften grüblerischen Sinn zur Wissenschaft. Er wurde Student in Bonn. Seit 1877 ist er Landrat des Kreises Guben, seit 1881 Mitglied des Reichstages. Er gehörte erst zu den Freikonservativen, aber verließ die Partei, weil sein empfindliches Gewissen keinen Zwang ertrug. Gerade in diesen Tagen sahen viele Hoffnungen auf ihn, der durch seinen Versuch, den Antrag Huene mit dem Wunsche des verkürzten Dienstes zu verbinden, in letzter Stunde noch die militärische Vorlage und die Dauer der Session zu retten schien.

Er ist Herr der freien Standes- und Majoratsherrschaft Amtitz und der Herrschaft Starzeddel in der Niederlausitz, erbliches Mitglied des preußischen Herrenhauses und Rittmeister à la suite der Armee.

Ich treffe ihn im Parlament, und es ist nicht leicht, gleich einen ungestörten Winkel zu finden. In dem langen, schmalen Zimmer, wo an den grauen Wänden um die Reliefs von berühmten Patrioten ihre kräftigsten und besten Sprüche stehen, während man sich draußen im Saale Verleumder, Schuft und Feigling ruft, drängen sich plaudernde, ratende, streitende Gruppen. Nebenan wird an weißen Gedecken breit und behaglich getafelt. Wir müssen oben suchen. Da liegt auf einem schwarzen Sofa ein fetter Herr und raucht einen ungeheuren »Pfosten«; es ist, wie man von der Thür nur die straffe Kugel des enormen Bauches sieht, hinter der es düster dampft, ein phantastisch cynisches Bild, mit dem Geschmacke der rauhen Karrikaturen von Forain. Daneben wird gelesen und geschrieben. So irren wir zwischen den lungernden Dienern, und erst im letzten Stocke ist ein leeres, weites, stilles Gemach; leise klingelt es aus der Leipziger Straße herauf.

Er scheint, wenn man ihn so vor sich mit den kurzen, raschen, harten Tritten schreiten sieht, sehr jugendlich in der knappen und geschmeidigen Haltung, und hat die braune, freie, fröhliche Miene eines Reiters; nur die melancholische Milde der scheuen und langsamen Blicke, die grauen Haare altern ihn ein wenig. Er ist sehr höflich und fast wie eine Frau um den Gast besorgt, mit einem leichten Schimmer von jener gütigen Verlegenheit der Großen, die nur ja um jeden Preis den Schein von Dünkel meiden; vor lauter Eifer, dem anderen die Befangenheit zu nehmen, werden sie selber befangen. Er braucht eine Weile, bis die zaudernden Worte fließen; er hält oft, sinnt und wählt lange. Seine Rede ist gelassen und sanft, aber eine edle Heiterkeit glänzt aus ihr, jene stille Freude des Johannes Rosmer, welche »die Sinne adelt«. Die straffe preußische Strammheit, eine weltläufige leichte Anmut der guten Gesellschaft und die ruhige Schönheit im Handeln, welche der Friede einer klaren Seele giebt, sind an ihm verbunden. Der Zauber, den gute Menschen üben, giebt mit den erlesenen Formen der vornehmen Erziehung einen köstlichen Verein.

Im Reden schwillt sein Eifer. Es ist schön, wie er erwärmt und gegen das Schlechte sich entrüstet. Kühn und unbeugsam erheben sich dann die Worte.

»Ich bedauere es tief, daß der Antisemitismus Fragen erweckt und wieder zur Erörterung bringt, die doch für jeden Gebildeten längst erledigt schienen. Söhne des gleichen Vaterlandes sollen sich nicht befehden, und in ihren Rechten wie in ihren Pflichten soll und darf kein Unterschied sein. Wir verlangen von den Juden die gleiche Liebe zur Monarchie, die gleiche Hingabe an das Wohl des Staates, die gleiche Tapferkeit und Opferfreudigkeit in den Tagen der Not und Bedrängnis – so dürfen wir ihnen auch die gleichen Rechte nicht verkümmern. Darum werde ich jedem Versuche, die Juden gesetzlich zu beschränken, immer entgegentreten und die antisemitische Bewegung bekämpfen, als eine hohe Gefahr für unsere ganze Kultur, da sie uns in das Zeitalter der Intoleranz zurückzuwerfen droht, welches durch die Bemühungen der edelsten und Besten, durch Lessing und Goethe, durch Kaiser Josef II. und Friedrich den Großen überwunden schien. Sie verträgt sich nicht mit dem Begriffe des modernen Staates, der auf Toleranz und Duldung, auf gleiche Rechte und gleiche Pflichten Aller begründet ist, und ich beklage es lebhaft, daß durch diese Bewegung auch wiederum die politische Intoleranz geschürt wird, an der wir leiden. Unser Mangel an Objektivität ist erstaunlich. Dem Gegner läßt keiner Gerechtigkeit widerfahren und eine fremde Anschauung will niemand dulden, will niemand für berechtigt anerkennen. Wir sollten uns England auch hierin zum Muster nehmen, wo die Politiker der verschiedensten Parteien freundschaftlich miteinander verkehren und wo beispielsweise Gladstone, obwohl seine irischen Absichten der Mehrheit vollständig unsympathisch und ärgerlich sind, bei allen Parteien eine rückhaltlose Anerkennung seiner Talente und Verdienste und den regsten Anteil an seinem persönlichen Wohlergehen erfährt. Danach sollen wir trachten und uns gewöhnen, auch an dem Gegner von dem uns die Gegensätze der Parteien und Fraktionen trennen, doch immer die eigene Überzeugung zu achten und den guten Willen, auf seine Weise dem Vaterlande zu dienen. Ich bemühe mich aufrichtig, jeder Anschauung gerecht zu werden. Aber auch ich weiß ein Lied von der politischen Feindschaft der Gegner zu singen, welche sich nach deutscher Gepflogenheit, Gott sei's geklagt, in der Regel auch auf das private Leben erstreckt. Doch kann und darf das niemanden beirren, der nach ehrlicher Überzeugung ohne Nebenabsichten und ohne irgendwelche Aspirationen seinen Weg geht und keine andere Absicht hat, als nach seiner besten Ueberzeugung seine Pflicht zu thun. Also ich bedauere und beklage die antisemitische Bewegung, und ich hoffe zuversichtlich, daß die jetzt so hochgehenden Wogen sich mit der Zeit wieder legen und einer gerechteren billigeren und humaneren Auffassung Platz machen werden. Ich habe mich oft bei meinen vielfachen Reisen im Auslande und im Verkehr mit fremden Staatsmännern, Politikern und Privaten ernstlich gefragt, wie denn gerade bei uns diese Bewegung zu einer solchen Bedeutung kommen und so weite Kreise erfassen konnte. Und da scheint es mir, daß in England und auch wohl in anderen Ländern sich die manchmal nicht liebenswürdigen und sympathischen Eigentümlichkeiten der jüdischen Rasse schneller als bei uns verwischten. Wir sehen in anderen Ländern auch die Anhänger des mosaischen Glaubens vollkommen in der Gesellschaft und im Staatswesen aufgehen, die ihnen ja allerdings auch die volle Gleichberechtigung eingeräumt haben. Sie betrachten sich dort als Teile des Ganzen, als zum Ganzen gehörig und mit dem Ganzen unlöslich verbunden. Das scheint mir in Deutschland leider nicht immer der Fall, vielleicht weil die Zeit noch zu kurz ist, seit man den Juden Gleichberechtigung gewährt hat. Vielleicht ist das allein der Grund, daß sie sich hier noch nicht wie anderwärts assimiliert haben, und nun tritt durch den Antisemitismus erst recht eine neue Beunruhigung, eine Verschärfung der Gegensätze und die Gefahr einer weiteren Entfremdung ein. Im Interesse des Staatswesens muß gefordert werden, daß die Juden genau in der gleichen Weise und genau mit der gleichen Wärme wie die Christen für das öffentliche Wohl eintreten und in keinem Punkte sich irgendwie als Fremde fühlen. Aber dazu ist eben ihre vollkommene Gleichberechtigung eine notwendige, unvermeidliche Vorbedingung. Ich hoffe, daß, wenn diese vollkommen erreicht und durchgeführt sein wird, manche Eigentümlichkeiten der Juden verschwinden werden, die bei uns vielfach begründete Veranlassung zu Ausstellungen geben. Je mehr sich der jüdische Stamm mit dem deutschen assimiliert, desto eher wird er jene Eigentümlichkeiten verlieren, die bisweilen unser Gefühl verletzen. Vollkommene Gleichberechtigung ist dagegen, wie gesagt, meines Erachtens die einzige wirksame Hilfe, während jede Ausnahmestellung im Staat wie in der Gesellschaft die Kluft erweitert. Dies thut der Antisemitismus, und deshalb halte ich denselben im Staatsinteresse wie vom humanistischen Standpunkte aus für verwerflich. Und nun noch eins: die wunderlichste Erscheinung des Antisemitismus ist es mir, daß so vielfach Allianzen wohlhabender Jüdinnen mit Personen aus angesehenen Familien stattfinden, die in ihren Reihen oder unter ihren Verwandten so manchen Antisemiten aufzuweisen haben, ja, die selbst oftmals Antisemiten sind! Das scheint mir doch ganz seltsam. Und ich meine, man sollte hier die Folgen seiner Handlungen ziehen – jeder auf seine Weise. Wie viel ließe sich hierüber noch sagen …!«

*

12.
Heinrich Richert

Der bisherige Abgeordnete von Danzig ist jetzt gerade sechzig Jahre. Er war erst unbesoldeter Stadtrat, wurde dann in Königsberg zum Landesdirektor der Provinz Preußen gewählt, aber verzichtete, als man die Provinz später teilte. Er gehört seit 1870 dem preußischen Abgeordnetenhause, seit 1874 dem Reichstage an und lebt sonst zwischen Danzig und Karlikau-Zoppot.

Er ist ein beweglicher und rascher Politiker, immer zur Stelle, immer bereit, unermüdlich. Wenige sprechen öfter. Es sind nicht jene großen, geprüften, philosophischen Reden, wie Benningsen vor der Entscheidung gerne noch einmal mit allen Regungen des Volkes rechnet und ein letztes Gericht aller Begierden im Lande hält; sondern er ist ein flinker Redner vom Tage, für den Tag, ein schlagfertiger Journalist der Tribüne. Wenn es gilt, scheut er auch das kräftigste Wort nicht, aber er bedauert den Haß der Parteien und möchte gern vermitteln, daß jeder doch die Überzeugung des andern achte. Mit vielen Gegnern ist er befreundet, und die weite, behagliche Wohnung im hellen Tiergarten draußen sieht gar oft bei erprobten Weinen Konservative und Demokraten verträglich sich gesellen.

Seine Gruppe, der »Rickertsche Flügel«, hat den Ruf, gegen die Herrschaft des Richter zu frondieren, die nicht gerade die angenehmsten Formen haben soll. Sie lassen ihm alle Gerechtigkeit; nur meinen sie, daß es nicht immer genügt, jeden Posten des Budgets zu kennen. Sie sind nationaler und sind doch auch wieder den Sozialisten näher, die sie als verläßliche Hüter der Freiheit schätzen und nicht mit solcher Wut bestreiten wollen.

Er hat einen langen und wuchtigen Schädel und die rote Miene glüht. Ein breiter, zerfaserter Bart hängt ihm von den hängenden Wangen und die kleinen, schlauen, regsamen Augen blinzeln mit List und munter, so daß man ihn wohl, nur verbietet es der parlamentarische Respekt, einen vergnügten Silen nennen dürfte. Man mag an einen richtigen Achtundvierziger mit aller demokratischen Behäbigkeit und Würde und mag zugleich an jene gemütlichen Lebemänner der Böcklinschen Wässer denken, die gerne neben Nereiden plätschern.

Ich trage ihm meine Bitte vor.

»Meine Stellung zur Judenfrage ist ja bekannt. Ich bin doch der Führer der »Judenschutztruppe« – mit 12 000 Mark Gehalt hat Herr Ahlwardt heute verkündet! Ah, welche Verleumdungen, welche Gemeinheit, welcher Schmutz! Es ist kein Wunder, wenn einem endlich die Geduld reißt und man selber auch Dinge sagt, die – Na, ich denke lieber gar nicht mehr daran … Worte können gegen den Antisemitismus nicht helfen. Wir brauchen Arbeit. Und das muß man uns lassen: gearbeitet wird von uns redlich – mehr als bei Ihnen. Sehen Sie nur unsere Ausweise an! Ich denke oft: wir könnten einander vielleicht auf manche Weise fördern. Aber es fehlt uns ja leider überhaupt jede Verbindung mit Ihnen, mit Ihren Leuten. Der österreichische Liberalismus – das ist uns etwas so fremdes, so fernes, wir haben gar keine Fühlung – wir hören und sehen und wissen nichts von ihm …«

»Trösten Sie sich; wir auch nicht …«

»Mir geht das längst im Kopf herum, und ich wollte immer schon einmal darüber reden und fragen. Sie sehen: Ich kehre den Spieß um – ich interviewe Sie.«

»Über den Liberalismus?«

»Über den Liberalismus in Österreich.«

»Ich fürchte, da werden Sie kein Glück haben …«

»Warum, wollen Sie nicht?«

»Ich will schon, aber ich weiß nicht, ob ich es kann. Mit unseren Liberalen ist das so eine Sache – wie es in dem alten Liede heißt: Es sind ihrer, es giebt ihrer, aber man find't ihrer halt nicht. Sie melden sich nur bei den Wahlen – da hat man das Vergnügen. Sonst bleiben sie das ganze Jahr verschwunden und ich wüßte wirklich nicht … Sie müßten rein einmal nach Lussinpiccolo – da, wenn Sie Glück haben, kann es gelingen, daß Sie einen erwischen … Wie wollen Sie Beziehungen zu einer Partei, die zu sich selber keine hat?«

»Aber Sie müssen doch gestehen, es ist wunderlich, daß wir zum Beispiel mit den englischen Liberalen viel bessere Verbindungen haben als mit Ihnen, auf die uns die gemeinsame Vergangenheit und so viele gemeinsame Interessen weisen. Und wieviel könnten wir einander nicht helfen und nützen, wenn wir unsere Erfahrungen und Pläne tauschen würden. Sehen Sie doch nur einmal unsere Gegner an! Die Bewegung gegen den Liberalismus ist international. Bald kommen unsere Antisemiten zu Ihnen, bald spricht einer von Ihren Antisemiten bei uns – es ist ein unermüdliches hin und her; was hier gewirkt hat, wird dort empfohlen, und Gefahren, die man dort erkannte, werden hier vermieden. Warum halten wir uns geschieden und getrennt, während die Gegner sich verbünden? Aber alle Versuche, unsere und Ihre Liberalen zu nähern, sind noch immer vergeblich gewesen.«

»Mir gefällt Ihre Idee vortrefflich – schon weil unsere Leute wirklich einen Stoß von außen brauchen, um sich wieder einmal zu rühren. Es ist bei uns Sitte, alles unter vier, sechs Augen zu erledigen, und die liberale Politik ist eine umständliche Mystik geworden, wo einer viele, viele Jahre dienen muß, bis er in den letzten Grad der »Wissenden« genommen wird. Wenn da nun ab und zu einer von Ihnen käme und mit uns armen Teufeln so menschlich verkehrte, das gäbe uns doch ein bischen Mut vor den liberalen Päpsten. Ich weiß nur noch nicht recht, in welcher Form Sie es sich denken.«

»Ich denke zunächst an gar keine Form, die nur Zwang üben würde, ohne zu nützen. Ich meine bloß: So und so viele kommen jährlich so und so oft von uns zu Ihnen, und so und so viele von Ihnen zu uns – die müßten die Brücke zur persönlichen und sachlichen Verständigung schlagen. Das andere giebt sich von selbst. Es gilt nur eine Gelegenheit zu schaffen, daß wir von Ihnen und Sie von uns ein bischen mehr erfahren, daß ein Tausch unserer Meinungen, Erfahrungen und Pläne geschieht, daß ein stiller, aber verläßlicher Bund geschlossen und mit Geduld gepflegt wird, der, denke ich, beide erfreulich fördern müßte.«

»Wie wäre es, wenn Sie nächstens einmal nach Wien kommen und öffentlich sprechen würden? …«

»Nein, ich nicht … an mich denke ich bei der ganzen Sache gar nicht …«

»Also ein anderer Ihrer Partei … das wäre ja schließlich gleich. Aber er müßte öffentlich sprechen …« irgend ein Thema, die »Aufgaben des Liberalismus« zum Beispiel. Das könnte eine Sensation für Wien werden. Erstens ist eine große Versammlung der Liberalen dort an sich schon ein Wunder. Zweitens würde durch den Fremden der Liberalismus wieder einmal über das Maß von Prag und Eger gehoben, auf das man seinen internationalen Wert jetzt bei uns durchaus reduzieren will.«

»Das ließe sich machen. Regen Sie die Sache nur einmal an! Das Wichtigste bleibt, daß wir die parlamentarischen Bundesbrüder hier und dort einander nähern und miteinander verständigen – davon verspreche ich mir die besten Folgen … und nicht zum wenigsten auch für den Kampf gegen die antisemitische Gesellschaft.«

*

13.
John Henry Mackay

Es war damals, als ich die ganz wilden Sachen schrieb, gegen den Zwang und jede Herrschaft entrüstet und eine gleiche Freiheit aller Menschen hoffend. Da näherten wir uns, weil in beiden die nämliche Leidenschaft, eine ungestüme Sehnsucht nach einem froheren und edleren Leben brauste, und tauschten Briefe, wo wir die anderen tadelten, uns lobten und feierlich unsere Kräfte in den Dienst der Menschheit schworen. Wir hatten es sehr eilig, alle Ordnungen zu brechen und eine bessere Welt zu schaffen.

Er lebte in Zürich. Ich war in Paris. Ich brauche nicht zu erzählen, wie ich mich dort betrug. Es ist in einem lieben alten Buche verzeichnet: man kennt das »Zigeunerleben« des Murger und Musette, Phenice und Mimi sind unvergeßlich. Man mag da lesen, welcher Ton, welche Sitten, welche Abenteuer in dem Café »Momus« sich begaben, wo sogar der Kellner durch die Gespräche dieser Philosophen, dieser Künstler in der Blüte seiner Jahre schon verblödet war. Das giebt ein deutliches, genaues Bild, wie ich lebte, und dazwischen wurden, besonders wenn gar kein Geld mehr im Hause war, jene ganz wilden Sachen geschrieben.

Es war eben auf dem Marsfelde die große Ausstellung eröffnet, wir saßen sehr vergnügt in unserem Hotel, Maler, Dichter, lauter bedeutende Leute, einer dekadenter als der andere, und die entsprechende Weiblichkeit – da wird mir plötzlich eine Karte gebracht. Ein Fremder wünscht mich zu sprechen. Ich lese: John Henry Mackay, und kriege einen enormen Schreck vor dem düsteren Apostel der Freiheit, der mir doch meine wenig pessimistische Lage sehr verargen muß. Aber er weiß nun schon einmal, daß ich hier bin, und es hilft nichts mehr.

Er kommt. Er sieht menschlicher aus, als ich mir den Fanatiker dachte. Er hat freilich schwere, dumpfe Wolken auf der mächtigen Stirne. Aber wie er die vielen Flaschen und die Weiblichkeit gewahrt, wird er sichtlich heiter und erleichtert. Gleich kommt der alte Ton zurück, den er nicht stört. In zehn Minuten sind wir die besten Freunde. In einer Stunde trinken wir Bruderschaft. Und diese Nacht und die nächste trennten wir uns nicht wieder und müssen wohl wichtiges besprochen haben.

Wir sind gute Freunde geblieben, obwohl unsere Entwicklungen uns schieden. Er hat seinen wilden Drang zur Freiheit mit Fleiß gezüchtet und in ein System gebracht, bis aus dem philosophischen Sänger der starre Dogmatiker des Anarchismus wurde, der größte vielleicht, gewiß der ehrlichste, den Europa heute hat. Ich bin ruhiger, skeptischer geworden und kümmere mich jetzt mehr um mich selbst, schöne Dinge in mir zu erziehen, zu reifen und zu entfalten, als um die anderen, welche sich selber auf den rechten Weg helfen mögen, den doch jeder aus sich allein finden muß. So sind wir auseinander. Aber die leisen Fäden lieber Erinnerung verbinden uns immer.

Er ist jetzt berühmt. Den Dichter der »Helene«, des »Sturm« und des »Starken Jahres« hörten Wenige. Aber die »Anarchisten«, die über die ganze Erde verbreitet, von Louis de Hessem ins Französische, von Georg Schümm ins Englische übertragen wurden und jetzt in einer billigen Ausgabe für das Volk erscheinen, kennen alle. Man hat sie mit Wut getadelt und begeistert gerühmt. Nur verstanden, so eigentlich im Sinne des Dichters verstanden hat sie niemand.

Er ist dick und beträgt sich mager. Die ungestüme und nervöse Hast der fahrigen, rapiden Gesten, der jähen, gesprudelten Rede, will mit dem breiten, gemächlichen Leibe, mit den feisten Wangen, die glänzen, nicht stimmen. Er hat kurze Beine und neigt den schweren Rumpf ein wenig vor, daß er immer wie von hinten umgeblasen gleich auf einen zu fallen scheint. Die Worte gehorchen ihm nicht schnell genug. Er denkt, während er einen Satz spricht, schon den nächsten, und verwickelt sich und kommt ins Stottern; er stottert auch mit den Händen und Füßen.

Er lacht herzlich, wie ich ihn über den Antisemitismus frage. Seine vollen, dicken Wangen wackeln. Es scheint ihm unerlaubt dumm und jämmerlich, daß Menschen über solche Dinge streiten. »Sag' du den Antisemiten, daß sie schlechte Nationalökonomen und überhaupt Esel sind. Das ist meine Meinung. Sonst wüßte ich in dieser Frage nichts zu bemerken.«

»Jetzt weißt du – gar so bequem darfst du dir die Sache doch nicht machen. Der Antisemitismus ist immerhin …«

»Aber liebes Kind, du kannst unmöglich verlangen, daß ein ernster Mensch den Antisemitismus ernst nimmt. Wer heute noch um Konfessionen oder Rassen streitet, statt sich als Mensch zum Menschen zu stellen, ist von selber gerichtet. Es giebt heute eine einzige Frage bloß, die jede andere verdrängt und alles entscheidet: Freiheit oder Zwang. Es giebt sonst keine Wahl. Wer die Freiheit will, der muß, wenn er nur redlich und ohne Furcht ihren Gedanken verfolgt, sich zu meinem Anarchismus bekennen, der Lärm verschmäht und nur die friedliche Versöhnung aller Menschen will.«

»Du bist eben ein unverbesserlicher Utopist.«

»Und du kannst eben nicht logisch denken oder vielleicht willst du es nicht …«

»Die Logik sollst du lieber lassen – sie könnte dir gefährlich werden. Dein ganzer Anarchismus kann von den Prämissen nur durch einen logischen Sprung zu seinem Schlüsse kommen.«

»Das beweise –!«

»Leicht! Du beginnst von der Freiheit. Ich auch. Ich will die größte Freiheit. Aber sie bleibt mir, so lange neben mir auch noch ein zweiter frei ist, doch immer verkümmert, weil mein Wille von dem seinen immer gehemmt und gezwungen wird. Um absolut frei zu werden, müßte ich erst ein absoluter Herrscher sein. So komme ich zu Nietzsche und Barrès, nicht zu dir.«

»Absolut frei könnte nur sein, wer allein wäre.«

»Na also, wenn du das selber erkennst – aber dann ist es mit deiner Theorie ja schon aus. Wenn ich nicht absolut, sondern nur relativ frei sein kann, dann kommt's mir auf ein bischen mehr oder weniger schon auch nicht mehr an.«

»Du vergißt nur, daß, je höher die Freiheit des einzelnen ist, desto höher die Freiheit des anderen wird.«

»Ja, wenn das zu beweisen und nicht bloß eine leere Behauptung von euch wäre!«

»Du denkst eben immer an deinen Zustand der Freiheit allein, statt an einen allgemeinen zu denken.«

»Was geht mich die Allgemeinheit an? Wenn ich schon ändern und bessern soll, dann will ich es radikal. Aber ihr seid wunderlich. Königtum und Priesterschaft und Polizei soll weg, weil sie euch stört; aber der nächste Philister neben mir, irgend ein kunstblinder Idiot, der mich viel mehr stört, darf bleiben. Wie komme ich von der Forderung meiner Freiheit zur allgemeinen Freiheit, die ihr fordert? Da ist der Sprung. Da wird dann immer die Liebe der Menschen angerufen – wenn ich aber schon liebe, dann brauche ich erst euere Revolution nicht und füge mich in jede Knechtschaft.«

»Es geschieht nicht aus Liebe, daß ich die allgemeine Freiheit will, sondern weil dadurch meine eigene Freiheit gefördert und gesichert wird. Ich lasse die anderen in Ruhe, um selbst in Ruhe gelassen zu werden. Natürlich muß ich auch dann noch auf manche Wünsche verzichten. Natürlich wird auch dann noch Gewalt bestehen – keine aggressive mehr, aber defensive immer. Der Zustand der Anarchie ist eben auch kein fleckenloses Ideal, sondern nur die relativ beste Ordnung der Gesellschaft. Er kann mir die Freiheit nicht geben, alles zu thun, was ich will. Aber er giebt mir die Freiheit, nichts zu thun, was ich nicht will. Ich werde nicht gezwungen, und ich darf nicht zwingen …«

»Außer zum Anarchismus –«

»Ich denke nicht daran. Ich verwerfe jede Gewalt: es gilt, die Gewalt unmöglich zu machen; das geschieht nicht, indem man ihr mit Gewalt begegnet – der Teufel läßt sich nicht durch Belzebub austreiben. Der passive Widerstand gegen die agressive Gewalt ist das einzige Mittel, sie zu brechen. Ich will von Dynamit und Bomben nichts wissen. Ich warte geduldig, in der unerschütterlichen Überzeugung, daß die Freiheit das Ziel der natürlichen Entwicklung ist. Es giebt keinen anderen Weg zu ihr, als den der ruhigen, unermüdlichen und sicheren Aufklärung und den des selbstgegebenen Beispiels, bis jeder den allgemeinen Vorteil versteht und keiner mehr ein Sklave seiner Sklaven sein will.«

»Nicht alle Anarchisten sind so friedlich –«

»Was man in Deutschland Anarchisten nennt, sind Dynamitarden oder Kommunisten – unsere ärgsten Feinde.«

»Aber wo willst du denn überhaupt Anhänger finden?«

»In Paris wächst die Bewegung der Autonomie individuelle, und in Amerika ist eine kleine, aber stetig und sicher wirkende Schar ausgezeichneter Männer seit Jahren an der Arbeit – Tooker in Boston, dem die Liberty gehört, führt sie. Europa habe ich mich überhaupt gewöhnt, als ein absterbendes Land zu betrachten … und gar Deutschland, du lieber Gott! Die Deutschen sind immer die letzten in der Kultur, aber bei jeder Universaldummheit der Menschen sind sie dafür die ersten – siehe Antisemitismus. Ich habe es aufgegeben, hier Vernünftige zu suchen.«

*

14.
Wilhelm Foerster

Man rühmt den Geheimen Regierungsrat Foerster, den Direktor der Berliner Sternwarte, als einen der größten Astronomen und rühmt seine »Studien zur Astrometrie«. Mich interessiert er als der Führer der »Ethischen Gesellschaft« in Berlin, die täglich neue Jünger und Bekenner gewinnt. Es wäre hier zu wiederholen, was ich neulich bei Egidy erzählte.

Er hat mir dieses Bekenntnis geschickt:

»Die antisemitischen Hetzereien und Übertreibungen sündigen hauptsächlich durch die Unterschiedslosigkeit, mit welcher sie den Unschuldigen zugleich mit dem Schuldigen beschimpfen und bedrücken.

Heilung von dieser Erkrankung des Urteils der Menge ist aber nicht in verdammenden Worten zu suchen, sondern in einer Gesundung der immer unerträglicher gewordenen Zustände des Erwerbslebens und der Geldwirtschaft. Für diese Zustände sind die Juden keineswegs allein verantwortlich, aber in den germanischen und slavischen Ländern haben sie einen sehr erheblichen Anteil an den dadurch entstehenden Nöten und Leiden.

Der Willens- und Geisteskraft der vielen edeldenkenden Juden liegt daher in erster Stelle die Verpflichtung ob, an der vernünftigen Umgestaltung unserer wirtschaftlichen Zustände kräftig mitzuarbeiten.

Es ist erfreulich, zu sehen, wie viele dies begriffen haben und mit Hingebung am Werke sind.

Berlin, 9. Mai 1893.
W. Foerster.«

*

15.
Alfred Naquet

Ich habe die französische Reihe meiner Interviews mit Alfred Naquet begonnen, weil ich vor allem mich selber, um die anderen dann desto wissentlicher, geschickter zu erforschen, rasch über den Stand der Frage in Frankreich unterrichten wollte, wie sie auf jeder Seite erscheint, für die Freunde und für die Gegner. Das konnte deutlicher, gründlicher und gerechter keiner, als der kleine Jude und große Führer der Boulangisten, welche vor allen anderen Parteien die antisemitischen Schlager in die Menge trieben. Er durfte mir nicht mit den Phrasen der guten Liberalen kommen, welche die Bewegung, die ihnen nicht paßt, einfach leugnen möchten, und durfte doch auch, ohne heikle Fragen von mir zu gewärtigen, die Hetze nicht billigen, sondern er mußte mir ehrlich die Meinung des Volkes berichten, die herrscht. Ein bißchen war es wohl auch meine alte neugierige Neigung des Psychologen für den sehr bizarren Denker, der immer mit dem rabulistischesten Verstande die zartesten Sachen des Gefühles verteidigt hat. Und es regte sich schließlich das dramatische Gemüt, weil jeder Autor den Vater des »Divorce« mit Dank verehren muß, der dem Vaudeville so viele neue Wendungen und Formen erschlossen hat …

Er hat mich sehr zeitlich bestellt, weil er heute Paris verläßt, um eine Weile den Süden zu suchen. Schmucke Bonnen mit den weißen Häubchen gehen nach dem Markte. In den Läden wird gescheuert. Mädchen trotten trällernd heim, Nelken im Rosenmund und noch wie eine süße Erinnerung der Nacht, wie einen letzten Kuß um die müden Lippen. So wandere ich, über die Oper weg, gen Batignolles, wo die vielen Straßen der fremden Städte sind, die Rue de Berlin, de Londres, d'Amsterdam, d'Athènes.

Rue de Moscou, 44. Ganz oben im fünften Stocke des hageren schweigsamen Hauses. Ich werde in ein schmales, helles, stilles Gemach geführt: sein Bildnis von Alphonse Hirsch, welches die seltsame Mischung von Schmerz und Verstand in den gepeinigten Zügen zeigt, viele Bücher und schwere Lehnstühle, Polster, Chaiselonguen rings, die dem Zimmer eine leise Kränklichkeit geben, wie von einem, der für sich sinnen und einsam von Leiden ausruhen möchte.

Er ist klein, verwachsen und gebeugt. Die Härte des jähen und gewaltsamen Profiles, unter den glatten, weißen Haaren, hinter dem krausen weißen Barte, wird durch die Beweglichkeit der zuckenden Fältchen gemildert, welche der leiseste Wechsel von Gedanken immer gleich wieder verändert. Er spricht geläufig, klare, sichere, druckfertige Sätze.

»Die Frage hat für uns nicht die Bedeutung wie bei Ihnen. Aus zwei Gründen! einmal, weil die Zahl der Juden eine bei weitem geringere ist – im ganzen etwa nur 70 000; dann auch, weil man sie viel früher emancipiert hat – die portugiesischen, zu welchen ich gehöre, noch vor, die elsässischen und deutschen während der Revolution, also alle bereits vor hundert Jahren. So ist ihre Assimilierung natürlich heute schon viel weiter gediehen, als bei Ihnen wo doch die Emanzipation erst 1848 erfolgte. Dennoch bleibt auch bei uns immer noch ein atavistischer Haß im Gemüte des Volkes, den jetzt eine kluge und rücksichtslose Partei für ihre Zwecke zu nützen sucht – die Partei der Jesuiten. Ich meine damit keineswegs die katholische Partei überhaupt: denn man muß jetzt genau die Politik der Jesuiten von der des Papstes scheiden, der ja sehr aufgeklärt, gemäßigt und duldsam scheint, mit modernen Anschauungen. Aber die Jesuiten, die unversöhnlichen Feinde unserer revolutionären Entwicklung, hoffen, indem sie den Haß gegen die Juden schüren, sich der Menge wieder zu bemächtigen, über die sie anders nichts mehr vermögen. Wenn sie ehrlich mit ihren wahren Absichten und den alten Losungen von der Religion, dem bedrängten Glauben und dem Kreuze kämen, kein Mensch würde heute mehr auf sie hören. So verstecken sie ihre Wünsche und Pläne hinter Reden, welche der Masse gefälliger klingen, und rufen den Haß und Neid gegen die Juden auf. Aber Jude ist ihnen jeder, der nicht streitbarer Katholik (catholique militant) ist. Freidenker, Atheisten, Protestanten – alles, was ihnen nicht paßt, heißt Jude, und wenn sie es auch eine antisemitische nennen, es bleibt im Grunde doch immer eine klerikale Bewegung, was sie wollen. Das sind die Führer, zu denen sich dann noch ein paar ängstliche Kapitalisten gesellen, die vom Antisemitismus eine ihnen freilich sehr angenehme »diversion« des Sozialismus erwarten – sie möchten dem Proletariate das Maul mit dem jüdischen Gelde stopfen. Alle diese Versuche haben nun in den Provinzen gar kein Glück – man kennt die Juden dort als redliche, fleißige, betriebsame Leute, und anstößigen Reichtum giebt es dort nicht. Nur in Paris, wo eine gewisse Zahl von jüdischen Spekulanten rasch und nicht immer wählerisch große Vermögen erworben hat, konnten sie einigen Anhang gewinnen, der aber auch ohne Macht, ohne jeden Erfolg geblieben ist. Sie haben noch nicht einen einzigen Kandidaten durchgebracht – man darf sich durch den Lärm der Schreier von der Libre Parole nicht täuschen lassen. Es sind ein paar Leute, welche die antisemitische Hetze amüsiert – von einer ernstlichen Partei ist nicht die Rede.«

»Sie glauben also an keine Zukunft des Antisemitismus in Frankreich?«

»Nein … übrigens auch sonst nicht und auch dort nicht, wo der Antisemitismus mit seinen Behauptungen vielleicht recht hat. Ich will gerne glauben, daß die Juden in Rumänien oder Rußland eine jämmerliche und gemeine Rasse sind, wie man das oft hört, und ich kann mich selber aus meiner Kindheit – ich bin jetzt achtundfünfzig Jahre vorbei – noch alter Juden aus der Zeit vor der Emanzipation entsinnen, die ganz wunderlich und fremdartig waren. Aber ist das nicht vielmehr nur das beste Argument für die Emanzipation? Was anders macht sie denn elend und jämmerlich, als eben die Knechtschaft, in der man sie geflissentlich hält? Jede Rasse, die man beharrlich verachtet, wird endlich verächtlich, und es giebt ein einziges Mittel, sie zu bessern – wenn man ihr die volle Freiheit und die volle Ehre giebt …«

»Nun nur noch eine Frage: die Boulangisten, zu denen Sie gehören oder wenigstens gehörten, gelten doch für Antisemiten?«

»Der Boulangismus ist zuerst, im Jahre 1888, eine ausschließlich politische Partei gewesen, in der es sich um die Revision, um allerhand Fragen der Verfassung, nicht mit einer Silbe um den Antisemitismus handelte, der eben schüchtern begann. Erst vor den Wahlen 1889 versuchten Drumont und seine Leute die Partei für den Antisemitismus zu gewinnen, den sie als ein sehr wirksames und handliches Mittel für die Agitation empfahlen, und damals hielt Laur in der That eine antisemitische Conférence. Das waren die Anfänge eines antisemitischen Zuges in der Partei, gegen den ich sofort und gegen den auch der General entschieden protestierte, der vom Antisemitismus nichts wissen wollte und alle Antisemiten von der Liste setzte. So ist, so lange er lebte, die boulangistische Partei niemals antisemitisch gewesen und wäre es mit seinem Willen niemals geworden. Nach seinem Tode freilich und nach der Auflösung des Comités wuchs die Neigung zur Libre Parole, nicht etwa aus Überzeugung von ihrer Doktrin, sondern weil ihnen jedes Mittel recht war, die Leidenschaften des Volkes zu reizen, den Aufruhr zu verkünden und den Umsturz zu fördern … weshalb ja ebenso ein Teil der Sozialisten mit den Antisemiten hält. Sie denken: mag das immerhin ein Unternehmen der Jesuiten sein – mit denen werden wir nachher schon fertig. Ganz wie die Jesuiten denken: mögen das immerhin Revolutionäre sein – nachher werden wir mit ihnen schon fertig … Ja, es ist eine drollige und bizarre Mischung, diese antisemitische Partei!

*

16.
Jules Simon

Dem breiten, feierlichen Tempel der Madeleine gegenüber, wo der große Markt von Blumen ist, ein tiefes, schweres, schwärmerisches Duften aus gelben Rosen, braunem Flieder und den blutigen Nelken. Das lange, hagere Haus, das sich schüchtern da vom Platze in den Winkel drückt, ist sehr akademisch; im zweiten Stocke wohnt der runde, heitere Meilhac, der Vater der »Großherzogin von Gerolstein« und der »Schönen Helena«, der so nebenbei auch »Margot« schrieb, die zierlichste Komödie des eleganten Lebens; im vierten wohnt der ehrwürdige Jules Simon. Es ist nun schon über vierzig Jahre, daß er hier haust, ganz oben, unter dem Dache, in einem bunten, köstlichen Gedränge von Büchern, Schriften und Papieren, bis an die Decke, daß kaum einmal ein winziges Fleckchen für einen blassen Stich, für schlanke Bronzen und die Bilder alter Freunde bleibt.

Er liegt in einem breiten, bequemen Stuhl, den mächtigen, kahlen, gelben Schädel zurück, die schweren, dicken Lider zu, wie einer, der leise halb im Schlafe vor sich träumelt, und mit einem milden Lächeln der Versöhnung um den schmerzlichen und herben Mund. Durch die englische Tracht der breiten, massigen, gepflegten Miene möchte er ein bischen an Gneist erinnern, dem auch seine Weise von Pensionisten und kleinem Rentier gleicht. Aber der scharfe Schnabel der kräftigen Nase und die schlauen Äuglein geben ihm was spöttisches, sarkastisches, satirisches, das der steifen Würde des deutschen Pedanten fehlt. In seiner Rede ist eine wunderliche Mischung von Herzlichkeit, die alles entschuldigen und zum Guten deuten will, von stillem Spotte, der den Jammer des Menschlichen sich nicht verhehlt, und von einer traurigen Geduld, die vielen Hoffnungen entsagt hat; und er zirpt mit einer dünnen, heimlichen, mädchenhaften Stimme, die in schrillen Tönen beginnt, aber ohne Atem sinkt und dunkel verlischt. Alles an ihm ist Milde und Güte, und er scheint wie in den sanften Geist seines Lebens verhüllt, der immer Ordnung, Friede und Mäßigung war. Ernest Daudet hat ihn einmal in einem einzigen Satze ausgedrückt: Ce fut surtout et avant tout un libéral et un modéré. So ist schon der junge und beredte Lehrer an der Ecole Normale und der Sorbonne gewesen; so hat er in der Constituante von 1849 gestanden; so kämpfte er gegen den stürmischen Ultramontanismus des Montalembert; so verweigerte er der Regierung des coup d'état den Eid; so stritt er als Minister der nationalen Verteidigung, vom Falle des Kaisers bis zum Falle des Thiers, gegen die Kommunisten; so ist er vor der rohen Leidenschaft des Mac Mahon mit Würde gewichen – tapfer, gerecht, besonnen, frei und gezügelt.

Er empfängt mich mit gütigen und lieben Worten, Wien und die Wiener rühmend; er ist Vorjahren bei uns gewesen und erinnert sich dankbar der gastlichen Stadt.

Ich stelle meine Bitte, mich über den Antisemitismus in Frankreich zu unterrichten.

»Mein Gott, die Antisemiten! Das ist eine sehr trübe und verworrene Partei aus vielen unverträglichen Elementen. Ganz wie früher der Boulangismus, der auch von allen möglichen Parteien gefördert wurde – und neben Rochefort stand die Fürstin d'Uzès! So haben wir jetzt im Antisemitismus neben dem gläubigen Drumont den alten Atheisten Cluseret. Reaktionäre und Revolutionäre durcheinander. Alle Feinde der Republik beisammen. Da ist erstens die Kirche. Die hat ja sozusagen den Beruf, gegen die Juden zu sein, und die Katholiken sind die Antisemiten vor dem Antisemitismus, avant la lettre, bevor die billigen Abzüge für die Menge ausgegeben wurden, noch bevor es in eine populäre Formel gebracht wurde. Sie sind die Fürstin d'Uzès des Antisemitismus. Dann kommen die Sozialisten, welche sehr gesucht sind, weil man die Schwäche der religiösen Argumente fühlt, die heute nicht mehr wirken. Das Bündnis der beiden Feinde scheint seltsam, aber es ist selbstverständlich. Die Reaktionäre sagen sich: Wir brauchen die sozialistische Hilfe, um über die Menge zu herrschen. Und die Sozialisten sagen: Uns ist alles recht was die Unzufriedenheit, die Verwirrung, den Aufruhr fördert; später wird man dann schon sehen. Sie sind nicht bedenklich in der Wahl ihrer Mittel. Das ist überhaupt jetzt modern. Wenn man nur den Gegner trifft! Nach der Wahrheit und Gerechtigkeit wird nicht gefragt. Was irgendwie wirken kann, ist willkommen. Gegen den Feind gilt jede Waffe. Ich habe das selber erfahren. Man hat sich nicht gescheut, auch mich einen Juden zu nennen, obwohl ich es nicht bin und nicht war – meine Schwester hat sich sogar der Mission gewidmet und in Südamerika sieben Kirchen gestiftet. Aber das macht diesen Leuten nichts. Wer ihnen nicht paßt, heißt jetzt Jude. Es liegt ja auch weiter nichts daran – ich erwähne es nur, um die Art ihres Kampfes zu zeigen, die légèreté ihrer Behauptungen und Beweise … Also erstens die Katholiken, welche alten ererbten Instinkten gegen die Juden folgen; zweitens die Revolutionäre, die der Haß gegen jede Ordnung führt; hinter ihnen die große Masse aller Unzufriedenen, die jede neue Phrase bethört. Kein Wunder, daß das großen Lärm auf den Straßen giebt – aber von einer ernstlichen Bewegung kann man doch eigentlich kaum reden. Das wirkliche Volk hört nicht auf sie und kümmert sich um die Hetze nicht. Es hat keine Antipathien gegen die Juden … oder doch höchstens nur gegen einen Teil der Juden, gegen die elsässischen und deutschen … und nicht um ihrer Religion willen. Man muß da genau unterscheiden. Gegen die portugiesischen Juden ist nirgends Haß. Ich weiß das zum Beispiel von Bordeaux, wo ich früher gewählt war. Da giebt es sehr viele Juden. Sie sind im Handel, in der Bank, in der Industrie; man schätzt ihren Fleiß und Eifer und achtet und verehrt sie sehr. Sie gleichen auch durchaus den katholischen Franzosen. Anders im Elsaß. Da liegen die Dinge wesentlich anders – ich kenne sie auch ein bißchen, weil ich alte intime Beziehungen zu Mülhausen habe. Da herrscht Haß gegen die Juden und daher, aus dem Elsaß, ist uns der Antisemitismus gekommen. Elsässer haben ihn nach Paris gebracht und gegen die elsässischen, vielmehr gegen die deutschen Juden sind allerdings auch bei uns manche Kreise jetzt sehr empfindlich. Besonders an der Börse. Ich weiß – es mag ungefähr zwei Jahre her sein – einen Fall, wo es einem Schützling des Rothschild mit aller Protektion nicht gelang, agent de change zu werden; das Syndikat ließ ihn einfach nicht zu und sagte: wir haben schon genug Juden. Aber das sind doch immer nur einzelne Fälle. Sonst können sich die Juden nicht beklagen. Wir haben im empire sogar zwei jüdische Minister gehabt, und wir haben jüdische Divisionsgenerale, und ich glaube nicht, daß an der sozialen Geltung der Juden etwas geändert werden wird. Ich glaube nicht, daß der Antisemitismus bei uns eine Zukunft hat. Er ist doch gar zu sehr gegen den Geist unserer Rasse, die immer duldsam und liberal war. Wir sind ein pays de tolérance, même d'indifferénce. Man darf sich durch das bischen Lärm nicht täuschen lassen.«

*

17.
Anatole Leroy-Beaulieu

Es sind zwei Brüder, Anatole und Paul, nur durch ein Jahr im Alter geschieden, beide Ökonomen, und wohl die größten, welche Frankreich heute hat, beide Lehrer an der École libre des sciences politiques, beide in der Académie des sciences morales. Paul, der auch der Gründer des Economiste Français ist, hat über die Verwaltung in England und Frankreich, zur Lehre von den Steuern und eine Kritik der Sozialisten, »Le collectivisme«, geschrieben; Anatole über das zweite Empire und russische Studien, die in drei Bänden über »Das Reich der Zaren und die Russen« seinen Namen machten. Sie stecken auch beide viel im Journalismus, indem der Ältere ein treuer Arbeiter an der Revue des deux Mondes und Paul ein eifriger Gast im Temps, in den Débats, in der Revue Contemporaine ist.

Er wohnt schon auf dem Lande und kommt nur Samstag zu den Sitzungen der Akademie herein. Dahin bittet er mich, wo wir nachher behaglich plaudern könnten. Und so wandere ich – was thut der Mensch nicht alles, wenn die Ambition gereizt ist, für seinen Beruf und das Gedeihen seiner Brüder? – so wandere ich über die schmale Brücke der Küste, mit beglücktem Blicke die hellen Bilder schlürfend, die der königliche Strom gewährt, nach der korinthischen Ordnung des feierlichen, nur ein bischen steifen Instituts, das Mazarin gestiftet hat. Da ist ein strenger, würdiger Friede rings, als wollte der weite Platz in Reue seine sträfliche Geschichte sühnen: denn hier war einst das Hotel de Nesle, wo die schwüle Margarete von Burgund, die Frau des zehnten Ludwig, fremde Knaben in ihre gierigen und wilden Sinne lockte, um nach dem Taumel jäher Lüste die Verbrauchten dann zu töten und in die Seine zu stürzen, die lauernd unten dunkel schwoll.

Die Schritte hallen. Ich muß erst eine Zeit in dem Marmor, zwischen den fahlen Büsten strenger Denker suchen, bis ich endlich einen Diener finde, der den Gast verschlafen mustert und mürrisch in die Sitzung läßt. Es ist ein langer, schmaler tiefer Saal, die hohen Wände grün, und grün die feierlichen Tische, Büsten in den Nischen und ein kräftiges Porträt des roten Kardinal. Aber wer auf die Akademiker schaut, muß sich in der Oper glauben: Glatzen, nichts als Glatzen, kahle, gelbe, steile, spitze, runzelige Glatzen rings, in sehr pittoresken Formen. Alle neigen schwer die schlaffen Köpfe, blinzeln müde und lächeln leise nur und sanft, als wie im Traume, während der Redner heimlich aus seinen Akten murrt. Es wäre die Stimmung, ein Dornröschen zu dichten.

Paul Leroy-Beaulieu leitet die Sitzung. Er ist groß, kräftig, schön, mit edlen Zügen, üppigen Locken, die kaum vom ersten Grau erschimmern, und einem ritterlichen Schwung in jeder Geste. Anatole scheint blässer und zarter daneben, mit einer stillen, feinen, kranken Miene, welche die Geduld langer Arbeit verwischt, verwelkt, verhärmt hat.

Wie endlich der Letzte seinen Bericht geraunt hat, und die müden, schiefen Männchen, in den steifen, schwarzen Röcken, mit den steilen, gravitätischen Kragen, langsam gehen, setzen wir uns und plaudern.

»Es ist selbstverständlich, daß ich ein Gegner des Antisemitismus bin. Ich bin sein Gegner als Christ und Franzose. Als Christ kann ich eine Lehre nicht dulden, welche Haß verkündet und Zwietracht unter die Menschen bringt. Als Franzose kann ich unsere alte Tradition der Gerechtigkeit und Freiheit nicht verleugnen, die uns unsere geschichtliche Stellung in Europa giebt. Der Antisemitismus ist gegen den Geist unserer Rasse. Er ist uns aus der Fremde gekommen, über den Rhein her, und wird bei uns nicht heimisch werden. Wir werden uns niemals in eine politische Lehre finden, die eine wüste Mischung von reaktionären Instinkten und revolutionären Begierden ist. Dabei will ich keineswegs leugnen, daß in den Beschwerden der Antisemiten sich manche Wahrheit findet. Sie haben Recht mit ihren Klagen über die Abgötterei des Goldes, die schändliche Verdorbenheit der Regierungen und die Ausbeutung des Volkes. Aber sie täuschen sich über die Ursache des Übels. Es sitzt viel tiefer, als sie denken, und wären alle Juden von Frankreich, ja aus Europa vertrieben, die Laster, unter denen wir leiden, blieben die gleichen. Die Lösung ist nicht so leicht, wie sie glauben, und der Antisemitismus, der alle Schuld den Juden giebt, wird die Heilung nur verzögern, die aus uns selber kommen muß … Das wäre so ungefähr ein Bekenntnis meiner Stellung zum Antisemitismus.«

»Halten Sie den Antisemitismus – in Frankreich – für eine religiöse oder für eine nationale Partei?«

»Ich glaube, es spielen viele Momente zusammen. Aber die nationalen und sozialen sind wohl die wichtigeren. Das religiöse hat wenig Bedeutung. Es ist ja auch da, und man beschuldigt die Juden, die Gesellschaft zu entchristlichen, ohne zu denken, daß sie sich selber zur gleichen Zeit entjuden (déjudaïsent), weil eben beide, Arier und Semiten, in der modernen Entwicklung die gleiche Paganisation erfahren, die ebenso über die Thora, wie über das Evangelium triumphiert. Aber das ist nur eine ganz geringe Gruppe, die von diesen Sorgen geleitet wird. Die religiösen Fragen haben bei uns heute keine Macht mehr, und ohne die Hilfe nationaler und sozialer Instinkte wäre der Antisemitismus ohne Gefahr. Es sind die nationalen Momente, die seine Bedeutung machen, und als eine Form des Protektionismus, der die vaterländische Kultur gegen die fremden Elemente schützen will, hat er die meisten Freunde gewonnen. Das ist in dieser Zeit des nationalen Dünkels ja begreiflich, daß man ein eigenes Volk im Volke, einen Staat für sich im Staate nicht dulden will, wie es von den Juden behauptet wird. Es fehlen nur alle Beweise für diese Behauptung, und der Vergleich mit den Chinesen in Amerika, den die Antisemiten lieben, stimmt nicht. Die Juden sind seit der Emanzipation so gute Franzosen, wie ihre katholischen oder protestantischen Brüder: denn die Nationalität wird heute nicht mehr durch die Rasse, sondern die Gemeinschaft des Geistes, der Sitten, der Gefühle entschieden. Die deutsche Art, die Nationalität auf die Rasse zu stellen, scheint für unsere französische Gewohnheit so thöricht und reaktionär, wie die russische Art, sie auf die Einheit der Religion zu stellen. Es ist für die modernen Völker, wie sie nun einmal geschichtlich geworden sind, einfach gar nicht mehr möglich, weil sie alle Konglomerate sind. Auf welche Rasse wollen wir unsere französische Nationalität denn stellen, da wir doch ein Gemisch von Cimbern, Galliern, Iberern und Lateinern sind? Und nichts erlaubt den Glauben, reine Arier zu sein, weil man ja die Wirkung der fossilen europäischen Rassen nicht vergessen darf. Und denken Sie doch nur an die Ligurer in Spanien und in der Provence! Denken Sie an die Finnen in Ungarn und Rußland! Wo ist denn heute eine Rasse in Europa, die unvermischt und rein geblieben, die unzweifelhaft arisch wäre? Aber wenn man, weil es unmöglich ist, sie auf die Rasse zu stellen, die Nationalität auf die Einheit der Geschichte und Entwicklung stellt, dann ist es so ungerecht als thöricht, die Juden zu scheiden, deren einige bei uns, die provençalischen zum Beispiel, seit zweitausend Jahren im Lande sitzen. Sie gehören zu unserem Volke, wie die anderen, denen sie in allen Dingen gleichen. Man kann das freilich nicht von allen behaupten. Besonders von den polnischen und deutschen Juden nicht, die uns aus Frankfurt oder aus Galizien kommen und oft in den Geschäften eine ärgerliche Rolle spielen. Aber nicht weil sie Juden, sondern weil sie Deutsche oder Polen sind, empfinden wir sie als Fremde.«

»Glauben Sie, daß der Antisemitismus in Frankreich eine Zukunft hat?«

»Ich glaube, daß er keine Zukunft hat, aber ich glaube, daß er lange genug dauern wird, weil er den Sozialisten bequem ist. Es steckt viel mehr Sozialismus in ihm, als man denkt, und er wird sich immer sozialistischer entwickeln, weil wir so wenige Juden haben, daß sich die Bewegung von selber bald gegen das Eigentum, gegen das Kapital überhaupt kehren wird, unbekümmert um Konfession und Rasse. Heute schreit man: alle Juden sind Diebe. Morgen wird man schreien: alle Bürger sind Diebe. Der Jude ist nur ein handlicher Ausdruck für die Hetze gegen das ganze Bürgertum, und es scheint mir unvermeidlich, daß der Antisemitismus immer revolutionärer gegen die staatliche Ordnung wird. Die konservativen Elemente verschwinden – wir haben nur noch einige auf der äußersten Rechten, wie den Grafen den Mun, während der Graf von Paris von Drumont bereits als Freund und Genosse der Juden behandelt wird. Es wird nicht lange dauern und der Jude wird nur noch ein bequemes Wort für den Besitz überhaupt, für alle Reichen sein. Es wird nicht lange dauern, und der Antisemitismus wird in den reinen Sozialismus versinken. Das scheint mir unaufhaltsam, und das scheint mir seine eigentliche Gefahr. Es sind viel weniger die Juden als die ganze bürgerliche Ordnung, die er bedroht. Dabei soll nicht geleugnet werden, daß er manches zur Sprache bringt, was an den Juden wirklich wenig erfreulich ist, und er kann ihnen vielleicht sogar sehr nützlich werden, indem er ihre eigene Erkenntnis fördert. Die große Rolle zum Beispiel, die sie in der Freimaurerei spielen, oft weniger aus Überzeugung, als um sich in der Gesellschaft vorwärts zu bringen, Verbindungen zu gewinnen und in sonst verschlossene Kreise zu dringen, ist in der That bedenklich. Aber wenn man so meinen möchte, daß eine gelassene Erörterung mancher Dinge den Juden nicht schaden könnte, ist doch auf der anderen Seite die Gefahr nicht zu verkennen, daß man dadurch am Ende ihre Assimilation nur verzögert, erschwert, ja wieder aufhebt. Ich möchte Sie da auf mein Buch über den Antisemitismus »Israël chez les nations«. Paris, Calmann Lévy. verweisen, wo ich von einem russischen Juden, einem Studenten, erzähle, der mir gesagt hat: »Wenn man uns beharrlich als ein fremdes Volk behandelt, müssen wir da nicht auf den Gedanken kommen, es wirklich zu werden? Wir mühen uns, unsere Besonderheit zu verlassen, und man stößt uns gewaltsam in sie zurück. Wäre es da ein Wunder, wenn unser Stolz sich wehrte und wir die Wiedergeburt des alten Israel versuchten? Und warum sollte es uns nicht gelingen, einen jüdischen Staat zu gründen, wo wir nach unseren Gesetzen und Sitten leben dürften, unserer Tradition gemäß?« So könnte es geschehen, daß gerade durch den Antisemitismus die Juden würden, was heute die Antisemiten fälschlich von ihnen behaupten: ein besonderes Volk für sich unter den Völkern. Darum bekämpfe ich den Antisemitismus, so wenig ich blind gegen manche jüdische Schäden bin, die nur meistens nicht in der Rasse, sondern in den Verhältnissen liegen und durch vernünftige Reform geheilt werden können. Ich denke da besonders an Algier, wo in der That die Klagen über die Ausbeutung der Araber durch den jüdischen Wucher, den freilich oft genug auch Christen üben, nicht ohne Grund sind. Man müßte da den kleinen Besitz gesetzlich schützen. Anderswo werden sich wieder andere Mittel empfehlen. Man kann nicht die gleichen Gesetze für alle Länder machen. Aber die wüste Hetze gegen eine ganze Klasse unserer Bürger ist verächtlich und gemein, unwürdig der Zeit, in der wir leben, und der Nation, zu der wir gehören.«

*

18.
Alphonse Daudet

Daudet ist ein rechter Ahasver der Wohnung. Er wechselt ohne Rast. Jeder Roman ist in einem anderen Hause geschrieben, das er je nach der letzten Stimmung wählt. So sind alle Winkel von Paris schon seine Herberge gewesen. Aber unwiderstehlich lockt es ihn immer wieder in das lateinische Viertel zurück, zum Luxembourger Garten, wo der schwärmerische Jüngling einst die schwülen Träume, die verwegenen Wünsche seiner ersten Not spazieren führte, unter die platten und gemeinen Formen der runden Türme von Saint-Sulpice, auf die seine enge, elende, verlotterte Mansarde sah, im »Grand Hotel du Sénat« für fünfzehn Franken den Monat.

Er wohnt jetzt Rue de Bellechasse, einer dunklen, stummen und verlorenen Straße, die vom Quai d'Orsay, dem breiten, feierlichen Platze der Akademie, wo die Bouquinisten die alten, schwarzen, zerfressenen Folianten halten, in das Quartier steigt, an der cour des comptes vorüber, die seit der Kommune in verrauchten Trümmern schläft, um welche schweres Grün von langen, düsteren, üppigen Gräsern sprießt.

Hinten im Hofe. Und wieder erst drei steile Treppen. Ich muß an das Wort denken, das Bardoux, der Minister der schönen Künste von 1877, einmal einem englischen Gesandten gesagt hat: »Sie kennen Paris nicht, mein Lieber, und das kommt daher: Sie machen Ihre Besuche nicht hoch genug. La France n'habite pas au premier, la France loge autroisième étage, au quatrième, parfois sous lestoits.«

Ein dunkles, strenges, stilles Gemach, mit schweren Stoffen gegen die Welt verhängt, gegen Licht und Lärm von draußen, in matte, leise, zärtliche Farben gehüllt, die beschwichtigen. Eine ängstliche, zage, gleitende Stimmung wie um das Bett einer kranken, scheuen, empfindlichen Frau. Und alles in tief verwölktes Grau getaucht, aus dem, unter dem hellen Bilde des Edmond de Goncourt von Bracquemont, die weiße Blässe seiner gepeinigten Miene gespenstisch scheint. Alles will enteilen, will verrinnen, und seine Züge, seine Formen schweben im Nebel, wie man den Besuch von Geistern träumt. Carrière hat in seinem berühmten Porträt dieses Mystische und Entkörperte des nervösen Dichters gegeben.

Er liegt, hält die Krücke, ohne die er sich nicht mehr bewegen kann, und wälzt sich ohne Rast, wie einer im Fieber immer wieder die Kissen wendet und von tausend Lagen vergeblich Erleichterung begehrt. Die edle, von Leiden gezeichnete Miene hat eine unsägliche Feinheit der Linien und Fältchen, welche die Gewohnheit langer Qualen, tiefer Krämpfe giebt, einen milden Schimmer jener letzten Anmuth, die oft an schwindsüchtigen Mädchen ist. Er scheint krank, aber er scheint nicht alt; man würde seine 53 Jahre nicht vermuten. Er scheint eher wie ein schöner Jüngling, der stirbt. Und wer die innige Träumerei der verschleierten Blicke und den Spott seiner herben Lippen vergleicht, kann aus dem wunderlichen Widerspruche gewahren, daß er immer ein Troubadour und immer ein Boulevardier war.

Er spricht leise und sanft, aber die Worte sind warm und feucht, leuchten und quellen von Gefühlen, immer wie unter dem Thau jener sensibilité violente, welche Lemaïtre die Dominante seiner Werke, seines Lebens genannt hat. Er spricht nervöse, von einem zum andern, ohne strenge Folge, in zerrissenen Sätzen, die sich drängen.

»Ich bin ja kein Politiker, ich kümmere mich nicht um Politik, ich verstehe davon nichts – ich folge unbesonnen meinen Stimmungen, die wechseln. Also – von der antisemitischen Doktrin weiß ich nichts; ich kann keine Gründe für oder gegen sie sagen. Ich kann nur meine Stimmungen sagen, die vielleicht nicht immer gerecht sind – ich bin eben der Knecht meiner Nerven. Ich fühle plötzlich Sympathien ohne Grund, und ohne Grund werden sie in Antipathien verwandelt. Mit dem Antisemitismus geht es mir gar seltsam. Als ich noch mit Drumont intim verkehrte, war ich ein heftiger Gegner der Antisemiten. Seit wir uns nicht mehr sehen – ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich fühle jetzt, daß ich mich seinen Gedanken bisweilen nähere. Wir waren früher sehr intim. Er kam oft, und jedesmal wurde über den Antisemitismus gestritten. Aber wir konnten uns nicht verständigen. Ich habe das Pech, sehr wenig Religion zu haben – das interessiert mich nicht, reizt mich nicht. Es ist vielleicht ein Unglück, aber ich kann es nicht ändern. Und einen um seinen Glauben zu hassen, zu schmähen, zu verfolgen, das schien mir ganz schändlich und abscheulich. So wurde immer gezankt; und besonders meine Frau, die gerecht und milde ist, ereiferte sich sehr. Nun sehen wir uns gar nicht mehr. Er ist ein ausgezeichneter Mensch und ein Schriftsteller von ungewöhnlicher Bedeutung, aber leidenschaftlich, ungerecht und ohne jedes Maß. Was er jetzt alles über mich sagt! Gerade daß er eben noch mein Talent gelten läßt, aber er erzählt die schauerlichsten Dinge von meinem Geize und meiner unbändigen Sucht, Geld zu häufen …, daß ich meinen Sohn, um mich zu bereichern, mit der kleinen Hugo Léon Daudet, der philosophische Dichter von »Germe et Poussière« ist mit Jeanne Hugo, der Enkelin Victor Hugo's vermählt. verheiratet habe … als ob sich die Söhne so einfach verheiraten ließen … und ich bitte Sie, was hat man denn von dem Gelde seiner Schwiegertochter? Aber so ist er. Ja – was wollte ich sagen? Damals war ich also ein heftiger Gegner der Antisemiten. Aber jetzt – ich kann nicht leugnen, daß ich mich jetzt bisweilen auf seltsamen Gedanken ertappe. Wenn man die großen Schwindeleien und Tripotagen sieht, und wenn man sieht, daß in allen schmutzigen Geschäften immer die Juden die erste Rolle spielen – ja, da wird es einem schließlich schwer, sich einer gewissen Antipathie zu erwehren. Das hindert mich nicht, mit vielen Juden Freundschaft zu halten. Aber im Grunde meiner Seele bin ich ein bischen mißtrauisch geworden. Wenn der Antisemitismus siegen würde, wäre ich der erste, gegen ihn zu protestieren … weil ja das doch nicht geht und unsere Kultur gefährden könnte. Aber so lange die Juden herrschen und alle großen Geschäfte und die ganze Politik führen, fühle ich mich so vaguement Antisemit. Sehen Sie zum Beispiel: Ich wohnte früher einmal place des Vosges in dem alten Hotel Richelieu. Das war auf dem ganzen Platze das einzige Haus, das noch nicht den Juden gehörte. Dagegen läßt sich nun eigentlich gar nichts sagen. Aber ich kann mir nicht helfen, ich muß gestehen: Mir giebt es ein unangenehmes Gefühl. Ich bin kein Spezialist der Frage; ich unterscheide nicht viel zwischen portugiesischen und deutschen Juden, wie die Feinschmecker des Judaismus; ich verdamme natürlich die Hetze gegen die Juden; ich erkenne die Gefahren des Antisemitismus für die Ordnung und die Freiheit – aber ich würde lügen, wenn ich eine gewisse leichte unbestimmte Abneigung verhehlen wollte, die sich bisweilen in mir regt.«

»Wie denkt man denn sonst in Ihren Kreisen über die Frage … unter den Schriftstellern und Künstlern?«

»Ich glaube nicht, daß es da Antisemitismus giebt. Ich habe niemals eine Spur gefunden. Übrigens ist da ein Urteil sehr schwer – wie sollte sich das ausdrücken?«

»Ich meine zum Beispiel in der societé des gens de lettres. Hat sich da schon irgend eine antisemitische Strömung gezeigt?«

»Nein, niemals – und das würde auch gar nichts beweisen. Die societé des gens de lettres hat keine Bedeutung. Sie dürfen nicht glauben, weil Zola jetzt Präsident ist – der würde jetzt überall Präsident sein. Es giebt gar keinen Verein dessen Präsident er nicht sein möchte: Feuerwehr, Hausmeister, Nachtwächter – seit er sich das neue akademische Gehirn zugelegt hat, ist ihm das ganz gleich. Il adore la présidence … Aber nein, ich glaube nicht, daß es in unseren Kreisen Antisemitismus giebt. Einige von den »Jungen« haben das Treiben der jüdischen Welt geschildert, wie Lavedan im »Prince d'Aurec«. Aber das habe ich schließlich schon zwölf Jahre früher gethan, in den »Rois en exil«, die aus einem starken Gefühl von der Macht des Geldes geschaffen sind. Nur hat man mich damals ausgepfiffen und ausgezischt, weil sich sowohl die Juden wie die pschütten Aristokraten gegen das Stück empörten … Und übrigens, ich bin auch gar kein Theatermensch.«

»Sie schreiben jetzt ein neues Stück für die nächste Saison?«

»Ja, ich mache den nämlichen Stoff dramatisch und in einem Roman. Er heißt: »Le soutien de famille«. Der Titel ist ironisch – eine Stütze der Familie, die sich um 11 Uhr das Frühstück ins Bett bringen läßt – so in dieser Weise. Der Roman wird sehr bitter und herb. Für die Bühne muß ich es natürlich ein bischen glätten und mildern, weil ja dort alles immer sozusagen den Geschmack der Feerie haben soll.«

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19.
Francis Magnard

Der Herausgeber des Figaro hat im Journalismus von der Pike gedient. Er begann in allerhand kleinen satirischen Wochenschriften und jugendlichen Revuen. Kaum 25 Jahre trat er in die Journale des Herrn v. Villemessant, als Redakteur des Evenement und des Figaro. Er führte die Geschäfte des »liseur«, indem er täglich die letzte Meinung von Paris aus allen Zeitungen suchte und der Menge in handlichen, bequemen Formeln bot. 1876 wurde er Redakteur en chef, nach dem Tode des Villemessant einer von den drei Direktoren des Figaro, den er aus einem engen Mittel der monarchischen und klerikalen Partei zu einer freien Tribüne aller neuen Triebe, aller Launen, aller Moden gemacht hat, welche unter den Menschen kommen und schwinden.

Sein literarisches Gepäck ist gering: Ein Roman, »Confessions de l'abbé Jérôme«, der 1869 erschien und jetzt nicht mehr im Handel ist, und ein satirisches Werk »Vie et aventures d'un positiviste, histoire paradoxale« (1876). Der Akademie, für welche er eben jetzt das erste Mal, noch gegen seinen Willen kandidirt wird, kann es dennoch genügen. Sie wird ja nicht den Schriftsteller, sondern den Meister des neuen Journalismus empfangen.

Es ist nicht leicht, einen gerecht zu schätzen, der so viele in Hoffnungen getäuschte Feinde, so viele von Vorteilen bestochene Freunde hat, je nach den Diensten, die er verweigert oder gewährt. Manche rühmen, daß er ein unvergleichlicher Entdecker, der immer frische Talente aus ihrer unbekümmerten Verborgenheit spürt, und mit empfindsamen, verläßlichen und feinen Witterungen aller leisen Triebe in der Kunst, im Leben, in den politischen Prozessen wunderbar gerüstet sei, und rühmen die köstliche Klarheit jener winzigen Artikelchen, die in ein paar knappen, dürftigen Zeilen jeden Morgen die Formel des Tages, den Geist der letzten Stunde geben und so die Losung des Villemessant mit Glück bewähren: Donner tous les jours une idée aux lecteurs. Andere schmähen, daß er ohne Überzeugung, ohne Treue an Personen oder Sachen, ohne rechte Folge seiner Pläne, heute verteidige, was er noch gestern geleugnet, und wie der erste einen zu entdecken, auch gerne wieder der erste sei, der einen verrät, und schmähen seinen weichen, geschmeidigen, unselbstischen Stil, der immer deutlich die Spuren seiner letzten Begegnung, seiner letzten Lektüre und nur jene leere widerliche Klarheit eines seichten Wassers hat. So wechseln Lob und Schande. Und wenn ihn Catulle Mendès, der süße, liebliche Poet, einen der esprits les plus intéressants et les plus intéressés de ce temps genannt hat, so hat ihn der spöttische Bergerat einen équilibriste moral, social, artistique genannt, der nur die eine Kunst zu üben wüßte: satisfaire toutes les opinions, contenter tous les partis, tirer de l'abonnement dans tous les camps.

Sie haben wahrscheinlich beide recht, die Schwärmer und die Lästerer, und beide meinen wahrscheinlich das Gleiche, das bloß jeder anders sieht, wenn es ihm nützt oder schadet. Er ist kein Politiker: er hat kein eigenes Gesicht, keine vision particulière der Dinge, die es ihn mit Leidenschaft im Staate zu gestalten drängte. Er ist kein Künstler, weil ihm jede besondere Empfindung fehlt. Er ist kein Stilist, der seine persönliche Form der Ereignisse hätte. Er ist ein Philister: er hat alle gemeinen Instinkte der Menge. Er ist ein Snob: er hat alle launischen Moden des Boulevard. Aber er weiß die Instinkte, welche die Menge bloß ahnt, und er findet die Moden, welche der Boulevard erst nach ihm äfft. Er ist immer heute schon jene Form von Snob und Philister, welche die anderen erst in sechs Monaten sein werden. Er hört Begierden, welche in den anderen noch schweigen; er hat die Moden, bevor sie noch modern sind; und immer ein halbes Jahr früher fühlt er die Launen, die wechseln. Er ist eben ganz einfach der große Journalist, welcher der Menge gleichen muß, um auf sie zu wirken, über sie zu herrschen, aber vor ihr alle Regungen vernehmen muß, um sie zu führen.

Er ist klein, beweglich und spitz. Spitz – das ist das Wort, daß seine Weise giebt. Spitz ist der kurze, enge, weiße Bart, der seine schmale, pfiffige, spitze Miene rahmt, und spitz ist jede der schnellen und behenden Gesten, die er auf einen wie rasche Dolche stößt. Und er läuft durch die knappe Stube, wo allen Platz ein ungeheurer Tisch nimmt, wie ein Fuchs im Käfig ohne Rast, unablässig sich wendend und in großen Bögen kreisend. Er ist sehr gastlich, von jener leichten, rasch ergebenen Höflichkeit der Pariser, die jeden Menschen gleich als Kollegen dieses miserablen Lebens nimmt; aber man merkt doch an der geschwinden Hast der nervösen Miene, welche zuckt, daß ein Wust von Sorgen und Geschäften den Atemlosen drängt. Er hat einen fast kommerziellen Eifer in den Reden und Geberden, mit der Eile großer Unternehmer, wie man an der Börse verhandelt, und hat dabei die flinke, kurze Vertraulichkeit, welche die Gewohnheit vieler Menschen giebt.

Er spricht, wie man telegraphiert: nur die einzelnen Schlager allein – die Verbindungen suche sich der Adressat. So mag er den Sinn eines »Leiters« diktieren, den ein Gehilfe dann ergänzen und rethorisch putzen soll. Es ist eine seltsame Mischung von Härte und Milde, weil er ja mit einem Worte viele Dinge, rasch alles sagen, und doch von seinen tausend Rücksichten keine vergessen möchte.

»Der Antisemitismus ist eine Erfindung des Herrn Eduard Drumont – das heißt: Stimmungen gegen die Juden hat es natürlich immer gegeben, Vorurteile und Gehässigkeiten. Aber das war sonst eine rein persönliche Angelegenheit. Man mochte die Juden, oder man mochte sie nicht, wie es jedem gefiel – mit der Politik hatte es nichts zu thun. Den politischen Antisemitismus hat erst Drumont geschaffen und entdeckt, und erst mit der France juive wurde er geboren. Drumont hat aus seiner einzelnen Antipathie ein allgemeines Prinzip gemacht, das freilich bald genug den eigenen Urheber verleugnete und manchen Wechsel erfuhr. Es hat, während er es aus seinem religiösen Gefühle schuf, eine Frage der Rasse zuerst und jetzt eine soziale Frage gegeben; reaktionär angezettelt, wird es jetzt mit jedem Tage revolutionärer, und der gute Drumont, der leidenschaftlich, ohne Maß, aber ritterlich und ehrenhaft ist, wird noch einmal vor den Folgen seiner That erschrecken. Gegen das jüdische Geld hat es begonnen, aber es wird vor dem christlichen nicht halten. Die Note, die ihm die Herkunft von einem religiösen Schriftsteller giebt, verliert sich schon, und die Hetze gegen den jüdischen Gewinn wird immer deutlicher eine Hetze gegen jeden Gewinn ohne Arbeit überhaupt. Es ist nur eine Frage der Zeit, vielleicht von ein paar Monaten bloß, wann diese Verwandlungen schließen, der reine Antisemitismus höchstens noch als ein Sport der vornehmen Gesellschaft dauern und der reine Sozialismus ihn verdrängen wird. Das scheint mir ohne Zweifel.«

»Glauben Sie, daß man Gesetze gegen die Juden machen wird?«

»Mein Gott! Ich spiele nicht gern den Propheten. Man blamiert sich leicht.«

»Ich meine nur: Halten Sie Gesetze gegen die Juden, besondere Gesetze, die das allgemeine Recht verletzen, überhaupt für möglich?«

»Möglich! Möglich ist bei uns schließlich alles, und man darf niemals behaupten, daß etwas nicht geschehen wird. Es wäre nicht das erste Mal, daß wir heute erlebten, was gestern noch phantastisch toll und ganz unmöglich schien. Aber freilich – das kann man wohl sagen: So lange die bürgerliche Ordnung von heute herrscht, sind Gesetze gegen die Juden nicht möglich. Es müßte erst eine Revolution aller Dinge und das Ende des modernen Staates geschehen. So lange die Dinge gesetzlich und normal verlaufen, ist es nicht möglich. Ein wilder Sturz aller Verhältnisse wäre unerläßlich. Aber ich glaube, daran denken die Antisemiten selber nicht. Es handelt sich ihnen gar nicht um solche Gesetze. Sie wollen eine feindliche Stimmung gegen die Juden schaffen – das ist alles. Gesetze verlangen sie nicht. Das kommt wohl daher, daß wir den jüdischen Wucher, der in anderen Ländern solche Wünsche zeitigt, in Frankreich nicht kennen. Die Juden sind bei uns in den großen Unternehmungen, den kleinen Wucher treiben sie nicht – außer in Algier, wo allerdings der Schutz gegen die entsetzliche Ausbeutung immer dringender verlangt wird. Bei uns ist es anders. Hier kennen wir den Juden als Wucherer nicht. Und gerade deswegen glaube ich, daß die antisemitische Hetze keine Zukunft hat, sondern nur die Geschäfte der Sozialisten führt. Das scheint mir ihre Gefahr. Und darum würde ich gegen sie immer kämpfen; darum würde ich gegen sie, selbst wenn sie, was ich in allen Punkten leugne, im Recht mit ihren Thesen gegen die Juden wäre, dennoch beharrlich und ohne Rücksicht kämpfen, weil sie mir ganz andere Dinge als die Juden, zu gefährden scheint: alle Bedingungen des modernen Staates und die ganze Form unserer politischen Entwicklung von heute. Übrigens ist ihre erste Kraft und Heftigkeit schon wieder erschöpft. Das war vor drei, vier Jahren, daß sie wirklich einige Zeit ernstliche Sorgen erweckte. Jetzt sinkt ihre Macht, ihre Geltung schon beträchtlich, und sie wird wohl bald wie ein wüster häßlicher Traum entschwunden sein.«

*

20.
Arthur Meyer

Das Haus des Gaulois, den der schöne Arthur Meyer leitet, ist 2 Rue Drouot, ein paar Schritte vom Getöse der Boulevards, bevor man zu dem zierlichen und hellen Schlößchen des Figaro kommt. Hastiges Gedränge rings, unablässig hin und her, auf und ab, unten im Flur und über die schmale Treppe, die sich enge windet. Man hat Mühe, sich in den Strudel und Tumult der heißen, lauten, bunten Salle de Depêches zu schieben.

Diese Salle ist eine Spezialität der französischen Blätter. Sie stellen sich mit dem Leser viel intimer, als es unsere Sitte ist. Uns genügt es, ihm Meldungen und Meinungen zu liefern; Eile, Fülle und Treue der Berichte, die besten Gedanken, die wir finden, und etwa noch, wenn es glückt, eine gefällige Form – mehr glauben wir ihm nicht zu schulden. Aber sie möchten überhaupt gleich alle Geschäfte für ihn nehmen, seine Sorgen führen, jeden Wunsch erleichtern. Sie möchten Gehilfen seines Lebens werden. Sie möchten ihm alles verwalten. Er soll bei ihnen für jede Frage, in jeder Verlegenheit, auf jedes Bedürfnis immer Rat und Beistand finden. So ziehen sie ihn zu sich, in die Redaktion, woher jeder die Erledigung seiner Sachen, seiner Beschwerden holt, wohin jeder die letzten Gerüchte der Straße, die letzten Stimmungen der Menge trägt, daß sie die Geschichte der Zeit, die täglichen Ereignisse immer gleichsam in Person empfangen. Ein Tausch, aus dem beide gewinnen.

Sie brauchen manche Mittel, ihn zu sich zu locken. Eines ist die Salle de Depêches. So heißt ein großer Raum, nach der Straße frei, mit vielen Schaltern, wo man das Blatt abonnieren, allerhand bestellen, sich erkundigen, seine Briefe erledigen, telephonieren, telegraphieren kann, mit manchen Belustigungen, als: Theatrophon, Phonograph, Karikaturen, mit Photographien, Bildern und Skizzen, welche jede Neuheit des Tages zeigen, den letzten Verbrecher und den letzten Minister, den Prediger und die Cocotte der Mode, kluge Männer und hübsche Mädchen. Müßige bummeln da gern und wechseln spöttische Späße. Ich liebe es, auf sie zu horchen und mit ihnen zu gaffen. Da hängt van Dyck, der jetzt die große Leidenschaft aller Schönen ist, der Sieger Dodds und Leroy, der närrische Kandidat der Revolutionäre für die Akademie, der stolz seine bolivarische Uniform zwischen der verwüsteten zerfetzten Miene des Lisbonne und dem dürren, schlottrigen, hageren Tournadre spreizt, da hängt der müde, verhärmte, traurige Daudet neben dem herrischen und brutalen Profil des Zola, da hängen die Clous der Salons und in curioser Sammlung die Kommunarden von 1871.

Aber es ist Zeit, über die Treppe zu steigen. Er hat mich für fünf bestellt. Und um sechs, zur »grünen Stunde« erwartet mich auch schon wieder, im Café Riche, nebenan, die bleiche Sonne meiner Nächte.

Der jähe Schwall von Gästen mag auf der Treppe nicht rasten. Läufer, Boten, Reporter drängen sich; man sieht politischen und journalistischen Ruhm. Mermeix mit der hämischen kahlen irdenen Miene, die gewaltsam den mephistophelischen Schädel des Girardin äffen möchte, kommt herab und ich treffe den munteren, zierlichen und feinen Marcel Hirsch, den geliebten Benjamin der Pariser Presse, der vor zwei Jahren bei der Salzburger Feier von Mozart auch gleich alle Herzen durch seine fröhliche Anmut gewann …

Arthur Meyer ist eine seltsame komische Mischung. Erstens der Jobber, wie er in den Karikaturen steht – der behagliche und breite Jobber, der weiß, daß ihm alles gelingt. Dann hat er etwas vom »Larbin«, vom herrschaftlichen Kammerdiener, der mit der Zeit die Gesten, Blicke und Allüren der Kavaliere nimmt. Aber man wird doch auch, unter dem glatten, eitlen, gleißnerischen Gehaben, die »gute Haut« nicht verkennen, die er, wenn sein Dünkel nicht gereizt wird, im Grunde gemütlich bleibt, und wird aus den schmerzlichen Falten um die müden Lippen des Viveur gewahren, daß er schon auch sein Teil gelitten hat. Er spricht leise, milde, artig, aber nervöse und mit Hast – so etwa zwischen einem flirtenden Baron und einem von Geschäften lispelnden Unternehmer.

Ich sage meine Bitte. Er neigt das geschniegelte Haupt, sinnt eine Weile in einer Pose, die an das Monument denkt, und erwidert: »Die Frage ist für mich ein wenig heikel. Ich bin Jude und zugleich Direktor eines sehr katholischen Blattes. Sie begreifen, daß das eine etwas delikate Situation ist. Ich riskire Unziemliches oder Banales zu sagen. Ich muß eine große Reserve bewahren.«

»Ich bin bei Ihnen, gerade weil Sie Jude und ein Führer der Katholiken, der Aristokraten sind. Das scheint bei uns, wo der Antisemitismus vornehmlich eine katholische und reaktionäre Bewegung ist …«

Er lächelt fein, da er das Interview wider Willen, von rückwärts, wohl merkt, aber er ist gemütlich genug, sich zu fügen. »Man kann das bei uns durchaus nicht behaupten. Man kann nicht behaupten, daß in der Aristokratie, unter den Katholiken viel Antisemitismus ist. Er scheint vielmehr eine soziale Bewegung. Ich glaube nicht, daß er mit der Religion oder mit der Rasse viel zu schaffen hat. Höchstens den deutschen Juden gegenüber vielleicht – aber die spanischen und französischen werden nicht als Fremde empfunden. Es ist wohl vielmehr nur eine Bewegung des Hasses und des Neides gegen das Geld, gegen den guten Rock, gegen die herrschenden Klassen überhaupt – man nennt den Juden und meint den Reichen. Auch glaube ich, daß seine Kraft bereits erschöpft und seine Zeit schon wieder vorbei ist. Übrigens, wie gesagt, das sind so meine persönlichen Vermutungen und Gedanken, die ich für mich habe, ohne mich in den öffentlichen Streit zu mischen. Das vermeide ich grundsätzlich. Ich meine: wir Juden enthalten uns besser und können getrost dem ritterlichen Sinne der Nation die Entscheidung lassen. Diese Haltung habe ich mir vorgezeichnet und sie scheint mir die klügste, wenn ich sie auch freilich in diesem Momente bedauern muß, weil sie mir die Freude nimmt, alle Ihre Wünsche, die Sie von mir erwarten, zu erfüllen. Und ich bin immer glücklich, Kollegen dienen zu dürfen.«

*

21.
Edouard Pailleron

Edouard Pailleron, von der Akademie, der zierliche und feine, nur ein bischen pretiöse Plauderer des »Monde où l'on s'ennuie«, der »Souris« und der »Etincelle«, schreibt mir:

»Ob von Volk zu Volk oder von Klasse zu Klasse oder von Partei zu Partei – alle Kriege sind immer soziale Kriege, das heißt: Kämpfe ums Dasein.

Wie die Kämpfer auch ihre Mittel veredeln mögen, um sich selbst über ihre Sache zu täuschen, im letzten Grunde wollen sie alle immer nur den nämlichen Zweck: Das, was sie nicht haben, jenen, welche es haben, zu nehmen, oder das, was sie haben, gegen jene, welche es nicht haben, zu verteidigen.

Der »Antisemitismus« wie der »Sozialismus« sind nichts als nur neue Fahnen dieser ewigen Schlacht!«

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22.
Séverine

Man trifft ihren Namen täglich. Sie schreibt im Figaro, im Gaulois, im Echo de Paris, im Journal. Es giebt sechs, sieben Artikel die Woche und mehr. Sie scheint unerschöpflich. Nur Henri Fouquier darf sich etwa messen.

Das kann sonst nur, wer reiche, sichere Kenntnisse, eine weite, mitteilsame Erfahrung und jenen behenden, auf jeden Wink bereiten Gehorsam der Form hat, der immer gleich die rechte Note bringt. Er darf nicht an der Stimmung hängen, die unverläßlich wechselt. Er darf nicht aus dem Drange der Gefühle schaffen, der unvermutet stocken und versagen kann. Er darf sich nicht an die Leidenschaft halten, die keine Termine hat. Ordnung des Verstandes, Fülle von Erinnerung und eine willige, immer gelaunte Technik sind sein Mittel. Das ist ein altes Gesetz der fruchtbaren Schreiber.

Man wird also eine kluge, reife, erfahrene Frau erwarten, welche sich einen geschmeidigen und dienstbaren Stil gerichtet hat. Aber sie ist ganz anders. Sie schafft nicht aus dem Verstande, aus der Erfahrung, in festen Formen, fertigen Schablonen. Ihre Feder entläuft vielmehr aufs gute Glück, unbesonnen, von Rührung und Ergriffenheit getrieben. Man empfindet jedes Wort als Gabe schöpferischer Wonnen, als Geschenk von Leidenschaft, Begeisterung und Rausch.

Das ist seltsam. Sie schafft, wie man es nur unter fremden, seltenen, besonderen Reizen kann, die erregen. Aber um pünktlich jeden Tag ihre Kopie zu liefern, muß sie es vermögen, sich solche Reize auf jede Stunde zu bestellen. Sie zwingt Begeisterung, Leidenschaft und Rausch. Sie kommandiert die Stimmung. Sie schwärmt jeden Tag genau von fünf bis neun. Wallungen und Fieber kommen gehorsam, wie sie sich an ihren Artikel setzt. Wie kann ihr das gelingen? Woher hat sie diesen so gefälligen, so nützlich gezähmten Dämon? Es muß ein beharrlicher Drang über das Gewöhnliche sein. Es muß ein unerschöpflicher und zäher Reiz sein, den die Dinge selber stets erneuen, der Stachel einer unersättlichen Begierde, die von Entsagung täglich wächst. Es muß eine eingeborene Empörung ihrer Natur sein, die nicht weicht.

Es ist die Empörung einer weiblichen Seele gegen die männliche Ordnung dieser Welt. Sie redet und ratet mit den Männern über die Pläne und Gebote des Staates. Aber sie verhandelt als Frau, die immer Frau bleibt, fraulich in jeder Faser der Gedanken und Gefühle. Sie sagt ihre Weiblichkeit aus, welche der männliche Geist aller Dinge beleidigt. Das ist ihr Geheimnis. Das ist das Neue an ihr. Das ist das unvergleichliche. Frauen, welche mit Eifer gewaltsam ein männliches Gehirn erwarben, ein männliches Verhältnis zu allen Fragen und eine männliche Stellung zu jeder Pflicht, bis sie sich messen durften, hat es oft gegeben. Aber sie ist die erste, mutig immer den Dingen die weibliche Empfindung zu bekennen und den weiblichen Traum einer gerechten, vor Schönheit und Sitte freudigen Welt gegen diese Herrschaft von Gewalt und Zwang zu führen.

Sie fragt nur immer ihr weibliches Gefühl, um alle Werte zu messen, ob sie nützlich, ob sie verwerflich sind. Vernunft läßt sie, wenn sie nicht Schönheit, Glück und Frieden bringt, nicht gelten, und alle Beweise, daß ein Übel unvermeidlich sei, mag sie nicht hören. Was auf der Erde einen Menschen kränkt, kränkt sie, und was sie kränkt, darf nicht bleiben. Sie hat nur immer diese Kritik: aber das thut ja wehe! Sie hat immer nur dieses Argument: aber es wird wohlthun! Aufrichtige, verwegene Weiblichkeit ohne Maß und ohne Scheu – das ist ihr Talent.

Daher der revolutionäre Sinn, der sie immer zu den Armen, gegen die Mächtigen, gegen die Reichen getrieben hat, weil die Not der Menschen sie schmerzt, wie eine häßliche, trübe Farbe, die fort soll, wie ein greller Lärm, der die Nerven ängstigt. Daher das milde, innige Erbarmen mit den Anarchisten und Nihilisten, die romantischen Neigungen gefallen. Daher der höhnische Zorn gegen die Agenten des Marxismus, welche Macht suchen, während sie helfen will. Daher in allem heiligen, leidenschaftlichen Ernste doch immer eine zierliche, schelmische, feine Anmut, weil sie auch im heftigsten Gewühle der Gefühle den Spiegel nicht vergißt, wie es sie kleiden mag. Daher diese unbekümmerte Politik auf eigene Faust, die sie lustig einmal l'école buissonnière de la Révolution genannt hat. Daher das wunderliche Schicksal, daß sie sich mit keiner Partei verträgt und von allen geliebt wird, daß sie bei den Revolutionären und bei den Reaktionären schreibt, und daß sie die Freundin der Louise Michel und der Fürstin von Monaco ist.

Sie kann leicht unerschöpflich sein, weil ihr jeder Tag wieder neues bringt: eben die weibliche Antwort auf jedes Ereignis. So ist sie, in den tausend und tausend hastigen und heißen Reden, die jetzt einige – ein zu geringer, scheuer Teil! – in ein liebes, wunderbares Buch, die »Pages Rouges« gesammelt sind, dem Andenken ihres großen Freundes, des unerbittlichen Jules Vallès gewidmet – so ist sie ohne Mühe immer anders als die anderen, von einem fremden, unverkosteten Geschmacke, und ist doch, an unermüdlicher Güte, an unversieglicher Hilfe, an unergründlicher Liebe, immer die gleiche wieder, wie eine heilige Elisabeth der Boulevards, welche mit vollen Spenden tröstlicher Worte, frommer Werke durch die flehende Menge geht.

Ihr Leben ist rasch erzählt, weil es mehr Seele als Geschichte hat. Der Vater arbeitete unter dem Präfekten der Polizei, brav und emsig, im Respekte der Regierung und in der Furcht der Vorgesetzten, ein kleiner Beamter, der von unten diente, Jahre geduldig um den nächsten Posten bemüht. So wuchs das träumerische Fräulein Remy bürgerlich und stille, heiratete einen Herrn Rheïne, schied bald, kehrte wieder zu den Eltern und wurde die Schülerin des Vallès, des ungestümen Kommunisten, den sie mit schwärmerischer Pflege ehrte und bis in den Tod nicht wieder verließ. Ihr zweiter Gatte, der Doktor Gebbhardt, vom Institute, gab die Mittel zur Gründung des Cri du Peuple, der bis 1888 ihren Namen trug – sie konnte sich auf die Dauer mit den Gelehrten des Sozialismus nicht vertragen: sie haßte die Schulen, die für Brot dem Volke Dogmen geben, und haßte den Haß, den sie statt der ewigen Liebe verkünden, und mochte wohl überhaupt, weil sie jede Meinung achtet und versöhnlich den Gegner hören will, in eine Zeitung nicht passen. Mit freier Feder vagabundiert sie jetzt ein bischen überall, interviewt für den Figaro, kritisiert die Theater im Jour, agitiert für die Armut im Gaulois und wirbt im Matin, im Eclair, im Gil Blas, im Echo de Paris, im Journal um Erbarmen. Das ist ihr Element: helfen, immer helfen, allen helfen; den kleinen Telegraphisten, die der Hunger striken macht, und den Knappen von Saint-Etienne, welchen sie sechzigtausend Francs gesammelt hat, und der alten Elise Dugueret, der vergessenen Tragödin, und der guten Mutter Jouault, der Marketenderin der Freischützen von Chateaudun, und dem Mörder Padlewski, den sie bei sich vor den Häschern versteckt und durch ihren Freund, den Journalisten Georges de Labruyère, über die Grenze gerettet hat. Für Trost und Hilfe hat sie immer Zeit, und sie hat noch Zeit, die lieblichste Frau mit den hübschesten Einfällen zu sein, wie sie denn der Cocarde den Titel und den Boulangisten die rote Nelke zur Devise gab.

Sie hat immer Zeit, weil sie in einer unabänderlichen Ordnung lebt, die strenge und genau gehalten wird – das ist das Geheimnis der Pariser, das ihre Wunder an Arbeit und Genuß erklärt. Sie schläft bis elf, badet und gehört dann den Sorgen um die Schönheit, da sie ja so ganz nebenbei die zierlichste Mondaine ist. Um halb zwei wird dejeuniert, und von vier empfängt sie. Unablässig drängen sich die Gäste: denn sie läßt jeden herein, den Not drückt, hört jeden geduldig, der zu klagen hat, und weiß immer Rat, diesem Arbeit, jenem Hoffnung. Von halb sechs, sechs bis neun oder zehn wird geschrieben und dann ins Theater, zu Besuchen, über die Boulevards, oder sie ordnet daheim die Fülle ihrer Noten, Zettel und Dokumente. Vor fünf Uhr früh geht sie nicht schlafen.

Es sind viele Bilder von ihr. Marie Coutant, Renouard und Louise Abbema haben sie gemalt, und im letzten Salon hatte das Fräulein Beaury Saurel ihr feines, launisches, von rothen Locken verbrämtes Köpfchen. Man mochte sie, bis man sich näherte, nach der fremden, schlaffen Anmut, nach dieser weichen, losen Haltung, wie eine Seerose, welche die Welle wiegt, nach dem assyrischen Ernste der bleichen, feierlichen Miene für die große Sarah nehmen. Das Tragische ihrer stolzen Erscheinung, wie sie da in dem weichen, weißen Kleide saß, eine müde hängende Nelke im Gürtel und träumerisch die lange, schmale Hand herab, war getroffen, und man empfand die edle Weihe ihrer strengen und gerechten Seele. Aber es fehlte jene milde, laue Luft von Herzlichkeit und Güte, jener Staub und Glanz und Duft von Liebe, der um jede ihrer Gesten ist. Es fehlte, was Francois Coppée von ihr gesungen hat: »… une femme au grand coeur, la bonne Séverine.« Es fehlte das köstliche, süße Lächeln um die sanften Lippen, wie Kinder lächeln, wenn sie, eben noch verweint, mitten im Schmerze getröstet sind.

Sie zwitschert fein und leise, und auf ihrer zärtlichen, streichelnden Stimme ist es wie Dampf und Nebel aus heißen Gefühlen.

»Der Antisemitismus ist die Partei der Unzufriedenen von allen Parteien. Wer sich ärgert, wird Antisemit. Da ist der Adel, der den Juden ihr Geld nicht verzeiht und sie aus Neid, aus Rache und wohl auch aus Genre haßt, weil einen das posiert, weil es chic ist. Edel und vornehm wird man das nicht finden, aber man kann es schließlich begreifen. Die Juden haben den Adel verdrängt. Sie spielen die Rolle, die er spielen möchte und nicht mehr spielen kann. Sie haben das Geld, das er gern hätte und nicht mehr hat. Also … schlagt sie tot! Das ist wohl überall so …«

»Das ist auch bei uns so.«

»Dann die Sozialisten, die natürlich keineswegs Antisemiten sind, aber mit dem Antisemitismus gehen, weil ihnen jede Revolte willkommen ist, und weil er wenigstens auf ein Stück des Kapitals schlägt, das sie hassen. Sie billigen seine Handlungen, die ihnen nützen, ohne seiner Doktrin zu folgen. Das ist ja natürlich nicht möglich, weil sie ungerecht und gegen die Vernunft ist, weil sie statt alle Reichen, bloß den reichen Juden, und weil sie nicht nur den reichen, sondern auch den armen Juden trifft. Aber sie stört die Ordnung, reizt die Menge, wird der Regierung unbequem, das lockt die Sozialisten und lockt jene heiteren Pariser aller Parteien, die den ganzen Tag nichts anderes denken als: embêter la gouvernement. Aristokraten, Sozialisten und jene Freunde des Lärms, die gerne die Ordnung etwas zausen – da haben Sie die Elemente des Antisemitismus.«

»Und das Volk?«

»Das Volk? Das wahre, echte, wirkliche Volk? Das Volk, das arbeitet und schafft? Das Volk traut dem Antisemitismus nicht, weil es die lockere Ordnung, die List und Lüge seiner Argumente fühlt, aber manche verblendet der Zauber einiger Führer. Das Volk ist nicht antisemitisch, weil es gut und gerecht und friedlich ist, aber viele schwärmen für Drumont, weil er tapfer, von Leidenschaft und Kraft und ritterlich ist, mit einem stolzen Hasse gegen das Geld, mit einer stürmischen Sprache für die Not. Er hat ein Buch geschrieben, »Le secret de Fourmies«, das wunderbare, unvergleichliche Seiten gegen die Ausbeutung, gegen die Willkür hat – freilich kommt er dann auf einmal wieder auf den Juden, der alles verschulden und alles büßen soll, jede Niedertracht und Schande der Gewalt. Aber dem Volke gefällt sein redlicher Mut, der ohne Rücksicht die Ränke und Verbrechen der Regierungen beim rechten Namen nennt, wie das überhaupt dem Volke am Antisemitismus gefällt, daß er ungescheut manche böse Wahrheit sagt, die es lange empfunden, aber sonst noch von keinem gehört hat.«

»Glauben Sie, daß in Ihrem Lande der Antisemitismus eine Zukunft hat?«

»Wer will die Zukunft erraten? Die Dinge geschehen immer anders, als der feinste Kenner meinen darf, und spotten jeder Rechnung. Unvermutetes erscheint und wendet alles. Ereignisse kommen, die keiner ahnte, und es ist der Geist der Ereignisse, der die Geschichte macht, nicht der Geist der Menschen. Wer will da prophezeien? Aber ich glaube an einen großen Wechsel in allen Dingen, an eine gewaltige Revolution. Was werden wird, wie es werden wird, weiß niemand. Ich weiß nur, wie immer es auch werde, daß es nicht schlechter werden kann als heute. Als Hefe zur Gährung mag auch der Antisemitismus dienen. Das kann ihm vielleicht künftig eine gewisse Bedeutung geben, aber wird immer ein häßliches, rohes, schimpfliches Mittel bleiben, das jeden rechtlichen Sinn empört. Alle seine Gründe sind falsch und erlogen. Er nennt sich christlich? Aber der Heiland, der die Demut und der Friede war, hat die Liebe aller Menschen gepredigt und sein Blut ist für alle geflossen, jeden Hader aus der Welt zu löschen, und sein brüderliches Wort ist geblieben, daß vor Gott alle gleich sind. Er nennt sich national? Brauchten wir uns für die Freiheit und Gleichheit der Neger zu begeistern, um jetzt gegen die eigenen Bürger zu wüten? Er nennt sich sozial? Ja, sind denn alle Juden reich, und sind die Reichen niemals Christen? Ich weiß katholische Wucherer genug und weiß arme Juden in Not und Elend. Und wenn wir den jüdischen Geist tadeln, der Gewinn sucht, sollten wir nicht vielmehr uns selber tadeln, die ihn geschaffen? Jahrhunderte haben wir sie im Ghetto unter Schmach und Verachtung gehalten. Sie durften nicht Krieger, nicht Richter, nicht Bürger sein. Sie hatten kein Vaterland, da sie es nicht verteidigen, hatten keinen König, da sie ihm nicht nahen, keine Gesetze, da sie sich nicht durch sie schützen durften. Was sollten sie thun? Es blieb ihnen nichts als der Handel, der Wucher, die verächtlichen Gewerbe, welche die anderen verschmähten. Und jetzt wollen wir sie deswegen tadeln, statt über uns selber zu klagen, über den grausamen Dünkel unserer Ahnen! … Ah, man könnte ja stundenlang gegen den Antisemitismus sprechen, gegen die giftige Verlogenheit seiner Lehren und gegen die brutale, rohe Leidenschaft seiner Form, welche die gemeinsten Instinkte ruft.«

*

23.
Charles Morice

Charles Morice ist so der Aristoteles der neuen Kunst von morgen. Man hat ihn das »Gehirn des Symbolismus« geheißen, weil sein Buch über die Littérature de tout à l'heure, das 1889 bei Perrin erschien, die dunkle Wildnis dieser wunderlichen fremden Verse klären, ihre Wünsche und Gesetze geben wollte. Das Buch hatte Glück. Manche spotteten auf seine schwere, feierliche, mit Fleiß pedantische Sprache, und der schlimme Dünkel gegen die geläufigen Größen verdroß, aber man erkannte einen starken Geist von strenger Bildung, rätlichen Plänen und edlen Begierden. Einige Worte, wie diese klassische Formel der neuen Künstler, daß sie »durch die ganze Kunst den ganzen Menschen suggerieren« wollen, sind geblieben.

Der Bürger, der brave Bürger, der liebe Leser der alten Romane, wo treffliche Prinzen um keusche Näherinnen werben, verargt es den »Jungen«, daß sie ausländisch seien. Man merkt deutsche, englische Spuren, welche wider die Gewohnheit sind. Man findet sie dunkel und wirr, während der Franzose helle Ordnung liebt. Man schmäht ihre Sprache, die vielleicht sehr träumerisch und schön, aber gewiß nicht französisch ist. Und sie haben auch solche priesterliche, prophetische, brahmanische Allüren, daß einem grauen möchte. So ist um sie mit der Zeit eine ganze Legende geworden, als ob alle Zauberer und Nekromanten von da unten wären, aus jenem Lande der schweren Nebel, der schwarzen Wälder mystische Beschwörer.

Morice thut alles, die Legende zu bestätigen. Es gefällt ihm, geflissentlich die Pose zu nehmen, die der Bürger nach den Zeitungen erwarten muß. Er hat, wie er, lange, hager, dünn, in der weiten, schlaffen, dunklen robe de chambre schlottert, mit den dürren, spitzen, stacheligen Gesten, mit der jähen, harten Nase, mit der fahlen, leeren, irdenen Miene, die ein scheues, kurzes, krauses Bärtchen fleckt – er hat was Düsteres, Phantastisches, Dämonisches, das nur das liebe, stille, sanft ironische Auge dementiert. Ein Faust, der zugleich ein bischen Mephisto ist. Oder eines von jenen kreislerianischen Gespenstern des E. T. A. Hofmann. Oder ein Maurice Barrès, den man aus seiner englischen Fassung genommen und in die Livree des Teufels gesteckt hat.

Er hält jetzt Konferenzen. Er hat in Genf über »das Wort Poesie« und über das »soziale Prinzip der Schönheit« gesprochen – es ist dann als »du sens religieux de la poésie« bei Vanier erschienen. Und er beginnt eben eine Reihe über die »großen Fragen der Zeit«. Die erste, die er zwei Tage nach meinem Besuche gehalten hat, handelt vom Antisemitismus. Er giebt mir ihren Sinn, die wichtigsten Sätze und Gedanken.

»Ich spreche als Dichter, als Künstler. Ich habe mich gefragt: welche Stellung hat heute im modernen Staate der Poet, der Denker? Und ich habe gefunden, daß eine Gesellschaft, welche von Advokaten, statt von Philosophen geführt wird, einem Menschen gleicht, der auf dem Kopfe gehen und mit den Füßen denken würde. Wer hat die Schuld? Wer verhindert die natürliche Ordnung der Dinge? Das Geld. So bin ich von der Stellung der Dichter und Denker zu den Fragen des Geldes und vom Gelde zu den Juden, und von den Juden auf die Antisemiten gekommen, die ich thöricht, ungerecht und gegen die Kultur gefunden habe. Was sind ihre Beschwerden? Von den religiösen will ich lieber schweigen, da sie wirklich gar zu albern sind; aber auch die nationalen taugen nicht mehr, weil der Jude, wie ihm ein Land die bürgerlichen Rechte gewährt, der beste und treueste Patriot ist – im Jahre 1871 haben etwa sechzig Prozent der elsässischen Juden für Frankreich gestimmt. Bleiben also nur die ökonomischen Fragen. Aber die Zahl der reichen Juden ist klein, und wenn man sie vertreiben würde, hätte man noch lange nicht den Kapitalismus vertrieben; es würden nur die protestantischen und katholischen Ausbeuter profitieren. So sind alle Lehren der Antisemiten eitel, leer und nichtig. Sie verleugnen die beste Errungenschaft unserer Vergangenheit, den großen Satz der Revolution, daß die Rechte aller Menschen gleich sind. Sie machen erst das aus dem Juden, was sie an ihm tadeln: sie entfremden ihn dem Volke, indem sie ihn verfolgen – wie denn der russische Jude Jude, der französische Jude Franzose ist. Sie schädigen die Kultur, welche die Juden braucht – weil ihr diese Rasse große, seltene, unentbehrliche Gaben bringt: ihre wunderbare Kraft, die sie in aller Not und Verfolgung erhalten hat, ihren unvergleichlichen Verstand und das Ideal der unbeugsamen Gerechtigkeit, welches das arische Ideal der Liebe ergänzen muß. Das sind die Ergebnisse meiner Forschung.«

*

24.
Cluseret

Der General Cluseret scheint wunderlich und fremd zwischen den anderen Menschen von heute. Seine Rasse abenteurischer Empörer, mit der ungeheuren Lust an neuen, bunten, üppigen Ereignissen und der unversieglichen Begierde, sich ein großes Leben in heroischen Zügen zu zeichnen, kennen wir sonst heute nicht mehr. Er ist, in dieser Zeit der feinen, seltenen, wählerisch geprüften Sensationen, der Letzte aus der Zeit des wilden, ungestümen, schwärmerischen Pathos, der Letzte von 1830, aus jenem Schlage der roten Westen, der purpurnen Leidenschaften und der scharlachenen Gedanken.

Er ist in Paris den 13. Juni 1823 geboren. Sein Vater, der Oberst der Infanterie war, schickte ihn zur Schule von Saint-Cyr, die er als Lieutenant verließ. Im Jahre 1848 kommandierte er das 22. Bataillon gegen die Barrikaden und wurde für seinen Mut mit der Ehrenlegion geschmückt. Nach dem Streiche des dritten Napoleon ging er als kaiserlicher Kommissär in den Kriegsrat von Blidah. Aber er verzichtete bald, um Garibaldi zu folgen, der ihn nach der Eroberung von Capua zum Oberstlieutenant ernannte. Als die Waffen schwiegen, trieb es ihn über das Meer, im Sezessionskriege als Adjutant von Mac Clellan, eben in jenem Korps, wo der Graf von Paris und der Herzog von Chartres als schlichte Hauptleute dienten, während er bald General war. Er gründete dann in New-York eine Zeitung, um die Wahl des Generals Fremont zum Präsidenten zu führen. Aber der Streit der Reden hielt ihn nicht lange, und er kam nach der Wahl des Generals Grant zurück, um in den Dienst der fenischen Revolution zu treten. Die englischen Gerichte verdammten ihn zum Tode, weil er für jenen Aulif galt, der das Verbrechen gegen das Schloß von Chester geleitet, und er floh nach Frankreich, wo er im Courrier Français Studien über »Die Lage in den Vereinigten Staaten«, aber bald in L'Art, einem neuen Blatte, das er gegründet hatte, seine revolutionären Wünsche mit solcher Leidenschaft schrieb, daß er verurteilt nach Saint-Pelagie gebracht wurde, wo er die Führer der »Internationale« fand und die Gedanken des Sozialismus erfuhr. Er verließ Frankreich und kam erst nach dem Sturze des Kaisers in der Revolution vom 4. September zurück, wo er gleich in der »Marseillaise« mit solcher Wut gegen die Regierung der nationalen Verteidigung sprach, daß ihn Rochefort, dem das Blatt gehörte, unter dem Drange der öffentlichen Entrüstung verleugnen mußte. Er kämpfte in der Lyoner Revolution vom 28. September und stiftete die Kommune von Marseille, die ihn zum Marschall des südlichen Frankreich wählte. Am 16. April 1871 in die Pariser Kommune und bald in das exekutive Komitee ernannt, wurde er schon am 1. Mai für seinen spöttischen und frechen Mut gegen die revolutionäre Regierung enthoben, verhaftet und nach Mazas gebracht, wo er erst, als am 24. Mai die deutschen Truppen in die Stadt marschierten, im Taumel des Schreckens entfloh. Fünf Monate verbarg ihn ein Priester. Im November konnte es ihm glücken, nach England und dann nach Amerika zu flüchten. Der dritte Rat von Versailles hatte ihn inzwischen zum Tode gerichtet. 1882, zwei Jahre nach der Amnestie, wagte er sich nach Frankreich zurück, um die Redaktion der »Kommune« zu führen. Aber die wilde, ungemessene, wüste Sprache, in der er schrieb, brachte ihm gleich eine neue Klage, die Armee zum Verrate zu reizen, und er mußte, zu zwei Jahren Gefängnis verdammt, die Heimat wieder verlassen. Er durfte 1884 zurück und wollte jetzt unpolitisch leben, der Malerei allein ergeben, die er immer als Dilettant geliebt: er gab eine Ausstellung von 120 seiner Bilder und Skizzen, und jedes Jahr sah man jetzt im Salon seine Sendungen wieder, Landschaften und Architekturen aus dem Süden und dem Orient, in kühnen, stolzen, mächtigen Farben, aber ohne ein persönliches Verdienst jenseits der Schablone. 1888 wurde er im Var gegen den radikalen Kandidaten Foroux, den Bürgermeister von Toulon, 1889 im zweiten Bezirk von Toulon für die Kammer gewählt, wo er mit seiner geraden, ungelenken Leidenschaft in dem künstlichen Getriebe von klugen Ränken und verschmitzten Listen geringe Bedeutung hat …

Er wohnt auf dem weiten, leeren, grauen Boulevard Arago. Die Bäume sind verstaubt; es gehen geringe Leute, und rings scheint die traurige, arme Luft der Arbeit. Dunkel winkt die runde, aber blasse Anmut der milden Kuppel vom Val de Grace, dem fahlen Kloster, das die Anna von Österreich einst den Benediktinern geschenkt.

Da sind ein paar Häuser, drei oder vier, nur mit Malern. Die jungen, tollen, die noch toben müssen, hausen drüben auf den lauten, bunten Hängen von Montmartre, das Salis, der Herr des schwarzen Katers, den Nabel der Erde genannt hat. Die berühmten und verwöhnten, welche die Mode wählt, haben ihre üppigen und grellen, immer ungemütlich theatralischen Ateliers hinter dem Park Monceau, Boulevard Malesherbes, Avenue de Villiers, Rue Prony, in diesen zierlichen Herbergen der reichen Gäste. Aber wer stille Arbeit, einsam lernen und auf sich horchen will, oder auch, wer sich aus der Kunst eine geduldige, bürgerliche Industrie gerichtet hat, wohnt lieber in diesem gelassenen, bescheidenen, gewerblichen Quartier, wohin kein Lärm der tollen Stadt verhallt. Da schafft der träumerische Ambros, von dem jene düsteren, wilden, fahlen »Kindesmörderinnen« sind; er möchte gern die Formel jenes anderen Orients von heute finden, der verlotterten und besudelten Pracht, die er dort empfand. Da schafft Marius Michel, der nachdenkliche Sucher, der für seltene, besondere Dinge um schlichten, dürftigen und keuschen Ausdruck ringt. Da schafft unser Rudolf Weiß, ein braver Fabrikant in orientalischen Scenen, der pünktlich jeden Monat eine neue Gruppe handelnder Araber liefert oder eigentlich immer dieselbe, nur daß jetzt der lüsterne Mohr rechts, der verschmitzte Jude links ist, und das nächste Mal umgekehrt, und nach schönen, großen, deutlichen Vorlagen stattlicher Bücher werden mit Eifer die sauberen, klugen, feinen Ornamente gepinselt.

Hier gleicht eine Wohnung der anderen. Vorne der große, hohe, helle Saal, mit Bildern, Skizzen, Staffeleien, Stoffen, Polstern, Waffen, Krügen, Puppen und Kostümen; hinten in den Hof hinaus, der sich die Allüren eines Gartens geben möchte, ein schmaler Salon, von allerhand bunten Schrullen erheitert; und oben ein karges Quadrat für die Nacht. So ist eine wie die andere. Nur daß Cluseret einen Schreibtisch hat und in der farbigen Häuslichkeit des Malers rings Bücher, Papiere und Akten verstreut sind.

Er ist derb, ungelenk, klobig, mit etwas vom Gabillon in den großen, breiten, wuchtigen Gesten, in der knöchernen Stimme, welche die Worte wie Blöcke schleudert. Er schlenkert aus einem schmierigen, grauen, alten Kittel heraus, mit einer wilden, ruppigen Gemütlichkeit. In der versunkenen, wüsten Miene, unter den kurzen Borsten der weißen Haare, unter den nassen, leeren, trüben Augen, die zwinkern, glänzt die feiste, fleischige, blaue Nase wie eine phantastische Gurke …

»Ich bin Freidenker, absoluter Freidenker, radikaler Freidenker. Also einen religiösen Antisemitismus giebt's bei mir nicht, sondern nur einen sozialen. Dem allerdings verschließe ich mich nicht. Man müßte ja blind sein. Panama und überhaupt alle großen Betrügereien – wer ist da immer der erste? Juden, nichts als Juden. Ich kenne Juden, die ich ungemein schätze und verehre. Aber das räumt die Thatsache nicht weg, daß alle diese widerlichen Skandale der letzten Jahre ihre Herkunft und ihre findigsten Leiter in den Juden hatten. Das ist das Verdienst von Drumont, daß er der erste war, das zu beweisen. Das scheint mir unwiderleglich. Ich sehe der Welt jetzt doch schon lange genug zu. Ich habe 71 Jahre, und ich muß sagen, wenn ich vergleiche und mich erinnere: Vor fünfzig Jahren war von dieser entsetzlichen Korruption, die heute wütet, noch keine Spur, sondern da sind nur die Juden schuld, die sich von Deutschland her auf unser armes Land geworfen und es verlottert haben.«

»Ich hätte erwartet, daß Sie als Sozialist die Schuld der ganzen Bourgeoisie geben müßten.«

»Natürlich der Bourgeoisie, aber der Jude ist ihr deutlichster und bequemster Ausdruck, und die Juden sind die besten Erzieher zu den bürgerlichen Verbrechen. Natürlich, wenn ich Jude sage, meine ich damit nicht den armen, der arbeitet und darbt, und ich meine nicht blos den Israeliten, sondern es ist ein kurzes Wort für alle Ausbeuter und Schwindler überhaupt. Das Jüdische liegt ja nicht in der Rasse und nicht in der Religion, sondern in der sozialen Stellung. Ohne Juden wäre die Bourgeoisie niemals so gemein und so gefährlich geworden. Das haben die Juden und die Protestanten gemacht – nämlich, mit den Protestanten ist es genau die nämliche Sache, und eine Geschichte der Korruption in Frankreich wäre eine Geschichte der jüdischen und protestantischen Macht. Diese zwei Klassen von Fremden teilen sich in die Herrschaft über uns, und den Profit haben Deutschland und England – denken Sie blos, daß alle unsere auswärtigen Minister und ebenso die meisten Minister der Marine, diese unfähigen Idioten, Protestanten gewesen sind. Gegen diesen ewigen Betrug und Verrat des Volkes und des Staates muß man sich endlich empören, und die Dauer dieses Zustandes, dessen Symbol der Jude ist, ist unerträglich. Darum bin ich Antisemit.«

»Aber wie denken Sie sich die Lösung des Antisemitismus? Welche Mittel schlagen Sie vor?«

Er sinnt mürrisch einen Moment und kraut sich hinter den großen, dicken, wulstigen Ohren. Dann, indem er unwirsch die Schultern schupft: »Es giebt keine andere Lösung als durch einen gründlichen Wechsel des öffentlichen Geistes. Der Geist muß geläutert und zur Empörung gegen die Herrschaft des Schwindels gebracht werden. Wir brauchen eine Reinigung und Wiedergeburt der Sitten, in welchen dann alle Laster der Ausbeutung, welche ich kurz jüdisch nenne, nicht mehr möglich wären.«

»An eine Austreibung der Juden denken Sie nicht?«

»Das ist ein Unsinn. Erstens geht es nicht und zweitens wäre es eine abscheuliche Ungerechtigkeit. Wir wollen doch nicht die Rechte der Juden verkürzen, sondern wir wollen nur nicht, daß sie die unseren verkürzen. Wir wollen sie nicht unterdrücken. Wir wollen nur nicht, daß sie herrschen.«

»Denken Sie an irgend welche Gesetze gegen die Juden?«

»Unter gar keiner Bedingung. Ich halte es für ganz unstatthaft. Solche Wünsche hätten bei uns kein Glück. Sie sind zu sehr gegen den Geist und alle Traditionen unseres Volkes. Ich selber wäre ihr erster Gegner: denn sie würden die Freiheit und Gleichheit verletzen, für die wir kämpfen. Nein, keine Gesetze, keine Gewalt gegen die Juden! Schaffen wir den Schwindel aus dem öffentlichen Leben und das Jüdische wird von selber verschwinden. Ehrliche Gesinnung ist das einzige Mittel gegen das jüdische Beispiel. Der ganze Antisemitismus hat für mich sonst keine Bedeutung, als daß er eine solche Gesinnung wecken soll. Deswegen erzählt er Fälle, die entrüsten und erregen, und hetzt. Also besonders die entsetzlichen Schilderungen aus Algier, wo die Araber, diese unsäglich ritterliche und vornehme Rasse, von den Juden in der That schauerlich geknechtet und ausgesogen sind. Das muß das Volk doch allmählich zu Besinnung über unsere schimpflichen Zustände führen. Anders ist eine Lösung der Frage nicht möglich. Es gilt eine Wiedergeburt der Moral im Volke, die aus eigener Kraft geschehen muß – Gesetze, Verordnungen können nichts nützen. Das scheint mir der Sinn der antisemitischen Bewegung, die – ich wiederhole es – gegen keine Religion, gegen keine Rasse, sondern gegen soziale Übel ist. Ich wiederhole es: Ich habe gute und alte Freunde, die Israeliten sind, ohne Juden zu sein, und ich kenne eine Menge Christen, die sehr schlimme Juden sind. Jude ist nur, wer ohne Arbeit vom Betruge lebt. Nur gegen diese geht die Bewegung.«

An der Thüre erkundigt er sich noch nach Österreich, nach den jungen Tschechen besonders, die ihm gefallen, und erzählt von den alten Genossen, von Bem, Klapka, Kossuth und Pulsky. »Ja – ich kenne so ziemlich alles ein bischen, das irgendwo auf der Erde für die Freiheit gerungen hat. Ich habe ja selber eine Zeit auf der ganzen Fläche des Globus für die Revolution gekämpft. Später habe ich mir dann freilich andere Zerstreuungen gefunden.«

*

25.
Alejandro Sawa

Als ich 1889 nach Spanien kam, da flog der erste Ruhm des jungen Sawa durch die Städte. Die Neuerer jauchzten und die Wächter der Schablonen, vor seiner ungestümen, trunkenen Leidenschaft erschrocken, konnten doch einen starken, reichen Geist nicht verkennen. Er wirkte unwiderstehlich. Er wirkte, weil er ganz modern und doch ganz spanisch war: modern in der empfindlichen Witterung der neuesten Probleme, aber spanisch in den frenetischen Begierden nach dem Ungeheuren, nach rasenden gigantischen Gestalten, nach wütenden, aller Menschlichkeit entwachsenen Formen, wie einst Goya und Ribera tobten. Nadie hay allí que sea normal, hat Paris, der kritische Herold der Gente nueva, vom »Crimen legal« gesagt, von seiner kühnsten, freiesten Schöpfung, und man könnte es unter alle Werke setzen, die er schuf, als letzte Formel seiner ganzen Art: Hier ist nichts normal.

Es giebt Menschen, die als Könige geboren werden, und, wie arm sie seien, die edle Geste, den stolzen Zug, die feierliche Anmut der Herrschaft nicht verlieren. So war er damals: ein wilder, barbarischer König unter dem Helme der finsteren Locken; die Glut von Granada, wo in Gärten, die immer blühen, die schwarzen Gitanen lechzen, im gierigen Blicke; den Kuß der andalusischen Sonne auf den braunen Wangen; dionysisch in jeder Geberde; ein Troubadour, wie ihn Victor Hugo – ein Zigeuner, wie ihn Byron träumen möchte. Wer ihn sah, mußte ihn lieben, wie ein schönes Ereignis.

Er warf vier jähe, trotzige Werke in die Welt: » La mujer de todo el mundo« (»Die Frau von aller Welt«), jenes » Crimen legal«, die » Declaracion de un vencido« (»Die Erklärung eines Besiegten«) und » La noche« (»Die Nacht«). Dann schwieg er plötzlich, verschwand, und man hörte, daß er nach Paris war, in dieses weite und unendliche Paris, das verlockt. Da habe ich ihn jetzt wieder, tief im letzten Grunde des Lateinischen Viertels, gefunden und die Qual seines Lebens erkannt, die ein großes Werk, eine große That aus seiner gefolterten Seele treiben oder ihn zerstören wird.

Er mußte aus der Heimat weg. Er konnte nicht bleiben. Es ist ihm versagt, unbekümmert um das Wirkliche zu träumen. Er will die Schönheit, die er fühlt, in das Leben stellen. Er will bessern, bekehren, freie Menschen von adeligen Wünschen schaffen, welche die Liebe lenkt. So ist er, als Künstler, der die Kunst von der Welt, vom Leben die Schönheit fordert, revolutionär gegen alle Ordnung geworden, die seine Träume stört. Aber er durfte sich nicht in den dummen Revolten seines Landes, in den ewigen Debatten der heimlichen Konvente, wo jede Nacht die Königin gestürzt und zur Revolution gerufen wird, in diesen tragischen Operetten vergeuden. Er mußte weg, weil er daheim vor Haß nicht schaffen konnte. Aber draußen kann er vor Liebe nicht schaffen, weil ihn das bange Sehnen nach seinem Lande nicht läßt, nach der vollen spanischen Sonne.

Er irrt durch Paris: jetzt in der »Welt«, bei der Marquise von Altavilla, der blonden, sanften, innigen Freundin der Königin Isabella, bei der schönen Rachilde, der bizarren Künstlerin des Perversen, bei Zola, bei Zorilla, aber dann wieder wüst in den Kneipen der Studenten, mit Paul Mounet, dem großen Tragöden, der so sehr unserem Martinelli gleicht, mit dem hageren satanischen Charles Morice, mit Paul Verlaine, dem betrunkenen, verfaunten Sokrates, der doch jetzt der reinste Dichter ist, oder auch Wochen, schlimme, düstere Wochen allein, en ours, in öde Winkel verkrochen, mit sich zu hadern und verächtlich die Jugend der Pariser Dichtung zu schmähen, weil sie nur die holden, eitlen Spiele mit seltenen Worten, fremden Reimen, breiten Rhythmen sucht, statt an das Leid der Menschen und ihre Führung zum Glücke zu denken. So lebt er unstet und verzehrt sich, möchte heim und darf es doch nicht wagen, schwankt und peinigt sich mit tausend Zweifeln, bis ihn ein gewaltiges Schicksal, eine große Stunde rufen wird. Noch glaubt er sie fern und sträubt sich gegen die Bitte der Freunde, der Führer der spanischen Sozialisten zu werden.

Er ist jetzt recht verparisert. Die Wildnis der ungestümen Locken ist gelichtet, und er trägt sich boulevardisch. Aber in dieser heiteren und leichten Eleganz bleibt doch immer eine Note des andalusischen Geschmackes, der das Bunte, schrillere Kravatten und die lautesten Stoffe liebt.

Ich erzähle von meinem Interview über den Antisemitismus und frage um seine Meinung.

»Seit wann treibst du auch Politik? Das ist das Neueste!«

»Ich treibe keine Politik – fällt mir gar nicht ein. Du brauchst meine Konkurrenz nicht zu fürchten. Aber ich bin ein neugieriger Gast aller europäischen Komödien – warum soll ich mir gerade die politischen versagen? Ich will niemanden bessern, keinen bekehren. Ich will nur die Menschen meiner Zeit erkennen, wie sie in Gedanken und Gefühlen sind – vielleicht blos, um mich selber, das besondere und eigene an mir, in den Widersprüchen desto deutlicher zu finden. Und dann ist es sehr lustig; ein anderer sammelt Käfer; ich will Gesinnungen sammeln. Also bitte, sei so gut: gieb mir deinen Käfer.«

»Mit dir ist ja nicht zu streiten, wenn du etwas willst. In Gottes Namen!«

»Also los! Habt ihr überhaupt Antisemiten in Spanien? Bist du Antisemit? Wie denkst du über die Juden?«

»Es giebt bei uns keinen Antisemitismus – in keiner Partei. Selbst die ärgsten Reactionäre, die sonst kein Mittel unversucht lassen, würden sich schämen. Wir haben einmal in der Geschichte einen gründlichen Antisemitismus gehabt – und diese Schmach ist unauslöschlich. Wir sind gewarnt. Jude und Christ gilt bei uns gleich. Der Kastilier ist dem Andalusen viel fremder, als der Jude dem Christen. Wir merken es gar nicht, ob einer Jude ist. Die Juden gleichen körperlich, sittlich und in ihrem Wesen vollkommen den anderen Spaniern. Die paar internationalen Juden, die als solche bekannt sind, wie Rothschild und sein spanischer Agent Bauer, erregen keinen Haß. Wir hassen das Geld – aber daß katholisches Geld reinlicher, ehrlicher sein sollte, als das jüdische, wird sich kein Spanier einreden lassen. Kurz, wir sind nicht kompetent in der Frage – Spanien kennt keinen Antisemitismus.«

»Und du? Du mußt ihn, als halber Pariser doch kennen.«

»Ich finde ihn absurd, ungerecht und gemein. Ich kenne hier eine Menge Juden, aber gegen keinen habe ich je eine Abneigung empfunden. Im Gegenteil – ich bewundere und verehre die Juden. Ich bewundere die ernste, heilige Größe ihrer Kunst – was läßt sich mit ihrer Poesie vergleichen? Ich verehre ihren tapferen Geist, der die ererbten Lügen verschmäht – wer hat je für die Freiheit mutiger gerungen? Ein Volk, dem Heine, Marx, Lassalle gehören, verdient Ruhm und Liebe, und gerade die Deutschen, welche der Schimmer dieser Namen verklärt, schulden ihnen ewigen Dank. Und ich habe unter ihnen die herrlichsten Menschen gefunden, die schönsten Beispiele reiner Güte. Schau – ich werde dir eine Geschichte erzählen, die diesen Winter passiert ist. Ich habe zwei Freunde. Der eine ist ein Christ, der andere ein Jude. Der Christ ist ein Dichter und hat keinen Sou. Der Jude ist Bankier und macht Geschäfte. Der Jude hilft dem Dichter, wo er kann, und sie sind sehr intim. Der Jude hat eine Liebe – einen schönen, lustigen, köstlichen Fratzen, den er vergöttert. Er kauft dem Mädel ein kleines Hotel, hält ihr Pferde und sorgt für sie mit allen Zärtlichkeiten. Da verliebt sich der Dichter in sie. Sie betrügen den Juden. Natürlich werden sie erwischt. Was geschieht? Was thut der Jude? Jeder andere hätte den Freund samt dem Mädchen vor die Thüre gesetzt. Der Jude fragt den Freund: Liebst du sie? Erfragt das Mädchen: Liebst du ihn? Und da sie es nicht leugnen, sagt er: Dann müßt ihr natürlich zusammen leben. Nur vor den Leuten soll sie meine Geliebte bleiben, weil du ja kein Geld hast, für sie zu sorgen. Und ich möchte gern, daß ich auch weiter euer Freund bleiben dürfte. Ist das nicht herrlich? Ist das nicht ein Beispiel heroischer Kraft über sich ohnegleichen? Und darum empören mich die elenden Lügen der Antisemiten, und mir scheint, was sie treiben, eine jämmerliche Schmach, weil sie nur die Lösung der unabweislichen sozialen Fragen hemmen, gefährden, verzögern. Und jetzt komm, laß uns Vernünftiges reden, von Frauen und Gedichten.«

*

26.
Manuel Ruy Zorilla

Nach dem Siege Serranos am Guadalquivir, im September 1868, als die aufständischen Generale unter Prim Isabella vertrieben und die Republik verkündet hatten, wurde er, vierunddreißig Jahre alt, das erste Mal Minister. Als trefflicher Advokat und durch den heftigen Mut seiner Reden in der Kammer berühmt, und nun gar, seit der Madrider Insurrektion vom Juni 1866, auch noch im Glanze der Verbannung, hat er die Gunst der Straße. Aber bald, unter den unberatenen Zweifeln seiner Freunde, zwischen dem jungen Alfonso, dem Herzog von Montpensier, Dom Fernando von Portugal, dem Könige Luiz und der Republik, gerieth auch er, durch seine Neigung für den jungen Prinzen von Genua, in Tadel und Verruf und mußte nach wenigen Monaten verzichten. Er wurde zum Präsidenten des Cortes gewählt und führte die Radikalen, welche zwischen den Liberalen und den Republikanern ohne rechten Willen schwankten. Amadeo, dem er am 4. Dezember 1870 nach Florenz die Krone brachte, rief ihn in das erste Ministerium, und nach dem Sturze des Serrano leitete er bis zum 3. Oktober 1871 die Geschäfte. Die neuen Wahlen machten ihn zum Abgeordneten von Madrid, und im Juni 1872 bildete er, dem Drängen des Monarchen gehorsam, wieder ein Kabinet. Damals, da rings im Lande die Empörungen der Republikaner, Internationalen, Karlisten, Alfonsisten wuchsen, schwur er in seiner berühmtesten Rede, bis in den Tod die Dynastie zu verteidigen und vor den Thoren der Burg kämpfend für sie zu fallen, und erst, als der König selber, vom Mute verlassen, aus freien Stücken entsagte, zog er sich nach Portugal zurück. Er wurde nach dem Putsche von Canovas und Martinez Campos verbannt und lebt, ohne die Amnestie von 1881 zu nützen, still und einsam in Paris, indem er nur unablässig in Manifesten seine Forderungen einer konstituirenden Versammlung, religiöser Freiheit und sozialer Reformen wiederholt.

Er wohnt am Rande des Wäldchens von Boulogne, in der Avenue de la Grande Armée, wohin vom weißen Platze der Eintracht zwischen den Elysäischen Gärten die schönste Straße der Erde steigt.

Ein schlichtes Zimmer ohne Stil. Kein Schmuck, als viele Bilder von Verschwörern, Rednern, Dichtern. Auch von Victor Hugo, die in seiner festen, gewaltigen, kaiserlichen Schrift Widmungen tragen.

Er ist stark, vierschrötig, mit dem Nacken eines Toreros. Man möchte ihn für einen zornigen, asthmatischen Major mit Kongestionen nehmen, der sich ungerecht pensioniert glaubt. Geistig wirkt er nicht, aber diese harten, unbeweglichen, ehernen Züge, die engen, steilen, steifen Augen, die glotzen, und die Kraft des jähen, heftigen Kinnes zeigen Trotz und Größe.

Ich bringe einen Brief von Sawa, der mich empfiehlt und sage meine Wünsche.

»Über den Antisemitismus will ich Ihnen sehr gern meine Meinung geben. In eigentlich politischen Fragen müßte ich es verweigern. Das Interview ist sonst nicht in meinen Gewohnheiten. Ich habe allen Versuchen Ihrer französischen Kollegen immerzu entwischen gewußt. Sie verdanken es bloß Sawa, den ich für sein großes und mutiges Talent herzlich liebe, daß ich eine Ausnahme mache. Es giebt nämlich bei mir nichts zu interviewen. Ich verstecke ja meine Meinungen nicht. Sie sind in meinen Manifesten. Und indem ich seit vielen Jahren gewohnt bin, öffentlich zu denken, wird jede andere Frage entbehrlich.«

»Aber über den Antisemitismus haben Sie noch nie gesprochen.«

»Weil es in Spanien keinen giebt! Es giebt keinen Antisemitismus, weil es keine Juden giebt – leider! Die Vertreibung der Juden ist der größte Frevel an unserem Lande gewesen, ein unverzeihliches Verbrechen an der Zukunft unseres Volkes. Mit den Mauren hat man die Kultur vertrieben, mit den Juden die Industrie, den Handel, alle Mittel der bürgerlichen Wohlfahrt. Dieser selbstmörderischen Wut schulden wir das unsägliche Elend unseres Volkes. Nur wenige sind damals geblieben, und dieser schwache und geringe Rest ist ganz in den anderen verschwunden. So fehlt bei uns jede Bedingung des Antisemitismus, den ich übrigens, aufrichtig gestanden, niemals begriffen habe. Daß Jemand heute noch sich religiös begeistern und aus religiösen Trieben hassen kann, das ist mir ein Rätsel. Es scheint mir so sehr eine Verleugnung aller Kultur, aller Vernunft, alles Rechtes, überhaupt des modernen Geistes und unserer ganzen Zeit, daß ich gar kein Wort der Entrüstung finde, das stark genug wäre. Es ist eine Schande, ohne Beispiel, die ein unverlöschliches Mal an unserem Geschlechte lassen wird. Daß es heute überhaupt noch möglich ist, daß man sich nicht schämt, antisemitisch zu empfinden, und daß man mit einem Striche die ganze Arbeit der Vergangenheit und alle Errungenschaften des Geistes tilgt – man möchte an der Menschheit verzweifeln. Ich finde es absurd, erst Gründe gegen den Antisemitismus zu suchen. Er richtet sich selbst. Wer überhaupt fähig ist, seiner wüsten Hetze zu folgen, muß krank, muß geistig entartet sein und hat jedes Recht verwirkt, in ernsten Fragen vernommen zu werden.«

*

27.
Henri Rochefort

Rochefort hat neulich einmal Zola ein bischen gezaust und Zola, der vielleicht ein großer Künstler, aber gewiß ein kleiner Mensch ist, verträgt das gar nicht. Es gab Streit, die Presse hetzte und so wurde eine Woche wieder das Problem geprüft, das nun bald dreißig Jahre die Pariser reizt: ob der Mann der »Laterne« nur ein politischer Klown, in den Pausen der Geschichte, oder ein ehrlicher, wirksamer Wert in der Entwicklung des Landes ist. Viele redeten, aber niemand konnte es lösen.

Zola hat gesagt: »Ich kenne ihn als einen amüsanten Menschen, einen Gesellschafter ohnegleichen, einen unwiderstehlichen Plauderer; aber was mich an ihm immer verwundert hat, das ist sein Blick: dieses naive, nichtige, leere Auge. Sein Kopf scheint mir wie eine leere Schelle, welcher die Klingel fehlt. Gewiß – er hat ohne Zweifel Talent. Er ist jemand. Er ragt über das Dutzend. Aber prüfen wir doch sein Leben, seine Arbeit seit zwanzig Jahren, das Werk, das hinter ihm ist! Was hat er geschaffen? Nichts als Boulanger, der sicher dem Vaterlande nicht zum Heile war. Was wird von ihm bleiben? Nichts als seine Schule von gobeurs, wie diese Millévoye und Ducret, welche nach jeder Verleumdung, nach jedem lächerlichen Zettel haschen, den irgend ein Betrüger gestohlen hat, um nur um jeden Preis täglich einen neuen Skandal zu führen!«

Daudet hat gesagt: »Ich begreife Zola nicht. Mir ist Rochefort der feinste Geist, den ich heute kenne. Sein Auge soll leer sein? Ich finde es tief und finde, daß es auf den ersten Blick eine gewaltige, ungewöhnliche Natur verrät. Er hat ein enormes Talent und ein unerschöpfliches Talent, das sich in ewiger Jugend immer erneut. Ich lese ihn täglich und seine Kraft, sein Witz, seine Leidenschaft versagen, ermatten nie. Was würden ihn auch sonst jeden morgen alle Deputierten in der Kammer, alle Senatoren im Senate lesen? Es geschieht, weil er mit seiner reichen Kenntnis der Menschen und der Dinge, mit seiner großen Erfahrung immer die Wahrheit trifft. Keiner kennt wie er jede Klasse der Gesellschaft, alle Lagen des Lebens. Er hat auf dem Boulevard gelebt, er hat unter dem Adel gelebt, er hat mit Künstlern gelebt, er hat Komödien geschrieben, er hat Romane geschrieben, ganz famose, unvergleichliche Romane, er war im Gefängnis, er war im Bagno, er war in Neu-Caledonien – und jetzt ist er wieder verbannt! Und welche Grazie er hat, das Ernste gallisch heiter zu sagen – welchen Mut, den keine Gefahr, keine Not, keine Drohung beugt!«

Lemáïtre hat schon früher einmal über ihn geschrieben, in seiner fraglichen, zweifelhaften, verzichtenden Weise, die lieber sucht als finden will. Er nennt ihn einen cas moral des plus interessants et des plus irritants à la fois, par l'impossibilité où l`on est d'y voir clair jusque au fond, und zieht allerhand Vergleiche, Beispiele, Kategorien auf ihn, die doch alle nicht recht sitzen. Ein Meister jener Ironie ohne Rast, Leidenschaft und Wahl, welche »blague« heißt, ein Vaudevillist, ein unversöhnlicher Feind der Herrschaft und der Ordnung, der die wildesten Instinkte von der Straße ruft, ein Apostel der Not, der ein König des Boulevards ist, ein Revolutionär, der den Marquis nicht vergessen kann, wie einer jener räuberischen Ritter und geadelten Banditen, die sich einst aus Zorn, aus Dünkel, aus kriegerischer Lust gegen jede Macht empört – zwischen solchen Worten tappt er. Nichts will den bizarren Spötter decken und Widersprüche bleiben.

Vielleicht dürfte man sie anders lösen. Man sollte nur nicht vergessen, daß er ein Künstler ist – freilich nicht in Marmor, Farben oder Worten, sondern in lebendigen Menschen. Maurice Barrès, der ihn bewundert und liebt, hat ihn mir einmal als einen unvergleichlichen manieur d' hommes gerühmt, und er hat selber einmal gedroht: »Je ferai descendre des faubourgs, quand je voudrai, deux cent mille hommes.« Vielleicht sollte man ihn also aus einer solchen Künstlerschaft des Lebens erklären, welche in den Menschen, statt in Tönen und Malereien, ihre Träume, ihr Gesicht der Welt gestaltet, was man ja wohl jetzt einen Übermenschen nennt, wenn das wunderliche Wort überhaupt einen Sinn haben soll.

Er wohnt im Regents Park und das tiefe freie Grün der englischen Landschaft rauscht in das zierliche und feine Roccoco des üppigen Salons. Draußen zwitscherts von den breiten vollen Bäumen. Aber hier flirren, huschen aus Figürchen, Büsten, Vasen flinke Schimmer wie von Tänzen lächelnder Marquisen.

van Beers hat seinen fahlen, hämischen, burlesken Schädel einmal gemalt, dem die freche Zacke des steilen weißen Schopfes über der jähen Stirne was phantastisch Lächerliches, einen unheimlichen Spaß, wie von einem karrikierten Don Quixote giebt. Seltsam ist das Auge: gierig, lauschend, spionierend, wie ein Schwamm, der saugt, in sich zieht, nichts aus sich läßt, wie ein Blutegel, wie ein Vampyr. Man fühlt, daß man nichts aus ihm locken, nichts vor ihm verstecken kann.

Er redet wunderlich: auf den nächsten Gedanken los, den er wuchtig packt und in große Sätze faltet, um gleich andere Launen wieder zwischen sie zu schieben, die er gleich wieder verläßt, um gleich wieder auf sie zu kommen. So dreht sich seine Rede im Kreise. Ihr fehlt die helle, leichte, sichere Ordnung seiner Schrift.

»Vor allem: Ich bin leidenschaftlicher, fanatischer Antisemit. Aber ich verwerfe jeden religiösen Antisemitismus. Der ist dumm und blöd. Ich bin Atheist. Der Glaube interessiert mich nicht. Die Religion wirkt nicht auf mich – ich bin immer so gewesen, von Kindheit auf. Das liegt an meiner Erziehung, da es in meiner ganzen Familie keinen Glauben gab – mein Vater war ein strenger Voltaireaner. Die Frage hat auch mit der Religion nichts zu thun. Man braucht kein Christ zu sein, um gegen die Juden zu sein. Ich war 1871 im Gefängnis mit Muselmännern zusammen, die die Juden grimmig haßten. Der ganze Aufstand der Araber geschah damals nur, weil Cremieux die Juden naturalisierte – seit jenem Dekret ist der Fall von Algier unaufhaltsam; es verkommt mit jedem Tage mehr. Also: Nach der Religion frage ich nicht, in meiner Familie fehlt der religiöse Sinn – ich wurde erst mit elfeinhalb Jahren getauft, um in die Schule zu gehen – meine Tochter gar nicht und meine Enkelin auch nicht. Aber ich bin Antisemit, weil ich sehe, wie die Juden sind. An allen großen Katastrophen meines Volkes sind die Juden schuld. Und das ist immer in allen Ländern so gewesen, und alle Völker sahen sich gezwungen, sich gegen die Juden zu verteidigen und zu schützen. Sehen Sie z. B. die spanische Inquisition – die meisten Leute wissen gar nicht, daß sie ursprünglich gegründet wurde, nach der Herkunft der jüdischen Reichtümer zu forschen. So giebt es hundert Beweise, daß der Jude immer für ein bedenkliches und gefährliches Wesen galt. Die Juden sind käuflich, die Juden sind bestechlich, die Juden sind Wucherer. Sie haben im Blute ein Prinzip, das sie treibt und drängt alles an sich zu reißen. In der Not kriechen sie. In der Macht sind sie unerbittlich. Darum bin ich Antisemit. Die religiösen Gründe finde ich läppisch. Ich verabscheue den Katholizismus. Aber betrachten Sie Panama, die Kupfergeschichte, alle großen Skandale – überall Juden! Sie dringen überall ein, sie halten sich überall. Napoleon hat eine Menge Könige gemacht, die alle wieder verschwunden sind – nur die Juden Bernadotte sind auf dem Throne geblieben. Sie haben ein unglaubliches Talent, über Nacht reich zu werden – der Baron Spitzer mit der berühmten Sammlung, die jetzt versteigert wird und auf fünfzehn Millionen geschätzt ist, hat als ganz armer Teufel angefangen. Und sie entwischen aus den heikelsten Gefahren – der Herr Cornelius Herz, der Clemenceau allein über drei Millionen gegeben hat, sitzt jetzt vergnügt in Bornemouth, gesünder als wir zwei, Sie und ich, zusammen, und weiß, daß ihm nichts geschieht. Sehen Sie: solche Dinge – die machen den Antisemitismus! Daher kommt es, daß man sich in allen Ländern und zu allen Zeiten immer gegen die Juden empört hat. Das ist der Grund der ganzen Frage.«

»Aber wie denken Sie sich ihre Lösung?«

»Es ist selbstverständlich, daß ich keine Ausnahmegesetze gegen die Juden will. Das würde gegen alle Forderungen des modernen Geistes sein. Das Prinzip des gleichen Rechtes für alle darf nicht geschmälert werden. Ich verlange nicht, daß besondere Gesetze für die Juden gelten sollen, ich verlange nur, daß die Gesetze, welche für die anderen gelten, mit der gleichen Strenge auch auf die Juden angewendet werden – nicht bloß, wenn es dem Rotschild paßt, der heute alles nach seiner Laune entscheidet. Ich bin nicht gegen das gleiche Recht der Juden, sondern ich bin für das gleiche Recht der anderen. Man soll auch einen Juden strafen, wenn er ein Betrüger ist. Das ist das einzige Mittel, ihre Herrschaft zu brechen – ihre Herrschaft in allen Unternehmungen, in der Presse, in der Gesellschaft. Sehen Sie z. B. Lesseps – ich kenne Lesseps sehr genau; an dem ganzen Panama sind nur die Juden schuld, mit ihrer unersättlichen Gier, aus jedem Geschäfte zu profitieren. Heute könnte man auch Suez nicht mehr machen, weil der Hunger der Juden jede Unternehmung frißt. Und sehen Sie die Presse – es giebt keine französische Presse mehr: es ist alles in den Händen der Juden. Deswegen, nicht aus thörichten religiösen Gründen, die ich verwerfe, bin ich Antisemit. Von jenem reaktionären Antisemitismus, der Gesetze gegen die Juden verlangt, will ich nichts wissen. Ich kämpfe nur gegen die Herrschaft der Juden. Hier auf diesem Sessel da ist Cornelius Herz gesessen und hat mir geschworen, wenn ich seinen Propositionen folgen würde, in zwei Tagen das Ende meiner Verbannung zu erwirken – die Minister selber würden persönlich kommen und mich feierlich holen. Ja, das sind Zustände, die ich unerträglich und unhaltbar finde. Dagegen muß sich jeder gesunde Sinn empören.«

*

28.
Sir Charles Wentworth Dilke

Charles Wentworth Dilke ist der Enkel des großen Publizisten, der das »Athenaeum« und dann mit Dickens die »Daily News« gründete, und ist der Sohn des eifrigen Unternehmers, der 1847 mit Cole und Russell die erste Ausstellung der englischen Industrie und vier Jahre später die erste Weltausstellung schuf. Er wurde im Jahre 1868, fünfundzwanzig Jahre alt, in Chelsea gewählt und zeichnete sich durch seine Kenntnis der auswärtigen Fragen, die er langen Reisen durch Egypten, Indien, Australien, Californien und die vereinigten Staaten dankt, und durch seine republikanische Gesinnung aus, die er auch nach seiner Niederlage bei den Wahlen von 1874 in einem frechen, satirisch verwegenen Pamphlet über den »Fall des Prinzen Florestan von Monaco« bekannte. 1880 trat er in das Kabinet Gladstone und erneuerte den Vertrag über den Handel mit Frankreich. Ein britisch widerlicher Skandal stürzte ihn, als er von einem Hahnrei gerichtlich geklagt wurde. Doch wußte er seine Geltung in der liberalen Partei zu behaupten und sich durch den unermüdlichen Kampf gegen die auswärtige Politik Salisburys, besonders in der egyptischen Frage, bald wieder in die öffentliche Achtung zu stellen.

Er ist groß und stattlich, mit vollen, breiten und gesunden Zügen, mit einer freien, heiteren Kraft in allen Gesten, mit den Allüren eines Reiters und Jägers, der richtige englische Junker, der er doch im Geiste gar nicht ist, etwa wie Pochwalski den Fürsten Starhemberg gemalt hat.

»Für mich existiert die Frage nicht, weil sie in unserem Lande nicht existiert. Hier giebt es keinen Antisemitismus, weder in der Gesellschaft noch im Volke. Höchstens in Whitechapel draußen kann man vielleicht bisweilen Äußerungen hören, die antisemitisch klingen. Dort ist ein starker Haß gegen die jüdischen Einwanderer aus Rußland. Das hat aber mit der Politik nichts zu schaffen. Das ist nichts als Neid, der nicht dem Juden, sondern dem Konkurrenten im Geschäfte gilt. In der Gesellschaft ist nicht die leiseste Spur – wir haben keinen Antisemitismus.«

»Und Sie glauben, daß Sie ihn niemals haben werden?«

»Niemals ist ein großes Wort. Wenn man in der Politik niemals sagt, geschieht es gewöhnlich morgen. Aber dennoch – ich kann es mir nicht denken. Mir scheint der Antisemitismus in England unmöglich. Uns fehlen alle Bedingungen. Wir müßten unsere ganze Geschichte, unsere Kultur, alle selbstverständlichen Gewohnheiten verleugnen. Ich glaube: wir sind vor seiner wüsten Hetze sicher.«

»Und was hält man hier von dem kontinentalen Antisemitismus?«

»Aufrichtig gestanden, man kümmert sich eigentlich nicht um ihn. Er scheint uns wunderlich und gewiß nicht zur Ehre von Frankreich und Deutschland. Aber wir können uns doch nicht denken, daß er irgend eine Geltung für die europäische Geschichte gewinnen wird. Wir halten ihn für eine Krankheit, die von selber wieder verlöschen muß, wenn ihre Kraft erschöpft ist.«

*

29.
James Arthur Balfour

Der Neffe Salisburys. Seit 1874 in der Kammer, 1886 Minister für Schottland. Durch seine Härte gegen die Iren berüchtigt.

Auf den Brief, der ihn um seine Meinung über den Antisemitismus fragt, antwortet er:

 

Dictatet.

4, Carlton Gardens, S. W.
Private. 5th June 1893.

My dear Sir,

I beg to acknowledge your letter of the 3rd of June requesting an interview for the purpose of discussing the Jewish question in Europe. I should be glad to give you any assistance in your labours were it in my power to do so. But in truth there is no Jewish question in England at all and although the problems connected with Immigration from Russia and central Europe have excitet and still excite a good deal of attention in this country, this is not because the immigrants are Jews, but because they are paupers. Under these circumstances I fear you would not gain anything from the interview which you desire.

Yours faithfully
Arthur James Balfour.

*

30.
Henry Labouchère

Von 1854 durch zehn Jahre in diplomatischen Diensten. Seit 1864 in der Kammer. Mit Bradlaugh der Führer der radikalen und der republikanischen Gesinnung. Der treueste Gehilfe der irischen Politik von Gladstone. Man zweifelte nicht, daß er in sein Kabinet gerufen würde. Aber die Königin haßt ihn unversöhnlich, weil er oft im »Truth«, der ihm gehört, dem Hofe lästige Wahrheiten sagt.

Er schreibt mir:

»Ich komme leider erst Ende des Monats nach London zurück. Auch könnte ich Ihnen kaum nützen. Ich habe mich niemals mit der »Jüdischen Frage« beschäftigt. Ich lasse sie überhaupt nicht zu, weil es mir unmöglich ist, in einer Verschiedenheit der Religion irgend eine Frage zu sehen. So habe ich über sie gar keine Meinung.«

*

31.
Annie Besant

Annie Besant, die tapfere Freundin des Bradlaugh, die jetzt, seit dem Tode der Blavatsky, die buddhistische Gemeinde leitet, hat einmal in einer sanften, milden und lieblichen Schrift erzählt, wie sie Theosophin wurde, die doch erst gläubig, dann eine fanatische Botin des Materialismus war. Aber sie wußte endlich anders den Drang der tausend Zweifel, der ewigen Rätsel nicht zu lösen, als durch das heilige Gesetz der Karma, daß jedes menschliche Leben durch Verdienst und Schuld eines vergangenen bestimmt und selber in Verdienst und Schuld wieder die Bestimmung eines künftigen ist. Und erst in der stillen, ergebenen Zucht zur Läuterung, unter dem Beispiel der großen Meister, bis das Thierische verstummt und die heimlichen Stimmen aus dem Gemüte reden, hat endlich ihr rastloser Geist Versöhnung, Frieden gefunden.

Buddhismus, Theosophie – viele erschrecken schon vor den Worten und denken gleich an wüsten Spuk. Sie sollten einmal nach dem Hauptquartiere der Theosophical Society in der Avenue Road, am Rande des Regents Park. Es sind zwei helle, enge Häuschen, zwischen Rosen und Syringen, Käfer surren, Falter flattern, der Wind biegt die Zweige, heitere Fülle rauscht. Man kommt in einen kurzen Salon, dem fremde Bronzen, Bilder von wunderlichen, bleichen und verzückten Köpfen und die bunte Lust japanischer Zierden eine feine und bizarre Weihe geben. Man vergißt die breite, braune Öde der englischen Wohnungen, wo man sich immer wie im Orient-Expreß fühlt.

Mead empfängt mich, der Generalsekretär der Gesellschaft. Hager, schmal, leise, mit matten, zagen, ängstlichen Gesten, mit weichen, nur ein bischen ironischen Reden, mit einer fahlen, dünnen, blutlosen Miene, die karge, rötliche Fransen rahmen, wie einer von den kranken Prinzen des Velasquez. Er sagt mir das Programm der Gesellschaft, die den 17. November 1875 in New-York gestiftet wurde. Sie setzt sich drei Ziele: eine große Bruderschaft aller Menschen zu bilden, unbekümmert um Rasse, Glauben, Geschlecht, Kaste und Farbe; die Kenntnis der orientalischen Litteraturen, Religionen und Philosophien zu fördern; und nach den unbekannten Gesetzen der Natur und der seelischen Kräfte zu forschen, welche heimlich im Menschen sind.

»Sie sehen, da ist gar keine Spur von Hexerei und Satanismus. Im Gegenteil – wir sind immer ein bischen skeptisch gegen hysterische Jünger, welche die nervöse Freude an geheimen schauerlichen Reizen zu uns bringt – daher der Zwist mit den Franzosen. Und Sie finden da auch gleich die Antwort auf Ihre Frage: es kann für uns keinen Antisemitismus geben. Jeder Glaube, jede Rasse gilt uns gleich. Wir suchen das Ewige hinter den vergänglichen Formen.«

Er führt mich in den Saal, wo sie ihre Feste halten, mit strengen Zeichen aus allen Religionen, zeigt mir ihre Schriften, Bücher, Revuen in der großen Bibliothek, wo Schmiechen das düstere, schwere, schmerzliche Haupt der Blavatsky gemalt hat, und bringt mich zur Besant.

Sie ist klein, schmächtig, scheu, von linkischer, gedrückter Weise, ärmlich in Haltung und Geste, die triste Miene unter kurzen, weißen Stutzen. Sie trägt sich. verächtlich gegen Putz und Mode, geflissentlich kahl und nüchtern, wie man die englischen Gouvernanten zeichnet. Aber die tiefen, kindlichen, grauen Augen leuchten.

»Wir sind natürlich gegen den Antisemitismus. Jede Bewegung gegen eine Rasse oder einen Glauben erscheint uns ungerecht und thöricht. Übrigens glaube ich, daß man ja überhaupt in England eigentlich von Antisemitismus nicht sprechen kann. Es giebt keinen. Was etwa bisweilen so klingt, hat im Grunde nichts mit den Juden zu thun. Es ist bei den einen der Haß gegen die großen Mächte an der Börse; bei den anderen, in Eastend draußen, wo man die russische Einwanderung nicht mag, ist es die Furcht vor der billigen Arbeit, die die Preise verdirbt – ähnlich wie in Amerika die Hetze gegen die Chinesen. Da nun diese Beschwerden nichts treffen, das ausschließlich jüdisch wäre, dürfen wir uns wohl rühmen, daß unser Land keinen Antisemitismus kennt.«

*

32.
Sidney Whitman

Der Freund Bismarcks, der das »Imperial Germany« und »The Realm of the Habsburgs« geschrieben hat, einer von den großen Vermittlern zwischen den Völkern und Phöniziern des Geistes, wie Hillebrand, Georg Brandes und Juan Valera, welche die Grenzen der eigenen Nation verlassen, mit Liebe in die anderen dringen und das Menschliche aus ihnen holen, das im Wechsel der Formen unabänderlich gleicht.

Eine stille Stube, mit jener breiten, dunklen Behaglichkeit des britischen Geschmackes. Stiche von Whistler, Bilder von Lenbach; eines mit dem lakonischen Vermerk: »Mißlungen« – Franz von Lenbach. Allerhand Erinnerungen an Bismarck und Moltke. Und wenn er erst seine Mappen öffnet, defilieren alle Namen Europas. Er reist nicht, wie die anderen, Straßen und Bauten und bloß die Körper der Länder zu sehen, sondern weiß die mächtigen Führer zu treffen, welche das Schicksal und den Geist der Völker entscheiden.

Er bestätigt mir, daß England keinen Antisemitismus kennt, und er glaubt nicht, daß sich das ändern wird. Über den kontinentalen Antisemitismus hat er selber neulich in einer englischen Monatsschrift geschrieben. Er wiederholt mir die wichtigsten Sätze.

»Wer die Bewegung erkennen will, muß den Antisemitismus von den Antisemiten trennen. Die Antisemiten sind meistens unverläßliche und wenig erfreuliche Leute. Sie flunkern mit allerhand Behauptungen, die sie vor Gericht dann nicht beweisen können, und verleumden. Es fehlt ihnen an der Ethik der Genauigkeit. Dennoch folgen ihnen viele, weil sie instinktiv fühlen, daß im Antisemitismus etwas steckt. Das sollten die Juden nicht verkennen und sollten begreifen, daß der Haß gegen das Judentum sich mit einer großen Achtung vor dem einzelnen Juden sehr wohl vertragen kann. Sie müßten vielmehr selber die Schäden suchen, die gegen sie reizen. Es würde sich dann vielleicht zeigen, daß sie gar nicht in den Juden, sondern in der modernen Entwicklung liegen. Daß man heute Geld nicht »verdient«, sondern »gewinnt«, daß nicht der Schöpfer einer Sache gilt, sondern der »Macher«, der sie »lancirt« oder »poussiert«, daß der Schwindel über die Arbeit siegt, ist das ausschließlich jüdisch? Der Jude ist nur ein bequemes und deutliches Beispiel. Aber wenn die Bewegung ernstlich wirken soll, dann wird sie sich von den Juden weg gegen alle sittliche Gefahren wenden und eine ethische Läuterung der öffentlichen Dinge verlangen müssen.«

*

33.
Timothy Healy

Seit dem Tode des Parnell führte der Abgeordnete von Longford die Iren, und jetzt werden wir ihn wohl bald als irischen Minister sehen.

Klein und spitz: ein schmaler brauner Bart mit grauen Fäden, ein feines, dünnes Näschen mit nervösen Flügeln, winzige, sanfte, kluge Augen unter der runden Stirne. Dabei eine schwere, wichtige, umständliche Würde in den Blicken, in den Gesten, die an dem niedlichen Figürchen lustig wird, wie wenn ein flinkes Eidechslein steif und gravitätisch wäre. Er merkt das wohl selbst, und es scheint ihn, wenn man den huschenden Schimmern in den scharfen Furchen um den Mund vertrauen darf, sehr zu vergnügen.

»Irland kennt keinen Antisemitismus, und es hat ihn niemals gekannt. Die katholischen Iren rechnen es sich zur Ehre, daß man unter ihnen die Juden niemals verfolgte. Wenn man in den letzten Jahren antisemitische Spuren zu merken glaubte, so war das doch nur in der niedrigsten Bevölkerung, und es hatte seine besonderen Gründe. Die Juden, welche aus Rußland kommen, ziehen als Hausierer durch das Land, gewähren den kleinen Leuten Kredit, und da giebt es denn natürlich immer Prozesse. In einem solchen hat ein Richter, durch das Hin- und Herlügen der Parteien erbost, die unbesonnene und ärgerliche Äußerung gethan: Den Juden glaube ich überhaupt nichts mehr! Das war nun den Engländern wieder ein willkommener Anlaß, uns zu schmähen und gegen uns zu hetzen. Die Sache wurde furchtbar aufgebauscht und ausgenützt, um uns der Intoleranz und des religiösen Fanatismus und aller möglichen Laster zu beschuldigen. Aber in Wahrheit kann doch wohl ein einzelnes Wort, unbedacht und im Zorn gesprochen, gegen ein ganzes Volk nichts beweisen, und wie gesagt: wenn man Neigungen bei uns fände, die sich antisemitisch deuten ließen, so wäre das doch höchstens nur etwa im Pöbel – das Bürgertum weiß nichts von dieser Verirrung. Es ist duldsam und gerecht. Es hat für die Juden Sympathie und Verehrung. Es bewundert ihre unvergleichliche, wahrhaft fürstliche Wohlthätigkeit, die Millionen verschenkt, wie wir einen Penny geben. Jeder Gebildete würde sich schämen, gegen ihre Rasse oder ihren Glauben etwas zu sagen. Daß es Neider ihrer Macht, ihres Reichtums, ihrer verwegenen Unternehmungen giebt, wer wollte das leugnen? Daß man sich oft einen Scherz erlaubt, der ein bischen boshaft scheint; – aber das sind doch nur müßige Plaisanterien. Einen ernsthaften Antisemitismus giebt es weder bei uns, noch in England, und ich hoffe, daß auch die Zukunft das nicht ändern wird.«

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34.
Paul Janson

Der Führer der belgischen Radikalen, der große Redner von Republik und Sozialismus, der Unermüdliche für das allgemeine Wahlrecht – membre de la chambre des représentants – und natürlich Advokat wie jeder Belgier, der ein bischen was sein will.

Er ist klein, breit und beweglich. Die Backen, der Mund scheinen von der harten, schweren, massiven Stirne verschoben, gepreßt, erdrückt. Die jähe krumme Nase, wie ein Schnabel, und der Kamm von langen, grauen Strähnen geben ihm was Streitbares, Rabulistisches, wie Meixner den Vansen spielte. Rasche geschäftige Gesten, wie sie die Übung vieler Verhandlungen bringt, in der Art des Clémenceau. Knapp, spitz, hastig in Rede und Geberde.

»Wir kennen keinen Antisemitismus. Zwar hat mein Kollege, Herr Edmond Picard, ein feiner, verdienstlicher Kopf, der nur immer nach den neuesten Paradoxen jagt, eine Conférence über den Antisemitismus gehalten, die heftig gegen die Juden hetzte, und ein anderer Kollege, der Abgeordnete Robert, hat sie in einer anderen Conférence gegen seine ungerechten Klagen verteidigt. Aber das Publikum kümmert sich um den ganzen Streit nicht. Es versteht, daß man sich gegen die Exzesse der Spekulation gegen die Auswüchse des Kapitalismus, gegen die Agiotage wehrt, aber von einem Hasse gegen eine Rasse, gegen einen Glauben will es nichts wissen. Man staunt, daß solche Dinge, wie sie die französischen Antisemiten treiben, heute überhaupt noch möglich sind, und kann sie sich gar nicht erklären. Ich persönlich bin ein unbedingter Gegner jeder Art von Antisemitismus. Ich finde ihn schändlich, ungerecht, empörend. Wenn man sich vorstellt, daß es in unserem Jahrhundert noch so etwas wie die Verfolgungen der russischen Juden geben kann – es ist eine Schmach für die ganze Zeit. Aber wie gesagt: unser Land kann sich rühmen, daß es von ihr nichts weiß. Auch in der klerikalen Partei finden Sie kein Symptom irgend einer Feindschaft gegen die Juden. Ich will ja durchaus nicht das Lob der Klerikalen singen, aber sie achten eben die öffentliche Meinung und fügen sich den Sitten, die sie einmal als unüberwindlich erkennen. Und unüberwindlich ist bei uns die Freiheit des Gewissens, die Duldung der fremden Konfession und der Respekt vor jeder Überzeugung. Das sitzt im Volke so fest und tief, daß es keine Partei giebt, die antisemitische Versuche wagen würde.«

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35.
Edmond Picard

Man hört hier seinen Namen oft, ob über Politik oder Kunst geredet wird. Er kommt immer wieder. Er ist der Refrain aller Gespräche. Wenn die Leute erzählen, daß eine Meinung, eine Mode im Lande unbekannt ist und keinen Anhänger hat, dann schließen sie jedesmal: »Außer natürlich Edmond Picard!« Das wird vergnügt und listig gesagt, und alle schmunzeln. Und dann erinnern sie sich, daß ein Fremder da ist, und versichern: »Übrigens er ist doch der feinste und gescheiteste Kopf, den wir haben – nur eben ein bischen verrückt.« So hört man, daß sein Geist von allen verehrt wird, aber niemand nimmt ihn ernst; man bewundert sein Talent, aber eine Sache, die er führt, ist immer schon verdächtig. Er ist Advokat, Jurist und Dichter. Als Verteidiger aus den Prozessen T'kindt und Peltzer berühmt und auch über die Heimat hinaus, da er einmal in Paris plaidierte, wo sein Landsmann Camille Lemonnier für eine Novelle im »Gil Blas« als Pornograph verfolgt wurde. Der erste Theoretiker des belgischen Rechtes in zahllosen Broschüren und in den neununddreißig Bänden der Pandectes Belges. Als Dichter der Liebling der »Jungen« – man muß nur hören, wie dankbar, treu, begeistert Maeterlinck von ihm spricht. Er leitet das Journal des Tribunaux und l' Art Moderne.

»Ich beschäftige mich mit der Judenfrage seit meiner Reise durch Marokko. Dort ist mir erst der Unterschied zwischen der jüdischen und den europäischen Rassen aufgefallen. Nun habe ich unermüdlich geforscht – nicht wie Drumont, der blos Anekdoten sammelt, sondern ich suchte die Prinzipien des jüdischen Volkes in seiner Geschichte, die Dominante der semitischen Seele. Ich bin zu dem Schlusse gekommen, daß es eine große Gefahr ist, den Juden die Freiheit zu lassen, die doch eine ganz andere Psychologie, eine ganz andere Art zu denken und zu fühlen haben als wir, auch wenn sie unsere Tracht und unsere Sitten nehmen, und die mit ihrer wirtschaftlichen, politischen und journalistischen Macht verderblich wirken. Das glaube ich in meinem Buche über die »Synthése de l'Antisemitisme« und in meinen Konferenzen bewiesen zu haben. Das religiöse Moment bedeutet nichts. Aber es ist ihnen gelungen, durch ihr Geld die Herren Europas zu werden und gegen diese fremde Herrschaft sollten sich, meine ich, die Auchtochthonen wehren. Das ist das Ergebnis meiner Forschungen. Aber freilich stehe ich einstweilen noch ganz allein. Niemand hat den Mut, antisemitisch zu werden, weil es sich niemand mit der jüdischen Macht verderben will. Daher kein antisemitisches Buch, keine antisemitische Zeitung, keine antisemitische Partei – ja außer mir überhaupt kein Antisemit. Aber ich zweifle nicht, daß die jüdische Wirtschaft doch am Ende die Geduld des Volkes erschöpfen wird. Erst in der letzten Zeit hat ein Ereignis manchen stutzig gemacht – die Enthüllungen Richards, in der Kammer, über die argentinischen Werte in Belgien. Solche Verbrechen an den Massen werden doch nach und nach die Leute zur Erkenntnis der jüdischen Gefahren bringen, wie in den anderen Ländern. Daß das bei uns erst so spät geschieht, wird aus der Geschichte des Landes erklärlich, aus dem langen Kampfe zwischen den Katholiken und Liberalen: man betrachtete jede Kritik der Juden als eine Probe religiöser Intoleranz; man verteidigte und schützte sie, um zu beweisen, daß man gegen den Katholizismus und Freidenker war. Diese Anschauungen herrschen noch immer. Aber seit die jüdische Frage immer mehr einen sozialen Charakter nimmt und die Gefahr wächst, daß alle öffentliche Gewalt mit der Zeit an Menschen einer fremden Rasse ausgeliefert werde – da kann man wohl erwarten, daß auch unser Land nicht zögern wird, dem Beispiele der anderen zu folgen. Dann wird man endlich die Augen öffnen und die Wirkungen der Juden erkennen, dieser Parasiten, die sich immer bereichern, ohne je etwas zu schaffen. Man entgegnet mir freilich, daß ihre Zahl gering ist, daß wir in der Kammer gar keinen und im Senate einen einzigen Juden haben, Herrn Levi, den Nachfolger des Herrn Bischofsheim, der auch Jude war, daß die Presse keineswegs jüdisch ist – und derlei mehr. Aber wenn ihre Zahl gering ist, so ist ihre Macht desto größer, und sie herrschen in allen großen Geschäften, mit einem unermüdlichen Eifer, alle christlichen Unternehmungen zu verdrängen, was ihnen denn auch immer besser gelingt. Schon vor zwanzig Jahren hat der Graf Langrande-Dumonceau die Losung ausgegeben, das Kapital zu verchristlichen. Er hatte kein Glück, und Herr Bischofsheim konnte nach seinem Falle sagen: »Sie sehen – das Kapital verchristlichen heißt, ein Kreuz darüber machen!« Seit dieser Zeit ist die finanzielle Kraft der Juden nur noch gewachsen und die Dinge werden täglich ärger. Das läßt mich hoffen, daß sich das Volk doch endlich ermannen wird und der Tag nicht mehr fern ist, wo ich nicht mehr die Ehre haben werde, der einzige Antisemit in Belgien zu sein.«

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36.
Buls

Der Bürgermeister von Brüssel ist groß, schlank, geschmeidig, von der eleganten, freien Haltung eines Fechters und Tänzers, biegsam und geschwind. Eine feste Bürste kurzer, weißer Haare; den Bart in französischer Spitze. Die Nase scharf, lang, hart; graue Augen, die alles fragen und nichts erwidern – schleichende Spione.

»Wir haben keinen Antisemitismus. Für die Juden gelten vollkommen die nämlichen Gesetze, die nämlichen Rechte, die nämlichen Pflichten, wie für die anderen. Man merkt bei uns gar nicht, wer Jude und wer Christ ist; man achtet nicht auf die Konfession; und niemand hat den Wunsch das zu ändern. Mischehen sind häufig, und das ist das beste Mittel, alle Differenzen zu verwischen. Gelegentlich haben einige Hetzblätter der extremen Klerikalen versucht, für den ausländischen Antisemitismus Stimmung zu machen. Sie mußten es aber bald wieder lassen, weil selbst in der katholischen Welt jede Neigung, jedes Verständnis fehlte. In unserer alten Aristokratie, die streng katholisch ist, verkehren die Juden von Stellung und Bedeutung ganz wie die anderen. Man sieht bei uns auf den Menschen, nicht auf die Rasse oder den Glauben und die ganze Geschichte, die ganze Erziehung, alle Gewohnheiten, Meinungen und Sitten unseres Volkes bürgen, daß es so bleiben wird.«

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37.
Henrik Ibsen

Henrik Ibsen schreibt mir aus Christiania:

»Ueber den Antisemitismus kann ich nichts sagen, weil die ganze Bewegung mir völlig unverständlich und unbegreiflich ist. Mit recht vielen Grüßen Ihr ganz ergebener Henrik Ibsen.«

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38.
Björnsterne Björnson

Ich habe an Björnsterne Björnson drei Fragen geschickt:

1. Giebt es in Skandinavien Antisemitismus?

2. Oder sind wenigstens Zeichen, daß es ihn künftig geben wird?

3. Was halten Sie von unserem kontinentalen Antisemitismus?

Er erwidert lakonisch:

1. Nein.

2. Nein.

3. Der Haß gegen den Kapitalismus ist auf Irrwege geraten.

Ich habe versprochen, einige Leute über den Antisemitismus zu hören; das ist geschehen; die Dokumente, wie »von dieser Frage die Gebildeten der verschiedenen Völker, der verschiedenen Staaten heute denken«, sind gesammelt. Deutsche, Belgier, Briten, Iren, Franzosen, Spanier und Skandinaven wurden vernommen. Italien durfte ich mir schenken, da die Neue Freie Presse in dankenswerter Kollegialität dieses Stück meines Werkes auf sich nahm.

Ich fand die Frage in jedem Lande anders. Der deutsche Antisemitismus ist reaktionär, eine Revolte der kleinen Bürger gegen die industrielle Entwicklung, der »teutschen« Tugend gegen die Freiheit der Moderne. Der Pariser Antisemitismus ist revolutionär, gegen die Häufung des Geldes und gegen die Herrschaft der Reichen, indem er den Juden bloß als ein bequemes und wirksames Beispiel des Kapitalisten nimmt. In Spanien, England, Skandinavien giebt es keine Antisemiten. In Belgien giebt es nur einen.

Allerhand Gründe werden für und gegen den Antisemitismus geführt. Aber sie scheinen ohne Kraft. Meine Vermutung wurde bestätigt, daß er vielmehr aus einer besonderen Disposition der Nerven kommt, als eine hysterische Begierde. Ergriffenheit durch eine Leidenschaft, Sturm und Rausch der Seele begehren viele. Weil sie in dieser verlassenen Zeit keine große Liebe finden, schlürfen sie die Narkosen des Hasses. Man müßte nur ein Ideal für sie suchen.


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