William Shakespeare
Der Sturm; oder: Die bezauberte Insel.
William Shakespeare

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Sechste Scene.

Ariel treibt Caliban, Stephano und Trinculo in ihren gestohlnen Kleidern vor sich her.

Stephano. Jedermann sorge nur für andre Leute, und niemand bekümmre sich um sich selbst; denn es ist alles nur Zufall und blindes Glük; Courasche, du dikwanstiges Ungeheuer, Courasche!

Trinculo. Wenn die Spionen, die ich in meinen Augen habe, die Wahrheit sagen, so ist das ein hübscher Anblik.

Caliban. O Setebos, das sind brave Geister, in der That! Wie fein mein Meister ist! Aber ich fürchte, er wird mich züchtigen.

Sebastian. Ha, ha; was für Dinge sind das, Antonio? Kan man die um Geld haben?

Antonio. Ich denk' es; einer davon ist ein Fisch wie sich's gehört, und vermuthlich feil.

Prospero. Beobachtet nur die Physionomie dieser Bursche, meine Herren, und sagt dann, ob sie nicht die Wahrheit redt? Dieses mißgeschaffnen Schurken seine Mutter war eine Hexe, und eine so mächtige, daß sie den Mond beherrschen, Ebbe und Fluth erregen, und ihre Befehle über die Grenzen ihrer Macht ausdehnen konnte. Diese drey haben mich beraubt; und dieser Halb-Teufel, (denn er ist ein Bastard von einem Teufel,) machte mit ihnen einen Anschlag wider mein Leben; zween von diesen Gesellen werdet ihr für die eurige erkennen; was dieses Geschöpf der Finsterniß betrift, so muß ich bekennen, daß es mir zugehört.

Caliban. Ich werde zu Tode gezwikt werden.

Alonso. Ist das nicht Stephano, mein besoffner Kellermeister?

Sebastian. Er ist würklich besoffen; woher kriegte er Wein?

Alonso. Und Trinculo ist so voll daß er wakelt; wo können sie dieses grosse Elixir gefunden haben, das sie übergüldetEine Anspielung auf das Elixirium magnum, oder trinkbare Gold der Alchymisten. hat? Wie kamst du in diesen Pökel?

Trinculo. Sire, ich bin immer in diesem Pökel gelegen, seitdem ich euch das leztemal sah, ich sorge, ich werd ihn nimmer wieder aus dem Leibe kriegen; ich darf nicht fürchten, daß mich die Fliegen beschmeissen.

Sebastian. Wie geht's, Stephano?

Stephano. Rührt mich nicht an, ich bin nicht mehr Stephano, ich bin lauter Wunde.Bey Durchlesung dieses Stüks muthmaßte ich immer, daß Shakespear es von einem Italiänischen Scribenten entlehnt haben möchte, da die Einheiten alle so regelmässig darinn beobachtet sind, welches ausser den Italiänern, damals keine andre dramatische Poeten thaten, und welches unser Autor nirgends als in diesem Stük gethan hat, nichts zu gedenken, daß die Personen dieses Stüks alle Italiäner sind. Ich wurde in dieser Vermuthung noch mehr bestärkt, wie ich auf diese Stelle kam. Ein Spaß soll darinn ligen, das ist klar; aber wo er ligt, ist schwer zu sagen. Ich vermuthe, es war ein Wortspiel im Original, das sich nicht übersezen ließ; vielleicht hieß es, ich bin nicht Stephano, sondern Staffilato, indem dieses Wort im Italiänischen einen bedeutet, der wol zerkrazt und zerstochen ist, welches würklich der Fall war, worinn sich diese Bursche im 4ten Aufzug befanden. – – In Riccoboni's Verzeichniß Italiänischer Schauspiele, befinden sich auch: Il Negromante di L. Ariosto, prosa e verso, und Il Negromante Palliato di Gio-Angelo Petrucci, prosa. Ob aber der Sturm aus einem von diesen beyden entlehnt seyn mag, kan ich nicht sagen, da ich sie nicht gesehen habe.

Prospero. Und doch wolltest du König über diese Insel seyn, Schurke.

Stephano. So würde ich ein siecher König gewesen seyn.

Alonso (auf Caliban deutend.) Das ist ein so seltsames Ding als ich je eines gesehen habe.

Prospero. Er ist so ungestalt in seinen Sitten als in seiner Bildung. Geh, Schurke, in meine Celle, nimm deine Cameraden mit dir, und räume alles hübsch auf, so lieb dir deine Begnadigung ist.

Caliban. Ja, das will ich; und ich will künftig gescheidter seyn, und mich um eure Gnade bemühen. Was für ein dreyfach gedoppelter Esel war ich, diesen besoffnen Kerl für einen Gott zu halten, und diesem dummköpfigten Narren Ehre zu erweisen?

Prospero. Geh deines Weges.

Alonso. Fort, und thut euern Trödel wieder hin, wo ihr ihn gefunden habt.

Prospero. Sire, ich lade Euer Majestät und euer Gefolg in meine arme Celle ein, um darinn diese einzige Nacht zuzubringen, wovon ich euch einen Theil mit Gesprächen vertreiben will, deren Inhalt euch, wie ich hoffe, keine lange Weile lassen wird; mit der Geschichte meines Lebens, und den besondern Umständen, die sich, seitdem ich in diese Insel kam, zugetragen haben. Morgen will ich euch alsdann auf euer Schiff bringen, und so nach Neapel, wo ich Hoffnung habe, die Vermählung dieser unsrer geliebten Kinder feyrlich begangen zu sehen, und dann nach Meiland zurük zu kehren, wo jeder dritter Gedanke mein Grab seyn soll.

Alonso. Mich verlangt mit Ungeduld die Geschichte euers Lebens zu hören, welche nicht anders als voll ausserordentlicher Sachen seyn kan.

Prospero. Ich will euch alles entdeken, und verspreche euch eine ruhige See, glükliche Winde, und so schnelle Seegel, daß wir eure Flotte bald eingeholt haben wollen – – mein Ariel, das ist deine lezte Arbeit; dann kehr' auf immer frey in dein Element zurük, und lebe wohl – – Folget mir, wenn es euch gefällt.

(Alle gehen ab.)


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