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Beichten

Übersetzt von Johannes Schlaf

Erster Teil


1

»Kurze Notizen über mein Leben« sollen es sein. »Notizen« macht sich wohl noch einigermaßen bescheiden, aber »über mein Leben« klingt schon ein bißchen stark. Na, macht nichts! Also schlichtweg und ohne viel großen Apparat, so knapp wie möglich in Auswahl, hübsch beschnitten, vielleicht auch ein bißchen um die Sache 'rum? – hier!

Geboren 1844 in Metz, in einer Straße, die Haute-Pierre heißt, Nr. 2, gegenüber der Beflissenheitsanstalt für die künftigen Offiziere des Genie- und Artilleriewesens. Erinnerung an eine kleine Schule, die ich bis zum Buchstabieren (dies einschließlich) besuchte. In irgendeiner Bärenstraße. Bei einem zimperlichen Fräulein. Alles was ich von ihr und meinen Studien bei ihr noch weiß. Vom ersten Stockwerk, wo wir wohnten, sah ich alle Morgen zu Pferd, mehr oder weniger fest im Sattel, die lange Reihe der Artillerieschulzöglinge vorbeikommen; an bestimmten Tagen auch die Unterleutnants der beiden technischen Waffen; und Gott weiß, wie mein kleines, militärbegeistertes Herz pochte und hinter ihnen her galoppierte! Mein Vater war Hauptmann beim Genie, und bei meinen Eltern machten oft, an den wöchentlichen Whist- und Teeabenden, die es gab, in Gestalt der Offiziere des Regimentes und in den Unterhaltungen die militärischen Angelegenheiten ihre Runde.

Wie stolz war ich auf Vaters schöne Uniform! Der Rock mit der samtenen Brust vorn und den beiden spanischen und französischen Dekorationen, Algier und Trokadero; der zweispitzige Hut mit dem dreifarbigen Federbusch des Adjutantendienste leistenden Hauptmanns; der Degen, das gutsitzende, blaue Beinkleid mit seinen roten und schwarzen Streifen und der Strippe unten! Und wie stolz war ich auf seinen hohen Wuchs, den es heut »gar nicht mehr gibt«, und seine aufrechte Haltung, sein martialisches, zugleich freundliches Gesicht, in das dennoch die Gewohnheit zu befehlen einen Zug von Autorität gelegt hatte, der mir Eindruck machte und mir gut tat, denn ich war, wenn man mir meine Eulenspiegeleien zu sehr nachsah, ein schlimmer kleiner Teufel.

Meine arme Mutter wußte ein gehöriges Lied davon zu singen, wie selbst ihre unendliche Güte sich meinen allzu argen Streichen gegenüber erschöpfte. Später, sehr viel später, als ich herangewachsen war – wozu? –, in die Jahre gekommen war – warum? –, pflegte sie, wenn ich frühreifes Bürschchen doch gar zu sehr über die Stränge schlug, am Schluß der Auftritte, die wir miteinander hatten, obgleich sie wußte, daß es nichts verschlug, mir anzudrohen: »Wart nur, du wirsts noch so weit treiben, daß ich eines Tages auf und davon gehe und du mich nie wieder zu sehen kriegst!« Ach, sie durfte diese Worte nicht wahrmachen. Beweis: sie starb an einer Erkältung, die ihr die Pflege der Krankheit zuzog, an der ich noch jetzt leide. Ach wie oft – fast immer – träume ich dies von ihr: Wir zanken miteinander, ich fühle, daß ich unrecht habe, ich wills ihr gestehen, sie um Verzeihung bitten; tief zerknirscht, sie in Betrübnis zu sehen, will ich ihr zu Füßen stürzen, ihr in Zukunft all meine Liebe schenken … Ach, sie ist dahin! Und mein Traum verliert sich in die wachsende Pein einer unermeßlichen fruchtlosen Sehnsucht. Wenn ich erwache, o Freude! hat meine Mutter mich nicht verlassen, das alles ist nicht wahr, aber – ewig furchtbarer Schlag! – dann komm ich zur Besinnung: Meine Mutter ist ja tot, und das ist wahr! Man darf daraus nicht schließen, daß ich ein mißratenes oder bösartiges Kind gewesen wäre. Ich hatte sehr oft meine Augenblicke, wo ich sehr artig war, und man kann sich davon überzeugen, wenn man einen Blick auf mein Bildnis aus meinem vierten Jahre tut, dessen Original gegenwärtig mein Freund Raymond de la Tailhède besitzt, der es von dem tief betrauerten Jules Tellier empfing, dem ichs gegeben hatte. Es stellt mich dar in einem Rüschenkäppchen mit einem blau und weißen Rausch. (Mein Vorname Marie hatte mich der heiligen Jungfrau geweiht, die sich ihres Patenkindes in den Jahren 1873–74 erinnert hat, als ich, aus wie aufrichtigem Herzen! meine »Sagesse« schrieb.) Man kann mich auf diesem, nebenbei sehr reizenden Wasserfarbenbildchen noch sehr gut erkennen. Ich habe hier die blauen Augen, die nachher, wenn ich so sagen soll, grau wurden, und einen Mund mit hervorstehender Oberlippe und einem durchaus naiven und guten Ausdruck. Habe ich mich seither wirklich so ganz verändert? Ins Häßliche, ja; ob aber wirklich zum Schlechten? Ich glaube, nein.

Außer meinen Eltern hatte ich eine acht Jahre ältere Cousine, eine Waise aus der mütterlichen Verwandtschaft, die Mutter und Vater aufgenommen hatten und wie ihre eigene Tochter erzogen. Ich war ihr stets mit brüderlicher Liebe zugetan, und sie liebte mich zärtlich. Arme, liebe Cousine Elise! Sie bedeutete so recht alle Annehmlichkeit meiner Kindheit und teilte und leitete auf lange hin ihre Spiele; im Anfang war sie wohl manchmal auch selber noch ein Kind, so ein bißchen die unschuldige Genossin der Streiche, oder eigentlich wohl die Eingeberin der knabenhaften Späßchen, die meinem damaligen Wesen entsprachen. Meine gröberen Vergehungen verschwieg, meine kleinen Vorzüge übertrieb sie, zankte mich mitunter in anmutiger Weise auch aus. Als sie an Jahren gereifter war, waren es gute Ratschläge, auch Beispiele der Unterwerfung, der Nachgiebigkeit und Zuvorkommenheit, die sie mir gab und die ich mehr oder weniger nutzte – und sie war eine kleine Mutter neben der großen, nicht zwar eine mildere, teurere, aber mir viel nähere Autorität. Als sie sich verheiratete – ach! um wenige Jahre darauf zu sterben –, dauerte unsere gegenseitige Neigung in gleicher, oder soll ich sagen: noch lebhafterer Weise weiter, blieb sie auch die Teilnehmerin meiner damaligen Streiche, war sie es, die mich mit dem nötigen Geld für die Veröffentlichung meines ersten Buches versah, der »Poèmes Saturniens«, die ja deutlich den phantastischen und etwas menschenscheuen Menschen verraten, der ich damals war.

Zur Zeit meiner frühesten Jugend, zu der ich nach diesem Abstecher in die Zukunft zurückgreife, wechselten die Regimenter häufig ihre Garnisonen. Das meines Vaters mußte Metz nicht sehr lange nach meiner Geburt verlassen und kam nach Montpellier. Von diesem Aufenthalt habe ich eine ganz besondere Erinnerung an die sehr prächtigen religiösen Prozessionen, bei denen junge Leute der Stadt in Mönchsgewändern von verschiedenen Farben, die meisten in weißen, über den Kopf gezogenen Kutten mit drei Löchern zum Sehen und Atemholen, in Reih und Glied einherschritten, die mich einigermaßen erschreckten. Es waren »Büßer«, wie man sie nannte und sie noch heute nennt, ich aber nannte sie »die Gespenster«!

In dem Hause, wo wir wohnten, waren zwei alte Mädchen, Spielzeughändlerinnen, denen meine Bonne mich anvertraute, wenn meine Eltern abends ausgingen. Natürlich war ihre Bude für mich das Paradies! Noch hab ich die herrlichen Harlekine vor Augen, die mich so erfreuten wie erschreckten, und all die Tambours, und die zahllosen Trompeten und kleinen Wagen, und die Eimerchen und Schippchen, Löcher in den Sand zu schaufeln, und die Schachteln mit den Landschaften, die Bleisoldaten drin aufzustellen, die so groß waren wie die Bäume mit ihrem Hobelspanlaub und kleiner wie die Nürnberger Lämmchen und sogenannten Schäfer, und wer weiß was sonst noch alles für Wunderdinge! Eines Winterabends aber, als ich auf dem Schoße der einen dieser Damen eben im Begriff war einzuschlafen, entzückte es mich, durch meine schweren Augenlider, durch die ich kaleidoskopartig all die schönen Sachen wahrnahm, unter dem halboffenen Deckel das Wasser eines Kochtopfes sieden zu sehen und es in meinem traumhaften Halbschlummer hinein singen zu hören, und da hatte ich den – mir ist als wärs erst gestern gewesen, und so fühl ich mich in jenen Augenblick versetzt, daß es mir ist, als hätt ich den Einfall erst jetzt eben gehabt –: hatte ich den Einfall, meine rechte Hand in das schöne, silbrig wallende Wasser zu tauchen, das so schöne Musik machte. Das Ergebnis war, wie man sich denken kann, eine fürchterliche Brandwunde, dank deren ich für lange Zeit den einen Arm nicht gebrauchen konnte, so daß ich noch heutigentages mit beiden Händen gleich geschickt, also, wie ich glaube, ein sogenannter Linker bin.

Und der Peyrou! Wie war es heiß unter seinen schwarzen Bäumen, an seinen mauerdicken Hecken hin! Über und über mit vermanschter Erde besudelt und halb erstickt von meinem Umherlaufen in den Alleen mit ihren feuchten Schatten und ihren wimmelnden Sonnenbalken kam ich von dort heim.

Mein größtes Abenteuer in Montpellier war aber das mit dem Skorpion. Pierre-et-Paul, einer von den Biographen, die für Vanier, den Herausgeber der »Männer von heute«, ihre Feder regen, hat es mit einem gewissen Stich ins Heroische hinein erzählt. Aber hier der wahre Sachverhalt: Man hatte mir ein Glas Zuckerwasser bereitet, das ich eben trinken wollte, als ich, während ich, um den Zucker zum Schmelzen zu bringen, mit dem Löffelchen quirlte, zwischen den schäumenden, auf und nieder sich bewegenden Luftblasen ein verdächtiges Ding bemerkte. Dies Etwas war ein Skorpion der zartesten, bis zum Unsichtbaren durchsichtigen Art, eine Miniaturkrabbe, deren Bewegungen in der des Wassers fast aufgingen. Unbewußter Plagiator des kleinen Victor Hugo, der es ausrief, als er sein neugeborenes Brüderchen sah, schrie ich: »Tierchen!«, und das unheilvolle kleine Scheusal fand den Tod, nicht indem ich es verschlang, wie der ungenaue Anekdotenerzähler des Quai Saint-Michel will, sondern indem es sofort ins Feuer geworfen wurde.

2

Es stand geschrieben, daß ich mit dem, was – ich weiß freilich nicht, ob ich mich so ausdrücken darf? – die »Fauna« betraf, in Montpellier kein Glück haben sollte; denn als ich kurz nach meinem obgemeldeten Abenteuer mit dem Skorpion erkrankt war, mußte ich mich der Applikation eines Blutegels unterziehen, der den Eifer und die Liebe zum Metier so weit trieb, daß, nachdem meine Bonne, anstatt den normalen Fortschritt der Operation zu überwachen und den gierigen Blutsauger zur rechten Zeit zu entfernen, eingeschlafen war, meine Mutter, als sie, von einem Ausgang zurück, um mal nachzusehen, in das Zimmer eintrat, wo ich gebettet lag, mein Bettchen ganz rot von Blut und mich in bewußtlosem Zustand fand. Ich entzog, oder vielmehr man entzog mich noch dem schlimmsten Ausgang, aber ich darf wohl meine blasse Gesichtsfarbe und die außerordentliche Bleichheit meiner Haut überhaupt auf diesen zwar kleinen, aber ernstlichen Unfall meiner zarten Kindheit zurückführen.

Damit wären, wenn ich mich recht entsinne, meine Unglücksfälle bezüglich der Tierwelt von da unten erschöpft; wenn ich aber zu dieser feindlichen Menagerie noch jenes von Boileau gefeierte Insekt hinzurechne, so glaub ich sagen zu dürfen:

»Liebhaber laß ich tausend, Neider meines Geschicks.« (Heißts nicht so? Ich denke, ich habe richtig zitiert.) Die gute Stadt wimmelt oder wimmelte, wenigstens damals, von ihnen bis zu einem Grade, daß die Einwohner mit Bezug auf sie sogar gewisse Koseworte hatten. Wie oft hab ich die braven Eingeborenen diese hurtigen und nur allzu hurtigen Tierchen die »Mimichens« nennen hören! Übrigens hatten da – ob diese Gewohnheit noch immer existiert? – z.B. die Markthökerinnen ein besonderes typisches Mittel, sich ihrer zu entledigen. Jede hatte ein Stück Flanell im Hinterhalt, das sie »die Pistole« nannten, und wenn sie sich durch das zudringliche Biestchen gar zu arg gepeinigt fühlten, griffen sie schnell zu ihrem Geschoß, und bauz! auf den Arm, bauz! gegen den Hals, bauz! unter den Rock, trafen sie den Feind, hielten ihn in dem wolligen Stoff fest, und, knick knack! ein Druck des Fingernagels, und es war um das arme »Mimichen« geschehen, und man wartete die weiteren ab.

»Wie du wehrst dich ihrer Stiche,
Ist ein Götterspaß!
Was für Fallen, welche Schliche!
Gern, du, seh ich das.«

Ich sah Cette, Nîmes, oder vielmehr: ich kam dorthin, denn ich bewahre keine Erinnerung an diese Städte, außer von der letzteren die an den Schall der Flintenschüsse im Bürgerkrieg zwischen den Protestanten und Katholiken und an die Angst, die Mutter und ich ausstanden – meine Cousine war in Metz geblieben und war dort bei den Damen von Sainte-Chrétienne in Pension –; denn mein Vater war einem Truppendetachement zugeteilt, das von Montpellier aus dorthin befehligt worden war, die Ruhe wiederherzustellen, und die Mutter hatte ihn begleiten wollen.

Es gab auch schon eine, wenngleich noch sehr primitive Eisenbahn, an die ich mich ganz unbestimmt noch erinnern kann, wenn ich meine Gedanken darauf richte, besonders wie mir ein ganz neuer Strohhut zum Türschlag hinausflog, als ich mich in der Richtung gegen den Wind vorgebeugt hatte. Von dem wahrscheinlich sehr großen Eindruck, den ich von diesem so ganz neuen Schauspiel erfuhr, von einem solchen noch nie erfahrenen Erlebnis, eine Lokomotive in Tätigkeit, einen Zug sich in Bewegung setzen zu sehen, ist mir rein nichts in der Erinnerung geblieben. Ein Kind hat noch so wenig gesehen, so wenig erfahren, daß es kaum einen Vergleich anstellen und sein Erstaunen notwendigerweise nur ein ganz schwaches sein kann, wenn man überhaupt von einem reden darf. Eines Tages sah in England ein kleiner Junge, ungefähr in dem Alter, in welchem ich in dieser Periode meiner »Notizen« stand, zum erstenmal einen Schneefall und schien in eine tiefe Aufmerksamkeit versunken. Das ereignete sich in einem Erdgeschoß, und schon war der Hof vor dem Fenster, von dem aus mein junger Freund das Wetter beobachtete, ganz weiß. Eine Magd öffnete später die Tür, die auf den Hof hinausführte, und wollte hinausgehen, als Master Georgie sich in seiner Betrachtung, die vielleicht schon so eine Art von Nachdenken bedeutete, unterbrach und ihr sogleich zurief: »Mind the salt!« (»Achte auf das Salz!«)

Aber ich will Montpellier nicht mit so unbestimmten Eindrücken verlassen. Mein Gedächtnis bietet mir ein wichtigeres Bild, an welchem ihr teilhaben sollt, bevor ich einen zweifellos endgültigen Abschied von dieser Gegend nehme, wohin ich niemals zurückgekehrt bin und wohin ich doch wohl höchstwahrscheinlich aus meinem künftig leidlich seßhaften und notgedrungenen Pariser Hundeleben nie zurückkehren werde.

Während unseres Aufenthaltes in Montpellier spielte sich auch Achtundvierzig ab, und ich wohnte, was sag ich! wohne noch heutigestags all diesen Ereignissen bei, die diesmal im klarsten Licht vor mir stehen, obgleich seitdem sechsundvierzig Jahre hingegangen sind: der Ausrufung der Republik oder vielmehr der feierlichen Begehung dieser hohen Formalität. Ich vierjähriger Bursche stak im nobelsten Feiertagsanzug: gestickter Kragen, gleichfalls gesticktes Kniehöschen, eine Mütze mit einer zur Seite lang herabhängenden Quaste (im übrigen gut eingemummelt, denn der Februar kann in diesem Süden, der nichts Unwandelbares hat als seine vielgerühmte Sonne, recht rauhe Seiten zeigen), und befand mich auf der Estrade der Place d'Armes, wo die Damen der Verwaltung und der Armee gleichsam den Frühling ihrer Toiletten entfalteten: Federn, Blumen, Hauben, Volants, Lorgnetten, Fächer, Schärpen, Schals; der Präfekt aber ganz in Silber und der Kommissar der stellvertretenden Regierung mit einer Weste etwas à la Robespierre, alle beide breit mit der Trikolore umgürtet, hielten eine feierliche Ansprache an die Truppen der Garnison, die sogleich unter klingender Musik, welche die Marseillaise aufspielte, defilierten, während mit feierlicher Miene tausend und aber tausend gehörig nach Knoblauch duftende Kehlen dazu sangen. So vollzog sich meine erste Bekanntschaft mit der Nationalhymne und der »endgültigen Form unserer Demokratie«, wie die beiden obgedachten offiziellen Bürger soeben gesagt hatten.

Zurück nach Metz. Ich kann – gleichfalls zum letzten Male – von dieser Stadt, wohin ich gleichfalls all die Zeit her nicht mehr zurückgekehrt bin, wohin ich wohl auch niemals zurückkehren werde, ich kann also von meiner Vaterstadt nicht ohne eine begreifliche Gemütsbewegung sprechen; denn gewiß, ich habe anfänglich dort nur wenige Jahre gelebt, aber schließlich war es doch hier, wo sich mir Geist und Sinne für dieses Leben auftaten, das für mich, alles in allem, ein so interessantes werden sollte! Und dann: ist sie es nicht, diese edle, unglückliche Stadt, die so glorreich und tragisch, so kläglich tragisch, nach welchen ewig ruhmwürdigen Kämpfen! einzig durch Verrat, einen Verrat, wie ihn die Geschichte nie gesehen hat, in die Hand des Erbfeindes fallen sollte? So daß ich mich, um Franzose zu bleiben, mit achtundzwanzig Jahren, nachdem ich alle meine bürgerlichen und sozialen Pflichten in Frankreich und als Franzose erfüllt und, ohne daß mich dazu etwas anderes (der weitere Fortgang dieser »Notizen« wird es zeigen) angespornt hätte als die Vaterlandsliebe, sobald der Krieg da war, nach meinem besten Vermögen an der nationalen Verteidigung mich beteiligt hatte –: 1872 für London entscheiden mußte, wohin mich die Folgen des sozialen Krieges nach dem Bürgerkrieg und dem mit den Fremden verschlagen hatten, zugunsten meiner Nationalität – meiner Geburt!

... Wahrhaftig, es gibt so Schicksale! Auch mein Vater, der als Sechzehnjähriger freiwillig (er war nicht ausgehoben worden) in den Dienst bei den Armeen Napoleons I. eingetreten war, der die Feldzüge von 1814 und 1815 mitgemacht, hatte sich nach dem 18. Juni des letztgenannten Jahres verpflichtet gefühlt, um bei unseren Fahnen weiterdienen zu können, unter dem Vorwand, daß er, ein Franzose, in diesem Wälderbezirk geboren war, welchen mit Gewalt, und was für einer! die infolge des Triumphes der »Heiligen Allianz« verhängten Verträge dem Stegreifkönigreich der Niederlande hinzugefügt hatten und der heute einen Teil der Provinz des belgischen Luxemburg ist, für dieses zu entscheiden.

Ein geistvoller Mann hat den Ausspruch getan, in einem Stalle geboren zu sein, genüge noch nicht, ein Pferd zu sein. Ich möchte das Wort für einen »Fremden« gebrauchen, der dank des Zufalls eines vorübergehenden Aufenthaltes oder einer besonderen Mission seiner Eltern in dem oder dem Lande das Tageslicht erblickt. Das war nicht mein Fall, und darum ist diese vorhin von mir berührte Empfindung bei mir eine so starke, und sie erwacht immer wieder in mir, wenn man, mitunter nur zu leichtfertig, von diesem Elsaß-Lothringen spricht, das man (schon!) recht vergessen zu haben oder in manchen Kreisen als eine Kleinigkeit zu behandeln scheint. Über Lyon und Chalons, also Rhone und Saone, kehrten wir nach Metz zurück. – Von diesen beiden Flüssen bewahrt meine Erinnerung an jene Zeit nichts Besonderes (die Saone, die mir im Vorüber ihres Lamartine wegen einen großen Eindruck gemacht hat, habe ich neuerdings wiedergesehen), außer daß das Wasser um die Räder des Dampfbootes sehr hoch ging und ich davon zu meiner, doch von einer gewissen Furcht gewürzten, großen Belustigung oft bespritzt wurde. Wir übernachteten in Lyon in einem am Kai gelegenen Hotel, und beim Erwachen sah ich von meinem Bett aus sich an den zurückgerafften feinen Fenstergardinen hin ein langes, schwarzes Segelschiff bewegen …

3

Zurück also nach Metz, wohin das Regiment meines Vaters von neuem befehligt worden war.

Einiges aus meiner ersten Kindheit in Metz hab ich bereits geschildert. Das, was ich zu erzählen unterlassen habe, bietet weiter nichts Besonderes: es ist der erste Augenaufschlag des Daseins, der Geburt vielmehr, eines Kleinchens, das ein bißchen zunimmt. »Der Kleine«, so nannte man mich im Hause und fuhr noch lange fort mich so zu nennen, selbst als ich bereits zu einem großen Kerl in die Höhe geschossen war, den dies Wort schon aufbrachte, so süß es heute meinen alten verwaisten Ohren deucht, die es nur noch im Traum hören, manchmal in einem Traum mit nur zu trübseligem Erwachen!

Dieser Kleine, der ich war, und der nicht gerade so besonders, kaum in genügender Weise, an Sittsamkeit zunahm, erwachte dennoch für die Dinge seiner Umgebung. Namentlich hatte ich frühreife Augen: alles nahm ich auf, nichts, was ich sah, entging mir, ich war auf einer beständigen Jagd nach Gestalten, Farben, Schatten. Der Tag bezauberte mich, und obgleich ich mich im Finstern fürchtete, war die Nacht für mich anziehend, und eine Neugier trieb mich, in ihr ich weiß nicht was alles für Schattierungen von Weiß und Grau zu suchen. Zweifellos war es diese Anlage, der ich es, wenn davon die Rede sein kann, verdanke, daß ich eine außerordentlich frühreife und ausgeprägte Lust daran hatte, jeden Fetzen Papier, der mir in die Hände geriet, mit Tinte, Bleistift und aufgelöstem Karminlack, Preußisch-Blau und Gummigutt zu beschmieren, was man ja für gewöhnlich Anlage zur Malerei heißt. Ich zeichnete fallsüchtige Biedermänner, die ich in wilde Farbengluten setzte. Hauptsächlich waren sie Soldaten, deren Anatomie aus Achten bestand, die auf Elfen aufgesetzt waren; außerdem Damen mit großen Falbeln, die durch unzusammenhängende Schnörkel dargestellt wurden, das Ganze in Erscheinung ohne einen weiteren Zweck, als recht knallig da zu sein. Alles mit ein paar Feder-, Bleistift-, Pinselzügen hingesetzt. Sehr oft wurde der Finger benutzt, um die »Entwürfe«, mit denen ich nicht zufrieden war, erbarmungslos auszuwischen, wenn es nicht gar die Zunge war, welche die Exekution vollzog. Von diesen »Versuchen« habe ich die Manie behalten, die Ränder meiner Manuskripte und die Bogen meiner vertrauten Briefe mit unförmigen Zeichnungen zu beschmieren, die verwerfliche Schmeichler drollig zu finden vorgeben. Oder hätt ich vielleicht doch, an Stelle des Poeten, der ich bin, ein großer Maler werden können? Das Institut an Stelle des Hospitals, ein Hotel auf den Champs-Elysées nebst Zubehör für das Mietszimmer mit seinem Drum und Dran, einen Orden im linken Knopfloch anstatt der Kreuzbürde auf beiden Schultern! Da sieht man freilich, was es heißt, seinen wahren Beruf verfehlt zu haben.

Denn Beruf zur Poesie? Ich glaube nicht, daß ich ihn damals auch nur im geringsten besaß. Ich war das am praktischsten veranlagte Geschöpf meines Schlages, gefräßig nicht zu sehr, hinreichend faul, ausbündig spiellustig, und wenn ich den Tag über nicht zu viel umhergesprungen war und zu viel geschwatzt hatte, hatt ich einen guten Schlaf. Niemals in meinem Leben bin ich melancholisch gewesen. Ich war für gewöhnlich nicht gerade schweigsam veranlagt, noch ging ich übers Normale aus mir hinaus in illo tempore, kurz, ein vollkommener kleiner Bürger, ein ausgemacht »Balancierter«. Man ändert sich!

Muß aber trotzdem als eines der Symptome, die ein Psycholog in dieser Beziehung entdecken möchte, eine Neigung zur Verliebtheit angeführt werden, die mir seit damals eignete? Ich glaube nein; denn der Dichter, selbst im trivialsten Sinne des Wortes, braucht diese Neigung keineswegs zu haben. Seine Leier weist nicht umsonst sieben Saiten auf. Ohne also aus dem Charakter der kleinen, durchaus verbürgten Idylle, die jetzt folgen soll, auch nur den geringsten Schluß zu ziehen, will ich sie euch, bloß aus dem Vergnügen, mirs wieder heraufzubeschwören und um euch etwa dafür zu interessieren, Zug für Zug berichten. Es ist nicht die einzige »Liebesgeschichte«, welche diese »Beichten« (da man meine schlichten »Notizen« schon mal mit einem so gewaltigen Titel aufgestutzt hat!) enthalten möchten; man wird in ihnen, zu meiner Beschämung, noch von mancher anderen, und wie sehr andersgearteten! lesen. Aber diese hat wenigstens den Vorzug, daß sie unschuldig ist wie je eine ihresgleichen.

Metz besaß und muß noch heute eine sehr schöne Promenade besitzen, die die »Esplanade« heißt und terrassenförmig am Fuß fruchtbarer Rebenhügel auf die breit und klar hingezogene Mosel hinausblickt, um einen der angenehmsten Ausblicke zu bieten. Zur Rechten dieser Landschaft zeichnet im Stadthintergrunde in angenehm panoramischem Abstande die Kathedrale ihre gezackte Architektur in den Himmel. Bei hereinbrechender Nacht kommen ganze Wolken von Raben, um mit – darf man sagen: freudigem? – Gekrächz in den zahllosen Türmchen und Zapfen, die in den violetten Himmel hineinragen, ihre Rast zu suchen. Inmitten der Promenade erhob sich und muß sich noch heute eine zierliche, für die Donnerstags nachmittag und Sonntags nach dem Nachmittagsgottesdienst stattfindenden Militärkonzerte bestimmte Estrade erheben. »Ganz Metz«, soweit es promenierte oder sonst unbeschäftigt war, gab sich an diesen Tagen und zu diesen Stunden hier sein Stelldichein. Toiletten, würdevolle und nachlässige Grüße, Unterhaltungen, wohl auch Liebeleien, Fächerspiel, geschwungene, damals viereckige Eingläser, oder die schon erwähnten Lorgnetten mit Perlmutter- oder Schildpattgriff, diese Lorgnetten, die neuerdings mit manch anderer vergangenen Mode wieder aufkommen wollen: all diese Dinge erregten meine jungenhafte, ja manchmal sogar im stillen boshafte Aufmerksamkeit im höchsten Grade, und mehr als einmal entfuhren mir rangenhafte Bemerkungen über die etwas abgetragenen Handschuhe von Madame Soundso oder über das zu kurze oder zu enge Nankingbeinkleid von Herrn Dingsda, während meine jugendliche Leidenschaft für die Musik sich an den Tanzweisen von Pilodo oder den Klarinettensoli oder dem Potpourri aus der letzten komischen Oper von Auber oder Grisar berauschte …

Es traf sich aber, daß sich unter den zahlreichen Kindern, welche die verheirateten Mitglieder der Gesellschaft mit dorthin brachten, das jüngste Töchterchen des Herrn Obergerichtspräsidenten, wenn es nicht das des Herrn Prokurators der Republik war, befand, der L... hieß, während die kleine Dame sich Mathilde nannte. Sie mochte acht Jahre zählen, ich näherte mich meinem siebenten. Sie besaß nicht jene Anmut, die man von den Mädelchen in diesem Alter verlangt. Sehr lebhaft blond, bis zum Roten, ließen ihre in geringelten Locken herabhängenden Haare über ihr lebhaftes Gesicht mit seinen goldbraunen Augen und seinen über und über sommersprossengesprenkelten Teint und über ihre wahrhaft feurige Physiognomie, wie mir schien (denn so empfand, vielmehr lebt ichs), gleitende Funken gehen. Dicke, gesundfarbene Lippen hatte sie mit einem gutherzigen Ausdruck, und beim Schreiten ein plötzliches Hüpfen, ein beständiges Vorwärtsdrängen. Das alles ergriff mich, ging mir zu Herzen, soll ich sagen: schon an die Sinne? Sofort hatten wir Freundschaft geschlossen. Was hatten wir uns weiter zu sagen? Ich weiß nicht, aber Tatsache ist, daß wir immer miteinander plauderten, wenn wir nicht spielten, was oft der Fall war. Wenn einer von uns noch nicht da war (denn wie ich gestehen darf, gefiel ich ihr wahrhaftig ebensosehr wie sie mir), was gabs da für ein Aufpassen, für eine Ungeduld, und welche Freude, wie eilte das eine auf das andere zu, und wie viel gute, herzhafte, schallende und immer von neuem wiederholte Küsse drückten wir uns auf die Wangen! Manchmal gabs auch Vorwürfe wegen des zu langen Ausbleibens, Auftrittchen, wohl gar einen Schatten von Eifersucht, wenn ein Junge oder ein Mädchen sich in unser Spiel mischte oder von der einen oder der anderen Seite her eine zu freundliche Aufnahme fand. Unsere so unverhohlene Freundschaft wurde bemerkt und fand Beachtung; sie machte viel Spaß, bei anderen und besonders bei den Offizieren, die einen beträchtlichen Bestand dieses Konzertpublikums ausmachten. »Paul und Virginie« sagten die höheren Offiziere und Hauptleute, die noch ganz und gar klassisch geblieben waren, während die Leutnants und Unterleutnants, mehr in der Literatur beschlagen und von lebhafterem Gefühl, auf »Daphnis und Chloë« anspielten. Nicht als der letzte vergnügte sich sogar der Oberst meines Vaters, der spätere Marschall Niel, an dieser jugendlichen Flamme; unsere Eltern aber, die nichts weiter dabei sahen als die purste Naivität und Arglosigkeit, ließen solche artigen Beziehungen gern zu.

... Meine Gnädige, von der ich seit so lange nichts, noch nicht einmal den wirklichen Namen mehr weiß: wenn Ihnen jemals diese Zeilen zu Gesicht kommen, so werden Sie, falls ich versichert sein darf, daß Ihnen mein Name nicht etwa noch fremder als es mir der Ihres Herrn Vaters ist, nicht wahr, ein ebenso nachsichtiges Lächeln haben, wie die Zeugen der unschuldigen Neigung unserer Kindheit und wie diese noch ganz lebendigen, noch immer in dem Hauch ihrer Unschuld stehenden und plötzlich mit all ihrem staunenden, erlesenen Reiz aufblühenden Erinnerungen es dem Dichter aufdrängen, der, ach! wohl möchte, er hätte nichts als ähnliche liebliche und lautere Dinge zu erzählen.

4

Was noch weiter von Metz? Meiner Treu, schließlich viel. Mein Vater kam um seine Entlassung ein, und ungeachtet eines sehr schmeichelhaften Briefes von Oberst Niel bestand er auf ihr, worauf die Abreise der Familie nach Paris beschlossen wurde. Wir landeten alle drei in einem möblierten Zimmer der Rue Petites-Ecuries, um hier die Expedierung des in Metz zurückgebliebenen sehr beträchtlichen Mobiliars abzuwarten. Die Droschkenfahrt vom Bahnhof des Ostens aus, der sich ungefähr so ausnahm wie auch gegenwärtig noch: gegenüber, meiner Treu, anstatt der gegenwärtigen, langen, weiten Fernsicht, eine hinreichend schmutzige Schau auf aussätzige Häuser und weite, abscheuliche Straßen, die sich bis zur Seine hin fortsetzten, und jenseits ein Wirrsal von entsetzlich zusammengedrängten Straßen, was alles auf mich einen wahrhaft grämlichen Eindruck machte. Auf mich, der ich mir ein Paris ganz aus Gold und Perlen vorgestellt, der sich ein Bagdad und Visapur draus gemacht hatte, wie gewiß selbst diese Städte es niemals gewesen waren, denn das Spiel der kindlichen Einbildungskraft kennt wie der Wahnsinn keine Schranken. Ich, der ich aus einer schwunglos schönen, und was die Viertel, die mir bekannt sein konnten, anbetraf, augenfällig regelmäßig gebauten Stadt herkam, mußte jetzt dies Gewirr von himmelhohen Häusern erblicken mit ihren plumpen, schmutzig-grauen Fensterläden auf den getünchten Fassaden, über die der Regen den Staub mit grünlichen Flecken auf dem gelben Anstrich hingespült hatte. Die Scheiben des engen »Armensarges« Die Mietskutsche ist gemeint, in der er fährt., der nach schmierigem Stoff und schimmligem Heu roch, klirrten rauh, und die Räder hopsten auf diesem groben, unregelmäßigen Pflaster, das gewohnt war, zu den Barrikaden der vielen Revolten aufgehäuft zu werden, anstatt sich zu der ebenmäßigen Fläche von Brücken und Landstraßen zu ordnen. Auf das bitterste enttäuscht fing ich an zu weinen, und da ich, wie ich glaube, jetzt, wo man mir versichert hatte, daß ich in das Alter der Selbstbeherrschung eingetreten sei, doch nicht mehr so harmlos war wie früher, da nahm ichs, als ich gefragt wurde, vielleicht auch aus einem gewissen Schamgefühl (denn Paris garstig finden, pfui, Mosjö, wie tölpelhaft ist das von einem großen Jungen!), mit der Selbstbeherrschung genau und antwortete: daß ich Zahnschmerzen hätte, – was vielleicht auch wirklich der Fall war, da ich mein siebentes Jahr überschritten hatte und in der Periode stand, wo man die Milchzähne verliert und einem andere wachsen. Aber in Wahrheit war der Grund, daß der erste Eindruck, den ich von Paris empfing, ein so schmutziger und garstiger, der Tag ein so trüber, und der Ruch, der in seiner Atmosphäre webte, für meine an die kräftigen, klaren Nordwinde des Lothringer Ostens und die gesunden Luftströmungen einer mit der Regelmäßigkeit eines Schachbrettes gebauten Stadt gewöhnte Nase ein so flauer war!

Ich muß aber zugeben, daß mich der nächste Tag für die Enttäuschungen, die mich bei der ersten Ankunft so jäh überwältigt hatten, entschädigte. Die wahrlich eindrucksvolle Promenade über die Boulevards, von der Porte Saint-Denis oder Porte Saint-Martin – man entschuldige, es sind dreiundvierzig Jahre seither hingegangen – bis zur Madeleine. Nur wenig haben einige Verschönerungen das Gepräge des so durchaus abwechslungsreichen, noch mehr unterhaltsamen als großzügigen Pariser Boulevards mit seinem hellen Gewimmel von Menschen, Reichtum und Luxus, von Philosophie und Heiterkeit – falscher oder wahrer und falscher und wahrer, jedenfalls lebhafter und ungezwungener zugleich und freier – seither zu verändern vermocht. 1851 sah ich, oder erfaßte ich noch mehr erst mit dem Gefühl, nur das für einen Jungen geradezu berauschend Unterhaltsame. Die vielen fast lautlos sich dahinbewegenden Kutschen, die Passanten, die drei Viertel ihrer Zeit mit behaglicher Hingabe schlendernd, rauchend und unter lautem Geplauder verbrachten – die Mehrzahl der Leute in der Provinz spricht meist im Flüstertone –; die Kaufläden: o der Zweikampf der ausgestopften Frösche bei einem Tierausstopfer von Bonne-Nouvelle! die Verkaufsschilde: o dieser Vierzeiler eines Perückenmachers der Porte Saint-Martin, dem Platz gegenüber, auf dem vierzig Jahre später sich das Renaissance-Theater erheben sollte:

»Seht Absalon vor Schmerz vergehn,
Hier aufgehängt an seinen Haaren:
Fürwahr, mit 'ner Perück versehn,
Hätt er wohl mindres Leid erfahren.«

Diese unter ein etwas summarisch behandeltes, aber für vorurteilslose Augen, wie die meinigen es damals waren, um nichts weniger eindrucksvolles Gemälde geschriebenen »Verse« sind, glaub ich, die ersten, die ich auswendig wußte. Im Grunde sind sie so viel wert wie andere, die viel Lärm gemacht haben und noch machen.

Nach Verlauf von acht Tagen zogen wir, nachdem das Mobiliar eingetroffen, nach Batignolles um, das damals das bevorzugte Viertel der in Ruhestand versetzten Militärs war. Mein Vater konnte hier manch einen Kameraden unter dieser Klasse von braven und würdigen Leuten und guten Bürgern ohne Schreck und Grauen vor Homais und Prudhomme wiederfinden oder gewinnen; vom ersten haben sie nichts, und wenn es ihnen infolge eines unglaublichen Malheurs begegnen sollte, daß sie die Sprache des zweiten gebrauchten, so würden sie buchstäblich und infolgedessen sehr überzeugend sagen können, daß ihr Säbel der schönste Tag ihres Lebens gewesen sei.

Batignolles: Eingang der Rue Nollet (damals Saint-Louis) Nr. 2, Blick vom ersten Stockwerk durch vier Fenster auf die Rue des Dames und die Rue Lécluse. Die Rue Lécluse, wo ich später zweimal wohnen sollte, und die Straße, wo du wohnst, mein alter Kamerad Edmond Lepelletier, wenn du dich in Chatou langweilst, in demselben Hause und derselben Wohnung der Nr. 3, wo du geboren wurdest. »Von der Wiege bis zum Tod (so spätem wie möglich) im selben Hause leben!« Ein Glück, das nicht allen zuteil wird; wenn es mir auch, obschon man für nichts einstehen kann, närrisch vorkommen würde, wenn ich etwa, nachdem ich dort allerdings nur kurze Zeit gelebt, aber doch gelebt habe, in dem Hause dieser Rue Haute-Pierre, die heute wahrscheinlich »Hoch-Stein-Straße« heißt, sterben sollte, die Zeuge meines Eintritts in diese Welt war. Nein, ich wiederhole: sollte sie auch meinem ersten Schritt in die andere beiwohnen, ungeachtet aller sprichwörtlichen Möglichkeit würde mich das erstaunen.

Ich habe schon gesagt, daß es mit meinem Unterricht in der Provinz nicht gerade so besonders glatt vorwärtsging. Nur in unserem Paris gibts wahren Fortschritt, mein Herr! Und so wurde ich als Extraneus in die Erziehungsanstalt W … in der Rue Hélène, einer ganz kleinen Straße, getan, die von der Rue Lemercier nach der Avenue Clichy führt, olim! will sagen ach! »zu meiner Zeit«, Grande-Rue-des-Batignolles. Das bescheidne Pensionat existiert noch heute, und als ich letzthin, nicht zu meinem Nachteil, Meister Eugène Carrière in seinem Atelier in der Rue Hégésippe-Moreau besuchen ging, hab ich durch die grünen Stangen der Gittertür den Hof mit seinen paar Baumreihen wiedergesehen, die geradeso viel Raum ließen, daß man hin und her von einem der vier Winkel zum andern spielen konnte, und im Hintergrunde die Freitreppe mit den beiden eisernen Rampen, von der herab ich gelegentlich einer Preisverteilung die Fabel von der »Eiche und dem Schilfrohr« aufsagte, eine Aufgabe, der ich mit verhältnismäßiger Leichtigkeit gerecht wurde, dank einer vielleicht ein bißchen sprudelnd geläufigen Beredsamkeit, die mich bloß bei den allerletzten Versen im Stich ließ, die freilich schwer schnell zu sprechen waren: wer lacht, mags ja mal versuchen:

»Sie die mit ihrem Haupt an den Himmel grenzte,
Und die mit ihrem Fuß das Reich der Toten streifte.« Im Französischen:

»Celui de qui la tête au ciel était voisine
Et dont les pieds touchaient à l'empire des morts.«

Der Vorsteher, ein würdiger Fünfziger, war klein, bartlos, hatte lange, schwarze, auf der rechten Seite gescheitelte Haare, eine lebhaft gebräunte Gesichtsfarbe, eine hohe Stirn und eine gerade, dicke Nase, und bot so eine wenn nicht vollkommne, so doch auffallende Ähnlichkeit mit Lithographien des damaligen Victor Hugo, des Victor Hugo-Dante, noch nicht des Victor Hugo-Ribera seiner letzten Jahre. Er hatte sehr spät geheiratet und hatte ein Töchterchen, das, während ich seine Schule besuchte, starb. Es war eine der ersten meiner stärkeren Gemütsbewegungen, diesen starken Mann weinen zu sehen, den wir bei aller Liebe, die wir ihm entgegenbrachten, doch ein wenig fürchteten, kleine Jungen von guter Familie und Erziehung, die wir waren, und denen er eine wahrhaft väterliche Fürsorge zuwandte. Charles de Perrières war einer meiner Mitschüler von Rue Hélène. Ich habe ihn seit jenen vorhistorischen Zeiten nicht wiedergesehen. Nehme er hier meinen um so brüderlicheren Gruß!

Ich war herangewachsen. Ich konnte jetzt lesen und schreiben. Die vier Spezies gingen mir nach und nach in den Kopf, und ich hatte Kenntnisse in der Geschichte und Geographie. Man ging damit um, mich aufs Lyzeum zu tun. Aber zwei Umstände verzögerten etwas meine Anfänge in den höheren Studien: eine recht schwere Krankheit, die ich durchmachte, und – der zweite Dezember!

5

Der Zeitfolge nach hätte ich »der zweite Dezember und die Krankheit« sagen müssen, um die beiden Hindernisse zu bezeichnen, die vorläufig meinem Eintritt ins Lyzeum entgegenstanden. Die »Meisterhand«, die jedem dieser Bezeichnung einigermaßen würdigen Schriftsteller eignet, hat mich fast unbewußt in umgekehrter Reihenfolge schreiben lassen, da die Notwendigkeit gegeben war, den Satz abzurunden, und die fatale Gelegenheit, auf einen Effekt zu verfallen. Erbarmen, nicht wahr? Kleinigkeit, Pedanterie. Aber es steht doch da! Immerhin in einer Arbeit wie dieser, die vor allem auf buchstäbliche Genauigkeit gestellt sein muß, erscheint es mir unerläßliches Erfordernis der Gewissenhaftigkeit, wieder auf die Sache zurückzukommen, sei es selbst auf Kosten einer »Schönheit«, einer »anmutigen Stilwendung« zugunsten der genauen Ordnung der Tatsachen. Und so ists getan. Ich nehme den Faden meiner Erzählung wieder auf.

Seit einiger Zeit hörte ich, so in Metz wie in Paris, um mich herum von Dingen sprechen, die mich sehr langweilten und von denen ich später wußte, daß es politische waren. Es war, wenn Herren zu uns kamen, von nichts anderem die Rede als von der Nationalversammlung, vom Präsidenten, vom Konflikt, von den Chevaulegers, der Bergpartei, den Anhängern des Elysées, den Roten. Manchmal waren es Namen, einer abstoßender als der andere oder so langweilig lang: Cavaignac, Ledru-Rollin, dessen Rückkehr man fürchtete, Herr von Montalembert, von welchem man viel erwartete, aber für einen ehemaligen Priester wohl zu viel. Louis Napoleon in Vincennes, die Kammer in Mazas, oder sonst ein Unbekannter, die Wahlen, die Revolution: alles das mußte auf die eine oder die andere Weise zum Staatsstreich führen. Mir für mein Teil waren all diese schönen Diskurse gleichgültig, und doch sagte ich kleiner Dummkopf mir, daß das für die großen Leute und besonders für »Papa« doch wohl von Interesse sein mußte, der für mich eine Art von Gott war, weil sie mit solcher Lebhaftigkeit darüber redeten und manchmal sogar schrieen. Aber das berührte mich wahrlich nicht, ungeachtet selbst all meiner Überlegungen über diese Probleme und der kurzangebundenen, meiner Fassungskraft angemessenen Antworten, die ich auf meine sicherlich sehr die Geduld auf die Probe stellenden Fragen bezüglich dieser Gegenstände bekam: »Papa, was ist das, der Präsident?« – »Das Staatsoberhaupt, Kleiner.« – »Und was ist der Staat?« – »Das ist das Land: Frankreich.« – »Aber was ist das, ein Staatsstreich?« usw. usw. Nichts verstand ich davon. Ah, gewiß ja, o nein! ich verstand nichts davon, als eines Wintervormittages gegen zehn Uhr mein Vater, Zeitungen in der Hand, in leidenschaftlicher Erregung von einem Spaziergange zurückkehrte und er, obwohl nervös, sonst so ruhig, ganz aufgeregt sagte: »Es ist so weit, da haben wirs!«– »Um Gottes willen, was denn?« rief, etwas beunruhigt, meine Mutter. – »Nun, meiner Treu! den Staatsstreich! Heute die Kammer in Mazas. Morgen der Präsident in den Tuilerien. Eine sehr ernste Sache; aber es läßt sich ja sehr ruhig an.«

Dies Wort »Staatsstreich«, das ich nicht verstand und das mein Vater, den ich so oft danach gefragt hatte, mir Kerlchen von sieben Jahren natürlich nicht hatte erklären können, wie ich auch durch den Bericht, den er soeben gegeben, keine Klarheit darüber gewinnen konnte, obgleich er für einen aufmerksameren Verstand wohl deutlich genug war, wenn ich nur gewußt hätte, was die Tuilerien und was Mazas und besonders was die Kammer war (vom Präsidenten, den ich schon in der Generalsuniform der Nationalgarde zu Pferde gesehen hatte, ahnte ich so ungefähr, daß er eine Art von Militär sein müsse, vor dem man, wenn er vorbeikommt, Honneur macht) – dies Wort »Staatsstreich« setzte mir jetzt, wo er sich ereignet hatte, plötzlich infolge seiner gegenwärtigen Wichtigkeit zu, und – zum wievielten Mal? – formulierte ich meine langweilende, heute durch ein Umstandswort der Zeit verschärfte Frage in zugleich konjunktioneller und Ausrufform: »Aber jetzt, Papa, sag mir, was das ist, ein ›Staatsstreich‹?«– Mir wurde die sehr vernünftige Antwort: »Du langweilst mich! Das geht dich nichts an! Geh und spiele!«

Am nächsten Tage wurde schon von so etwas wie »Widerstand« gesprochen, von teilweisen, schnell unterdrückten Pariser Aufständen, von aufständischen Bewegungen in der Provinz, in Nièvre, im Rhone-Distrikt (Rhone-Distrikt, dacht ich, und nahm die Gelegenheit wahr, mich in die Geographie zu vertiefen, mit der Hauptstadt Lyon, Unterpräfekturen … Aha! Nièvre, Hauptstadt Nevers, Unterpräfekturen, hm! hab ich vergessen!), aber doch mehr bloß so künstlich gemachten, man hat die Rädelsführer in der Hand usw. Morgen wird alles wieder still sein, und alles wird wieder seinen ruhigen Gang gehen. Am nächsten Tage, dem 4. Dezember, das Wetter war eher rauh als mild, nahm mich meine Mutter nach dem Frühstück zu einem Spaziergang auf die Boulevards mit. Von den Straßen von Batignolles bis zur Barriere, die damals zwischen der Rue d' Amsterdam und der Rue de Clichy lag (etwas mehr diesseits des gegenwärtigen Platzes der großen Modeartikel-Magazine der Place Clichy), erinnerte nichts an die Revolution, nicht die geringste Aufregung der Bevölkerung. Die Verkehrszirkulation auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm war dieselbe wie an anderen Tagen, weder lebhafter noch geringer. Anschlagzettel, die am vergangenen Tag an die Kasernenmauern geklebt worden waren, zogen einige sehr harmlose Leser an; die Rue de Clichy und die Rue La Chaussée d'Antin zeigten keine Spur irgendwelcher Unruhe. Ganz offensichtlich ging ein jeder seinen Geschäften nach oder kehrte von seinen Vergnügungen zurück. Selbst keine von jenen Gruppen, die sich in dem unruhigen und neuigkeitslüsternen Paris so leicht bilden. Auf dem Boulevard des Italiens versperrt ein Zusammenlauf mehr von Neugierigen als von Manifestanten zur Hälfte die Passage und breitet sich etwas aufgeräumter als sonst über den Fahrdamm aus. Der große Zug besteht, ein wenig eingedenk dieses Tages, der eben begonnen hat, aus ziemlich langen Gänsemarschlinien von im allgemeinen gutsituierten Leuten, die sich nach verschiedenen Richtungen hin bewegen und nach der Lampionweise dies Wort singen, das ich zum erstenmal hörte: »Ratapoil, rat–à–poils!« Ratapoils: Bezeichnung für unbedingte Anhänger des Kaisertums., und das mir so viel Vergnügen machte, daß ich es mit meiner grellen Jungenstimme wiederholte. Auch meiner Mutter machte es Vergnügen, doch verbot sie es mir bald, da sie fürchtete, »Ratapoil« möchte ein aufrührerischer Ruf sein. Wir gingen wieder den Boulevard Montmartre hinauf, wo sich ungefähr die gleichen Auftritte wiederholten. Wie vorher zeigt die Haltung der Menge nichts eigentlich Feindseliges, und selbst die ausgesprochen antinapoleonischen Spöttereien sind selten. Weiterhin am Zugang zum Boulevard Poissonnière steigert sich der Tumult zu einem verworren geräuschvollen: man singt die Marseillaise, das Lied der Girondins, es wird gepfiffen, hier und da mischen sich Blusen zwischen die Mäntel der Herren und Damen und die Zylinder. Wenige Frauen, die zugegen waren, erregten sich lauter als die Männer mit Gesängen und Bewegungen, die mich erschreckten. Es waren fast nur Frauen von einfacher Lebenslage und einem gewissen Alter. Keine Grisetten, keine Haubenbänder, keine Falbelrüschen, kein elegantes Schuhwerk. Diese Schauspiele beunruhigten mich, und ich drückte mich an meine Mutter, die unsere Lage jetzt doch für eine unvorsichtige hielt, mich fest bei der Hand ergriff und sich nach dem Boulevard des Italiens zurückzog, wo wir wieder die ihr Spottwerk treibenden Banden antrafen. Plötzlich gab es einen mächtigen Schrei: »Rette sich, wer kann!«, und die Menge strömte, sich in Sicherheit zu bringen, gegen die Madeleine zurück. Wir gerieten in Gefahr mit fort- und von dieser Panik, deren Ursache verborgen war, niedergerissen zu werden. Ein großer offener Laden ganz nahe bei Robert Houdin war im Zeitraum von einer Sekunde mit einer Menschenflut angefüllt, unter welcher auch wir uns befanden, auch das Schaufenster, dessen Laden man im Nu heruntergelassen hatte. In dem Halbdunkel, in dem wir uns befanden, vernahmen wir für die Zeit von nur ein paar Minuten, die uns Stunden dünkten, das laute, unbestimmte, galoppierende Geräusch zahlloser Schritte, dann herrschte nach etwa zehn Minuten, während welcher niemand wagte die Tür zu öffnen, Totenstille. Nur ein paar Polizisten gingen der Länge und Breite nach auf dem öden Bürgersteig hin und her. Danach, nachdem ein paar Passanten zum Vorschein gekommen waren, glaubten auch wir unsrerseits wieder hinausgehen zu dürfen. Mama und ich liefen eilig die Rue Drouot und die Rue Faubourg-Montmartre hinunter, wohin die Leute hastig, doch in leidlicher Ordnung, von der Seite der Rue Notre-Dame-de-Lorette und der Rue Fontaine-Saint-Georges her sich zurückbewegten, dann bogen wir durch die Rue Saint-Lazare ab und wurden, als wir in der Rue Blanche anlangten, Zeugen, wie einige Blusenmänner, die aus einem Weinladen herauskamen, einen von zwei Reitern geleiteten Trainwagen anhielten, die, als sie sahen, daß Widerstand unmöglich und fruchtlos war, sofort abstiegen. Da wir nichts mehr davon sehen wollten, befanden wir uns bald wieder in der Rue Saint-Louis, ohne daß uns noch weiter etwas Außergewöhnliches begegnete. Die beiden eben erwähnten Trainsoldaten waren die einzigen Soldaten, die ich an diesem, nach mehreren Zeugen höchst militärischen Datum des 4. Dezember eintausendachthunderteinundfünfzig erblickt habe.

6

Bis dahin, und auch späterhin, war ich nie eigentlich das gewesen, was man krank heißt: denn den Rheumatismus und seine Folgen, die mir gehörig zusetzen, mir in meinen Angelegenheiten Abbruch tun, denen ich all meine Geld- und sonstigen Klemmen verdanke und die mich seit nahezu zehn Jahren zu einem zuweilen rasenden, manchmal niedergeschlagenen gesunden Kranken machen, zähl ich nicht … Aber man sagt ja, daß vor dem großen Verfalltage ein jeder seinen Tribut oder, um es zeitgemäßer auszudrücken, seine Schuld zu zahlen hat. Eines Tages fühlte ich mich also vom Fieber ergriffen. Nichts ist köstlicher als das beginnende Fieber; alles ist so beflügelt, die Vorstellungen (Gedanken hat man nicht, und das ist eine so schöne Erleichterung!) wogen unaufhörlich, greifen ineinander, gehen wieder auseinander. Man weiß nicht mehr, wo man ist, fühlt sich nur ungewöhnlich wohl. Es ist etwa wie gewisse Augenblicke der Trunkenheit, wo man sich zu erinnern glaubt, daß man den Moment, in dem man sich befindet, schon mal gelebt hat und genau ihn zu leben glaubt. Zwar ist die Empfindung dabei so unbestimmt, daß sie fast schon keine mehr ist, aber sie bedeutet eine grenzenlose Wohltat, einen leeren Genuß, der besser ist als alle Fülle. Ich brauchte ein Kapitel, einen ganzen Rand, wollte ich diesen Zustand zergliedern, den ich seit jenem Augenblick meines Lebens niemals wieder in dieser Weise gekostet habe. Kaum hatte ich meinen Eltern die Veränderung, die den normalen Verlauf meiner Gesundheit überrumpelt hatte, mitgeteilt und hatte der plötzliche Verlust des Appetits und eine ungewöhnliche Beweglichkeit meiner Rede, die anfing unzusammenhängend zu werden, wie auch die verdächtige Röte meines Gesichtes sie vergewissert, so glaubte ich, als sie sich beunruhigt zeigten, mich in Lebensgefahr und sagte mir, ein Louis XIV. im kleinen, »daß nichts so peinlich sei als zu sterben«; und schon wurde mir gemach der Kopf schwer, meine Adern brannten, und ich fiel in einen von tausend Träumen beunruhigten Schlaf, die sich nach tausendmaligem Emporschrecken fortsetzten. Kurz, die Krankheit, ein Schleimhautfieber, kündigte sich sehr stark und gefahrvoll an. Ich hatte ein heftiges und wechselvolles Delirium, bald lachte, bald weinte ich, zeigte mich bald abgestumpft, bald geschwätzig. Ein Zwischenfall wurde mir erzählt, der recht wunderlich ist: das Einmaleins und das Verzeichnis der Departements mit ihren Hauptstädten und Unterpräfekturen, diese beiden Schreckgespenster der kleinen Schüler, hockten mit ihrem Alp auf meiner jagenden Brust und kehrten in meinen Phantasien immer wieder, wo ich sie mit dem Dezimalsystem, einem anderen dieser Gespenster, in ein Gemisch brachte, das unter anderen Umständen recht vergnüglich gewesen wäre. Es ereignete sich dabei, daß ich zwischen zwei von unverständlichen Reden unterbrochenen Schlafzuständen zum Beispiel sprach: »Fünf mal acht Saint-Brieue, Lannion, Loudéac, Vendée, La Roche-sur-Yon, zehntel, hundertstel, tausendstel; Dekameter, zehn Meter mal Poitiers, Châtellerault, Civray, Loudun, Montmorillon …« Unendliche Fürsorge rettete mich, die Genesung schritt langsam vorwärts, zuerst schmerzhaft, dann mühselig, mit gebieterischer Ungeduld, dann still und schmeichlerisch verständigen Verzärtelungen entsprechend, mit denen meine Mutter mich bedachte, für die ich, da ich sah oder vielmehr fühlte, wie gut, wie ganz Hingabe sie war und wie sie während der ärgsten Krise wachte und unablässig ihren Schlaf unterbrach, eine ganz neue Neigung faßte. Die naive, wo nicht gänzlich instinktmäßige Zuneigung, mit der bis dahin meine Schwäche und Unwissenheit sie bedrängt und belästigt hatte, ging von jetzt ab in die Sohnesliebe über, instinktiv noch und, wie die braven Leute so treffend sagen, eine Sache des Blutes; aber nunmehr doch, sozusagen, mehr überlegt, obschon sie ja fürs ganze Leben über allem Verstande ist, erkenntlich, und mehr und besser als das: sich bewußt, daß auch sie der Hingabe und der Aufopferung fähig ist. Und die Allmacht dieses so ganz holden und guten Gefühles offenbarte sich zuerst in Gestalt eines lächelnden, in seinem Innersten so zarten Gehorsams, daß er ein köstliches Bedürfnis zu weinen erregte. Da war kein Arzneitrank zu bitter, kein Pulver zu schwer einzunehmen, wenn Mama sie mir darreichte, nur ein Lächeln der Glückseligkeit, sozusagen, hatte ich; und als die völlige Genesung nahte, stürmische Umarmungen und die herzhaftesten, dann zärtlichsten Küsse unter heißen Tränen, die ihr auf Wangen und Hände tropften und die meinem armen, damals noch so reinen Kinderherzen, und im Grunde auch später (jedesmal sooft ich an meine Mutter denke) meinem, durch eigene Schuld – und weil ich sie, selbst die jetzt Tote, und gerade die Tote, immer vor Augen hatte – unglücklichen armen Mannesherzen so sehr wohltaten! Aber nein: sie lebt ja in meiner Seele, und ich schwöre ihr hier, daß ihr Sohn mit ihr lebt, an ihrem Busen weint, für sie leidet, und daß es keinen Augenblick gibt, und sei es selbst mitten in seinen schlimmsten Verfehlungen (nein Schwächen!), wo er sich nicht, stets, unter ihrem Schutz fühlte, nicht ihre Vorwürfe und Ermutigungen vernähme! …

»Jetzt, wo der Kleine wieder gesund ist und keinerlei Rückfall, keine Störung mehr zu befürchten ist,« sagte eines Tages mein Vater, der, wie jedermann, während dieser Zeit plötzlicher Rückfälle wegen in Sorge gewesen war, deren die Unsrigen sich ja bei solchen Gelegenheiten im Handumdrehen zu versehen haben, »wollen wir ihn da aufs Lyzeum tun? Was meinst du dazu, Kerlchen?«

Das »Kerlchen«, will sagen: ich, den mein Vater zum Scherz so anredete, war natürlich stolz bei dem Gedanken, ein Käppi und einen Uniformrock zu tragen und »Studien« zu machen, und antwortete:

»O gewiß!«

Meine Mutter zog eine Pension vor, die mich auf das Lyzeum vorbereiten sollte. Eine Pension, das ist gemütlicher, und es sollte mir zu den Vorteilen für die Schule hinzu (sie dachten auch an die späteren fruchtbaren, praktischen, öffentlichen) eine gewisse väterliche (sie dachte mütterliche) Obhut gewähren.

Man entschied sich also für eine gute Pension, die mich auf das Lyzeum vorbereiten sollte.

Oft hatte ich gelegentlich unsrer Familienspaziergänge, wenn wir von Batignolles her durch die Rue Chaptal kamen, ziemlich am Eingange, zur Linken dieser Straße ein Gitter vor einem gepflasterten Hof mit einem massigen Bauwerk und nach diesem Gitter eine lange, von einer kleinen Pforte durchbrochene Mauer mit aufgehängten großen, mit vergoldeten Nägeln befestigten schwarzen Holztafeln gesehen, auf denen mit goldenen Buchstaben alle möglichen Dinge verzeichnet standen, die sich auf den Unterricht bezogen: »Vorbereitung auf die einzelnen Schulen, auf das Bakkalaureat, auf die Lizentiatur, das erste und zweite Lehrfach, Besuch des Lyzeums Bonaparte und des Collège Chaptal usw. usw.« Über dem Gittertor aber befand sich eine in die Länge gezogene Aufschrift, gleichfalls auf schwarzem Holz, mit noch größeren goldenen Buchstaben: »Institut L …« Diese pomphafte Fassade hatte es mir angetan, und ich brachte meinen Eltern den Wunsch zum Ausdruck, hier einzutreten, und nachdem man die nötigen Erkundigungen eingezogen und sich durch sie befriedigt gefühlt hatte, wurde mein Wunsch erhört. Zumal mir versprochen worden war, daß man mich oft besuchen würde, war es fast eine lustige Sache, als ich eines Nachmittags dorthin geführt wurde. Der Vorsteher der Anstalt, ein Beamter der Akademie, Ritter der Ehrenlegion und, was damals etwas vorstellte, Hauptmann der sehr gehobenen und durch die Schaufel des zweiten Dezember ausgesonderten Nationalgarde, ein großer, sehr beleibter und nach der Gewohnheit des damaligen Bürgertums vollkommen glattrasierter Mann, zwang mir beim ersten Anblick eine gewisse Ehrerbietung ab. Er sprach ein wenig nüchtern, aber in einem freimütigen Ton; und ohne Prahlerei oder Zudringlichkeit, wie man das heute nicht mehr sagen könnte, empfahl er seine vom Vater zum Sohn her »sehr bekannte« Anstalt, die sich rühmen dürfte, hervorragende und ausgezeichnete Männer, zum Beispiel Herrn Sainte-Beuve, in die Welt geführt zu haben. Er zeigte uns nachher die Schlafsäle, die mir mit ihrem gut gebohnten roten Fußboden, ihren hohen, in einem lichten Grün gehaltenen Wänden und den Reihen ihrer schön weißen Betten, vor denen je eine kleine Kommode und ein Stuhl standen, gar nicht so unfreundlich erschienen, dann den Speisesaal, den ein nicht allzu unangenehmer Duft nach Suppe und Gemüse erfüllte. An den Wänden befanden sich blaue, mit gemaltem Lorbeer geschmückte Zierrahmen, aus denen sich mit weißer Schrift die Namen von solchen hervorhoben, die bei den öffentlichen Prüfungen den Preis davongetragen hatten: der von Sainte-Beuve war der letzte. Noch einige leere Plätze waren da. »Hier wird eines Tages der Name ihres Sohnes stehen«, sagte ernst, wie mir wenigstens schien, Herr L … Ach, seine Prophezeiung sollte sich nicht erfüllen.

7

Ich komme jetzt, meiner Meinung nach, auf einen sehr interessanten, aber hinreichend heiklen Zeitabschnitt zu sprechen, weil schwierig zur Niederschrift zu bringen, seinen Feinheiten und fast unendlich entgleitenden Nuancen nach kaum ausdrückbar, die doch aber meinem Dafürhalten nach ihre sehr ernstliche Bedeutung haben, da sie, obschon anfangs noch knabenhaft, nachher doch ins Jünglingsalter hinübergreifen … und schließlich: es ist zum Teufelholen, wenn man seine eigene Jugend, gar wenn es sich um die meine handelt, beichten soll! Diese sehr aufrichtige und so wenig wie möglich abgeschwächte Einleitung zu meinen ersten Anfängen … in wer weiß was alles für Dingen, wird nicht ohne recht große Schwierigkeiten vor dem Richterstuhle meines Inneren, noch ohne strenge Einräumungen an den gewohnten Brauch in Sachen der selbstbiographischen Schreibweise abgehen; – aber der Titel stellt seine Verpflichtungen, und da er mir am Kopfe dieser »Notizen« ein wenig so etwas wie »Vorsicht!« zuruft, so werde ich nach Rousseaus Vorbild (auch auf den heiligen Augustin könnte ich mich berufen, der an gewissen Stellen vielleicht geruhen wird, meine – ach so profane und unwürdige – Feder zu leiten) versuchen, über mich, als ich ein Junge von neun bis sechzehn Jahren war, die Wahrheit zu berichten.

Jedenfalls mache man sich nicht auf allzu schlimme Scheusäligkeiten gefaßt, aber doch auf eine, wenn auch nicht übertriebene Gewissenhaftigkeit; das ist alles und wäre wohl schon nur zu viel.

Am Tag meines Eintritts »in die Pension« empfand ich instinktmäßig, oder vielmehr mit zu unausreichendem Instinkt, Entsetzen, nicht Furcht: Entsetzen, nicht über den Schulsaal mit seinen schwarzen Pulten, mit seinem zweifelhaften Geruch, seinem hundertmal gelbbraun überstrichenen, hundertmal wieder aufklaffenden Katheder, von dem herab »uns« schlecht und ungeschickt der verdammte und aus Rachsucht gehässige und ungerechte, auf jeden Fall verabscheuungswürdige Repetent regierte (armer Kerl, Dichter, oder armer Student, dann berufsmäßiger Repetent: es gibt ihrer gewissenhafte, es gibt rauhe, – und auch andere!); auch nicht vor dem für ein Kind immerhin trübseligen Wandschmuck, dem neusten von dergleichen (Ludwig XVIII. im Temple): aber Furcht, Entsetzen empfand ich vor den schon eingewöhnten Kameraden, die wie eine wilde Horde, muß ich sagen, die geringste Gelegenheit benutzten, um zwischen zwei allzu sklavisch gefügigen, als daß sie glaubhaft gewesen wären, Pausen einen Höllenlärm zu vollführen, oder die Arme über der Schulter oder unterm Tisch, zu zwei und zwei einen äußersten Eifer für das Erlernen eines gemeinsamen Textes bezeugten, der sofort oder am nächsten Tag am Lyzeum Bonaparte oder dem Collège Chaptal, für welche die Anstalt sozusagen Stellvertreter war, hergesagt werden mußte.

Und ganz und gar als ich gegen vier Uhr nachmittags in die Anstalt eingetreten war und ich, da die Abteilung der Kleinen, die sogenannte Elementarabteilung, schon angefangen hatte und sie nicht gestört werden durften, in dem Arbeitsraum der Mittleren von zwölf bis vierzehn, fünfzehn Jahren, die eben vom Lyzeum Bonaparte zurückgekehrt waren (die vom Chaptal hatten ihren besonderen Raum), untergebracht wurde. Es herrschte aber die Gewohnheit, daß Schüler dieser Kategorie, die eine Strafe erhalten hatten, sich, in Form einer Strafarbeit, einer Art von lateinischem oder französischem Diktat unterziehen mußten, das von einem der armen Sünder mit lauter, deutlicher Stimme nach dem Buche Wort für Wort buchstabiert wurde, in einem Rhythmus ungefähr nach Art folgender ABC-Schützen-Übung: »B, A, ba, Baba, B, É, bé, Bébé.«

An diesem Tage war der Text gerade dem »Télémaque« und jenem Kapitel dieses Werkes entlehnt, das die Erzählung vom Niederstieg des Ulysses-Sohnes in die Unterwelt enthält; und der mit dem Diktat beauftragte Junge, einer von den Ältesten in der Klasse, der mit jener männlich groben Stimme begabt war, auf die die im Stimmwechsel stehenden Jungen so stolz sind, übertrieb diese Stimme noch und rezitierte in der zweideutigen Absicht, den Lehrer wütend zu machen, seine Buchstabiererei mit besonderer Leidenschaft. Es war Winter. Vier mit Metallschirmen versehene Hängelampen legten auf die vier schwarzen Tische des Saales ein hartes Licht, das das Dunkel der Wände noch düsterer machte und für meine so strengen Anblickes ungewohnten Augen geradezu entsetzlich war. Dazu fuhr die fürchterliche Stimme unablässig fort zu beschwören, den Phlégéton, géton, Radamante, damante usw. –: ich versichere, es war sehr eindrucksvoll. Aber es war auch zu viel für den ersten Tag, und ich fühlte mich dermaßen berührt, daß ich die äußerste Mühe hatte, eine Anwandlung, in Tränen auszubrechen, zurückzuhalten.

Eine Glocke schallte und kündete die Essenszeit an. Man stellte sich zu zwei und zwei auf, und ich kam an die Seite eines Schülers meiner Statur, der, solange der hinreichend weite Marsch vom Arbeits- bis zum Speisesaal dauerte, nicht ein Wort zu mir sprach, sich aber von seinem Platze aus mehrere Male gegen einen der beiden Kameraden, die uns folgten, herumwandte und ihm halblaut alles mögliche zuflüsterte, was offenbar auf meine Kosten ging, wovon ich aber infolge des Geräusches der auf dem gepflasterten Weg, den die Schülerschar dahinschritt, schleifenden oder auch hüpfenden Füße nichts verstehen konnte, doch durfte ich wohl mit vollem Recht und ohne jeden Zweifel auf das lebhafteste argwöhnen, daß es sich mehr oder weniger um Bosheiten, wenn nicht gar Böswilligkeiten handelte.

Der Speisesaal, den ich schon erwähnt habe, enthielt drei lange Tafeln, eine für die Großen in der Mitte, eine für die Mittleren und Kleinen, zu denen ich gehörte, zur Rechten und zur Linken davon, dann noch eine kleinere für die Lehrer in einer Ecke zur Linken des Einganges gegenüber der Tür zur Küche, alle vier von schwarzem Marmor, ohne Tischtuch. Bevor man sich setzen durfte, sprach ein Oberaufseher, den man, wie das, glaub ich, noch gegenwärtig geschieht, in Anstalten dieser Art »Herr Inspektor« nannte, das in ein alle Schönheiten des Lateinischen aufhebendes Französisch übersetzte Benedicite; so wurde der in seinem knappen Inhalt so außerordentlich beziehungsreiche Prolog »Benedicite, Dominus« ersetzt durch ein einfaches Zeichen des Kreuzes: »Im Namen des Vaters usw.«, worauf diese Plattheit folgte: »Segne, Herr, uns und die Speise, die wir einnehmen wollen«, an Stelle des so herzlichen wie ergreifenden: »Nos et ea quae sumus sumpturi benedicat Dextera Christi

Allerdings wurde dies Gebet ja für Schüler benutzt (von denen immerhin einige schon Rhetoriker und »Philosophen« waren), aber … lest bezüglich des Bedürfnisses nach einer übersinnlichen Sprache, das die Menschheit gegenüber den himmlischen Mächten hat, einer Sprache, in der in Ehrerbietung und demütig sich hingebendem Gebet, das ja nur ein Ausfluß von jener ist, ihre, der armen Menschheit eigenste ihr unbekannten Bedürfnisse eingeschlossen sind, lieber bei Chateaubriand nach! Es trifft bis zu einem Punkt zu, daß selbst die englischen Protestanten bei ihren Gottesdiensten, die so schön sind, daß sie fast katholisch anmuten (weniger herzlich allerdings, intim und vollkommen kindlich ehrerbietig), sich der alten Sprache aus der Zeit der Elisabeth oder der Zeit vor ihr bedienen, die doch den braven Leuten fast oder vielmehr ganz unverständlich ist, die in ihr aber trotzdem in ihrer Kirche sehr wirksam für ihr Heil psalmodieren, in ihr morgens und abends am Kopfende ihres Bettes ihr »Pater« und das »Credo« in Ausdrücken aufsagen, die wortgetreu die ersten Puritaner anwandten!

Die Suppe wurde aufgetragen. Wie mittelmäßig war sie in Anbetracht des Preises, den die Eltern dranwandten. Gekochtes Rindfleisch folgte, ebenso trocken wie es zu Hause delikat mit Fett durchwachsen und von himmlischen Gemüsen in ihrer Fleischbrühe begleitet war; dann kamen Bohnen – rote – in nichts zu vergleichen mit den mehligen, zarten, weißen mit ihren reichlichen und lieblichen Würzen, wie der auserlesene Mittagstisch von Papa und Mama sie bot. Was den Nachtisch anbelangte, so gabs einen Apfel, aber was für einen! Keine Kalville, keine Reinette, gewiß nicht, aber einen recht unreifen, fleckigen! … (O die Nachtische, ehemals, der Rue Saint-Louis-des-Batignolles!) Und der mit Wasser verdünnte Wein in dem immerhin so hübschen Silberbecher mit seinem schönen, eingravierten V und seiner schönen 5, die meine Nummer war! Verdünnter Wein, entzückendes Wort, der Mühe wert, es in den Mund zu nehmen, hier aber seinem Sinn nach schmählich mißbraucht, um eine Sorte von Weinflaschen-Spülichts zu bezeichnen, das noch nicht mal rotgefärbtes Wasser genannt zu werden verdiente. Dieses Getränk, das schlechter war als lauwarmes Wasser: ich verglich es mit dem Fingerhut guten, reinen Weins, der mir zu Hause zum Nachtisch beim Frühstück und beim Mittagessen nach der Suppe bewilligt wurde. Es war zu viel! Diese gastronomischen Eindrücke zu den in dem düsteren Klassenzimmer empfangenen und dem schaurigen Diktat hinzu zeigten mir, wenn nicht meine Pflicht, so doch an, was ich zu tun hätte.

Und so nahm ich, als wir vom Speisesaal zurückkehrten, den Vorteil wahr, daß die Pforte für den Abmarsch der Extraneer offenstand und, als ihr Aufbruch den Zug der vom Speisesaal zurückkehrenden Pensionäre kreuzte, eine Verwirrung entstand, und – entfloh.

8

Dieser Sprung eines armen, durch die Abwesenheit seiner Eltern erschreckten kleinen Jungen ins Unbekannte des Abends und der Straße vollzog sich mit der Geschwindigkeit aller großen Entschließungen und mit dem gleichen Glück, ohne jedes weitere Hindernis, außer daß ich eine Sekunde lang wie in einer Betäubung war, – eine Sekunde lang, dann hatte ich mich sofort orientiert … Nur eine Viertelstunde brauchte ich, um von der Pension nach Hause zu gelangen. Aber ach! die Hauptsache war: wie sollte ich meinen Eltern gegenübertreten! Alle die kleinen Grundsätze, die ich schon hatte, regten sich in meinem jungen Gewissen, aber mehr in Gestalt von Bedenken, da es sich im Grunde sicher fühlte. Ich überlegte ungefähr folgendermaßen: »Immerhin schließlich, sieh mal! Papa und Mama haben mich zu meinem eigenen Besten in die Pension getan. Sie wußten dabei, was sie taten. Ich hätte bleiben und erst ein bißchen abwarten sollen. Sicher hätten sie mich morgen besucht. Ganz gewiß, ich habe schlecht gehandelt. Es wird sie in Verlegenheit bringen … Und was wird der Pensionsvorsteher sagen?« Besonders beherrschte mich diese letztere, so naive und so recht einem so ängstlichen und verwöhnten Kinde, wie ich es war, angemessene Überlegung; denn im Grunde war ich mir der vollkommenen Verzeihung meiner Eltern gewiß, die, ich fühlte das ohne weiteres, in meinem Verhalten eher einen Beweis kindlicher Liebe erblicken würden, als den angenehmen, bequemen Heiminstinkt, und in meiner Handlungsweise eher die des treuen Hündchens als die der Katze, die einfach bloß aus Gewohnheit handelt. In Wirklichkeit traf in meinem Falle so ein bißchen beides zu.

Ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern, rannte ich also in der kürzesten Richtung drauflos. Da mich mein Vater auf seinen Spaziergängen sehr oft gerade in diese Gegenden von Vintimille und Notre-Dame-de-Lorette mitgenommen hatte, konnte ich mich nicht verlaufen. Und mit aller Geschwindigkeit, die meine kleinen Beine hergaben, kein Strom, selbst eine Feuersbrunst würde mich nicht aufgehalten haben, lief ich durch den halben Nebel und den feuchten Schimmer der noch sehr primitiven Gasflammen jener so furchtbar schnell dahingegangenen Zeit vorwärts, indem ich unerwarteten, übrigens wenig zahlreichen Passanten auswich, unbekümmert um mein seltsames Aussehen, meinen bloßen Kopf (meine Mütze mit den breiten Borten, dem kurzen Schirm und der langen wolligen Seidenquaste war im Klassenzimmer geblieben) und mein durch den Luftzug meines rasenden Laufes in Unordnung geratenes Haar …

Endlich langte ich an und durcheilte mit einem weiten Sprung den ersten Treppenflur, wo der Pförtner, ein Spanier, mit dessen Sohn ich unlängst erst am Fronleichnamsfeste kleine Kapellen gebaut und auf dem großen Hofe, über den ich an diesem Abend atemlos hinstürmte, Miniaturfeuerwerke abgebrannt hatte, – wo also der Pförtner, sage ich, mich bemerkte und mir zurief: »Guten Abend, Herr Paul! Aber weshalb rennen Sie denn so im bloßen Kopfe?«

Ich hatte wahrhaftig andere Dinge zu sagen und zu tun, als ihm zu antworten, im Nu war ich die Treppe zu »unserem« ersten Stockwerk hinauf, und mit ungewisser Handbewegung zog ich – wie schlug, wie schlug mein Herz! – die Glockenschnur. Das Mädchen öffnete, stieß ein Ah! hervor und lief mir voraus, während ich, sie von hinten drängend, in den großen, düsteren Speisesaal, wo man beim Mahle saß, mehr hinein fiel als trat … Ich fiel … in die Arme meiner Mutter und dann meines Vaters, – meiner Cousine Elisa – und meines Vetters Victor, ihres sehr kleinen, sehr stämmigen Bruders, mit seinem aufgewirbelten Schnurrbart und seinem Hufeisenabzeichen, denn er diente als berittener Jäger zu Vincennes. Mein Instinkt, oder mein Herz, oder beides zugleich, Katze und Hündchen, hatte gesiegt.

Aus ihren im Grunde kaum überraschten Blicken, aus der Art und Weise, wie sie mir die Arme entgegenstreckten und schnell sie um meinen Hals schlangen, aus dem liebevoll langen Kuß meiner Mutter, dem herzhaften, bärtigen meines Vaters, erfühlte ich auf der Stelle all ihre Nachsicht, wenn nicht sogar einige heimliche Billigung … Und ich brach in so köstliche Tränen aus, als ich ihnen meine Beweggründe auseinandersetzte, die sofort Billigung fanden und – als ich auf die Frage »Hast du Hunger?« mit Mund und Zähnen antwortete und mir die gute Sagosuppe, das zarte Huhn und … ich weiß nicht mehr was alles an Gemüsen und Nachtisch schmecken ließ und mit Wonne meinen Fingerhut guten, reinen Weins getrunken hatte (abends keinen Kaffee, das stört den Schlaf), – väterlich, mütterlich oder besser freundschaftlich angefochten und widerlegt wurden. Überzeugt, daß ich denn doch unrecht gehandelt hatte, versprach ich, mich am nächsten Tage zur Pension zurückführen zu lassen, – und legte mich, zum letztenmal bis zu den Osterferien, in mein Bettchen zur Ruhe, wo ich in einen festen Schlummer sank. Und dann kam der nächste Tag, und ich machte es mir zur Ehrenpflicht, in allem Guten und artig mein Versprechen zu erfüllen. Mein Vetter war es, der es übernahm, mich wieder hinzubringen, dem Vorsteher die Lage der Dinge auseinanderzusetzen und meine Flucht vom vorigen Tage zu entschuldigen.

Unterwegs ermahnte er mich, ein Mann zu sein und die Sache ungefähr so aufzufassen, als sei ich ein Soldat. Was Teufel! ich stammte aus einer Soldatenfamilie, und gerade so wie er (als alter Sergeant, alter Haudegen von Algier, der später, zweimal von neuem im Dienst, die Feldzüge in Italien und Mexiko mitgemacht hatte) sich an das Leben im Regiment gewöhnt hatte, mußte auch ich mich dem in der Schule anbequemen. Wenn ich einen guten Charakter zeigte, würde ich auch schon Kameraden bekommen, einen guten, aber keinen zu guten; zum Beispiel dürfte ich die lustigen Brüder nicht zu viel über mich herlassen, müßte sie ein- oder zweimal verprügeln, dann würde schon alles gehn wie geschmiert, usw. usw. Er sprach so gut, daß ich beinahe fröhlich in den »Kasten« zurückkehrte (eine Bezeichnung, die ich noch diesen selben Tag kennen lernen sollte), dem ich am Tag vorher unter so blutigen Schmerzen entflohen war. Im übrigen war ich auf meinen betreßten Begleiter mit seinem sonnenverbrannten Gesicht, seinem schon ein wenig angegrauten dicken »Schnurrwichs« und seiner dunklen, damals und noch heute so volkstümlichen Uniform nicht wenig stolz.

Wie man sich vorstellen kann, war die Strafe, die mir für meinen Streich wurde, eine leichte, und guter Dinge, leichten Herzens, voller guter Vorsätze ließ ich mich durch Herrn Lehrer L... dem Lehrer der Elementarklasse vorstellen, die ich ein Jahr lang besuchen mußte, bevor ich zu den Schülern gehörte, welche die Pension auf das Lyzeum Bonaparte, später Condorcet, und zuvor zeitweilig auf das Lyzeum Fontanes schickte.

In dieser Umgebung, die nun wohl, wie sie sich meist aus artigen und schüchternen Knaben meines Alters aus guten bürgerlichen Familien zusammensetzte, die meine war, paßte ich mich schnell an und in der Folge bis zu einem Grade, daß vielleicht, wahrhaft vergleichbar jenen glücklichen Völkern, die keine Geschichte haben, der einjährige Durchgang durch diese friedliche kleine Klasse mit ihren Erholungen in einem besonderen kleinen Hofe, der die Überwachung erleichterte, die im Grunde eine beständige war, – daß, sage ich, jawohl! diese Periode vielleicht die einzige in meinem Leben ist, deren ich mich am allerwenigsten erinnere. Wie ich mein Gedächtnis auch durchsuchen mag, sehe ich in jener Ferne nichts, durchaus nichts, nichts von ihrem gewohnheitsmäßigen Verlauf, geschweige etwas Hervorspringendes; ein gänzlicher Ausfall in meinen Erinnerungen, wenigstens denen, die in etwas der Erwähnung wert wären im Zusammenhange dieser gerade mit den kleinen Dingen sich beschäftigenden Überschau eines an Nuancen reichen Lebens …

Und nun will ich diesen Bericht wieder von dem Zeitraum an aufnehmen, der von meiner ersten Kommunion bis zum Eintritt in das Lyzeum reicht. Man führte uns zur Messe in eine mitten in der Rue de Clichy gelegene provisorische Holzkirche, die noch auf ihren Bau wartete, man weiß: die »elegante« Trinité gegenüber der Chaussée d'Antin. Zur Katechismusstunde wurden wir in die Rue de Douai geführt, in der Nähe des Platzes Vintimille, der damals für das Publikum geschlossen und mit einer weißen Marmorstatue Napoleons I. geschmückt war, die eines Nachts eine üble Verunglimpfung erfuhr –, in eine inzwischen, wie ich wenigstens glaube, verschwundene Kapelle.

9

Häßlich beide, Kirche und Kapelle. Diese mit ihren mit roten und hellgrünen Wasserfarben bemalten romano-gotischen Säulen, ihrem gotisch-romanischen gleicherweise aufgeputzten Altar, ihren kleinen, niedrigen Altärchen, allzu armselig anspruchsvoll, unter einem schablonenhaften Epinaler Kirchenfenster und an den vom Schimmel und von Farben, wie sie ein kleiner Krämer verkauft, grünlichen und rötlichen Wänden hin ein Kreuzesweg, unterzeichnet … Rue de Bonaparte; – die andere und ihr Kreuzesweg gezeichnet – Rue de Saint-Sulpice, mit ihren Aufgeboten, ihrem Altar, ihrer Kanzel, alles in mehr oder weniger häßlichem Gelbbraun ihrer mietszimmerähnlichen Decke, das Ganze ein Verfall, der den Schein der Ansehnlichkeit bieten will; hier und da ein samtener Betstuhl für die Mamas, und verschiedene farbige Strohstühle nach belgischer Art für die Papas und die Herren vom Klerus, die Mamas, Papas und Herren Geistlichen, die beiwohnen wollen der reichlich zugeteilten geistlichen Unterweisung ihrer teueren Nachkommenschaft, zarten Schäflein – und was für welcher! –, einiger Jungen wie ich, die damals, ich sage es mit so viel Bescheidenheit wie Recht, fast noch unschuldig waren oder, wenigstens zur Hälfte, noch nichts von Sünde wußten, der »schlimmen Sünde«, dem »unreinen Laster« – und eines Haufens von Bengeln schon vom Laster angesteckt, zur Hälfte schon in der Blüte ihrer zwölf Jahre geknickt, ironisch, ohne Glauben, die nach der Melodie des »Heiliger Geist, kehr bei uns ein« sangen: »Ah, wenn du meinst, daß ich dich lieb!«

Häßlich beide, Kirche wie Kapelle. Abscheulich und garstig ihrer Mehrzahl nach diese »Schlingel«, von denen ich noch einer der naiven und liebenswürdigen war.

Und was soll ich von der Unterweisung selber sagen? Sie war ungefähr wie die stille Messe, die wir Sonntags in aller Frühe in der engen, provisorischen Kirche der Rue de Clichy hörten, in einem Winkel zusammengedrückt, der die Taufkapelle vorstellte –: korrekt, nüchtern, und nicht zu lang die Messe.

Mir für mein Teil, ich versichere mit aller Entschiedenheit, genügte das alles wahrhaftig nicht, der ich, ohne Fanatismus, von Eltern erzogen, die zwar nicht Frömmler, aber einer für bürgerliche Kreise mehr als verstandesgemäßen Religiosität ergeben waren, ein Gefühl besaß für die Schönheiten, oder vielmehr wahren Beseligungen des christlichen oder vielmehr katholischen Glaubens, und der ich nach einer langen, in Verirrungen jeder Art und starken Verfehlungen hingebrachten Zeit eines selig unseligen Tages meine bedrohte Seele in Versen erströmen lassen sollte, die man bemerkenswert zu finden geruht hat.

Und meine erste Kommunion war »gut«. Zum erstenmal empfand ich damals dieses fast physische Ereignis, das alle, die an der Eucharistie teilnehmen, kennen: die durchaus wirkliche göttliche Gegenwart in einer lauteren Hingabe an das Sakrament. Man ist geweiht, Gott ist da, in unserem Fleisch und unserem Blut. Die Zweifler sagen, daß das nur der Glaube in der Einbildung erzeuge. Nein! Sondern die Gleichgültigkeit der Gottlosen, die Kälte der Ungläubigen ist, wenn sie mißbräuchlich die beiderlei Gestalten einnehmen, nur die Folge ihrer Sünde, die zeitliche Strafe des Frevels … Meine Generalbeichte war eine peinlich genaue gewesen. Ich erinnere mich, daß ich mich des Diebstahls anklagte, weil ich bei einer Krämerin der Rue des Dames aus Versehen für einen Sou zwei Heiligenbilder anstatt eins entgegengenommen hatte. Das war gut, nicht wahr? Nun und als ich am Nachmittag jenes Tages, der nach Napoleon I. der schönste im Leben ist, von der Hand des unglücklichen Bischofs Sibour, der kurz darauf von einem ausgestoßenen Priester ermordet werden sollte, konfirmiert und von der Mutter eines Kameraden, den ich von der Katechisation her kannte, zum Tee eingeladen worden war und es sich fand, daß ihr verstorbener Mann bei der Artillerie gedient hatte, sagte sie zu mir: »Aber wenn Ihr Herr Vater pensionierter Genie-Hauptmann ist, so muß er ja meinen armen Mann auf dem Polytechnikum gekannt haben.« Und ich, der ich wußte, daß mein Vater, der übrigens selber Sohn eines Notars war und der als kleiner Kanzlist des letzteren sich mit sechzehn Jahren für den französischen Feldzug hatte anwerben lassen und dann sehr schnell den Offiziersgrad in einem Korps erreicht hatte, wo man dieselben Kenntnisse brauchte, wie man sie auf der Schule erwirbt,– ich antwortete »O ja, gewiß!« Diese garstige, gemeine, schwere Lüge bedrückte mich einige Zeit; worauf ich aber, um mit meinen religiösen Ansichten von damals zu enden – o Schwäche der menschlichen Natur! ein Kind von zwölf, nachher dreizehn Jahren! –, das Jahr drauf, gelegentlich der Wiederholung meiner ersten Kommunion, mit anderen Taugenichtsen von dreizehn Jahren – ich wiederhole es mit Absicht! – mich zu beichten weigerte. Ihr seht wohl, junge Gymnasiasten von heute, was wir jungen Freigeister damals »taugten«!

Lassen wir, um später vielleicht darauf zurückzukommen, diese Dinge, die ja wieder gutgemacht werden können, – denn sie wurden ja auch in späteren Jahren wieder gutgemacht, merkwürdigerweise sogar schon damals und nachher.

Der Tag meines Eintritts ins Lyzeum folgte gleich auf den meiner ersten Kommunion. Obgleich weniger feierlich, war auch er wichtig. Man denke doch: es handelte sich darum, jetzt Lyzeumschüler zu sein, »Studien« zu machen, in der Pension zu den Mittleren zu gehören, – und die Pension hatte eine Uniform ganz so wie die Lyzeen der Pensionatszöglinge, denn der Vorsteher hielt darauf, daß seine Zöglinge in einer Uniform zum Lyzeum gingen (das Lyzeum selbst hatte keine).

Außer Sonntags und Donnerstags begab man sich zweimal des Tages ins Lyzeum. Ich sehe »uns« noch in langer Reihe die Rue Blanche hinabgehen, wobei wir mit großen Schritten die Rue Saint-Lazare mitnahmen und uns durch das Schülergedränge des kleinen Nordendes der Rue Caumartin hindurchwanden, die uns gegenüber der plumpen, »monumentalen« Pforte, zwischen ihren nicht minder monumentalen, mit Löwenköpfen »verzierten« Springbrunnen ein Ziel setzte. Sie hätten verdient, die Löwenköpfe, die des Instituts zu sein, da sie, wie ihre gelehrten Kollegen, Wasser spucken oder speien sollten (wie man will), aber meist trocken blieben.

Ich war für die siebente Klasse bestimmt … Ich trat bei Vater Robert ein, einem bejahrten Manne, der lebhaft wie ein Blitz war und kräftig den Bakel zu schwingen verstand. Damals trugen die Lehrer Amtsrock und Barett, und die Gebete vor und nach dem Unterricht – das letztere beim Schall der Trommel, die auf dem Hofe von einem Knaben geschlagen wurde, den man, wenigstens zu meiner Zeit (warum?), Luntensauger nannte – waren lateinische: Veni, sancte Spiritus … Sub tuum … Ich begann, wie ich, mit wechselndem Eifer und Erfolg, enden sollte, als ein fauler Schüler; ein schlimmes Wort mit weitem Sinn und im Grunde eher mild als abstoßend, und die Züchtigungen blieben mir seitens des ausgezeichneten Lehrers nicht erspart. Das Latein machte mir noch einigermaßen Vergnügen, aber die Mathematik (o diese Regeldetri! ich verstehe sie weniger als je, obgleich ich sie ein wenig besser beurteile als damals!), die Geschichte (die Daten!), die Geographie (die Namen!) langweilten mich gründlich.

Der Erste der Klasse war immer Monsieur Marius Sépet, ein Mensch mit einem dicken, boshaften Strubbelkopf. Ich pendelte zwischen fünfundzwanzig und dreißig oder fünfunddreißig.

10

Es scheint, daß das Mobiliar der Lyzeen sich verbessert hat. Zu meiner Zeit war das des Bonaparte außerordentlich primitiv. Allerdings war es ein Lyzeum für nicht in der Schule wohnende Schüler; immerhin ist das doch aber kein Grund, Söhnen von Leuten, die schweres Geld dafür zahlen müssen, derartige Amphitheater von bloßen Bänken ohne Tische davor zu bieten, und mit Rücksicht auf andere Bequemlichkeit etwas weniger als nichts. Vor aller Welt spreche ich hier mein entschiedenstes Mißfallen an den unterschiedlichen Regierungen aus, seien sie republikanisch oder monarchisch und vice versa, die es für ihre zukünftigen, durch ernstliche Geistesbildung hervorragenden Männer bei derartigen Sitzen bewenden lassen. Sieht mans nicht vor Augen? Den Hintern, um es beim rechten Namen zu nennen, wie auf einer Arrestpritsche in einem Wachtlokal; Brust und Schulter gegen die Knie gebogen, wo irgendeine Schreibunterlage, so gutes gehen wollte, einen griechischen oder lateinischen Text aufnehmen mußte. Sogar das Katheder des Lehrers war ein Meisterwerk an ungeheuerlicher Unbequemlichkeit … Dies vorausgeschickt, wenden wir uns jetzt in aller Eile, bevor ich zu dem Hauptgegenstand dieser aufrichtigen Zeilen, zu mir zurückkehre, den braven Leuten zu, die mir das wenige einpaukten, was ich irgend an klassischen Kenntnissen besitze. Alle waren, was ich jetzt mit aller teuer genug, immerhin auch mit so etwas wie einem Namen erworbenen Gemütsruhe sagen darf, tüchtige Leute, überzeugter als unser Durchschnitt von heute, der ein etwas gekünstelter Schlag ist, wenn auch sicher von ebenso guter Durchbildung – außerdem den jungen Leuten, die ihrer Fürsorge anvertraut waren, gegenüber weniger vertraulich, was mir mehr wert ist –, als die Modernen, welche die Rue d'Ulm in die Welt schickt. Aber tut nichts! Zu drei Vierteln welche Typen, diese vortrefflichen Leute, selbst aus der Entfernung, und aus welcher Entfernung auch immer!

Ich will das Verzeichnis kurz fassen und niemand von den wenigen noch Überlebenden, die dazu gehören, betrüben. Aber trotzdem, aber nichtsdestoweniger, trotz allem und allem und einigen Erwägungen, die mir Zurückhaltung auferlegen möchten, gestattet mir, ich bitte, ein kleines Lächeln, wenn ich mir, im Grunde ja mit Neigung, diese Lehrer unserer Jugend vorstelle, diese seltsamen Produkte von was für einem Haufen politischer Revolutionen, die im Ernst gesprochen nicht gerade jedesmal so ganz auf Patriotismus abzielten, als unglücklicherweise vielmehr auf eine allgemeine Verringerung desselben!

In der sechsten Klasse, wo ich (ich sage wo, gebrauche die örtliche Bezeichnung!) auf derselben Bank mit einem gewissen Hayem saß, war Herr M..., dieser brave Herr M..., der zwischen zwei Diktaten und vier oder acht oder zehn Korrekturen, während er auf die künftigen Schularbeiten, die er aufzugeben hatte, blickte, mit der Zunge über den Mundleim hinfuhr; in der fünften Herr P..., in gewaltigen Galoschen, ein wenig zaghaft (denn war er nicht so ein bißchen »republikanisch«-kaiserlich in diesen Zeiten des Kaisertums?), in gewaltigen Galoschen sag ich, Bartkrause à la Jules Favre, seiner Klasse gegenüber gleichgültig; in der vierten Herr V..., der die schnurrige Gewohnheit hatte, bei jeder Strafarbeit, die er verhängte, sich mit dem Finger unter der Nase hinzufahren; in der dritten ein Herr Réaume, der, glaub ich, irgend etwas bei Lemerre herausgegeben hatte, und der mich, vielleicht mit Recht, nicht leiden konnte und der eines Tages, als wir aus der Tiefe des Klassensaales hervor, dessen Olanstrich ganz abscheulich roch (es war im Juli, alle Türen und Fenster standen offen), die Anstrengungen einer zu Boden gefallenen Schwalbe beobachteten, die sich wieder erheben wollte, ganz spontan, ob er wollte oder nicht, – zu uns sagte:

»Die Langeweil entsprang eh univer...sitätlich«; Im Text: »L'ennui naquit im jour de l'uni … versité«. Das Wortspiel ließ sich leider im Deutschen nicht besser wiedergeben. in der zweiten Herr Parrens, der Geschichtschreiber des Hieronymus Savonarola und anderer Väter Hyazinth, der mich, hat man mir gesagt, verabscheute und mich, hat man mir kürzlich gesagt (mein Gott, warum?), noch immer verabscheut; in der Rhetorikklasse Herr Durand mit seinem Gebiß und seiner Perücke, so stolz auf diese Zierden:

»... Empto dente ferox et crine venali«;
(»... Wild, mit erkauftem Gebiß und käuflichem Haarwuchs«);

Herr Deltour, heute, glaub ich, Inspektor der Akademie, Autor der »Feinde Racines«, ein erlesener Geist, nachsichtig gegenüber meiner Trägheit, unerbittlich streng aber gegen meine Versübersetzungen aus Properz, unter denen unter anderen ein … Sonett war, dessen Ende – in cauda … – diese Feinheit bot:

»Der niedre Tisch von Eichen-, das Bett von Nußbaumholz«;

in der Rhetorikklasse ferner, und früher, glaub ich, in der zweiten, Herr Desjardins, Geschichtslehrer, sprach sehr anziehend und beredt von den Merowingern; und Herr Camille Rousset, der uns manchmal Bruchstücke aus seiner »Geschichte von Louvois« vorlas, mit seiner groben Stimme, der kleine, so lebhafte Mann.

Um diesen Abschnitt meiner »Beichten«, der es mit dem Unverstand und der Langeweile des sonderbaren Unterrichts zu tun hat, den man zu meiner Zeit den Kleinen der Bürger erteilte, abzuschließen, wollen wir uns jetzt, in Erwartung von wohl schlimmeren Dingen, meinem Übergang zum Bakkalaureat zuwenden.

Hier, mit all ihrer Pracht, diese Sache:

Die alte Sorbonne, schwarz wie die Tinte der lateinischen Abhandlung, wurmstichig wie der Stil der französischen Dissertation … und so erbarmungswürdig dem ausgezeichneten Oxford gegenüber abfallend …

Oxford, auf das ich in Frankreich nie veröffentlichte »Unveröffentlicht« zur Zeit des Erscheinens der »Beichten«; diese Verse finden sich im ersten Bande der »Oeuvres Posthumes«. Verse gemacht habe, die ich hier gebe, weil sie einen meiner neusten (1893) »Seelenzustände« zum Ausdruck bringen:

Oxford

Oxford ist eine Stadt, die war mir Trost und Hort,
Der treulich je geliebt das Mittelalter dort.

Mag sein, in diesem Punkt hats keine Schwierigkeiten
In diesem Land der Baukunst aus fossilen Zeiten;

Das ist die Weise dort, die keinem Spotte weicht, –
Doch Oxford pflegt die Kunst, an Echtheit unerreicht;

Doch Oxford ist fromm, wärs Schein gleich mehr als Wesen,
Und seine Wissenschaft ist Kleinodwerk erlesen,

Hat feiner Bildung Zier, ist bezaubernd ganz;
Es krönt der Himmel hier mit edler Würde Glanz

Das Wissen und das hoher Hingabe nötge Schweigen,
In dem sich das Problem muß der Weisheit neigen,

Der Weisheit, die uns not, und jenem milden Verstand
Den der Gottesdienst ins Gebet gewandt.

Unter altersgeweihten romanischen Pfeilerbogen,
Und Heilsapotheosen, von gotischen Ranken umzogen,

Heiligen, treuverehrt, trotz dieses Zeitlaufs Spott,
Schmilzt auch mein Herz in Demut, fleht mein Sehnen zu Gott,

Mich zu erneuen, fern von deinem eitlen Ruhme,
Stadt, die sich brüstet mit ihrem Heidentume,

Paris, verloren Kind! dessen Afterwitz
Sich wähnt in heilgen Siegels und allen Wissens Besitz –

Erneut zu sein und, ob auch Niedrigster von allen,
Aus welcher Gnade gleich, dem Herrn ein Wohlgefallen,

Trotz allem dazustehn in starker Gottesruh
Wie, bezauberndes und denkwürdiges Oxford, du!

Ich verbrach in diesem Hörsaal, der so schmutzig war, daß man sich sein ganzes Lebtag abbürsten möchte, eine lateinische Abhandlung und eine französische Dissertation, die ich heute wiederhaben möchte, um sie als Autographen zu verkaufen.

Am nächsten Tage gegen sieben Uhr kehrte ich voller Unruhe in diesen schwarzen, schlecht gepflasterten Hof zurück und drückte die Nase, ohne Hoffnung, an den Anschlagszettel der »Angenommenen«.

Ich war angenommen!

11

Am nächsten Tage neues Examen, neue Aufregungen, diesmal unmittelbarere. Es handelte sich um das Mündliche, will sagen: vor Richtern im langen Amtskleid, wie die anderen vom gemeinen Recht, zu erscheinen, die, wenn nicht strenger, so doch peinlicher und weniger bündig waren als diese. Hier mußte man richtig und genau antworten, manchmal mit endlosen Einzelheiten. Kein Alibi, auf das man sich berufen, keine geschickten Ausreden, die man mehr oder weniger unbestimmten Fragen entgegensetzen kann, – und kein Advokat.

Meine Antworten in der Geschichte erfolgten ohne Schwierigkeit, meine »Nummer« zeigte einen Vergleich zwischen Cäsar und Pompejus an, diese Eselsbrücken, die ich in aller Eile und ohne Zaudern überschritt und ohne Stocken (ich hatte mich – der liebe Gott weiß, warum? – unter der Fürsorge meiner beiden ausgezeichneten Lehrer Ernest Desjardins und Camille Rousset, gerade für den Kampf dieser Triumvirn in ganz besonderer Weise interessiert), und einige kurzgefaßte Betrachtungen (!) über die Regierung Ludwigs XIII. Hatte mich die im wohlwollenden Schatten des Klassenpultes erfolgte Lektüre der »Drei Musketiere« nicht besonders lebhaft auf siegesgewisse und siegende Antworten vorbereitet?) Was also die Geschichte, dies zu jener Zeit so schreckliche »Einpauk«-Fach, anbetraf, so erreichte ich ohne jede Anstrengung eine gute Nummer. In der Literaturabteilung, in der ich glänzte, prüfte Herr Mezieres, der gegenwärtig der Akademie und der Kammer angehört und der mich über Boileau und Bossuet befrug. Nun, hier war ich scharf beschlagen. Wieder Nummer Eins. Und glücklicherweise gute Nummern im Lateinischen: Cicero, Titus Livius (wer prüfte mich?), und im Griechischen, wo der ausgezeichnete Vater Haze, der mit Egger erste Hellenist von damals, meinen recht stotternden Erklärungen eines sophokleischen Chores und einer Periode des schwierigen Demosthenes gegenüber viel Nachsicht zeigte.

Aber wo die mäßigen Nummern und in etwas auch die schlechten überwogen, das war die wissenschaftliche Abteilung. Die Arithmetik bereitete mir noch nicht so besonders viel Schwierigkeiten; die Geometrie, in der mich mein Vater außerdem mit speziellen Repetitionen des Vater Pointu (Punkt U), des wissenschaftlich sehr beschlagenen Bruders des sehr literaturbewanderten Vorstehers der Pension L... hatte vorbereiten lassen, brachte mich infolge meines bezüglich des X mittelmäßigen Wissens in nicht geringe Gefahr zu kippen. Aber in der Physik war mein Abfall ein denkwürdiger.

»Wollen Sie mir, Herr, die Erklärung der Saug- und Druckpumpe geben,«

Das sagte Herr Puiseux, ein gefürchteter Gelehrter, rothaarig wie David, mit behaarten Fingern und viereckigen Fingerkuppen, der, ach! mit einer sehr autoritativen Stimme sprach.

Und ich antwortete:

»Mein Herr, die Druckpumpe ist eine Pumpe, die drückt, und die Saugpumpe ist eine Pumpe, die saugt.«

Es wurde mir kundgegeben:

»Sehr gut, Herr.«

(Eine Zustimmung, die Nummer Ungenügend einschloß.)

Und so wurde ich beim Mündlichen fürs Leben – Bakkalaureus.

Allerseits Überraschung – vorerst vor meinem inneren Gerichtsstuhl, dann in der Pension, und besonders wohl bei meinen Eltern, jedenfalls aber Freude.

... Jetzt aber wende ich mich zu meinen Schülerjahren zurück, mich dem Tadel der Scheinheiligen auszusetzen, wie der unheilige Jean-Jacques gesagt hat, und ohne meinen schwachen Zeitgenossen gegenüber abschwächende Umstände beizubringen.

Die Sinnlichkeit ergriff mich also, brach über mich herein, zwischen meinem zwölften und dreizehnten Jahre. Und das dauerte acht Jahre.

12

Um mich der Enthüllungen, auf die ich jetzt eingehen muß, gewissenhaft zu entledigen, muß ich auf meinem Lebensweg etwas weiter zurückgreifen und noch einmal von meiner allerersten Jugend handeln; ach, wie ganz anders als in den Kapiteln, die dem vorletzten unmittelbar voraufgehen! Auf die gleichsam himmlische Unwissenheit der ersten Kommunion und das durch sie in gewissem Betracht erneute Unbewußtsein des Schlechten, das mir noch eignete, mußte, gleichlaufend mit dem wachsenden Unglauben, ja diese törichte und infolge ihrer traurigen Ohnmacht um so schlimmere Sinnlichkeit folgen … bis zum frühzeitigen Ausbruch einer unnatürlich frühreifen, auch ihrerseits nur um so schlimmeren Mannbarkeit.

Zu diesen mit Gewissensbissen vermischten Schwächungen kommt, wenn ich es so ausdrücken und mich so denunzieren darf, das im übrigen so ganz kindische Erwachen des Literaten hinzu, der zu werden mir bestimmt war … denn es ist offenbar, daß ich dazu bestimmt war, ein solcher zu werden! Und man wird hier den kleinen Büffler erkennen, der ich trotz allem zwischen meinem dreizehnten und vierzehnten Jahre war. Meine »Gewissensbisse« erübrigten außerdem, wenn ich jetzt daran denke, nicht, im Grunde manchmal recht ergötzliche zu sein. Wenn mein Beichtvater mit Bezug auf das berühmte sechste Gebot, dessen ganz hohe und heilsame Wichtigkeit ich viel zu sehr und viel zu spät würdigen sollte, mir die Leviten las, so hatte er die Gewohnheit, mir, wenn mich der Teufel versuchen würde, das Gebet anzuempfehlen, vornehmlich aber das Gebet mit gefalteten Händen. Ach, ich faltete sie ja, nach bestem Vermögen, das nicht immer das beste war, worauf es angekommen wäre, und das nicht möglichst lange anhaltende – meine schwachen Hände …

Der Literat, oder wie wir, wenn es gestattet ist, lieber sagen wollen: der Dichter, erwachte in mir genau in diesem so kritischen vierzehnten Jahre, so daß ich sagen darf, daß in dem gleichen Maße, in dem meine Pubertät sich entwickelte, auch mein Geist sieb gestaltete. In welcher Weise, davon mögen die folgenden Zeilen einen Begriff geben … Meine erste oder, genauer gesagt, meine allererste Lektüre war – abgesehen natürlich von klassischen Büchern wie »Gamiani«, »L'Enfer de Joseph Prudhomme«, »L'Examen de Flora« und »Oeuvres sécretes de Piron« –: »Les Fleurs du Mal«, erste Ausgabe, die ein Repetent auf seinem Katheder hatte liegen lassen und die ich mir unbedenklich aneignete. Es versteht sich von selbst, daß ich von dieser meinem Lebensalter so weit abliegenden Poesie keinerlei Vorstellung hatte, das ohnehin mit den auf das bedachteste »ausgewählten Stücken« gesäugt war … Selbst der Titel blieb mir lange verschlossen, und ich hatte den Schmöker verschlungen, ohne weiter etwas davon zu verstehen, als daß er von »Perversitäten« handelte (wie man das in den Pensionaten der jungen Damen heißt) und zuweilen von … Nacktheiten, die auf meine junge »Verderbnis« eine besondere Anziehung übten, –so daß ich fest überzeugt war, daß das Buch sich ganz einfach »Les Fleurs de Mai« betitele.

Wie aber auch immer, Baudelaire übte in diesem Augenblicke einen, gewiß vor allem meine kindliche Nachahmung und was man sonst nach dieser Richtung hin will, anregenden, jedenfalls aber tatsächlichen Einfluß aus, der sich mit der Zeit dann nur steigern, klären, logisch festigen konnte …

An einem gewissen schulfreien Tage ging ich, wahrhaftig! zum erstenmal in meinem Leben – denn man fing, nach meinem heutigen Dafürhalten zu spät, damit an, mich allein ausgehen zu lassen – in Gesellschaft eines Kameraden »Bücher aufstöbern«. Ungefähr in der Mitte des Quai Voltaire bemerkten wir bei einem Buchhändler namens Beauvais die »Cariatides«, – und ich gestehe, daß die Lektüre dieser wahrhaft bezaubernden und in ihrer schäumenden Jugend vielleicht noch mächtigeren Verse, als die viel vollkommeneren und reiferen Werke Banvilles es sind, mich auf der Stelle packte, ganz anders noch als die gedrängte Form und strenge Gründlichkeit der »Fleurs du Mal« …

»... bei diesem Schmaus, zu dem aus aller Welt
Sich alle Venusse und Don Juans gesellt«.

Da war, außer vielleicht achtundvierzig überspannten und vielleicht etwas geistlos witzigen und phalansterischen Strophen dieser Art:

»Gesang, Weib, Wein
Im Rauschverein
Schläfern selbst ein
Jehovas Wächterblick;
Und von solcher Haft
Wohlig hingerafft
Spielt alleine Kraft
Prismatisch zurück«,

nichts, das meinem bereits ausgesprochen dem Verwickelten und jener ein wenig dunklen Ausdrucksweise, die man mir, wenigstens hoff ich das heute, mit Unrecht zum Vorwurf gemacht hat, zugewandtem Geschmack nicht lebhaft ansprach. Banville unterdrückte übrigens in den späteren Ausgaben dieses Gedicht, das der so interessante Cabaner in salbungsvolle Musik setzte, der Verfasser von »Pate«, von dem hier ein paar Verse folgen mögen, die sich als bisher unveröffentlichte bieten:

»Dies Pastetchen, wahrlich, nein!
Köstlich ists! In meinem Leben,
Und das will ich schriftlich geben,
Nahm ich kein so leckres ein …

Lieber Johann, komm mal her!
Geh und sag der Bäckerin,
Wie ich ihr verbunden bin,
Mein aufrichtig Kompliment!
Exzellent!
Exzellent!«

Einige Jahre nach, diesen ersten literarischen Eindrücken sollte ich sowohl Banville wie Cabaner persönlich kennen lernen, wie noch viele andere, von denen seinerzeit gleichfalls die Rede sein wird. Was hab ich in dieser Hinsicht (leider! und Gott sei Dank!) nicht alles für Erinnerungen! Man macht mir ja sogar den Vorwurf, es sei Pose und Ziererei von mir, daß ich dergleichen hernähme, woher ichs bekommen könnte, nur allzu ausgiebig, während es sich doch meist nur um eine schmerzliche Befreiung oder, wie zum Beispiel augenblicklich, um peinliche Bekenntnisse handelt … Von meinen literarischen Versuchen will ich nur so viel sagen, daß sie scheußlich waren. Ich habe übrigens, mit Ausnahme einiger Verse und Entwürfe, diese … schlechten Gewohnheiten gleichkommenden Machwerke vergessen. Unter anderem, das ich als eine Art von Masturbation bezeichnen könnte, – denn es war wohl einzig die Frucht (welche Frucht!) meines jeden Zusammenhanges mit gesundem Verstand, Geschmack, Takt beraubten »Intellektes«, – unter anderem erinnere ich mich also meines ersten Entwurfes zu einem Drama über Charles le Fou (Charles VI.), dessen erster Akt (der von einem Maskenball handelt, wo der König halb brennt und anfängt irrsinnig zu werden) sich durch einen orgiastischen Rundtanz auszeichnet, der folgendermaßen anhub:

»Laßt uns saufen, die Beine rühren,
Monseigneur Jesus und
Seine Heilgen balancieren
Der Gehenkten Schlotterbund!«

Soll ich den Leser mit dem Weitergang dieses Dramas bekannt machen? Nein, wahrhaftig, lieber nicht, er wird verzichten. Nur so viel, daß der zweite Akt dem ersten einen besonderen Nachdruck gab und gewissermaßen einen zweiten Prolog bildete, und daß sein besonderer Reiz der sagenhafte Wald war, wo der unglückliche Monarch auf eine Art von Wilden, einen Wilddieb oder ganz einfach einen Betrunkenen stieß, dessen seltsamer und mehr als ungewöhnlicher Anblick ihn sofort endgültig in Irrsinn versetzte. Und dann in den folgenden Akten die Engländer im Anmarsch, der Krieg der hundert Jahre – et caetera desiderantur!

Dann noch, o Gegensatz! der Entwurf eines »Charles le Sage«: König Johann, Etienne Marcel …

Schließlich ein Ludwig XV. in sechs Akten, wo ein Damiens Verübte ein Attentat auf Ludwig XV. D. Übers. mit einer Schwester im Hirschpark vorkommt:

»Das Blut des Volkes schreit nach Rache!«

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Ach, von diesen unschuldigen ersten kleinen Bemühungen in der Kunst muß ich zurückgreifen auf eine auf jeden Fall triebfähige Psychologie oder vielmehr Physiologie.

Es ereignete sich um diese Zeit herum, wo sich in mir die Versessenheit auf Vers und Prosa regte (denn ich verfaßte auch seltsame submarine Novellen, besonders in der Weise Edgar Poes –denn Jules Verne, der übrigens für meine Neugier nie eine besonders große Rolle spielte, war, soviel ich weiß, damals noch nicht erfunden – und, gerechte Götter! was für eine Weise! – und Erzählungen, an denen der Hoffmann der »Serapionsbrüder« einige Freude gehabt haben würde, so naiv hatte ich ihn ausgeplündert), daß sich in meinem … Herzen die Verliebtheit zu regen begann, von der ich schon weiter oben gesprochen habe; und zwar, um das lächerliche Geständnis kurz zu machen, geschah es, daß ich mit Bezug auf einige Kameraden, die jünger als ich waren, nacheinander oder zu gleicher Zeit, ich weiß nicht mehr genau, die hübsche kleine Leidenschaft von der Esplanade von Metz zu empfinden anfing. Nur daß sie jetzt, bei Eintritt der Pubertät, weniger rein war …

»Gerissen war der Schleier vom schrecklichen Geheimnis!«

Immerhin darf in aller Kürze gesagt werden, daß meine »Sündenfälle« sich auf sinnliche Kindereien beschränkten, ja, aber nicht ganz und gar »niedrige« – mit einem Wort: auf Knabenstreiche, die anstatt … einsam zu bleiben, geteilte waren. Es liegt hierin eine Philosophie, besonders aber eine Moral, die ich hier nachher vielleicht noch aufrollen werde. Ach! – aber warten wir eine spätere Gelegenheit ab, um hinsichtlich dieser Art von Ideen und anderen Dingen über noch interessantere Enthüllungen zu handeln, und sprechen wir – nicht wahr? – lieber wieder von der Literatur, der Literatur des heranwachsenden jungen Menschen, von der zusammengedrängten Geschichte, hör ich sagen, meiner Berufung, von den Monaten der die Jahre der Ausbildung und der Erziehung vorbereitenden Lehrzeit.

Ich war sechzehn Jahre alt und saß in der Sekunda und hatte leidlich so ungefähr alles gelesen, Dichtung, Romane, von Paul de Kock bis Paul Féval, von Alexander Dumas bis Balzac, Reisebeschreibungen, Übersetzungen, alles in meinem Pult, die »Misérables«, die eben erschienen waren, einem Lesekabinett der Passage de l'Opéra entliehen, – und ich hatte schon mehrere Stücke, die kindisch »wildesten« und ungebärdigsten, zur Niederschrift gebracht, alle »Poèmes Saturniens«, so wie sie 1886 erschienen, anderer »Gedichte« nicht zu gedenken, die ein besserer Geschmack mich nachher aus diesem meinem ersten Buche ausmerzen ließ. Ich sagte im vorigen Kapitel, daß ich von diesen Versen ihrer zu großen »Jugend« halber keinen hier veröffentlichen würde. Aber dann, nachdem ich – ich weiß eigentlich, geradeheraus zu sagen, nicht warum? – meine Absicht geändert, habe ich in dem noch immer bis zum Überfluß beträchtlichen Rest meiner ehemals unzähligen Papierwische und was für einem Durcheinander! gestöbert, um wenigstens von meiner damaligen »Manier« eine gewisse Vorstellung zu geben. Ich habe nichts, und schon weniger als nichts, von diesen Versuchen gefunden, obgleich sie doch kaum weniger Interesse verdienten als die »Poèmes Saturniens« in der Gestalt, in welcher sie in der ersten Sammlung zeitgenössischer Dichter in den letzten Monaten des Jahres 1867 bei Alphonse Lemerre erschienen.

Nur zwei Sonette haben diesen übrigens kaum zu bedauernden Schiffbruch überstanden, das eine wurde vor etwa zwei Jahren, gelegentlich einer Vortragsreise, wenn ich nicht irre, in einer Lütticher Zeitschrift veröffentlicht. Welcher Kuckuck hat diesen vorjährigen Raben aus dem Nest geholt? Es betitelte sich »Enterrement« Nachzusehen im ersten Band der »Oeuvres Posthumes«, Seite 10., und der erste Vers lautete:

»Gibts was Fideleres als ein Leichenbegängnis …«

Das andere wurde vor kurzem in der Chronik eines Abendblattes durch irgendeinen »Pégomas« Unterzeichneten veröffentlicht, dem ich für seine gute Absicht meinen Dank ausspreche; es ist seiner Form nach noch naiv und doch schon etwas raffiniert. Ich saß, als ich es schrieb, in der Sekunda, wie der in Rede stehende Chronist, der, glaub ich, mein Mitschüler am Lyzeum Ronaparte war, erwähnt. Hier das merkwürdige Stück:

An Don Quichotte

(Ich glaube sogar, daß, der besseren Lokalfarbe wegen, im Manuskript sich der Don Quichotte befand.)

O Don Quichotte, großer Zigeuner, alter Held,
Martyrium war dein Tod, ein Heldenlied dein Leben;
Mag grinsen auch die eitle, abgeschmackte Welt:
Nicht schmälern Mühlenflügel dein königliches Streben!

Hoch auf deinem phantastischen Roß, das ich liebe,
Getrost voran, voran, du, den sein Glaube feit,
Großer Nachlesehalter hochgemuter Triebe!
Ach, noch beugt man das Recht, mehr als in alter Zeit!

Hurra!

(Heute, wo ich besser beraten bin und wo es so liegt, daß mir die Lokalfarbe mehr zusetzt als in jener Zeit meiner ersten Anfänge, möchte ich diesen allzu britannischen Ausruf durch das passendere »Ollé« ersetzen.) Aber also:

Hurra!

weil nun schon mal »Hurra« dasteht!

Verbenenumkränzt das im Gottsturm flatternde Haar,
Folgt dir der Dichter tiefgeweihte Schar,
O leite du den Ansturm ihrer hohen Gesichte!

Und bald soll frei das Banner göttlicher Gedichte
Trotz frevlerischen Hochverrates feiler Zunft
Wehn überm kahlen Scheitel armseliger Vernunft!

Es war da auch eine – o so unbewußt schamlose, o so klägliche! – Nachahmung der »Petites Vieilles« von Baudelaire, die, es steht zu fürchten, für immer unter dem Zeug verschwunden sein muß, wie sie sich ganz und gar aus meinem Gedächtnis empfohlen hat, und die mit folgendem Vers und folgenden beiden Halbversen, von denen der eine vom anderen durch ein Viertel und die Hälfte eines Hexameters getrennt ist, anfing:

»Täglich auf der Straße geschah es meistenfalls,
Daß ich auf Greise und Greisinnen stieß
......mit langem Kranichhals.«

Und schließlich ein »Crepitus« (sein Vorgänger der so drollige Flauberts), eine Art pessimistischer Kundgebung, wo, nach intimerer Beschreibung der Abortgrube, in einem übelduftenden Brodem übernatürlich der »Gott« erschien, um eine recht bitter unverblümte und äußerst verachtungsvolle Rede gegen die Menschheit, die doch seine Mutter ist, zu schwingen. Auch hier hab ich bloß noch die beiden ersten Verse dieses langen, vielleicht allzu langen Ergusses der wunderlichen Gottheit im Gedächtnis; aber sie haben was, diese Verse – nicht?

»Der Adamastor bin ich der Kommoditäten,
Der Zeus der Aftergegend …«

Es ist wohl Zeit, daß ich mit dieser Sorte übrigens noch gelinder Zitate aufhöre und, wenns dem Leser gefällt, die sogenannte Marschroute meiner Fortschritte in der dichterischen Ausbildung, wenn von einer solchen die Rede sein kann, wieder aufnehme.

Wißt ihr, wer nach Baudelaire und Banville (abgesehen natürlich von Victor Hugo, den ich damals, alles in allem, mehr bewunderte als liebte; betreffs Lamartine und de Musset und anderer, später zum Beispiel Vigny, wüßte ich mir keine bestimmtere Rechenschaft zu geben) wißt ihr also, wer auf meine damals schon durchaus entschiedene Berufung (Erzieher, ja Erzieher, und gleichzeitig in gewisser Hinsicht Komplizen) mit besonderer Macht, ja bei der ersten Begegnung unwiderstehlich und auch im weiteren Verlauf ganz ohne weiteres, mit rauher, harter, aber stets unwiderstehlicher Mühelosigkeit einwirkte?

Der Leser erinnert sich jenes Buchhändlers vom Quai Voltaire, von dem ich oben sprach und bei dem ich die erste Bekanntschaft der »Stalactites« des Zauberers Banville machte … Also dort war es auch, wo sich mir das wunderbare Erstlingsbuch von Albert Glatigny, die »Flèches d' Or«, erschloß, nur ganz kurz bevor ich »Philoméla« las, die so anmutig und zugleich doch so genial die ersten Anfänge Gatulle Mendès bezeichnete.

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Also Glatigny, dann Mendès übten auf meine aus unmittelbarem Trieb kameradschaftliche Geistesrichtung, um das weiter oben gebrauchte, schließlich doch zu starke Wort Komplize abzumindern, die Herrschaft, deren es bedurfte und die mir die Freude vermittelte, durch das Urteil derer, die meine Altersgenossen oder doch so gut wie Altersgenossen waren, mich bestätigt zu sehen.

Und warum nicht – da es sich doch so fügte – solches Zugehörigkeitsgefühl zu den Gleichen, an dessen Bestehen ich seitdem glaubte, zu den bewunderten Gleichen?

Bewunderten, ja, und noch mehr geliebten.

Denn welcher Kamerad war mir unter der Voraussicht, daß er nicht minder mein Freund würde, Catulle Mendès, und welcher Freund wurde mir, bevor er mir solcher Kamerad war, auf der Stelle Albert Glatigny?

Dies und jenes, ohne daß ich weder den einen noch den andern dieser Geschwisterlichen in Person kannte, aber empfunden, wenn ich, wie mein, ach! schon längst vergessenes Abend- und Morgengebet, mir Versstellen vortrug wie etwa diese:

»Wie schön den Tag Alinchen ihr grün Hütlein stand!
Es rasselte weit drüben blankes Küraßgewimmel …

— — — — — —

Wie herrlich der braunen Jungen blitzende Frontwand,
Gut ist das Leben, doch im Tod erst kommt der Himmel,
Und tobt rings um dich her grauses Schlachtgetümmel,
Wird Murat, Canrobert der Glücklichste genannt.

— — — — — —

Marsch! ruft mir lachend zu mein reizender Obrist.«

Man sieht wohl, daß es wirklich etwas für sich hatte, sich von ganzem Herzen diesem jungen und schon so schönen Talente hinzugeben.

Was Glatigny anbetrifft, so mag mir gestattet sein, noch bei ihm zu verweilen, um dann später noch eingehender auf meinen nicht minder berühmten und, ich hoffe, lange überlebenden »Waffengefährten« zurückzukommen.

So ist das richtige Wort, denn es war zu unsrer Zeit Mode, herausfordernd zu sein, und wir hatten noch etwas von dem Blut der Petrus Borel und jener Philothée O'Neddy, die unter uns aussterben würden, wenn es nicht noch junge Leute gäbe, die, obwohl Vierziger und Fünfziger, noch den Teufel im Leibe haben!

Dieser Glatigny! Sein Buch »Les Vignes folles«, das alle Kühnheit, all den großen, schönen französischen Schwung erschöpfen würde, wenn man sie nicht, Ponchon, in noch ganz anderer, nicht weniger entschiedener Form anträfe. Seine Komödie »Vers les Sautes«:

»Da habt ihr mein Herz! Wer wills? Ich mags nicht mehr!«

Seine »Joyeusetes galantes« mit ihren Heimlichkeiten und versteckten Flausen:

»Wir bieten, lieber Leser, dir die Trümpfe dar
Des trefflichen Poeten, der zu seiner Zeit
Einer der ersten Scherzer … unter Waffen war!«

Übrigens trug er mit Stolz ein herbes Lebenslos, denn alles hat er durchgemacht, wurde sogar von der korsischen Gendarmerie als der Mörder des Präsidenten Poinsot festgenommen, bei welcher Gelegenheit er dem kaiserlichen Staatsanwalt antwortete: »Nun, ich bin weiter nichts als ein Gendarmensohn«, was die Wahrheit war; er, der, als er sich in Gewahrsam befand, sagte: »Gut, mags der Teufel holen!«

Diese Aufzeichnungen sind zu sehr bloß anekdotisch, als daß mein Herz und mein Geschmack allzu lange bei diesem teueren Hingegangenen verweilen dürften, von dem bald nachher noch weiter die Rede sein wird. Was Catulle Mendès anbetrifft, so war er meines Erachtens ein Zauberer, dem ich all meine Huldigung darbringe, ungeachtet eines gewissen Gegensatzes, den ich bei all meiner tiefen Freundschaft gelegentlich nicht verschweigen werde.

Aber das tut nichts. Und Lob diesen beiden Genossen meines jungen – zu jener Zeit so lächerlichen – Elendes; beide nicht glänzender gestellt als ich, obgleich gesagt sein soll:

»Welch armer Teufel Rothschild!
Er kennt ja nicht Lagny:

Nichts macht ihm ja Freude,
Der wahre Reiche ist ein Dichter, heißt: Glatigny …«,

und obgleich der Dichter immer arm ist, mag er selbst Byron, Lamartine oder Tennyson heißen.

Es ist wahr, es gibt einen Homer, einen Chatterton und, unter Vorbehalt der Besseren, fast alle uns Modernen, junge und alte.

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Aber der erste Teil dieser »Notizen« aus meinem Leben neigt sich seinem Ende zu, und es ist an der Zeit, erst noch auf den Zeitpunkt meiner ersten Jugend zurückzugreifen, wo ich meine Bakkalaureatsprüfung bestand, also auf mein siebzehntes Jahr. Besagtes Bakkalaureat (das achtunggebietende Zeugnis hab ich aufbewahrt) war nicht meine einzige – wenn ich mich so ausdrücken darf – Einweihung in die Dinge des Daseins. Schon hatte es das Weib mit mir, oder vielmehr hatte und lockte es meine Träume. Aber wie es anstellen, es zu besuchen oder zu versuchen? Doch benommen wie ich schon war, übrigens ohne mehr Willen dazu als heute – wenigstens glaubt man das – verschaffte ich mir trotzdem die unbeträchtliche Summe und die Auskünfte, deren es zu einer »gehörigen Orgie« bedurfte. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich mit »gehöriger Orgie« den Besuch jener Häuser meine, die, scheints, die Tendenz haben, zu verschwinden und die ich, wäre ich noch gut auf den Beinen und nicht dieser lahme Herr geworden, besuchen würde, so sehr haben mich die anständigen (?) Weiber hinsichtlich der Freuden des Geschlechtes skeptisch gestimmt … Die für meine Absicht unerläßlichen zehn Francs knapste ich dem bescheidenen Monatlichen ab, das mir meine Eltern als Taschengeld gewährten. Irgendeine Schwindelei, die ich meiner Mutter aufband, mußte diese Vorwegnahme zugunsten meiner »Leidenschaft« von dem Budget eines Schülers, der im Begriff war, ein schlechtes Subjekt zu werden, doppelt und dreifach wieder ersetzen.

Der Aufschluß über das betreffende empfehlenswerte Etablissement wurde mir von einem um ein Jahr älteren Kameraden, der F... hieß und, wie ich kürzlich erfuhr, als »Klarinette« am Theater des Folies-Marigny endete. Was diesen Anfang, den ich in der – Galanterie machte, anbetraf, so vollzog er sich in einer inzwischen abgebrochenen Straße, der Rue d'Orléans-Saint-Honoré, mit der auch das betreffende Haus verschwand. Es war ein unansehnliches Haus mit züchtig geschlossenen Fensterläden, das außer seiner Nummer nichts Emphatisches besaß.

Eines Abends machte mir in einem schwach beleuchteten Durchgang eine gewisse unter ihrer »Mantille« stark dekolletierte Dame im Vorbeigehen mit Wärme ein heimliches Anerbieten, auf das hin ich mich schließlich an einem gewissen Mai-Sonnabendabend, wo ich gerade, ganz außer der sonstigen Gewohnheit der Pension, die Ausgang nur Sonntags nach der Messe bewilligte, Urlaub hatte, an Ort und Stelle begab.

Ich wurde in einen in Rot und Gold gehaltenen Salon geführt, der eher das Aussehen eines Provinz-Cafés bot; nur daß er an Stelle der Tische und Bänke Hocker und Ruhesessel enthielt, auf denen mittelmäßig junge, dicke Personen geduldig die Annäherung des Gastes erwarteten. Der Qualm der Zigaretten, die diese Damen, und der Zigarren, die einige Herren rauchten, die ohne Zweifel des Aufmerkens und der Vorsicht wegen hier verweilten, schuf eine dicke Atmosphäre, durch die hindurch ich nichtsdestoweniger eine Schönheit in einem rosa Hauskleid gewahrte, die mir hinreichend angemessen und genießbar erschien, obgleich sie wahrscheinlich weder das eine noch das andere war. Aber ich stand im Alter der Einbildungen …

Die Auserwählte meiner Sinne ließ mich eine mit stumpffarbigen Teppichen belegte Treppe hinaufsteigen, und wir langten in einem Zimmer an, dessen Möbel sämtlich mit billigen Häkelarbeiten und dessen Wände mit aufreizenden, schlechten Lithographien bedeckt waren.

Was ist von der Nacht, die folgte, zu sagen? Absolut nichts! Ich sehe ohnehin, daß ich mich bei dem Gegenstand schon viel zu lange aufgehalten habe. Denn was interessiert es den Leser, ob ich mich bei diesem Abenteuer glücklich gefühlt habe oder nicht? Jedenfalls geschah es, daß ich am nächsten Tage wieder bei meinen Eltern mit einem Gesicht eintraf, das man erschöpft fand und das ich als grau und in die Länge gezogen empfand. Was aber nicht hinderte, daß ich nach einer Pause von einigen Monaten – ich hatte inzwischen die Pension wie auch das Lyzeum Bonaparte als Bakkalaureus endgültig verlassen und meine erste (sie blieb meine einzige) Einschreibung als Student der Rechte bewerkstelligt – mit frischen Mitteln unter kaum besonders angenehmeren und besseren Umständen die Sache wieder aufnahm, die mir diesmal aber besser zusagte als gelegentlich der ersten Erfahrung.

Übrigens setzte ich meine Versuche mit einer Häufigkeit fort, die meine Wißbegier nur steigerte … die heute, wo ich das fünfzigste Lebensjahr überschritten habe, noch immer keine Befriedigung erreicht hat.

Es bleibt mir nur noch übrig, dem Leser für die geduldige Aufmerksamkeit, die er mir bis hierher (wenigstens nehm ich es an) geschenkt hat, und die ich ihn bitte, auch der weiteren Fortführung dieser »Beichten« zu bewahren, zu danken. Diese weiteren »Notizen aus meinem Leben« werden ein zugleich literarisches und … soziales, mehr und mehr gefestigtes Gepräge zeigen, wie es, ach! wohl gegen den Willen meines sonstigen schlichten und vielleicht naiven, komplizierten Menschen, eine immer weniger lichtvollere als erleuchtetere Existenz dieses meines Ichs betrifft …


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