Autorenseite

 << zurück weiter >> 

ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

Ein Zimmer im Hause der Polonius


Polonius und Reinhold treten auf.

POLONIUS
Gib ihm dies Geld und die Papiere, Reinhold!

REINHOLD
Ja, gnädger Herr.

POLONIUS
Ihr werdet mächtig klug tun, guter Reinhold,
Euch zu erkundgen, eh Ihr ihn besucht,
Wie sein Betragen ist.

REINHOLD
                        Das dacht ich auch zu tun.

POLONIUS
Ei, gut gesagt, recht gut gesagt! Seht Ihr,
Erst fragt mir, was für Dänen in Paris sind,
Und wie, wer, auf was Art und wo sie leben,
Mit wem, was sie verzehren; wenn Ihr dann
Durch diesen Umschweif Eurer Fragen merkt,
Sie kennen meinen Sohn, so kommt Ihr näher,
Als Ihrs mit grad gezielten Fragen träfet.
Tut gleichsam wie von fern bekannt; zum Beispiel:
»Ich kenne seinen Vater, seine Freunde
Und auch zum Teil ihn selbst.« - Versteht Ihr, Reinhold?

REINHOLD
Vollkommen, gnädger Herr.

POLONIUS
»Zum Teil auch ihn; doch«, mögt Ihr sagen, »wenig,
Und wenns der rechte ist, der ist gar wild,
Treibt dies und das« - dann gebt ihm nach Belieben
Erlogne Dinge schuld; nur nichts so Arges,
Das Schand ihm brächte, davor hütet Euch;
Nein, solche wilden, ausgelaßnen Streiche,
Als hergebrachtermaßen die Gefährten
Der Jugend und der Freiheit sind.

REINHOLD
                                   Als Spielen.

POLONIUS
Ja, oder Trinken, Raufen, Fluchen, Zanken,
Huren - so weit könnt Ihr gehn.

REINHOLD
Das würd ihm Schande bringen, gnädger Herr.

POLONIUS
Gewiß nicht, wenn Ihrs nur zu wenden wißt.
Ihr müßt ihn nicht in andern Leumund bringen,
Als übermannt' ihn Unenthaltsamkeit;
So mein ichs nicht; bringt seine Fehler zierlich
Ans Licht, daß sie der Freiheit Flecken scheinen,
Der Ausbruch eines feurigen Gemüts
Und eine Wildheit ungezähmten Bluts,
Die jeden anficht.

REINHOLD
                    Aber, bester Herr -

POLONIUS
Weswegen Ihr dies tun sollt?

REINHOLD
                              Ja, das wünscht ich
Zu wissen, Herr.

POLONIUS
                   Ei nun, mein Plan ist der
- Und, wie ich denke, ists ein Pfiff, der anschlägt:
Werft Ihr auf meinen Sohn so kleine Makel,
Als wär er in der Arbeit was beschmutzt.
Merkt wohl!
Wenn der Mitunterredner, den Ihr aushorcht,
In vorbenannten Lastern jemals schuldig
Den jungen Mann gesehn, so seid gewiß,
Daß selbger folgender Gestalt Euch beitritt:
»Lieber Herr«, oder so; oder »Freund«, oder »mein Wertester«,
Wie nun die Redensart und die Betitlung
Bei Land und Leuten üblich ist -

REINHOLD
                                  Sehr wohl!

POLONIUS
Und hierauf tut er dies: - Er tut - ja was wollte ich doch sagen? Beim Sakrament, ich habe was sagen wollen. Wo brach ich ab?

REINHOLD
Bei »folgender Gestalt Euch beitritt«, bei »Freund oder so« und »mein Wertester«.

POLONIUS
Bei »folgender Gestalt Euch beitritt«. - Ja,
Er tritt Euch bei: »Ich kenn ihn wohl, den Herrn,
Ich sah ihn gestern oder neulich mal,
Oder wann es war; mit dem und dem; und, wie Ihr sagt,
Da spielt' er hoch; da traf man ihn im Rausch;
Da rauft' er sich beim Ballspiel«; oder auch:
»Ich sah ihn gehn in solch ein saubres Haus«
- Will sagen: ein Bordell -, und mehr dergleichen.
Seht nun:
Eur Lügenköder fängt den Wahrheitskarpfen;
So wissen wir, gewitzigt, helles Volk,
Mit Krümmungen und mit verstecktem Angriff
Durch einen Umweg auf den Weg zu kommen,
Und so könnt Ihr, wie ich Euch Anweisung
Und Rat erteilet, meinen Sohn erforschen.
Ihr habts gefaßt, nicht wahr?

REINHOLD
                               Ja, gnädger Herr.

POLONIUS
Nun, Gott mit Euch! Lebt wohl!

REINHOLD
                                Mein bester Herr -

POLONIUS
Erforscht mit eignen Augen seinen Wandel!

REINHOLD
Das will ich tun.

POLONIUS
Und daß er die Musik mir fleißig treibt!

REINHOLD
Gut, gnädger Herr.
[Ab.
Ophelia kommt. ]

POLONIUS
Lebt wohl! -
Reinhold geht ab. Ophelia kommt.
              Sieh da, Ophelia! Was gibts?

OPHELIA
O lieber Herr, ich bin so sehr erschreckt!

POLONIUS
Wodurch, in's Himmels Namen?

OPHELIA
Als ich in meinem Zimmer näht, auf einmal
Prinz Hamlet - mit ganz aufgerißnem Wams,
Kein Hut auf seinem Kopf, die Strümpfe schmutzig
Und losgebunden auf den Knöcheln hängend;
Bleich wie sein Hemd und schlotternd mit den Knien;
Mit einem Blick, von Jammer so erfüllt,
Als wär er aus der Hölle losgelassen,
Um Greuel kundzutun - so tritt er vor mich.

POLONIUS
Verrückt aus Liebe?

OPHELIA
                     Herr, ich weiß es nicht,
Allein ich fürcht es wahrlich.

POLONIUS
                                Und was sagt' er?

OPHELIA
Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest,
Dann lehnt' er sich zurück, so lang sein Arm:
Und mit der andern Hand so überm Auge
Betrachtet' er so prüfend mein Gesicht,
Als wollt ers zeichnen. Lange stand er so;
Zuletzt ein wenig schüttelnd meine Hand
Und dreimal hin und her den Kopf so wägend,
Tat er solch einen bangen, tiefen Seufzer,
Als sollt er seinen ganzen Bau zertrümmern
Und endigen sein Dasein. Dies getan,
Läßt er mich gehn, und über seine Schultern
Den Kopf zurückgedreht, schien er den Weg
Zu finden ohne seine Augen; denn
Er ging zur Tür hinaus ohn ihre Hülfe
Und wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich.

POLONIUS
Geht mit mir, kommt, ich will den König suchen.
Dies ist die wahre Schwärmerei der Liebe,
Die, ungestüm von Axt, sich selbst zerstört
Und leitet zu verzweifelten Entschlüssen,
So oft als irgendeine Leidenschaft,
Die unterm Mond uns quält. Es tut mir leid -
Sagt, gabt Ihr ihm wohl kürzlich harte Worte?

OPHELIA
Nein, bester Herr, nur wie Ihr mir befahlt,
Wies ich die Briefe ab und weigert ihm
Den Zutritt.

POLONIUS
              Das hat ihn verrückt gemacht.
Es tut mir leid, daß ich mit besserm Urteil
Ihn nicht beachtet hab. Ich sorgt, er tändle nur
Und wolle dich verderben: doch verdammt mein Argwohn!
Uns Alten ists so eigen, wie es scheint,
Mit unsrer Meinung übers Ziel zu gehn,
Als häufig bei dem jungen Volk der Mangel
An Vorsicht ist. Gehn wir zum König, komm!
Er muß dies wissen, denn es zu verstecken
Brächt uns mehr Gram, als Haß, die Lieb entdecken.
[Komm! ]
Beide ab.



ZWEITE SZENE

Ein Zimmer im Schlosse


Der König, die Königin, Rosenkranz, Güldenstern und Gefolge.

KÖNIG
Willkommen, Rosenkranz und Güldenstern!
Wir wünschten nicht nur sehnlich, Euch zu sehn,
Auch das Bedürfnis Eurer Dienste trieb
Uns zu der eilgen Sendung an. Ihr hörtet
Von der Verwandlung Hamlets schon; so nenn ichs,
Weil nicht der äußre noch der innre Mensch
Dem gleicht, was sonst er war. Was es nur ist,
Mehr als des Vaters Tod, das ihn so weit
Von dem Verständnis seiner selbst gebracht,
Kann ich nicht raten. Ich ersuch Euch beide,
Da Ihr von Kindheit auf mit ihm erzogen
Und seiner Laun und Jugend nahe bliebt,
Ihr wollet hier an unserm Hof verweilen
Auf einge Zeit, um ihn durch Euren Umgang
In Lustbarkeit zu ziehn und zu erspähn,
Soweit der Anlaß auf die Spur Euch bringt,
Ob irgendwas, uns unbekannt, ihn drückt,
Das, offenbart, zu heilen wir vermöchten.

KÖNIGIN
Ihr lieben Herrn, er hat Euch oft genannt;
Ich weiß gewiß, es gibt nicht andre zwei,
An denen er so hängt. Wenns Euch beliebt,
Uns soviel guten Willen zu erweisen,
Daß Ihr bei uns hier eine Weile zubringt
Zu unsrer Hoffnung Vorschub und Gewinn,
So wollen wir Euch den Besuch belohnen,
Wie es sich ziemt für eines Königs Dank.

ROSENKRANZ
Es stände Euern Majestäten zu,
Nach herrschaftlichen Rechten über uns
Mehr zu gebieten nach gestrengem Willen,
Als zu ersuchen.

GÜLDENSTERN
                  Wir gehorchen beide
Und bieten uns hier an, nach besten Kräften
Zu Euren Füßen unsern Dienst zu legen,
Um frei damit zu schalten.

KÖNIG
Dank, Rosenkranz und lieber Güldenstern!

KÖNIGIN
Dank Güldenstern und lieber Rosenkranz!
Besucht doch unverzüglich meinen Sohn,
Der nur zu sehr verwandelt. Geh wer mit
Und bring die Herren hin, wo Hamlet ist.

GÜLDENSTERN
Der Himmel mach ihm unsre Gegenwart
Und unser Tun gefällig und ersprießlich!

KÖNIGIN
So sei es, Amen!
Rosenkranz, Güldenstern und einige aus dem Gefolge ab.
Polonius kommt.

POLONIUS
Mein König, die Gesandten sind von Norweg
Froh wieder heimgekehrt.

KÖNIG
Du warest stets der Vater guter Zeitung.

POLONIUS
Nicht wahr? Ja, seid versichert, bester Herr,
Ich halte meine Pflicht wie meine Seele:
So meinem Gott wie meinem gnädgen König!
Und jetzo denk ich - oder dies Gehirn
Jagt auf der Klugheit Fährte nicht so sicher,
Als es wohl pflegte -, daß ich ausgefunden,
Was eigentlich an Hamlets Wahnwitz schuld.

KÖNIG
O davon sprecht; das wünsch ich sehr zu hören!

POLONIUS
Vernehmt erst die Gesandten; meine Zeitung
Soll bei dem großen Schmaus der Nachtisch sein.

KÖNIG
Tut ihnen selber Ehr und führt sie vor!
Polonius ab.
Er sagt mir, liebe Gertrud, daß er jetzt
Den Quell vom Übel Eures Sohns gefunden.

KÖNIGIN
Ich fürcht, es ist nichts anders als das eine:
Des Vaters Tod und unsre hastige Heirat.

KÖNIG
Gut, wir erforschen ihn.
Polonius kommt mit Voltimand und Cornelius zurück.
Willkommen, liebe Freunde! Voltimand,
Sagt, was Ihr bringt von unserm Bruder Norweg.

VOLTIMAND
Erwiderung der schönsten Grüß und Wünsche.
Auf unser erstes sandt er aus und hemmte
Die Werbungen des Neffen, die er hielt
Für Zurüstungen gegen den Polacken;
Doch, näher untersucht, fand er, sie gingen
Auf Eure Hoheit wirklich. Drob gekränkt,
Daß seine Krankheit, seines Alters Schwäche
So hintergangen sei, legt' er Verhaft
Auf Fortinbras, worauf sich dieser stellt,
Verweis' empfängt von Norweg und zuletzt
Vor seinem Oheim schwört, nie mehr die Waffen
Zu führen gegen Eure Majestät.
Der alte Norweg, hoch erfreut hierüber,
Gibt ihm dreitausend Kronen Jahrgehalt
Und seine Vollmacht, gegen den Polacken
Die so geworbnen Truppen zu gebrauchen;
Nebst dem Gesuch, des weitern hier erklärt:
übergibt ein Papier.
Ihr wollt geruhn, für dieses Unternehmen
Durch Eur Gebiet den Durchzug zu gestatten,
Mit solcherlei Gewähr und Einräumung,
Als abgefaßt hier steht.

KÖNIG
                          Es dünkt Uns gut;
Wir wollen bei gelegner Zeit es lesen,
Antworten und bedenken dies Geschäft.
Derweil habt Dank für wohlgenommne Müh;
Geht auszuruhn, wir schmausen heut zusammen.
Willkommen mir zu Haus!
Voltimand und Cornelius ab.

POLONIUS
So wäre dies Geschäft nun wohl vollbracht.
Mein Fürst und gnädge Frau, hier zu erörtern,
Was Majestät ist, was Ergebenheit,
Warum Tag Tag; Nacht Nacht; die Zeit die Zeit:
Das hieße, Nacht und Tag und Zeit verschwenden.
Weil Kürze denn des Witzes Seele ist,
Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat:
Faß ich mich kurz. Eur edler Sohn ist toll,
Toll nenn ichs: denn worin besteht die Tollheit,
Als daß man gar nichts anders ist als toll?
Doch das mag sein.

KÖNIGIN
                    Mehr Inhalt, wenger Kunst!

POLONIUS
Auf Ehr, ich brauche nicht die mindste Kunst.
Toll ist er, das ist wahr; wahr ists, 's ist schade;
Und schade, daß es wahr ist. Doch dies ist
'ne törichte Figur: sie fahre wohl,
Denn ich will ohne Kunst zu Werke gehn.
Toll nehmen wir ihn also; nun ist übrig,
Daß wir den Grund erspähn von dem Effekt,
Nein, richtiger den Grund von dem Defekt;
Denn dieser Defektiv-Effekt hat Grund.
So stehts nun, und der Sache Stand ist dies.
Erwägt:
Ich hab 'ne Tochter; hab sie, weil sie mein;
Die mir aus schuldigem Gehorsam, seht,
Dies hier gegeben. Schließt und ratet nun!
Liest.
»An die Himmlische und den Abgott meiner Seele, die liebreizende Ophelia« -
Das ist eine schlechte Redensart, eine gemeine Redensart; liebreizend ist eine gemeine Redensart.
Aber hört nur weiter:
Liest.
»An ihren trefflichen zarten Busen diese Zeilen« und so weiter.

KÖNIGIN
Hat Hamlet dies an sie geschickt?

POLONIUS
Geduld nur, gnädge Frau, ich meld Euch alles.
Liest.

»Zweifle an der Sonne Klarheit,
Zweifle an der Sterne Licht,
Zweifl, ob lügen kann die Wahrheit,
Nur an meiner Liebe nicht!
O liebe Ophelia, es gelingt mir schlecht mit dem Silbenmaße; ich besitze die Kunst nicht, meine Seufzer zu messen, aber daß ich Dich bestens liebe, o Allerbeste, das glaube mir. Leb wohl!
Der Deinige auf ewig, teuerstes Fräulein, solange
diese Maschine ihm zugehört.
Hamlet.«
Dies hat mir meine Tochter schuldgermaßen
Gezeigt und überdies sein dringend Werben,
Wie sichs nach Zeit und Weis' und Ort begab,
Mir vor das Ohr gebracht.

KÖNIG
                           Allein wie nahm
Sie seine Liebe auf?

POLONIUS
                      Was denket Ihr von mir?

KÖNIG
Daß Ihr ein Mann von Treu und Ehre seid.

POLONIUS
Gern möcht ichs zeigen. Doch was dächtet Ihr,
Hätt ich gesehn, wie diese heiße Liebe
Sich anspann - und ich merkt es, müßt Ihr wissen,
Eh meine Tochter mirs gesagt -, was dächtet
Ihr, oder meine teure Majestät,
Eur königlich Gemahl, hätt ich dabei
Brieftasche oder Schreibepult gespielt,
Hätt ich mein Herz geängstigt still und stumm
Und müßig dieser Liebe zugeschaut?
Was dächtet Ihr? Nein, ich ging rund heraus
Und redete zu meinem jungen Fräulein:
Prinz Hamlet ist ein Fürst, zu hoch für dich;
Dies darf nicht sein; - und dann schrieb ich ihr vor,
Daß sie vor seinem Umgang sich verschlösse,
Nicht Boten zuließ', Pfänder nicht empfinge.
Drauf machte sie sich meinen Rat zunutz,
Und er, verstoßen, um es kurz zu machen,
Fiel in 'ne Traurigkeit; dann in ein Fasten;
Drauf in ein Wachen; dann in eine Schwäche;
Dann in Zerstreuung; und durch solche Stufen
In die Verrücktheit, die ihn jetzt verwirrt
Und sämtlich uns betrübt.

KÖNIG
                           Denkt Ihr, dies sei's?

KÖNIGIN
Es kann wohl sein, sehr möglich.

POLONIUS
Habt Ihrs schon je erlebt, das möcht ich wissen,
Daß ich mit Zuversicht gesagt: So ists,
Wenn es sich anders fand?

KÖNIG
                           Nicht, daß ich weiß.

POLONIUS
indem er auf seinen Kopf und Schulter zeigt.
Trennt dies von dem, wenns anders sich verhält.
Wenn eine Spur mich leitet, will ich finden,
Wo Wahrheit steckt, und steckte sie auch grade
Im Erdenzentrum.

KÖNIG
                  Wie läßt sichs näher prüfen?

POLONIUS
Ihr wißt, er geht wohl Stunden auf und ab
Hier in der Galerie.

KÖNIGIN
                      Das tut er wirklich.

POLONIUS
Da will ich meine Tochter zu ihm lassen.
Steht Ihr mit mir dann hinter einem Teppich,
Merkt auf den Hergang: wenn er sie nicht liebt
Und dadurch nicht um die Vernunft gekommen,
So laßt mich nicht mehr Staatsbeamten sein,
Laßt mich den Acker baun und Pferde halten!

KÖNIG
Wir wollen sehn.
[Hamlet kommt lesend. ]

KÖNIGIN
Seht, wie der Arme traurig kommt und liest.

POLONIUS
Fort, ich ersuch Euch, beide fort von hier!
Ich mache gleich mich an ihn. O erlaubt!
König, Königin und Gefolge ab.
Hamlet kommt lesend.

Wie geht es meinem besten Prinzen Hamlet?

HAMLET
Gut, dem Himmel sei Dank!

POLONIUS
Kennt Ihr mich, gnädger Herr?

HAMLET
Vollkommen. Ihr seid ein Fischhändler.

POLONIUS
Das nicht, mein Prinz.

HAMLET
So wollt ich, daß Ihr ein so ehrlicher Mann wärt.

POLONIUS
Ehrlich, mein Prinz?

HAMLET
Ja, Herr, ehrlich sein heißt, wie es in dieser Welt hergeht:
Ein Auserwählter unter Zehntausenden sein.

POLONIUS
Sehr wahr, mein Prinz.

HAMLET
Denn wenn die Sonne Maden in einem toten Hunde ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt ... Habt Ihr eine Tochter?

POLONIUS
Ja, mein Prinz.

HAMLET
Laßt sie nicht in der Sonne gehn! Empfänglichkeit ist ein Segen; aber da Eure Tochter empfangen könnte - seht Euch vor, Freund!

POLONIUS
Wie meint Ihr das?
Beiseit.
Immer auf meine Tochter angespielt. Und doch kannte er mich zuerst nicht; er sagte, ich wäre ein Fischhändler. Es ist weit mit ihm gekommen, sehr weit! Und wahrlich, in meiner Jugend brachte mich die Liebe auch in große Drangsale, fast so schlimm wie ihn. Ich will ihn wieder anreden. - Was leset Ihr, mein Prinz?

HAMLET
Worte, Worte, Worte.

POLONIUS
Aber wovon handelt es?

HAMLET
Wer handelt?

POLONIUS
Ich meine, was in dem Buche steht, mein Prinz.

HAMLET
Schändlichkeiten, Herr, denn der satirische Schuft da sagt, daß alte Männer graue Bärte haben, daß ihre Gesichter runzlicht sind, daß ihnen zäher Ambra und Harz aus den Augen trieft, daß sie einen überflüssigen Mangel an Witz und daneben sehr kraftlose Lenden haben. Ob ich nun gleich von allem diesem inniglich und festiglich überzeugt bin, so halte ich es doch nicht für billig, es so zu Papier zu bringen; denn Ihr selbst, Herr, würdet so alt werden wie ich, wenn Ihr wie ein Krebs rückwärts gehen könntet.

POLONIUS
beiseit.
Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode.
Wollt Ihr nicht aus der Luft gehn, Prinz?

HAMLET
In mein Grab?

POLONIUS
Ja, das wäre wirklich aus der Luft.
Beiseit.
Wie treffend manchmal seine Antworten sind! Dies ist ein Glück, das die Tollheit oft hat, womit es der Vernunft und dem gesunden Sinne nicht so gut gelingen könnte. Ich will ihn verlassen und sogleich darauf denken, eine Zusammenkunft zwischen ihm und meiner Tochter zu veranstalten. - Mein gnädigster Herr, ich will ehrerbietigst meinen Abschied von Euch nehmen.

HAMLET
Ihr könnt nichts von mir nehmen, Herr, das ich lieber fahren ließe - bis auf mein Leben, bis auf mein Leben.

POLONIUS
Lebt wohl, mein Prinz!

HAMLET
Die langweiligen alten Narren!
Rosenkranz und Güldenstern treten auf.

POLONIUS
Ihr sucht den Prinzen Hamlet auf; dort ist er.

ROSENKRANZ
zu Polonius.
Gott grüß Euch, Herr.
Polonius ab.

GÜLDENSTERN
Verehrter Prinz -

ROSENKRANZ
Mein teurer Prinz -

HAMLET
Meine trefflichen guten Freunde! Was machst du, Güldenstern? Ah, Rosenkranz! Gute Burschen, wie gehts euch?

ROSENKRANZ
Wie mittelmäßigen Söhnen dieser Erde.

GÜLDENSTERN
Glücklich, weil wir nicht überglücklich sind.
Wir sind der Knopf nicht auf Fortunas Mütze.

HAMLET
Noch die Sohlen ihrer Schuhe?

ROSENKRANZ
Auch das nicht, gnädger Herr.

HAMLET
Ihr wohnt also in der Gegend ihres Gürtels, oder im Mittelpunkte ihrer Gunst?

GÜLDENSTERN
Ja wirklich, wir sind mit ihr vertraut.

HAMLET
Im Schoße des Glücks? O sehr wahr, sie ist eine Metze. Was gibt es Neues?

ROSENKRANZ
Nichts, mein Prinz, außer daß die Welt ehrlich geworden ist.

HAMLET
So steht der Jüngste Tag bevor; aber eure Neuigkeit ist nicht wahr. Laßt mich euch näher befragen: Worin habt ihr, meine guten Freunde, es bei Fortunen versehen, daß sie euch hieher ins Gefängnis schickt?

GÜLDENSTERN
Ins Gefängnis, mein Prinz?

HAMLET
Dänemark ist ein Gefängnis.

ROSENKRANZ
So ist die Welt auch eins.

HAMLET
Ein stattliches, worin es viele Verschläge, Löcher und Kerker gibt. Dänemark ist einer der schlimmsten.

ROSENKRANZ
Wir denken nicht so davon, mein Prinz.

HAMLET
Nun, so ist es keiner für euch, denn an sich ist nichts weder gut noch schlimm; das Denken macht es erst dazu. Für mich ist es ein Gefängnis.

ROSENKRANZ
Nun, so macht es Euer Ehrgeiz dazu; es ist zu eng für Euren Geist.

HAMLET
O Gott, ich könnte in eine Nußschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermeßlichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.

GÜLDENSTERN
Diese Träume sind in der Tat Ehrgeiz; denn das eigentliche Wesen des Ehrgeizes ist nur der Schatten eines Traumes.

HAMLET
Ein Traum ist selbst nur ein Schatten.

ROSENKRANZ
Freilich, und mir scheint der Ehrgeiz von so lustiger und loser Beschaffenheit, daß er nur der Schatten eines Schattens ist.

HAMLET
So sind also unsre Bettler Körper, und unsre Monarchen und gespreizten Helden der Bettler Schatten. Sollen wir an den Hof? Denn, mein Seel, ich weiß nicht zu räsonieren.

BEIDE
Wir sind beide zu Euren Diensten.

HAMLET
Nichts dergleichen, ich will euch nicht zu meinen übrigen Dienern rechnen, denn, um wie ein ehrlicher Mann mit euch zu reden: mein Gefolge ist abscheulich. Aber um auf der ebnen Heerstraße der Freundschaft zu bleiben: was macht ihr in Helsingör?

ROSENKRANZ
Wir wollten Euch besuchen, nichts andres.

HAMLET
Ich Bettler, der ich bin, sogar an Dank bin ich arm. Aber ich danke euch, und gewiß, liebe Freunde, mein Dank ist um einen Heller zu teuer. Hat man nicht nach euch geschickt? Ist es eure eigne Neigung? Ein freiwilliger Besuch? Kommt, kommt, geht ehrlich mit mir um! Wohlan! Nun, sagt doch!

GÜLDENSTERN
Was sollen wir sagen, gnädiger Herr?

HAMLET
Was ihr wollt - außer das Rechte. Man hat nach euch geschickt, und es liegt eine Art von Geständnis in euren Blicken, welche zu verstellen eure Bescheidenheit nicht schlau genug ist. Ich weiß, der gute König und die Königin haben nach euch geschickt.

ROSENKRANZ
Zu was Ende, mein Prinz?

HAMLET
Das muß ich von euch erfahren. Aber ich beschwöre euch bei den Rechten unsrer Schulfreundschaft, bei der Eintracht unsrer Jugend, bei der Verbindlichkeit unsrer stets bewahrten Liebe und bei allem noch Teurerem, was euch ein besserer Redner ans Herz legen könnte: geht grade heraus gegen mich, ob man nach euch geschickt hat oder nicht?

ROSENKRANZ
zu Güldenstern.
Was sagt Ihr?

HAMLET
beiseit.
So, nun habe ich euch schon weg.
Wenn ihr mich liebt, tretet nicht zurück.

GÜLDENSTERN
Gnädiger Herr, man hat nach uns geschickt.

HAMLET
Ich will euch sagen, warum; so wird mein Erraten eurer Entdeckung zuvorkommen, und eure Verschwiegenheit gegen den König und die Königin braucht keinen Zoll breit zu wanken. Ich habe seit kurzem - ich weiß nicht, wodurch - alle meine Munterkeit eingebüßt, meine gewohnten Übungen aufgegeben, und es steht in der Tat so übel um meine Gemütslage, daß die Erde, dieser treffliche Bau, mir nur ein kahles Vorgebirge scheint; seht ihr, dieser herrliche Baldachin, die Luft, dies wackre umwölbende Firmament, dies majestätische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt: kommt es mir doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe von Dünsten. Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Vorbild der Lebendigen! Und doch, was ist mir diese Quintessenz von Staube? Ich habe keine Lust am Manne - und am Weibe auch nicht - wiewohl ihr das durch euer Lächeln zu sagen scheint.

ROSENKRANZ
Mein Prinz, ich hatte nichts dergleichen im Sinne.

HAMLET
Weswegen lachtet ihr denn, als ich sagte: ich habe keine Lust am Manne?

ROSENKRANZ
Ich dachte, wenn dem so ist, welche Fastenbewirtung die Schauspieler bei Euch finden werden. Wir holten sie unterwegs ein; sie kommen her, um Euch ihre Dienste anzubieten.

HAMLET
Der den König spielt, soll willkommen sein, seine Majestät soll Tribut von mir empfangen; der fahrende Ritter soll seine Klinge und seine Tartsche brauchen; der Liebhaber soll nicht unentgeltlich seufzen; der Launige soll seine Rolle in Frieden endigen; der Narr soll den lachen machen, der ein kitzliges Zwerchfell hat; und das Fräulein soll ihre Gesinnung frei heraussagen, oder die Verse sollen dafür hinken. Was für eine Gesellschaft ist es?

ROSENKRANZ
Dieselbe, an der Ihr so viel Vergnügen zu finden pflegtet: die Schauspieler aus der Stadt.

HAMLET
Wie kommt es, daß sie umherstreifen? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter, sowohl für ihren Ruf als ihre Einnahme.

ROSENKRANZ
Ich glaube, diese Unterbrechung rührt von der kürzlich aufgekommenen Neuerung her.

HAMLET
Genießen sie noch dieselbe Achtung wie damals, da ich in der Stadt war? Besucht man sie ebensosehr?

ROSENKRANZ
Nein, freilich nicht.

HAMLET
Wie kommt das? Werden sie rostig?

ROSENKRANZ
Nein, ihre Bemühungen halten den gewohnten Schritt; aber es hat sich da eine Brut von Kindern angefunden, kleine Nestlinge, die immer über das Gespräch hinausschreien und höchst grausamlich dafür beklatscht werden. Diese sind jetzt Mode und beschnattern die gemeinen Theater - so nennen sie's - dergestalt, daß viele, die Degen tragen, sich vor Gänsekielen fürchten und kaum wagen hinzugehn.

HAMLET
Wie, sind es Kinder? Wer unterhält sie? Wie werden sie besoldet? Wollen sie nicht länger bei der Kunst bleiben, als sie den Diskant singen können? Weiden sie nicht nachher sagen, wenn sie zu gemeinen Schauspielern heranwachsen - wie sehr zu vermuten ist, wenn sie sich auf nichts Bessers stützen -, daß ihre Komödienschreiber unrecht tun, sie gegen ihre eigne Zukunft deklamieren zu lassen?

ROSENKRANZ
Wahrhaftig, es hat an beiden Seiten viel zu tun gegeben, und das Volk macht sich kein Gewissen daraus, sie zum Streit aufzuhetzen. Eine Zeitlang war kein Geld mit einem Stück zu gewinnen, wenn Dichter und Schauspieler sich nicht darin mit ihren Gegnern herumzausten.

HAMLET
Ist es möglich?

GÜLDENSTERN
Oh, sie haben sich gewaltig die Köpfe zerbrochen.

HAMLET
Tragen die Kinder den Sieg davon?

ROSENKRANZ
Allerdings, gnädiger Herr, den Herkules und seine Last obendrein.

HAMLET
Es ist nicht sehr zu verwundern, denn mein Oheim ist König von Dänemark, und eben die, welche ihm Gesichter zogen, solange mein Vater lebte, geben zwanzig, vierzig, fünfzig bis hundert Dukaten für sein Porträt in Miniatur. Wetter, es liegt hierin etwas Übernatürliches, wenn die Philosophie es nur ausfindig machen könnte.
Trompetenstoß hinter der Szene.

GÜLDENSTERN
Da sind die Schauspieler.

HAMLET
Liebe Herren, Ihr seid willkommen zu Helsingör. Gebt mir Eure Hände! Wohlan! Manieren und Komplimente sind das Zubehör der Bewillkommnung. Laßt mich Euch auf diese Weise begrüßen, damit nicht mein Benehmen gegen die Schauspieler - das, sag ich Euch, sich äußerlich gut ausnehmen muß - einem Empfang ähnlicher sehe als der Eurige. Ihr seid willkommen! Aber mein Oheim-Vater und meine Tante-Mutter irren sich.

GÜLDENSTERN
Worin, mein teurer Prinz?

HAMLET
Ich bin nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich ist, kann ich einen Falken von einem Reiher unterscheiden.
Polonius kommt.

POLONIUS
Es gehe Euch wohl, meine Herren!

HAMLET
Hört, Güldenstern - und Ihr auch -, an jedem Ohr ein Hörer: Der große Säugling, den Ihr da seht, ist noch nicht aus den Kinderwindeln.

ROSENKRANZ
Vielleicht ist er zum zweitenmal hineingekommen, denn man sagt, alte Leute werden wieder Kinder.

HAMLET
Ich prophezeie, daß er kommt, um mir von den Schauspielern zu sagen. Gebt acht! - Ganz richtig, Herr, am Montagmorgen, da war es eben.

POLONIUS
Gnädiger Herr, ich habe Euch Neuigkeiten zu melden.

HAMLET
Gnädiger Herr, ich habe Euch Neuigkeiten zu melden. Als Roscius ein Schauspieler zu Rom war -

POLONIUS
Die Schauspieler sind hergekommen, gnädiger Herr.

HAMLET
Lirum, larum.

POLONIUS
Auf meine Ehre -

HAMLET
»Auf seinem Eselein jeder kam« -

POLONIUS
Die besten Schauspieler in der Welt, sei es für Tragödie, Komödie, Historie, Pastorale, Pastoral-Komödie, Historiko-Pastorale, Tragiko-Historie, Tragiko-Komiko-Historiko-Pastorale, für Einheit des Ortes oder nicht beschränktes Gedicht. Seneca kann für sie nicht zu traurig, noch Plautus zu lustig sein. Für das Aufgeschriebene und für den Stegreif haben sie ihresgleichen nicht.

HAMLET

»O Jephtha, Richter Israels« -
Welchen Schatz hattest du?

POLONIUS
Welchen Schatz hatte er, gnädiger Herr?

HAMLET
Nun:

Hätt ein schön Töchterlein, nicht mehr,
Die liebt' er aus der Maßen sehr.«

POLONIUS
beiseit.
Immer meine Tochter.

HAMLET
Habe ich nicht recht, alter Jephtha?

POLONIUS
Wenn Ihr mich Jephtha nennt, gnädiger Herr, so habe ich eine Tochter, die ich aus der Maßen sehr liebe.

HAMLET
Nein, das folgt nicht.

POLONIUS
Was folgt denn, gnädiger Herr?

HAMLET
Ei,

»Wie das Los fiel,
Nach Gottes Will.«
Und dann wißt Ihr
Darauf traf ein,
Was sollte sein.«
Der erste Vers von dem Kirchenlied wird Euch mehr verraten; denn seht, da kommen die Abkützer meines Gesprächs.
Vier oder fünf Schauspieler kommen.
Seid willkommen, ihr Herren, willkommen alle! - Ich freue mich, dich wohl zu sehn. - Willkommen, meine guten Freunde! - Ach, alter Freund, wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich zuletzt sah! Du wirst doch hoffentlich nicht in den Bart murmeln? - Ei, meine schöne junge Dame! Bei Unsrer Frauen, Fräulein, Ihr seid dem Himmel um die Höhe eines Absatzes näher gerückt, seit ich Euch zuletzt sah. Gebe Gott, daß Eure Stimme nicht wie ein abgenutztes Goldstück den hellen Klang verloren haben mag. - Willkommen alle, ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt. Gleich etwas vorgestellt! Laßt uns eine Probe eurer Kunst sehen. Wohlan, eine pathetische Rede!

ERSTER SCHAUSPIELER
Welche Rede, mein wertester Prinz?

HAMLET
Ich hörte dich einmal eine Rede vortragen - aber sie ist niemals aufgeführt oder, wenn es geschah, nicht mehr als einmal; denn ich erinnre mich, das Stück gefiel dem großen Haufen nicht, es war Kaviar für das Volk. Aber es war, wie ich es nahm, und andere, deren Urteil in solchen Dingen den Rang über dem meinigen behauptete, ein vortreffliches Stück, in seinen Szenen wohlgeordnet und mit ebensoviel Mäßigung als Verstand abgefaßt. Ich erinnre mich, daß jemand sagte, es sei kein Salz und Pfeffer in den Zeilen, um den Sinn zu würzen, und kein Sinn in dem Ausdrucke, der an dem Verfasser Ziererei verraten könnte, sondern er nannte es eine schlichte Manier, so gesund als angenehm, und ungleich mehr schön als geschmückt. Eine Rede darin liebte ich vorzüglich: es war des Äneas Erzählung an Dido; besonders da herum, wo er von der Ermordung Priams spricht. Wenn Ihr sie im Gedächtnisse habt, so fangt bei dieser Zeile an. - Laßt sehn, laßt sehn -
    Der rauhe Pyrrhus, gleich Hyrkaniens Leun -
nein, ich irre mich; aber es fängt mit Pyrrhus an.
    Der rauhe Pyrrhus, er, des düstre Waffen,
    Schwarz wie sein Vorsatz, glichen jener Nacht,
    Wo er sich barg im unglückschwangern Roß,
    Hat jetzt die furchtbare Gestalt beschmiert
    Mit grauserer Heraldik; rote Farbe
    Ist er von Haupt zu Fuß; scheußlich geschmückt
    Mit Blut der Väter, Mütter, Töchter, Söhne,
    Gedörrt und klebend durch der Straßen Glut,
    Die grausames, verfluchtes Licht verleihn
    Zu ihres Herrn Mord. Heiß von Zorn und Feuer,
    Bestrichen mit verdicktem Blut, mit Augen,
    Karfunkeln gleichend, sucht der höllische Pyrrhus
    Altvater Priamus -
Fahrt nun so fort.

POLONIUS
Bei Gott, mein Prinz, wohl vorgetragen mit gutem Ton und gutem Anstande.

ERSTER SCHAUSPIELER
                         Er findt alsbald ihn,
Wie er den Feind verfehlt; sein altes Schwert
Gehorcht nicht seinem Arm, liegt, wo es fällt,
Unachtsam des Befehls. Ungleich gepaart
Stürzt Pyrrhus auf den Priam, holt weit aus -
Doch bloß vom Sausen seines grimmen Schwertes
Fällt der entnervte Vater. Ilium
Schien leblos, dennoch diesen Streich zu fühlen;
Es bückt sein Flammengipfel sich hinab
Bis auf den Grund und nimmt mit furchtbarm Krachen
Gefangen Pyrrhus' Ohr; denn seht, sein Schwert,
Das schon sich senkt auf des ehrwürdgen Priam
Milchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt.
So stand er, ein gemalter Wütrich, da
Und, wie parteilos zwischen Kraft und Willen,
Tat nichts.
Doch wie wir oftmals sehn vor einem Sturm
Ein Schweigen in den Himmeln, still die Wolken,
Die Winde sprachlos und der Erdball drunten
Dumpf wie der Tod - mit eins zerreißt die Luft
Der grause Donner: so, nach Pyrrhus' Säumnis,
Treibt ihn erweckte Rach aufs neu zum Werk,
Und niemals trafen der Zyklopen Hammer
Die Rüstung Mars', gestählt für ewge Dauer,
Fühlloser als des Pyrrhus blutges Schwert
Jetzt fällt auf Priamus. -
Pfui, Metze du, Fortuna! All ihr Götter
Im großen Rat, nehmt ihre Macht hinweg;
Brecht alle Speichen, Felgen ihres Rades,
Die runde Nabe rollt vom Himmelsberg
Hinunter bis zur Hölle!

POLONIUS
Das ist zu lang.

HAMLET
Es soll mit Eurem Barte zum Balbier. - Ich bitte dich, weiter! Er mag gern eine Posse oder eine Zotengeschichte, sonst schläft er. Sprich weiter, komm auf Hekuba.

ERSTER SCHAUSPIELER
                        Doch wer, o Jammer!
Die schlotterichte Königin gesehn -

HAMLET
Die schlotterichte Königin?

POLONIUS
Das ist gut; schlotterichte Königin ist gut.

ERSTER SCHAUSPIELER
Wie barfuß sie umherlief und den Flammen
Mit Tränengüssen drohte, einen Lappen
Auf diesem Haupte, wo das Diadem
Vor kurzem stand, und an Gewandes Statt
Um die von Wehn erschöpften magern Weichen
Ein Laken, in des Schreckens Hast ergriffen -
Wer das gesehn, mit giftgem Schelten hätte
Der an Fortunen Hochverrat verübt.
Doch wenn die Götter selbst sie da gesehn,
Als sie den Pyrrhus argen Hohn sah treiben,
Zerfetzend mit dem Schwert des Gatten Leib,
Der erste Ausbruch ihres Schreies hätte,
Ist ihnen Sterbliches nicht gänzlich fremd,
Des Himmels glühnde Augen taun gemacht,
Und Götter Mitleid fühlen.

POLONIUS
Seht doch, hat er nicht die Farbe verändert und Tränen in den Augen? Bitte, halt inne!

HAMLET
Es ist gut, du sollst mir das übrige nächstens hersagen. - Lieber Herr, wollt Ihr für die Bewirtung der Schauspieler sorgen? Hört Ihr, laßt sie gut behandeln, denn sie sind der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters. Es wäre Euch besser, nach dem Tode eine schlechte Grabschrift zu haben als üble Nachrede von ihnen, solange Ihr lebt.

POLONIUS
Gnädiger Herr, ich will sie nach ihrem Verdienst behandeln.

HAMLET
Potz Wetter, Mann, viel besser! Behandelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und wer ist vor Schlägen sicher? Behandelt sie nach Eurer eignen Ehre und Würdigkeit; je weniger sie verdienen, desto mehr Verdienst hat Eure Güte. Nehmt sie mit!

POLONIUS
Kommt, Ihr Herren!

HAMLET
Folgt ihm, meine Freunde; morgen soll ein Stück aufgeführt werden. -
Polonius geht mit allen Schauspielern außer dem ersten ab.
Hört, alter Freund, könnt Ihr die Ermordung Gonzagos spielen?

ERSTER SCHAUSPIELER
Ja, gnädiger Herr.

HAMLET
Gebt uns das morgen abend. Ihr könntet im Notfalle eine Rede von ein Dutzend Zeilen auswendig lernen, die ich abfassen und einrücken möchte? Nicht wahr?

ERSTER SCHAUSPIELER
Ja, gnädiger Herr.

HAMLET
Sehr wohl! - Folgt dem Herrn, und daß Ihr Euch nicht über ihn lustig macht.
[Polonius und die Schauspieler ab.] Erster Schaupieler ab.
Meine guten Freunde,
zu Rosenkranz und Güldenstern.
ich beurlaube mich von euch bis abends. Ihr seid willkommen zu Helsingör!

ROSENKRANZ [und GÜLDENSTERN ]
Sehr wohl, gnädiger Herr!
Rosenkranz und Güldenstern ab.

HAMLET
Nun, Gott geleit euch! - Jetzt bin ich allein.
O welch ein Schurk und niedrer Sklav bin ich!
Ists nicht erstaunlich, daß der Spieler hier
Bei einer bloßen Dichtung, einem Traum
Der Leidenschaft, vermochte seine Seele
Nach eignen Vorstellungen so zu zwingen,
Daß sein Gesicht von ihrer Regung blaßte,
Sein Auge naß, Bestürzung in den Mienen,
Gebrochne Stimm und seine ganze Haltung
Nach seinem Sinn. Und alles das um nichts!
Um Hekuba!
Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr,
Daß er um sie soll weinen? Hätte er
Das Merkwort und den Ruf zur Leidenschaft
Wie ich: was würd er tun? Die Bühn in Tränen
Ertränken und das allgemeine Ohr
Mit grauser Red erschüttern, bis zum Wahnwitz
Den Schuldgen treiben und den Freien schrecken,
Unwissende verwirren, ja betäuben
Die Fassungskraft des Auges und des Ohrs.
Und ich,
Ein blöder, schwachgemuter Schurke, schleiche
Wie Hans der Träumer, meiner Sache fremd,
Und kann nichts sagen, nicht für einen König,
An dessen Eigentum und teurem Leben
Verdammter Raub geschah. Bin ich 'ne Memme?
Wer nennt mich Schelm, bricht mir den Kopf entzwei,
Rauft mir den Bart und wirft ihn mir ins Antlitz?
Zwickt an der Nase mich und straft mich Lügen
Tief in den Hals hinein? Wer tut mir dies?
Ha, nähm ichs eben doch. Es ist nicht anders:
Ich hege Taubenmut, mir fehlts an Galle,
Die bitter macht den Druck, sonst hätt ich längst
Des Himmels Geier gemästet mit dem Aas
Des Sklaven. Blutiger, kupplerischer Bube!
Fühlloser, falscher, geiler, schnöder Bube!
O Rache!
Ha, welch ein Esel bin ich! Trefflich, brav,
Daß ich, der Sohn von einem teuren Vater,
Der mir ermordet wand, von Höll und Himmel
Zur Rache angespornt, mit Worten nur,
Wie eine Hure, muß mein Herz entladen
Und mich aufs Fluchen legen wie ein Weibsbild,
Wie eine Küchenmagd!
Pfui drüber! Frisch ans Werk, mein Kopf! Hum, hum,
Ich hab gehört, daß schuldige Geschöpfe,
Bei einem Schauspiel sitzend, durch die Kunst
Der Bühne so getroffen worden sind
Im innersten Gemüt, daß sie sogleich
Zu ihren Missetaten sich bekannt,
Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht
Mit wundervollen Stimmen. Sie sollen was
Wie die Ermordung meines Vaters spielen
Vor meinem Oheim: ich will seine Blicke
Beachten, will ihn bis ins Leben prüfen;
Stutzt er, so weiß ich meinen Weg. Der Geist,
Den ich gesehen, kann ein Teufel sein;
Der Teufel hat Gewalt, sich zu verkleiden
In lockende Gestalt, ja, und vielleicht,
Bei meiner Schwachheit und Melancholie,
Da er sehr mächtig ist bei solchen Geistern,
Täuscht er mich zum Verderben. Ich will Grund,
Der sichrer ist. Das Schauspiel sei die Schlinge,
In die den König sein Gewissen bringe.
Ab.


 << zurück weiter >>