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Erstes Capitel.
Erdumsegler aus verschiedenen Nationen.

Der Pelzhandel in Rußland. – Krusenstern erhält das Commando einer Expedition. – Nuka-Hiwa. – Nangasaki. – Erforschung der Küste von Japan. – Jesso. – Die Aïnos. – Saghalien. – Rückkehr nach Europa. – Otto von Kotzebue. – Auf der Osterinsel. – Penrhyn. – Der Radak-Archipel. – Rückkehr nach Rußland. – Zweite Reise. – Veränderte Verhältnisse auf Tahiti und den Sandwichs-Inseln. – Die Reise Beechey's. – Die Osterinsel. – Pitcairn und die Meuterer von der »Bounty«. – Der Pomotu-Archipel. – Tahiti und die Sandwichs-Inseln. – Die Bonin-Inseln (Bonin-Sima). – Lütke. – Die Quebradas von Valparaiso. – Die heilige Woche in Chile. – Neu-Archangel. – Die Kalochen. – Unalaschka. – Der Archipel der Karolinen. – Die Piroguen der Bewohner desselben. – Guaham, eine unbewohnte Insel. – Schönheit und Fruchtbarkeit von Bonin-Sima. – Die Tschuktschen, deren Sitten und Gaukler. – Rückkehr nach Rußland.


Mit dem Anfange des 19. Jahrhunderts treten auch die Russen in die Reihe der erdumsegelnden Nationen ein. Bisher beschränkte sich das Feld ihrer Thätigkeit nur auf Asien, wo sich von ihren Seefahrern Behring, Tschirikoff, Spangberg, Laxman, Krenitzin und Sarytcheff auszeichneten. Der Letztgenannte nahm auch hervorragenden Antheil an der Reise des Engländers Billings, welche freilich den von ihr mit Recht gehegten Erwartungen keineswegs entsprach, obwohl sie zehn volle Jahre in Anspruch nahm und ungeheuere Kosten verschlang.

Adam Johann von Krusenstern kommt die Ehre zu, als erster Russe im Auftrage der Regierung die Erde zu rein wissenschaftlichen Zwecken umsegelt zu haben.

Geboren im Jahre 1770, trat Krusenstern 1793 in die englische Marine. Gestählt durch diese rauhe Schule, welche damals die erfahrensten Seeleute der ganzen Erde zählte, kehrte er, ausgerüstet mit trefflichen Fachkenntnissen und erfüllt von dem Gedanken, welche Rolle Rußland im östlichen Asien zu spielen habe, nach seinem Vaterlande zurück.

Während eines zweijährigen Aufenthalts in Canton, 1798 und 1799, hatte Krusenstern beobachtet, welch' umfassende Erfolge englische Kaufleute mit dem Verkaufe von Pelzwaaren erzielten, die sie von der Nordwestküste des russischen Amerika zuführten.

Dieser Handel kam erst seit Cook's dritter Reise auf, und die Engländer hatten schon ungeheurer Vortheile und Schätze zum Schaden der Russen gewonnen, welche die Märkte Chinas bisher nur auf dem Landwege versorgten.

Im Jahre 1785 hatte zwar schon ein Russe, Namens Chelikoff, eine Gesellschaft begründet, welche, bei ihrem nicht ungünstigen Sitze auf der Insel Kodiak, in gleicher Entfernung von Amerika, Kamtschatka und den Alëuten-Inseln, zu recht ansehnlicher Entwicklung gelangte. Die Regierung überzeugte sich bald, daß sie aus jenen, bis jetzt mehr als stiefmütterlich behandelten Gebieten recht beträchtliche Vortheile gewinnen könne und schickte deshalb nach Kamtschatka, auf dem langen Wege durch Sibirien, sowohl Mannschaften, als auch Provisionen und geeignetes Material ab.

Krusenstern durchschaute schnell die Unzulänglichkeit dieser Hilfsmittel, die Unerfahrenheit der Lootsen und die Unzuverlässigkeit der benutzten Seekarten, deren Fehlerhaftigkeit jährlich den Verlust mehrerer Schiffe herbeiführte, ohne der Nachtheile zu erwähnen, die ein zwei Jahre in Anspruch nehmender Transport der Pelzwaaren bis Ochotsk und von hier nach Kiachta mit sich bringen mußte.

Die besten Ideen sind immer die einfachsten und auf diese verfällt man gewöhnlich erst zuletzt. So war auch Krusenstern der Erste, der die gebieterische Nothwendigkeit darlegte, von den Alëuten, dem Productionsorte, aus, direct auf dem Meere nach Canton, als dem frequentesten Markte, zu gehen.

Nach seiner Heimkehr nach Rußland bemühte sich Krusenstern sofort, den Grafen Koucheleff, den Marineminister, für seine Anschauungen zu gewinnen; die Antwort aber, welche er von dem Genannten erhielt, vernichtete einstweilen alle seine Hoffnungen. Erst nach dem Regierungsantritt Alexander's I. fand er, als Admiral Mordvinoff das Portefeuille der Marine übernommen hatte, die gewünschte Unterstützung.

Auf die Empfehlung Graf Romanof's hin wurde Krusenstern sogar vom Kaiser beauftragt, seine vorgeschlagenen Pläne selbst zur Ausführung zu bringen. Am 7. August 1802 erhielt er in Folge dessen den Oberbefehl über zwei, zur Erforschung der Nordwestküste Amerikas bestimmte Schiffe.

Wenn nun auch der Chef der beabsichtigten Expedition ernannt war, so fehlte es doch noch gänzlich an der dazu nöthigen Mannschaft, und auch die geeigneten Fahrzeuge waren im russischen Reiche nirgends aufzufinden. Selbst in Hamburg suchte man nach solchen vergebens. Erst in London vermochten sich der Capitän Lisianskoï, Krusenstern's späterer zweiter Officier, und der Schiffsbauer Kasoumoff zwei Fahrzeuge zu verschaffen, welche den an dieselben zu stellenden Anforderungen einigermaßen entsprachen. Diese beiden Fahrzeuge wurden die »Nadiejeda« und die »Newa« getauft.

Inzwischen beschloß die Regierung, diese Gelegenheit zu benutzen, um einen Gesandten, Herrn von Besanoff, mit zahlreichem Gefolge und prächtigen, für den Souverän des Landes bestimmten Geschenken nach Japan abzuschicken.

Am 4. August verließen die beiden Fahrzeuge, vollständig beladen und mit hundertvierunddreißig Mann an Bord, die Rhede von Kronstadt. Sie nahmen in Kopenhagen und in Falmouth einen kurzen Aufenthalt, um einen Theil des in Hamburg eingekauften Vorrathes an gepökeltem Fleisch zu ersetzen und die »Nadiejeda«, deren Fugen sich bei einem schweren Unwetter in der Nordsee etwas geöffnet hatten, frisch zu kalfatern.

Nach kurzer Rast bei den Kanarischen Inseln suchte Krusenstern, ebenso vergeblich wie La Pérouse, die Insel Ascension, über deren Existenz nun schon seit dreihundert Jahren sehr abweichende Ansichten herrschten. Dann lief er das Cap Frio an, dessen Lage er, wie sehr er es auch wünschte, nicht genau bestimmen konnte, da die Angaben darüber und die neuesten Karten zwischen 23° 6' und 22° 34' variirten. Nachdem er die Küste von Brasilien in Sicht bekommen, segelte er durch den, von La Pérouse mit Unrecht als gefährlich bezeichneten Weg zwischen den Inseln Gal und Alvarado und lief am 21. December 1803 im Hafen von St. Katharina ein.

Die Nothwendigkeit, den Groß- und den Fockmast der »Newa« auszuwechseln, hielt Krusenstern fünf Wochen lang an dieser Insel zurück, wo er übrigens von Seite der portugiesischen Behörden mit großer Zuvorkommenheit empfangen und behandelt worden war.

Erst am 4. Februar konnten die beiden Schiffe ihre unterbrochene Reise fortsetzen. Sie waren nun in Stand gesetzt, den großen Gefahren der Südsee zu trotzen und um das Cap Horn, den Schrecken der Seefahrer, zu segeln.

Hatte sich die Witterung bis zur Höhe von Staatenland recht günstig erhalten, so folgten nun auf ungemein heftige Windstöße mit Hagel- und Schneeböen, dichte Nebel mit außerordentlichen Wellen und hohler See, wobei die Schiffe hart arbeiteten. Während eines solchen Nebels verloren sich die beiden Schiffe am 24. März, oberhalb der westlichen Mündung der Magellanstraße, außer Sicht und trafen auch erst in Nuka-Hiwa wieder zusammen.

Krusenstern verzichtete darauf, die Osterinsel anzulaufen, wandte sich vielmehr nach dem Archipel der Marquisen (Markesas-Inseln) oder Mendocinen, bestimmte die Lage der Inseln Fatugu und Uahuga, welche Ingraham, ein amerikanischer Capitän, Washington genannt und im Jahre 1791, wenige Wochen vor dem Capitän Marchand, der sie »die Inseln der Revolution« taufte, entdeckt hatte. Er bekam Hiwa-Hoa, das ist Mendana's Dominica, in Sicht und traf auf Nuka-Hiwa einen Engländer, Namens Roberts, und einen Franzosen, Cabri, die ihm durch ihre Kenntniß der Landessprache sehr ersprießliche Dienste leisteten.

Was er über seine daselbst gemachten Erfahrungen berichtet, bietet kein besonderes Interesse oder fällt zusammen mit dem, was man schon seit Cook's Reisen wußte; es beschränkt sich auf die grenzenlose und doch unbewußte Schamlosigkeit der Frauen, den engen Kreis der landwirthschaftlichen Kenntnisse der Eingebornen und auf deren Begierde zur Erlangung eiserner Instrumente.

Sonst findet man kaum eine Beobachtung angemerkt, die nicht schon von früheren Reisenden gemacht worden wäre, außer der über das Vorhandensein mehrerer Vereinigungen oder Gesellschaften, die den König oder dessen Verwandte, Priester oder ausgezeichnete Krieger als specielle Oberherren unter der Bedingung anerkennen, daß jene ihre Unterthanen in Zeiten des Mangels ernähren. Dieses Verhältniß erinnert, unserer Ansicht nach, an die unter den Clans von Schottland und den Indianerstämmen Amerikas vielfach herrschende »Hörigkeit«. Krusenstern ist dagegen anderer Meinung und spricht sich darüber mit folgenden Worten aus:

»Die Mitglieder dieser Gesellschaften erkennen sich an besonderen, auf ihren Körper tättowirten Abzeichen. Die zur Gesellschaft des Königs gehörigen, sechsundzwanzig an Zahl, haben ein sechs Zoll langes und vier Zoll breites Viereck auf der Brust. Diesen hatte sich auch Roberts angeschlossen. Er versicherte mir, daß es ihm nie eingefallen wäre, der Gesellschaft beizutreten, wenn ihn nicht der Hunger dazu getrieben hätte. Seine Abneigung schien mir jedoch einen Widerspruch zu enthalten, da nicht allein Diejenigen, welche eine solche Gesellschaft bilden, jeder Sorge wegen Beschaffung ihrer Nahrung enthoben sind, sondern die Bewohner der Insel es als eine Auszeichnung betrachten, wenn ihnen der Beitritt gestattet wird. Ich kam daher auf die Vermuthung, daß diese Ehre doch vielleicht nur durch einen theilweisen Verlust der Freiheit erkauft wird.«

Bei einer Besichtigung der Umgebungen von Anna Maria wurde der Tchitchagoff-Hafen entdeckt, dessen Einfahrt zwar nicht ungefährlich, dessen Bassin aber so vollständig von Landmassen umschlossen ist, daß wohl auch die heftigsten Stürme das Wasser darin nicht aufzuregen vermöchten.

Als Krusenstern sich auf Nuka-Hiwa befand, stand die Menschenfresserei noch in voller Blüthe, doch bemerkt er ausdrücklich, niemals Zeuge einer solchen Scene gewesen zu sein.

Alles in Allem wurde Krusenstern ziemlich freundlich von einem Könige empfangen, der bei diesem, den abscheulichsten Lastern ergebenen Volke von Cannibalen allerdings keiner großen Autorität zu genießen schien.

Er gesteht indeß, daß er von den Einwohnern einen gar nicht ungünstigen Eindruck mit hinweggenommen haben würde, wenn ihn nicht die glaubhaften und unparteiischen Schilderungen der erwähnten beiden Europäer eines Anderen belehrt hätten.

»Wir haben betreffs der Nuka-Hiwier, sagt der russische Reisende, eigentlich nur erfreuliche Erfahrungen gemacht; beim Tauschhandel mit uns verfuhren sie stets ehrlich und vertrauensvoll und lieferten ihre Cocosnüsse stets eher ab, als sie unser Eisen erhielten. Brauchten wir Holz oder Wasser, so waren sie immer zu helfen bereit. Nur selten hatten wir uns über einen erlittenen Diebstahl zu beklagen, obgleich gerade dieses Laster auf allen Inseln des Großen Oceans ungemein verbreitet ist. Immer heiter und zufrieden, schien die Gutmüthigkeit ihrem Gesichte wirklich eingeprägt zu sein … Die beiden Europäer, die wir auf Nuka-Hiwa trafen und welche mehrere Jahre auf dieser Insel verlebt hatten, stimmten dagegen völlig überein, daß die Bewohner höchst verdorben, barbarisch und, die Frauen nicht ausgenommen, im weitesten Sinne des Wortes Cannibalen seien; daß der Ausdruck von Fröhlichkeit und Milde, der uns so bestochen hatte, ihrem Charakter keineswegs entspreche, und nur die Furcht vor unseren Waffen nebst der Aussicht auf Gewinn sie vermocht habe, ihre wilden Triebe zu zügeln. Die Europäer schilderten uns als Augenzeugen manche Einzelheiten der entsetzlichen Scenen, welche sich unter diesem Volke und während eines Krieges fast täglich abspielen. Sie erzählten, mit welcher Gier die Barbaren über ihre Opfer herfielen, diesen den Kopf vom Rumpfe trennten, das Blut aus einer am Schädel gemachten Oeffnung aussaugten und dann ihre entsetzliche Mahlzeit abhielten. Ich wollte zuerst nicht an diese Greuel glauben und hielt die betreffenden Berichte für maßlos übertrieben. Was ich hier wiedergebe, gründet sich jedoch auf die Aussagen jener beiden Europäer, welche mehrere Jahre lang nicht allein Zeugen solch' abscheulicher Scenen waren, sondern dabei sogar mitwirken mußten. Uebrigens standen beide Männer einander persönlich bitter verfeindet gegenüber, und wenn sie sich uns gegenüber auch gegenseitig möglichst zu verleumden strebten, so stimmten sie doch über jenen Punkt vollkommen überein. Die Schilderungen derselben glichen den verschiedenen Anzeichen, die wir während unseres kurzen Aufenthaltes selbst beobachteten. Fast jeden Tag boten uns die Nuka-Hiwier eine Anzahl Schädel zum Verkaufe an; ihre Waffen waren alle mit Haaren geschmückt; ebenso liebten sie, die meisten Hausgeräthe mit menschlichen Gebeinen zu verzieren, und gaben durch nicht mißzuverstehende Pantomimen ihre Vorliebe für Menschenfleisch zu erkennen.«

Dieses Bild ist wohl etwas zu sehr grau in Grau gemalt. Zwischen dem Optimismus Cook's und Forster's und den Aussagen der beiden Europäer, von denen Einer, ein früherer Deserteur, nicht besonders glaubwürdig erscheint, dürfte die Wahrheit wohl in der Mitte liegen.

Und haben wir vor Erreichung der heutigen raffinirten Civilisation nicht dieselben Entwicklungsphasen durchgemacht? Die Sitten unserer Ahnen werden in der Steinzeit z. B. nicht hoch über denen der heutigen Wilden in Oceanien gestanden haben.

Wir dürfen es den dortigen Vertretern des Menschengeschlechtes also keineswegs zum besonderen Vorwurfe machen, daß sie sich auch bis jetzt zu keinem höheren Standpunkte emporschwangen. Eine zusammengehörige Nation haben sie nie gebildet. In einem ungeheueren Ocean verstreut, in zahlreiche kleine Stämme zerfallen, ohne Kenntniß des Landbaues oder der Bedeutung mineralischer Bodenschätze, fast ohne Verbindung unter sich und, in Folge des Klimas, unter dem sie leben, ohne entwickelte Bedürfnisse, mußten dieselben wohl stationär bleiben, und gelangten höchstens nach wenigen Seiten hin zu einigen Anfängen von Kunst oder Industrie. Und dennoch haben ihre Stoffe, Geräthe, Canots, Netze u. A. m. oft genug die Bewunderung der Reisenden erregt.

Am 18. Mai verließen die »Nadiejeda« und die »Newa« Nuka-Hiwa wieder und segelten nach den Sandwichs-Inseln, wo Krusenstern halten wollte, um sich frischen Proviant zu verschaffen, was in Nuka-Hiwa, wo er nur sieben Schweine auftreiben konnte, nicht möglich gewesen war.

Seine Erwartungen gingen freilich nicht in Erfüllung. Die Eingebornen von Owyhee oder Hawaï führten den vor der Südwestküste der Insel aufgebraßt liegenden Schiffen nur sehr wenig Proviant zu und wollten, was sie hatten, nur gegen Tuch ausliefern, ein Tauschmittel, welches Krusenstern völlig abging. Er steuerte also unverzüglich auf Kamtschatka und Japan zu, ließ aber die »Newa« vor dem Dorfe Karakakua zurück, wo Capitän Lisianskoï sich noch verproviantiren zu können hoffte.

Am 14. Juli lief die »Nadiejeda« im Hafen von St. Peter und Paul (Petropawlowsk), der Hauptstadt von Kamtschatka, ein, wo die Mannschaft neben frischen Nahrungsmitteln endlich auch die wohlverdiente Ruhe fand. Am 30. August stachen die Russen wieder in See.

Unter fortwährenden dichten Nebeln und stürmischer Witterung suchte Krusenstern vergeblich nach einigen Inseln, welche auf einer, an Bord der von Anson weggenommenen spanischen Gallion aufgefundenen Karte verzeichnet standen, und deren Vorhandensein verschiedene Kartographen einmal bestätigten und dann wieder ableugneten, die aber z. B. in dem Reise-Atlas La Billardière's Aufnahme gefunden hatten.

Der Seefahrer passirte nachher die Van Diemens-Straße, zwischen der großen Insel Kiusiu und Tanega Sima, deren Lage bisher nur ungenau bestimmt war, und während er auch die des Liu-Kieu-Archipels berichtigte, den die Engländer nördlich von der Van Diemens-Straße, die Franzosen aber viel weiter nach Süden verlegten, nahm er das Küstengebiet der Provinz Satsuma auf und benannte dessen hervorragende Punkte.

»Der Anblick dieses Theiles von Satsuma ist wirklich entzückend, sagt Krusenstern. Da wir in geringer Entfernung längs der Küste hinsegelten, vermochten wir die pittoresken Landschaftsbilder, welche dieselbe bot, recht gut zu sehen. Je nach dem Vorschreiten des Schiffes folgten sie sich in reicher Abwechslung. Die Insel erscheint als eine Anhäufung steil aufstrebender Berggipfel, von denen einige in Form einer Pyramide, andere in der von Kuppeln oder Kugeln ausgehen, hinter denen sich ein Wall von noch höheren Bergen aufthürmt. Wenn die Natur schon diese Insel mit verschwenderischen Reizen schmückte, so hat der Fleiß der Japaner diese eher noch vermehrt. Ueberall erstaunt das Auge über die üppigsten Naturbilder. Wir hätten das wahrscheinlich weniger bemerkt, wenn sich der bearbeitete Boden nur bis in die der Küste benachbarten Thäler erstreckte; hier aber sind nicht allein die Berge bis zu ihrem Gipfel angebaut, sondern auch die Felsen am Ufer selbst erscheinen mit Feldern und Anpflanzungen bedeckt, die mit der braunen dunkleren Färbung ihrer Unterlage einen eigenthümlichen, dem Auge ungewohnten Contrast bilden. Ebenso verwunderten wir uns nicht wenig über eine Allee von großen Bäumen, die über Berge und durch Thäler über Sehweite hinaus an der Küste verlief. In gewissen Abständen enthielt dieselbe noch besondere kleine Bosquets, welche offenbar als Ruhepunkte für die Fußreisenden dienen, zu deren Frommen die ganze Anlage jedenfalls bestimmt ist. Eine derartige Vorsorge für Reisende möchte sich außer in Japan wohl schwerlich wiederfinden, denn wir sahen eine solche Allee von Nangasaki aus und eine andere noch auf der Insel Meac Sima.«

Kaum ankerte die »Nadiejeda« im Hafeneingange von Nangasaki, als auch schon mehrere »Daïmios« an Bord derselben kamen, um jedes weitere Eindringen derselben zu verbieten.

Obwohl die Russen die Politik der Isolirung kannten, welcher die japanische Regierung huldigte, so erwarteten sie doch, in Anbetracht des an Bord befindlichen Gesandten einer benachbarten, mächtigen Nation, wenigstens einen minder abstoßenden Empfang. Sie hatten wohl auch auf einige Freiheit der Bewegung gehofft, um über dieses so wenig bekannte Land weitere Auskunft zu erlangen, da das einzige Volk, welches hier Zulassung gefunden hatte, es sich zum Gesetze gemacht zu haben schien, darüber Schweigen zu beobachten.

Ihre Hoffnung aber sollte gänzlich zu Schanden werden.

Weit entfernt, dieselbe Freiheit zu genießen wie die Holländer, wurden sie während der ganzen Dauer ihres Aufenthaltes mit scharfer, fast beleidigender Aufmerksamkeit überwacht und gleich Gefangenen behandelt.

Wenn der Gesandte auch Erlaubniß erhielt, sich mit seiner bewaffneten Leibgarde an's Land zu begeben, ein Zugeständniß, welches bisher unerhört war, so durften die Matrosen sich doch nicht von dem Boote entfernen. Als man ihnen endlich zu landen gestattete, umgab man den Platz, auf dem sie sich ergehen durften, mit hohen Palissaden und ließ diesen auch noch besonders überwachen.

Ein Verbot, über Batavia nach Europa zu schreiben, ein Verbot, sich mit holländischen Kapitänen zu unterhalten, ein Verbot an den Gesandten, sein Haus nicht zu verlassen, ein Verbot … dieses Wort kennzeichnet kurz genug den wenig herzlichen Empfang seitens der Japanesen.

Krusenstern benutzte den langen Aufenthalt an diesem Platze, um sein Schiff gänzlich abzutakeln und gründlich auszubessern. Er war damit fast zu Ende, als ihm die Ankunft eines kaiserlichen Gesandten von so hoher Würde angemeldet wurde, »daß jener die Augen zu den Füßen Seiner kaiserlichen Majestät zu erheben wagen durfte«.

Dieser führte sich damit ein, daß er die Geschenke des Gesandten ausschlug, weil der Kaiser anderen Falles genöthigt wäre, eine Gesandtschaft mit Gegengeschenken abzuschicken, was der Landessitte nicht entspreche: gleichzeitig brachte er die gemessene Weisung, daß kein Schiff sich wieder in einem japanischen Hafen zeigen solle, und das für alle Russen giltige Verbot, unbedingt nichts einzukaufen; er erklärte dazu, daß alles zur Ausbesserung des Schiffes gelieferte Material, sowie die empfangenen Nahrungsmittel durch den Kaiser von Japan bezahlt werden würden. Gleichzeitig überzeugte er sich, ob die Reparaturen der »Nadiejeda« bald vollendet wären. Krusenstern verstand die hierunter versteckte Andeutung und beeilte sich, bald abzusegeln.

Einen solchen Bescheid zu erhalten, war allerdings der Mühe nicht werth gewesen, darauf vom October bis zum April zu warten. Gerade ein Hauptzweck der Regierung, den russischen Schiffen Zutritt zu japanischen Häfen zu vermitteln, war hiermit vollständig gescheitert. Diese engherzige, eifersüchtige Politik Japans diente freilich nur dazu, das Aufblühen des Landes um ein halbes Jahrhundert zu verzögern.

Am 17. April lichtete die »Nadiejeda« die Anker und begann nun eine sehr erfolgreiche hydrographische Reise. Vor Krusenstern hatte nur La Pèrouse die Meere zwischen Japan und dem Continent befahren. Der russische Seefahrer beabsichtigte denn auch, seine Untersuchungen mit denen seines Vorgängers zu verknüpfen und die Lücken auszufüllen, welche jener bezüglich der Geographie genannter Meere aus Mangel an Zeit noch übrig gelassen hatte.

»Mein Plan, sagt Krusenstern, ging dahin, die Südwest- und Nordwestküsten Japans zu untersuchen, die Lage der Straße von Sangar genau zu bestimmen – eine Straße übrigens, welcher die Karten Arrowsmith's, des »Piloten der Südsee«, und die in La Pérouse's Reise-Atlas eine Breite von hundert Meilen zutheilen, während, sie nach japanischen Angaben nur eine Meile breit sein sollte; ferner die Westküste von Jesso aufzunehmen, womöglich die Insel Karafuto wiederzufinden, welche sich nach dem Vorgang einer japanischen Karte auch auf manchen neueren Seekarten zwischen Jesso und Saghalien angezeigt findet, obgleich ich selbst an deren Vorhandensein zweifle; diese neue Meerenge zu vermessen und die Insel Saghalien vom Cap Crillon bis zur Nordwestküste aufzunehmen, von wo aus ich, falls sich ein guter Hafen finden sollte, meine Schaluppe auszusenden gedachte, um über die noch etwas problematische Fahrstraße zwischen der Tatarei und Saghalien Aufschluß zu erhalten; endlich zu versuchen, ob ich auch durch eine nördlich von der Boussolen-Straße gelegene Meerenge zwischen den Kurilen hindurchsegeln könnte.«

Dieser so vielseitige Plan gelangte durch Krusenstern wirklich ziemlich in allen Theilen zur Ausführung. Nur von der Erforschung der Westküste von Japan, der Meerenge von Sangar, sowie der schmalen Straße, in welche der Sund von Tarakaï ausmündet, mußte er absehen und die Lösung dieser wichtigen Fragen, wenn auch wider Willen, seinen Nachfolgern überlassen.

Krusenstern segelte in die Meerenge von Korea ein, constatirte in der Länge der Insel Tsus eine Differenz von sechsunddreißig Minuten zwischen seiner Messung und der La Pérouse's – eine Differenz, welche Dagelet in seinen Correctionstafeln aufgenommen hat.

Der russische Forscher stimmte dagegen mit dem französischen Seefahrer vollkommen darin überein, daß die Magnetnadel in jenen Gegenden auffallend wenig abweiche.

Da man die richtige Position der Meerenge von Sangar zwischen Jesso und Nipon noch immer nicht kannte, bemühte sich Krusenstern, diese festzustellen. Demnach maß die nördliche Mündung derselben zwischen dem Cap Sangar, unter 41º 16' 30'' nördlicher Breite und 219º 50' 30'' östlicher Länge, und dem Cap Nadiejeda, unter 41º 25' 10'' der Breite und 219º 50' 30'' der Länge, nur neun Meilen in der Breite. La Pérouse, der jene nicht selbst maß, theilt ihr dagegen, gestützt auf eine Karte des holländischen Reisenden Vries, eine solche von hundertzehn Meilen zu. Gewiß eine nicht unwichtige Berichtigung.

Krusenstern fuhr nicht in jene Straße weiter ein. Er trachtete danach, das Vorhandensein einer gewissen Insel, Karafuta, Tchoka oder Chicha nachzuweisen, welche nach einer im Jahre 1802 in Petersburg erschienenen Karte, die nach einer anderen, von dem Japaner Koday nach Rußland mitgebrachten bearbeitet war, zwischen Jesso und Saghalien liegen sollte. Er segelte also in kurzer Entfernung der Küste von Jesso hinauf, benannte deren wichtigste Punkte und verweilte einige Tage nahe der Nordspitze dieser Insel, am Eingang zu der La Pérouse-Straße.

Hier erfuhr er von den Japanern, daß Saghalien und Karafuto eine und dieselbe Insel sei.

Als er am 10. Mai an Jesso landete, erstaunte Krusenstern nicht wenig, die Vegetation noch ungemein wenig entwickelt zu finden. Die Bäume standen noch blätterlos, da und dort glänzte wohl auch gar noch eine dichte Schneedecke und der Reisende meinte, daß er bis Archangel werde hinaufsegeln müssen, um ein so strenges Klima wiederzufinden. Eine Erklärung für diese Erscheinung erhielt man erst weit später mit dem Bekanntwerden der kalten Strömung, welche, von der Behringsstraße ausgehend, längs Kamtschatka, den Kurilen und Jesso hin verläuft.

Während des kurzen Aufenthaltes, den Krusenstern hier und den er in Saghalien nahm, lernte er auch die Aïnos kennen, ein Volk, das den Japanern keineswegs ähnelt – wenigstens nicht denen, welche die Berührung mit Chinesen allmälich etwas verändert hatte – und das wahrscheinlich im Besitz von ganz Jesso war, bevor jene sich daselbst niederließen

»Ihr Wuchs, Gesichtsausdruck, ihre Sprache und Tracht, erzählt der Reisende, Alles zeugt dafür, daß sie (mit denen von Saghalien) gemeinschaftlichen Ursprung haben und nur ein einziges Volk bilden. Das erklärt auch, warum der Kapitän des Schiffes »Le Castricum«, der die La Pérouse-Straße verfehlt hatte, in Aniva und in Atkis glauben konnte, daß er sich noch auf der nämlichen Insel befände. Die Aïnos haben im Allgemeinen dieselbe Größe, welche zwischen fünf Fuß zwei Zoll und fünf Fuß vier Zoll schwankt, sie zeichnen sich durch dunkelbraunen, fast schwarzen Teint, dichten, buschigen Bart und schwarze, starre, aber schlichte und nach hinten herabhängende Haare aus. Die Frauen dieses Stammes sind häßlich, ihre Gesichtsfarbe ebenso dunkel wie die der Männer, die schwarzen Haare tragen sie über die Stirne hineingekämmt, die Lippen erscheinen blau gemalt und die Hände tättowirt, was in Verbindung mit einer meist sehr schmutzigen Kleidung ihren Liebreiz nicht besonders zu erhöhen vermag. Ich muß denselben jedoch die Anerkennung zollen, daß sie ziemlich klug und bescheiden sind. Der hervorstechendste Charakterzug ist ihre Sanftmuth; sie bekundet sich in jeder Handlung und spricht aus allen ihren Zügen. Die Kleidung der Aïnos besteht meist aus Hunde- oder Robbenfellen. Doch sah ich zuweilen Einzelne in anderer Ausstattung, mit einem weiten, über den anderen Kleidern getragenen Hemd, das sich von den »Parkis« der Kamtschadalen kaum unterscheidet. Die Bewohner von Aniva tragen durchgehends Pelzwerk; selbst ihre Stiefel waren aus Seehundsfellen hergestellt; auch die Frauen gingen in der nämlichen Kleidung.«

Nach Durchseglung der La Pérouse-Straße ankerte Krusenstern in der Bai von Aniva an der Insel Saghalien. Fische gab es hier in solcher Menge, daß zwei japanische Handelshäuser nicht weniger als vierhundert Aïnos mit dem Reinigen und Trocknen derselben beschäftigten. Man fing sie gar nicht mit Netzen, sondern schöpfte sie während der Ebbe gleich mit Eimern aus dem Wasser.

Nachdem er noch den Golf Patience untersucht, den der Holländer Vries nur zum Theile besichtigt hatte und in dessen Grunde ein Fluß ausmündet, der den Namen Newa erhielt, unterbrach Krusenstern seine Erforschung von Saghalien, um sich nach den Kurilen zu begeben, deren Lage bisher nur ungenau bestimmt war, dann kehrte er am 5. Juni 1805 nach Petropawlowsk zurück, wo er den Gesandten und dessen Gefolge an's Land setzte.

Im Juli nahm Krusenstern, der die Meerenge der Nadiejeda zwischen Matoua und Rachoua, das sind zwei zu der Kurilengruppe gehörende Inseln, durchschifft hatte, seine Untersuchung der Ostküste Saghaliens in der Nähe der Golfes Patience wieder auf. Die Umgebungen desselben mit ihren von Buschwerk und niedrigen Bäumen bedeckten Hügeln und dem dichtbewachsenen Strande boten einen sehr pittoresken Anblick. Aus dem Innern des Landes ragte eine einförmige Linie hoher Berge empor.

Der Seefahrer folgte dieser öden Küste, welche in der ganzen Länge keinen Hafen bietet, bis zu den Caps Maria und Elisabeth. Zwischen den letztgenannten schneidet eine Bucht tief in's Land, in deren Grund sich ein kleines, aus siebenunddreißig Häusern bestehendes Dorf vorfand, das einzige, welches die Russen seit ihrer Abfahrt aus der Bai Providence zu Gesicht bekommen hatten. Dasselbe war nicht von Aïnos, sondern von Tataren bewohnt, wovon man sich einige Tage später überzeugte.

Krusenstern drang nun in den Kanal ein, der Saghalien von der Tatarei scheidet; kaum fünf Meilen von dessen Eingang zeigte die Sonde aber plötzlich nur noch sechs Faden Wasser. An ein weiteres Vordringen war unter diesen Umständen nicht zu denken. Es erging also sofort der Befehl zum Gegenbrassen, während ein Boot abgesendet wurde, um die beiden Ufer zu besichtigen und die Mitte des Kanals zu untersuchen, bis dieser nur noch drei Faden Wasser zeigen würde. Dasselbe hatte gegen eine heftige Strömung zu kämpfen, welche die Fahrt sehr beschwerlich machte und deren Ursache man in dem Amurflusse vermuthete, der unweit von hier ausmündete.

Da der Gouverneur von Kamtschatka Krusenstern jedoch gewarnt hatte, sich der unter chinesischer Herrschaft stehenden Küste der Tatarei zu sehr zu nähern, um nicht das Mißtrauen jener Macht zu erwecken, konnte jener seine Untersuchung leider nicht weiter führen; er kehrte vielmehr, die Kurilen noch einmal durchschneidend, nach Petropawlowsk zurück.

Der Commandant benutzte den Aufenthalt in diesem Hafen zur nothwendigen Ausbesserung seines Schiffes und veranlaßte die Wiederherstellung der Denkmäler des Capitän Clerke, des Nachfolgers Cook's bei dessen letzter Erdumseglung, sowie Delisle's und La Croyère's, des französischen Astronomen und Begleiters Behring's im Jahre 1741.

Krusenstern erhielt auf dieser letzten Station einen eigenhändigen Brief des Kaisers von Rußland, der ihm, unter Bezeichnung seiner Anerkennung für seine Arbeiten, den St. Anna-Orden übersandte.

Am 4. October 1805 begab sich die »Nadiejeda« endlich wieder auf den Weg nach Europa und untersuchte dabei die Meerestheile, in denen nach den Karten die zweifelhaften Inseln Rica de Plata, Guadalupas, Malobrigos, St. Sebastian de Lobos und San Juan liegen sollten.

Krusenstern lief dabei die Farellon-Inseln der Anson'schen Seekarte an, welche heutzutage die Namen St. Alexander, St. Augustin und Volcanos führen und südlich von Bonin Sima liegen. Nach Durchsegelung des Kanals von Formosa landete er dann, am 21. November, im Hafen von Macao.

Hier verwunderte er sich nicht wenig, die »Newa« nicht vorzufinden, welche seiner Anordnung gemäß von Kodiak eine zum Einkaufe von chinesischen Waaren bestimmte Ladung Pelzwerk bringen sollte. Krusenstern beschloß also, das Fahrzeug abzuwarten.

Macao bot den Reisenden den Anblick einer verfallenen Größe.

»Man sieht daselbst, heißt es in dem Berichte, große Plätze, umrahmt mit prächtigen Häusern innerhalb weiter Höfe und prächtiger Gärten, die meist aber leer stehen, da sich die portugiesische Einwohnerschaft stark vermindert hat. Die Hauptgebäude sind von holländischen und englischen Logen eingenommen. Macao zählt vielleicht 15.000 Bewohner, der Mehrzahl nach Chinesen, denn auf der Straße wenigstens sieht man, außer Geistlichen und Kirchendienern, nur selten einen Europäer.«

»Wir haben mehr Priester als Soldaten!« sagte mir ein Bürger von Macao. Dieser Scherz ist buchstäblich wahr. Die Zahl der Soldaten erreicht kaum 150 Mann, darunter keinen einzigen Europäer; es sind vielmehr lauter Mestizen aus Macao und Goa; selbst europäische Officiere befinden sich nicht darunter. Es möchte wohl sehr schwierig werden, vier große Forts mit diesem schwachen Häuflein zu vertheidigen. Seine Schwäche gestattet es den von Natur unverschämten Chinesen, sich ohne Scheu Alles zu erlauben.«

Als die »Nadiejeda« schon die Anker wieder lichten wollte, erschien die »Newa«. Es war das am 3. November. Krusenstern segelte nun mit derselben nach Whampoa, wo er seine Pelzladung vortheilhaft verkaufte, freilich erst nach unzähligen Schwierigkeiten, die nur durch seine feste, aber maßvolle Haltung und durch die Fürsprache englischer Kaufleute beseitigt wurden.

Am 6. Februar 1806 lichteten die beiden Fahrzeuge wieder die Anker und passirten vereinigt die Sunda-Straße. Jenseits der Weihnachtsinseln wurden sie jedoch bei nebligem Wetter wieder getrennt und fanden sich erst am Schlusse der ganzen Fahrt wieder. Am 4. Mai ankerte die »Nadiejeda« in der Bai von St. Helena, nachdem sie von der Sunda-Straße aus sechsundfünfzig und von Macao aus neunundsiebenzig Tage unter Segel gewesen war.

»Ich kenne, sagt Krusenstern, keinen geeigneteren Halteplatz als St. Helena, um nach einer langen Fahrt einmal auszuruhen. Die Rhede ist sehr sicher und bei jedem Wetter bequemer als z. B. die Tafel- und die Simons-Bai am Cap. Wenn man sich in der Nähe des Landes hält, bietet die Einfahrt keine Schwierigkeiten; dabei ist der Weg bis in die offene See sehr kurz. Man findet hier Lebensmittel aller Art, vorzüglich ausgezeichnete Küchengewächse. In kaum drei Tagen vermag man sich mit allem Nothwendigen zu versorgen.«

Am 26. April segelte Krusenstern zwischen den Shetlands-Inseln und den Orkaden hindurch, um den Kanal (zwischen England und Frankreich) zu vermeiden, wo er in Gefahr kam, französischen Kreuzern in die Hände zu fallen, und kehrte nach glücklicher Fahrt am 7. August 1806 nach Kronstadt zurück.

Ohne sich gerade den wichtigsten Reisen, wie denen Cook's oder La Pérouse's anzureihen, entbehrt doch auch die Krusenstern's keineswegs eines gewissen Interesses. Man verdankt diesem Forscher zwar keine bedeutungsvolle neuere Entdeckung, er bestätigte und berichtigte aber doch die seiner großen Vorgänger.

Den Reisenden des 19. Jahrhunderts, welche jetzt in die Weite hinaus ziehen, bleibt ja bei dem so fortgeschrittenen Wissen unserer Tage überhaupt nur diese Rolle übrig.

Krusenstern hatte bei seiner Reise um die Erde auch den Sohn des berühmten Bühnendichters Kotzebue mit an Bord gehabt. Der junge Otto Kotzebue, damals noch Seecadett, avancirte darauf ziemlich schnell. Er war Schiffslieutenant, als ihm 1815 das Commando einer ganz neuen Brigg, der »Rurik«, anvertraut wurde, welche siebenundzwanzig Mann Besatzung nebst zwei Kanonen zählte und auf Kosten des Grafen Romanzoff ausgerüstet war. Sein Auftrag damit lautete dahin, die noch weniger bekannten Gebiete von Oceanien zu erforschen und eine Durchfahrt durch das Eismeer zu versuchen.

Kotzebue verließ den Hafen von Kronstadt am 15. Juli 1815, ankerte in Kopenhagen und in Plymouth, und segelte nach sehr beschwerlicher Fahrt am 22. Januar 1816 nach Doublirung des Cap Horn in den Pacifischen Ocean ein. Er rastete hier zuerst bei Talcahuano an der Küste von Chile, stach wieder in See, bekam die wüste Insel Salas y Gomez in Sicht und steuerte nun auf die Osterinsel zu, wo er einen ebenso freundlichen Empfang zu finden hoffte, wie seine Vorgänger Cook und La Pérouse.

Kaum hatten die Russen jedoch, inmitten einer dichten Menge von Eingebornen, die ihnen Früchte und Wurzeln anboten, den Fuß an's Land gesetzt, als sie sich mit einer solchen Frechheit bestohlen sahen, daß sie zu ihrer Vertheidigung von den Waffen Gebrauch machen und sich eiligst wieder einschiffen mußten, um dem Hagel von Steinen zu entgehen, mit dem die Wilden sie überschütteten.

Die einzige Beobachtung, welche sie während jenes kurzen Besuches machen konnten, bestand in der Wahrnehmung, daß eine große Menge jener gigantischen Steinfiguren, deren Cook und La Pérouse Erwähnung thun, jetzt größtentheils zerstört und umgestürzt worden war.

Am 16. April gelangte der russische Kapitän nach Schouten's Insel der Hunde, welche er die »Zweifelhafte Insel« nannte, um auf den Unterschied in der Breitenlage hinzudeuten, den er zwischen den Angaben früherer Seefahrer und seinen eigenen Messungen constatirte. Nach Kotzebue läge dieselbe unter 14° 15' südlicher Breite und 138° 47' westlicher Länge.

Im Laufe der nächsten Tage entdeckte er die wüste Insel Romanzoff – so genannt zu Ehren des Patrons der Expedition – ferner die Insel Spiridoff mit einer Lagune inmitten des Landes (das ist die Insel Oura vom Pomotu-Archipel) und darauf die Kette der Fliegen-Eilande und die nicht minder ausgedehnte der Krusenstern-Inseln.

Am 28. April befand sich die »Rurik« in der Nähe der für die Baumann's-Inseln angegebenen Position. Er suchte diese jedoch vergeblich. Wahrscheinlich hatte er dieselbe Gruppe schon unbewußt früher in Sicht gehabt.

Als er den gefährlichen Archipel der Pomotus verlassen, steuerte Kotzebue nach einer Inselgruppe, welche Sever im Jahre 1788 gesehen, aber nicht angelaufen hatte, und die jener damals die »Penrhyn-Inseln« taufte. Für den Mittelpunkt dieser, den Pomotu-Inseln ähnlichen, sehr niedrigen, aber bewohnten Eilande bestimmte der Seefahrer die Lage unter 9° 1' 35? südlicher Breite und 157° 44' 22? westlicher Länge.

Bei dem Erscheinen des Schiffes stieß eine beträchtliche Flottille vom Ufer ab. Die Eingebornen, welche dieselbe besetzt hatten, ruderten mit Palmenzweigen in den Händen unter abgemessenem Schlage der Pagaien heran, während eine Menge Sänger eine ernste, fast melancholische Weise anstimmten. Um sich gegen jede Ueberrumplung sicherzustellen, ließ Kotzebue alle Piroguen nur an einer Seite seines Schiffes anfahren, und mit Hilfe von Seilen entwickelte sich bald ein lebhafter Tauschhandel. Die Eingebornen hatten gegen Eisenstücke freilich nichts als Angelhaken und Perlmutter zu bieten. Sie gingen bis auf einen Schurz vollständig nackt, waren aber recht gut gebaut und von martialischem Aussehen.

Traten sie schon zuerst sehr lebhaft und geräuschvoll auf, so nahmen die Wilden nach und nach sogar eine drohende Haltung an. Sie suchten ihre Diebereien gar nicht zu verhehlen und antworteten auf deshalb erhobene Reclamationen durch ganz unzweideutige Herausforderungen. Sie schwangen z. B. die Lanzen über den Köpfen, stießen ein entsetzliches Geschrei aus und suchten sich scheinbar gegenseitig zum Angriff anzureizen.

Als Kotzebue den Augenblick gekommen glaubte, dieser feindseligen Haltung entgegenzutreten, ließ er einen blinden Schuß abgeben. Im Augenblick waren alle Canots leer; bei dem Knall des Gewehres hatten sich die Insassen der Boote auf Einen Schlag in's Wasser gestürzt. Bald sah man ihre Köpfe wieder emportauchen und sie nahmen nun, durch jenen Wink etwas zahmer gemacht, den Tauschhandel ruhiger wieder auf. Bei diesem Volke, das Kotzebue mit dem auf Nuka-Hiwa wohnenden Stamme vergleicht, schienen Nägel und Eisenstücke in hohem Werthe zu stehen. Wenn sich die Eingebornen nicht tättowirten, so trugen sie dafür am ganzen Körper breite Narben zur Schau.

Eine auffällige Gewohnheit derselben, welche man auf den oceanischen Inseln bisher noch nicht wahrgenommen hatte, bestand darin, die Nägel möglichst lang wachsen zu lassen, und die der Anführer in den Piroguen überragten die Finger manchmal um ganze drei Zoll.

Sechsunddreißig Boote mit dreihundertsechzig Mann besetzt umschwärmten jetzt das Schiff. Kotzebue sagte sich, daß eine Landung in Rücksicht auf seine schwachen Kräfte eine Unklugheit sei, und ging deshalb wieder unter Segel, ohne weitere Kunde über diese wilden und kampflustigen Insulaner einziehen zu können.

Auf dem weiteren Wege nach Kamtschatka bekam der Seefahrer zwei, durch eine Kette von Korallenriffen verbundene Inseln in Sicht. Er gab denselben die Namen Kutusoff und Suwarow, bestimmte deren Lage und nahm sich vor, dieselben wieder aufzusuchen. Die Einwohner derselben näherten sich der »Rurik« auf leicht beweglichen Piroguen, wagten aber trotz der dringlichen Einladung der Russen nicht, an Bord zu kommen. Sie betrachteten das Schiff mit großer Verwunderung, unterhielten sich mit einer Lebhaftigkeit, welche auf ihre Intelligenz zu schließen erlaubte, und warfen Pandanusfrüchte und Cocosnüsse auf das Verdeck.

Ihre schwarzen, schlichten Haare, in denen sie da und dort eine Blume angebracht hatten, die am Halse hängenden Zieraten, die Kleidung aus gewebten Stoffen, welche bis zu den Waden herabfiel, und vor Allem ihr offenes, freundliches Auftreten unterschieden diese Leute, die zu dem Marshalls-Archipel gehören, wesentlich von den Bewohnern der Penrhyn-Inseln.

Am 19. Juni lief die »Rurik« in Neu-Archangel ein und deren Mannschaft verwendete volle achtundzwanzig Tage zur Ausbesserung des Schiffes.

Am 15. Juli ging Kotzebue wieder unter Segel und landete fünf Tage später an der Behrings-Insel, deren Nordspitze zu 55º 17' 18'' nördlicher Breite und 194º 6' 37'' westlicher Länge bestimmt wurde.

Die Eingebornen, welche Kotzebue auf dieser Insel traf, trugen, gleich denen der amerikanischen Seite, Kleidung aus Robbenhaut und Seehunds-Eingeweiden. Ihre Lanzen waren mit spitzen Zähnen von Amphibien versehen. Ihre Nahrung bestand aus Walfisch- oder Robbenfleisch, das sie in Erdvertiefungen aufbewahrten. Die aus Leder bestehenden, höchst unreinlichen Hütten derselben verbreiteten einen abscheulichen Geruch von ranzigem Oel. Auch die Boote waren mit Leder überzogen, und endlich besaßen sie viele, von Hunden gezogene Schlitten.

Ihre Art, sich zu begrüßen, ist besonders merkwürdig: sie reiben sich nämlich gegenseitig mit den Nasen und darauf streicht Jeder mit der Hand am Leib herunter, als habe er einen recht schmackhaften Bissen genossen; wollen sie aber Jemand einen Beweis außerordentlicher Zuneigung geben, so spucken sie in die Hand und salben das Gesicht des Freundes mit dem Speichel ein.

An der amerikanischen Küste nach Norden weiter fahrend, gelangte der Kapitän nach der Bai Chichmareff, der Insel Saritcheff und entdeckte endlich einen tiefen Golf, von dem man bisher keine Ahnung hatte. In demselben hoffte Kotzebue einen Kanal zu finden, durch den er nach den Polarmeeren vordringen könne, doch ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Dem Golfe gab der Seefahrer seinen eigenen Namen, dem Cap am Eingange desselben aber den Krusenstern's.

In Folge der ungünstigen Jahreszeit mußte die »Rurik« am 6. September nach Onulachka zurückkehren; später hielt sie sich einige Tage in San Francisco auf und segelte dann nach den Sandwichs-Inseln, wo wichtige Messungen vorgenommen und merkwürdige Beobachtungen verschiedener Art gemacht wurden.

Von diesem Archipel aus wandte sich Kotzebue nach den von ihm einige Monate früher entdeckten Inseln Suwarow und Kutusow. Am 1. Januar 1817 bekam er die Insel Miadi in Sicht, der er den Namen die »Neujahrs-Insel« gab. Vier Tage später entdeckte er eine Reihe niedriger bewaldeter, von Korallenriffen umgebener Eilande, welche das Schiff nur mit Mühe passiren konnte.

Anfangs entflohen die Bewohner derselben, als sie des Lieutenant Schischmareff ansichtig wurden, kamen aber bald mit einem Zweige in der Hand zurück und riefen unablässig das Wort »Aidara« (Freund). Der Officier wiederholte das Wort und beschenkte sie mit einigen Nägeln, für welche die Russen die Halsbänder und Blumen, mit denen die Eingebornen Hals und Kopf geschmückt hatten, als Gegengeschenke erhielten.

Dieser Austausch von Freundlichkeiten bestimmte auch den Rest der Insulaner, sich sehen zu lassen. Während des ganzen Aufenthaltes der Russen in diesem Archipel dauerten diese guten Beziehungen und gegenseitigen Besuche fort. Einer der Eingebornen, Namens Rarik, empfing die Russen besonders herzlich und sagte ihnen, daß seine Insel, ebenso wie die ganze Kette von Eilanden und Atolls, Otdia heiße.

Um sich für den wohlwollenden Empfang seitens der Wilden erkenntlich zu beweisen, ließ Kotzebue einen Hahn und eine Henne zurück und steckte in einen Garten, den er hatte herrichten lassen, viele Sämereien verschiedener Art, in der Hoffnung, daß dieselben hier zur Reife kommen würden; er machte seine Rechnung freilich ohne die Ratten, welche auf der Insel in Schaaren hausten und seine Anpflanzungen zerstörten.

Nachdem Kotzebue durch einen Häuptling, Namens Languediak, erfahren, daß diese Inselgruppe nebst ihrer dünn gesäeten Bevölkerung nur sehr neuen Ursprungs sein könne, stach er am 6. April neuerdings in See und gab dem Archipel den Namen Romanzoff's.

Am nächsten Tage vertauschte er den Namen von fünfzehn Eilanden, auf welchen nur drei Personen angetroffen wurden, indem er sie an Stelle der früheren Bezeichnung »Eregup« die »Tschitschakoff-Eilande« taufte. Später fand Kotzebue auf den Kaven-Inseln seitens des »Tamons« oder Häuptlings einen wirklich enthusiastischen Empfang. Jedermann hier bemühte sich, die neuen Ankömmlinge zu ehren, die Einen durch ihr Schweigen – wie es z. B. die Etiquette der Könige des Landes verbot, die an sie gerichteten Fragen zu beantworten, die Anderen durch ihre Tänze, ihr Geschrei oder durch lustige Gesänge, in welchen der Name »Totabu« (Kotzebue) häufig wiederkehrte. Der Häuptling selbst, der Kotzebue in einem Canot abholte, trug diesen auf den Schultern an's Land, da man nicht bis an's Ufer fahren konnte.

An der Aur-Gruppe bemerkte der Seefahrer unter den vielen Eingebornen, welche an Bord gekommen waren, zwei Männer, deren Tättowirung und Physiognomie sie als Fremde kennzeichneten. Einer derselben, Namens Kadou, gefiel vorzüglich dem Commandanten, der ihm einige Eisenstücke schenkte. Kotzebue wunderte sich, jenen darüber nicht dieselbe Freude ausdrücken zu sehen wie seine Begleiter. Noch der nämliche Abend sollte darüber Aufklärung geben.

Als alle Eingebornen sich anschickten, die »Rurik« zu verlassen, bat Kadou inständigst, für immer dableiben zu, dürfen, so daß der Commandant, obwohl ungern, seinem Wunsche nachgeben mußte.

»Kadou wandte sich, sagt Kotzebue, zu seinen Kameraden, die ihn in ihren Piroguen erwarteten, und erklärte ihnen seine Absicht, an Bord des Schiffes zu verbleiben. Erstaunt über diesen Entschluß, suchten die Eingebornen ihn vergeblich davon abzubringen. Zuletzt trat sein Landsmann Edok noch einmal zu ihm heran, unterhandelte erst lange Zeit mit ihm in ernstem Tone und suchte ihn endlich, da er damit nichts zu erreichen schien, mit Gewalt fortzuziehen; Kadou stieß den Freund aber entschlossen zurück und die Piroguen entfernten sich langsam. Er brachte die Nacht in meiner Nähe zu, hocherfreut über die Ehre, neben dem Tamon des Schiffes zu schlafen, und gab deutlich seine Befriedigung über den gefaßten Beschluß zu erkennen.«

Geboren auf Touli, einer der Carolinen, dreihundert Meilen von der Insel, die er zuletzt bewohnte, war Kadou mit Edok und zwei anderen Landsleuten beim Fischfange von einem heftigen Sturme überfallen worden. »Acht« Monate lang irrten die Unglücklichen, ein Spiel der Winde und Strömungen, auf dem bald ruhigen, bald stürmisch erregten Meere umher. Während dieser Zeit hatte es ihnen zwar nie an Fischen gefehlt, dagegen hatten sie von Durst oft entsetzlich zu leiden. Wenn ihr Vorrath an Regenwasser, mit dem sie übrigens sehr sparsam umgingen, erschöpft war, konnten sie sich nicht anders als dadurch helfen, daß sie tief in's Meer hinabtauchten, um vom Grunde ein weniger salziges Wasser heraufzuholen, wozu sie eine ausgehöhlte und mit enger Oeffnung versehene Cocosnuß mit hinunternahmen. Endlich in Sicht der Aur-Inseln gelangt, konnte selbst der Anblick des Landes und die Aussicht auf das Ende ihrer Leiden sie kaum mehr aufrecht erhalten.

Als die Einwohner von Aur die eisernen Geräthe sahen, welche sich in der Pirogue der Fremdlinge befanden, wollten sie diese erst ermorden, um sich ihrer Schätze zu bemächtigen; der Tamon aber nahm jene unter seinen Schutz.

Seitdem waren nun drei Jahre verflossen, und die Caroliner hatten, in Folge ihrer größeren Kenntnisse, unter den Bewohnern der Insel es zu einem gewissen Ansehen und zu hervorragender Stellung gebracht.

Als die »Rurik« sich näherte, befand sich Kadou eben fern von der Küste im Walde. Sofort wurde nach ihm geschickt, denn er galt für einen großen Reisenden und konnte vielleicht sagen, welches Ungethüm auf die Insel zukomme. Kadou, der europäische Schiffe schon früher gesehen, hatte seine Freunde dann auch bestimmt, den Fremden entgegen zu fahren und sie freundlich zu empfangen.

Das waren die Abenteuer Kadou's. Er blieb auf dem Schiffe, bezeichnete auch die anderen Inseln des Archipels und erleichterte den Russen sehr wesentlich den Verkehr mit anderen Eingebornen.

Bekleidet mit einem gelben Mantel, den Kopf gleich einem Galeerensklaven mit einer rothen Mütze bedeckt, blickte Kadou nun etwas hochmüthig auf seine früheren Freunde herab und schien dieselben gar nicht mehr zu kennen. Nur bei dem Besuche eines ehrwürdigen Greises, Tigedieu mit Namen, der sich durch einen prächtigen Bart auszeichnete, verstand sich Kadou dazu, die Handhabung des Segelwerkes und überhaupt Alles, was sich auf dem Schiffe befand, zu erklären. Wie so viele Europäer ersetzte er durch sicheres Auftreten den Mangel an Wissen und war auf keine Frage um die Antwort verlegen.

Als er um Auskunft wegen eines kleinen Behälters ersucht wurde, aus dem ein Matrose etwas schwärzliches Pulver nahm und in die Nase einsog, gab Kadou sofort die ungeheuerlichsten Erzählungen darüber zum Besten und näherte den Behälter, um einen unwiderlegbaren Beweis zu liefern, auch seiner Nase. Sofort warf er denselben aber weit von sich und begann so entsetzlich zu niesen und zu schreien, daß seine Freunde entsetzt nach allen Richtungen auseinanderstoben; nach überstandener Krisis aber wußte er der fatalen Geschichte dennoch einen für ihn günstigen Anstrich zu verleihen.

Kadou lieferte Kotzebue weitere Kundschaft über die Inselgruppe, bei welcher sich die Russen, mit Aufnahmen und Messungen beschäftigt, nun schon während eines ganzen Monats aufhielten. Alle diese Inseln standen unter der Botmäßigkeit eines einzigen Tamon, Namens Lamary, und hießen bei den Eingebornen Radak. Dumont d'Urville nannte sie einige Jahre später die Marshalls-Inseln. Nach Kadou's Aussage lag westlich und parallel mit jenen eine andere Reihe von Eilanden, Atolls und Riffen, welche Ralik genannt wurden.

Kotzebue fand keine Zeit mehr, diese zu besuchen, sondern wandte sich nach Norden und erreichte am 24. April Unalachka, wo er die schweren Beschädigungen ausbessern ließ, welche die »Rurik« durch zwei heftige Stürme erlitten hatte. Als er hier einige »Baïdaren«, das sind mit Häuten bespannte Boote, und fünfzehn an die Seefahrt im Polarmeer gewöhnte Alëuten an Bord genommen, begann der Commandant die Untersuchung der Behrings-Straße von Neuem.

Kotzebue litt an heftigen Schmerzen in der Brust, seitdem er bei Umschiffung des Cap Horn durch eine gewaltige Welle umgeworfen und über Bord geschleudert worden war, was ihm ohne Zweifel das Leben gekostet hätte, wenn es ihm nicht gelungen wäre, sich an einem Seile zu halten. Sein Zustand verschlimmerte sich jedoch weiter, so daß er sich am 10. Juli, als er die Insel St. Laurent anlief, gezwungen sah, auf eine weitere Fortsetzung der Fahrt zu verzichten.

Am 1. October ging die »Rurik« noch einmal auf kurze Zeit bei den Sandwichs-Inseln vor Anker, nahm verschiedene Sämereien und Thiere ein und landete nachher unter den freudigsten Kundgebungen der Eingebornen wieder in Otdia.

Vorzüglich entzückt zeigten sie sich darüber, daß die Russen einige Katzen mitbrachten, durch die sie von der Unzahl Ratten, welche auf der Insel hausten und die Pflanzungen verheerten, befreit zu werden hofften. Gleichzeitig feierten sie die Rückkehr Kadou's, dem die Russen eine Menge Geräthe und Waffen überließen, wodurch er zum reichsten Manne des ganzen Archipels wurde.

Am 6. November verließ die »Rurik« die Radak-Inseln und blieb, nach einem kurzen Besuche des Legiep-Archipels, bis zum Ende desselben Monates bei Guaham, einer der Mariannen, liegen. Ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Manilla gab dem Commandanten Gelegenheit, vielfache Kundschaft über die Philippinen einzuziehen, worauf wir später noch zurückkommen.

Nachdem sie glücklich mehrere Stürme in der Nähe des Caps der Guten Hoffnung überstanden, warf die »Rurik« am 3. November in der Newa, gerade vor dem Palaste des Grafen Romanzoff, Anker.

Die kühnen Seefahrer hatten die drei Jahre, welche ihre Seefahrt dauerte, wohl auszunutzen gewußt. Sie waren trotz ihrer geringen Zahl und der Schwäche ihres Fahrzeuges nicht davor zurückgeschreckt, sich auf die gefährlichsten Meere, in unbekannte Archipeln, nach dem Eise des Pols und in die Gluth der Tropenzone zu wagen. Verdankte man ihnen nicht unwichtige geographische Entdeckungen, so kommt den vielen Berichtigungen früherer falscher Angaben ein noch ungleich höherer Werth zu. Zweitausendfünfhundert Pflanzenarten, darunter ein Drittel ganz neue, und vielfache Beiträge zur Kenntniß der Sprachen, der Ethnographie, der Religion und der Sitten der von ihnen besuchten Volksstämme – das verdient gewiß den Namen einer reichen Ernte, die ebenso für den Eifer, das Geschick und das Wissen des Kapitäns, wie für die Unerschrockenheit und Ausdauer der Mannschaft ein rühmliches Zeugniß ablegt.

Als die russische Regierung sich dann im Jahre 1823 entschloß, nach Kamtschatka Truppen zu senden, um dem Schleichhandel, der in ihren Besitzungen an der Nordwestküste Amerikas blühte, ein Ende zu machen, wurde das Commando der Expedition dem bewährten Kotzebue anvertraut. Man überließ ihm die Fregatte »Predpriatie« und stellte es ihm völlig frei, für die Hin- wie für die Rückfahrt denjenigen Weg einzuschlagen, der ihm zur Erreichung jenes Zweckes am geeignetsten dünkte.

Hatte Kotzebue als Seecadett früher mit Krusenstern eine Reise um die Welt gemacht, so gab ihm dieser jetzt seinen jüngsten Sohn als Begleiter mit, und Möller, der damalige Marineminister, folgte diesem Beispiele.

Die Expedition verließ Kronstadt am 15. August 1823, lief Rio de Janeiro an, segelte am 15. Januar 1824 um das Cap Horn, wandte sich nach dem Pomotu-Archipel, wobei die Insel Predpriatie entdeckt ward, lief hierauf die Inseln Oraktschejef, Romanzoff, Carlshoff und Paliser an und ging am 14. März auf der Rhede von Matavaï auf Tahiti vor Anker.

Seitdem Cook in diesem Archipel gewesen war, hatten die Sitten und Lebensgewohnheiten der Bewohner eine völlige Umgestaltung erfahren.

Schon 1799 waren auf Tahiti Missionäre eingetroffen und hatten sich daselbst zehn Jahre lang aufgehalten, ohne nur einen einzigen Eingebornen bekehren zu können, ja, man muß leider zugeben, es war ihnen nicht einmal gelungen, die Achtung der Einwohnerschaft zu erringen.

Als sie durch Unruhen, welche Tahiti zu jener Zeit erschütterten, gezwungen wurden, auf Eimeo und anderen Inseln des Archipels Zuflucht zu suchen, konnten sie sich bald besserer Erfolge rühmen. Im Jahre 1817 rief Pomare, der König von Tahiti, die Missionäre zurück, trat ihnen bei Matavaï ein Stück Land ab und bekehrte sich selbst, was viele der hervorragenden Einwohner bestimmte, seinem Beispiele zu folgen.

Kotzebue überzeugte sich zwar von dieser Umwandlung, zweifelte aber doch sehr daran, daß europäische Gewohnheiten in Tahiti festen Fuß fassen würden.

Auf den Kanonenschuß, der die Ankunft der Russen verkündete, stieß ein Boot unter tahitischer Flagge vom Ufer und ein Lootse führte die »Predpriatie« sehr geschickt nach einem sicheren Ankerplatze.

Am nächsten Tage, einem Sonntage, erstaunten die Russen über die weihevolle Ruhe, die auf der ganzen Insel herrschte. Das feierliche Schweigen wurde nur durch Loblieder und Psalmen unterbrochen, welche die Eingebornen in ihren Hütten sangen.

Die Kirche, ein einfaches, reinliches Gebäude von regelmäßiger Form und bedeckt von Rosengezweig, zu dem eine lange und breite Allee von Cocospalmen hinführte, war von einer aufmerksamen, andächtigen Menge gefüllt, die Männer auf der einen, die Frauen auf der anderen Seite, und Alle mit einem Gebetbuche in der Hand. Die Stimmen der Neubekehrten begleiteten den Gesang der Missionäre, öfter freilich mit mehr gutem Willen, als im richtigen Zusammenhang und Takt.

Machte die Frömmigkeit der Insulaner auch einen erbaulichen Eindruck, so wirkte doch das Costüm der merkwürdigen Gläubigen einigermaßen störend und zerstreuend auf den Zuschauer. Während ein schwarzer Rock oder eine englische Uniformweste die ganze Bekleidung der Einen bildete, trugen Andere wieder nur einen Brustlatz, ein Hemd oder ein paar Beinkleider. Die Reichsten unter ihnen erschienen zwar in Tuchmänteln, von dem Gebrauche von Schuhen oder Strümpfen hatten aber Alle, Reiche und Arme, als unnütz, gänzlich abgesehen.

Auch die Frauen waren nicht weniger seltsam ausstaffirt; einige von ihnen trugen ein weißes oder gestreiftes Mannshemd, andere nur ein einfaches Stück Leinen, Alle aber hatten europäische Hüte auf dem Kopfe. Wenn die Frauen der Ariis als höchsten Luxus gar ein farbiges Oberkleid anhatten, so bildete ein solches dann überhaupt das einzige Kleidungsstück.

Am folgenden Montag vollzog sich eine großartige Ceremonie. Die Regentin und die königliche Familie statteten Kotzebue ihren Besuch ab. Den hohen Persönlichkeiten ging ein Ceremonienmeister voraus, ein wahrer Narr, der nichts als eine rothe Weste trug, während die Tättowirung seiner Beine etwa eine gestreifte Hose darstellte; der Rücken desselben zeigte einen Viertelkreis mit sehr genauen Abtheilungen, und er begleitete seine Capriolen, Verrenkungen, Grimassen und Schwenkungen mit dem drolligsten Ernste.

Auf dem Arme der Regentin ruhte der kleine Pomare III. An ihrer Seite schritt die Schwester des Königs, ein hübsches Mädchen von etwa zehn Jahren. War das königliche Babi auch wie seine Angehörigen in europäischer Weise gekleidet, so fehlten ihm die Schuhe doch ebenso, wie dem Aermsten seiner Unterthanen. Auf Bitten der Minister und der Großen von Tahiti ließ ihm Kotzebue ein Paar Stiefeln anfertigen, die es bei der Krönung tragen sollte.

Was gab es da für Jubel und Vergnügen, was für begehrliche Blicke nach allen den Kleinigkeiten, die unter die Damen des Hofes vertheilt wurden! Welche Kämpfe um eine unechte Tresse, deren kleinste Stücke sich jene aus den Händen rissen.

»War es wohl eine besonders wichtige Angelegenheit, welche so viel Männer, die uns Früchte und Schweine in Ueberfluß anboten, nach dem Deck der Fregatte verlockte? O nein, das waren nur die Ehemänner der unglücklichen Tahitierinnen, welche bei der Vertheilung jener unechten goldenen Tresse nicht zugegen sein konnten, jenes Prachtstückes, das für die Naturkinder einen bedeutend größeren Werth zu haben schien als für Europäerinnen ein ganzer Diamantschmuck.«

Nach Verlauf von sechs Tagen beschloß Kotzebue, dieses merkwürdige Land, in dem Civilisation und Barbarei so friedlich neben einander bestanden, zu verlassen und nach dem, durch die Niedermetzlung der Mannschaft La Pérouse's berüchtigten Samoa-Archipel zu steuern.

Welch' ein Unterschied gegenüber den Einwohnern von Tahiti! Wild und grausam, mißtrauisch und unfreundlich, machten die Bewohner der Insel Rose sogar Miene, das Deck der »Predpriatie« zu erklettern. Als einer den entblößten Arm eines Matrosen sah, gab er durch unzweideutige Zeichen sein Verlangen zu verstehen, dieses derbe und voraussichtlich saftige Fleisch zu kosten.

Je mehr sich die Anzahl ihrer Piroguen vergrößerte, desto mehr wuchs auch die Frechheit der Eingebornen. Sie konnten zuletzt nur durch Gewalt zurückgedrängt werden, und die Fregatte setzte schleunigst ihre Fahrt fort, um sich vor den zudringlichen und unverschämten Wilden zu sichern.

An Aliolava, den Inseln Plate und Pola, welche ebenso einen Theil des Archipels der Schifferinseln bilden, fuhr Kotzebue ohne Aufenthalt vorüber und segelte nach den Radak-Inseln, wo er schon bei seiner ersten Reise einen so freundschaftlichen Empfang gefunden hatte.

Der Anblick des großen Schiffes flößte aber den Einwohnern eine solche Furcht ein, daß sie haufenweise in ihre Boote sprangen und weiter in's Innere entflohen, während am Strande nur eine gewisse Zahl zurückblieb, welche mit Palmenzweigen in den Händen den Fremden entgegen zog und sie um Frieden und Schonung bat.

Da sprang Kotzebue mit dem Arzte Escheholtz in eine Schaluppe, ruderte schnell nach dem Ufer und rief wiederholt: »Totabou aïdara« (Kotzebue, Freund!) Das verfehlte seine Wirkung nicht. Wenn die Eingebornen die Russen früher um Schonung anflehten, so stießen sie nun ein helles Freudengeschrei aus, eilten den alten Freunden entgegen und verbreiteten die Botschaft von Kotzebue's Wiederkehr schnell unter ihren Landsleuten.

Der Commandant hörte mit Vergnügen, daß Kadou noch in Aur unter dem Schutze Lamary's lebe, dessen Wohlwollen er sich durch die Abtretung der Hälfte seiner, von den Russen erhaltenen Schätze erkauft hatte.

Von den Thieren, welche Kotzebue früher auf Otdia zurückließ, lebten nur noch die inzwischen wild gewordenen Katzen, denen es aber bisher noch nicht gelungen war, die Ratten auszurotten, von denen es auf der Insel wimmelte.

Der Commandant verweilte einige Tage bei seinen Freunden, die ihn durch dramatische Vorstellungen zu ergötzen suchten, und segelte am 6. Mai nach der bei seiner ersten Fahrt nur oberflächlich untersuchten Legiep-Gruppe ab. Nachdem er die Aufnahme derselben vollendet, beabsichtigte Kotzebue, die Untersuchung der Radak-Inseln wieder aufzunehmen; die ungünstige Witterung legte dem aber so große Hindernisse in den Weg, daß er sich genöthigt sah, nach Kamtschatka abzusegeln.

Vom 7. Juni bis 20. Juli genoß die Mannschaft hier der wohlverdienten Ruhe. Dann ging er wieder in See und am 27. August vor Neu-Archangel an der amerikanischen Küste vor Anker.

Die Fregatte aber, welche die »Predpriatie« an dieser Station ablösen sollte, befand sich noch daselbst und mußte auch bis zum 1. März des folgenden Jahres dableiben. Kotzebue benutzte diese Zeit, um noch einmal den Sandwichs-Archipel zu besuchen, wo er, im December 1824, bei Waihou vor Anker ging.

Der Hafen von Rono-Rourou oder Honolulu ist der sicherste des ganzen Archipels. Hier liefen auch schon zahlreiche Schiffe ein und die Insel Waihou war auf bestem Wege, sich zur wichtigsten der ganzen Gruppe zu erheben und Hawaï oder Omyher von der früheren Stellung herabzudrücken. Die Stadt hatte schon ein halb europäisches Ansehen gewonnen; an Stelle der primitiven Hütten waren steinerne Häuser emporgewachsen: regelrecht angelegte Straßen mit Läden, Cafés, Branntweinschänken, welche von den Matrosen der Walfischfahrer und Pelzhändler stark besucht wurden, ferner ein mit Kanonen ausgerüstetes Festungswerk bezeugten die schnelle Veränderung aller Verhältnisse und Sitten der Eingebornen.

Fünfzig Jahre waren seit Entdeckung der meisten oceanischen Inseln verflossen und fast überall hatte sich, wie auf den Sandwichs-Inseln, ein schneller, auffallender Wechsel vollzogen.

»Der Pelzhandel, sagt Desborough Cooley, ein Handel, der auf der Nordwestküste Amerikas betrieben wird, hat auf dem Sandwichs-Archipel eine erstaunliche Umwandlung zuwege gebracht, da gerade diese Inseln für jene Schiffe einen willkommenen Schutz- und Ruheplatz gewähren. Die Händler pflegen hier den Winter über zu verweilen, ihre Fahrzeuge auszubessern und mit allem Nothwendigen zu versehen; mit dem Sommer kehren sie dann nach der Küste Amerikas zurück, um ihre Ladung zu vervollständigen. Für das, was sie lieferten, tauschten die Insulaner meist eiserne Geräthe, am liebsten aber Gewehre ein, und die Händler beeilten sich, ohne die mögliche Folge zu bedenken, ihren Wünschen entgegenzukommen. Feuerwaffen und Schießbedarf wurden als das beliebteste Tauschmittel in großen Mengen nach den Sandwichs-Inseln geschafft. Die Bewohner derselben wurden den Fremden auch bald gefährlich; sie bemächtigten sich mehrerer kleiner Schiffe und entwickelten eine unerwartete, anfangs mit barbarischer Wildheit gepaarte Energie, welche indeß eine vorwiegende Neigung zu socialen Verbesserungen erkennen ließ. Zu dieser Zeit trat einer jener außerordentlichen Männer auf, welche niemals fehlen, wenn sich große Ereignisse vorbereiten, und führte die von Europäern begonnene Umwälzung vollends zu Ende. Kamea Mea (Kamehameha), ein Häuptling, der sich schon bei dem letzten, unheilvollen Besuche Cook's bemerkbar gemacht hatte, riß die königliche Gewalt an sich, unterwarf die benachbarten Inseln an der Spitze einer Armee von 16.000 Mann und strebte seine Eroberungen zur Durchführung seiner weitaussehenden fortschrittlichen Pläne auszunutzen. Er kannte die Ueberlegenheit der Europäer und setzte seinen Stolz darein, es ihnen möglichst gleich zu thun. Schon im Jahre 1796 schickte der Usurpator, als Kapitän Broughton die Insel anlief, zu diesem mit der Frage, ob er einen Anspruch auf den Salut seiner Artillerie habe. Im Jahre 1817 soll er eine Armee von 7000 mit Flinten bewaffneter Soldaten besessen haben, unter denen sich mindestens fünfzig Europäer befanden. Begann Kamea Mea auch seine Laufbahn mit Blutvergießen und Usurpation, so endete er doch geliebt und bewundert von seinen Unterthanen, die ihn als überirdisches Wesen verehrten und seinen Tod mit aufrichtigeren Thränen beweinten, als vielleicht jemals auf den Sarg eines Monarchen gefallen sind.«

So war der Zustand der Dinge, als die russische Expedition vor Waihou eintraf. Der junge König Rio-Rio befand sich mit seiner Gattin in England und die Regierung der Insel wurde einstweilen von der Königin-Mutter Kaahou Manou geführt.

Kotzebue machte, da Letztere, ebenso wie der erste Minister, auf einer benachbarten Insel weilte, einer anderen Gemahlin Kamea Mea's seinen Besuch.

»Das Zimmer, sagte der Reisende, war nach europäischer Art mit Stühlen, Tischen und großen Spiegeln ausgestattet, den Fußboden bedeckten schöne Matten, auf welcher Nomo Hana, die nicht über vierzig Jahre zu zählen schien, nachlässig ausgestreckt lag; sie maß gewiß fünf Fuß acht Zoll in der Länge und mindestens vier Fuß im Umfang. Ihre schwarzen Haare waren sorgfältig auf einem wirklich ballonrunden Kopfe aufgesteckt. Ihre platte Nase und vorspringenden Lippen verliehen dem Gesichte zwar keinen besonderen Reiz, doch fehlte diesem nicht der Ausdruck wohlwollender Freundlichkeit.«

Die »gute Dame« erinnerte sich, Kotzebue vor zehn Jahren gesehen zu haben. Sie empfing ihn auch sehr zuvorkommend, konnte von ihrem Gatten aber kein Wort sprechen, ohne daß ihr die Thränen in die Augen traten – ein Schmerz, der uns wirklich vom Herzen zu kommen schien. Um den Todestag des Fürsten immer vor Augen zu haben, hatte sie sich auf ihrem Arme die einfache Inschrift: »6. Mai 1819« tättowiren lassen.

Als eifrige Christin, gleich der großen Mehrzahl der Bevölkerung, führte die Königin Kotzebue nach der Kirche, einem schmucklosen geräumigen Gebäude, ohne eine solche gedrängte Volksmenge wie in Tahiti. Noma Hana erschien recht intelligent, konnte lesen und bildete sich vorzüglich viel auf ihre Fertigkeit im Schreiben ein, dieser Kunst, »welche uns die Entfernten näher bringt«. Um dem Befehlshaber gleichzeitig mit einem Beweise ihrer Zuneigung auch einen solchen ihrer Kenntnisse zu geben, sandte sie ihm durch einen besonderen Boten eine vor mehreren Wochen von ihr vollendete Epistel.

Die anderen Damen bemühten sich, es ihr gleich zu thun, und Kotzebue sah sich bald von einer solchen Menge von Sendschreiben überfluthet, daß er, um dieser Schreibwuth ein Ziel zu setzen, sich nicht anders helfen konnte, als die Anker zu lichten und das Weite zu suchen.

Vor der Abfahrt empfing er die Königin Nomo Hana, welche in Gala erschien, noch einmal an Bord. Ihr Costüm bestand dabei aus einem prachtvollen pfirsichfarbenen Seidenkleid mit breiter schwarzer Stickerei, ein Kleid, das freilich für eine europäische Figur angefertigt sein mochte und ihr also viel zu kurz und zu eng war. So blieben z. B. nicht nur ihre Füße sichtbar, Füße, gegen welche diejenigen Karl's des Großen noch Chinesenfüßchen gewesen wären und die in ein paar tüchtigen Männerstiefeln staken, sondern zum Theile auch die braunen, dicken, nackten Beine, welche schon mehr an Balkonsäulen erinnerten. Ein Halsband von rothen und gelben Federn, eine Guirlande von natürlichen Blumen, die den Nacken umschloß, und ein mit künstlichen Blumen verzierter italienischer Strohhut vervollständigten diese kostbare und lächerliche Toilette.

Nomo Hana besah sich das Schiff, ließ sich Alles erklären und betrat zuletzt, müde von dem Anblick all' dieser Wunderdinge, das Zimmer des Befehlshabers, wo man für sie eine reich besetzte Tafel hergerichtet hatte. Die Königin sank auf ein Canapee nieder – das zierliche Möbel konnte so viele Majestät nicht vertragen und brach unter dem Gewichte einer Fürstin zusammen, deren Embonpoint gewiß nicht wenig dazu beigetragen hatte, sie zu diesem Range zu erheben.

Von dieser Station aus kehrte Kotzebue nach Neu-Archangel zurück, wo er zum 30. Juli 1825 rastete. Dann besuchte er noch einmal die Sandwichs-Inseln, kurz nachdem Admiral Byron die sterblichen Ueberreste des Königs und der Königin hierher zurückgebracht hatte. Auf dem Archipel herrschte Ruhe und Frieden, die sein Gedeihen sichtlich förderten; die Missionäre hatten an Einfluß gewonnen, so daß sogar die Erziehung des neuen kleinen Königs dem Missionär Bingham anvertraut wurde. Die Eingebornen zeigten sich tief ergriffen von den Ehren, welche England dem verstorbenen Fürstenpaare erwiesen hatte, und. der Tag schien nicht mehr fern zu sein, wo europäische Gewohnheiten gänzlich Stelle der ursprünglichen Sitten treten würden.

Nachdem er in Waihou seinen Vorrath an Proviant ergänzt, segelte der Reisende nach den Radak-Inseln, dann an den Pescadoren, welche die Nordspitze jener Reihe einnehmen, vorüber, entdeckte unfern davon die Escheholtz-Gruppe und landete am 25. October bei Guaham. Nach mehrmonatlichem Aufenthalte, während dessen er mit Eingebornen der Philippinen in vielfachem Verkehre stand und sehr werthvolles Material bezüglich der Geographie und Naturgeschichte genannter Inseln ansammelte, segelte er wieder von Manilla ab. Eben war ein neuer spanischer Statthalter mit ansehnlicher Truppenmacht daselbst eingetroffen, welche der damals herrschenden Bewegung so schnell und gründlich ein Ziel zu setzen wußte, daß die Bevölkerung den Gedanken einer Trennung von Spanien gänzlich aufgab.

Am 10. Juli 1826 traf die »Predpriatie« wieder in Kronstadt ein. Während ihrer dreijährigen Fahrt hatte sie die Nordwestküsten Amerikas, die Alëuten, Kamtschatka und das Ochotzkische Meer besucht, einen großen Theil der Radak-Inseln genau aufgenommen und verläßliche Nachrichten über die Veränderungen gesammelt, welche sich bei verschiedenen oceanischen Volksstämmen vollzogen. Der eifrigen Thätigkeit Chamisso's und des Professors Escheholtz verdankt man werthvolle Bereicherungen der Naturgeschichte, welche dieser unter Anderem in einer Beschreibung von nicht weniger als zweitausend Thieren veröffentlichte; daneben waren auch sehr merkwürdige Beobachtungen über die Korallenriffe der Südsee gemacht worden.

Die englische Regierung hatte sich das Studium des wichtigen Problems, dessen Lösung so lange auf sich warten ließ – nämlich die Auffindung einer Nordwest-Passage – sehr angelegen sein lassen. Während Parry zu Lande und Franklin zu Wasser versuchen sollten, die Behrings-Straße zu erreichen, erhielt der Kapitän Frederik William Beechey den Auftrag, durch die nämliche Straße so weit als möglich längs der Nordküste Amerikas vorzudringen, um jene Reisenden aufzunehmen, denen er, wahrscheinlich von Anstrengungen und Entbehrungen erschöpft, begegnen mußte.

Mit dem Schiffe »The Blossom«, das am 25. Mai 1825 in Spithead die Anker lichtete, lief Beechey zuerst Rio de Janeiro an, versorgte sich hier mit Vorräthen aller Art, doublirte dann das Cap Horn und fuhr am 26. September in den Stillen Ocean ein. Nach kurzem Verweilen an der Küste von Chile hatte er die Osterinsel besucht, wo er genau dieselben unliebsamen Erfahrungen machen mußte, wie Kotzebue bei seiner ersten Reise. Beim Eintreffen fand er denselben scheinbar freundlichen Empfang seitens der Eingebornen, welche schwimmend nach der »Blossom« kamen oder die armseligen Erzeugnisse ihrer Insel in Piroguen herbeischafften; dann aber, als die Engländer gelandet waren, wurden sie mit Stöcken und Steinwürfen überfallen, so daß sie sich gezwungen sahen, von den Feuerwaffen rücksichtslosen Gebrauch zu machen.

Am 4. December bekam Beechey eine mit dichter Vegetation bedeckte Insel in Sicht. Es war das ein damals viel besprochenes Eiland, weil daselbst die Nachkommen der letzten Meuterer von der »Bounty« wiedergefunden wurden, die das genannte Schiff in Folge eines Ereignisses, welches die öffentliche Meinung in England lebhaft beschäftigte, verlassen hatten.

Im Jahre 1781 war der Schiffslieutenant Bligh, einer der Officiere, die sich schon unter Cook ausgezeichnet hatten, zum Befehlshaber der »Bounty« ernannt und beauftragt worden, in Tahiti Brotfruchtbäume und andere Pflanzen einzunehmen und diese nach den Antillen, welche die Engländer gewöhnlich Westindien nannten, überzuführen. Nach Umschiffung des Cap Horn hatte Bligh an den Küsten Tasmaniens geankert und die Bai von Matavaï angelaufen, wo er ebenso wie im Namouka, einer der Tonga-Inseln, eine Ladung Brotfruchtbäume einnahm.

Bisher war seine Fahrt ohne bemerkenswerthe Zwischenfälle verlaufen und Alles sprach für eine glückliche Beendigung derselben. Der hochfahrende Charakter und das etwas rohe und despotische Auftreten des Kapitäns aber hatten diesem fast seine ganze Mannschaft verfeindet, so daß ein Complot gegen ihn angezettelt ward, das am 28. April vor Sonnenaufgang in der Gegend von Tofoua zum Ausbruche kam.

Von den Meuterern noch im Bette überrumpelt, gebunden und gefesselt, so daß er sich unmöglich vertheidigen konnte, wurde Bligh im bloßen Hemd nach dem Verdeck geschafft, dort unter dem Vorsitze des Lieutenant Fletcher Christian eine Art Gericht über ihn abgehalten und er mit achtzehn treu gebliebenen Leuten in einer Schaluppe mit nur geringem Mundvorrath einfach im Meere ausgesetzt.

Nachdem er von Hunger und Durst entsetzlich gelitten, die schrecklichsten Stürme ausgehalten hatte und dem Zahn der wilden Ureinwohner von Tofoua glücklich entgangen war, erreichte Bligh die Insel Timor, wo er wohlwollend aufgenommen wurde.

»Ich ließ die Leute an's Land gehen, sagt Bligh; einige derselben waren so von Kräften gekommen, daß sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnten; wir selbst waren wirklich nur noch sozusagen Haut und Knochen, überall mit Geschwüren bedeckt und unsere Kleidung hing nur noch in Fetzen um uns herum. Freude und Dankbarkeit gegen Gott preßten uns die Thränen aus den Augen und die Bewohner von Timor betrachteten uns schweigend mit Blicken, welche ebenso Entsetzen, wie Erstaunen und Mitleid erkennen ließen. So haben wir mit Hilfe der Vorsehung alles Mißgeschick, alle Schwierigkeiten einer höchst gefahrvollen Reise überstanden!«

Gefahrvoll war jene Reise gewiß zu nennen, denn sie dauerte nicht weniger als einundvierzig Tage, und das auf völlig unbekannten Meeren, in einem nicht einmal überdeckten Boote; mit ganz unzulänglichen Nahrungsmitteln und unter wahrhaft unerhörten Leiden und Entbehrungen wurden dabei tausendfünfhundert Meilen zurückgelegt, während die umherirrenden Unglücklichen doch nur den Verlust eines einzigen Matrosen zu beklagen hatten, der schon zu Anfang der Fahrt von Eingebornen auf Tofoua ermordet wurde.

Die Geschichte der Meuterer selbst ist höchst merkwürdig und bietet des Lehrreichen mancherlei.

Diese waren nämlich nach Tahiti gesegelt, das ihnen die günstigsten Existenzbedingungen zu bieten schien, und wo sie mehrere Leute zurückgelassen hatten, welche sich bei der Meuterei nicht thätlich betheiligten. Christian war dann wieder in See gegangen, bei welcher Fahrt ihm acht Matrosen, zehn Einwohner von Tahiti und Toubouaï und wohl ein Dutzend Tahitierinnen folgten.

Später hatte man von diesen nie wieder eine Silbe vernommen.

Die auf Tahiti Zurückgebliebenen waren 1791 durch den Kapitän der »Pandora«, Edward's mit Namen, gefangen genommen worden, den die englische Regierung zur Aufsuchung der Flüchtlinge und zu deren Zurückführung nach England ausgesendet hatte. Die »Pandora« scheiterte aber an einer Klippe in der Meerenge Entreprise, wobei vier der Empörer und fünfunddreißig Matrosen des Schiffes ihren Tod fanden. Von den zehn Mann, welche mit den Schiffbrüchigen der »Pandora« nach England zurückkamen, wurden nur drei zum Tode verurtheilt.

Nun verliefen zwanzig volle Jahre, ohne daß man über das Schicksal Christian's und der Uebrigen, die er mitgenommen, die geringste Aufklärung erhielt.

Da lief im Jahre 1808 ein amerikanisches Kauffahrteischiff Pitcairn an, um der Robbenjagd nachzugehen. Der Commandant desselben hielt die Insel für unbewohnt; zu seinem größten Erstaunen sah er aber drei junge Leute in einem Boote heranrudern, welche ganz gut englisch sprachen. Der Kapitän richtete mehrere Fragen an sie und erfuhr denn, daß ihre Väter unter dem Befehle des Lieutenants Bligh gedient hatten.

Die Irrfahrt des Letzteren war damals aller Welt bekannt und in Mußestunden auf dem Verdecke der Schiffe jeder Nation wiederholt erzählt worden. Der amerikanische Kapitän bemühte sich also, über diese eigenthümliche Thatsache Näheres zu erfahren, da sie ihm die Erinnerung an das Verschwinden der Meuterer von der »Bounty« wieder wachrief.

Beim Betreten des Landes begegnete er einem Engländer, Namens Smith, der noch selbst zur Besatzung der »Bounty« gehört hatte, und erhielt von demselben folgende Auskunft:

Als Christian von Tahiti wegfuhr, steuerte er direct nach Pitcairn, dessen isolirte Lage im Süden der Pomotu-Inseln ihm schon früher aufgefallen war und jetzt seinen Zwecken am Besten zu entsprechen schien. Nachdem Alles, was die »Bounty« enthielt, an's Land geschafft und von dem Schiffe Alles entfernt worden war, was uns vielleicht nützen konnte, verbrannte man das Fahrzeug, nicht allein um jede Spur desselben zu vertilgen, sondern um auch jeden späteren Fluchtversuch Einzelner von vornherein zu vereiteln.

Anfangs fürchtete man nach verschiedenen Anzeichen, daß die Insel bewohnt sein könne, überzeugte sich aber bald von dem Gegentheile. Man errichtete also Hütten und machte da und dort den Boden urbar. Die Engländer behandelten dabei jene Wilden, welche ihnen freiwillig gefolgt waren, nicht anders denn als Sklaven. Immerhin, vergingen zwei Jahre ohne nennenswerthe Streitigkeiten. Da schmiedeten die Eingebornen aber ein Complot gegen die Weißen, das Letzteren nur durch eine Tahitierin verrathen wurde, und zwei der Ersteren bezahlten diesen mißglückten Versuch mit dem Leben.

Weitere zwei Jahre herrschte nun Ruhe und Friede; dann aber lehnten sich die Wilden von Neuem auf und ermordeten fünf Engländer, darunter Christian selbst. Auf der anderen Seite ermordeten die Frauen, welche den Tod der Engländer betrauerten, nun die überlebenden Tahitier.

Die Entdeckung einer Pflanze, aus der sich eine Art Branntwein gewinnen ließ, veranlaßte später den Tod eines der übrig gebliebenen vier Engländer; ein zweiter wurde von seinen eigenen Gefährten ermordet, der dritte starb an einer Krankheit und ein gewisser Smith, der den Namen Adams annahm, lebte nun allein unter einer Bevölkerung von zehn Frauen und neunzehn Kindern, welche meist erst sieben bis acht Jahre zählten.

Dieser Mann, der über das geschehene Unrecht mehrfach nachgedacht, und den die Reue darüber völlig umgewandelt hatte, mußte nun die Pflichten und Obliegenheiten eines Vaters, Priesters, Beamten und Königs gleichzeitig auf sich nehmen. Durch Gerechtigkeit und Festigkeit wußte er sich auch einen allmächtigen Einfluß auf diese eigenthümliche Einwohnerschaft zu erwerben und zu erhalten.

Der sonderbare Moralprediger, der in seiner Jugend jedes Gesetz verachtet und dem nichts auf der Welt heilig gewesen, lehrte nun die Frömmigkeit, Liebe und Eintracht, stiftete gesetzliche Ehen zwischen den Kindern verschiedener Familien, und die kleine Ansiedlung gedieh vortrefflich unter der sanften und doch sicheren Führung jenes erst in späteren Tagen bekehrten Sünders.

In diesem Zustande fand Beechey die Colonie Pitcairn, als er daselbst landete. Sehr freundlich aufgenommen von einer Bevölkerung, deren Tugenden ihn an das goldene Zeitalter erinnerten, verweilte er hier achtzehn Tage lang. Das Dorf, welches die Insulaner bewohnten, bestand aus hübschen, sauberen Hütten und war von Pandanen und Cocospalmen eingefaßt; die Felder zeugten von fleißiger Cultur und die Einwohner hatten sich unter Adams' Anleitung mit wahrhaft erstaunlicher Geschicklichkeit alle nöthigen Geräthe selbst angefertigt. Meist von angenehmen, sanften Gesichtszügen, hatten diese Mestizen alle einen recht wohlgebauten Körper und strotzten von außergewöhnlicher Kraft.

Nach Pitcairn besuchte Beechey die Inseln Crescent, Gambier, Hood, Clermont-Tonnère, Serle, Withsunday, Queen Charlotte, Tchaï, der Lanciers, welche alle zum Pomotu-Archipel gehören, sowie ein Eiland, das er Byam-Martin nannte.

Hier fand der Seefahrer einen Wilden, Tou-Wari, den ein Sturm hierher verschlagen hatte. Derselbe war in Begleitung von hundertfünfzig Mann in drei Piroguen von Anaa abgefahren, um Pomare III., der eben den Thron bestiegen hatte, ehrfurchtsvoll zu begrüßen, aber durch heftige, westliche Winde weit aus seinem Kurse gedrängt worden. Nach diesen wehten wechselnde Winde, und die Mundvorräthe der Verirrten gingen bald so weit zu Ende, daß sie sich entschließen mußten, die Leichen ihrer schon gestorbenen Kameraden zu verzehren. Endlich hatte Tou-Wari die Insel Barrow in der Mitte des Gefährlichen Archipels erreicht, wo er sich, so gut es anging, mit Proviant versorgte; darauf wieder in See gegangen, war seine Pirogue doch bald in der Nähe von Byam-Martin gesunken und er genöthigt gewesen, auf diesem Eilande zu bleiben.

Beechey gab den Bitten Tou-Wari's nach und nahm diesen nebst Frau und Kindern an Bord, um Alle nach Tahiti zurückzubringen. Rein aus Zufall, wie man das sonst nur in Romanen zu lesen gewöhnt ist, hielt Beechey am nächsten Tage bei Heïou an, wo Tou-Wari seinen Bruder fand, der ihn schon seit langer Zeit für todt gehalten hatte. Nachdem sich ihre erste Ueberraschung und Erregtheit gelegt, saßen die beiden Brüder, zärtlich Hand in Hand, ernsthaft neben einander und theilten sich gegenseitig ihre Erlebnisse und Abenteuer mit.

Beechey verließ Heïou am 10. Februar, segelte an den Inseln Melville und Croker vorüber, und ankerte am 18. vor Tahiti, wo er sich neuen Proviant nur mit großer Mühe verschaffen konnte. Die Eingebornen verlangten jetzt als Zahlungsmittel gute chinesische Dollars und europäische Kleidungsstücke, woran es der »Blossom« leider vollständig mangelte.

Bei einem Besuche, den die Königin dem Kapitän abstattete, wurde Letzterer zu einer in der königlichen Wohnung in Papeïti ihm zu Ehren abzuhaltenden Abendgesellschaft eingeladen. Als die Engländer aber sich dazu einfanden, lag im Palaste Alles im tiefen Schlafe. Die Regentin hatte ihre Einladung gänzlich vergessen und sich an diesem Tage noch früher als gewöhnlich niedergelegt. Nichtsdestoweniger erhob sie sich zum Empfang der Gäste und organisirte noch, trotz ausdrücklichen Verbots der Missionäre, einige Tänze und andere Belustigungen; nur mußte es bei dem Feste ganz still zugehen, damit der Polizist, welcher am Strande auf und abwandelte, nichts davon hörte. Dieses eine Beispiel läßt erkennen, welches Maß der Freiheit der Missionär Pritchard den vornehmsten Persönlichkeiten der Insel gewährte. Wie er die große Masse des Volkes beschränken mochte, ist danach leicht zu beurtheilen.

Am 3. April besuchte auch der junge König den Commandanten, der ihm im Namen der Admiralität eine prächtige Jagdflinte zum Geschenk machte. Die Verhältnisse gestalteten sich im Ganzen recht erwünscht, wobei der Einfluß der englischen Missionäre nur gewinnen konnte, da das Officiercorps der »Blossom« sich gegen diese ebenso freundlich als zuvorkommend benahm.

Beechey segelte am 26. April von Tahiti ab und steuerte nach den Sandwichs-Inseln, wo er achtzehn Tage lang liegen blieb, und dann nach der Behrings-Straße und dem Eismeere abging. Seinen Instructionen gemäß sollte er sich längs der amerikanischen Küste halten und, soweit als die Eisverhältnisse das irgend gestatteten, an derselben vorzudringen suchen. Die »Blossom« ging dabei einmal in der Kotzebue-Bai vor Anker, fand sich hier aber nach allen Seiten in ihren Erwartungen getäuscht und konnte über Franklin und dessen Gefährten nicht das Geringste erfahren. Beechey schickte dem kühnen Reisenden von diesem Platze aus eine gedeckte Schaluppe unter Führung des Lieutenants Elson entgegen. Dieser gelangte indeß nicht über die Barrow-Spitze unter 71° 23' nördlicher Breite hinaus und mußte von da aus zur »Blossom« zurückkehren, welche das Eis ebenfalls nöthigte, am 13. October bei klarem, kaltem Wetter wieder durch die Behrings-Straße hinabzusegeln.

Um die Zeit des Winters nicht ungenützt vorübergehen zu lassen, besuchte Beechey den Hafen von San-Francisco und ankerte am 25. Januar 1827 noch einmal bei Honolulu an den Sandwichs-Inseln. Dank der geschickten und freisinnigen Politik der Regierung, blühte dieser Staat nach allen Richtungen recht erfreulich empor. Die Zahl der Häuser hatte weiter zugenommen und die Stadt selbst nahm mehr und mehr den Charakter eines civilisirten Staatswesens an; im Hafen verkehrten schon zahlreiche englische und amerikanische Schiffe; auch hatte man die Begründung einer einheimischen Marine in die Hand genommen, welche damals schon fünf Briggs und acht Schooner umfaßte. Den Ackerbau betrieb man mit regem Fleiße, Kaffee, Thee und Gewürzpflanzen bedeckten weite Felder, ebenso suchte man das in dem Archipel vorzüglich gedeihende Zuckerrohr zu verwerthen.

Nachdem die »Blossom« im April eine Zeit lang vor der Mündung des Canton-Flusses gelegen, segelte sie ab zur Erforschung des Liou-Kiou-Archipels, jener Inselreihe, welche Japan mit Formosa verbindet, und weiter nach der Bonin-Sima-Gruppe, wo der Seefahrer keine anderen Thiere als große grüne Schildkröten fand.

Noch später nahm die »Blossom« nun ihren nördlichen Kurs wieder auf; die atmosphärischen Verhältnisse erwiesen sich dieses Jahr aber noch ungünstiger, so daß das Schiff nur bis 70° 40' vordringen konnte. In dieser Höhe ließ man an der Küste nun Lebensmittel, Kleidungsstücke und Instructionen zurück für den Fall, daß es Parry oder Franklin glückte, bis hieher zu gelangen. Bis zum 6. October kreuzte Beechey noch mehrfach umher, mußte sich dann aber zu seinem Bedauern entschließen, nach England heimzukehren. Er lief dabei in den Häfen von Monterey, San Francisco, San Blas und Valparaiso an, umschiffte das Cap Horn, hielt sich kurze Zeit in Rio de Janeiro auf und traf am 21. September wohlbehalten in Spithead wieder ein.

Wir haben nun die Expedition des russischen Kapitän Lütke zu schildern, eine Fahrt, welche von großen Erfolgen begleitet war. Der hochinteressante Bericht von derselben ist gleichzeitig wirklich geistreich abgefaßt. Im Nachfolgenden fügen wir einige Auszüge aus demselben ein.

Die »Senjavine« und die »Möller« waren zwei in Rußland gebaute Gabaren (Lastschiffe), welche zwar beide das Meer sehr gut hielten, von denen das zweite Schiff aber ein sehr schwacher Segler war, so daß die beiden Fahrzeuge während der ganzen Reise fast stets getrennt operirten. Die »Senjavine« führte Lütke selbst, die »Möller« der Kapitän Staniukowisch.

Am 1. September 1828 verließen die beiden Schiffe Kronstadt und liefen Kopenhagen und Portsmouth an, wo physikalische und astronomische Instrumente eingekauft wurden. Kaum aus dem Kanal heraus, wurden dieselben getrennt. Die »Senjavine«, der wir in der Hauptsache folgen, lief Teneriffa an, wo sie das Begleitschiff zu finden hoffte.

Diese Insel war vom 4. bis 8. November von einem entsetzlichen Sturme verheert worden, wie man einen solchen seit der Besitznahme derselben noch nicht erlebt hatte. Unter demselben waren drei Fahrzeuge aus der Rhede von St. Croix gesunken, zwei andere an den Strand geworfen und zerschlagen worden. Die durch furchtbare Regengüsse geschwellten Bergströme hatten Gärten, Mauern, Gebäude und viele umfängliche Anpflanzungen zerstört, eines der Forts fast ganz demolirt, eine Menge Häuser m der Stadt unterwaschen und mehrere Straßen ganz ungangbar gemacht. Drei- bis vierhundert Einwohner fanden bei jener entsetzlichen Katastrophe einen jähen Tod, und der angerichtete Schaden wurde auf mehrere Millionen Piaster geschätzt.

Im Monate Januar hatten sich beide Schiffe m Rio de Janeiro wieder zusammengefunden und segelten vereinigt bis zum Cap Horn. Hier überfielen sie die gewöhnlichen Stürme und Nebel, wobei sie einander nochmals aus dem Gesichte verloren. Die »Senjavine« begab sich nun zuerst nach Conception.

»Am 15. März, sagt Lütke, befanden wir uns, meiner Schätzung nach, kaum acht Meilen von der nächsten Küste, konnten in Folge eines dichten Nebels aber nicht das mindeste davon wahrnehmen. Während der Nacht zerstreute sich der Nebel und der anbrechende Tag bot uns einen Anblick von wahrhaft unbeschreiblicher Großartigkeit und Schönheit. Am azurblauen Himmel, den die ersten Strahlen der Sonne vergoldeten, zeigte sich die ausgezackte Kette der Anden mit ihren spitzigen Gipfeln. Ich will nicht die Zahl Derjenigen vermehren, welche sich schon vergeblich abgemüht haben, Anderen die Gefühle, welche sie beim ersten Anblick solcher Naturbilder empfunden, zu verdeutlichen. Diese sind ebenso wenig mit Worten widerzugeben, wie die Majestät des Schauspieles selbst. Der reiche Wechsel der Farben, das Lichtspiel beim Aufgang der Sonne am Himmel selbst, wie an den Wolken, war von unnachahmlicher Schönheit. Leider währte dieses Schauspiel, wie so häufig die herrlichsten Erscheinungen in der Natur, nur sehr kurze Zeit. Je mehr die Erleuchtung der ganzen Natur zunahm, desto schneller schienen die riesenhaften Dimensionen des Bildes einzuschrumpfen, und als die Sonne über dem Horizonte stand, war die ganze zauberhafte Wirkung verschwunden.«

Die Empfindungen, welche der Anblick Conceptions bei Lütke erregte, wichen von denen seiner Vorgänger nicht unwesentlich ab. Er hatte den üppigen Reichthum der Vegetation in der Bai von Rio de Janeiro nicht vergessen, so daß ihm diese Küste dagegen ärmlich vorkam. Die Einwohner schienen ihm, so weit er darüber nach so kurzem Aufenthalte urtheilen konnte, von recht sanftem Charakter und gebildeter zu sein, als die niederen Volksclassen in manchen anderen Ländern.

Als er in Valparaiso einlief, sah Lütke noch die »Möller«, welche eben im Begriffe stand, nach Kamtschatka abzusegeln. Die Mannschaft beider Schiffe nahm hier von einander Abschied und jedes verfolgte nun seinen eigenen Weg.

Der erste Ausflug der Officiere und Naturforscher galt den berühmten »Quebradas«.

»Es sind das, sagt der Reisende, eigentlich Schluchten in den Bergen, welche sozusagen von kleinen Hütten ausgefüllt sind, in denen der größte Theil der Bewohner von Valparaiso wohnt. Die bevölkertste dieser Quebradas ist diejenige, welche von der Südostecke der Stadt emporsteigt. Der hier zu Tage liegende Granit dient als sicherer Baugrund, der die Häuschen vor den zerstörenden Wirkungen der häufigen Erdbeben schützt. Den Verkehr dieser Wohnstätten unter sich und mit der eigentlichen Stadt vermitteln schmale Fußstege ohne Stufen oder Geländer, die sich am Abhange der Felsen hinziehen, und auf welchen Kinder wie Gemsen in allen Richtungen hin- und herspringen. Nur wenige Häuser finden sich hier, und diese gehören dann Ausländern, nach welchen zwei Fußstege mit wirklichen Stufen führen; die Chilenen betrachten solche als überflüssig und ganz unnützen Luxus. Es bietet ein eigenthümliches Schauspiel, unter den Füßen eine Art Terrasse von Ziegeldächern und Palmengipfeln, und über dem Kopfe ein Amphitheater von Gärten und Thoren zu sehen.

Anfangs versuchte ich den Naturforschern zu folgen; mit denselben aber kam ich bald an eine Stelle, wo ich weder vorwärts noch rückwärts auch nur einen Schritt thun konnte, was mich veranlaßte, mit einem meiner Officiere unter den größten Beschwerden umzukehren und die Uebrigen mit dem Wunsche zurückzulassen, daß sie mit gesunden Gliedern wieder heimkommen möchten; ich selbst fürchtete wiederholt, Hals und Beine zu brechen, bevor ich wieder hinunter kam.«

Bei ihrer Zurückkunft von einer beschwerlichen Excursion, welche die Seeleute einige Meilen weit von Valparaiso unternommen hatten, verwunderten sie sich nicht wenig, als sie zu Pferde die Stadt betraten, angehalten und zum Absitzen genöthigt zu werden.

»Es war nämlich Gründonnerstag, schreibt Lütke; von diesem Tage ab bis zum Sonnabend vor Ostern ist es bei schwerer Geldbuße verboten, zu reiten, zu singen, zu tanzen, irgend ein Instrument zu spielen, ja sogar mit bedecktem Haupte einherzugehen. Alle Geschäfte, und Vergnügungen sind während dieser stillen Zeit streng verpönt. Der Hügel inmitten der Stadt wird für diese Tage in ein Golgatha umgewandelt. In einem mit Geländern umschlossenen Raume erhebt sich dann ein Kreuz mit dem Bilde Christi; neben demselben legt man viele Blumen nieder und zahllose Wachskerzen; als Zeuginnen der Leiden unseres Erlösers knieen an beiden Seilen betende Frauen. Nach diesem Orte ziehen die frommen Seelen, um durch ein lautgesprochenes Gebet ihre Sünden abzuwaschen. Ich sah hier übrigens nur Sünderinnen, aber keinen einzigen Sünder. Die meisten derselben schienen von vornherein überzeugt, daß ihnen die Gnade des Himmels zu Theil werde, denn sie hüpften spielend und lachend herbei, nahmen darauf eine zerknirschte Miene an, fielen für wenige Augenblicke auf die Kniee und setzten dann, ihr Spiel und Gelächter wieder beginnend, den Weg weiter fort.«

Ueber die Intoleranz und den Aberglauben, denen der Fremde auf Tritt und Schritt begegnet, urtheilt der Reisende recht vernünftig. Er spricht sein Bedauern darüber aus, in fortwährenden Revolutionen so viel Kräfte und Hilfsmittel vergeudet zu sehen, welche weit besser zur geistigen und materiellen Entwickelung des Volkes verwendet werden könnten.

Nach Lütke gleicht nichts einem paradiesischen Thale weniger, als gerade Valparaiso und dessen Umgebungen. Kahle, von tiefen Quebradas zerklüftete Berge, eine sandige Ebene, in der die Stadt sich erhebt, der hohe Gebirgskamm der Anden als Hintergrund, Alles das zusammen bildet wahrlich keineswegs ein Eden.

Die Spuren des schrecklichen Erdbebens von 1823 waren noch immer nicht ganz verwischt, und da und dort gewahrte man umfängliche Plätze von Trümmern bedeckt.

Am 15. April stach die »Senjavine« wieder in See und schlug den Weg nach Neu-Archangel ein, wo sie nach einer durch keinen Unfall unterbrochenen Fahrt am 24. Juni eintraf. Die Nothwendigkeit, verschiedene Reparaturen vornehmen zu lassen, welche nach zehnmonatlicher Seefahrt wohl unausbleiblich sind, und die Ausschiffung allen Materiales, das die »Senjavine« für die Compagnie an Bord führte, hielten Kapitän Lütke fünf Wochen in der Bai von Sitkha auf.

Dieser Theil der Nordwestküste Amerikas bietet einen wilden, aber pittoresken Anblick. Hohe, bis zum obersten Kamm mit einem Mantel von dichten, dunklen Wäldern bedeckte Berge bilden den Hintergrund der Landschaft. Am Eingänge der Bai erhebt sich der Edgecumbe, ein jetzt erloschener Vulcan, 2800 Fuß über das Meer. Beim Einfahren in die Bai trifft man auf ein Labyrinth von Inseln und Eilanden, hinter welchen sich mit ihrem Fort, ihren Thürmen und der Kirche die Stadt Neu-Archangel erhebt, die nur aus einer Reihe von Häusern mit Vorgärten, einem Krankenhaus und einer Werft besteht, während außerhalb der Palissaden ein ziemlich großes Dorf von Kalotchen (Indianern) liegt. Die Bevölkerung bestand jener Zeit aus Russen, Creolen, Alëuten, zusammen etwa achthundert, von denen drei Achtel im Dienste der russischen Pelzhandelsgesellschaft standen. Die Zahl der Bewohner wechselt aber sehr stark je nach den Jahreszeiten. Während des Sommers befindet sich alle Welt auf der Jagd, und ist man im Herbst kaum davon zurückgekehrt, so zieht man schon wieder zum Fischfang aus.

Neu-Archangel selbst bietet an Zerstreuungen herzlich wenig. Es ist in der That der widerwärtigste Ort, den man sich nur denken kann, ein verwahrlostes Stück Land, traurig über jeden Begriff, welches außer den drei schönen Monaten das ganze Jahr mehr dem Herbste als jeder anderen Jahreszeit gleicht. Für den Reisenden, der hier nur durchkommt, hat das gar nicht so viel zu bedeuten; der aber, welcher hier ständig wohnt, braucht wirklich einen guten Vorrath von Philosophie und Lust am Leben, um nicht Hungers zu sterben. Ein ziemlich bedeutender Handel wird theils mit Kalifornien, theils mit den Eingebornen und mit fremden Schiffen getrieben.

Die Pelze, welche die Alëuten, die Jäger der Compagnie, liefern, sind die von Ottern, Bibern, Füchsen und von »Souslies«. Daneben fangen sie Walrosse, Seehunde und Walfische, außerdem zur betreffenden Zeit Häringe, Stockfische, Lachse, Steinbutten, Aalraupen, Barsche, und sammeln »Tsouklis«, eine Muschelart, die sich auf den Königin Charlotte-Inseln findet und welche die Compagnie in Tauschgeschäften mit amerikanischen Eingebornen mit Vortheil verwendet.

Die Letzteren, wenigstens die, welche zwischen dem 46. und 60. Breitengrade wohnen, scheinen derselben Volksrace anzugehören, was aus der Aehnlichkeit ihrer äußeren Erscheinung, ihrer Gebräuche und Lebensweise, sowie aus der Übereinstimmung der Sprache hervorzugehen scheint.

Die Kalotchen von Sitkha erkennen als Stammvater ihrer Race einen Mann Namens Elkh an, der unter dem Schutze des »Raben«, der ersten Ursache aller Dinge, gelebt habe. Auffallender Weise spielen diese Vögel auch bei den Kadiaken, das sind Eskimos, eine sehr wichtige Rolle. Man findet, nach Lütke, bei den Kalotchen auch Ueberlieferungen von einer Sündfluth und einige Sagen, welche an die griechische Mythologie erinnern.

Ihre Religion ist nichts Anderes als der Schamanismus. Ein unsichtbarer Gott ist ihnen unbekannt, dagegen glauben sie an böse Geister und an Zauberer, welche in die Zukunft blicken können und Krankheiten heilen – Eigenschaften, welche nur unter diesen fortleben.

Die Seele gilt ihnen also für unsterblich; die Seelen von Häuptlingen vermengen sich aber nie mit denen von Unterthanen, und die der Sklaven bleiben auch nach dem Tode noch Sklaven. Man sieht, welche trostlose Auffassung noch herrscht.

Die Regierung ist patriarchalisch; die Eingebornen zerfallen in Einzelstämme, welche, wie das überhaupt in Amerika üblich ist, als kennzeichnenden Namen den eines Thieres führen und z. B. Wölfe, Bären, Raben, Adler und dergleichen heißen.

Die Sklaven der Kalotchen bestehen aus Kriegsgefangenen. Das Los derselben ist ein wahrhaft jämmerliches. Ihre Herren haben ihnen gegenüber das Recht über Leben und Tod. Bei gewissen Feierlichkeiten, z. B. nach dem Ableben eines Häuptlings, bringt man solche, die nichts mehr leisten können, zum Opfer, oder schenkt ihnen im Gegentheile die Freiheit. Argwöhnisch und listig, grausam und rachsüchtig von Natur, sind die Kalotchen nicht mehr und nicht weniger werth als die ihnen benachbarten Wilden. Ausdauernd und muthig, aber faul, überlassen sie alle Arbeiten im Hause den Frauen, denn es herrscht bei ihnen von jeher Vielweiberei.

Von Sitkha aus wandte sich Lütke nach Unalachka. Die Niederlassung Iloulouk ist die bedeutendste der Insel, aber nur von zwölf Russen und zehn Alëuten beiderlei Geschlechts bewohnt.

Ohne den vollständigen Mangel an Holz, der die Einwohner zwingt, Alles zu sammeln, was das Meer an die Küsten in der Nähe wirft, worunter sich freilich manchmal ganze Stämme von Cypressen, Kampherbäumen und solche von einer Baumart finden, welche einen deutlichen Rosengeruch verbreiten, würde diese Insel weit mehr für die Bequemlichkeit und Annehmlichkeit des Lebens darbieten. Sie hat Ueberfluß an herrlichen Weideplätzen. Auch betreibt man hier erfolgreiche Viehzucht.

Die Bewohner der Fuchsinseln hatten zur Zeit, als Lütke diese besuchte, zum großen Theile schon die Sitten und Kleidung der Russen angenommen. Alle waren dem Namen nach Christen. Die Alëuter sind gut, kühn, geschickt, das Meer ist ihr eigentliches Element.

Seit 1826 hatten wiederholte Aschenausbrüche auf diesen Inseln große Verheerungen angerichtet. Im Mai 1827 eröffnete sich der Vulcan Chichaldinsk einen neuen Krater und spie dann abwechselnd Rauch und Flammen aus.

Die Instructionen Lütke's schrieben ihm vor, die Insel St. Mathieu zu untersuchen, welche Cook früher Gore genannt hatte. Wenn die hydrographischen Aufnahmen dieser Oertlichkeit wider Erwarten gut gelangen, so hatten die Russen doch nicht denselben Erfolg, als sie sich über die Naturerzeugnisse der Insel näher unterrichten wollten, denn sie vermochten an keiner Stelle zu landen.

Inzwischen kam der Winter mit seinen gewöhnlichen Begleitern, den Stürmen und Nebeln, heran. An eine Rückkehr in die Behrings-Straße war unter solchen Verhältnissen gar nicht zu denken. Lütke segelte also nach Kamtschatka, wobei er noch die Behrings-Inseln anlief. Er verweilte drei Wochen in Petropawlowsk, welche Zeit zur Löschung der von ihm mitgebrachten Waaren und zur Vorbereitung auf eine Winterreise verwendet wurde.

Seinen Instructionen gemäß sollte Lütke diese Jahreszeit zu einem Besuche der Carolinen benutzen. Er beschloß also, zuerst nach der Insel Ualan zu steuern, deren Kenntniß man dem französischen Seefahrer Duperrey verdankte. Der sehr sichere Hafen erlaubte es wahrscheinlich, sich daselbst mit genauen Pendelversuchen zu beschäftigen.

Auf der Fahrt dorthin suchte Lütke vergeblich die Insel Columas unter 26° 9' der Breite und 128° westlicher Länge. Auch mit den Inseln Dexter und St. Barthelemy erging es ihm nicht besser. Dagegen fand er die Korallengruppe Brown, welche der Engländer Butler 1794 entdeckt hatte, und kam am 4. December in Sicht von Ualan.

Gleich vom ersten Augenblick an machten die guten Beziehungen zu den Eingebornen auf die Russen einen recht günstigen Eindruck. Einige in Piroguen herbeigekommene Ualanis zeigten so viel Zutrauen, daß sie sogar an Bord des Schiffes schliefen, als dieses noch unter Segel war.

Die »Senjavine« konnte nur mit Mühe in den Hafen de la Coquille einlaufen. Lütke landete an einem Eilande, Namens Matanial, und errichtete sein Observatorium an derselben Stelle wie früher Duperrey, während sich schon ein Tauschhandel mit den Eingebornen entwickelte. Die Gutmütigkeit und der friedliche Charakter der Letzteren verleugnete sich dabei keinen Augenblick. Es genügte, einen Häuptling zwei Tage als Geißel zurückzubehalten und eine Pirogue zu verbrennen, um den Diebesgelüsten einiger Einwohner ein Ziel zu setzen.

»Wir können mit Vergnügen, sagt Lütke, vor aller Welt bekennen, daß unser dreiwöchentlicher Aufenthalt in Ualan nicht allein keinen Tropfen Blut kostete, sondern daß wir auch von den guten Insulanern wieder Abschied nahmen, ohne in die Lage zu kommen, ihnen einen weiteren Begriff von der Wirkung der Feuerwaffen, als den, welchen sie schon davon hatten, zu geben, daß dieselben nur zum Schießen von Vögeln bestimmt wären. Ich weiß nicht, ob sich ein ähnliches Beispiel in den Annalen der ersten Reisen in der Südsee je wieder findet.«

Von Ualan aus suchte Lütke vergeblich die Musgrave-Inseln, welche auf Krusenstern's Karte verzeichnet stehen, entdeckte dafür aber bald eine große, von einem Riffgürtel umgebene Insel, welche Duperrey entgangen war und die den Namen Painipete oder Puinipete führt. Große, schöne Piroguen mit einer Besatzung von vierzehn Mann und kleine mit nur zwei Mann darin umringten bald das Fahrzeug. Diese Eingebornen, von wildem Aussehen, mißtrauischer Miene und stark gerötheten Augen, vollführten einen Heidenlärm, tanzten, sangen und gesticulirten auf ihren Piroguen und entschlossen sich nur schwierig, das Verdeck zu betreten.

Die »Senjavine« hielt sich in einiger Entfernung vom Lande, das man nur um den Preis eines Kampfes hätte anlaufen können, denn bei einem derartigen Versuche umringten die Eingebornen sofort die Schaluppe und zogen sich nur angesichts der unerschrockenen Haltung der Besatzung und wahrscheinlich vor dem Kanonendonner von der »Senjavine« wieder zurück.

Lütke stand nicht genug Zeit zur Verfügung, den Senjavine-Archipel, wie er seine Entdeckung nannte, gründlich zu erforschen. Auch die Nachrichten, welche er von den Bewohnern Puynipetes einzog, waren nicht besonders verläßlich, die Bevölkerung gehörte seiner Meinung nach nicht zu derselben Race wie jene von Ualan, sondern stand vielmehr den Papuas näher, denen man in einer Entfernung von nur siebenhundert Meilen zuerst in Neu-Irland begegnet.

Nachdem Lütke, ohne sie zu finden, die Insel St. Augustin gesucht, lief er die Insel Corai de Los Valientes, auch Seven-Islands genannt, an, welche der Spanier Felipe Tompson im Jahre 1773 aufgefunden hatte.

Hierauf landete der Seefahrer im Mortlock-Archipel, früher die Gruppe Lougoullos de Torres, deren Bewohner den Ualanis glichen. Er ging an der größten der dazu gehörigen Inseln, einem wahren Cocospalmen- und Brotbaumgarten, vor Anker.

Die Bewohner erfreuten sich einer gewissen Civilisation. Sie verstanden zu weben und ebenso wie die Eingebornen von Ualan und Puynipete die Fasern der Bananen und der Cocospalmen zu spinnen. Ihre Fischergeräthschaften machten ihrem Erfindungsgeiste alle Ehre, vorzüglich eine Art aus Rohr und Bambusstäben zusammengesetzter Kasten, der so eingerichtet ist, daß die Fische zwar hinein, aber nicht wieder herausgelangen können. Sie besitzen auch Netze in Form großer Quersäcke, neben Leinen und Harpunen.

Die Piroguen, auf denen sie drei Viertel ihres Lebens zubringen, scheinen ihren Bedürfnissen vorzüglich angepaßt. Die großen, deren Erbauung ihnen gewiß unendliche Mühe kosten mag, sind meist sechsundzwanzig Fuß lang, zwei ein Viertel breit und vier Fuß tief. Sie sind mit einem Ausleger versehen, dessen Querstangen eine Plattform tragen. Auf der anderen Seite befindet sich eine ähnliche Plattform von vier Fuß im Geviert und überdacht, auf welcher man die Mundvorräthe aufbewahrt. Diese Piroguen führen ein dreieckiges Segel aus Blättern der Baumwollenstaude, das an zwei Rollen befestigt ist. Um zu wenden, läßt man das Segel nieder, neigt den Mast nach dem anderen Ende der Pirogue hin, wechselt gleichzeitig die Schoten und die Pirogue bewegt sich mit dem anderen Ende vorwärts.

Lütke kam hierauf an der Namoluk-Gruppe vorbei, deren Bewohner sich von denen der Longounorien in keiner Weise unterscheiden, und zeigte die Identität der schon von Duperrey beschriebenen Insel Hogole mit Quirosa. Dann besuchte er die Namanuito-Gruppe, die erste Reihe einer Anhäufung von Inseln oder vielleicht auch einer einzigen großen Insel, welche in späterer Zeit an dieser Stelle noch auftauchen dürfte.

Da Lütke nur Schiffszwieback und verschiedene andere Artikel brauchte, die er aus Guaham oder von dort im Hafen liegenden Schiffen beziehen zu können hoffte, segelte er nach den Mariannen ab, wo er gleichzeitig Pendelversuche anstellen wollte, vorzüglich weil Freycinet früher gerade hier bemerkbare Schwankungs-Anomalien gefunden hatte.

Lütke erstaunte nicht wenig, bei seiner Ankunft auch kein einziges Zeichen von Leben zu entdecken. Auf den beiden Forts wehte keine Flagge. Ringsum herrschte das Schweigen des Todes, und ohne die Gegenwart einer im inneren Hafen ankernden Goëlette hätte man ein ganz verlassenes Land vor sich zu haben geglaubt. Auf dem Lande wohnte nur eine geringe und noch dazu halb wilde Bevölkerung, von der nicht das mindeste zu erfahren und zu erlangen war. Glücklicherweise stellte sich ein englischer Deserteur Lütke zur Verfügung und übermittelte einen Brief des Commandanten an den Gouverneur, der bald darauf eine befriedigende Antwort ertheilte.

Den Posten des Gouverneurs nahm noch derselbe Medinilla ein, dessen Gastfreundschaft schon Kotzebue und Freycinet lobend erwähnt hatten. Es gelang auch ohne Schwierigkeit, die Erlaubniß zur Errichtung eines Observatoriums am Lande zu erhalten und dahin alles Nothwendige zu schaffen. Der Aufenthalt hierselbst wurde nur durch einen den Commandanten Lütke betreffenden Unfall getrübt, indem sich jener bei Gelegenheit einer Jagd die eine Hand durch einen Schuß nicht unbedeutend verletzte.

Die Ausbesserungsarbeiten am Schiffe und die Herbeischaffung des nöthigen Holz- und Wasservorrathes verzögerten die Abfahrt der »Senjavine« bis zum 19. März. Lütke gewann dadurch Muße genug, sich von der Verläßlichkeit der Nachrichten zu überzeugen, welche Freycinet bei einem zweimonatlichen Aufenthalte im Hause des Gouverneurs zehn Jahre vorher gesammelt hatte. Seit jener Zeit waren besondere Veränderungen nicht eingetreten.

Da die geeignete Jahreszeit, wieder nach Norden zu gehen, noch nicht herangekommen war, nahm Lütke mit den Inseln du Danois die Erforschung der Carolinen wieder auf. Die Bewohner derselben schienen ihm besser gebaut als ihre westlichen Nachbarn, von denen sie sich sonst in keiner Weise unterscheiden. So wurden nach und nach die Inseln Farröilep, Oullei, Ifelouk und Fouripigze besucht; dann schlug Lütke am 7. April den Weg nach Bonin Sima ein. Er erfuhr hier, daß ihm der englische Kapitän Beechey bezüglich der Untersuchung der Gruppe schon zuvorgekommen war, weshalb er auf alle hydrographischen Aufnahmen verzichtete. Zwei zur Besatzung eines Walfischfahrers gehörige Matrosen, die hier an die Küste geworfen worden waren, wohnten noch auf Bonin Sima.

Seit dem Aufleben der Großfischerei besuchten eine Menge Walfischfahrer diesen Archipel, wo sie neben einem zu jeder Jahreszeit sicheren Hafen Wasser und Holz im Ueberfluß, während einer Jahreshälfte viel Schildkröten, Fische, vorzüglich aber auch antiscorbutische Kräuter und köstlichen Palmenkohl fanden.

»Die majestätische Höhe und kräftige Entwickelung der Bäume, sagt Lütke, die Verschiedenheit und das gleichzeitige Vorkommen tropischer Pflanzen neben solchen der gemäßigten Klimate beweist schon die Fruchtbarkeit des Bodens und die Gesundheit des Klimas. Unsere meisten Gartenpflanzen und Küchengewächse, ja, wahrscheinlich alle, würden hier ausnehmend gut gedeihen, ebenso wie Weizen, Mais und Reis; auch für die Weinrebe dürfte es kaum ein geeigneteres Klima und eine günstigere Lage geben. Hausthiere jeder Art, auch Bienen müßten sich hier schnell vermehren. Kurz, diese kahle Inselgruppe würde mit einer an Zahl geringen, aber fleißigen Colonistenbevölkerung sich bald zum Ausfuhrplatz der verschiedenartigsten Naturerzeugnisse entwickeln.«

Am 9. Juni lief die »Senjavine«, durch Windstille um volle acht Tage verzögert, in Petropawlowsk ein, wo sie durch die Nothwendigkeit, Lebensmittel einzunehmen, bis zum 26. aufgehalten wurde. Nun folgte eine ganze Reihe von Entdeckungen längs der Küsten von Kamtschatka, wie des Landes der Koriaks und der Tschuktschen, während inzwischen dreimal, an der Insel Kavaghinsk, in der Bai des St. Lorenz und dem Golf von St. Croix Rast gemacht wurde.

An dem einen dieser Haltepunkte erlebte der Befehlshaber ein seltsames, drolliges Abenteuer. Er stand mit verschiedenen Tschuktschen schon seit mehreren Tagen auf recht gutem Fuße und bemühte sich, diesen eine genauere Vorstellung von dem Wesen und den Lebensgewohnheiten der Russen beizubringen.

»Die Eingebornen, sagt er, zeigten sich freundlich und zutraulich, und bemühten sich, unsere Scherze oder etwaigen Schmeicheleien möglichst mit gleicher Münze heimzuzahlen. So klopfte ich als Zeichen der Freundschaft einem jungen kräftigen Tschuktschen leise mit der Hand auf die Wange und erhielt als Antwort eine Ohrfeige, von der ich fast umgefallen wäre. Als ich mich von meinem Erstaunen erholt, sah ich meinen Tschuktschen mit strahlendem Gesichte vor mir stehen, aus dem die Befriedigung eines Mannes, der Gelegenheit fand, seine gute Lebensart und Höflichkeit an den Tag zu legen, deutlich hervorleuchtete. Er hatte mich auch nur sanft berühren wollen, aber freilich mit einer Hand, die nur gewöhnt war, Rennthiere anzufassen.«

Die Reisenden waren auch Zeugen der Gewandtheit eines Tschuktschen, der den Chamanen oder Zauberer spielte. Dieser schlüpfte hinter einen Vorhang; bald ließ sich von da aus eine Stimme, mehr ein Geheul hören, wozu mit einem Stück Fischbein auf eine kleine Trommel geschlagen wurde. Als der Vorhang sich erhob, sah man den Zauberer hin und her schwanken und bemüht, seine Stimme ebenso wie die Schläge auf die dicht neben das Ohr gehaltene Trommel zu verstärken. Nach kurzer Zeit warf er seinen Pelz ab und kleidete sich bis zum Gürtel nackt aus, darauf ergriff er einen Stein, ließ ihn Lütke halten, nahm denselben dann zurück, und während er scheinbar nur eine Hand über die andere gleiten ließ, war der Stein verschwunden. Da wies er auf eine Anschwellung am Ellbogen und gab vor, daß der Stein sich daselbst befand; drängte jene Geschwulst dann bis nach der Seite des Körpers und nahm den Stein hier scheinbar wieder heraus, während er dem Unternehmen der Russen einen günstigen Fortgang weissagte.

Man beglückwünschte den Hexenmeister wegen seiner Geschicklichkeit und machte ihm als Dank ein Messer zum Geschenk. Er nahm dasselbe, zog die Zunge hervor und begann dieselbe abzuschneiden. Sein Mund füllte sich mit Blut … nachdem er die Zunge völlig durchschnitten, zeigte er das Stück davon in der Hand. Da fiel der Vorhang, offenbar reichte die Fertigkeit des Tausendkünstlers nicht weiter.

Unter der allgemeinen Bezeichnung Tschuktschen versteht man ein Volk, das den äußersten Nordosten von Asien bewohnt. Dasselbe gliedert sich in zwei Racen: die eine, ein Nomadenstamm, gleich den Samojeden, bilden die Renthier-Tschuktschen, die andere hat bleibende Wohnsitze, das sind die »seßhaften« Tschuktschen. Sowohl die Lebensweise, als auch der Gesichtsausdruck und selbst die Sprache weichen bei beiden von einander ab. Das Idiom der seßhaften Tschuktschen nähert sich sehr dem der Eskimos, an welche auch ihre »Baïdarken« oder Lederboote, die meisten Geräthe und die Gestalt der Hütten lebhaft erinnern.

Lütke sah nur wenige Renthier-Tschuktschen und vermag über dieselben den von seinen Vorgängern herrührenden Nachrichten nichts hinzuzufügen. Doch schien es ihm, als hätten diese mit gar zu ungünstigen Farben gemalt und die Unverträglichkeit und Wildheit der Tschuktschen ungebührlich übertrieben.

Die seßhaften Tribus, gewöhnlich auch die Namollos genannt, verbringen den Winter in einer Art Baracken, den Sommer in mit Häuten bedeckten Hütten. Letztere dienen in der Regel als Wohnung für mehrere Familien.

»Die Söhne mit ihren Frauen und die Töchter mit ihren Männern, heißt es in dem Berichte, leben hier mit ihren Eltern zusammen. Jede Familie nimmt eine, durch einen Vorhang abgegrenzte Art Kammer an der Langseite der Hütte ein. Diese Vorhänge bestehen aus Renthierhäuten, welche in Form einer Glocke zusammengenäht werden; sie hängen an den Deckbalken und reichen bis zur Erde herab. Zwei bis drei Personen, gelegentlich noch mehr, erwärmen mit Thran, den sie mit eintretender Kälte entzünden, die Luft unter diesem fast hermetisch schließenden Vorhange so weit, daß jede Bekleidung überflüssig wird; freilich gehört auch eine Tschuktschen-Lunge dazu, in dieser Atmosphäre zu athmen. In dem Vorderraum der Hütte befinden sich alle Geräthe, das Küchengeschirr, Körbe, Säcke aus Seehundfellen u. s. w. Hier steht auch der gemeinsame Herd, wenn man die Stelle so nennen darf, an der einige Weidenzweige brennen, die mit Mühe aus den Sümpfen geholt werden, und welche bei Mangel derselben Fischknochen, an denen noch etwas Fett hängt, ersetzen müssen. Auf Gerüsten aus Holz oder Fischknochen, hängt rings um die Hütte, in Stücken geschnitten, das schwarze, widerliche Seehundsfleisch zum Trocknen.

Die Lebensweise dieser Völkerschaften ist wahrhaft jämmerlich. Sie nähren sich von dem halbrohen Fleische der Robben und Walrosse, die sie jagen, oder mit dem von Walfischen, welche das Meer auf den Strand warf. Der Hund ist das einzige Hausthier, das sie besitzen; sie behandeln denselben sehr schlecht, obwohl diese armen Thiere sehr anhänglich gegenüber ihren Herren sind und diesen große Dienste leisten, indem sie entweder die Baïdarken an Zugseilen im Wasser oder die Schlitten über den Schnee ziehen.

Nach einem zweiten, fünfwöchentlichen Aufenthalt in Petropawlowsk verließ die »Senjavine« Kamtschatka am 10. November, um nach Europa zurückzukehren. Bevor er Manilla anlief, kreuzte Lütke in dem nördlichen Theile der Carolinen, dessen Untersuchung er im vorigen Winter nicht vollenden konnte. Er besuchte nach und nach die Einzelgruppen von Mourileu, Fananou, Faieou, Nomonouïto, Maghyr, Farröïlep, Ear, Mogmog und fand in Manilla die ihn erwartende Corvette »Möller«.

Der Archipel der Carolinen hat eine sehr weite Ausdehnung; selbst die Mariannen- und die Radak-Inseln könnten demselben wohl beigezählt werden, denn man trifft auf diesen ganz dieselbe Bevölkerung an. Den alten Geographen standen als Quellen nur die Karten der Missionäre zu Gebote, diese aber hatten jenen, aus Mangel an Verständniß und nothwendigen Instrumenten, um die Größe, die Lage und die gegenseitige Entfernung dieser Archipele zu bestimmen, einen weit größeren Umfang zugetheilt und den Abstand einer Insel von der andern oft auf mehrere Grade angegeben, wo er nur einige Meilen betrug.

Die Seefahrer hielten sich in Folge dessen klüglich von jenen fern. Freycinet war der Erste, der einige Ordnung in dieses Chaos brachte und, Dank seinem Zusammentreffen mit Kadou und Don Louis Torres, die neuen Entdeckungen den alten anreihen konnte. Auch Lütke trug seinen, und zwar nicht unbedeutenden Theil zur Schaffung einer richtigen, wissenschaftlichen Karte dieses Archipels bei, der lange Zeit hindurch der Schrecken der Seefahrer gewesen war.

Der russische Forscher stimmt nicht überein mit einem seiner Vorgänger, Lesson, der alle Bewohner der Carolinen unter den Namen des mongolo-pelagischen Zweiges zur mongolischen Race rechnet, er sieht diese vielmehr, mit Chamisso und Balbi als einen Nebenzweig der malayischen Familie an, welche ganz Ost-Polynesien bevölkert hat.

Wenn Lesson die Caroliner den Chinesen und Japanesen nahe stellt, so findet Lütke dagegen in ihrer Größe, den hervorspringenden Augen, den dicken Lippen und der aufgestülpten Nase eine Familienähnlichkeit mit den Bewohnern der Sandwichs- und Tonga-Inseln. Die Sprache zeigt nicht die geringste Verwandtschaft mit dem Japanischen, wohl aber viel Uebereinstimmung mit dem Idiom der Tonga-Inseln.

Während seines Aufenthaltes in Manilla war Lütke mit der Verproviantirung und Ausbesserung seiner Corvette beschäftigt, und er verließ diese spanische Besitzung am 30. Januar, um nach Rußland zurückzukehren, wo er am 6. September 1829 (eine Angabe, die mit deutschen Quellen ganz und gar nicht übereinstimmt) auf der Rhede von Kronstadt wieder vor Anker ging.

Es erübrigt noch einige Worte über die Corvette »Möller«, seit deren Trennung in Valparaiso, hinzuzufügen. Von Tahiti war dieselbe nach Kamtschatka gesteuert, hatte in Petropawlowsk einen Theil ihrer Ladung gelöscht und im August 1827 ihren Kurs nach Ounalachka eingeschlagen, wo sie einen Monat lang liegen blieb. Nach einer durch ungünstige Witterung unterbrochenen Erforschung der Westküste Amerikas und einem kürzeren Aufenthalte in Honolulu, im Februar 1828, hatte sie die Insel Möller entdeckt, die Inseln Necker, Gardner und Lissiansky angelaufen und sechs Meilen südlich von dieser ein sehr gefährliches Riff aufgefunden.

Die Corvette war dann längs der Inseln Kur und Basse, der Riffe Maras, de la Perle und Hermes hingesegelt und nach Aufsuchung verschiedener anderer auf der Karte Arrowsmith's verzeichneter Inseln nach Kamtschatka zurückgekehrt. Anfangs April war sie nach Ounalachka gegangen und hatte die Nordküste der Halbinsel Alaska untersucht. Im September traf die »Möller« dann wieder mit der »Senjavine« zusammen und trennte sich von ihr bis zum Eintreffen in Rußland nur zuweilen auf ganz kurze Zeit.

Aus dem vorstehenden eingehenden Bericht ergiebt sich schon, daß diese Expedition sehr wichtige Ergebnisse zur Förderung der Geographie lieferte. Aber auch die anderen Zweige der Naturwissenschaften, die Physik und die Astronomie, verdankten ihr zahlreiche und bemerkenswerthe Bereicherungen.



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