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Der Kutscher, der uns zum Kai brachte, uns wie gewöhnlich, sechsmal mehr als die erlaubte Taxe abforderte und uns unser Gepäck nicht herausgeben wollte, indem er sich auf das Privileg einem exeat regno gegenüber berief, starrte uns sehr enttäuscht an, als Lankin, seinen treuen Schreiber Hutchinson, der ihn begleitete, anrief und ihm sagte: »Hutchinson, Sie werden diesen Mann bezahlen.« Und zum Kutscher: »Mein Name ist Lankin, ich bin der Geheime Justizrat, meine Wohnung in Pump Court. Mein Schreiber wird alles mit Ihnen erledigen, Herr!« Der Kutscher zitterte; wir gingen an Bord; unser leichtes Gepäck wurde schnell vom Schiffsvolk wegbefördert, unsre Plätze waren schon vorher vom eifrigen Hutchinson belegt worden, und zwei Karten, auf denen geschrieben stand: »Herr Geh. Justizrat Lankin«, »Herr Titmarsh Der Titmarsh, der diese Geschichte von den Kickleburys erzählt, ist nicht der gute Sam mit dem Hoggartydiamanten, sondern Michael oder Michel Angelo; dies war Thackerays erstes Pseudonym.« (Lankin hat, nebenbei gesagt, den unvergleichlich besten und bequemsten Schlafplatz) waren an zweien der Bettvorhänge in einer Seitenkabine angesteckt, als wir hinabstiegen.

Wer war an Bord? Da waren Juden mit Sonntagszeitungen und Früchten; da waren Kuriere und Diener, die herumhantierten; da waren die bärtigen fremden Besucher Englands, die es immer für unnötig zu halten scheinen, an einem Reisetage sich zu rasieren oder zu waschen, und bei der Abreise aus unserem Lande anscheinend gern soviel wie möglich von seinem Schmutz an ihren Händen und ihrer Wäsche mitzunehmen; da waren schon bequem auf Deck unter einem Plan eingerichtete Gesellschaften und beständig hin- und hergehende Reisende, die schon die angenehme Morgenzigarre rauchten und die Wechselfälle der Abfahrt beobachteten.

Die Glocke ertönt, das Schreien: »Noch jemand, der überfahren will?« hört auf. Das letzte Gepäck und der Händler mit »Bells Leben« sind über die Planke zurückgedrängt, die Johns vom abreisenden hohen und einfachen Adel besetzen den Rand des Kais und fassen an ihre Hüte. Hutchinson tut es vor mir, vor mir, der Himmel möge ihn behüten! Ich drehe mich unaussprechlich gerührt und entzückt um und erblicke Kapitän Hicks!

»Hallo! Sie hier«, sagte Hicks in einem Tone, der zu bedeuten scheint: »Den Teufel auch, du bist ja überall.«

Hicks ist einer von den jungen Leuten, die viel zu oft überall zu sein scheinen.

Wie bekommen sie bloß immer Urlaub von ihren Regimentern? Wenn sie nicht hier im Lande gebraucht werden, (und offenbar ist das nicht der Fall, denn man sieht sie den ganzen Tag über dem Geländer in Rotten Row hängen und auf jedem Stadtball ihre Beine schwingen) – wenn sie also hier im Lande nicht gebraucht werden, warum zum Teufel werden sie dann nicht nach Indien, Demerara oder Sierra Leone geschickt, beim Zeus; – je weiter, je besser, und ich möchte ihnen ein recht ungesundes Klima wünschen, um sie auf die Probe zu stellen und hart zu machen. Hier ist also Hicks, oder bitte: Kapitän Lancellot Hicks, dessen Leben nichts als Frühstücken, Rauchen, Reiten, Tafeln, Polkatanzen, Billardspielen und noch einmal da capo Rauchen ist, der seinen Bart streicht und nach den ungeheueren Anstrengungen der Saison ein bißchen auf Reisen geht.

»Wie geht's Ihnen, Kapitän Hicks?« frage ich. »Wohin gehen Sie?«

»Oh, ich geh an den Whein,« meint Hicks, »jederman geht an den Whein.« Der Whein, wirklich! so spricht er das aus, und reizend hört es sich an, wenn er spricht.

»Wer ist an Bord – alle Welt?« frage ich mit der Miene eines Mannes von Welt. »Wem gehört denn der ungeheure Haufen Gepäck – unter der Obhut des Kammermädchens, des Kuriers und des britischen Lakaien. Ein großes weißes K. ist auf all den Koffern gemalt.«

»Wie, zum Teufel, soll ich das wissen?« meint Hicks, der, wie mir scheint, rot und böse aussieht und sich mit seinem großen ritterlichen Schwung und Getue aufbläht, während mein Freund, der Geheime Justizrat, ihn in Bewunderung verloren betrachtet und seine glänzenden engen Stiefel, seine Ketten und Uhrgehänge, seinen Backenbart und duftenden Schnurrbart, seine Handschuhe und anderen Dandyartikel mit einer freudigen Bewunderung ansieht – wie die Damen im Sultansharem die große Dame von Park Lane betrachteten, die sie besuchte, oder wie die einfachen Untertanen Montezumas auf einen von des Cortez gepanzerten Reiter blickten.

»Das muß wenigstens ein Marquis sein,« flüstert Lankin, der mich über gesellschaftliche Dinge zu befragen pflegt und eine große Meinung von meiner Erfahrenheit hat.

Ich brach in ein zorniges Lachen aus: »Der!« sagte ich, – »das ist ein Dragonerkapitän und sein Vater ist ein Advokat in Bedford Row. Der Backenbart eines Emporkömmlings, mein guter Lankin, wird so lang wie der Bart eines Plantagenet. Man braucht nicht viel edles Blut, um Polka tanzen zu lernen. Wenn ich jünger wäre, Lankin, so könnten wir für einen Schilling jeden Abend in Herrn Laurents Kasino tanzen und würden in kurzer Zeit so gut wie dieser Bursche herumspringen. Aber wir verachten solche Art Dinge, wissen Sie – wir sind eben zu ernst und zu fest.«

»Und zu dick,« flüsterte Lankin lachend.

»Sprechen Sie für sich selbst, Sie Maibaum,« sage ich. »Wenn Sie nicht selbst tanzen können, so können die Leute um Sie herumtanzen – stecken Sie einen Blumenkranz auf Ihren alten Kopf, verstecken Sie sich in einem grünen Dörfchen und sehen Sie, was Sie aus sich machen können.«

»Ich möchte mich gern in etwas so Angenehmes verwandeln,« antwortete Lankin, »kriegte ich doch wenigstens dann und wann mal ein hübsches Mädchen zu sehen. Nach Pump Court oder in den Universitätsklub, wo ich speise, kommt so was nicht! Sie sind ein glücklicher Bursche, Titmarsh, Sie kommen in die Welt – aber ich werde ja nie –«

»Und die Frauen Ihrer Kollegen, Sie Schlingel?« antworte ich. »Nun, kein Mensch ist jemals zufrieden, und der einzige Grund, weshalb ich auf den Kapitän dort böse bin, ist der: Als ich neulich abends bei Frau Perkins mit einem reizenden jungen Geschöpfe im Gespräche bin, das all meine Lieblingsstellen im Tennyson kennt und in einer entzückenden Weise gegen die Kirche rebelliert, da kommt gerade, als wir beim intimsten, zärtlichsten, amüsantesten Teil des Gespräches sind, dieser junge Heißsporn da und wirbelt sie in einer Polka von mir fort. Was haben Sie und ich mit Polkas zu tun, Lankin? Er nahm sie mit zum Abendessen hinunter – was haben Sie und ich mit Abendessen zu tun?«

»Unsere Pflicht ist, die Leutchen machen zu lassen,« sagte der Geheime Justizrat philosophisch; » à propos Abendessen – und werden wir wohl Frühstück kriegen?« Und als er das sagte, kam eine liebliche kleine Prozession von Stewards und Stewardsjungen mit blanken Zinngeschirren aus der Schiffsküche heraus und stiegen die Treppen zur Kabine hinunter. Während dieser Zeit hatte das Schiff Greenwich passiert und sich aus dem Mastenwald herausgearbeitet, der vor unserer Stadt liegt.

Die Eigentümer der unzähligen Reisekoffer, Säcke, Wettermäntel, Zitherkasten mit Buchstaben K. schienen drei Damen mit einem schmächtigen Herrn zwischen zwei- und dreiunddreißig Jahren zu sein, der wahrscheinlich der Gatte der einen von ihnen war. Er hatte unzählige Schals unter seinem Arm und seiner Obhut. Er hatte einen ganzen Riemen voll von Murrayschen Reisehandbüchern für den Kontinent in seiner Verwahrung und eine kleine Kollektion Sonnen- und Regenschirme, die zusammengebunden waren und im Staat vor der Hauptperson hergetragen wurden wie einst die Liktorenstäbe vor einem römischen Konsul.

Diese Hauptperson war augenscheinlich die dicke Dame. Mit dem einzigen freigebliebenen Regenschirme winkte sie und kommandierte das Gepäck und die Dienstboten hin und her. »Horaz, wir wollen dort sitzen,« rief sie aus und zeigte auf einen bequemen Deckplatz. Horaz ging und brachte die Schals und Reiseführer unter. »Hirsch, haben Sie das Gepäck gezählt? Sind die siebenunddreißig Stück auch alle da?« Der deutsche Kurier antwortete: » Oui, Mylady,« und verbeugte sich dabei mit ziemlich mürrischer Dienstbeflissenheit. »Bowman, Sie werden nachsehen, ob Finch passend untergebracht ist, und sie dann zu mir senden.« Der gigantische Bowman, ein Gentleman in Hauslivree mit sehr großen und prächtigen Wappenknöpfen und von der Saison her noch mit Puderspuren in seinen Haaren, verbeugt sich und eilt, Myladys Auftrag auszuführen.

Ich erkenne Hirsch wieder, ein wohlbekanntes Gesicht auf allen europäischen Landstraßen, die er mit vielen von meinen Bekannten schon bereist hat. Mit wem macht er jetzt die Tour? – Herr Hirsch funktioniert als Kurier bei Herrn und Frau Horaz Milliken. Sie sind noch nicht viele Monate verheiratet und reisen, wie Hirsch mit einem Zusammenziehen seiner buschigen Brauen mir erzählt, mit Mylady, Frau Millikens Mama. Und wer ist Ihre Ladyschaft? Hirschs Brauen ziehen sich in immer tiefere Falten. »Es ist Mylady Gigglebury, Herr Titmarsh,« sagte er. »Vielleicht kennen Sie sie.« Er schielt mit einem ziemlich bösen Blick zu ihr hinüber, da ruft sie laut: »Hirsch, Hirsch!« und er gehorcht dem Gebote.

Es ist die große Lady Kicklebury von Pocklington Square, von der, wie ich mich erinnere, Frau Perkins bei ihrem letzten Balle so viel Wesens machte, und die der alte Perkins zur Tafel führte. Als Sir Thomas Kicklebury starb, wie flammte da das Wappenschild mit der Krone und zwei Kugeln über der Haustür von Nr. 36. Ihr Sohn war damals in Eton und promovierte später in Oxford und wurde eine Zierde des Platt- und des Osweatryklubs. Er flüchtete vom großen Hause in Pocklington Square nach St. James, von St. James nach Italien und dem Mittelmeer, wo er eine Zeitlang seiner Gesundheit wegen im Exil lebte. Von ihrer ältesten Tochter Hochzeit mit Lord Roughhead wurde im letzten Jahre geredet; aber Lord Roughhead heiratete bekanntlich Fräulein Brant, und Horaz Milliken fand sich, zu seiner eigenen großen Ueberraschung nach einem aufregenden Abend bei Lady Polkimore, wo Fräulein Lavinia eine Ohnmacht kommen fühlte und am Arme Herrn Millikens auf das Dach hinaufging (die Terrasse wünscht Lady Polkimore es genannt zu hören), als verlobten Bräutigam des Fräuleins Lavinia Kicklebury. Sie heirateten sich im Januar – und es ist keine schlechte Partie für Fräulein Kicklebury. – Lady Kicklebury geht sechs Monate im Jahre zu ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn nach Pigeoncot, und jetzt, wo sie auf Reisen gehen, geht sie natürlich auch mit. Sie muß ja doch unter den gegenwärtigen Umständen bei Lavinia sein.

Während ich Arm in Arm mit Lankin auf und ab gehe, erzähle ich ihm flottweg diese Geschichte; der ist ganz erstaunt über mein Wissen von der Welt und sagt: »Ei, Titmarsh, Sie wissen doch alles.«

»Ich weiß wohl einiges, Lankin, mein Junge«, ist meine Antwort. »Ein Mensch lebt nicht für nichts und wieder nichts in der Gesellschaft und in ziemlich guter Gesellschaft noch dazu, das darf ich wohl sagen.«

Tatsache ist, daß all die erwähnten Details fast jedem Menschen in unserer Nachbarschaft bekannt sind. Lady Kicklebury kommt nicht häufig mit uns zusammen; sie hat vornehmere Leute, die beanspruchen können, zu ihren Gesellschaften eingeladen zu werden. Aber wir wissen von ihr und ihrer Familie. Sie läßt sich herab, Perkins zu besuchen, bei dessen Firma sie ein Bankkonto hat, das sie vielleicht auch mal überzieht; aber davon weiß ich natürlich nichts.

Als Lankin und ich zum Frühstück hinuntergehen, finden wir, wenn nicht die besten, so doch wenigstens die sichtbarsten Plätze von Lady Kickleburys Gesellschaft besetzt, und der riesige Londoner Lakai verdunkelte die ganze Kajüte, als er sich bückend Schalen und Geschirr für seine Herrschaft hindurchträgt.

Warum tun sie an Bord von Dampfschiffen immer Erde in den Kaffee? Warum schmeckt der Tee gewöhnlich nach gekochten Stiefeln? Warum ist die Milch so wenig und so dünn? Und warum geben sie immer diese halbgekochten Hammelkeulen zum Diner? Ich frage, warum? Auf den Dampfern anderer Nationen ißt man gut. Ist es denn nicht möglich, daß Britannien, das ja doch die Wogen beherrscht, ein bißchen aufs Essen achtet, daß das Fleisch auch unter dem Union-Jack gargekocht wird? Ich werfe diese Frage, diese höchst interessante Frage so im Vorbeigehen auf und fahre in meiner Geschichte fort.

Als Lankin und ich in die Kajüte hinabstiegen, waren also alle Tische mit staunenden Menschen besetzt. Nur nahe bei Lady Kicklebury scheinen ein paar Plätze leer zu sein; als sie aber unsere Augen auf die einladende Lücke gerichtet sieht, dehnt sie sich aus und deckt mit ihrem weiten Rocke sogar noch mehr als den großen Raum, zu dem sie durch Kunst und Natur berechtigt ist, und ruft laut: »Horaz, Horaz« und nickt und winkt und deutet, und veranlaßt so ihren Schwiegersohn, auch auf seiner Seite den Flügel auszudehnen. Wir sind also von der Möglichkeit eines guten Frühstücks abgeschnitten. Wir werden vom Tee dritten Aufguß bekommen und dazu die zwei feuchten schwarzen Hammelkoteletts, die niemand sonst nehmen will, und außerdem werden diese kalt sein.

In diesem Augenblick sagt eine klare und liebliche Stimme unter dem schwarzen Schleier einer schlanken Dame hervor: »Herr Titmarsh«, und ich fahre empor und murmele einen Ausruf ehrfurchtsvoller Ueberraschung, als ich keine geringere Persönlichkeit als die sehr ehrenwerte Gräfin von Knightsbridge erkenne, die da ihren Tee einnimmt, mit ihren zarten Fingern kleine Stückchen Toast abbricht; und sie sitzt zwischen einem belgischen Pferdehändler und einem deutschen Violinspieler, der nach Schluß der Oper in die Ferien reist, wie irgend eine ganz gewöhnliche Sterbliche da.

Ich flüstere Lankin den Namen Ihrer Ladyschaft zu. Der Geheime Justizrat blickt voller Neugierde und Ehrfurcht nach ihr hin. Sogar er hat in seiner Einsamkeit von Pump Court von diesem Modestern gehört – diesem von Männern und sogar Frauen bewunderten Wesen – dieser majestätischen und doch einfachen Diana, der untadeligen Aurelia von Knightsbridge. Ihr Gatte besitzt nur einen kleinen Teil ihrer Eigenschaften. Wie sollte es auch anders sein? Turf und Fuchsjagd sind sein Entzücken – das Rauchzimmer im Traveller Klub – ja, warum sollen wir es nicht sagen? – die hellerleuchteten Arkaden von Vauxhall und die Sprünge der flatterhaften Jüngerinnen Terpsichorens! Knightsbridge hat seine Fehler – ach! selbst Englands hoher Adel ist nicht frei davon. Mit einer Diana vermählt, flieht er die Hallen, wo sie ernst und doch heiter sitzt und wird (wenn auch in Rauchwolken eingehüllt), in diesen Höhlen gefunden, wo der zerknirrschte Kaminfeger sein schreckliches Totenlied singt oder bacchantische Richter dem Rechte hohnsprechen. Lord Knightsbridge hat also seine Fehler, aber er liegt an der Gicht in Rougetnoirburg, dort am Rhein, und dorthin eilt seine Frau, um ihn zu pflegen.

»Ich bin fertig,« sagt Lady Knightsbridge mit einer leichten Verbeugung, indem sie sich erhebt; »Sie können diesen Platz haben, Herr Titmarsh; und es tut mir leid, daß mein Frühstück schon vorüber ist; ich würde es verlängert haben, wenn ich gedacht hätte, daß Sie neben mir sitzen würden. Meinen Handschuh bitte;« (ein ganz absurd kleiner Handschuh, nebenbei gesagt), »wir werden uns auf Deck treffen, wenn Sie gegessen haben.«

Und sie geht mit einer majestätischen Verneigung ab. Ich kann nicht sagen, wie oder was es mit dieser Dame auf sich hat; aber sie sagt ein: »Wie geht es Ihnen?« auf eine Art, wie niemand sonst es zu sagen versteht. In all ihren Handlungen, Bewegungen, Gedanken, möchte ich wetten, ist dieselbe ruhige Anmut und Harmonie. Sie ist nicht sehr schön, da sie sehr mager ist und darum etwas trübselig aussieht. Sie ist nicht sehr witzig, da sie kaum mehr versteht, als eine gewöhnliche Konversation zu führen; und doch, selbst wenn sie in schwarze Baumwolle gekleidet wäre, so meine ich, jeder müßte sie als eine Prinzeß und durchlauchtige Hoheit ansehen; und wenn sie hundert Jahr alt wäre, so könnte sie nicht anders als schön sein. Ich sah sie in der Kathedrale zu Antwerpen ihre Andacht verrichten und vergaß auf alles andre dort zu schauen, so ruhig und rein, solch heilige Erscheinung schien sie mir.

Als diese große Dame dem Verfasser die Ehre erwies, ihm die Hand zu schütteln (ich hatte die Ehre, den jungen und intelligenten Lord Viscount Pimlico das Schreiben und die Anfangsgründe des Lateinischen zu lehren), schien eine Aufregung in der Kickleburygesellschaft zu entstehen – die Köpfe wurden geschüttelt und nach Lady Knightsbridge umgedreht, zu deren Ehren dann Lady Kicklebury, nachdem sie sie genügend durch ihr Glas beäugelt hatte, aufstand und mit einem gravitätischen Knixe davonrauschte, indem sie sich so tief verneigte, daß sie fast gegen die Sitze am Stern des Schiffes fiel. Lady Knightsbridge sah diesen Gruß wohl nicht, denn sie dankte nicht dafür, sondern ging leise hinweg (sie scheint in ein Zimmer hinein- und aus ihm hinauszugleiten) und verschwand oben auf dem Deck.

Lankin und ich nahmen unsre Plätze ein, der Pferdehändler machte uns Platz; und ich konnte nicht umhin, mit einer Miene leisen Triumphes zu der Kickleburygruppe hinüberzuschauen, die soviel besagen sollte als: »Ihr feinen Leute, mit euren riesigen Bedienten, und hochnäsigen Mienen, seht mal, was wir für Leute sind!«

Als ich so hinüberblickte – wen sah ich da, lächelnd und nickend und mir auf eine niedliche, schlaue Art zulachend, und sich dann an Mama anlehnend, gleichsam wie wenn sie eine Erklärung gäbe? Die junge Dame von der Gesellschaft bei Frau Perkins! Die junge Dame, mit der ich das angenehme Gespräch gehabt hatte, das durch Kapitän Hicks Aufforderung zum Tanze unterbrochen worden war! So, das war also Fräulein Kicklebury, von der Fräulein Perkins, meine junge Freundin, mir so oft erzählt hat (die jungen Damen waren im Gespräche miteinander, als ich das Glück hatte, sie zu treffen, und Fräulein Perkins ging sofort weg, um sich nach ihren Gästen umzusehen), also Fräulein Fanny Kicklebury!

Ein plötzliches Bangen durchfuhr mein Herz. Lankin mochte es bemerkt haben, aber der wackere alte Justizrat war so hingerissen von Ehrfurcht wegen der Begegnung mit der Gräfin Knightsbridge, daß sein Gemüt unfähig war, sich mit anderen Gegenständen zu beschäftigen. – Es war ein bangendes Gefühl, (das ich unter einem Lächeln und einer anmutigen Verbeugung verbarg, womit ich Fräulein Fannys Gruß dankend erwiderte), und es zerrte an meinen Herzfasern – wenn ich – ich brauche es wohl nicht erst zu sagen – wenn ich an Hicks dachte.

Er hatte mit ihr getanzt, er hatte mit ihr soupiert – er war hier, an Bord dieses Dampfers. Aber wo war der Dragoner? Ich sah mich nach ihm um. In einer ganz entfernten Ecke, – aber so, daß er die Kickleburygesellschaft im Auge hatte, wie mir schien – nahm er sein Frühstück ein, der große gesunde Dummkopf, und verzehrte ein Spiegelei nach dem andern.

Im Laufe des Nachmittags tauchten alle Gruppen, wie man sich denken kann, wieder auf Deck auf, und Fräulein Fanny und ihre Mama begannen mit schnellen Schritten wie ein paar Kapitäne auf dem Quarterdeck herumzuwandeln. Als Fräulein Fanny mich erblickte, blieb sie stehen und lächelte – sie erkannte huldvoll den Herrn, der sie bei Frau Perkins so gut unterhalten hatte. Was für ein liebes süßes Geschöpf war doch Eliza Perkins! Sie waren zusammen in der Schule gewesen. Sie wollte an Eliza alles schreiben, was sich auf der Reise zugetragen hätte!

»Alles?« sagte ich in meiner besonderen sarkastischen Art.

Nun ja, alles was des Erzählens wert sei. Es gebe ja eine große Menge Dinge und Leute, die sehr stupid seien, aber: »Alles, was Sie sagen, Herr Titmarsh, kann ich sicherlich aufschreiben. Du hast doch Herrn Titmarshs drollige Bücher gelesen, Mama?«

Mama antwortete, sie habe davon gehört und zweifle nicht daran, daß sie sehr amüsant seien.

»War das nicht – hm – Lady Knightsbridge, mit der ich Sie sprechen sah, mein Herr?«

»Ja, sie reist nach Deutschland, um Lord Knightsbridge zu pflegen, der in Rougetnoirburg an der Gicht darniederliegt.«

»Wirklich! Welch ein glücklicher Zufall! Was für ein außerordentliches Zusammentreffen! Wir gehen auch dorthin,« sagte Lady Kicklebury.

Ich bemerkte, dieses Jahr gehe alle Welt nach Rougetnoirbourg; und ich hätte von zwei Gentlemen gehört – Graf Carambolage und Oberst Kanone – die genötigt gewesen wären, dort auf einem Billard zu schlafen, weil sie kein Bett bekommen hätten.

»Mein Sohn Kicklebury – sind Sie mit Sir Thomas Kicklebury bekannt?« meinte ihre Ladyschaft mit großer Würde – »ist in Noirburg und wird für uns Quartier besorgen. Die Quellen sind uns besonders für meine Tochter, Frau Milliken, empfohlen, und ich bringe daher ein großes persönliches Opfer und gehe selbst mit dorthin; aber was wird eine Mutter nicht alles tun, Herr Titmarsh? Verstand ich Sie recht, daß Sie, daß Sie – äh – Zutritt in Knightsbridgehouse haben? Die Gesellschaften sollen nicht mehr sein, was sie früher waren, sagte man mir. Nicht daß ich irgend etwas davon wüßte. Ich bin nur eine arme Landbaronetswitwe, Herr Titmarsh, obwohl die Kickleburys aus Heinrichs des Dritten Zeiten herstammen, und meine Familie auch nicht zu den jüngsten des Landes gehört! Sie haben vielleicht von meinem Vater, General Guff, gehört? Adjutant beim Herzog von York und an Sr. Kgl. Hoheit Seite beim Bombardement von Valenciennes verwundet. Ja, wir bewegen uns in unsrer eignen Sphäre

»Frau Perkins ist ein sehr liebes Wesen,« sagte ich, »und es war ein recht angenehmer Ball; meinen Sie das nicht auch, Fräulein Kicklebury?«

»Mir schien er scheußlich,« sagte Fräulein Fanny. »Ich meine, er war hübsch, bis dieser – dieser stupide Mensch – wie hieß er doch? – kam und mich zum Tanzen holte.«

»Was, Sie machen sich nichts aus einem roten Rocke und einem Schnurrbart?« fragte ich.

»Ich bete den Genius an, Herr Titmarsh,« sagte die junge Dame mit einem hinreißenden Blick ihrer schönen blauen Augen, »und ich weiß jedes Ihrer Werke auswendig – alle, ausgenommen das letzte, das ich nicht ausstehen kann. Ich halte es für nichtsnutzig, positiv nichtsnutzig – mein Liebling Scott! – Wie können Sie ihn nur so verulken? Aber werden Sie denn dies Jahr ein Weihnachtsbuch herausbringen?«

»Soll ich Ihnen etwas davon erzählen?«

»O ja, erzählen Sie uns davon,« sagte das reizende, muntere Geschöpf und klatschte dabei in die Hände; und so begannen wir zu schwatzen. Lavinia (Frau Milliken) und ihr Gatte, der unaufhörlich mit Holen und Wegtragen von Büchern, Biskuits, Kissen, Mänteln, Riechflaschen, dem italienischen Windspiel und den tausend und einen Bedürfnissen der blassen und interessanten jungen Frau beschäftigt war, waren in der Nähe. O wie sie nervös war! Wie sie murrte! Wie sie fortwährend ihre Lage wechselte und sich umdrehte! Und wie sie den armen Milliken herumtrotten ließ!

Nachdem ich Fräulein Fanny meinen Plan für die Weihnachtsgeschichte mitgeteilt hatte, den sie für köstlich erklärte, fuhr sie fort. »Ich war noch niemals so ärgerlich in meinem Leben, Herr Titmarsh, als wie dieser abscheuliche Mensch hereinkam und unser reizendes Gespräch unterbrach.«

»Ist das wahr? Der abscheuliche Mensch ist an Bord unsres Schiffes, ich sehe ihn grade bei dem Schornstein rauchen, dort drüben, sehen Sie, und er sieht zu uns hinüber.«

»Er ist sehr stupid,« meinte Fanny; »und ich bete nur den Verstand an, mein lieber Herr Titmarsh.«

»Aber warum ist er dann an Bord?« sagte ich mit einem feinen Lächeln.

»Warum er an Bord ist? Warum ist alle Welt an Bord? Wie trafen wir denn zusammen? (und ach, ich bin ja so froh, Sie wiederzusehen!) Sie meinen doch nicht, daß ich weiß, wie der schreckliche Mensch hierherkam?«

»Eh! Der mag wohl von einem Paar blauer Augen fasziniert sein, Fräulein Fanny! Das ist andern auch passiert,« antwortete ich.

»Seien Sie nicht grausam zu einem armen Mädchen, Sie nichtsnutziger Satiriker,« sagte sie; »ich finde Kapitän Hicks scheußlich – damit fertig! Und ich war ganz böse, als ich ihn auf dem Schiff sah. Mama will nichts von ihm wissen; sie war doch so böse mit mir, daß ich an jenem Abend mit ihm tanzte – obwohl doch sonst niemand irgendwie besonders Bemerkenswerter bei der guten lieben Frau Perkins war – d. h. Sie ausgenommen, Herr Titmarsh.«

»Und ich tanze ja nicht,« sagte ich mit einem Seufzer.

»Ich hasse tanzende Herren; sie können nichts weiter, als eben tanzen.«

»O nein, sie können doch noch mehr. Einige von ihnen können rauchen, und einige können reiten und einige können sogar Herzen bezaubern.«

»Sie nichtsnutziger, satirischer Mensch. Ich fürchte mich ordentlich vor Ihnen!«

»Und einige von ihnen nennen den Rhein den ›Whein‹,« sagte ich, indem ich des armen Hicks gedehnte Sprechweise bewunderungswürdig nachahmte.

Fanny sah mich mit einem ganz besondern Ausdruck ihres Gesichtes scharf an. Endlich lachte sie. »O Sie nichtsnutziger, nichtsnutziger Mensch,« sagte sie, »was für ein kapitaler Mimiker Sie sind, und so klug! Holen Sie doch mal Kapitän Hicks heran – heißt er nicht so? Schleppen Sie ihn her zu uns. Holen Sie ihn heran und stellen Sie ihn Mama vor, bitte gleich, ja?«

Mama hatte mittlerweile schon eine ganze Zeit auf uns gewartet und war gerade eben im Begriff, die Kajütentreppe hinunterzuschreiten, als Lady Knightsbridge diese hinaufstieg. Sich zurückziehen, den allertiefsten Knix machen und ausrufen: »Lady Knightsbridge! Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Ladyschaft in – hm – hm – hm – (ich konnte das Wort nicht verstehen) House zu sehen,« dies alles wurde von Lady Kicklebury in einem Nu hervorgesprudelt und von der jüngeren Dame mit ihrer gewöhnlichen Kühle aufgenommen.

»Und, nicht wahr, ich darf hoffen,« fuhr Lady Kicklebury fort, »daß das schönste aller Kinder – eine Mutter darf so sagen – daß Lord Pimlico von seinem Keuchhusten genesen ist? Wir waren so besorgt um ihn. Unser Arzt ist Herr Doktor Topham, und er pflegte sehr oft von Knightsbridge House nach Pocklington Square zu kommen. Ich interessiere mich für den Keuchhusten. Mein eigner lieber Junge hatte ihn sehr schwer, das liebe Kind; auch meine älteste Tochter, die Sie dort auf der Bank ausgestreckt sehen, – sie ist in einem sehr delikaten Zustand, erst kürzlich verheiratet – keine Heirat, wie ich sie eigentlich gewünscht hätte, aber Herr Milliken ist aus guter Familie, ja mit Ihrer Ladyschaft entfernt verwandt. Ein Milliken heiratete unter Georg des Dritten Regierung eine Boltimore, und die Boltimores, meine ich, sind Ihre richtigen Vettern – sie heirateten dieses Jahr, und Lavinia liebt mich so, daß sie sich nicht von mir trennen kann, und eben deshalb bin ich mit auf Reisen gegangen, um ihr zu Gefallen zu sein. Wir gehen nach Noirburg. Ich glaube, ich hörte von meinem Sohn, daß Lord Knightsbridge in Noirburg sei.«

»Ich glaube, daß ich das Vergnügen hatte, Sir Thomas Kicklebury in Knightsbridge House zu sehen,« sagte Lady Knightsbridge ziemlich ernst.

Wirklich! Und Kicklebury hatte ihr das niemals gesagt! Er lachte sie aus, wenn sie von vornehmen Leuten sprach! Er erzählte ihr alle möglichen lächerlichen Geschichten, wenn er auf dies Thema kam! – Aber auf jeden Fall war die Bekanntschaft gemacht. Lady Kicklebury wollte Lady Knightsbridge nicht verlassen; und sogar trotz aller Seekrankheit erzählte sie ihr in der geheimen Zurückgezogenheit der Kabine von der Welt, von Lord Pimlico, und ihrem Vater, General Guff, dem früheren Adjutanten des Herzogs von York.

Daß die Seekrankheit sich einstellte, brauche ich nicht zu erwähnen. Kaum waren wir bei Ramsgate vorbei, so stieg Lankin, der außerordentlich lustig und satirisch gewesen war (d. h. auf seine ruhige Art, er führt dann Horaz an – gerade meine Lieblingsstellen von meinem Lieblingsdichter; er hat dabei ein stilles Kichern, das einen sozusagen an den Duft von Amontillado erinnert und besonders amüsant wirkt), Lankin also stieg mit kläglichem, totenblassem Gesicht in seine Koje hinab, und wie dieser sechs Fuß lange Geheime Justizrat sich darin verpackte, das weiß ich nicht!

Als Lady Knightsbridge hinunterstieg, ging auch Lady Kicklebury hinunter. Milliken aber und seine Frau blieben zusammen krank auf Deck. Eine Ruhmespalme müßte diesem Manne zuerkannt werden wegen seiner engelhaften Geduld, Energie und Qual. Er ging zu Frau Millikens Kammerjungfer, die aber nicht zu ihrer Herrin kommen wollte. Und er, – der schüchternste aller Männer, stürmte die Damenkajüte – den Seeharem, um das Riechfläschchen ihrer Mutter zu bekommen. Und er holte Brandy und Wasser und bat und flehte seine angebetete Lavinia an, einen kleinen Tropfen nur zu nehmen! Lavinias Antwort war nur: »Bitte – geh – quäle mich nicht, Horaz.« Und als er nicht gebraucht wurde, ließ sich das sanfte Geschöpf auf die Bank zu den Füßen seiner kranken Frau nieder und war auch krank und schwieg dazu still.

Anmerkung: Verheiratete Leute sind, scheint mir, fast immer so wie Milliken und seine Frau oder gerade das Gegenteil davon. Ein Engel bedient den Tyrannen oder der sanfte, unter dem Pantoffel stehende Gatte duckt sich vor dem überlegenen Partner. Wenn ich jemals heirate, so weiß ich, was für eine Art von Frau ich wählen werde; ich werde ihr Temperament nicht durch zu große Nachsicht auf die Probe stellen und ihre schönen Eigenschaften durch eine verderbliche Unterwerfung unter ihre Wünsche zerstören.

Das kleine Fräulein Fanny blieb auf Deck, gleichwie ihre Schwester, und sah zu den Himmelssternen auf, als diese zu leuchten begannen, und zu den Lichtern auf den Landspitzen, an denen wir vorüberkamen. Ich hätte gern mit ihr geredet; ich hätte ihr poetische Bilder und Gedanken voll Schönheit vorgeführt; ich hätte ihr das Wort Gefühl zugeflüstert – als zarte Anspielung – wie ein Atmen der Seele, die sich danach sehnt, ein verwandtes Herz zu finden – das Dichten und das Trachten eines verwundeten Geistes, der niedergeschlagen und traurig, aber noch nicht ganz verzweifelt ist, der noch weiß, daß die Pflanze der Hoffnung in seinen Ruinen verborgen blüht – der noch fähig ist, auf Sterne und Meer zu blicken und ihres glänzenden Scheines, ihren unbegrenzten Azurs sich zu freuen. Ich meine, ich hätte die Gelegenheit dieser stillen Nacht benutzen mögen, um ihr die Schätze eines Herzens bloßzulegen, das, wie ich glücklicherweise sagen darf, noch jung ist; aber das Schicksal verbot solch freies Ausströmen meiner poetischen Seele – mit einem Wort, ich war genötigt, fortzugehen und mich platt auf den Rücken niederzulegen und mich zu bemühen, andere Emotionen niederzukämpfen, die in meinem Busen stritten.

Einmal in der schlaflosen Nacht erhob ich mich und kam auf Deck; das Schiff schwankte, wie mir schien, nicht so sehr; und doch – und doch war Neptun unerbittlich. Die ruhigen Sterne blickten hernieder, aber sie gaben mir keinen Frieden. Lavinia Milliken schien zu schlafen, und ihr Horaz lag in totenähnlicher Erschlaffung zu ihren Füßen. Fräulein Fanny hatte das Backbord des Schiffes verlassen und war nach Steuerbord hinübergegangen; und es schien mir, als ob ein Herr neben ihr stände, aber ich konnte nicht recht klar sehen, und kehrte in den schrecklichen Stall zurück, wo Lankin schlief und der deutsche Geiger unter ihm wie sein eignes Violoncell schnarchte.

Am Morgen aber waren wir alle so munter wie Bienen. Wir waren in den sanften Wassern der trägen Schelde. Die Stewards begannen mit jenem morgendlichen Eifer, den sie immer zeigen, das Frühstück zuzubereiten. Die Schläfer in der Kajüte wurden von ihren Roßhaarmatratzen durch die Stewardsjungen aufgescheucht, die ihnen das Bettzeug wegzogen und sie mit Tischtüchern beklapsten. Ich rasierte mich und zog mich hübsch an und kam gerade auf Deck, als wir an der kleinen, holländischen Festung vorbeifuhren, die ja in Murrays Führer genau genug beschrieben ist und derentwegen ich einen köstlichen Spaß mit dem armen Hicks und mit Lady Kicklebury hatte, deren Sinn für Humor sicherlich nicht sehr ausgeprägt ist. Er hatte sich zur Lady gesellt, und sie blickten zusammen nach dem Fort hinüber und nach seiner blauweißroten Flagge – die uns von Vanderveldes Gemälden her so vertraut ist – und nach den langsam gleitenden Schiffen und den hohen Dächern und grauen Kirchtürmen und ebenen Wiesen, die in einem Nebel vor uns lagen, wie ein Bild von Cuyp.

Ich muß leider gestehen, daß ich ihnen die allerschrecklichsten Lügen über dieses Fort erzählte. Wie es vom Holländerpatrioten Van Swammerdan gegen die vereinigten Streitkräfte des Herzogs von Alba und des Marschalls Turenne verteidigt wurde, dem das Bein abgeschossen ward, als er den letzten erfolglosen Ansturm befehligte und der sich zu seinem Adjutanten mit den Worten herumwandte: »Sagen Sie dem Ersten Konsul, ich sterbe mit dem Bedauern, nicht genug für Frankreich getan zu haben.« Dies gab dann Lady Kicklebury Gelegenheit, ihre Geschichte vom Herzog von York und dem Bombardement von Valenciennes anzubringen und veranlaßte den jungen Hicks, mich ganz bestürzt und flehend anzusehen und mir sodann anzudeuten, daß ich ein Aufschneider wäre!

»Ein Aufschneider, wirklich!« sagte ich mit ganz besonders listigem Augenzwinkern zu Fräulein Fanny, »ich möchte Sie nicht aufziehen, Kapitän Hicks! Wenn Sie meine historische Genauigkeit bezweifeln, so sehen Sie doch in der Biographie Universelle nach, jawohl, in der Biographie Universelle.« Er sagte: »Oh – ah – die Biographie Universelle in allen Ehren, ich kann bloß nie herausbringen, ob Sie eigentlich Spaß machen oder nicht; und ich denke mir immer, Sie wollen mich aufziehen. Ha, ha!« Und dabei lachte er, der gutmütige Dragoner und bildete sich ein, er hätte einen Witz gemacht.

Ich bat ihn, nicht so böse mit mir zu sein, und er sagte wieder: »Ha, ha,« und meinte, ich müßte doch nicht immer meinen Willen zu kriegen erwarten, und wenn ich einen Hieb austeilte, so müßte ich auf einen Witz als Erwiderung gefaßt sein. Ha, ha. O, du ehrlicher junger Hicks!

Wirklich, jedermann war bei guter Laune. Der Nebel verzog sich, die Sonne schien, die Damen plauderten und lachten, sogar Frau Milliken war guter Laune (»Meine Frau ist ganz Intellekt,« sagte Milliken und sieht sie bewundernd an), und plauderte ungezwungen und heiter mit uns. Sie war so freundlich, zu sagen, es sei ein großes Vergnügen, mit einer literarischen und wohlinformierten Persönlichkeit zusammenzutreffen, man komme ja so oft mit Leuten zusammen, die einen nicht verständen. Sie fragte, ob mein Gefährte, der schlanke Herr – Herr Geheimer Justizrat Lankin, nicht wahr? – literarisch gebildet wäre. Und als ich sagte, Lankin wüßte mehr Griechisch und mehr Lateinisch und mehr von Rechtswissenschaft und mehr von Geschichte und überhaupt mehr von allem, als alle Passagiere zusammengenommen, geruhte sie ihn voll Interesse anzusehen und sich mit meinem bescheidenen Freunde, dem Herrn Geheimen Justizrat, in ein Gespräch einzulassen. Da geschah es, daß ihr anbetender Gatte sagte, seine Lavinia sei ganz Intellekt, und daß Lady Kicklebury meinte, sie wäre ja keine literarisch gebildete Frau, zu ihrer Zeit hätte man von der britischen Frau wenig Talente gefordert, aber sie kenne den Geist des Zeitalters und ihre Pflicht als Mutter, und Lavinia und Fanny hätten die besten Lehrer gehabt und die beste Erziehung, die durch Geld und durch beständige mütterliche Sorgfalt ihnen hätte zuteil werden können. Unsere Matronen sind tugendhaft, und England rühmt sich dessen mit Recht, aber ich gestatte mir zu sagen, die Matronen wissen es sicher selber sehr gut!

Da das Gespräch durch Frau Milliken schrecklich intellektuell wurde, so machte das den armen Hicks natürlich verdrießlich und er machte der Literatur ein Ende, indem er seine Verwunderung über den Kopfputz der Damen aussprach. »Wie nennen Sie denn eigentlich die Kappendinger?« fragte er Fräulein Kicklebury. Sie und ihre Schwester trugen nämlich ein paar von jenen blauseidenen Ueberhüten, die kürzlich Mode geworden sind, und die ich ohne die Antwort der jungen Dame niemals erwähnt haben würde.

»Diese Kappendinger?« sagte sie, »die nennen wir Vogelscheuchen, Kapitän Hicks!«

Oh, wie hübsch sie aussah, als sie das sagte! Die blauen Augen blickten unter der blauen Kappe so keck und lustig hervor, reizende Grübchen bildeten sich in ihrem Gesicht; ihr Stimmchen klang so frisch und süß, daß ein Herz, das niemals einen Baum oder eine Blume geliebt hat außer ihr, völlig verloren sein mußte – ein durch wiederholte Enttäuschung, Spott, Treulosigkeit abgenutztes und krankgewordenes Herz, – ein Herz, worin sonst nur Verzweiflung wohnt und in dessen öden und einsamen Tiefen ein beständiges Düster herrscht – und dieses Herz begann noch einmal zu schlagen – fing an, die Hoffnung vom Fenster heranzuwinken – fing an, Sonnenschein einzulassen – fing an zu – o Torheit, Torheit! Oh, Fanny! Oh, Fräulein Kicklebury, wie lieblich schautest du aus, als du sagtest: »Wir nennen diese Hüllen Vogelscheuchen!« Reizende Vogelscheuche!

Ich schreibe mehr eine Chronik von Gefühlen und Charakteren, als von Geschehnissen und Orten. Diese ganze Zeit über schwamm unser Dampfer schnell den Fluß hinauf und wir sahen vor uns die schlanken Türme der edlen Kathedrale von Antwerpen im rosigen Sonnenschein emporsteigen. Lankin und ich waren übereingekommen, nach dem Grand Laboureur am Platz de Meir zu gehen. Es gibt dort eine besondere Art von Marmeladentörtchen, genannt Nonnentörtchen; das waren nach meiner Erinnerung die besten Törtchen, die ich in den letzten zwanzig Jahren gegessen habe – ja sie waren so gut wie die Törtchen, die wir als Knaben aßen! Der Laboureur ist ein liebes, altes, ruhiges, bequemes Hotel, und es gibt keinen Menschen in ganz England, der ein gutes Diner mehr liebt als Lankin.

»In welches Hotel gehen Sie?« fragte ich Lady Kicklebury. »Wir gehen natürlich zu Saint-Antoine. Alle Welt geht zu Saint-Antoine,« sagte ihre Ladyschaft. »Wir haben vor, hier zu bleiben, um die Rubensgalerie abzumachen und morgen dann nach Köln zu fahren. Horaz, rufe Finch und Bowman, und dein Kurier, wenn er so gnädig sein will, mir aufzuwarten, wird vielleicht nach dem Gepäck sehen.«

»Ich meine, Lankin,« sagte ich, »weil jedermann zu Saint-Antoine zu gehen scheint, so können wir das ebensogut und sind keine Spielverderber.«

»Ich denke, ich werde auch hingehen,« sagte Hicks, als ob er dazugehörte.

Und oh, es war ein großartiger Anblick, als wir landeten, und an jedem Ort, wo wir später anhielten, Hirsch bei dem Kickleburygepäck sahen und dazu seine Polyglottflüche über die Portiers zu hören! Wenn ein Mensch in seinem Junggesellenstande sich bisweilen traurig und einsam fühlt, wenn irgendwelche Neidgefühle sein Herz durchdringen, wenn er Schönheit an eines anderen Arm sieht, und freundliche Augen sich auf einen glücklicheren Krug als seinen eigenen richten – so gibt es wenigstens auf Reisen für einen solchen Burschen einen Trost darin, daß er nur eine kleine Manteltasche oder einen Rucksack hat, den er leicht über die Schulter werfen kann. Dann freut er sich, wenn er an die unzähligen Körbe und Koffer denkt, die der verheiratete Mann und der Vater mit sich schleppen muß. Der verheiratete Engländer ist auf einer Reise nur ein Gepäckbeaufsichtiger; sein Gepäck ist sein morgendlicher Gedanke und sein nächtlicher Schrecken. Wenn er den Rhein entlang fährt, so hat er ein Auge auf einer Ruine und das andere auf seinem Gepäck. Wenn er mit der Eisenbahn fährt, so denkt er immer, oder seine Frau hat ihm anbefohlen, zu denken: »Ist auch das Gepäck in Sicherheit?« Das Gepäck klingt ihm immer im Ohr. Das Gepäck verläßt ihn nie, (ausgenommen, wenn es das wirklich tut, wie es mit einem oder zwei Koffern geschehen wird, was ihn dann doppelt elend macht). Seine Reisegeldbeutel liegen nachts schwer auf seiner Brust, und die vergessene Putzschachtel seiner Frau spukt in seine bösen Träume hinein.

Ich glaube, erst nachdem Lady Knightsbridge erfahren hatte, daß Lady Kicklebury die Absicht habe, in das Grand Hotel Saint-Antoine zu gehen, setzte sie sich selbst mit ihrem Kammermädchen in einen Wagen und fuhr nach dem anderen Gasthof. Wir sahen sie in der Kathedrale, wo sie sich von unserer Gesellschaft fernhielt. Milliken stieg auf den Turm und Fräulein Fanny auch. Ich bin ein zu alter Reisender, um diese unzähligen Stufen nur zum Zwecke hinaufzusteigen, um mich schwindlig zu machen durch den Blick über eine ungeheure Landkarte flacher Gegenden, die um mich herum ausgebreitet liegen, und wartete mit Frau Milliken und ihrer Mutter unten.

Als die Turmerklimmer hinabstiegen, fragten wir Fräulein Fanny und ihren Schwager, was sie gesehen hätten. »Wir sahen Kapitän Hicks dort oben,« bemerkte Milliken. »Und ich bin sehr froh, daß Du nicht mitgekommen bist, liebste Lavinia. Die Anstrengung wäre zuviel für dich gewesen, viel zu viel.«

Während all dieser Zeit sah Lady Kicklebury Fanny an, aber Fanny hielt ihre Augen niedergeschlagen; und ich wußte, daß es zwischen ihr und diesem armen Hicks nichts Ernstliches geben konnte, denn sie hatte über ihn gelacht und ihn im Laufe des Tages einhalb dutzendmal vor mir nachgemacht.

»Wir machen die Rubens ab,« wie Lady Kicklebury sagt; wir ziehen von der Kathedrale nach der Gemäldegalerie, von Kirche zu Kirche. – Wir sehen die ruhige alte Stadt mit ihren Türmen und Giebeln, die Börse und das ungeheure Rathaus; und ich habe die Ehre, Lady Kicklebury während dieser Pilgerfahrten meinen Arm zu geben und ein paar hundert Einzelheiten betreffend ihrer Ladyschaft Leben und Familie anzuhören: Wie Milliken neulich in Pigeoncot gebaut hat, wie er zweitausend Pfund jährlich mehr haben wird, wenn sein Onkel stirbt, wie sie peremptorisch den Aufmerksamkeiten dieses prinzipienlosen jungen Mannes, des Lord Roughhead, den Lavinia immer verabscheute und der Fräulein Brent bloß zum Schabernack heiratete, ein Halt gebieten mußte. Es war ein Glück, daß sie dem entging, ihre liebe Lavinia. Roughhead ist ein sehr wilder und ausschweifender junger Mensch, einer von Kickleburys Schulfreunden, deren ihr Sohn ach! nur zu viele hat, und sie verbreitet sich über viele Einzelheiten von Kickleburys Benehmen – das Rauchen des unseligen Burschen, seine Liebe fürs Billard, seine Begeisterung für den Turf; sie fürchtet, daß er schon mehr als sein Einkommen ausgegeben hat, sie fürchtet, daß er eben jetzt in Noirburg spielt; sie geht dorthin, um ihn, wenn möglich, von seinen Gefährten und deren Lustbarkeiten abzubringen – was kann eine Mutter nicht bewirken? Sie schrieb ihm gerade am Tage vorher, ehe sie London verließen, und kündigte ihm an, daß sie mit ihrer Familie zu ihm fahre. Er ist in vielen Beziehungen wie sein armer Vater – dieselbe Offenheit und Freimütigkeit, dieselbe leichte Charakteranlage und, ach! dieselbe Vorliebe fürs Vergnügen. Aber sie hatte den Vater umgemodelt und wird ihr Aeußerstes tun, um ihren lieben, irregeleiteten Knaben zur Besinnung zurückzurufen. Sie hatte eine vorteilhafte Partie für ihn in Aussicht: eine Dame, die nicht gerade schön war – das war richtig – die aber alle nur möglichen guten Prinzipien und ein sehr schönes Vermögen besaß. Unter dem Vorwande, dieser Dame zu entfliehen, hatte Kicklebury die Stadt verlassen. Aber sie wußte es besser.

Ich sage, junge Leute werden immer junge Leute sein; sie müssen sich die Hörner ablaufen, und ich meine bei mir selbst, daß der Ueberfall seiner Mama dem jungen Sir Thomas Kicklebury vielleicht mehr überraschend als angenehm sein wird, und daß sie möglicherweise von sich und ihrer Familie und ihren Tugenden und ihren Töchtern ein bißchen zuviel redet; aber sie will mich zum Vertrauten, und die ganze Zeit über, wo wir die Rubens ›abmachen‹, redet sie von den Gemälden in Kicklebury, von ihrem Porträt von Lawrence, das für dessen schönstes Werk erklärt wird, von Lavinias Zeichentalent und von den Ausgaben für Fannys Musiklehrer; von ihrem Hause in der Stadt (wo sie mich zu sehen hofft); von ihren Gesellschaften, die durch die Krankheit ihres Haushofmeisters unterbrochen wurden. Sie redet von Kicklebury, bis ich beinahe krank davon werde. Und oh, Fräulein Fanny, all dies erdulde ich wie ein alter Narr, nur wegen eines gelegentlichen Blickes Ihrer schönen Augen und Ihres rosigen Gesichtes!

Noch eine Zwischenbemerkung: »Wir hoffen Sie in der Stadt zu sehen, Herr Titmarsh.« Dumme Spötterei! Wenn all die Leute, die man auf Reisen schon getroffen, und die gesagt haben: »Wir hoffen Sie oft in der Stadt zu sehen,« auch nur die allerleiseste Anstrengung gemacht hätten, ihre Hoffnungen zu verwirklichen durch eine einfache Einladung, die sie mit der Stadtpost schicken könnten, was für ungeheure Dinerbekanntschaften würde man da haben! Aber ich habe ein Mißtrauen gegen Leute, die mir sagen: »Wir hoffen, Sie in der Stadt zu sehen.«

Lankin kommt am Ende des Tages gerade vor dem Essen herein. Er hat die ganze Stadt allein durchlaufen – Kirche, Turm, Festungen, Rubens und alles andere besehen. Er ist voll von Egmont und Alba. Er ist vollgepfropft mit der Geschichte der Belagerung der Zitadelle, die Chassé gegen die Franzosen verteidigte. Nach dem Mittagessen schlendern wir die Kais entlang und bei der ruhigen Zigarre im Hotel unten plaudert Herr Lankin über die Rubensgemälde in einer Weise, die anzeigt, daß der belesene Justizrat auch ein Auge für Gemäldeschönheit hat, so gut, wie für die andern Schönheiten dieser Welt, und die ungeheure Energie, den verschwenderischen Genius, die königliche Pracht Antwerpens in rechter Weise bewundern kann. In der allerbescheidensten Art der Welt erzählt er, ein Student habe gute Skizzen im Museum gemacht und er habe ein paar Kopien von Porträts des berühmten Van Dyck und von der wundervollen Anbetung der Magier bei ihm bestellt, »ein großartigeres Gemälde«, meint er, »als sogar das im Dom« – eine Meinung, welcher zustimmen kann, wer mag. Er sagt, er finde, Fräulein Kicklebury sei ein hübsches kleines Ding, aber alle meine Schwäne seien Gänse, und diese alte Frau mit ihren Airs und ihrer Gespreiztheit, die sei die unleidlichste, lästigste Person auf der ganzen Welt. Darin ist viel gutes Urteil, aber es ist auch zuviel sardonischer Humor in Lankin. Er kann Frauen nicht richtig abschätzen, weil er ein alter Junggeselle ist und in dem schmutzigen alten Pump Court wohnt, wo er, nebenbei gesagt, einen Keller hat, der eines Bischofs würdig ist. Wir gehen zur Ruhe; man hat uns ein bescheidenes Logis hoch oben unterm Dach gegeben, was wir wie Philosophen hinnehmen, die nur mit einem Mantelsack reisen. Die Kickleburys haben die große Zimmerflucht wie es ihrer Würde zukommt. Welches von diesen flackernden Lichtern erhellt wohl Fräulein Fannys Zimmer?

Hicks sitzt auch unten, er raucht seine Zigarre. Er und Lankin trafen sich in der Zitadelle. Lankin sagt, er sei ein verständiger Bursche und scheine seinen Beruf zu kennen. »Jeder Mensch kann gut über irgend etwas reden,« sagt der Justizrat. »Und einen kenne ich, der über alles redet,« sage ich; darauf errötet Lankin, und wir nehmen unsere flackernden Talgkerzen und gehen zu Bett. Man weckt uns eine Stunde vor der Abreisezeit, und wir können in dieser Stunde den Herrn Oberkellner bewundern, der sich herumspreizt, wie es dem Oberkellner eines von Botschaftern mit ihrer Kundschaft beehrten Hotels zukommt. Er widerspricht uns ins Gesicht und sein Gesicht ist noch mit dem Bart von gestern geschmückt. Auch einen Teil seiner Kleidung hat der anmutige Jüngling nicht gewechselt, seitdem wir ihn gestern sahen. Wir erkennen etwas Schmutziges und Verblaßtes – das schöngearbeitete Oberhemd, mit dem er beim gestrigen Bankett erschien. Leben Sie wohl, Herr Oberkellner, mögen wir Ihr schönes Gesicht nie wiedersehen, gewaschen oder ungewaschen, rasiert oder unrasiert, nie wieder!

Nun kommen die Damen – »Guten Morgen, Fräulein Fanny.« »Ich hoffe. Sie haben gut geschlafen, Lady Kicklebury?« »Eine fürchterliche Rechnung!« »Kein Wunder; wie können Sie es anders erwarten, wo Sie solch schlechtes Mittagessen haben?« »Hören Sie, wie Hirsch über das Gepäck redet! Schauen Sie die ehrlichen belgischen Soldaten und den fetten Bürgergardisten auf der Wache an, mit seinem Gewehr in der einen Hand, während er die andere Hand in der Tasche hat.« Kapitän Hicks bricht beim Anblick des fetten Gardisten in ein Gelächter aus und sagt: »Beim Zeus, Titmarsh, den müssen Sie aufziehen.« Und wir nehmen endlich unsere Sitze nach unserer Bequemlichkeit ein, und die Eisenbahnsignalhörner blasen, und, außer ab und zu für ein paar Minuten, halten wir bis zur Nacht nirgends längere Zeit an, trompeten durch grüne Ebenen und Weiden, über breite Kanäle und durch alte Städte, durch Lüttich und Verviers, durch Aachen und Köln, bis wir bei Nachtanbruch in Bonn landen. Wir lassen uns alle ein Abendessen oder Tee geben, wir sind ziemlich vertraut geworden – wir sehen selbstverständlich uns das Fremdenbuch im großen Saal des Sternhotels an. Ei, alle Welt ist ja am Rheine! Hier findet jeder die Namen von seinem halben Bekanntenkreis. »Ich sehe, Lord und Lady Exbourough sind abgereist,« sagt Lady Kicklebury, deren Auge sich natürlich auf die Namen der ihr verwandten Aristokratie festhaftet. »Lord und Lady Wyebridge und Gefolge, Lady Zedland und ihre Familie.« »Halloh! Da ist Cutler vom Einundzwanzigsten, und Mac Mull von den Grünen en route nach Noirburg,« sagt Hicks vertraulich. »Kennen Sie Mac Mull? Verteufelt guter Bursche – raucht wie ein Schlot.«

Lankin liest ebenfalls und grinst. »Ei, machen die auch die rheinische Rundreise?« sagt er, und liest: –

Sir Thomas Minos, Lady Minos, nebst Begleitung aus England.

Sir John Aeachus, mit Familie und Dienerschaft, aus England.

Sir Roger Rhadamanthus.

Thomas Smith, Geheimer Justizrat.

Geheimer Justizrat Brown und Frau Gemahlin, aus England.

Geheimer Justizrat Tomkins, Engländer.

Madame Tomkins, drei Fräulein Tomkins.

Herr Kewsy, Rat Ihrer Majestät der Königin von England. Frau Kewsy, drei Fräulein Kewsy.

Und dieser Liste hatte Lankin lachend seinen eigenen Namen und den Ihres gehorsamen Dieners hinzugefügt, unter das erhabene Autogramm Lady Kickleburys, die für sich selbst, ihren Schwiegersohn und ihr Gefolge einzeichnete.

Ja, wir scharen uns alle einer an den andern, als echte Engländer. Wir können Harvey Sauce und Cayennepfeffer und Morisons Pillen in jeder Stadt der Welt kaufen. Wir schleppen unsere Nation überallhin mit uns und sind überall auf unserer Insel, wohin wir auch gehen mögen. Toto divisos orbe – immer von den Leuten geschieden, in deren Mitte wir leben.

Als wir am nächsten Morgen auf den Dampfer kamen, stieg der Burgfels des Drachenstein im Sonnenaufgang vor uns empor; und er sah so rosig aus, wie die Wangen Master Jackys, wenn sie gerade morgens gewaschen sind. Wie dies rosige Licht auch Fräulein Fannys hübschen Grübchen wohl stand, wahrhaftig! Wie gut eine Zigarre im frühen Morgengrauen schmeckt! Ich behaupte immer, daß sie einen Geschmack hat, der ihr zu spätern Stunden nicht eigen ist, und daß sie teilhat an der Frische der ganzen Natur. Und der Wein ebenfalls – der Wein ist niemals so gut, wie zum Frühstück – nur kann ihn mancher nicht trinken, weil er schon betrunken ist.

Schau! Da ist ein junger Bursch, der schon Brandysoda trinkt. Er setzt sein Glas mit einem Atemzug der Befriedigung nieder. Augenscheinlich, er mußte sich stärken und erfrischen. Also, er setzt den Humpen nieder und sagt: »Wie geht's Ihnen, Titmarsh? Ich war letzte Nacht duhn! Meine Augen sind ganz dick, nicht wahr? Aber ich fühle mich pudelwohl!«

Er ist der jugendliche Nachkomme und Erbe eines alten Hauses: des edlen Earls von Grimsby Sohn, Viscount Talboys. Er reist mit dem ehrwürdigen Baring Leader, seinem Erzieher, der, einer großen natürlichen Anlage und Vorliebe für die Aristokratie folgend, Lady Kickleburys Karten schon auf ihren Koffern inspiziert hat und sich selbst schon bei ihrer Ladyschaft eingeführt hat. Er hat nach Sir Thomas Kicklebury gefragt, dessen er sich vollkommen gut erinnert, und den zu treffen er oft das Glück hatte, als Sir Thomas noch Student in Oxford war. Es gibt wenig so liebenswürdige Charaktere, die mit Entzücken auf alles aufpassen und alles beobachten, wie diese Oxforder Dandys mittleren Alters, die immer an der Universität hängen und mit den jungen Füchsen leben. Leader kann davon erzählen. Er war einer der flottesten jungen Theologen bei Wettrennen und Bootfahren, Leader reitet gelegentlich Lord Talboys Jagdrenner; er ist ein guter Schütze und geht selten ohne einen Hühner- oder Wachtelhund übers Feld. Leader kennt den Grafschafts- und Wettrennkalender so gut wie die Oxforder Klassiker. Leader kommt in die Stadt und diniert bei Lord Grimsby. Leader geht alle zwei Jahre an den Hof. Er ist der größte Stutzer in seiner Sphäre. Er trinkt Claret und kann Portwein nicht mehr vertragen, und seine alten Kolleggenossen bewundern und verhätscheln ihn und beziehen all ihre Kenntnis von Welt und Aristokratie durch ihn. Ich bewundere diese freundlichen alten Herren, wenn sie, leutselig und leichtherzig, als Weltmenschen und Mitglieder des Camford- und Oxbridgeklub, auf dem Londoner Pflaster erscheinen. Ich sehe sie gern über der Morning Post im Klub mit einem: »He, was sehe ich, Lady Rackstraw hat schon wieder eine Tochter.« »Poppleton, da war wieder 'ne Gesellschaft in X-house, und du warst nicht eingeladen, mein Junge.« »Lord Coverdale hat eine große Gesellschaft eingeladen, die in Coverdale bei ihm wohnt. Kannten Sie ihn auf dem College? Er war ein schöner Kerl, ehe ihm bei einer Boxerei mit dem Bootsführer in Iffly das Nasenbein gebrochen wurde; nur leichtes Gewicht, aber ein feiner Boxer,« usw. Laßt mich hinzufügen, daß Leader, obwohl er Quasten Früher trugen die adligen Studenten eine goldene Quaste auf der Mütze. liebt, ein freundliches Herz hat, wie seine Mutter und seine Schwestern in Yorkshire wissen, wie das ganze Dorf ebenfalls es weiß, das stolz ist auf seine Position in der großen Welt und ihn sehr herzlich willkommen heißt, wenn er hinunterkommt und seine Weihnachtspflicht erfüllt und ihnen eine oder zwei der »ganz gleichen Predigten« vorträgt, »die Lord Grimsby zu gefallen beliebten, als ich sie bei den Talboys hielt.«

»Sie sind nicht mit Lord Talboys bekannt?« fragt Leader mit seiner freundlichen Miene, »es soll mir ein großes Vergnügen sein, ihn Ihnen vorzustellen. Talboys, lassen Sie mich Sie der Lady Kicklebury vorstellen. Sir Thomas Kicklebury war zu Ihrer Zeit nicht im College; aber Sie haben sicherlich von ihm gehört. Ihr Sohn hat in Oxford einen Ruf hinterlassen.«

»Ich meine auch, von ihm gehört zu haben. Er machte hundert Meilen in hundert Stunden. Man sagt, er wettete, hundert Pinten Bier in hundert Stunden austrinken zu können, aber ich glaube nicht, daß er das konnte, nicht einmal von Dünnbier; glauben Sie nur nicht, daß das jemand kann. Das Bier hier ist keinen Hel –«

»Mein lieber Talboys,« sagt Leader mit gewinnendem Lächeln, »ich nehme an, daß Lady Kicklebury kein Urteil über Bier abgeben kann – und was für ein unromantisches Gesprächsthema ist das hier unter dem Burgfelsen, den Byron unsterblich gemacht hat.«

»Was, zum Teufel meint er mit Landmädchen mit dunkelblauen Augen, und Händen, die Korn und Wein anbieten,« fragt Talboys; »ich habe niemals solch Landmädchen gesehen, Bauernmädchen sind die häßlichste Weibergesellschaft, die ich je erblickt.«

»Dichterische Lizenz. Ich sehe, Milliken, daß Sie eine reizende Skizze machen. Sie pflegten schon immer zu zeichnen, als Sie noch in Brazennose waren, Milliken; und, bitte, jawohl, Sie spielten ja auch Violoncell.«

Herr Milliken besaß diese Talente noch. Und am selben Abend noch machte er eine Skizze von Ehrenbreitenstein. Frau Milliken skizziert auch ungeheuer viel und macht Gedichte. Oh, was für traurige Gemälde, was für traurige Gedichte!

Lady Kicklebury gibt Fräulein Fanny einen Wink, als Lord Talboys erscheint, einen Wink, der ihr befiehlt, all ihre Reize spielen zu lassen. Wie die alte Dame schmeichelt und wedelt! Sie überschüttet ihn mit Talboysstammbaum und fragt ihn nach der Familie seiner Tante und seiner Mutter. Ob er nach Noirburg gehe? Wie reizend. Nichts kommt britischem Esprit gleich, und eine englische Matrone richtig auf der Jagd nach einem jungen Manne von großem Vermögen und hohem Range sehen, ist ein großartiger und wundervoller Anblick.

Aber britische Verdrießlichkeit antwortet nicht immer.

»Kannten Sie das alte Weib in dem grauen Tuchjackett, Titmarsh?« fragte mich mein angestammter Gesetzgeber. »Was zum Teufel belästigt sie mich wegen meiner Tanten und hetzt ihre Tochter auf mich? Ich bin kein solcher Narr. Ich bin nicht klug, Titmarsh, das habe ich auch nie von mir gesagt. Ich prätendiere auch nie, klug zu sein, aber dies – aber warum belästigt mich diese alte Närrin, he? Heho! Ich bin verteufelt durstig. Ich war letzte Nacht verteufelt blau. Ich glaube, ich muß noch was vertilgen. Halloh! Sie! Kellner! Garçon: Ody soda, Oter petty vare do dyvee de Conac Eau de soda. Autre petit verre d'eau de vie de Cognac.. Das ist Ihre Sorte, nicht wahr, Leader?«

»Sie werden bald Französisch recht gut sprechen, wenn Sie es üben,« sagte Leader mit sachter Stimme, »Uebung ist alles. Wollen wir an der Table d'hôte speisen? Kellner! Schreiben Sie die Namen Viscount Talboy und Mr. Leader auf, bitte.«

Das Schiff ist voll von allen Arten und Ständen von Menschen. Vorn sind Bauern und Soldaten, stumpfsinnige, friedlich aussehende kleine Krieger zum größten Teil, die schwache Zigarren rauchen und ganz harmlos unter ihren ungeheuren Helmen hervorsehen. Ein armer, verkümmerter, einfältig aussehender Bursche von sechzehn Jahren, der vor einem schwarzgestreiften Schilderhause mit einer ungeheuren Muskete auf seiner Schulter herumschwankt, scheint mir kein martialischer oder ehrfurchteinflößender Gegenstand zu sein. Ist nicht schon gesagt worden, daß wir unsere Vorurteile überall mit hintragen, und nur das bewundern, was wir in unserem eigenen Lande zu bewundern gewöhnt sind?

Drüben geht ein schöner junger Soldat, der sich seit kurzem verheiratet hat. Wie glücklich sie scheinen und wie zufrieden darüber, daß jeder ihr Glück bemerkt. Es ist ein Tatsache, daß im vollen Sonnenschein und vor einem paar Hundert Leute, an Bord des Dampfers Joseph Miller, der Soldat die Frau Soldatin richtig abküßte, worüber die süße Fanny Kicklebury rot wurde.

Wir standen beieinander und sahen auf die verschiedenen Gruppen: die hübsche Bauernfrau (wirklich hübsch, punktum!) mit dem roten Kopfputz und den flatternden Bändern und dem Kinde auf ihrem Arm; den lustigen dicken alten Herrn, der schon vormittags Rheinwein trank und allen Schlössern, Türmen und Ruinen den Rücken zudrehte, die ihre zerbröckelnden Spitzen im Wasser widerspiegelten; alle die hübschen jungen Studenten, die mit ihren bunten Farben an den Mützen mit uns aus Bonn kamen, mit ihrem malerischen Aussehen, ihren blonden Locken, ihren sprossenden Schnurrbärten, und fast jeder mit einem Schmiß auf der Nase oder auf der Backe – sehr malerisch sind sie wirklich, diese jungen Burschen – aber ach! warum müssen Sie solche schwarzen Hände haben? »Dort drüben in seinem Fuhrwerk sitzt der Graf von Reineck, der nicht ohne diesen kläglichen alten Wagen, so schäbig und kostspielig und plump er ist, reisen will, obwohl die gottlosen roten Republikaner kommen und gerade unter seiner Nase rauchen – ja, Fräulein Fanny, es ist der lustige junge Deutsche, der die Nase aus der vergangenen alten Welt heraussteckt.«

»Mein Gott, was meinen Sie denn, Herr Titmarsh?« ruft die liebe Fanny. »Und hier kommt Fräulein von Reineck mit ihrer Gesellschafterin – Sie sehen, daß sie eines der verblaßten Seidenkleider aufträgt, die sie während der Saison in der Residenz verdorben, denn die Reinecks sind sparsam, obwohl sie stolz sind, und sie sind wie manch andre zahlungsunfähige Größen gezwungen, schäbige Sachen zu tragen.«

»Es ist sehr freundlich von der jungen Gräfin, ihre Gefährtin ›Louise‹ zu nennen und Louise sie ›Laura‹ nennen zu lassen, aber, wenn man in Gesichtern lesen kann, so lesen wir in dem einen Einbildung und Tyrannei, in dem andern Täuschung und Schlauheit, und die liebe Louise hat harte Schläge von der lieben Laura zu erdulden, und, nach ihrem Kleide zu urteilen, scheint es mir nicht, daß die arme Louise ihr Gehalt sehr regelmäßig bezahlt bekommt.«

»Was für ein Trost ist es, in einem Lande zu leben, wo weder Unverschämtheit noch Bankrott unter den großen Leuten, noch Kriecherei oder Schmeichelei unter den kleinen vorkommt, nicht wahr, Fräulein Fanny?«

Fräulein Fanny sagt, sie wisse nie, ob ich scherze oder ernsthaft sei, und ihre Mama ruft sie fort, um die Ruinen von Wittgenstein anzuschauen. Jeder sieht Wittgenstein an. – Im Murray ist gesagt, man müsse Wittgenstein ansehen.

Lankin, der nahebei gestanden ist und hie und da gegrinst hat –, mit seinem sardonischen Gesicht, kommt heran und sagt: »Titmarsh, wie können Sie so impertinent sein?«

»Impertinent! Wieso?«

»Das Mädchen muß verstehen, was Sie meinen, und Sie sollten vor ihr sich nicht über ihre eigne Mutter lustig machen. Sahen Sie jemals so etwas wie die Art und Weise, in der diese schreckliche Frau den jungen Lord verfolgt?«

»Ach! Das sieht man doch jeden Tag, mein lieber Junge; nur wird der Trick meistens besser ausgeführt; Lady Kicklebury ist freilich eine ziemlich plumpe Künstlerin. – Schau! Warum wird niemand besser der Fallen, die ihm zum Einfangen aufgestellt sind, gewahr, als der junge Bursch selbst, der so schlau ist, wie nur irgendein Veteran in Mayfair. Und Sie meinen doch nicht etwa, daß Lady Kicklebury etwas Niedriges oder Unrechtes zu tun glaubt? Der Himmel behüte Sie! Sie tat niemals etwas Unrechtes, nie in ihrem Leben. Sie hat keinen andren Gedanken, als daß alles, was sie sagt und denkt und tut, richtig ist. Und sicherlich hat sie niemals eine Kirche versäumt und war Sir Thomas ein treues Weib und bezahlt stets ihre Lieferanten.« »Zum Henker mit ihrer Tugend! Die ist es, die sie so wunderbar macht – diese eherne Rüstung, in der sie undurchdringlich daherschreitet – nicht wissend, was Mitleid oder Barmherzigkeit ist, bisweilen weinend, wenn sie geärgert ist, oder ihr entgegengetreten wird, aber niemals lachend – kriechend und herrschend durch denselben natürlichen Instinkt – und vor allem niemals an sich selbst zweifelnd. Wir wollen uns erheben und gegen solche Leute empören, Lankin. Wir wollen mit ihnen kämpfen und sie in Grund und Boden vernichten. Gegen diese besonders wurden Spott und Satire erfunden.«

»Und das Tier, das du angreifst,« sagt Lankin, »ist mit einer Haut versehen, die es schützt – das ist eine gewöhnliche Regel der Natur.«

Und so kommen wir bei Türmen und Städten vorbei und schwimmen den Rhein hinauf. Wir brauchen den Fluß nicht zu beschreiben. Wer kennt ihn nicht? Wie man die Leute in den Kabinen bei den malerischsten Punkten schlafen sieht, und wie eifrig sie sind, geweckt zu werden, um der Echos wegen diese dummen Gewehre abzufeuern! Das ist unzähligen Leuten so vertraut wie Greenwich; und wir kennen die Verdienste der Gasthöfe längs des Weges, als ob sie ›Trafalgar‹ oder ›Stern und Hosenband‹ wären. Wie schal alles wird! Wenn wir jetzt in einem Garten Eden leben sollten und das Tor wäre offen, so würden wir hinausgehen und vorwärtstraben und vorwärtsstürzen, und früh am Morgen aufstehen, und wieder vorwärtsstürzen – alles, nur um uns immer zu bewegen, alles, um immer Veränderung zu haben, nur niemals Ruhe für die ruhelosen Kinder Kains.

So viele Tausende von Engländern sind in Rougetnoirburg gewesen in dieser Saison und in vergangener, daß es kaum nötig ist, den Namen des hübschen, kleinen, lustigen, gottlosen Platzes zu verändern. Da waren in diesem Jahre Advokaten, daß man das Hotel des quatre saisons das Hotel quarter sessions nannte. Da waren Richter und ihre Frauen, Geheime Justizräte mit den ihren, Räte der Königin, die Recht studiert hatten, der Nord- und Westgerichtsbezirk – da waren Offiziere auf Halb- und Vollsold, Militärbeamte, Seeoffiziere und Sheriffbeamte. Da waren Leute von hoher Vornehmheit und hohem Range, und Leute von überhaupt keinem Range – da waren Männer und Frauen von Ruf, und zwar von den beiden Arten von Ruf – da waren englische Jungen, die Kricket spielten, englische Jagdhunde, die deutsche Rebhühner aufspürten und englische Gewehre, die sie niederknallten – da waren Frauen, deren Gatten, und Männer, deren Frauen zu Hause waren – da war Hoch- und Niederkirche – ganz England in Ferien, mit einem Wort. Wieviel weiter sollen wir noch unser Feriengebiet ausdehnen, und wo werden wir nächstens kampieren? Ein Winter in Kairo ist jetzt nichts mehr. Vielleicht werden wir in nicht langer Zeit nach den Saratogaquellen gehen, und die Amerikaner werden zum Sommer nach Margate kommen.

Appartements, wie sie ihrer Würde und der Zahl ihrer Familienglieder entsprachen, waren für Lady Kicklebury von ihrem gehorsamen Sohne in demselben Hause belegt worden, in welchem einer von Lankins Freunden für uns eine viel bescheidenere Wohnung gemietet hatte. Kicklebury nahm die Ankunft seiner Mutter mit ziemlich gutem Humor hin. Der gutmütige kleine Baronet machte eine wundervolle Figur, als er sich, von seinen erstaunten Freunden kaum wieder erkannt, seiner eignen Mutter und Schwestern und den staunenden Dienern ihres Hauses vorstellte.

»Himmel, Kicklebury! bist du ein roter Republikaner geworden?« fragte seine Mutter.

»Ich kann keine Stelle finden, wo ich dich küssen kann,« sagte Fräulein Fanny lachend zu ihrem Bruder; er aber rieb ihre hübsche Wange dermaßen mit seinem roten Barte, daß manche Leute denken mochten, es möchte sehr angenehm sein, Fräulein Fannys Bruder zu sein.

Im Verlaufe seiner Reisen war eine von Sir Thomas' Kickleburys Hauptbelustigungen und Sorgen gewesen, diesen buschigen, rotbraunen Zierat zu kultivieren. Er sagte, kein Mensch könne das Deutsche richtig aussprechen, ohne einen Bart bis an die Backenknochen; aber sein Deutsch schien nicht viel über diesen einleitenden Schritt des Lernens hinausgekommen zu sein; denn trotz seinem Bart kam sein ehrlicher, englischer Akzent heraus, wie sein hübsches englisches Gesicht hinter jener stolzen und borstigen Dekoration vollkommen gutmütig und nicht zu verwechseln hervorguckte. Wir versuchen unser Bestes, wie Fremde auszusehen, aber wir können's nicht. Jeder italienische Bettler, jeder Bettler vom Pont Neuf kennt seinen Englishman, trotz Bluse, Bart und Schlapphut. »Es ist eben eine besonders wohlerzogene Anmut an uns,« flüstre ich Lady Kicklebury zu, »ein aristokratisches je ne sais quoi, was man bei niemandem sonst als bei Engländern findet, und das ist es, was uns so unendlich beliebt und auf dem ganzen Kontinent bewundert macht.« Nun, dies mag Wahrheit oder Scherz sein – dies mag Spott oder eine einfache Behauptung sein; unsre Vulgaritäten und Insolenzen mögen uns vielleicht ebenso bemerklich machen, wie diese gute Erziehung, die wir zu besitzen meinen. Es mag sein, daß die Gesellschaft des Kontinents über uns lacht und uns verabscheut, wenn wir mit Herrschermienen durch Europa wandern – aber, alles in allem genommen, wer von uns möchte sich selbst seiner Nationalität entäußern, wer möchte kein Engländer sein? Kommen Sie, mein Herr Kosmopolit, der Sie sind, der Sie all Ihre Winter in Rom oder Paris verbringen, der Sie durch eigne Wahl oder wegen Armut von Ihrem eignen Lande verbannt, leichtern Sitten, billigern Vergnügungen, ein einfacheres Leben vorziehen: sind Sie nicht doch stolz auf Ihre britische Bürgerschaft, möchten Sie wohl gern ein Franzose sein?

Kicklebury hat einen großen Bekanntenkreis in Noirburg, und als er abends in den großen Konzertsaal tritt und seine Mutter und Schwestern dort einführt, scheint er sich mit ein wenig Angst umzuschauen und durchaus nicht zu wünschen, daß ihn all seine Bekannten erkennen. Da sind einige in dieser sehr seltsamen und gemischten Gesellschaft, mit denen er unter den gegenwärtigen Umständen lieber keinen Gruß austauschen möchte. Lebemänner von allen Nationen der Welt sind hier, Gauner beider Geschlechter, Träger vom Stern und Band jedes europäischen Hofes, russische Prinzessinnen, spanische Granden, belgische, französische und englische Edelleute, jeder Grad des Briten vom Gesandten, der seinen congé bekommen, bis zum Londoner Lehrling, der sich seinen vierzehntägigen Spaß macht, Kicklebury kennt sie alle und hat ein gutmütiges Nicken für jeden.

»Wer ist diese Dame, mit den drei Töchtern, die dich begrüßte, Kicklebury?« fragt seine Mutter.

»Das ist unsre Xer Gesandtin, Frau Mama; ich traf sie gestern, wie sie für eines ihrer Kleinen auf der Frankfurter Messe ein Groschenspielzeug kaufte.«

Lady Kicklebury sieht zu Lady X. hinüber; sie macht Ihrer Exzellenz einen unausgebildeten Knix, sozusagen; sie wiegt ihr federgeschmücktes Haupt (Lady Kicklebury ist in großem Stil gekleidet, in reicher Dejeunertoilette, bei deren Anschaffung Kosten keine Rolle gespielt haben); sie grüßt die Gesandtin von ihrem Stuhle aus mit einer Handbewegung, und verneigt sich vor ihr, wie vor einer Königin, blickt dann in die großen verständnisvollen Augen ihrer Tochter und breitet pompös ihr Seidengewand aus.

»Und wer ist dieser distinguiert aussehende Herr, der eben vorbeikam und dir so reserviert zunickte?« fragte Ihre Ladyschaft, »ist das Lord X.?«

Kicklebury bricht in ein Gelächter aus. »Das, Frau Mama, ist Herr Highmore aus Conduit Street, Schneider, Tuchhändler und Kleidermacher – und ich schulde ihm hundert Pfund.«

»Die Insolenz dieser Art Leute ist wirklich unerträglich,« sagt Lady Kicklebury. »Es muß doch ein Klassenunterschied da sein! Man müßte ihnen nicht erlauben, überall hinzugehen. Und wer ist dort drüben diese Dame mit den zwei Knaben und dem – dem sehr hochmütigen Gesichtsausdruck?« fragt Lady Kicklebury.

»Das ist eine russische Fürstin, und einer dieser kleinen Knaben, der, welcher eben an einem Stück Gerstenzucker lutscht, spielt und gewinnt fünfhundert Louis jede Nacht.«

»Kicklebury, du spielst doch nicht? Versprich deiner Mutter, daß du es nicht tust! Schwöre es mir in diesem Augenblick, daß du es nicht tust! Wo sind die schrecklichen Spielsäle? Da, wo die vielen Leute an der Tür stehen? Natürlich werde ich niemals dort hineingehen!«

»Natürlich nicht, Frau Mama,« sagt der zärtliche gehorsame Sohn. »Und wenn du auf die Bälle hier gehst, so laß, bitte, Fanny nicht mit jedem tanzen, ehe du mich gefragt hast, du verstehst mich? Fanny, du wirst aufpassen.«

»Ja, Tom,« sagt Fanny.

»Was, Hicks! Wie geht's dir, alter Bursche? Wie geht's Platts? Wer hätte gedacht, daß du hier bist? Wann kamst du an?«

»Ich hatte das Vergnügen, mit Lady Kicklebury und ihren Töchtern auf dem Londoner Dampfer nach Antwerpen zu fahren,« sagt Kapitän Hicks, und macht den Damen eine Verbeugung. Kicklebury stellt Hicks seiner Mutter als seinen ganz speziellen Freund vor – und flüstert Fanny zu. Hicks sei ein so guter Kerl, wie nur je einer gelebt habe. Fanny sagt, er scheine ihr sehr freundlich und gutmütig, und – und – »Kapitän Hicks walzt sehr gut,« sagt Fräulein Fanny errötend, »und ich hoffe, daß ich ihn unter meinen Tänzern haben werde.«

Was für ein Babel von Sprachen in dieser prächtigen Halle mit leuchtenden Marmorpfeilern, ein unaufhörliches rauschendes Wispern, als ob die Musikkapelle ihre Musik bei einem Wasserfall spielte! Die britischen Advokaten haben sich alle zusammengefunden, und mein Freund Lankin ist bei seiner Ankunft von seinen juristischen Kollegen fortgeschleppt worden und wird wieder Rechtsperson. »Nun, Kollege Lankin,« meint der alte Sir Thomas Minos mit seinem ehrwürdigen, freundlichen Gesicht, »Sie haben jetzt die Herrschaft, wie ich sehe.« Und sie kommen ins Gespräch über ihre Rechtssachen, wie sie immer tun, wo sie auch sein mögen – im Klub, im Ballsaal, an einer Dinertafel, auf dem Gipfel des Chimborasso. Einige von den jungen Anwälten erscheinen in ungeheurem Glanze als Stutzer und tanzen und umschwärmen die Damen. Aber sie haben nicht die leichte, nachlässige Hols-der-Teufel-Manier der jungen Stutzer aus der Hicks- und Kickleburyschule – sie wissen ihre Kleider nicht mit dieser glücklichen Nachlässigkeit anzuziehen; ihr Halstuch sitzt, wie es gerade kommt, ganz verschieden an ihnen; sie werden sehr heiß, wenn sie tanzen, und doch wirbeln sie sich nicht annähernd so schnell herum wie diese Londoner Jünglinge, die in corpore vili ihre Uebung erworben und leicht tanzen gelernt haben durch die Uebung in tausend Kasinos.

Ueber dem Sprachenbabel und dem Klang der Musik, der man im großen Salon lauscht, hört man vom Nachbarzimmer ein gewisses scharfes, klingendes Gerassel und eine harte, klare Stimme ruft aus: »Zéro rouge,« oder »Trente cinq – noir, impair et passe;« und dann kommt eine Pause von einer Minute, und danach sagt die Stimme: »Faites le jeu, messieurs. Le jeu est fait. Rien ne va plus –«, und das scharfe, klingende Geräusch beginnt wieder. Sie wissen, was für ein Saal das ist? Das ist der Hades. Das ist der Ort, wo der kluge Besitzer des Etablissements seinen Zoll nimmt, und dahin gehen die Leute, um das Geld zu zahlen, das den klugen Besitzer und diesen schönen Palast mit Gärten erhält. Laßt uns in den Hades eintreten und sehen, was dort vor sich geht.

Der Hades ist kein unangenehmer Ort. Die meisten Leute sehen eher heiter als traurig aus. Man sieht keine rasenden Spieler, die mit den Zähnen knirschend ihre letzten Einsätze hinwerfen. Die Gewinner haben die ängstlichsten Gesichter, und dann die armen, schäbigen Leute, die sich ein System zurechtgemacht haben, die Serien von Rot und Schwarz auf ihre Karten stechen und überhaupt nicht zu spielen scheinen. An Feiertagen kommen die Landleute herein zum Spiel, Männer und Frauen, und diese scheinen wirklich aufgeregt zu sein, wie sie ihre harterworbenen Goldstücke mit zitternden harten Händen niederlegen und das Drehen des Rades beobachten. Aber die sogenannte gute Gesellschaft ist sehr ruhig und leichtherzig. Ein Mensch verliert seinen Haufen Gold und steht auf und geht davon, ohne irgendein besonderes Zeichen der Verzweiflung. Der einzige Gentleman, den ich in Noirburg sah und der wirklich ergriffen zu sein schien, war ein gewisser Graf von Mustacheff, ein Russe von ungeheurem Vermögen, der seine Fäuste ballte, sich an die Brust schlug, seinen Sternen fluchte und richtig vor Kummer weinte, nicht weil er sein Geld verloren, sondern weil er das Gewinnen versäumt und nicht auf Rot gesetzt hatte, das zwanzigmal hintereinander wiedergekehrt war. Ja, wenn er diese Serie nur gespielt hätte, das ist klar, so hätte er Herrn Lenoirs Bank gesprengt. Das Spielhaus wäre geschlossen worden und er hätte sein eigenes Vermögen verdoppelt gehabt – was ihn zwar nicht glücklicher gemacht hätte – und mit allen Bällen und aller Musik, mit allen Lesesälen und Gärten, mit allen Festen und allen Vergnügungen dieses entzückenden Rougetnoirburg wäre es aus gewesen.

Denn obwohl es ein böses Spiel bei Prinz Lenoir ist, so ist dieser doch in der ganzen Gegend beliebt; sein Etablissement gibt der Stadt, den Logierhäusern und Hotelbesitzern, den Putzmacherinnen und den Fiakerkutschern, den Fuhrhaltern, den Jägern und Waldhütern zu leben, und dazu all diesen braven Geigern und Trompetern, die so lustige Weisen spielen. Wenn Lenoirs Bank zusammenbräche, so würde die ganze kleine Stadt ihren Betrieb schließen, und alle Noirburger wünschen ihm daher Wohlergehen und Segen und gutes Glück.

Vor drei Jahren erlebten die Noirburger eine mächtige Panik. Da kam zu einer Zeit, als das Oberhaupt Lenoir in Paris war, und die Zügel der Regierung in den Händen seines jüngeren Bruders lagen, eine Gesellschaft Abenteurer aus Belgien, mit einem Kapital von dreimalhunderttausend Gulden und einem unfehlbaren System fürs rouge et noir; sie forderten kühn Lenoirs Bank heraus und setzten sich vor seine Croupiers hin und trotzten ihm. Sie nannten sich in ihrem Stolze die Kontrabank von Noirburg, sie hatten ihre Croupiers und Pointierer, sowie Lenoir die seinen, sie hatten ihre Rollen von Napoleons, mit ihrem Kontrabanksiegel bedruckt – und sie begannen zu spielen.

Es war, wie wenn zwei mächtige Riesen aus einer Schar heraustreten und sich herausfordern; die Heere stehen in Erwartung stille und die Gemeinen und die Unteroffiziere bleiben ruhig, um bloße Zeugen des Kampfes der furchtbaren Helden zu sein. So, sagt man, war es auch, als die Kontrabank eintraf, und sich vor Lenoirs Beamten aufpflanzte – Rolle gegen Rolle, Banknote gegen Banknote, Kontrolle gegen Kontrolle: all die geringeren Spieler hörten mit ihrem Tändelspiel auf und sahen in Stillschweigen auf die grüne Fläche hin, auf der der große Kampf entschieden werden sollte. Nicht an die ungeheuren Kriegsoperationen gewöhnt wie sein älterer Bruder, telegraphierte Lenoir junior, der Stellvertreter, an seinen abwesenden Chef die Nachrichten über den mächtigen Feind, der ihn überfallen hatte, und bat um Instruktionen. In der Zwischenzeit aber trat er dem Feinde wie ein Mann entgegen. Die Kontrabank von Noirburg schritt tapfer voran in den Kampf.

Die Bank Lenoir wurde Tag für Tag in zahllosen wilden Treffen geschlagen. Die Taktik der Kontrabank war unwiderstehlich; ihr höllisches System überwältigte alles ihnen Entgegenstehende, und sie marschierten fürchterlich und siegreich vorwärts, wie die mazedonische Phalanx. Dienstag ein Verlust von achtzehntausend Gulden. Mittwoch ein Verlust von zwölftausend Gulden. Donnerstag ein Verlust von vierzigtausend Gulden – Nacht für Nacht hatte der junge Lenoir diese Mißgeschicke in melancholischen Telegrammen seinem Chef mitzuteilen. – Was konnte man tun? Nacht für Nacht kehrten die Noirburger zweifelnd und trostlos heim; die schreckliche Kontrabank aber rief ihre Beute zusammen und zog sich zu einem Siegessouper zurück. Wie sollte das enden?

Fern in Paris beantwortete der ältere Lenoir diese Hilferufe seines Bruders durch verstärkte Geldsendungen. Kisten mit Gold kamen für die Bank an. Der Fürst von Noirburg bat seinen belagerten Stellvertreter, nicht den Mut zu verlieren, er selbst wich niemals einen Augenblick in dieser Prüfungsstunde der Gefahr zurück.

Die Kontrabank siegte noch weiter. Rolle auf Rolle kam in ihren Besitz. Endlich kamen die Nachrichten: »Der Kaiser ist zur großen Armee gestoßen.« Lenoir selbst war von Paris eingetroffen und war wieder unter seinen Kindern, seinem Volke. Die täglichen Kämpfe dauerten fort, und doch, doch, obgleich Napoleon bei den Adlern war, fochten die abscheulichen Kontrabankisten weiter und gewannen. Aber weit größer als Napoleon, so groß wie Ney selbst im Mißgeschick, verlor der kühne Lenoir niemals den Mut, verlor niemals seine gute Laune, war leutselig, höflich, sorgte für die Vergnügungen und die Bequemlichkeit seiner Untertanen und begegnete einem widrigen Glücke mit unerschrockenem Lächeln.

Wie Polyphem, der immer nur einen seiner Gefangenen zur Zeit aus der Höhle nahm und sie so in Muße verspeiste, so begnügten die schrecklichen Kontrabankisten in furchterregender Ausdauer und Kaltblütigkeit sich mit einem gewissen Gewinn vor dem Diner und mit einem gewissen vor dem Souper – sagen wir fünftausend Gulden für jede Mahlzeit. Sie spielten und gewannen mittags, sie spielten und gewannen abends. Die Noirburger gingen jede Nacht traurig heim, die Eindringlinge nahmen ihnen alles vor dem Munde fort. Was müssen die Gefühle des großen Lenoir gewesen sein? Was fühlte Washington vor Trenton, wo die Sache der amerikanischen Unabhängigkeit verloren zu sein schien? Was die jungfräuliche Elisabeth, als die Armada gemeldet ward? Was Miltiades, als die ungeheure Perserschar auf Marathon heranstürmte? Die Völker schauten dem Kampfe zu und sahen ihre Häuptlinge geschlagen, blutend, fallend und trotzdem noch weiterkämpfend. Endlich kam ein Tag, wo die Kontrabankisten ihre festgesetzte Summe gewonnen hatten und die Tische verlassen wollten, die sie so oft reingefegt hatten. Aber Stolz und Goldgier hatten das Herz eines ihrer ruhmeseiteln Häuptlinge ergriffen, und er sagte: »Wir wollen noch nicht fortgehen – wir wollen noch tausend Gulden mehr gewinnen!« So blieben sie denn und setzten weitere tausend Gulden. Die Noirburger schauten zu und zitterten für ihren Fürsten.

Etwa drei Stunden nachher – wurde ein Gelächter, ein mächtiges Gelächter aus den Fenstern des Spielpalastes gehört; die Stadt, die Gärten, die Hügel, die Springbrunnen scheuen empor und hallen den jubelnden Zuruf wider – Hipp, Hipp, Hipp, Hurra, Hurra, Hurra! Die Leute stürzen einander in die Arme, Männer, Frauen, Kinder weinen und küssen einander. Croupiers, die niemals fühlen, niemals zittern, die sich niemals darum sorgen, ob schwarz gewinnt oder rot, bieten sich gegenseitig aus ihren Schnupftabaksdosen eine Prise an und nehmen sie und lachen vor Freude. Und Lenoir, der Furchtlose, der Unüberwindliche, Lenoir wischte sich die Schweißtropfen von seiner stillen Stirn, als er die letzte feindliche Rolle in seine Kasse zog. Er hatte gesiegt. Die Perser waren mit Reiterei und Fußvolk geschlagen – die Armada war untergegangen. – Seit Wellington bei Waterloo sein Fernrohr zusammengeschoben hatte, als die Preußen angreifend auf dem Schlachtfelde anrückten und die französischen Garden fortstürzten und flohen – war keine so heroische Ausdauer, keine so vollständige Niederlage, kein solch ruhmgekrönter Sieg gewesen. Es lebe Lenoir! Ich bin ein Lenoirianer! Ich habe seine Zeitungen gelesen, bin in seinen Gärten herumgewandert, habe auf seine Musik gelauscht und freue mich an seinem Siege mit; ich bin froh, daß er diese Kontrabank geschlagen hat. Dissipati sunt. Das Spiel hat aufgehört für sie.

Die Beispiele von dieses Mannes Großmut sind zahlreich, und Alexanders des Großen oder Heinrichs des Vierten oder Robion Hoods würdig. Er ist zu den Armen höchst gütig, ist stets für ihr Wohl bedacht und ist gnädig zu den Unterlegenen. Als Jeremias Diddler, der zwanzig Pfund an seinem Tische verloren hatte, als ruhmlose Geisel in seinem Gasthause lag, als O'Toole Noirburg nicht verlassen konnte, bevor er seine Geldsendung aus Irland empfangen hatte, da bezahlte der edle Lenoir Diddlers Gasthausrechnung, schoß O'Toole auf seine bloße Unterschrift Geld vor, brachte beide kostenfrei wieder in ihr Heimatland zurück und ist niemals, wunderbarlich zu erzählen, bis auf den heutigen Tag bezahlt worden. Wenn man an seinem Tische spielen gehen will, kann man es tun; aber niemand zwingt einen. Wenn du verlierst, so bezahle mit heiterm Herzen. Dulce est desipere in loco. Dies ist kein Verrat an der Moral. Bruder Tuck war kein musterhafter Geistlicher, auch Robin Hood war kein Modellmensch; aber er war ein lustiger Geächteter, und ich behaupte, dem Sheriff von Nottingham, dessen Geld er nahm, gefiel sein Fest an Robins grünem Tische ziemlich gut.

Und wenn Sie verlieren, würdiger Freund, wie Sie es möglicherweise werden bei Lenoirs hübschen Spielen, so trösten Sie sich selber in dem Gedanken, daß es am Ende viel besser für Sie ist, daß Sie verlieren und verlieren müssen, als daß Sie gewinnen. Lassen Sie mich meine Meinung frei heraussagen und gestehen, daß Ihr ergebener Diener gelegentlich einmal etwa zwanzig Napoleons gewann, nachdem er mit einer Summe von nicht weniger als fünf Schillingen angefangen hatte. Aber bis ich sie wieder verloren hatte, war ich so fiebrisch, aufgeregt und elend, daß mich die aufregendsten französischen Novellen nicht ergötzten, daß ich kein Vergnügen daran hatte, hübsche Landschaften zu sehen, ja, daß ich nicht einmal Appetit zum Essen hatte. Im Augenblicke jedoch, wo das gottlose Geld fort war, da war der Gleichmut wieder hergestellt und Paul Féval und Eugène Sue begannen wieder schrecklich interessant zu sein, und die Diners in Noirburg, obwohl keineswegs große kulinarische Leistungen, waren völlig genügend für mein heiteres und ruhiges Gemüt. Lankin, der nur einen Advokaten-Whistrubber spielte, bemerkte den heilsamen Wechsel in der Stimmung seines Freundes; und meinerseits hoffe und bete ich, daß jeder ehrenwerte Leser dieses Bandes, der an Herrn Lenoirs Tische spielt, jeden Schilling seines Gewinnes verlieren möge, bevor er fortgeht. Wo sind die Spieler, von denen wir gelesen haben? Wo sind die Kartenspieler, deren wir uns aus unsern Jugendtagen erinnern? Früher spielten fast alle Herren, und im Empfangszimmer jeder Dame standen Whisttische. Aber die Trümpfe verschwinden mit so vielen anderen Institutionen der alten Welt, und in absehbarer Zeit wird ein gewerbsmäßiger Spieler ein so seltenes Tier sein, wie ein Ritter in der Rüstung.

Da war eine kleine, winzige, mißlungene Kontrabank in diesem Jahre in Noirburg eröffnet, aber die Herren waren bald untereinander uneinig und wurden, wie wir hoffen wollen, mit Stumpf und Stiel vom großen Lenoir vertilgt. Und da war auch ein Franzose in unserm Gasthofe, der in den letzten sechs Wochen zwei Napoleons täglich gewonnen hatte, und der ein unfehlbares System besaß, wovon er freundlich das Geheimnis für hundert Louis mitzuteilen anbot; aber es kam eine fatale Nacht heran, des armen Franzmanns System konnte nicht die Oberhand gegen das Glück behaupten, und Fortunas Rad ging über ihn hinweg; da verschwand er auf Nimmerwiedersehen.

Am frühen Morgen erhebt sich jeder und jede und sie erscheinen beim Brunnen, dessen Wasser sie mit wunderbarer Energie und Ausdauer trinken. Man sagt, die Leute trinken schließlich dies Wasser gern; an welchen Geschmack können die Menschen sich nicht gewöhnen! Ich trank ein paar Gläser von einer abscheulichen, schwachsalzigen Flüssigkeit in einem sehr milden Brausezustande, aber obwohl ein sehr hübsches Mädchen mir schänkte, so war das Getränk abscheulich, und es war ein Wunder, zu sehen, wie viele da Glas auf Glas hinunterstürzten, das die blondhaarige kleine Hebe funkelnd aus der Quelle schöpfte.

Als der alte Kapitän Carver mein verzerrtes Gesicht sah, spottete er mich mit einem lustigen Augenzwinkern aus und vertilgte dabei den Inhalt eines funkelnden Kristallbechers. »Puh! noch ein Glas, lieber Herr, Sie werden es jeden Tag lieber und lieber haben. Es erfrischt Sie, es stärkt Sie, und was das Gernhaben anbetrifft – mein Gott! Ich erinnere mich der Zeit, wo ich es nicht so gern mochte wie Claret. Die Zeiten sind jetzt andre, he! he! Frau Fantail, gnädige Frau, ich wünsche Ihnen einen recht guten Morgen. Wie geht's Fantail? Er kommt ja nicht seinen Brunnen trinken, das ist nicht recht von ihm.«

Frau Fantail abends zu sehen ist ein prächtiger Anblick. Sie müßte in einem Zimmer ganz allein gezeigt werden, und würde tatsächlich ein mäßig großes mit ihrer Person und ihren Zieraten ausfüllen. Marie Antoinettes Krinoline ist nicht größer, als Frau Fantails Falbeln. Zwanzig Männer, die sich bei den Händen fassen (und sie liebt tatsächlich, wenigstens diese Zahl um sich zu haben), würden sie kaum umschließen. Ihre kastanienbraunen Löckchen sind wie ein Heiligenschein um ihr Gesicht ausgebreitet; sie muß zwei oder drei Coiffeurs haben, um diesen wunderbarlichen Kopfschmuck zu arrangieren, und, wenn dies fertig ist, wie kann sie dann noch dies ungeheure Gewand ertragen. Ihre Reiseputzschachteln müssen so groß wie Omnibusse sein.

Aber man sehe Frau Fantail morgens, wenn sie alle Segel eingezogen hat, wenn die kastanienbraunen Löckchen verschwunden sind, zwei dünne Strähnen braunen Haares ihr mageres, bleiches Gesicht einrahmen! Da sieht man vor sich eine Asketin, eine Nonne, eine von Kränkungen verzehrte Frau von traurigem gelben Aussehen, die ihren Brunnen an der Quelle trinkt, eine Vision, ganz verschieden von der bezaubernden im Ballsaale in der vergangenen Nacht. Kein Wunder, daß Fantail morgens nicht herauskommt, er möchte eine solche Rebekka am Brunnen lieber nicht sehen.

Lady Kicklebury kam einige Morgen lang ziemlich regelmäßig, war sehr höflich zu Herrn Leader, ließ Fräulein Fanny Brunnen trinken, wenn seine Lordschaft seinen Becher nahm und bat Lord Talboys und seinen Erzieher zum Essen. Aber der Erzieher kam und brachte errötend eine Entschuldigung von Talboys; und der arme Milliken hatte keinen sehr angenehmen Abend, nachdem Herr Baring Leader sich zum Fortgehen erhoben hatte.

Aber wenn auch das Wasser nicht gut war, so war doch die Sonne hell, die Musik lustig, die Landschaft frisch und anziehend, und es war immer amüsant, die ungeheuer vielen Arten unsrer Species Homo zu sehen, die sich an den Quellen versammelte und die großen Alleen auf und ab schlenderte. Es war amüsant, einen der Spielverschwörer vom Roulettetisch hier als Privatmann zu sehen, wie er Salzwasser schoppenweise wie irgendein andrer Sünder hinuntertrank, wie er seine rechtmäßige Frau an seinem Arme hatte, und wie zwischen ihnen ihr Pudel lief, über den sie ihre zärtlichste Zuneigung ausschütteten. Man sieht, daß diese Leute sich noch um andre Dinge als Karten kümmern, und nicht immer an Schwarz und Rot denken: – wie ja sogar Menschenfresser, die in den Lesebüchern als grausame Mörder und zügellose Esser hingestellt werden, und die ja sicherlich auch gern Männer und Frauen essen, doch, wie es scheint, oft von ihren Frauen geachtet wurden und aufrichtige Zuneigung für ihre eignen häßlichen Kinder empfanden. Und außer den Kartenspielern sind da die Musikspieler. Immer hie und da ein Geiger vom Nachbarorchester oder ein Bassist z. D. werden auftreten, ein Glas Brunnen trinken und wieder auf ihren Platz zurückmarschieren.

Dann kommen die starken Truppen der Engländer, die ehrlichen Advokaten, Kaufleute und Gentlemen mit ihren Frauen und schelmischen Töchtern und strammen Söhnen, schon fast so groß wie Männer, während sie doch noch Knaben sind, mit rauhen Schlapphüten und Jagdjoppen, voll von tollen Streichen und voll Lachen. Ein französischer Junge von sechzehn hat schon vor dieser Zeit höchstwahrscheinlich des passions gehabt, und ist schon apart in seinem Anzuge, äugelt nach den Frauen und bereitet sich zum Sieger vor. Adolphe sagt zu Alphonse – »Schau, dieses reizende Fräulein Fanni, die schöne Kicklebury; ich geb' dir mein Wort darauf, sie ist frisch wie eine Rose; hältst du sie für reich, Alphonse?«

»Ich arrangiere mich, mein Freund, weißt du; das Garçonleben bedrückt mich. Mein Ehrenwort, ich arrangiere mich.«

Und er macht vor Fräulein Fanny eine Siegerverneigung und wirft ihr einen Blick zu, der zu besagen scheint: »Süße Engländerin, ich weiß, daß ich dein Herz gewonnen habe.«

Dann sieht man außer dem jungen französischen Stutzer, den wir gern für harmlos halten wollen, noch Gestalten aus dem französischen Pöbel, die aux eaux gehen, Spieler, Spekulanten, Sentimentale, Duellisten, die mit Madame, ihrer Frau, reisen, der andrer Pöbel vertraulich zunickt und zuwinkt. Dieser Schuft ist viel pittoresker und zivilisierter, als eine ähnliche Person in unserm eignen Lande, deren Manieren den Stall verraten, die niemals etwas andres als Bells Leben lesen kann, und die viel lieber mit einem Groom als mit seinem Herrn spricht. Hier kommen Herr Boucher und Herr Fowler, die lieber zwanzig Nächte mit dem ehrlichen Herrn Lenoir spielen als privatim einmal mit diesen Herren niedersitzen. Aber wir haben schon gesagt, daß ihre Profession verschwindet und die Zahl der »Griechen« sich täglich vermindert. Sie arbeiten mit Herrn Bloundell, der einmal ein Gentleman war, und um sich noch immer einen schwachen Duft aus jener Blütezeit verbreitet, und Bloundell selbst hat sich auf den jungen Lord Talboys kapriziert und versucht, etwas Geld aus diesem jungen Edelmann herauszulocken. Aber der englische Jüngling von heutzutage ist ein schlauer junger Mann, und männliche wie weibliche Künstler haben schon ziemlich viel vergeblich an unserm jungen Reisegefährten versucht.

Wer kommt dort? Die beiden Burschen, die wir neulich an der Table d'hôte des Hotels de Russie fanden; Herren von prächtiger Kleidung und doch fragwürdigem Aeußeren, von welchen der ältere die Weinkarte verlangte und so laut, daß es die ganze Gesellschaft hören konnte, ausrief: »Lafitte, sechs Gulden, Arry, sollen wir Lafitte nehmen? Du meinst nicht? Dann will ich auch nicht. Hören Sie, Kellner, einen Schoppen Tischwein.« Wahrheit ist stärker als Einbildung. Du guter Bursch, wer du auch seist, warum fragtest du Arry in der Gegenwart deines gehorsamen Dieners, ob du den Schoppen Tischwein nehmen solltest? Was konnten wir anders tun, als diese Rede aufzeichnen?

Und sieh; hier ist eine Dame, die es doppelt ersehnt, gedruckt zu werden, die dazu ermutigt und auffordert. Es scheint, Lankins und seines Reisegefährten Ankunft in Noirburg hatte in der kleinen Gesellschaft eine gewisse Sensation hervorgerufen durch das Gerücht, daß ein Abgesandter des famosen Herrn Punch am Orte angekommen wäre, und als wir nach dem Essen die Friedenspfeife auf dem Rasen rauchten und auf die wohltuend hübsche Szenerie schauten, gingen Frau Hopkins, Fräulein Hopkins und das vortreffliche Familienhaupt viele Male vor uns auf und ab, sahen uns ernst ins Antlitz und schossen feurige Blicke in parthischer Manier auf uns zurück. Endlich, bei der dritten oder vierten Wendung, und als wir eine so schöne Stimme nicht mehr überhören konnten, sieht Frau Hopkins uns fest an und sagt: »Er kann mich hineinbringen, wenn er will, mir ist es gleich.«

Oh, Madame! Oh, Frau Hopkins! Wie sollte ein Gentleman, der niemals zuvor Ihr Antlitz gesehen, niemals ein Wort von Ihnen gehört hat, Sie »hineinbringen« wollen? Was für ein Interesse kann das britische Publikum an Ihnen haben? Aber da Sie es wünschen und nach Publizität streben: hier sind Sie! Viel Glück Madame. Ich habe Ihren wirklichen Namen vergessen, und ich würde Sie auch nicht wiedererkennen, wenn ich Sie suche. Aber warum konnten Sie einen Menschen nicht ruhig seinen Kaffee trinken und seine Pfeife rauchen lassen?

Wir könnten niemals Zeit genug haben, einen Katalog von all den Porträts zu machen, die in dieser buntscheckigen Galerie figurieren. Unter den Europareisenden, deren Zahl täglich glanzvoll anwächst, dürfen die Dandys aus den Vereinigten Staaten nicht ausgelassen werden. Sie scheinen so reich wie der Mylord der alten Tage, sie scharen sich in Europas Hauptstädten zusammen, sie haben aus manchen Hotels, die wir zu frequentieren pflegten, die Leute aus der alten Welt hinausgepufft; sie nehmen die französische Kleidermode lieber als die unsre an, und sie bekommen schönere Bärte, als die englischen – wie man ja auch findet, daß einige Pflanzen wunderbar blühen und emporschießen, wenn sie in neuen Boden eingesetzt werden. Die Damen scheinen so wohlgekleidet wie Pariserinnen zu sein und ebenso schön, obwohl etwas zarter und empfindlicher vielleicht, als die einheimischen englischen Rosen. Sie fahren in den schönsten Wagen, sie machen die größten Häuser, sie frequentieren die vornehmste Gesellschaft – und, mit einem Wort gesagt, der Broadwaystutzer hat nun seine Position eingenommen und seine Würde unter den Granden Europas gesichert. Er liebt es, Graf Reineck zum Diner zu bitten, und Gräfin Laura wird sich herablassen, freundlich auf einen Gentleman zu sehen, der Millionen Dollars hat. Hier kommen ein paar New Yorker. Sieh ihre elegant gelockten Bärte, ihre Sammetröcke, ihre zarten primelfarbenen Handschuhe und Batisttaschentücher und die aristokratische Schönheit ihrer Stiefel. Ei, wenn du sechzehn Ahnen hättest, so könntest du nicht schmälere Füße haben als sie, und wenn du von Königen herstammtest, nicht bessere oder dickere Zigarren rauchen.

Lady Kicklebury geruht sehr wohl von diesen jungen Leuten zu denken, seit sie sie in der Gesellschaft von Granden gesehen und gehört hat, wie reich sie sind. »Wer ist diese sehr modisch aussehende Frau, mit der Herr Washington Walker gerade eben sprach?« fragt sie Kicklebury.

Kicklebury zwinkert mit dem Auge. »Oh, die, Mama! Das ist Madame la princesse de Mogador – ein französischer Titel.«

»Sie tanzte gestern abend und tanzte ausgezeichnet gut, es fiel mir auf. Die Prinzeß hat eine sehr vornehme Anmut.«

»Ja, sehr. Wir wollen aber doch lieber weitergehen,« sagt Kicklebury, indem er leise errötet, als er das Zunicken der Prinzessin erwidert.

Es ist wunderbar, wie groß Kickleburys Bekanntenkreis ist. Er hat ein Wort und einen Witz im besten Deutsch, das er vor jedermann zeigen kann – für die hochwohlgeborene Dame, wie für das deutsche Landmädchen, wie auch für die hübsche kleine Wäscherin, die mit vollen Segeln die Straße herunterkommt, einen Korb auf dem Kopfe und einen von Frau Fantails wundervollen, sich blähenden Röcken auf jedem Arm. Als wir zum Schloßgarten gingen, erblickte ich flüchtig das grinsende Gesicht des Schuftes von gestern, dicht am Ohr der kleinen Gretel unter ihrem Korbe, aber als er ihre Mutter vorn erblickte, rannte er eilig eine Nebenstraße herunter, und als er mit ihr ankam, war Gretel allein.

Man sieht nur selten die Engländer und die Feiertagsbesucher in den alten Teilen von Noirburg; sie halten sich an die Straßen mit neuen Gebäuden und Gartenvillen, die unter dem magischen Einfluß des Herrn Lenoir aufgeschossen sind unter den weißen Türmen und Giebeln der alten deutschen Stadt. Der Fürst von Trente-et-Quarante hat den alten durchlauchtigen Fürsten von Noirburg ganz besiegt, den man sich unwillkürlich durchaus nur wie einen Fürsten in einer Weihnachtspantomime vorstellen kann – einen burlesken Fürsten mit einem Einkommen von sechs Dreiern, lustig und ein bißchen jähzornig, einen Fürsten, der seinen Premierminister durchprügelt, genährt mit fabelhaft vielen Plumpuddings und ungeheuren Mehlspeisen, die seine Köche ihm zubereiten und seine Kammerdiener mit großen Köpfen, die immer gleichmäßig grinsen, ihm auftragen. Dies Porträt ist freilich nicht nach dem Leben gezeichnet. Vielleicht lebt er gar nicht. Vielleicht ist gar kein Fürst in der großen weißen Stadt, die wir schon aus meilenweiter Ferne sehen, bevor wir in die kleine Stadt eintreten. Vielleicht ist er mediatisiert und hat sein Königreich an Herrn Lenoir verkauft. Vor Lenoirs Palast steht ein Orangenbaumhain in Kübeln. Lenoir kaufte ihn von einem andern deutschen Fürsten, der gradeswegs hinfuhr und das Geld, das er für seine wundervollen Orangenbäume bezahlt bekommen hatte, an Lenoirs grünen Tischen in Roulette und Trente et Quarante verlor. Ein großer Fürst in seiner Weise ist Lenoir, ein edel- und großmütiger Fürst. Man kann zu seinem Fest kommen und braucht nichts zu bezahlen, wenn es einem nicht gefällt. Man kann in seinen Gärten herumwandeln, in seinem Palast sitzen und seine tausend Zeitungen lesen. Man kann hingehen und in seinen kleinen Gesellschaftszimmern Whist spielen, oder tanzen und in seinem großen Salon Konzerte hören – und braucht dafür nicht einen Pfennig zu bezahlen. Seine Geiger und Trompeter fangen im frühen Morgengrauen für dich zu trompeten und zu geigen an – sie gellen und blasen nachmittags für dich, sie pfeifen nachts für dich, damit du tanzen mögest – und dafür ist nichts zu bezahlen – Lenoir bezahlt das alles. Gib ihm nur die Chancen am grünen Tische, und er wird all dies und noch mehr tun. Es ist besser unter Fürst Lenoir, als unter einer fabelhaften alten deutschen Durchlaucht zu leben, deren Kavallerie Steckenpferde reitet, und deren Premierminister einen großen Pappenkopf hat. Es lebe Fürst Lenoir!

Da ist ein groteskes, altes geschnitztes Gitter am Palaste der Durchlaucht, aus dem man eine Pantomimenprozession hinausschreiten zu sehen erwartet. Der Platz sieht schläfrig aus; die Höfe sind grasbewachsen und verödet. Schläft Dornröschen dort drüben in dem großen weißen Turme? Was bedeutet die kleine Armee? Es scheint eine falsche Armee zu sein, eine Art militärischer Groteske. Die einzige Aufgabe der Infanterie scheint zu sein, am Tage die alte Stadt zu durchziehen und sich nach Skizzen umzuschauen. Vielleicht werden sie nachts Croupiers. Was kann solch ein fabelhafter Fürst nur mit einer falschen Armee wollen? Mein Lieblingsspaziergang war im alten Viertel der Stadt – dem lieben alten fabelhaften Viertel, entfernt von der lärmenden Geschäftigkeit des Lebens und Fürst Lenoirs neuem Palaste – aus Seh- und Hörweite der Dandys und Damen in ihren Prachtpromenadentoiletten – fern dem rasselnden Drehen des Rouletterades – und ich wanderte gern in den düstern alten Gärten, unter der Schloßmauer, und dachte mir Dornröschen darinnen.

Irgend jemand überredete uns eines Tages, den Zauber zu brechen und das Schloß im Innern anzusehen. Es tut mir leid, daß wir es getan. Da war in keinem der Zimmer, was wir sahen, ein schlafendes Dornröschen, auch keine Feen waren da, weder gute noch böse. Da war nur eine schäbige Reihe saubrer alter Zimmer, die ausschauten, als hätten sie einem Fürsten gehört, der sich in arger Geldverlegenheit befand, und dessen Blechkronjuwelen nicht mehr einbringen würden, als König Stephans Hosen. Ein vertriebener Fürst, ein braver Fürst, der mit den Stürmen des Schicksals kämpft, ein Fürst im Exil mag arm sein; aber ein Fürst, der aus seinen eignen Palastfenstern sieht und dem die Ellbogen aus seinem Schlafrock gucken, und dessen Wäscherin, seine Untertanin, seine Gläubigerin ist, – ich meine, das ist ein schmerzlicher Anblick. Wenn sie so schäbig aussehen, so sollte man sie nicht sehen lassen. »Meinen Sie das nicht auch, Lady Kicklebury?« Lady Kicklebury hatte augenscheinlich den Preis der Teppiche und Behänge abgeschätzt und ihn gerechterweise auf eine niedrige Ziffer veranschlagt.

»Diese deutschen Fürsten,« meinte sie, »sind mit den englischen Edelleuten nicht auf eine Stufe zu stellen.«

»Wahrhaftig,« antworten wir, »nichts ist so vollkommen wie England, nichts so gut wie unsre Aristokratie, nichts so vollkommen wie unsre Einrichtungen.« »Nichts! nichts!« sagt Lady Kicklebury.

Eine englische Prinzessin wurde einmal hergebracht, um hier zu regieren; und fast der ganze kleine Hof lebte von ihrer Mitgift. Die Leute nennen ihren Namen immer noch voll Liebe, und sie zeigen im Schlosse die Räume, die sie bewohnte. Ihre alten Bücher sind noch dort – ihr altes Mobiliar, das sie von Hause mitbrachte; die Geschenke und Andenken, die ihr ihre Familie gesandt, sind noch vorhanden wie zu Lebzeiten der Prinzessin, sogar die Uhr trägt oben den Namen eines Windsorer Fabrikanten, und die Porträts aller Ahnen ihres zahlreichen Geschlechtes zieren die schlichten Wände der nun leeren Zimmer. Da ist der umnachtete alte König, dem der Bart bis zum Stern auf seiner Brust herabhängt, und der erste Gentleman von Europa – der überall so verschwenderisch mit seinem Porträt und so marktschreierisch im Zeigen seiner königlichen Person war – alle wackeren Brüder der nunmehr ganz erloschenen Generation sind dort, ihre Kämpfe und Vergnügungen, ihre Ruhmestage und Mißgeschicke, Feinde, Schmeichler, Verleumder, Bewunderer – alles jetzt begraben. Ist es nicht merkwürdig zu denken, daß ein Kartenkönig nun tatsächlich an diesem Ort regiert und die andre Dynastie abgesetzt hat? Sehr früh eines Morgens, als ich eine Skizze vom weißen Turm zu haben wünschte, in dem unsre englische Prinzessin gefangen saß, begab ich mich in die Gärten und machte mich an eine Arbeit, die, wenn ich sie vollende, zweifellos die Ehre haben wird, einen Platz in Reih und Glied auf der Ausstellung zu bekommen; und als ich zum Frühstück heimkehrte und über das seltsame Glück und die Einwohner des sonderbaren phantastischen, melancholischen Ortes nachsann, siehe, da erblickte ich plötzlich ein paar Personen, eine männliche und eine weibliche, – die letztere trug eine blaue Hülle oder »Vogelscheuche« und errötete gar sehr, als sie mich erblickte. Der Mann begann hinter seinem Schnurrbart zu lachen, welches Gelächter aber durch einen beschwörenden Blick der jungen Dame ihm verwiesen wurde; und er streckte mir seine Hand entgegen und meinte: »Wie geht's Ihnen, Titmarsh? Haben Sie wieder irgend jemand aufgezogen, hihi?«

Ich brauche nicht zu sagen, daß der junge Mensch vor mir der Gardedragoner und das junge Mädchen Fräulein Fanny Kicklebury war. Oder muß ich es wiederholen, daß ich im Laufe meines unheiligen Lebens niemals eine junge Gazelle liebte, die mich mit ihren dunkelblauen Augen erfreute, bis es zu usw. Die gewöhnliche Enttäuschung erfolgte sicherlich. Es war keine Notwendigkeit vorhanden, daß ich bei dieser offenkundigen, schimpflichen Niederlage meine Gefühle bloßlegen sollte. Ich warf dem Paar einen verglimmenden Blick der Verachtung zu und schritt mit stattlichem Gruße weiter.

Fräulein Fanny trippelte mir nach. Sie streckte mir ihre kleine Hand mit solch niedlichem Blick der Abbitte hin, daß ich nicht anders konnte, als sie nehmen, und sie sagte: »Herr Titmarsh, bitte, ich möchte mit Ihnen sprechen, bitte!« Und vor Rührung fast erstickt, bat ich sie, zu reden.

»Mein Bruder weiß alles; und er schätzt Kapitän Hicks hoch,« sagte sie mit gesenktem Kopf; »und er ist sehr gut und freundlich; und ich kenne ihn nun viel besser, als ich ihn kannte, als wir an Bord des Dampfers waren.«

Ich dachte daran, wie ich ihn nachgemacht hatte und was für ein Esel ich gewesen war.

»Und Sie wissen auch,« fuhr sie fort, »daß Sie mich in den letzten zehn Tagen wegen Ihrer großen Bekanntschaften vollständig verlassen haben.«

»Ich habe mit Lord Knightsbridge Schach gespielt, der die Gicht hat.«

»Und beständig Tee getrunken mit jener amerikanischen Dame, und Verse in ihr Album geschrieben, und in Lavinias Album; und als ich sah, daß Sie mich ganz beiseite geworfen hatten, ei nun, – mein Bruder billigt es auch; und – und Kapitän Hicks hat Sie sehr gern, und sagt, daß Sie ihm sehr viel Spaß machen – ja wirklich,« sagte die listige kleine Hexe. Und dann fügte sie sozusagen ein Postskriptum zu ihrem Briefe, das, wie gewöhnlich, den für sie dringend wünschenswerten Punkt enthielt: »Sie – bitte sagen Sie es Mama nicht – wollen Sie so freundlich sein? Mein Bruder wird es tun,« – und ich versprach es ihr; und sie lief weg und warf mir eine Kußhand zu. Und ich sagte Lady Kicklebury kein Wort, und nicht mehr als tausend Menschen in Noirburg wußten, daß Fräulein Kicklebury und Kapitän Hicks verlobt waren.

Und nun lassen wir die, welche zu sehr auf ihre Tugend trauen, auf die wahre und melancholische Geschichte lauschen, die ich zu erzählen habe, und sich selbst demütigen und es im Herzen behalten, daß auch die Vollkommensten unter uns gelegentlich straucheln können. Kicklebury war nicht vollkommen. Ich verteidige sein Tun nicht. Er verbrauchte ein großes Teil mehr Zeit und Geld, als gut für ihn war, an Herrn Lenoirs Spieltische, und das einzige, was der junge Bursch niemals verlor, war seine gute Laune. Wenn das Glück seine schnellen Schwingen schüttelte und vor ihm entfloh, so lachte er über die enteilenden Schwingen, und man sah ihn nach dem Verlust einer Geldrolle ebenso lustig tanzen und lachen, als ob er in Gold schwämme. Tatsächlich hatte er die Fünftausend jährlich, die, wie seine Mutter sagte, der Ertrag des Kickleburyschen Vermögens waren. Aber wenn das Witwengeld ihrer Ladyschaft und das Taschengeld der jungen Dame und die Hypothekenzinsen von den Fünftausend jährlich ausbezahlt waren, so zählte – es tut mir leid, es sagen zu müssen – des galanten Kicklebury Einkommen nach Hunderten und nicht nach Tausenden. Für irgendeine junge Dame also, die eine Equipage braucht (und wer kann ohne eine leben?), war unser Freund, der Baronet, keine erwünschenswerte Partie. Ob nun die Gegenwart seiner Mama seine Vergnügungen störte, oder ihre sicherlich unangenehme Art und Weise ihm nicht gefiel, oder ob er all sein Geld an der Roulette verloren hatte und kein weiteres mehr daran setzen konnte – gewiß ist, daß er nach einem vierzehntägigen Aufenthalt in Noirburg fortging, um mit Graf Einhorn in Westfalen zu jagen; er und Hicks schieden als die teuersten Freunde, und der Baronet ritt auf einem Pony Pony – scherzhafte Bezeichnung für 25 Pfund Sterling. ab, den ihm der Kapitän geliehen. Zwischen ihm und Milliken, seinem Schwager, war nicht viel Sympathie; denn er erklärte Herrn Milliken für einen ›Muff‹ er war auch niemals mit seiner älteren Schwester Lavinia intim gewesen, von deren Gedichten er eine geringe Meinung hatte, und die ihn zu quälen und zu plagen pflegte, indem sie ihn Französisch lehren wollte und seiner Mama Geschichten von ihm erzählte, wenn er als Schüler zu den Ferien nach Hause kam. Hingegen schien zwischen dem Baronet und Fräulein Fanny die innigste Zuneigung zu bestehen; sie gingen jeden Morgen zusammen zum Brunnen; sie scherzten und lachten miteinander so vergnügt als nur möglich. Fanny war beinah bereit, Lügen zu erzählen, um ihres Bruders Streiche vor ihrer Mama zu verdecken, sie weinte, wenn sie von seinen Mißgeschicken hörte, und daß er zuviel Geld am grünen Tisch verloren hätte; und als Sir Thomas fortging, brachte die gute kleine Seele ihm fünf Louis, die alles Geld waren, das sie besaß; denn sie mußte ja ihrer Mutter für Logis und Kost zahlen; und wenn ihre kleinen Handschuh- und Putzmacherrechnungen bezahlt waren, wieviel war da von Zweihundert jährlich geblieben? Und sie weinte, als sie hörte, daß Hicks dem Sir Thomas Geld geliehen hatte, und ging zu ihm und sagte: »Ich danke Ihnen, Kapitän Hicks;« und sie schüttelte dem Kapitän so warm die Hand, daß ich meinte, er sei ein glücklicher Bursch, der einen reichen Sachwalter in Bedford Row zum Vater hatte. Hoho! Ich sah, wie die Dinge standen. Die Vögel müssen singen zur Frühlingszeit und die Blumen müssen knospen.

Frau Milliken, in ihrer Eigenschaft als Kranke, zog den Vorteil aus ihrer Lage, daß sie ihren Gatten beständig um sich hatte, der ihr vorlas oder den Doktor holte, oder sie bewachte, wenn sie schlummerte usw.; aber Lady Kicklebury fand das Leben, das dies Paar führte, etwas monotoner, als sie es liebte und pflegte sie mit Fanny allein zu lassen (daß dann Kapitän Hicks zum Einnehmen des Tees mit den Dreien kam, war freilich nichts Ungewöhnliches), während ihre Ladyschaft auf der Redoute war, um die Musik zu hören oder die Zeitungen zu lesen oder ein Partiechen Whist dort zu spielen.

Der Zeitungssaal in Noirburg ist dicht neben dem Roulettesaal, wohin die Türen stets offenstehen, und Lady Kicklebury pflegte bisweilen, mit Zeitungen in der Hand, in diesen Spielsaal zu kommen, und den Spielern zuzusehen. Ich habe einen kleinen russischen Jungen erwähnt, einen kleinen Bengel mit der allerpfiffigsten Intelligenz und gutmütigem Humor im Gesicht, der von seinen Eltern gequält wurde, soviel wie er nur mochte zu spielen, und der Bonbons aus der einen und Napoleons aus der andern Tasche hervorzog und ein ganz diabolisches Glück am grünen Tische zu haben schien. Lady Kickleburys Schrecken und Interesse beim Anblick dieses Knaben waren ungeheuer. Sie beobachtete ihn und beobachtete ihn, und er schien stets zu gewinnen; und zuletzt setzte ihre Ladyschaft auch einen Gulden – nur gerade einen Gulden – auf eine der Nummern der Roulette, aus die der kleine russische Junge gesetzt hatte. Nummer Siebenundzwanzig kam heraus, und die Croupiers warfen Lady Kicklebury drei Goldstücke und fünf Gulden zu, die sie mit zitternder Hand zusammenharkte.

Sie spielte nicht wieder an diesem Abend, sondern saß im Spielzimmer und gab vor, die Times zu lesen, aber man konnte ihr Auge über das Blatt spähen und immer auf den kleinen russischen Jungen festgeheftet sehen. Er hatte wieder sehr gutes Glück an diesem Abend, und sein Gewinn machte sie sehr aufgeregt. Als er seine rollenden Goldstücke in die Tasche steckte und an seinem Gerstenzucker lutschte, starrte sie ihn mit ärgerlichen Augen an und ging nach Haus und schalt jedermann und fand keinen Schlaf. Ich konnte ihr Schelten hören. Unsre Zimmer im Russischen Hause überblickten Lady Kickleburys Zimmerflucht, die großen Fenster standen im Herbst offen. Ja, ich konnte ihr Schelten hören und konnte ein paar andere Menschen flüsternd im Türrahmen sitzen oder nach dem herbstlichen Mond hinausblicken sehen.

Am nächsten Abend verschwand Lady Kicklebury vom Konzert, und ich sah sie wieder im Spielzimmer, wo sie immer rund um den Tisch herumging. In meinem Hinterhalt hinter dem Journal des Débats liegend, bemerkte ich, wie Mylady nach verstohlenem Umschauen ein Geldstück unter den Ellbogen des Croupiers schob, und (dort war vorher keine Münze gewesen) ich sah dann einen Gulden auf Zero.

Sie verlor ihn und ging fort. Dann kam sie zurück und setzte zwei Gulden auf eine Nummer und verlor wieder und wurde sehr rot und ärgerlich; dann zog sie sich zurück und kam ein drittes Mal wieder, und da ein Sitz von einem Spieler frei ward, setzte Lady Kicklebury sich an den grünen Tisch. O weh! Sie hatte einen ziemlich guten Abend und trug in dieser Nacht wieder ein bißchen Geld mit sich fort. Der nächste Tag war ein Sonntag, sie gab zwei Gulden für die Kirchenkollekte, zu Fannys Ueberraschung über Mamas Freigebigkeit. An diesem Abend war natürlich kein Spiel. Ihre Ladyschaft schrieb Briefe und las eine Predigt.

Aber am nächsten Abend war sie wieder am Tisch und gewann sehr reichlich, bis der kleine russische Kobold auftauchte. Von da ab schien es, als ob ihr Glück gewechselt hätte. Sie begann, wie er zu setzen und der junge Kalmuck verlor ebenfalls. Ihre Ladyschaft verlor ihre Ruhe wie ihr Geld, erst spielte sie wie der Kalmuck und dann gegen ihn. Wenn sie gegen ihn spielte, kehrte sein Glück zurück und er begann frischweg zu gewinnen. Sie setzte, als sie verlor, immer mehr Geld; ihre Gewinne waren weg, Gold kam aus geheimen Taschen. Zuletzt hatte sie bloß noch einen Gulden übrig; sie versuchte ihn auf einer Nummer und verlor. Sie stand zum Weggehen auf. Ich beobachtete sie und ich beobachtete auch Herrn Justice Aeachus, der einen Napoleon niederlegte, in der Meinung, daß niemand es bemerkte.

Am nächsten Tage ging Mylady Kicklebury zu den Geldwechslern hinüber, wo sie ein paar Banknoten wechselte. Sie war in dieser Nacht wieder am Tische, und in der nächsten Nacht, und der nächsten.

Ungefähr am fünften Tage war sie wie wild. Sie schalt dermaßen, daß Hirsch, der Kurier, sagte, er wolle sich aus Monsieurs Dienst zurückziehen, da er nicht von Lady Kicklebury engagiert worden sei; daß Bowman kündigte und einem anderen Lakai im Gasthof sagte, er wolle bei der alten Katze nicht länger bleiben, die ihn anfauchte, was er sich nicht gefallen ließe; daß das Kammermädchen (die ein Kickleburymädchen war) und Fanny heulten, und daß Frau Millikens Kammermädchen, die Finch, sich bei ihrer Herrin beklagte, die ihrem Gatten anbefahl, ihrer Mutter Vorstellungen zu machen. Milliken tat dies mit seiner gewöhnlichen Milde und wurde natürlich von ihrer Ladyschaft in die Flucht geschlagen. Frau Milliken sagte: »Gib mir die Dolche,« und kam zu ihres Gatten Entsatz. Eine Hauptschlacht erfolgte. Der erschreckte Milliken hing sich an seine heilige Lavinia und bat und flehte sie an, ruhig zu sein. Frau Milliken war ruhig. Sie behauptete ihre Würde als Herrin ihrer eignen Familie, als Vorsteherin ihres eignen Haushalts, als Weib ihres angebeteten Gatten; und sie sagte ihrer Mama, daß sie bei ihr oder den ihren sich nicht einmengen dürfe, daß sie ihre Pflicht als Kind kenne, aber auch ihre Pflicht als Frau kenne, als eine –. Der Rest des Satzes wurde erstickt, da Milliken zu ihr stürzte und sie den Engel seiner Seele, seine angebetete Heilige nannte.

Lady Kicklebury bemerkte, Shakespeare habe sehr recht mit der Behauptung, wieviel schärfer als ein Schlangenzahn verwunde es, ein undankbares Kind zu haben.

Frau Milliken sagte, das Gespräch könne nicht in dieser Weise weitergeführt werden, es wäre das Beste, ihre Mama erfahre nun ein für allemal, daß die Art und Weise, in der sie das Kommando in Pigeoncot genommen, unerträglich sei, alle Dienstboten hätten gekündigt und könnten nur mit der größten Schwierigkeit besänftigt werden; und da ihr Zusammenleben nur zu Streitigkeiten und schmerzhaften Beschuldigungen führe, daß sie sie, mit ihrer Geduld! ein Schlangenkind nenne, wäre ein Ausdruck, den sie vergeben und vergessen zu können hoffe, so wollten sie sich lieber trennen.

Lady Kicklebury trägt einen falschen Scheitel oder gar – ja ich zweifle nicht daran – eine vollständige Perücke; sonst würde sie sicherlich in diesem Augenblick ihr Haar ausgerauft haben, so überwältigend waren ihre Gefühle und so bitter ihre Entrüstung über ihrer Tochter schwarzen Undank. Sie äußerte einige von ihren Gefühlen durch ausgestoßene Unheilsbeschwörungen. Sie hoffte, ihre Tochter möge nicht fühlen, was Undankbarkeit sei; sie möge niemals Kinder haben, die sich gegen sie wendeten und sie vor Kummer ins Grab brächten.

»Quatsche doch nicht von ins Grab bringen!« sagte Frau Milliken etwas hart. »Und, da wir uns trennen wollen, Mama, und da Horaz alles bis jetzt auf der Reise bezahlt hat, und da wir nur sehr wenig Banknoten mit uns gebracht haben, so wirst du vielleicht die Güte haben, ihm deinen Anteil an den Reisekosten zu geben, für dich, für Fanny und deine zwei Dienstboten, die du mit dir nehmen wolltest; denn der Bediente ist nur ein vollkommenes Hindernis und ein großer nutzloser Klotz, und unser Kurier hat alles zu tun gehabt. Dein Anteil beträgt bis jetzt zweiundachtzig Pfund.«

Da schrie Lady Kicklebury dreimal auf, so laut, daß sogar die resolute Lavinia in ihrer Rede innehielt. Ihre Ladyschaft blickte wild: »Lavinia! Horaz! Fanny, mein Kind,« sagte sie, »kommt her und hört Eurer Mutter Schande.«

»Was?« schrie Horaz entgeistert.

»Ich bin ruiniert! Ich bin eine Bettlerin! Ja, eine Bettlerin. Ich habe alles verloren – alles, an diesem schrecklichen Tische.«

»Was meinst du mit ›alles‹? Wieviel ist alles?« fragte Horaz.

»Alles Geld, was ich mitbrachte, Horaz. Ich wollte gern die ganzen Reisekosten bezahlen, deine, dieses undankbaren Kindes – alles. Aber vor einer Woche, als ich ein hübsches Babyspitzenkleid im Spitzenladen gesehen habe, und – und – genug im Wh-Wh-Wh-ich gewann, um es zu bezahlen, es waren nur zwei – zwei Gulden – ging ich in einem bösen Augenblick an den Roulettetisch – und verlor – jeden Schilling, und jetzt, vor euch auf den Knien bekenne ich meine Schmach.«

Ich bin kein Tragiker und will gewiß nicht versuchen, diese peinliche Szene zu beschreiben. Aber was konnte sie wohl mit den Worten meinen, sie hätte gewünscht, alles zu bezahlen? Sie hatte nur zwei Zwanzigpfundnoten, und wie sie all die Ausgaben der Reise mit dieser kleinen Summe hätte bezahlen sollen, kann ich mir nicht vorstellen.

Das Bekenntnis hatte jedoch die Wirkung, den armen Milliken und seine Frau zu besänftigen; nachdem die letztere erfahren, daß ihre Mama überhaupt kein Geld bei ihren Londoner Bankiers stehen, sondern ihr Guthaben dort bereits überzogen hatte, willigte Lavinia ein, daß Horaz ihr fünfzig Pfund, auf ihrer Ladyschaft feierliches Versprechen der Wiedererstattung, vorschießen solle.

Und nun kam man überein, daß diese hochschätzbare Lady nach England zurückkehren solle, und zwar so schnell als möglich, etwas schneller, als all das übrige Publikum dies tat. Herr und Frau Horaz Milliken aber sollten zurückbleiben, da der Brunnen immer noch als in hohem Maße gesundheitfördernd für die so interessante Kranke betrachtet wurde. Und nach England ging Lady Kicklebury denn auch, aus Lord Talboys Rückkehr dorthin Vorteil ziehend, um sich selbst unter seiner Lordschaft Schutz zu stellen, als ob der riesige Bowman kein genügender Beschützer für ihre Ladyschaft gewesen wäre, und als ob Kapitän Hicks irgendeinem sterblichen Menschen irgendeinem deutschen Studenten, irgendeinem französischen Touristen, irgendeinem bebärteten Preußen erlaubt haben würde, Fräulein Fanny ein Leid zuzufügen! Denn obgleich Hicks kein glänzendes oder poetisches Genie ist, so muß ich doch anerkennen, daß der Bursche gesunden Menschenverstand, gute Manieren und ein gutes Herz hat, und mit diesen Qualitäten, ferner einer anständigen und ausreichenden Summe Geldes und einem außerordentlich schönen Schnurrbart kann die arme kleine Frau Lancellot Hicks vielleicht glücklich sein.

Auf ihrer Heimreise stieß Lady Kicklebury kein Unglücksfall zu; aber sie erhielt noch eine fernere Lektion in Aachen, die vielleicht dazu dienen mag, ihre Ladyschaft für die Zukunft vorsichtiger zu machen; denn als Lady Kicklebury Madame la Princesse de Mogador auf der Eisenbahn in ein Kupee einsteigen sah, wohin Lord Talboy folgte, war sie mit keinem anderen zufrieden, sondern stürzte diesem edlen Paare nach, und der Wagen erwies sich, wie man es aus den deutschen Linien nennt – und was auch in England eingerichtet werden sollte – als › Rauch-Kupee‹! Als Lord Talboy selbst in diesem Wagen Platz genommen hatte und ziemlich verdrießlich auf Mylady blickte, begann er zu rauchen, was ihm, als Sohn eines englischen Grafen, dem Erben eines jährlichen Einkommens von vielen Tausenden, Lady Kicklebury zu tun erlaubte. Und sie stellte sich selbst der Madame la Princesse de Mogador vor, und erwähnte zu ihrer Hoheit, sie hätte das Vergnügen gehabt, Madame la Princesse in Rougetnoirburg zu sehen. Sie, Lady Kicklebury, sei die Mutter des Chevalier de Kicklebury, der den Vorzug von Madame la Princesse's Bekanntschaft gehabt hätte, und daß sie hoffe, Madame la Princesse hätte sich bei ihrem Aufenthalt im Bade amüsiert. Auf diese Avancen grüßte die Prinzessin Mogador anmutig und leutselig, wobei sie Blicke von besonderer Bedeutung mit zwei hochachtbaren, bärtigen Herren wechselte, die in ihrem Gefolge reisten; und als die Dame gefragt wurde, wo ihrer Hoheit Wohnsitz in Paris sei, antwortete sie, ihr Hotel sei in Rue Notre Dame de Lorette, wo Lady Kicklebury hoffte, die Ehre zu haben, Madame la Princesse de Mogador aufwarten zu dürfen.

Aber als einer der bärtigen Herren die Prinzeß bei dem familiären Namen Fifine nannte und der andre sagte: »Willst du rauchen, Mogador,« und die Prinzeß tatsächlich eine Zigarre nahm und zu rauchen anfing, da war Lady Kicklebury entgeistert und zitterte, und sofort brach Lord Talboy in ein lautes Gelächter aus.

»Was ist die Ursache von Ihrer Lordschaft Vergnügen?« fragte die Witwe, indem sie sehr erschreckt aussah und wie ein sechzehnjähriges Mädchen errötete.

»Entschuldigen Sie, Lady Kicklebury, aber ich kann mir's nicht verhalten,« sagte er. »Sie haben mit Ihrer Nachbarin gegenüber gesprochen, sie versteht kein Wort Englisch, und haben sie Prinzeß und Hoheit genannt, und sie ist nicht mehr Prinzeß, als Sie oder ich. Sie ist eine kleine Putzmacherin in der von ihr erwähnten Straße, und sie tanzt in Mabille und im Château Rouge

Als die Prinzeß diese beiden vertrauten Namen hörte, sah sie Lord Talboy scharf an, der aber verlor niemals das Gleichgewicht; und bei der nächsten Station stürzte Lady Kicklebury aus dem Rauchkupee hinaus und kehrte in ihr eignes zurück, wo natürlich Kapitän Hicks und Fräulein Fanny entzückt waren, wieder den Vorzug ihrer Gesellschaft und Unterhaltung zu haben. Und so kamen sie nach England zurück, und die Kickleburys wurden nicht mehr am Rhein gesehen. Wenn ihre Ladyschaft noch nicht kuriert ist von der Jagd auf vornehme Leute, so hat es ihr jedenfalls an Warnungen nicht gefehlt; aber wer von uns hat im Leben nicht schon viele Warnungen gehabt, und geschieht es wegen Mangels an ihnen, daß wir noch immer an unsern kleinen Fehlern festhalten?

Ich weiß nicht wie es kam, aber als die Kickleburys fort waren, schien das lustige kleine Rougetnoirburg mir nicht mehr derselbe Ort zu sein. Die Sonne schien noch, aber der Wind kam kalt von den purpurnen Hügeln hinunter; die Kapelle spielte, aber ihre Melodien waren matt; die Spaziergänger schritten die Alleen auf und ab, aber ich kannte alle ihre Gesichter – als ich aus meinen Fenstern in dem Russischen Hause auf die großen weißen Fensterflügel blickte, hinter denen letzthin die Kickleburys gewohnt hatten, und mich erinnerte, welch hübsches Gesicht ich noch vor ein paar Tagen dort hatte hinausblicken sehen, da mochte ich nicht länger hinaussehen, und obwohl Frau Milliken mich zum Tee einlud und beim Essen von schönen Künsten und Poesie sprach, so schienen sowohl Getränk als Konversation mir sehr schwach und schal, und ich schlief einmal auf meinem Stuhle gegenüber diesem hochkultivierten Wesen ein. »Laß uns heimkehren, Lankin,« sagte ich zum Geheimen Justizrat, und er hatte nichts dagegen; denn die meisten anderen Justizräte, Advokaten und königlichen Räte kehrten schon heim zu dieser Zeit, da das Ende der Gerichtsferien sie alle nach dem Temple rief.

So gingen wir geradenwegs eines Tages nach Biberich am Rhein, und fanden die kleine Stadt voll von Briten, die alle gleich uns in Scharen heimwärts zogen. Jeder kommt und geht wieder ungefähr zu derselben Zeit. Die Hotelwirte am Rhein sagen, ihre Kunden seien fast an einem einzigen Tage fort – sie werden an drei Tagen neunzig, achtzig, hundert Gäste, am vierten zehn oder acht haben. Wir machen alles wie unsre Nachbarn. Obwohl wir nicht viel miteinander reden, wenn wir auf einer Vergnügungsreise sind, nehmen wir unsere Ferien doch gemeinsam und gehen in Scharen zurück zu unserer Arbeit. Das kleine Biberich war so voll, daß Lankin und ich in den großen Gasthäusern, die von den vornehmen Leuten bewohnt wurden, kein Zimmer bekommen konnten, und zusammen nur ein Zimmer hatten, »im Deutschen Hause, wo man englischen Komfort findet«, so sagt die Ankündigung, »bei deutschen Preisen«.

Aber oh, den englischen Komfort in diesen Betten! Wie richtete sich Lankin mit seinen großen langen Beinen wohl in dem seinen ein? Wie warf und wälzte ich mich in dem meinen, das, klein wie es war, mir nicht bestimmt war, allein zu genießen, sondern wo ich die Nacht in Gesellschaft menschenfresserischer bösartiger Reptilien verbringen mußte, die ihr schreckliches Mahl an einem englischen Christen hielten! Ich dachte, der Morgen würde niemals kommen; und als das späte Dämmern endlich begann, und ich gerade in meinem ersten Schlaf war und von Fräulein Fanny träumte, siehe, da ward ich von dem Geheimrat geweckt, der schon angezogen und rasiert war, und zu mir sagte: »Aufstehen, Titmarsh, in dreiviertel Stunden ist der Dampfer hier.« Und bescheiden zog der alte Herr sich zurück und überließ mich meiner Toilette.

Am nächsten Morgen waren wir bei Felsen und Türmen, den alten bekannten Landschaften, den glänzenden Städten an den Flußufern und den grünen Weinbergen, die die Hügel krönen, vorübergekommen, und als ich erwachte, war es bei einem großen Hotel in Köln und die Sonne noch nicht aufgegangen.

Deutz lag gegenüber, und über Deutz war der dämmrige Himmel gerötet. Die Hügel waren in Nebel und Dämmer verschleiert. Der graue Fluß strömte unter uns; die Dampfer schliefen die Kais entlang, ein Licht hielt hie und da in den Kabinen Wache und sein Schein zitterte im Wasser. Als ich hinsah, wurde die Himmelslinie gen Osten immer röter. Eine lange Reihe von grauen Reitern windet sich den Flußpfad entlang und zieht über die Bootsbrücke. Man kann sie für Geister halten, diese grauen Reiter, so schattenhaft sehen sie aus; aber man hört das Trappeln der Hufe, als sie die Planken passieren. Jeden Augenblick funkelt etwas im Zwielicht auf, und über Deutz wird der Himmel röter. Die Kais beginnen sich mit Menschen zu füllen, die Karren beginnen zu krachen und zu rasseln, und es erwachen die schlafenden Echos. Ding, ding, ding, fangen die Dampferglocken zu läuten an, die die Leute an Bord munter machen und erwecken sollen; die Lichter können ausgelöscht werden und nun ihrerseits schlafen; die geschäftigen Boote bewegen sich und treiben in den Fluß hinein; die große Brücke öffnet sich und läßt sie hindurch; die Kirchenglocken der Stadt beginnen zu tönen; die Kavallerietrompeten blasen vom Ufer; der Matrose ist am Rade, der Träger bei seiner Last, der Soldat bei seiner Muskete und der Priester bei seinem Gebet …

Und sieh da: in einem Blitzen purpurnen Glanzes, mit leuchtenden Scharlachwolken, die vor ihrem Wagen herfliegen und ihr majestätisches Nahen verkünden, steigt die Gottessonne über der Welt auf, und die ganze Natur erwacht und erglänzt.

O ruhmvolles Schauspiel von Licht und Leben! O heiliges Symbol von Stärke, Liebe, Freude, Schönheit! Wir wollen mit demütiger Bewunderung auf dich blicken und dich dankbar erkennen und anbeten. Welch gütige Vorsehung ist es doch – welch eine großmütige und liebende, die für unsre Augen und zum Besänftigen unsrer Herzen uns ein so prächtiges Morgenfest zu bereiten geruht! Für diese herrliche Güte des Himmels laßt uns dankbar sein! Ja, laßt uns Dankbarkeit fühlen; (denn Dank ist sicherlich die edelste Bestrebung, wie er das größeste Entzücken der frommen Seele ist) und so laßt uns alle, die wir daran teilnahmen, Dank für dies Fest sagen.

Schau! Der Nebel verschwindet vom Drachenfels. Der ragt aus der Entfernung auf und bietet uns ein freundliches Lebewohl. Lebewohl Feiertag und Sonnenschein, Lebewohl fröhlicher Sport und angenehme Muße! Laß uns dem Rhein Lebewohl sagen, Freund. Nebel und Mühen und Arbeit erwarten uns an der Themse, und ein freundliches Gesicht oder vielleicht zwei blicken nach uns aus, um uns zu erfreuen und willkommen zu heißen.

 

Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt

 


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