Wilhelm Heinrich Riehl
Kulturgeschichtliche Charakterköpfe
Wilhelm Heinrich Riehl

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Ludwig Richter.

I.

Als Tübinger Student hörte ich im Winter 1842-43 Aesthetik bei Vischer. Der geistreiche Professor, dessen Vortrag uns junge Leute fesselte wie kein anderer, gab zu seinen schulgerecht gestrengen Paragraphen äußerst farbenvolle Erläuterungen aus Kunst und Leben, und die Erläuterung gefiel uns meistens besser als der Paragraph.

In solcher Weise gedachte Vischer gelegentlich einmal der volkstümlichen Holzschnitte, mit welchen deutsche Meister des sechzehnten Jahrhunderts, ein Dürer, Schäufelein, Burgkmair, Holbein die alten Bücher geziert, und schilderte den echt deutschen Charakter dieser knappen, herben und doch so sinnigen Kunstweise, welche in der Folgezeit verloren gegangen sei.

Und doch noch nicht ganz verloren. Denn unlängst – so erzählte der Professor – sei ihm ein neues Studenten-Liederbuch zu Händen gekommen mit unscheinbaren Holzschnitten, die so treu und wahr, so fein empfunden das fröhliche Leben der deutschen Jugend spiegeln und dabei so stilvoll schlicht gezeichnet seien, daß man sich, umringt von echt modernen Gestalten, dennoch zur Kunst jener alten Meister zurückversetzt sehe.

Die ästhetische Analyse der Holzschnitte eines Studenten-Liederbuchs vom gelehrten Katheder herab machte großen Eindruck auf mich und meine Freunde; wir kauften uns das Buch und hatten herzliche Freude an den lustigen, geistvollen und gemütlichen Bildern, welche den altbekannten Bildern teilweise ganz neuen Sinn und Gehalt gaben; – es waren die ersten Zeichnungen Ludwig Richters, die mir solchergestalt vor Augen kamen. Auf den Namen des Künstlers hatte ich aber damals kein Acht, auch der Professor hatte ihn, glaub' ich, gar nicht genannt: genug, daß sich die Bilder tief in unsre Seele prägten.

Im folgenden Herbst machte ich mit drei guten Kameraden eine Fußwanderung durch das so wundersam vielgestaltige Thal der Lahn mit ihren Seitenthälern. Wir hatten das Liederbuch in der Tasche und sangen fleißig daraus; auf dem Marsche, um uns frisch im Schritt zu halten, bei der Einkehr, beim Lagern im Walde und in Burgen, wir sangen, wenn wir den Morgen jubelnd mit einem Lied begrüßten, oder der sinkenden Sonne Lebewohl sagten, bald zwei-, bald vierstimmig, nach damaliger Burschenart.

Aber nicht nur die Lieder wanderten mit uns, sondern auch die Bilder; wir sahen sie überall verkörpert und waren am Ende selber wohl gar ein Richtersches Bild.

Wenn man sonst illustrierte Lieder singt, so vergißt man das Bild über dem Text und Gesang, und wenn man die Bilder betrachtet, dann mag man selten zugleich den Text lesen. Hier war es anders: Gedicht, Gesang und Bild verwob sich uns in ein unlöslich Ganzes, und all die fröhliche Natur, die uns umgab, wurde gleichfalls wieder eins mit Bild und Lied.

Ich unterschied früher zwischen Büchern, die man mit Lust im Walde lesen kann, und Büchern, die man im Wald nicht lesen mag, und hielt die ersteren für die besten. Es gibt auch Bilder, die man selbst in der Naturpracht des Waldes mit Vergnügen betrachtet; doch ihrer sind nicht viele.

Es war fast ironisch, wie wir überall unsre Holzschnitte sahen, nicht auf dem Papier, sondern in den leibhaften Scenen der Menschen, denen wir begegneten, der Landschaft, die wir durchstreiften. Ja, wir begannen unvermerkt und ungewollt, die wechselnden Wanderbilder uns im Geiste Richterisch umzumalen und zu verklären.

Schlichen wir müde, schweißtriefend und staubbedeckt längs der glutstrahlenden Felswände auf der harten schattenlosen Landstraße, dann sangen wir: »Stimmt an mit hellem hohem Klang, stimmt an das Lied der Lieder!« und sahen uns im Geiste gleich den vier Burschen des Richterschen Bildes auf dem Rasen eines Waldgipfels in frischer Bergluft lagern. Trug uns ein grober Wirt den Schoppen auf, der so sauer war wie sein Gesicht, dann hatten wir unser königliches Vergnügen an dem alten Philister, denn er war ganz aus unsrem Liederbuch geschnitten, ja wir zeigten ihm sein Porträt bei dem Liede: »Herr Wirt, nehm' er das Glas zur Hand« – und er mußte mit uns lachen. Fuhren wir auf dem Kahn eine Strecke stromab, dann sahen wir in uns selbst die lustigen Gesellen des Bildes, die angesichts der alten Burg das Römerglas erheben und über die Wellen hinaus und hinauf singen: »Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher!« und sangen jauchzend gleich ihnen, obgleich wir nichts zu trinken und in unsrem Leben noch keinen »mit Laub bekränzten Becher« gesehen hatten. Namentlich aber entdeckten wir bald da bald dort die heimeligen, von Reben umrankten Lauben unsers Künstlers, in denen sich's so traulich rastete und zechte und plauderte.

Und doch waren es nur so unscheinbare kleine Bildchen, schlicht und anspruchslos in Holz geschnitten, die uns Natur und Menschen verklärten! Wie oft bin ich dann auf meinen späteren Wanderungen, als sich mir der Kreis der Gestalten Richters erweiterte, seinen schmucken, echt deutschen Mädchen, seinen Handwerksburschen, Jägern, Spielleuten, Hirten, Schäfern und seinen göttlichen Philistern wieder begegnet!

Der Goldschimmer der alten Romantik lag damals noch auf unserm harmlosen Burschenleben. Der heutige Student hat ein dickeres Kommersbuch, aber er singt doch immer noch manche Lieder, die auch wir gesungen. Ob er diese alten Lieder noch so empfindet, wie wir sie empfanden? ob er Richters kleine Bildchen noch empfindet, wie wir sie empfunden haben?

Unser Wanderleben – ohne alle Eisenbahn – war verklärt durch die schöne Natur, durch Gedicht, Gesang und Bild – durch unsre eigene Jugendlust. In jenen köstlichen Tagen, wo unser Leben selber zu Gedicht und Bild wird, haben gedichtete Gedichte und gemalte Bilder einen schweren Stand. Aber die Bilder Richters hielten Stich, ja wir genossen sie um so tiefer, als wir selbst die Originale waren und in andern die Originale leibhaft vor Augen hatten.

So begann ich damals Ludwig Richter zu erleben. Und wie viele Tausende haben dies gleich mir gethan!

II.

Zehn Jahre waren vergangen, zehn Jahre, welche die Sturmzeit von 1848-49 in sich schlossen; die Welt war eine andre geworden. Die Sehnsucht nach dem stillen, weltvergessenen künstlerischen Genießen, eine Weile zurückgedrängt, erwachte um so mächtiger wieder nach dem Ablaufen der politischen Hochflut. Das deutsche Kunstleben suchte sich neue Bahnen und Ziele.

Auch ich war ein andrer geworden; ich war aus der Schule ins Leben übergetreten, von den Studien vorgeschritten zum selbstschaffenden Berufe. Das Studenten-Liederbuch mit den sinnigen Holzschnitten des unbekannten Meisters war mir verloren gegangen; die Bilder hatte ich nicht vergessen.

Da kam ich vor Weihnachten 1852 in eine Münchener Buchhandlung und fragte nach Büchern, die sich zum Festgeschenke eigneten. Der Buchhändler meinte, das Schönste für diesen Zweck sei gegenwärtig wohl die neue Ausgabe des »Richter-Albums« in zwei Bänden und pries mir das Werk so eingehend und begeistert, wie man's von einem Buchhändler im Gedränge des Weihnachtsverkehrs kaum erwarten konnte. Ich achtete nicht auf den Namen; doch als ich die stattlichen Bände mit Holzschnitten zur Hand nahm und darin blätterte, erkannte ich da und dort meine lieben alten Bekannten wieder, die Bilder aus dem Studenten-Liederbuch! Aber auch eine Fülle andrer köstlicher Bilder trat hier hinzu, reichere, größere, bedeutendere, aus dem ewig frischen Born der Märchen- und Volkspoesie geschöpft.

Ich war ganz glücklich, dieses Album gefunden zu haben, dessen Bilder mir aus der Seele und in die Seele sprachen. Ich kaufte das Buch; aber je mehr ich hinein blickte, um so unschlüssiger ward ich, ob ich es verschenken oder nicht viel lieber für mich behalten sollte. Zuletzt beschloß ich, beides zugleich zu thun, was bei bloß einem einzigen Exemplar nicht ganz leicht scheint. Allein ich schenkte es meiner Frau, und so hatte ich es doch zugleich auch mir erhalten; es sollte ein »Buch des Hauses« bleiben.

Dabei wunderte mich's, daß ich von der ersten Auflage des Albums früher gar nichts erfahren hatte. Den meisten damaligen Verehrern Richters wird es aber ähnlich ergangen sein; denn jene erste Auflage war 1848 erschienen, zur denkbar ungünstigsten Stunde für den zeichnenden Poeten des Friedens und der gemütvollen Heiterkeit. Richters Kunst konnte nur in einer friedlichen Zeit sich Bahn brechen oder in einer friedebedürftigen. Anno achtundvierzig aber schwelgten wir im Unfrieden. So wurde das große Publikum erst mit der zweiten Auflage für das Richter-Album gewonnen. Auf wie vielen Weihnachtstischen hat es seitdem gelegen und Herz und Auge von Alt und Jung erfreut! Ein so echter Weihnachtszeichner war noch nicht dagewesen.

Für mich hatte das Richter-Album damals jedoch noch eine besondere Bedeutung. Ich arbeitete eben an einem Aufsatz »Die Sitte des Hauses«, welchen ich dem Freiherrn von Cotta zum Abdruck in der »Deutschen Vierteljahrsschrift« versprochen hatte. Der Aufsatz war fertig, und ich wollte ihn fortschicken, als ich das Richter-Album entdeckte. Zu meinem freudigen Erstaunen fand ich dieselbe Grundansicht von der Poesie des deutschen Hauses, welche ich in trockenen Worten niedergeschrieben, hier im lebendigen Bilde dargestellt. Es drängte mich, dieses auszusprechen. Allein nach meiner Art, schnell zu denken und langsam zu schreiben, ging das nicht so geschwind. Ich mußte mich erst recht gründlich in die Richterschen Bilder einleben, und statt zu schreiben, betrachtete ich vielmehr die Holzschnitte und sann und grübelte tagelang darüber. Der Verleger mahnte. Aber der Weg vom Kopf zu den Fingern ist so weit, und wenn man obendrein gar zu viel über einen Gegenstand zu sagen hat und es gar zu gut sagen möchte, dann sagt man zuletzt gar nichts.

Es wurde mir endlich ein unerstreckbarer Termin gesetzt, zu welchem das Manuskript eingeliefert werden müsse, wenn es überhaupt noch im nächsten Bande Aufnahme finden sollte. Welche Pein machte mir das Richter-Album, weil es mir gar so gut gefiel, und ich hätte am liebsten auch gleich zeichnen mögen, statt zu schreiben!

Aber zu allerletzt raffte ich mich doch zusammen und schilderte Richter als den modernen Maler, der uns das deutsche Familienleben zeichnet, wie es ist und wie es auch teilweise nicht mehr ist, der im Geiste des Volkslieds das Natürlichste, Bekannteste ausspricht und uns dabei doch die alltäglichsten Dinge neu und reizvoll zu gestalten weiß. »Das tolle Treiben der Kinderstube, die schwärmerische Minne der Jugend, Hochzeitzüge und Kindtaufen, die Last der häuslichen Arbeit und das Behagen des gesegneten Mahles im Familienkreise, das gemütliche deutsche Kneipleben, die Not der armen Hütte und den Schmerz des Trauerhauses – das alles und unzähliges andre weiß er mit wenigen empfundenen Bleistiftstrichen wie ein Gedicht vor uns hinzustellen . . . Richter gibt uns jedoch in der Regel nicht gerade das moderne Haus, sondern weit öfter ein Märchen vom deutschen Hause, welches anhebt mit den Worten: Es war einmal . . . Doch zeichnet er auch wiederum die Gestalten aus der ›guten alten Zeit‹ nicht ganz so, wie sie wirklich gewesen sind, er verschmelzt bloß ihre guten Seiten mit den modernen Erscheinungen.«

Nachdem ich dieses und noch viel mehr über Richter geschrieben, fügte ich dann hinzu: »So möchte ich die Sitte des Hauses in der Wirklichkeit verjüngen helfen durch die Wiederaufnahme der verklärten guten Sitten der Vergangenheit, wie es Richter als Künstler in seinen Zeichnungen gethan. Denn die alte Zeit mag ich gern die gute alte Zeit nennen, aber immer in der Voraussetzung, daß unsre Zeit die bessere sei.«

Ich hatte wie gesagt zu allerletzt diese Einschaltung in mein Manuskript noch fertig gebracht und obendrein eine Parallele zwischen Richter und Jeremias Gotthelf hinzugefügt. Aber als ich meine Arbeit eben einsiegeln will, entdecke ich, daß sich jene zuletzt geschriebene Episode – volle acht Quartseiten – nicht dabei befindet. Ich hatte sie verlegt. Ich suche in allen Ecken, ich durchsuche das ganze Haus und finde sie nicht wieder. Ein Konzept besaß ich nicht – die Frucht mehrtägigen Nachsinnens und begeisterten Schreibens war verloren, weiterer Aufschub unmöglich.

Was sollte ich thun? Ich hätte den Aufsatz ohne die Episode über Richter absenden können, wie er ja ursprünglich geschrieben war. Niemand hätte eine Lücke bemerkt, niemand – außer mir selbst. Und mir war diese Lücke unerträglich; denn jene acht Seiten waren mir das Liebste an der ganzen Arbeit.

Gegen Mitternacht entschloß ich mich, die acht Seiten noch einmal zu schreiben, und am Morgen war ich fertig. Kaum aber hatte ich dann das Manuskript fortgeschickt, so fand ich die verlegten Blätter, und nun war wiederum meine ganze Nachtarbeit vergebens gewesen!

Und doch nicht vergebens. Denn als die Korrekturbogen kamen, und ich die zweite Niederschrift mit der ersten vergleichen konnte, fand sich's, daß ich zum zweitenmal Wort für Wort fast genau dasselbe geschrieben hatte wie das erste Mal. Ich hatte meine Charakteristik Richters ja mit dem Herzen erfaßt und so gründlich durchdacht, daß ich sie wörtlich auswendig wußte, bevor ich nur zu schreiben begann.

So erlebte und erarbeitete ich mir Ludwig Richter als den Zeichner des deutschen Hauses, der Familie, der Kinder, der bräutlichen Liebe und der Gattenliebe und als den Meister einer gesunden Romantik – und Tausende thaten damals das Gleiche. Das war eben in jenen »fünfziger Jahren« unsers Jahrhunderts, die in der deutschen Politik manch schlimmen Rückschlag brachten und darum jetzt eine Zeit der Reaktion genannt werden. In der neuen Vertiefung unsers socialen, religiösen, künstlerischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens aber sind sie ein Jahrzehnt mächtigen Fortschritts gewesen, und ein künftiger Kulturhistoriker, der diese Seite ins Auge faßt, wird auch Richters Holzschnitte und ihren allgemeinen Erfolg als Urkunde und Zeugnis unsers damals so kraftvoll sich verjüngenden socialen und religiösen Lebens anführen.

III.

Mit dem religiösen Geiste der Zeichnungen Richters ist es mir übrigens wiederum eigen ergangen. Zur Charakteristik dieses Geistes schrieb ich ein paar Zeilen, die einen argen Schnitzer enthalten, und doch lag in dem äußerlichen Irrtum vielleicht mehr Wahrheit als in manchem äußerlich wahren Satze.

Im zweiten Bande meiner »Musikalischen Charakterköpfe« redete ich von der in unsrer Zeit wieder erweckten religiösen Musik Sebastian Bachs und gedachte dabei, wie auch unsre alten Dichter des evangelischen Kirchenliedes wieder aufleben, und die Bilder Albrecht Dürers und andrer Meister protestantischen Geistes vor und nach der Reformation wieder heimisch werden in unsrem Hause, und wie moderne Zeichner wetteifern mit jenen alten. Ja, man werde, eingedenk der Schnorrschen Bilderbibel, der erbaulichen Richterschen Blätter, der Lutherbilder und Psalmen Gustav Königs gestehen müssen, daß hier auch die neue protestantische Kunst wahrhaft Eigenes und tief Religiöses geschaffen habe.

Kaum war das Buch erschienen, so machte mich einer der drei Genannten, Gustav König, darauf aufmerksam, daß Richter ja gar kein Protestant sei, sondern ein Katholik. Ich hatte in der That versäumt, mich vorher nach seinem Taufschein zu erkundigen, und Richters religiöse Blätter waren mir immer so echt evangelisch erschienen, so schlicht deutsch volkmäßig, mitunter sogar etwas angehaucht von dem treuherzig gefühlsgläubigen Geiste des edeln, alten Spenerschen Pietismus, daß ich mir Richter gar nicht anders denn als Protestanten gedacht hatte. Darum ließ ich denn auch meinen Irrtum in den folgenden Auflagen stehen, zumal ich nicht von Richters Person, sondern von seiner Kunst gesprochen hatte.

Und später fand ich bestätigt, daß auch andre Leute zur gleichen Anschauung gekommen waren. Denn Friedrich Pecht schreibt in seinen »Deutschen Künstlern des neunzehnten Jahrhunderts«: »Richters Engel haben im Gegensatze zu den vornehmen des Overbeck und Führich etwas kindlich Frisches; von katholischer Mystik ist er sehr fern, und sein Christentum ist echt protestantisch gemütvoll, ja streift leise an pietistischen Charakter, so weit das mit der kernigen und gesunden Art seines Empfindens vereinbar.«

Richters religiöses Gemüt spricht sich übrigens viel weniger in seinen Engeln aus als in seinen Menschen. Und in dieser rein menschlichen Aussprache des Glaubens, Liebens und Hoffens mag ihn dann der Katholik ebenso katholisch finden, wie der Protestant protestantisch.

Es gibt nur einen deutschen Maler, der in der Tiefe und Kraft seiner religiösen Mystik mit Sebastian Bach vergleichbar wäre, und dies ist Albrecht Dürer. Katholiken und Protestanten streiten darüber, ob dieser große Künstler äußerlich ihnen angehöre: aber durch seine Holzschnitte und Kupferstiche weht doch der mächtige Geist der Reformation. Niemand wird bezweifeln, daß Bach ein Protestant war, und sein erhabenstes Werk ist doch seine »katholische Messe«, die, aus evangelischem Geiste geboren, über den Konfessionen steht. Bach erbaut uns durch die erhabene Predigt der göttlichen Geheimnisse, indem er uns erschüttert, während er uns erhebt. Und wir bewundern und verehren ihn.

Ein solcher Prediger war Richter ganz und gar nicht, ja es gibt kaum einen größeren Gegensatz künstlerisch religiöser Charaktere als Bach und Richter. Der Gegensatz ist so groß wie zwischen Sebastian Bach und – Joseph Haydn. In hundert feinen Zügen ist Richter dem letzteren geistesverwandt. Haydn erbaut uns in so vielen seiner kindlich frommen Andantes wie in den erhabenen Chören der »Schöpfung«, indem er uns die Liebe Gottes verkündet, die uns versöhnt und beseligt, daß wir nach den Worten von Matthias Claudius »wie Kinder fromm und fröhlich« werden. Die schönsten Lieder von Claudius aber klingen wiederum mit den Richterschen Bildern so harmonisch zusammen, wie beide mit den frommen Haydnschen Andantes. Und wir verehren diese sinnig gemütvollen und tief religiösen deutschen Künstler, indem wir sie – lieben.

IV.

Im Jahre 1858 war eine historische Ausstellung der neueren deutschen Malerei im Münchener Glaspalast, so erlesen und belehrend, wie wir bis dahin noch keine gesehen hatten. Eine Auswahl epochemachender Gemälde und Zeichnungen von Carstens bis zur Gegenwart reihten sich an den Wänden, kleinere Meister gesellten sich zu den großen, die Nachahmer zu den Bahnbrechern, die Vermittler zu den Männern der schroffen Originalität, und alle die vielen Bilder wuchsen zusammen zu einem großen Gesamtbilde des Wiedererwachens und Emporsteigens der neuen deutschen Kunst.

Unter diesen Malereien von allerlei Kunst und Art wurde ein überaus fein und fleißig ausgeführtes, nur mäßig großes Oelgemälde mit besonderem Vergnügen betrachtet, eine Waldlandschaft darstellend, aus welcher ein festlicher Hochzeitszug hervortrat. Und dieses Bild, von Kennern zu den Perlen der Ausstellung gezählt, war – von Ludwig Richter. Die meisten Beschauer aber wunderten sich über dieses Bild, indem sie sich daran erfreuten; denn sie hatten bis dahin noch gar nicht gewußt, daß Richter auch in Oel malen könne.

Ich habe oben bei der Porträtskizze Moriz von Schwinds erzählt, wie ein Freund, der mich auf einem Gang durch jene Ausstellung begleitete, angesichts des Märchencyklus der »Sieben Raben« Schwind, dem Meister dieser Bilder, rühmend sagte, welch neue Gattung idealer deutscher Romantik derselbe hier geschaffen habe, und wie ihn Schwind in schneidend ablehnender Gegenrede mit kaltem Wasser begoß. Nachher aber führte er uns beide an die gegenüberstehende Wand vor Richters Hochzeitszug und sagte:

»Blicken Sie hierher! das ist ideale deutsche Romantik und volkstümliche dazu, – und dieses Bild hat Ludwig Richter vor Zeiten gemalt und viele andre Landschaften verwandter Art, und die großen und kleinen Kinder, welche sich jetzt an seinen Holzschnitten erfreuen, wissen zumeist gar nicht, daß dieser Richter ursprünglich Landschaftsmaler war, und daß er nur darum so schöne Büsche und Bäume und Blumen und Burgen und Berge mit drei Strichen zu seinen Figuren zeichnen kann. Die Leute wissen nicht, was dieser Illustrator alles gelernt hat, und daß er zuerst die Großheit der italienischen Landschaft studierte, bevor sich ihm die Gemütlichkeit der deutschen ganz erschloß. Die Leute ahnen nicht, daß der heitere Meister der Bilderbücher ursprünglich nach der strengen, ernsten Schule von Koch und Schnorr sich gebildet hat und durch die Klassiker romantisch und durch die Meister des großen Stils der Meister des kleinen Stiles wurde, der doch innerlich so groß ist, daß jeder glaubt, er könne eben solche Zeichnungen machen, und keiner kann es. Denn jeder meint, das ganz Natürliche sei das Leichteste, da es doch das Schwerste ist.«

In dieser Weise fuhr Schwind noch lange fort und hielt uns eine ganze Vorlesung vor dem Richterschen Bilde. Sein eigenes Lob hatte er kalt abgeschnitten, aber dem Freunde widmete er dann eine desto wärmere Lobrede. Und doch waren beide, Schwind und Richter, zwei so grundverschiedene und zugleich so geistesverwandte Persönlichkeiten, – der hagere, ruhige, äußerlich etwas trockene, innerlich so warme Sachse und der gedrungene, korpulente, vollblütige, lebensprühende Wiener. In ihrem Ideal und in neidloser Anerkennung standen sich beide brüderlich nahe: Richter, der das Wahre so poetisch, und Schwind, der die Poesie so wahr gemalt hat.

Seit jenem Tage in der Ausstellung aber hatte ich wieder ein neues Stück von Richter erlebt: zuerst war mir der Humorist nahe getreten, dann der Romantiker, welcher die Geheimnisse des Gemüts entschleiert; zuletzt erschloß sich mir der ganze Künstler.

Und vielen andern erging es wiederum ebenso. Erschienen doch auch damals erst – seit dem Ende der fünfziger Jahre – seine größeren und reicheren Bilder-Cyklen, wie er sie als »Erbauliches und Beschauliches«, »Altes und Neues«, als Illustrationen zum Vaterunser und zum Lied von der Glocke zusammenstellte.

Erst lange nachher und zuletzt kam ich dann mit meinen erlebten Studien Richters, vom Holzschnittzeichner zum Maler und vom Maler zum Radierer vorschreitend, zu des Künstlers eigenen Anfängen zurück, also den Weg umkehrend, den er selbst gemacht hat. Ich denke dabei an die zwölf großen Landschaften (acht von Richter selbst, vier von andern radiert), welche 1875 bei Alfons Dürer in Leipzig erschienen sind, mit Text von H. Lücke. Die frühesten entstanden schon 1827 und in den folgenden Jahren, sie wurden aber erst spät bekannt, und allgemein bekannt sind sie niemals geworden. Diese Landschaftsbilder, von großem Wurf in der Anlage, herb und streng in der Ausführung, sind so grundverschieden von Richters späteren Blättern. Sie zeigen uns den Stilisten, den Jünger Joseph Kochs, den Mann der großen Stoffe und spröden Probleme, darin doch die tausend kleinen, feinen und herzgewinnenden Probleme schon keimhaft beschlossen sind, durch die der Künstler später groß werden sollte. Führt man doch auch den ersten Erfolg, welchen er als Maler der deutschen Landschaft gewann, auf ein Bild des Watzmann von 1824 zurück, während später nicht die gewaltige Alpennatur, sondern die lauschigen Thäler und Wälder des deutschen Mittelgebirgs sein eigenstes Reich geworden sind.

V.

Ich habe erzählt, wie es mir mit Richter erging, wie ich Richter Schritt für Schritt erlebte. Dieses mein persönliches Erleben wäre wohl kaum der Veröffentlichung wert. Aber es soll auch nur ein Bild und Gleichnis sein; – vorab ein Zeitbild. Denn fast genau so wie mir, erging es auch jener großen Gefolgschaft des gebildeten Deutschlands, welche Richter genießen, verehren und lieben lernte.

In den vierziger Jahren wurde Richter als der originelle Humorist bekannt, in den fünfziger Jahren ward er seinen Landsleuten zum zeichnenden Poeten des deutschen Hauses; noch ein weiteres Jahrzehnt, und man erfaßte ihn als den vielseitigen, weitgreifenden Künstler, er gewann seine kunstgeschichtliche Stellung in der Zeit und mit der Zeit.

Der Zufall fügte es, daß mich ein Professor, ein Buchhändler und ein Maler auf diese drei allmählich auftauchenden Gestalten des Meisters aufmerksam machten.

Auch in der Geschichte der öffentlichen Anerkennung Richters spielt der Professor seine Rolle: Otto Jahn, der strenge Fachgelehrte, legte in einer Biographie (1852) zuerst die weittragende Bedeutung des bescheidenen Künstlers dar. Ein Buchhändler, Georg Wiegand, hatte das »Richter-Album« veranlaßt und dadurch den Hauptweg zu Richters großer Popularität eröffnet. Was aber die Maler betrifft, so wären deren viele und bedeutende zu nennen, die in neidlosem Lobe ihren Freund und Genossen förderten, obgleich sie selbst ganz andern Zielen entgegenstrebten. Ja es gibt wohl wenige neuere Künstler, die bei ausgesprochenster Eigenart so wenig vom Haß und Neid der künstlerischen Parteien berührt wurden, wie Richter.

Neben der anspruchslosen Liebenswürdigkeit seiner Kunst trug hierzu gewiß auch sein persönlicher Charakter bei.

Ich habe Ludwig Richter von Angesicht kennen gelernt: freilich erst spät und nur allzu flüchtig. Zwanzig Jahre hatte ich mich bereits an seinen Bildern erfreut, er hatte das Titelblatt zu meiner »Hausmusik« gezeichnet, und ich hatte ihm meine »Geschichten aus alter Zeit« gewidmet, wir hatten kurze Briefe gewechselt, bevor es mir vergönnt war, ihn zu sehen und zu sprechen. Aber ich lernte ihn kennen bei heiterem Landleben an den sonnigen Ufern des Tegernsees und in den Waldesschatten von Kreuth, und als ich mit ihm durch die einsamen altertümlichen Bauernhöfe des Weißachthales wanderte, bin ich mit Richter durch echt Richtersche Häuser- und Landschaftsscenerie gegangen und konnte ihm sagen, daß hier alles aussehe, als ob er es selbst gezeichnet habe. So war doch auch die kurze Begegnung harmonisch und poetisch; denn sie fand am rechten Platze statt. Der schlichte, sinnige Mann bedeutete mehr, als er zu bedeuten schien, er gab sich nicht gleich voll und ganz; ein Fremder hätte länger mit ihm verkehren müssen, bevor er merkte, was hinter ihm steckte. Allein wir waren uns nicht fremd, und ich hatte die Freude, eben bei jenen weltverlassenen Bauernhäusern den Gedanken zu einer Zeichnung bei ihm anzuregen, die ich später unter seinen Holzschnitten entdeckte. Er hatte kein Wort davon gesagt, er hat mir auch das Bild nicht etwa geschickt, aber es war doch ein Zeichen des Verständnisses und ein Erinnerungsblatt für mich.

Es gibt Männer der Litteratur und Kunst, deren Werke ihr innerstes Wesen so getreu und so herzgewinnend spiegeln, daß wir im andauernden Genusse derselben eine enge Freundschaft mit dem Autor schließen und ihn wie einen alten Bekannten betrachten, obgleich wir ihn niemals mit Augen sahen, ja obgleich er vielleicht schon hundert Jahre tot ist. So wird es vielen meiner Leser auch mit Richter ergangen sein, und sie werden ihn unbekannterweise durch und durch zu kennen glauben und ihren Freund nennen. Unserm volkstümlich deutschen Meister eignete von jeher eine echt deutsche Künstlertugend: die Bescheidenheit. Mit seinem Griffel gab er ganz sich selbst und legte die innersten Falten seines Wesens dar, weil er's nicht anders konnte; mit seiner Person zog er sich still und anspruchslos vor der Welt zurück, und die Welt lernte ihn fast nur soweit kennen, als sie ihn in seinen Werken lieben gelernt hatte.

 


 


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