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Der Erste Aufzug

Erleuchteter Salon. Die Herren außer Klette im Frack. Admiral in Uniform. Mayer schwarze Livree, Eskarpins

Erste Szene

Schmettow: Das ist glorreicher Tag der Ereignisse! (zu Pfeifer) Wie erfuhren Sie die Sensation?

Pfeffer: Wie ich weiß, Schmettow, was Sie sämtlich nicht und nie wissen. Geistige Rasse, Überlegenheit.

Weinstein: In sonst striktem Einerlei zwei Tatsachen auf einmal! Nicht nur platzt Herr Klette in unseren abgeriegelten Kreis –

Klette: Ich bitte um Entschuldigung.

Weinstein: Unnötig. Gegen Ihren brüsken Widerstand wurden Sie von der alles Entscheidenden zum Bleiben gezwungen.

Kothe: Sind glänzend beglaubigt.

Schmettow: Bekommen im Kavalierhaus das Staatszimmer als Logis, das Mayer Ihnen zeigen wird.

Klette: Wer ist Mayer?

Admiral: Frage beweist, Sie warf wirklich Zufall in dies Zauberhaus, dessen Detail sonst jedermann durch Ruf längst vor seiner Ankunft kennt.

Schmettow: Voilà Mayer. Speziell wie alles an diesem Wunderort Unwahrscheinlich altrassiger maître d'hôtel. Vollblutjude.

Admiral: Erstrangiges Pedigree.

Pfeffer: Stammt direkt vom König David ab.

Weinstein: Lassen Sie, Schmettow, antisemitische Redensarten.

Schmettow: Verrückt; abgesehen davon, daß Antisemitismus mauvais ton ist, radikale Unvoreingenommenheit im Weltall herrscht, liebe ich Ihr auserwähltes Volk, aß jahrelang koscher und vergöttere Mayer, der ein Gipfel ist. (zu Mayer) Bezeugen Sie's!

Mayer: Herr Baron ist mein großer Gönner, (zu Klette) Darf ich das Zimmer zeigen?

Admiral (zu Klette): Sie schlafen Wand an Wand mit mir. Schnarchen Sie, sind Sie mondsüchtig?

Klette: Nein.

Admiral: Von Beruf?

Klette: Ich war Jurist vorm Staatsexamen.

Admiral: Das ist geräuschlose Angelegenheit.

Schmettow: Nachts besonders.

Weinstein: Was sind Sie jetzt?

Klette: Dabei, Handwerker, Tischler zu werden.

Alle: Tischler?

Weinstein: Interessant!

Admiral: Das hat wohl mit der modischen Sucht, sich coute que coute zu proletarisieren, zu tun. Bückling nach Moskau?

Kothe: Neuer Anpassungstrick? Konjunkturrevolution?

Klette: Ich erkläre das, wenn ich darf, ein anderes Mal.

(zu Mayer) Wollen Sie so gut sein? (mit Verbeugung exit)

Mayer exit

 

Zweite Szene

Schmettow: Tag der Überraschungen!

Kothe (kichert): Tischler!

Pfeffer: Krapüle!

Weinstein: Warten Sie seine Gründe ab. Sie werden eminent zeitgenössisch sein. Solche Burschen brauchen wir heute.

Schmettow: Aber Wichtigeres! Warum schneit uns die ärztliche Kapazität herein?

Admiral: Ist die Angebetete krank?

Kothe: Das Urbild der Gesundheit!

Weinstein: Ausgeschlossen! Rotes Blut des Volks hat sie in sich.

Pfeffer: Ich werde den Grund wissen, wie ich die Sache wußte.

Weinstein: Wozu sind Sie König europäischer Publizistik?

Schmettow: Von Klette wußte ich zuerst.

Admiral: Dicht vorm Ziel der Jüngling etwa noch Nebenbuhler?

Schmettow: Unsinn! Unserer Herrin Tagebuch fand dieser Kandidat der Rechte und Tischler in spe heut von ungefähr, das sie auf dem Weg zum See verloren hatte. Ungelesen gab er's zurück! Tableau!

Weinstein: Das bestärkt mich in guter Meinung von ihm.

Pfeffer: Kann jeder sagen.

Schmettow: So heißt's mit Respekt in den Kemenaten. Zum Dank wurde er, einige Tage zu bleiben, gebeten. Das ist alles. Bleibt als Chor und Komparserie untätig im Hintergrund. Zaungast.

Pfeffer: Die entscheidenden Tage!

Kothe: Toller Heiliger!

Admiral: Doch Bild von einem Kerl.

Kothe: Frech.

Weinstein: Aber unpolitisches Flußpferd! Unser aller Chancen hätte er in dem Heft aufgeschrieben gefunden, endlich hätten wir auf Grund seiner Aufklärungen strategisch handeln, die unmögliche Lage Tage früher enden können.

Schmettow: Daß das Buch aller Rätsel Lösung hält, wurde klar, als Klara bei Empfang wie Blutsturz errötete.

Pfeffer: Ich bat Sie schon einmal, Fräulein Cassati nicht bei Vornamen zu nennen. Auch längere Bekanntschaft gibt Ihnen ohne ihre Erlaubnis kein Recht dazu.

Admiral: Zudem ist auf Ehrenwort versichert, niemand wirkt aus der Front weg durch plumpe Vertraulichkeit.

Kothe: Der Kampf um das Götterweib geht ohne Mätzchen offen vor aller Welt vor sich. Ich, mit meinem Tenor nicht beliebig blenden zu dürfen, verliere das meiste dabei. Nicht singen können, wann ich will (singt) »Ach wie so trügerisch sind Weiberherzen.«

Alle: Schluß!

Admiral: Korpsgeist immer wieder, meine Herren!

Schmettow: Seien wir kristallklar: erst als feststand, keiner von uns vereint Eigenschaften in sich, die die Vergötterte und Vollkommene im Bewußtsein hoher Pflichten an den zukünftigen Gatten glaubt stellen zu müssen, entschlossen wir uns, unbeeinflußt soll sie aus unserem Verein das schließlich Überragende wählen.

Weinstein: Seien wir selbstbewußter; denn wir dürfen es: erst als aus Kämpfen Europas um ihre Hand feststand, entsprach keiner von uns der Vollkommenheit, blieben wir im schneidigen Endkampf unter hundert erstklassigen Bewerbern als Auslese der Tüchtigsten zurück usw.

Admiral: Wir schmissen Fürsten des Geistes, der Feder und des Schwertes.

Schmettow: Auch wirkliche princes du sang.

Pfeffer: Jeder verkörpert auf seine Art eine Fülle rassiger Vorzüge.

Weinstein: Ist als Prätendent Muster diverser Männertugenden. Hors de concurrence excetera.

Schmettow: Vereint aber sind wir Summe des am Mann vom Weib zu Schätzenden.

Pfeffer: Kurz Klasse!

Kothe: So klingen wir noch ein paar Takte zusammen, bis aus unserer Melodie die Wählende die hinreißendste Nuance, das hohe C gewissermaßen wählt.

Weinstein: Trotzdem werde ich, wie auch die Würfel fallen, ein anderer Mensch nach der Entscheidung sein. Lieber Maschinengewehren hartnäckigster Reaktion als dieser kühlen Blonden ausgeliefert sein.

Kothe: Dürfte ich, wie ich wollte!

Pfeffer: Sie dürfen, ist die Reihe an Ihnen.

Admiral: Korpsgeist, Donnerwetter!

Kothe: Aber mein Kehlkopf will nicht immer, wenn er soll. Gerade jetzt könnte ich himmlisch (singt) »Ach wie so trügerisch –«

Alle: Schluß!

Schmettow: Viel mehr gibt der Professor zu denken.

Admiral: Frauenarzt?

Pfeffer: Innerer Kliniker von Weltruf.

Kothe: Hört! Hört!

Weinstein (zu Schmettow): Was vermuten Sie?

Pfeffer: Da ihr nichts fehlt –

Schmettow: Er muß nicht ihretwegen gerufen sein.

Pfeffer: Für wen sonst?

Weinstein: Was meinen Sie?

Schmettow: Ich könnte mir denken –

Admiral: Wie?

Kothe: Was?

Weinstein: Doch nicht –

Admiral: Für uns?

Schmettow: Warum nicht?

Admiral: Ha!

Schmettow: Nicht, daß er uns einzeln beim Wickel nimmt und wie auf einem Pferdemarkt abtastet –

Kothe (kichert): Hihihi!

Admiral: Was fällt Ihnen ein?

Weinstein: Grotesk!

Pfeffer: Plebsmanieren!

Schmettow: Halte ich es für möglich, uns gesellschaftlich beäugend, verschafft er sich und ihr Begriff von jedes einzelnen Physik.

Pfeffer: Das wäre ...!

Schmettow: Fänden Sie das dumm! Keiner von uns ist Jüngling mehr und hat vom Kampf ums Dasein und das andere Geschlecht nicht gepfefferte Narben.

Weinstein: Sie sind nicht bei Trost! usw.

Kothe: Das wäre ohne Einzeluntersuchung nicht festzustellen.

Schmettow: Schwere Defekte ohne weiteres.

Pfeffer: Empörend!

Admiral: Grund für mich, hier schleunigst vom Stapel abzulaufen.

Weinstein: Mit leiblichem Makel kann man Führer zu neuen Erkenntnissen sein! Marx und Nietzsche waren keine Adonisse.

Kothe: Herr von Schmettow macht sich über uns lustig.

Schmettow: Nein! Diese Konsultation, hätte sie selbst solchen Zweck, halte ich für wichtiges Zugeständnis an uns. Es wird nicht länger gefackelt. Endlich bezeugt sie von sich aus die Dringlichkeit der Lage.

Admiral: Aber inwieweit sieht uns solch Pflasterkasten, ohne uns nahezukommen, ins Maschinenhaus?

Schmettow: Von sehr weit

Admiral: Das ist perverse Wissenschaft? Da gehört ein Schnaps drauf.

Weinstein: Hätte sie das gewollt, auch körperlich standen ihr Herkulesse, Athleten, die abenteuerlichsten Bezipse zur Verfügung. Der Türke Prinz Ali, der zwei Meter hohe Schwede! Wie Wasser sind sie von ihr abgelaufen. Wir aber bestanden gerade ohne Rücksicht auf äußere Aufmachung.

Schmettow: Das möchte ich für mich nicht wahrhaben.

Kothe: Ich auch nicht.

Pfeffer: Fraglos betrifft sie der Arzt Generalbeichte! Im Zeitalter exakter Wissenschaften sagt uns der Arzt was früher der Pfarrer wußte.

Schmettow: Jedenfalls stehen wir morgen früh vor bündigerer Wirklichkeit als bisher.

Admiral: Dann in Anbetracht der Entscheidung, die sich im Schoß der Nacht ballt, nimmt jeder über sich gründlich Flottenschau ab, damit er morgen früh klar zum Gefecht ist. Ich meinerseits dampfe ab! (exit)

Kothe: Ich inhaliere Kieferngeist! Mehr braucht's bei mir nicht

(exit)

 

Dritte Szene

Weinstein: Kann Klettes Tagebuch nicht Finte, Manöver sein? Der Mann sieht aus als hat er Haare auf den Zähnen und beabsichtigt hier großen Klamauk usw.

Pfeffer: Ich finde ihn einen Gipfel der Harmlosigkeit mit kleinbürgerlichen Manieren.

Schmettow: Ich auch! Und Fräulein Cassati gab noch nie Anlaß, an ihrer brutalen Gewalt zu zweifeln. Wollte sie etwas mit Klette, sagte sie's laut genug.

Weinstein: Immerhin war man unter sich. Ich hasse den Schatten einer Verwicklung im letzten Moment.

Schmettow: Der Professor! Alles ist klipp und klar zum Gefecht.

Weinstein: Lieber nationalistischen Handgranatenschmeißern gegenüber als länger in der Situation.

Schmettow: Entscheidung ist angeschnitten. Halten Sie Flottenschau mit dem Admiral!

Weinstein: Das reaktionäre abgetakelte Wrack! Haben Sie seinen Zusammenbruch bei Erwähnung des Klinikers bemerkt? Tolle Schäden muß der unterm Waffenrock verbergen.

Pfeffer: Er ist von Familie und qualifiziert. Läge sonst nicht im finish.

Weinstein: Weiß der Teufel, warum! (exit)

Pfeffer: Wie ist Ihnen?

Schmettow: Bin ich Diplomat, Ihnen das zu sagen?

Pfeffer: Ich Publizist, es nicht zu wissen?

Schmettow: Stümper sind Sie, solange Sie als öffentliche Meinung noch eine Quelle brauchen, aus der Sie Wahrscheinlichkeit schöpfen. Saugen Sie sich, wie alles sonst, auch meine Verfassung so aus Fingern, wie es ihr Publikum, das Sie selbst sind, zu seinem Wohlsein braucht.

Pfeffer: Ich bin im Publikum der einzige, der meinen Sensationen mißtraut. Ihre Ruhe in solchem Moment begreife ich nicht. Sie regt mich auf.

Schmettow: Was kann ich tun, als meinem Stern vertrauen?

Pfeffer: Was kann Ihr Stern eiskaltem Blick der Frau gegenüber?

Schmettow: Blenden.

Pfeffer: Ihre Zuversicht ist Schwäche!

Schmettow: Ihre Verzagtheit Kraft?

Pfeffer: Ich bin nicht verzagt. Verblödet! Haben wir alle den Verstand verloren? Ist das für Männer, die sich aus Gründen zu achten haben, Situation? Ohne Rest eigenen Willens einer Mädchenlaune ausgeliefert?

Schmettow: In einem Schloß mit wundervollen Betten, Autos, Segelschiffen, Küche immerhin. Denken Sie an die Reispunschtorte heute abend und die Zigarre!

Pfeffer: Was findet die Raffinierte, Vielerfahrene an diesem Rindvieh von Tenor?

Schmettow: Schmelz, Stimme, wahrscheinlich, (imitiert} »Ach wie so trügerisch ...«

Pfeffer: An der wracken Wasserratte mit Maschinendefekt?

Schmettow: Mumienverehrung. Fragen Sie sie!

Pfeffer: An dieser fetten israelitischen Kröte mit O Beinen und unmöglichen Umgangsformen?

Schmettow: Und an Ihnen?

Pfeffer: Beurteilen Sie mich wie Sie wollen, sehen wir vom Gesellschaftlichen und, daß mein Vater immerhin Regierungspräsident war, ab. Aber meine geistige Kapazität, werden Sie nicht mit der der drei Kretins vergleichen. Offengestanden, in der Klasse sind wir zwei die Klasse für sich.

Schmettow: Wir kennen Maßstäbe der Richterin nicht.

Pfeffer: Gefrorene Vernunft. Letzter Zeitgeist, das steht fest

Schmettow: Was heißt bei einem Weib Vernunft?

Pfeffer: Müßten wir beide kraft unserer Geistigkeit nicht zusammenstehen? Sie haben auf Gräfin Ursula Einfluß.

Schmettow: Die hat Rasse, Entschluß und kernige Weiblichkeit, die sollte auch das Schloß und die Moneten haben.

Pfeffer: Denn – nicht von Ihnen, aber von einer dieser drei Überflüssigkeiten mit sicher unmöglichem Stammbaum besiegt zu sein, gäbe mir fürs Ende meiner Tage den Rest.

Schmettow: Und Ihren Gläubigern dazu.

Pfeffer: Gemeinsam aber müssen wir, lassen wir Gespräche nicht unter ein gewisses geistiges Mittel fallen, Atmosphäre so heben, daß die Nebenbuhler schachmatt sind. Auslandspolitik, Erkenntnistheorie, Expressionismus und so. Ohne Flotte und Ozean kommt der Admiral überhaupt nicht in Betracht, Weinstein ohne Volksversammlung und Panzerauto ebensowenig. Das Rindvieh von tremolierendem Tenor decken wir mit Witz ganz zu.

Schmettow: Ich warne vor zu krasser Logik.

Pfeffer: Dieser vernunftschmachtenden Frau, lebendem Einmaleins gegenüber? Die wir in achtzehn Monaten auf keiner geistigen Inkonsequenz, nicht dem Schatten eines Gefühls ertappten? Ich für meinen Teil bin im Fall des Sieges, Ihnen gegenüber phantastisch großmütig zu sein, bereit. Wollen Sie gleiches tun? Und da Ihnen anscheinend ebensoviel an hiesigem Komfort, Reispudding usw. wie an der Frau selbst liegt –

Schmettow: Da wir von vornherein über die einzuschlagende Taktik zweierlei Meinung sind, hätte unser Bündnis keinen Zweck, brächte uns Schlappen vor den anderen. Sie setzen auf Logik, ich auf Schicksal, Zufall.

Pfeffer: Ich begreife Sie mit Ihrer Intelligenz nicht. Gemeinsam sind wir nicht zu schlagen, und das Riesenvermögen, ich weiß bis ins kleinste Bescheid, reicht für zwei.

Schmettow: Der Starke ist am mächtigsten allein.

Pfeffer: Das ist nicht Ihr letztes Wort. Schlafen Sie darüber, kommen Sie schnell zu Bett! Hoffentlich erleuchtet Sie der Herr im Traum.

Schmettow: Kaum. Von mindestens so guter Familie wie Sie, habe ich klotzige Grundsätze.

Exeunt

 

Vierte Szene

Gräfin Ursula (vierzigjährig) und Mayer treten auf

Gräfin: Kalte Platte, ein Glas Burgunder dem Professor nach der Konsultation aufs Zimmer.

Mayer: Bereits bereit.

Gräfin: Gefiel Herrn Klette sein Sälchen?

Mayer: Er würdigte es kaum eines Blicks. Komfort liegt ihm nicht. Leiter und Werkzeug, das unser Bolschewik von Zimmermann beim Fortgehen hingeschmissen hatte, sah er aus dem Fenster und schwor, die fehlenden Sprossen selbst aufzusetzen. Jedenfalls soll ich ihn morgen früh sechs Uhr wecken lassen, falls er heute nicht fertig wird.

Gräfin: Ein Original. Studierter, der zum Handwerk, soziale Stufenleiter hinabsteigen will!

Mayer: So etwas kommt jetzt vor, sich nachträglich in Zielen zu beschränken, die ehrgeizige Erzeuger mit Kindern gewollt haben.

Gräfin: Sie sprechen aus Erfahrung. Hörten Sie von Ihrem von der Medizin zur Bauernwirtschaft abgeschwenkten Sohn? Aber setzen Sie sich ein für allemal, wenn Sie mit mir sprechen.

Mayer: Danke! (setzt sich) Mittellos, blank mit Frau und Kind in Kanada landend, findet er von einer Fee bereitgestellt nicht nur alles zum Bau eines Häuschens und eigener Wirtschaft Nötige, sondern kleines Kapital dazu.

Gräfin: Wirklich? – Die Fee?

Mayer: Über Ozeane, andere dringende Sorge fort natürlich wieder sie! Und mit welcher Zartheit jede Spur verwischt war. Tausendundeine Nacht!

Gräfin: Daß Sie nichts merken lassen!

Mayer: Eher beiß ich mir die Zunge ab.

Gräfin: Jetzt, wo sie mit Anlauf nur kraß vernünftig sein will, würde sie erschrecken, erfährt sie, ein Mensch weiß um ihre neue Guttat.

Mayer: Stein bin ich. Man hat letzthin aus dem Zeitgeist so gründlich umgelernt, daß man noch begreifen wird, spontane Menschengüte, Wagemut der Seele wie Verbrechen totzuschweigen.

Gräfin: Wir beide haben uns am meisten, Zeitgenössisches aus Vorurteil falsch zu sehen, zu hüten. Wir, Sie besonders, sind von zu alter Rasse. In unserem Blut läuft glatt, was der Zeitgenossen Adern noch als Problem und Katastrophe durchtobt. Für uns wurde auch alle Vision, alles mögliche Wunder schon erlebte Erfahrung. Im Traum selbst bewegen wir uns aus Erinnerung wie in Wirklichkeit, die kein Staunen, aber auch freilich wenig Reiz mehr hat. Sie vor allem haben der Erzväter Ekstasen gesiebt mit Prospekt und Kulissen wie Film im Blut, und keine Erscheinung bringt Sie mehr außer sich und beraubt Sie Ihrer Wesentlichkeit.

Mayer: Man taucht vielmehr in sich, frommer in Urfluten und badet sich im eigenen Jordan klar.

Gräfin: Selbst ich mit kleiner preußischer Vergangenheit über ein paar Jahrhunderte weiß soviel mehr als das jäh aufgeschossene Zufallsblut, das wir nach seines verstorbenen Vaters Willen betreuen. Aber sind wir von ihr aus gerecht, muß uns ihre Angst, erstmals Erlebtes gewissenhaft und aus ihr selbst verantworten zu wollen, größeren Eindruck als aller nie geschauten Weltwunder unbedenkliche Hinnahme durch den Plebejer machen.

Mayer: Darum liebt man sie auch, wie sehr man anders ist, zärtlich als Auserwählte.

Gräfin: Wir lieben sie so, Herr Mayer, alle anderen lieben ihre Reichtümer an ihr.

Mayer: Gehört sie erst einem der Mitgiftjäger, werden wir Einfluß auf sie verlieren.

Gräfin: Wir werden um diesen Einfluß erbittert weiterkämpfen, alter Makkabäer!

Mayer (steht auf): Mit Schild und Tartsche! Das versteht sich. Preußen und Israel!

Gräfin (gibt ihm die Hund): Ist eine Verbindung, die zu zerstören die radikalere Säure auch jetzt noch nicht erfunden. (exit)

 

Fünfte Szene

Klara tritt gleich darauf auf

Klara: Was macht Ihr Paul? Haben Sie endlich Nachricht?

Mayer (nachdem er an sich gehalten, seine Bewegung versteckt hat, läuft auf sie zu und beugt sich, sie zu küssen, tief auf ihre Hand)

Klara: (in heller Wut): Sie sind verrückt! Ich verbitte mir Ihre grundlose Albernheit! Was wissen Sie? Und wenn Sie wüßten, bilden Sie sich ein, ich täte das geringste aus Barmherzigkeit, Güte womöglich? Weil Sie wegen des Jungen unerträglich, kopflos waren, Ihr Dienst unter Befangenheit litt, und ich leider von Ihrer Zuverlässigkeit abhänge, ließ ich mir meine Bequemlichkeit die paar Groschen kosten. Anmaßung, Taktlosigkeit ist Ihre hier bezeugte selbständige Auffassung der Sache, und ich verbitte mir für alle Zukunft ähnliches. Erledigt!

Mayer exit und läßt sofort den Professor eintreten

 

Sechste Szene

Klara (auf ihn zu): Großen Dank, lieber Professor, mir trotz Ihrer Überlastung ein paar Tage widmen zu wollen.

Professor: Wäre Ihre Bitte nicht mit Urlaubsanfang zusammengefallen, hätte ich nicht kommen können.

Klara: Ich mir das Leben nehmen müssen. Nach vergeblichen Versuchen bei Ihren berühmten Kollegen sind Sie letzte Zuflucht. (sie setzen sich)

Professor: Nachdem Sie von diesen beklopft, behorcht sind, organisches Leiden nicht festgestellt wurde, muß ich Knie- und Pupillenreflex nicht prüfen. Geben Sie mir die Hand. Sie sind schön! Klug?

Klara: Man sagt's. Ich habe eines Philosophiestudenten Bildung und weiß nach vielen Seiten Theoretisches.

Professor: Wie verwerten Sie's?

Klara: Klaren Weg fortzugehen.

Professor: Schönheit?

Klara: Wie weit sie verschönern konnte – das ist mit Anstand erreicht.

Professor: Ist es das, was Ihnen fehlt?

Klara: Komplett zu sein, müßte ich nicht mehr als nur klug und schön sein?

Professor: So sind Sie nicht gut?

Klara: Das sagte ich nicht. Aber während ich gern klug und schön bin, scheint es am Zeitgeist Sünde, scheint –

Professor: Unökonomisch?

Klara: Das ist's! Nur einen Augenblick von sich absehen, verstößt gegen höchstes heutiges Gesetz: Ökonomie. Güte aber ist, fort von ursächlichen Zusammenhängen, den Erscheinungen aus ihrem einmaligen Selbst gerecht werden.

Professor: Wirklich! Gut zu mir oder anderen zu sein, muß ich, aus vernünftigen Notwendigkeiten fort, die Lage aus des einzelnen mystischem Bedürfnis prüfen. Mich Einbildung, seelischer Kühnheit für ihn hingeben.

Klara: Unpraktisch, unvernünftig sein und Zeitgesetz ins Gesicht schlagen.

Professor: Richtig gedacht!

Klara: Und bin begeistert nur Zeitgenosse! Mein besonderes Sein wurzelt in der Epoche. Reichtum, den mein hochgekommener Vater nicht mit schwieliger Hand aber blitzschnell im Gemetzel europäischer Kriege zusammenwarf, Grundsätze, aus denen ich das auserwählte Leben führe, alles ist im kritischen sozialen Moment nur stark und von gewisser heutiger Schönheit, bleibt mein Bewußtsein einseitig darüber geschlossen und hängt nicht gestrigen Sehnsüchten nach.

Professor: Wesentlicher Zeitgenosse zu sein, soll man über vorführende Phrasen fort Sentiments und Ressentiments in sich ausschließen?

Klara: Im Haushalt heutigen Lebens ist kein Plätzchen dafür. Ich weise nicht auf Phänomene wie Krieg. Doch schon in des einzelnen täglichem, mörderischem Wirtschaftskampf ist zärtliches Rudiment, das Blößen gibt, gefährlich.

Professor: Sicher hat sich auch nach dem großen Bluten kein winzigstes Bedürfnis europäischer Massen, sich anders als rechnerisch zu vergewaltigen, gezeigt. Im Gegenteil scheint der Mensch mit der einzigen erfüllten Pflicht vernünftig wie Natur zu sein, komplett.

Klara: Normal ist heut der Nichts-als-Vernünftige.

Professor: Da er in bester Anpassung an auch nur vernünftige Schöpfung stärkster Typ ist – ja! Wissen Sie, daß das so kraß herausgesagt unerhörte Entdeckung ist?

Klara: Und ich durch sie als Kranke gerechtfertigt. Die Gutes nicht hemmungslos will, die aber Drang nach ihm oft bis zu körperlichem Wundsein peinigt und die ihn als Geschöpf ihrer und keiner anderen Zeit als Gift und Seuche spürt.

Professor: Sie verwirren mich. Immer vor solcher Patienten Zerrissenheit habe ich die als im Denken Verwirrte gesehen. Hier aber wird klar, sie waren denkerisch gesund, sogar die ersten wirklich Zeitgesunden, und höchstens Neigung, Unzeitgemäßem nachzudenken, machte sie zu Kranken.

Klara: Wäre Trieb der Entselbstung noch normal, wie könnte er den in allem Tun bestätigten Zeitmenschen wie mich so unerhört quälen.

Professor: Es ist so: Auch letzter Begriff wird umgestellt in dieser Zeit, und das ist ihr größerer als nur politischer und wirtschaftlicher Umsturz. Anders ist auch Kranksein und Gesundheit, und nicht Wissenschaft, der Kranke lehrt Krankheit und neue Genesung. Aber wie sollen wir Ärzte, selbst im Unterricht, helfen?

Klara: Technik kennen Sie, meine wie alle anderen fixen Ideen zu besiegen. Nachdem wir feststellten, Nächstenliebe wo sie heut noch auftritt, hat schon des Unorganischen Charakter, ist, wo sie nicht wie von mir parasitär empfunden wird, höchstens reichen Manns Komfort –

Professor: Setzen wir hinzu: Wie sie heut nicht elementar ist, gab es Zeiten, wo sie ebensowenig und weniger lebte. Nichts von ihr, nur Vernünftiges und Schönes wird aus dem Altertum der Ägypter, Griechen und Römer berichtet, und die älteren Juden selbst hatten zu Gott und Mitmensch das berechnete Verhalten mit der Gewißheit, waren sie mit Jehova verbündet, töten zu dürfen, wer ihnen im Weg war. Und erst späte Propheten, Christus schließlich –

Klara: Ein Kreis ist wieder geschlossen. Und meine Neigung, Pausen absichtslosen Guttuns ins Leben zu wünschen –

Professor: Da Sie der unzeitmäßige Trieb stört, ist wie alles andere zu beseitigendes Gebrechen, und wir behandeln es mit gleichen Methoden. Sagen Sie Symptome.

Klara: Ich rufe jemand zu bestimmtem Zweck, habe das Kommando auf der Lippe, und in mir steht schon Nächstnotwendiges fest. Der Gerufene kommt, ich muß nur sagen –

Professor: Und?

Klara: Hilflosigkeit, Rätselhaftes hat der im Blick. Mein Bewußtsein überschlägt sich, Herz schlägt, Welt ist nicht mehr von mir aus, sondern blüht mit des anderen buntem Wunsch. Es ist die völlige Entgleisung, die mir für praktische Sicherheiten nur Visionen gibt. Ich merke, wie Eifer in meinem Gegenüber nachläßt, wichtiger Auftrag, vergessen zu werden, in Gefahr kommt, und wie das von schrecklichen Folgen begleitet sein kann.

Professor: Ist Ihnen aus solchem Zusammenbruch schon nachweisbarer Schaden entstanden?

Klara: Noch gelang es stets, zu mir zurückzufinden.

Professor: Bestand die Störung schon in Kinderjahren?

Klara: Als Kind flog ich strikt auf Ziele los.

Professor: Wann also?

Klara: Als ich mit der Eltern Tod in Besitz der Vermögen, Bildung in meine Einheit kam. Als ich Schiller mit Begeisterung las, mich an Luise Miller ansteckte, die, wo sie sein Weib sein soll, sittliche Fanfare ist. Als ich Philosophen las, vergangene Geschichte lernte, statt wie als Kind nur mächtig da zu sein.

Professor: Durch Geist aus Büchern verbildet wurden?

Klara: Der mir aus Zeitgenossen, denen es wie mir ergangen war, wie Echo aus heutiger Welt antwortete. Folgte ich einem noblesse oblige, ließ ich bedürftige Verwandte nicht verhungern, wurde ich als Engel gepriesen und mußte glauben, in meinen Umständen sei solch Verhalten auch jetzt noch für mich wichtig.

Professor: Blieb Ihr Versuch, Gutes zu tun, auf Geldzuwendungen beschränkt?

Klara: Nie wurde es unter anderer Form von mir verlangt. Und wie sollte ich mir einbilden, mit meiner ganzen Person Hingabe einem Mitmenschen Wesentlicheres als durch Geld zu tun, da ich bemerkte, über der riesigen Ziffer, die ich war, sah er mich selbst nicht mehr.

Professor: Nicht daß Welt auch Ihre Güte unter dem Aspekt des Reichtums sieht, sondern daß Sie sicher sein müssen, in Ihnen wirkt unter keinen Umständen naiv ein Nichtvorherzusehendes, ist Problem. Das an jemand Bezahlte können Sie immer abrechnen, wobei der andere, ein Gatte selbst, aus Verhältnissen Ihr Schuldner bleibt. Des Menschlichen Hingabe aber bände Sie tiefer und unursächlich vor allem.

Klara: Das ist der Kernpunkt!

Professor: Die wirklich wunde Stelle, Ihr besonderer Wille zur Macht, daß Sie zum Nächsten kein anderes als ausgerechnetes Verhältnis wollen. Weil Ihre Einstellung zur Welt sonst heutigen Sinn verlöre, Sie selbst ohne gezählte Besonderheit gewöhnlich würden. Diese Aufrichtigkeit, die die Form so rührender Angst fand, entzückt mich als blendend zeitgemäß und, weil Sie an diesen Umständen nicht wehmütige Kritik, sondern demütigen Genuß haben. Und deshalb helfe ich.

Klara: Im letzten Moment. Neunundzwanzig Jahre alt, muß ich nach Lebensstürmen heiraten. Unübersehbare Interessen in meinen Händen kann ich nicht länger Fremden anvertraut lassen. Zudem haben sich so viel Männer an meiner Tür den Kopf eingerannt, daß die Übriggebliebenen, Zudringlichsten, Vorwände, mit denen ich mich der andern entledigte, durchschauen, und ich sie einfach nicht mehr los werde. Unter ihnen zu wählen, ist mein Frauenlos, und es heißt bei dieser Hauptaktion unter fünf Qualifizierten den zu erwischen, bei dem ich, meinem kranken Drang zu erliegen, am wenigsten gefährdet bin.

Professor: So ist's!

Klara: Sie sind der erste, der das Verlangen nicht als Koketterie, Zynismus, sondern meines Lebens blutigen Ernst nimmt, meinen fast leiblichen Ekel vor – nennen Sie's, wie Sie wollen, Schwärmerei, Romantik, Visionen begreift. Und mit dieser Anerkennung des ernsthaften Manns bin ich, in Heilung eingetreten, stark und entschlossen. Ich danke Ihnen sehr. (gibt Hände)

Professor: Ich danke, weil Sie eine wundervolle Kranke, wirklich im Primäraffekt konkretes Paradigma sind, das ich Studenten und der ärztlichen Welt mit Aufsehen zeigen werde. – Noch eins: auf Grund welchen Wettkampfs wollen Sie unter den Bewerbern wählen?

Klara: Das war bis heute schwarze Frage. Jetzt aber riß ein Chaos jäh am Horizont.

Professor: Haben Sie Plan?

Klara: Formel, Willen dazu! Und was Frau will, will Gott. Bald und gründlich!

Professor: Ich bleibe gespannt und zur Verfügung.

Draußen singt Kothe mit strahlender Stimme

»Ach wie so trügerisch
Sind Weiberherzen,
Mögen sie klagen,
Mögen sie scherzen« usw.

Professor: Ist das –?

Klara: Wie allabendlich, wenn die Nebenbuhler seitwärts schlafen: Numero eins der Tenor.

Professor: Prachtvoll! Ein Blühen der Stimme!

Klara: Hätte er mehr Begriff. Doch als lyrischer Tenor taumelt er am meisten in Himmelsblau.

Professor: Ich sage nach dem Genuß: gute Nacht! Ohne weiteres.

Klara (mit ihm zur Tür): Gute Nacht!

Professor exit

 

Siebente Szene

Gräfin (tritt gleich darauf von der anderen Seite auf): Nach so gründlicher Aussprache müde, Liebling?

Klara: Aber auch zu höchstem Witz und Klugheit wach! Durch einen Wohltäter Gespenster auf einmal verjagt; ewig vorbei! (sie winkt mit der Hand)

Gräfin: Gott Lob und Dank! So lohnte die Aktion. Du weißt, dein Bild fehlt hier aus dem Rahmen!

Klara: Seit wann?

Gräfin: Heute mittag war es noch da.

Klara: Wer hat – wann – wer?

Gräfin: Wer sonst?

Klara: Unmöglich Klette! Er brachte das intimere Tagebuch zurück.

Gräfin: Wer von den anderen, die es seit Monaten täglich sehen, hätte sonst plötzlich –? Romantiker vielleicht.

Klara (mit kleinem Schrei): Das wäre schrecklich, empörend!

Gräfin: War nicht vorauszusehen.

Klara: Lauf zu ihm!

Gräfin: Aufs Geratewohl und mitten in der Nacht?

Klara: Aber – das wirft mich aus Sicherheit in Qualen zurück. Tiefer, schlimmer als je! (wirft sich an der Gräfin Brust) Das ist wieder – das Gespenst!

Vorhang

 


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