Mark Twain
Eine Hundegeschichte - Übersetzer Thilo Figaj
Mark Twain

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Kapitel I

Mein Vater war ein Sankt Bernhard, meine Mutter ein Collie, ich aber bin ein Presbyterianer. Das hat mir jedenfalls meine Mutter so gesagt; ich selbst kenne mich mit diesen feinen Unterschieden nicht aus. Für mich sind das nur nette, große Worte ohne Inhalt. Meine Mutter hatte eine Vorliebe dafür, solche großen Worte zu benutzen und sie liebte es, wenn die anderen Hunde sie überrascht oder auch neidisch dabei ansahen, und sich vielleicht wunderten, wie gebildet sie war. Tatsächlich war es aber keine wirkliche Bildung, es war nur Angabe: sie schnappte solche Worte auf, wenn sie mit Leuten im Esszimmer oder im Zeichenraum war, auch wenn sie die Kinder in die Sonntagsschule begleitete; und immer wenn sie dabei ein bedeutendes Wort aufnahm, sprach sie es sich wieder und wieder vor, um es auswendig zu können bis zum nächsten Dogmatiker Treffen in der Nachbarschaft, dann würde sie es rauslassen, und alle damit überraschen oder ihnen damit auf die Nerven gehen, gleich ob junger Welpe oder Mastiff, das war ihr Belohnung für ihre Mühen. War einmal ein Fremder anwesend, so konnte man sicher sein, dass er misstrauisch wurde, und sobald er wieder Luft holen konnte, würde er nach der Bedeutung fragen. Und sie würde sie ihm auch immer sagen. Natürlich hätte der Fremde gedacht, er könnte sie dran kriegen, dann aber, wenn sie ihre Erklärung abgegeben hatte, war er es, der vorgeführt worden war; dabei hatte er es genau anders herum geplant. Die anderen warteten jedes mal auf so etwas, waren stolz auf sie und freuten sich; sie wussten aus Erfahrung was geschehen würde. Wenn sie die Bedeutung eines großen Ausdrucks erklärte, waren alle so fasziniert davon, dass es niemandem in den Sinn kam, die Richtigkeit ihrer Erklärung anzuzweifeln. Das war verständlich, denn ihre Ausführungen kamen immer prompt und sie hörten sich an, wie aus einem Lexikon vorgetragen; und überhaupt, wie sollten sie auch herausfinden, ob etwas richtig oder falsch war? Schließlich war sie der einzig gebildete Hund in der Gegend. Irgendwann, als ich schon älter war, kam sie mit dem Wort unintellektuell an, und sie strapazierte es die ganze Woche bei den verschiedensten Treffen, was zu Missmut und großer Unlustigkeit führte. Es war bei dieser Gelegenheit, dass ich merkte, wie sie bei acht verschiedenen Anlässen immer eine neue Definition hervor zauberte, was mir dann endlich zeigte, dass sie mehr Schlagfertigkeit denn Bildung besaß. Ich sagte natürlich nichts. Sie hatte immer ein ganz bestimmtes Wort parat, dessen sie sich gleich eines Rettungsringes bediente, wenn sie Gefahr lief plötzlich über Bord gewaschen zu werden, ein Notfallwort – das Wort Synonym. Es kam vor, wenn sie einen Begriff hervor gekramt hatte, dessen Uraufführung Wochen zurück lag, und dessen vorbereitete Bedeutung bereits in den Papierkorb ihres Gedächtnisses gewandert war, dass ein nun anwesender Fremder, freilich nach der üblichen Besinnungsphase, die Verfolgung aufnahm, während sie ihrerseits schon vor dem Winde und auf einem anderen Bug davon segelte, er dennoch wieder in Rufweite kam und sie aufstoppen ließ, und ich (der einzige Hund, der ihr Spiel durchschaute) sah, wie ihr Segel – wirklich nur einen kurzen Moment – killte, sich dann aber sofort wieder prall füllte und voll stand, und sie sagte, ruhig wie ein Sommertag: »das ist ein Synonym für Supererogation,« oder irgend ein anderes gottlos langes Wortreptil, sodann wendete sie und nahm wieder gelassen Fahrt auf, vollkommen zufrieden mit sich, den Fremden in seiner Beschämung und Schlichtheit zurücklassend, und alle Eingeweihten wedelten unisono mit ihren Schwänzen auf dem Boden, ein fast heiliger, zufriedener Ausdruck lag dann auf ihren Gesichtern.

Mit den Redewendungen war es genau das gleiche. Wenn es sich wichtig anhörte, brachte sie eine komplette Redewendung mit nach Hause und spielte sie uns sechs Abende und zwei Empfänge hintereinander vor, jedes mal mit einer neuen Deutung versehen – das musste sie auch, weil alles was sie interessierte, war das Anbringen einer Phrase selbst, nicht im mindesten, was sie bedeutete, und sie wusste, dass die anderen Hunde sowieso nicht gewitzt genug waren, sie zu stellen. Ja, sie war wirklich ein Prachtexemplar! Sie hatte keine Bange vor nichts, sie wusste um die Unbedarftheit der anderen Tiere. Sie ging so weit, Anekdoten zu erzählen, die sie von der Familie und deren Dinnergästen gehört hatte, und in der Regel packte sie die Pointe eines uralten Witzes in einen anderen uralten Witz hinein, wo sie nicht hingehörte und wo sie auch wirklich nicht hinein passte, und wenn sie zum Punkt kam, schmiss sie sich hin vor Lachen, rollte und wälzte sich, bellte wie blöde, während ich genau sah, dass sie sich eigentlich wunderte, warum das Ganze nicht so witzig rüberkam, wie beim ersten mal, als sie es gehört hatte. Aber keine Bange, nichts war passiert, die anderen wälzten sich genau so und bellten wie sie, wenngleich innerlich leicht beschämt, weil sie den Witz überhaupt nicht verstanden hatten, aber niemals kamen sie auf die Idee, dass das gar nicht ihre Schuld war, sondern dass es überhaupt keinen Witz gab.

An diesen Beispielen sieht man, was für ein oberflächlich und angeberischer Charakter sie war, dennoch, sie hatte ihre Qualitäten, und auch genug davon, meine ich. Sie war sanft und freundlich und niemals nachtragend. Wenn man sie verletzt hatte, verdrängte sie es und vergaß es einfach schließlich; sie lebte ihren Kindern ihr freundliches Wesen vor, auch lernten wir von ihr, bei Gefahr schnell und tapfer zu reagieren, nicht wegzulaufen, sondern dem Bösen ins Auge zu sehen, egal ob es einen Freund oder einen Fremden bedrohte, ihm mit all unserer Macht zu helfen, ohne daran zu denken, welchen Nachteil das für uns haben könnte. All das sagte sie uns nicht nur, sondern sie war selbst das Vorbild, und das ist immer die beste, sicherste und dauerhafteste Erziehung. In ihrer Tapferkeit war sie großartig! Sie war ein Soldat, und dabei so bescheiden – man konnte nicht anders, als sie zu bewundern, sie nachzuahmen; nicht einmal ein King-Charles-Spaniel konnte es sich in leisten, in ihrer Gegenwart Verächtlichkeit zu zeigen. So, wie Sie sehen, es steckte mehr in ihr, als ihre Ausbildung vermuten ließ.

Kapitel II

Als ich größer geworden war, wurde ich verkauft und fort gebracht, ich sah sie niemals wieder. Es hatte ihr und mir das Herz gebrochen, wir weinten beide sehr; sie aber tröstete mich, so gut sie es nur vermochte, und sie erklärte mir, dass es einen guten und ebenso weisen Grund gebe, aus dem wir in diese Welt gekommen seien, und dass wir unseren Pflichten nachzukommen hätten, ohne unzufrieden zu sein, wir hätten unser Leben eben so anzunehmen, wie wir es vorfänden, so zu begehen, dass es zum Besten der anderen gereiche, über ein Warum brauchten wir nicht nachzudenken; das sei nicht in unserem Ermessen. Menschen, sagte sie, die in diesem Sinne lebten, würden irgendwann einmal, in einem anderen Leben und an einem anderen Ort, für ihren Wandel eine wunderbar fürstliche Belohnung erlangen, und obwohl wir Tiere niemals dorthin gelangten, sei unser Leben in Wohlverhalten, selbst ohne Paradies, ein so würdiger Wert, dass dies an sich bereits die Belohnung darstelle. Sie hatte sich derlei Dinge gut gemerkt, gelegentlich, wenn sie die Kinder zur Sonntagsschule begleitet hatte, und sorgfältiger in ihrem Gedächtnis abgelegt, als große Worte und Phrasen; zu ihrem eigenen und zu unserem Nutzen, und sie hatte sie gut studiert. Daran kann man erkennen, was für einen klugen Kopf sie hatte, bei all dem Leichten und Eitlen, was sonst darin war.

Und so sagten wir unser Lebewohl, schauten uns durch unsere Tränen an, das Letzte, was sie mir auf den Weg gab –sie hielt es wohl zurück bis zum Schluss, auf dass ich es mir besser merkte  –dieses Letzte für mich war, glaube ich: »zu meinem Angedächtnis, wenn jemand in Gefahr gerät, denke nicht an Dich, erinnere Dich an Deine Mutter, und tue das, was sie tun würde.«

Glauben Sie, das könnte ich vergessen? Nein.

Kapitel III

Es war ein so bezauberndes Heim!  – mein neues Zuhause; ein schönes großes Haus, Gemälde waren darin, und edles Dekor, teure Möbel, und so gar keine Düsternis in gar keinem Winkel, hinein strömte der Sonnenschein mit all seinen, zart leuchtenden Farben der Natur, und erst das herrschaftliche Grundstück auf dem es stand, der weite Garten – oh, geschnittener Rasen, edle Bäume, endlose Blumenrabatte! Und sie nahmen mich wie ein Familienmitglied an, sie liebten und streichelten mich, auch gaben sie mir keinen neuen Namen, ich wurde weiterhin mit meinem altvertrauten Namen gerufen, der mir so lieb war, und den mir meine Mutter gegeben hatte – Aileen Mavourneen. Den hatte sie aus einem Lied entnommen; auch die Grays kannten dieses Lied und sie sagten, das sei ein schöner Name.

Mrs. Gray war dreißig, und so nett und so hübsch, Sie können es sich nicht vorstellen; Sadie war zehn, sie war genau wie ihre Mutter, eine bezaubernde kleine Ausgabe von ihr, in kurzen Kleidchen, schlank, und mit kastanienbraunen Zöpfen, die ihren Rücken herunter fielen; das Baby war ein Jahr alt und hatte noch Speckröllchen, es liebte mich und konnte nie genug davon bekommen, mich am Schwanz herum zu ziehen, mich zu herzen und zu drücken, es freute sich und lachte dabei in kindlicher Unschuld. Mr. Gray war achtunddreißig, ein gutaussehender, großer, schlanker Mann, ein wenig licht die Stirn, wachsam, schnell in seinen Bewegungen, sehr geschäftsmäßig, genau, entschieden, unromantisch, und mit diesem fein gemeißelten Gesichtsausdruck, der vor glitzernd frostigem Intellekt nur so funkelt. Er war ein namhafter Wissenschaftler. Ich weiß nicht, was das Wort bedeutet. Aber meine Mutter würde es kennen, das Beste daraus machen, und ihre Effekte damit erzielen. Sie würde einen Rattenterrier damit erdrücken, ein Schoßhündchen würde bereuen, gekommen zu sein. Aber dieses Wort war gar nicht einmal das Beste, das beste hieß Laboratorium. Darauf hätte meine Mutter einen ganzen Trust aufbauen können, und es hätte sicher der versammelten Meute die Steuermarken über die Nacken gezogen. Das Laboratorium war kein Buch, auch kein Bild, auch kein Raum, in dem man seine Hände wusch, wie der Hund des Schulrektors behauptete – nein, das ist ja der Toilettenraum, das Laboratorium ist etwas ganz anderes, es ist vollgestopft mit Tiegeln und Flaschen, elektrischen Geräten, Kabel sind darin und seltsame Apparaturen; jede Woche kommen andere Wissenschaftler dorthin, und sitzen dann vor diesen Apparaturen und arbeiteten daran, sie diskutierten miteinander und machen Sachen, die sie Experimente und Erfindungen nennen; und oft ging ich dort hin, stand dabei und hörte gut zu, ich versuchte zu lernen, eingedenk meiner lieben Mutter, um ihr gerecht zu werden, obschon es mich schmerzte erkennen zu müssen, dass ihre Talente in ihrem Leben vergeudet waren, und ich, die diese Gelegenheit bekommen hatte, rein gar nichts daraus gewann, denn, so sehr ich mich auch bemühte, ich war nicht imstande, von all diesen Dingen etwas zu verstehen.

Zu anderen Zeiten lag ich auf der Diele im Arbeitszimmer der Herrin und schlief, sie benutzte mich dabei gern und behutsam als ihren Fußschemel, sie wusste, es gefiel mir, es war wie eine Liebkosung; dann wieder verbrachte ich eine Stunde im Kinderzimmer, machte jemanden glücklich und wurde gut zerzaust dabei; oder ich bewachte sein Bettchen, wenn das Baby schlief und das Kindermädchen draußen für ein paar Minuten Kindesbesorgungen machte; oder ich war im Garten mit Sadie, sprang und tollte mit ihr auf dem Grundstück herum bis wir müde wurden, und ich mich zu einem Schlummer in den Schatten eines Baumes legte, während sie in ihrem Buch las; gern auch ging ich die Hunde in der Nachbarschaft besuchen – nicht weit lebten ein paar sehr angenehme Artgenossen, ein graziöser, sehr gut aussehender, höflicher Irischer Setter mit lockigem Fell war dort, er hieß Robin Adair, und er war Presbyterianer wie ich und gehörte dem schottischen Pastor.

Auch die Dienerschaft in unserem Haus war nett zu mir und sie behandelten mich alle gut, wie Sie sehen, ich führte das angenehmste aller Leben. Kein Hund konnte je glücklicher, kein Hund dankbarer sein als ich. Das mag klingen wie Eigenlob, jedoch, es ist die reine Wahrheit: mit allem meinem Tun bemühte ich mich, es recht und richtig zu machen, bei der Ehre meiner Mutter, und im Sinne ihrer Lehre, um mir das Glück, das mir beschieden wurde, nach Kräften zu verdienen.

Einige Zeit später kam mein kleiner Welpe an, und damit waren alle meine Lebenswünsche erfüllt, mein Glück war vollkommen. Es war das herzigste kleine Bündelchen, samten und so weich, mit kleinen, tapsig ungeschickten Pfoten, seinen liebevollen Augen, und dem süßesten, unschuldigsten Gesicht; es machte mich so stolz mit anzusehen, wie die Mutter und ihre Kinder es bewunderten, es gern hatten, und jede seiner kleinen Unternehmungen freudig erregt besprachen. Es schien mir, das Leben sei zu schön, um – –

Dann kam der Winter. An einem dieser Tage hatte ich Wachdienst im Kinderzimmer. Das heißt, ich lag schlafend auf dem Bett. Das Baby schlief in seinem Stubenbettchen, das neben dem großen Bett, an der Seite zum Kamin stand. Es war so ein Bettchen, die mit einer Art Baldachin versehen sind, verhangen mit Gaze, durch die man hindurch schauen kann. Das Kindermädchen hatte Ausgang, und wir zwei Schläfer waren allein. Ein knisternder Funke des Holzbrandes schoss aus der Feuerstelle empor und entzündete den Schleier des Kinderbetts. Ich nehme an, erst war noch eine kleine Weile Stille, bis dann der Schrei des Babys mich weckte, und ich sah diesen Baldachin, lichterloh brennend, hinauf, bis zur Decke! In meiner Angst konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, ich sprang auf den Fußboden und war in einer Sekunde schon an der Tür, doch, noch eine weitere halbe Sekunde, und die Abschiedsworte meiner Mutter klangen an mein Ohr, und ich setzte zurück aufs Bett. Ich schob meinen Kopf durch die Flammen und zog das Baby an seinem Leibbund heraus, ich zerrte an ihm, von Rauchschwaden umhüllt fielen wir gemeinsam zu Boden; ich schnappte ein weiteres Mal nach ihm, fand neuen Halt, und zog das kleine schreiende Wesen über den Boden zur Tür hinaus, um die Ecke des Flures, ich zog immer weiter, so aufgeregt war ich, dabei so glücklich und stolz, als die Stimme des Herrn schrie:

»Hinfort, du verwünschtes Biest!«, und ich in Deckung sprang; er aber war so schnell in seiner Wut und holte mich ein, dabei schlug er rasend mit dem Rohrstock nach mir, ich duckte mich in meiner Angst, hierhin und dorthin, und endlich bekam ich doch einen schweren Hieb, er traf mir den linken Vorderlauf, ich jaulte und fiel, hilflos in diesem Moment, der Stock aber, er fuhr bereits wieder auf, um jeden Moment erneut herunter zu peitschen, aber, er kam nicht, vielmehr, im gleiche Moment die laut erregte Stimme des Kindermädchens ertönte: »das Kinderzimmer brennt!«, worauf der Herr dorthin lief, und meine übrigen Knochen waren gerettet.

Der Schmerz war grausam, aber egal, ich hatte keine Zeit zu verlieren; er konnte jeden Moment zurück sein, ich humpelte auf drei Beinen zum Ende des Flures, dorthin, wo sich die dunkle kleine Hintertreppe befand, welche zur Dachkammer führte, wo, wie ich sie einmal hatte erzählen hören, alte Kisten und solches Zeugs aufbewahrt wurden, und wohin die Leute selten gingen. Irgendwie schaffte ich es die Stufen herauf zu klettern, und suchte mir den Weg durch Dunkelheit und Stapel von Sachen, und ich versteckte mich im allerletzten Winkel, den ich finden konnte. Es war ja dumm von mir, dass ich dort noch Angst hatte, aber ich hatte sie trotzdem, ich hatte sogar so viel Angst, dass ich nicht einmal leise wimmern mochte, und so hielt ich ein, obwohl, es wäre so eine Erlösung gewesen, ein wenig wimmern zu dürfen, denn das kann den Schmerz etwas lindern, wissen Sie. Immerhin, ich konnte mein Bein lecken, und das tat auch ein bisschen gut.

Eine halbe Stunde war helle Aufregung dort unten, Rufe, Schritte, dann kehrte Ruhe ein. Ruhe für ein paar Minuten, die tat meiner Seele so gut, meine Angst legte sich nämlich, und Angst ist schlimmer als der Schmerz – oh, viel schlimmer. Dann aber kam ein Geräusch, das mich erstarren ließ. Sie riefen nach mir – sie riefen meinen Namen – die Treibjagd hatte begonnen!

Die Entfernung dämpfte das Rufen, das konnte meine Panik etwas vermindern, es blieb aber das Fürchterlichste, was ich je gehört hatte. Es kam von überall dort unten: aus den Fluren, aus allen Zimmern, aus beiden Stockwerken und dem Erdgeschoss, aus dem Keller; dann von draußen, aus immer weiterer Entfernung – dann kam es wieder zurück, wieder durch das ganze Haus, niemals, so dachte ich, niemals würde es ein Ende nehmen. Und doch, irgendwann, als das Dämmerlicht der Dachkammer zu schwarzer Dunkelheit geworden war, hörte es auf.

Stück um Stück, in dieser gesegneten Stille, fiel die Angst von mir ab, ich fand ein wenig Frieden und schlief ein. Der Schlaf war erholsam, doch schon vor Sonnenaufgang erwachte ich wieder. Es war einigermaßen bequem, dort wo ich war, und ich konnte mir einen Plan ausdenken. Ich machte sogar einen sehr guten, der war, hinunter zu schleichen, die ganze Hintertreppe hinunter bis in den Keller, mich hinter der Kellertür zu verstecken, und in dem Moment, wo früh der Eismann kommen würde, heraus zu schlüpfen, während er drinnen den Kühlschrank auffüllte, dann könnte ich mich den Tag über versteckt halten, um bei Anbruch der Nacht auf meine Reise zu gehen, meine Reise nach – gut, nach irgendwohin, dorthin jedenfalls, wo mich niemand kannte, und wo mich niemand an den Herrn verraten würde. Der Gedanke allein machte mich schon froh, aber dann dachte ich plötzlich: warum, was macht das Leben für einen Sinn, ohne mein Junges!

In der Erkenntnis war nur noch Verzweiflung. Es gab keinen Plan für mich, das sah ich nun, ich musste bleiben wo ich war, ausharren, und schließlich das annehmen, was für mich vorgesehen war – es lag nicht in meiner Hand, so war das Leben – meine Mutter hatte es mir prophezeit. Dann – nun gut, dann begann das Rufen wieder! Alle meine Nöte kehrten zurück. Der Herr wird dir niemals vergeben, sagte ich mir. Ich wusste nicht, was ich Unverzeihliches getan hatte, was ihn so böse auf mich machte, ich wusste nur, dass es etwas war, was ein Hund nicht verstehen konnte, was einem Menschen aber völlig klar war, und es war etwas Schreckliches.

Sie riefen und riefen, Tage und Nächte, so kam es mir vor. Solange jedenfalls, bis Hunger und Durst mich schier wahnsinnig machten, mir wurde bewusst, dass ich bereits schwach wurde. Wenn Sie in einem derartigen Stadium angekommen sind, dann schlafen Sie die meiste Zeit, und das tat ich. Bis ich irgendwann ganz fürchterlich hoch schreckte – es schien, als wenn dieses Rufen bis hinauf in diese Dachkammer gelangt sei! Und richtig: es war Sadie's Stimme, sie weinte, ihre Stimme brach, als mein Name über ihre Lippen kam, die Ärmste, und ich mochte vor Freude kaum meinen Ohren trauen, wie ich sie sagen hörte: 

»Komm' zurück zu uns – oh, vergib' uns und komm zurück – es ist alles so traurig, ohne unsere –«

Ich brach hervor, mit einem SO dankbaren Japser, und im gleichen Moment tauchte Sadie stolpernd aus Gerümpel und Dunkelheit hervor, und rief laut, damit die Familie es hören konnte: »Sie ist da, sie ist gefunden!«

Die Tage danach – ja, die waren wunderbar. Sadie, ihre Mutter und die Diener, wie soll ich es sagen, sie vergötterten mich fast. Es schien, dass kein Schlafplatz, den sie mir bereiteten, fein genug für mich sein konnte; und erst das Fressen, sie waren nicht zufrieden, wenn ich nicht wenigstens Wildbret und andere Köstlichkeiten bekam, die hatten eigentlich gar keine Saison; und jeden Tag kamen Freunde und Nachbarn zu Besuch, um von meinem Heldentum zu hören – das war das Wort, das sie dafür hatten, und Heldentum bedeutet Agrarkultur. Ich kann mich erinnern, wie meine Mutter es einmal im Zwinger erwähnt, und ebenso erklärt hat, aber sie hat dabei nicht gesagt, was Agrarkultur denn nun eigentlich sei, außer das es ein Synonym für intramurale Inkandeszenz ist. Wohl ein Dutzend Mal am Tag erzählten Mrs. Gray und Sadie die Geschichte neuen Besuchern, und sagten, ich hätte mein Leben riskiert, um das des Babys zu retten, beide hätten wir Brandwunden davon getragen, mit denen man das auch beweisen konnte, und dann wurde ich unter den Besuchern herum gereicht, sie streichelten und lobten  mich, man konnte den Stolz in Sadies Augen und in denen ihrer Mutter richtig sehen; wenn die Leute dann wissen wollten, warum ich lahmte, wechselten sie beschämt das Thema, manchmal aber fragten die Leute beharrlich nach, und dann sah es aus, als ob sie weinen müssten.

All dies war noch nicht genug der Ehre; nein, die Freunde des Herrn kamen auch, bestimmt zwanzig an der Zahl dieser ehrenwerten Leute, und ich durfte sie in das Laboratorium begleiten, wo sie sich über mich unterhielten, als sei ich eine Entdeckung; ein paar von ihnen sagten, es sei wundervoll, dass in einem dummen Hund, der edelste aller Instinkte steckte, den man sich vorstellen könnte; aber der Herr unterbrach sie, vehement: »Es ist weit mehr als Instinkt, es ist VERNUNFT, und viele Menschen, die gesegnet sind wie Sie und ich, eines Tages, durch die Gnade der Errettung in eine bessere Welt zu gehen, haben weniger davon als dieser Vierbeiner, dem die Vergänglichkeit vorbestimmt ist,« und dann lachte er, und sagte: »Warum, also schauen Sie – das war sarkastisch! Bei Gott, mit all meinem Verstand musste ich doch denken, dass der Hund völlig verrückt geworden war, und das Kind verletzen würde, und was den Verstand eines Hundes anbelangt – es ist VERNUNFT – das Kind wäre sonst umgekommen.«

Ein Wortgefecht entbrannte, und ich war der Mittelpunkt aller Diskussion, ich wünschte mir, meine Mutter würde von dieser großen Ehre, die mir zuteil wurde, erfahren haben, es hätte sie stolz gemacht.

Anschließend diskutierten sie den Sehsinn, wie sie es nannten, und ob eine bestimmte Hirnverletzung zur Erblindung führen würde oder nicht, aber sie konnten sich nicht einig werden, und beschlossen, es irgendwann einmal mit einem Experiment zu klären; und dann sprachen sie über Pflanzen, das interessierte mich, im Sommer nämlich hatten Sadie und ich Samen gepflanzt – ich half ihr die Löcher zu graben – und nach ein paar Tagen kam eine kleine Staude oder eine Blume hervor, und das ist das Wunder, wie so etwas nur geschehen kann, aber so war es, immer wieder, und, könnte ich nur sprechen  – ich hätte diesen Leuten davon erzählt und gezeigt, wie viel ich davon verstand, das wäre mein Thema gewesen; aber Sehsinn interessierte mich überhaupt nicht; das war geistlos, und als sie wieder davon anfingen, langweilte ich mich und schlief ein.

Recht bald war es Frühjahr, sonnig und angenehm und schön, die liebe Mutter und ihre Kinder tätschelten mich und mein Junges zum Abschied, als sie sich auf eine Reise zu ihrer Verwandtschaft begaben, der Herr blieb zurück, aber er war ja kein Spielgefährte für uns, doch wir spielten miteinander und hatten unseren Spaß dabei, die Hausangestellten waren nett und freundlich zu uns, und so vertrieben wir uns die Zeit und zählten die Tage und warteten auf die Rückkehr der Familie. 

An einem dieser Tage kamen diese Männer wieder, heute sei das Experiment, sagten sie, und nahmen meinen Welpen mit ins Laboratorium, ich humpelte auf meinen drei Beinen hinterher, stolz, denn natürlich war jede Aufmerksamkeit, die meinem Jungen zuteil wurde, auch eine Freude für mich. Sie experimentierten und redeten, plötzlich schrie mein Welpe auf, sie setzten es auf den Boden, es torkelte nur noch herum, sein Köpfchen war ganz blutig, und der Herr klatschte in die Hände und rief:  

»Da, ich hatte Recht – geben Sie es zu! Er ist blind wie eine Fledermaus!«

Und sie sagten alle:

»So ist es – Sie haben Ihre Theorie bewiesen, fortan steht die leidende Menschheit tief in Ihrer Schuld,« alle umstanden sie ihn, schüttelten herzlich und dankbar seine Hand, und rühmten ihn.

Ich nahm diese Dinge kaum noch wahr, sofort war ich zu meinem kleinen Liebling gelaufen, kuschelte mich ganz dicht an ihn, dort wo es lag, leckte das Blut ab, es legte seinen Kopf ganz dicht an meinen und wimmerte leise dabei, in meinem Herzen spürte ich, dass es ein Trost für ihn war, seine Mutter nah bei sich zu spüren, weil es mich ja nicht mehr sehen konnte. Kurz darauf sackte es zusammen, mit seinem kleinen seidigen Schnäuzchen lag es ganz still auf dem Boden und bewegte sich nicht mehr.   

Einen Moment später unterbrach der Herr seine Unterhaltung, klingelte nach dem Hausdiener, befahl ihm: »begrab' es ganz hinten im Garten,« und diskutierte weiter, und ich trottete hinter dem Hausdiener her, sehr zufrieden und dankbar, ich wusste ja, der Kleine war nun von seinem Schmerz befreit, er schlief ja. Wir gingen durch den Garten, ganz an das hintere Ende, wo die Kinder, ihr Mädchen, der Welpe und ich während des Sommers im Schatten der großen Ulme spielten, genau dort grub der Diener ein Loch, und ich verstand nun, dass er einen Welpen pflanzen würde, das machte mich froh, er würde wachsen und gedeihen und ein schöner stattlicher Hund werden, wie Robin Adair, das wäre eine schöne Überraschung für die Familie, wenn sie nach Hause käme; und so half ich ihm zu graben, aber mein lahmes Bein wollte nicht, es ist steif, wissen Sie, und es braucht schon zwei dazu, oder es hat keinen Sinn. Als der Diener fertig war, und klein Robin gut zugedeckt hatte, streichelte er meinen Kopf, Tränen standen in seinen Augen, und er sagte: »Armes kleines Hundchen, und du hast SEIN Kind gerettet!«   

Zwei ganze Wochen habe ich nun schon gut aufgepasst, und er kommt nicht heraus! Seit der letzten Woche beschleicht mich die Angst. Ich glaube, etwas fürchterliches ist geschehen. Ich weiß nicht, was es ist, aber die Angst macht mich krank, ich kann nichts fressen, obschon mir die Diener das beste Futter bringen und mich bemuttern, sie kommen sogar nachts zu mir und sagen: »armes Hundchen – gib es doch auf und komm ins Haus; brich' uns nicht auch noch das Herz!«, und so etwas macht mir dann nur noch mehr Angst, und jetzt bin ich mir sicher, dass etwas passiert ist. Ich bin schon sehr schwach, seit gestern kann ich nicht mehr aufstehen. In der vergangenen Stunde haben die Diener Dinge gesagt, und dabei haben sie in die Richtung gesehen, in der die Sonne untergeht, und aus der die Nachtkühle heran kommt, Dinge, die ich nicht verstehen konnte, und die haben eine eigenartige Kälte an mein Herz getragen.

»Die Ärmsten! Sie ahnen es ja nicht. Sie kommen in der Früh' nach Hause, und werden sofort nach ihrem kleinen tapferen Hundchen fragen; wer von uns wird den Mut haben, ihnen die Wahrheit zu sagen: ›Unser treuer kleiner Freund ist fortgegangen, dorthin, wo die Tiere hingehen, wenn sie verenden.‹«


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