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[Vorrede]

Meine Herr Collegen und ich, wir haben freylich wohl zuweilen etwas mehr übersetzt, als im strengsten litterarischen Verstande nöthig, auch vielleicht nicht allemal so gut, als bey ordentlichem Menschenverstande wohl möglich gewesen wäre, das kann man nicht leugnen; deswegen aber so unbarmherzig mit uns umzuspringen, als sehr oft aus bloßem Muthwillen zu geschehn pflegt, ist doch auch keine kleine Ungerechtigkeit.

Es ist so weit mit uns gekommen, daß sich keiner von uns öffentlich sehen lassen darf, ohne in die Gefahr zu gerathen, daß ihm jedermann nachschreye: » Da geht er hin und hat keinen Kopf!« Und das kommt blos daher, daß etliche Zeitungs- und andre Kunstrichter, welche unser Wort, Griff und Zeichen wußten, weil sie meist alle zu unserm Orden gehören, es den Profanen verrathen, und wie in betrunkenem Muthe, ausgeschwatzt haben: » Man braucht beym Uebersetzen keinen Kopf!« Nachher heißt es nun gar, wir hätten keinen! – Freylich ist dieser Schluß vom Nichtbrauchen aufs Nichthaben nach meiner geringen Meynung, nicht völlig richtig; allein, wenns auch wäre, (man kann, wenn man kein Kunstrichter ist, seinen Sinnen nicht wohl trauen,) wenns auch wäre, daß wir wirklich keinen Kopf hätten, muß man deswegen über uns spotten? Es wäre nicht nur unhöflich, sondern auch undankbar, und von den meisten sehr unüberlegt dazu.

Wenn Radamanthus über den guten Charon spotten wollte – Aber, wie ich dazu komme, diese beyden zu nennen, muß ich kurz sagen. – Als ich vor einiger Zeit sah, daß sich jemand so sehr schämte, ein Uebersetzer zu heißen, daß er mit einem Wortspiele durchschleichen wollte, und sich der Verdeutscher nannte: so dachte ich allen den Ursachen nach, warum der Name Uebersetzer ein Spitzname geworden seyn möchte. Ich fand so viele, daß ich solche auf dem Raume, den mir die Herren Verleger geschenkt haben, nicht anführen kann; nur die eine, welche mir die entscheidende scheint: Das Ueber setzen ist mit im siebenden Gebote verboten, und ist eine nicht unbekannte Sünde der Krämer. Uebersetzen aber ist eine sehr nützliche Sache, und da, wo über breite Flüsse keine Brücken sind, höchst nöthig. Ein Uebersetzer also ist ein nützlicher Mann. Frisch sagt zwar im zweyten Theile seines teutschlateinischen Wörterbuchs S. 270: Ueber setzen heiße aus einer Sprache in die andre übertragen, verbum de verbo; (und das ist grade die schwere Handarbeit) aber muß Frisch denn eben Recht haben, wenn er mit dem großen Haufen irrt? Daß meine Collegen und ich einerley Arbeit mit Charon verrichten, das wird niemand bezweifeln wollen, und also muß auch unser Geschäfft mit dem seinigen einerley Namen haben, nämlich: Uebersetzen. – Wenn nun Radamanthus über den guten Charon spotten wollte: (doch, das ist von dem nicht zu vermuthen, weil er wegen seiner Gerechtigkeitsliebe zum Höllenrichter bestellt ist) so wäre es sehr unüberlegt, denn was hätte er zu richten, wenn Charon keine Schatten mehr übersetzen wollte? Sie lachen, mein Herr, und meynen, eben das wäre der schlimme Fall, daß wir nur die Schatten unsrer Autoren überbrächten? O, mein Herr, Ihre Bitterkeit soll mich nicht reizen; ich will dennoch glauben, daß Charon einst mit Ihrem Schatten eine Seele übersetzen wird, und habe die Ehre zu beharren,

Dero

Pflichtschuldigster

* * *.    


Humphry Klinkers
Reisen.
Erster Band

Vorsatzblatt

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An den Doctor Lukas.

Mein lieber Doctor,

Die Pillen taugen nichts – Es wäre eben so viel, als ob ich Schneeballen hinterschluckte, um mir die Nieren abzukühlen – Ich habe es Ihnen ja so oft gesagt, daß mirs ein Wenig nicht thut, und ich bin doch wohl einmal alt genug, daß ich schon Etwas von meiner Leibesbeschaffenheit wissen sollte. Warum bestehen Sie denn so auf Ihrem Kopfe? – Seyn Sie so gütig, und schicken mir eine neue und stärkre Portion. – Ich bin so lahm, und alle Glieder thun mir am Leibe so weh', als ob ich gerädert wäre: Fürwahr, ich bin am Gemüth und Körper gleich krank. – Als ob ich für mich selbst nicht schon Plage genug gehabt hätte, sind mir die Kinder meiner Schwester zu meinem stündlichen Verdrusse an den Hals gebannt. – Warum mögen die Leute nun wohl Kinder in die Welt setzen, daß sie den Nächsten drillen müssen? Ein lächerlicher Zufall, der gestern meiner Nichte Liddy begegnete, ist mir so durch Mark und Bein gegangen, daß ich denke, das Podagra wird mich wohl von neuem unterkriegen – Vielleicht sag' ich in meinem Nächsten mehr davon. Morgen früh mach' ich mich auf den Weg nach Bristoll, zur warmen Quelle, wo ich, ich fürchte, genöthigt seyn kann, länger zu bleiben, als mirs lieb ist. Bey Empfang dieses, schicken Sie doch den Tagelöhner, Williams, mit meinem Reitpferde und Zeuge dahin. Barns sagen Sie, daß er die beyden alten Lagen ausdröschen, das Korn zu Markte schicken, und den Armen den Himten um sechs Groschen unter Marktpreis verkaufen soll. – Griffin hat mir einen winselichten Brief geschrieben, und erbietet sich zu einer öffentlichen Abbitte, und will die Proceßkosten bezahlen. Was kümmert mich seine Abbitte! und von seinem Gelde mag ich auch nichts einstreichen – Der Kerl ist ein böser Nachbar, und ich will nichts mit ihm zu schaffen haben: aber da er mit seinem Gelde prahlt, soll er auch seinen Muthwillen bezahlen: laß ihn den Armen des Kirchspiels fünf Guineen geben, so will ich meine Klage zurücknehmen, und derweile können Sie meinem Advocaten nur sagen, daß er nicht weiter gehn soll – Der Witwe Morgans schicken Sie die zuletzt milchgewordne Kuh, und zwey Guineen zu Kleidern für ihre Kinder: sagen Sie ja aber hiervon keiner lebendigen Seele ein Wort – Sie soll mir schon bezahlen, wenn sie wieder bey Gelde ist. Seyn Sie so gut, und schließen Sie alle meine Schubladen zu, behalten Sie die Schlüssel, bis wir uns sprechen; und nehmen Sie ja den eisernen Kasten mit meinen Papieren in Ihre eigne Verwahrung. Verzeihen Sie alle diese Mühe,

mein liebster Lukas,

Ihrem

Gloucester,   
den 2ten April.

ergebensten   
M. Bramble.

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An Frau Gwillims, Haushälterinn zu Brambleton-hall

So bald sie diesen Brief erbrochen hat, Frau Guillims, soll sie in meinem Kuffer, der hinter der Thüre in meinen Cabinett steht, alles hinein paken, was ich sie hier sagen will. Aber ja bald, hört sie! mit den Wagen nach Bristol: Mein Culör de rose Negelschee mit den grünen Fallbelahs; mein gelb Damast und mein schwarz sammt Kleid; meinen blau ausgeneht altlassen Rock und Kantusche; meine spitzen Knieschürze; meine französische Komohde und mein Juwehlen Kästgen. Williams kan mir mein Seiffenspiritus glaß und das mit Dr. Hill's Brust licksir mit bringen, und ja nicht Jollys sein Lacksatif vergessen. Daß arme, liebe Thir ist ganz apscheilig hartleibig so lang er von hausse weg ist.

Gebe sie recht hüpsch Achtung auf das hauß, so lang die herrschafften nicht zu hausse sind. Laß sie alle Tage einheitzen in meines herrn Bruders Stube und in meine auch. Die Mädchens laß sie fleissig spinnen, die Nikels haben sonst nichts zu tuhn. Vor den Weinkeler muß sie ein fest Sloß legen lassen, mit einer Krampe, und die Kerls nicht über das schöne Merzenbier lassen – Vergeß sie nicht das sie die grossen und kleinen Phorten zu schliessen läst, eh es Abends finster wird – Den Gärtener und Jäger laß sie unten ins Waschhaus schlafen, daß sie das hauß bewachen, mit Flinten und den grossen Hund; ich hofe, daß sie ein Auge auf die Mädchens haben wird, daß sie sich ja hübsch ehrbahr aufführen, wenn ich nicht zu hausse binn. Sie weiß es wohl, daß die Flirtje Marie Johns, sehr zu thun ern mit den Knechten ist. Schreibe sie mir, ob das Kalb von Bleßen schon verkauft ist, und wers gekriegt hatt – ob die alte Gantz schon sitzet und wie viel Eyer sie ihr untergelegt hat; und ob der Schuster schon den jungen Stier geschnitten, und wie sich das arme Thier nach der Oberation befindet. Vor heute schliesse und bin

Ihre

Gloucester,   
den 2ten April.

ergebenste Dienerin und
Herrschaft           
Tabitha Bramble. 

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An Jungfer Marie Jones, zu Brambleton-hall.

Mein liebe mieckhen,

Ich schreibe sie mit diese ungelegnit und lasse sie und salmeh vielsmahls Grüssen was mich anbelancht so binn ig Gesunt und wolle und hove ihr seit daß aug, und das sie oder sallomeh mein Murx mit ins Bedde nemen werdett da eß soh kallt is. – ja daß sünt ehmaHl schöne hendel hir in gloster – Uf ehn har nag wöhre miss liddy mit ehn ComödianTen Acktöhr weck gelofen und der Junge juncker und er hätten sig balt en Lehds gethan aber der Sckweir hats den Buhrmeister gesagt, und der hat er einen Sticken beyGesteckt. – unsre Alte vröle hat forbohten bey leibe keiner Kristen sehlen ein wOertgen dafon zu sagen – unt auß Meinen munde Solls aug nig kommen – denn mir auffwärterinnen müsen AlLes sehen und nichts widersagen – aber daß gröste unglück ist Ihr daß Scholly zu Valle gekommen is, und daß ihm ein fleischerhuhnd Jämmerlig zugeRichtet hat, o wenn sie gesehn hätte wie Er aussae als er zu hausse kamm – unser Vröle kriegt ihre historische zuvälle, gingen aber bald wider über. Der Dockter ward geholet vor dem armen Scholly der gab ihm ein rezebt ein und das bekahm ihm seer gut – Godlop, er is nun In regt gute beserunk. – Seh sie doch nag meine Lahde und mein Neebuld und seß es unter ihr Bedd – liebe Mickchen denn ich glauhbe Frau Gwillims hatt luhst ein Bitschen in meine Kaarten zu sehn, nun ich denn rücken gedreht hAbe. John Toms is munter un frisch leßt aber den Kopf hänken. Der her Hat ein Alten man ein abgelegt kleit Geschonken un john sacht daß hiße ihm daß SeiniGe nehmen. Ig hab ihm gesacht das es ja in sein Lohn bedungen ist, das er sich selbst Seine neue kleider schaffen muß Er Sagt aber es wäre woll eIn unterschied unter Neuen unt alten Kleitern unt daran hatt er wol regt. Wir Gehn alle mit Einander nag das warme Bath da will Ich ihre Gesuntheit in ein Glaß waser trinken, liebe Mieckchen und verbleibe ihre bis in den Tod getreue

   Kloster,
den 2ten April.

gelibte Freundinn
W. Jenkins. 

Alles was dem Leser zu Gefallen geschehen kann, um die künftigen Briefe dieser Jenkins leichter zu entziefern, wird darinn bestehn, eine bessre Orthographie, als die ihrige setzen zu lassen. Es würden nicht mehr ihre Original-Briefe seyn, wenn man auch die Sprache verbessern wollte.
A. d. Uebers.

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An Sir Watkin Philipps, Baronet, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

Mein liebster Philipps,

Es liegt mir nichts so sehr am Herzen, als Sie zu überzeugen, daß ich unfähig bin, unsre im Collegio errichtete Freundschaft zu vergessen oder zu vernachläßigen; ich fange also hiermit den Briefwechsel an, den wir bey meiner Abreise verabredeten; ich beginne ihn früher, als ich anfangs dachte, und zwar, um Sie in Stand zu setzen, gewisse Gerüchte zu zerstreuen, die man vielleicht zu Oxford zu meinem Nachtheile über einen gewissen Handel ausbreiten möchte, in welchen ich wegen meiner Schwester verwickelt worden bin, die hier seit einiger Zeit in Pension gewesen ist. – Als ich mit meinem Oheim und meiner Tante (die unsre Vormünder sind) anlangte, fand ich meine Schwester als ein feines aufgewachsenes Mädchen von siebzehn Jahren, sehr angenehm von Person, aber äußerst treuherzig und fast gänzlich unerfahren in der Welt. Diese Gemüthsart und dieser Mangel an Erfahrung hatten sie den Liebeserklärungen eines Menschen – ich weis nicht wie ich ihn nennen soll – ausgesetzt, den sie in der Comödie gesehn hatte, und der mit einer ihm eignen List und Zuversichtlichkeit Mittel fand, sich in ihre Bekanntschaft zu schleichen. Durch einen ganz unvermutheten Zufall bekam ich einen seiner Briefe in die Hände. Ich hielt es für meine Pflicht, diesen Briefwechsel gleich im Keime zu ersticken, und machte mir also ein Geschäfft daraus, den jungen Lecker aufzusuchen, und ihm ohne Umschweif meine Meynung von der Sache zu sagen. Das Männchen fand meinen Styl nicht nach seinem Geschmacke, und machte ziemlich viel Sprudeleyen. Nun gab ihm freylich sein Stand (im Vorbeygehn gesagt, ich schäme mich, seinen Stand zu nennen,) kein Recht, auf eine sonderliche Achtung, gleichwohl, da sein Betragen Muth genug verrieth: so gestund ich ihm das Recht eines Mannes zu, der einen Degen trägt, und es könnte leicht etwas vorgefallen seyn, hatte man uns nicht verhindert – Kurz, man bekam Wind von der Geschichte, ich weis nicht, wie? Sie machte Aufsehens – man wendete sich an den Richter – ich ward genöthiget mein Ehrenwort von mir zu geben u. s. w. und morgen früh reisen wir ab, nach Bristoll, woselbst ich mit umgehender Post einen Brief von Ihnen zu empfangen hoffe. – Ich bin hier in eine Familie von Originalcharaktern gerathen, die ich vielleicht eines Tages, zum Zeitvertreib, den Versuch mache, Ihnen zu beschreiben. Meine Tante, Miß Tabitha Bramble, ist eine fünf und vierzigjährige Jungfer, außerordentlich geziert, eitel und lächerlich. – Mein Onkel ist ein Mann von ganz sonderbarer Laune; beständig auffahrend und von so ungefälligem Betragen, daß ich lieber alle Ansprüche auf seine Erbschaft fahren lassen, als in die Nothwendigkeit gesetzt seyn möchte, beständig um und bey ihm zu seyn. – Doch mag ihn der podagrische Schmerz auch wohl nur so mürrisch machen, und vielleicht gefällt er mir besser, wenn ich ihn erst näher kennen lerne. So viel ist gewiß, daß alle sein Gesinde und alle seine Nachbarn auf dem Lande in ihn verliebt sind, und das geht sogar bis zu einem gewissen Grade von Enthusiasmus, wovon ich aber bis itzt den Grund nicht begreifen kann. Empfehlen Sie mich den Herrn Griffy Price, Gwin, Mansel, Basset und allen meinen übrigen Oxforder Freunden – Küssen Sie in meinem Namen die Aufwärterinn – der Köchinn meinen Dienst zuvor – Ponto halten Sie gut, aus Liebe zu seinem alten Herrn, welcher ist und bleibt,

   liebster Philipps,
            Ihr

Gloucester,   
den 2ten April.

treuergebner Freund   
und Diener           
Jeronimus Melford.

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An Madame Jermyn, zu Gloucester.

Theureste Madame,

Sie wissen, daß ich keine Mutter mehr habe; ich hoffe also, Sie werden mir erlauben, daß ich mein armes Herz gegen Sie ausschütte, denn Sie sind mir ja von dem Augenblicke an, da ich unter Ihre Aufsicht gegeben ward, beständig eine gütige Mutter gewesen. – Gewiß, ja meine theureste Pflegemama kann mir gewiß glauben, wenn ich Sie versichre, daß ich niemals einen Gedanken gehegt habe, der anders als tugendhaft gewesen wäre; und wenn Gott mir Gnade verleihen will, werde ich mich niemals so aufführen, daß ein Tadel auf die Sorgfalt fallen kann, die Sie auf meine Erziehung verwendet haben. Ich gestehe es, aus Mangel an Vorsichtigkeit und Erfahrung habe ich eine gerechte Ursach gegeben, mich zu schelten. Ich sollte nicht darauf gehört haben, was der junge Mensch sagte, und es wäre meine Pflicht gewesen, Ihnen alles wieder zu sagen, was zwischen uns vorgieng: aber ich war zu schamhaft, etwas davon zu erwähnen; und dann so betrug er sich auch so bescheiden und ehrerbietig, und schien so melancholisch und blöde, daß ichs nicht übers Herz bringen konnte, irgend etwas zu thun, das ihn elend machen oder zur Verzweiflung bringen können. Was unsern Umgang betrifft, so betheure ich Ihnen, daß ich ihm niemals erlaubt habe, auch nur meine Wangen zu küssen; und die paar Briefe, die wir gewechselt, sind alle in meines Onkels Händen, und ich hoffe, es steht nichts darinn, was wider die Unschuld oder die Ehre ist. Ich bin noch immer der festen Meynung, daß er das nicht ist, was er zu seyn scheinet; aber das wird die Zeit entdecken – Unterdessen will ich mich bestreben, eine Bekanntschaft zu vergessen, die meinen Anverwandten so sehr zuwider ist. Ich habe noch nicht aufgehört zu weinen, und habe noch nichts genossen, als Thee, seitdem man mich aus Ihrem Hause weggebracht; und auf dieser Reise habe ich in drey Tagen und Nächten noch kein Auge zugethan. – Meine Tante fährt noch immer fort, mich mit vieler Strenge zu schelten, so bald wir allein sind; aber mit der Zeit hoffe ich, sie durch meinen Gehorsam und meine Demuth zu besänftigen. – Mein Onkel, der im Anfange so fürchterlich zornig war, ist durch meine Betrübniß und Thränen gerührt worden, und ist nun ganz zärtlich und mitleidig; auch mein Bruder ist mir wieder gut, da ich ihm versprochen habe, allen Briefwechsel mit dem armen jungen Menschen abzubrechen: aber bey aller ihrer Gütigkeit kann ich mein Herz doch nicht beruhigen, bis ich weis, Sie, meine geehrteste Frau Pflegemama haben verziehen

Ihrer

  Clifton,
den 6ten April.

armen, traurigen, unglück-
lichen und bis in den Tod 
treugehorsamsten       
Lydia Melford.   

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An Miß Lätitia Willis, zu Gloucester.

Meine liebste Letty,

Ich bin so ängstlich, ob der Bothe Jarvis Ihnen dieses auch richtig bestellt, daß ich Sie sehr bitte, mir zu schreiben, ob Sie es empfangen haben. Machen Sie nur einen Umschlag an Jungfer Winifred Jenkins, Cammermägdchen meiner Tante, welches eine gute Seele ist, und die sich in meinem Kummer so gut gegen mich bezeigt hat, daß ich sie zu meiner Vertrauten gemacht habe. Jarvis, der Bothe, gieng ungern daran, diesen Brief und das kleine Päckchen zu bestellen, weil seine Schwester, meinetwegen bald aus dem Dienste geschafft worden wäre. Ich kann den ehrlichen Mann über seine Vorsichtigkeit nicht tadeln; ich habe aber auch seinen Dienst nicht umsonst verlangt. – Meine süße Freundinn und Gespielinn, es ist ein herber Zusatz zu meinem übrigen Unglück, daß ich Ihres angenehmen Umgangs und Ihres freundschaftlichen Gesprächs zu einer Zeit entbehren muß, da ich den Trost Ihrer Munterkeit und den Beystand Ihres guten Raths so nöthig hätte; doch hoffe ich, daß unsre in der Schule gemachte Freundschaft auf zeitlebens seyn soll. Ich meiner Seits wenigstens will täglich besser und weiser zu werden suchen, und so wie ich mehr Erfahrung bekomme, werde ich den Werth einer wahren Freundinn immer besser schätzen lernen. – O, meine theureste Letty! was soll ich Ihnen von dem armen Wilson sagen? Ich habe versprochen, nichts weiter von ihm zu sehn oder zu hören, und ihn, wo möglich, zu vergessen: aber leider! fang ich schon an, gewahr zu werden, daß das nicht in meinem Vermögen stehen wird. Es wäre höchst unschicklich und gefährlich, wenn ich sein Portrait in Händen behalten wollte, es könnte noch ein größer Unglück daraus entstehn; ich sende es also mit dieser Gelegenheit Ihnen zu, und bitte, daß Sie es entweder bis zu bessern Zeiten aufheben, oder es Herrn Wilson selbst wieder geben mögen; denn ich denke doch wohl, daß er sich alle mögliche Mühe geben wird, Sie an dem gewöhnlichen Orte zu sprechen. Wenn er niedergeschlagen darüber werden sollte, daß ichs ihm zurückschicke: so können Sie ihm sagen, ich hätte kein Portrait nöthig, so lange das Original so tief in meiner Seele – aber nicht doch; nein, das müssen Sie ihm auch nicht sagen, weil ich ja nichts weiter von ihm hören noch sehen darf – Ich wünsche, daß er mich, seiner eignen Ruhe wegen, vergessen möchte; und dennoch – ja er wäre ein grausamer Mensch, wenn er das könnte – aber es ist auch unmöglich – der gute Wilson kann keinen Augenblick falsch oder unbeständig seyn. Sagen Sie ihm doch, daß ich ihn bitte: er solle mir nicht schreiben, oder sich Mühe geben, mich vors Erste zu sehen; denn wenn ich den heftigen Zorn meines Bruders Jeroms bedenke, so könnte das solche grausame Folgen haben, die uns alle auf Zeitlebens unglücklich machten. – Laß uns auf beßre Zeiten hoffen, und was der Zufall – oder vielmehr die göttliche Vorsicht thun wird, die gewiß früh oder spät diejenigen glücklich macht, welche auf dem Wege der Ehre und Tugend einhergehn. – Ich möchte gerne, daß Sie die übrigen Demoiselles meiner Liebe versicherten, aber es ist besser sie erfahren nicht, daß ich Ihnen geschrieben habe. Sollten wir nach Bath gehn, so will ich Ihnen meine ungekünstelte Anmerkungen über diesen Ort, wo alles, was feine Lebensart hat und sich ergötzen will, hinkömmt, so wie über alle andre schreiben, welche wir sehen mögen, und ich schmeichle mir, meine liebe Miß Willis wird keinen Brief unbeantwortet lassen, den sie erhält von

      Ihrer

Clifton,   
den 6ten April.

treuergebnen     
Lydia Melford.

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An den Doctor Lukas.

Lieber Lukas,

Ich habe gebraucht, was Sie mir vorgeschrieben haben, und es geht ziemlich gut; ich könnte wohl schon auf den Beinen seyn, wenn mir das Wetter erlaubt hätte, mein Reitpferd zu gebrauchen. Vorigen Dienstag Vormittag ritt ich einmal ein wenig aus, auf die Dünen, und die Luft war, so weit man sehn konnte, ganz heiter und ohne ein Wölkchen; aber ich war kaum tausend Schritte vorwärts geritten: so überfiel mich plötzlich ein Regenschauer, das mich in drey Minuten bis aufs Hemde durchnetzte – wo das herkam, das mag der Henker wissen; aber es hat mich, (das glaub ich,) wieder auf vierzehn Tage ins Bette gebannt. Die Galle läuft mir über, wenn ich die Leute sprechen höre, was für eine heitre Luft es auf den Dünen von Clifton sey: wie Teufel kann die Luft angenehm oder gesund seyn, wenn ein verdammter Dunst beständig auf einen losregnet? Mein Spitalgefängniß ist mir um desto unerträglicher, weil ich bis über die Ohren mit häuslichem Verdruß umgeben bin. – Meine Nichte hat einen gefährlichen Zufall von einer Krankheit gehabt, den ihr die verdammte Begebenheit an den Hals gezogen hat, wovon ich in meinem letzten erwähnte. – Es ist ein gutherziges Ding von einem Mägdchen, so weich und schmelzend wie Butter – doch hat sie keine Butter statts Gehirn im Kopfe – nein, am Verstande fehlts ihr nicht, und ihre Erziehung ist auch nicht vernachläßigt; das heißt: sie schreibt eine ganz gute Hand, und was sie schreibt ist ziemlich gut buchstabirt, spricht Französisch und spielt das Clavier; dabey tanzt sie mit Anmuth, hat eine liebliche Gestalt, und ein recht gutes Herz; aber ist dabey so weich und schwammicht – und so zärtlich, ja wahrhaftig – sie hat ein so schmachtend Auge und ließt empfindsame Romanen – Dann ist da ihr Bruder, Junker Jeronimus, ein naseweiser Hannswurst, der sich so weise dünkt, als ein neugebackner Magister, und keck ist, wie ein zwölfjähriger Fähndrich; er wirft die Nase so hoch wie ein deutscher Kaufmannssohn, den man in Paris für seine Dukaten Monsieur le Baron nennt, und ist so warm vor der Stirne wie ein Bergschotte. Das fanatische Ding vom Thier, meine Schwester Tabby kennen Sie so ziemlich – So wahr ich lebe, sie ist oft so unerträglich, daß ich denke, der Satan hat sich in ihr Gebein und Fleisch verkrochen, um mich für meine Sünden zu peinigen; und doch bin ich mir keiner so schweren Sünde bewußt, die mir ein solches Hiobskreutz zuziehn könnte. – Wie Teufel mag ich mir wohl alle diese Plagen nicht auf einmal vom Halse schaffen? Ich bin ja, dem Himmel sey Dank! nicht mit Tabby getraut! Und die andern Beyden sind ja auch nicht die Kinder meiner Lenden: laß sie sich einen andern Vormund suchen; ich bin nicht einmal im Stande, für mich selbst zu sorgen, und kann mich noch weniger mit andern schwindlichen Knaben und Dirnen herumplacken. –

Sie wünschen also ernsthaft, zu erfahren, was es mit unserm Abendtheuer zu Gloucester für eine Bewandniß hat? Im kurzen also, denn ich hoffe, das Ding hat ein Ende. – Liddy ist so lange in einer Pensionsschule eingesperrt gewesen, (welches, nächst einem Nonnenkloster, die elendeste Erziehungsanstalt ist, auf die man für junge Mägdchens nur hätte fallen können,) daß sie eben so entzündbar geworden ist, als Feuerschwamm; und als sie an einem Feyertage in eine Comödie war, – Bey meiner Seele, ich schäme michs fast weiter zu schreiben – verliebelte sie sich in einen von den Acteurs, einen hübschen jungen Kerl, der sich Wilson nennt. Der Bube merkte bald, was für einen Eindruck er auf sie gemacht hatte, und wußte die Sache so zu karten, daß er sie in einem Hause zu sprechen bekam, wohin sie mit ihrer Hofmeisterinn zum Theebesuch gegangen war. Von hier begann eine Bekanntschaft, welche sie durch die Vermittelung eines Nickels von Putzmacherinn unterhielten, welche für die Kostgängerinnen wusch und Kopfzeuge aufsteckte. Als wir zu Gloucester anlangten, kam Liddy zu ihrer Tante ins Logis und blieb da, und Wilson hatte die Magd bestochen, ihr einen Brief in die Hände zu bringen; aber wie es scheint, hatte Jerom schon so viel Gewalt über die Magd erhalten, (er mag selbst wissen, auf was Art) daß sie ihm den Brief brachte, auf welche Weise also das ganze Geschichtgen ans Tageslicht kam. Der rasche Springinsfeld war den Augenblick hinter Wilson her; und wie ich glaube, machte er wohl eben nicht viel Complimente mit ihm. Der Theaterheld war viel zu romantisch, um dergleichen zu verdauen; er antwortete wie ein Sir Roland, und da folgte eine Ausfodrung. Sie wurden eins, des nächstfolgenden Morgens ihre Handschuh einzulösen, und den Streit mit Pistolen und Degen zu entscheiden. Ich wußte von dem ganzen Krame kein Wort, bis Herr Morley des Morgens vor mein Bette kam, und mir sagte: er besorge, mein Neffe habe ein Duell vor, weil er ihn den vorigen Abend sehr laut und heftig mit Wilson in seiner Wohnung sprechen gehört habe, und, weil er hernach nach einer Krambude in der Nachbarschaft gegangen sey, um Kraut und Loth zu kaufen. Ich machte mich gleich aus dem Bette, und da ich nach ihm fragen ließ, erfuhr ich, daß er eben ausgegangen wäre. Ich bat Morley, er möchte den Richter aufklopfen, damit der einen Friedensbefehl anlegen möchte, und derweile hinkte ich hinter meinem Junker her, den ich von ferne mit langen Schritten nachdem Thore zueilen sah – ich mochte eilen was ich wollte: so konnte ich ihn doch nicht einholen, bis meine beyden Fechter ihr Schlachtfeld eingenommen hatten, und an den Pistolenschlössern knickten. Zum Glück versteckte mich ein altes Haus vor ihren Augen, so, daß ich auf einmal hervortrat, eh sie mich gewahr geworden. Die Gesichter wurden allen beyden sehr lang, und beyde wollten davon schleichen, der Eine hier, der Andre dorthin; in dem Augenblicke aber kam Morley mit Gerichtsbedienten an, nahm Wilson in Verwahrung, und Jeromchen, folgte ihnen ganz gelassen nach des Richters Hause. Diese ganze Zeit über wußte ich noch keine Sylbe von allem, was den Tag vorher vorgefallen war, und keine von beyden Partheyen wollte einen Tüttel von der Sache verrathen. Der Richter machte die Anmerkung, es wäre von Wilson sehr hochmüthig und verwegen, sich soweit gegen einen Edelmann zu vergehen, da er doch nichts weiter, als ein reisender Comödiant wäre, und drohete mit Zuchthaus und dergleichen – der junge Kerl mutzte das sehr hoch auf, und sagte, er sey ein freyer Mann von Ehre, und als einem solchen sollte man ihm begegnen, mehr aber konnte man nicht aus ihm bringen. Man ließ den Principal von der Bande holen, und examinirte den über Wilson, der sagte aus, daß der junge Mensch vor einem halben Jahre zu Birmingham zu der Gesellschaft gekommen sey, daß er aber niemals seine Gage habe nehmen wollen, daß er sich allzeit so aufgeführt habe, daß er die Liebe und Hochachtung aller seiner Bekannten gewonnen, und daß das Publicum ihn für einen sehr vortrefflichen Schauspieler hielte – Beym Lichte besehn, denk ich, wirds wohl herauskommen, daß er in London irgend jemandem aus der Lehre entlaufen ist. Der Principal wollte für ihn für eine Summe Bürge werden, die man verlangte, mit dem Beding, daß er sein Ehrenwort von sich geben sollte, sich in keinen Handel einzulassen; allein der junge Amadis saß einmal auf seinem großen Pferde, und wollte sich auf keine Weise die Hände binden lassen; auf der andern Seite war mein hoffnungsvolles Mündel eben so eigensinnig, bis endlich der Richter sich erklärte, daß er, wenn alle beyde keine Ruhe angeloben wollten: Wilson auf der Stelle an eine Arbeit weisen würde, wobey ihm das Duelliren schon vergehn sollte. Ich gesteh, hier gefiel mirs sehr was Jeronimus that; er sagte, eh er zugeben konnte, daß man so schimpflich mit Wilson umgienge, wollte er lieber selbst sein Ehrenwort geben, die Sache, so lange sie zu Gloucester waren, nicht weiter zu treiben. – Wilson dankte ihm für sein großmüthiges Bezeigen, und ward damit freygelassen. – Bey unsrer Zuhausekunft erklärte mir Neffe das ganze Geheimniß; und ich gestehe, es brachte mich in eine verteufelte Hitze. Liddy ward von der wilden Katze, meiner Schwester Tabby verhört, und tapfer ausgefilzt, worüber sie dann erst ohnmächtig ward, und hernach unter einem unaufhörlichen Geweine alle Umstände dieses Liebeshandels gestund, und zugleich drey Briefe auslieferte, welches alles war, was sie von ihrem Anbeter empfangen hatte; den letzten, welchen Jeronimus auffing, leg' ich hier bey und wenn Sie ihn gelesen haben, werden Sie sich nicht länger wundern, daß der Stylist so viel Feld in dem Herzen eines arglosen Mägdchen gewonnen, das mit den Menschen und ihren Ränken völlig unbekannt ist. Ich hielt es für die höchste Zeit, sie von einer so gefährlichen Bekanntschaft zu entfernen, und packte gleich des folgenden Tages mit ihr auf nach Bristol; aber das arme Ding war durch unser Zusehen und Drohen so erschreckt und so niedergeschlagen, daß sie den vierten Tag nach unsrer Ankunft in Clifton krank ward, und eine ganze Woche so schlecht darnieder lag, daß man an ihrem Aufkommen verzweifelte. Erst gestern sagte Doctor Rigs, daß sie aus der Gefahr wäre. Sie können nicht glauben, was ich gelitten habe, theils über die Unvorsichtigkeit des armen Kindes, aber noch vielmehr vor der Furcht, daß wir sie verlieren möchten. Die Luft ist hier unerträglich kalt, und der Ort ist nicht viel besser, als eine Einöde. Ich geh niemals zur Quelle hinunter, daß ich nicht mit ganz niedergeschlagnem Herzen zurückkehrte; denn ich finde da ein halb Dutzend armer ausgemergelter Geschöpfe, mit Gespenster Augen, auf der tiefsten Sprosse der Schwindsucht, welche alle ihr bisgen Kräfte zusammenraffen, den Winter durchzubringen, als obs so viele ausländische Gewächse in einem Treibhause wären; aber, nach aller Wahrscheinlichkeit werden sie dahin welken in ihre Gräber, ehe die Sonne Wärme genug bekömmt, die Strenge dieses unfreundlichen Frühlings zu mildern. – Wenn Sie mir das Wasser zu Bath für zuträglich halten: so will ich dahin gehn, so bald meine Nichte das Fahren aushalten kann. – Sagen Sie doch Barns, daß ich ihm für seinen Rath danke, daß ich ihm aber nicht folgen mag. Wenn Davis den Pacht von selbst aufgeben will, so soll ihn der Andre haben: aber ich bin schon zu alt, nun erst anzufangen, meine Pächter deswegen zu drücken, weil sie unglücklich sind und ihre Termine nicht richtig abtragen können: mich wunderts, daß Barns mich einer solchen Härte hat fähig halten können. – Higgins ist freylich ein offenbarer Wilddieb, und ein unverschämter Schüler, daß er gar in meinem eignen Wildgarten seine Schlingen ausstellt; aber ich glaube, er hat gedacht, er hätte einiges Recht (besonders in meiner Abwesenheit,) zu einem Antheile an dem, was die Natur zum allgemeinen Gebrauche bestimmt zu haben scheint – Sie mögen ihn in meinem Namen bedrohen, so viel Sie wollen, und wenn ers wieder thut: so lassen Sie michs erst wissen, ehe Sie ihn beym Richter anmelden. – Ich weis, Sie sind ein Liebhaber von der Jagd, und mögen gerne Ihren Freunden einen Gefallen thun. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Sie meine Bahn begehn können; aber es kann nöthig seyn, daß ich Ihnen den Wink gebe, daß ich mehr für meine Jagdflinte fürchte, als für mein Wild. Wenn Sie etliche Paar Rebhüner missen können, so schicken Sie mir solche mit der Küchenpost, und sagen Sie der Gwillims, daß sie vergessen hat, meine Flanelle und meine weiten Filzschuh in den Mantelsack zu packen. – Ich werde Sie, nach meiner alten Gewohnheit, von Zeit zu Zeit mit meinen Briefen heimsuchen, bis Sie, wie ich glaube, es endlich müde werden sollen, Briefe zu wechseln mit

   Clifton,
den 17ten April.

Ihrem zuverläßigen Freunde
M. Bramble.          

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An Miß Lydia Melford.

Miß Willis hat mir mein Todesurtheil gesprochen. – Sie reisen weg, geliebteste Miß Melford! – Man führt Sie von hier, und ich weis nicht wohin! Was soll ich anfangen? Wo, wohin soll ich mich wenden, um Trost für mein Herz? Ich weis nicht, was ich sage – Die ganze Nacht durch bin ich in einem Meere von Furcht, Zweifeln, Ungewißheit und Angst hin und her geworfen, und bin noch nicht vermögend, zwey Gedanken hintereinander zu denken, vielweniger einen Plan für mein künftiges trauriges Leben zu machen. – Ich bin fast in der Versuchung gewesen, zu wünschen, ich hätte Sie, meine Theureste, nie gesehen; oder daß Sie weniger liebenswürdig, und weniger mitleidig mit Ihrem armen Wilson gewesen seyn möchten; und doch wäre es abscheuliche Undankbarkeit von mir, einen solchen Wunsch zu thun, denn wie unendlich viel bin ich nicht Ihrer himmlischen Güte schuldig! was für unnennbares Entzücken hat nicht Ihre sanfte Milde über mein Herz geströmt! – Gütiger Gott! Nie hörte ich Ihren Namen aussprechen, daß nicht mein Herz vor Freuden bey dem süßen Klange hüpfte! die allerentfernteste Hoffnung, Ihr Antlitz zu erblicken, oder den harmonischen Klang Ihrer Stimme zu hören, füllte meine ganze Seele mit einer wonnevollen Unruh! Wenn die Zeit herannahete, schlug mein Herz mit verdoppelten Schlägen, und jede Nerve zitterte vor heftiger freudiger Erwartung; Aber, wenn ich mich nun wirklich in Ihrer Gegenwart befand – Wenn ich Sie sprechen hörte – Ihr huldreiches Lächeln sah – Ihre entzückende Augen voller Holdseligkeit auf mich gekehrt erblickte: so drängte sich in meine Brust ein solcher Tumult von Jubelfreuden, die mir nicht das Vermögen ließen, meine Empfindungen zu sagen, die für mich nichts anders in der Schöpfung ließen, als Sie, meine Lydia! – Durch Ihre sanfte herablassende Gütigkeit aufgemuntert, wagte ichs, Ihnen die Empfindungen meines Herzens zu sagen – und auch das brachte Sie nicht auf, meine Kühnheit zu schelten – Sie waren nicht unempfindlich gegen meine Leiden und gaben mir Erlaubniß, zu hoffen – Sie dachten günstig – vielleicht zu günstig von dem, was ich wirklich sey – gewiß ist es, ich bin kein Comödiant in der Liebe – Ich rede die Sprache meines eignen Herzens, wie mich solche die Natur, und keine vorgeschriebne Rolle lehrt – Aber in diesem Herzen ist noch Etwas, das ich Ihnen noch nicht entdeckt habe – Ich schmeichelte mir – Doch ich will nichts, ich darf nichts weiter sagen – Meine allertheureste Miß Melfort! um des Himmelswillen, sinnen Sie doch, wo möglich, auf ein Mittel, daß ich Sie nur noch einmal sprechen könne, ehe Sie Gloucester verlassen, sonst weis Gott, was – doch ich merke, mein Verstand ist mir schon wieder ungetreu – Ich will mich bestreben, diese harte Prüfung mit Standhaftigkeit zu ertragen. – So lange mich meine Sinne nicht verlassen, und ich mich Ihrer Zärtlichkeit und Treue bewußt bleibe, habe ich gewiß keine Ursache, mich der Verzweiflung zu übergeben – Aber es liegt ein tiefer Schmerz in meiner Seele. Die Sonne scheint mir ihr Licht zu versagen – über mir hängt ein düstres Gewölke, und mein Gemüth wird von einer ungeheuren Last niedergedrückt. So lange Sie noch hier sind, werde ich unaufhörlich mit Sehnsucht um ihre Wohnung herumgehen, wie man sagt, daß abgeschiedne Seelen um das Grab schweben, worinn ihr sterblicher und geliebter Gefährt des Lebens verscharrt liegt. – Ich weis, wenn es Ihnen irgend möglich ist, werden Sie Ihrer Menschlichkeit – Ihrem Mitleiden – darf ich hinzusetzen, Ihrem Liebevollen Herzen? – Gehör geben, und suchen, die fast unerträglichen Qualen zu lindern, welche das Herz Ihres tiefbetrübten Wilsons peinigen.

Gloucester,   
den 31ten April.

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

Nun, nun, mein lieber Philipps, verlassen Sie sich darauf, Mansel steht in meinem Schuldbuche für seine Erfindung, ein Gerücht zu verbreiten, als hätt ich zu Gloucester mit dem Hannswurst eines Marktschreyers Händel gehabt. Indessen hab ich zu viel Ehrfurcht für alles was witzig ist, um mich auch über die niedrigste Possenreisserey zu ärgern; und also, hoff ich, werden Mansel und ich immer gute Freunde bleiben. Gleichwohl kann ichs nicht billigen, daß er meinen armen Ponto ersäuft hat, um einen Pleonasmus des Ovids in ein Epitaphium zu verwandeln.

DEERANT QUOQUE LITTORA PONTO:

Denn daß er ihn der Flöhe wegen in die Isis geworfen, als sie so hoch und reissend war, das ist eine Entschuldigung die eben so wenig Wasserdicht ist, als ein Schwamm. Doch – laß Ponto sein Leben im Wasser geendigt haben! die Vorsehung hat, hoff' ich, Manseln einen luftigern Tod aufgespart.

Weil hier beym Brunnen nichts ist, was man Gesellschaft nennen könnte, so führe ich ein rechtes Dorfleben: indessen giebt dieses mir Muse, das Sonderbare in meines Onkels Charakter zu bemerken, welches Ihre Neugierde gereitzt zu haben scheint. So viel kann ich sagen, daß seine Gemüthsart und die meinige, welche, gleich Oel und Eßig, sich anfangs immer von einander absonderten, nunmehr angefangen haben, sich durch fleißiges Quirlen zu vermischen. Ehedem war ich geneigt, ihn für einen vollkommnen Cyniker zu halten, und daß ihn blos seine eigne Bedürfnisse bewegten, in der menschlichen Gesellschaft auszudauren. – Itzt bin ich andrer Meynung. Ich denke sein mürrisches Wesen rührt theils von körperlichen Schmerzen, und theils von einem natürlichen Uebermaße an Empfindlichkeit her; Denn ich bin der Meynung, daß sowohl die Seele als der Körper, in gewissen Fällen, mit einem zu hohen Grade von peinlichem Gefühle begabt seyn können.

Vor einigen Tagen hatte ich meine eigne Lust an einer Unterredung, die im Brunnensaale zwischen ihm, und dem weltberühmten Doctor L** vorfiel, der herkommt und beym Brunnen nach Patienten hascht. Mein Onkel beklagte sich über den Gestank, welcher von dem häufigen Schlamme und Moder entsteht, den der Fluß, bey niedrigem Wasser unter den Fenstern des Brunnensaals zurückläßt. Er merkte dabey an, daß die Ausdünstungen von solchem Unrathe, den Lungen der vielen schwindsüchtigen Patienten nachtheilig seyn müßten, die hierher kommen, den Brunnen zu brauchen. Der Doctor, der diese Anmerkung von ferne hörte, kam auf ihn zu, und versicherte ihn, er irre sich. Er sagte, die Menschen überhaupt würden so sehr von Vorurtheilen verleitet, daß alle Philosophie kaum hinreichte, sie aus dem Irrthume zu bringen. Drauf hub er nach einem dreymaligen Husten, mit der lächerlichsten Ernsthaftigkeit im Gesicht, eine gelehrte Abhandlung an: über die Natur des Gestanks. Er fieng an zu beweisen, das Wort Stinken bedeute nichts mehr und nichts weniger, als einen starken Eindruck auf die Geruchsnerven; und könne man solches von Substanzen brauchen, die ganz entgegengesetzter Eigenschaft wären; in der holländischen Sprache sagte man Stinken sowohl von dem lieblichsten Dufte, als von dem widrigsten Geruche, wie aus der Uebersetzung des Horaz des van Vlaudels , bey der schönen Ode: Quis multa gracilis etc. zu ersehen, da er die Worte: Liquidis perfusus odoribus also gegeben: van civet en moschata gestinken: daß alle Menschen toto caelo in ihrer Meynung vom Geruch verschieden wären; der Begriff davon sey auch in der That eben so schwankend als der von der Schönheit; Die Franzosen hauchten die Ausdünstungen des in den Körpern der Thiere distillirten Wassers mit vieler Wollust, wie die Hottentotten in Africa und die Wilden in Grönland; und die Mohren auf der Küste von Senegal genössen nichts eher von einem Fische, bis er in die Fäulung gegangen sey; starke Gründe für dasjenige, was man gemeiniglich Gestank zu nennen pflegt, da diese Nationen im Stande der Natur leben, durch keine Ueppigkeit verderbt, oder durch Vorurtheil und Eigensinn verführt sind: daß er Gründe habe, zu glauben, der stercorische Duft, den das Vorurtheil als einen Gestank verabscheute, wäre wirklich den Organen des Geruchs am allerangenehmsten; denn jedermann, welcher sich stellte, als ob ihm vor dem Geruches des Auswurfs einer andern Person ekelte, röche den seinigen mit einem besondern Gefallen; in Ansehung dieser Wahrheit berufte er sich auf alle gegenwärtige Damen und Herren. Ferner sagte er, die Einwohner von Madrid und Edimburg fänden ein ganz besonders Vergnügen, ihre eigne Atmosphäre in ihre Nasen zu ziehen, die beständig mit stercorischen Ausdünstungen geschwängert sey. Daß der gelehrte D. B** in seiner Abhandlung von den vier Degestions erkläre, auf was Art die volatilischen Effluvia der Intestinorum , die Wirkungen und Operations der animalischen Oekonomie reitzen und befördern: er behauptete, daß der verstorbne Großherzog von Toskana, aus dem Hause Medicis, der mit philosophischem Scharfsinne über die Wüste rafinirte, so viel Geschmack an diesem Geruche gefunden, daß er aus dem Unrathe eine Essenz ziehen lassen, und sich derselben als des lieblichsten Riechwassers bedient habe; daß selbst er, (der Doctor,) wenn er Mattigkeit fühlte, oder von der Arbeit entkräftet wäre, unmittelbare Hülfe und ein außerordentliches Vergnügen empfände, wenn er sich über den angehäuften Schatz eines Nothstuhls beugte, und seinem Bedienten den Vorrath unter seiner Nase umrühren ließe; auch hätte man sich über diese Wirkungen nicht zu wundern, wenn man betrachtete, daß diese Substanz eine Menge eben des volatilischen Salzes enthielte, welches die allerdelikatesten unter den geschwächten Herrn und Damen, nachdem es durch die Chemisten extrahirt und sublimirt worden: mit solcher Gierigkeit aufröchen. – Hier fieng die Gesellschaft nach gerade an, sich die Nasen zuzuhalten; der Doctor aber, ohne sich im geringsten an dieses Signal zu kehren, fuhr fort, zu zeigen, daß manche stinkende Substanzen nicht nur angenehm, sondern auch heilsam wären, wie z. E. das Assafoetida und andre medicinische Gummi, Harze, Wurzeln und Kräuter, nicht zu gedenken, gebrannte Federn, Lohgerbergruben, Lichtschneutze, u.s.w. Kurz, er brauchte manches gelehrte Argument, seinem Auditorio den Sinn des Geruchs abzuschwatzen; und vom Gestank gieng er über zur Fäulung, welches nach seiner Behauptung, gleichfalls eine irrigverstandne Idee wäre, um desto mehr, da alle Dinge, die man verfault zu nennen pflegte, nichts anders wären, als eine gewisse Modification der Materie, die aus denen Principiis bestünde, woraus alle erschaffne Wesen, sie mögen Namen haben wie sie wollen, zusammengesetzt sind; daß ein Philosoph in den allerverfaultesten Producte der Natur nichts anders in Betrachtung zöge, als die Erde, das Salz, Wasser und die Luft, woraus es zusammengesetzt sey; daß er für sein Theil, ebenso lieb ein Glas faules Pfützenwasser tränke, als ein Glas von dem warmen Gesundbrunnen; vorausgesetzt, daß es im Concreto nichts giftiges enthielte. Denn wandte er sich an meinen Onkel »Sir« (sagt er) »Sie scheinen einen Ansatz zur Wassersucht zu haben, und werden vermuthlich bald eine förmliche Ascites bekommen: sollte ich dabey seyn, wenn man sie abzapft, so will ich Ihnen einen überzeugenden Beweis geben, von dem was ich hier gesagt, wenn ich ohne alle Complimente das Wasser trinke, das aus Ihrem Abdomen kommt« – Die Damen machten bey dieser Versicherung sehr verzerrte Gesichter, und mein Onkel, der blaß ward, wie eine Leiche, sagte ihm, daß er keinen solchen Beweis von seiner Philosophie verlangte: »Allein, ich möchte gerne wissen, (sagt er) was Sie auf den Gedanken bringt, daß ich einen Ansatz zur Wassersucht habe?« – »Sir, ich bitte um Verzeihung, (versetzte der Doctor,) Ich sehe, daß ihre Aenkel geschwollen sind, und Sie scheinen mir die facies leucophlegmatica zu haben. Ihre Krankheit kann freylich auch ödomatisch, podagrisch, oder gar die lues venerea seyn; und wenn Sie einige Hoffnung haben, daß es die letzte sey, Sir, so übernehme ich Ihre Cur mit drey kleinen Pillen, und sollte Ihr Uebel noch so tief eingewurzelt seyn, noch so unheilbar scheinen. Das ist ein Arcanum, Sir, das ich mit unsäglicher Mühe und Arbeit erfunden und ausgearbeitet habe. – Sir, noch kürzlich, hab ich ein Frauenbild, es war eine gemeine Metze, hier in Bristol curirt, die alle die schlechtesten Zufälle dieser Seuche am Halse hatte, solche, wie Sie wissen, als nodi , tophi und Gummata , verrucae cristae Galli und einen serpiginoesen Ausschlag, oder vielmehr eine Pockenkrätze über den ganzen Leichnam – Sie hatte kaum die zweyte Pille gebraucht, Sir, wahrhaftig, so war ihre Haut schon wieder so glatt, als meine Hand, und die dritte machte sie so gesund und frisch, als ein neugebornes Kind.« – »Sir, rief mein Onkel spöttisch, ich habe keine Ursachen zu hoffen, daß mein Malum und Ihr Arcanum für einander gemacht sind. Allein die Patientinn, wovon Sie sprechen, ist vielleicht noch nicht so bis auf den Grund geheilt, als Sie sich einbilden.« »Ich kann mich unmöglich irren,« (erwiederte der Philosoph,) »denn ich habe dreymal die Probe gemacht – das ist immer so meine Art, um der Genesung gewiß zu seyn.« Bey dieser Anmerkung huschten die Damen in eine andre Ecke des Saals, und bey einigen begann sich der Magen zu heben. – Mein Onkel hingegen, den freylich im Anfange die Nessel stach, als ihm der Doctor die Wassersucht aufschwatzen wollte, konnte sich doch nicht enthalten, bey diesem lächerlichen Bekenntnisse zu lächeln, und sagte ihm, ich denke, in der Absicht, es dem Originale ein wenig heimzutreiben, er habe da eine Warze auf seiner Nase, die ein wenig verdächtig wäre. »Ich kann eben nicht sagen, daß ich ein Kenner von dergleichen Sachen sey, (sagte er,) aber ich habe doch wohl gehört, daß die unheilige Venus solche Warzen wachsen läßt, und diese da, auf Ihrer Nase, scheint gerade von dem Schlußsteine der Brücke Besitz genommen zu haben, von der ich nicht hoffen will, daß sie in Gefahr ist, einzustürzen.« L** schien über diese Anmerkung ein wenig stutzig, und versicherte ihn, es sey nichts anders, als eine gewöhnliche Erhebung der Cuticula , das Nasenbein darunter wäre aber völlig gesund; diese Wahrheit zu bestätigen, berufte er sich auf die Berührung, und verlangte, er möchte das Glied anfühlen. Mein Onkel sagte, es wäre eine so kitzliche Sache, jemand bey der Nase zu fassen, daß er sich es verbäte – hierauf wendete sich der Doctor an mich, mit Bitte, ihm den Gefallen zu erzeigen. Ich gab seiner Bitte Gehör, und befühlte sie so herzlich, daß ihm das Niesen ankam, und ihm die Thränen über die Backen liefen, zur nicht geringen Belustigung der Gesellschaft, und besonders meines Onkels, der, seitdem ich bey ihm bin, zum erstenmale in ein lautes Gelächter ausbrach, und dabey anmerkte, es schiene doch, als ob der Theil sehr zart sey. »Sir,« schrie der Doctor, »der Theil ist natürlicher Weise sehr zart, aber um Ihnen allen möglichen Zweifel zu benehmen, will ich die Warze noch diesen Abend wegnehmen.«

Mit diesen Worten bückte er sich sehr feyerlich rund herum gegen alle, und gieng zu Hause, woselbst er sich voller Unwillen über die Warze hermachte; allein sie breitete sich dergestalt aus, daß sie eine ansehnliche Entzündung hervorbrachte, mit einem ungeheuren Geschwulste vergesellschaftet; so daß, als er sich das Nächstemal sehen ließ, sein ganzes Angesicht von dieser furchtbaren Nase aller Nasen beschattet wurde, und der bitter klägliche Ton, worinn er diesen unglücklichen Zufall erzählte, war unbeschreiblich lustig. – Mir war es sehr lieb, das Urbild von einem Charakter anzutreffen, über den Sie und ich schon so oft in der Beschreibung gelacht haben; und was mich dabey sehr wundert, ist, zu finden, daß man die Züge in dem Gemälde, welches man von ihm gemacht, viel eher gemildert, als überladen hat.

Da ich noch nicht alles vom Herzen weggesagt habe, dieser Brief aber schon bis zu einer unbescheidnen Länge angewachsen ist: so will ich Ihnen itzt ein wenig Ruhe geben, und mit der ersten Post Sie wieder in Athem setzen. Ich wollte, Sie nähmen sichs vor, keinen von diesen doppelten Streichen zu schenken, sondern alle zu erwiedern,

Ihrem

J. Melford.

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An denselben.

Bey der heißen Quelle, den 20ten April.

 

Mein lieber Baron,

Ich habe mich itzt an dem Schreibetisch gesetzt, um die Drohung am Schlusse meines Letzten ins Werk zu setzen. Es will sich nicht anders thun lassen; ich bin mit einem Geheimniß schwanger und sehne mich nach der Entbindung. Es betrifft meinen Vormund, den wir, wie Sie wissen, itzt hauptsächlich unterm Glase haben.

Vor einigen Tagen meynte ich, ihn auf einem Nebenwege des schwachen Fleisches ertappt zu haben, auf welchen sein Alter und sein Charakter anständigerweise nicht mehr wandeln sollten. – Hier ist eine sittsame Art von Frau, nicht unangenehm von Person, die nach der Quelle kommt und ein armes ausgezehrtes Kind bey sich hat, dem die Schwindsucht am Leben nagt. Ich hatte meines Onkels Augen oft auf diese Person, mit einem bedeutenden Ausdruck im Blicke geheftet gefunden, und so oft er merkte, daß mans gewahr geworden, wandte er ganz schnell, und sichtbarlich betreten, seine Augen von ihr weg. – Ich beschloß, ihn ein wenig näher zu beobachten, und sah ihn in einem Winkel auf der Promenade insgeheim mit ihr sprechen. Endlich als ich eines Tages nach der Quelle hinab gieng, begegnete ich ihr auf halben Wege des Hügels von Clifton, und konnte mich des Verdachts nicht erwehren, sie gienge bestellterweise nach unserm Hause, denn es war gerade um Ein Uhr, die Zeit, da meine Schwester und ich gewöhnlicher Weise im Brunnensaale zu seyn pflegen. – Dieser Gedanke brachte meine Neugierde im Gang; ich gieng durch einen Umweg zurück und kam unbemerkt in meine Kammer, welche an Onkels Zimmer stößt. Die Frau ward wahrhaftig hereingeführt, aber nicht in sein Schlafgemach. Er ertheilte ihr in einem Besuchzimmer Audienz; ich mußte also meinen Posten verlegen, und zum Glück fand ich in der Wand des Verschlags eine Ritze, durch welche ich sehn konnte was vorgieng. – Mein Onkel, der ein wenig lahm war, stund dennoch auf, als sie herein trat, setzte ihr einen Stuhl und ersuchte sie, sich niederzulassen: darauf fragte er sie, ob ihr eine Tasse Chocolate beliebte, welches sie aber mit vielem Danke verbat. Nach einem kurzen Stillschweigen, sagte er mit gedämpfter Stimme, worüber ich nicht wenig verwirrt ward: »Madame, Ihr Unglück geht mir recht herzlich nahe; kann ich Ihnen mit dieser Kleinigkeit einen Dienst leisten, so bitte ich, sie ohne alle Umstände anzunehmen.« Mit den Worten steckte er ihr ein Stückchen Papier in die Hand, welches sie ganz zitternd eröffnete und dann, als ganz außer sich rief: »Zwanzig Pfund! O Sir!« hierbey fiel sie auf ein Canapee und ward ohnmächtig – In voller Angst über die Ohnmacht, und wie ich glaube, voller Angst um Hülfe zu rufen, damit man nicht aus der Situation was Nachtheiliges muthmaßen möchte, lief er als ein Verzweifelnder im Zimmer herum, und schnitt fürchterliche Gesichter; zuletzt besann er sich doch soweit, daß er ihr ein wenig Wasser ins Gesicht sprühte, wodurch sie zu sich selbst gebracht ward. Nun aber brach ihre Empfindung auf eine andre Art hervor. Ihr Herz machte sich durch einen Strom von Thränen Luft, wobey sie laut ausrufte: »Ich weis nicht, wer Sie sind: aber gewiß – Würdiger Sir! – großmüthiger Sir! – Mein Jammer, und der Jammer meines armen sterbenden Kindes! – wenn das Gebet der Witwe – wenn die dankbaren Thränen der Waise erhörbar sind – Barmherziger Gott! – Segne! – schütte ewigen Segen auf« – Hier unterbrach sie mein Onkel, mit einer Stimme, die jemehr und mehr ängstlicher ward: »ums Himmelswillen, seyn Sie doch ruhig, schweigen Sie doch, Madame – Denken Sie nur – die Leute im Hause – Der Blitz! – können Sie nicht« – Diese ganze Zeit über strebte sie, vor ihm auf die Knie zu fallen, indessen daß er sie bey den Händen gefaßt hatte, und daran arbeitete, sie auf das Kanapee niederzusetzen, wobey er sagte: »Nun, nun! – lassen Sie doch, – was machen Sie für ein Aufhebens« – Wer sollte in diesem Augenblicke ins Zimmer gestürzt seyn, als liebe Tante Tabby! die allerteuflischste, eigensinnigste von allen verjährten Jungfern – Sie muß sich nun einmal um jedermanns Sachen bekümmern; hatte die Frau ins Haus kommen sehn, und gieng ihr bis an die Thüre nach, woselbst sie sich aufs Horchen legte, aber wahrscheinlicher Weise nichts deutlich vernahm als die letzten Ausrufungen meines Onkels, wobey sie mit heftiger Wuth, wovon ihr die Spitzen an Nase und Ohren purpurroth geworden, ins Zimmer hereinplatzte – »Pfuy, schäm dich, Matthias, schrie sie, was fängst du an? schlägst deinen guten Namen in die Schanze, und beschimpfst deine Familie?« – Hierauf riß sie der fremden Frau die Banknote aus der Hand und fuhr fort: »Das seh mir einer, zwanzig Pfund! – ja das ist eine teufelische Versuchung – gute Frau, gehe Sie nur hin, wo Sie was zu thun hat – Bruder, Bruder! ich weis nicht, worüber ich mich mehr ärgern soll, über deine bösen Begierden oder über deine Verschwendung!« – »Gütiger Gott!« (seufzete die arme Frau ganz laut,) »soll der ehrliche Name eines Mannes wegen einer That leiden, die der Menschlichkeit Ehre macht!« Nunmehr war Onkels Unwille völlig rege geworden. Sein Gesicht ward bleich, die Zähne klapperten ihm, und seine Augen funkelten – »Schwester,« sagte er mit donnernder Stimme, »wahrhaftig, du treibst deine Unverschämtheit zu weit für die Galle eines ehrlichen Mannes!« Bey diesen Worten nahm er sie beym Arm, öffnete eine Mittelthüre und stieß sie in die Kammer, worinn ich stund, und von dem Auftritte so gerührt war, daß mir die Thränen über die Wangen flossen. Als sie diese Zeichen der Gemüthsbewegunng erblickte, sagte sie: »Es wundert mich nicht, daß ich dich über die bösen Wege eines so nahen Verwandten betrübt sehe; von solchem Alter, und so kränklich! Hübsche Sächelchen sind das, fürwahr! – Ein herrliches Exempel, das der Vormund seinen Mündeln giebt, sich daran zu spiegeln – Abscheulich! unausstehlich! gottlos!« Ich dachte, es wäre nicht mehr als meine Schuldigkeit, sie aus ihrem Irrthume zu bringen, und also erklärte ich ihr das Geheimniß – Aber sie wollte nun einmal ihren Irrthum nicht fahren lassen. »Was? sagte sie, was willst du mir weis machen? willst du mir meine fünf Sinne abdisputiren? hört' ich ihn nicht flüstern, sie sollte kein Aufhebens machen? sah ich sie nicht weinen? Sah ich ihn nicht mit ihr balgen, daß er sie aufs Kanapee werfen wollte? O der häßliche, schändliche, abscheuliche Mensch! Kind, Kind, sag mir nur nichts von christlicher Liebe. – Wer giebt zwanzig Pfund aus christlicher Liebe? Aber du bist ein Kieckindiewelt – du weißt viel davon, wie's darinn hergeht. – Und die christliche Liebe fängt bey sich selbst an. – Zwanzig Pfund! dafür hätte ich ein geblümt atlassen Kleid mit Garnitur, Schneiderlohn und alles haben können.« – Kurz, ich gieng aus dem Zimmer fort, und meine Verachtung für sie, und mein Respect für ihren Bruder, waren bey mir in gleichem Maaße gestiegen.

Ich habe nachher erfahren, daß die Person, der mein Onkel so großmüthig beystand, die Witwe eines Fähndrichs ist, welche nichts anders auf der Welt hat, wovon sie lebt, als funfzehn Pfund jährliches Gnadengehalt. Die Einwohner hier in Clifton sprechen ungemein rühmlich von ihr. Sie wohnt auf einer kleinen Dachkammer und nähet sehr fleißig weiße Wäsche für andre Leute, um ihre Tochter zu unterhalten, die langsam an der Schwindsucht stirbt. Ich muß zu meiner Schande gestehn, ich fühle einen starken Hang, dem Beyspiele meines Onkels zu folgen, und dieser armen Witwe Gutes zu thun; aber, im Vertrauen, ich fürchte man möchte diese Schwachheit entdecken, und das könnte hier bey der Gesellschaft sehr lächerlich machen,

Ihren

ergebensten  
J. Melford.

N. S. Ihren nächsten Brief an mich addressiren Sie nach Bath; und empfehlen Sie mich allen Bekannten.

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An den Doctor Lukas.

Bey der heißen Quelle, den 20ten April.

Ich höre Sie gehn, mein lieber Doctor; die Arzneykunst hat ebenfalls ihre Geheimnisse, wie die Religion, wollen Sie sagen, in welche uns Prophanen nicht erlaubt ist, zu schauen. – Ein Mann muß nicht verwegnerweise seiner Vernunft Gehör geben, wenn er nicht alle die – Ologien studirt hat, und seine Logik nicht auf den Fingern weis. – Im Vertrauen gesagt, ich bin der Meynung, ein Mann der schlichten Menschenverstand hat, sollte in meinem Alter schon so viel von der Medicin und dem Rechte wissen, als er für seine eigne Gesundheit und sein Eigenthum brauchte. Ich meines Theils habe nun schon seit vierzehn Jahren in mir selbst ein Spital gehabt, und habe meinen eignen Casum mit ängstlicher Aufmerksamkeit studirt; folglich sollte man mir zutrauen, daß ich Etwas von der Sache wissen müßte, ob ich gleich kein ordentliches Collegium über die Physiologie etc. gehört habe. Kurz, ich bin seit einiger Zeit auf den Gedanken gekommen, (nichts übel genommen, lieber Doctor,) daß die Summe aller medicinischen Entdeckungen so weit geht, daß, je mehr Ihr Herrn studirt, je weniger Ihr wißt. – Ich habe alles gelesen, was über die warmen Gesundbrunnen geschrieben ist, und so viel ich aus allen den Sachen zusammenbringen kann, ist, daß das Wasser nichts anders enthält, als ein wenig Salz, dem Kalkerde beygemischt ist, und zwar in einem so geringen Verhältniß, daß es wenige oder gar keine Wirkung auf die animalische Oekonomie haben kann. Da dieses nun der Fall ist, so denke ich, verdient der Mann seine Kappe mit Schellen, der um eines so lumpichten Vortheils willen als dieser Frühling bringen kann, seine herrliche Zeit wegschleudert, die er anwenden könnte, wirksamere Mittel zu brauchen, und hier den Koth tritt, den Gestank aufriecht, und sich den schneidenden Winden und unaufhörlichen Regen Preis giebt, die mir den Ort hier unausstehlich machen. Wenn das hiesige Wasser wegen seiner wenigen zusammenziehenden Kraft, in der Diabetes , Diarrhaea und dem Nachtschweiße von einigen Nutzen seyn möchte, worinn die Absonderung zu häufig ist: muß es dann nicht beym Asthma , dem Scorbut, dem Podagra und der Wassersucht, wo die Säfte verdickt sind, in eben dem Verhältniß schädlich seyn? – A propos von der Wassersucht! Sie haben hier einen sonderbaren phantastischen Collegen, der alle Tage im Brunnensaale eine Rede hält, als ob er dafür bezahlt würde, über alle mögliche Fälle ein Collegium zu lesen. – Ich weis nicht, was ich aus ihm machen soll – zuweilen sagt er ganz vernünftiges Zeug, und zuweilen spricht er, wie der ärgste Schaafskopf auf Gottes Erdboden. – Er hat ungemein viel gelesen; aber ohne Ordnung und Urtheil, und verdauet hat er nichts; Er glaubt alles was er ließt; besonders wenns ins Wunderbare fällt; und sein Gespräch ist ein närrisches Gemengsel von Gelehrsamkeit und Unsinn. – Neulich sagte er mir, mit vieler Zuversichtlichkeit, meine Krankheit schlüge nach der Wassersucht, oder wäre, wie ers nannte, leucophlegma tisch. Ein sichres Kennzeichen, daß sein Mangel an Erfahrung eben so groß ist, als seine Einbildung von sich selbst; denn, Sie wissen, bey meiner Krankheit ist nicht das geringste, das mit der Wassersucht etwas ähnliches hätte. – Ich wollte wohl, daß diese unverschämten Kerle, mit ihrem wässerichten Verstande, ihre Meynung und ihren Rath solange für sich behielten, bis man sie fragte – Wassersüchtig, seht doch! Wahrhaftig! ich habe nicht fünf und funfzig Jahr auf der Welt gelebt, meine Unpäßlichkeit hat mir nicht so viel Erfahrung verliehen, ich habe nicht Sie, und andre große Aerzte so oft und so lange zu Rathe gezogen, um mich von einem solchen Saalbader aus dem Irrthume bringen zu lassen – Aber, der Mann ist toll, ohne allen Zweifel; und also ist alles, was er sagt, von keiner Bedeutung.

 

Gestern hatte ich einen Besuch von Higgins; Ihre Drohungen hatten ihn hergejagt, und er brachte mir ein Geschenk von ein paar Haasen, die er nach seinem eignen Geständniß auf meiner Wildbahn gefangen hatte. Ich konnte es dem Kerl nicht begreiflich machen, daß er unrecht thäte, und er konnte es gar nicht glauben, daß ich ihn über seine Wilddieberey belangen würde – Ich muß Sie bitten, nicht nur ein, sondern lieber beyde Augen über die Schliche dieses Schäkers zuzuthun, sonst plagt er mich mit seinen Geschenken, die mir mehr kosten, als sie werth sind.

 

Könnte ich mich über etwas wundern, was Fitzowen thut, so wärs über seine zuversichtliche Anmuthung, daß ich ihm bey der nächsten Parlamentswahl für unsre Grafschaft meine Stimme geben soll; ihm, der sich mir bey einer ähnlichen Gelegenheit auf die unverschämteste Weise entgegensetzte – Sagen Sie ihm doch höflicher Weise, er möchte mich entschuldigen. Ihr nächster Brief wird mich zu Bath finden, wohin ich Morgen früh zu reisen denke; nicht blos meinetwegen, sondern auch meiner Nichte Liddy wegen, die mit einem Rückfalle bedroht wird. Das arme Ding fiel gestern, als ich von einem hausirenden Juden ein paar Brillen kaufte, in Ohnmacht. Ich fürchte, ich fürchte, es liegt noch Etwas in irgend einem Winkel ihres kleinen Herzens, das durch die Veränderung der Gegenstände herausgebracht werden soll, hoffe ich. Sagen Sie mir doch, was Sie von des halbklugen Doctors lächerlichen, unverschämten, dummen Meynung über mein Malum halten. Ich bin so wenig wassersüchtig, daß mein Leib so schmächtig ist, als der Leib eines Windhunds; meinen Aenkel habe ich auch mit einem Bindfaden gemessen, und finde, daß die Geschwulst jeden Tag nachläßt – Vor solchen Doctoren bewahr uns lieber Herre Gott! – Ich habe in Bath noch keine Wohnung gemiethet, weil man jeden Augenblick eine haben kann, und weil ich selbst eine aussuchen will. – Ich habs wohl nicht nöthig erst zu sagen, daß Ihre Vorschrift zum Trinken und Baden sehr angenehm seyn wird,

lieber Doctor,
Ihrem

beständigen      
Math. Bramble.

N. S. Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen, daß auf meinem rechten Aenkel ein Grübchen stehn bleibt, wenn ich mit dem Finger darauf drücke, ein Zeichen, denk ich, daß mein Malum nicht leucophlegmatisch sondern oedomatisch ist.

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An Miß Letty Willis, zu Gloucester.

Bey der heißen Quelle, den 21ten April.

 

Meine liebste Letty,

Ich dachte, Sie nicht eher wieder mit einem Briefe zu beschweren, bis wir zu Bath eingerichtet wären; allein da Jarvis abgeht: so kann ich diese Gelegenheit nicht vorbey lassen, um so mehr, da ich Ihnen ganz was besonders zu sagen habe. – O meine liebste Freundinn! was hab ich Ihnen zu erzählen? Verschiedene Tage gieng ein Mann bey der Quelle, der Brillen zu kaufen hatte, und das Ansehn hatte, als ein Jude, der sah mich so oft und so oft an, daß ich ganz unruhig darüber ward. Zuletzt kam er nach unsrer Wohnung zu Clifton, und gieng vor der Thüre auf und nieder, als ob er gerne jemand sprechen möchte – Mein thörichtes Herz fieng heftig an zu klopfen, und ich bat Winny, sie möchte ihm einmal in den Weg treten: aber das arme Mägdchen ist so schwach von Nerven, und fürchtete sich vor seinem Barte. Mein Onkel, der ein paar neue Brillen kaufen wollte, ließ ihn herauf rufen, und als er ein Paar aufprobirte, kam der Mann auf mich zu, und wisperte mir zu – O liebster Himmel! was meynen Sie, was er sagte? – »Ich bin Wilson!« den Augenblick fiel mir sein Gesicht auf – Es war Wilson allerdings! aber so verstellt, daß es unmöglich gewesen seyn würde, ihn zu kennen, hätte mir mein Herz nicht dabey geholfen. Ich war so erstaunt und so erschrocken, daß ich in eine Ohnmacht fiel, aber doch bald wieder zu mir selbst kam; da fand ich, daß ich auf einem Stuhle saß, und daß er mich hielt, indessen daß mein Onkel, noch mit den Brillen auf der Nase, im Zimmer herum lief und um Hülfe rufte. Ich hatte keine Gelegenheit, ihm etwas zu sagen; aber unsre Augen sagten sich genug. Er empfieng sein Geld für die Brillen und gieng weg. Ich sagte hernach der Winny wer es gewesen, und schickte sie ihm nach, nach dem Brunnensaale; da sprach sie mit ihm, und bat ihn in meinem Namen, daß er sich von hier wegbegeben möchte, damit mein Onkel oder mein Bruder keinen Argwohn auf ihn fassen möchten, wenn er mich nicht vor Angst und Verdruß sterben sehn wollte. Der arme junge Mensch betheurete mit thränenden Augen, daß er mir eine ganz besondre Nachricht mitzutheilen habe; und fragte sie: ob sie mir einen Brief zustellen wollte? aber das schlug sie, auf meinen Befehl, rund ab. Als er fand, daß sie auf ihrer Weigerung fest beharrte, bat er sie, mir zu sagen, daß er nicht mehr Comödiant sey, sondern ein Edelmann; und als ein solcher würde er sehr bald seine Liebe zu mir öffentlich bekannt machen, ohne Tadel oder Vorwürfe zu besorgen. – Ja, er sagte ihr sogar seinen Namen und seine Familie; welche das einfältige Mägdchen, zu meinem größesten Leidwesen, in der Verwirrung vergessen hat, worinn sie gerieth, als sie merkte, daß mein Bruder sie mit ihm hätte sprechen sehen. Denn er hielt sie auf dem Wege an, und fragte sie, was sie mit dem Schurken vom Juden vorhätte? – Sie gab vor, sie hätte ein paar Schnürleibshaacken kaufen wollen, gerieth aber über die Frage in eine solche Angst, daß sie den wesentlichsten Theil ihrer Nachricht darüber vergaß; und als sie zu Hause kam, einen histerischen Anfall von Lachen bekam. Es ist nun schon drey Tage her, daß diese Begebenheit vorgefallen ist, unter welcher Zeit er sich nicht wieder hat sehen lassen. Ich muß also wohl denken, daß er weggereiset ist. Meine liebste Letty! Sie sehen, was das Glück sich für ein Vergnügen macht, Ihre arme Freundinn zu quälen. Sollten Sie ihn zu Gloucester sehen, oder wenn Sie ihn schon gesprochen haben, und seinen wahren Namen und seine Familie wissen, so bitte ich, lassen Sie mich nicht länger in Ungewißheit. – Und doch, wenn ihn nichts mehr nöthigt, sich länger zu verbergen, und er eine redliche Neigung zu mir hegt: so kann ich hoffen, daß er sich in kurzer Zeit gegen meine Verwandte erklären wird. Wenn bey der Verbindung nichts Unanständigs ist, so werden sie gewiß nicht so grausam seyn, meinem Herzen Zwang anzuthun. – O was für eine Glückseligkeit würde das für mich seyn! Ich muß dem Gedanken nachhängen, und will meiner Einbildung mit so angenehmen Ideen schmeicheln, welche am Ende, vielleicht niemals wirklich werden. – Doch warum sollte ich verzweifeln? Wer weis, was sich alles zutragen kann? – Morgen reisen wir nach Bath, und das thut mir fast leid, denn ich fange an, die Einsamkeit lieb zu haben, und der hiesige Ort ist so reitzend und romantisch; die Luft ist so rein; die Dünen so angenehm; die Heckdornen in voller Blüthe; die Anger voller Marienblumen, Zeitlosen und so mancher andern; die Bäume schlagen ganz grün aus, und die Büsche sind schon mit ihrem Frühlingsgewande bekleidet; die Hügel sind mit Heerden von Schaafen und zärtlich blöckenden Lämmern bedeckt, welche vor Freuden hüpfen und springen; die Wälder erschallen von den Noten der Drossel, der Finke, des Dompfafen, und die ganze Nacht singt die süße Nachtigall ihren entzückenden Gesang. Und nun noch die Veränderungen! Wir gehn hinunter zu dem Brunnensaale, den sie die Nymphe von Bristolsquell nennen, und da ist denn die Gesellschaft so ungezwungen, frey, gutherzig, und da trinken wir so helles, klares, sanftes und perlendes Wasser; die Sonne ist da so lieblich und belebend; das Wetter so mild; der Spatziergang so angenehm; die Aussicht so mannichfaltig, und die Schiffe und Böte, welche dicht unter den Fenstern des Brunnensaals dem Flusse auf- und niederfahren, machen ein so abwechselndes bewegliches Gemälde, daß eine geschicktere Feder dazu gehörte, es zu beschreiben, als die meinige. Dieser Platz würde ein vollkommnes Paradies für mich seyn, hätte ich eine solche angenehme Gesellschafterinn und aufrichtige Freundinn, als mir meine liebe Miß Willes immer gewesen ist, und, wie ich hoffe, beständig seyn wird

Ihrer

ewig treuen   
J. Melford.

Schreiben Sie mir nur noch immerfort unter Einschluß an Winifred; und Jarvis wird schon sorgen, daß es richtig bestellt wird. Adieu!

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

Bath, den 24ten April.

Liebster Philipps!

Sie haben groß Recht, wenn Sie sich wundern, warum ich Ihnen meine Bekanntschaft mit Miß Blackerby verhehlet habe, da ich Ihnen doch aus allen ähnlichen Bekanntschaften kein Geheimniß gemacht. Aber ich will Ihnen die Kleinigkeit sagen, woran das liegt; mir hat von einem solchen Umgange nicht einmal geträumt, bis Sie mir davon schreiben. Die Folgen desselben wollen mit Gewalt ans Tageslicht? Ein glücklicher Umstand ist noch dabey, daß ihr guter Name nicht darunter leiden, sondern bey der Entdeckung vielmehr gewinnen wird; Nun sieht man doch, daß sie so ein verlegnes Stück Waare nicht ist, wie viele Leute dachten – Was mich betrifft, so betheure ich Ihnen mit aller Aufrichtigkeit der Freundschaft, daß ich mit dieser Person niemals im geringsten bekannt gewesen bin; sollte sie sich indessen wirklich in solchen Umständen befinden, wie Sie schreiben: so denk ich, wird wohl Mansel darhinter stecken. Es war eben kein Geheimniß, daß er ihr Heiligenhäusgen fleißig besuchte, und wenn ich diesen Umstand dazu nehme, daß er mir schon verschiedne Liebesdienste erwiesen hat; seitdem ich Alma Mater verlassen; so thu' ich ihm wohl eben nicht zu nahe, wenn ich ihn fähig halte, mir eine dergleichen Klette anzuwerfen, da ich den Rücken gekehrt habe – Jedoch, kann ihm mein Name wozu nützlich seyn, so steht er ihm zu Diensten; und wäre die Lukrezia so weit Herr über ihr Gewissen, daß sie mir ihr Liebeskind an den Hals schwüre, so muß ich Sie um die Güte ersuchen, für mich mit den Kirchenvorstehern zu handeln: ich will wohl einmal eine unbegangene Sünde büssen; seyn Sie nur so gut und assigniren sogleich den ganzen Belauf auf mich – Bey diesem Vorfalle folg' ich blos dem Rathe meines Onkels, welcher meynt, ich habe von Glück zu sagen, wenn ich in meinem Leben nur einmal auf diese Weise mich abzufinden habe. Der alte Herr sagte mir gestern Abends mit sehr guter Laune, er habe in den Jahren von zwanzig bis vierzig neun Bastarte zu ernähren bekommen, die solche Weibsbilder aus seinen Namen geschworen, die er in seinem Lfeben nicht gesehen hatte. Der Charakter des Herrn Bramble, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn scheint, fängt an, sich zu entwickeln, und mir von Tage zu Tage besser zu gefallen. Seine Besonderheiten versprechen eine reiche Miene an Unterhaltungen: sein Verstand ist, so viel ich urtheilen kann, gebildet genug: seine Bemerkungen über die Begebenheiten des Lebens sind richtig, treffend und keinesweges alltäglich: Er stellt sich, als ob er ein Menschenfeind wäre, um die Empfindlichkeit eines Herzens zu verbergen, dessen Zärtlichkeit fast bis zur Weichlichkeit geht. Diese Zartheit des Gefühls, oder Wundheit des Gemüths, macht ihn furchtsam und ängstlich; aber nichts in der Welt scheuet er mehr, als Unehre; und ob er gleich außerordentlich behutsam ist, jemandem zu nahe zu treten: so geräth er doch bey der geringsten Grobheit oder Unhöflichkeit in Feuer und Flammen. – So ehrwürdig ich ihn im Ganzen halte, kann ich doch nicht umhin, mich zuweilen über seine kleinen Verlegenheiten zu belustigen, wenn sie ihn so weit reitzen, daß er seine satyrischen Pfeile fliegen läßt, Teucer hat keine spitzere und schärfere von seinem Bogen geschossen. – Tante Tabitha ist sein allezeit fertiger Schleifstein. – Diese ist in allem Betracht das umgekehrte Bild ihres Bruders – doch ihr Portrait sollen Sie schon ein andermal haben.

Vor drey Tagen kamen wir hier von der heißen Quelle an, und nahmen Besitz von einem ersten Stockwerke, den Onkel in einem Hause an der Süd-Parade miethete. Er wählte diese Gegend, weil sie nahe bey den Bädern, und ferne von dem Lärmen der Kutschen und Wagen ist. Er war kaum in seinem Zimmer warm geworden, als er schon seine Schlafmütze, seine weiten Filzschuh und seine Flanelle foderte, und erklärte, ihm sey das Podagra in den rechten Fuß getreten, obgleich, wie ich glaube, es noch nicht weiter gekommen war, als bis in seine Einbildung. Er hatte sehr bald Ursache, seine frühzeitige Erklärung zu bereuen; denn unsre Tante Tabitha fand Mittel, ein solches Aufhebens und Getümmel zu machen, ehe die Flanelle aus dem Koffer hervorgeschafft werden konnten, daß man gedacht haben sollte, das Haus stünde in vollem Feuer. Diese ganze Zeit über saß Onkel und kochte vor Ungeduld, biß die Finger, warf die Augen in die Höhe, und murmelte Stoßseufzer in den Bart; endlich brach er in ein convulsivisches Lachen aus, dann brummt er ein Lied her; und als endlich der Sturm vorüber, rief er aus: »Gott sey gelobt für Alles!« Aber dieses war nur erst der Anfang seiner Leiden. Joly, der geliebte Hund unsrer Tante, hatte in der Küche einer Hundehochzeit beywohnen wollen, und dadurch mit nicht weniger als fünf Nebenbuhlern Händel bekommen, die alle zugleich über ihn herfielen, und mit einem scheußlichen Geläute die Treppe herauf bis an die Thüre des Eßsaals verfolgten. Hier griffen Tante und ihre Putzjungfer zu Waffen, um ihn zu vertheidigen, und verstärkten dadurch das Concert, welches eine wahre Teufelsmusik ward. Dieser Tumult ward endlich mit vieler Mühe und durch die Dazwischenkunft unsers Bedienten und der Köchinn aus dem Hause gestillt, und der Squire wollte eben den Mund aufthun, um seine Schwester Tabby ein wenig zurecht zu weisen, als die Thurmwächter unten auf die Diehle traten, und ihre Musik aufwixten (denn Musik sollte es seyn) mit einem so plötzlichen Knall und Schall, daß er mit sichtbaren Zeichen des Aergers und der Unruhe zusammenfuhr und verstummte. Er konnte doch noch so viel Sinne sammlen, daß er seinem Bedienten etwas Geld für diese schwärmende Ständchenmacher gab, der sie denn augenblicklich abführte, doch nicht ohne einigen Widerspruch der Tante, welche es für sehr billig hielt, daß er sich mehr Musik für sein Geld sollte machen lassen. Kaum war dieser verworrne Punct abgethan, als wir eine sonderbare Art von Trampeln und Springen über unsern Köpfen im zweyten Stocke hörten, welches so laut und heftig war, daß das ganze Haus davon erbebte. Ich gesteh', ich gerieth über diesen neuen Lärm in heftige Hitze; und ehe noch mein Onkel Zeit hatte ein Wort darüber zu sagen, rann ich die Treppen hinauf, zu sehen was es wäre. Ich fand die Thüre des Zimmers offen, gieng ohne Umstände hinein und bekam einen Anblick, dessen ich mich noch nicht erinnern kann, ohne mir die Seiten vor Lachen zu halten. – Es war ein Tanzmeister, der eben jemandem Lexion gab. Der Meister war auf einem Auge blind und lahm an einem Fuße, und führte seinen Schüler Eins, Zwey, Drey und Vier herum; der lehrbegierige Schüler schien seine vier Mandel Jahre zu haben, gieng sehr krumm, war ziemlich lang, hatte starke Knochen, ein gelbes Gesicht, und dabey eine wollne Nachtmütze auf dem Kopfe, den Rock hatte er abgeworfen, um desto behender in seinen Bewegungen zu seyn. – Als er sah, daß jemand so unangemeldet hereintrat, den er nicht kannte, begürtete er sich schnell mit einem langen eisernen Degen, trat mit einem Kalekutenschritt auf mich zu, und sagte mit dem wahren Tone eines Irrländers: »Herr, wie der Herr heißt, bey meiner armen Seele, Sie sollen mir lieb und willkommen seyn, wenn Sie als ein Freund kommen, so zu sagen; und ja, wahrhaftig, nun, Sie müssen ja wohl mein Freund seyn, hm! ob ich wohl mein Lebstage nicht die Ehre gehabt habe, Ihr Gesicht zu sehn, mein Schatz; denn Sie kommen wie ein Freund, ohn' alle Umstände, ohn' alle Umstände« – Ich sagte ihm, die Natur meines Besuchs litte keine Umstände; ich wäre gekommen, ihn zu bitten, er möchte doch ein wenig leiser seyn, weil unten ein kranker Herr wäre, den er kein Recht hätte durch ein solch unsinnig Getöse zu beunruhigen. »Nun, sehn Sie nur, junger Herr, (versetzte das Original,) vielleicht, bey einer andern Gelegenheit möcht' ich Sie sehr höflich ersuchen, mir zu erklären, was das harte Wort soll, unsinnig: aber kein Tag im Jahre, er kommt, guter Freund« – Mit diesen Worten gieng er ganz schnell vor mir vorbey, und als er die Treppen hinunter gelaufen war und unsern Bedienten vor dem Eßsaale fand, verlangte er, daß er ihn bey den fremden Herrn melden sollte. Der Kerl hielt es nicht für rathsam, eine so furchtbare Gestalt abzuweisen; er ward also gleich eingeführt, und er redete meinen Onkel mit diesen Worten an. »Gehorsamer Diener, guter Sir! – Ich bin nicht so unsinnig, wie Ihr Sohn 's nennt, daß ich nicht die Regeln der Höflichkeit wüßte – Ich bin nur ein Edelmann aus Irrland, mein Name heißt Sir Ulic Mackilligut, aus der Grafschaft Galway; da wir Miteinwohner eines Hauses geworden sind, so will ich gekommen seyn; so zu sagen, Ihnen meinen Respect zu bezeigen, und auf der Süd-Parade zu bewillkommen, und Ihnen, Sir und Ihrer ehrwürdigen Frau Gemahlinn und Ihrer schönen Tochter meine ergebene Dienste anzutragen, und dem jungen Herrn dort, Ihren Sohn, dazu, obschon er so von Unsinnigen was gemunkelt hat, – Sie müssen nur wissen, daß ich morgen die Ehre haben soll, mit Lady Mac Manus hier dicht an, seinen Ball zu öffnen; und da ich die Menuetpas nicht mehr so recht in den Fingern habe, so hab' ich mich erst ein wenig üben wollen; aber hätt' ich gewußt, daß unter meinem Saale eine preßhafte Person wohnte, mein Seel! lieber hätt' ich Schwäbisch auf meinem Kopfe getanzt, als die leiseste Menuet über dem ihrigen hingeschleift.« – Mein Onkel, der bey seinem ersten Anblicke ein wenig zusammen fuhr, nahm sein Compliment mit vieler Freundlichkeit auf, und drang in ihm, daß er sich setzen mußte, dankte ihm für die Ehre seines Besuchs, und gab mir einen Verweis, daß ich gegen einen Herrn von seinem Stande und Charakter die schuldige Höflichkeit nicht beobachtet hätte. Nach diesem Ausputzer bat ich den Ritter um Vergebung, welcher straks auffuhr, mich so herzlich umarmte, daß mir fast der Odem ausfuhr, und mich versicherte, er habe mich so lieb, als seine eigne theure Seele. Endlich fiel ihm seine Nachtmütze ein, er zog sie mit einiger Verwirrung ab, und machte mit seiner entblößten Glatze tausend Entschuldigungen gegen das Frauenzimmer, als er abtrollte. – In diesem Augenblicke fiengen die Glocken auf der Abtey so mächtig an zu läuten, daß wir einander dafür kein Wort sprechen hören konnten; und dieses Gebimmle geschah, wie wir nachher erfuhren, dem Herrn Bullock zu ehren, einem wohlfürnehmen Ochsenhändler von Tottenham, der eben in Bath angelangt war, um wegen einer Indigestion den Brunnen zu trinken. Herr Bramble hatte nicht Zeit, seine Anmerkungen über die Lieblichkeit dieser Serenade zu machen, ehe seine Ohren von einem andern Concert begrüßt wurden, das ihm noch näher zu Herzen gieng. Zwey Mohren, welche einem reichen Creolen angehörten, der in demselben Hause Zimmer bewohnte, hatten ungefähr zehn Fuß weit von der Thüre unsers Eßsaals, auf dem Vorplatze vor einem Fenster, einen Ort gewählt, sich auf dem Waldhorn zu üben; und als rohe Anfänger, die noch den Ansatz suchten, quälten sie solche Töne hervor, wovon das dickste Eselsohr hätte gällen müssen. Sie können denken, was sie auf die reitzbaren Nerven meines Onkels für Wirkung thun mußten, der, mit dem beredsten Ausdrucke des zornigen Erstaunens, seinen Bedienten hinschickte, dieses fürchterliche Geheule zum Schweigen zu bringen, und den Waldhornisten zu sagen, sie möchten ihre Academie an einem andern Ort halten, weil sie kein Recht hätten, da zu stehen, und die Ohren aller Miethsleute des Hauses zu betäuben. Diese schwarzen Virtuosen waren aber gar nicht geneigt, dem Winke zu folgen und abzuziehen, sondern begegneten dem Abgesandten mit Hohn und Spott, und sagten, er sollte sein Geschäfft bey ihrem Herrn, den Obersten Rigworm, anbringen, der ihm die gehörige Antwort und ein paar Ohrfeigen in den Kauf geben würde; indessen setzten sie ihr Gequarre fort, und bemühten sich sogar, es noch unangenehmer zu machen, lachten auch Eins dazwischen über den Gedanken, daß sie ungestraft honnette Leute quälen könnten. Unser 'Squire, dem diese neue Beleidigung das Blut vollends zu Kopfe trieb, schickte auf der Stelle den Bedienten mit einem Complimente an den Obersten Rigworm mit Bitte, er möchte seinen Mohren befehlen, daß sie schwiegen, weil ihr Heulen nicht auszustehn wäre. Auf diese Bothschaft erwiederte der Herr Oberste: seine Hörner wären berechtigt, auf einem gemeinschaftlichen Vorplatze zu blasen; und da sollten sie blasen zu seinem Vergnügen; und wer die Musik nicht leiden könnte, möchte sich anders wo einmiethen. Onkel hatte nicht sobald diese Antwort vernommen, als schon seine Augen funkelten, sein Gesicht blaß wurde und seine Zähne klapperten. Nach einem Augenblick Bedenken fuhr er in die Schuh, ohne daß er ein Wort dabey sagte, oder einige Beschwerden vom Podagra weiter in seinen Zehen zu fühlen schien, ergriff sein Rohr, öffnete die Thüre und marschirte nach dem Platze, wo sich die indianischen Waldhornisten postirt hatten. Hier begann er sie ohne weitere Anrede beyde zu bearbeiten, und gieng dabey mit einer so erstaunlichen Kraft und Behendigkeit zu Werke, daß beydes ihre Kopfe und Hörner voller Beulen waren, eh sie sich umsehen konnten, und sie heulend die Treppen hinunter nach ihres Herrn Wohnzimmer rannten. Der 'Squire folgte ihnen halbweges und rief ganz laut, daß es der Oberste hören konnte: »Geht, ihr Schlingel, und sagt Eurem Herrn, was ich gethan habe; und wenn er sich dadurch für beschimpft hält, so weis er, wo er Satisfaction suchen kann. Und Ihr, könnt sicher glauben, daß dieß nur etwas wenigs auf die Hand ist, von dem was Ihr haben sollt, wenn Ihr euch jemals wieder untersteht, hier ein Horn ans Maul zu setzen, so lang ich im Hause wohne.« Mit diesen Worten begab er sich in sein Zimmer, in der Erwartung, daß sich der Westindier melden würde; der Oberste vermied aber sehr weislich, eine fernere Erklärung zu verlangen. Meine Schwester Liddy fiel vor Schrecken in Ohnmacht, aus welcher sie sich nicht so bald erholt hatte, als Tante Tabitha eine Predigt über die Geduld begann, worinn sie ihr Bruder unterbrach, und mit einem sehr bedeutenden spöttischen Lächeln ausrufte: »Wahrhaftig, Schwester, Gott vermehrt meine Geduld und deine Klugheit! Mich soll wundern, setzte er hinzu, was für eine Art von Sonate wir nach dieser Overtüre zu gewarten haben, worinn uns der Satan, der über alle solche scheußliche Töne regiert, eine solche Mannichfaltigkeit von Mißklängen gegeben hat. – Das Getrample der Lastträger, das Schurren und Rutschen mit Koffern, das Knarren und Bellen der Hunde, das Gezänke der Weiber, das Kritzeln und Schnarren der verstimmten Fiddeln und Schallmeyen, das Gepolter des irrländischen Barons über unserm Kopfe, und das Quarren und Heulen der Waldhörner auf dem Vorplatze, (des harmonischen Gebimmles, das noch an dem Kirchthurme fortstürmt, nicht zu erwähnen,) das alles so auf einander folgt, als die verschiedenen Stücke in einem Concerte, hat mir einen solchen Begriff von demjenigen gemacht, was ein armer Invalide in diesem Tempel zu erwarten hat, der der Stille und Ruhe geweihet ist, daß ich sicher morgen am Tage umziehen, und suchen werde, aus dem Gedränge zu entkommen, ehe noch Sir Ulic den Ball mit Mylady Mac Manus eröffnet; eine Conjunction, die mir nichts Gutes prophezeyen.« Diese Nachricht war der Miß Tabitha keinesweges angenehm zu vernehmen, deren Ohren nicht völlig so zart waren, als die Ohren ihres Bruders. – Es würde doch sehr närrisch seyn, meynte sie, aus so angenehmen Zimmern zu ziehn, wenn man sich kaum ein wenig eingerichtet hätte. Es wunderte sie, wie er so ein Feind von Musik und Lustigkeit seyn könnte? Sie hörte kein Lärmen, als was er selbst machte: eine Haushaltung ließe sich nicht regieren wie eine Pantomine. Er möchte auf ihr Schelten so viel sticheln, als er wollte, so wüßte sie doch, daß sie niemals schölte, als wenns zu seinem Besten wäre; aber ihm könnte sie nichts zu Danke machen, und wenn sie auch in seinem Dienste Blut und Wasser schwitzte – Ich wollte wohl schwören, daß Tante, die auf die verzweifeltsten Jahre des ehelosen Lebens losgeht, ein Plänchen auf das Herz, das Sir Ulic Mackilligut gemacht hatte, und fürchtete, der möchte durch unser plötzliches Ausziehn aus dem Hause scheitern. Ihr Bruder sagte, indem er sie aus dem Winkel eines Auges ansah: »Um Vergebung, Schwester, ich wäre ja wohl ein Hottentott, wenn ich meine eigne Glückseligkeit nicht fühlte, eine so sanftmüthige, gefällige, aufgeräumte und bedächtliche Gesellschafterinn und Haushälterinn zu haben. Aber da mir nun einmal ein so schwacher Kopf zu Theile geworden, und mein Sinn des Gehörs so schmerzlich scharf ist, eh ich meine Zuflucht zur Baumwolle nehme; so muß ich versuchen, ob sich nicht eine andre Wohnung findet, worinn ich mehr Ruhe und weniger Musik haben kann.« Er sandte auch seinen Bedienten deshalb aus; und den andern Tag fand er ein kleines Haus in der Milshamstraße, welches er wochenweise miethete. Hier genießen wir doch wenigstens in unsern vier Pfählen so viel Bequemlichkeit und Ruhe, als es bey Tabithas Gemüthsart thunlich ist; Onkel aber klagt noch immer über fliegende Schmerzen im Magen und Kopfe, wofür er Bad und Brunnen gebraucht. Indessen befindet er sich doch so, daß er an den Brunnen, nach dem Saale und Caffeehäusern gehn kann, woselbst er unaufhörlich Stoff zum Lachen und zur Satyre sammlet. Kann ich irgend etwas zu Ihrer Belustigung auflesen, es sey von seinen oder meinen eignen Bemerkungen: so soll Ihnen damit aufgewartet werden, ob ich gleich besorge, es wird Ihnen keinesweges die Mühe vergelten können, die Ihnen das Lesen meiner langweiligen und trocknen Briefe verursacht. Ich bin aber immer,

Ihr

ergebenster   
J. Melford.

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An Doctor Lukas.

Bath, den 23ten April.

Liebster Doctor,

Wüßte ich nicht, daß Sie als ein Arzt daran gewöhnt sind, Klagen anzuhören: so würde ich mir ein Gewissen daraus machen, Sie mit meinen Briefen zu behelligen, die man mit Wahrheit Klaglieder Matthias Brambles nennen kann. Indessen denk ich doch auch, daß ich einiges Recht habe, Sie meine finstre Laune sehen zu lassen, weil es Ihre Sache ist, mir das aus dem Körper zu schaffen, was solche veranlasset; und, lassen Sie mich Ihnen sagen, daß es keine geringe Erleichtrung meiner Beschwerden ist, einen vernünftigen Freund zu haben, gegen den ich meine gegälleten Säfte ausschütten kann, welche sonst, wenn ich sie bey mir behalten müßte, eine unerträgliche Schärfe bekommen würden.

Ich muß Ihnen sagen, daß ich in Bath gar nichts so finde, wie ichs mir vorgestellt hatte; Bath ist so verändert, daß ich kaum glaube, es sey noch derselbe Ort, den ich vor ungefähr dreyßig Jahren besucht habe. Mich deucht, ich höre Sie sagen: »verändert muß es wohl seyn; aber es ist zu seinem Vortheil verändert; eine Wahrheit, die Sie vielleicht ohne Anstand einräumen würden, wenn Sie sich nicht selbst nach der andern Seite zu verändert hätten.« Die Bemerkung mag nun wohl wahr und richtig genug seyn. Die Unbequemlichkeiten, welche ich in den goldnen Tagen der Gesundheit übersah, machen natürlicher Weise einen überwiegenden Eindruck auf die reizbaren Nerven eines Invaliden, den ein vorreifes Alter überrascht, und ein langer Schmerz mürbe gemacht hat. – Doch, denk' ich, werden Sie nicht leugnen, daß dieser Ort, den Natur und Vorsehung zu einer Freystadt der Ruhe und einem Schutzorte gegen Krankheiten bestimmt zu haben scheinen, zum wahren Mittelpunkte der Schmerzen und der geschäfftigen Zerstreuung geworden ist. Statt dieser Stille, Ruhe und Gemüthlichkeit, welche denen so unentbehrlich ist, die einen kränklichen Leib, eine niedergeschlagne Seele und schwache Nerven haben, herrscht hier ein immerwährendes Geräusch, Getöse und Getümmel; dabey hat man sich die Sclaverey auferlegt, nach einer Etiquette zu leben, die noch steifer, feyerlicher und gezwungner ist, als auf einem Friedenscongreß. Man kann Bath ein Spital für die Nation nennen; aber man sollte sich einbilden, daß nur Mondsüchtige darinn aufgenommen würden; und, wahrhaftig, ich gebe Ihnen die Freyheit, mich selbst mondsüchtig zu nennen, wenn ich noch lange hier bleibe. – Doch ich werde schon bey einer andern Gelegenheit Ihnen meine Meynung über diesen Punct deutlicher sagen. – Ich war voller Ungeduld, den berühmten Fortgang in der Architektur zu sehen, weswegen der Obertheil der Stadt so sehr herausgestrichen wird, und machte also vor ein paar Tagen einen Spatziergang um alle die neuen Gebäude. Der große Platz ist bey allen seinen schiefen Winkeln doch gut genug angelegt, dabey geräumig, offen und frey; und nach meiner Meynung ist es die beste und gesundeste Lage von ganz Bath, besonders an der Oberseite; dagegen sind alle darauf stoßende Gassen eng, kothig, krumm und gefährlich. Wenn man von hieraus nach den Bädern will, muß man durch den Hof und Stall eines Wirthshauses, und der arme zitternde Badgast muß sich in einer Chaise durch eine doppelte Reihe von Pferden schleppen lassen, die unter der Striegel von Stallknechten und Postillions wiehern und hintenausschlagen, und er lauft immer Gefahr, einen Hufschlag zu bekommen, oder von dem Fuhrwerk, das in dem Hofe beständig ab und zu fährt, übern Haufen geworfen zu werden. – Wenn erst etliche Sänftenträger Arme oder Beine, oder ein paar Menschen durch diese Zufälle ihr Leben verloren haben, so wird ja denn wohl einmal der Stadtmagistrat zusammentreten und im Ernste drauf denken, einen sichern und bequemern Weg anzulegen. Der Circus ist eine artige Flitter, mehr zur Schau als zum Gebrauch, und sieht aus als Vespasians Amphitheater, wenn das Inwendige auswärts gekehrt worden. Prächtig sollte er seyn; aber die Menge kleiner Thüren an den verschiedenen Häusern, die abgekürzte Höhe der verschiednen Säulenordnungen, die gesuchten Zierrathen des Gesimses, die eben so kindisch als übel angebracht sind, und die kleinen mit eisernen Trallwerk eingefaßten Plätze vor den Häusern, verhindern den prächtigen Eindruck aufs Auge, und vielleicht finden wir noch mehr Fehler daran, wenn wir das Gebäude von Seiten der Bequemlichkeit betrachten. Die Figur eines jeden besonders abgetheilten Wohnhauses ist ein Segment von einem Zirkel, und daher muß die Symettrie der Zimmer sehr leiden; sie müssen nach den Gassenfenstern zu eng, und hinten ungleich weiter werden. Hätte man statt der verschiednen Vorplätze und zierlichen eisernen Trallwerke, wovon ich den Nutzen nicht einsehn kann, um das ganze Gebäude einen Bogengang angelegt, wie in Coventgarden zu London, so würde das viel prächtiger in die Augen gefallen seyn; man hätte dadurch einen trocknen Spatziergang gewonnen, und die armen Sänftenträger und ihre Chaisen vor dem Regen geschützet, der hier fast niemals ein Ende nimmt. Gegenwärtig stehn die Sänften Tag und Nacht auf offner Gasse, und saugen den Regen so lange ein, bis es durchweichte lederne Sitze werden, zum Besten der Podagraisten und Gichtbrüchigen, die sich darinn müssen herumschleppen lassen. Diese, in der That sehr schlechte, Anstalt erstreckt sich über die ganze Stadt, und ich bin sicher, daß sie den armen Kranken und Schwachen höchst nachtheilig ist. Einen solchen Kranken muß es wohl sehr heilsam seyn, wenn er aus dem Bade kömmt, mit weit offen stehenden Schweißlöchern, und dann in eine zugemachte Sänfte gesetzt wird, die so kalt und naß ist, wie ein mit Schneewasser getränkter Schwamm.

Aber wieder zum Cirkus zu kommen: seine Lage ist dadurch unbequem, daß er so weit von allen Märkten, den Bädern und von denen Orten liegt, wo die öffentlichen Zusammenkünfte gehalten werden. Der einzige Zugang zu demselben ist so steil und schlüpfrich, daß er bey nassem Wetter, sowohl zu Fuß als zu Wagen, sehr gefährlich seyn muß; und wenn vollends Schnee liegt, wie grade diesen Winter vierzehn Tage hintereinander der Fall gewesen ist, so seh ich nicht ein, wie ein Mensch hinauf oder herunter gehen kann, ohne Arme und Beine zu zerbrechen. Bey windigtem Wetter, hat man mir gesagt, sind die Häuser auf diesem Hügel voller Rauch, der durch den Wind, welcher von dem dahinter liegendem Berge zurückprallt, in die Schornsteine geschlagen wird. Eben diese Prallwinde sind es auch, die nach meinen Gedanken die Luft hier feuchter und ungesunder machen müssen, als auf dem großen Platze im Thale. Denn der Berg, der dort hinter dem Cirkus liegt, zieht die Wolken, die sich von den beständigen Ausdünstungen der Bäder und Bäche im Grunde bilden, an sich, und hält sie auf, so daß die Luft hier niemals rein von Feuchtigkeiten und Dünsten wird. Doch hiervon kann man bald durch ein Hygrometer die Gewißheit erfahren, oder auch durch ein Papier mit Tartarsalz, das man der Wirkung des Dunstkreises blos stellt. Eben derselbe Künstler, der den Cirkus gebauet, hat auch schon einen Plan zu einem halben Monde gemacht; wenn der fertig ist, werden wir dann wohl einen Stern bekommen, und wer noch dreyßig Jahre lebt, sieht vielleicht alle zwölf Himmelszeichen zu Bath von Stein und Holz erbauet. So phantastisch das indessen auch ist, so zeigt es doch wenigstens noch einige Einsicht, und Kenntniß von der Baukunst; aber die Bauseuche hat eine solche Menge von Ebentheuern angewandelt, daß auf jedem leeren Platze, in jedem Winkel Häuser hervorwachsen, die so wenig mit Verstand angelegt, als dauerhaft ausgeführt, und überhaupt mit so weniger Rücksicht auf Plan und Ordnung im Ganzen hingekleckset sind, daß die verschiednen Linien der neuen Gassen und Gebäude sich in jedem Winkel die Kreutz und Quere durchschneiden. Es sieht aus, als obs die Trümmern nach einem Erdbeben wären, welches Gassen und Marktplätze von einander gerissen, und in dem Boden eine Menge von Verhöhungen und Vertiefungen gemacht hätte; oder als ob irgend ein gothischer Teufel sie alle in eine Schachtel unter einander geworfen, und aufs Ungefehr durch einander geschüttelt hätte. Was Bath durch diese häufigen Auswüchse in einigen Jahren für ein Ungeheuer werden muß, ist leicht vorher zu sehen; und dennoch ist der Mangel an Schönheit und Ordnung nicht der ärgste Fehler an diesen neuen Wohnungen; sie sind von den weichen Sandsteinen, die man hier in der Nachbarschaft findet, und so leicht gebauet, daß ich kein Auge darinn zuthun könnte, wenn (nach dem Schifferausdrucke) nur eine Mütze voll Wind in der Luft wäre; und ich bin sichert, daß mein William der Tagelöhner, oder sonst irgend ein ziemlich handfester Kerl, mit dem Fuße durch die stärkste Stelle ihrer Wände treten kann, ohne daß er seine Muskeln hart anstrengen dürfte. Alle diese Thorheiten kommen von dem Strome der Ueppigkeit, der die ganze Nation überschwemmt, und alles, selbst die Grundsuppe des gemeinen Volks, mit fortgerissen hat. Jeder Glückspilz, wenn er sich nach der Mode hat ausstaffiren lassen, zeigt sich zu Bath, als dem wahren Orte, wo er bemerkt werden wird. – Handelsdiener und Factors aus Ostindien, mit der Beute von geplünderten Provinzen beladen; Pflänzer, schwarze Sclaventreiber und Sudler, die selbst kaum wissen, wie sie in unsern americanischen Colonien zu ihrem Gelde gekommen sind; Kriegscommissarien, Zahlmeister und Lieferanten, die in den beyden letzten Kriegen der Nation Blut und Mark ausgesogen haben; Wuchrer und Schacherer von jeder Art; Männer von schlechter Geburt und noch elenderer Erziehung, haben sich plötzlich in einen Zustand des Wohlhabens versetzt gefunden, wovon die vorigen Zeiten kein Beyspiel geben; und kein Wunder ists, wenn ihnen die Köpfe von Hochmuth, Eitelkeit und Eigendünkel wirbelicht werden. Sie kennen kein ander Kennzeichen der Größe, als das Auskramen ihres Reichthums, und also verschwenden sie, ohne vernünftige Absicht, ohne Geschmack, nach ihres thörichten Herzens Ueppigkeit mit vollen Händen und alle eilen sie nach Bath, weil sie hier, ohne alle weitre Untersuchung sich an Prinzen und an die Edlen des Landes anschließen können. Selbst die Weiber und Töchter der niedrigsten Handwerker, welche wie die Meerwölfe sich von dem Thranspecke dieser unausgeschnittnen Wallfische des Glücks verstohlner Weise mästen, sind mit eben der Seuche behaftet, eine bedeutende Figur vorzustellen; und die mindeste Unpäßlichkeit dient ihnen zum Vorwande, darauf zu bestehen, sie müssen nach Bath, denn hier können sie Cottillons und Contretänze tanzen, mit gnädigen Herrn, Junkern, Räthen und Richtern. Diese zärtlichen Geschöpfe aus den engen Gäßgens in London, können hier die dicke Luft in der Niederstadt nicht vertragen, oder sich den gewöhnlichen Regeln eines ordentlichen Gasthofes unterwerfen, also muß der gute Mann entweder ein ganzes Haus, oder in den neuen Gebäuden hübsche aufgeputzte Zimmer für sie miethen. So sieht der große Haufen aus, den man in Bath seine Gesellschaft nennt; eine in dem Verhältniß geringe Anzahl wohlerzogner Leute verliert sich in einem Haufen unverschämten Pöbels, der weder Witz noch Verstand, oder den geringsten Begriff von Wohlanständigkeit und Lebensart besitzt, und der keine größre Freude zu genießen scheint, als wenn er Leuten grob begegnen kann, vor denen er an einem andern Orte fünf Schritte von ferne schon den Huth abziehn müßte.

Auf diese Weise nimmt die Zahl von Menschen und Häusern immer zu; und das wird so lange fortdauren, bis die Bäche, die diesen reißenden Strom von Thorheit und Ausschweifung anschwellen, entweder verseigen, oder in ein andres Bett geleitet werden; welches durch Zufälle und Begebenheiten geschehen kann, die ich nicht verlange, voraus zu sehen. Ich gestehe, dieß ist ein Gegenstand, wovon ich mit keinem Quentlein Geduld zu schreiben vermag; denn der Johann Haagel ist ein Ungeheuer, das ich weder in seinem Kopfe, Schwanze, Bauche noch übrigen Gliedern ausstehen kann: Ich verabscheue ihn, als eine von Unwissenheit, Eigendünkel, Bosheit und Grobheit zusammengeknetete Masse; und unter dieses Urtheil der Verwerfung, beschließe ich, ohne Ansehn des Standes, Amtes oder der Geburt, alle diejenigen, Männer oder Weiber, die seine Sitten haben wollen, oder seine Gesellschaft suchen.

Aber ich habe mir schon den Krampf in die Finger geschrieben, und meine Uebelkeiten melden sich schon wieder. – Auf Ihren Rath hab' ich vor etlichen Tagen nach London geschickt, um ein halb Pfund Gengzeng holen zu lassen; ob ich gleich sehr zweifle, daß der, welchen wir aus America erhalten, eben so gut ist, als der, welcher aus Ostindien gebracht wird. Vor einigen Jahren kaufte einer von meinen Freunden zwey Unzen, und gab dafür sechszehn Guineen; in einem halben Jahre nachher, war in demselben Laden das Pfund für fünf Schillinge feil. Kurz, wir leben in einer elenden Welt voller List und Betrug; so daß ich nichts von so hohem Werthe kenne, als die aufrichtige Freundschaft eines vernünftigen Mannes. Ein seltner Schatz! laß ihn selten seyn, ich bin gewiß, ich besitze ihn, so lange ich die alte Erklärung wiederholen kann, daß ich bin, wie immer,

mein theurer Lukas,

Ihr

treuer       
M. Bramble.

N. S. Nachdem ich bey meiner ersten Ankunft hier einen kurzen Sturm ausgestanden, habe ich ein kleines Haus in Milsham-Street genommen, wofür ich die Woche für fünf Guineen so ziemlich gut wohne. Gestern war ich im Brunnensaale und trank ungefähr ein Quartier Wasser, welches gut für meinem Magen zu seyn scheint, und Morgen frühe will ich zum erstenmale baden: also, daß ich Sie in ein paar Posttagen schon wieder mit einem Briefe beschwören möchte. Indessen ist mirs lieb zu vernehmen, daß die Inoculation bey dem armen Lottchen so gut abgelaufen ist, und daß sie wenig Blatternarben im Gesichte behalten wird. – Wäre mein Freund, Sir Thomas, ein ledigloser Mann, so möcht' ich ihm ein so hübsches Mägdchen nicht ins Haus geben, nun aber, da ich sie seiner Gemahlinn, die eine der besten Frauen ist, die nur seyn können, aufs beste empfohlen habe, so mag sie so bald sie völlig besser ist und Dienste leisten kann, ohne Aufschub hinziehn. – Geben Sie ihrer Mutter Geld, um Lottchen mit den Nothwendigen zu versehen, und laß sie hinter ihrem Bruder aufs Pferd sitzen, daß der sie hinbringt; Joachim aber müssen Sie ja wohl einknüpfen, daß er für den Alten die möglichste Sorge trage, denn der hat seine itzige Bequemlichkeit, durch seine vergangnen Dienste ehrlich verdient.

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An Miß Willis in Gloucester.

Bath, den 26ten April.

Meine liebste Freundinn,

Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was mir Ihr Brief, den ich gestern empfangen habe, für eine Freude gemacht hat. Gewiß, Liebe und Freundschaft sind doch sehr angenehme Leidenschaften, welche die Abwesenheit nur erhöht und stärket. Ihr gütiges Geschenk, die Granatenarmbänder, werde ich so sorgfältig verwahren, als meinen Augapfel; und ich bitte Sie, dagegen beykommendes Etuit und die Schildpattene Schreibtafel, die ich beyde selbst gebraucht habe, als ein geringes Andenken meiner unveränderlichen Ergebenheit und Treue anzunehmen.

Bath ist für mich eine neue Welt. – Hier ist lauter Leben, Munterkeit und Zeitvertreib. Das Auge hat immer was zu sehen an der Pracht und dem Glanze der Kleider und Equipagen, und das Ohr zu hören, an dem Gerassel der Kutschen, Perutschen, Cariolen und dergleichen; die lustigen Glocken, gehn vom Morgen bis an den Abend. Da kommen einem die Thurmmusikanten bis vor die Stuben und heißen einen Willkommen: alle Morgen haben wir Musik im Brunnensaale, alle Nachmittage Cottillons im Assambleezimmer, zweymal die Woche ordentlich Ball, und all um den andern Abend Concert, und überdem noch so viel Assambleen und Piqueniks – Sobald als wir in unsern Zimmern eingerichtet waren, besuchte uns der Herr Ceremonienmeister; ein kleiner, feiner hübscher Herr, so zierlich, so süß und manierlich, daß wir ihn auf dem Lande oder in kleinen Städten für einen kleinen königlichen Prinzen halten könnten; er spricht so lieblich, sowohl in Versen als Prosa, daß es Ihnen ein Vergnügen seyn würde, ihn anzuhören; denn Sie müssen wissen, er hat sechs Trauerspiele fertig liegen, die auf dem Theater vorgestellt werden sollen. Er erzeigte uns die Ehre auf meines Onkels Einladung mit uns zu essen; und den Tag darauf führte er meine Tante und mich allenthalben in ganz Bath herum; ja, ich muß sagen, es ist ein irdisches Paradieß. – Der große Platz, der Cirkus und die Paraden, erinnern einen an die großen und herrlichen Palläste, die man so in Kupferstichen vorstellt; und die neuen Gebäude, als Prinzessinnenreihe, Harlekinsreihe und Bladudsreihe, und noch wohl zwanzig andre Reihen mehr, sehn aus als lauter Feyenschlösser, die auf hängenden Gärten gebaut sind.

Des Morgens, wenns acht geschlagen, gehn wir unangeputzt nach dem Brunnensaale, welcher dann schon so voll ist, als ein Jahrmarkt; und da sieht man Personen vom vornehmsten Stande, und die geringsten Handwerksleute ohne Unterscheid durch einander spatzieren, als obs lauter gute Freunde und Bekannte wären. Den ersten Tag bekam ich von dem Getöne der Musik, die auf der Gallerie spielt, von den Dünsten der vielen Menschen und dem Gemurmele des vielen Sprechens, das man durch einander hört, Kopfschmerzen und Schwindel; aber hernach ist mir dieß alles nicht nur erträglich, sondern selbst angenehm geworden. – Grade vor den Fenstern des Brunnensaales ist das Königsbad; eine große mächtige Cisterne, worinn man die Patienten bis über die Schultern in warmen Wasser sitzen sieht. Die Damen tragen Leibchen und Röcke von brauner Leinwand, und haben große runde Hüthe auf, daran sie ein Taschentuch fest machen, um den Schweiß vom Gesichte zu wischen. Aber ich weis nicht wie es zugeht, ob es von dem Qualm kommt, oder der Wärme des Wassers, oder von der Art, wie sie gekleidet sind, oder von allen diesen Ursachen zugleich, sie sehn so aufgedunset und häßlich aus, daß ich sie nicht ansehn kann, sondern immer die Augen wegwenden muß. – Meine Tante, welche sagt, eine jede Person von Stande sollte sich eben sowohl im Bade als in der Hauptkirche sehn lassen, schaffte sich einen Huth mit kirschblüthfarbnen Bändern, die zu ihrer Gesichtsfarbe kleiden sollten, und nöthigte Winifred gestern, mit ihr ins Bad zu gehen. Aber, wirklich, ihre Augen waren so roth, daß mir die meinigen überliefen, als ich sie aus dem Brunnensaale ansah, und die arme Winny, die einen Huth mit blauen Bändern auf hatte, ohne dem blaß ist und nun ängstlich und furchtsam war, die sah aus, wie der Geist eines bleichen Mägdchens, das sich vor Liebe ertränkt hat. Als sie aus dem Bade kam, nahm sie Assafoetida -Tropfen, und kam den ganzen Tag nicht aus dem Zittern; so, daß wir Mühe hatten, sie vor histerischen Zufällen zu hüten; ihre Herrschaft sagte ihr aber, es wird ihr gut bekommen, und die arme Winny macht ihren Knicks, wobey ihr die Thränen im Auge stehen. Ich meines Theils, trinke jeden Morgen etwa ein Nösel Wasser, und lasse es damit gut seyn.

Der Brunnendiener wartet mit seiner Frau und einer Magd den Gästen hinter dem Schranke auf. Die Gläser von verschiedner Größe stehn in Ordnung vor ihnen, so daß man nur auf das weisen darf, was man wählt, und es ist den Augenblick gefüllt, warm und klar, wie es aus der Röhre fließt. Es ist das einzige warme Wasser, was ich jemals habe trinken können, ohne übel davon zu werden. – Das thut dieses gar nicht, es ist vielmehr lieblich von Geschmack, bekommt dem Magen und macht den Geist munter. Sie können sich nicht einbilden, was es für Wundercuren thut. – Mein Onkel hat es vor einigen Tagen angefangen; er machte aber ein saures Gesicht beym Trinken, und ich fürchte, er wirds bald aufgeben – Den ersten Tag, als wir in Bath ankamen, hatte er einen gewaltigen Aerger; er schlug zwey schwarze Mohren, und ich fürchtete, er würde sich mit ihrem Herrn auf den Degen schlagen, aber es fand sich, daß der Fremde ein friedliebender Herr war. Ich denke wirklich, Tante hatte recht, als sie sagte, das Podagra müßte ihm in den Kopf gestiegen seyn; aber ich glaube, der Aerger hats ihm vertrieben, denn er ist nachher immer ganz wohl gewesen. Es ist Jammer und Schade, daß ihn die häßliche Krankheit quälen muß; denn wenn er keine Schmerzen fühlt, ist er der gutherzigste Mann von der Welt, so sanftmüthig, so großmüthig, so liebreich, daß ihn jedermann lieb hat; und besonders gegen mich ist er so gütig, daß ich niemals im Stande seyn werde, ihm meine herzliche Dankbarkeit für seine Zärtlichkeit und Fürsorge zu beweisen, wie ichs wünsche.

Dicht am Brunnensaale ist ein Caffeehaus für Damen; meine Tante sagt aber, daß junge Mägdchen nicht hinkommen dürfen, weil da von Politik, von Philosophie, von der Menschen Thun und Lassen und von dergleichen Dingen gesprochen wird, die uns zu hoch sind; wir haben aber die Erlaubniß, mit ihnen nach den Buchläden zu gehen, wo man allerliebsten Zeitvertreib findet; da können wir Erzählungen, Comödien, Tragödien, Zeitungen und alle solche Schriften lesen, und bezahlen dafür nicht mehr als das Vierteljahr einen Thaler voraus; und in diesen Addreßcomptoirs, (wie sie mein Bruder nennt,) bekömmt man alles zu wissen, was des Tages über in Bath gesagt und gethan ist; und da wird ausgemacht, was gut oder schlecht sey. Aus den Buchläden gehn wir herum bey die Modehändlerinnen und Taffelittenkrämer; und gewöhnlich gehn wir zuletzt in des Pastetenbeckers Gill's Haus, und essen eine Torte, ein Glas Gallert, oder einen kleinen Teller voll Kranznudeln. Es ist hier auch noch, an der andern Seite des Wassers, ein Lustort grade dem Wäldchen gegenüber, wohin sich die Gesellschaften in einem Boote übersetzen lassen – Man heißt ihn Springgarden; es ist ein angenehmer Ort, voller Spatziergänge, Fischteiche und Blumenbeete; und dabey ein langer Saal, worinn man frühstückt und tanzt. Weil er in einem feuchten Thale liegt, und das Wetter hier noch immer sehr naß gewesen ist: so will mein Onkel noch nicht erlauben, daß ich hingehn soll, aus Besorgniß, ich möchte mich erkälten: meine Tante aber sagt, das sey ein einfältiges Vorurtheil; und in der That gehen auch viele irrländische Herrn und Damen häufig dahin, ohne daß es scheint, daß es ihnen etwas schade. Sie sagen, das Tanzen zu Springgarden, wenn die Luft feucht ist, habe man ihnen als ein vortreffliches Mittel gegen den Schnupfen angerathen. Ich bin schon zweymal in der Comödie gewesen. Die Acteurs sind sehr gut, das Haus ist voller wohlgekleideter Zuschauer, die Dekorations des Theaters schön; bey alledem aber habe ich mich nicht enthalten können, mit Seufzen an unsre ehmalige kleinen theatralischen Vorstellungen in Gloucester zu denken. – Dieses aber muß unter uns bleiben, meine liebste Willis, – Sie kennen mein Herz und werden ihm seine Schwachheit verzeihen. –

Endlich und zuletzt muß ich noch der großen Scenen des hiesigen Zeitvertreibes erwähnen, der beyden öffentlichen Assambleesäle, wo die Gesellschaft einen Abend um den andern zusammen kommt. – Sie sind groß, hoch, und wenn sie erleuchtet sind, fallen sie sehr schön in die Augen. Sie sind gewöhnlich voller Leute in guter Kleidung, welche an besondern Tischen Thee trinken, Karten spielen, spatzieren gehn, oder sitzen und zusammen schwatzen, wies ihnen einfällt. Zweymal in der Woche ist hier Ball; die Kosten dazu schießen die Herrn vermittelst einer freywilligen Subscription zusammen; und jeder Subscribent hat dafür drey Billets. Mein Bruder, der mit unterschrieben hat, führte vorigen Freytag meine Tante und mich dahin; und Sir Ulic Mackilligut empfahl mir seinen Neffen, den Capitain O Donaghan zum Tänzer, aber Jerom lehnte das ab, indem er sagte, ich hätte Kopfschmerzen; und das war auch wirklich die Wahrheit, ob ich gleich nicht begreifen kann, woher ers wußte. Es war so heiß in dem Saale, und der Geruch so verschieden von dem, woran wir auf dem Lande gewöhnt sind, daß mir beym weggehn ganz fieberhaft zu muthe war. Tante sagt, das käme von der gemeinen Gesundheit solcher Leute, die zwischen Wäldern und Gebirgen aufgefüttert werden; und das würde sich bey mir schon geben, so wie ich nach und nach gewohnt würde, mit feiner Gesellschaft umzugehn – Sir Ulic war ungemein gefällig, und sagte meiner Tante eine Menge hochtrabender Complimente vor, und beym weggehn führte er sie mit vielen Ceremonien zu ihrer Sänfte. Ich glaube der Capitain wollte mir die nämliche Ehre erzeigen, wie aber mein Bruder sah, daß er auf mich zu gieng, nahm er mich unter den Arm und sagte ihm gute Nacht. Der Capitain ist freylich ein hübscher Mann; lang und schmal; hat hellgraue Augen und eine Habichtsnase; aber er hat so eine gewisse Kühnheit in seinen Blicken und Manieren, daß man dadurch aus der Fassung gebracht wird. – Doch, ich besorge, ich habe mit diesem unordentlichen Geschmiere Ihre ganze Geduld ermüdet: ich will also ein Ende davon machen, mit der Versicherung, daß weder Bath noch London, noch alle Ergötzlichkeiten des Lebens, fähig seyn sollen, das das Bild der theuren Willis auszulöschen in dem Herzen

Ihrer

theuresten       
Lydia Melford.

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An Jungfer Marie Jones, zu Brambleton-hall.

Liebe Mieckchen Jones,

Ich kann nicht unterlassen an Ihr zuschreiben, weil ich eine so schöne Gelegenheit habe, und Sie vor die Güte zu danken, daß Sie mich mit Herr Higgins nach heissen Quelle geschrieben hat. Und die Strümpfe, die seine Frau vor mich gestricket hat; aber die können mich nichts nütze werden: Keine Christenseele trägt hier mehr solche Dinger. – O Mieckchen! was daß hier in Bade vor ein Leben ist, das glaubt Sie nicht, denn Sie weis dar nichts von, wies in einer Stadt hergeht. Das giebt Sie hier Kleider, und Musike, und ein Tanzen, und ein Schnacken, und ein Verliebtseyn, und ein Heyrathmachen – O liebste Zeit du! wenn ich nur nicht so stumm wäre vor Verschwiegenheit, was vor ein Haufen Sachen könnt ich Sie nicht erzählen thun, von meine alte Herrschaft und von meine junge Herrschaft; Juden mit allmächtigen langen Bärten, das Juden und keine Juden sind, sonders wohl hübsche Christen, und kein einzig Haar auf das Kien haben, und Brillen feil haben, daß sie nur Miß Liddy dadurch zu sprechen kriegen können. Aber es ist doch eine zuckersüsse Seele und so unschuldig als ein ungeboren Lämmchen. Sie hat mich ihr ganzes Herz geoffenbaret, und daß sie unsterblich in Herr Wilson verliebt ist, und das ist doch nicht sein rechter Name; und obsschon er mit den Akthöhrs auf die Komödie gespielt hat, so ist er doch ganz was Vornehmes. Und sie hat mich ihr gelb Kleid geschonken; da sagt die Frau Drab, die Putzenmacherinn, daß es wieder recht scharmant werden wird, wenn sies aufschwewelt, und mit blau Band dabey. – Sie weis es wohl, liebe Mieckchen, daß mir das Gelb und Blau recht schön läßt. Ach liebste Zeit, was werden die Mannssen die Hälse recken! aber laßt sie mans seufzen, ich kann nichts davor, wenn ich mit dieses Kleid zum erstenmale erscheine, und dazu ein ganzen Anzug von grosse Botheh, die noch so schön ist als ob sie eben von Stück geschnitten wäre, und die ich vorigen Freytag von Madam Friponos, der franschesigen Gallanteriefrau, vor alt gekauft habe. Was meint Sie wohl, Mieckchen! ich habe alle Herrlichkeiten von Bathe gesehen; die Parade, die Skwährn, den Cirklus, den Hottogon, die neuen Gebäude, die neu König Heinrichs Reige und alles, und bin zweymal mit mein gnädig Fröhlen ins Bad gewesen, und hab ihr nicht ein Flitter von Hemb aufn Leibe gehabt. Was meint Sie wohl? – Das erstemal war ich erschrecklich verschrocken, und zitterte den ganzen Tag, als wie ein Espenlaub; und that hernach so, als ob ich meiner alte Mutterbeschwerung wieder gekriegt hätte; aber mein Fröhlen sagte, wenns nicht überginge, so sollte ich Biedergeildropfen einnehmen, und da dacht ich daran, was Frau Gwillinsch für ein Gesicht machte, als sie einmal welche einnehmen mußte, und darum ging ich denn lieber mit ihr nach das Bath, und da begegnete mich eine ganz närrische Hestorie. Ich ließ Sie meinen einzigen Rock abfallen, und das Wasser war so tief, daß ich'n nicht wieder aufkriegen konnte. Aber wer konnt' was for? laß sie lachen, sie konnten doch nichts sehen, denn ich saß bis an die Backen ins Wasser. Ja, aber das kann ich wohl sagen, ich war so ausser mich vor Verschämtheit, daß ich nicht wuste, was ich sagte, oder was ich that, oder wie sie mir aus den Wasser kriegten, und mich in ein Bettlaken wickelten und nach Hause brachten. Fröhlen Tabitha schalt mich ein bischen aus, als wir nach Hause gekommen waren waren; aber sie weiß wohl, daß ich auch was weiß. Ja, liebe Zeit, da ist so ein schon was alter Herr, Sir Uhlig Mickligutt, von Balnaclinh, in die Grafschaft Kalloway. – Ich habe mich den Namen von seinen Herrn Kammerdiener aufschreiben lassen – Ja er ist recht reich und scheneröhs, das muß ich gestehn – Aber Sie weiß wohl, Mieckchen, daß mirs ein jederman nachsagen muß, daß ich was geheimes verschweigen kann; und darum that er auch nicht unrecht, daß er michs anvertraute, daß er ein Auge auf der gnädigen Fröhlen hatte, und daß in allen Ehren, fürwahr; denn Herr O Frizzle, sein Herr Kammerdiener hat mir heilig und theuer versichert, daß er sich um ihren Brautschatz keinen Pifferling scheert. – Und was sind denn auch armselige zehn tausend Pfund Sterling Ueber funfzig tausend Reichsthaler. vor so einen reichen Herrn und Baron? und ich hab's ihn auch ganz ehrlich gesagt, daß sie nicht mehr hätte, als so viel. – Aber gewiß und wahrhaftig, Thomas ist ein brummigter Mensch, ich dachte, er hätte Herr O Frizzle beym Kopfe gekriegt, weil der mich auf Springgarden zum Tanze auffoderte; und weiß doch der liebe Himmel, daß ich auf keinen von allen beyden einen einzigen Gedanken habe.

 

Was Neues aus dem Hause weiß ich nicht viel; nur ist das das schlimmste daß Scholly fast gar keinen Appetit hat; er mag nicht das bitterste, als ein Bischen Semmel und Milch, und das noch darzu ganz wenig, und quimet und siehet so aufgeschwollen aus. Die Doctors sagen, er hätte einen Ansatz von der Wassersucht – Dem Herrn Pastor Markfette der auch die Krankheit hat, thut das Wasser sehr gut, aber es läßt wohl, daß Scholly das Wasser eben so wenig mag als unser Herre; und Fröhlen sagt, wenns mit seiner Unpäßlichkeit nicht bald besser wird: so will sie ihn ganz gewiß nach Abergahnni bringen, da soll er die Ziegenmolken trinken. Das ist wohl gewiß, daß das arme liebe Vieh auch darum mit so schwächlich ist, weil er keine Motschion hat. Dessentwegen will auch Fröhlen hinführo ihn täglich in einer halben Schäse auf die Dünen spatzieren fahren. Ich habe schon in dieser Stadt hier manche schöne Bekanntschaft aufgerichtet; denn wir haben hier die allerfeinsten Gesellschaften von der Welt. Mamsell Patscher, der Mylady Kilmacullaks Kammerjungfer, und ich, wir sind so vertraut als geschworne Schwestern. Sie hat mir gelernet, daß ich Marly waschen kann, und alte Seidenzeuge, und Bombassengs; da muß man schaal Bier zu nehmen und Färberlauge, und muß es denn wieder mit Gummy steifen und schwefeln. Mein kurze Kantusche und Rock sieht wieder aus, als obs neu von den Schneider käme, und mein Pompaduhrkleid ist wieder so frisch, als eine Rose. Da hab ich aber auch Schildkröhtenbrühe zu genommen. Aber, nicht wahr Mieckchen, sie versteht dar eben so wenig von; als ob ich ihr was jüdisches vorsagte. Je nun, wenn wir nacher Abergahnny kommen, so kann Sie in einen Tag nach uns her reiten, und so sehn wir uns mündlich, wenns Gottes Wille ist. Wo nicht, so denke sie ja alle Morgen und Abend beym zu Bette gehn an mich, und sorge Sie vor meinen Murks, und grüsse Sie Salomeh; und weiter habe ich vor heute nichts zu schreiben, als daß ich bin und verbleibe,

Ihre

geliebte Freundinn und
Dienerinn           
Winifred Jenkins.

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An Frau Guillims, Haushälterinn zu Brambleton-hall

Mich nimmts doch nicht wenig Wunder, was sich Dr. Lukas auf die Hörner nimmt, daß er ohne mein Wissen und Willen eine Kuh aus dem Stalle verschenken kann. – Was will er mit der Ordre von meinem Bruder sagen. Der ist nicht viel besser als unmündig! der sollte das Hempt vom Leibe weggeben, und die Zähne aus dem Munde darzu; ja, wenn ich nicht gewesen wäre, und das Laaken bey allen vier Zipfeln gehalten hätte, so wäre die ganze Familie schon ruinirt. O, der macht mir das Leben mit seinen Weibernäschereyen, seinen Verschwendereyen, Pochereyen und Rasereyen so sauer, als ob ich wirklich sein Küchenmensch wäre. Die so schöne Kuh! die mir täglich vier Stübchen Milch gab, so bald das Kalb nach dem Markte geschickt war! Da hab' ich nun alle Tage zwey Satten Milch weniger, das werden das Butterfaß und der Käsebeutel schon erfahren; Es ist nichts anders dabey zuthun, als das Sie das alles wieder heraus sparet, und sollten auch die Leute keine Butter zu sehn kriegen. Und wenn sie ja nicht ohne Butter leben können, so mache Sie Schaafbutter; Aber dann krieg ich auch schlechte und spröde Wolle, und wo ich nur hinsehe, muß ich zu kurz kommen. – O man kann auch das willigste Pferd müde machen! und sein Herr Bruder wird vielleicht, eh er sichs hütet, gewahr, daß ich nicht darum auf die Welt gesetzt bin, mich Lebenslang mit seiner Haushaltung zu placken und zu plagen. – Gwyn schreibt mir aus Crickhowel daß das Beylwand die Elle einen Groschen abgeschlagen ist, und das nimmt mir auch einen manchen Groschen aus der Tasche. – Es ist eine Sünde und Schande, wenn ich was zu Markte schicke, so ists wohlfeil wie stinkende Butter und wenn ich was kaufen will, so ist für Geld und gute Worte kaum was zu haben; ich muß alles mit Golde aufwiegen – Zu Brambleton-hall wird auch wohl alles in die Kreuz und die Quere gehn, nun ich nicht zu Hause bin. – Der Gänserich, sagt Sie, hat die Eyer entzwey gebrochen; das versteh ich nicht, wie das zugegangen seyn sollte? denn als vorigen Frühling der Fuchs die alte Gans hohlte, da setzte er sich aufs Nest und brachte die Eyer aus, und gieng hernach mit den Göslingen wies einem liebreichen Vater gehört und gebührt. – Und das Donnerwetter hätte auch zwey Tonnen Bier im Keller versauret, sagte Sie? Wie das Donnerwetter in einen Keller kommen kann, mit doppelten Thüren, da steht mein Verstand ganz stille. Sie soll mir aber das Bier nicht weggießen, ich will es selbst sehn; es kann sich noch wohl wieder umwerfen, – zum wenigsten kann mans zu Eßig für die Leute brauchen. Es steht noch im weiten Felde, wie bald wir wieder zu Hause kommen, darum laß Sie nun kein Feuer mehr in meines Herrn Bruders und meinem Zimmer machen. Ich verlasse mich auf Sie, Frau Gwillims, daß Sie mir nichts umkommen lässet; und hab Sie ein Auge auf die Mägdchens, und laß sie hübsch fleißig spinnen. Mich deucht, es wäre wohl so gut, wenn sie im heissen Wetter kein Bier trünken. – Das macht ihnen nur das Blut warm, daß sie hinter den Knechten her laufen. Nach Wasser kriegen sie hübsch rothe Backen, und bleiben ehrbarer dabey. Vergeß Sie nicht, und packe Sie in den Mantelsack, den William mitbringt, mein Reitkleid und Huth mit der Feder, die Viole mit Perlwasser, und die Magentinctur, denn ich habe viel Besetzungen und Krämfe. Habe heute nichts weiter zu schreiben, und habe die Ehre zu verharren

Ihre

dienstwillige Herrschaft
Tabitha Bramble. 

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An den Doctor Lukas.

Lieber Doctor,

Den Brunnen hab ich schon angegeben; darum kommt Ihr guter Rath um einen Tag zu spät. – Ich habe ja nicht gesagt, daß Sie die Geheimnisse in der Medicin gemacht haben. Ich weis wohl, daß sie von Natur ein Geheimniß ist, und so gut wie alle Geheimnisse einen guten Glauben erfordert. – Vor zwey Tagen gieng ich, auf den Rath unsers Freundes Ch** ins Königsbad, um die Haut zu baden, und durch Reinigung der Schweißlöcher eine freye Ausdünstung zu befördern, und das Erste, was mir in die Augen fiel, war ein Kind mit Schweinsbeulen, das ein Bader vor der Nase der Badegäste aufm Arme vorbey trug. Der Anblick fiel mir dergestalt auf, daß ich augenblicklich mit Aerger und Ekel wieder fortgieng. – Was meynen Sie, wenn die Materie dieser Geschwüre, die in dem Wasser herumschwimmt, einem an die Haut kommt, wenn die Schweißlöcher alle geöffnet sind, sagen Sie, was müßte daraus entstehn? – Huh! vor dem bloßen Gedanken stockt mir das Blut in den Adern. Wir wissen nicht, was für Schäden ins Wasser fließen mögen derweile wir baden, und mit was für Materie wir uns also anfeuchten. Kröpfe, Krätze, Krebs und geile Pocken; und obendrein macht denn die Wärme das Gift noch subtiler und durchdringender. Um mich von allen dergleichen Befleckungen zu reinigen, gieng ich nach des Herzogs von Kingstons eignem Bade, und da ersticke ich fast vor Mangel an freyer Luft, so eng ist es, und so voller Qualm.

Kurz, wenn die Absicht nicht weiter geht, als die Haut zu waschen, so bin ich überzeugt, daß das simple Element besser dazu ist, als alles andre mit Salz- oder Eisentheilchen geschwängerte Wasser. Da das letztre zusammenziehend ist, so muß es die Pores verengen und eine Art von Rinde auf der Oberfläche des Körpers zurücklassen. Aber itzt fürcht' ich mich eben so sehr vor dem Trinken als vorm Baden; denn, nach einer langen Unterredung mit dem Doctor, über den Bau der Pumpe und der Cisterne, ist mir der Zweifel noch auf keine Weise gehoben, daß nicht die Gäste im Brunnensaale das Spühlig aus den Bädern trinken müssen. Es will mir nicht aus dem Kopf, daß ein Ziehl aus dem Bade in die Cisterne geht, oder gehn kann. In diesem Falle haben die Trinker täglich ein lekers Getränk hinunter zu bringen, gebrauet von Schweiß, Schmutz, Schulfern, Schuppen, und dem verschiednen ekelhaften Auswurfe von zwanzigerley kranken Körpern, welches unten im Kessel kocht und gährt. Um dieser schmutzigen Mixtur auszuweichen, nahm ich meine Zuflucht zu der Quelle, die den Privatbädern in Abbey-Green das Wasser giebt; aber ich merkte den Augenblick etwas sonderbares am Geschmack und Geruche; und bey genauer Untersuchung find ich, daß an diesem Orte die römischen Bäder mit einem Grunde bedeckt sind, worinn die Abtey vordem ihre Todten begraben hat; und nach aller Wahrscheynlichkeit muß das Wasser seinen Weg durch dieses Erdreich nehmen; dergestalt, daß, so wie wir im Brunnensaale sein Decoct von lebendigen Körpern trinken: so genießen wir bey der andern Quelle das Geseige von verfaulten Knochen und Gerippen. – Wahrhaftig, das Herz kehrt sich mir im Leibe um, wenn ich nur daran denke. – Doch es sollte mir kein graues Haar deswegen wachsen, weil ich fest entschlossen bin, mit dem mineralischen Wasser nichts weiter zu haben, könnte ich nur etwas reineres oder unschädlicheres für meinen Durst finden; allein, ob gleich von allen Seiten der hier herumliegenden Hügel vortreffliches Wasser von selbst hervorquillt: so sind doch die Einwohner hier einmal gewohnt, ihr Wasser aus den Brunnen zu brauchen, das so viel Salpeter, Alaun, oder ein ander häßliches Mineral enthält, daß es dem Geschmacke eben so unangenehm, als der Gesundheit nachtheilig ist. Hier in der Milshamstraße, ich muß es gestehn, haben wir freylich die Vergünstigung zu nothdürftigem Gebrauche aus dem Cirkus holen zu lassen, wo selbst man es von dem Berge in einen Behälter auffängt und sammelt, aber wer weis, was das gottlose Volk für todte Hunde, Katzen, Ratzen und allerley Unrath, aus bloßen Muthwillen hineinwerfen mag.

Ich mags wohl sagen, keine Nation trinkt so schweinisch als die unsrige – Das was man uns für Wein giebt, ist kein Saft aus der Traube; es ist ein unnatürliches Gemische, aus ekelhaften Ingredienzen, das solche Dunse zusammen plätschern, die in der Kunst des Giftbrauens selbst noch Pfuscher sind, und dennoch sind unsre Vorfahren, und werden wir von diesem verdammten Getränke, ohne Saft und Geschmack, vergiftet. – Das einzige unverfälschte und gesunde Getränk in England, ist Londoner Porter und Dorchester Tafelbier; denn ihr Ael und Genever, und Aepfel- und Birnmost, und wie die gebrauten Moste und Weine alle heißen, die hasse ich als höllisches Gesöff, das ausdrücklich erfunden ist, das menschliche Geschlecht auszurotten. – Aber was geht mich das menschliche Geschlecht an? ein paar wenige Freunde ausgenommen, mögen meinenthalben die Uebrigen –

Hören Sie, Lukas, meine Misanthrophie wächst mit jedem Tage – Je länger ich lebe, je unerträglicher werden mir die Thorheiten und Bosheiten der Menschen – Ich wollte, ich wäre in Brambleton-hall geblieben; ich habe so lange in der Einsamkeit gelebt, daß ich das unverschämte Gewühle und Gedränge der großen Gesellschaft nicht ausstehn kann; dazu kommt noch, daß an diesen volkreichen Orten alles durch die Kunst verfälscht ist. In allem, was man isset oder trinkt, liegen Schlingen für unser Leben; selbst die Luft, die man athmet, schwimmt voller Seuchen. Selbst schlafen kann man nicht einmal, ohne in Gefahr zu stehn, angesteckt zu werden. – Ja, angesteckt, denn dieser Ort ist ein Sammelplatz der Siechen und Kranken – Und Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß viele Krankheiten ansteckend sind? sogar die Schwindsucht ist sehr ansteckend. Wenn in Italien jemand daran stirbt, so wird sein Bette mit der Bettstelle verbrannt, und der übrige Hausrath, den er gebraucht hat, wird ausgelüftet, und das Zimmer erst wieder ausgeweisset und gescheuret, eh' eine lebendige Seele wieder hinein zieht. Sie werden doch zugeben, daß nichts die Ansteckung leichter annimmt und langer behält, als Federbetten, Matratzen und Betttücher – O der Henker! was weis ichs, was für kranke Menschen in dem Bette geschmoort haben, worinn ich itzt liegen muß. – Ich wundre mich, Doctor, daß Sie mich nicht daran erinnert haben, meine Matratzen mitzunehmen – Doch wenn ich nicht selbst ein Schöpfenkopf gewesen wäre, so hätte ich keiner Erinnerung bedurft. Immer kommt mir so eine verwünschte Ueberlegung in die Quere, die zum Zeugniß gegen mich selbst aufsteht, und meinen Muth niederschlägt – Also, laß uns von etwas Anderm reden! –

Ich habe andre Ursachen, meinen Aufenthalt zu Bath abzukürzen. Sie kennen Schwester Tabithas Temperament. – Wäre diese Demoiselle Tabitha Bramble das Kind irgend einer andern Mutter, ich würde sie gewiß nicht anders betrachten, als die ärgste – Aber so hat sie Mittel gefunden, sich meiner Fürsorge zu empfehlen; oder vielmehr, sie hat es der Macht des Vorurtheils zu verdanken, das man die Bande des Geblüts zu nennen pflegt. Wohl, dieses liebenswürdige Mägdchen hat mit einem irrländischen Baronet von fünf und sechzig Jahren eine Verquackeley obhanden. Sein Name ist Sir Ulic Mackilligut. Seine Umstände mögen wohl ein wenig knapp seyn, und ich glaube, er hat eine falsche Zeitung von ihrem Vermögen erhalten. Dem sey wie ihm wolle, dieser Liebeshandel ist äusserst lächerlich, und man fängt schon an, die Köpfe darüber zusammen zu stecken. Ich meines Theils bin freylich nicht gesonnen, dem sanften Hange ihres Herzens Zwang anzuthun; allein, ich werde doch auf ein Mittel denken, ihren zärtlichen Liebhaber über den Punct, der ihm am meisten in die Augen stechen mag, aus dem Irrthume zu helfen. Aber ich denke, ihre Aufführung sey kein lehrreiches Beyspiel für Liddy, die auch schon die Augen verschiedner junger Läcker in Gesellschaften auf sich gezogen hat; und Jerom sagt mir, er habe Argwohn, daß ein gewisser schlanker Bursche, ein Neffe des Baronets, auf das Herz des Mägdchens Anschläge gemacht habe. Ich werde also ein wachsames Auge auf das Mägdchen und ihre Tante haben, und selbst den Ort des Auftritts verändern, wenn das Ding ernsthafter werden sollte – Sie sehn wohl ein, was für ein behägliches Geschäfft es für einen Mann von meiner Laune seyn muß, für solche Seelen, als diese, zu sorgen – Doch kein bittres Wort mehr, (bis auf nächste Gelegenheit,) von

Ihrem

      Bath,
den 22ten April.

M. Bramble.

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

Ich denke, mein liebster Freund, die Leute sind höchst unbillig, welche klagen, daß Bath ein enger Zirkel sey, in welchem einerley langweilige Auftritte, ohne Aufhören und ohne Veränderung, immer wieder vorkommen – Ich bin vielmehr erstaunt, an einem so kleinen Orte, so häufige Veränderungen und Unterhaltungen anzutreffen. Selbst London hat schwerlich eine Art von Ergötzlichkeit aufzuweisen, davon man nicht etwas Aehnliches in Bath antrifft, außer den besondern Vorzügen, die dem Orte ganz eigen sind. Hier hat z. E. ein Mensch täglich Gelegenheit, die merkwürdigsten Charaktere im gemeinen Leben zu sehen. Er sieht sie in ihren natürlichen Stellungen und wahren Farben; herunter gesetzt von ihren Fußgestellen, und entkleidet von ihrer staatlichen Draperien, entblößet von Kunst und Täuscherey. – Hier haben wir Staatsminister, Generäle, Bischöffe, Projectmacher, Philosophen, witzige Köpfe, Poeten, Comödianten, Chemisten, Musikanten und Possenreißer. Wer sich nur irgend einige Zeit hier aufhält, kann gewiß seyn, daß er einem oder dem andern guten Bekannten begegnen werde, den er nicht vermuthete zu sehen; und für mich ist nichts angenehmer, als eine solche zufällige Begegnung. – Ein andres Vergnügen, das man nur zu Bath findet, entspringt aus der allgemeinen Vermischung aller Stände in unsern öffentlichen Assembleezimmern, ohne Unterschied des Standes oder Vermögens. Mein Onkel verdammt dieß, als einen ungeheuren Haufen von widersprechenden Grundsätzen, als ein elendes Getümmel von Lärmen und Unverschämtheit, ohne Anständigkeit und Ordnung. Allein für mich ist dieses Chaos ein Quell von unendlichem Vergnügen.

Auf dem letzten Balle belustigte michs außerordentlich, als der Ceremonienmeister einen bejahrten Treppenfeger, der sich mit seiner gnädigen Frauen abgelegten Kleidern herausgeputzt hatte, und den er für eine eben in Bath angelangte Dame von Stande halten mochte, mit vieler Feyerlichkeit nach dem obern Ende des Zimmers führte. Den Ball öffnete ein schottländischer Lord, mit einer nußbraunen reichen Dirne, die auf der Insel St. Christoph von einem weißen Vater und einer schwarzen Mutter gefallen war; und der muntre Oberste Tinsel tanzte den ganzen Abend mit der Tochter eines wohl fürnehmen Zinngießers von Southwark – Gestern Morgen sah ich im Brunnensaale eine alte kriechende Gastwirthinn durch einen Zirkel von engländischen Peers durchdrängen, um ihrem Branteweinshändler eine Patschhand zu geben, der sich auf seinen Krücken ans Fenster gelehnt hatte; und einen gichtbrüchigen Procurator, der, als er nach dem Schenktische lumpte, dem Canzler von England vor die Schienbeine stieß, indem Se. Excellenz in einer kurzen Bootsmannsperücke ein Glas Wasser tranken. Ich kann keine Gründe anführen, warum mir diese Zufälle so viel Vergnügen machen, es sey denn daß ich sagte, sie sind an und für sich schon sehr lächerlich, und tragen vieles bey, das Drollige im Possenspiele des Lebens zu unterhalten, welches ich willens bin, so lange genießen, als ich nur kann.

Diese Thorheiten, welche meinem Onkel die Galle auf die Zunge bringen, bringen mich zum Lachen. Er ist so roh und zart als ein von Haut entblößter Finger; man darf ihn nur im geringsten anrühren, so zuckt er. Was einen Andern kitzelt, macht ihm höllische Schmerzen; dennoch hat er, wie mans nennen möchte, seine Lucida intervalla , worinn er recht spashaft seyn kann. In meinem Leben hab' ich keinen Hypochondristen gekannt, der so leicht von der Munterkeit angesteckt werden konnte. Er ist der lachendste Misanthrop, den ich jemals gefunden habe. Ein glücklicher Scherz, oder ein lächerlicher Zufall, kann ihn bis zum lautesten Gelächter bringen, selbst in seinen finstersten Augenblicken; und dann, wenn er ausgelacht hat, schilt und flucht er auf seine eigne Einfalt. Spricht er mit einem Fremden, so läßt er sich seine Unruh nicht merken – Nur gegen die Seinigen läßt er seinen Unmuth aus, und auch gegen die nicht einmal, wenn sie seine Aufmerksamkeit unterhalten; aber wenn sein Geist nicht mit äußerlichen Dingen beschäfftigt ist, so scheint er in sich selbst zurück zu kehren und an sich selbst zu nagen. – Das Brunnentrinken hat er unter Verwünschungen aufgegeben; er fängt aber an, ein wirksameres und ganz gewiß auch wohlschmeckenderes Genesmittel in den Vergnügungen des Umgangs zu finden. Er hat unter den Invaliden von Bath einige alte Bekannte und Freunde gefunden, und besonders hat er seine Bekanntschaft mit dem berühmten Quin erneuret, der sicherlich des Brunnentrinkens halber nicht hierher gekommen ist. Sie werden nicht zweifeln, daß ich äußerst neubegierig gewesen seyn muß, dieses Original kennen zu lernen; und mein Onkel, der ihn schon zweymal in unserm Hause zum Mittagsessen gehabt hat, ist so gefällig gewesen, diese Neugierde zu befriedigen.

So weit ich urtheilen kann, ist Quin bey weiten ein viel würdigerer Mann, als wofür er gemeiniglich ausgegeben wird. Seine sinnreichen Einfälle sind im Munde eines jeden Witzlings, aber manche davon haben einen ranzigen Beygeruch, der einen auf die Gedanken bringen könnte, als wäre er von dem natürlichen Schmutze der Idee gekommen. Ich denke aber vielmehr, daß die Sammler dieser Quiniana , dem Urheber keine Gerechtigkeit haben widerfahren lassen; daß sie die besten haben durch die Finger schlüpfen lassen, und nur solche ausgenommen, die sie dem Geschmacke und den Organen des großen Haufens angemessen fanden. Wie weit er in seinen fröhlich witzigen Stunden seinen Einfällen den Zügel schießen lassen mag, unternehme ich nicht zu sagen, aber in seinem gewöhnlichen Umgange sagt er nichts, das wider die strengsten Regeln der Wohlanständigkeit wäre, und Herr James Quin ist gewiß einer der wohlgezogensten Menschen im Königreiche. Er ist nicht nur ein angenehmer Gesellschafter, sondern auch (wie mir von guter Hand versichert worden ist,) ein sehr rechtschaffener Mann; aufgelegt zur Freundschaft, warm, beständig, und sogar großmüthig in seinen Verbindungen; er haßt die Schmeicheley und ist unfähig zu Niederträchtigkeiten und Verstellung. Sollte ich indessen blos aus seinen Augen urtheilen, so würd' ich ihn für hochmüthig, aufgeblasen und grausam halten. Er hat etwas sehr strenges und abschreckendes in seinem Blicke, und man hat mir gesagt, daß er immer geneigt gewesen, Leuten, die unter ihm waren oder die von ihm abhiengen, hart zu begegnen. – Diese Nachricht hat vielleicht Einfluß auf meine Meynung von seinem Blicke gehabt. – Sie wissen, das Vorurtheil hat uns beständig zum Gecken. Wie dem aber auch sey, so habe ich bis itzt von ihm keine andre, als eine gute Seite gesehn; und mein Onkel, der sich oft mit ihm in seine Ecke setzt und schwatzt, betheuret, er habe noch keinen verständigern Mann gefunden. Quin scheint auch eine gegenseitige Hochachtung für den guten Hypochondristen zu haben, den er bey dem vertraulichen Namen Matthias nennt; und oft an ihre alten Begebenheiten beym Weinglase erinnert: auf der andern Seite werden Matthias Augen immer ganz heiter, sobald nur Quin sich sehn läßt – Sein Gemüth mag noch so verstimmt seyn, Quin hilft ihm wieder zum rechten Tone, und dann harmoniren sie so schön, wie Discant und Baß in einer wohlgesetzten Sonate. – Vor einigen Tagen, als das Gespräch von Shakespear war, konnt ich mich nicht enthalten, mit einiger Lebhaftigkeit zu sagen, daß ich hundert Guineen drum geben wollte, wenn ich Herrn Quin die Rolle des Falstaf spielen sehn könnte; worauf er sich mit einem Lächeln zu mir wandte und sagte: »Und ich, mein lieber junger Herr, wollte tausend drum geben, daß ich Ihre Lüsternheit befriedigen könnte.« Mein Onkel und er sind völliger gleicher Meynung über den Werth des Lebens; Quin sagt, es würde ihm anstinken, wenn er es nicht in ein gut Glas Wein tunken könnte.

Ich bin begierig diesen seltnen Mann bey vollen Bechern zu sehen; und habe meinen Onkel schon so gut als beredet, eine kleine Schildkröte Die Schildkrötenschmäuse sind eigentlich nur für Männer allein, und also wird dann auch wohl ein Glas Wein mehr dabey getrunken. In Hamburg nennt man einen dergleichen Schmauß, ohne Frauenzimmer, ein Bullengelag. daran zu spendiren. Bis dahin muß ich Ihnen eine Begebenheit zum Besten geben, welche das Urtheil dieser beyden cynischen Philosophen zu bekräftigen scheinet. Ich nahm mir die Freyheit, mit meinem Onkel verschiedner Meynung zu seyn, als er die Anmerkung machte, daß die Vermischung der Stände bey den hiesigen Lustbarkeiten den Sitten und der guten Lebensart schädlich wäre; daß solche die Leute von den untersten Classen unerträglich hochmüthig und aufdringend mache, hingegen die Denkart und Aufführung der vornehmen Stände heruntersetze bis zur Gemeinheit. Eine solche Zusammenplätscherey, sagte er, würde uns bey allen unsern Nachbarn in Verachtung bringen, und wäre im Grunde schlechter, als wenn man das gemünzte Gold der Nation abwürdigte. Ich führte für das Gegentheil an, daß diese Plebejer, welche eine solche Begierde verriethen, den Vornehmen in Kleidern und Equipagen nachzuahmen, die würden auch mit der Zeit gleichfalls ihre Denkart und Sitten annehmen, durch ihren Umgang höflicher und durch ihr Beyspiel verfeinert werden. Allein als ich mich an Herrn Quin wendete und ihn fragte, ob nicht eine solche uneingeschränkte Vermischung die ganze Masse verbessern würde? – sagte er: »Ja, so gut wie ein Schälchen Marmalade einen Krug Syrup verbessern würde.« Yes, as a plate of marmelade would improve a pan of Sirreverence , so sagt mein Text. Ob meine Uebersetzung des letzten Wortes durch Syrup richtig ist, kann ich nicht betheuren, weil kein Wörterbuch, so viel ich deren kenne, oder als ein armer Uebersetzer habe, das Wort hat; selbst Johnson nicht; und hätte ders auch, so ist er doch auch in meinen Augen sehr gefallen, seitdem der braunschweigische Uebersetzer der Reisen des Yoricks, dem hamburgischen Uebersetzer im Angesicht seines ganzen Publicums sagte: er möchte ihm nur nicht den Johnson als Gewährsmann anführen. – Dem deutschen Leser kann sehr daran gelegen seyn, dieses Sirreverence recht kennen zu lernen, und in England müssen sie doch wissen, was es heißt. – Ich mag also künftigen Sommer mit meinem schweren Autor fertig seyn oder nicht: so geh ich, unter Begünstigung meiner Herrn Verleger, nach Bremen oder Hamburg oder Lübeck, setze mich da auf ein Schiff und gehe nach London, spreche so lange mit Köchinnen und Köchen, bis ich die wahre und ächte Bedeutung erfahren habe; und sollte vor meiner Zurückkunft diese Stelle mit dieser Note schon abgedruckt seyn, so will ich alsdann in einer Zeitung meine Entdeckung bekannt machen. Eine niedersächsische Zeitung soll es seyn; und da die übrigen wegen der so häufigen und interessanten Nachrichten von Schlußtagen der Collecten , Anzeigen neuer Lottos, neuer General-special-neben- und Unter- Collecteurs , wie auch der erstaunlichen Gewinnlisten aller möglichen Gewinne unter den fünf möglichen Nummern, der vielen, dem Armuth besonders so wohlthätigen Lotto's, wohl keinen Platz dazu ersparen können: so will ich der neuen Zeitung, die seit 1771 in Wandsbeck heraus kommt, unter dem Namen der Wandsbecker Bothe, diesen Aufsatz einschicken, und die Leser können ihn daselbst in den ersten Stücken des künftigen 1773 Jahres gewiß finden, und dadurch mit einem Neuigkeitsbothen bekannt werden, der sagt, daß er zu Fuße gehe, und mir doch manche Nachricht aus fernen Landen viel früher gebracht hat, als seine reitende und fliegende Collegen.

Ich gestund, daß ich mit dem Leben der hohen Stände eben nicht sehr bekannt sey, daß ich aber in London und an andern Orten gesehen hätte, was man feine Gesellschaften zu nennen pflegte; daß die zu Bath eben so wohlanständig schienen als irgend andre; und daß man, im Ganzen genommen, die Mitglieder derselben als solche befinden würde, denen es nicht an Sitten und guter Lebensart mangelte. »Allein, sagte ich, laß uns eine Erfahrung anstellen – Hanns Holder, welcher Theologie studirt hat, ist durch den Tod seines ältern Bruders zu einem Vermögen gelangt, das ihm jährlich zwey tausend Pfund einbringt. Er ist gegenwärtig zu Bath, kutschirt in seinem Phaeton mit vier Pferden herum und hat sein paar Waldhornisten hinter sich her reiten. In Bath und Bristoll ist kein Gasthof übrig, darinn er nicht seine Gäste mit Schildkröte und Pontac so lange tractirt hätte, bis sie bis an den Hals voll waren; auf den Rath des Ceremonienmeisters, dessen Führung er sich anbetrauet, hat er sich ein Dutzend feiner Kleider machen lassen; hat etliche hundert Pfund an reisende Billardspieler verloren, und hält sich eine Sängerinn con il suo sior pare et cara siora mare für seinen eignen Mund; da er aber findet, daß alle diese Löcher in seinem Siebe noch nicht groß genug sind, seine baare Pfennige geschwind genug durchfallen zu lassen, so hat er, auf Eingebung seines Kammerrathes, beschlossen, morgen im Wiltschire-Saale ein Generaltheetrinken zu geben. Um es so viel prächtiger zu machen, soll jeder Tisch mit Confect und Blumensträußen versehen seyn, welche aber nicht eher angerühret werden sollen, bis durch die Tischglocke ein Zeichen dazu gegeben wird, und alsdann mögen sich die Damen nach Herzenslust selbst bedienen. Dieses wird kein schlimmer Weg seyn, die gute Lebensart der Gesellschaft auf die Probe zu stellen.« –

»Topp! sagte mein Onkel; und wüßte ich einen Platz, da ich vor dem Strudel des Gedränges, das sicherlich entstehn wird, frey seyn könnte, so gieng ich gewiß selbst hin, und belustigte mich an dem Auftritte.« Quin schlug vor, daß wir auf der Musikgallerie unsern Platz nehmen wollten, und sein Rath ward angenommen. Holder war schon vor uns mit seinen Waldhornisten angelangt; wir wurden aber eingelassen. Das Theetrinken gieng vorüber, wie gewöhnlich, und nachdem die Gesellschaft von den Tischen aufgestanden war, standen sie in verschiedenen Häuflein und erwarteten das Zeichen zum Angriff; und als die Glocke angezogen ward, fielen sie gierig über den Nachtisch her, und der ganze Saal war augenblicks in Bewegung. Man hörte und sah nichts, als Ringen, Kratzen, Zerren, Zugreifen, Wegreißen, Schelten und Schreyen. Sie rissen sich die Blumensträuße aus den Händen und von den Busen; Töpfe, Tassen und Gläser flogen zur Erde, daß die Tische und der Fußboden voller Scherben lagen. Einige fluchten, einige schwuren, und die Redekunst der Fischweiber zeigte sich hier in ihrer ganzen Stärke mit Saft und Kraft; und diese rednerischen Blumen blieben auch nicht ohne ihre Begleitung von nachdrücklichen Gesticulationen. Einige schlugen Knipchen mit den Fingern, einige machten mit beyden Vorderfingern ein V über dem Kopfe; einige klatschten in die Hände, andre die Stelle ihres Körpers, worauf man ruht wenn man sitzt; zuletzt gieng es denn im rechten Ernste über die Kopfzeuger her, und alles schien ein allgemeines Handgemenge anzukündigen, als Holder seinen Waldhornisten befahl, zum Angriffe zu blasen, in der Absicht, die Kämpfenden anzufeuern, und das Treffen recht hitzig zu machen; allein diese Disposition that eine ganz verkehrte Wirkung. Es war ein lauter Vorwurf, der sie plötzlich zu einer Ueberlegung ihrer unziemlichen Fassung brachte. Sie schämten sich über ihre unschickliche Aufführung, und ließen augenblicklich ab; sammelten ihre Hauben, Manschetten und Halstücher von der Erde auf, und ein großer Theil von ihnen zog mit stillschweigender Beschämung davon.

Quin lachte über diese Begebenheit, aber die Delicatesse meines Onkels war beleidigt. Er ließ mit sichtbarem Verdrusse den Kopf hängen, und schien sich zu ärgern, daß sein Urtheil den Sieg behalten hatte. – Sein Sieg war wirklich vollkommner, als er sichs eingebildet hätte; denn, wie wir hernach hörten, waren die beyden Amazonen, die sich am meisten auf dem Schlachtfelde hervorthaten, keine Einwohnerinnen aus der Schuster- oder Schneidergasse, sondern aus der Nachbarschaft des Hofes von St. James Pallaste. Die eine war eine Baronesse und die andre die Witwe eines sehr reichen Herrn von Adel. – Mein Onkel sprach kein Wort, bis wir uns sicher und mit Ehren ins Caffeehaus retirirt hatten. Hier nahm er seinen Huth ab, wischte sich den Schweiß von der Stirne und sagte: »Dem Himmel sey Dank, daß Tabitha Bramble heute die Compagne nicht mit gemacht hat!« – »Baare hundert Guineen,« sagte Quin, »hätte ich auf ihre Hand gewettet, gegen die beste Faust aus dem ganzen hellen Haufen.« Die Wahrheit zu sagen, so hätte sie nichts in der Welt zu Hause halten können, wenn nicht der unglückliche Umstand gewesen, daß sie, noch ehe sie von der Natur dieser Lustbarkeit ein Wort gehört, eine Portion Rhabarber eingenommen hatte. Sie hat schon seit etlichen Tagen an einem alten schwarz sammtnen Kleide gebürstet, worinn sie auf dem nächsten Balle mit Sir Ulic tanzen will.

Ich habe von dieser liebenswürdigen Jungfer Tante vieles zu erzählen; ich habe Sie aber noch nicht gehöriger Weise mit ihr bekannt gemacht. Gegen Quin ist sie äusserst höflich; denn sie scheint vor seiner scharfen Zunge Respect zu haben; dennoch behält ihre Unbesonnenheit zuweilen über ihre Behutsamkeit die Oberhand. »Herr Gwinn,« sagte sie neulich, »ich hatte einstmals eine herzliche Freude, da Sie das Gespenst im Gamlet, zu Drurylane spielten, als Sie aus dem Boden herauf stiegen, mit einem weißen Gesichte und rothen Augen von peinigenden Schwefelflammen sprachen – O, – ich bitte, machen Sie uns doch ein bischen von dem Gespenst in Gamlet vor.« – »Fräulein,« sagte Quin, mit einem herzlich verächtlichen Seitenblicke, »der Spuck aus Gamlet ist gebannt, und kann nicht mehr umgehn« – Ohne den Hieb zu fühlen, fuhr sie fort: »Ja, gewiß, Sie sahen so natürlich aus, und sprachen so recht wie ein Gespenst; und dann krähete der Hahn so natürlich. Wie in aller Welt konnten Sie ihn so abrichten, daß er just auf ein Haar zur rechten Zeit krähte; aber es war wohl ein Fechthahn, denk ich – Wars nicht ein Fechthahn, Herr Gwinn?« – »Gemein Vieh, Fräulein.« – »Nun gemein oder nicht gemein, er hatte so eine klare und helle Altstimme, daß ich wünschte, ich hätte so einen zu Brambleton-hall, der mir des Morgens das Gesinde weckte. Wissen Sie nicht, wo man von derselbigen Art einen haben könnte?« – »Vermuthlich aus irgend einem Zuchthause, aber ich versichre Sie, ich weis nicht, ob ich ihn an den Federn wieder kennen möchte.« Onkel, den hierbey die Nessel brannte, rief: »Liebster Himmel, Schwester, wie du schwatzest! ich habe dir schon wohl zwanzigmal gesagt, daß dieser Herr nicht Gwinn heißt« – »Nun, nun, Herr Bruder,« versetzte sie, »ich hoffe, es ist nichts Böses dabey. – Gwinn ist ein guter ehrlicher Name, ich dachte der Herr stammte von Mamsell Helena Gwinn ab, die eben auch von seiner Profeßion war; und wenn das wäre, so könnte er auch von König Carl abstammen, und königlich Blut in seinen Adern haben.« – »Nein, gnädigs Fräulein,« antwortete Quin, mit großer Feyerlichkeit: »meine Mutter war keine so vornehme Hure – Freylich habe ich zuweilen die Versuchung zu glauben, ich sey von königlichem Geblüte, denn ich bin oft entsetzlich eigensinnig – Wäre ich in diesem Augenblicke ein souverainer Prinz, ich glaube ich schickte hin und ließe mir den Kopf der Köchinn auf einem Präsentirteller bringen – Sie hat einen Todschlag verübt an dem Herrn Johann Hecht da; wie grausam sie ihn tractirt und zugerichtet hat, und hat nicht einmal Brühe dazu gegeben – O tempora, o mores! «

Dieser aufgeräumte Einfall gab dem Gespräche eine weniger unangenehme Wendung – Aber, damit Sie nicht mein Geschmiere für eben so langweilig halten, als Tante Tabby's Gewäsch, so will ich kein Wort mehr hinzusetzen, als daß ich bin, wie gewöhnlich,

Ihr

      Bath,
den 30ten April.

ergebenster   
J. Melford.

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An den Doctor Lukas.

Liebster Lukas,

Ihre Assignation auf Wiltshire habe ich empfangen, und berichte Ihnen, daß sie aufs pünctlichste honorirt ist; allein da ich nicht gerne so viel baares Geld in einem ordentlichen Miethhause bey mir haben mag, so habe ich zwey hundert und funfzig Pfund in die hiesige Bank gelegt, und mir dafür Noten auf London geben lassen. Denn Sie müssen wissen, daß ich, da ich doch einmal im Gange bin, und hier die beste Jahrszeit vorüber ist, entschlossen bin, die Liddy einmal in London gucken zu lassen. Das Mägdchen ist eine der herzigsten Creaturen, die ich jemals gekannt habe, und wird mir jeden Tag lieber und werther. – Was Tabby anbetrifft, so habe ich mir gegen den irrländischen Baronet solche Winke über ihre Mitgabe entfallen lassen, die, wie ich nicht zweifle, die Hitze seiner Bewerbung sehr abkühlen werden. Alsdann wird ihre Eitelkeit Feuer fangen, und wenn der Stolz des versaureten Jungfernstandes in Gährung kömmt, so werden wir von Sir Ulic Mackilligut allerliebste Beynamen zu hören bekommen. – Dieser Bruch wird, wie ich voraus sehe, unsre Abreise von Bath sehr erleichtern, woselbst es gegenwärtig Tabby außerordentlich wohl gefällt. Meiner Seits hoffe ichs so sehr, daß mirs nicht möglich gewesen wäre, so lange an diesem Orte zu bleiben, hätte ich nicht ein paar alte Freunde entdeckt, deren Umgang meinen Widerwillen vermindert. Als ich eines Morgens nach dem Caffeehause gieng, konnt ich mich nicht entbrechen, die Gesellschaft mit eben so viel Verwundrung als Mitleiden zu betrachten. – Wir waren unser dreyzehn beysammen; sieben davon waren lahm am Podagra oder der Gicht, drey waren durch Zufall verstümmelt, und die übrigen taub oder blind. Einer hinkte mit einem, der andre mit beyden Füßen, ein dritter schleppte die Lenden hintennach wie eine verwundete Blindschleiche, ein vierter bummelte zwischen zwey Krücken, wie die Mumie eines Diebes, der in Ketten gehangen ist, ein fünfter schwebte in einer horizontalen Lage, wie ein Telescop, das ein paar Sänftenträger hereinschleppten, ein sechster war die Büste eines Mannes, die man in einen Laufwagen gesetzt hatte, und die der Aufwärter von einer Stelle zur andern schob. Ihre Gesichter kamen mir theils so bekannt vor, daß ich das Subscriptionsbuch zu Rathe zog. Und da ich die Namen von verschiednen alten Freunden fand, begann ich die Gruppe mit mehr Aufmerksamkeit zu betrachten. Endlich entdeckte ich den Contreadmiral Balderick, den Gespielen meiner Jugend, den ich so lange nicht gesehen, als er Lieutenant auf der Severne geworden. Er war in einen alten Mann verwandelt, mit einem hölzernen Beine und winddürrem Gesichte, das durch seine grauen und wirklich ehrwürdige Locken noch desto verälterter aussah. So wie ich mich an den Tisch niedersetzte, an dem er die Zeitungen las, sah ich ihm einige Minuten, mit einer Vermischung von Vergnügen und Bedenken, die mir das Herz ganz weich machte, steif ins Gesicht; darauf nahm ich ihn bey der Hand und sagte: »Ach, Samuel, wer hätte das vor vierzig Jahren gedacht!« – Ich war zu gerührt, um fortfahren zu können. »Sieh da, ein alter Freund,« sagte er, indem er meine Hand drückte und mich begierig durch die Brille betrachtete, »ich kenne den Huker am Boog, ob er gleich was oft calfatert seyn mag, seitdem wir einander nicht begegnet haben, aber den Namen kann ich nicht auflichten.« – Sobald ich ihm gesagt hatte wer ich wäre, rufte er aus: »Ha, Matthias, mein alter Seecumpan, noch immer flott!« Hierbey raffte er sich auf und fiel mir um den Hals. Sein Entzücken bedeutete mir indessen nichts Gutes, denn indem er mich küßte, stieß er mir mit der Stahlfeder an seiner Brille ins Gesicht, und trat mir mit seinem hölzernen Beine so hart auf meinen podagraischen Zeh, daß mir im Ernst die Thränen über die Wangen liefen. – Als der erste Sturm unsrer Wiedererkennung vorüber war, wies er mir zween von unsern gemeinschaftlichen Freunden im Saale; die Büste war das, was noch vom Obersten Cockrill übrig geblieben, als welcher den Gebrauch seiner Gliedmaaßen in einem americanischen Feldzuge verloren hatte, und es fand sich, daß Sir Reginald Bentley, mein Universitätsfreund, das Telescop war. Er hatte sich durch seinen neuen Titel und unerwartete Erbschaft verführen lassen, ein gewaltiger Fuchsjäger zu werden, ohne daß er die gehörigen Lehrjahre dieser Kunst ausgestanden hatte, und zog sich also, da er einst hinter seinen Hunden her durch einen tiefen Bach setzte, eine Entzündung der Eingeweide an den Hals, die ihn in seine gegenwärtige Gestalt zusammengeschrumfet hat.

Unsre alte Bekanntschaft ward also bald erneuret, und das mit allen Kennzeichen eines herzlich guten Willens von allen Seiten. Da wir einmal einander so unvermuthet angetroffen hatten, so wurden wir einig, noch denselben Tag zusammen in einem Gasthofe zu Mittage zu essen. Mein Freund Quin war glücklicher Weise nicht versagt, und that mir den Gefallen, uns Gesellschaft zu leisten, und ich kann Ihnen als ein ehrlicher Mann sagen, dieß war einer der glücklichsten Tage, die ich seit zwanzig Jahren erlebt habe. Sie, mein lieber Lukas, ich, sind immer bey einander gewesen, und haben die Freundschaft in diesem Hautgout nicht gekostet, den sie von einer langen Abwesenheit bekömmt. Ich kann Ihnen nicht halb beschreiben, was ich bey dieser unvermutheten Zusammenkunft von drey oder vier alten Bekannten fühlte, die so lange getrennt, und von den Stürmen des Lebens so hart mitgenommen waren. Es war eine ordentliche Verjüngerung, eine Art Auferstehung von den Todten, die jene lebhaften Träume wirklich machte, welche wohl zuweilen unsre alten Freunde aus dem Grabe hervorbringen. Vielleicht war mein Vergnügen durch die Beymischung von ein wenig Melancholie nicht weniger angenehm, wenn ich an die vergangnen Auftritte zurück dachte, und dadurch das Andenken an manche theure Person hervorrufte, von der die Hand des Todes mich wirklich getrennt hat.

Die Lebhaftigkeit und Munterkeit der Gesellschaft schien über die Schwachheiten ihrer Leiber zu siegen. Sie besaßen sogar Philosophie genug, über ihre Gebrechen zu scherzen; so weit geht die Macht der Freundschaft, dieser allgemeinen Herzstärkung des Lebens – In der Folge fand ich gleichwohl, daß es ihnen nicht an Augenblicken, ja an Stunden des Unwillens mangelte. Ein jeder von ihnen besonders ließ sich in vertrauten Unterredungen über seine eignen Widerwärtigkeiten in Klagen heraus, und im Grunde waren sie alle unzufrieden – Außer ihrem persönlichen Unglück hielt sich noch ein jeder für einen unglücklichen Spieler in der Lotterie des Lebens. Baldrick beklagte sich, daß alle Vergeltung, die er für seine langen und sauren Dienste erhalten hätte, in dem halben Solde eines Contreadmirals bestünde. Der Oberste war verdrüßlich, daß ihm junge Generäle vorbeygesprungen waren, wovon einige noch unter seinem Commando gestanden; und da er eben kein Sparer ist, so kann er kaum mit einer mäßigen Leibrente durchreichen, wofür er sein Regiment abgetreten hat. Der Baronet hat sich bey einer streitigen Parlamentswahl brav in Schulden gearbeitet, und hat sich also gezwungen gesehn, seine Güter und seinen Sitz im Parlamente zu gleich zu verlassen, und die ersten in Sequestration zu geben; allein seine Widerwärtigkeiten sind die Folge seines eignen Betragens, und rühren mich also nicht halb so sehr, als der andern beyden ihre, welche auf dem großen Schauplatze ehrwürdige und vorzügliche Rollen gespielt haben, und nun dahin gebracht sind, in dieser Schmoorpfanne hier ein überlästiges Leben zu führen. Das Brunnentrinken haben sie längst angegeben, nachdem sie erfahren, daß es nichts hilft. Sie sind nicht im Stande, an den Ergötzlichkeiten des Orts Theil zu nehmen. Wie sies denn anfangen, daß sie ihre Zeit hinbringen? Des Vormittags kriechen sie aus nach dem Caffeehause oder dem Brunnensaale, wo sie eine Parthie Whist machen, oder über die Zeitung schwatzen, den Nachmittag verquängeln sie in Privatgesellschaften mit hypochondrischen Invaliden oder langweiligen alten Weibern; und das ist das Schicksal eines manchen Mannes, den die Natur zu viel bessern Zwecken bestimmt zu haben scheint.

 

Es ist noch nicht über zwölf Jahre her, daß noch außer denen, die der Gesundheit wegen hier kamen, eine manche honette Familie, mit einem eingeschränkten Einkommen auf den Einfall gerieth, sich hier niederzulassen, woselbst sie bey einer mäßigen Ausgabe nicht nur ganz ordentlich leben, sondern noch sogar anständig erscheinen konnten; aber die gegenwärtige närrische Verschwendungssucht hat ihnen den Ort zu heiß gemacht, und sie sehn sich nun genöthigt, auf eine neue Wandrung zu denken. Einige sind schon nach den Gebirgen in Wäles geflohen, und andre haben sich nach Exeter begeben, wo es noch wohlfeil ist; ohne Zweifel wird sie auch da Ausschweifung und Verschwendung einholen, welche sie von Ort zu Ort bis an die Gränzen des Landes treiben werden, und dann, denk' ich, werden sie gezwungen seyn, sich zu Schiffe zu setzen, und ein andres Land zu suchen. Bath ist ein wahres Cloak voll Gottlosigkeit und Prellerey geworden. Jeder Artikel in der Haushaltung ist bis zu einem ungeheuren Preise gestiegen; und das ist ein Umstand, über den man sich nicht länger wundern wird, wenn man weis, daß jedes kleine Mündel des Glücks glaubt, er müsse ja seine eigne Tafel halten, und seine Ehre würde darunter leiden, wenn er nicht mit den Betrügereyen seiner Bedienten durch die Finger sähe, die sich mit den Beckern, Fleischern u. s. w. verstehen, und also bezahlen, was sie nur fodern. Wir haben itzt hier einen solchen Glückspilz, der seinem Koche wöchentlich siebenzig Guineen, für eine Mahlzeit täglich, bezahlt. Diese unbegreifliche Raserey ist so ansteckend geworden, daß der niedrigste Haufen, der Auskehrigt des menschlichen Geschlechts, davon angegriffen ist. Ich habe einen Sclaventreiber von Jamaica gekannt, der dem Wirthe eines Assembleesaals, für eine Nacht Thee und Caffee für die Gesellschaft, fünf und sechzig Guineen bezahlt hat, und den folgenden Morgen so unbekannt von Bath weggereiset ist, daß Niemand von seinen Gästen wußte, wer er wäre, oder sich nur einmal um seinen Namen bekümmert hätte. Solche Begebenheiten sind nicht selten, und ein jeder Tag hat hier seine eigne Narrheit, welche zu plump sind, daß ein denkender Mensch darüber lachen könnte. – Aber ich fühle, daß mein Spleen mit starken Schritten angezogen kommt; ich will Sie also zu Athem kommen lassen, damit Sie nicht fluchen dürfen über den Briefwechsel mit

Ihrem

    Bath,
den 5ten May.

ewig ergebnen 
M. Bramble.

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An Miß Lätitia Willis, zu Gloucester.

Meine theureste Letty,

Ich habe Ihnen mit der Post am 26sten April einen langen Brief geschrieben, auf welchen ich mich, in Ansehung unsers Thuns und Lassens zu Bath beziehe, und Ihre Antwort mit Ungeduld erwarte. Da mir aber eine gute Gelegenheit vorfällt: so übersende ich Ihnen ein Dutzend Bathringe. Ich bitte Sie, die sechs besten darunter für sich selbst auszusuchen, und die übrigen unter unsre gemeinschaftliche junge Freundinnen, nach eignem Gefallen, zu vertheilen. – Ich weis nicht, wie Ihnen die Devisen gefallen werden; einige darunter sind nicht sehr nach meinem Geschmacke, aber ich hatte keine andre Wahl, weil keine mehr fertig waren. – Es macht mich unruhig, daß weder Sie noch ich von einer gewissen Person fernere Nachricht erhalten – Es kann unmöglich freywillige Nachläßigkeit seyn – O, meine liebste Willis, ich fange an, sonderbare Grillen und einige melancholische Zweifel zu haben; indessen wäre es ungroßmüthig, wenn ich solchen ohne weitre Untersuchung Raum geben wollte – Mein Onkel, der mir einen sehr hübschen Anzug von Granaten geschenkt hat, spricht davon, uns mit einem Wips Wips ist ein niedersächsisches Wort das bekannt zu seyn verdient, und bedeutet eine Handlung oder Seyn von sehr kurzer Dauer; obs die Niedersachsen von den Dänen, oder diese es von jenen haben, kann ich nicht untersuchen, die Dänen brauchen aber nur die Interjection. Vips er han floyten : Wips ist er fort! die Niedersachsen brauchen das Zeitwort Wipsen; He wips't herum. Er ist bald hier bald dort. Daher das Nachdrucksvolle Wort: Wipseltyren. Mit Geschäfftigkeit vielerley Sachen auf einmal thun wollen und nichts ausrichten. Wenn diese Note völlig überflüßig ist: so kann mich ein Critiker einen Wipseltyrer nennen. – Ich hätte anstatt Wips ja nur das Wort jaunt durch: eine kurze Reise ganz trocken, oder etwas launigt durch: einen Abstecher, oder noch launigter durch: einen Husch übersetzen können! Nun, ich bitte zu wählen! Sie werden aber gewiß mein Wort wählen, wenn Sie einmal von einem liebenswürdigen niedersächsischen Mädchen zu sich sagen hören: »Besuchen Sie mich heute Nachmittag um vier Uhr, eher bin ich nicht zu Hause, denn ich muß erst einmal nach meiner Schwester wipsen nach London zu tractiren, welches, wie Sie leicht denken können, eine sehr angenehme Sache seyn wird; Bath aber gefällt mir so wohl, daß ich hoffe, er soll nicht eher darauf denken, es zu verlassen, bis die Brunnenzeit gänzlich vorbey ist; und dennoch, im Vertrauen gesagt, ist meiner Tante so etwas begegnet, das nach aller Wahrscheinlichkeit unsern hiesigen Aufenthalt abkürzen wird.

Gestern Morgen gieng sie, ohne mich, nach einem von den Assembleesälen zum Frühstück, und in einer halben Stunde nachher kam sie in heftiger Bewegung wieder zurück und hatte ihren Joly in der Chaise. Ich glaube, dem unglücklichen Viehe muß ein Zufall begegnet seyn, woraus alle ihre Unruhen entspringen. O, liebe Letty, wie sehr ist es nicht Schade, daß ein Frauenzimmer von ihren Jahren und Verstande, ihre Neigung auf eine so häßliche ungestaltete Bestie wirft, die alle Menschen anschnarcht und beißt. Ich fragte den Bedienten Thomas, der sie begleitet hatte, was vorgegangen wäre, erhielt aber keine andre Antwort, als ein verbißnes Lachen. Es ward nach einem berühmten Hundedoctor geschickt, und der unternahm die Cur, mit der Bedingung, daß er seinen Patienten mit nach Hause nehmen dürfte; aber Tante wollte ihn nicht aus den Augen lassen – Sie ließ die Köchinn Servietten wärmen und legte sie ihm mit eignen Händen auf den Leib. Sie ließ alle Gedanken fahren, des Abends auf den Ball zu gehn, und als Sir Ulic zum Thee kam, wollte sie ihn nicht vorlassen; so daß er weggieng sich nach einer andern Tänzerinn umzusehen. Mein Bruder Jeronimus pfeift und tanzt. Mein Onkel zuckt zuweilen die Achseln, und zuweilen fängt er laut an zu lachen. Tante seufzt und zankt Eins ums Andre, und ihre Aufwärterinn, Win Jenkins, macht große Augen und närrische neugierige Gesichter; und ich, bin wohl eben so neugierig als sie, schäme mich aber zu fragen.

Vielleicht wird die Zeit das Geheimniß aufklären; denn wenn es irgend etwas ist, das in einem Assembleesaale vorgegangen ist, so kanns nicht lange verschwiegen bleiben – Vor itzt weis ich weiter nichts, als daß Tante gestern Abends bey Tische mit viel Verachtung von Sir Ulic Mackilligut sprach, und ihren Bruder fragte, ob er denn gesonnen sey, uns den ganzen Sommer in dem schwühlen Bath schmachten zu lassen? »Nein, Schwester,« sagte er mit einem bedeutenden Lächeln, »wir wollen abziehn, noch ehe die Hundstage eintreten; obschon ich nicht zweifle, daß wir mit ein wenig Mäßigung und Klugheit das ganze Jahr durch, selbst zu Bath, unser Geblüt kühl genug erhalten könnten.« Da ich nicht verstehe, was er damit sagen wollte, so will ich auch voritzt nicht unternehmen Anmerkungen darüber zu machen: Auf ein andermal bin ich vielleicht im Stande, es Ihnen besser zu erklären – Bis dahin bitte ich Sie, mir fleißig zu antworten, und ihre Liebe vorzubehalten,

Ihrer

     Bath,
den 6ten May.

getreuen Freundinn
Lydia Melford.

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

So ist also die Geschichte mit der Blackerby ein falsches Gerücht gewesen, und ich behalte mein Geld in der Tasche? Aber ich wünschte doch, sie hätte sich nicht so übereilt; denn ob mirs gleich einigen Ruf gegeben haben möchte, wenn man mich für fähig gehalten hätte, sie zur Mutter zu machen: so macht mir doch das Gerücht von einem verliebten Umgange mit einem so zerbrechlichen Kruge, nicht die geringste Ehre. – In meinem Letzten sagt' ich Ihnen, daß ich Hoffnung hätte, Quin in einem Gasthofe als dem Tempel der Fröhligkeit und guter Gesellschaft, beym Gastmahle zu sehn, woselbst er als ein Priester des Comus die Begeisterungen des Witzes und der guten Laune verkündigte – Ich habe das Vergnügen gehabt. Ich habe mit seiner Clubb in den drey Weinfässern zu Mittage gegessen, und die Ehre gehabt, länger Stich zu halten als er selbst. Um halb neun Uhr des Abends ließ er sich mit sechs guten Flaschen Pontac unterm Knopfloche zu Hause tragen, und weils eben Freytag war, stellt er Befehl, daß man ihn vor Sonntag Mittags nicht stören sollte. – Sie müssen sich nicht vorstellen, daß diese Dosis irgend eine andre Wirkung auf sein Gespräch hatte, als daß sie dasselbe noch ausschweifender lustig machte – Er hatte freylich schon ein paar Stunden vor dem Aufbruche, den Gebrauch seiner Gliedmaßen verloren, aber alle übrige Sinneskräfte behielt er vollkommen; und da er keinen drolligten Einfall erstickte, so wie er ihm vorkam: so erstaunte ich wirklich über die Vielseitigkeit seiner Gedanken, und über seinen kräftigen Ausdruck. Quin ist ein wirklicher Wollüstling in den Artikeln des Essens und Trinkens; und ein so befestigter Epikuräer, nach der allgemeinen Bedeutung des Wortes, daß er nicht gerne da seyn mag, wo er fürlieb nehmen müßte. Dieser Punct ist für ihn so wichtig, daß er allemal gerne selbst Schafner ist; und jemand der bey einem Mahle zugelassen wird, das er ausgerichtet hat, kann sich darauf verlassen, daß er delicate Gerichte zu essen und vortrefflichen Wein zu trinken bekömmt. Er gesteht es selbst, daß er an den Vergnügungen des Magens hängt, und sagt oft Satyren über seine eigne Sinnlichkeit. Doch ist nichts von Ichheit in diesem Appetite – Er findet, daß ein guter Tisch gute Gesellschaft vereinigt, den Geist aufheitert, das Herz erweitert, den Zwang im Umgange verbannt, und die glücklichsten Zwecke des geselligen Lebens befördert – Aber Herr Quin ist nicht der Mann, den man in einem einzigen Briefe völlig beleuchten könnte; ich will ihn also vor dieses Mal seiner Ruhe überlassen, und einen andern Gegenstand von ganz verschiedener Beschaffenheit aufrufen.

Sie wünschen mit der Person unsrer Tante näher bekannt zu werden, und versprechen sich viel Ergötzung von ihrer Liebesgeschichte mit Sir Ulic Mackilligut? Diese Hoffnung aber ist Ihnen schon zu Wasser geworden. Diese Geschichte hat ein Ende. Der irrländische Baronet ist ein alter Hund, der die Fährt nicht weiter verfolgt, da er riecht, daß das Wild zu mager ist. – Ich hab' Ihnen bereits gesagt, daß Fräulein Tabitha Bramble eine fünf und vierzigjährige Jungfer sey. Von Person ist sie lang, knöchern, schwerfällig, plattbrüstig, und trägt den Kopf vorne über. Ihr Gesicht ist blaß und voller Sommersprossen; ihre Augen sind nicht grau, sondern grünlicht, wie Katzenaugen, und gemeiniglich entzündet; ihr Haar ist Sand- oder vielmehr Staubgelb; ihr Vorkopf kurz, die Nase lang, spitz und gegen das äußerste Ende bey kaltem Wetter immer roth; ihre Lippen schulferig, ihr Mund groß und breit, ihre Zähne weit von einander und wacklend, und von verschiedner Farbe und Bildung, und ihr langer Nacken in tausend kleine Falten geschrumpft – Von Gemüthsart ist sie hochmüthig, eigensinnig, eitel, herrschsüchtig, argwöhnisch, schadenfroh, heftig und hartherzig. Nach aller Wahrscheinlichkeit ist ihre natürliche Störrigkeit noch durch fehlgeschlagne Absichten in der Liebe vermehret; denn ihr langer eheloser Stand rührt von nichts weniger als einem Abscheu am Heyrathen her; sie hat viel mehr alles mögliche versucht, um dem verhaßten Namen einer alten Jungfer auszuweichen.

Noch ehe ich geboren ward, hatte sie schon eine solche Strecke auf dem Liebeswege mit einem Werbeofficier zurückgelegt, daß sie fast ihren guten Namen darüber aus den Augen verloren hätte. Nachher legte sie es dem Adjunctus des Pfarrherrn so nahe, daß er sich so etwas von der Pfarrstelle merken ließ, die ihr Bruder bey der nächsten Erledigung zu vergeben hatte; da er aber vernahm, daß die schon an einen andern versagt sey, so prallte er ab, und Tabby fand Mittel sich zu rächen und ihn um seine Stelle zu bringen. Ihr nächster Geliebter nach diesem war Lieutenant auf einem Kriegsschiffe, ein Anverwandter von der Familie, der sich eben auf kein Raffinement in der Leidenschaft verstund, und kein Arges daraus hatte, mit seiner Cousine Tabby im täglichen Ehstande zu entern; eh' aber die Sachen gehörig zu Stande gebracht werden konnten, mußte er aufs Kreutzen ausgehn, und da blieb er in einem Gefechte mit einer französischen Fregatte. Unsre Tante, der es so oft mißglückte, gab deswegen doch die Hoffnung nicht auf – Sie stellte alle ihre Schlingen auf den Doctor Lukas, welches der fidus Achates unseres Onkels ist. Sie wußte sogar bey der Gelegenheit zu rechter Zeit krank zu werden, und vermochte ihren Bruder dahin, ihr Bestes zu besorgen; der Doctor aber kannte Heerd und Vogler, wollte sich nicht locken lassen, und schlug den Vorschlag rund aus, also daß Tabby sich einmal in Geduld fassen mußte, nachdem sie umsonst versucht hatte, die beyden Freunde zu entzweyhen; und nunmehr hält sies für rathsam, gegen den Doctor ganz freundlich und höflich zu seyn, weil er ihr als Arzt unentbehrlich geworden ist.

Das sind gleichwohl die Bestrebungen noch nicht alle, die sie zu einer nähern Vereinigung mit unserm Geschlechte angewandt hat. Ihr eigentliches Erbtheil war nicht mehr als tausend Pfund Sterling; allein der Tod einer Schwester machte sie um fünf hundert Pfund reicher, und der liebe Herr Vetter Lieutenant vermachte ihr drey hundert in einem Testamente. Dieses Capital hat sie dadurch mehr als verdoppelt, daß sie für sich frey von allen Ausgaben in ihres Bruders Hause lebt, und einen Handel mit den Producten von Onkels Kühen und Schaafen, nämlich Käse und hausmachenden wollenen Zeugen treibt. Gegenwärtig mag sich ihr Capital auf vier tausend Pfund belaufen, und ihr Geitz greift täglich mehr und mehr um sich; aber auch dieses ist nicht so unerträglich als ihre hämische Gemüthsart, welche alles, was im Hause mit ihr lebt, in Unruh und Zwist setzt. Sie ist eine von den Heldenseelen, welche ein antiparadisisches Vergnügen daran finden, von ihren Mitgeschöpfen Furcht und Haß zu verdienen.

Einst sagt' ich zu meinem Onkel, ich wunderte mich, daß ein Mann von seiner Gesmüthsart ein solches Hauskreutz ertrüge, da er solches so leicht aus dem Wege schaffen konnte – Die Anmerkung traf, wo es ihm weh that, weil sie ihm Mangel an Entschließung vorzuwerfen schien – Er zog die Nase in Falten in die Höhe und die Augbraunen herunter, und sagte: »Ein junges Bürschgen, wenn es seinen Schnabel zuerst in die Welt steckt, ist geneigt sich über manche Sachen zu wundern, die ein Mann von Erfahrung als gewöhnlich und unvermeidlich erkennt. – Diese, deine liebwertheste, theure Tante ist unvermerkter Weise ein unentbehrliches Stück in meiner Haushaltung geworden. – Ich wollte sie wäre – Sie ist ein Dorn in meinem Fleische, und ich kann nicht leiden, daß man ihn anrührt, oder ihn ausbeitzen will.« Ich erwiederte nichts, sondern wendete das Gespräch auf etwas anders. Er hat wirklich Zuneigung zu dieser Schwester, die sich, trotz der gesunden Vernunft, und trotz der Verachtung, die er für ihr Herz und ihren Verstand fühlen muß, in ihrem Platze behauptet. Ja, ich bin überzeugt, daß sie gleichfalls eine recht nesselheiße Neigung gegen seine Person hegt, ob gleich ihre Liebe niemals anders als unter der Gestalt des Mißvergnügens erscheint, und sie ihn unaufhörlich, aus klarer, baarer Zärtlichkeit, quält. – Der einzige Gegenstand im Hause, gegen welchen sie einige Zeichen des Wohlwollens, nach der wahren Bedeutung des Wortes, blicken läßt, ist ihr Hund Jolly; ein häßlicher Köter, von americanischer Race, den sie von der Frau eines seefahrenden Mannes geschenkt bekommen hat – Man sollte denken, sie hätte diese Bestie blos deswegen so lieb gewonnen, weil sie so häßlich und boshaft ist; aus innerlicher Sympathie der Charaktere – So viel ist gewiß, daß sie ihm beständig liebkoset, und selbst dem Gesinde viel Mühe und Arbeit dieses verwünschten Thieres wegen macht, das nun am Ende ihre näheste Veranlassung gewesen ist, mit Sir Ulic Mackilligut zu brechen.

Ich muß Ihnen sagen, daß sie gestern der armen Liddy einen Marsch abgewinnen wollte, und ohne alle andre Gesellschaft außer ihrem Schooßhunde nach dem Assembleesaale gieng, woselbst sie den Baronet anzutreffen hoffte, mit dem sie einig geworden war, des Abends zu tanzen. Jolly ließ sich nicht so bald im Saale erblicken, als der Ceremonienmeister, voller Aerger über diese Verwegenheit, auf ihn zu lief um ihn fortzujagen, und ihm mit dem Fuße drohete; der andre aber schien sein Ansehn zu verachten, zeigte ihm einem Rachen voller langen, weißen und scharfen Zähne, und hielt sich das Monarcheleinichen drey Schritte vom Leibe. – Derweile dieser mit einigem Beben da stand, seinem Gegner Fronte machte und nach dem Aufwärter schrie, kam ihm Sir Ulic Mackilligut zur Hülfe, und mit einer scheinbaren Unwissenheit über die Freundschaft zwischen diesem ungebetnen Gaste und seiner Einführerinn, gab er dem ersten einen Stoß mit dem Fuß in die Zähne, daß er heulend nach der Thüre flog. – Fräulein Tabitha, voller Wuth über diese Beleidigung, rann hinter ihm an, und schrie in einem eben so unangenehmen Tone; indessen daß ihr der Baronet an einer Seite folgte, und sein Versehn entschuldigte, und Derrick auf der Andern ihr die Gesetze und Verordnungen des Orts zu Herzen führte.

Aber weit entfernt, sich durch die Entschuldigungen des Baronets besänftigen zu lassen, sagte sie, sie wollte schwören, er sey kein Edelmann; und als der Ceremonienmeister ihr die Hand bot, um sie nach der Sänfte zu führen, schlug sie ihm mit dem Fächer über die Knöchel. Meines Onkels Bedienter war noch an der Thüre, und sie und Jolly setzten sich in eine Sänfte, und ließen sich unter den Scherzen der Sänftenträger und andrer ihres Gelichters zu Hause tragen. – Ich war nach Clerkendown ausgeritten gewesen, und es traf sich, daß ich in den Saal trat, als eben das Spectakel vorbey war. – Der Baronet kam zu mir mit einer angenommenen verdrüßlichen Miene, und erzählte mir die Begebenheit, worüber ich herzlich lachte, und da erheiterte er sein Gesicht. »Mein lieber Schatz, sagt' er, als ich so ein Ding von einer wilden Bestie sah, die den Ceremonienmeister mit offnen Rachen anschnarchte, wie der heilige Lindwurm den Ritter Görge, so wars meine Christenschuldigkeit, dem kleinen Manne beyzuspringen, sehn Sie; aber es träumte mir nicht einmal, daß das Thier die Ehre hätte, zu Fräulein Brambles Gefolge zu gehören. O hätt' ich das nur gewußt, meinthalben hätte er Derrick zum Frühstück fressen mögen, und Prosit die Mahlzeit dazu – Aber, Sie wissen, mein Schatz, wir Irrländer machen wohl zuweilen so ein Versehn, und kriegen die unrechte Sau bey den Ohren. – Aber ich will mich nicht entschuldigen, ich wills abbitten und nicht mehr thun, und es ist zu hoffen, ein reuiger Sünder wird Vergebung erhalten.« Ich sagte ihm, da von seiner Seite die Beleidigung nicht vorsetzlich gewesen: so hoffte ich, er würde meine Tante nicht unversöhnlich finden.

In der That war aber alle seine Reue nur verstellt. Bey seiner Belagerung des Herzens der Tante Bramble, war er in der Berechnung ihrer Mitgabe durch einen Rechnungsfehler von wenigstens sechs tausend Pfund mißleitet; und über diesen Punct war er eben aus dem Irrthume gebracht worden. Er ergriff also die erste Gelegenheit, auf eine anständige Art sich ihre Ungnade zuzuziehen; dadurch die Unterhandlung rückgängig werden möchte; und er hätte keine sichrere Methode wählen können, als daß er ihren Hund mit dem Fuße stieß. Als er nach unserm Hause kam, der beleidigten Schöne seinen Respect zu bezeigen, ward er nicht vorgelassen, und ihm zu verstehen gegeben, daß er sie künftig niemals zu Hause finden würde. Gegen Derrick war sie nicht so unerbittlich, welcher kam und Genugthuung für die Beschimpfung verlangte, die sie ihm, mitten in seinem Gerichtssprengel, zugefügt hatte. Sie merkte sichs, daß es wohlgethan sey, mit dem Ceremonienmeister in gutem Vernehmen zu stehn, so lange man die Assembleesäle besuchen will; und weil sie gehört hatte, daß er ein Poet sey, so fieng sie an zu fürchten, er möchte sie in Reimen durchhecheln. – Sie entschuldigte sich also wegen dessen, was sie gethan, schob es auf den Schreck, den sie gehabt hätte, und unterzeichnete mit guter Art auf seine Gedichte; dergestalt, daß er völlig ausgesöhnt wurde, und sie mit Complimenten überhäufte. Er äußerte sogar den Wunsch, sich mit Jolly zu vertragen, welches aber der letztre ablehnte; und Derrick versicherte, wenn er in den Brunnenarchiven ein Beyspiel fände, die er des Endes sorgfältig durchsuchen wollte; so sollte ihr Günstling bey dem nächsten öffentlichen Frühstücke zugelassen werden. – Aber ich glaube sie wird es nicht wagen, weder sich noch ihn einem zweyten Unfalle bloß zu stellen. – Wer nun in ihrem zarten Herzen die Stelle des Mackilligut ersetzen wird, vermag ich nicht voraus zu sehn. Es wird aber niemand fehlgehn, der nur in der Gestalt eines Mannen erscheint. So eine fleißige und unerträglich eifrige Kirchengängerinn sie ist: so glaub ich doch auf mein Gewissen, sie würde gegenwärtig keine Einwendungen machen, sich mit einem Wiedertäufer, Quäcker oder Juden in Heyrathstractaten einzulassen, und solche schließen, wäre auch die Clausel dabey, daß die Frau der Religion des Mannes folgen sollte. Doch, vielleicht denk' ich zu arg von dieser Anverwandtinn; welche, ich muß es gestehn, eben keinen wichtigen Stein im Brette hat, bey

Ihrem

      Bath,
den 6ten May.

ergebensten 
J. Melford.

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An den Doctor Lukas.

Sie fragen mich: warum ich bey dem schönen Wetter nicht spatzieren reite? – In welcher Gegend des hiesigen Paradieses meynen Sie, daß ich mir diese Bewegung machen soll? Soll ich mich auf die Heerstraßen nach London und Bristoll begeben, und mich vom Staube ersticken, oder zwischen den Postwagen, Phaetons, Frachtkarren und Packpferden mit Kohlensäcken zu tode drücken lassen? Nicht zu gedenken, der Schwadronen von jungen Herrn, die die Heerstraßen bereiten, um zu zeigen, daß sie das Geld an den Stallmeister nicht umsonst ausgegeben haben; und der Menge Kutschen, in welchen die vornehmen Damen ausfahren, um ihren Staat sehn zu lassen. Soll ich mich auf die Dünen wagen, und mir dadurch das Herz aus dem Leibe abmatten, daß ich immer Bergan reite, ohne Hoffnung jemals die Spitze zu erreichen? So wissen Sie denn, daß ich schon verschiedne Ritte auf diese Höhen gethan habe, und allemal müde und matt von dem fruchtlosen Bestreben, in diesen Dunstkessel zurückgefallen bin; und hier schmachten und ringen wir arme Brunnengäste, wie eben so viele chinesische Schmerlen, die auf dem Boden einer Punschkumme nach Luft schnappen. Wahrhaftig, ich muß behext seyn, wenn ich mich nicht bald besprechen lasse und fortwische, so kann ich noch in diesem ekelhaften Schmorkessel von faulen Dünsten meinen Geist aufgeben. Nur noch vor ein paar Abenden stand es so und so, daß ich ohne alle vorgängige Warnung hätte öffentlich von der Lebensbühne abtreten müssen. Eine von meinen größesten Schwachheiten ist, daß ich mich durch die Meynungen solcher Leute beherrschen lasse, deren Urtheil ich verachte. Ich bekenne es mit Schaamröthe im Gesicht, daß ich keinem Bitten oder Zureden widerstehn kann. Dieser Mangel an Standhaftigkeit ist ein Fleck in meiner Natur, den Sie oft mit Mitleiden, wo nicht gar mit Verachtung müssen bemerkt haben. Ich fürchte, einige unsrer gerühmten Tugenden mögen von diesem Fehler hergeleitet werden können. –

Ohne weitere Vorrede. – Man hatte mich überredet nach einem Balle zu gehn, um Liddy eine Menuet mit einem leichtfüßigen jungen Zieraffen tanzen zu sehn, der der einzige Sohn eines reichen Häuserbauers in London ist, dessen Mutter in unsrer Nachbarschaft Zimmer bewohnt, und mit Tabby Bekanntschaft gemacht hat. Ich saß ein paar tödlich lange Stunden und erstickte fast in dem qualmigten Gedränge; und mußte mich wundern, daß so viele hundert Leute, die sich vernünftige Geschöpfe schelten lassen, ein Vergnügen daran finden könnten, nach und nach eine Anzahl beweglicher Maschienen vor sich herumwandeln zu sehen, die den ganzen Abend einerley unbedeutende Figuren durchgehen, auf einem Platze, der nicht breiter ist, als der Arbeitswinkel eines Schneiders. Wäre noch etwa Schönheit, Anmuth, lebhafte Bewegung, prächtige Kleidung, oder irgend eine andre noch so abgeschmackte Veränderung dabey gewesen, welche die Aufmerksamkeit beschäfftigt, oder die Imagination unterhalten hätte: so hätte michs nicht Wunder genommen; aber nichts von Alledem: es war eine Wiederholung eines und eben desselben schleichenden, sinnlosen Auftritts, vorgestellt von Schauspielern, die bey allen ihren Bewegungen zu schlafen schienen. Das ewige Rundgehen der Bilder vor meinen Augen machte endlich, daß mir mein Kopf auch rund gieng; der ohnedem schon von der verdorbnen Luft angegriffen war, welche durch so viele unreine menschliche Blasbälge zirculiren mußte. – Ich zog mich zurück nach der Thüre, und stund in dem Gange nach dem Nebenzimmer und sprach mit meinem Freunde Quin, als man mit den Menuetten aufhörte und die Bänke und Stühle wegräumte, um für die englischen Tänze Raum zu machen. Weil hier alles auf einmal aufstund, so ward die ganze Atmosphäre in Bewegung gesetzt. Und nun kam plötzlich ein egyptischer Wind auf mich los, so schwanger von pestilentialischen Dünsten, daß meine Nerven überwältigt wurden, und ich ohne Sinne zu Boden fiel.

Sie können sich leicht vorstellen, was dieser Zufall in solch einer Gesellschaft für Lärmen und Tummult machen mußte. Ich kam indessen bald wieder zu mir selbst, und fand mich in einem Lehnstuhle, umringt von meinen eignen Angehörigen – Schwester Tabby hatte mich bey ihrer Anwandlung von Zärtlichkeit auf die Folter gespannt, indem sie meinen Kopf unter ihrem Arme drückte, und mir die Nase so voller Hirschhornspiritus plätscherte, daß sie mir inwendig ganz wund geworden war. Ich war nicht so bald zu Hause angelangt, als ich zum Doctor Ch** schickte, welcher mich bey seiner Ankunft versicherte, ich brauchte nicht besorgt zu seyn, denn meine Ohnmacht wäre blos von einem zufälligen Eindruck, der durchdringenden widrigen Gerüche, auf meine zu empfindlichen Nerven entstanden. Ich weis nicht, wie andrer Leute Nerven beschaffen seyn müssen, aber man sollte doch denken, sie wären von recht groben Stoffe, daß sie einen so abscheulichen Angriff aushalten können. Es war wahrhaftig ein Mischmasch von infamen Gerüchen, in welchem der heftigste Gestank und die stärksten Parfüms um die Oberhand stritten. Bilden Sie sichs nur selbst ein; eine sublimirte Essenz von vermischten Düften, entstehend von scorbutischen Zahnfleische, eiternden Lungen, Dünsten aus dem Magen, alten Fontenellen, schwitzenden Füßen, offnen Schäden, Pflastern, Salben, Balsam, ungarischen-cöllnischen Lavendelwassern, Biebergeiltropfen, Biesam, Hirschhorngeist und Salvolatile; nicht zu gedenken tausenderley andrer widrigen Dünste, die ich nicht unterscheiden konnte. So, liebster Doctor, ist der liebliche Athem beschaffen, den wir in den feinen Gesellschaften zu Bath einhauchen müssen – So sieht der Dunstkreis aus, den ich mit der reinem elastischen, belebenden Luft der walischen Gebirge vertauscht habe. – O Rus, quando te aspiciam! – Ich kann nicht begreifen, welcher Satan sein Spiel gehabt –

Aber, kurze Haare sind bald gebürstet: mein Entschluß ist gefaßt – Sie können nur glauben, daß ich der Gesellschaft nicht noch einmal eine Comödie geben werde. Ich habs in einer bösen Stunde versprochen, nach London zu gehen, und Wort will ich halten, aber mein Aufenthalt daselbst soll kurz genug seyn. Meiner Gesundheit wegen habe ich eine kleine Reise nach den nördlichen Gegenden vor, welche, wie ich hoffe, mir einen angenehmen Zeitvertreib schaffen soll. Ich bin des Weges in meinem Leben noch nicht weiter gekommen, als bis Scarborough; und ich denke es ist mir, als einem brittischen freyen Bürger, eine Schande, so lange gelebt, ohne mich über die Tweed gewagt zu haben. Zudem hab' ich in Yorkshire noch anseßige Verwandte, und ich werde wohlthun, meinen Neffen und seine Schwester mit ihnen bekannt zu machen. Für itzt habe ich weiter nichts hinzu zu fügen, als daß Tabby den Stricken des irrländischen Baronets glücklicher Weise entgangen ist, und daß ich nicht ermangeln werde, Ihnen von Zeit zu Zeit die Folge unsrer Begebenheiten mitzutheilen. Ein Beweis der Hochachtung, den Sie vielleicht gerne schenkten

Ihrem

      Bath,
den 6ten May.

ergebensten Diener
M. Bramble.   

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

Mein liebster Philipps,

Vor einigen Tagen hatten wir einen großen Schreck, über eine Ohnmacht, die Onkel auf dem Balle bekam. – Er hat seitdem beständig auf seine eigne Thorheit geflucht, daß er auf das Zureden einer unverschämten Frau dahin gegangen ist. Er betheuret, er will eher nach einem Hause gehn, worinn die Pest ist, als ihn jemand wieder nach einem so unfläthigen Spitale bringen soll, denn er schwört darauf, daß der Zufall von dem Gestanke der Menge entstanden ist; und daß er keinen stärkern Beweis davon verlangt, von was groben Materialen wir gebaut seyn müssen, als daß wir den widrigen Qualm haben aushalten können, der ihn so untergehabt hat. Ich, meines Theils, danke dem Himmel für meine gröbern Sinne, weil ich dadurch nicht in Gefahr bin, der Zärtlichkeit meiner Nase zum Opfer zu werden. Onkel Bramble hat ein übertriebnes zartes Gefühl, sowohl der Seele als der Sinne. Doctor Lukas hat mir erzählt, daß er sich einst mit einem Officier von der Garde zu Pferde auf den Degen geschlagen hat, weil dieser sich, aus natürlichem Bedürfniß, an die Wand des Parks gekehrt hatte, als Onkel mit einer Dame am Arme vorbey gieng. Sein Blut kommt bey der geringsten Unanständigkeit oder Grausamkeit in Wallung, auch selbst dann, wenn es ihm eigentlich nicht im geringsten angeht; und er darf nur von Undankbarkeit erzählen hören, so klappern ihm die Zähne. Hingegen ermangelt eine Erzählung von einer großmüthigen, menschenfreundlichen, oder dankbaren Handlung niemals, ihm Thränen des Beyfalls abzulocken, die er oft in nicht geringer Verlegenheit ist, zu verbergen.

Gestern gab ein gewisser Paunceford auf eine besondre Einladung eine Theecollation. – Dieser Mann gieng, nachdem ihn allerley Widerwärtigkeiten lange verfolgt hatten, in fremde Länder; und Madame Fortuna, die entschlossen war, ihm ihre Sprödigkeit wieder einzubringen, setzte ihn auf einmal bis über die Ohren in Wohlstand. Er hat sich nun aus der Dunkelheit hervorgearbeitet, und glänzet in aller Pracht und Herrlichkeit unsrer heutigen reichen Männer. Ich höre nicht, daß jemand ihm etwas zur Last lege, welches nach den Gesetzen für unehrlich gehalten wird, und finde auch nicht, daß sein Reichthum ihn aufgeblasen oder hochmüthig gemacht hätte; er giebt sich vielmehr alle ersinnliche Mühe, umgänglich und gefällig zu erscheinen. Aber man sagt, daß er sich seinen vorigen Freunden merklich entzieht, welche größestentheils zu simpel und von zu geringem Stande waren, unter seinen itzigen vornehmen Bekannten zu erscheinen; und daß er unruhig zu werden scheint, wenn er einen von seinen alten Wohlthätern erblickt, die ein rechtschaffner Mann mit Vergnügen erkennen würde. – Dem sey wie ihm wolle, er hatte die Gesellschaft in Bath dergestalt an sich gezogen, daß, als ich mit Onkel des Abends nach dem Caffeehause gieng, wir nur einen einzigen Menschen daselbst fanden, der ziemlich bey Jahren schien, und beym Feuer saß und eine Zeitung las. Onkel, der sich dicht bey ihm niedersetzte, sagte zu ihm: »Es ist ein solches Getrage und Gefahre auf dem Wege nach Simpsons Hause, daß wir kaum haben durchkommen können. – Ich wünschte, diese Günstlinge des Glücks möchten auf löblichere Wege verfallen, ihr Geld unter die Leute zu bringen. – Mich däucht, mein Herr, Sie sind eben so wenig Liebhaber von dergleichen Lustbarkeiten, als ich?« – »Ich kann eben nicht sagen, daß ich viel Gefallen daran fände,« antwortete der Andre, ohne von dem Blatte aufzusehn. »Herr Serle, fuhr mein Onkel fort, ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche, aber ich kann der Neubegierde nicht widerstehn, zu erfahren, ob Sie bey dieser Gelegenheit eine Karte bekommen haben?«

Der Mann schien über diese Anrede zu stutzen, und hielt ein wenig inne, als ob er zweifelhaft wäre, was er antworten sollte. »Ich weis, daß meine Neubegierde unschicklich ist, fuhr Onkel fort, aber ich habe meine besondern Ursachen, warum ich Sie, um eine geneigte Antwort bitte.«– »Wenn das ist, versetzte Herr Serle, so will ich solche ohne Umschweif befrieden, indem ich gestehe, ich habe keine Karte erhalten. Aber, Herr, erlauben Sie mir nun auch, Sie zu fragen, warum Sie glauben, daß ich Ursach habe, von dem Herrn, der heute die Collation giebt, eine Einladung zu erwarten?« – »Ich habe meine eignen Gründe, sagte Onkel mit einiger Aufwallung, und bin nun mehr als niemals überzeugt, daß dieser Paunceford ein schlechter Kerl ist.« – »Mein Herr,« sagte der Andre, indem er die Zeitung weglegte, »ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen; aber ihre Worte sind etwas rätselhaft, und scheinen eine Erklärung zu verlangen. Die Person, von der Sie das so gradeweg sagen, ist ein Mann von ziemlichen Ansehen; und Sie können ja nicht wissen, ob ich nicht meine besondern Ursachen haben kann, seinen guten Namen zu vertheidigen« – »Wenn ich nicht das Gegentheil zu gewiß wüßte, versetzte der Andre, würde ich mich nicht soweit herausgelassen haben.« – »Erlauben Sie mir, sagte der Fremde mit lauterer Stimme, daß ich Ihnen sage: Sie haben sich wirklich zu weit herausgelassen, indem Sie solche Reden wagen.« –

Hier unterbrach ihn mein Onkel mit der spöttischen Frage, ob er itzt noch Donquichot genug sey, seinen Waffenhandschuh für einen Mann auf die Erde zu werfen, der ihn mit so undankbarer Vernachlässigung begegnete? »Ich, meines Theils, fügte er hinzu, will niemals wieder ein Wort über die Sache gegen Sie verlieren; und was ich eben gesagt habe, kam eben so viel aus Hochachtung gegen Sie, als Verachtung gegen ihn her.« Herr Serle nahm nun die Brille ab, betrachtete meinen Onkel ernsthaft und sagte in einem gemilderten Tone: »Ich bin Ihnen gewiß sehr verbunden – Ha! Herr Bramble! itzt erkenn' ich ihr Gesicht wieder, ob ich Sie gleich in vielen Jahren nicht gesehen habe.« – »Wir werden weniger fremd gegen einander geworden seyn,« antwortete Onkel, »wäre unsre Bekanntschaft nicht unterbrochen worden, durch ein Mißverständniß über eben diesen – Doch, Herr Serle, es thut nichts – Ich schätze Sie hoch, als einen rechtschafnen Mann, und meine Freundschaft, so wie sie ist, steht Ihnen zu Diensten.« – »Das Anerbiethen ist zu viel werth um es nicht anzunehmen, versetzte er; und als die erste Probe derselben, ersuch' ich Sie, von dieser Sache nicht mehr zu sprechen, weil sie für mich ganz besonders delicat ist.«

Mein Onkel gab zu, daß er Recht hätte, und die Rede kam auf allgemeinere Dinge. Herr Serle brachte den Abend in unserm Hause mit uns zu, und schien sehr verständig, ja sogar witzig zu seyn; doch hatte er einen großen Hang zur Melancholie. Mein Onkel sagt, er besitze ungemein viel Verstand und unbezweifelte Redlichkeit; sein Vermögen, das niemals beträchtlich gewesen, sey durch eine weitgetriebne Großmuth und Freygebigkeit, die er sehr oft, selbst auf Kosten seiner Klugheit an unwürdigen Menschen ausgeübt hätte, sehr geschmolzen. – Er habe Paunceford aus der niedrigsten Dürftigkeit gerissen, da er an Casse und guten Namen Banqueroutte gemacht hatte. – Er habe sich seiner mit einem gewissen Grad von Enthusiasmus angenommen, sey seinetwegen mit verschiedenen Freunden zerfallen, und habe sogar seinen Degen gegen meinen Onkel gezogen, als der aus guten Gründen an der Güte des moralischen Charakters besagten Pauncefords gezweifelt: daß ohne Serles Hülfe und Beystand der Andre niemals sich der Gelegenheit hätte zu Nutze machen können, die ihn zu diesem großen Reichthume gebracht hat: daß Paunceford in den ersten Entzückungen über sein gutes Glück, aus der Fremde Briefe an verschiedene Correspondenten geschrieben, worinn er seine Verbindlichkeit gegen den Herrn Serle in den wärmsten Ausdrücken der Dankbarkeit anerkannt, und betheuret habe, daß er sich blos als einen Faktor in den Geschäfften seines besten Freundes betrachtete; daß er ohne Zweifel dergleichen Betheurungen gegen seinen Wohlthäter selbst gethan haben würde, ob gleich dieser Letzte über diesen Punct allemal stillgeschwiegen und zurückgehalten hätte; daß aber seit einigen Jahren diese rednerischen Figuren beyseit gesetzt wären; Bey seiner Zurückkunft nach England wäre er gegen Serle recht verschwendrisch in Liebkosungen gewesen, hätte ihn zu sich genöthigt, und in ihn gedrungen, sein Haus als sein eignes anzusehn; hätte ihn mit allgemeinen Geständnissen fast übertäubt, und in Gesellschaft ihrer gemeinschaftlichen Bekannten die größeste Hochachtung gegen ihn ausgekramt: so daß jedermann geglaubt hätte, seine Dankbarkeit wäre eben so groß, als sein Reichthum, und einige wären so weit gegangen, Herrn Serle über beydes Glück zu wünschen.

Alle diese Zeit über wußte Paunceford aber ganz sorgfältig und listig jeder besondern Untersuchung mit seinem alten Patron auszuweichen, der zu hochherzig war, auch nur den geringsten Wink von abzurechenden Verbindlichkeiten fallen zu lassen. Indessen mußte einem Manne von seiner Denkungsart eine solche schändliche Vergeltung aller seiner Gutheiten empfindlich fallen, und derohalben entzog er sich seinem Umgange, ohne zu der geringsten Erklärung gekommen zu seyn, oder daß er sich von der Sache gegen eine lebendige Seele etwas hätte merken lassen; so daß ihre ganze Bekanntschaft dahin gediehen ist, daß sie die Hüthe vor einander abziehen, wenn sie sich zufälliger Weise an einem öffentlichen Orte antreffen; welches aber selten kömmt, weil ihre Wege weit von einander liegen. Paunceford wohnt in einem Pallaste, führt eine leckere Tafel, ist prächtig gekleidet, macht großen Staat mit Kutsch und Pferden, und bringt seine Zeit mit dem vornehmen Adel des Landes hin. Serle wohnt in einem engen Gäßgen, auf einem Hinterzimmer drey Treppen hoch, geht zu Fuß in einem Berg op zoom, ißt an einem Tische für eine halbe Guinee die Woche, und trinkt Wasser, das ihm der Doctor gegen das Podagra und den Stein verordnet haben muß! – Sehn Sie, wies in der Welt geht! Paunceford wohnte vordem auf einer Dachkammer, wo er von Schaafs- und Kühfüßen lebte, von welchen Mahlzeiten er an Serle's Tisch gezogen ward, der immer mit guten Speisen besetzt war, bis der Mangel an haushälterischer kluger Sparsamkeit ihn in seinen alten Tagen auf ein so geringes jährliches Einkommen herabsetzte, daß er sich damit kaum die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens verschaffen kann. – Indessen erzeigt ihm Paunceford die Ehre, noch immer mit ungemeiner Hochachtung von ihm zu sprechen, und zu betheuren, was es ihm für ein Vergnügen seyn würde, wenn er auf irgend eine Art ihm etwas zu gefallen zu thun wüßte; »aber Sie wissen,« (unterläßt er niemals hinzuzusetzen,) »er ist ein Mann, dem man nicht gut beykommen kann – und dabey ein solcher Philosoph, daß er auf allen Ueberfluß mit der größesten Verachtung herabsieht.«

Nach der Skitze, die ich Ihnen von Pauncefords Charakter gegeben habe, brauche ich keine Anmerkungen darüber zu machen; und überlasse ihn also, wie er da ist, auf Gnade und Ungnade ihren eignen Betrachtungen, von denen, weis ich, wird er ebenso wenig Pardon erhalten, als von

Ihrem

     Bath,
den 9ten May.

allezeit ergebnen
J. Melford. 

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An Jungfer Maria Jones, zu Brambleton-hall

Meine liebe Mieckchen,

Wir stehn hier alle aufn Sprung – Heysa! es geht nach London, Mädchen! – Wir sind einmal lange genug hier gewesen; denn es geht hier kunterbunt her. – Meine Fröhlen will nicht mehr von Sir Ulic was wissen, davor daß er ihren Scholly gestoßen hat; und ich habe O Frizzle seine Wege scheren heissen, und habe ihm eine Floh ins Ohr gesetzt. – Ich habe ihm sehen lassen, daß ich mich wenig um seinen Funzelstaat und seinen langen Haarschwanz bekümmere – Ein Kerl, der sich nicht einmal was schämt, sich vor meiner sichtlichen Nase mit einer lumpichten Hausmagd herum zu recken und zu trecken. – Ich habe ihn so auf frischer That erwischt, als er aus der Flirtje ihrer Kammer heraus kam. Aber ich habe der Karnalje wieder was eins angehängt. O Mieckchen! die Mädchens in Bath sind Ihr rechte Höllenbesems. – Die Diestmädchens mein, ich. Hier ist nichts als Konkettiren, und Schlampampen, und Stehlen, und Picken, und Wegschleppen; und denn können sie niemals genug kriegen; unsere Herrschaft ist ihnen schon viel zu lange hier, weil wir, so zu sagen, schon drey Wochen im Hause sind; und sie passen auf die paar Guineen Trinkgeld ein jeder, wenn wir weggehn; und das meinen sie, müssen sie in der Brunnenzeit alle vier Wochen haben; als ob keine Herrschaft länger als vier Wochen in ein Haus bleiben könnte; und nun flucht und schwert die Köchinn, sie will Fröhlen das Tischlaaken an die Sahloppe stecken, und die Hausmagd hat sich verheissen, sie will den Herrn Staub aus 'ner Striegel ins Bette streuen, wenn er nicht bald ausziehen will. – Ich sage kein Wort davon, daß sie nehmen, was sie kriegen können, an Trinkgeld und Schwenzelgeld; und des Gottseybeyuns seine Großmutter soll michs nicht nachsagen, daß ich den Fuchsschwanz streiche, oder ein armen Dienstbothen nichts gönne – Aber so sollten sie auch ein christlich Gewissen haben, und den Leuten das Ihrige lassen, die sichs um ihr Lohn und Brodt auch sauer werden lassen müssen, so gut als sie. Denn, was meint Sie wohl, Mieckchen? mich sind dreyviertel Ellen Blondenspitzen weggekommen, und ein Stuven Mußlihn, und mein silberner Fingerhuht; den ich einmal auf die Echt und Treue kriegte. Das war alles in meine Nehlahde, die ich in die Gesindestube aufn Tische hatte stehn lassen, als Fröhlen klingelte; aber wenn ichs auch schon unter zehn Schlössern gehabt hätte, das hätte nichts geholfen; denn sie haben Nachschlüssel zu allen Schlössern hier in Bath; und die Rede geht, daß man die Zehne im Munde nicht sicher behalten kann, wenn man mit offnen Munde schläft; und da dacht ich: was keine Fittige hat, das kann doch nicht wegfliegen; und ich will einmal hintern Ofen leuchten; und ich meine, ich thats; und da wars, daß ich die Lischen mit den O Frizzle beysammen fund. Und weil die Köchinn mir tückisch war, dafür daß ich Schollis seine Partie genommen, als er mit den Bratenwenderhunde Specktackel hatte, nun so dacht ich, will ich 'mal reinen Schornstein machen, und ein Bischen von ihr Fett ins Feuer werfen. Ich paßte der Scheuerfrau auf, als sie mit ihrer Tracht fortgehn wollte, des Morgens ganz früh, da sie dachten, ich schliefe noch, und führte sie mit der ganzen Herrlichkeit nach Fröhlen hin.– O was meint Sie wohl, was die alle eingeladen hatte? Sollt Sie's wohl glauben? Ihre Eimer waren gestrichen voll von unser bestes Bier, in ihrer Schürze hatte sie eine kalte Ochsenzunge, Stück Rindfleisch von der Langenribbe, ein halben Kalkutenbraten, ein grossen Fetzen Butter und die Endchen von zehn Kerzen, die eben erst angebrannt waren. Die Köchinn war ein verwegnes Mensch, die focht' es aus und sagte, es käme sie von Rechtswegen zu, die Speisekammer aufzuräumen; und sie fürchtete sich nicht für dem Richter zu gehn; der hätte ihr schon viele Jahre was gebraucht, wenn sie krank gewesen wäre; und der würde ein armen Dienstbothen nichts darum thun, wenn sie den Küchenabfall armen Leuten schenkte. – Mit Mamsell Lischen gieng ich ein ander Gängelchen, denn sie war naseweis gegen mich gewesen, und hatte mich ausgelästert, und hatte gesagt, O Frizzle möchte mich nicht leiden, und so ein Schock noch mehr stinkende Lügen. Ich kriegte ein Befehl von den Richter, und als der Herrndiener ihre Laden sisitirte, da kamen alle meine Sachen an den Tag, und noch ein ganz Pfund neue Waxlichter dazu, und eine Nachthaube, die ich mit meinen körperlichen Eid beschwören konnte, daß sie meine Fröhlen gehörte – O was konnte das lumpen Mensch nun gute Worte geben! und weil der Herr nichts von Hinsetzen hören wollte, so ist sie dießmal noch dem Kaake entgangen, aber so lange sie lebt wird sie an mich denken, und vergeß Sie nicht

Ihre

      Bath,
den 15ten May.

geliebte Freundinn und Dienerinn
Winifred Jenkins.       

NB. Wenn der Bothenmann noch wieder hier kommt, ehe wir weg sind, so sey Sie so gut, und schicke mir das Hempde und die Schürze und die weisen Kalmankene Schuh, welche sie in meine Küssenbühren finden kann, und bitte Salmeh zu grüßen. Adjeh!

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

Sie haben Recht, mein liebster Philipps; ich erwarte keine regelmäßige Antworten auf jeden Brief. – Ich weis, das Leben in einem Collegio ist zu eingeschränkt, daß es Materie zu einem starken Briefwechsel liefern könnte. Ich hingegen verändre alle Augenblick den Auftritt, und bin mit neuen Gegenständen umgeben, wovon einige merkwürdig genug sind. Ich will also mein Tagebuch zu Ihrem Vergnügen fortsetzen; und ob es gleich, nach aller Wahrscheinlichkeit, nicht von sehr interressanten und wichtigen Dingen handeln möchte, so kann es doch vielleicht nicht ohne allen Nutzen seyn, und wenns auch nur Ihnen ein paar leere Stunden ausfüllte.

Die Musik, Bälle und Assemblees sind für diesen Frühling zu Bath vorbey; und alle unsere bunten Sommervögel haben schon ihren Zug nach Bristol-Well, Tunbridge, Breighthelmstone, Scarborough, Harrowgate, u. s. f. genommen. Man sieht hier keine Seele mehr, als ein Haar kurzathmige Prediger, die als so viel Krähen auf der Nordparade herum stapfen. Man hat hier das ganze Jahr durch den Anblick von vielen Geistlichen. Keine von den dünnen, kleinen, bleichgelben, hektischen Figuren, die von Enthaltsamkeit und Studieren matt und mager sind, und mit der gelehrten Krankheit ringen; sondern große, starke Männer von Fett und Pfründen, mit kupfernen Nasen und podagrischen Aenkeln, oder viereckig breiten Gesichtern und großen fetten Hängebäuchen; den Kennzeichen eines müßigen Lebens und geschwächten Magens.

Nun wir doch einmal bey dem Kapitel » jener Pastor« sind, muß ich Ihnen ein lustiges Abentheuer erzählen, welches vor einigen Tagen Tom Eastgate bestund, den Sie noch aus der Königinnstifte her kennen werden. Eastgate war mit einem gewissen Georg Prankley bekannt, der im Christchurch-Collegio in der Kost war, und weil er wußte, daß Prankley einmal große Güter erben und eine einträgliche Pfründe zu vergeben haben würde, deren Besitzer schon alt und kränklich war, so drängt' er sich sehr fleißig an ihn. Er studierte seine Leidenschaften aus, und wußte solchen so nachdrücklich zu schmeicheln, daß er sein Spießgesell und Rathgeber ward, und zuletzt ein Versprechen erhielt, daß er ihn präsentiren wolle, wenn die Pfründe erledigt würde. Als Prankley's Onkel starb, verließ er Oxford, und that seinen ersten Auftritt in der großen Welt zu London; von da kam er neulich nach Bath, wo er unter den jungen Herrn mit Eichenknitteln und den Spielern von Profession zusehn gewesen ist. Eastgate folgte ihm hierher; allein er hätte Prankley von seinem ersten Schritte in die Welt an nicht verlassen sollen. Er hätte wissen müssen, daß es ein thörichter, windiger, unbeständiger Kerl ist, der seine Universitätsfreunde vergessen würde, so bald er sie nicht mehr vor den Augen hätte. Eastgate ward von seinem alten Freunde ganz kaltsinnig empfangen; und überdem bekam er zu hören, daß die Pfründe einem andern Manne zugesagt sey, der eine Stimme bey der Wahl hätte, wobey sich Prankley als ein Candidat zum Parlamentsgliede anzugeben willens sey. Er erinnerte sich von Tom Eastgate nichts weiter, als der Freyheiten, die er sich gegen ihn zu nehmen gewohnt war, und die Tom, mit einem Auge auf die Pfründe, ganz geduldig gelitten hatte; und diese Freyheiten fieng er an zu wiederholen, indem er zur Gemüthsbelustigung der Gäste auf dem öffentlichen Caffeehause die Alltagssatyren über seinem Stand und seine Kleidung gegen ihn zu Markte brachte. Allein darinn hat er sich gröblich geirret, daß er Eastgates zahme Geduld seinem eignen Witze zugeschrieben, die nur blos von klugen Absichten herrührte. Da diese itzt wegfielen, so gab er ihm seine witzigen Einfälle mit guten Interressen wieder zurück, und fand es nicht schwer, das Gelächter über den angreifenden Theil zu bringen, welcher die Geduld verlor, ihm Grobheiten sagte, und fragte: ob er wohl wüßte, mit wem er redete. Nach vielen Neckereyen hob Prankley seinen Stock auf, und hieß ihn das Maul halten, oder er wollte ihm den Priesterrock ausklopfen. »Ich verlange einen solchen Diener nicht, sagt Eastgate, wollten Sie aber ja den Dienst verrichten, und Sie erhitzten sich dabey: es so hab ich hier eine eichne Handzwehle, womit ich Ihnen den Schweiß abtrocknen kann.«

Prankley ward über diese Antwort voller Aerger und Schaam. Nach einem Augenblick Bedenken zog er ihn beyseite ans Fenster, und indem er ihm ein Tannengebüsch auf Clerken-Down zeigte, fragte er ihn leise: ob er wohl Herz genug hätte, morgen früh um sechs Uhr mit ein paar Pistolen dahin zu ihm zu kommen? Eastgate bejahte die Frage, und versicherte ihn mit einer gesetzten Miene, er würde nicht ermangeln, sich zur bestimmten Stunde einzufinden. Mit diesen Worten verließ er ihn, und der Ausfoderer blieb einige Zeit in merklicher Unruh stehen. Des Morgens gieng Eastgate, der seinen Mann kannte und seinen Entschluß gefaßt hatte, nach Prankley's Zimmer, und weckte ihn schon um fünf Uhr auf.

Der 'Squire fluchte, nach aller Wahrscheinlichkeit, in seinem Herzen auf diese Pünctlichteit, zwang sich aber, und sprach aus einem hohen Tone; und weil er sein Feuergewehr schon den Abend vorher bereitet hatte: so ließen sie sich am Ende der Südparade übers Wasser setzen. So wie sie den Hügel hinan stiegen, sah Prankley dem Candidaten oft ins Gesicht, in Hoffnung, einige Merkmale eines niedergesunknen Muthes zu erblicken; da aber kein solches Merkmal erscheinen wollte, so dachte er ihn mit Worten zu schrecken und sagte: »Wenn diese Steine nur nicht versagen, so soll deine Geschichte in ein paar Minuten zu Ende seyn.« – »Thun Sie Ihr Bestes, versetzte der Andre; ich komme auch nicht hierher zu scherzen. Unser Leben steht in Gottes Hand; und einer von uns beyden steht schon am Rande der Ewigkeit.« – Diese Worte schienen einen Eindruck auf den 'Squire zu machen, welcher die Farbe veränderte, und mit stotternder Stimme anmerkte: »Es stünde einem Geistlichen schlecht an, sich in Händel und Blutvergießen einzulassen« – »Hätten Sie nur mich beleidigt, sagte Eastgate, so würde ichs mit Geduld ertragen haben, aber Sie beschimpften auf die schändlichste Weise meinen Orden, dessen Ehre ich mich für verbunden halte zu vertheidigen, und sollte es mir auch das Blut aus meinem Herzen kosten; und es kann keine Versündigung seyn, einen elenden lüderlichen Menschen aus der Welt zu schaffen, der nicht das geringste Gefühl von Ehre, Moral oder Religion besitzt.« – »Mein Leben kannst Du mir nehmen, rief Prankley in großer Beängstigung, aber raube mir nur nicht auch den guten Namen. – Wie? – Hast Du denn gar kein Gewissen mehr!« – »Mein Gewissen ist völlig ruhig,« versetzte der Andre; »und nun, mein Herr, sind wir wo wir seyn wollten – Nehmen Sie Ihr Ziel so nah, als es Ihnen beliebt; zielen Sie recht, und Gott sey nach seiner unendlichen Barmherzigkeit Ihrer armen Seele gnädig!«

Dieses Stoßgebet sagte er in einem lauten, feyerlichen Tone, mit abgezognem Huth und in die Höhe geschlagnen Augen; hierauf zog er eine große Reitpistole hervor, zog sie auf und setzte sich in die Stellung zum Schießen. Prankley nahm seine Distanz, wollte spannen, aber seine Hand zitterte so gewaltig, daß er es unmöglich fand. – Sein Gegner, der sah, wie es um ihn stund, erbot sich ihm zu helfen, und gieng deshalb zu ihm; worauf der arme 'Squire, den alles, was er gehört und gesehen hatte, äußerst bange machte, wünschte, das Duell möchte bis den folgenden Tag ausgesetzt werden, weil er seine Sachen noch nicht in Richtigkeit gebracht hätte. »Ich habe noch kein Testament gemacht, sagt' er; meine Schwestern sind noch nicht versorgt, und eben fällt mir eine alte Zusage ein, die ich nach meinem Gewissen erfüllen muß – Erst will ich Dich überführen, daß ich kein elender Mensch ohne Grundsätze von Ehre bin, und dann will ich Dir Gelegenheit geben, mein Leben zu nehmen, wornach Du so durstig scheinst.«

Eastgate verstund den Wink, und sagte ihm, daß ein Tag so viel eben nicht machte; wobey er hinzufügte »Gott bewahre mich, daß ich Sie verhindern sollte, die Pflichten eines ehrlichen Mannes und treuen Bruders zu erfüllen« – Vermöge dieses Waffenstillstandes kamen sie in Frieden zurück. Prankley fertigte alsobald die Präsentation zu der Pfründe aus, stellte solche Eastgate zu, und sagte dabey: er habe nun seine Sachen in Ordnung gebracht, und wäre bereit, ihn nach dem Tannenbusche zu begleiten; aber Tom versicherte, es konnte ihm nicht einfallen, seine Hand wider einen so großen Wohlthäter aufzuheben – Er gieng noch weiter: als sie einander das nächste Mal auf dem Caffeehause sahen, bat er Herrn Prankley um Vergebung, wenn er in der Hitze etwas gesagt haben sollte, das ihn beleidigt hätte; und der 'Squire war so gütig, ihm zum Zeichen der Vergebung die Hand zu schütteln, und zu versichern, er möchte nicht gerne mit einem Schulfreunde in Uneinigkeit leben. – Indessen machte er sich des folgenden Tages plötzlich von Bath fort; und alsdann erzählte mir Eastgate alle diese Umstände mit nicht geringer Freude über seine Klugheit, die ihm zu einem jährlichen Einkommen von hundert und sechzig Pfund Sterling verholfen hatte.

Von meinem Onkel hab' ich Ihnen heute wenig zu sagen; nur daß wir morgen alle miteinander nach London abgehen. Er und das Frauenzimmer mit der Aufwärterinn und Jolly in einer Kutsche; ich und der Diener zu Pferde. Was uns auf der Reise begegnet, sollen Sie in meinem nächsten Briefe erfahren, voraus gesetzt, daß kein schlimmer Zufall daran verhindert

Ihren

      Bath,
den 17ten May.

ergebensten   
J. Melford.

An den Doctor Lukas.

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Liebster Freund,

Morgen reis' ich nach London, woselbst ich bey Frau Norton in Goldensquäre bereits Zimmer bestellt habe. Ich gehöre nicht unter die Bewundrer von Bath, und dennoch verlasse ichs ungerne, weil ich mich von verschiedenen alten Freunden trennen muß, die ich, nach aller Wahrscheinlichkeit niemals wieder sehen werde. Auf dem Caffeehause hatte ich der Arbeiten eines gewissen Herrn T** mit großem Lobe erwähnen gehört, welches ein Mann ist, der hier wohnt und zu seinem eignen Zeitvertreibe Landschaften mahlet. Weil ich eben nicht viel Zutrauen zu dem Geschmacke und dem Urtheile der Kenner aus den Caffeehäusern habe, und mir auch diese Gattung der Kunst noch niemals viel Vergnügen gewähret hatte: so machten diese allgemeinen Lobsprüche nicht den geringsten Eindruck auf meine Neugierde; allein auf das Zureden eines besonders guten Freundes, gieng ich gestern, die Stücke zu besehen, die ich mit so vieler Wärme hatte rühmen hören. – Ich muß gestehn, daß ich nicht von der Mahlerey urtheilen kann, ob ich gleich gerne Gemählde sehen mag. Ich denke nicht, daß meine Sinne mich so weit hintergehen sollten, mich zu verleiten, eine Sache zu bewundern, die gänzlich schlecht wäre; aber das ist doch gewiß, daß ich bey Stücken von ganz vorzüglichem Werthe oft Hauptschönheiten übersehen habe. – Wenn ich indessen nicht gänzlich ohne allen Geschmack bin: so ist der junge Mann hier zu Bath der beste lebende Landschaftsmahler. Ich ward von seinen Werken so überrascht, als ich noch in meinem Leben von keiner Mahlerey überrascht worden bin. Seine Bäume haben nicht allein einen Reichthum an Laube und eine Wärme in der Farbengebung, welche das Auge entzückten; sondern auch eine gewisse Pracht in der Anordnung und Kühnheit im Ausdruck, die ich nicht beschreiben kann. Seine Behandlung des chiaro oscuro, oder Lichts und Schattens, besonders die unvermutheten Sonnenblicke, sind zum Bewundern schön, sowohl in der Erfindung als der Ausführung; und er ist so glücklich in der Perspective, und weis die Entfernungen zur See durch eine fortschreitende Verkettung von Böten, Schiffen, Anfurten, Vorgebirgen, u. s. w. so schicklich anzudeuten, daß ich mich nicht erwehren konnte zu glauben, ich sähe im Hintergrunde des Gemähldes in eine Ferne von acht bis zehn Meilen. Wenn für unsere Zeiten, die fast wieder in die Barbarey zurücksinken, noch einiger Geschmack an Geschicklichkeiten nachgeblieben ist: so muß der Künstler ein großes Aufsehn machen, sobald nur seine Arbeiten bekannt werden. –

Vor zween Tagen ward ich mit einem Besuche von Herrn Fitzowen beehrt, der mich mit vielen Complimenten um meine Stimme und Fürsprache bey der nächsten Parlamentswahl ersuchte. Ich hätte mich über die Zuversichtlichkeit dieses Mannes nicht entrüsten sollen; ob sie gleich sehr weit gieng, wenn man bedenkt, was bey einer ähnlichen Gelegenheit zwischen ihm und mir vorgegangen ist – Dergleichen Besuche sind bloße äußerliche Höflichkeiten, die ein Candidat jedem Wahlmanne erzeigt, selbst denen, von welchen er weis, daß sie für seinen Mitwerber stimmen, damit er nicht Anlaß geben möge, ihn zu einer Zeit für stolz zu halten, da man von ihm erwartet, daß er demüthig scheinen soll. Wahrhaftig, ich weis nichts so niederträchtiges in der Welt, als das Betragen eines Mannes, der es auf eine Parlamentsstelle anlegt. – Diese kriechende Erniedrigung (gegen Wahlmänner in kleinen Flecken besonders,) hat nach meiner Meynung ein Großes beygetragen, den groben Trotz des gemeinen Volkes los zu lassen, den man gleich dem Teufel sehr schwer zu bändigen finden wird. Dem sey wie ihm wolle, ich ward über die Unverschämtheit des Fitzowen ein wenig betreten; allein ich faßte mich bald wieder und sagte ihm, daß ich noch nicht entschlossen wäre, wem, oder ob ich gar meine Stimme geben sollte. – Die Wahrheit zu sagen, kommt mir ein Candidat so gut vor, als der andre, und ich würde mich als einen Verräther der Verfassung meines Vaterlandes ansehn, wenn ich einem meine Stimme gäbe. Wenn das ein jeder Wahlmann gewissenhaft bedächte, so würden wir nicht so viel Ursache haben, über Bestechereyen der Parlamentsglieder zu schreyen. Aber wir sind alle ein Pack feiler Kerls, so taub gegen alles Gefühl von Redlichkeit und gewissenhafter Rechtschaffenheit, daß ich völlig überzeugt bin, wir werden in kurzer Zeit nichts andres weiter für schimpflich halten, als Tugend und Liebe fürs Vaterland.

G. H** – Der wirklich ein enthusiastischer Patriot ist, und die Hauptstadt in verschiednen Parlamenten hintereinander vorgestellet hat, versicherte mich vor einigen Tagen mit Thränen in den Augen, daß er über dreyßig Jahre lang in der Stadt London gewohnt, und nach und nach mit allen Bürgern von Ansehn Geschäffte gehabt habe, er bezeugte aber vor Gott, daß er in seinem ganzen Leben nicht über drey oder viere gefunden habe, die er durchaus ehrlich nennen könnte: eine Versichrung, die mich mehr demüthigte als wunderte, weil ich selbst unter meinen Bekanntschaften so wenig würdige Männer gefunden habe, das solche blos eine Ausnahme machen, und Ausnahmen, heißt es, bestätigen die Regel – Ich weis, Sie können mir sagen, G. H** konnte durch den Nebel des Vorurtheils nicht deutlich genug sehen, und ich stehe unter der Herrschaft meines Spleens – Vielleicht! Sie haben wohl nicht ganz Unrecht; denn ich habe bemerkt, daß meinen Meynung von den Menschen, wie der Merkur in einem Thermometer, mit der Veränderung des Wetters steigt und fällt.

Seyn Sie doch so gut, und thun mit Barnes die Rechnung ab; nehmen Sie, was er für Geld für mich in Händen hat, und quittiren ihn. Wenn Sie meynen, daß Davies so viel Geld oder Kredit hat, auf dem Vorwerke durchzukommen, so geben Sie ihm eine Quittung über die verfallne Pachtsumme; das wird seinen Fleiß ermuntern; denn ich weis, daß einen Pächter nichts so sehr niederschlägt, als der Gedanke, daß er mit dem Guthsherrn im Rückstande steht. Er wird muthlos und vernachläßigt seine Arbeit, und darüber geht die Landwirthschaft zu Grunde. Tabby hat sich einige Tagelang ungeberdig gestellt über das Lammfell, warum mich der Tagelöhner Williams ansprach, als Sie ihn neulich nach Bath zu mir geschickt hatten. Ich bitte Sie, lassen Sie sichs von ihm wiedergeben, und bezahlen ihm, was es kosten mag, damit ich nur einigermaßen Frieden im Hause habe. O! ich werde mirs in meinem Leben nicht beygehn lassen, über einen Mann zu spotten, der unterm Pantoffel steht; da mir mein Gewissen sagt, daß ich selbst vor einem Hausdämon zu Kreutze kriechen muß, da ich doch (dem Himmel sey es gedankt!) nicht einmal auf zeitlebens mit ihr an den Ehestandspflug gespannt bin. – Sie hat mit dem Hausgesinde über Trinkgeld und Küchenabfall einen Lärm angefangen; und das hat ein solches Gezänke und Geschelte von beyden Seiten gegeben, daß ich nur Gott gedankt habe, die Köchinn und Hausmagd verstohlner Weise zu besänftigen. Können Sie denn keinen armen Landjunker in ganz Wäles finden, der diese kostbare Waare abnehmen wollte,

Ihrem

      Bath,
den 19ten May.

ergebensten 
M. Bramble.

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An den Doctor Lukas.

Hochedler
    Hochgelahrter Herr Doctor,

Nach meiner Meynung hätten Ew. Hochedlen wohl Ihre Gaben zu was Anderm anwenden mögen, als daß Dieselben dem Dienstvolke den Rücken halten, wenn sie die Herrschaften bestehlen – Ich habe von der Guillims vernommen, daß Williams mein Fell in die Klauen gekriegt hat, und deswegen ist er ein Schurke, Hochedler Herr. Er hat aber nicht nur mein Fell gepackt, sondern kommt mir auch über meine Buttermilch, damit er seine Färkeln mästet; und ich glaube er wird auch nun wohl bald mein Pferd nehmen, daß seine Mamsell Tochter drauf nach der Kirche und dem Markte reiten kann. So oft ich was höre, so ists, Williams hat dieß, Williams hat das geschenkt gekriegt, aber ich sags Ew. Hochedeln, das Williamsen soll einmal ein Ende haben. Ich will mich nicht mehr so williamsen lassen, es sey von wem es wolle! und ich kann Ew. Hochedeln nicht bergen, daß michs sehr Wunder nimmt, was Sie sich in meine Sachen mischen, wegen der Flockwolle und Felle von der Heerde. Ich hätte mir wohl für was Rechtes so viele Sorgen und Mühe gemacht, um meines Bruders Haushaltung zu beknappen und zu besparen, wenn ich nicht einmal so viele Wolle als zum Unterrocke für mich behalten könnte. Und in die Buttermilch, das kann ich Ew. Hochedeln sagen, da soll, mit meinem guten Willen, kein Schwein im ganzen Kirchspiel wieder die Nase einstecken. Hier ist ein weltberühmter Doctor, der verschreibt sie seinen Patienten, wenn die Krankheit schwindsüchtig ist, nun die Schottländer und die Irrländer haben schon so stark darinne getrunken, daß in der ganzen Nachbarschaft von Bristoll kein Tropfen für die Schweine mehr zu haben ist. Sie sollen mir zu Hause die Buttermilch auf Tonnen füllen, und zweymal die Woche nach Aberghanny schicken, da kann das Quartier für einen Dreyer ausgemessen werden – und Williams kann sehn, wo er anderwärts Buttermilch für seine Färkeln herkriegt – Ich habe das gute Zutrauen, Ew. Hochedeln werden meinem Bruder nicht wieder solche närrische Grillen in den Kopf bringen, die mir in meinen Beutel schneiden; sondern mir geneigteste Gelegenheit geben (wovon ich bis itzo noch nicht viel Rühmens machen kann,) daß ich die Ehre haben könne, mich zu nennen,

Ew. Hochedlen

      Bath,
den 19ten May.

dienstwillige Dienerinn
T. Bramble.     

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

Ohne Ihre Antwort zu erwarten, mein liebster Philipps, fahre ich fort, Ihnen eine Nachricht von unsrer Reise nach London zu geben, die nicht ganz leer von Abentheuren gewesen ist. Vorigen Donnerstag setzte sich Onkel in eine mit vier Pferden bespannte Miethkutsche, mit seiner und meiner Schwester und Tante Tabby's Putzmägdchen, welche das Amt hatte, Joly auf einem Kissen auf dem Schooße zu halten. Ich konnte mich kaum des Lachens erwehren, als ich in den Wagen guckte, und das Thier, wie einen ordentlichen Passagier, gerade gegen meinem Onkel übersitzen sah. Der 'Squire ward aus Schaam über seine Situation roth bis an die Ohren, rufte den Postillion, er sollte fortfahren, und zog mir das Glas vor der Nase auf. Ich und John Thomas begleiteten sie zu Pferde.

Es fiel nichts vor, das der Mühe werth wäre zu erzählen, bis wir oben auf die Dünen von Marlborough gekommen waren. Hier stürzte eins von den Vorderpferden, als der Postillion in einem artigen Trott den Hügel hinab fuhr. Durch sein Bestreben, den Wagen aufzuhalten, führte er ihn an der einen Seite in eine tiefe Gleise, und da lag er! Ich war ein paar hundert Schritte voraus geritten, und als ich ein lautes Geschrey hörte, jagte ich zurück und stieg ab, um zu helfen was ich konnte. Wie ich in den Wagen sahe, konnte ich nichts von einander unterscheiden, als den Unterende der Jenkins, welche mit den Füßen in der Luft focht' und dabey erbärmlich schrie. Auf einmal brachte Onkel seinen bloßen geschornen Kopf zum Vorschein, und sprang so leicht aus dem Fenster wie ein Heupferd, indem er Jenkins Hintertheile als einem Fußschemmel gebraucht hatte, sich zu heben. Thomas, der gleichfalls abgesessen war, zog diese betrübte Nymphe mehr todt als lebendig durch eben dieselbe Oeffnung ans Tageslicht. Nun nahm Onkel hastig die Thüre aus den Angeln, faßte Liddy beym Arm und brachte sie heraus, sehr erschrocken, aber wenig beschädigt. Mir fiel das Loos, Tante Tabitha zu befreyen, die im Gedränge ihre Haube verloren hatte; sie war dabey mehr als halb außer sich selbst, vor Wuth und Angst, und machte eine nicht üble Vorstellung von einer der drey Grazien, welche die Pforten der Hölle bewahren – Sie zeigte nicht die geringste Besorgniß um ihren Bruder; der ohne Perücke in der kalten Luft herum lief und mit bewundernswürdiger Hurtigkeit arbeiten half, die Pferde loszumachen: sondern sie schrie und heulte: »Joly! Joly! Mein armer Joly ist gewiß todt gedrückt!«

Das war er gleichwohl nicht – Joly, nachdem er in dem Geschüttle des Umfallens meinem Onkel ins Bein gebissen, hatte sich unter den Sitz verkrochen, und von da holte ihn der Diener beym Nacken hervor; für diesen Liebesdienst biß er ihn in die Finger bis auf die Knochen. Der Kerl, der ohnedem von keiner freundlichen oder gelassenen Gemüthsart ist, ward über diesen Angriff so ergrimmet, daß er ihm einen herzlichen Stoß in die Ribben versetzte, und dabey ausrufte: »Hol der Schinder das häßliche Ludervieh, mitsammt dem, der dich mitschleppt!« Dieser freundliche Wunsch ward von der gestrengen Jungfrau, seiner Herrschaft, keinesweges überhört – Ihr Bruder überredete sie gleichwohl, nach einem Bauerhause zu gehen, das nicht weit von dem Unglücksplatze lag, woselbst er und sie ihre Häupter bedeckten, und die Jenkins ihre hysterische Ohnmacht abwartete. – Unsre nächste Sorgfalt war, ein Pflaster auf seine Wunde am Beine zu legen, welche Jolys Zähne gemacht hatten, allein er that seinen Mund nicht auf gegen den Beleidiger – Tante Tabby mochte dabey nicht wohl zu Muthe werden – »Du sagst kein Wort, Matthias, sagte sie, aber ich weis, was du denkst – Ich weis, wie gehässig du dem armen verlaßnen Thiere bist! Ich weis, du sinnst darauf, ihn bey Seite zu bringen!« – »Du irrst dich, auf meine Ehre« (versetzte der 'Squire mit einem beissenden Lächeln,) »es kommt mir nicht ein, ein so grausames Vorhaben gegen ein so sanftes liebenswürdiges Geschöpf zu hegen; wenn es auch nicht einmal das Glück hätte, dein Liebling zu seyn.«

John Thomas war nicht delicat. Der Kerl, ob er nun wirklich so besorgt für sein Leben war, oder ob ihn blos die Rachsucht antrieb, kam herein, und verlangte ohne viele Ceremonien, der Hund müßte getödtet werden; weil sonst, wie er meynte, wenn er hernach einmal toll werden sollte, ers auch werden müßte, da er ihn gebissen hätte – Mein Onkel stellte ihm ganz gelassen vor, wie einfältig seine Furcht wäre, wobey er anmerkte, ihn selbst hab' er ja auch gebissen, und er würde gewiß seine vorgeschlagne Fürsicht gebrauchen, wenn er nicht ganz sicher wäre, daß er keine Ansteckung zu besorgen hätte. Aber das half nichts; Thomas blieb auf seinen fünf Sinnen, und versicherte zuletzt, wenn der Hund nicht gleich todtgeschossen würde, so wollte er ihn selbst aus der Welt schaffen. – Diese Drohung öffnete die Schleusen der Beredsamkeit meiner Tante, welcher die Beredsamkeit des schnellzüngigsten Kräuterweibes nicht das Wasser reichen könnte. Der Diener opponirte in eben dem Style; und Onkel entließ ihn seiner Dienste, nachdem er mich abgehalten hatte, ihn für seine Unverschämtheit derbe durch zu karbatschen.

Als die Kutsche wieder zu Stande gebracht worden, that sich eine andre Schwierigkeit hervor – Tante schlugs rund ab, wieder hineinzusitzen, wenn man nicht einen andern Fuhrmann finden konnte, der sich statt des Postillions auf die Pferde setzte, welcher, nach ihrer Behauptung, aus purer Bosheit und mit Fleiß umgeworfen hätte. Nach vielem Wortwechsel überließ der Postillion endlich seinen Platz einem zerlumpten Bauerkerl, der es übernahm, uns nach Marlborough zu bringen, woselbst wir einen bessern nehmen konnten, und an dem Orte kamen wir ohne fernern Zufall glücklich um ein Uhr an. Meine liebe Tante fand indessen neue Materie zu Beschwerden, welche sie nun freylich die besondere Gabe hatte, aus allen Begegnissen des Lebens zu ziehen, so oft es ihr beliebte. Kaum waren wir in Marlborough in das Zimmer getreten, wo wir zu Mittage essen wollten, als sie gegen den armen Kerl, der des Postillions Stelle vertreten hatte, eine förmliche Klage erhub. Sie sagte, es wäre solch ein bettlerischer Schuft, daß er nicht einmal ein Hemde auf dem Leibe hätte, und er wäre so ausverschämt gewesen, ihre Augen, gegen alle Zucht und Ehrbarkeit, mit seinen nackten Hintertheilen zu beleidigen, und das verdiente, daß er dafür ins Hundeloch geworfen würde. Jungfer Winifred Jenkins bezeugte die Anklage über den Punct der Nacktheit, sagte aber dabey, daß seine Haut so schier sey, als Alabaster.

»Das ist wirklich ein schweres Versehen,« rief mein Onkel, »laß uns hören, was der böse Kerl zu seiner Vertheidigung vorzubringen hat.« Er ward also vorgefodert, und er erschien auf eine so einfältig lächerliche, als rührend demüthige Weise. Er schien ohngefähr zwanzig Jahr alt zu seyn, war von mittler Statur, hatte gedrungene Waden, breite Schultern, eine lange Stirn, blonde Haare, kralle Augen, eine stumpfe Nase und ein langes Kinn – Allein seine Gesichtsfarbe war kränklich gelb; sein Blick verrieth Hunger, und die Lumpen, die er auf dem Leibe hatte, vermochten kaum zu verbergen, was die Ehrbarkeit zu bedecken gebietet. – Nachdem ihn mein Onkel eine Zeitlang betrachtet hatte, sagte er mit ironischem Gesichte: »Schämt Ihr euch nicht, Bursche, daß Ihr Postillion seyn wollt, und nicht einmal ein Hemde anhabt, eure Hintertheile vor den Damen zu bedecken, die Ihr in der Kutsche fahrt?« – »O Ja, Hochwohlgebohrne Gnaden,« antwortete der Mensch, »aber Noth hat kein Gebot, sagt man wohl – Und darzu kann ich auch nichts davor, denn meine Hosen platzten, als ich eben in den Sattel gestiegen war.« – »Ihr seyd ein ausverschämter Kerl, rief Tante Tabby, daß Ihr ohne ein Hemde auf dem Leibe vor vornehmen Leuten herreitet.« »Ja, das bin ich auch, halten mirs Ew. Hochwohlgebohren Gnaden zu Gnaden, sagte er, aber ich bin ein armer unglücklicher Bursche hier aus der Grafschaft Wiltshire. – Ich habe auf der weiten Welt kein eignes Hemd, noch einen andern Fetzen Kleider, als was Ew. Hochwohlgebohren Gnaden mir hier auf dem Leibe sehn. Ich habe weder Anverwandten noch Freunde, die mir was geben können, und ich habe schon ein halb Jahr das Frostfieber gehabt, und alles was ich gehabt habe, mußte ich nach der Apotheke tragen, um Leib und Seele zusammen zu halten; und mit Reverenz vor Ew. Hochwohlgebohren Gnaden zu melden, ich hab' in vier und zwanzig Stunden keinen Krumen Brodt im Munde gehabt.«

Tante wendete ihr Gesicht von ihm weg und sagte, sie hätte in ihrem Leben keinen ärgern Lumpenhund gesehn, er sollte sich wegpacken; und machte die Anmerkung, er würde das Zimmer voller Ungeziefer setzen. – Ihr Bruder warf einen bedeutenden Blick nach ihr, als sie mit Liddy nach einem andern Zimmer gieng; und darnach fragte er den Menschen, ob er in Marlborough jemandem bekannt sey? worauf er antwortete, daß der Wirth hier im Gasthofe ihn von Kindesbeinen an gekannt habe. Der Herr Wirth ward alsobald gerufen, und über den Punct befragt, der denn aussagte, der junge Kerl hieße Humphry Klinker. Er wäre ein liebes Kind, den das Waisenhaus erzogen, und hernach zu einem Grobschmied auf einem Dorfe in die Lehre gethan hätte, der aber gestorben wäre, ehe des Jungens seine Lehrjahre um gewesen; daß er eine Zeitlang seinem Stallknechte die Arbeit hätte verrichten helfen, und zuweilen die Extraposten gefahren hätte, bis er an einem Fieber krank geworden, da er denn sein Brodt nicht mehr verdienen können: daß er endlich alle seine Haabseligkeiten verkauft und versetzt, um zu leben und sich curiren zu lassen, und dadurch sey er so tattrig und zerlumpt geworden, daß er ihm und seinem Stalle Schimpf gemacht, und er ihn hätte müssen gehn lassen, daß er aber in seinem Leben sonst nicht das geringste Böse von ihm gehört habe. »Also, Herr Wirth, sagte mein Onkel, weil der Bursche krank und armselig wurde, jagten Sie ihn weg, damit er unter freyem Himmel sterben möchte!« – »O,« sagte der andre, »ich gebe wöchentlich mein Armengeld, und ich habe kein Recht, faule Müssiggänger zu ernähren, sie mögen gesund oder krank seyn; und noch dazu würde mein Haus in schlechten Ruf kommen, wenn ich jemand darinn hätte, der so lumpig aufzöge.«

»Du siehst, Neffe,« sagte Onkel, indem er sich gegen mich wendete, »unser Wirth ist ein Exempel der christlichen Barmherzigkeit – Wer wollte sich wohl unterstehn, von den Sitten unsrer Zeit etwas Böses zu sagen, wenn selbst öffentliche Zöllner so menschenfreundlich sind? – Hört, Klinker, Ihr seyd ein überwiesener armer Sünder – Man bringt vieles auf Euch, Krankheit, Hunger, Elend und Dürftigkeit – Doch, weil ich nicht gesetzt bin, die Verbrechen zu verurtheilen, so will ich Euch bloß einen heilsamen Rath geben – Schafft Euch geschwinde geschwinde ein Hemde, damit Eure Nacktheit nicht mehr reisende Damen ärgre, besonders bejahrte Jungfern.« –

Mit diesen Worten drückte er dem armen Menschen eine Guinee in die Hand, welcher stund, und ihn stumm mit offnem Munde anstarrte, bis ihn der Wirth aus dem Zimmer stieß.

Des Nachmittags, als unsre Tante in den Wagen stieg, bemerkte sie mit einigen Zeichen der Zufriedenheit, daß der Postillion, der grade vor ihren Augen herritt, kein so lumpichter Schuft wäre, als der Lotterbube, der sie nach Marlborough gebracht hätte. Der Unterschied war freylich einleuchtend; dieser war ein gewandter Kerl, mit einer schmalen goldnen Tresse um den Huth und Trodlen daran, einer kurzen Perucke, einer hübschen blauen Jacke, ledernen Beinkleidern und einem reinen Hemde, das zwischen der Jacke und dem Gürtel hervorpufte. Als wir am Castel zu Spin-Hill anlangten, wo wir übernachteten, war der Postillion außerordentlich bey der Hand, beym Auspacken und Hereintragen der Sachen, die nicht im Wagen bleiben sollten, und am Ende zeigte sichs, daß es eben derselbige Humphry Klinker war, der durch das Geld, das er von Onkel bekommen, einen Theil seiner Sachen eingelöset, und sich in diese Gestalt verwandelt hatte.

So vergnügt auch die übrige Gesellschaft über die vortheilhafte Veränderung in dem Aufzuge dieses armen Geschöpfes war: so wollte solche doch der Tante nicht zu Magen gehn, weil sie das Aergerniß an seiner nackten Haut noch nicht verdauet hatte – Sie warf höhnisch die Nase in die Höhe, und sagte, sie glaubte, ihr Bruder hab ihn deswegen lieb gewonnen, weil er sie durch seine Unehrbarkeit geärgert hätte: Gewisse Leute wüßten immer ihrem Gelde keinen Rath; aber wenn Matthias gesonnen wäre, den Kerl mit sich nach London zu nehmen, so sollten sie keine zehn Pferde dahin ziehn. – Onkel rührte nicht die Spitze der Zunge, ob sein Gesicht gleich genug sagte, und den folgenden Morgen erschien kein Klinker, dergestalt, daß wir ohne fernern Zank bis nach Salt-Hill gelangten, wo wir des Mittags essen wollten. – Hier war die erste Person, die an den Wagen kam und den Fußtritt niederließ, niemand anders, als Humphry Klinker – Als ich Tante aus den Wagen hob, gab sie ihm einen sehr zornigen Blick und gieng ins Haus. – Mein Onkel war betreten und fragte ihn ein wenig unfreundlich, was er hier zu thun hätte? Der Kerl sagte, Seine Gnaden wären so gütig gegen ihn gewesen, daß ers nicht über sein Herz bringen könnte, ihn zu verlassen; daß er ihm bis an der Welt Ende folge und alle Tage seines Lebens ohne allen Lohn dienen wollte.

Mein Onkel wußte nicht, ob er über diese Erklärung schelten oder lachen sollte – Er sah' von Seiten der Tabby heftigen Widerspruch voraus; auf der andern Seite aber mußte ihm sowohl die Dankbarkeit des Menschen, als auch die Einfalt seines Herzens angenehm seyn. – »Wenn ich Euch nun auch in meine Dienste nehmen wollte, sagte er zu ihm, was könnt ihr thun? wozu soll ich Euch brauchen?« – »Ew. Hochwohlgebohren halten mir zu Gnaden,« sagte dieß Original, »ich kann lesen und schreiben, und weis gut mit Pferden umzugehn. Ich kann sie aufschirren, beschlagen, zur Aderlassen, und zu reiten, und im Sauschneiden gebe ich keinem Menschen in der Grafschaft Wilt was nach. – Ich kann auch Würste machen, und Schuhnagel, Kessel flicken, und kupferne verzinnen.« – Hier gieng dem Onkel sein verbißnes Lachen fort; und dann fragte er, was er mehr für Künste wüßte? »Ich kann ein wenig klopffechten, weis die Psalmweisen, fuhr Klinker fort, kann auf der Maultrommel spielen, und weis viele hübsche Lieder auswendig zu singen, kann eine Menuet und Englisch tanzen; im Ringen soll mir kein Kerl so leicht keinen Fuß von der Erde bringen, wenn ich erst wieder bey Kräften bin, und denn weis ich, wo der Hase sein Nest hat, wenn Ew. Gnaden ein Stück Wild essen wollen.« – »Wahrhaftig! Du bist ja ein Tausendkünstler (sagte mein Onkel, der noch nicht aufhören konnte, zu lachen.) Ich hätte wohl Lust, Dich zu mir zu nehmen, wenn Du Dir meine Schwester zur Freundinn machen kannst. – Du hast sie sehr geärgert, daß Du ihr Dein bloßes Sitzfleisch gezeigt hast.«

Klinker folgte uns also, mit dem Huthe in der Hand, ins Zimmer nach, woselbst er Tante Tabby folgendermaßen anredete: »Mit Gunsten, Ew. Hochwohlgebohren Gnaden, bitte ich, Sie wollen mir mein Vergehn zu gute halten und vergeben, und mit Gottes Hülfe will ich mein Leben bessern, und niemals wieder ohne Hemde gehen, daß Ew. Gnaden sich an meiner Blöße ärgern sollen – Ich bitte, ich flehe, gütige, süße, schöne gnädge Frau, haben Sie doch Mitleiden mit einem armen Sünder – Gott erhalte ihr vornehmes Gesicht; gewiß, Sie sind zu schön und zu fromm, Sie können nicht hassen. – Auf meinen Knieen will ich Sie bedienen, bey Nacht und bey Tage, zu Wasser und zu Lande; und blos aus Liebe und Freude, daß ich einer so vortrefflichen gnädigen Dame diene.«

Dieses Compliment und diese Demüthigung thaten einige Wirkung auf Tabby; und Klinker, der dachte, wer stillschweigt sagt ja, kam des Mittags bey Tische zum Aufwarten. Des Menschen natürliche Ungeschicklichkeit und seine übermäßige Freude waren Ursach, daß er beym Aufwarten vieles verkehrt machte. – Endlich schüttete er ihr eine Portion Eyerkäse auf ihre rechte Schulter, und indem er zurückbebte, trat er ihren Joly, welcher ein klägliches Geheul erhub – Der arme Humphry war so außer sich selbst über dieß zwiefache Unglück, daß er den Porcellainteller fallen ließ, der in tausend Stücken zerbrach; dann fiel er nieder auf die Kniee, und blieb mit der lächerlichst anzusehenden Betrübniß mit offnem Maule in dieser Stellung liegen. Miß Bramble flog nach ihrem Hunde, raffte ihn auf in ihre Arme, gieng damit zu ihrem Bruder und sagte: »Ich seh', es ist eine abgeredte Karte; es gilt diesem armen Thiere, das in der Welt nichts verbrochen hat, als daß es mir so zugethan ist – Da, da ists; machts nur todt, ehe gebt Ihr Euch doch nicht zufrieden.«

Klinker, der diese Worte hörte, und sie im buchstäblichen Verstande nahm, sprang hurtig auf, nahm ein Messer vom Schenktische und sagte: »O, nicht hier, Ihr Gnaden, das würde die Stube blutig machen – Geben Sie mir ihn, Ihr Gnaden, ich will damit nach einem Graben an der Heerstraße gehn.« – Auf diesen Vorschlag erhielt er keine andre Antwort, als eine derbe Ohrfeige, wovon er bis an die andre Seite des Zimmers taumelte. »Was? sagte sie zu ihrem Bruder, soll ein jeder magrer Hund, den du hinter den Zäunen aufsammlest, mir auf der Nase spielen? Ich bestehe darauf, daß du auf der Stelle diesen Bettelschurken hinjagst, wo er was verloren hat.« – »Ums Himmels willen, Schwester, fasse Dich doch, und bedenke, daß der arme Kerl unschuldig ist, und nicht den Vorsatz gehabt hat, Dich zu beleidigen« – »Unschuldig, als ein ungeboren Kind,« stotterte Humphry. »Ich seh' ganz klar,« schrie die unversöhnliche Jungfrau aus, »Du hasts ihm geheißen, und Du willst ihm ein für allemal in seiner Bosheit forthelfen – Ein herrlicher Dank für alle Dienste, die ich Dir thue und gethan habe; daß ich Dich in Deinen Krankheiten pflege; Deine Haushaltung in Ordnung halte; und darnach sehe, daß Du nicht durch Deine eigne Unbesonnenheit an den Bettelstab geräthst – Aber nun mußt Du entweder den Schurken oder mich fahren lassen, auf der Stelle, ohne langes Besinnen; so wird die Welt doch sehn, ob Du mehr von Deinem eignen Fleische und Blute hältst, oder von einem nackten Fündling, den Du vom Miste aufgerafft hast.« –

Onkels Augen fiengen an zu funkeln und seine Zähne zu klappern. »Wenn ich die Sache recht beym Lichte besehe,« (sagte er, und erhob dabey seine Stimme,) »so kommts auf die Frage an: ob ich Muth genug habe, durch einen einzigen herzhaften Entschluß ein unerträgliches Joch abzuschütteln, oder ob ich schwach genug seyn werde, etwas grausames und ungerechtes zu thun, um die Rachgier eines eigensinnigen Weibsbildes zu befriedigen. – Hör' Sie, Miß Tabitha Bramble, Ich will Ihr nun auch eine Wahl vorschlagen – entweder schaffe Sie ihren vierfüßigen Liebling fort, ode erlaube Sie, daß ich mich Ihr ein für allemal empfehle. – Denn ich bin entschlossen, daß er und ich nicht länger unter einem Dache wohnen wollen; und nun, setze Dich und iß, so viel Du magst.« – Sie setzte sich, wie vom Blitze gerührt in einen Winkel, und nach einem Stillschweigen von einigen Minuten sagte sie endlich: »Gewiß, Bruder Matthias, ich verstehe Dich nicht!« »Und doch waren meine Worte deutlich genug,« antwortete er mit einem herrischen Blicke. »Herr Bruder,« (erwiederte diese verjährte, wirklich gedemüthigte Jungfrau) »Du hast das Recht zu befehlen, und meine Pflicht ist, zu gehorchen. Ich weis hier nur nicht, wohin mit dem Hunde, wenn Du nur erlauben willst, daß er in der Kutsche mit nach London fahren darf, so verspreche ich Dir, er soll Dich nicht weiter beunruhigen.«

Ihr Bruder, durch diese sanfte Antwort völlig entwaffnet, versicherte sie: sie könnte nie etwas vernünftiges verlangen, das er ihr abschlagen würde, und setzte hinzu: »Ich hoffe, Schwester, Du hast niemals gefunden, daß mirs an brüderlicher Liebe fehlt.« Miß Tabitha stund den Augenblick auf, warf ihre Arme um seinen Hals, und küßte ihn auf die Wangen. Er erwiederte die Umarmung mit großer Gemüthsbewegung; Liddy seufzte, Winnyh Jenkins schluchzte, Joly wedelte und Klinker hüpfte auf einem Beine herum, und rieb sich die Hände vor Freuden über diese Aussöhnung.

Nun war also der Friede wieder hergestellt, und wir endigten unsre Mahlzeit mit Ruhe, und des Abends langten wir in London an, ohne daß uns sonst etwas merkwürdigs begegnet wäre. Meine Tante scheint sich nach dem Winke von ihrem Bruder sehr gebessert zu haben. Es hat ihr in Gnaden gefallen, Klinkern von der Last ihres Unwillens zu befreyen, der nun als Diener angenommen ist, und in ein paar Tagen in einer neuen Liverey erscheinen wird; allein da er in London wenig Bescheid weis: so haben wir einen Miethbedienten angenommen, den ich hernach für mich selbst zu miethen denke. Wir logiren in Goldensquär im Hause einer gewissen Madame Norton, eine ehrbare Art von Frau, die sich viele Mühe giebt, es uns allen bequem zu machen. Mein Onkel ist Vorhabens, seinen Mündeln das Vergnügen zu machen, und sie allenthalben, wo etwas Merkwürdiges ist, herum zu führen; da wir aber beyde, Sie, mein lieber Philipps, und ich, mit dem meisten, was er uns zeigen kann, und mit einigen andern Oertern, wovon ihm wohl wenig träumt, schon bekannt sind; so werde ich Ihnen nur das mittheilen, was Ihrer Bemerkung einigermaßen neu seyn möchte. Empfehlen Sie mich unsern jesuitischen Freunden, und seyn Sie versichert, daß ich beständig bin,

mein liebster Philipps,

Ihr

    London,
den 24ten May.

ergebenster 
J. Melford.

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An den Doctor Lukas.

Mein liebster Doctor,

London ist mir im eigentlichsten Verstande neu geworden; neu in seinen Gassen, Häusern, und selbst in seiner Lage; wie der Irrländer sagt: »London ist aus dem Thore gegangen.« Was ich gekannt habe, als freye Felder, worauf man Heu und Korn erndete, das finde ich itzt mit Gassen, großen Gebäuden, Pallästen und Kirchen bedeckt. Man hat mich glaubwürdig versichert, daß in Zeit von sieben Jahren in dem einzigen Quartiere von Westminster eilf tausend neue Häuser gebauet sind, ungerechnet was täglich dieser geschäfftigen Hauptstadt in andern Theilen zuwächst. Pimlico und Knightsbridge hängen nunmehro fast mit Chelsea und Kensington zusammen; und wenn diese Bausucht ein halbes hundert Jahre fortwährt, so muß, nach meiner Meynung, die ganze Grafschaft Middlesex mit Mauersteinen bedeckt seyn.

Das muß man freylich eingestehn, daß, zum Ruhme unsrer Zeiten, London und Westminster viel besser gepflastert und erleuchtet sind, als vorher. Auch sind die neuangelegten Gassen breit, regelmäßig und haben ordentliche Höhe; und die meisten Häuser sind bequem eingerichtet. Die Blackfriarsbrücke ist ein edles Monument von Geschmack und öffentlichem Aufwande – Mich wunderts, wie man noch auf ein Werk von solcher Pracht, und solchem Nutzen dabey, gefallen ist. Allein ungeachtet dieser Verschönerungen ist die Hauptstadt doch ein ungeheures Monstrum geworden; welches, gleich einem rachhitischen Kopfe, mit der Zeit den Körper und die äußern Theile auszehren, und ihnen alle Nahrung entziehen wird. Der Unsinn wird sich in seinem vollen Lichte zeigen, wenn wir betrachten, daß ein Sechstel aller Eingebornen dieses ganzen großen Königreiches sich in den Bezirk der Todtenregister drängt. Was Wunder, daß unsre Dörfer entvölkert sind, und es den Landwirthen an Händen fehlt? Die Abschaffung der kleinen Pachtungen ist nur Eine Ursache der verminderten Bevölkerung. Freylich erfordert die unglaubliche Vermehrung an Kutsch- und Reitpferden, die der gegenwärtige Luxus erheischt, eine erstaunliche Menge Gras und Heu, welches ohne viele Mühe gewonnen wird, allein es wird dennoch immer eine Menge Hände zu den verschiednen andern Zweigen der Landwirthschaft nöthig bleiben, die Pachtungen mögen groß oder klein seyn. Der Strom der Ueppigkeit hat alle Einwohner vom offnen Lande weggeschwemmt. Der ärmste Landjunker sowohl als der reichste Graf und Herzog muß sein Haus in der Stadt haben, und mit einer großen Anzahl Bedienten Parade machen. Die Knechte von den Pflügen, die Hirten von der Heerde, und die niedrigsten Tagelöhner werden von dem Staate und den Reden der Maulaffens in Liverey, wenn sie ihre Sommerausflucht thun, beschwatzt und verführt. Sie verlassen ihre schmutzige und saure Arbeit, und ziehn in Schwärmen nach London, mit der Hoffnung, einen Dienst bey Herrschaften zu bekommen, in welchem sie üppig leben, feine Kleider tragen können und nichts zu thun brauchen; denn Müßiggang ist doch des Menschen natürlicher Wunsch – Eine große Anzahl unter ihnen findet sich in ihrer Erwartung getäuscht, und werden alsdann Diebe und Spitzbuben; denn London ist eine große Wildniß, in welcher weder hinlängliche Wache noch Aufsicht, oder andre Policey-Ordnung ist, folglich finden sie darinn so gut ihre Höhlen als ihren Raub.

Es giebt mancherley Ursachen, welche zu der täglichen Vermehrung dieser ungeheuren Masse das ihrige beytragen; Man kann sie aber alle bis zu ihrer einzigen wahren Quelle, Luxus und verdorbne Sitten, zurück führen. Vor ungefähr fünf und zwanzig Jahren hielten sehr wenige der reichsten Bürger in London Kutsch und Pferde, ja nicht einmal einen Livereybedienten. Auf ihren Tisch kam nichts, als ordentliches Gekochtes oder Gebratnes, eine Flasche Portwein und ein Krug Bier. Itzt hält jeder Kaufmann, Mäckler oder Advocat, wenn er nur irgend von Bedeutung seyn will, sein paar Diener, Kutscher und Pferdeknecht. Er hat sein Haus in der Stadt, sein Landhaus, seine Kutsche und seine Postschaise. Seine Frau und Tochter kleiden sich in die reichesten Stoffe, und sind mit Juwelen besäet. Sie gehn nach Hofe, nach der Oper, Comödie, und Maskerade. Sie halten Assamblees in ihren eignen Häusern; geben große Gastmale, wobey die köstlichsten Franzweine und Burgunder und Champagner fließen. Der wohlhabende Handwerksmann, der sonst des Abends nach seinem Bierhause gieng und seine kleine Zeche machte, geht itzt nach den Gasthöfen, wo es ihm achtmal so viel kostet, indessen daß seine Frau ihre Spielgesellschaft zu Hause hat; auch sie muß ihre feine Kleider, ihre Cariole oder ihr Pferdchen haben, damit sie nach ihrem Häuschen auf dem Lande kommen kann, und würd' es ihr sehr leid thun, wenn sie nicht dreymal die Woche an öffentlichen Orten erscheinen könnte. Jeder Handelsdiener, Comptoirbursche, selbst die Aufpasser und Marqueurs der Wein- und Caffeeschenker halten ihren Rappen für sich allein, oder in Gesellschaft, und gehn einher wie Petitmaiters. An den öffentlichen Lustorten findet man eine Menge wohlgekleideter Figuren, und wenn man sich genau erkundigt, wer sind sie? Schneidergesellen, Schuhputzer und Stubenmägde, die sich in herrschaftliche Kleider vermummt haben.

Kurz von der Sache, es ist keine Distinction, keine Subordination mehr. – Die unterschiednen Stände sind untereinander geworfen – Der Handlanger, der Handwerksmann, der Kellner, der Gastwirth, der Ladenkrämer, der Zungendrescher, der Handelsherr, der Hofmann, alle gehn einander auf der Ferse; Der allgemeine Ueppigkeitsteufel ist losgelassen und peitscht sie, reitend, fahrend, spatzierend, kutschierend, junkerierend, hüpfend, singend, springend, in einen Hefenbrey durcheinander. – Alles ist Gewimmel und Getümmel; man sollte denken, sie hätten das wilde Feuer im Kopfe, das ihnen keinen Augenblick Ruhe läßt. Die Fußgänger rennen auf den Gassen, als ob sie von Häschern verfolgt würden; Sänftenträger und Kartenschieber gehn im Trott mit ihren Bürden; Leute, die ihre eigne Equipage halten, jagen durch die Gassen, als ob sie hohe Eile hätten; selbst Rathsherrn und Magistratspersonen fahren schnell dahin, wie der Blitz. Die Pferde vor den Miethkutschen dampfen, und unter ihrem Rollen erbebt das Pflaster, ja selbst einen beladnen Frachtwagen habe ich durch Piccadilly im Handgallop rennen sehn. Mit einem Worte, die ganze Nation scheint ihrem Verstande entlaufen zu wollen.

Die herrschenden Lustbarkeiten passen sich nicht übel zu dem Genie des unfügsamen Unthiers, das sie Publicum nennen. Man gebe ihm Lärmen, Gewühl, Schimmer und Klingklang; es hat keinen Begriff von Ordnung, Zierde und Schönheit. Womit ergötzt man sich zu Ranelagh? Die eine Hälfte der Gesellschaft geht in einem ewigen Zirkel hinter einander herum, wie die blinden Esel in einer Oelmühle; sie können nicht mit einander sprechen, und weder sehn noch gesehn werden; die andre Hälfte sitzt derweile bis neun oder zehn Uhr und trinkt heiß Wasser, dem sie den Namen Thee geben, damit sie den übrigen Abend wacker bleiben können. Für das Musikchor, besonders für die Sänger, ists ein Glück, daß man sie nicht vernehmlich hören kann. Vauxhall ist ein Zusammengestückle von Puppenwerken, beladen mit armseligen und unschicklichen Zierrathen, von schlechter Erfindung, und kahler Ausführung; ohne Einheit im Dessein, ohne Schönheit, ohne Ordnung. Die Dinge stutzen, wie sie da zusammen gerathen, werden in gebrochenen Massen erleuchtet, und sind sichtbarlich nur deswegen herbey gezogen worden, um die Augen und die Einbildung des gemeinen Haufens anzulocken und zu täuschen. – Hier liegt ein hölzerner Löwe, dort steht eine steinerne Magdalene, an einem Orte findet man Logen mit einem Dache, als obs kleine Caffeehauscabinetter wären, an einem andern stehn etliche Reihen Bänke, als in einem Bierhause, an einem dritten sieht man einen Wasserfall von Zinn, prächtig genug für eine Marionettenbude; an einem vierten eine dunkle runde Höhle, die wie ein Todtengewölbe halb erleuchtet ist; an einem fünften ein Fleckchen von einem grünen Grasplatze, worauf sich das Füllen einer Eselinn nicht satt weiden könnte. Die Spatziergänge, welche die Natur für die Einsamkeit, Stille und Schatten bestimmt zu haben scheint, wimmeln von geschwätzigem Volke, welches von der, an Schnupfen und Fiebern so reichhaltigen kühlen Abendluft nicht genug bekommen kann; und diese anmuthigen Scenen werden erleuchtet, von ein paar Lampen, welche so helle brennen, – wie die dünnesten Nachtlichter.

Wenn ich so eine Anzahl wohlgekleideter Personen von beyderley Geschlecht auf den bedeckten Bänken sitzen sehe; den Augen des Pöbels, und was noch ärger ist, der kalten rauhen Nachtluft blosgestellt, die ihre dinnen Schnittchen Rindfleisch verzehren, und Portwein, Punsch oder Cyder darauf setzen, so kann ich mich nicht enthalten, ihre Tollkühnheit zu bedauren, wenn ich gleich ihren Mangel an Geschmack und Wohlanständigkeit verachte; aber wenn sie gar diese trüben und dumpfigen Spatziergänge auf und nieder laufen, oder sich in Haufen auf dem feuchten Sande versammlen, unter dem ganz freyen Himmel stehn, und nach einer Arie horchen, wovon die eine Hälfte unmöglich etwas zu hören bekommen kann: so muß ich gar denken, daß sie wirklich von einem Geiste besessen werden, der noch ärger und unsinniger ist, als irgend einer, wovon der schlimmste Patient im Tollhause geplagt wird. Und nach allem Anscheine sind die Eigenthümer dieser und aller andern geringern öffentlichen Lustgärten in dem Umfange dieser Hauptstadt, gewissermaßen im Einverständnisse mit den Aerzten, Leichenbesorgern und Todtengräbern; denn wenn ich die Gierigkeit bedenke, womit alle Stände und Classen nach den sogenannten Ergötzungen haschen, so bin ich überzeugt, daß mehr Schnupfen, Flüsse, Erkältungen, Schwindsucht und Podagra bey diesen sub dio nächtlichen Zeittreiben aufgesammlet werden, als bey allen Gefahren und Zufällen, denen eine arbeitsame oder gefährliche Lebensart ausgesetzt seyn mag.

Diese und andre Bemerkungen, welche ich bey dieser Ausflucht gemacht habe, werden meinen Aufenthalt in London abkürzen, und mich mit verdoppelten Wohlgefallen an meiner Einsamkeit und meinen Gebirgen wieder nach Hause schicken. Ich werde aber auf einem andern Wege wieder in mein Land ziehn, als auf den ich hier gekommen bin. Ich habe einige alte Bekannte besucht, die beständig in dieser tugendvollen Metropolis residirt haben, aber sie sind in ihren Sitten und Gesinnungen so verändert worden, daß wir uns kaum noch kennen, oder um einander bekümmern. – Auf unsrer Herreise von Bath reitzte mich meine Schwester zu einem heftigen Ausbruche von Zorn, während welchem ich, gleich einem Manne, der sich Weintapfer getrunken, in einem solchen Style der Herrschaft und Entschlossenheit mit ihr redete, daß es die heilsamste Wirkung gethan hat. Sie und ihr Hund haben sich seit diesem Wortwechsel beständig sehr ruhig verhalten. Wie lange diese angenehme Stille dauren wird, das weis der Himmel – Ich schmeichle mir, die Bewegungen der Reise haben meiner Gesundheit gut gethan; ein Umstand, der mich aufmuntert, meine vorgenommene Reise nach Norden auszuführen. Indessen aber werde ich doch meinen Pupillen zu Gefallen, die Tiefen dieses Chaos, diese mißgestalte und ungeheure Hauptstadt, ohne Kopf oder Schwanz, Gliedmaßen oder Verhältniß durchkriechen und untersuchen müssen.

Thomas war auf der Reise so unverschämt grob gegen meine Schwester, daß ich mich genöthigt sah', ihn auf der Stelle, zwischen Chippenham und Marlborough, wo wir mit der Kutsche umwarfen, aus dem Dienste zu entlassen. Der Kerl ist beständig eigennützig und mürrisch gewesen; wenn er sich indessen nach dortiger Gegend wenden sollte, so können Sie ihm das Zeugniß ertheilen, daß er ehrlich und nüchtern ist; und wenn er kein loses Maul über die Familie hat: so geben Sie ihm noch ein paar Guineen für Rechnung

Ihres

    London,
den 29ten May.

beständig ergebnen Dieners
Mat. Bramble.       

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An Miß Lätitia Willis, zu Gloucester.

Meine liebste Letty,

Unbeschreiblich groß war das Vergnügen, das mir Ihr Brief vom ersten verursachte, den mir Frau Brentwood, die Putzhändlerinn aus Gloucester, überbracht hat. – Es freut mich herzlich, daß meine würdige Pflegemama sich wohl befindet, und noch mehr, daß sie nicht mehr unwillig über ihre arme Liddy ist. Es thut mir leid, daß Sie die Gesellschaft der angenehmen Miß Vaughan verloren haben; allein, ich hoffe, Sie werden nicht lange mehr die Abreise Ihrer Schulfreundinnen zu bedauren haben, denn ich zweifle nicht, Ihre Aeltern werden Sie bald aus der Pension nehmen und in die große Welt bringen, und Sie haben alle die erforderlichen guten Eigenschaften, um eine würdige Person in derselben vorzustellen. Wenn das geschicht: so hoffe ich, daß wir wieder zusammen kommen, glücklich mit einander seyn, und das Band der Freundschaft noch mehr befestigen werden, welches wir in unsern zarten Jahren geknüpft haben. – Dieses kann ich wenigstens versprechen – an meinem äußersten Bestreben soll die Schuld nicht liegen, wenn unsre Vertraulichkeit nicht so lange währt, als unser Leben.

Seit fünf Tagen sind wir nun in London; wir haben eine bequeme Reise von Bath gehabt; indessen sind wir doch einmal umgeworfen, und das hätte bald ein Mißverständniß zwischen Onkel und Tante veranlaßt, aber, Gottlob! sie sind itzt völlig wieder ausgesöhnt: wir leben recht einig, und fahren alle Tage aus, um die Wunder dieser großen Hauptstadt zu besehen, welche ich mich gleichwohl nichts unterfange, zu beschreiben, denn bis itzt hab' ich noch nicht den hundertsten Theil ihrer Merkwürdigkeiten gesehn, und bin doch schon fast starr vor Verwunderung.

Die Städte London und Westminster haben einen unglaublich weiten Umfang. Die Gassen, die viereckten Plätze, die sogenannten Reihen, Lanen und Gänge sind nicht zu zählen. Palläste, öffentliche Stadtgebäude und Kirchen findet man an allen Enden, und unter diesen Letzten zeigt sich die Paulskirche mit bewundernswürdiger Pracht. Man sagt, sie soll nicht so groß seyn, als die Peterskirche in Rom, aber ich für mein Theil, kann mir keinen Begriff von einem größern und prächtigern irdischen Tempel machen.

Doch selbst der Anblick dieser majestätischen Gebäude ist nicht so reitzend, als das Gedränge von Leuten auf den Gassen. Anfänglich bildete ich mir ein, daß eben eine große Versammlung aus einander gegangen seyn müßte, und wäre fast stille gestanden, daß sich die Menge erst verlaufen sollte; aber diese Fluth von Menschen bricht vom Morgen bis in die Nacht nicht ab. Dabey giebt es hier eine solche unendliche Menge von glänzenden Equipagen, Kutschen, Phaetons, Chaisen, und allerley Fuhrwerken, welche einem immer vor den Augen vorbey rollen, daß einem vom Ansehn der Kopf schwindelt und die Einbildungskraft vor Glanz und Abwechslung fast verwirrt wird: Die Aufsicht nach der Wasserseite ist nicht weniger groß und erstaunend, als die nach dem Lande. Sie sehn da drey unermeßlich große Brücken, welche die Ufer eines breiten, tiefen und schnellen Stromes zusammenhängen; sie sind so groß, so prächtig und so schön gebaut, daß man denken sollte, sie wären von Riesen ausgeführt. Zwischen diesen Brücken ist die Themse mit kleinen Schiffen, Böten, Barken und Evern bedeckt, welche auf und niederfahren, und unten jenseits der Brücken sieht man einen meilenlangen Wald von Mastbäumen, so daß man denken sollte, hier wären alle Schiffe in der Welt auf einem Platze zusammen gekommen. Alles was Sie in den Tausend und Eins, und in den persianischen Erzählungen von Bagdod, Diarbekir, Damascus, Ispahan und Samarkand, von Größe, Reichthum und Schätzen gelesen haben, das sieht man hier wirklich.

Ranelagh kommt einem vor, als der bezauberte Pallast einer Feye; geschmückt mit den herrlichsten Werken der Mahlerey, Bildhauerkunst und Verguldung; es wird von tausend güldnen Lampen erleuchtet, die mit dem hellesten Tageslichte wetteifern. Es ist angefüllet mit reichen, muntern, glücklichen und schönen Leuten, welche goldne und silberne Stoffen, gestickte und mit Tressen besetzte Kleider tragen, und von Edelgesteinen blitzen. Derweile diese in Vergnügen schwimmende Söhne und Töchter der Glückseligkeit in diesem Aufenthalt der Freude umherwandeln, oder in verschiednen kleinen Häuflein und getrennten Logen sitzen und feinen Caravanenthee oder andre liebliche Erfrischungen zu sich nehmen, wird ihr Ohr mit dem allersüßesten Entzücken sowohl von Vokal- als Instrumentalmusik gelabt. Ich habe da den berühmten Tenducci gehört, ein Geschöpf aus Italien – Man sollte dem Ansehn nach schwören, es wäre ein Mann; man sagt aber, es sey keiner. Seine Stimme ist freylich weder männlich noch weiblich, aber sie ist melodischer als keine von beyden; und das Geschöpf wußte sie so himmlisch schön zu wenden und zu kehren, daß ich wirklich glaubte, ich wäre im Paradiese, als ichs hörte.

Um neun Uhr, an einem reitzenden mondhellen Abende, stiegen wir zu Ranelagh in ein Fahrzeug und ließen uns nach Vauxhall rudern. Die Schüte war so leicht und behende, daß wir mir vorkamen, als lauter Feyen, die in einer Nußschaale segelten. Mein Onkel wollte aus Furcht vor Erkältung nicht zu Wasser gehn, und ließ sich also in einer Kutsche hinbringen. Meine Tante wäre gern bey ihm geblieben, er wollte mich aber nicht allein auf dem Wasser lassen, und sie war also so gut, mich zu begleiten, weil sie merkte, daß ich gerne einmal diese angenehme Wasserfahrt thun wollte. – Ueberdem war auch die Schüte beladen genug; denn außer dem Schütenführer war noch mein Bruder Jeronimus und einer von seinen Freunden, Herr Barton, ein ziemlich reicher Landedelmann, der des Mittags mit uns gegessen hatte, mit darinn. Das Vergnügen dieser kleinen Seereise wäre mir indessen fast ein wenig versalzen worden, durch einen Schreck, den ich beym Aussteigen hatte; denn hier war ein entsetzliches Gedränge von Schüten und von Volke, welches schrie, fluchte und zankte; ja, ein paar häßliche Kerle kamen mitten ins Wasser auf uns zugerannt, und faßten unser Boot mit Gewalt an, und wolltens ans Land ziehn; sie wollten auch nicht eher wieder loslassen, bis mein Bruder den einen mit dem Stocke über den Kopf schlug. Aber der Schreck ward mir reichlich durch das Vergnügen ersetzt; denn so wie ich den Fuß hineinsetzte, fielen mir so viel abwechselnde Schönheiten in die Augen, daß ich nicht wußte, wo ich zuerst hinsehen sollte. Stellen Sie sich vor, meine theureste Letty, einen großen Garten, worinn viele anmuthige Spatziergänger, die mit Bäumen, hohen Hecken und mit groben Sande ausgelegt sind. Dazwischen eine bewundernswürdige Menge sinnreich erfundner und schon in die Augen fallender Gegenstände, als: Pavillons, Logen, Buschwäldchen, Grotten, Blumenwiesen, Götzentempel und Wasserfälle; Portäle, Colonaden und Rotunden; geziert mit Pfeilern, Statuen und Gemählden: denn das Ganze erleuchtet von einer unzähligen Menge Lampen, die so geordnet sind, daß sie allerley Gestalten von Sonne, Sternen und Sternbildern vorstellen; den Ort gedrängt voll von muntrer Gesellschaft, die in diesen lieblichen Schatten herumwandeln, oder in unterschiedlichen Logen kalte Küche genießen, beseelt von Scherz, Freude und Freyheit und von einem vortrefflichen Musikchore. – Ich hatte das Glück, unter den Singestimmen die berühmte Signora ** zu hören, die eine so helle und laute Stimme sang, daß mir von übermäßigem Vergnügen der Kopf wehe that.

Als wir ungefähr eine halbe Stunde da gewesen waren, kam unser Onkel auch zu uns, dem der Ort eben nicht zu gefallen schien. Leute, die kränklich sind, und schon vieles gesehen haben, betrachten die Dinge mit ganz andern Augen, als Sie, meine liebe Letty, und ich – Unsre Freude ward durch einen unglücklichen Zufall gestöret. In einem der entlegensten Spatziergängen überfiel uns ein plötzlicher Regen, der alle Menschen in einem Haufen durch einander in die Rotunde jagte. Mein Onkel, der naß geworden war, fieng hier an mürrisch zu werden und nach Hause zu verlangen. Mein Bruder gieng den Wagen zu suchen, den er erst nach vieler Mühe fand; und da wir nicht alle Platz darinn hatten, so blieb Herr Barton zurück. Es daurete eine ziemliche Weile, ehe die Kutsche durch das Gedränge vorkommen konnte, ungeachtet der äußersten Mühe, die sich unser neuer Diener gab, die so weit gieng, daß er darüber seine Perucke verlor und ein paar Löcher in den Kopf bekam. Sobald wir im Wagen zum Sitzen gelangt waren, zog Matante dem Onkel die Schuhe ab, und wickelte seine Füße sehr sorgfältig in ihre Enveloppe, gab ihm dann ein paar Tropfen Herzstärkung auf Zucker; welche sie beständig in der Tasche führt, und sobald wir zu Hause gekommen waren, sorgte sie dafür, daß er trockne Kleider bekam; dergestalt, daß er, dem Himmel sey Dank! einem derben Schnupfen entgieng, wovor er in großen Aengsten war.

Vom Herrn Barton muß ich Ihnen im Vertrauen sagen, daß er sich so ein wenig zu mir thun wollte; doch, vielleicht kann ich auch seine Gefälligkeit unrecht auslegen, und das wünsche ich seinetwegen – Sie kennen den Zustand meines armen Herzens; welches trotz aller Vernachläßigung – Doch ich darf nicht klagen, und will auch nicht, bis ich besser unterrichtet bin.

Außer Ranelagh und Vauxhall bin ich auch auf der Assemblee bey Madame Cornely gewesen. Die Zimmer in diesem Hause, die Gesellschaft, die Kleidungen und Auszierungen lassen sich nicht beschreiben; allein da ich nicht sonderlich zum Kartenspielen aufgelegt bin: so kann ich mich noch nicht so völlig in das Wesen dieses Ortes finden; ich bin wirklich noch ein so rohes Landmägdchen, daß ich kaum Geduld genug hatte, mich in einen Zustand versetzen zu lassen, darinn ich erscheinen könnte; und dennoch saß ich nicht über sechs Stunden unter den Händen des Friseurs, der so viel schwarze Wolle hinter das Topee und unter den Chignon stopfte, als zu einem ausgenähten Unterrocke genug gewesen wäre; und bey alledem war doch mein Kopf der kleinste in der ganzen Assemblee, meiner Tante ihrer ausgenommen – Sie hatte freylich so etwas absonderliches mit ihrem aufgesteckten Kleide, ihren kleinen Locken, ihren Barben von Spitzen, ihren dreyfachen, weiten Engageanten und ihrer Schnürbrust, daß sie jedermann mit Verwunderung ansah: einige flüsterten, und einige lachten; und Lady Griskin, die uns einführte, sagte ihr gerade zu, daß sie wenigstens volle zwanzig Jahre in der Mode zurück wäre.

Lady Griskin, mit der wir die Ehre haben verwandt zu seyn, ist eine Frau von der großen Welt. Sie hält eine kleine Spielgesellschaft in ihrem eignen Hause, die aber niemals über zehn oder zwölf Spieltische geht; dagegen aber findet sich auch die beste Gesellschaft in der Stadt dabey ein. Sie ist so gütig gewesen, meine Tante und mich mit einigen ihrer besten Freunde von hohem Adel bekannt zu machen, die uns auf den freundschaftlichst vertrauten Fuß begegnen; Wir sind schon einmal des Mittags bey ihr zu Gaste gewesen und sie giebt sich die Mühe, unsre Schritte und Tritte zu leiten; ich besonders stehe so hoch bey ihr angeschrieben, daß sie mir zuweilen den Kopfputz mit eigner Hand in Ordnung bringt, und sie hat mich gütigst eingeladen, den ganzen Winter bey ihr zu bleiben. Dieses hat gleichwohl mein Onkel hartherziger Weise abgelehnt, und er scheint mir überhaupt, (ich weis nicht warum?) gegen die gute Dame ein Vorurtheil zu haben; denn so oft es sich fügt, daß Tante etwas zu ihrem Lobe redet, macht er ein krauses Gesicht, ob er gleich nichts dabey sagt – Vielleicht kann das auch wohl von seinem Podagra und Gichtschmerzen kommen, womit er jämmerlich geplagt ist. – Gegen mich ist er indessen beständig gütig und großmüthig, sogar mehr, als ichs wünsche. Seitdem wir hier sind, hat er mich mit einem neuen Kleide und Spitzen beschenkt, welches theurer kommt, als ich sagen mag; und Jerom hat mir, auf sein Begehren, meiner Mutter Juwelene Ohrringe zugestellt, die nun in der Arbeit sind, daß sie neu gefaßt werden sollen; so, daß es nicht an ihm liegt, wenn ich nicht unter den Sternen von der vierten oder fünften Größe glänze. Ich wünsche nur, daß mir unter allen diesen Lustbarkeiten und Zerstreuungen der Kopf nicht schwindlicht werde; ob ich bis itzt gleich betheuren kann, daß ich alle diese lärmenden Ergötzlichkeiten gerne mit der Einsamkeit auf dem Lande, und dem seligen Umgange mit denen, die ich liebe, vertauschen möchte. Unter diesen wird meine theureste Willis allemal den ersten Platz besitzen in dem Herzen,

Ihrer

    London,
den 31ten May.

ewig ergebenen   
Lydia Melford.

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

Mein liebster Philipps,

Ich sende Ihnen diesen Brief unter Einschluß unsers alten Freundes Barton; der so sehr verändert ist, als ein Mann von seinem Schrot und Korn es werden konnte. – In Oxford war er ein sorgloser, träger Schmutzlimmel, und nun find' ich an ihm einen geschäfftigen, schwatzseligen Politiker; einen Petitmaiter in der Kleidung, und in seinem Betragen einen complimentvollen Hofmann. Sein Blut ist nicht gallicht genug, um so weit vom Partheyhaß entflammt zu werden, daß er mit Schmach und Schimpfworten um sich sprudeln sollte; allein seitdem ihm das Ministerium eine Stelle gegeben hat, ist er ein warmer Anhänger desselben geworden, und sieht alle Dinge durch ein so wundersames Vergrößrungsglas an, daß ich, der ich zum Glück zu keiner Parthey gehöre, nichts davon begreifen kann. – Unstreitig müssen die Partheydünste nicht allein die Vernunft benebeln, sondern auch die Werkzeuge der Sinne verderben, und, Zehn gegen Eins! sollten Barton an der einen Seite und der gewissenhafteste Patriot von der Gegenparthey den Charakter des Königs und des Ministerii mahlen: Sie und ich, die wir noch nicht benebelt oder bestochen sind, wir würden finden, daß beyde Mahler gleich weit vor der Wahrheit vorbey gezeichnet hätten. Eins muß man gleichwohl Barton zu Ehren nachsagen; er läßt sich niemals in pöbelhaftes Schimpfen ein, noch weniger sucht er durch gottlose Lästerungen den moralischen Charakter irgend eines Mannes von der Gegenparthey anzuschwärzen.

So lange wir nun hier sind, ist er unser fleißiger Gesellschafter; eine Höflichkeit, die mir von einem Manne von seinen Geschäfften und natürlichem Hange zur Trägheit fast wunderbar, und selbst unnatürlich geschienen hätte, wenn ich nicht gewahr geworden wäre, daß meine Schwester Liddy einigen Eindruck auf sein Herz gemacht hat. Ich kann nicht sagen, daß ich etwas dagegen hätte, wenn er sein Heil bey ihr versuchen will: wenn ein reichliches Vermögen, und ein nicht geringer Vorrath von Gutherzigkeit hinlängliche Eigenschaften eines Ehmanns sind, um den Ehstand, bis ihn der Tod trennt, glücklich zu machen, so kann sie mit Barton glücklich seyn: allein, mich däucht, es gehört noch etwas mehr dazu, um das Herz eines Frauenzimmers zu gewinnen, welches Verstand und feine Empfindungen hat; ein Etwas, welches die Natur unserm Freunde versagt hat – Und Liddy scheint von meiner Meynung zu seyn. Wenn er sich mit seinem Gespräche an sie wendet, scheint sie ihn mit Widerwillen anzuhören, und sie vermeidet emsiglich alle Gelegenheit einer besondern Unterredung; in eben dem Grade aber, daß sie scheu ist, ist Tante zahm und andringlich. Tante Tabitha geht ihm über halbweges entgegen. Sie versteht die Mahnung seiner gezirkelten und verzuckerten Schmeicheleyen unrecht, oder stellt sich doch so. Sie giebt ihm seine Compliments mit ausschweifenden Zinsen zurück; sie verfolgt ihn mit ihren Höflichkeiten bey Tische, alle ihre Reden sind an ihn gerichtet; sie seufzet, tändelt, liebäugelt, und treibt mit ihrer scheußlichen Affectirerey und Unverschämtheit den armen Hofschranzen bis zum äußersten Rande seiner Gefälligkeit. Kurz, sie scheints darauf angelegt zu haben, Bartons Herz zu belagern, und führt ihre Laufgräben mit solcher desperaten Hitze fort, daß ich denke, sie wird ihn so in die Enge treiben, daß er kapituliren muß. Unterdessen setzt ihn seine Abneigung gegen diese seine Inamorata, welche gegen seine erworbne Gefälligkeit ankämpft, und seine natürliche Furcht, jemanden zu beleidigen, in eine Art von Verlegenheit, die herzlich lustig anzuschauen ist.

Vor zwey Tagen überredete er meinen Onkel und mich, nach St. James an Hof zu gehen, und versprach, uns daselbst alle große Männer des Königreichs kennen zu lehren und wirklich war auch daselbst eine große Versammlung von merkwürdigen Charaktern, denn es war groß Galla. Unser Führer hielt sehr pünctlich Wort. Er nannte uns fast jede Person von beyderley Geschlechtern, und gewöhnlicher Weise gieng vor dem Namen ein Präludium über die Weise: Lob und Preiß: vorher. – Als er den König sich nähern sah, sagt' er: »Da kommt der liebenswürdigste Monarch, der jemals das brittische Scepter geführt hat, die Delicia humani generis ; ein August in Beschützung der Verdienste; Titus Vespasianus in Großmuth; Trajanus in Wohlthätigkeit, und Markus Aurelius in Philosophie.« – »Ein Herr von vortrefflichem rechtschaffnen Herzen,« fügte mein Onkel hinzu. »Er ist zu gut für unsre Zeiten; ein König von England sollte in seiner Zusammensetzung ein wenig vom Teufel haben.« Barton wendete sich darauf zu dem Herzog von C** und fuhr fort: »Sie kennen den Herzog; diesen erhabnen Helden, der der Rebellion den Kopf zertrat, und uns zum ruhigen Besitze alles dessen verhalf, was uns als Britten und als Christen theuer seyn muß. Sehn Sie nur sein Auge, wie durchdringend und doch sanft! was für eine Würde in seiner Miene! Was für Menschenfreundlichkeit in seinem Blicke – Der Neid selbst muß es einräumen, daß er einer der größesten Feldherrn in der ganzen Christenheit ist.« – »Ich zweifle nicht daran,« sagte Herr Bramble; »Aber was sind das für junge Herrn, die neben ihm stehn?« – »Die da! sagte unser Freund, das sind seine königlichen Neffen; die Prinzen vom Geblüt. Süße, junge Prinzen! die heiligen Pfänder der protestantischen Thronfolge; so munter, so verständig, so prinzlich.« – »Ja, sehr verständig! sehr munter!« (sagte Onkel, indem er ihm in die Rede fiel.) »Aber siehe da, die Königinn! Ha! da ist die Königinn, die Königinn! Laß mich sehn, laß mich sehn – Wo ist mein Glas? Ha! in den Augen ist Verstand – Die sagen Empfindung! – Die haben Ausdruck! – Nun, Herr Barton, mit wem machen Sie uns nun bekannt?« Die nächste Person, die er auszeichnete, war der Favorit, Graf **, welcher einsam an einem Fenster stund. »Sehen Sie dort jenen nördlichen Stern, sagt' er, mit zurückgewichnen Stralen – Wie! das große Caledonische Licht, das noch neulich so hell in unserm Luftkreise leuchtete! Mich däucht, itzt schimmert es durch einen Nebel; wie der Saturn ohne seinen Ring, bleich, und dunkel und weit von ferne. – Ha, dort ist das andre große Luftzeichen, der große Pensionist, der patriotische Wetterhahn, der alle Windstriche des politischen Compasses durchlaufen ist, und sich noch vom Winde des großen Haufens treiben läßt. Auch er ist, gleich einem drohenden Cometen wieder am Hofhorizonte heraufgestiegen; allein wie lange seine Ascension dauren wird, ist wegen seiner unregelmäßigen Laufbahn nicht leicht zu bestimmen. – Was sind das für zwey Satelliten, die seiner Bewegung folgen?« Als ihm Barton ihre Namen nannte, sagte Onkel: »Ihre Charakter sind mir nicht unbekannt. Einer von ihnen hat keinen rothen Tropfen Bluts in seinen Adern, und einen kalten berauschenden Dunst im Kopfe, und Bosheit und Rachgier genug im Herzen, um eine ganze Nation damit zu inoculiren und anzustecken. Der andre, hör' ich, ist bestimmt, Antheil an der Administration zu nehmen, und der Pensionist ist Bürge für seine gehörige Fähigkeit – Der einzige Beweis, den ich jemals von seiner politischen Klugheit gehört habe, war, daß er seinem vormaligen Gönner die Fersen zukehrte, als er merkte, daß sein Ansehn in Abnahme gerieth, und er die Gunst des Volks verloren hatte. Ohne Grundsätze, Talente oder Einsichten, ist er so undankbar wie ein Schwein, gierig wie ein Falk und diebisch wie eine Dohle; bey alledem muß man ihm zugestehn, daß er kein Heuchler ist. Er prahlt mit keiner Tugend, und giebt sich keine Mühe, seinen Charakter zu verbergen. – Seine Ministerschaft wird einen Vortheil haben; kein Mensch wird durch ein unerfülltes Versprechen von ihm hintergangen werden, weil sich noch kein Sterblicher auf sein Wort verlassen hat. Ich kann nicht begreifen, wie Lord ** dieses glückliche Genie erst entdeckt, und zu was Ende Lord ** ihn itzt adoptirt hat: man sollte aber denken, daß, wie der Bernstein die Kraft hat, Staub, Stroh und Papierschnitzel anzuziehn, so sey auch ein Minister mit eben einer solchen Kraft begabt, jeden Buben und Dummkopf in seiner Art aufzulecken.« Seine Lobrede ward durch die Ankunft des alten Herzogs von N** unterbrochen, welcher mit einer wichtigen und geschäfftigen Miene sich in den Kreiß drängte, und alle Anwesende ins Angesicht sah, als ob er jemand aufsuchte, dem er Etwas von großer Erheblichkeit anzuvertrauen hätte. – Mein Onkel, der ehemals mit ihm bekannt gewesen, bückte sich, als er vorüber gieng; und der Herzog, der sich von einem wohlgekleideten Manne so ehrerbietig grüßen sah, war nicht säumig, die Höflichkeit zu erwiedern. – Er kam sogar zu ihm, nahm ihn vertraulich bey der Hand, und sagte: »Mein lieber Freund A**, ich bin erfreut, Sie zu sehn – Wie lang ists, daß Sie wieder zu Hause gekommen sind? – Wie haben Sie unsre guten Freunde, die Holländer, verlassen? Der König von Preußen denkt doch nicht schon wieder auf Krieg? he? – Es ist ein großer König! ein Eroberer! ein sehr großer Eroberer! Alle Alexanders und Hannibals sind nichts gegen ihn, Sir – Corporäle! Trommelschläger! Packknechte! bloßer Troß – lumpen Troßbuben! he?« – Se. Excellenz hatten sich nun aus dem Athem geredet, und mein Onkel nahm die Gelegenheit wahr, Denenselben zu sagen, daß er nicht aus England gekommen; sein Name sey Bramble, und er habe die Ehre gehabt, im vorletzten Parlamente des hochseligen Königs das Städtchen Dymkymraig zu representiren. »Sehn Sie wohl, mein liebster Herr Bramble, ich kenne Sie noch recht gut – Sie waren beständig ein guter und getreuer Unterthan – ein zuverläßiger Freund der Administration. – Ich machte Ihren Bruder zum Bischoff in Irrland.« – »Verzeihen Sie, Mylord,« sagte Onkel, »ich habe freylich einen Bruder gehabt, aber der war Hauptmann unter der Armee.« – »Ha!« (sagte die Excellenz,) »das war er, ja; ganz recht. Aber wer war denn der Bischoff? Bischoff Blackberry – Gewiß, Bischoff Blackberry war's. – Vermuthlich ein Anverwandter von Ihnen.« – »Sehr wahrscheinlich, Mylord, versetzte mein Onkel; die Blackberry wächst auf der Bramble Bramble , eine Brombeerstaude, und Blackberry , die Frucht selbst. Ich hab' es nicht für schicklich gehalten, den Namen durch das ganze Buch zu übersetzen, so gut ich gefühlt habe, daß der Name eine Anspielung auf die Charaktere des Onkels und der Tante enthalte. Sollte mich ein strenger Richter fragen, warum nicht? so würde ich aufrichtig antworten: eben deswegen. Und wäre er mit der Antwort nicht zufrieden: so bliebe mir nur noch eine übrig, nämlich: Einer von uns beyden hat Unrecht. Allein ich glaube, der Bischoff ist nicht auf unserm Busche gewachsen.« – »Das ist er auch nicht – das ist er auch nicht, ha, ha, ha, (rufte der Herzog,) da haben Sie mich Ihren Dorn fühlen lassen, Herr Bramble, ha, ha, ha! Aber, es thut nichts; es soll mir lieb seyn, wenn Sie mich in meinem Hause besuchen wollen. – Sie wissen's doch noch zu finden? – Die Zeiten haben sich geändert. Wenn ich gleich nicht mehr die Macht habe, so hab' ich doch noch den guten Willen. – Ihr ganz gehorsamster Diener, mein lieber Herr Blackberry.« Hiermit watschelte er nach einer andern Ecke des Saals. »Was für ein lieber alter Herr das ist,« sagte Barton; »wie lebhaft! welch ein Gedächtniß! – Er vergißt seine alten Freunde niemals.« – »Er erzeigt mir zu viel Ehre,« unterbrach ihn mein Onkel, »daß er mich darunter rechnet. – Als ich im Parlamente saß, habe ich in Allem nur dreymal für das Ministerium gestimmt, als mir mein Gewissen sagte, es hätte Recht. Indessen, wenn man noch bey ihm antichambrirt, so will ich meinen Neffen hinführen, damit er einen solchen Auftritt sehe und ihn vermeiden lerne; denn, nach meiner Meynung, macht ein freyer Britte niemals eine schlechtre Figur, als in der Antichambre eines Ministers. Von diesem Lord will ich für itzt nichts weiter erwähnen, als daß er vor dreyßig Jahren der gewöhnliche und alltägliche Gegenstand des Gelächters und Hasses war. Er wurde allgemein verlacht als ein politischer Affe, dessen Rang und Ansehn seine Thorheiten nur noch mehr ins Licht setzten; und die Gegenparthey fluchte ihm, als dem unermüdeten Helfershelfer eines Rädelführers, den man mit Recht mit dem Namen eines Vaters des Verderbens brandmarkte: allein dieser lächerliche Affe, dieser feile Knecht, verlor nicht so bald seinen Posten, den er so schlecht bekleiden konnte, und ließ die Facktionsfahne wehen, als er in ein Muster von vaterländischer Tugend verwandelt ward; selbst der niedrige Pöbel, der ihm vorher schmähte, erhob ihn nun bis an die Wolken, als einen weisen, erfahrungsvollen Staatsmann, als eine Hauptstütze der protestantischen Thronfolge, und als einen Eckstein der brittischen Freyheit. Ich möchte gerne wissen, wie Herr Barton diese Widersprüche vereinigen wollte, ohne uns zu nöthigen, uns alles Anspruchs auf schlichten Menschenverstand zu begeben.« – »Mein werthester Herr Bramble, antwortete Barton, ich unternehme es nicht, die Ausschweifungen des großen Haufens zu rechtfertigen, welcher, wie ich annehmen will, in seinem ehmaligen Tadel eben so wild war, als itzt in seinem Lobe: aber, ich werde mir ein Vergnügen machen, Sie nächsten Donnerstag nach Se. Excellenz Antichambre zu begleiten; ich fürchte, wir werden daselbst keine zu zahlreiche Versammlung finden; denn, Sie wissen, es ist ein großer Abfall, zwischen Sr. Excellenz itzigen Posten, als Geheimerrathspräsident, und Ihrem vorigen, als erster Lord-Schatzmeister.«

Als dieser gesprächige Freund uns alle merkwürdige Charakter beyderley Geschlechts, die bey Hofe erschienen waren, beschrieben hatte, beschlossen wir, uns für dießmal hinweg zu begeben. Unten an der Treppe stund ein großer Haufen Lakeyen und Sänftenträger, und mitten unter ihnen ragte Humphry Klinker auf einem Stuhle stehend hervor, mit seinem Huthe in einer Hand und in der andern ein Papier, welches er den Umstehenden darhielt – Noch ehe wir erfahren konnten, was er mit seiner Versammlung vorhatte, nahm er seinen Herrn wahr, steckte sein Papier geschwinde in die Taschen, stieg von seiner Höhe herab, machte sich Luft durch das Gedränge, und schaffte den Wagen vor die Thüre. Mein Onkel sagte kein Wort, bis wir im Wagen saßen, woselbst er, nachdem er mich eine Zeitlang steif angesehn hatte, in ein Gelächter ausbrach und mich fragte, ob ich wüßte, was Klinker den Herrn Jungens vorpredigte? »Wenn der Kerl, sagte er, ein Marktschreyer geworden ist, so muß ich ihn abschaffen, ehe er uns alle zu lustigen Personen macht.« Ich sagte, wie ich es sehr wahrscheinlich hielte, daß er bey seinem Meister, dem Hufschmied, die Medicin studirt habe. –

Des Mittags beym Essen fragte Onkel ihn, ob er sich wohl jemals mit curiren abgegeben habe? »O ja, Ihr Hochwohlgebohren Gnaden, sagte er, bey unvernünftigen Thieren, aber mit vernünftigen Geschöpfen geb' ich mich nicht ab.« – »Ich weis nicht, ob Er seine Zuhörer zu St. James, denen Er da vorpredigte, unter die Classe rechnet, aber ich möchte doch gerne wissen, was für eine Art Pulver Er austheilte, und ob Er viel verkauft hat« – »Verkauft, gnädger Herr!« rief Klinker; »Ich hoffe, ich werde niemals so niederträchtig werden, für Gold oder Silber zu verkaufen, was eine freye Gabe der Gnade Gottes ist. Ich habe, mit Ew. Gnaden Wohlnehmen, nichts ausgetheilt, als eine kleine Ermahnung an meine Mitbrüder im Dienst und in der Sünde.« – »Ermahnung! worüber?« – »Ueber das häßliche Fluchen, mit Ew. Gnaden Wohlnehmen, das so abscheulich und gräßlich ist, daß mir die Haare davor zu Berge stehn.« – »So! Nun, wenn Er sie von dieser Krankheit curiren kann, so will ich Ihn wirklich für einen Wunderdoctor halten.« – »Warum nicht curiren, liebster, gnädger Herr. Die Herzen dieser armen Leute sind nicht so verkehrt, als Ew. Gnaden zu denken scheinen. – Wenn sie nur erst gewiß wissen, daß man auf nichts anders sieht, als auf ihr eignes Beste, so werden sie schon gedultig zuhören, und denn kann man sie leicht überzeugen, daß es eine sündliche närrische Angewohnheit ist, wovon sie keinen Nutzen und keine Freude haben.« – Bey dieser Anmerkung veränderte Onkel die Farbe und sah in der Gesellschaft rund, als ob er sagen wollte: Es sieht mir doch niemand an, daß mir die Schuh drücken! »Aber, Klinker, sagt' er, wenn Er so beredter Lippen wäre, die gemeinen Leute zu bereden, daß sie sich diese rhetorische Figuren abgewöhnten: so würde ja wenig oder nichts übrig bleiben, woran man die Sprache des Gesindes von der Sprache der Herrschaften unterscheiden könnte.« – »Je nun! mit Ew. Gnaden Wohlnehmen, so wird ja ihre Sprache feiner und nicht so sündlich; und an jenem Tage wird kein Ansehn der Person gelten.«

Als Humphry hinaus gegangen war eine Flasche Wein zu holen, wünschte mein Onkel seiner Schwester Glück, daß sie einen solchen Reformator im Dienste hätte; worauf Tante Tabitha bezeugte: es wäre ein artiger, bescheidner Mensch; sehr ehrerbietig, und sehr fleißig, und wie sie glaubte, ein frommer Christ obendrein. Man sollte fast glauben, Klinker müßte eine vorzügliche Gabe besitzen, solchergestalt einer alten Jungfer von ihrer Gemüthsart die Gunst abzugewinnen, da sie Rache und Vorurtheil so sehr gegen ihn geharnischt hatten; im Grunde aber kommt's wohl daher, daß Miß Tabby nach dem Abentheur zu Salthill sich ganz umgekehrt zu haben scheint. Sie schilt die Bedienten nicht mehr aus, und diese Leibesbewegung war ihr doch zur Gewohnheit geworden, und schien sogar ihrer Gesundheit unentbehrlich zu seyn; dabey ist sie gegen ihren Joly so gleichgültig geworden, daß sie solchen der Lady Griskin geschenkt hat, welche willens ist, die Art davon in die Mode zu bringen. Diese gnädige Dame ist eine Witwe des Sir Thimotheus Griskin, der weitläuftig mit uns verwandt war. Sie hat jährlich fünf hundert Pfund Sterling einzukommen, sie weis sich aber so durchzuhelfen, daß sie dreymal so viel ausgiebt. Vor ihrer Verheyrathung gieng ein zweydeutiges Gerede von ihr herum, itzt aber lebt sie im Bonton; hält Spielgesellschaften; giebt ausgesuchten Freunden des Abends ohne Aufsehen bey sich zu Essen, und wird von Leuten vom vornehmsten Stande besucht. – Sie ist gegen uns alle außerordentlich höflich gewesen, und meinem Onkel besonders begegnet sie mit vorzüglicher Achtung; allein je mehr sie streichelt, jemehr scheint er die Borsten zu sträuben – Auf ihre Complimente antwortete er sehr kurz und trocken – Vor einigen Tagen schickte sie uns einen Korb sehr schöner Erdbeere, welchen er nicht ohne Zeichen des Widerwillens empfieng, und aus dem Virgil die Worte hermurmelte, timeo Danaos et Dona ferentes . Sie ist schon zweymal des Morgens vorgefahren, um Liddy auf einen Spatzierweg mitzunehmen, aber Miß Tabby war immer sorgfältig bey der Hand, (auf sein Verlangen, wie ich glaube,) daß sie die Nichte noch niemals ohne die Gesellschaft der Tante hat habhaft werden können. Ich habe mir Mühe gegeben, den Alten über diesen Punct ein wenig auszuholen; er weis aber eine Erklärung behutsam zu vermeiden.

Mein großer Bogen ist schon voll, mein liebster Philipps; und ich wette, wenn Sie ihn ganz durchlesen: so sind Sie eben so müde, als

Ihr

    London,
den 2ten Junii.

ergebenster   
J. Melford.

.

An den Doctor Lukas.

Ja, Doctor, ich hab' es gesehn, das brittische Musäum; es ist eine schöne, ja, wenn man bedenkt, daß sie ein Privatmann, ein Arzt, der zu gleicher Zeit sein eignes Glück zu machen hatt', gesammlet hat, eine erstaunend große Sammlung. Allein, so groß sie auch ist, so würde sie doch viel besser ins Auge fallen, wenn sie in einem großen Salon aufgestellt wäre, anstatt sie itzt in verschiedne Zimmer vertheilt ist, die sie nicht völlig ausfüllt. – Ich möchte wünschen, die Folge der Münzen wäre ununterbrochen, und das Ganze der drey Naturreiche dadurch complettirt, daß man die fehlenden Artikel auf öffentliche Kosten herbeyschaffte. Eine große Verbesserung der Bibliothek würde es gleichfalls seyn, wenn man alle die noch mangelnden wichtigen Werke zusammenkaufte. Man könnte sie nach dem Alter der Ausgaben in Centurien aufstellen, und sowohl darüber als über die Manuscripte ein gutes gedrucktes Verzeichniß machen lassen, damit jemand, der etwas nachschlagen oder abschreiben wollte, wüßte, wo ers zu suchen hätte. Ferner wünschte ich, zur Ehre der Nation, daß ein vollständiger Apparatus vorhanden wäre, der bey Vorlesung über die Mathematik, die Mechanick, und die Experimentalphysik gebraucht werden könnte, und ein gutes, jährliches Gehalt dabey, für einen geschickten Lehrer, der in diesen Wissenschaften öffentlichen Unterricht gäbe.

Allein, das sind alles leere Wünsche, die wohl niemals in Erfüllung gehn möchten – Wenn man die Denkart unsrer Zeiten betrachtet, so muß man sich schon wundern, wenn man nur irgend ein gemeinnütziges Institut zu Stande gebracht sieht. Die Partheysucht ist eine Art von Raserey geworden, wovon man vormals keinen Begriff hatte; oder vielmehr, sie ist in eine völlige Vergessenheit alles dessen, was redlich und rechtschaffen heißen kann, ausgeartet. – Sie wissen, ich habe seit einiger Zeit wahrgenommen, daß die öffentlichen Blätter die schändlichsten Werkzeuge der allerhämischten und boßhaftesten Verläumdungen geworden sind: jeder heimtückische Bube, – jeder desperate Mordbrenner, der das Geld fürs Einrücken erübrigen kann, verkriecht sich hinter die Druckerpresse eines Zeitungskrämers, und von da aus drückt er dem besten Leumund und Glimpf im Königreiche einen Dolch in den Rücken, ohne Gefahr, entdeckt oder bestraft zu werden.

Ich habe mit einem gewissen Herrn Barton Bekanntschaft gemacht, den Jerom zu Oxford gekannt hat; ein guter Schlag vom Manne, obgleich in seinen politischen Grundsätzen windschief, bis zum Poßirlichen. Dabey aber ist seine Partheylichkeit um so weniger beleidigend, weil er sie niemals durch Lästern und Schimpfen an den Tag gibt. Er ist ein Parlamentsglied, und trägt die Hofkokarde in der Tasche; und alle seine Worte und Reden fließen über von den Tugenden und Vollkommenheiten der Minister, die seine Gönner sind. Neulich, als er sein volles Salbhorn des stinkendsten Lobes über einen dieser seiner Helden ausgegossen hatte, sagte ich ihm, ich hätte eben diesen Herrn in einer Zeitung mit ganz andern Farben abgemahlt gefunden, er wäre in derselben dergestalt häßlich gezeichnet, daß, wenn nur die Hälfte des Gesagten wahr sey, so müßte er nicht nur unfähig seyn, zu regieren, sondern unwürdig, Luft zu schöpfen. Daß diese Anklagen, mit immer neuen Zusätzen, einmal übers andre wiederholt würden; und da er keinen Schritt zu seiner Rechtfertigung gethan: so fieng' ich an zu denken, die Beschuldigungen möchten doch wohl nicht ganz ohne Grund seyn.

»Und was für Schritte, ich bitte Sie, sagte Herr Barton, wollten Sie, daß er hätte thun sollen? – Angenommen, er verklagte den Zeitungsverleger, hinter den sich der namenlose Verläumder versteckt, und brächte ihn als einen Pasquillendrucker an den öffentlichen Pranger; weitgefehlt, daß das eine Strafe wäre, andern zur Warnung, daß es vielmehr sein Glück machen würde. Den Augenblick würde ihn der große Haufen in seinen Schutz nehmen, als einen Märtyrer der Verläumdung, deren er sich beständig von Herzen angenommen hat. Er bezahlt für ihn die Strafgelder, macht ihm ansehnliche Geschenke; sein Laden wimmelt von Käufern, und seine Blätter gehn nach dem Verhältniß ab, wie sie voller Lügen und Lästerungen sind. Während der ganzen Zeit fährt man über den Ankläger her, und verschreyt ihn als einen Tyrannen und Unterdrücker, daß er den Weg einer Inquisitionsklage erwählt hat, weil man das für einen erschlichnen Mißbrauch hält. Stellt er aber eine Schadenklage an, so muß er den Schaden erweisen, und ich überlasse Ihnen zu urtheilen, ob der ehrliche Name eines Mannes nicht in Schimpf und Verachtung gebracht, und alle seine Absichten für sein ganzes Leben durch Verläumdungen vereitelt werden können, ohne daß er im Stande seyn möge, die besondern Schadenpöste, die er erlitten, in ein Verzeichniß zu bringen.

Dieser Hang zum Verläumden ist eine Art von Ketzerey, die durch Verfolgung sich nur weiter ausbreitet. Preßfreyheit ist ein mächtiges Wort, und hat, gleich dem Worte, protestantische Religion, bey Aufrührern zum Fürwande gedient. Ein Minister muß sich also mit Geduld waffnen, und dergleichen Ausfälle auf seine Person aushalten, ohne sich irre machen zu lassen. Was sie auch in aller andern Absicht für Unheil stiften mögen, so sind sie doch in einer der Regierung gewiß vortheilhaft; denn diese verläumderischen Artikel haben die Zahl der öffentlichen Blätter dergestalt vermehrt, und ihren Absatz zu einer solchen Höhe getrieben, daß die Gefälle von den Stempeln auf den Zeitungen und von den Avertissementern der Krone jährlich ein Ansehnliches mehr als sonst einbringen.« – So viel ist gewiß, die Ehre eines rechtschaffnen Mannes ist ein zartes Ding, um vor einem Gerichte von zwölf Geschwornen verhandelt zu werden, von denen man nicht immer erwarten kann, daß sie von tiefer Einsicht oder sehr unpartheyisch seyn werden; in einem solchen Falle wird der Beklagte nicht allein von seinen Nachbarn, sondern auch von Leuten von seiner eignen Parthey gerichtet; und ich halte im Ernste dafür, es muß der entschlossenste von allen Patrioten seyn, der sich aus Liebe zum Vaterlande solchen Verläumdungen aussetzen kann. – Wenn, es sey aus Unwissenheit oder Partheylichkeit der geschwornen Männer, ein ehrlicher Mann durch den Weg rechtens keine Genugthuung dafür erhalten kann, daß er in Zeitungen oder fliegenden Blättern mißhandelt ist, so weis ich nur noch ein Mittel, das man gegen den Herausgeber anwenden kann; es ist zwar etwas zu wagen dabey; aber es ist doch schon bey meinem Gedenken mehr als einmal mit glücklichem Erfolge versucht worden. – In irgendeiner Zeitung stund von einem Cavallerieregimente, daß es in der Schlacht bey Oettingen nicht seine Schuldigkeit gethan hätte; ein Rittmeister von diesem Regimente prügelte den Herausgeber wacker durch, und sagte ihm dabey, wofern er ihn verklagte, könnte er sicher drauf rechnen, daß ihn alle Officiere vom ganzen Regimente auf eine ähnliche Art heimsuchen würden. Der Gouverneur ** nahm sich dieselbe Genugthuung von den Ribben eines Schriftstellers, der ihn bey seinem vollen Namen in einer Wochenschrift herumgenommen hatte. Ich kenne einen Schuft desselben Gelichters, der wegen seines unverschämten Verläumdens aus Venedig gejagt worden; er begab sich nach Lugano, einem Städtchen zu der schweitzer Eidgenossenschaft gehörig, und das sich (wenns Gottes Wille ist,) unter die freyen Städte rechnet. Hier fand er eine Presse, aus welcher er seinen Koth auf einige ehrwürdige Namen aus der Republik spritzte, die man ihn zu verlassen gezwungen hatte. Einige unter diesen Männern, da sie fanden, daß sie ihn auf dem Wege rechtens nicht abreichen konnten, bedienten sich gewisser nützlicher Werkzeuge, die man allenthalben finden kann, um ihm die Bastinado zu geben, welche, nachdem es mehr als einmal wiederholt worden, denn auch den Fluß seiner Verläumdung glücklich austrocknete.

Was die Preßfreyheit betrifft, so sollte sie, so gut wie jedes andre Privilegium, in gewisse Schranken eingeschlossen seyn; denn wird sie so weit getrieben, daß sie den Gesetzen der Religion oder dem guten Leumund der Bürger zu nahe tritt: so wird sie eine der größesten Uebel, das nur jemals der bürgerlichen Gesellschaft überkommen kann. Wenn in England der geringste Lotterbube uns ungestraft die Ehre abschneiden darf, was haben wir denn für ein Recht, Italien deswegen einen Vorwurf zu machen, daß daselbst die ordentlichen Meuchelmörder nichts seltnes sind. Was hilft es, daß wir bey unserm Eigenthum geschätzt werden, wenn unsre bürgerliche Ehre jedem Räuber bloß steht? Leute, die auf eine solche Art gereitzt und gezerret werden, gerathen zuletzt in Verzweiflung; und die Verzweiflung an der Möglichkeit, seinen guten Glimpf vor der Beschmitzung von solchen Ungeziefer zu bewahren, bringt eine völlige Nachläßigkeit in Ansehung der guten Nachrede hervor; und dergestalt ist einer der vornehmsten Reitze zur Ausübung bürgerlicher Tugenden völlig unwirksam gemacht.

Herrn Bartons letzte Anmerkung in Ansehung der Stempelgefälle ist eben so weise und löblich, als eine andre, schon vorlängst von unsern Cammeralisten angenommne Maxime, nämlich: der Trunkenheit, Völlerey und Schwelgerey durch die Finger zu sehen, weil sie den Ertrag der Accise vermehren; sie überlegen aber nicht, daß durch Erhaltung dieses elenden Vortheils die Sitten, die Gesundheit und der Fleiß der Nation untergraben werden – So herzlich ich auch diejenigen verachte, die einem Minister schmeicheln können: so denke ich, ist doch noch etwas verächtlichers dabey, wenn man dem Pöbel schmeichelt. – Wenn ich einen Mann von Stand' und Geburt, Erziehung und Vermögen sehe, wie er sich mit dem Hefen des Volks auf einen Fuß setzt, sich unter die geringsten Handwerker mischt, mit ihnen in eine Schüssel taucht und aus einem Becher trinkt, ihren Vorurtheilen schmeichelt, eine Lobrede auf ihre guten Eigenschaften hält, wie er sich den Dünsten aus ihren Mägen, dem Dampf' aus ihren Tabackspfeifen, den Gemeinheiten ihres Umgangs und dem Unsinne ihres Geschwätzes blosstellt: so kann ich nicht umhin, ihn als einen Mann zu verachten, der sich, um einen eben so eigennützigen als unrühmlichen Zweck zu erreichen, die niederträchtigste Entehrung zu Schulden kommen läßt.

Ich würde von der politischen Materie um desto williger abbrechen, könnte ich nur andre Gegenstände des Gesprächs finden, die bescheidner und aufrichtiger behandelt würden; aber so scheints, hat sich der Partheyteufel die Herrschaft über jedes Fach des Lebens angemaaßt. Selbst die Republik der Gelehrten und der Leute von schönen Wissenschaften ist in erbitterte Partheyen getheilt, wovon die eine die Werke der andern heruntermachen, verschreyen und verketzen. Gestern machte ich einem Herrn von meiner ehmaligen Bekanntschaft einen Gegenbesuch, in dessem Hause ich einen Schriftsteller der gegenwärtigen Zeiten vorfand, der mit einigem Beyfalle geschrieben hat. – Da ich ein oder ein paar von seinen Werken mit Vergnügen gelesen hatte, so war mir die Gelegenheit lieb, ihn von Person kennen zu lernen; seine Reden und sein Betragen aber löschten alle die vortheilhaften Begriffe wieder aus, die mir seine Schriften von ihm beygebracht hatten. Ueber alles maßte er sich an, mit dem Tone eines Lehrers zu entscheiden, ohne sich herab zu lassen, die geringste Ursache anzugeben, warum er von der allgemeinen Meynung andrer vernünftigen Menschen abgieng, grade als ob's unsre Pflicht gewesen wäre, uns bey dem ipse dixit dieses neugebacknen Pythagoras zu beruhigen. Er zog den Charakter aller vornehmsten Schriftsteller, die seit den letzten hundert Jahren gestorben sind, von neuem vor seinen Richtstuhl, und bey dieser Revision nahm er nicht die geringste Rücksicht auf ihren erworbnen Nachruhm. Nach seinem Ausspruche war Milton holpricht und prosaisch; Dryden matt und Wortreich; Butler und Schwift hatten ihm keinen Humor, Congreve keinen Witz, und Pope hatte nicht das geringste poetische Verdienst – und seyne Zeitgenossen, o, da konnte er nicht ausstehn, daß man jemanden mit einigem Beyfalle nennte – Das waren lauter Dunse, Pedanten, Ausschmierer, Saalbader und Betrüger; und man mochte ein Werk nennen, was nun wollte, so war es platt, trocken, einfältig und schaal. Man muß gestehn, man konnte diesem Schriftsteller keinen Vorwurf der Schmeicheley ans Gewissen legen; denn, so viel ich gehört, hat er in seinem Leben noch keine Zeile gelobt, wenn sie auch selbst von denen geschrieben, mit welchen er auf einen ganz freundschaftlichen Fuß lebt. Diese aufgeblasene Zuversichtlichkeit, womit einer andere Schriftsteller heruntersetzt, deren Ruhme jemand oder gar die ganze Gesellschaft Antheil nehmen kann, ist eine solche grobe Beleidigung des Verstandes eines Menschen, daß ichs unmöglich geduldig ertragen konnte.

Ich wünschte keine Gründe zu hören, warum er einige Werke verachtete, die mir ein ungemeines Vergnügen gemacht hätten; und da das Demonstriren nicht eben seine Stärke zu seyn schien: so war ich mit vieler Freymüthigkeit einer andern Meynung, als er. Er mochte durch die Nachgebigkeit und Ehrerbietung seiner Hörer verzogen seyn, und konnte eben nicht mit vieler Gelassenheit Widerspruch vertragen; und das Haberechten möchte leicht hitzig geworden seyn, wäre es nicht durch die Dazukunft eines Mitbarden unterbrochen worden, bey dessen Ankunft er allemal das Weite wählt. – Sie sind nicht von einer Clique, und leben seit zwanzig Jahren in offener Fehde. – War der andre dogmatisch, so war dieser ein deklamatorisches Genie; er sprach nicht, sondern er harangirte, und seine Orationes waren eben so langweilig als schwülstig. Er entscheidet ebenfalls ex cathedra über den Werth seiner Zeitgenossen; und ob er sich gleich kein Gewissen daraus macht, Lob zu ertheilen, und zwar mit vollen Händen, und das an die elendesten Schmierer im fünften Stockwerke, wenn sie ihm nur mündlich schmeicheln, oder die Zeitungsposaune zu seinem Ruhm und Preise erschallen lassen; so verdammt er doch ganz unverschämt und hämisch alle übrige itzt lebende Schriftsteller. Der Eine ist ihm ein Querkopf, weil's ein Irrländer ist; der Andre eine halb ausgehungerte litterarische Laus, – denn er ist ein Schottländer; ein Dritter ein Esel, weil er vom Hofe eine Pension bekommt; der Vierte ein wahrer Engel der Dummheit, weil's ihm in einer Schreibart geglückt ist, die diesem Aristarch nicht hat gelingen wollen; einen Fünften, der über eins seiner Werke eine Critik geschrieben hat, nennt er eine critische Wanze, die ärger stinkt als sticht. – Kurz, ihn und seine getreuen Spießgesellen ausgenommen, giebts in ganz England keinen Mann von Genie oder Gelehrsamkeit. Was den Beyfall anbelangt, den die Schriftsteller erhalten haben, die nicht zu seinem Panier gehören: so schreibt er solchen bloß dem Umstande zu, daß das Publicum keinen Geschmack hat; er vergißt dabey freylich, daß es eben dasselbe geschmacklose Publicum ist, dem er das wenige Ansehn zu verdanken hat, worauf er stolz thut.

Diese Originale taugen nichts zum Umgange. Wenn sie den Vortheil behaupten wollten, den sie durch ihr Schreiben gewonnen haben, so sollten sie niemals anders als auf dem Papiere erscheinen. Mir, meines Theils, läuft die Galle über, wenn ich finde, daß ein Mann so erhabne Ideen im Kopfe und so armselige Empfindungen im Herzen haben kann. Ueberhaupt wird man doch finden, daß es in der menschlichen Seele, über den Punct der Offenherzigkeit, am schlechtesten beschaffen ist. Ich möchte fast glauben, daß keines Menschen Herz ganz von allem Neide frey sey; und vielleicht ist ihm das als ein Naturtrieb eingepflanzt. Ich besorge, wir bekleistern dieses Laster zuweilen mit dem besser klingenden Namen, Nacheiferung. Ich habe einen wirklich großmüthigen, menschenfreundlichen, und gesetzten Mann gekannt, der sogar Selbstverläugnung zu besitzen schien, der aber nicht einmal anhören konnte, daß man seinen Freund lobte, ohne Zeichen der Unruhe blicken zu lassen; gerade als ob das Lob eine verhaßte Vergleichung zu seinem eignen Nachtheile in sich gefaßt hätte, und als ob ein jeder Lorbeer des Ruhms, den man in den Kranz des Andern flochte, ihm von seinen eignen Schleifen gerissen würde. Das ist eine unartige Gattung von Eifersucht, wovon mein Gewissen mich frey spricht. – Ist es ein Laster oder eine Schwachheit, das mögen Sie untersuchen.

Es giebt einen andern Punct, den ich viel lieber ausgemacht sehn möchte: ob die Welt allemal ein so verächtlich Ding gewesen ist, als sie mir vorkömmt? – Wenn die Sitten der Menschen nicht die letzten dreyßig Jahre in einem hohen Grade verderbt worden sind, so muß mich der gewöhnliche Fehler des Alters angewandelt haben, difficilis, querulus, laudator temporis acti ; oder, welches wohl wahrscheinlicher ist, die lebhaften Wünsche und Geschäfftigkeit der Jugend haben mich verhindert, die angegangene Seite der menschlichen Natur zu bemerken, die nunmehr meinen Augen so ekelhaft vorkommt.

Wir sind bey Hofe, an der Börse und allenthalben herum gewesen; und allenthalben finden wir Nahrung für den Spleen, und auch etwas worüber wir lachen können. – Mein neuer Bedienter, Humphry Klinker, zeigt sich als ein großes Original; und Tabby ist eine ganz neue Creatur geworden. – Sie hat ihren Joly weggeschenkt, und thut nichts anders, als Lächeln, wie Malvoglio in der Comödie – Ich will mich wohl hängen lassen, wenn sie nicht eine Rolle spielt, die ihr nicht vom Herzen geht; aber warum und weswegen, das hab' ich noch nicht ausfündig gemacht.

Was die Charaktere der Menschen betrifft, so ist meine Neugierde völlig gesättigt: Mit dem Studio des Menschen bin ich fertig, und muß nun suchen, mir mit der Neuheit der Dinge die Zeit zu vertreiben. Für itzt bin ich durch einen gewaltigen Stoß des Gemüths aus meiner natürlichen Richtung getrieben, wenn aber diese Kraft nicht länger wirkt, werde ich mit verdoppelter Schnelligkeit zu meiner Einsamkeit zurückfahren. Alles was ich in diesem großen Behälter der Narrheit, Falschheit und Büberey sehe, höre und fühle, erhöht den Werth des Landlebens, in der Meynung,

Ihres

   London,
den 2ten Junii.

beständig ergebnen
M. Bramble. 

.

An Jungfer Maria Jones, zu Brambleton-hall.

Meine geliebte Mieckchen,

Moßgeh Krumb, der bey der Frau von Grießkinn Tafeldecker ist, der hat den Herrn Barton gebeten, daß er in seinen Brief meinen Umschlag mit frey wegschicken will, und so kann ich nicht unterlassen, an Ihr zu schreiben, und thu Sie zu wissen, daß ich, und die ganze liebwertheste Familie, noch wohl sind.

Ich hätte wohl gerne einen Brief mit Thomas geschrieben, aber der war weg, Wibs, wie der Wind, und Knall und Fall, wie man wohl sagt, hat er seine Abeschied gekriegt. Er und Scholly die hatten Ihr eine Pihke auf ein ander, und da geriethen sie unterwegs einander in die Haare und Scholly biß ihn in den Daumen, und da schwur er und fluchte, daß ers ihn nachtragen wollte, und gab Fröhlen Naseweise Antworten, darüber jagte Skweir ihm über Hals und Kopf fort. Und der liebe Gott schickte uns einen andern Diener in die Wege, der heißt Unfrey Kalinkerg; es ist ihr eine so liebe Seele, als nur wohl die Sonne beschienen hat; und bey dem wird das Sprichwort wahr: eine schäbische Katze kann oft gut Mäuse fangen, und man sucht oft nicht an einem Menschen was alles in ihm steckt: aber das glaub ich wohl, lange krank seyn, macht nicht gut aussehn, und wenn man nichts verdient, so kann man sich nichts anschaffen.

O Mieckchen, was soll ich Sie von London erzählen! Alle die Städte, die ich alle mein Lebstage gesehn habe, sind Ihr nur kleine Nester gegen diese erstaunliche große Stadt! Ja ich muß Ihr sagen, das schöne Bath ist nur ein Dorf darentgegen. – Man sollte Ihr denken, die Straßen hätten gar kein Ende, so lang sind sie. Denn ist dar so eine allmägtige Menge Leute darauf, daß man immer gedrängt wird, und das geht immer Heuster Peuster! – Das ist ein Gefahre mit allerhand Kutschen; und da wimmelts von Leuten, die was zu kaufe haben, und das so durcheinander ausrufen! Und denn ist Ihr da so viel wunderbares zu sehen, daß man Nasen und Ohren aufsperren möchte! Ach liebste Zeit! So lang' als ich nun hier bin, läuft mirs im meinen armen Kopfe herum, als ob sie einem Brumkräusel hinein geschimssen hätte! Und ich hab' Ihr den Park besehen, und den Pallass Zent Schimses, und des Königs und der Königinn grossen Kaninichen Garten, und die süssen kleinen Prinzen, die grossen grossen Oelifanten, und den bunten Esel, und die ganze Königliche Familige.

Vorige Woche fuhr ich mit die junge Fröhlen nach den Tower, und wir besahen dar die Kronen und die wilden Thiere; und da war auch ein reissender Leue, der hatte Ihr Zähne wie meine Hand lang, ungelogen zu sagen; und da war ein Herr, der sagte, ich sollte ja der Bestie nicht zu nahe kommen, wenn ich nicht – Sie versteht mich ja wohl – wäre, denn sonst würde er brüllen, und kratzen und beissen – Es war mir gar nicht drum zu thun, nahe hinan zu gehn, denn ich kann keine knurrigte Hunde ausstehn, von Natur nicht. – Aber Fröhlen gieng ganz dreiste auf ihn los; und das Thier fieng Ihr an zu heulen und Specktakel zu treiben, daß ich dachte, er würde sein Vogelbauer in tausend Stücken brechen und uns alle verschlingen; und der Herr, wovon ich gesagt habe, fieng bitterlich an zu lachen; aber ich will wohl den Todt darauf leiden, das Fröhlen eine so reine Mamsell ist, als ein ungebornes Kind; und dessentwegen hat entweder der Herr geflunkert, oder der Leue muß an den Kaak davor, daß er seinen Nächsten, belügt; denn das achte Gebott heißt: Du solt nicht falsch Zeugniß reden wiederum deinen Nächsten.

Hernach bin ich mit andern hübschen Leuten nach Sadleswell gewesen, wor ich solche Hokes Pokus Sprunge und Tänze auf Seilen und Dräthen gesehen habe, daß mir ganz grün und gelb für den Augen wurde, und ich bald eine Unmacht gekriegt hätte – Ich dachte, das gienge alles mit Hexerey zu; und da dacht ich, sie hätten mich auch schon behext und da konnt ich des Weinen nicht lassen – Sie weiß ja wohl, das bey uns die Hexen in der Wolpersnacht auf Besenstielen in der Luft reiten. Aber hier ritten sie und hatten nicht einmal einen Besenstiel, oder sonst nichts in der Welt was Nichts heißt, und schossen Ihr Pistolen in der Luft los, und bliesen auf Trompeten, und Trommeln, und schwenkten sich, und fuhren mit Schubkarren auf einem eisern Drath (ich habe mich gekreuziget und gesegnet) der nicht dicker war, als ein Spinfaden, daß es nicht anders seyn kann, es muß mit dem Seybeyuns! zu gehn. – Ein feiner Mensch, mit einer kurzen Köhperucke und einen goldnen Degen an der Seite setzte sich bey mich und sprach mich ganz höflich Muth zu, und wollte mich mit ein Glas Wein tracktiren; aber ich wollte dar nicht bleiben; und so, als wir durch den finstern Gang giengen, fieng er an, seinen Pferdefuß zu zeigen, und wollte meine arme Seele in seine Satansklauen haben. Umfrey Klinkerg sagt ihm, er sollte friede halten, und da gab er dem jungen Menschen eine Ohrfeige auf den Backen – Aber, ich sage Sie's, Moßgey Klinkerg blibs ihn nicht lange schuldig – Er klopfte ihn mit seinem eichen Spatzirrohre den Staub aus dem Kleide, und kehrte sich nichts an sein goldnes Käsemesser; und da faßte er mich an seinen Arm und brachte mich nach Hause, ich weiß nicht, ob todt oder lebendig, so verschrocken war ich. – Aber, den Himmel seys gedankt! ich habe nun alle solche Eitelkeiten entsagt; denn was hülf es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und litte doch Schaden an seiner Seele? O Mieckchen! lasse Sie ja ihr Herz nicht von Eitelkeiten dieser Welt bestricken!

Bald hätte ichs vergessen, Ihr zu erzählen, daß man mich die Haare zu recht geschnitten, und aufgewickelt, und gebrannt, gequetscht und in die Puckeln gelegt hat, nach der allerneuesten Mode, von einen Französischen Fresör – Par le Wuh frangsöh – Uhi Madmosell – Ich trage nun meinen Kopf höher als alle vornehme Frauens in unserer Gegend. Als ich vor ein paar Abend aus der Andachtsübung zu hause kam, so hat man mich bey den Lampenscheine für eines vornehmen Hünerpflückers Tochter gehalten, die eine grosse Schönheit ist – Aber ich sag' es noch einmal, das sind lauter Eitelkeiten, woran man das Herz nicht hängen muß. – Die Ergötzlichkeiten in London sind nichts besser als saure Motten und kamicht Bier, wenn man sie mit den Freuden des neuen Jerusalems vergleichen thut.

Meine liebste Mieckchen Jones, wenn ich, wills Gott, zu Hause komme will ich Ihr eine neue Haube mit bringen, und ein Schildbatten Kamm und Weißhaars Predigt, die in der Versammlung der Auserwählten gepredigt ist; und ich bitte Sie, so lieb Sie mich hat, lege Sie sich ein bisschen mehr aufs Schreiben und Buchstabiren, denn, nehm Sies mir nicht übel, liebe Mieckchen, ich habe was rechts geschwitzt, eher ich Ihren letzten Brief heraus kriegen konnte, den mich der Bothenmann nach Bad brachte. – Ach Mädgen, Mädgen! wenn Du nur den geringsten Wind davon hättest, was wir Gelehrten vor ein Vergnügen haben, wenn wir das schwereste Buch der Kronike so von der Hand weglesen, und allerley fremde Wörter wegschreiben können, und nicht brauchen das A, B, ab erst nach zu lesen. Und Moßgey Kelinkert der kann so gut lesen und schreiben, daß er an einer großen Kirche zum Herrn Küster geschickt ist – Aber ich will nichts mehr sagen – und bitte zu grüssen, an Salmeh – Die gute Seele! das Herze thut mir im Leibe wehe, wenn ich daran denke, daß sie noch nicht einmal alle Buchstaben auswendig weiß – Aber, komt Zeit komt Rath. – Sie ist wohl was hartlernig, aber ich will ihr das ganze Aberzeh, von Honigkuchen mitbringen; und Sie weiß, den mag sie gern, und da soll sie keinen Buchstaben eher zu essen kriegen, bis sie weiß, wie er heißt.

Fröhlen hat mich gesagt, wir sollen eine Reise nach Schottland thun, aber wir mögen hin reisen wo wir wollen, ich bin allerwegen

Ihre

London,
  den 3ten

herzlich geliebte Freundinn
Win Jenkins.         

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An Sir Watkin Philipps, im alten Jesuitercollegio zu Oxford.

In meinem Letztern, mein liebster Philipps, sagt' ich Ihnen unter andern, wie mich däucht, daß mein Onkel sich vorgesetzt habe, des Herzogs von N** Antichambre zu besuchen. Dieser Vorsatz ist denn nun auch ausgeführt worden. Der Herzog hat sich an diese Art von Cour so sehr gewöhnt, daß, ob er gleich bey seinem itzigen Posten nicht den zehnten Theil Gewalt in Händen hat, als bey seiner vorigen Station, er dennoch seinen Freunden zu verstehen gegeben hat, daß sie ihm keinen größern Gefallen thun können, als wenn sie etwas dazu beytrügen, den Schatten dieser Gewalt zu unterhalten, deren Wesen schon längst dahin ist; und aus dieser Ursach hat er noch immer seine gewissen Tage, an denen er Audienz ertheilt.

Mein Onkel und ich, wir giengen mit Herrn Barton hin, der als einer von des Herzogs Anhängern es über sich nahm, uns zu präsentiren. – Das Zimmer war ziemlich voll von Personen in allerley Art Kleidungen; doch war nur ein Priesterrock darunter, ob man mir gleich gesagt hat, daß Se. Excellenz während Dero Ministerschaft fast alle Bischöffe gemacht haben, die itzt im Oberhause die geistlichen Bänke anfüllen – Doch mögens die geistlichen Herrn mit ihrer Dankbarkeit wohl eben so halten, als mit ihrer Mildthätigkeit; es erfährt niemand etwas davon. – Herr Barton ward gleich beym Eintritt von einem Manne angeredet, der ziemlich bey Jahren, dabey lang und dürre war, eine Haakennase, und in seinem Blicke eine gewisse Wendung hatte, die wenigstens eben so viel List als Verstand andeutete. Unser Führer grüßte ihn bey dem Namen Capitain C**, und sagte uns hernach, es wäre ein Mann von sehr verschlagnem Kopfe, den die Regierung gelegentlich zu geheimen Diensten brauchte – Allein ich habe seine ausführlichere Geschichte durch eine andre Hand erhalten – Er hatte sich vor langen Jahren in Frankreich als Kaufmann in sehr schmutzige Händel gemischt; und als man ihn einige derselben überführte, ward er auf die Galeern geschickt, wovon er auf Fürsprache des verstorbnen Herzogs von Ormond befreyet wurde, dem er sich schriftlich als einen Namensvetter und Anverwandten empfohlen hatte – Hernach brauchte ihn unser Ministerium als Spion; und in dem Kriege 1740 durchstrich er sowohl ganz Spanien als Frankreich in der Verkleidung eines Kapuziners mit desto größrer Lebensgefahr, da der spanische Hof ihm wirklich auf die Spur gekommen war, und Ordre gestellt hatte, ihn zu St. Sebastian aufzuheben; und kaum war er glücklicher Weise einige Stunden aus dem Orte weg, ehe noch der Befehl anlangte. Dieses und noch ein ähnliches halsbrechendes Unternehmen hat er so nachdrücklich als etwas Verdienstliches beym Ministerio geltend zu machen gewußt, daß ihm solches eine artige Pension zugestanden hat, die er in seinen alten Tagen verzehrt. – Er hat noch immer bey allen Ministern Zutritt, und man sagt, daß sie ihn bey manchen Dingen als einen Mann von ungemeinem Verstande und großer Erfahrung zu Rathe ziehn. – Er ist in der That ein Mann von viel Kopfs und entschiedner Zuversichtlichkeit, und in seinen Reden weis er sich ein so wichtiges Ansehn zu geben, daß ihn wohl einige der leerköpfigen Staatsmänner, die itzt am Regierungsruder krickeln, für wunder was? halten mögen. Allein, wenn man ihn nicht zu arg belügt, so ist das nicht der einzige Betrug der ihm zu Schulden kommt. – Man sagt ihm nach, daß er im Grunde nicht allein römisch-catholisch, sondern wirklich Priester sey; und indem er sich stellt, als ob er unsern Steuermännern am Staatsruder alle Springfedern entdecke, die den Hof von Versailles in Bewegung setzen, soll er dem französischen Minister alle geheimen Nachrichten mittheilen, an die er nur gelangen kann. – Laß dem seyn, wie ihm wolle, Capitain C** gab sich mit uns in ein Gespräch, als ob wir schon lange mit einander bekannt gewesen wären, und behandelte den Charakter des Herzogs ohne alle Ceremonien. – »Dieser Abrahamsgötze liegt noch im Bette;« sagt' er, »und das Beste, was er nach meiner Meynung thun könnte, wäre, daß er bis Weynachten wegschliefe; denn sobald er aufsteht, thut er nichts, als daß er seine eigne Thorheit zu Markte bringt. – Seitdem daß Granville abgegangen ist, hat die Nation keinen Minister gehabt, der so viel werth sey, als das weiße Mehl in seiner Perucke – Sie sind so unwissend, daß sie den Mond für einen holländischen Käse ansehen; und dabey sind sie so dickköpfig, daß man ihnen kaum begreiflich machen kann, warum zweymal zwey viere ist. – Im Anfange des Krieges sagte dieses arme viersinnige Geschöpf mit grosser Angst zu mir, daß dreyßig tausend Franzosen aus Akadien nach Capbreton marschieret wären« – »Wo haben sie die Transportschiffe hergenommen?« – sagt' ich. – »Transportschiffe, rief er: ich sag' Ihnen ja, daß sie zu Lande marschirt sind.« – »Zu Lande nach der Insel Capbreton?« – »Was? ist Capbreton eine Insel« – »Ganz gewiß.« – »Ha! im Ernst, ist das wahr?« – »Als ich sie ihm auf der Karte wies, untersuchte er es sehr ernstlich mit der Brillen auf der Nase, drauf nahm er mich in seine Arme, und schrie: ›Mein liebster C**! Sie bringen uns doch immer was gutes Neues – Wahrhaftig, ich will den Augenblick hingehn und dem Könige sagen, daß Capbreton eine Insel ist.‹« –

Er schien im Gange zu seyn, uns noch mehr dergleichen Anecdoten auf Sr. Excellenz Rechnung zum Besten zu geben, als er durch die Ankunft des algierischen Abgesandten unterbrochen ward; dieß war ein venerabler Türk, mit einem langen weißen Barte, er hatte einen Dragoman oder Dollmetscher, und einen andern Hausofficianten bey sich, der keine ganze Schuh an den Füßen hatte. – Capitain C** sprach augenblicklich in einem gebietenden Tone mit einem Bedienten, der die Aufwartung hatte, und befahl ihm, er sollte dem Herzog sagen, er müsse aufstehn, weil schon eine große Versammlung da sey, und unter andern auch der Gesandte von Algier – Darauf wandte er sich wieder an uns, und fuhr fort: »Dieser ehrliche Türk mitsammt seinem langen Bocksbarte ist doch nur ein dummes Zicklein – Er ist nun verschiedne Jahre schon Resident in London, und weis noch nichts von unsern Staatsveränderungen. Dieser Besuch gilt dem Premierminister von England; sie sollen aber sehn, wie ihn der hochweise Herzog als ein Zeichen der Ergebenheit gegen seine eigne Person auslegen wird« – Hier öffnete sich eine Thüre, und er stürzte heraus mit einem Seifentuche unterm Kinne, und das Gesicht bis unter die Augen zum Bartscheeren eingeseifet, lief auf den Gesandten los, lachte ihm erbärmlich ins Gesicht, und sagte: »Mein liebster Herr Mahomet, Gott segne Ihren langen Bart! Ich hoffe, der Dey, Ihr Souverain, wird Sie bey der ersten Promotion zum Roßschweife erklären, ha, ha, ha! – Haben Sie nur noch einen Augenblick Geduld, und eh man die Hand umwendet, will ich zu Ihnen schicken.« – Mit diesen Worten kroch er wieder zu Loche, und ließ den Türken in einiger Verwirrung stehn. Nach einer kurzen Pause sagte er indessen seinem Dollmetscher Etwas, wovon ich sehr neugierig war, die Meynung zu wissen, weil er dabey die Augen mit Verwundrung und Andacht in die Höhe hub. – Der gesprächige Capitain befriedigte diese Neugier einigermaßen, indem er mit dem Dollmetscher, als mit einem alten Bekannten umgieng. Ibrahim, der Gesandte, der Se. Excellenz für Dero lustigen Rath gehalten hatte, war durch den Dollmetscher nicht so bald aus dem Irrthume gebracht, als er ungefähr folgenden Seufzer ausstieß: »Heiliger Prophet! nun wundert michs nicht, wenns dieser Nation so wohl geht, da ich sehe, daß sie nach dem Rathe der Blödsinnigen regieret wird; eine Art Menschen, die ein jeder rechtgläubiger Muselmann als Werkzeuge der unmittelbaren göttlichen Eingebung verehrt.« Ibrahim ward mit einer besondern Audienz beehrt, die nicht lang dauerte; worauf ihn der Herzog bis an die Thüre begleitete, und dann zurückkehrte, um seine gnädigen Blicke unter dem Haufen seiner Verehrer zu vertheilen.

Als Herr Barton vortrat, um mich Sr. Excellenz zu präsentiren, hatte ich das Glück, seinen Blick auf mich zu ziehen, noch eh' ich ihm genannt war. – Er kam alsobald mehr als die Hälfte des Weges auf mich zu, faßte mich bey der Hand und rief: »mein werthester Sir Francis! das ist sehr gütig von Ihnen – Bey meiner Ehre! Ich bin Ihnen so sehr dafür verbunden – Solche Attention gegen einen abhängigen Minister – Wohl, wann denken Ew. Excellenz unter Segel zu gehn? – Um Gottes willen, sorgen Sie ja für Ihre Gesundheit, und essen Sie unterwegs fein fleißig gebackne Pflaumen – Und nächst nach Ew. Excellenz Gesundheit bitte ich Sie auch, für die fünf Nationen zu sorgen – Unsre gute Freunde, die fünf Nationen – Die Toryrories, die Maecolmacks, die Outotheways, die Crickets und die Kiekshaws – Nehmen Sie ihnen brav viel Matratzen mit, und Brandtwein und Wampums. Unterlassen Ew. Excellenz ja nicht, warm zu trinken, kalt zu essen, den Baum zu vergraben und die Axt zu pflanzen.– Ha, ha, ha!« – Als er diese Rhapsodie mit seiner gewöhnlichen Schnellzüngigkeit hervor gebracht hatte, gab ihm Herr Barton zu verstehn, daß ich weder Sir Francis noch der heilige Franciscus sey, sondern nichts mehr und nichts weniger, als Herr Melford, Neffe des Herrn Bramble, welcher zugleich vortrat und seinen Bückling machte.

»Nun, sehn Sie, nein, es ist Sir Francis doch nicht« – (sagte dieser weise Staatsmann) »Herr Melford, ich freu mich, Sie zu sehn – Ich habe Ihnen einen Ingenieur geschickt, der Ihre Docke befestigen soll. – Herr Bramble – Gehorsamster Diener, Herr Bramble, wie befinden Sie sich, mein lieber Herr Bramble? Ihr Neffe ist ein artiger junger Mensch; – Bey meiner Ehre, ein sehr artiger junger Mensch! – Sein Vater ist mein sehr guter Freund – Was macht der ehrliche Alte? – Hat er noch immer mit der häßlichen Plage zu thun? he?« – »Nein, Mylord, antwortete mein Onkel, seine Plagen haben alle ein Ende – Er ist schon seit funfzehn Jahren todt.« – »Todt! wie? doch, ja, ich besinne michs nun. Ja, leider! ist er todt. – Wohl aber, wo geht des jungen Herrn seine Reise hin, nach Haverford West', oder, ja – mein Herr Milfordhaven, ich will gerne alles für Sie thun, was in meinen Kräften steht – Ich denke, einigen Credit hab' ich noch« – Onkel gab ihm zu verstehn, daß ich noch minderjährig sey; und daß wir gegenwärtig nicht gemeynt wären, ihn um irgend eine Gunst zu bemühen – »Ich bin mit meinem Neffen hier gekommen, Mylord, (fügte er hinzu,) Ihnen unsre Ergebenheit zu bezeugen, und ich darf mich unterstehn zu sagen, daß seine und meine Absichten dabey wenigstens eben so uneigennützig sind, als die Absichten einer Person in dieser ganzen Versammlung.« – »Mein lieber Herr Brambleberry! Sie erzeigen mir unendlich viel Ehre. Es wird mir allemal lieb seyn, Sie und Ihren Hoffnungsvollen Neffen bey mir zu sehn. Ueber meinen Credit, so groß oder klein er ist, haben Sie zu befehlen. Ich wünschte, wir hätten mehr Freunde von Ihrem Schrott und Korne.«

Drauf wandte er sich zu dem Capitain C** »ha, C**! sagte er, wie wackelt die Welt? ha!« – »Die Welt wackelt immer so ihren schiefen Gang fort, Mylord;« (antwortete der Capitain,) »die Staatsklugen von London und Westminster beginnen wieder gegen Ihre Einrichtungen mit den Zungen zu wackeln, und die Liebe des Volks, die Ew. Excellenz ein Weilchen gehabt haben, wackelt auch wie eine Feder, die der erste Windstoß einer antimisterialischen Verläumdung wegblasen wird.« – »Ein Bündel Schurken sind das« (rief der Herzog) – »Torries, Jacobiten und Rebellen; die eine Hälfte davon müßte schon nach dem Galgen gewackelt seyn, wenn alles Verdienst gehörig belohnt würde« – Mit diesen Worten schaufelte er fort, gieng den ganzen Zirkel durch, und sprach mit jedermann mit der höflichsten Vertraulichkeit; aber selten öffnete er den Mund, daß er nicht eine Verwechslung der Person, oder der Sachen, die er ihnen zu sagen dachte, gemacht hätte; dergestalt, daß man hätte denken sollen, er wäre ein Comödiant gewesen, der für gute Bezahlung den Charakter eines Ministers lächerlich machen sollen. – Endlich kam eine Person mit sehr einnehmender Miene hereingetreten, der der Lord entgegen rannte, sie in die Arme drückte, und mit der Bewillkommnung, »mein allerliebster Ch**« alsobald in das innere Cabinet oder das Sanctum Sanctorum dieses politischen Tempels führte. »Das (sagte Capitain C**) ist mein Freund C** T**, fast der einzige Mann von Einsicht, der bey der gegenwärtigen Regierung etwas zu sagen hat. In der That würde er nicht das Geringste zu sagen haben, wenn es die Minister nicht unumgänglich nothwendig fänden, von seinen Gaben und Einsichten bey gewissen besondern Vorfallenheiten Gebrauch zu machen – Die gewöhnlichen Reichsgeschäffte werden von den Schreibern und Canzelisten der verschiedenen Departementer nach dem alltäglichen Schlendrian berichtigt; sonst würde bey der plötzlichen Abwechslung der Minister, da der Nachfolgende immer noch unwissender ist, als sein Vorgänger, die Räder der Regierungsmaschiene gänzlich stille stehen. – Ich denke nur, in was für einer schönen Patsche wir sitzen würden, wenn alle Canzelisten bey der Kammer, der Staats- und Kriegscanzeley und dem See-Etat sichs auf einmal in den Kopf setzen sollten, so wie ein gewisser großer Pensionist, ihre Stellen aufzugeben. – Aber, wieder auf C** T** zu kommen; er versteht gewiß mehr, als alle Minister und die Gegenparthey darzu, wenn sie auch aus allen ihren Köpfen Einen machten, und spricht von einer großen Menge verschiedner Dinge wie ein Engel – Er würde wirklich ein großer Mann seyn, wenn er das geringste Gesetzte oder Beständige in seinem Charakter hätte – Auch kann man nicht leugnen, daß es ihm an Muthe fehlt, sonst würde er sich nicht so von dem großen politischen Eisenfresser ins Bockshorn jagen lassen, denn für seinen Verstand hat er natürlicher Weise die grösseste Verachtung. Ich habe ihn vor diesem herrschsüchtigen Hector eben so sehr in Furcht gesehen, als nur ein Knabe vor seinem Schulmonarchen es seyn kann; und doch wagt man wohl nichts, wenn man eben diesen Hector im Grunde für eine Memme hält. Außer diesem Fehler hat C** noch einen andern, den er sich zu wenige Mühe giebt zu verbergen, – Man darf seinen Reden keinen Glauben beymessen, und auf seine Versprechungen nicht bauen; gleichwohl ist er, um auch dem Teufel nichts Unwahres nachzugeben, sehr gutherzig, und sogar dienstfertig, wenn er dringend genug drum angegangen wird. Von Grundsätzen ist nun die Rede nicht. – Kurz, er ist ein witziger Kopf und ein Redner, bey dem man nicht leicht einschlafen soll, und er schimmert sehr oft, selbst auf Kosten derjenigen Minister, in deren Solde er steht. – Das ist ein Zeichen einer grossen Unvorsichtigkeit, wodurch er sie sich alle zu Feinden gemacht hat, sie mögen sich dabey stellen wie sie wollen; und früh oder spät wird er Ursache haben zu wünschen, daß er seine Zunge hätte im Zaume halten können. – Ich habe ihn über diesen Punct öfter gewarnet, aber es ist tauben Ohren gepredigt. Seine Eitelkeit reitet auf seiner Klugheit davon.« – Ich konnte mich nicht enthalten zu denken, dem Capitain möchten ein paar ähnliche Warnungen gleichfalls nicht schaden. Seine Lobrede, welche die beyden Stücke, Grundsätze und Zuverläßigkeit ausschloß, erinnert mich an einen Streit, den ich einst zwischen ein paar Apfelhöckerinnen auf der Gasse anhörte – Die eine dieser Heldinnen hatte sich so etwas zum Nachtheile des moralischen Charakters der andern entfallen lassen, und ihre Wiedersacherinn setzte ihre Hände in die Seite und erwiederte: »Heraus damit, Mensch, Trotz sey dir gebothen! – Ich leugn' es nicht, ich habe gehurt und gestolen; was kannst' mehr von mir sagen? Geh an'n Galgen, was kannst' mehr von mir sagen? Halts Maul davon, was Stadtkundig ist, was willst'u von mir sagen? Das ich auf'n Kopf gehe, he?« – Wir blieben nicht so lange daß Herr T** wieder zum Vorschein kam, sondern als Capitain C** alle Originale, die gegenwärtig waren, beschrieben hatte, brachen wir auf und giengen nach dem Caffeehause, woselbst wir Thee und heiße Wecken mit Butter zum Frühstück nahmen, wobey uns der Capitain noch immer Gesellschaft leistete; ja, mein Onkel war so vergnügt über seine Antworten, daß er ihn zum Mittagsessen bat, wobey er sich einen schönen Steinbütt recht wohl schmecken ließ. – Denselben Abend brachte ich mit einigen Freunden auf einem Keller zu, wovon einer mir den Charakter des Capitains aufschloß, welchen mein Onkel nicht so bald erfuhr, als er sichs merken ließ, wie leid es ihm thäte, daß er sich soweit mit ihm abgegeben, und beschloß, ohne Umstände diese Bekanntschaft abzubrechen.

Wir sind Mitglieder von der Societät zur Beförderung der Künste geworden, und haben einer von ihren Berathschlagungen beygewohnt, wobey es sehr ordentlich und vernünftig zugieng. – Mein Onkel ist mit Leib und Seele für dieses Institut, welches gewiß sehr viel Gutes stiften wird, wofern es durch seine demokratische Einrichtung nicht in eigennützige und ehrgeitzige Cabalen ausartet. – Sie sind schon mit seinem Abscheu an der Mitregierung des großen Haufens bekannt, welcher, wie er behauptet, nichts Vortreffliches empor kommen läßt, und aller guten Ordnung schädlich ist. – In der That ist sein Widerwille gegen den gemeinen Haufen durch die Furcht noch größer geworden, seitdem er zu Bath in eine Ohnmacht gefallen ist; und diese Besorgniß hat ihn abgehalten, nach dem kleinen Theater in Heumarkt, und an andere öffentliche Oerter zu gehen, nach welchen ich indessen die Ehre gehabt habe, unser Frauenzimmer zu begleiten.

Es geht dem Alten sehr im Kopfe herum, wenn er daran denkt, daß es nicht in seinem Vermögen steht, die besten Ergötzlichkeiten in der Hauptstadt zu genießen, ohne daß der Pöbel mit daran Theil nehmen soll; denn itzt drängt der sich allenthalben ein; von der Maskerade zu St. James an, bis zu den Tanzgelagen in Rotherhithe.

Ich habe hier neulich unsern alten Schulkameraden, Richard Joy angetroffen, von dem wir meynten, er hätte sich zu tode geschnappset; er ist aber neulich aus dem Quartiere der unvermögenden Schuldner wieder ausgezogen, vermittelst einer Schrift über die Regierung, die er gegen die Minister drucken lassen, und welche abgegangen ist. Der Gewinnst von diesem Werke setzte ihn in den Stand, mit reiner Wäsche zu erscheinen, und er geht nun damit um, eine Subscription auf seine Gedichte zu Stande zu bringen: seine Beinkleider sind aber noch nicht allerdings in einem anständigen Zustande.

Richard verdient ohne Zweifel wegen seiner Geduld und Beharrlichkeit, daß er Unterstützung finde. – Keine fehlgeschlagene Hoffnung, ja selbst die Verdammung kann ihn nicht zur Verzweiflung treiben. – Nach einigen unglücklichen Versuchen in der Poesie ward er ein Brandteweinsschenker, und ich glaube, sein ganzes Lager floß durch seine eigne Kehle; darauf zog er zu einer Milchfrau, die in klein Frankreich in einem Keller wohnte; er konnte aber seine Miethe nicht bezahlen, und ein Corporal vom zweyten Regiment Fußgarde stach ihn aus, und trieb ihn wieder ans Tageslicht auf die Gasse. Nachdem sang seine Muse in Liedern auf Blackfriarsbrücke, und von da war der Weg sehr natürlich nach dem Fleet. Vielleicht wissen es einige Leser nicht, daß dieses ein kleines Quartier ist, wo die unvermögenden Schuldner vor den Verfolgungen ihrer Gläubiger sicher wohnen. Da es ihm vorher mit den Lobschriften mißglückt war, so richtet er itzt seine Gedanken auf die Satire, und in der That scheint er einige Anlage zum Hecheln zu haben. Kann er sich nur so lange durchhelfen, bis das Parlament zusammen kommt, und wenn er sich alsdann auf eine neue Stachelschrift gefaßt macht, so wird Richard den Pranger besteigen oder eine Pension bekommen, und sein Glück ist gemacht, was auch von beyden zutrifft. – Unterdessen hat er sich sein gewisses Ansehn unter den ehrwürdigen Schriftstellern unsrer Zeit erworben; und da ich auf seine Werke gezeichnet habe, so erwies er mir neulich Abends die Ehre, mich in eine Gesellschaft dieser Genies einzuführen; allein ich fand sie außerordentlich steif und zurückhaltend. – Sie schienen sich einer vor dem andern zu fürchten und sich zu beneiden; dabey saßen sie als ob sie einander nicht berühren möchten, grade als so viele Dunsttheilchen, deren jedes mit seiner elektrisirten Atmosphäre umgeben ist. Richard, der mehr Lebhaftigkeit als Klugheit besitzt, machte mehr als einen Versuch, das Gespräch im Gang zu bringen; zuweilen setzte er seinen Witz in Kosten, zuweilen ließ er ein Wortspiel fliegen, ja, sogar brachte er zuletzt das alte abgedroschene Capitel über reimfreye und gereimte Verse auf die Bahn, und die Herrn Versemacher fiengen ziemlich laut an; aber anstatt bey der Klinge zu bleiben, spatzirten sie herum und verweilten sich bey langweiligen Untersuchungen über die Poesie der Alten, und einer von ihnen, der ein Schulmagister gewesen war, krahmte seine ganze Kenntniß der Prosodie aus, die er von Disputer und Rudiman aufgelesen hatte. Endlich wagte ichs zu sagen, ich sähe nicht ein, wie die obhandne Materie auf irgend einige Weise durch das Verfahren der Alten aufgehellet werden könnte, da sie gewißlich keine Reime oder solche Blankverse in ihren Gedichten gehabt hätten, wie wir; da sie die ihrigen nach Klangfüßen gemessen, und wir unsere Verse nach Sylben abzehlten – Diese Anmerkung schien dem Pedanten verdächtig, der sich alsobald in eine Wolke von griechischen und lateinischen Citations hüllte, welche sich kein Mensch die Mühe geben mochte zu zertheilen. Nun folgte ein verworrnes Gemurmle von schalen Anmerkungen und Erklärungen; und überhaupt habe ich in meinem Leben noch keinen so langweiligen Abend zugebracht. – Und dennoch waren ohne allen Zweifel einige gelehrte, witzige und sinnreiche Köpfe in der Gesellschaft. Da sie nicht einer den andern antasten mögen, so sollten sie, zur Unterhaltung der Gesellschaft, ein jeder seine Scheibe mitbringen, nach der sie ihre Pfeile abschießen könnten. Mein Onkel sagt, er verlangt niemals mit mehr als einem witzigen Kopfe zugleich in Gesellschaft zu seyn – Ein witziger Kopf ist wie ein Hammelknochen in einer Suppe, sie bekommt seinen guten Geschmack darnach, aber mehr als einer verdirbt sie. – Ich fürchte, ich setze Ihnen mit diesem Briefe ein flaues Gericht auf, das gar keinen Geschmack hat; werfen Sie nur nicht die Schüssel an den Kopf

Ihres

  London,
den 5ten Junii.

ergebensten   
J. Melford.

 

 

Ende des ersten Bandes.

 


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