Sophokles
Ödipus der Tyrann
Sophokles

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Fünfter Akt

Erste Szene

Ein Bote. Der Chor.

Der Bote
O ihr, die ihr allzeit im Lande hier
Geehrt am meisten seid, was werdet ihr
Für Werke hören, sehn, und welchen Jammer
Erheben, wenn, wie Eingeborne, noch
Den Häusern Labdakos' ihr Sorge gönnet?
Ich meine, nicht der Ister, Phasis nicht
Wird rein abwaschen dieses Haus, soviel
Es birgt. Gleich aber kommt ans Licht das Schlimme,
Unschuldig oder schuldig. Doch von Übeln
Am meisten schmerzt, was selbst erwählt sich zeiget.

Chor
Noch übrig ist, daß jenes, was wir wissen,
Zum Seufzen nicht mehr sei, was weißt du noch?

Der Bote
Es ist das schnellste Wort zu sagen und
Zu hören, tot ist es, Jokastas göttlich Haupt.

Chor
Unglückliche! um welcher Sache willen?

Der Bote
Sie selber durch sich selbst. Doch ist von dem
Das Traurigste entfernt. Der Anblick fehlet.
Doch sollst, soviel auch mir Gedächtnis blieb,
Das Leiden du der Kämpfenden erfahren.
Denn da im Zorne stürzend sie gekommen
Ins Innere des Hofs, lief sie zum Brautbett schnell
Und riß das Haar sich aus mit Fingerspitzen.
Als sie die Türe hinter sich geschlossen,
Ruft sie den Lajos, der schon lange tot ist,
Des alten Samens eingedenk, worüber
Er tot sei und die Mutter übriglasse,
Die kinderlos nach ihm die Kinder zeuge,
Und jammert um ihr Bett, wo sie unglücklich
Zwei Männer aus dem Mann und Kinder bring aus Kindern.
Und wie sie drauf umkam, das weiß ich nimmer.
Denn schreiend stürzte Ödipus herein,
Vor dem man nicht ihr Unglück sehen konnte.
Auf ihn, wie er umherging, sahen wir.
Er irrt und will, daß einen Speer wir reichen,
Daß er sein Weib, sein Weib nicht, und das Feld,
Das mütterliche find und seiner Kinder.
Dem Wütenden wies es von Dämonen einer,
Kein Mann von denen, die zugegen waren.
Gewaltig stürzt' als unter einem Treiber
Und trat auf beide Türen er und sprengte
Die hohlen Schlösser aus dem Grund und stürzt'
In das Gemach, wo hängend wir die Frau sahn.
In Stricken hättst du sie verstrickt gesehn.
Wie er sie sieht, lautbrüllend, der Arme löst
Das hängende Seil, und auf die Erde fiel er,
Der Leidende. Drauf war's ein Anblick schröcklich.
Die goldnen Nadeln riß er vom Gewand,
Mit denen sie geschmückt war, tat es auf
Und stach ins Helle seiner Augen sich und sprach,
So ungefähr, es sei, damit er sie nicht säh
Und was er leid und was er schlimm getan,
Damit in Finsternis er anderer in Zukunft,
Die er nicht sehen dürft, ansichtig werden mög
Und denen er bekannt sei, unbekannt.
Und so frohlockend stieß er öfters, einmal nicht,
Die Wimpern haltend, und die blutigen
Augäpfel färbten ihm den Bart, und Tropfen nicht,
Als wie von Mord vergossen, rieselten, sondern schwarz
Vergossen ward das Blut, ein Hagelregen.
Aus einem Paare kam's, kein einzeln Übel,
Ein Übel zusammen erzeugt von Mann und Weib.
Ihr alter Reichtum, wahrhaft war's vor diesem
Ein Reichtum. Aber jetzt, an diesem Tage,
Geseufz und Irr und Tod und Schmach, so viel
Von allen Übeln Namen sind, es fehlet keins.

Chor
Wie ruhet er im Übel jetzt, der Arme?

Der Bote
Er schreit, man soll die Riegel öffnen, daß
Man jenen offenbare allen Kadmiern,
Den Vatermörder und der Mutter, spricht
Unheiliges, was ich nicht sagen darf.
Sich selbst verbannen woll er aus dem Lande,
Verflucht, wie er geflucht, im Haus nicht bleiben.
Der Stärke nun und eines, der ihn leitet,
Bedarf er, denn zu groß ist, daß er sie
Ertrage, seine Krankheit, doch er zeigt es dir.
Die Riegel dieses Tores öffnen sich;
Und einen Anblick wirst du sehn vielleicht,
So daß ein Feind auch seiner sich erbarmte.

 

Zweite Szene

Der Chor. Ödipus. Hernach Kreon.

Chor
O schröcklich zu sehen ein Schmerz für Menschen,
O schröcklichster von allen, so viel
Ich getroffen schon. Was ist, o Armer!
Dir gekommen ein Wahnsinn? welcher Dämon
Geleitete, den größesten, dich
Zu deinem tödlichen Schicksal?
Ach! ach! du Armer, aber ansehn kann
Ich nicht dich, vieles will ich sagen,
Viel raten, viel betrachten,
Solch einen Schauder machest du mir.

Ödipus
Weh! Weh! Weh! Weh!
Ach! ich Unglücklicher! Wohin auf Erden
Werd ich getragen, ich Leidender?
Wo breitet sich um und bringt mich die Stimme?
Io! Dämon! wo reißest du hin?

Chor
In Gewaltiges, unerhört, unsichtbar.

Ödipus
Io! Nachtwolke mein! Du furchtbare,
Umwogend, unaussprechlich, unbezähmt,
Unüberwältiget! o mir! o mir!
Wie fährt in mich zugleich
Mit diesen Stacheln
Ein Treiben und Erinnerung der Übel!

Chor
Ein Wunder ist's in solchem Unglück nicht,
Daß zweifach du aufjammerst, zweifach Übel trägst!

Ödipus
Io, Lieber, der du mich
Geleitest, noch mir bleibend!
Denn jetzt noch duldest du mich,
Den Blinden besorgend. Ach! Ach!
Denn nicht verborgen mir bist du und wohl,
Obgleich im Dunkeln, kenn ich deine Stimme.

Chor
O der du tatst Gewaltiges! wie konntest du
Dein Auge so beflecken, welcher Dämon trieb dich?

Ödipus
Apollon war's, Apollon, o ihr Lieben,
Der solch Unglück vollbracht,
Hier meine, meine Leiden.
Es äffet kein Selbstmörder ihn,
Ich Leidender aber,
Was sollt ich sehn,
Dem sehend nichts zu schauen süß war.

Chor
Es war so, wie auch du sprichst.

Ödipus
Was hab ich noch zu sehen und zu lieben,
Was Freundliches zu hören? ihr Lieben!
Führt aus dem Orte geschwind mich,
Führt, o ihr Lieben! den ganz Nichtswürdigen,
Den Verfluchtesten und auch
Den Göttern verhaßt am meisten unter den Menschen.

Chor
Kleinmütiger und eins mit dem Begegnis,
Wie wünsch ich, daß ich niemals dich gekannt.

Ödipus
Zu Grunde gehe, wer es war,
Der von der wilden
Bewanderten Heide die Füße
Erlöst' und von dem Mord
Errettet und erhielt, zu Dank
Nichts tat er. Denn damals gestorben,
Wär ich den Lieben nicht, nicht mir ein solcher Kummer.

Chor
Nach Wunsche mir auch wäre dieses.

Ödipus
Wohl wär ich nicht des Vaters Mörder
Gekommen, noch der Bräutigam genannt,
Von denen ich erzeugt ward,
Mühselig bin ich nun. Der Sohn Unheiliger,
Und eines Geschlechts mit denen, wo ich selbst
Herstammt, ich Armer. Gibt's ein uralt Übel,
Empfing es Ödipus.

Chor
Ich kann nicht sagen, daß du gut geraten,
Denn besser wär's, du lebtest nicht, als blind.

Ödipus
Da dieses nun zum besten nicht getan ist,
So unterweise nicht und rate mir nichts an.
Ich wußte nämlich nicht, mit welchen Augen ich
Den Vater angesehn, zum Hades wandelnd,
Und auch die arme Mutter. Welchen beiden
Ich Mühn vollbracht, die größer sind als Qualen.
Da war der Kinder Angesicht, wuchs täglich auf,
So wie aufwuchsen, anzuschauen mir
Nun nimmermehr! und meinen alten Augen
Nicht Stadt und Turm, die Bilder nicht der Geister,
Die heiligen, worum ich Ärmlichster,
So gut, ein einziger Mann, gehalten und in Thebe,
Ich selber mich gebracht. Denn selber sagt ich,
Daß alle hassen ihn, den Götterlosen,
Der als Unheiliger geoffenbaret
Durch Götter sei und das Geschlecht des Lajos.
Da meinen Schimpf ich also kundgetan,
Sollt ich mit graden Augen diese sehn?
Mitnichten. Sondern wäre für den Quell,
Der in dem Ohre tönt, ein Schloß, ich hielt es nicht,
Ich schlösse meinen mühesel'gen Leib,
Daß blind ich wär und taub. Denn süß ist es,
Wo der Gedanke wohnt entfernt von Übeln.
Io! Kithäron! warum nahmest du mich auf?
Und tötetest empfangend mich nicht gleich,
Damit ich Menschen nie verräte, wer ich wäre?
O Polybos und Korinth, ihr väterlichen,
Ihr altgerühmten Häuser, wie so schön
Erzogt ihr mich, vor Übeln wohlverborgen?
Jetzt werd ich schlecht, der Schlechten Sohn gefunden.
O ihr drei Wege! du verborgner Hain,
Du Wald und Winkel auf dem Dreiweg, wo
Von meinen Händen ihr mein Blut, des Vaters Blut,
Getrunken, denkt ihr mein? was ich für Werke
Getan bei euch und dann, als ich hieher kam,
Was ich dann wieder tat? o Ehe, Ehe!
Du pflanztest mich. Und da du mich gepflanzt,
So sandtest du denselben Samen aus
Und zeigtest Väter, Brüder, Kinder, ein
Verwandtes Blut, und Jundfraun, Weiber, Mütter,
Und was nur Schändlichstes entstehet unter Menschen!
Doch niemals sagt man, was zu tun nicht schön ist.
So schnell als möglich, bei den Göttern, begrabt
Mich draußen irgend, tötet oder werft
Ins Meer mich, wo ihr nimmermehr mich seht.
Geht! haltet es der Mühe wert, den Mann,
Mühselig, anzurühren. Folget mir!
Habt keine Furcht! So nämlich ist mein Übel,
Daß vor mir nie kein Mensch es tragen mochte.

Chor
Für deinen Wunsch ist eben Kreon da,
Zu handeln und zu raten. Denn er ist
Allein, statt dir, des Landes Wächter übrig.

Ödipus
O mir! was ist zu diesem Wort zu sagen?
Welch Zeichen wird von rechter Treue mir?
Denn längst bin ich vor ihm ganz schlimm befunden.

Kreon
Nicht als ein Spötter komm ich, Ödipus,
Noch von den alten Übeln eins zu schelten.
Allein, wenn ihr vor sterblichen Geschlechtern
Nicht Scheue habt, so ehret doch die Flamme,
Die alles weidende, des Königs Helios!
Nicht darf man unbedeckt ein solches Unheil
Aufzeigen, das die Erde nicht und nicht
Der heil'ge Regen und das Licht anspricht.
Geschwinde tragt hinein ihn in das Haus,
Denn denen im Geschlecht vornehmlich steht es an,
Zu sehn, zu hören eingeboren Übel.

Ödipus
Bei Göttern! da du mir das Streben aufhieltst,
Der Trefflichste, zum Schlechtesten gekommen,
Gehorche mir. Zu dir, zu mir nicht red ich.

Kreon
Was zu gewinnen, bittest du so sehr?

Ödipus
Wirf aus dem Lande mich, so schnell du kannst,
Wo ich mit Menschen ins Gespräch nicht komme.

Kreon
Schon wär's geschehn, das wisse, wollt ich nicht
Zuerst vom Gott erfahren, was zu tun sei.

Ödipus
Doch schon ist ganz von ihm gesagt die Sage,
Daß man verderbe mich gottlosen Vatermörder.

Kreon
So ward gesagt, doch wo wir stehn im Falle,
Ist's besser noch, zu hören, was zu tun sei.

Ödipus
So um den Mann, mühselig, wollt ihr fragen?

Kreon
Du magst auch jetzt dem Gotte glaubig sein.

Ödipus
Auch schreib ich es dir vor und heiße dich's.
Ihr setze in den Häusern, wie du willst,
Den Hügel, denn du tust den Deinen es mit Recht.
Meinwegen halt es nicht der Mühe wert,
Daß mich die väterliche Stadt lebendig
Zum Mitbewohner habe. Sondern laß
Mich wohnen auf den Bergen, wo berühmt ist
Hier mein Kithäron, den, noch lebend, Mutter
Und Vater mir zum Grabmal auserkoren,
Daß ich durch jene sterbe, welche mich verderbt,
Wiewohl ich dieses weiß, mich konnte Krankheit nicht,
Nichts sonst zerstören; nicht bin ich vom Tod
Errettet, denn zu diesem großen Übel.
Doch dies mein Schicksal geh, wohin es will.
Für sie, die Kinder, für die männlichen,
Für mich nicht sorge, Kreon. Sie sind Männer,
Daß Mangel nie sie haben werden, wo
Sie sind im Leben. Meine mühesel'gen
Erbarmungswerten Jungfraun aber, denen
Nie leer von Speis und ohne unsereinen
Mein Tisch war, die, was ich berührte, teilten,
Allzeit in allem, nehme der dich an.
Auch wohl erlaubst du, zu berühren sie
Mit Händen und das Unglück zu beweinen.
Geh, o mein König!
Geh, du aus edlem Stamm! berühr ich sie,
Wird's sein, als hielt' ich sie, da ich gesehn.
Was sag ich?
Hör ich, bei Göttern, nicht die Lieben, wie
Sie um mich weinen? und erbarmend schickt
Sie Kreon mir, die liebsten meiner Kinder.
Hab ich nicht recht?

Kreon
Das hast du, eben bring ich sie zu dir.
Ich weiß, von je war dieses deine Freude.

Ödipus
Gesegnet seiest du, und dieses Wegs
Mag besser dich als mich ein Geist geleiten.
O Kinder, wo seid ihr wohl? kommt hieher, kommt
Zu meinen brüderlichen Händen, ihr,
Die ihr, da er die Pflanzen zog, dem Vater
Geweidet habt die vormals hellen Augen,
Mir, Kinder, der unwissend, unerfahren
Ist Vater worden, wo er selbst gepflügt ward.
Beweinen muß ich euch, kann euch nicht ansehn,
Wenn ich den Rest des trüben Lebens denk
Und wie Gewalt ihr leiden müßt von Menschen.
Wo in Versammlungen der Städter mögt ihr gehn?
Zu welcher Feier, wo ihr weinend nicht
Nach Hause geht, statt mit dem Festtagsreihen?
Doch wenn ihr nun zum Gipfel kommt der Hochzeit,
Wer wird es sein? wer wirft hinweg die Kinder,
Nimmt an den Schimpf und so, wie meinen Eltern
Und euch sie kommen, die Beleidigungen?
Denn welches Übel fehlt nicht? Euren Vater
Ermordete der Vater, die Gebärerin
Hat er gepflügt, von der er selbst gesäet ward,
Und von denselben zeugt' er euch, von denen
Er selbst gekommen. So seid ihr beschimpft.
Und so, wer mag euch freien? keiner wird's,
Ihr Kinder, sondern sicher ist es, dürre
Vergehen müsset ihr und ohne Hochzeit.
O Sohn Menökeus'! aber, da allein du
Als Vater ihnen übrig bist, denn wir,
Die sie gezeugt, ein Paar, sind untergangen,
Verachte nicht die armen männerlosen
Verwandten Irrenden; du wirst sie nicht
Gleichstellen diesen meinen Übeln, wirst dich
Erbarmen ihrer, dies ihr Alter schauend.
Verlassen sind sie ganz. Bei dir steht es.
Versprich es, Edler! reiche deine Hand mir!
Euch, Kinder, wenn ihr schon die Sinne hättet,
Möcht ich noch vieles mahnen. Jetzt gelobt mir,
Was immer leben muß, und daß ihr leichter
Wollt leben als der euch gezeugt, der Vater.

Kreon
Genug, wohin gerätst du weinend?
Gehe nun hinein ins Haus!

Ödipus
Folgen muß man, freut es gleich nicht.

Kreon
Alles ist zu rechter Zeit schön.

Ödipus
Weißt du, was ich nun will?

Kreon
Sag es. Ich weiß es, hör ich es.

Ödipus
Aus der Heimat sende fort mich.

Kreon
Was der Gott gibt, bittst du mich.

Ödipus
Doch verhasset Göttern komm ich.

Kreon
Darum auch erhältst du's bald.

Ödipus
Sagst du's nun?

Kreon
Was ich nicht denke, sag ich zweimal nicht.

Ödipus
Führe du mich jetzt von hinnen.

Kreon
Gehe! laß die Kinder nur!

Ödipus
Keineswegs nimmst du die mir.

Kreon
Alles maße dir nicht an.
Auch was eigen dir gewesen, folgt dir nicht im Leben nach.

Chor
Ihr im Lande Thebe Bürger, sehet diesen Ödipus,
Der berühmte Rätsel löste, der vor allen war ein Mann.
Der nicht auf der Bürger Eifer, nicht gesehen auf das Glück,
Wie ins Wetter eines großen Schicksals er gekommen ist,
Darum schauet hin auf jenen, der zuletzt erscheint, den Tag,
Wer da sterblich ist, und preiset glücklich keinen, eh denn er
An des Lebens Ziel gedrungen, Elend nicht erfahren hat.


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