Arthur Schnitzler
Doktor Gräsler, Badearzt
Arthur Schnitzler

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

14.

Am nächsten Morgen, noch während Katharina schlief, erhob sich Gräsler von ihrer Seite, um 174 seine kleine Patientin, die sich längst vortrefflich befand, aber das Bett noch nicht verlassen durfte, ein letztes Mal zu besuchen. Doch daß von seiner so nahe bevorstehenden Abreise nicht etwa auf dem Umweg über die Buchdruckersgattin die Kunde zu Katharina dringe, versicherte er die freundliche Mutter seiner Kranken, daß er wohl noch eine Woche in der Stadt zu bleiben gedenke. Frau Sommer lächelte: »Wie gut begreif' ich, daß Ihnen der Abschied von Ihrer kleinen Freundin schwer wird! Was für ein reizendes Geschöpf! Und wie sie gar in dem chinesischen Schlafrock aussieht, den Sie ihr geschenkt haben.« – Der Doktor runzelte die Stirn, dann beschäftigte er sich mit der kleinen Fanny, die ihre blonde Puppe mit Kinderernst frisierte. Vor einigen Tagen hatte er begonnen, dem Kinde von den wilden Tieren zu erzählen, die einst, für einen Zirkus bestimmt, auf dem gleichen Schiff mit ihm von Australien nach Europa gereist waren; und seither ließ ihn die Kleine nie fort, ohne daß er die Geschichte wiederholen und ihr eine genaue Schilderung der Löwen, Tiger, Panther, Leoparden 175 geben mußte, deren Fütterung in den unteren Schiffsräumen er zuweilen beigewohnt hatte. Heute faßte er sich kürzer als sonst, denn vor der für morgen früh geplanten Abfahrt hatte er noch allerlei Vorbereitungen zu treffen. Er stand plötzlich auf zur großen Unzufriedenheit der Kleinen, wurde aber noch in der Tür von Frau Sommer mit einem Dutzend Fragen hinsichtlich der weiteren Pflege des Kindes angehalten, die er schon hundertmal beantwortet hatte. Seine Ungeduld entging ihr nicht, aber sie versuchte, ihm das Scheiden schwer zu machen, indem sie gewohntermaßen sich nah, fast bis zur Berührung, an ihn herandrängte und ihn mit dankbar zärtlichen Augen anblickte. Endlich gelang es ihm, sich loszureißen, und rasch eilte er die Treppe hinunter. Katharina hatte von ihm nur so viel erfahren, daß er heute allerlei in der Stadt besorgen und endlich einmal sich auch wieder im Spital zeigen wolle, so daß sie nicht ungeduldig werden und er zu seinen Reisevorbereitungen genügend Zeit haben mochte. Er fuhr ins Krankenhaus, verabschiedete sich vom Chefarzt, machte einige 176 Einkäufe in der Stadt, gab Auftrag wegen Fortschaffung und Verladung seines Gepäcks und sprach endlich bei Böhlinger vor, mit dem er noch allerlei Geschäftliches zu bereden hatte. Jener schien seine Unruhe kaum zu bemerken und gab ihm, mit einigen klugen Ratschlägen, die besten Wünsche für einen günstigen Abschluß des Anstaltskaufes auf die Reise mit. Er enthielt sich, mit Absicht offenbar, jeder naheliegenden Anspielung, und Gräsler fiel es erst auf der Treppe ein, daß er soeben mit einem Liebhaber seiner verstorbenen Schwester gesprochen hatte. Nun aber trieb es ihn nach Hause zum letzten gemeinsamen Mittagessen mit Katharina. Diese letzten Stunden wollte er ungestört mit ihr verbringen, ohne sich das Geringste merken zu lassen, und morgen früh, während sie noch schlief, mit Hinterlassung eines Briefes, der auch eine kleine Geldsumme enthalten sollte, von ihr stummen Abschied nehmen.

Als er in sein Speisezimmer trat, fand er nur ein Gedeck aufgelegt; die Buchdruckersfrau erschien und bemerkte mit einem Ausdruck boshaft-albernen Bedauerns, daß auf Anordnung des 177 Fräuleins, das sich entschuldigen ließe, sie selbst den Mittagstisch besorgt hätte. Gräslers Blick schien sie so zu erschrecken, daß sie das Zimmer sofort verließ; er aber ging rasch in sein Arbeitszimmer, wo er einen verschlossenen Brief Katharinens vorfand. Er öffnete ihn und las. »Mein lieber, mein allerliebster Doktor. Es war so schön bei dir. Ich werde viel an dich denken müssen. Ich weiß ja, daß du morgen fortreist, da ist es wohl besser, ich störe dich heute nicht mehr. Laß es dir wohl ergehen. Und wenn du im nächsten Jahre wiederkommst, – aber bis dahin hast du mich ja längst vergessen. Ich wünsche dir auch, daß du eine schöne Fahrt übers Meer hast. Und ich danke dir für alles viele viele Male. Deine treue Katharina.« Gräsler war von den herzlichen Worten, von der unbeholfenen Kinderschrift in gleicher Weise ergriffen. »Liebes, gutes Wesen,« sagte er vor sich hin. Aber er wollte nicht weich werden; er begab sich wieder zurück ins Speisezimmer, ließ sich das Essen bringen und trug in den Zwischenpausen eifrig Bemerkungen in sein Notizbuch ein, um nur ja kein Wort an die 178 Buchdruckersfrau richten zu müssen, die er übrigens gleich nach Tische wieder entließ. Er selbst ging von einem Zimmer ins andere. Überall war die vollkommenste Ordnung, alles, was Katharinen gehörte, war fortgeschafft, nichts war zurückgeblieben als ein eigentümlicher Duft, besonders in dem Zimmer, das sie durch drei Wochen bewohnt hatte. Im übrigen erschien Gräsler die ganze Wohnung, obwohl gar nichts darin fehlte, unsäglich kühl und öde. Er fühlte sich so vereinsamt mit einem Male, daß ihm der Gedanke durch den Kopf fuhr, ob er nicht, alle übrigen Hoffnungen und Möglichkeiten in den Wind schlagend, sich Katharina einfach aus dem Elternhause wieder zurückholen sollte; doch sah er zugleich die Unklugheit, ja Lächerlichkeit eines solchen Einfalls ein, dessen Ausführung seine ganze Zukunft in Frage gestellt und ein Glück, das nun so nah herangerückt schien, für alle Zeit vernichtet hätte. Wundersam hell leuchtete mit einem Male Sabinens Bild in seiner Seele auf. Es fiel ihm ein, daß ihn nun nichts mehr abhielt, schon heute mit dem Abendzug abzureisen, und daß er schon 179 morgen früh Sabine wiedersehen könnte. Doch ließ er diesen Gedanken wieder fahren, weil er sich scheute, der Ersehnten nach einer vielleicht schlaflosen Nachtreise unfrisch und müd gegenüberzutreten, und so beschloß er, die gewonnene Zeit lieber zur Abfassung eines Briefes zu benützen, der seinen Besuch ankündigen und in günstiger Weise vorbereiten sollte. Aber als er vor dem Schreibtisch saß, die Feder in der Hand, wollte ihm auch nicht ein Satz gelingen, der den Zustand seines Innern auch nur annähernd auszudrücken vermocht hätte, und er begnügte sich mit den wenigen, aber groß und gleichsam leidenschaftlich hingeworfenen Worten: »Morgen abend bin ich bei Ihnen. Ich hoffe gütigen Empfang. In Sehnsucht E. G.« Dann faßte er ein Telegramm an Doktor Frank ab des Inhalts, daß er morgen früh ankäme und in seiner Wohnung Bescheid zu finden wünsche, ob mit den Bauarbeiten am 15. November begonnen werden könne. Er beförderte Brief und Telegramm persönlich zum Amt, begab sich wieder nach Hause, räumte, ordnete, verschloß, packte seine Handtasche und legte ganz 180 obenauf eine kleine antike, in Gold gefaßte Kamee, die das Haupt einer Göttin vorstellte. In der Nacht fuhr er wohl ein halbes Dutzend Mal auf, in einer wirren Traumangst, als wäre alles für immer verloren, Sabine und Katharina und das Sanatorium und sein Vermögen und seine Jugend und die schöne Sonne des Südens und die Kamee aus Elfenbein, – wenn er morgen die Abfahrtsstunde verschliefe.

 


 << zurück weiter >>