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Erstes Buch.
Vor der Februarrevolution.

Unser Lorber.

(1840.)

Ihr, deren Federn nie zerbrechen,
Ob hundertmal im Dienst getauscht:
Ihr scheltet unser Lied Verbrechen,
Das kühn von unserm Rechte rauscht?
Ihr wollt beschimpfen unsre Waffen,
Weil sie dem Trug Verderben sprühn?
Wir sind es, die Geschichte schaffen –
O lasst auch unsern Lorber blühn!

Seht, unser Lorber sind Gesänge,
Die uns ein freier Sinn beschied;
Durch Flur und Felder ziehn die Klänge,
Wo man die Schönheit wandeln sieht.
Wir fürchten nur – fidele Zecher –
Des Elends Schuld, nicht seine Mühn,
Die Noth versinkt bei Lied und Becher –
O lasst auch unsern Lorber blühn!

Sollt' unser Wort im Lied erbleichen,
Und falsch denn unser Singen sein?
Singt ihr die Großen, singt die Reichen –
Ich will mein Lied der Armuth weihn.
Wir brauchen in der Werkstatt Enge
Ein Rauschen, frisch und lenzesgrün,
Es liebt das Volk die Ruhmesklänge –
O lasst auch unsern Lorber blühn!

Am heiligen Marientage
Beging man sonst das Kaiserfest;
Wie kommt es, dass die Ruhmessage
Man heute still verhallen lässt?
Dem Todten unsern Gruß zu bringen,
Kein Böllerschuss, kein Fackelglühn!
Ihn um der Säule Rund zu schlingen –
O lasst auch unsern Lorber blühn!

Wir brauchen Erde nicht und warmen
Treibhäuserdunst und Mergelhauf,
Es sprießt der Lorber ja des Armen
Allüberall gen Himmel auf;
Und ewig schön! – Mit offner Wunde,
So sanken wir im Schwertersprühn,
Und sterbend bitten wir am Grunde:
O lasst auch unsern Lorber blühn!

Der Krieger kämpft um Frankreichs Ehre
In Algiers glühndem Sonnenstrahl,
Ob auch des Fiebers Wuth verkehre
Das Schlachtgefild zum Hospital.
Ach, wie viel' blut'ge Todesschrecken
Und wie viel' heiße Schlachtenmühn!
Der Brüder Wunden zu bedecken –
O lasst auch unsern Lorber blühn!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Mein Bild.

Ein Fremdling bin ich euch, und bar an Ruhm und Glanze,
Der Weltgeschichte fremd und fremd dem Dichterkranze,
Doch in die Lüfte steigt, dem Vogel gleich, mein Blick.
Arm, ohne Zukunftstraum, und ohne Hass und Grollen,
Bereit, mein Lebensbild vor Jedem zu entrollen,
Veracht' ich ein beneidetes Geschick.

Der starken Schar vermählt bin ich von Blutes Gnaden,
Die ohne Brot sich müht und ficht auf Barrikaden,
Die – stolzer als ein Fürst – das braune Schurzfell trägt;
Die vor dem Amboss steht in dumpfer Kellergrube,
Vom Feuerschein beglüht in rauchgeschwärzter Stube,
Und, fleckenlos, die müden Arme regt.

Wie François Villon, Über diesen Dichter aus dem Volke, den Vater des modernen französischen Liedes, geb. zu Paris im Jahre 1431, vergl. die Einleitung. dem fröhlichen Genossen,
Sind Markt und Gasse nur zum Lehren mir erschlossen,
Ein Werktisch mein Altar, die Bank mein Tabouret;
Mein Stoff: Natur und Geist, mein Härmen und mein Lieben,
Mein Tag ein flüchtig Blatt, vom Zufall wirr beschrieben,
Aus freiem Feld zur Schenkenthür geweht.

Mir wird die Rebe nicht den ernsten Flug bezwingen;
Dem falben Herbste gleicht mein arm und farblos Singen,
Die Tugend schätz' ich hoch, doch mehr die Menschlichkeit.
Auf meine Stirn geprägt der Bruderliebe Stempel,
Veracht' ich jeden Prunk in Lied und Marmortempel,
Und huldige der schlichten Einfachheit.

Den Thron bekämpft' ich treu, die Brust der Kugel offen,
Des Vaterlandes Ruhm mein erst' und letztes Hoffen,
Und mit dem Siege trat ich in die Nacht zurück.
Ich sah die Leidenschaft auftauchen aus den Wellen,
Sah Neid und Trug und List die falschen Netze stellen –
Stolz taucht' ich nieder in mein ärmlich Glück!

Ob auch der Schmerzen Kind: doch mag ich Keinem grollen;
Gott weiß, auf welcher Streu wir Zwei noch enden sollen,
Für dich ein Kummerbild, o meine Muse du!
Doch selber Stille rufst du mir in diesen Wettern –
So mag die schnelle Zeit den frischen Kranz entblättern,
Im Winkel trocknen mag dein Bettelschuh!

Durch meine Liebe, sagt ihr, werd' ich noch zum Narren, –
Nun, Jedem seinen Gott, und Jedem seinen Sparren!
Der Armuth Kampfgenoss, steh' ich zu ihr im Streit.
Den Ordensjägern feind, den fürstenhuldgezierten,
Erschein' ich ein Barbar bei euch Civilisierten,
Verhohlen schlecht in meinem Bürgerkleid.

Savinien Lapointe,
Schuhmacher.


Mit hundert Jahren.

(1847.)

Wenig sah ich sich verändern –
Zähle doch schon hundert Jahr'!
Die auf Markt und Gassen schlendern,
Füttert noch der Proletar.
Jahre flohn und Jahre kamen,
Immer Galgen noch und Fehm' –
Ausgenommen nur die Namen,
Ist noch Alles wie vordem.

Immer Fürsten und Asketen,
Schlechter Arzt und Musikant,
Eckensteher und Poeten,
Tolles Zeug in Stadt und Land!
Immer mit dem alten Sparren
Kämpft System und Theorem;
Richter, Pfaff und andre Narren –
's ist noch Alles wie vordem.

Immer noch am Tisch gebogen
Wird das schnöde Kartenblatt,
Wird das arme Weib betrogen,
Bis der Spieler bleich und matt.
Und dann glaubt er, dass die Schande
Ihm der Tod vom Herzen nähm',
Sucht ein ehrlos Grab im Sande –
's ist noch Alles wie vordem.

Zwei der Frauen zu umfassen
Pflegt man nicht auf unsrer Flur;
Wenn die Liebste man verlassen,
Suchte man nach Glücke nur.
Türke ist von uns noch Keiner,
Wem behagten Zweie, wem?
Nein, man hat genug an Einer –
's ist noch Alles wie vordem.

Oft noch fällt das Kind des Armen
Mit dem jugendfrischen Sinn,
Mit der Lust, der lebenswarmen,
In die Hand der Kupplerin.
Auge sprüht und Wange strahlet,
Jeder wird zuletzt genehm,
Eine giebt, der Andre zahlet –
's ist noch Alles wie vordem.

Ellenlange Heldendramen
Machen immer noch kein Glück;
Trotz den Hunden, Pferden, Damen –
Ausgepfiffen wird das Stück.
Log' und Saal von Zischen schallte,
Dass die Pest dem Dichter käm'!
Lieber ist uns doch das Alte –
's ist noch Alles wie vordem.

Thé-dansants und Assembléen –
Immer noch das alte Lied!
Schöne Frauen rings zu sehen,
Wein und Tanz – die Stunde flieht!
Sah, dass oft des Traubenblutes
Kraft den Trinker noch bezähm',
Viel Geschwätz und wenig Gutes –
's ist noch Alles wie vordem.

Früher hatten unsre Fürsten
Narren, tief an Geisteskraft,
Die dem eitlen Herrscherdürsten
Mit der Schelle Zwang geschafft.
Seit den Fürsten nun der Sparren
Selbst zu klug und unbequem,
Sind Minister ihre Narren –
's ist noch Alles wie vordem.

Wanken endlich wir zum Grabe:
Macht der Tod die Wange bleich,
Und die letzte Wittwenhabe
Macht den Doktor fett und reich.
Auf den Sarg, den trauervollen,
Immer noch von Erd' und Lehm
Wirft der Gräber dann die Schollen –
's ist noch Alles wie vordem.

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Arbeit und Elend.

Ein Fragment.
(1840.)

O Daniel! ist kein Poet uns mehr beschieden,
Der sein Prophetenwerk begreifen will hienieden?
Lebt unter uns kein Aar mit kühnem Flügelschlag,
Der in des Himmels Buch zu lesen noch vermag?
Jehovah! soll denn heut sich keine Leier finden,
Um dir den Sterbeschrei der Märtyrer zu künden?
Ist keine Seele da, zu der im Traumgesicht
Der Nacht von deinem Geist ein Strahl hernieder bricht?
Soll keine Stirn sich mehr der Glorie werth erweisen,
Kein Mund mehr würdig sein, dich und dein Werk zu preisen?
Jehovah! naht kein Heil in des Verderbens Pest,
Dass du für alle Zeit ihr Herz verknöchern lässt?
Lass einen Christus doch zu uns hernieder eilen,
Um dieser blinden Welt das Augenlicht zu heilen!

O Brüder, bebt, erbebt! Es hat mein niedres Zelt
Der Offenbarung Licht in dieser Nacht erhellt.
Hört, welche Stimmen wild zu mir hernieder flossen
Und in der Finsternis den Himmel mir erschlossen!
O, zittert! denn ich sah, wie einen Pfuhl von Blut,
Den Horizont ringsum gefärbt von rother Gluth.
O Brüder zittert! denn ich sah des Atheismus
Verruchter, gift'ger Saat entblühn den Egoismus;
Ich sah die Liebe, bleich, die Hände ausgestreckt,
Indess ihr Kinderpaar, verhungernd, Mitleid weckt;
Und Frankreichs Engel sah ich in die Zukunft deuten,
Wo Sodom's Asche in die Luft die Winde streuten!
Und zwischen der Musik, die aus dem Himmel drang,
Bei Hosiannah-Ton und bei Posaunenklang,
Erscholl zu mir der Ton von einer Stimme dorten,
Die aus den Wolken rief mit wilden Feuerworten.
Hört, Brüder, wenn ihr stark genug, zu lauschen, seid,
Was dies Orakel mir gesagt von künft'ger Zeit:
»Wach auf, o Sänger! du bist einer auch der Sklaven,
Du trägst die Leiden mit, die deine Brüder trafen;
In Sinnentaumel hast auch du die Lust gekühlt,
Und hast das ehrne Joch der Noth, wie sie, gefühlt.
Du theilst ihr Brot, ihr Weh, aus dem sie nie sich retten –
Wer kennte besser wohl die Last von ihren Ketten?
Wach auf, o Sänger! Auf! ersteh aus feiger Ruh',
Und aus dem Todesschlaf die Welt erwecke du!
Nicht länger wolle mehr, ein Jeremias, klagen,
Denn deiner Thränen Thau wird keine Früchte tragen.
Willst du, dass man dereinst dein Angedenken ehrt,
So schreite auf den Markt, mit deinem Lied bewehrt,
Dem neuen Moloch dort den Sterbesang zu singen –
Denn ach! die Gier nach Gold, sie droht euch zu verschlingen!
Verjag die Wuchrer, die entweiht des Tempels Zier,
Und pflanze wieder auf der Menschlichkeit Panier!
Die Völker werden einst nur jenen Dichter krönen,
Der seine Leier ließ zu ihrem Heil ertönen.
O Sänger, hörst du nicht des Hungers wehvoll Lied,
Das, wie aus Kraters Schlund erbrausend, aufwärts zieht?
Siehst du nicht – flehend halb, und dräuend halb voll Schrecken –
Die arbeitsame Schar empor die Hände strecken?


Oft flieht der Proletar, der in des Elends Haft
Für kargen Sold von früh bis spät zum Abend schafft,
Um nur den Hungerschrei der Kinderschar zu stillen,
Den Holzhof und das Werft; in seiner Seele schwillen
Der Hass und Zorn, er stößt die Arbeit rauh zurück;
Er flucht der Welt, die ihn betrogen um sein Glück,
Er flucht dem Schöpfer gar, und flieht, wie Raubspelunken,
Die Stätten, wo den Kelch des Elends er getrunken.«


Erbarmen, ach! für sie, die ewig Mangel leiden,
Die hungernd und verhärmt vor eurer Thür verscheiden!
O, stoßt mich nicht zurück! Für sie allein, für sie
Komm' ich zu euch als Sklav, umfass' ich eure Knie.
Nicht wie der schwache Greis komm ich zu eurem Mahle,
Um eurer Speisen Rest zu sammeln in die Schale;
Nein, dreimal nein, ich fleh' um euer Mitleid nicht –
Ich will, dass Allen gleich das Recht sei und die Pflicht;
Ich will, dass endlich sei dem Fleiß ein Lohn beschieden,
Ich will das Eisen, auf dem Amboss es zu schmieden;
Will Land, drauf unser Arm für uns die Saat bestellt,
Und, der die Lämmer zog, die Wolle auch behält!

Ihr, die als Retter preist des Krieges blut'ge Schrecken:
O seht, es liegen brach noch so viel' Länderstrecken!
Wie ihr den Krieger ehrt, so ehrt den Arbeitsmann,
Es locket als Magnet auch ihn der Lorber an!
Jungfrauen lasst im Chor den wackern Helden grüßen,
Der in der Wildnis ließ Korn oder Reben sprießen!
Wie dem Soldaten, ziemt wohl Dem ein Ehrenband,
Der Egge oder Pflug dem Staate zugewandt!
Ist größer denn der Gott mit Blitz- und Donnerwaffen,
Als sie, die Städte aus dem Wüstenstaub erschaffen?
Die Tugend ehrt, den Fleiß! so schwindet Noth und Fahr,
So kehrt zur Hürde auch die irre Lämmerschar;
So wird der Überfluss ringsum auf Erden walten
Und Blumen uns entblühn aus seines Mantels Falten.

Francis Tourte,
Porzellanmaler.


An Victor Hugo.

(1840.)

Wenn eine arme Anemone,
Verschmachtend, nahe dem Verglühn,
Dich bäte: »Spende meiner Krone
Ein Tröpfchen Wassers, um zu blühn!«

Wenn eine Schwalbe, matt die Schwinge,
Vom kalten Winterfrost versehrt,
Leis flehend dir am Fenster hinge:
»O gieb mir Platz an deinem Herd!«

Die Rose dürstete nicht länger,
Der Schwalbe würdest Schutz du leihn –
Ach, dass ich nicht für dich, o Sänger,
Das Blümchen darf, das Vöglein sein!

Pierre Dupont.


Belzebub.

(1847.)

Ein junger Pilger, schön, doch schmerzumfangen,
Die Stirn gebeugt, den Wanderstab zur Hand,
Zog still einher, umglüht die bleichen Wangen
Vom Abendgold, das mählich leis entschwand.
Ihm lag das ew'ge Leid der Menschheit offen,
Das seit Jahrtausenden die Welt durchhallt;
Von seiner Klage scholl und seinem Hoffen
Ein müdes Echo durch den tiefen Wald:

Die Erde trägt der Knechtschaft Spuren
In Schmerzen sonder Zahl,
Der Tugend schafft die Sünde Qual –
Und redet doch Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen
Von Berg zu Berg, von Thal zu Thal!

Auf schwarzem Ross mit blut'gem Augensterne,
Von dessen Bug der Schaum herniederquillt,
Sprengt jetzt ein Reiter aus der dunklen Ferne,
In rothem Kleid, mit Blicken, fahl und wild.
Wie seine Höhlung sich der Bach gegraben,
Hat seine Stirn gefurcht ein großer Schmerz –
»Steig auf!« so spricht er zu dem Wanderknaben,
»Auf! säume nicht, und fasse dir ein Herz!«

Die Erde trägt der Knechtschaft Spuren
In Schmerzen sonder Zahl,
Der Tugend schafft die Sünde Qual –
Und redet doch Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen
Von Berg zu Berg, von Thal zu Thal!

Der schöne Träumer schwingt sich auf die Mähre,
Und hoch und höher geht's in Windesflug!
Es seufzt das Ross bei seiner Reiter Schwere,
Der goldne Sporn zerfleischt den schwarzen Bug.
Ein Athmen noch, ein Sprung, ein Augenblinken,
Und sieh, nun sind sie auf des Gipfels Saum,
Und wo der Felsen höchste Zacken winken,
Grünt dort zu jeder Frist ein Apfelbaum.

Die Erde trägt der Knechtschaft Spuren
In Schmerzen sonder Zahl,
Der Tugend schafft die Sünde Qual –
Und redet doch Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen
Von Berg zu Berg, von Thal zu Thal!

»Iss von der Frucht!« beginnt der finstre Ritter,
Indess sein Aug' des Jünglings Blick bewacht.
»»Wohl ist sie roth – doch ist sie nicht zu bitter?
Ein Apfelbaum hat alles Leid gebracht.««
Der Reiter biss die Zähne hell zusammen,
Und lachte gellend, dass der Berg erscholl,
Und eine Schlange schoss mit grünen Flammen
Vom Zweig … der Jüngling starrte schreckensvoll.

Die Erde trägt der Knechtschaft Spuren
In Schmerzen sonder Zahl,
Der Tugend schafft die Sünde Qual –
Und redet doch Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen
Von Berg zu Berg, von Thal zu Thal!

»Wie? hast du Furcht,« Erscholl's mit hohlem Klange,
»Vor Belzebub, vom Blitze hingestreckt,
Vorm Baum der Bibel, vor der alten Schlange?
Ein Kind nur wird durch solchen Wahn erschreckt!
Um zu benutzen deine Erdengaben,
Um Macht zu kaufen und um Mensch zu sein,
Musst du des Wissens Frucht gekostet haben –
Seit Adam biss ein Jeder noch hinein.«

Die Erde trägt der Knechtschaft Spuren
In Schmerzen sonder Zahl,
Der Tugend schafft die Sünde Qual –
Und redet doch Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen
Von Berg zu Berg, von Thal zu Thal!

»Sieh, Jeder drunten flieht des Andern Stelle
Und müht sich ab um schnöden Geizes Sold,
Ein Jeder lebt in seiner trüben Zelle
Und zählt sein Korn, sein Silber und sein Gold.
Willst du ihr Blut, die Früchte ihres Strebens,
So lass getheilt der Menschenwelt Revier,
Und folgen wird dir jede Lust des Lebens –
Nimm schnell ein altes Herrschaftsscepter dir!«

Die Erde trägt der Knechtschaft Spuren
In Schmerzen sonder Zahl,
Der Tugend schafft die Sünde Qual –
Und redet doch Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen
Von Berg zu Berg, von Thal zu Thal!

»»Ihr werdet nimmer diese Welt behalten!««
Sprach drauf der Jüngling, und – ein ernst Symbol –
Ließ er die Weltenkarte sich entfalten,
Und » »Liebet euch!«« schrieb er auf ihren Pol.
Zum bleichen Nebel ward die schwarze Mähre,
Vom Blitz getroffen sank der Apfelbaum,
Der Schatten Belzebub's in weiter Leere
Entschwand, ein Wölkchen, in der Lüfte Raum.

Die Erde sprengt der Knechtschaft Spuren
In Siegen sonder Zahl,
Vernichtet wird der Sünde Qual;
Und segnend spricht Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen
Von Berg zu Berg, von Thal zu Thal.

Pierre Dupont.


Meine Armuth.

(1837.)

Er sprach zu mir: »Du zählst nun sechzig Jahre,
Ein gutes Amt ist dir geborgen schon;
Als Bettler sollst du wanken nicht zur Bahre,
Komm, fürchte Nichts, sei unser, sei Spion!«
Wie? hundert Edler Athemzug belauschen,
Betrügen sie um Ehr' und Gut und Hab'?
Für Lumpen mag ich nicht die Schand' ertauschen …
Seht, darum lieb' ich meinen Bettelstab.

Ein Stutzer rollt im Wagen um die Ecke –
Er soll ein Gauner einst gewesen sein;
Der Phaeton, das Ross, die goldne Decke –
Wodurch erwarbst du sie? wie sind sie dein?
Ich lernte Nichts – die Welt mag mir vergeben! –
Doch froh, dass mich Verborgenheit umgab,
Wusst' ich allein mit meiner Noth zu leben …
Seht, darum lieb' ich meinen Bettelstab.

Ihr Herren dort, die stolz Fabriken bauen:
Der Schweiß der Armen ist's, den ihr verzehrt!
Mögt ihr mit Hohn auf euer Gold vertrauen –
Uns raubtet ihr das Brot, das euch ernährt!
Seht, meins ist schlecht, doch beißen's noch die Zähne
Das mir als Lohn der harte Meister gab,
Und nimmer feucht von eines Andern Thräne …
Seht, darum lieb' ich meinen Bettelstab.

Den Sündern muss das Recht ein Urtheil sprechen,
Das sie der Haft, vielleicht dem Tode weiht –
So sühnet ihr Verbrechen durch Verbrechen,
Und nennt euch Kämpfer noch der Menschlichkeit!
Ich lernte nie ein Recht im Busen tragen,
Das Brudermord mit Heil'genschein umgab –
Doch wird mich nie schuldloses Blut verklagen …
Seht, darum lieb' ich meinen Bettelstab.

Die Hos' ist schlecht und schlottert um die Lenden,
Der Rock – er hätte Platz zum Ordensband,
Nicht konnt' ich Viel an meine Stiefel wenden,
Und keinen Handschuh trägt die braune Hand.
Ich lernte ja der Sparsamkeit Methode,
Und legte selten nur die Röcke ab –
Das Elend blieb noch immer in der Mode …
Seht, darum lieb' ich meinen Bettelstab.

Im Juli hab ich mit dem Volk gefochten –
Zwar hatt' ich nur den Knotenstock als Wehr;
Man fand mich schön – wiehernde Rosse pochten,
Und die Kanonen grüßten ringsumher.
's war nur, den Schwänzlern, die den Thron umkreisen,
Einmal zu künden, als es Fehde gab,
Dass Bettler stets als Menschen sich beweisen …
Seht, darum lieb' ich meinen Bettelstab.

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Der Lokomotivenheizer.

Friss Haber, Pferd, und schnaufe mal!
Gezäumt, gesattelt! fortgeflogen!
Galopp! durch Brücken und durch Bogen,
Hinaus zu Wiese, Berg und Thal –
Kein ander Ross ist dein Rival!

Die Kohle flammt in deinen Ringen,
Ein Spiegel, leuchtest du im Flug;
Wo sind die Hufe, wo die Schwingen,
Darauf der Sturm dich weitertrug?
Seht ihr im Wind die Mähne wallen,
Und hört ihr keuchen nicht mein Ross,
Das im Galopp vorüberschoss,
Wie Rennershuf und Donnerschallen?

Friss Haber, Pferd, und schnaufe mal!
Gezäumt, gesattelt! fortgeflogen!
Galopp! durch Brücken und durch Bogen,
Hinaus zu Wiese, Berg und Thal –
Kein ander Ross ist dein Rival!

Sonst trug ein Elephant die Haufen,
Und ob's auch vierzig Krieger sind;
Mein Rücken trägt bei Nüsterschnaufen
Die ganze Welt mit Weib und Kind.
Ich bin, wie uns ein Märchen sagte,
Des Teufels lust'ger Musikant,
Der in der Hölle rothen Brand
Bei Fiedelklang die Tänzer jagte.

Friss Haber, Pferd, und schnaufe mal!
Gezäumt, gesattelt! fortgeflogen!
Galopp! durch Brücken und durch Bogen,
Hinaus zu Wiese, Berg und Thal –
Kein ander Ross ist dein Rival!

Wie ein Pirat die Enterstange,
Reck' ich den Schlund nach Feuersold,
Und schau', wie sich auf meinem Gange
– Ein Band – die Erdenflur entrollt.
Die Luft, dem Vogel gleich, durchschneiden –
O Seligkeit, o trunkne Lust!
Und dazu braucht die schwarze Brust
Ja Kohl' und Wasser nur, die beiden!

Friss Haber, Pferd, und schnaufe mal!
Gezäumt, gesattelt! fortgeflogen!
Galopp! durch Brücken und durch Bogen,
Hinaus zu Wiese, Berg und Thal –
Kein ander Ross ist dein Rival!

Es sind auch die gemeinsten Dinge
Des größten Völkerheiles werth;
Dies Gut, verachtet und geringe,
Wie lange schlief's am Feuerherd!
Ein Jeder sah im Henkeltopfe
Den Dampf entwallen Tag um Tag –
Die Zukunft viel zu ferne lag,
Und viel zu fern dem armen Tropfe!

Friss Haber, Pferd, und schnaufe mal!
Gezäumt, gesattelt! fortgeflogen!
Galopp! durch Brücken und durch Bogen,
Hinaus zu Wiese, Berg und Thal –
Kein ander Ross ist dein Rival!

Kneipwirthe zwar und Fuhrmannsseelen,
Als uns ein neuer Weg erdacht,
Erzürnten rings in Zank und Schmählen:
Wir hätten sie ums Brot gebracht.
Ei was, Geduld! denn mit dem Dampfe
Wird Land und Land verbunden sein,
Wird sich der Saat die Erde weihn,
Dass Stein um Stein das Rad zerstampfe!

Friss Haber, Pferd, und schnaufe mal!
Gezäumt, gesattelt! fortgeflogen!
Galopp! durch Brücken und durch Bogen,
Hinaus zu Wiese, Berg und Thal –
Kein ander Ross ist dein Rival!

Auf deiner Stirn der Freiheit Stempel,
Frischauf, frischauf, mein Eisenross!
Denn eines andern Friedens Tempel
Begehrt der Zukunft junger Spross.
Begrabt den Krieg, zerschlagt die Grenzen!
Wir sind es müd, das alte Leid;
»Vergessen der Vergangenheit«
Soll Volk und Volk im Glas kredenzen!

Friss Haber, Pferd, und schnaufe mal!
Gezäumt, gesattelt! fortgeflogen!
Galopp! durch Brücken und durch Bogen,
Hinaus zu Wiese, Berg und Thal –
Kein ander Ross ist dein Rival!

Pierre Dupont.


Die Todten.

(1840.)

Erröthen musst du, armes Vaterland!
Wo blieb das Recht, das in des Kampfes Brennen
Der Ahn entrissen einer Mörderhand,
Der Hand von Jenen, die sich Herrscher nennen?
Wenn heut die Todten, ins Gericht zu gehn,
Erstünden all', die Lüge zu zersplittern:
Wie Mancher würde im Gericht erzittern …
O, könnten doch die Todten auferstehn!

Vielleicht der Schatten käme Desmoulins',
Gen Himmel weisend, wo sich Wolken thürmen,
Und spräche: »Habt im Schein des Throngeprängs
Ihr schon vergessen der Bastille Stürmen?
Ein Volk von Helden hat uns stark gesehn,
Es fiel … sein Fluch herniederblitzt den Schlechten,
Wir fochten – doch ihr solltet weiterfechten!« …
O, könnten doch die Todten auferstehn!

O Monthyon! verlass den kalten Sarg,
Der uns um deines Geistes Flug betrogen! –
Der unsre Freiheit in der Schande barg,
Den Schurken sieh von Kreuz und Stern umzogen!
Der Reiche prasst, wenn Arme betteln gehn,
Und deine Lehre ward in Staub zerschlagen –
Das Kreuz entreiße, das die Frevler tragen …
O, könnten doch die Todten auferstehn!

Der neunte Ludwig – wenn sein heil'ger Leib
Dem Grab entstieg', wo er seit lange modert,
Das Haus zu grüßen, wo das Götterweib
»Gerechtigkeit,« ein blut'ger Moloch, lodert;
Wenn er den Dampf vom Hochgericht gesehn:
Der Alte müsste selbst mit Zornesflammen
Die heutige Gerechtigkeit verdammen …
O, könnten doch die Todten auferstehn!

Es träte stolz auch zu Barthélemy
Rouget de Lisle, sein Linnentuch zerraufend,
Und donnernd spräch' er: »Nieder auf die Knie!
Du warst ein Proletar, den Geist verkaufend!«
Ihr säht ihn weinen über unsre Wehn,
Den Fluch dem eignen Vaterland erheben,
Sein ewig Lied im Groll dem Winde geben …
O, könnten doch die Todten auferstehn!

Die Fahnen all', ersiegt in blut'ger Schlacht,
Damit der Hohn beschenkt die Invaliden,
Sie würden all' aus ihrer Ruh' gebracht,
Entrafft von Geistern Derer, die geschieden.
Und zürnend würden Die gen Himmel flehn,
Das Knie gesenkt an Frankreichs Todtenbahre:
»Der Ruhm, wo blieb er, unsrer dreißig Jahre?« …
O, könnten doch die Tobten auferstehn!

O Bossuet, ersteh in deiner Kraft,
Sieh, wie das Brot sich Kirch' und Schule neiden!
Der Glaube balgt sich mit der Wissenschaft –
Wer schändet wohl den Tempel mehr von beiden?
Zu beiden sprich mit deiner Liebe Wehn:
»Du Priester, handle nicht dem Volk entgegen!
Du Lehrer, sei uns Priester allerwegen!« …
O, könnten doch die Todten auferstehn!

Vielleicht erstände auch die Julischar
Am Säulenfuß, die Stirn mit offner Wunde:
»Wo ist das Licht, das uns zu Häupten war?
Den Thron zu brechen, sanken wir zum Grunde.
Und heut? – wir müssen um die Lumpen flehn,
Die wir euch jüngst im Kampf geschenkt, im heißen,
Zu gut ist unser Blut, den Thron zu schweißen«!« …
O, könnten doch die Todten auferstehn!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Ein Lied aus dem Volke.

Die ihr das Laster schmeichelnd süß gefeiert:
Ich weiß, dass ihr auf mich die Pfeile schießt,
Wenn meine Muse euren Stolz entschleiert,
Der unserm Lied sein goldnes Haus verschließt.
Zurück, zurück, die ihr dem Trug gesungen!
Ich will mich lagern auf dem Pflasterstein –
Weihrauch zu opfern, wisset ihr allein –
Lasst gehn mein Lied, aus Bürgerblut entsprungen! …
O Wahrheit! sieh dein Kind, das gläubig kniet –
Ich bin vom Volk, und ihm gehört mein Lied!

Zum Lob euch meine Feder zu erkaufen,
Sprach einst ein Mann aus eurem Tross zu mir:
»Vertrau auf uns! Lass deine Bettler laufen –
Wir bieten Gold und Glück und Ehren dir!«
Was gälten mir wohl eure falschen Ehren?
Von goldner Pracht sind Glück und Frieden weit –
Ich liebe mehr der Werkstatt Fröhlichkeit,
Mein Arm und Gott – sie werden mich ernähren! …
O Wahrheit! sieh dein Kind, das gläubig kniet –
Ich bin vom Volk, und ihm gehört mein Lied!

Drei Tage lang, der Freiheit Glanz zu retten,
Gab hin sein Blut des Volkes armer Sohn;
Ihr wisst euch sanft im Arm der Macht zu betten,
Und lügt für einen bald zerbrochnen Thron!
Zeit ist's, in neuen Opfertod gerissen,
Zu endigen das blut'ge Trauerspiel;
Ihr hebt den Vorhang nicht, der rauschend fiel –
Doch blickt das Volk schon hinter die Koulissen! …
O Wahrheit! sieh dein Kind, das, gläubig kniet –
Ich bin vom Volk, und ihm gehört mein Lied!

Wann wird das Recht, das ihr verspracht, erscheinen?
Wo blieb der Themis offnes Heiligthum?
»Gerechtigkeit dem Großen wie dem Kleinen!«
»Gleichheit!« – Ihr lügt, und hängt dem Mantel drum!
Ob schwach und alt, ob krank und schmerzbeladen –
Wir richten Jeden, der als Lügner gilt;
Und macht ihr gleich aus eurem Wappenschild,
Uns zu vernichten, Wall und Barrikaden! …
O Wahrheit! sieh dein Kind, das gläubig kniet –
Ich bin vom Volk, und ihm gehört mein Lied!

Wir brachten Gold zu eurem Bau in Menge,
Von uns sind Holz und Stein herbeigerafft!
Mit Stolz betrachtet eure Marmorgänge –
Unser sind Kuppeldach und Säulenschaft!
Um eure Meister, euren Tross zu lohnen,
Habt ihr das Volk dem Knechtesdienst geweiht –
Fahrt immer fort! denn wisst: in künft'ger Zeit
Wird doch das Volk in jenen Schlössern wohnen! …
O Wahrheit! sieh dein Kind, das gläubig kniet –
Ich bin vom Volk, und ihm gehört mein Lied!

Dass doch dein Fuß, Tyrann, den Abgrund scheue!
Der Pfad des Herrschens ist ein dunkler Steig.
Der Himmel, der dem Sünder schafft die Reue,
Schuf für die Tugend auch den Blüthenzweig.
Das Leben soll auch uns ins Antlitz lachen –
O hört uns an, verlasst die blut'ge Spur!
Noch schläft das Volk, vertrauend eurem Schwur –
Doch wird es bald aus seinem Traum erwachen! …
O Wahrheit! sieh dein Kind, das gläubig kniet –
Ich bin vom Volk, und ihm gehört mein Lied!

Alexis Dalès (aus Metz).


Der Fortschritt.

Ein alter Wandrer, trotzend Sturm und Wettern,
Durchwandl' ich lang' die Welt mit sicherm Tritt;
Mit Noah ging ich aus der Arche Brettern,
Aus der das Volk mit seinen Kön'gen schritt.
Mit Gott allein begann ich meine Runde,
Trotzend dem Tod in meinem ew'gen Lauf,
Herrscher der Welt seit ihrer ersten Stunde –
Vorwärts! die Kön'ge halten mich nicht auf!

Fruchtbare Felder hab' ich viel' gesehen,
Vom Huf zerstampft der Saaten grünes Meer;
Im Kampf der Großen schaut' ich untergehen
Das arme Volk, den wahren Märtyrer.
Verachtet stand ich bei dem Königsmahle,
Die Hand auf des verborgnen Schwertes Knauf,
Segen verbreitend über Berg und Thale –
Vorwärts! die Kön'ge halten mich nicht auf!

Auf meinem Pfad ließ ich das Scepter rollen
Assyr'scher Kön'ge mir zu Füßen tief,
Und sah in Ninus' Stadt, der schätzevollen,
Wie mein Panier das Volk zum Kampfe rief.
Ha, seht in Gluth die Königsburg erblinken,
Die weite Stadt ein wüster Lavahauf!
In Schutt und Staub sah ich die Großen sinken –
Vorwärts! die Kön'ge halten mich nicht auf!

In Hellas schaut' ich Sokrates, den weisen,
Und bot ihm helfend meine Götterhand;
Das Licht Athen's, das alle Völker preisen,
Trug meine Sonnengluth von Land zu Land.
Athen verließ ich, Rom durchflog ich eilend,
Nach Bethlehem beflügelt' ich den Lauf,
Der Liebe Gott dem Erdenrund ertheilend –
Vorwärts! die Kön'ge halten mich nicht auf!

Mein Reich ist dort, wo ihr der Freiheit Samen
Gläubig beschirmt, der Lieb' und Hoffnung voll;
Selbst den ans Kreuz geschlagnen Schächernamen
Schuf ich unsterblich, trotz der Fürsten Groll.
Doch Kreuz und Schwert auch werden einst verenden,
Und mein Panier (die Menschheit schwört darauf!)
Wird sich der Welt als Blüthenkrone spenden –
Vorwärts! die Kön'ge halten mich nicht auf!

Seit lange schon zog ich durchs Rund der Erde
Zahlloser Furchen ew'ge Flammenspur,
Damit der Fürsten Stamm vernichtet werde,
Und frei das Volk auf Berg und Wiesenflur.
Die Völkerschar zum Sonnenball zu heben,
Zertret' ich Kron' und Thron im Siegeslauf,
Dem Menschengeiste bin ich Hauch und Leben –
Vorwärts! die Kön'ge halten mich nicht auf!

Auguste Alais.


Das Märtyrerfest.

(1839.)

Der Tod umdunkelt meiner Freuden Helle
Und heißt mich Liebespflicht erfüllen gehn.
O Thorheit, lass von deiner Narrenschelle
Zu dieser Stunde Trauerfetzen wehn!
Lasst an der Rosen Statt Cypressen treten,
Dass euer Haus ein stiller Friedhof sei,
Ein Sarg, und Kreuz und Skapulier dabei –
Und jedes Lied, es werde zu Gebeten! …
Muse der Trauer! sinne Todtem nach –
's ist heut der Märtyrer Gedächtnistag!

Als seine Macht das Kaiserreich verloren,
Entfloh der Adler vor dem Königthum.
Und Marschall Ney, der Frankreich Treu' geschworen –
Wie lohnte man des braven Kämpfers Ruhm?
Ach, ewig schrieb mit ihren Bluteszeichen
Die Fürstenschande der Gesetze Schrift!
Es knackt der Hahn … ein Blitz … die Kugel trifft –
So muss auch Ney im Schächertod erbleichen! …
Muse der Trauer! sinne Todtem nach –
's ist heut der Märtyrer Gedächtnistag!

Die Freude hier, das herbe Leid daneben –
's ist, was man sonst der Götter Rathschluss hieß!
Der Schlechtigkeit den Ehrenkranz zu geben,
Kam ein Bourbone wieder nach Paris.
Er lässt durch seine blutigen Trabanten
Mit Schwert und Blei das Recht entehren schnell,
Und sinken sieht Paris von La Rochelle
Der Söhne vier, die herrlichen Sergeanten! …
Muse der Trauer! sinne Todtem nach –
's ist heut der Märtyrer Gedächtnistag!

Als – ach, umsonst! – an Englands weißem Strande
Napoleon ein gastlich Haus gesucht,
Vergaß sein armer Sohn in fremdem Lande
Der Heimat Ruf in seiner Tage Flucht.
Nun mag das Grab von anderm Traum erzählen
Ihm, dessen Wieg' der Seine Fluth umschäumt
Und der so oft vom Pantheon geträumt! –
Es soll in Östreich ja an Gift nicht fehlen …
Muse der Trauer! sinne Todtem nach –
's ist heut der Märtyrer Gedächtnistag!

Dann kam ein Tag – wir denken noch der Stunde –
Wo ganz Paris die Trauerflöre trug.
Ein Schlachtenruf ging durch die Weltenrunde!
Es war der Polen letzter Sterbefluch.
Erst noch ein Schrei … ein Zucken noch der Lider …
Dann Alles todt … verweht ein Lebenslicht,
Und in der Kammer der Minister spricht:
»Die Ruh' und Ordnung herrscht in Warschau wieder!« …
Muse der Trauer! sinne Todtem nach –
's ist heut der Märtyrer Gedächtnistag!

Als Saint-Méry den Bürgerkampf gesehen, Es ist der heldenmüthige Aufstand der Republikaner in Paris am 5. und 6. Juni 1832 gemeint.
Wo Reich und Arm in wildem Hass entbrannt:
Die Helden mussten in den Kerker gehen,
Weil man die Waffen ihrem Arm entwand.
Schafft neue Lieder hinter Schloss und Riegeln,
Gefangne Märtyrer der neuen Zeit,
Und lasst sie fliegen in die Lande weit –
Das Lied vermag kein Henker zu versiegeln! …
Muse der Trauer! sinne Todtem nach –
's ist heut der Märtyrer Gedächtnistag!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Dichterleben.

Lasst ihm seinen Schmerzensgang,
Geht vorüber scheu und eilig!
Träumend, froh und sorgenbang –
Immer ist der Dichter heilig!

Ob der Eltern Schweiß und Noth
Ihn zu niederm Werk verdamme:
Auch im Werktagsstaube loht
Prächtig auf der Dichtung Flamme!
Zu der Brüder kargem Mahl
Bringt er Lust und Liederklingen,
Heißt der Freude goldnen Strahl
In des Armen Seele dringen.

Lasst ihm seinen Schmerzensgang,
Geht vorüber scheu und eilig!
Träumend, froh und sorgenbang –
Immer ist der Dichter heilig!

Ist denn euer Wissenstand
Einzig Gut, der Welt gegeben?
Auch wo seine Wiege stand,
Ließ der Gott die Palme schweben.
Nicht aus finstrer Stirnen Nacht,
Drin verlorne Räthsel kranken: –
Aus des Herzens tiefstem Schacht
Sprießen junge Weltgedanken!

Lasst ihm seinen Schmerzensgang,
Geht vorüber scheu und eilig!
Träumend, froh und sorgenbang –
Immer ist der Dichter heilig!

Schmäht und hudelt ewig nicht
Dichterwerk und Dichterlaunen!
Der ergrimmte Löwe bricht
Aus der Haft – was mögt ihr staunen?
Faltet nicht die greise Stirn!
Nur bei muntern Liedestönen
Mag das arme Menschenhirn
Sich mit allem Leid versöhnen!

Lasst ihm seinen Schmerzensgang,
Geht vorüber scheu und eilig!
Träumend, froh und sorgenbang –
Immer ist der Dichter heilig!

Keiner Satzung unterthan,
Keines Fürsten Knecht und Schranze,
Sprengt er in die Kämpferbahn,
Nur des Liedes Wehr als Lanze.
Trotz Verbannung, Blei und Strick,
Wird sein Denken sich gestalten –
Weiter schaut sein Adlerblick,
Als wo Krämerhände walten!

Lasst ihm seinen Schmerzensgang,
Geht vorüber scheu und eilig!
Träumend, froh und sorgenbang –
Immer ist der Dichter heilig!

Sinnend hört er und allein,
Wie im Wind die Blätter rauschen,
Horcht dem Finkenschlag im Hain,
Sieht das Reh am Wasser lauschen.
Alle Blumen, die sein Fuß
Niedertrat auf Waldeswegen,
Strahlen aus des Liedes Gruß
Duftig hell dem Volk entgegen.

Lasst ihm seinen Schmerzensgang,
Geht vorüber scheu und eilig!
Träumend, froh und sorgenbang –
Immer ist der Dichter heilig!

Charles Gille.


Schuhflickers Glück.

(1838.)

Glücklich nach seinem Glauben wird ein Jeder –
Ich wusste meines Glückes Schmied zu sein;
Ihr Großen, lasst mich nur bei Pech und Leder,
Mein Glück, mit eurem hat es Nichts gemein.
Kundschaft genug, die Arbeit nimmer scheu' ich,
Spektakel höchstens macht das Weibsgesicht,
Nachher das Weib, zuerst die Sohlen bläu' ich –
Das ist mein Glück, und anders kenn' ich's nicht!

Ich will euch doch, beim Leisten hübsch zu bleiben,
Erzählen, was ich so bei mir gedacht …
Zwar bin ich hässlich, gar nicht zu beschreiben,
Doch sie ist eifersüchtig, dass es kracht;
Ja, dass es kracht, dass mir die Sinne duseln! …
Wenn ihr der Pfaff den Todtensegen spricht:
Was will ich mich an jenem Tag befuseln –
Das ist mein Glück, und anders kenn' ich's nicht!

Musik und Ball, womit die reichen Laffen
Die Zeit vertändeln, sind doch allzu toll;
Nein, wie vermag man Fröhlichkeit zu schaffen,
Wenn man das Ende nur ergähnen soll?
Hab' ich 'nen Spitz, dass ich nach seitwärts kegle,
Wenn sanft mein Fuß verlor das Gleichgewicht,
Bis untern Tisch um Mitternacht ich segle –
Das ist mein Glück, und anders kenn' ich's nicht!

Aus ihren Schlössern stolz mit ihren Damen
Kutschieren sie, umringt von Türk' und Mohr;
Ihr Rang, ihr Titel, ihre langen Namen,
Der Teufel weiß: wo kroch das Zeug hervor?
Hab' ich mein Geld: die Tasche wird es tragen,
Mein Brot verdien' ich, Speck und Schnaps und Licht,
»Du bist kein Lump!« darf ich mir ruhig sagen –
Das ist mein Glück, und anders kenn' ich's nicht!

Die Schmierer, seht, für ihre Siebensachen
Erhalten Kreuze, Ordensband und Ring;
Zwölf Bücher schwer will ich euch Sohlen machen –
Warum denn mir nicht auch so'n Dingliding?
Potz Sackerlot, wie wollten wir euch äffen,
Käm' ohne Stiefel 'mal das Staatsgericht …
Ich hab' ein Kreuz, doch war ich auch im Treffen –,
Das ist mein Glück, und anders kenn' ich's nicht!

Auf unserm Staub, mit Buttervogelflügeln
Was soll so'n Stein, so'n dummer Epitaph?
Marmor und Gold auf unsern Todtenhügeln
Verstörten nur des Friedens stillen Schlaf.
'ne simple Thrän' ist Alles, was wir wollen,
Nicht wie die Zwiebel sie herunter sticht,
Nein, aus dem Herzen soll die Thräne rollen –
Das ist mein Glück, und anders kenn' ich's nicht!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Die Ochsen.

Zwei Ochsen, weiß mit braunen Flecken,
Hab' ich im Stall, ein prächtig Paar!
Von Ahorn ist der Pflug; der Stecken
Ein Stechpalmzweig, der Rinde bar.
Es schafft ihr Fleiß, dass grün das Feld mir
Im Winter, gelb im Herbst erstrahlt;
In einer Woche bringt mehr Geld mir
Das Paar, als ich dafür bezahlt.

Ach, müsst' ich sie verkaufen:
Eh'r wollt' ich gleich ersaufen;
Wohl lieb' ich sehr mein Weib – doch schüfe größre Noth
Der ihre nicht mir, als der Ochsen Tod.

Ihr seht die Schollen sie durchwühlen,
Die Furchen ziehend tief und grad,
An Tagen, kalten oder schwülen,
Ob Regen, ob Gewitter naht.
Und mach' ich Halt mal, um zu trinken:
Aus ihren Nüstern steigt ein Rauch;
Es setzt auf ihrer Hörner Zinken
Der Spatz sich hin, der kleine Gauch.

Ach, müsst' ich sie verkaufen:
Eh'r wollt' ich gleich ersaufen;
Wohl lieb' ich sehr mein Weib – doch schüfe größre Noth
Der ihre nicht mir, als der Ochsen Tod.

Stark sind sie wie die Traubenkelter,
Und sanft dabei wie Lämmer doch.
Ein Städter fragt mich jährlich; »Hält Er
Sie noch nicht feil? Der Preis wie hoch?«
Er will, dass sie geschmückt durchwandeln
Am Fastnachtstag die Straßenreihn, –
Dann gar dem Schlachter sie verhandeln!
Schön Dank! sie sind und bleiben mein.

Ach, müsst' ich sie verkaufen:
Eh'r wollt' ich gleich ersaufen;
Wohl lieb' ich sehr mein Weib – doch schüfe größre Noth
Der ihre nicht mir, als der Ochsen Tod.

Wenn einst erwachsen unsre Kleine,
Und wenn dann unsres Königs Sohn
Zur Ehe sie begehrt: ich meine,
Ich gäbe all mein Geld ihm schon;
Doch will zur Mitgift er verlangen
Die Ochsen, weiß und braun gefleckt:
Mein Kind, so lass die Krone hangen,
Die nicht der Ochsen Werth uns deckt!

Ach, müsst' ich sie verkaufen:
Eh'r wollt' ich gleich ersaufen;
Wohl lieb' ich sehr mein Weib – doch schüfe größre Noth
Der ihre nicht mir, als der Ochsen Tod.

Pierre Dupont.


Die Sklavenkette.

O Freiheit, Männerwort! Freiheit, du süßes Träumen,
Das sechs Jahrtausende ins Leben nicht geweckt! –
Willst du nicht länger, Volk, den Siegestag versäumen,
So gieb, dass Keiner mehr nach Brot die Hände streckt!
Solange du von Land zu Lande mit Gewimmer
Der Armuth Kette trägst, der Schmähung Sklavenblei:
So lang von Freiheit rede nimmer –
Denn Armuth, ach, ist Sklaverei!

Wie mürrisch gehst du, Mann, im Schwarme der Rekruten?
Zu deinem Herde glaubt' ich längst dich heimgekehrt. –
»Für eines Wuchrers Sohn dien' ich mit Zornesgluthen,
Mich zu verkaufen hat die grimme Noth gelehrt« …
Du, nach der Jugend Flucht gesellt dem Waffenschimmer,
Um schnödes Gold die Brust dem Tode bietend frei:
O rede mir von Freiheit nimmer –
Denn Armuth, ach, ist Sklaverei!

»Ich ließ mein stilles Dorf, den Wald, die grünen Felder,
Weil mich zu seinem Dienst ein Höfling jüngst entbot;
Zuweilen klag' ich wohl um meine freien Wälder,
Doch hab' ich nun, das einst gemangelt mir, das Brot« …
Wenn du – ein Sklav – gebannt in dein Bedientenzimmer
Der Knechtschaft Siegel trägst, des Mächtigen Livrei:
O rede mir von Freiheit nimmer –
Denn Armuth, ach, ist Sklaverei!

»Steh, Wandrer, steh! ich will mit Liebesgruß dich grüßen,
Erbarmen meiner Noth, die oft des Schmerzes pflag!
Ich darbte – ich war schön – und bald zu meinen Füßen,
Wie eine finstre Kluft, angähnte mich die Schmach.«
Weib, das zur Sünde lockt um bunten Goldes Flimmer,
Weib, dessen Scham erstarb in ihrer Jugend Mai:
O rede mir von Freiheit nimmer –
Denn Armuth, ach, ist Sklaverei!

In seinen Lumpen weiß gar wohl, dass er gebunden,
Der Arme, wenn gebückt er vor Palästen steht;
Nur in der Arbeit wird das Gleichgewicht gefunden,
Wenn ewig schwankend heut des Rechtes Wage geht.
Solange Reich und Arm, im Kampf geschieden, immer
Sich wild befehdend stehn in trotz'ger Waffenreih':
So lang von Freiheit rede nimmer –
Denn Armuth, ach, ist Sklaverei!

Pierre Lachambeaudie.


Das Grab.

(1843.)

Mögt immer ihr für glaubenslos mich halten,
Weil sich mein Herz von manchem Wahn befreit;
Trotz eurem Lied, drin fromme Geister walten –
Ich glaube nicht das Wort: »Unsterblichkeit!«
O jubelt heut! Vielleicht, es naht schon morgen
Der Schnitter »Tod,« sein Erntefeld zu mähn;
Reichthum und Macht, Hoffnung und Liebessorgen –
Im Grab muss alles Irdische verwehn.

Ihr hinterlasst, vertauchend Well' auf Welle,
Als stumme Klagen Kreuz und Monument;
Es tritt ein Stein an eines Menschen Stelle …
Und wär' es Das, was ihr »unsterblich« nennt?
Sobald dem Leib der Seele Hauch entflogen,
Wird auch die Hülle schnell vermodern gehn;
Von Blumen wird die Schlummerstatt umzogen –
Im Grab muss alles Irdische verwehn.

»Was wird denn unser Geist?« so hör' ich fragen;
Trotz jedem Wahn – er steigt mit uns hinab.
Erst kommt ein Weib, ein Kind vielleicht, zu klagen,
Und betet still an des Geliebten Grab …
Die Todtenschrift mit ihrem goldnen Scheine
Wird bald geschwärzt im Marmorgrunde stehn,
Dann lagert sich Vergessen auf dem Steine –
Im Grab muss alles Irdische verwehn.

Du junges Kind in deiner Schönheit Prangen,
Vergiss im Rausch der Freudenstunde nicht,
Dass einen Kranz die Tugend nur empfangen,
Der leicht bei einem Liebeskuss zerbricht.
Sahst du ihn je von deiner Stirn entschwinden,
O hoffe Nichts, vergebens wirst du spähn,
Du wirst ihn nimmer selbst im Grabe finden –
Im Grab muss alles Irdische verwehn.

Wie! von Gerechtigkeit hör' ich euch sprechen? …
Habt ihr die Märtyrer vergessen schon,
Die, ach! durch euren Urtheilsspruch, den frechen,
Den Tod gefunden als der Tugend Lohn?
Wer hat in neuer Gluth ihr Auge lodern,
Wer blutig sie dem Grund entsteigen sehn?
Wann kamen sie, Gerechtigkeit zu fodern? –
Im Grab muss alles Irdische verwehn.

Genießt, das einzig euch bekannt, das Leben –
Ihr wisst ja nicht, was hinterm Strande liegt;
Von nächt'gem Schleier ist der Tod umgeben,
Den keines Erdgebornen Blick durchfliegt!
Nichts kam, den finstern Zweifel aufzuklären,
Darin die Herzen rings gefangen gehn;
Wahr kann sich nur das Mögliche bewähren –
Im Grab muss alles Irdische verwehn.

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Ein Kind aus dem Volke.

(1846.)

Wer sah nicht einmal lustumfangen
Vorüber wandeln leicht und schnell
Ein Kind, mit Lumpen schlecht behangen,
Ein Antlitz, frischer als der Quell?
Wer sah nicht an des Abgrunds Rande,
Darinnen Schmerz und Sünde wacht,
Ein Opfer knien im Abendbrande,
Das schöner als die Blüthenpracht?

Du Vöglein, aus dem Nest getrieben,
Herz, das ein liebend Herz erfleht,
Blum', ohne Sonnenschein geblieben:
Wo ist's, dass deine Wiege steht?

O Gott, wie muss die Arme leiden!
Die Haut entfärbt des Elends Graun;
Einst war sie weich wie Sammt und Seiden,
Nun ward sie hässlich, hart und braun.
Des Staubes lästige Beschwerde,
Der Stein, darauf sie wandeln muss,
Und jedes böse Gift der Erde
Verletzt der weißen Schönheit Fuß.

Du Vöglein, aus dem Nest getrieben,
Herz, das ein liebend Herz erfleht,
Blum', ohne Sonnenschein geblieben:
Wo ist's, dass deine Wiege steht?

Und wenn ihr auch die Schönheit bliebe,
Die leicht der Armuth Gram zerbricht:
Ihr Lenz ist drum nicht minder trübe,
Und, ach, ihr Morgen schöner nicht!
Es heften Vipern sich und Nattern
An ihrer flücht'gen Ferse Saum,
Und böse Nachtgewölke flattern
In ihres Jugendhimmels Traum.

Du Vöglein, aus dem Nest getrieben,
Herz, das ein liebend Herz erfleht,
Blum', ohne Sonnenschein geblieben:
Wo ist's, dass deine Wiege steht?

O, mög' an deines Hüttchens Schwelle
Der Unschuld Engel Wache stehn,
Und mögst du bei der Kerzen Helle
Dir lieber roth die Augen sehn;
Mögst du mit Thränen lieber netzen
An jedem Tag dein schwarzes Brot,
Als dich dem Geier auszusetzen,
Der Tod der schwachen Liebe droht!

Du Vöglein, aus dem Nest getrieben,
Herz, das ein liebend Herz erfleht,
Blum', ohne Sonnenschein geblieben:
Wo ist's, dass deine Wiege steht?

Ein Mädchen, das die Seele traurig
Um Silber schmiegt ins Sklavenjoch,
Schafft einen Herbst sich, kalt und schaurig,
Und einen Winter, trüber noch.
Sobald der Schönheit Glanz entflogen,
Zerstiebt wie Spreu die Jünglingsschar –
Dann glaubt die Arme sich betrogen,
Und Thau benetzt ihr Wangenpaar.

Du Vöglein, aus dem Nest getrieben,
Herz, das ein liebend Herz erfleht,
Blum', ohne Sonnenschein geblieben:
Wo ist's, dass deine Wiege steht?

Doch wer bewahrt der Unschuld Hülle
Vor jeder frechen Räuberhand,
Ist heilig, und in Liebesfülle
Grüßt ihn der Herr vom Himmelsrand.
Belohnt wird Genovefens Treue,
Sie sinkt in des Geliebten Arm,
Die Maid von Orleans aufs Neue
Bricht siegend in der Feinde Schwarm!

Du Vöglein, aus dem Nest getrieben,
Herz, das ein liebend Herz erfleht,
Blum', ohne Sonnenschein geblieben:
Wo ist's, dass deine Wiege steht?

Kind aus dem Volk, geliebte Schwester,
Die leiden muss im Jugendglanz,
Doch in dem Kampfe fest und fester
Bewahrt der Tugend Blüthenkranz:
Einst kommt dein Reich mit Lust und Kosen,
Zerbrochen rollt die Fessel hin,
Und krönen wird mit Myrt' und Rosen
Die Liebe dich als Königin.

Du Vöglein, aus dem Nest getrieben,
Herz, das ein liebend Herz erfleht,
Blum', ohne Sonnenschein geblieben:
Wo ist's, dass deine Wiege steht?

Pierre Dupont.

Die Geier.

(1843.)

Dem Fortschritt Dank – kein Feld in unsern Tagen,
Wo nicht ein wilder Schlachtenruf erschallt!
Seht, wie sie rings das Menschenrecht zerschlagen,
Missachtend roh des Lieblichen Gewalt!
Dem Schwachen Nichts – ihm bleibt der Schmerz zu eigen,
Dem Starken Alles: Macht und Herrschergut –
Ihr kleinen Vögel, flieht von euren Zweigen,
Und fürchtet still den Ruf der Geierbrut!

Wähnt, Künstler, nicht, dass eure Harmonieen,
Ein sanfter Strom, durchfluthen unsre Brust:
Uns zu entzücken, müssen Melodieen
Aufjauchzen hell in trunkner Sinnenlust.
Die Trommel dröhne, und zum Hörnerreigen
Einfalle wild der Instrumente Wuth –
Ihr kleinen Vögel, flieht von euren Zweigen,
Und fürchtet still den Ruf der Geierbrut!

Zerbrecht die Harfen, gottentsprungne Dichter,
Erzittern lassen müsst ihr heut die Welt!
Löscht selber aus die goldnen Himmelslichter,
Die unsrer Herzen dunkle Nacht erhellt!
Ach, euer Lied, es muss verklingend schweigen,
Wenn durch die Länder raucht des Hasses Gluth –
Ihr kleinen Vögel, flieht von euren Zweigen,
Und fürchtet still den Ruf der Geierbrut!

Du junges Kind, im Kampfe rein geblieben,
Das Roth der Scham lass von der Wange wehn!
Zehn Männer musst an einem Tag du lieben,
Und in der Hand die Cigarette drehn!
Der Kankan weiß die Glieder schön zu zeigen,
Vorquillt im Tanz der weißen Brüste Fluth –
Ihr kleinen Vögel, flieht von euren Zweigen,
Und fürchtet still den Ruf der Geierbrut!

Gefangne Märtyrer des Freiheitdranges,
Euch liebt das Volk – doch auf den Knieen nur!
Man wehrt euch selbst die Wonne des Gesanges,
Den Sonnenschein der theuren Heimatflur!
Mögt ihr das Haupt auf eure Kette neigen,
Das nimmermehr am Mutterherzen ruht –
Ihr kleinen Vögel, flieht von euren Zweigen,
Und fürchtet still den Ruf der Geierbrut!

Gustave Leroy, Nähkastenarbeiter.


Gleichheit.

Ihr sprecht zu uns, allmächt'ge Herrn der Erde,
Nichts gelte neben euch der Proletar.
Was schlagt ihr ihn mit stolzer Machtgebärde,
Und raubt ihm seine Bürgerrechte gar?
Gesteht, die ihr als Sklaven uns gehalten:
Wo nur ein Kind erblickt das Licht der Welt,
Arm oder reich – es kann sich groß entfalten …
Ihr seht's, Gott will, dass Alle gleichgestellt!

Herrscher der Welt! entgegnet unsern Klagen:
Warum denn stets verachten unsern Ruf?
Wollt ihr den Geist in uns zu Grabe tragen,
Uns, die aus gleichem Stoff ein Gott erschuf?
Nein! uns wie euch – das Alter schafft uns Beiden
Ein Haupt, von winterlichem Schnee erhellt;
Arm oder reich – Dasselbe musst ihr leiden …
Ihr seht's, Gott will, dass Alle gleichgestellt!

Der Sonne Dank – es trug auf unsern Reben
Noch jedes Jahr der Weinstock neue Frucht;
Im goldnen Wein hat Licht und Lust und Leben
Der arme, wie der reiche Mann gesucht.
Doch auch der Wein umnebelt die Gedanken,
Wenn ohne Maß euch seine Fluth gefällt!
Arm oder reich – bald wird der Sinn euch schwanken …
Ihr seht's, Gott will, dass Alle gleichgestellt!

Das Weib versteht durch seine süße Milde,
Durch seinen Reiz zu fesseln jedes Herz;
Wir trotzen lächelnd unter Amor's Schilde
Des Lebens Sturm in Lust und Liebesscherz.
Und wenn der Jüngling unter Myrtenbäumen
Sein süßes Liebchen froh im Arme hält:
Arm oder reich – es ist dasselbe Träumen …
Ihr seht's, Gott will, dass Alle gleichgestellt!

In blut'ger Schlacht, wo um das Haupt des Kriegers
Mit dunklem Blatt die Lorberkrone weht,
Wo unterm Tritt des allgewalt'gen Siegers
Der Todesengel seine Garben mäht –
Ob Kreuz und Stern an deiner Wiege lachten,
Ob du, ein Bettler, wandelst über Feld:
Arm oder reich – Nichts hemmt das Blei der Schlachten …
Ihr seht's, Gott will, dass Alle gleichgestellt!

Arm oder reich – o hört auf meine Worte!
Bedenkt es wohl, dass einst der Tag ersteht,
Wo sich vor euch erschließt die dunkle Pforte,
Und wo der Geist vor seinen Richter geht!
Bedenkt es wohl: er ist ein strenger Richter,
Arm oder reich – dein Urtheil ist gefällt!
Den Stab des Zorns selbst über Kön'ge bricht er …
Ihr seht's, Gott will, dass Alle gleichgestellt!

Gustave Paroisse.


Das Hochzeitsfest.

(1839.)

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Seit wir gesehn die Sonne erscheinen,
Rüstet ein Jeder sein festlich Gewand.
Jeglicher Glück ist die Freude des Einen –
Anders denkt man in unserem Land!

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Seht das Gefolg, das zum Maire sich begeben,
Wiedererkennen und Grüße und Knix,
Denket der Maire: »O du lustiges Leben!«
Dann unterzeichnen sie fröhlichen Blicks.

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Jetzt nach der Kirche sie gehn mit Geflüster –
Himmel! was macht so wilden Skandal?
Glockengeläut! und der trunkene Küster
Ras't auf der Orgel und tritt das Pedal.

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Und vor dem Paare, das Bänder verzieren,
Wandelt ein dicker, gemästeter Pfaff;
Famulus dann, Chorknaben marschieren,
Wie der Soldat bei Hörnergeblaff.

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Sucht der Pastor die kupferne Brille,
Denn so oft seit des Tages Beginn
Hat er den Messkrug geleert in der Stille,
Dass ihm, statt »Jesus,« ein »Bacchus« im Sinn.

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Vorne die Braut auf dem Esel, dem grauen,
Maclou dahinter – das Eselein hüpft!
Ach, Marianne, ein Jeder kann schauen,
Dass überm Knie du das Strumpfband geknüpft!

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Maclou, geputzt im schönsten Gewande,
Trägt vor der Brust von Blumen den Strauß;
Wackelt sein Hut mit verbogenem Rande,
Säße gern fest, doch wird Nichts daraus.

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Eselein brüllt, und belfert ein Hündlein,
Orgel erbraust, und der Böller sagt Krack!
Maclou giebt schmatzend Mariannen ein Mündlein –
Jeder pfeift nach seinem Geschmack.

Ticke tock teng teng, Maelou sich vermählet,
Ticke tock teng teng, alle Sorgen fliehn!
Ticke tock teng teng, hat ein Weib erwählet –
Ticke tock teng teng klingt das Tambourin!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Die Zukunft.

Warum bestimmen nach vergangner Schmach
Der Hoffnung Glück, der Zukunft goldnen Tag?
Stolz auf die Gegenwart, sollt ihr durch Schmerz und Thränen
Ein schöner Morgenroth der freien Welt ersehnen –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Vergebens, sagt ihr, schritt die Menschheit fort,
Wenn morgen sie bezwingt ein Herrscherwort.
Doch nein! ihr lasst umsonst der Dummheit Banner fliegen,
Ein zweiter Omar wird dem Gutenberg erliegen –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Du Priester, dessen Gott den Hass begehrt,
Klag immerhin, dass stumpf des Glaubens Schwert!
Ein jeder Stern erlischt, wenn seine Pracht vergangen,
Und nur die Liebe kann die Herzen heut umfangen –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Mein Vaterland! o nimmer, deine Macht
Durch Blut zu mehren, wieder sei bedacht!
Unfruchtbar macht das Blut der Erde blum'ge Matten,
Mit deinem Lorber sollst du eine Welt beschatten –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Doch – redet ihr – des Ruhmes frischer Quell
Versandet in des Friedens Dunkel schnell.
Wie! könnt' im Streite nur für uns der Ruhm erglühen?
Er wird durch Fleiß und Kunst in besserm Sieg erblühen –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Ja, predigt nur der Zwietracht eitlen Sieg,
Und jenen Frieden, schlimmer als der Krieg!
Wir werden – muss es sein – auch in der Schlacht euch finden,
Und Friedensrosen um die Kriegespalme winden –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Gefangner Riese, den die Fessel band,
Man sagt dich todt, mein großes Vaterland!
Doch sieh, dein Henker wird erliegen bald den Pfeilen,
Noch blieb gesund das Herz und wird die Wunde heilen –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Du Schwätzer, der mit fremdem Prunke gleißt,
Erloschen, sagst du, sei bei uns der Geist?
Ihr Thoren! ewig trägt die Welt des Geistes Stempel,
Und nicht mit Griechenland zerfiel der Künste Tempel –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Ein Volk, das ihr bezwungen schon geglaubt,
Erhebt auf Trümmern sein Rebellenhaupt!
Wenn ihr Vergangnes ehrt: dem Heute sollt ihr leben,
Und jubelnd auf den Schild die Gegenwart erheben –
Denn uns nach Kampf und Leid
Gehört die künft'ge Zeit!

Auguste Jolly.


Kriegers Heimkehr.

(1836.)

Erinnerung aus meiner Heimat Thalen,
So muss dich nun der Wind verwehn?
Du meiner Jugend Glück in Lust und Qualen,
Leb wohl auf Nimmerwiedersehn!

Zwei arme Krieger schauen
Hinab von Berges Rand
Im ersten Morgengrauen
Aufs sommergrüne Land.
Der Eine denkt mit Sehnen,
Wie fern die Woge zieht,
Der Andre singt in Thränen
Ein trübes Klagelied:

»Erinnerung aus meiner Heimat Thalen,
So muss dich nun der Wind verwehn?
Du meiner Jugend Glück in Lust und Qualen,
Leb wohl auf Nimmerwiedersehn!

»Gesunken ist die Linde,
An der ich oft gelauscht,
Daraus im Abendwinde
Mir süß ein Lied gerauscht.
Auf dieser Bank von Steinen,
Die Moosgeflecht umspinnt,
Empfing ich einst mit Weinen
Den Muttersegen lind.

»Erinnerung aus meiner Heimat Thalen,
So muss dich nun der Wind verwehn?
Du meiner Jugend Glück in Lust und Qualen,
Leb wohl auf Nimmerwiedersehn!

»Ach, fern an jenem Laube
Erblick' ich dort gen West
– Sie fiel zu Asch' und Staube! –
Der Elternhütte Rest.
Und dieses Kreuz am Walde,
Beglänzt vom Sonnenschein –
Es schließt auf stiller Halde
Den Staub des Vaters ein!

»Erinnerung aus meiner Heimat Thalen,
So muss dich nun der Wind verwehn?
Du meiner Jugend Glück in Lust und Qualen,
Leb wohl auf Nimmerwiedersehn!

»Horch! Cymbeln dort und Pfeifen
Und lust'ger Hörnerschall –
Vielleicht, die Schnitter schweifen
Hinaus zum Ernteball.
Es fliegen die Standarten – –
Das war ein Hochzeitslaut!
O Gott! sie mag nicht warten:
's ist meine eigne Braut!

»Erinnerung aus meiner Heimat Thalen,
So muss dich nun der Wind verwehn?
Du meiner Jugend Glück in Lust und Qualen,
Leb wohl auf Nimmerwiedersehn!

»Den Kaiser liebt noch immer
Des Kriegers treues Herz;
Wir theilten seinen Schimmer –
Wir theilen seinen Schmerz.
Sein Stern ist untergangen,
Der einst gen Himmel stieg,
Der Kaiser ist gefangen,
Und wir?« … Die Lippe schwieg.

Erinnerung aus meiner Heimat Thalen,
So muss dich nun der Wind verwehn?
Du meiner Jugend Glück in Lust und Qualen,
Leb wohl auf Nimmerwiedersehn!

Den Trauerplatz verlassen
Die Krieger der Loire.
Weiß nicht, wohin den Blassen
Der Weg bereitet war;
Weiß nimmer, wo vernommen
Ihr Ohr den Trauersang,
Der, mir ins Herz gekommen,
Vom Berge wiederklang:

»Erinnerung aus meiner Heimat Thalen,
So muss dich nun der Wind verwehn?
Du meiner Jugend Glück in Lust und Qualen,
Leb wohl auf Nimmerwiedersehn!«

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Der Wilde.

(1846.)

Müd, einsam zu genießen und zu leiden,
Lenkt' ich den Schritt, von Liebeslust beschwingt,
Auf jene Pfade, die die Welt durchschneiden,
Davon uns keiner, ach! zum Heile bringt.
Ich sah der Städte goldnen Flitter prangen,
Die Haft, darin der Mensch, mein Bruder, lebt,
In kaltem Stein, dem Sonnenlicht verhangen,
Der sich gespenstig in die Wolken hebt.

Wann, o Natur! wann darfst du schauen
Vereinigt deiner Kinder Zahl
– Ein fröhlich Volk – ihr Hüttchen bauen,
Soweit erglänzt der Morgenstrahl?

Wie muss ich, Bruder, dein Geschick beklagen!
So dumpf und schwül ist deine Lebensluft;
In deiner Brust mit Hast die Pulse schlagen,
Da stets ein finstrer Plan zur That dich ruft!
Der Geist, der aus der Woge spricht am Strande,
Er gilt dir minder, als ein Körnchen Gold;
Du beugst dich als dem Weltengeist dem Sande,
Der trüb in meiner Heimatwelle rollt.

Wann, o Natur! wann darfst du schauen
Vereinigt deiner Kinder Zahl
– Ein fröhlich Volk – ihr Hüttchen bauen,
Soweit erglänzt der Morgenstrahl?

Ein welkes Blatt, der Lüfte Spiel gegeben,
Irrt ohne Ziel dein Lieben durch die Welt;
Ein Wittwenstand, ein trüber, ist dein Leben,
Drin nur als Blitz das Glück die Nacht erhellt.
Ach, weißt du nicht, dass du auf dieser Erden,
Um selbst zu leben, lieben musst zu Zwein?
Es soll ein jeder Mensch dein Bruder werden,
Und jede Fessel heut zerrissen sein!

Wann, o Natur! wann darfst du schauen,
Vereinigt deiner Kinder Zahl
– Ein fröhlich Volk – ihr Hüttchen bauen,
Soweit erglänzt der Morgenstrahl?

Die Welt ist groß! – Wie in der Jugend Wonne
Die Liebe braust in stolzer Flammenkraft,
Und wie die Rebe gährt in ihrer Tonne:
So kocht im Erdenschoß der Feuersaft.
Sie spendet Flachs, um Alle zu bekleiden,
Für Alle reift sie ihre goldne Frucht,
Für eine Welt, die, müd der ew'gen Leiden,
Umsonst sich heut im Kampf zu opfern sucht.

Wann, o Natur! wann darfst du schauen
Vereinigt deiner Kinder Zahl
– Ein fröhlich Volk – ihr Hüttchen bauen,
Soweit erglänzt der Morgenstrahl?

Der Tag bricht an, die Nebel zu zertheilen,
Die lang' umnachten unsern Blick gemusst;
Der Geist beschwingt sich mit des Lichtes Pfeilen,
Ein neuer Glaube flammt in junger Brust!
Der Schiffer steuert muthig auf die Wogen,
Die Furche schneidend durch die Wasserbahn,
Und, nimmer von der Sterne Glanz betrogen,
Vertraut der Nadel er den schwanken Kahn.

Wann, o Natur! wann darfst du schauen
Vereinigt deiner Kinder Zahl
– Ein fröhlich Volk – ihr Hüttchen bauen,
Soweit erglänzt der Morgenstrahl?

Das Meer, die Luft, das Feuer – flücht'ge Renner,
Aufschäumend wild und knirschend ins Gebiss –
Befreien rings die Welt, und freie Männer
Verbünden sich, der Siegeslust gewiss.
Ach, dieser Weltentag, er käme morgen,
Wenn wir vermählten in der Liebe Gluth:
Ihr – des Gedankens ruhmgekrönte Sorgen,
Und wir – den Arm, gefärbt mit Löwenblut!

Wann, o Natur! wann darfst du schauen
Vereinigt deiner Kinder Zahl
– Ein fröhlich Volk – ihr Hüttchen bauen,
Soweit erglänzt der Morgenstrahl?

Es kommt die Zeit, da jeder Schmerz zu Ende,
Der Krieg, der Hunger und die letzte Noth!
Reicht euch zum Kampf, im Bruderbund die Hände,
Und eure Fahnen mischt im Morgenroth!
Verliebte Kinder, krönt das Haupt mit Rosen,
Ihr Künstler, brecht das frische Lorberreis!
Kein Hassen mehr, kein Groll und Schwertestosen,
Gen Himmel einzig führt der Liebe Gleis!

Wann, o Natur! wann darfst du schauen
Vereinigt deiner Kinder Zahl
– Ein fröhlich Volk – ihr Hüttchen bauen,
Soweit erglänzt der Morgenstrahl?

Pierre Dupont.


Woran sie denkt?

(1838.)

Auf deiner Stirne schon die Falten,
Von Trauer bleich dein Angesicht –
O kannst du nicht die Thräne halten,
Die schmerzend dir vom Auge bricht?
Die Sichel ruht am Wiesenraine,
Und trüb ist deiner Augen Pracht …
Die Hand aufs Herz, du liebe Kleine,
Und sprich: woran dein Herz gedacht?

Du ruhst im Laub … die Sinne schwanken …
O sieh, dein schöner Fuß zerbricht
Ein schuldlos Blümchen in Gedanken,
Ein liebliches Vergissmeinnicht.
Beleidigt deinen Blick der seine
Mit stillverborgner Friedenspracht? –
Die Hand aufs Herz, du liebe Kleine,
Und sprich: woran dein Herz gedacht?

Horch, Trommelschlag! Es ruft die Fahne
Ins Feld Sergeanten und Rekrut –
Dein Herz erbebt in heißem Wahne,
Und heller strahlt der Wangen Gluth.
Vom Auge perlt in lichtem Scheine
Der Thau … die Trommel ruft zur Schlacht –
O sage Nichts, du liebe Kleine:
Ich weiß, woran dein Herz gedacht!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Der Apostel an den König der Franzosen.

(1841.)

Wohin, mein dämmernd Aug' zu blenden,
Begeistrung, trägst du mich empor?
Dem Himmel will ich neu entwenden
Die Gluth, die Todte einst beschwor.
Ich will mit lichtgefeiten Waffen
Befrein der Erde Prachtgefild,
Aus Schemen will ich Menschen schaffen,
Aus Sündigem ein Heil'genbild.

Hört den Friedensschall
Aus der Wüste klingen;
Berg' und Thäler singen
Froh im Wiederhall.
Weltversöhnung künden
Töne, voll und weich,
Und die Menschen gründen
Hier ein Himmelreich.

Ich will's! die Woge sei beschworen!
Und Götter lächeln meiner Bahn.
Unlängst im Haufen noch verloren,
Wuchs ich zum Riesen jetzt heran.
Ich sprech' – und alle Herzen beben,
Ich singe – schau, der Arme lacht,
Ich schreite vor – die Völker heben
Des Lichtes Banner durch die Nacht!

Hört den Friedensschall
Aus der Wüste klingen;
Berg' und Thäler singen
Froh im Wiederhall.
Weltversöhnung künden
Töne, voll und weich,
Und die Menschen gründen
Hier ein Himmelreich.

Ich rede mit Prophetenworten
Ein Lied zu Gottes Preis und Ruhm,
Und donnernd öffnen sich die Pforten
Zum langverschlossnen Heiligthum.
Erglühn in einem Opferliede
Von tausend Herzen soll der Brand;
Vorwärts in festgeschlossnem Gliede,
Der Weise hoch, der Ignorant!

Hört den Friedensschall
Aus der Wüste klingen;
Berg' und Thäler singen
Froh im Wiederhall.
Weltversöhnung künden
Töne, voll und weich,
Und die Menschen gründen
Hier ein Himmelreich.

Die Völker hoch, und hoch die Fürsten,
Der Reiche wie der Bettlersmann!
Der Jüngling hoch im Wissensdürsten,
Und hoch des Alters stille Bahn!
Die Männer hoch, und hoch die Frauen,
Hoch Kraft und Schönheit allezeit!
Hoch Geist und Leib, im Bund zu schauen,
Und dreimal hoch die Menschlichkeit!

Hört den Friedensschall
Aus der Wüste klingen;
Berg' und Thäler singen
Froh im Wiederhall.
Weltversöhnung künden
Töne, voll und weich,
Und die Menschen gründen
Hier ein Himmelreich.

Ein Bruderbund die Nationen!
So will es liebend die Natur.
Das Elend gilt es zu entthronen,
O, folgt des Glückes heitrer Spur!
Der Geist in reiner Lichtvollendung
Erklingt wie Sphärenmelodie;
Die Einheit ist des Menschen Sendung,
Der Himmel Sendung: Harmonie.

Hört den Friedensschall
Aus der Wüste klingen;
Berg' und Thäler singen
Froh im Wiederhall.
Weltversöhnung künden
Töne, voll und weich,
Und die Menschen gründen
Hier ein Himmelreich.

Es zeugen Erde, Luft und Meere
– Ein nimmerdar gealtert Buch, –
Dass uns die bittre Zeit der Lehre
Vorüberging im Zeitenflug.
Viel' Zungen machen tausendkehlig
Ein Weltgeheimnis offenbar,
Und tausend Worte lösen selig,
Was lang ein schmerzlich Räthsel war.

Hört den Friedensschall
Aus der Wüste klingen;
Berg' und Thäler singen
Froh im Wiederhall.
Weltversöhnung künden
Töne, voll und weich,
Und die Menschen gründen
Hier ein Himmelreich.

Prometheusfunke, gottentsprühend,
Du bist ein Fluch, ein Segen du,
Ein Feuer, wärmend oder glühend,
Bist Gift und Gegengift dazu!
Dich nenn' ich Christ im Ölbergsthale,
Nero und Sokrates zugleich,
Lukull beim schwelgerischen Mahle,
Im Lichte Herr, im Schattenreich!

Hört den Friedensschall
Aus der Wüste klingen;
Berg' und Thäler singen
Froh im Wiederhall.
Weltversöhnung künden
Töne, voll und weich,
Und die Menschen gründen
Hier ein Himmelreich.

Empfaht des Himmels Götterfunken,
Der Hass und Schmerz um Liebe tauscht,
Wenn morgen schon begeistrungstrunken
In jedes Herz der Jubel rauscht!
Schon hör' ich die Posaune schallen,
Die Gräber bersten, Schuss auf Schuss:
Es bleibt der Mensch – die Schemen fallen,
Sein Tuch entsinkt dem Lazarus!

Hört den Friedensschall
Aus der Wüste klingen;
Berg' und Thäler singen
Froh im Wiederhall.
Weltversöhnung künden
Töne, voll und weich,
Und die Menschen gründen
Hier ein Himmelreich.

Jean Journet.


Den Kindlein!

(1839.)

Ihr Kinder lieb in eurer Jugend Prangen,
Wie Lilien weiß, wie schmucke Röslein roth,
Der Zug der Unschuld spielt um eure Wangen,
Drauf noch der Kuss der Freudensonne loht!
Ach, dass auch Schlangen aus der Brust sich heben! –
Ich will euch warnen vor des Künft'gen Schein,
Denn eine Galgenfrist ist euch das Leben …
Schuldlose Kinder, bliebt ihr ewig klein!

Ihr werdet groß! Euch trifft zu glühndem Brande
Der Liebesgott mit seiner Pfeile Schuss,
Vernunft und Ehr' im züchtigen Gewande
Vergesst ihr all' um einen Liebeskuss.
Doch jener Kuss – wir haben's schlimm getrieben! –
Birgt oft Verrath und falsche Todespein;
Nichts mehr ist wahr, als einer Mutter Lieben …
Schuldlose Kinder, bliebt ihr ewig klein!

Ihr werdet groß! Das Recht des Vaterlandes
Macht euch zu Söldnern, dienend der Gewalt.
Wenn durch Paris im Roth des Abendbrandes
Zum Sturm dereinst die Freiheitsglocke schallt:
»Gebt Feuer auf den Armen!« wird es heißen,
Ihr werdet schwach, ihr werdet Mörder sein!
Dem Bruder Tod – oder die Kette beißen …
Schuldlose Kinder, bliebt ihr ewig klein!

Ihr werdet groß! Die Märchen eurer Väter
Streun in das Herz der Freiheit Samen aus;
O, bleibet klein! die Kön'ge und Verräther
Haben kein Recht auf euer Kartenhaus!
Die Freiheit hat – wie oft! – uns schon getrieben,
Ein stolzes Haupt dem Hochgericht zu weihn;
Sie nicht zu fassen, und sie doch zu lieben –
Schuldlose Kinder, bliebt ihr ewig klein!

Ihr werdet groß! Wenn zu der Tugend Prangen
Ein Töchterlein der Schönheit Reiz erhält:
Der reiche Mann schaut ihre Rosenwangen,
Er bietet Gold, und ihre Tugend fällt.
O Kinder lieb! dass ungetrübt euch glänze,
Der Allen lacht, des Himmels Sonnenschein!
Nichts ist so schön wie unzerrissne Kränze …
Schuldlose Kinder, bliebt ihr ewig klein!

Ihr werdet groß! Verblichen ohne Erben,
Ohne Gedächtnis, elend und gering,
Wird euer Staub dasselbe Grab erwerben,
Darin der Ahne zu vermodern ging.
O, bleibet klein! Die Schwäche wird euch sühnen –
Und sterbt ihr jung, als Lilien keusch und rein,
So wird ein Reis auf eurer Scholle grünen …
Schuldlose Kinder, bliebt ihr ewig klein!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Eine Klage.

(1840.)

»Was geht denn vor, o Gott! uns jeden Trost zu rauben?
Ach! hat der Sturm verheert des Weinbergs goldne Trauben,
Die Wälder rings verbrannt? hat er das Korn vielleicht
Dahingestreckt, bevor die Sichel es erreicht?
Riss er die Frucht hinab, die an dem Baum gehangen,
Zu dem Allsonntags wir so gern hinausgegangen,
Uns festlich zu erfreun? Hat unser niedres Dach
Ein Blitz getroffen, der es jäh in Stücke brach?
Weh! Alles mangelt uns: das Brot, die Frucht, die Reben!
Nie kommt, ein froher Gast, der Wein, uns zu erheben;
Vor Kälte zittern wir – durch unsre Lumpen fährt
Der schneidend scharfe Frost – und, ach! kein Dach, kein Herd,
Wo wir das Angesicht an lust'ger Flamme Brennen,
Den nackten Fuß, erstarrt im Schnee, uns wärmen können!
Hu hu! es ist so kalt da drauß in Eis und Schnee!
Es hungert uns – o Gott! der Hunger thut so weh!
Ach, für die Menschen ist die Welt zu klein und enge,
Der Arme ist zu viel! … Und doch, in üpp'ger Menge
Trägt Korn und Wein und Frucht und Holz und Flachs die Flur.
Wir leiden Hunger, Durst und Frost und Hitze nur!
Wer hat die Loose denn so unrecht zugemessen?
Sagt: welcher Währwolf hat denn unser Gut gefressen?«
So klingt des Volkes Schrei; er röchelt, und verhallt
Im Winde, wie ein Ruf, der aus der Wüste schallt.

Savinien Lapointe,
Schuhmacher.


Gesang der Arbeiter.

(1846.)

Wir, deren Lampe Morgens schon
Der Hahnenruf am Flackern findet;
Wir, die ein ungewisser Lohn
Vor Dämmrung an den Amboss bindet;
Wir, die mit Hand und Fuß und Arm,
Mit jedem Gliede ruhlos ringen,
Doch nimmer vor des Alters Harm
In Schutz die künft'gen Tage bringen:

Lieben wir uns! und Mann an Mann,
Vereint zu frohem Liedersingen,
Lasst uns die vollen Gläser schwingen –,
Stoßt an! Stoßt an! Stoßt an!
»Der Weltbefreiung!« soll es klingen.

Im Kampf mit eifersücht'ger Fluth,
Mit geizigen Gefilds Beschwerde,
Entrissen wir verborgnes Gut
Zu Speis' und Zier dem Schoß der Erde:
Metalle, Perlen, Diamant,
Der Scholle Korn, die Frucht der Reben –
Geschornes Volk! welch Prachtgewand
Lässt sich aus deiner Wolle weben!

Lieben wir uns! und Mann an Mann,
Vereint zu frohem Liedersingen,
Lasst uns die vollen Gläser schwingen –
Stoßt an! Stoßt an! Stoßt an!
»Der Weltbefreiung!« soll es klingen.

Der unsern Nacken beugt, der Fleiß,
Die Noth – was sollen sie uns dienen?
Wozu die Thränen und der Schweiß?
Wir sind und heißen nur Maschinen.
Gen Himmel steigt der Babel Pracht,
Uns fehlt das schlichte Tuch zum Rocke …
Sobald den Honig sie gebracht,
Jagt man die Bienen aus dem Stocke!

Lieben wir uns! und Mann an Mann,
Vereint zu frohem Liedersingen,
Lasst uns die vollen Gläser schwingen –
Stoßt an! Stoßt an! Stoßt an!
»Der Weltbefreiung!« soll es klingen.

Dem Sohn des reichen Fremdlings streckt
Entgegen unser Weib die Brüste,
Und später glaubt er sich befleckt,
Wenn er den Gruß ihr bieten müsste.
Ein Recht, das Herrscherrecht getauft,
Misst uns die Tage zu als Knechten;
Und unser Kind daheim verkauft
Die Ehr' dem Schlechtesten der Schlechten.

Lieben wir uns! und Mann an Mann,
Vereint zu frohem Liedersingen,
Lasst uns die vollen Gläser schwingen –
Stoßt an! Stoßt an! Stoßt an!
»Der Weltbefreiung!« soll es klingen.

Das Dach ist unser lustig Haus,
Der Schutt, seit Jahr und Tag geblieben,
Gesellt zu Eul' und Fledermaus,
Mit Dieb und Räuber umgetrieben.
Und wenn mit ungestümer Hast
Des schnellen Blutes Pulse jagen,
Dann machen wir im Walde Rast,
Wo grün der Buchen Äste ragen.

Lieben wir uns! und Mann an Mann,
Vereint zu frohem Liedersingen,
Lasst uns die vollen Gläser schwingen –
Stoßt an! Stoßt an! Stoßt an!
»Der Weltbefreiung!« soll es klingen.

Noch jedesmal, wenn unser Blut
In Strömen durch die Welt geflossen,
Sahn wir die Saat der Fürstenbrut,
Durch unsern Thau befruchtet, sprossen.
Sorgt, dass er künftig nicht mehr rinnt –
Die Lieb' ist stärker, als die Waffen!
Und harrend, dass ein bessrer Wind
Uns werde günst'ge Fahrt verschaffen:

Lieben wir uns! und Mann an Mann,
Vereint zu frohem Liedersingen,
Lasst uns die vollen Gläser schwingen –
Stoßt an! Stoßt an! Stoßt an!
»Der Weltbefreiung!« soll es klingen.

Pierre Dupont.


Der alte Schmied.

(1838.)

Bub', ein'ge Kohlen gieb dem Herd zu schlucken,
Dann schwatzen wir ein wenig, – mit Vernunft!
Willst du nicht auch mal nach dem Weibsen gucken?
Ein schlechter Stand, die Junggesellenzunft!
Auf anders Nichts sich, als ein Lied, zu legen,
Und nur zu sehen, wie der Funke sprüht –
Ei, dummes Zeug! … bei uns und allerwegen
Muss man das Eisen schmieden, wenn es glüht.

Ich denk', du willst auch mal' ne Wirtschaft treiben,
Da hör auf mich … he, nicht das Ohr gekratzt! …
Das Erste ist: Du musst dich hübsch beweiben –
Nur sieh dich vor, dass sie nicht ewig schwatzt!
So 'n Rödelwerk verklätschert dir das Leben,
Die Ruh' ist hin, die Suppe wird verbrüht –
Nein, ihm die richtige Façon zu geben,
Muss man das Eisen schmieden, wenn es glüht.

Du weißt, dass ich nicht viel die Stiefel nütze,
Doch kommt ein Tag – da weiß ich, was ich thu':
Die Freiheit naht mit ihrer rothen Mütze,
Juchhe, da schließ' ich meine Schmiede zu!
Der Thron ist alt, und faul das Holz … ich dächte:
's ist Zeit, dass mal der Schund in Flammen sprüht!
Das Volk ist Herr – wir stürzen zum Gefechte –
Man muss das Eisen schmieden, wenn es glüht.

Dann kommen rings der Republik Soldaten,
Unsre Soldaten ohne Schuh' und 'Brot;
Wenn sie auch sonst nicht viel das Pflaster traten:
's hat doch um unsre Waffen keine Noth!
Wir siegen schon … nur geb' ich euch die Lehre:
Benutzt den Sieg, wenn auch die Arme müd!
Hurrah! auch unser Holzschuh kommt zur Ehre –
Man muss das Eisen schmieden, wenn es glüht.

Zur Kaiserzeit, als wir in Russland hausten –
Drei Tage lang gekämpft und Nichts gespeist!
Juch! wie den Feind wir da mit Kolben lausten –
Dann aßen wir … der Ruhm ist abgereist!
O Bonaparte, bring uns frische Reiser,
Bist du bei Gottens nicht das Essen müd?
Kämst du herab, wir riefen: »Hoch der Kaiser!« –
Man muss das Eisen schmieden, wenn es glüht.

Mich mit der Zeitung quälen möcht' ich schwerlich,
Glaub' nicht, dass Viel daran verloren geh'!
Der Grund ist simpel jedenfalls und ehrlich:
Mein Bub', ich lernte nie das ABC.
Mich soll das Pack nur frisch zufrieden lassen
Mit seinem Kohl, der ihm im Geiste blüht –
Ich weiß von Politik nur Dies zu fassen:
Man muss das Eisen schmieden, wenn es glüht.

Ob ich nicht viel auf meinen Kopf mich steife:
Die Freiheit halt' ich bis zum letzten Zug!
Mein alter Wein, mein altes Weib, die Pfeife –
Mich zu beweinen, Freunde sind's genug.
Ich kenne Die nicht, die mich überleben;
Was schiert mich Das im Grabe? Gott behüt'!
Zu trinken leb' ich, trinkend um zu leben –
Man muss das Eisen schmieden, wenn es glüht.

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Die Blonde.

Träumt euch, dem Abendfächeln lauschend,
Ein Thal, mit Birken hell bepflanzt,
Das weiße Blatt im Winde rauschend,
Wie Schaum, der auf den Wellen tanzt.
Dann träumt im letzten Sonnenstrahle
Euch, mehr als Frühlingsrosen hold,
Und schlanker als die Birk' im Thale,
Ein Kind mit langem Haar von Gold.

Bei Nacht und Tage irrt sie ferne,
Ihr blaues Aug' in Thränen rinnt,
Schwester der Blumen und der Sterne,
Des Himmels und der Erde Kind.

Es lauschet Alles ihrem Gange
Und singt von ihr mit Liebesmacht;
Wozu sie preisen im Gesange?
Es tönt der Wald von ihrer Pracht.
Der Vogel blickt von seinen Zweigen,
Aus seiner Höhle schleicht das Wild,
Und See und Strom und Quelle zeigen
Auf ihrer Fluth der Jungfrau Bild.

Bei Nacht und Tage irrt sie ferne,
Ihr blaues Aug' in Thränen rinnt,
Schwester der Blumen und der Sterne,
Des Himmels und der Erde Kind.

Man sagt, dass oft sie draußen bliebe
Und mit den Sternen spräch' im Traum;
Ein Andrer sagt euch, dass sie liebe,
Und spricht von ihrer Liebe kaum.
Ihr Birk' und Weiden, schlank zu schauen,
Ach, nimmer wird in eurem Zelt
Sich ihre Lieb' ein Nestchen bauen,
Ihr Herz ist fern von unsrer Welt!

Bei Nacht und Tage irrt sie ferne,
Ihr blaues Aug' in Thränen rinnt,
Schwester der Blumen und der Sterne,
Des Himmels und der Erde Kind.

Sie liebt im heimlich dunklen Schatten
Der Palmen, die im Himmel blühn,
Und, fremd der Erde blum'gen Matten,
Muss all ihr Leben still verglühn.
Du Engel, der ein Weib! zu Füßen
Liegt dir vielleicht des Himmels Schein –
Von Tausend Einen wolle grüßen,
Ihm deiner Liebe Glanz zu weihn!

Bei Nacht und Tage irrt sie ferne,
Ihr blaues Aug' in Thränen rinnt,
Schwester der Blumen und der Sterne,
Des Himmels und der Erde Kind.

Pierre Dupont.


Die Wahrsagerin.

(1836.)

»Nein, liebe Mutter, schilt mich nicht –
Lucette will sich dir vertrauen,
Doch freundlich lass die Stirne schauen,
Und hell, wie sonst, dein Augenlicht!
Ich wollte nur die Zaubrin fragen,
Ob Karl der Liebe Schwur erwog?
O Mutter lieb, du musst es sagen:
Dass mich Zigeunerin belog!

»Sie sprach: ›Dein Angesicht ist schön,
Doch kurz sind deine Lebenstage!‹
Dann wies sie mir mit düstrer Frage
Zwei Vögel in den blauen Höhn:
›O Mädchen! siehst du nicht die Taube,
Den Sperber nicht, der sie umflog?
Es sinkt ins Grab dein Liebesglaube‹ –
Ich weiß: Zigeunerin, sie log!

»Sie sprach: ›Bewahre, Kind! dein Herz,
Der Mutter sollst du dich erhalten;
Flieh jenen Mann – die Sterne walten,
Und seine Liebe bringt dir Schmerz.
Er scheidet vor dem Hochzeitstage,
Nachdem er deine Lust betrog,
Entehrt sind alle deine Tage‹ –
Gewiss! Zigeunerin, sie log!« …

Es lag im stillen Todtenhain
– Zwei Monde war's nach jener Stunde –
Auf eines frischen Hügels Runde
Ein Kranz von welken Blümelein.
Und weinend an der Friedensstätte
Ein Weib das Antlitz niederbog:
Es war die Mutter von Lucette –
Zigeunerin sie nicht belog.

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Die Fahrt des Verbannten.

Den Blitz zu brechen, der mein Haupt getroffen,
Hab' ich getrotzt des Oceanes Wuth.
Sieh dort – Amerika! O lasst mich hoffen,
Dass hier der Völker schönre Zukunft ruht!
Kein Sklave mehr! … Doch weh, am Hügelrande
Schau' ich gefesselt dort den Neger stehn –
Entflieh, mein Kahn, entflieh von diesem Strande,
Fern will ich, fern die Freiheit suchen gehn!

Ihr nennt euch Bürger, und ihr seid Despoten,
Ihr habt in Hass der Liebe Gluth verkehrt,
Ihr nennt euch frei, und brauchet noch Heloten –
All euer Glück, es ruht in eurem Schwert!
Beleidigt nicht das Recht in eurem Lande
Des Sturmes Lied, der Abendlüfte Wehn? –
Entflieh, mein Kahn, entflieh von diesem Strande,
Fern will ich, fern die Freiheit suchen gehn!

Glaubt' ich denn nicht, des Friedens Glück zu fassen,
Als ich entsagt der Heimat Sonnenschein?
Und hab' ich nur die alte Welt verlassen,
Um hier der Habsucht meinen Dienst zu weihn?
Wo Plutus thront im goldenen Gewande,
Kann nicht mein Herz die Bruderliebe sehn –
Entflieh, mein Kahn, entflieh von diesem Strande,
Fern will ich, fern die Freiheit suchen gehn!

Ihr feiert Washington und seine Thaten –
Was hat uns denn genützt sein blut'ger Streit?
Ach, Washington hat nie ein Herz verrathen,
Weil er allein den weißen Mann befreit.
Ich beug' ihm nicht mein stolzes Knie im Sande,
Denn Tugend kann durch Liebe nur bestehn –
Entflieh, mein Kahn, entflieh von diesem Strande,
Fern will ich, fern die Freiheit suchen gehn!

Als euer Schwert von eurem Recht gesprochen,
Und eurer Knechtschaft ehrlos Joch zerbrach:
Dasselbe Schwert, das Albion's Macht gebrochen,
Zerbrechen musst' es auch der Habsucht Schmach!
Nein, Gottes Arm entwich aus eurem Lande,
Denn Menschlichkeit ist seines Odems Wehn –
Entflieh, mein Kahn, entflieh von diesem Strande,
Fern will ich, fern die Freiheit suchen gehn!

Entflieh, mein Kahn! Dies Ufer sollst du meiden,
Das so viel' Thränen Nacht und Tag genetzt!
Fahr zu! Es giebt vielleicht noch grüne Weiden,
Wo man der Liebe goldnes Banner schätzt!
Lebt wohl, lebt wohl in eures Hasses Brande,
Ein freies Herz wird euer Haus verschmähn! –
Entflieh, mein Kahn, entflieh von diesem Strande,
Fern will ich, fern die Freiheit suchen gehn!

Louis Voitelain.


Der Eingang in die Tuilerien.

(1844.)

»Wohin wollt ihr? – Schaut, wo ihr euch befindet,
So schlecht gekleidet tritt man hier nicht ein!
Der grimmen Noth, die sich im Staube windet,
Soll eines Fürsten Haus verschlossen sein.
Ich ward Soldat, und lernte zu vollstrecken
Des Herrschers Wort, wie sehr es mich verdross.
Ihr habt die Blouse nur, euch zu bedecken –
So tritt man nicht in eines Königs Schloss!«

Warum, Soldat! warum denn ist Verbrechen,
Was ein Gesetz des Schicksals uns gebot?
Sieh, wenn die Reichen in Palästen zechen,
Erwirbt mein Arm für Weib und Kind das Brot.
Doch ist mein Herz noch ohne Groll geblieben,
Weil ihm der Tugend heil'ge Saat entspross …
»Ach, armer Mann! du hast ja nur dein Lieben –
Das tritt nicht ein in eines Königs Schloss!«

Doch als, Soldat! vor zweiundfünfzig Jahren
Das Volk bewohnen wollte dieses Haus,
Sprach unser König zu denselben Scharen:
›Sie sind mein Volk! ich schließe Keinen aus!‹
Gebräunt von Staub und Pulverdampf die Wangen,
Stand ich, ein Herr, im obersten Geschoss …
»Ach, armer Mann! die Zeiten sind vergangen –
Heut tritt man nicht in eines Königs Schloss!«

Der Kaiser kam – gleich ward die Gunst für Alle,
Den Lorber hat uns das Geschick gebracht;
Ich war Sergeant, und zog bei Trommelschalle
Als Grenadier in manche Völkerschlacht.
Hier zeigt' ich oft das Kreuz, das ich erworben,
Wenn Pracht und Schimmer durch die Säle floss …
»Ach, armer Mann! der Kaiser ist gestorben –
Man tritt nicht ein in seines Königs Schloss!«

Dann kam der Juni. Sich in Zorn zu schütteln,
Zerriss das Volk das Bannertuch der Schmach,
Und es begann an diesem Bau zu rütteln,
Plötzlich Soldat für einen Ruhmestag.
Wie floh der Fürst aus seines Throns Gezelten,
Als für sein Recht ein Volk sein Blut vergoss! …
»Ach, armer Mann! ein großer Tag ist selten –
Man tritt nicht oft in eines Königs Schloss!«

Was fürchtet ihr? – Ob auch, dem Licht erkoren,
Von meiner Stirn der Freiheit Stempel spricht:
Zum Königsmörder ward ich nicht geboren,
Und Lieb' und Glauben führt zum Morde nicht!
Phantome sind's, die euren Geist verblenden,
In Mörderhand erzittert das Geschoss …
Doch auch die Kön'ge werden einst verenden –
Dann tritt das Volk in seines Königs Schloss!

Gustave Leroy, Nähkastenarbeiter.


Erwartung.

(1840.)

O Göttin, du hehre,
Des Frohsinns! gewähre
Mein Bitten, und lehre
Mich singen ein Lied,
Bei welchem, o Muse,
Des Elends Meduse
Dem Sänger der Blouse
Ein Weilchen entflieht!
Hör ihn, der flehend kniet,
Beschirm sein Lieben und sein Lied!

Soll kein begeistert Lied mit frohem Klange
Die Herzen Aller heute denn erfreun,
Und auf das Volk, das weint und klagt seit lange,
Der Hoffnung Trostesblüthen niederstreun?
Heiß doch einmal schweigen wieder
All' die Seufzer, schwer und bang,
Bei dem süßen Ton der Lieder,
Bei der Thorheit Schellenklang!

O Göttin, du hehre,
Des Frohsinns! gewähre
Mein Bitten, und lehre
Mich singen ein Lied,
Bei welchem, o Muse,
Des Elends Meduse
Dem Sänger der Blouse
Ein Weilchen entflieht!
Hör ihn, der flehend kniet,
Beschirm sein Lieben und sein Lied!

Vergebens überspannt mit buntem Strahle
Die Wolken dort des Regenbogens Glast;
Kalt ist die Erde; die Natur, die kahle,
Sie krümmt sich unter ihrer Schmerzen Last.
Mag der Bogen heut erbleichen,
Wie so manch Symbol erblich!
Alle diese Hoffnungszeichen –
Ach, was sind sie ohne dich?

O Göttin, du hehre,
Des Frohsinns! gewähre
Mein Bitten, und lehre
Mich singen ein Lied,
Bei welchem, o Muse,
Des Elends Meduse
Dem Sänger der Blouse
Ein Weilchen entflieht!
Hör ihn, der flehend kniet,
Beschirm sein Lieben und sein Lied!

Wie lang und grausam, ach, ist dieses Harren!
Du weißt es: man betrog uns hundertmal.
In dieser Welt voll Heuchler und voll Narren
Erblitzte nutzlos selbst der Rache Strahl.
Zog das Volk nicht sonder Tadel
Für die Gleichheit ins Gefecht? –
Dennoch haben Gold und Adel
Heut allein das Bürgerrecht!

O Göttin, du hehre,
Des Frohsinns! gewähre
Mein Bitten, und lehre
Mich singen ein Lied,
Bei welchem, o Muse,
Des Elends Meduse
Dem Sänger der Blouse
Ein Weilchen entflieht!
Hör ihn, der flehend kniet:
Beschirm sein Lieben und sein Lied!

O stolze Zeit! jüngst flog beim Schall der Waffen
Der Tod auf eines Herrschers Wink herbei;
Da konnte Jeder Ehr' und Glück erraffen –
Denn gleich sind Alle vor dem Schlachtenblei!
Ach! von allen diesen Siegen
Blieb uns nur der eitle Wahn,
Uns in Täuschung einzuwiegen
Auf des Ruhmes flücht'ger Bahn!

O Göttin, du hehre,
Des Frohsinns! gewähre
Mein Bitten, und lehre
Mich singen ein Lied,
Bei welchem, o Muse,
Des Elends Meduse
Dem Sänger der Blouse
Ein Weilchen entflieht!
Hör ihn, der flehend kniet:
Beschirm sein Lieben und sein Lied!

Hast du ringsum gezählt der Thränen Spuren,
Die seit Jahrtausenden geflossen sind?
Weißt du, wie schwer der Landmann auf den Fluren
Sich müht, bis er die Frucht der Saat gewinnt?
Weißt du, ob die Gunst ihm winket,
Dass den Flachs zum Rock er misst,
Wein von seinen Reben trinket,
Brot von seinem Korne isst?

O Göttin, du hehre,
Des Frohsinns! gewähre
Mein Bitten, und lehre
Mich singen ein Lied,
Bei welchem, o Muse,
Des Elends Meduse
Dem Sänger der Blouse
Ein Weilchen entflieht!
Hör ihn, der flehend kniet:
Beschirm sein Lieben und sein Lied!

Sieh, was dein Aug' in unsern Städten schauet,
Wo üpp'ge Pracht das Werk der Hände preist:
Paläste, Tempel, Kaufmannshallen bauet
Das arme Volk, in Lumpen und verwaist.
Aber schweige von dem Lohne –
Denn der Lohn bleibt ewig aus,
Und des Fleißes Ruhm und Krone
Ist für sie das Armenhaus! …

O Göttin, du hehre,
Des Frohsinns! gewähre
Mein Bitten, und lehre
Mich singen ein Lied,
Bei welchem, o Muse
Des Elends Meduse
Dem Sänger der Blouse
Ein Weilchen entflieht!
Hör ihn, der flehend kniet:
Beschirm sein Lieben und sein Lied!

Vinçard,
Linealfabrikant.


Die Löwin und ihre Jungen.

(1841.)

Löwin! du brüllst in deiner Wälder Gründen –
O, es ist Zeit! erzittern lass die Welt!
Gieb, wo sich Feinde gegen uns verbünden,
Dass in ihr Herz ein Strahl der Tugend fällt!
Nicht mehr den Reichen lass den Bettler richten,
Dem Proletarier sende Trost und Muth,
Brüderlichkeit! thu deine Mutterpflichten –
Löwin, vertheid'ge deine Brut!

Was treibt denn heut die Wissenschaft, die greise?
In Frieden schläft sie bei den Kindern ein;
Dass ihnen längst die Macht die Zähne weise –
Sie spürt es nicht, sie liegt in Träumerein.
O, spring empor und schlag in ihre Seiten
Die Pranken ein, dass roth dich färbt ihr Blut,
Lehr einst die Kinder für die Mutter streiten –
Löwin, vertheid'ge deine Brut!

Die Freiheit ging durch das Gesetz verloren –
Ei was! Natur hat Schranken nicht gewollt.
Der Neger wird als Sklave schon geboren,
Der Pflanzer tauscht ihn ein für schnödes Gold.
Darf denn der Bruder um den Bruder handeln?
Stürz auf den Pflanzer dich mit Tigerwuth!
Gott wird der Mutter Grimm in Tugend wandeln –
Löwin, vertheid'ge deine Brut!

Unselig Weib! wohin denkst du zu gehen?
O, dieses Haus – es ist ein Findelhaus!
Kannst du nicht mehr dein armes Herz verstehen,
Und heilt denn Niemand deine Schmerzen aus?
Durch Müh' und Arbeit deiner Noth begegne,
Die fleiß'ge Hand sei deines Schicksals Hut;
Damit der Sohn einst seine Mutter segne –
Löwin, vertheid'ge deine Brut!

Mein Vaterland! und siehst du nicht die Schlange,
Im Dunkeln lauernd längst mit ihrem Biss?
Die Knechtschaft ist es, deren Schmach schon lange
Der Heimat goldnes Bannertuch zerriss.
O dass dem Volk der Groll der Freien nützte,
Der lang verhalten in der Seele ruht!
Dem Kinde Heil, das seine Mutter schützte! –
Löwin, vertheid'ge deine Brut!

O Freiheit! Löwenmutter der Nationen,
Sieh, wie dein Jäger seine Brauen rollt!
Nie, nie darf zwischen euch der Friede wohnen,
Weil deine Jungen tödten er gewollt!
Ob auch verwundet – schüttle deine Mähnen,
Die Klauen streck auf ihn aus ihrer Hut!
Denn treue Mutter soll der Feind dich wähnen –
Löwin, vertheid'ge deine Brut!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Ehrenpreis.

Wenn, um des Frühlings Huld zu grüßen,
Die Eiche sprosst in jungem Reis,
Dann sät den Teppich ihr zu Füßen
Das blaue Blümchen Ehrenpreis;
Ein blasses Kind und ohne Düften,
Kaum in der Iris Blick getaucht,
Ein Tropfen Thau, den aus den Lüften
Das Morgenroth zur Blume haucht.

Gegrüßt, du zarte Blüthenseele,
Die eine Stund' entfärben muss,
Mitleidend-fromm und ohne Fehle,
Und flüchtig wie ein Liebesgruß!

Nicht ist so hell wie du das Veilchen,
So blau wie du die Winde nicht,
Kornblume blüht ein länger Weilchen,
So lieblich kein Vergissmeinnicht;
Wie mag die Rose je erreichen,
Der dich umwebt, den Luftazur?
Dein Blau, ich wüsst' es zu vergleichen,
Ach, einer reinen Liebe nur!

Gegrüßt, du zarte Blüthenseele,
Die eine Stund' entfärben muss,
Mitleidend-fromm und ohne Fehle,
Und flüchtig wie ein Liebesgruß!

Es kos't im Gaukelspiel, im raschen,
Um dich der bunte Schmetterling,
Der Vogel tödtet dich im Naschen,
Dafür dann ihn der Vogler fing.
Verliebte sah ich dich entblättern,
Befragend dich um ihr Geschick –
Sie lasen nicht auf deinen Blättern
Den letzten blauen Todesblick!

Gegrüßt, du zarte Blüthenseele,
Die eine Stund' entfärben muss,
Mitleidend-fromm und ohne Fehle,
Und flüchtig wie ein Liebesgruß!

Lasst euch, saphirne Blumenflocken,
Dem frommen Dienst der Minne weihn,
In meines Liebchens goldne Locken
Sollt ihr als Kranz gewunden, sein!
Aus ihres weißen Mantels Falten
Bescheiden blinkt und still hervor,
Und mahnt sie, treu den Bund zu halten,
Den sie mit Lipp' und Herz beschwor!

Gegrüßt, du zarte Blüthenseele,
Die eine Stund' entfärben muss,
Mitleidend-fromm und ohne Fehle,
Und flüchtig wie ein Liebesgruß!

O Blumen, eurer Kraft vertraut' ich,
Wenn mich der Krankheit Fessel band,
In eurem niedern Kelche schaut' ich
Den ganzen Himmel ausgespannt.
Ihr Blümlein unter Eichenbäumen,
Dem schlichten Herzen winkt ihr still,
Das in der Menschheit öden Räumen
Ein armes Blümlein suchen will!

Gegrüßt, du zarte Blüthenseele,
Die eine Stund' entfärben muss,
Mitleidend-fromm und ohne Fehle,
Und flüchtig wie ein Liebesgruß!

Pierre Dupont.


Vöglein.

(1839.)

Vöglein schütteln leis die Schwingen,
Troubadours der freien Luft,
Lassen hell ihr Lied erklingen
In des Armen düstre Gruft.
Sie verachten Schloss und Hallen,
Ihr Palast ist Busch und Hain,
Lassen Sang um Sang entwallen –
Schnäbelt euch, o Vögelein!

Liebe lockt euch wundermächtig,
Schwing' an Schwinge, kos't ihr hold,
Während drunten stolz und prächtig
Reicher Mann vorüberrollt.
Ach, sie hassen und verdammen
Uns in ihres Glanzes Schein!
Vöglein, bleiben wir zusammen –
Schnäbelt euch, o Vögelein!

Liebte nicht der Michel Grethen?
Abends kam der böse Zank,
Ihre Liebe ward zertreten,
Jedes hockt auf seiner Bank.
War die Hütte nicht des Armen
Sonst ein Tempel still und rein?
Lehret Beide neu erwarmen –
Schnäbelt euch, o Vögelein!

Seht, die Herzen zu verkehren,
Will des Pfaffen Heuchelei
Gar die Lise glauben lehren,
Dass der Kuss des Teufels sei.
Wo der Liebe gluthentflammte
Pracht gefärbt der Wangen Schein:
Zeigt, dass Keiner sie verdammte –
Schnäbelt euch, o Vögelein!

Schwert und Bajonett vertreten
Hier des Fürsten trotzig Wort,
Bürger und Soldat befehden
Sich im Handgemenge dort.
Bis zu ehrenvollerm Kriege,
Brüder, steckt die Degen ein!
Liebe kämpft die schönsten Siege –
Schnäbelt euch, o Vögelein!

Hebt die Seele einst die Flügel,
Hab' ich nur ein einzig Flehn:
Lasst auf meinem Grabeshügel
Eine Trauerweide stehn!
Und den Frieden meines Traumes
Störe weder Kreuz noch Stein –
In dem Schatten meines Baumes
Schnäbelt euch, o Vögelein!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Die Tolle von 1793.

(1840.)

Auf! wohlauf! wohlauf! wohlauf!
Die Aristokraten an die Laterne!
Auf! wohlauf! wohlauf! wohlauf!
Die Aristokraten, man hängt sie auf!

Im Dorf mit Fingern weisen
Auf mich die Buben hin.
Seht, wie sie mich umkreisen,
Weil ich so hässlich bin,
Weil schlecht die Kleider liegen
Und im Wind die Haare fliegen –
Pfui! schlechte Brut,
Missrathnes Blut!
Ach, lasst mich vor den Herrn
Mit meiner Bitte treten!
Ich bin so schön im Beten,
Fromm glüht mein Augenstern,
Ich bete gern!

Noch denk' ich dran! Gewesen bin ich
Ein Herzogskindlein, schön und minnig.
Doch – schreckensvoller Tag! –
An einem Abend brach
Die Menge los in tollem Rasen,
»Die Republik!« klang's durch die Straßen;
Mein Vater rückte vor –
Noch klingt in meinem Ohr
Das Wort, das er gesprochen,
Das ihm den Stab gebrochen;
Es blitzt' ein Kugelschlund,
Mein Vater sank zu Grund –
Dann … o mein Gedächtnis, wie bist du wund!

Ach, lasst mich vor den Herrn
Mit meiner Bitte treten!
Ich bin so schön im Beten,
Fromm glüht mein Augenstern,
Ich bete gern!
An der alten Weide
Steigt von meinem Leide,
Wenn die Welt ich meide,
Oft ein Lied empor.
Nennt mich nur die Tolle … Tolle!
Ach, das schmerzensvolle
Herz sein Glück verlor!
Tolle! … arme Tolle!

Auf! wohlauf! wohlauf! wohlauf!
Die Aristokraten an die Laterne!
Auf! wohlauf! wohlauf! wohlauf!
Die Aristokraten, man hängt sie auf!
Wenn meine nackten Arme
Die Leut' am Friedhof schaun,
Dann muss – dass Gott erbarme! –
Mich schnöder Spott umgraun.
Ihr sollt die Schmähung lassen,
Denn ich kann ja Keinen hassen –
Sieh, schlechte Brut,
Mein Herz voll Gluth!
Ach, lasst mich vor den Herrn
Mit meiner Bitte treten!
Ich bin so schön im Beten,
Fromm glüht mein Augenstern,
Ich bete gern! –

Noch denk' ich dran! Es war gefallen
Mein Vater … meine Klagen hallen,
Vereinigt wird sein Blut
Mit meiner Thränen Fluth …
Dann seh' ich gar von rohen Händen
Den theuren Leichnam mir entwenden,
Und eine Stimme spricht
Das Wort vom Hochgericht.
Ich musste bleich, verlassen,
Umirren in den Gassen;
Ein Messer fiel zur Stund',
Es sank ein Haupt zu Grund –
Dann … o mein Gedächtnis, wie bist du wund!

Ach, lasst mich vor den Herrn
Mit meiner Bitte treten!
Ich bin so schön im Beten,
Fromm glüht mein Augenstern,
Ich bete gern!
An der alten Weide
Steigt von meinem Leide,
Wenn die Welt ich meide,
Oft ein Lied empor.
Nennt mich nur die Tolle … Tolle
Ach, das schmerzensvolle
Herz sein Glück verlor!
Tolle! … arme Tolle!

Auf! wohlauf! wohlauf! wohlauf!
Die Aristokraten an die Laterne!
Auf! wohlauf! wohlauf! wohlauf!
Die Aristokraten, man hängt sie auf!

Selbst von der alten Weide,
Wohin ich beten geh',
Verjagt zu meinem Leide
Ihr mich mit meinem Weh,
Weil von den blassen Wangen
Dahin die Schönheit gegangen –
Sieh, schlechte Brut,
Mein Haar voll Blut!
Ach, lasst mich vor den Herrn
Mit meiner Bitte treten!
Ich bin so schön im Beten,
Fromm glüht mein Augenstern,
Ich bete gern! –

Noch denk' ich dran! Die Nacht war schaurig,
Ich schlich im Dunkel matt und traurig,
Und ging mit irrem Sinn
Zur Friedhofstätte hin.
Suchend des theuren Vaters Leiche,
Bog ich mein Angesicht, das bleiche,
In jedes offne Grab,
In jede Gruft hinab.
Bedeckt mit seinen Wunden,
Hab' ich den Leib gefunden,
Doch fehlte ihm zur Stund'-
Des Hauptes lockig Rund –
Dann … O mein Gedächtnis, wie bist du wund!

Ach, lasst mich vor den Herrn
Mit meiner Bitte treten!
Ich bin so schön im Beten,
Fromm glüht mein Augenstern,
Ich bete gern!
An der alten Weide
Steigt von meinem Leide,
Wenn die Welt ich meide,
Oft ein Lied empor.
Nennt mich nur die Tolle … Tolle!
Ach, das schmerzensvolle
Herz sein Glück verlor!
Tolle! … arme Tolle!

Auf! wohlauf! wohlauf, wohlauf!
Die Aristokraten an die Laterne!
Auf! wohlauf! wohlauf! wohlauf!
Die Aristokraten, man hängt sie auf!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Der Völkerbund.

(1840.)

Nun schweige, wer da stritt!
Nun freue sich, wer litt!
Valet dem Kriege!
Wohlauf zum Siege!
Marschiert vereint, marschiert im Schritt,
Im Schritt, im Schritt, im Schritt!

Die ganze Welt entbrennt von neuer Regung,
Durch Aller Herzen pulst ein edles Blut;
Der Fortschritt steigt mit stolzer Siegesgluth
Vom Thal zu Berg in mächtiger Bewegung.
Zum allgemeinen Völkerfest
Lasst rings der Einheit Banner wallen!
»Ein Bruderbund in Ost und West!«
So soll es laut die Welt durchhallen.

Nun schweige, wer da stritt!
Nun freue sich, wer litt!
Valet dem Kriege!
Wohlauf zum Siege!
Marschiert vereint, marschiert im Schritt,
Im Schritt, im Schritt, im Schritt!

Wir spannen kühn uns vor der Zukunft Wagen
Und ziehn ihn aus der ausgefahrnen Spur.
Zerstreute Sterbliche! vereinigt nur
Vermögt ihr jeden Grenzpfahl zu zerschlagen.
Um euer herrliches Panier
Mit Ehre, Ruhm und Sieg zu krönen,
Lasst rings in Stadt- und Dorfrevier
Der Bildung Glocke heut ertönen!

Nun schweige, wer da stritt!
Nun freue sich, wer litt!
Valet dem Kriege!
Wohlauf zum Siege!
Marschiert vereint, marschiert im Schritt,
Im Schritt, im Schritt, im Schritt!

Ihr Lebenspilger, sorgt, dass allerorten
Sich gleich die Last von euren Bürden wird;
Und wenn ein Wandrer sich vom Pfad verirrt,
So helft euch theilnahmvoll mit Wink und Worten.
Der Menschheit dient! Denn also heißt
Der Freiheit Spruch und soll uns gelten:
»Wer treu der Menschheit sich erweist,
Der ist ein Bürger beider Welten.«

Nun schweige, wer da stritt!
Nun freue sich, wer litt!
Valet dem Kriege!
Wohlauf zum Siege!
Marschiert vereint, marschiert im Schritt,
Im Schritt, im Schritt, im Schritt!

Sein Volk in das verheißne Land zu leiten,
Folgt' einst ein Jude einem Himmelsstern –
Folgt ihr auch einem neuen Moses gern,
Der euch hinüberführt in schönre Zeiten!
Auf, Brüder, reichet euch die Hand,
Und wallt hinaus in langen Zügen!
Sucht jenes bessre Vaterland –
Die Hoffnung wird euch nicht betrügen!

Nun schweige, wer da stritt!
Nun freue sich, wer litt!
Valet dem Kriege!
Wohlauf zum Siege!
Marschiert vereint, marschiert im Schritt!
Im Schritt, im Schritt, im Schritt!

O Jammer, Jammer, dass ein nutzlos Streiten
Um eitle Rechte, Worte voller Lug,
Durch Schlechter, Narren oder Gaukler Trug,
So oft uns ließ zu blut'gem Kampfe schreiten!
Ihr Völker! sucht der Ehre Kranz
Aus dieser Tage Zwist zu retten,
Und durch die Kraft des Widerstands
Zerbrechet der Erobrer Ketten!

Nun schweige, wer da stritt!
Nun freue sich, wer litt!
Valet dem Kriege!
Wohlauf zum Siege!
Marschiert vereint, marschiert im Schritt,
Im Schritt, im Schritt, im Schritt!

O, lernt die rohe Gier in Bande schmiegen,
Und schlagt den blinden Ungestüm in Haft!
Zum Edlen lenket der Begeistrung Kraft,
Die Anarchie lasst dem Gesetz erliegen!
Auf jeden Frevel, jede Schuld
Mögt ihr der Wahrheit Pfeil entsenden –
Es werden Einmuth und Geduld
Mehr, als Gewalt und Macht, vollenden.

Nun schweige, wer da stritt!
Nun freue sich, wer litt!
Valet dem Kriege!
Wohlauf zum Siege!
Marschiert vereint, marschiert im Schritt,
Im Schritt, im Schritt, im Schritt!

Verbündete! Beharrlichkeit und Milde
Weisen das Ziel uns in der Zukunft Buch.
»Zu herrschen, theile!« war der Kön'ge Spruch;
»Eintracht und Friede!« steh' auf unsrem Schilde.
Der Gott, vor dem wir unser Knie
Gesenkt, anbetend ihn zu preisen,
Hat in des Weltalls Harmonie
Für Alle Glück und Lust verheißen.

Nun schweige, wer da stritt!
Nun freue sich, wer litt!
Valet dem Kriege!
Wohlauf zum Siege!
Marschiert vereint, marschiert im Schritt,
Im Schritt, im Schritt, im Schritt!

Louis Festeau, Uhrmacher.


Der alte Vagabund.

Lasst mich, auf diesen Stein gesunken,
Müd und erschöpft verenden hier!
Die Leute wähnen mich betrunken –
Gut, Keiner frägt dann wohl nach mir!
O seht, wie scheu mich Alle meiden;
Macht schnell, euch lockt der Feste Schein!
Was brauch' ich euch, um zu verscheiden? –
Ein alter Vagabund, sterb' ich allein!

Ja, hier vor Schwäche sank ich nieder –
Man stirbt nicht leicht vor Hungerqual!
Wohl hofft' ich, dass die matten Glieder
Sich ausgeruht im Hospital;
Doch voll war jede Krankenstätte –
So Mancher trägt den Bettelstab!
Die Gasse war dein Wiegenbette –
Nun, alter Vagabund, wird sie dein Grab.

Wie bat ich oft mit Jugendfeuer:
O Meister, lehrt ein Handwerk mich!
»Uns selber fehlt die Arbeit heuer,«
– So war die Antwort, – »tummle dich!«
Der Reiche warf von seinen Mahlen
Die Knochen mir ins Angesicht;
Ich wusste kaum die Streu zu zahlen –
Ein alter Vagabund, fluch' ich euch nicht!

Ich konnte stehlen ja und rauben,
Und bin als Bettler umgeschweift.
Warum mir nicht die Frucht erlauben,
Die an dem Baum der Straße reift?
Wie oft, von Kerkerhaft umzogen,
Habt ihr durch euer Strafgericht
Mich um mein einzig Gut betrogen:
Ach, alter Vagabund, ums Sonnenlicht!

Ward denn ein Vaterland dem Armen?
Was gilt mir euer Korn und Wein?
Darf ich an eurem Herd erwarmen
Und Gast an eurem Tische sein?
Sah ich durch unsre Felder tragen
Den Feind des Krieges blutig Schwert:
Wie konnt' ich seine Faust verklagen? –
Dich, alter Vagabund, hat er ernährt!

Warum für uns den Tod begehren,
Wie für den Wurm, der Schaden schafft?
Warum nicht lieber uns belehren,
Der Welt nicht spenden unsre Kraft?
Der Liebe ganz das Herz erschlossen,
Ein Bruder stünd' ich euch vereint –
Nun sterb' ich arm und nachtumflossen,
Ein alter Vagabund, als euer Feind!

J. P. Béranger.


Der Pfad der Nachwelt.

(1845.)

Noch denk' ich dran, wie einst in freud'gem Beben
Zu mir mit Stolz die arme Mutter sprach:
»Es wird dein Geist den Ruhmeskranz erstreben,
Schau drunten tief der Nachwelt Tempeldach!«
Ich sah den Weg, durch Berg und Thal gewunden,
Den Lorberhain, den Hoffnung kühn betrat –
Jugend und Lust, wohin seid ihr entschwunden? …
Nachwelt, ich lasse deinen Pfad!

Euch hat befleckt, ihr reinen Liedesblüthen,
In frevlem Wahn der Hauch der Eifersucht;
Wir glaubten fromm der Liebe Glanz zu hüten,
Doch tückisch Gift zerfraß die Sängerfrucht!
Von Knittelversen kam ein Schwarm, von kranken,
Der unsrer Rosenhecke Flor zertrat,
Ach, statt der Blumen wuchern Kraut und Ranken …
Nachwelt, ich lasse deinen Pfad!

Als ich, vom Wandern matt, den Fittig senkte,
Und fast verzagt zu künft'gem Fluge war,
Gab mir der Himmel, dass ich kühn es lenkte,
Ein schimmernd Ross, von Gold das Schwingenpaar.
Rasch sprang ich auf … an eines Abgrunds Borden
Stand es erschreckt – o welch ein Unheil naht! –
Mein glänzend Ross, es ist zum Krebs geworden …
Nachwelt, ich lasse deinen Pfad!

Schmachvolles Spiel! Ein Weib beginnt zu rufen
»Komm, armer Knabe, Heilung ist bei mir,
Ich bin die Freundschaft, tritt auf meine Stufen,
Und deine Schmerzen theil' ich all' mit dir!«
Ich hörte sie – doch unter Blüthenbäumen
Ließ sie vergessen mich der Männerthat,
Sie floh ins Weite, und mit ihr mein Träumen …
Nachwelt, ich lasse deinen Pfad!

Dann stritt mein Körper sich mit meinem Namen,
Die Eigenliebe stieg in mir empor,
Doch Eitelkeit verstreute ihren Samen –
Schaut, wer von beiden wohl die Schlacht verlor!
Meine Name rief: »Kämpf um der Dichtung Blume!«
»Kämpf um dein Brot!« so klang des Leibes Rath;
Man wird nicht satt, lebt man allein vom Ruhme …
Nachwelt, ich lasse deinen Pfad!

Zum Königsgarten war ich jüngst gegangen,
Und schrieb mit Galle manch ein zürnend Wort –
Ein grober Kauz, mit Schärp' und Band behangen,
Wies mich als Pförtner auf die Straße fort. Bis zum Jahr 1848 durfte kein Blousenmann den Tuileriengarten betreten.
Zerreiß, o Momus, deine Schellenkappe,
Weil heut die Menschenwelt am Puppendraht
Der König lenkt, der Ritter und sein Knappe …
Nachwelt, ich lasse deinen Pfad!

Die Liebe kam. Mein Auge, frei und offen,
Trifft eine Schöne, die mir Glück verheißt;
Ich täusche sie in meiner Unschuld Hoffen …
Wohl sind die Dichter reich – doch nur an Geist.
Um in der Liebe heimlich Dach zu wandeln,
O Gott! bedurft' ich einer goldnen Saat –
Wie viel der Herzen sind noch zu verhandeln! …
Nachwelt, ich lasse deinen Pfad!

Mutter, mach auf, dass mir dein Antlitz glänze!
Vor deiner Schwelle kniet dein armer Sohn.
Schau, ich bin alt – ach, mehr als zwanzig Lenze,
Und lange sucht' ich eine Heimat schon.
Mein kaltes Herz lass wieder neu erwarmen,
Glätte die Stirn, drin Kummer Furchen trat,
Verjünge mich in deinen Mutterarmen …
Nachwelt, ich lasse deinen Pfad!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Eine Mutter.

(1842.)

»Warum, Herr! verlasst Ihr mich?
Taub dem Bitten, taub dem Flehen,
Ohne Reue wollt Ihr gehen –
Und Ihr wisst, dass Mutter ich!
Ach, das Kind, das ich erwarte,
Theilen wird es meinen Schmerz,
Denn der Sünder hat, der harte,
Auch ein schlechtes Vaterherz.
Doch mein Leiden wird gelinder,
Weil mein Herz den Sieg gewann –
Denket, Herr! dass für die Kinder
Eine Mutter dulden kann!

»Liebe soll mit Küssen warm
Seiner Brust die Sorge stehlen,
Liebend will ich ihm verhehlen,
Dass mein Kind so arm, so arm!
Wenn es weint und wenn es klaget,
Soll es froh mich schaffen sehn,
Und wenn mir die Kraft versaget –
Wohl, dann will ich betteln gehn!
Denn mein Leiden wird gelinder,
Weil mein Herz den Sieg gewann –
Denket, Herr! dass für die Kinder
Eine Mutter flehen kann!

»Wenn ich nicht mehr betteln darf,
Will ich mit dem Blick, dem blassen,
Brot noch suchen in den Gassen,
Das man auf die Straße warf.
Krank und müde mit den Jahren,
Irr' ich um auf Feld und Flur;
Alles will ich ihm bewahren,
Wär' es eine Rinde nur!
Seht, mein Leiden wird gelinder,
Weil mein Herz den Sieg gewann –
Denket, Herr! dass für die Kinder
Eine Mutter sterben kann!« …

Und er ging. Der Hunger kam,
Kam, ihr Leiden zu vermehren,
Kam, die kranke Brust zu leeren,
Bis sie starb vor Noth und Gram.
In des Himmels Räumen fehlte
Grad' ein holdes Engelpaar,
Und der Weltenherr erwählte
Beide zu der Himmelsschar, –
Während hier im Abendwinde
Todtengräber grub ein Grab,
Und die Mutter mit dem Kinde,
Staub, dem Staube wiedergab.

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Der entlassene Galeerensklave.

So darf ich nun dem Ort der Schmach enteilen?
Fünf Jahre mussten still mich dulden sehn;
Mich schuf durch eurer Blutgesetze Zeilen
Zum Märtyrer ein winziges Vergehn.
Mein junges Weib, mein armer blasser Knabe:
Als ihr gestorben fast den Hungertod,
Nahm ich dem reichen Herrn ein bisschen Brot;
Nun kehr' ich heim – mich dünket aus dem Grabe! …
Gieb, starker Gott! dass endlich heut die Welt
Willkommen den befreiten Sträfling hält!

Im Lichte frei! Ha, wie die Pulse steigen!
Der Sklavenkette letzter Ring zerstiebt –
Doch weh! der Überwachung muss ich neigen
Mein Haupt, von Allem fern, was ich geliebt!
Ach, glaubt' ich nicht, dass, wenn mein Leid zu Ende,
Aufs Neu mich grüßten Liebesblick und -kuss?
Doch andre Fessel hindert mir den Fuß,
Und festgeschmiedet sind, wie sonst, die Hände! …
Gieb, starker Gott! dass endlich heut die Welt
Willkommen den befreiten Sträfling hält!

In jener Stadt, dahin trotz meiner Thränen
Ihr mich gesandt, wer giebt zu schaffen mir?
Besudelt von des Hungers trotz'gem Sehnen,
Entflieht – wie schnell! – der Tugend blanke Zier.
Ein armes Wild, gehetzt aus jedem Lande –
Was sollt' ich thun, verachtet und gering?
Weil ich zu sterben nicht die Kraft empfing,
Bleibt mir als Rettung ewig nur die Schande! …
Gieb, starker Gott! dass endlich heut die Welt
Willkommen den befreiten Sträfling hält!

Am Heimatufer ist mein Glück verdorben,
Ich bin verflucht, wo meine Wiege stand;
Mein Weib ist todt – vielleicht aus Gram gestorben,
Zum Waisenhause ward mein Kind gesandt.
Beschirm es, Herr! Sein Lächeln wird dir künden,
Dass Liebe nur von seiner Lippe floss –
Verschweig ihm seinen Namen, denn der Tross
Bestraft' es ja für seines Vaters Sünden! …
Gieb, starker Gott! dass endlich heut die Welt
Willkommen den befreiten Sträfling hält!

Weil ich verdammt, allein den Weg zu wandeln,
Ist künftig Nichts, das meinen Trotz zerbricht!
Ihr wollt den Krieg! – als Krieger muss ich handeln,
Und selbst die Schande gilt als Strafe nicht! –
Wenn uns der Tod die finstre Gruft erschlossen –
Ob ihr den Leib verscharrt am Rabenstein,
Ob ihr ihn grabt auf stillem Friedhof ein:
Ins Nichts ist immer doch der Geist zerflossen! …
Gieb, starker Gott! dass endlich heut die Welt
Willkommen den befreiten Sträfling hält!

Geboren ward auch ich, um gut zu bleiben,
Die Härte nur hat all mein Leid gebracht;
Anstatt zur Frucht die Liebessaat zu treiben,
Habt ihr zum Knecht den freien Mann gemacht.
Nun, wo den Ort der Schmach die Schritte meiden,
Verstoßt ihr mich von eurer Schwelle bang –
Ach, wenn mich liebend euer Arm umschlang:
Müsst' ich am Hochgerichte wohl verscheiden? …
Gieb, starker Gott! dass endlich heut die Welt
Willkommen den befreiten Sträfling hält!

Gabriel Verry.


Der Tod einer Rose.

(1849.)

»Nein, du sollst mir nicht zerschlagen
Meiner Rose Blüthenpracht!
Sage mir – du musst es sagen,
Was dich eifersüchtig macht!
Theuer ist mir diese Gabe,
Theuer wie die Todten sind,
Weil ich von der Mutter Grabe
Gestern sie gebrochen habe …
Gnade meinem Blumenkind!

»Ach, du willst sie mir entwenden,
Doch ihr Dorn vertheidigt mich;
Sieh das Blut an deinen Händen –
Lass den Dorn belehren dich!
Soll mein letztes Gut zerstieben?
Mutter starb – die Thräne rinnt –
Nichts ist mir von ihrem Lieben,
Als die Rose hier, geblieben …
Gnade meinem Blumenkind!

»Sieh, im Traum dem Glas enthoben,
Sprach die Rose heut zu mir:
›Wenn mein letztes Blatt zerstoben,
Nimm es als Verkündung dir!‹
Alfred! dieses dunkle Ahnen
Schreckt mein Herz, das Blut gerinnt!
Soll ich auf den Lebensbahnen
Folgen dir, so lass dich mahnen …
Gnade meinem Blumenkind!

»Ach, er hat sie mir entrissen!
Jedes helle Blumenblatt
Hat im Wind entflattern müssen,
Bis er sie entblättert hat!
Magst dich meinem Blick entheben,
Geh, dein Herz ist schlecht gesinnt!
Du zerbrachst der Rose Leben –
Hast auch mir den Tod gegeben …
Lebe wohl, mein Blumenkind!« – –

Morgen kam. Der Sonne Scheinen
Fand ein blasses Angesicht;
Helle Mädchenaugen weinen,
Als man ihr die Krone flicht.
Bei dem Klang der Sterbelieder,
Als die Sonne sank im West,
Gab man sie der Erde wieder,
Senkend auf die Bahre nieder
Einer Rose Blüthenrest.

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Der Fortschritt lebe hoch!

(1840.)

O nein! den Fortschritt legt ihr nicht in Bande,
Verkündet's laut auf Straße, Feld und Flur!
Was war, entschwebte gleich dem Dünensande,
Der Zukunft Hauch verwehte seine Spur.
Ihr saht, wie rings bis zu dem Weltenende
Ein neues Ziel in junge Herzen flog:
Alles der Mode, Nichts dem Fleiß der Hände …
Triumph! der Fortschritt lebe hoch!

Allüberall erbauen sie Maschinen,
Die wir die Erde bald beherrschen sehn;
Doch allzu karg die Kräfte noch uns dienen,
Zehn Arme haben sie, statt zehnmal zehn.
Ach, zwanzig Namen will der Meister streichen,
Weil ein Getrieb ihm vierzig Arme wog –
Glasdächer baute man indess den Leichen Die Morgue, in welcher die gefundenen Leichen unbekannter Personen ausgestellt werden, erhält ihre Beleuchtung durch ein gläsernes Dach. …
Triumph! der Fortschritt lebe hoch!

Bastillen thürmtet ihr für unsre Gelder,
Ließt Wälle rings als Schreckgespenst erstehn,
Und hundert Armen raubtet ihr die Felder,
Sie sind enterbt – sie mögen betteln gehn!
Sie werden leis um Brot die Hände falten –
Doch nein, vergebt, dass mich die Frucht betrog:
Wir haben Armenhäuser jüngst erhalten …
Triumph! der Fortschritt lebe hoch!

Mit Kies und Harz gepflastert sind die Straßen,
Der Fremde staunt mit überraschtem Blick,
Wahrhaftig, mit dem Glück ist nicht zu spaßen –
Dir, mein Paris, zerbrach man das Genick!
Trotz Gold und Erz, die deine Säle schmücken,
Und trotz Asphalt, der deinen Grund umzog:
Die Freiheit geht, ein Bettler, noch auf Krücken …
Triumph! der Fortschritt lebe hoch!

Nicht mehr, wie einst, wird unser Blick gehoben,
Wenn sich ein Bürger schuf zum General;
Der Ruhm des Großen wird beiseit geschoben,
Dem Meißel Dank, und Dank dem Lineal!
Wer Götzen dient, mag täglich in Museen
Dem Schwert sich beugen, das die Welt durchzog –
Die Generäle sind in Gips zu sehen …
Triumph! der Fortschritt lebe hoch!

Als unsre Schar im Julistrauß, dem harten,
Die Haft zerbrach, und eine Krone fiel:
Sang im Palast das Volk, im Königsgarten
Begeistert rings das Lied Rouget's de Lisle.
Doch heut – wir neigen unser Haupt in Trauer –
Versammelt man sich in dem Kneipenloch,
Und pfeift mit Ernst die jüngsten Gassenhauer …
Triumph! der Fortschritt lebe hoch!

Gustave Leroy, Nähkastenarbeiter.


Der gefangene Dichter.

Sie sprachen: »Lasst uns sehn, ob nicht des Kerkers Enge
Des Sünders Trotz bezwingt, sein Herz geschmeidig schafft!«
Und sie verdammten mich, den Vater der Gesänge,
Die manches Herz durchglühn, zu dieser ew'gen Haft!
Auf lebenslang – o Gott! – die Tage ziehn gleich Wochen,
Wenn uns der Zelle Nacht zur Nacht des Stumpfsinns reißt;
Fern von des Lebens Lust, wird bald der Geist gebrochen –
Verschonet meinen Geist!

Als ihr in banger Hast empor vom Schlafe schrecktet,
Hat euer Hirn vielleicht der Milde Gluth durchloht;
Indess ihr eure That mit heil'gem Spruch bedecktet,
Spracht ihr: »Entsagen lasst uns gnädig seinem Tod!«
O wenn euch je ein Strahl der Menschlichkeit geworden,
So wisst: es war Betrug, was ihr als »Gnade« preist;
Ihr schontet meinen Leib, doch um den Geist zu morden –
Verschonet meinen Geist!

Ach, lieber noch den Tod, den nur der Feige scheuet,
Ach, lieber jene Pein, da schnell die Hülle stirbt,
Als diese Einsamkeit, wo keine Rast uns freuet,
Wo Denken und Gefühl in öder Qual verdirbt!
Wollt ihr in blinder Wuth die That des Gegners richten,
So brauchet Gift und Schwert, das sichern Tod verheißt:
Doch ward euch nie ein Recht, die Seele zu vernichten –
Verschonet meinen Geist!

Als ihr mich fortgesandt in diese Kerkerwände,
O, glaubtet ihr, mein Herz sei todt und ausgeglüht?
Noch braust die Leidenschaft, ein Stürmen ohne Ende …
Wie soll ich bändigen, was meine Brust durchsprüht?
Die Liebe ruf' ich an – doch all mein heißes Flehen
Entsteigt dem tollen Kampf, der mein Gehirn durchkreist,
Seit ihr mir selbst verwehrt, mein Weib und Kind zu sehen –
Verschonet meinen Geist!

Mein Hoffen ist verweht – mir raubt der Zelle Dunkel
Des Körpers und zugleich des Geistes letzte Kraft;
Umsonst beschwör' ich heut des Wissens Sterngefunkel,
Ach, jeder Stern erlosch in dieser trüben Haft!
Ich seh' bei Nacht und Tag in meiner Zelle Räumen,
Wie eines Todten Hand rächend gen Himmel weist;
Mein Haupt umnachtet sich zu schreckensvollen Träumen –
Verschonet meinen Geist!

Victor Rabineau.


Der Proletar.

(1839.)

Mein Vater sprach zu mir: »Du armer Dichter,
Leih mir Gehör, du sollst ein Großer sein!
Verlass der Noth trübselige Gesichter,
Des Glückes Kreis ist enge nur und klein –
Du wirst mir Dank an künft'gem Tage weihn!«
Ich rief erzürnt: Man will uns Tod bereiten,
Beschimpfend schmäht man unsre Kämpferschar,
Des Volkes Ehr' ist werth, für sie zu streiten –
Um sie zu singen, bleib' ich Proletar!

Volksdichter! hört im Park der Tuilerien
Das prächtige Koncert bei Lampenstrahl;
Die großen Herrn, die Damen alle ziehen
Zum Feste hin mit Seidenhut und Shawl.
In Sesseln auf erhöhtem Tribunal
Gesandte rings im Bärenpelz, im warmen,
Sie gähnen laut, und Andre schlummern gar.
Die Kneipe ist das Königsschloss des Armen –
Herbei zum Liede, Dichter-Proletar!

Verkauft den Geist, ihr trefflichen Autoren,
Beugt euch der Macht, die ihr zertrümmern sollt,
Den Lohn empfangt, den Gnade zugeschworen:
Ein Kreuz, ein Band und klingend rothes Gold –
Ihr singt vergebens nicht um Fürstensold!
Du Armer dort, den sie mit Schande taufen,
Die Arbeit fehlt, das Brot ist heuer rar,
Vor Hunger stirb! du magst dich nicht verkaufen –
Du bist und bleibst ein armer Proletar.

Gedenkt ihr noch, wie jüngst im Julisturme
Ein Königsthron in Schutt und Staub zerkracht?
In Waffen ganz Paris! und von dem Thurme
Die Glocke klang zum Donnerlaut der Schlacht –
Ach, dass uns bessern Tag der Ruhm gebracht!
Hut ab! ihr Großen, grüßet uns zur Stunde,
Denn jene Krieger mit verworrnem Haar,
Sie hatten Theil an Kampf und Ruhm und Wunde –
Und jeder, jeder blieb ein Proletar!

Doch weh, Bastillen rings und Festungsmauern,
Und ringsumher Schießscharten, Zinn' und Wall!
Wir mögen still im Frost zusammenschauern,
Von unserm Recht verweht der letzte Schall –
Des Ruhmes Sterne sind erblichen all'!
Verrathnes Land, in Fürstenzwang gekettet:
Wenn deine Flur bedrängt der Feinde Schar,
Ist stets der Wall, der deine Kinder rettet,
Mit blut'gem Leib, der arme Proletar!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.


Gesang der Völker

(1847.)

Alle Besiegten, deren Schwingen
Der Kerker band, erstehn in Groll,
Den heil'gen Krieg der Welt zu bringen,
Der unser Recht erobern soll!
Wir sehn zu ihrer Schar das Beste,
Den Kern der freien Männer, stehn,
Die ruhig zu dem Bölkerfeste
Vor den befreiten Löwen gehn.

Der Frieden naht in Ungewittern
Bei Erzgetön und Trommelschlag!
O Krieg, Das ist dein letzter Tag!
Es wird am Schwert das Schwert zersplittern,
Dass Lieb' aus Hass erglühen mag!

Schaut, wie aus jedem Vaterlande
Zu uns ein Heer von Kämpfern steht,
Gefesselt lang' in Eisenbande –
Ach, sie erhoben sich zu spät!
Doch nun zerbrach ihr finstres Zürnen
Mit einem Schlag der Ketten Schmerz,
Und blutig steht auf ihren Stirnen,
Was trauernd litt ihr großes Herz.

Der Frieden naht in Ungewittern
Bei Erzgetön und Trommelschlag!
O Krieg, Das ist dein letzter Tag!
Es wird am Schwert das Schwert zersplittern,
Dass Lieb' aus Hass erglühen mag!

Die bunte Pracht von tausend Fahnen,
Die an der Kämpfer Spitze wehn,
Sie lässt uns heute schmerzlich ahnen,
Dass noch getrennt die Völker stehn!
Doch seht, wie sie vereinigt werden,
Weil uns gemein die Hoffnung war!
Ein Volk wird fürder sein auf Erden,
Ein Banner für die Völkerschar!

Der Frieden naht in Ungewittern
Bei Erzgetön und Trommelschlag!
O Krieg, Das ist dein letzter Tag!
Es wird am Schwert das Schwert zersplittern,
Dass Lieb' aus Hass erglühen mag!

Muss denn das Volk, mit Schmach beladen,
Das Werkzeug eines Stolzen sein?
Und muss die Welt in Blut sich baden,
Sich eurer Lust als Opfer weihn?
O, nimmer wird man so uns lenken!
Ob man die Gluth verlöschte gern:
Auch unser Thun und unser Denken,
Es ist ein Hauch vom Geist des Herrn!

Der Frieden naht in Ungewittern
Bei Erzgetön und Trommelschlag!
O Krieg, Das ist dein letzter Tag!
Es wird am Schwert das Schwert zersplittern,
Dass Lieb' aus Hass erglühen mag!

Es zieht, umgürtet von Soldaten,
Auf stolzem Ross der Fürst zur Schlacht;
Kartätschen regnen und Granaten
Ein Winken – und die Salve kracht!
Wir aber in geschlossnem Gliede
Zerbrechen düster seinen Tross,
Wie drunten bei des Sturmes Liede
Die Fluth auf jene Klippen schoss.

Der Frieden naht in Ungewittern
Bei Erzgetön und Trommelschlag!
O Krieg, Das ist dein letzter Tag!
Es wird am Schwert das Schwert zersplittern,
Dass Lieb' aus Hass erglühen mag!

Nein! eher sollen unsre Leichen
Wie Reif die Fluren übersä'n
Und Thäler und Gefilde bleichen,
Bevor sie uns als Sklaven sehn!
Eh' sie zur Schmach die Völker trieben,
Lasst uns vergehn in blut'gem Streit!
Gott nur ist groß! ihr sollt ihn lieben –
Ehrt ihn, indem ihr euch befreit!

Der Frieden naht in Ungewittern
Bei Erzgetön und Trommelschlag!
O Krieg, Das ist dein letzter Tag!
Es wird am Schwert das Schwert zerspittern,
Dass Lieb' aus Hass erglühen mag!

Pierre Dupont.


Die Verbannung des Liedes.

(1845.)

1.

Flieh aus der Freude Tempeldach,
O Lied, dein Leben zu erhalten,
Flieh, denn an deiner Stelle walten
Des Hohnes und der Lüge Schmach!
Magst in der Fremde du verklingen,
Da unsrer Heimat Lust entwich;
Solang man weinet, statt zu singen –
Unselig Lied, verbanne dich!

Wir liebten dich, von Gluth entbrannt,
Du warst das Liebchen uns, das treue;
Doch nun verkaufst du ohne Scheue
Die Schönheit, dir von Gott gesandt.
Willst du den Stolz des Elends tödten,
Verzeihen könnt' ich es für mich;
Doch machst du unser Kind erröthen: –
Unselig Lied, verbanne dich!

An Passy fliege schnell vorbei;
Vielleicht, dass Béranger im Traume
Dich steigen sieht zum Himmelsraume …
O zittre nicht … vorbei, vorbei!
Du sähest seine bittren Schmerzen,
Wie schaudernd seine Wang' erblich;
Mitleidig seinem Vaterherzen –
Gesenkten Haupts verbanne dich!

Wenn du am Zwinger, stumm und fahl,
Vorüberziehst im Morgengrauen,
Siehst du, wie unsre Brüder schauen
Empor zum letzten Hoffnungsstrahl;
Den letzten Kuss empfang im Scheiden,
Wo Schloss und Riegel thürmen sich,
Von Allen, die im Kerker leiden –
Unselig Lied, verbanne dich!

Du willst ein Angedenken gern
Von jenen, die dich liebten, Allen,
Von jedem Helden, der gefallen
Für unsrer Zukunft Morgenstern:
So nimm von ihren Gräberstellen,
Eh' fernehin dein Fuß entwich,
Den Blumenstrauß von Immortellen –
Unselig Lied, verbanne dich!

Zieh hin, verlasse still das Schloss,
Wo jubelnd deine Feuerzungen
Die Marseillaise einst gesungen,
Als unser Blut zur Erde floss.
Zieh hin, die Netze zu vermeiden,
Damit dich die Gewalt umschlich! –
Verlassnes Kind mit deinen Leiden,
Unselig Lied, verbanne dich!

2.

Mir sprach der Freund: »Verbanne nicht dein Lied!«
Ich aber meine, dass er kläglich rieth.
Wenn Alles ausgesagt – was sollt' ich weiter singen?
Einst hört' ich Lust und Scherz aus jeder Seele klingen,
Heut bin ich allzu gut belehrt in Herzensdingen –
Verstumme denn, mein Lied!

»Die Liebe doch?« – Leicht ist um sie ein Lied,
Sie ist der Gott, dem selbst der Stolze kniet.
Doch jeder Tag verschlägt mich weiter von dem Strande,
Ich sehne mich umsonst nach ihrem Rosenbande,
Sie steuert endlich fort nach fern entlegnem Lande –
Verstumme denn, mein Lied!

»Die Schönheit doch?« – Leicht ist um sie ein Lied,
Ob sie auch schnell von unsrer Wange flieht.
Einst war mein Liebchen schön … nun sah die Zeit ich walten,
Und wenn die Gluthen heut der Leidenschaft erkalten,
Verbirgt ihr Blumenputz nicht mehr der Stirne Falten –
Verstumme denn, mein Lied!

»Die Ehre doch?« – Leicht ist um sie ein Lied;
Heut klag' ich nur, dass sie von dannen schied.
Ein armes Wort verwischt nicht mehr der Seele Flecken,
Seit wir die Ehre in Pistolenläufe stecken,
Und einer Kinderschar Zukunft mit Nacht bedecken –
Verstumme denn, mein Lied!

»Gerechtigkeit?« – Leicht ist um sie ein Lied;
Ach, Qual und Sünde schänden ihr Gebiet!
Ein Richter darf ja heut im Saal zu schlummern wagen,
Und, ohne nur das Recht in seiner Brust zu fragen,
Erwacht er halb verstört, den Urtheilsspruch zu sagen –
Verstumme denn, mein Lied!

»Religion?« – Leicht ist um sie ein Lied,
Ob sie auf Kohlen auch die Heiden briet.
Man glaubt nicht allzu Viel, doch Wunder noch in Menge:
Wenn Arme leiden, baut man stolze Tempelgänge …
Die Kirche ward ja längst ein nichtig Schaugepränge –
Verstumme denn, mein Lied!

»Die Tugend doch?« – Leicht ist um sie ein Lied;
Sie ist ein Ruf, den gern der Schlechte flieht.
Ich will auch diesen Kelch ausleeren bis zum Grunde,
Dass fast die Schande nur Reichthum erwirbt zur Stunde,
Wenn hier der Gute arm verglüht an seiner Wunde –
Verstumme denn, mein Lied!

»Die Freiheit doch?« – Leicht ist um sie ein Lied;
Sie ist der Stern, zu dem mein Auge sieht.
Mit ihrem Glanze kam sie in den Julischauern …
Still! von den Gittern bringt der Morgenwind das Trauern;
Wie kann der Freiheit Baum gedeihn auf Kerkermauern? –
Verstumme denn, mein Lied!

Gustave Leroy,
Nähkastenarbeiter.



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