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Ein Diebstahl stand bevor

Ein großer Diebstahl stand bevor, vielleicht auch ein Mord.

Heute Nacht sollte er ausgeführt werden, und es hieß schnell den Kameraden aufsuchen und nicht müßig allein zu Hause sitzen. Den Einsamen und Untätigen ängstigt alles, und alles lacht ihn aus mit dumpfem, schadenfrohem Lachen.

Es ängstigt ihn eine Maus. Sie kratzt geheimnisvoll unter dem Fußboden und will nicht schweigen, wenn man auch über ihrem Kopfe mit dem Stocke klopft, daß es einem selbst bange wird. Für einen Augenblick verstummt sie, doch wie der beruhigte Mensch sich hinlegt, ist sie plötzlich unter dem Bette und sägt die Bretter so laut ... so laut ..., daß es auf der Straße gehört werden kann ..., daß jemand kommen und fragen könnte. Es ängstigt der Hund, der am Hofe draußen durchdringend mit der Kette klirrt und irgendwem entgegenbellt. Der Hund und die Leute schweigen dann lange, und etwas geschieht dort draußen; man hört keine Schritte ..., aber sie gehen auf dem Hofe; man hört keine Schritte, aber etwas nähert sich der Tür, und eine Hand faßt nach der Klinke und hält sie fest, ohne zu öffnen.

Es ängstigt ihn das ganze alte modrige Haus, als hätte es durch ein langes Leben unter stöhnenden, weinenden, zähneknirschenden Menschen die Fähigkeit erlangt zu sprechen und unbestimmte, fürchterliche Drohungen auszustoßen. Jemand blickt aus dem Dunkel der schiefen Ecken starr hervor, und bringt man die Lampe in die Nähe, springt er geräuschlos zurück und wird zu einem hohen, schwarzen Schatten, der sich schaukelt und lacht ... so eigen sich schaukelt und lacht auf den runden Balken der Wand. Oben, über der niedrigen Decke schreitet jemand mit schwerem Tritt; man hört die Schritte nicht, aber die Bretter biegen sich und feiner Staub fällt in die Fugen. Er könnte nicht fallen, wäre nicht jemand oben auf dem dunklen Boden, der umhergeht und etwas sucht. Doch der Staub fällt, und rußiges Spinngewebe zittert und windet sich. Gierig saugt sich die stumme, tückische Finsternis an die kleinen Fenster fest, und wer weiß es? Vielleicht blicken mit der unheilvollen Ruhe der Unsichtbaren trübe Gesichter herein und weisen auf ihn. Seht ... seht! Seht ihn an!

Wenn der Mensch allein ist, ängstigen ihn selbst jene, die er lange kennt. 5ie kommen, und er freut sich ihrer; er lacht heiter und blickt ruhig in jenen Winkel, wo sich eben jemand verborgen hatte, zur Decke hinauf, über die jemand hin und her gegangen war; jetzt ist niemand dort; die Bretter biegen sich nicht, und es fällt kein feiner Staub hinunter. Doch die Menschen sprechen zu viel und zu laut. Sie schreien, als wäre er taub, und im Schreien verschwinden die Worte und verlieren ihren Sinn; sie schreien so laut und so viel, daß die Schreie zur Stille und die Worte zu Schweigen werden. Und so lange blicken sie ihn an; er kennt ihre Gesichter, doch ihre Augen erscheinen fremd und seltsam und leben abgesondert vom Gesichte und seinem Lächeln. Als blickte aus den Augenspalten alter längstvertrauter Gesichter irgendein Fremder, Neuer, der alles weiß und so entsetzlich hinterlistig ist.

Und der Mann, der einen großen Diebstahl, vielleicht einen Mord plante, trat aus dem alten, windschiefen Hause. Er trat hinaus und seufzte erleichtert auf.

Aber auch die Straße – die menschenleere lautlose Straße der Vorstadt, wo der reine weiße Schnee der Felder mit der geräuschvollen Stadt kämpft und machtvoll mit weißen Strömen in sie eindringt, auch die Straße ängstigt den Menschen, wenn er allein ist. Es ist schon Nacht, aber die Finsternis ist noch nicht da, um den Menschen zu verbergen. Irgendwo, weit vorn und rückwärts, ballt sie sich zusammen, in den finsteren Häusern mit den geschlossenen Fensterläden, und alle Menschen verbirgt sie; doch vor ihm tritt sie zurück; er geht immer in einem lichten Kreise abgeschieden und allen sichtbar, als wäre er hochaufgehoben auf einer breiten und weißen Handfläche. Und in jedem Hause, an dem sich seine gekrümmte Gestalt vorüberbewegt, sind Türen, und selbst diese starren so wachsam und gespannt auf ihn, als stehe hinter jeder ein Mensch, bereit hervorzustürzen. Und hinter den Zäunen, hinter den langen Zäunen breitet sich die unsichtbare Ferne aus: Dort sind Gärten und Gemüsebeete, und niemand kann sich dort aufhalten in dieser kalten Winternacht; aber wenn sich jemand dort verborgen hielte und ihn durch die dunkle Spalte mit fremden und listigen Augen anblickte, der Mensch hätte seine Anwesenheit nicht vermuten können.

Und deshalb ging er in der Mitte der Straße, und da schritt er abgeschieden und allen sichtbar, und überall verfolgten ihn die Gärten, die Zäune, die Häuser mit ihren Blicken.

So kam er hinaus zu dem gefrorenen Fluß. Die Häuser, voll Menschen, blieben hinter den Grenzen des lichten Kreises zurück, und nur das Feld und der Himmel blickten einander mit hohlen, kalten Augen an. Doch das Feld war unbeweglich, und der Himmel floh rasch irgendwohin, und der trübe weißliche Mond fiel ungestüm in die Leere des bodenlosen Raumes. Und kein Geräusch, kein Hauch, kein aufregender Schatten war auf dem Schnee, ganz frei wurde es ringsum. Der Mann richtete sich auf, blickte in großem Bogen und zornig nach der verlassenen Straße und blieb stehen. »Wollen wir rauchen!« sagte er laut mit heiserer Stimme. Das Zündholz beleuchtete leicht den breiten schwarzen Bart. Und gleich darauf fiel es aus der erhobenen Hand, als auf seine Worte eine Antwort erklang – eine eigentümliche, unerwartete Antwort in der Totenstille der Nacht. Es war nicht zu unterscheiden: War es ein Stöhnen, war es fern oder in der Nähe, drohend oder um Hilfe rufend. Etwas erklang und erstarb. Lange horchte der erschreckte Mensch; der Laut wiederholte sich nicht; er wartete und fragte dann leise; »Wer ist da?«

Und so überraschend und so erstaunlich einfach war die Antwort, daß der Mann auflachte und sinnlos zu fluchen begann: Ein Hündchen winselte, ein ganz gewöhnlicher und offenbar ganz junger Hund. Man erkannte es an seiner Stimme – schwach, kläglich und voll jener eigentümlichen Bestimmtheit, die weiß, daß man hören und bemitleiden muß, wie sie im Weinen kleiner Kinder klingt. Ein kleiner Hund winselte inmitten des Schnees. Ein kleiner Hund, da alles so ungewöhnlich und beängstigend war, und die ganze Welt mit tausenden offenen Augen den Menschen verfolgte. Und der Mensch folgte dem leisen Rufe.

Auf dem eingestampften Schnee des breiten Weges saß ein kleiner, schwarzer Hund; er streckte hilflos seine Hinterpfötchen aus und stützte sich auf die Vorderpfoten. Er zitterte am ganzen Körper. Es zitterten die Pfoten, auf die er sich stützte, es zitterte die kleine schwarze Nase, und das eingerollte Ende des Schwanzes schlug einen kläglichen, einen schmeichelnden Wirbel auf den Schnee. Schon lange fror er, verirrt in der grenzenlosen Wüste, er rief viele Vorübergehende eindringlich um Hilfe, aber sie blickten sich nicht um und gingen an ihm vorüber. Aber jetzt blieb ein Mensch vor ihn: stehen, und er brauchte nicht mehr um Hilfe zu rufen. –

Das scheint unser Hund zu sein, dachte der Mann, während er ihn prüfend ansah. Er erinnerte sich unklar an etwas Kleines, Schwarzes, Bewegliches, das laut mit den Pfötchen klopfte, stets unter die Füße geriet und winselte. Die Leute spielten freundlich mit ihm, und einmal sagte einer: »Schau nur, welch ein drolliges Kerlchen.«

Er erinnerte sich nicht, ob er ihn damals gesehen hatte oder nicht; ob er ihn damals angesehen hatte oder nicht; vielleicht hatte auch niemand diese Worte gesprochen, es war vielleicht nie ein junger Hund in seinem Hause, und diese Erinnerung kam vielleicht aus der Ferne, aus jener unbestimmten Tiefe der Vergangenheit, da es viel Sonne und schöne, seltsame Klänge gab, und wo alles ineinander fließt.

»He! Kerlchen, wie bist du hergeraten? Du Hundesohn!«

Der Hund wendete das Köpfchen nicht und winselte nicht: er blickte irgendwohin nach der Seite und zitterte hoffnungslos und geduldig. Es war ein ganz ordinärer junger Hund, und der Mensch war so schändlich erschreckt worden, daß er fast zu beben begann. Und es stand ihm ein großer Diebstahl, vielleicht ein Mord bevor.

»Pack dich,« schrie ihn der Mann drohend an, »pack dich nach Hause, Scheusal du!«

Es war, als höre der Hund ihn nicht, er blickte zur Seite und zitterte mit dem gleichen, beharrlichen quälenden Zittern, daß es dem Mann weh tat und kalt wurde.

Und da wurde er ernstlich böse: »Pack dich! Zu dir spreche ich!« schrie er. »Pack dich, elender Hundesohn, sonst zerschlage ich dir den Schädel, Pa .. ack dich!«

Der Hund blickte zur Seite, als höre er die schrecklichen Worte nicht, die jeden andern beben gemacht hätten, oder er legte ihnen keinerlei Bedeutung bei. Und es erfüllte den Menschen mit Zorn, daß er so gleichgültig und unaufmerksam die bösen und schrecklichen Worte entgegennahm.

»Nun, so krepier hier, du Hund!« sagte er und ging entschlossen vorwärts. Da begann das Hündchen so kläglich zu winseln wie ein Zugrundegehender und überzeugt, daß man es hören wird, wie ein Kind. »Aha, jetzt winselst du!« sagte der Mann schadenfroh und ging rasch zurück, und als er zu dem Hunde kam, saß der lautlos da und schlummerte.

»Willst du nun gehen oder nicht?« sagte der Mensch und erhielt keine Antwort. Und noch einmal fragte er und erhielt keine Antwort.

Und da begann der eigenartige und sinnlose Kampf eines großen, kräftigen Menschen mit dem kleinen erfrierenden Tiere. Der Mann versuchte es nach Hause zu jagen, er war erbost, schrie, stampfte mit den gewaltigen Füßen, und der Hund blickte zur 5eite, zitterte vor Kälte und Angst und rührte sich nicht vom Fleck. Der Mann tat, als ginge er nach Hause zurück und schnalzte mit den Lippen, damit der Hund nachlaufe, aber der saß und zitterte, und wenn sich der Mann entfernte, begann er beharrlich und kläglich zu winseln. Der Mann kehrte zurück und stieß ihn mit dem Fuße. Der Hund drehte sich um und winselte erschrocken, und dann setzte er sich wieder auf die Vorderpfötchen gestützt hin und zitterte. Etwas Unbegreifliches, Aufreizendes und Hoffnungsloses erstand vor dem Menschen. Er vergaß an den Kameraden, der ihn erwartete, an all das Ferne, das heute Nacht ausgeführt werden sollte, – und mit seinem ganzen, erregten Wesen ergab er sich diesem dummen Hunde. Er konnte sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen, daß der Hund weder die Gefahr, noch seine Worte begreife, noch auch die Notwendigkeit, schneller nach Hause zu kommen. Wütend hob ihn der Mann am Nackenfell in die Höhe und trug ihn so zehn Schritte näher zum Hause. Dort legte er ihn vorsichtig auf den Schnee und befahl: »pack dich, pack dich nach Hause!«

Und ohne sich umzublicken schritt er gegen die Stadt. Nach hundert Schritten etwa blieb er in Gedanken versunken stehen und blickte zurück. Man sah und hörte nichts – weit und frei war es auf dem gefrorenen Flußbetts. Und vorsichtig schleichend kehrte der Mensch an jene Stelle zurück, wo er den Hund zurückgelassen hatte, und verzweifelt schimpfte er mit langen traurigen Worten: auf der Stelle, wo er ihn hingesetzt hatte, saß der Hund und zitterte ergeben. Der Mensch neigte sich zu ihm und sah kleine runde, triefende Augen und ein klägliches, kleines, nasses Näschen, und das alles zitterte so ergeben.

»Wirst du nun gehen? Ich schlage dich auf der Stelle tot!« schrie er und erhob drohend die Hand. Die ganze Kraft seines Zornes und seiner Erregung vereinigte er in seinen Blicken, er rollte die Augen und blickte einen Augenblick lang den Hund starr an, und um ihn zu erschrecken, brüllte er laut. Und das Hündchen blickte mit den verweinten Äuglein zur Seite und zitterte.

»Was soll ich nun mit dir beginnen?« fragte er besorgt.

Er hockte nieder, schimpfte und jammerte, daß er nicht wisse, was zu beginnen; er sprach von dem Kameraden; von der Arbeit, die ihm heute Nacht bevorstehe, und drohte dem Hunde mit raschem und – schrecklichem Tode.

Und der Hund blickte zur Seite und zitterte lautlos.

»Ach, du Narr!« rief der Mann verzweifelt; er faßte den kleinen Körper, als wäre er etwas widerliches, das er tödlich haßt, versetzte ihm zwei tüchtige Hiebe und trug ihn nach Hause.

Und die Häuser, die Zäune, die Gärten brachen in wildes Lachen aus, als er an ihnen vorüberging. Es lachten dumpf, höhnisch und düster die Gärten und die Gemüsebeete, neckisch und schadenfroh kicherten die beleuchteten Fenster, und mit der ganzen Kälte ihrer durchfrorenen Balken, mit ihrem geheimnisvollen und drohenden Innern lachten finster die stummen und dunklen Häuser ...

»Seht nur, seht! Da geht ein Mensch, der einen Mord plant, und er trägt einen schäbigen Hund. Seht ihn nur an, seht nur!« Und ganz ängstlich war ihm zumute, und ganz verlegen wurde er. wie eine Rauchwolke umhüllten ihn Zorn und Angst, und etwas Neues und Seltsames ergriff ihn, was er in seinem verantwortungsvollen und quälenden Leben eines Diebes noch nie empfunden hatte.

Irgendeine wunderbare Ohnmacht, irgendeine innere Schwäche; – die Muskeln so stark und die Hand zornig zur Faust geballt, und das Herz so weich und willenlos. Er haßte den Hund und trug ihn mit zorngeballten Händen vorsichtig, so vorsichtig und behutsam, als wäre es etwas unendlich Kostbares, das ihm ein launisches Schicksal geschenkt hatte. Und finster rechtfertigte er sich:

»Was sollte ich mit ihm beginnen, wenn er selbst nicht geht? Man konnte doch wahrlich nichts anderes machen.«

Und das lautlose Gelächter wuchs und umgab den Menschen, der heute einen Mord plante und jetzt einen schäbigen, schwarzen Hund trug. Es lachten jetzt nicht nur die Häuser und die Gärten, es lachten alle Menschen, die er je gekannt, es lachten die Diebstähle und Gewalttaten, die er je begangen, alle Gefängnisse, alle Hiebe und aller Schimpf, den sein alter, ausgemergelter Körper je erlitten hatte.

»Seht nur! er hätte stehlen sollen, und er trägt einen Hund. Er hätte heute stehlen sollen, aber er kommt zu spät wegen dieses kleinen, schäbigen Hundes, ha – ha – ha; – alter Narr!

Seht nur, seht ihn nur an!«

Und immer rascher ging er. Den ganzen Körper vornübergebeugt, den Kopf gesenkt, wie ein Ochs, der bereit ist, auszustoßen, als schlage er sich durch unsichtbare Reihen unsichtbarer Feinde und als trage er wie ein Banner die geheimnisvollen und mächtigen Worte:

»Aber war es denn anders möglich? Unmöglich!«

Und immer leiser, immer dumpfer wurde das verhaltene Lachen der unsichtbaren Feinde, und immer freier, immer loser wurden ihre enggeschlossenen Reihen. Das geschah vielleicht, weil die Wolken in flaumigen Schnee zerfielen und eine weiße, sich wiegende Brücke Himmel und Erde verband. Und langsamer schritt der beruhigte Mensch, und in seinen zornigen Händen kehrte das halberstarrte, schwarze Hündchen allmählich zum Leben zurück. Irgendwohin, weit in die Tiefe seines kleinen Körpers hatte der Frost die zarte Wärme seines Körpers gejagt, und jetzt trat sie hervor, erwachte, hell, so seltsam schön in ihrer geheimnisvollen Ungreifbarkeit wie die Entstehung des Lichtes und des Feuers inmitten der tiefen Finsternis und des Unwetters.

 

Ende

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